Julia Platin Band 14

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GLAUB AN DAS WUNDER DER LIEBE
von BARBARA MCMAHON

Hat ihre Ehe mit Jake noch eine Chance? Viel zu oft lässt er sie allein. Über Weihnachten will Cath eine Entscheidung treffen und zieht vorübergehend aufs Land. Doch kaum fallen die ersten Flocken und verwandeln die Welt in ein weißes Wintermärchen, da steht Jake vor der Tür ...

MEIN VERFÜHRERISCHER WEIHNACHTSENGEL
von CARA COLTER

Junggeselle Tyler Halliday glaubt zu träumen: In seinem Wohnzimmer funkelt ein Christbaum, und eine Frau mit Baby im Arm erwartet ihn. Was führt diesen blonden Engel zu ihm? Arbeitet Amy wirklich als Haussitter und hat sich nur in der Adresse geirrt?

EIN PRINZ FÜR DORNRÖSCHEN
von JANE DONNELLY

Ein Wintermärchen in den Bergen Kretas? Der Einbruch der Dunkelheit lässt Caroline und Rafe in einer verschneiten Hütte Zuflucht suchen. Wie geschaffen zum gemeinsamen Kuscheln vor dem flackernden Kaminfeuer! Doch Caroline ist bereits verlobt - mit Rafes Bruder …

  • Erscheinungstag 03.12.2021
  • Bandnummer 14
  • ISBN / Artikelnummer 9783751503105
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Barbara McMahon, Cara Colter, Jane Donnelly

JULIA PLATIN BAND 14

1. KAPITEL

Cath Morgan lenkte ihren Wagen durch die winterlich karge, dennoch schöne Landschaft Virginias. Es war ein sonniger Tag, und sie hätte die Fahrt eigentlich genießen sollen, doch das Herz war ihr schwer. Wie gut, dass sie bald an ihrem Ziel war – an dem Ort, den sie schon als Kind geliebt hatte und der ihr erst einmal Zuflucht bieten würde, da die Dinge nun ihren Lauf zu nehmen begannen.

Nach monatelangem inneren Kampf hatte sie am Morgen Washington D. C. verlassen. Es war nicht leicht, aus einer Ehe auszubrechen. Nur war es auch nicht ganz so schwierig, wie sie es sich vorgestellt hatte. Vermutlich hing es damit zusammen, dass sie zwar jetzt sechs Jahre verheiratet war, ihr Mann Jake aber lediglich neunzehn Monate, zwei Wochen und drei Tage zu Hause gewesen war. Und während der beiden Sommer, die sie in Europa verbracht hatte, damit sie ihm näher sein konnte, war er selten mehr als einige Tage bei ihr gewesen.

Nein, das war keine Ehe. Sie, Cath, war fast immer allein und konnte kein normales Leben führen, weil sie gesetzlich an einen Mann gebunden war, der sich zumeist Tausende von Kilometern von ihr entfernt aufhielt. Es wird Zeit, dass sich das ändert, dachte sie und hatte das Gefühl, als würde sie einen Teil von sich mit einem stumpfen Messer abtrennen.

In Kürze musste sie vom Highway abbiegen, und dann war es nicht mehr weit bis zu Tante Sallys Haus, das sie bei deren Tod vor vier Monaten geerbt hatte. Jake war zur Beerdigung gekommen, jedoch nach drei Tagen wieder abgeflogen, obwohl sie ihn gebeten hatte, länger zu bleiben. Er hatte unbedingt über irgendein Scharmützel berichten müssen, das das Interesse der Weltöffentlichkeit erregt hatte.

Tante Sallys Tod war auch der Auslöser für den Wandel gewesen, den sie jetzt einleitete. Ihr war bewusst geworden, dass sie nun keine Verwandten mehr hatte und allmählich etwas tun sollte, wenn sie Kinder haben wollte. Sie hatte dieses Thema in ihren Telefonaten mit Jake angeschnitten und auch in ihren E-Mails, die sie ihm – anfangs – täglich geschickt hatte. Aber er hatte aus der Ferne nicht über diese Dinge sprechen wollen und war auch nicht nach Washington zurückgekehrt.

Cath umklammerte das Lenkrad fester. Das ist Vergangenheit, ermahnte sie sich, du hast dich und deine Bedürfnisse viel zu lang für Jake hintangestellt, damit ist nun Schluss.

Als sie geheiratet hatten, war ihr klar gewesen, dass er ein reiselustiger Journalist war, der überall auf der Welt arbeitete. Egal, ob es sich um Naturkatastrophen oder kriegerische Auseinandersetzungen handelte, Jake versuchte immer, mitten im Geschehen zu sein. Und sein Name war jedem ein Begriff.

Zweifellos war es in den ersten Monaten ihrer Ehe aufregend gewesen, Teil seines Lebens zu sein und Freunden und Kollegen zu erzählen, dass er ihr Mann war. Sie hatten sich viele E-Mails geschrieben und oft miteinander telefoniert. Doch wann immer er in die Staaten zurückgekommen war, hatte sie gehofft, dass er nun ganz dableiben würde.

Nach sechs Jahren war sie diese „elektronische“ Beziehung leid und auch die permanenten Enttäuschungen. Sie wollte einen Ehemann, der abends zu Hause war, mit dem sie gemeinsam essen und über den Tag reden konnte. Einen Partner, mit dem sie Kinder umsorgen und alt werden konnte.

Unglücklicherweise war Jake dafür nicht der Richtige. Es war ein langwieriger, schmerzlicher Prozess gewesen, dies zu erkennen. Aber nun hatte sie es sich endlich eingestanden und zog die Konsequenzen.

Cath verließ den Highway und lenkte den Wagen die Landstraße entlang, die schon bald schmaler wurde und sich durch bewaldetes Gebiet schlängelte. Tante Sallys Haus lag am James River, unweit vom so geschichtsträchtigen Williamsburg. Wann immer sie sie besucht hatte, hatten sie Ausflüge dorthin unternommen und viel Spaß miteinander gehabt. Doch jetzt gab es auch diese liebe Verwandte nicht mehr.

Niemand von ihrer Familie war noch übrig. Ihre Eltern waren an einer besonders ansteckenden Virusgrippe gestorben, während sie selbst das letzte College-Jahr absolviert hatte. Die Großeltern mütterlicherseits waren bei ihrer Geburt bereits tot gewesen und die Eltern ihres Vaters kurz nacheinander abgelebt, als sie noch ein kleines Kind gewesen war. Ihre Ankunft hatte ohnehin jeden überrascht. Ihre Eltern waren schon über vierzig gewesen und hatten die Hoffnung auf Nachwuchs lange begraben gehabt.

Endlich war sie am Ziel. Cath bog in den unbefestigten Weg ein, der am Haus vorbei zum Wagenschuppen führte. Das Haus war in den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts gebaut worden und hatte dem Unabhängigkeitskrieg sowie dem Bürgerkrieg getrotzt. Ein- oder zweimal war die Schindelverkleidung erneuert worden. Die Rohrleitungen waren nicht mehr die besten, aber noch okay. Was allerdings die Elektrizität betraf, vermutete sie stark, dass die alten, nachträglich verlegten Kabel nicht alle modernen technischen Geräte mit Strom würden versorgen können.

Sie war nicht zuletzt deshalb hergefahren, um zu entscheiden, was sie mit dem Anwesen machen wollte. Wahrscheinlich war es am klügsten, es zu verkaufen und die Verantwortung los zu sein. Doch hatte sie zuweilen dem Gedanken nachgehangen, es selbst zu bewohnen.

Sie war eine gute Grundschullehrerin und würde überall eine Anstellung finden. Vielleicht war es keine schlechte Idee, mit der Vergangenheit ganz zu brechen und hierherzuziehen, wo nichts sie an Jake erinnerte. In jedem Fall wollte sie jetzt die Weihnachtsferien dazu nutzen, um im Haus gründlich Ordnung zu schaffen.

Cath parkte den Wagen nahe der Hintertür und lehnte sich im Sitz zurück. Sie und Jake hatten nur ein einziges Fest gemeinsam gefeiert. In den anderen Jahren hatte sie einen Teil des Tages bei ihrer Freundin Abby und deren Familie verbracht, die sie auch dieses Mal wieder eingeladen hatte. Aber sie hatte dankend abgelehnt, da sie sich vorgenommen hatte, Weihnachten hier zu sein. Wenn sie ernsthaft beabsichtigte, sich von ihrem Mann zu trennen, musste sie sich daran gewöhnen, Dinge allein zu tun.

Die letzten Monate waren sehr schwer gewesen. Sie hatte versucht, den Mut nicht zu verlieren und sich nach außen nichts anmerken zu lassen. Nachdem sie sich dann entschieden hatte, hatte sie gemeint, es würde leichter werden. Leider schien es ein Irrtum zu sein. Die Sehnsucht in ihrem Herzen war unverändert stark. Trotzdem würde sie nicht kapitulieren und ihren Entschluss, sich neu zu orientieren, umsetzen.

Als kleines Mädchen hatte sie davon geträumt, Mitglied einer großen Familie zu sein. Doch daraus war nichts geworden, und der Wunsch nach Geschwistern hatte sich mit der Zeit abgeschwächt. Auch war sie ganz in ihrem Beruf aufgegangen.

Nach Tante Sallys Tod war dann das Verlangen, eigene Kinder zu haben, sprunghaft angestiegen. Sie hatte mit Jake darüber gesprochen, der allerdings nichts davon hatte hören wollen und erklärt hatte, dass sie beide ein ausgefülltes Leben führten.

Er vielleicht, aber ich nicht, dachte sie und atmete tief ein. Selbst wenn sie ihn noch immer liebte, wollte und konnte sie nicht an dieser Ehe festhalten, die vorwiegend nur auf dem Papier bestand. Eines Tages, so hoffte sie, würde sie mit jemand anderem ein Familienglück gründen. Irgendwann, nachdem sie über Jake hinweg war. Falls sie es je sein würde.

Energisch öffnete sie die Wagentür und schwang die Beine nach draußen. Im Haus wartete viel Arbeit auf sie. Würde sie diese bis Neujahr schaffen, sodass sie das Anwesen dann zum Verkauf anbieten konnte? Auf jeden Fall würde sie reichlich zu tun haben und kaum merken, dass wieder ein Festtag verstrich, den sie ohne ihren Mann verbrachte.

Wie sehr hatte sie ihn in den letzten Wochen in ihren E-Mails gedrängt heimzukommen! Doch Jake hatte ihr geantwortet, dass die Lage zu angespannt sei und er vor Ort bleiben müsse. Sie hatte versucht, ihm zu vermitteln, wie unglücklich sie war und was sie beschäftigte. Allerdings hatte sie ihm nichts von ihrer Entscheidung geschrieben. Diese wollte sie ihm persönlich mitteilen.

Nur, sollte er nicht bald zurückkehren, würde sie ihn wohl schriftlich darüber in Kenntnis setzen müssen, bevor er es von einem Anwalt erfuhr. Sie hatte sogar schon einmal geübt und ihm eine Nachricht in Washington hinterlassen. Nicht, dass sie mit seiner Rückkunft rechnete. Ihm war es wichtiger, aus irgendwelchen Krisengebieten zu berichten, als mit seiner Frau Weihnachten zu feiern.

„Cath?“, rief Jake, sobald er die Haustür hinter sich geschlossen hatte. Er war müde von der langen, chaotisch verlaufenen Reise, auf der ihm lediglich ein Flugzeugabsturz erspart geblieben war. Vielleicht hatte die Schicksalsgöttin ihm so bedeuten wollen, dass er nicht in die Staaten hätte fliegen sollen. Aber Caths E-Mails in der letzten Zeit waren beunruhigend gewesen. Sie hatte ihm fast befohlen zurückzukommen.

Offenbar war sie nicht da, denn von nirgendwo hörte er eine Antwort. Vermutlich war sie beim Einkaufen oder bei Abby, um mit ihr und den Kindern Plätzchen zu backen. Es war ihm recht, wenngleich das Haus ohne sie leer und kalt wirkte. Doch so konnte er kurz duschen und sich etwas hinlegen und würde danach wieder frisch sein.

Auf dem Weg nach oben warf er im Vorübergehen einen Blick ins Wohnzimmer und bemerkte auf dem Kaminsims einen Umschlag mit seinem Namen darauf. Angst erfasste ihn, und er ließ den Matchsack fallen. In all den Jahren hatten die gefährlichen Einsätze seine Sinne geschärft. Er durfte dieses Gefühl nicht ignorieren.

Entschlossen durchquerte er den Raum und sah wenig später starr auf den weißen Briefbogen in seiner Hand. Cath wollte ihre Ehe beenden. Sie war weg, hatte ihn verlassen. Das Haus wirkte nicht ohne Grund leer und kalt. Die Seele war daraus verschwunden.

Jake las ihre Worte erneut, als könnte er sie dadurch ändern. Sie blieben die gleichen und prägten sich ihm unauslöschlich ein. Ihm war entsetzlich zumute, und die Zeilen begannen, vor seinen Augen zu verschwimmen. Die Frau, die er über alles liebte, liebte ihn nicht genug, um weiter ihr Leben mit ihm zu teilen.

Er zerknüllte das Papier und drehte sich um. Ja, es war seine Schuld. Er hatte sich in den letzten Monaten absichtlich in der Ferne aufgehalten, als hätte er Caths inneren Wandel gespürt und etwas Derartiges befürchtet. Wieso hatte er geglaubt, sie würde einen solchen Schritt nicht unternehmen, ohne vorher mit ihm zu diskutieren? Sie wollte immer alles besprechen, bis in kleinste Detail.

Wenn er es sich recht überlegte, hatte sie in den vergangenen Wochen genügend Andeutungen gemacht, die er hätte verstehen sollen. Unbewusst hatte er dies vielleicht auch getan. Warum hatte er sonst seine Pläne geändert und war nach Hause zurückgekehrt? Verdammt, nun war er da, und wo war sie?

Er stürmte die Treppe hinauf ins Schlafzimmer, riss die Tür des Wandschranks auf und atmete erleichtert auf. Ihre Sachen waren noch da, zumindest größtenteils. Eilig marschierte er ins Bad und sah nach, was dort fehlte. Allem Anschein nach wollte Cath nur für kurze Zeit wegbleiben. Also würde er auf sie warten.

Nein, du wirst nicht tatenlos hier herumsitzen und sie gewähren lassen, dachte er, während er langsam nach unten zurückging. Er würde sie zur Rede stellen. Allerdings musste er sie dazu erst einmal finden. Bestimmt konnte ihre beste Freundin Abby ihm sagen, wo sie war.

Er schlug die Nummer im Telefonbuch nach und tippte die Zahlen in den Apparat ein.

„Hallo?“

„Abby?“

„Ja?“

„Hier ist Jake. Hast du eine Ahnung, wo Cath ist?“

„Wo bist du?“

„Zu Hause.“

„Sie meinte, du würdest über Weihnachten nicht heimkommen.“

„Ich wollte sie überraschen. Nur ist ihr das zuerst gelungen.“

„Was soll das heißen?“, fragte Abby vorsichtig.

„Sie hat mir einen Brief geschrieben.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.

„Wo ist sie, Abby?“

„Es ist vorbei, Jake. Sie hat die ganzen letzten Monate mit sich gerungen. Lass sie gehen.“

„Den Teufel werde ich. Wo ist sie?“

„Hätte sie gewollt, dass du es weißt, hätte sie es dir mitgeteilt. Ich kann dir nicht helfen, Jake.“

Abby hatte aufgelegt, und er knallte den Hörer fluchend auf den Apparat zurück. Da Cath einige Sachen zusammengepackt hatte, war sie wohl nicht bei ihrer Freundin, denn diese wohnte nur zehn Autominuten von hier entfernt. Doch wohin war sie gefahren?

Zu Tante Sallys Haus, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. Sie hatte es ihm gegenüber einmal als Zufluchtsort bezeichnet. Entschlossen hob er den Matchsack auf und wandte sich zur Tür. Aus dem Duschen und Schlafen würde momentan nichts werden. Er musste seine Frau finden und ihr die Scheidung ausreden.

Nach dem improvisierten Abendessen räumte Cath die Küche auf. Sie trug zwei Pullover übereinander, denn im Haus war es noch immer zu kalt. Zwar hatte sie es geschafft, die alte Heizung in Gang zu setzen, aber diese konnte in den ausgekühlten Räumen nicht binnen Stunden für Wärme sorgen.

Seit ihrer Ankunft hatte sie schon einiges gemacht. Sie hatte das Zimmer gesäubert, das sie bei ihren Besuchen immer bewohnt hatte, und das Bett frisch bezogen. Auch hatte sie das einzige Bad im Haus geputzt und die Haupträume im Erdgeschoss gesaugt und entstaubt.

Für heute reichte es ihr. Sie fröstelte, fühlte sich müde und einsam. Wenn doch nur … Nein, denk nicht in diese Richtung, ermahnte sie sich sogleich. Sie würde jetzt zu Bett gehen, noch etwas lesen und morgen anfangen, das Haus von oben bis unten in Ordnung zu bringen.

Sie würde sich ein Zimmer nach dem anderen vornehmen und natürlich auch entscheiden müssen, was mit Tante Sallys Möbeln und all den übrigen Sachen geschehen sollte. Die Kleidung hatte sie bereits im Sommer weggegeben, aber den ganzen Rest musste sie erst sichten.

Den dunklen, nur spärlich zu erleuchtenden Keller zu bewältigen würde eine Heidenarbeit sein. Dort stapelten sich neben altem Gerümpel zahllose Kisten und Kartons, die laut Tante Sally die Hinterlassenschaften all der Familien bargen, die hier einmal gelebt hatten. Sie, Cath, hatte die Räume noch nie gern betreten. Als Kind hatte sie sogar geglaubt, dort unten würde es spuken, denn die Tür zum Keller war oft aus unerfindlichem Grund zugeschlagen.

Cath knipste die Küchenlampe aus und kontrollierte gerade, ob sie die Haustür verriegelt hatte, als sie ein Motorengeräusch hörte. Hatte sich jemand verfahren und wollte nach dem Weg fragen? Oder war es ein Nachbar, der die hellen Fenster bemerkt hatte und feststellen wollte, wer auf dem Anwesen war?

Sie beobachtete durch das Garderobenfenster, wie das Auto anhielt und kurz darauf ein Mann ausstieg. Er holte etwas aus dem Wageninnern, schloss danach die Tür und kam auf das Haus zu. In dem fahlen Mondlicht konnte sie sein Gesicht zwar nicht erkennen, aber sein Gang war ihr nur zu vertraut. Es war Jake.

Ihr Herz blieb einen Moment stehen und begann dann, wie verrückt zu hämmern. Für den Bruchteil einer Sekunde spürte sie Freude, anschließend Entsetzen. Was machte er hier? Warum hatte er ihr nicht erzählt, dass er heimkehren würde? Sie trat vom Fenster weg. Wie hatte er sie überhaupt gefunden? Und warum war er hergefahren? Er hatte doch bestimmt ihren Brief auf dem Kaminsims entdeckt.

Energisch klopfte er gegen die Tür.

Cath atmete tief ein, öffnete sie einen Spalt und lugte um die Ecke. Die kalte Abendluft wehte ihr sogleich entgegen. „Hallo, Jake. Ich habe dich nicht erwartet.“

Vorsichtig und zugleich entschlossen schob er die Tür auf, drückte sie kurz darauf hinter sich zu und stellte den Matchsack ab, bevor er Cath wütend anfunkelte. „Was sollte der verdammte Brief?“

„Dich informieren. Ich dachte, du könntest dich beunruhigen, falls du auftauchst und ich nicht da bin.“

„Aber mich nicht darüber beunruhigen, dass du weg bist?“

„Mir ist nichts passiert.“

„Du weißt sehr gut, dass das nicht der Punkt ist. Ich habe mir ein Bein ausgerissen, um über Weihnachten nach Hause zu kommen, und du bist noch nicht einmal da. Statt deiner finde ich einen blöden Brief vor, in dem du mir mitteilst, zwischen uns sei es aus.“

„So ist es“, bestätigte sie scheinbar gelassen. Ja, sie konnte dies tun. Sie brauchte nur die Gefühle zu ignorieren, die sein Anblick in ihr weckte. Der ganze Schmerz um ihre Entscheidung, die Trauer und das Bedauern und auch die Fantasien, was hätte sein können, stiegen wieder in ihr auf. Schnell verdrängte sie alles bestmöglich.

Jake sah müde und abgespannt aus. Er hatte dunkle Ränder unter den Augen und trug einen Dreitagebart. Seine Kleidung war zerknittert. Und dennoch regte sich ihr Herz, das nicht glücklich über den Entschluss war, den sie gefasst hatte.

„Ich habe die weite Reise, die so mühselig war wie noch keine zuvor, nicht gemacht, um abgeschoben zu werden. Ich bin zu meiner Frau heimgeflogen.“ Jake zog sie an sich und küsste sie.

2. KAPITEL

Cath versuchte, Jake zu widerstehen, doch seine Zärtlichkeiten hatten sie von jeher verzaubert. Trotz bester Vorsätze erwiderte sie schließlich seinen Kuss und genoss seine Nähe, die sie viel zu lang entbehrt hatte. Wie sehr hatte sie ihn vermisst! Es war herrlich, von ihm umarmt und geküsst zu werden. Sie fühlte sich unendlich lebendig. Warum konnte es nicht immer so sein?

Die Wirklichkeit holte sie ein, und ihr Verstand übernahm wieder die Regie. Zaghaft begann sie, sich gegen ihn zu wehren. Rein körperlich hatte es stets vortrefflich zwischen ihnen funktioniert. Aber das war nicht genug. Zumindest nicht mehr. Sie wollte nicht nur gelegentlich eine Ehefrau sein, sondern ständig.

Energischer drängte sie ihn weg, und er ließ sie los und betrachtete sie forschend. „Es war nett von dir, vorbeizuschauen.“ Sie öffnete die Tür. „Schöne Ferien.“

Jake schlug die Tür zu. „Ich bleibe hier. Gewöhn dich an den Gedanken.“

„Du kannst nicht hierbleiben. Ich verlasse dich.“

„Dann geh.“

„Nein, du. Das ist mein Haus.“ Verflixt, sie hörten sich allmählich wie kleine Kinder an.

„Heute wird nichts mehr daraus. Ich bin jetzt über vierundzwanzig Stunden auf den Beinen. Eigentlich hatte ich am Nachmittag etwas schlafen wollen, doch stattdessen musste ich mich auf den Weg hierher machen.“ Er blickte sich um.

„Keiner hat dich eingeladen.“

„Ich habe mich selbst eingeladen. Es ist ziemlich kalt hier.“

„Die Heizung ist an. Nur dauert es eine Weile, bis die ausgekühlten Räume warm werden. Du hättest mir rechtzeitig mitteilen können, dass du heimkommst. In den letzten Wochen habe ich dich oft genug gefragt.“

„Ich wusste nicht sicher, ob ich es schaffen würde, und wollte keine falschen Hoffnungen in dir wecken. Vermutlich eine unnötige Sorge.“

„Wir hätten in Washington darüber reden können, wenn du etwas gesagt hättest. Ich hätte danach hierherfahren können.“

Sie wollte ihn nicht im Haus haben, hatte Angst, dass sie dann vielleicht nicht an ihrer Entscheidung der Vernunft festhalten würde. Aber es war spät, und er sah müde aus. Und so kurz vor Weihnachten dürfte er in Williamsburg und Umgebung kaum ein freies Hotelzimmer finden.

„Wir müssen zweifellos miteinander sprechen. Allerdings nicht mehr heute. Wo schlafen wir?“

„Wenn du unbedingt bleiben willst, kannst du Tante Sallys Raum benutzen. Ich schlafe in meinem alten Zimmer. Mir ist es ernst mit dem, was ich geschrieben habe, Jake. Es ist aus.“ Einen Moment wünschte sie sich, er würde all die Gründe, die zu ihrem Entschluss geführt hatten, hinwegfegen, doch er nahm seinen Matchsack und durchquerte die Diele.

„Wir reden morgen. Ist es nicht das, was du so gern tust? Die Dinge endlos bereden?“

„Nicht dieses Mal“, antwortete sie leise. Sie hatte keine Hoffnung mehr und auch keine Worte.

Jake drehte sich am Fuß der Treppe um und blickte sie an. Mit wenigen Schritten war er bei ihr, beugte sich zu ihr und küsste sie. Cath ballte die Hände zu Fäusten und bot ihre gesamte Willenskraft auf, um nicht schwach zu werden.

„Zwischen uns ist es nicht vorbei, Cath.“

Mit wild klopfendem Herzen beobachtete sie, wie er die Stufen hinaufging. Dann hörte sie, wie seine Schritte auf dem Holzfußboden widerhallten. Er blieb vor ihrem Zimmer stehen, ging dann weiter zum nächsten. Keines der anderen Betten war gemacht. Das in Tante Sallys Zimmer war nur mit einem Laken abgedeckt, aber noch nicht bezogen. Er würde selbst sehen müssen, wie er zurechtkam. Und morgen hatte er das Haus wieder zu verlassen. Tränen traten in ihre Augen. Seine Anwesenheit machte alles so viel schwerer.

Sie konnte noch immer nicht ganz fassen, dass er wie ein Blitz aus heiterem Himmel hier aufgetaucht war. Seine letzte E-Mail hatte er ihr von irgendwo aus dem Nahen Osten geschickt. Überhaupt herrschte in ihr ein ziemliches Chaos. Sich jetzt hinzulegen war unmöglich. Sie war viel zu aufgewühlt und musste erst ihre Gedanken ein wenig ordnen, um Ruhe zu finden.

Ja, Jake konnte sie mit nur einem einzigen Kuss verzaubern, sodass sie sich im Paradies wähnte. Auf der körperlichen Ebene harmonierten sie ausgezeichnet, doch ansonsten …

Wenn sie die wichtigen Dinge wie die gemeinsame Zukunft und die Familienplanung ansprach, wich er ihr ständig aus. Er sagte lediglich, dass sie mit allem fertig werden würden, was das Schicksal für sie bereithielt. Davon hatte sie nun genug. Sie wollte wieder frei sein, um irgendwann neue Bande zu knüpfen und vielleicht Mutter zu werden. Und sie beabsichtigte nicht, damit zu warten, bis sie über vierzig war.

Es war schon spät, als Cath im Erdgeschoss die Lichter löschte. Rastlos war sie im Wohnraum auf und ab gelaufen und sich nur zu bewusst gewesen, dass Jake gleich im Stockwerk über ihr schlief. Sie war ein wenig versucht, ihn zu wecken, um noch heute mit ihm darüber zu diskutieren, wozu sie sich in langen, qualvollen Wochen durchgerungen hatte. Nein, das wäre nicht anständig, dachte sie und ging leise in ihr Zimmer.

Hoffentlich akzeptierte er ihren Entschluss ohne zu großen Protest. Sollte er nicht eigentlich froh sein, dass sie die Scheidung verlangte? Er war praktisch nie zu Hause und bräuchte dann auf seinen Wegen in neue Krisengebiete keine Zwischenstopps mehr in den Staaten einzulegen. In Zukunft könnte er unbekümmert in der Welt herumfliegen, ohne Rücksicht auf sie nehmen zu müssen.

Nur würde er das vermutlich nicht ganz so sehen!

Als Cath am nächsten Morgen nach unten kam, hatte sie von Jake noch nichts gehört. Wahrscheinlich würde er nach seiner anstrengenden Reise den halben Vormittag verschlafen.

Das gab ihr noch etwas Zeit, um sich auf ihr Gespräch vorzubereiten. Sie würde ihm ihre Gründe sachlich und nüchtern darlegen, und er könnte toben, so viel wie er wollte, es würde an ihrer Entscheidung nichts ändern. Hoffentlich schaffte sie es, die Ruhe zu bewahren, und begann nicht selbst herumzubrüllen.

Sie hatte ihren Ärger und die Enttäuschungen lange verdrängt und sich erst in den letzten Wochen all die Dinge eingestanden, die in ihrer Ehe nicht stimmten. Es wäre nicht fair, Jake damit wütend zu konfrontieren. Auch hätte sie ihm schon die ganze Zeit sagen sollen, wie unzufrieden sie damit war, dass sie so oft getrennt waren, und wie einsam sie sich fühlte.

Kritisch blickte sie in den fast leeren Kühlschrank und fragte sich, was sie zum Frühstück machen solle. Sie hatte ursprünglich vorgehabt, in Williamsburg in ein Café zu gehen und anschließend einzukaufen. Weshalb sollte sie es nicht wie geplant tun? Jake konnte noch Stunden schlafen, und wenn er vor ihrer Rückkehr aufwachte, sah er an ihrem Verhalten, wie ernst es ihr mit der Scheidung war. Früher wäre sie dageblieben, um ihm von den wenigen Vorräten ein Frühstück zuzubereiten. Heute würde er sich selbst darum kümmern müssen.

„Ich helfe dir.“ Jake stellte sogleich den Kaffeebecher weg, als Cath um kurz nach elf mit zwei Einkaufstüten in die Küche kam, sie absetzte und sich umdrehte, um die anderen zu holen.

„Das ist nicht nötig. Ich schaffe es allein.“

Er ignorierte ihre Antwort, folgte ihr zum Wagen und nahm zwei weitere aus dem Kofferraum. Cath ergriff die letzte und schlenderte hinter ihm her zum Haus. „Ich sagte doch, ich würde es allein schaffen.“

„Sicher würdest du das. Aber warum sich nicht helfen lassen?“

Nachdem sie den Mantel ausgezogen und aufgehängt hatte, begann sie, die Lebensmittel zu verstauen. Jake lehnte an der Spüle, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete sie aufmerksam.

„Möchtest du mir erzählen, was los ist?“, fragte er, als sie zu ihm hinblickte.

Gemächlich räumte sie die Maisdosen in den Schrank. „Ich dachte, ich hätte es in meinem Brief klargemacht. Ich will die Scheidung“, erwiderte sie ruhig und hätte vor Erleichterung darüber beinahe gelächelt, obwohl ihr eigentlich zum Weinen zumute war.

„Wieso?“

Tief atmete sie ein und wandte sich ihm zu. „Weil ich in unserer Ehe nicht glücklich bin. Ich möchte mehr, als wir haben. Wir haben schon wiederholt darüber gesprochen. Jedes Mal habe ich dir erklärt, was ich will, und du hast etwas besänftigend Klingendes erwidert. Danach bist du für Monate zu irgendeinem Ort aufgebrochen, den fast niemand gekannt hat, bis er so oft in den Abendnachrichten genannt wurde, dass er in aller Munde war. Ich sorge mich um dich, doch du scheinst es umgekehrt nicht zu tun. Ich möchte eine Familie, du nicht. Jake, es gibt Dutzende von Gründen, warum wir unsere Beziehung beenden sollten, und mir fällt keiner ein, weshalb wir sie fortsetzen sollten.“

„Was ist mit Liebe?“

„Wenn du mich liebst, hast du eine komische Art, es zu zeigen. Ich denke, du fühlst dich mit mir wohl. Du findest es schön, dass ich in Washington bin und du ein Zuhause hast, wohin du zurückkehren kannst, wenn du in den Staaten bist. Aber wie viel verbindet uns tatsächlich? Kenne ich einen deiner Kollegen oder du einen von meinen? Was hat mich in den vergangenen Wochen am meisten beunruhigt? Welcher Moment im letzten Monat war dein glücklichster? Wir wissen es nicht, weil wir nicht wirklich ein Ehepaar sind. Ja, wir haben einen Trauschein, halten uns jedoch die meiste Zeit noch nicht einmal im gleichen Land auf.“

Jake sagte nichts, und Cath beabsichtigte nicht, es ihm leichter zu machen, als sie es gehabt hatte, während sie sich die Situation zwischen ihnen vor Augen geführt hatte. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, dennoch räumte sie weiter die Lebensmittel weg. Dieses Mal würde sie nicht diejenige sein, die das Schweigen brach.

„Dir war klar, bevor wir geheiratet haben, welchen Job ich ausübe“, meinte er schließlich.

„Ja und nein.“ Dieses Argument hatte sie erwartet. „Ich habe gewusst, dass du für eine internationale Nachrichtenagentur arbeitest, aber nicht, wie die Realität aussehen würde, bis wir sie dann gelebt haben. Dass du häufiger fort bist als zu Hause, ich mich so allein fühle und nicht viel daran ändern kann. Und bestimmt hatte ich keine Ahnung, dass du nicht freudig reagieren würdest, wenn ich dazu bereit wäre, eine Familie zu gründen.“

„Wir haben nie über Kinder gesprochen.“

„Tante Sallys Tod hat mich mehr erschüttert, als ich zunächst dachte. Ich möchte eine Familie haben, mit anderen Menschen verwandt sein. Wir werden nicht jünger. Ich will nicht erst Mutter werden, wenn ich über vierzig bin.“

„Ich glaubte, wir hätten die gleichen Vorstellungen … In der Hauptstadt wohnen, Freunde haben, Dinge unternehmen …“

„Genau das ist es, Jake. Wir tun nichts gemeinsam. Vor fünf Jahren haben wir ein Konzert im Kennedy Center besucht. Das war es allerdings auch schon. Wenn ich ins Theater oder Kino gehen möchte, muss ich Abby oder jemand anders bitten, mich zu begleiten. Was ist das für eine Ehe?“

Cath merkte ihm deutlich an, wie er sich beherrschte. Wenn er doch einmal seine Gefühle nicht zügeln würde! Aber er war ein viel zu guter Journalist, um seine Emotionen in irgendetwas einfließen zu lassen. Möglicherweise war dies ein Teil des Problems. Sie wusste nie wirklich, was er empfand, hatte immer den Eindruck, dass er nicht völlig engagiert war, sondern das Geschehen beobachtete oder sich auf einen Kommentar vorbereitete.

„Vielleicht gibt es einiges zu verbessern. Nur wirft man eine sechsjährige Ehe nicht einfach weg, ohne zu versuchen, sie zu retten.“

„Hättest du gewollt, dass sie funktioniert, hättest du früher etwas machen müssen. Ich bin nirgendwo hingegangen. Was schlägst du vor? Dir einen anderen Job zu suchen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Und wenn du es nicht tust, wirst du abends nicht zu Hause sein, womit wir uns im gleichen Kreis wie immer drehen.“

Cath faltete die Einkaufstüten zusammen, verstaute sie in einem Schrank und wandte sich zur Tür. Ihre Beine zitterten, das Herz hämmerte, und sie war den Tränen nah. Doch sie hatte es geschafft! Sie hatte nach außen hin die Ruhe bewahrt. Er würde nie erfahren, wie entsetzlich ihr zumute war, wie schrecklich sie litt.

Jede Diskussion war sinnlos. Nichts würde sich ändern. Sie hatte sich entschieden. Und eines Tages würde er erkennen, dass ihr Entschluss richtig gewesen war. Hoffentlich empfand sie selbst es so!

„Warte, Cath. Ja, in letzter Zeit ist bei uns vielleicht in gewisser Weise ein Stillstand eingetreten. Aber jetzt sprechen wir von meinem Job. Er führt mich nun einmal dorthin, wo etwas passiert. Ich kann nicht einfach sagen, ich bleibe in Washington und berichte nur noch über das Geschehen vor Ort.“

Sie drehte sich zu ihm um. „Deine Arbeit ist mehr als ein Job, Jake, sie ist dein Leben. Du liebst es, herausgefordert zu sein und dich mitten in einem Kriegsgebiet aufzuhalten oder am Schauplatz einer Naturkatastrophe. Einen Job verrichtet man täglich für einige Stunden, kehrt anschließend nach Hause zurück und lebt dann wirklich.“

„Jemand muss die Nachrichten von dort übermitteln.“

„Sicher. Nur will ich nicht diejenige sein, die daran mitwirkt, indem ich auf meinen Ehemann verzichte. Ich möchte einen Mann, bei dem ich mich darauf verlassen kann, dass er für mich da ist.“

„Ich bin bloß einen Telefonanruf von dir entfernt.“

„Das mag sein, doch bist du gestern über vierundzwanzig Stunden auf den Beinen gewesen, um hier anzukommen. Was ist, wenn ein Notfall vorliegt? Was ist, wenn ich dich dringend brauche?“

„Was ist, wenn du es in Zukunft tust? Ich werde nicht mehr da sein, sollten wir uns scheiden lassen.“

Starr sah sie ihn einen Moment an. „Ich habe vor, wieder zu heiraten.“

Jake blickte zunächst verblüfft drein, dann ärgerlich. „Du hast in deinem Brief geschrieben, es würde keinen anderen Mann geben.“

„Ja, und das ist auch wahr. Allerdings hoffe ich, eines Tages jemanden zu finden, der das Gleiche möchte wie ich … insbesondere Kinder. Ich habe das Gefühl, sechs Jahre meines Lebens vergeudet zu haben, indem ich darauf gesetzt habe, dass du irgendwann dasselbe wollen würdest wie ich und wir eine Familie gründen könnten. Aber das wird nie geschehen, oder, Jake? Du wirst immer Ausreden haben und anschließend nach Beirut oder Singapur entschwinden.“

„Wir beide müssen vielleicht ein wenig mehr an unserer Beziehung arbeiten. Nein, eine Sekunde.“ Er hob die Hand, als sie den Mund öffnete. „Vergiss das ‚vielleicht‘. Ich verstehe, worum es dir geht, und kann versuchen, dich auf halbem Weg zu treffen. Doch nach den ganzen Jahren einfach alles hinzuwerfen macht keinen Sinn, Cath.“

„Das meinst du nur, weil es für dich gerade erst ein Thema ist. Ich habe seit deinem Abflug im August darüber nachgedacht. Ich war noch nicht so weit, um nach Tante Sallys Tod für mich zu sein. Sie war meine letzte Angehörige.“

„Ich bin dein Mann und somit auch ein Angehöriger.“

„Wie du genau weißt, spreche ich von Blutsverwandtschaft. Ich habe mich völlig allein auf der Welt gefühlt und hätte dich gebraucht, aber du bist abgereist.“

„Das habe ich nicht wahrgenommen.“

„Ja, das ist mir Wochen später klar geworden.“ Sie lächelte traurig. „Du kennst mich nicht mehr richtig. Aus der Zweiundzwanzigjährigen, die begeistert darüber war, sich in einen Mann von Welt zu verlieben, ist eine erwachsene Frau geworden. Meine Ziele und Träume haben sich verändert – und ich mich ebenfalls.“

Stumm betrachtete er sie. „Möglicherweise habe ich das auch.“

„Vielleicht. Nur würde ich es nicht bemerkt haben können, oder?“

„Ich will nicht, dass wir uns scheiden lassen.“

„Es dreht sich nicht länger alles einzig um dich, Jake.“

Verblüfft sah er sie an. „Das hat es nie.“

„Doch. Allerdings jetzt nicht mehr. Ich habe beschlossen, mir mein Leben zurückzuholen und es nach meinen Vorstellungen zu gestalten.“

Cath wandte sich um und verließ die Küche. Sie hatte geplant, heute mit der Säuberung der oberen Räume zu beginnen. In drei Tagen war Weihnachten, und danach hatte sie noch eine Woche Zeit, bis sie nach Washington zurückkehren musste. Wenn sie jeden Tag ein Zimmer erledigte, würde sie alle geschafft haben. Also konzentrier dich darauf, und beschäftige dich nicht damit, was hätte sein können, ermahnte sie sich.

„Der Kuss gestern Abend hätte dir etwas zeigen sollen“, sagte Jake hinter ihr, und sie blieb auf der Treppe stehen und blickte ihn an.

„Sicher. Wir hatten schon immer guten Sex. Aber es gehört mehr zu einer Ehe, als ein paar Mal im Jahr miteinander zu schlafen. Begreifst du es nicht, Jake? Es ist aus. Ich orientiere mich um. Du kannst tun, was du möchtest. Vorzugsweise von Washington aus.“

„Wir sind noch nicht geschieden, Cath. Ich bleibe hier.“

Nein, er sollte abreisen. Seine Nähe war viel zu beunruhigend, weckte nur Wünsche in ihr, die sie nicht haben wollte, nicht haben durfte. Sie hatte ihn so geliebt! Warum hatte er es nicht sehen und ihr mehr geben können als das, was sie geteilt hatten? Sie hatte sich ihr gemeinsames Leben so wunderbar vorgestellt. „Das möchte ich nicht.“

„Aber ich. Und ich glaube nicht, dass du mich gewaltsam aus dem Haus entfernen kannst.“

Frustriert schüttelte sie den Kopf. „Natürlich nicht. Mach, was du willst. Nur komm mir nicht in die Quere.“

„Warum bist du überhaupt hier?“

„Ich will die ganzen Sachen durchsehen und mir ein Urteil über den Zustand des Hauses bilden.“ Sie setzte sich wieder in Bewegung, blickte ihn jedoch weiter über die Schulter hinweg an. „Ich bin nicht sicher, was ich mit ihm tun soll. Vielleicht suche ich mir hier einen Job als Lehrerin und bewohne es selbst.“ Wie gefiel ihm wohl diese Information?

Seine Miene verfinsterte sich, während er ihr nach oben folgte. „Kann ich dir bei der Arbeit helfen?“

„Du solltest langsam aufbrechen, falls du noch vor Einbruch der Dunkelheit in Washington sein möchtest.“

„Ich bleibe, Cath. Wenn es dir wirklich ernst ist mit der Scheidung, wird dies unser letztes gemeinsames Weihnachten sein.“

„Oder unser zweites.“

Jake seufzte. „Du hast recht. Und es tut mir leid. Ich hätte jedes Jahr Weihnachten mit dir feiern sollen.“

„Das überrascht mich zu hören. Du bist noch nie sentimental gewesen. Woher kommt der plötzliche Sinneswandel?“

„Vermutlich vom Älterwerden. Trifft nicht jeder Entscheidungen, die er später bereut? Ich bedaure, dass ich nicht mehr Zeit mit dir verbracht habe. Vor allem in Anbetracht dessen, was du gerade gesagt hast. Weißt du nicht, dass mich der Gedanke an dich zu Hause aufrechterhalten hat, wenn es schwierig wurde?“

Oh, ja, Cath bedauerte vieles. Dass sich die Dinge so und nicht anders entwickelt hatten. Dass sie nicht mehr Träume mit Jake geteilt hatte. Und insbesondere, dass sie keine Kinder hatten. Sie hätte die einsamen Nächte leichter ertragen, wäre sie nicht so allein gewesen, hätte sie jemanden mit ihrer Liebe einhüllen können.

Cath öffnete die hinterste Tür auf dem Flur und durchquerte das dunkle Zimmer, um die zugezogenen Vorhänge zurückzuschieben. Sogleich löste sich eine Staubwolke daraus, während das kalte, fahle Winterlicht hereinfiel.

„Ich wünschte, ich könnte das Fenster aufmachen, um zu lüften, aber mein Bedarf an Kälte ist noch von gestern gedeckt.“ Kritisch ließ sie den Blick über die Einrichtung schweifen. Offenbar hatte der Raum als Gästeunterkunft gedient.

„Verstehst du etwas von alten Möbeln?“ Jake stellte sich so dicht neben sie, dass sie die Wärme spürte, die sein Körper abstrahlte.

„Nicht viel. Doch kann ich wertvolle Möbel von weniger wertvollen unterscheiden. Ich werde nur die Sachen behalten, die mir gefallen. Auch habe ich vor, mehrere Antiquitätenhändler herzubitten, damit sie das Mobiliar schätzen.“ Sie trat einen Schritt zur Seite, um etwas mehr Abstand zwischen ihnen zu schaffen, und hoffte, dass er es nicht merkte.

„Erzähl ihnen, du müsstest es wegen der Versicherung wissen, dann dürften sie dir korrektere Zahlen nennen.“

„Gute Idee. Große Güte, womit fange ich bloß an?“

„Mit Staubwischen und Saugen. Ich helfe dir.“

Cath neigte den Kopf zur Seite und sah ihn an. „Dann kommst du aber erst ziemlich spät in Washington an.“ Ihr Herzschlag setzte einen Moment aus, als er sie anlächelte.

„Ich fahre nicht ohne dich zurück. Und da du vermutlich bis Neujahr hierbleiben willst, bleibe ich auch. Wo sind die Staubtücher?“

Cath gab auf. Er würde ohnehin in Sekundenschnelle aufbrechen, sollte ein Anruf aus der Nachrichtenagentur kommen. Außerdem würde sie Unterstützung gut gebrauchen können, wenn es in jedem Zimmer so aussah wie in diesem.

„Okay, solange zwischen uns keine Missverständnisse herrschen.“

„Mir ist völlig klar, was du gesagt hast“, antwortete er mit amüsiertem Blick. „Allerdings bedeutet das nicht, dass ich nicht versuchen werde, dich umzustimmen.“

Sie rang sich ein Lächeln ab. „Du kannst es probieren. Jedoch wirst du feststellen, dass ich nicht mehr das leicht zu beeindruckende Mädchen bin, das du geheiratet hast.“ Nein, er sollte es lassen, sollte es ihr wenigstens einmal einfacher machen. Du wirst stark bleiben, sprach sie sich Mut zu, dann wird er schon bald kapitulieren. „Ich hole das Putzzeug.“

Was für verdammte Ferienaussichten, dachte Jake, nachdem Cath gegangen war. Er schob die Gardinen weiter auseinander, und eine Staubwolke legte sich über ihn. Im Flugzeug hatte er davon geträumt, dass Cath und er zusammen im Bett liegen und lediglich dann und wann aufstehen würden, um etwas zu essen. Aber nach Lage der Dinge sollte er diese Fantasie schnell vergessen, da sie sich in allernächster Zukunft wohl nicht verwirklichen ließ.

Er musste Cath unbedingt davon überzeugen, dass es sich lohnte, ihre Beziehung zu retten. Selbst wenn dies hieß, dass er seinerseits einiges ändern musste. Große Güte, was sollte er bloß tun, wenn sie die Scheidung wirklich einreichte? Seit dem Tag, an dem sie sich kennengelernt hatten, war er verrückt nach ihr.

Er liebte seinen Job, doch nicht so sehr wie seine Frau. Wusste sie denn nicht, wie gern er jeden Abend zu ihr nach Hause zurückkommen würde? Leider war dies nur möglich, wenn sie in den Krisengebieten wohnte, in denen er arbeitete.

Wie viele Nächte hatte er wach im Bett gelegen und sich gewünscht, sie wäre bei ihm, damit sie miteinander reden oder sich einfach festhalten oder auch küssen könnten? Wie schön hätte er es gefunden, wenn sie die Nachmittage, an denen er eine Verschnaufpause von seiner strapaziösen Tätigkeit hatte einlegen können, mit ihm verbracht hätte. Bezweifelte sie ernstlich, dass sie ihm nicht alles bedeutete?

Es war vielleicht egoistisch von ihm, aber er wollte, dass sie ihn begehrte, für ihn da war und alles mit ihm teilte, was sie gemeinsam haben konnten. Und dass er ihr als Familie genügte.

Cath kam mit einem Staubsauger und zwei Staubtüchern ins Zimmer zurück. „Allein mit dem Sauger wirst du die Vorhänge schätzungsweise nicht wieder sauber kriegen“, meinte er und klopfte gegen eine Gardine.

„Was meinst du, ob ich sie wohl waschen kann?“

Jake betrachtete sich den Stoff genauer. Er war teilweise verschossen und wirkte recht brüchig. „Ich würde sie wegwerfen und neue kaufen.“

„Okay. Während du sie abnimmst, suche ich nach Müllsäcken.“

„Lass uns alles im Hof auf einen Haufen werfen. Am Schluss sehen wir dann, was zusammengekommen ist, und können entscheiden, ob wir es selbst abtransportieren oder es abholen lassen.“

„Du rechnest also mit viel Gerümpel?“

„Du nicht?“

Sie blickte sich um und zuckte die Schultern. „Wenn ich die ganzen Räume durchforstet habe, weiß ich mehr.“

„Du willst dir in diesen Ferien alle Zimmer vorknöpfen?“

„Ja. Hast du ein Problem damit?“

„Es ist Weihnachten, Cath. Möchtest du es nicht feiern?“

„Natürlich, den Weihnachtstag nehme ich mir frei.“

„Du brauchst Schmuck zum Dekorieren.“

„Jetzt mach mal halblang, Jake. Wann hast du dich jemals für stimmungsvollen Weihnachtsschmuck interessiert?“

„Zum Beispiel in dem Jahr, das wir beide gemeinsam in Washington verbrachten.“

Ja, er sah ihr an, dass sie sich erinnerte, denn traurig wandte sie den Blick ab. Er hätte jedes Jahr zu diesem Fest nach Hause kommen sollen. Er hätte einen Weg finden können! Ein Bedauern über all die verpassten Gelegenheiten begann, an ihm zu nagen. Umso wichtiger war es nun, dieses Weihnachtsfest zu einem unvergesslichen Ereignis werden zu lassen. Und Cath von ihren Scheidungsabsichten abzubringen. Flüchtig spürte er einen Anflug von Panik. Was war, wenn es ihm nicht gelang?

„Wie auch immer“, sagte Cath. „Sollten wir mit dem Zimmer heute fertig werden, suche ich Tante Sallys Weihnachtsschmuck. Seltsam, ich habe kein einziges Mal Weihnachten mit ihr verbracht. Ich kam immer nur im Sommer. Ob sie sich an Weihnachten wohl einsam gefühlt hat? Meine Einladungen zu uns nach Hause hat sie jedenfalls nicht angenommen. Was mag sie über diese Feiertage getan haben?“

„Was wirst du an Weihnachten tun, wenn wir nicht mehr verheiratet sind?“, fragte er. Vielleicht war es für sein Vorhaben nützlich, wenn sie sich das Leben als Single vorstellte. Es würde ihr hoffentlich nicht gefallen.

„Abby besuchen, wie in den letzten vier Jahren. Bis ich einen Mann zum Heiraten gefunden habe. Dann werden wir unsere eigene Tradition einführen.“

Jake runzelte die Stirn und zog ruckartig an den Vorhängen. Sie rissen oben aus und fielen herunter. Eine Staubwolke hüllte ihn ein, und er musste husten. Das geschah ihm recht, warum hatte er sich nicht beherrscht.

Im Allgemeinen bewahrte er in schwierigen Situationen immer einen kühlen Kopf. Aber bei dem Gedanken, dass Cath sich einem anderen Mann zuwenden könnte, hatte er rotgesehen. Sie war seine Frau und liebte ihn, das wusste er. Er musste ihr einfach begreiflich machen, dass sie mit niemand anderem glücklich wäre. Nein, er würde ihre Ehe nicht aufgeben, sondern um sie kämpfen und versuchen, das Feuer der Leidenschaft zwischen ihnen wieder neu zu entfachen.

3. KAPITEL

„Das war’s“, sagte Jake und blickte Cath an.

Zu ihrer Verwunderung hatte er bis zum Schluss durchgehalten, sich nicht einmal beklagt und vor keiner Arbeit gedrückt. Doch was würden sie nun tun, und worüber sollten sie jetzt reden, da sie hier fertig waren? Der Nachmittag war noch nicht vorbei, aber sie war zu müde, um mit dem nächsten Zimmer anzufangen, und fürchtete sich zugleich davor, sich mit Jake unterhalten zu müssen. Seine Gegenwart ließ sie nicht kalt. Warum fuhr er nicht wieder weg?

„Vielen Dank, dass du mir geholfen hast.“

„Dazu sind Ehemänner da.“

„Hör auf, Jake. Das wird mich nicht umstimmen. Wie lang bist du dieses Mal hier, bevor du wieder für ein halbes Jahr verschwindest? Wenn du wirklich etwas ändern wolltest, würdest du bei deinem Job beginnen.“

„Oder du könntest deinen aufgeben und mit mir kommen.“

Ungläubig sah sie ihn an. „Ich habe nicht das Verlangen, in Kriegsgebieten zu sein oder mein Leben damit zu verbringen, dir hinterherzureisen. Das habe ich zwei Sommer lang gemacht. Du bist selten bei mir gewesen, und ich war weit weg von zu Hause und meinen Freunden. Mir liegt viel daran, abends in ein gemütliches Heim zurückzukehren. Ich bin keine Nomadin und will auch keine werden.“

„Ich bin kein Nomade und habe ein Zuhause.“

„Nein, Jake, du hast eine Unterkunft, einen Ort zum Bleiben, wenn du in Washington bist.“

Cath nahm den Staubsauger, um ihn ins nächste Zimmer zu tragen. Kurz blickte sie Jake noch einmal an und war überrascht, als sie seinen abwesenden Gesichtsausdruck bemerkte. Normalerweise hatte er immer sofort eine Erwiderung parat, doch nun schien er über ihre Worte nachzudenken.

„Ich gehe schnell duschen und bereite uns danach etwas zum Abendessen zu“, sagte sie.

„Ist es dafür nicht noch ein wenig früh?“

„Wir hatten nichts zu Mittag, und ich habe einen Bärenhunger.“

„Dann los. Ich dusche nach dir. Oder soll ich dich begleiten?“

Das teuflische Funkeln in seinen Augen ließ ihr Herz wie wild klopfen. Nein, sie würde der Verlockung nicht erliegen. Auch wenn sie sich im Guten trennten, konnte sie sich nicht vorstellen, dass sie um der alten Zeiten willen in Zukunft gelegentlich zusammenkamen. Der Schnitt musste klar, scharf und endgültig sein.

„Ich beeile mich und versuche, nicht das ganze heiße Wasser zu verbrauchen“, sagte sie und flüchtete aus dem Raum.

„Wir könnten nachher den Dachboden nach dem Weihnachtsschmuck durchstöbern“, schlug Jake vor, als sie sich am Küchentisch gegenübersaßen. Cath hatte ihnen eine Suppe aufgewärmt und Sandwiches gemacht.

„Du meinst es ernst mit dem Dekorieren?“

„Du nicht?“, fragte er.

Eigentlich sprach nichts dagegen, und das Haus würde auch freundlicher aussehen. „Warum nicht? Nur sind die Sachen vermutlich im Keller, wo sich seit zweihundert Jahren alles Mögliche angesammelt hat. Laut Tante Sally wurde in der Familie nie etwas weggeworfen. Als Kind habe ich dort unten immer schreckliche Angst gehabt. Mit all den Gängen und Nischen ähnelt er einem Labyrinth.“

Nachdem Cath einen Keil unter die Kellertür geschoben hatte, folgte sie Jake über die nur spärlich beleuchteten Stufen nach unten.

„Wir hätten eine Taschenlampe mitnehmen sollen“, sagte er, als er sich am Fuß der Treppe umblickte.

„Grundsätzlich gibt es hier überall ein funzeliges Licht. Wenn die Leitungen es verkraften, werde ich die schwachen Glühbirnen gegen stärkere austauschen.“ Sie fand den alten Lichtschalter und knipste ihn an. Jetzt war es nur noch halb so dunkel, doch warfen die gestapelten Kisten und alten Möbel bizarre Schatten. „Ziemlich gespenstig ist es hier“, sagte sie und schauderte.

Lachend umschloss Jake ihre Hand. „Ich werde dich vorm schwarzen Mann beschützen.“

Energisch entzog sie ihm ihre Hand. „Ich kann selbst auf mich aufpassen.“ Wie zum Beweis schlenderte sie den nächstbesten Gang entlang, vorbei an bis in Schulterhöhe übereinanderstehenden Kartons, die nicht beschriftet waren.

Den Keller aufzuräumen würde Tage, wenn nicht Wochen dauern. Und mit all den Stühlen, Tischen und Schränken könnte man ein weiteres Haus einrichten. Cath entdeckte eine alte Wiege mit Schnitzereien am Kopf- und Fußteil. Versonnen betrachtete sie sie, stieß sie leicht an und stellte sich einen Moment vor, ihr eigenes Kind würde zufrieden darin schlafen.

Sie ging weiter, zog hier und da eine Kommodenschublade auf, öffnete die eine oder andere Kiste und stieß auf Kleidung oder sonstige Habseligkeiten von irgendwelchen Ahnen. Vorsichtig klappte sie den Deckel einer uralten Truhe hoch und sah auf Seide und Spitze. Seitlich steckte ein schmaler Lederband. Sie nahm ihn heraus und blätterte darin. Es schien ein Tagebuch zu sein.

„Ich habe gerade den Weihnachtsschmuck gefunden!“, erklang Jakes Stimme aus einiger Entfernung.

„Gut, ich komme.“ Sie klemmte sich das Buch unter den Arm und schloss die Truhe. In dem Buch würde sie später ein wenig lesen. „Ruf noch mal, damit ich dich lokalisieren kann.“

„Ich bin an der Treppe nach links gegangen und du nach rechts. Also dürfte ich genau am anderen Ende des Kellers sein.“

Cath folgte seiner Stimme und hatte ihn bald erreicht. Vor ihm standen zwei geöffnete Kartons. „Es gibt noch mehr.“ Er deutete auf einen Stapel zu seiner Rechten.

„Lass uns alles nach oben bringen und dort sichten“, schlug sie vor und legte den Lederband auf eine Schachtel, um diese und die darunter hochzuheben.

„Was ist das?“

„Ein Tagebuch. Ich möchte nachher einen Blick hineinwerfen.“

„Stammt es von einem deiner Vorfahren?“

„Vielleicht.“ Sie nahm die beiden Boxen und machte sich auf den Weg.

Nachdem sie noch zweimal unten gewesen waren, hatten sie alle Kisten ins Esszimmer geschafft und begannen damit, sie auszupacken.

„Wir brauchen einen Baum“, sagte Jake, als er erst eine, dann eine zweite Lichterkette zutage förderte.

„Nein, das tun wir nicht.“

„Doch, und ich weiß auch schon, wohin wir ihn im Wohnraum stellen. Vor die beiden Fenster auf der Stirnseite.“

Ja, dort würde er hervorragend hinpassen und eine stimmungsvolle Atmosphäre verbreiten, wenn er geschmückt wäre und in seinem Glanz erstrahlte. Sie liebte Weihnachten, aber es mit Jake zu feiern war ihr unangenehm. Für sich allein hatte sie keinen solchen Aufwand treiben wollen. Warum sollte sie es nun, nur weil er unerwartet hier aufgetaucht war?

„Vielleicht besorge ich uns morgen einen“, sagte sie widerwillig.

„Lass uns zusammen losziehen und einen in einer Baumschule schlagen.“

Überrascht sah sie ihn an. Sie hatten ein einziges Fest miteinander verbracht, und damals hatten sie den Baum an einem Stand der Pfadfinder gekauft. Auch war sie es gewesen, die ihn größtenteils geschmückt hatte, wenn sie sich richtig entsann, denn Jake hatte mit seiner Nachrichtenagentur telefoniert.

„Ich habe keine Ahnung, ob in der Nähe eine ist.“ Außerdem wollte sie den Baum nicht mit ihm gemeinsam beschaffen. Eine solche Aktion war viel zu erinnerungsträchtig. Es war schon schlimm genug, dass er überhaupt da war.

„Ich mache mich mal kundig.“ Er ging in die Küche und kam kurz darauf mit dem Telefonbuch zurück. „Im Windsor Drive ist eine. Weißt du, wo das ist?“

„Ich habe keinen blassen Schimmer.“

„Die Vorwahl ist dieselbe wie für hier, also dürfte es nicht allzu weit entfernt sein. Ich rufe gleich morgen früh dort an und frage nach den genauen Öffnungszeiten. Was hältst du davon, wenn wir hinfahren, bevor wir uns dem nächsten Zimmer widmen?“

Seine Stimme ging ihr durch und durch, und sie ermahnte sich sogleich zur Vernunft. Sie durfte der Faszination nicht erliegen, die er auf sie ausübte, sonst fühlte sie sich nur noch elender, wenn er in ein paar Tagen wieder verschwand.

Nein, sie sollte sich nicht mit ihm auf Baumsuche begeben. Entweder wollte sie sich von ihm trennen, oder sie wollte es nicht. Und gemeinsam etwas zu unternehmen war keine Maßnahme, um eine Beziehung zu beenden.

„Das ist keine gute Idee.“

„Warum nicht?“ Er legte das Telefonbuch weg, trat neben sie und drehte sie an den Schultern zu sich herum. „Wir wollen nur einen Baum besorgen. Das ist alles und wird nicht das Geringste ändern, oder?“

Doch. Es konnte sie in ihrem Entschluss wanken lassen. Sie erinnerte sich an so viele glückliche Momente mit ihm, wenngleich es nicht genug gewesen waren. Aber Jake war danach stets wieder weggeflogen, und jedes Mal war ihr das Herz ein wenig mehr gebrochen. Sie musste klare Verhältnisse schaffen, durfte nicht zaudern …

„Cath?“

Sie sah auf und blickte in die einst so geliebten dunklen Augen. Sie schienen ihr bis auf den Grund der Seele zu schauen. Langsam beugte er sich zu ihr, immer tiefer, und presste seinen Mund schließlich auf ihren. Sie fühlte seine warmen Lippen auf ihren und war sekundenlang wie verzaubert. Dann schaltete sich ihr Verstand ein, und sie wehrte ihn ab.

„Nein, Jake. Lass mich in Ruhe.“ Sie befreite sich aus seinem Griff und ging quer durch den Raum. „Wie du weißt, will ich nicht, dass du hier bist. Ich kann dich nicht zur Abreise zwingen, allerdings von dir fordern, dass du mir nicht zu nahe kommst. Solltest du es dennoch tun, werde ich wegfahren.“

„Und wohin?“

„Zu Abby. Sie hat mich zu Weihnachten eingeladen und würde sich bestimmt über meinen Besuch freuen.“

Kapitulierend hob er die Hände. „Okay. Ich werde Abstand halten. Du umgekehrt aber auch.“

„Wie bitte?“ Sie hatte nichts gemacht!

„Für den Fall, dass dich plötzlich ein stürmisches Verlangen nach mir erfasst, das du nicht zügeln kannst.“

Wäre sie nicht zu weit entfernt von ihm gewesen, hätte sie ihn geohrfeigt. „Ich kann mich beherrschen“, erwiderte sie kühl, nahm das Tagebuch vom Tisch und wandte sich zur Diele. Zumindest in ihrem Zimmer würde sie für sich sein können.

„Was ist mit morgen?“

„Besorg den Baum allein.“ Sie eilte die Treppe hinauf und schloss wenig später die Tür hinter sich.

Es war zu früh, um zu schlafen, doch war sie von der ungewohnten körperlichen Arbeit ziemlich müde. Was hinderte sie daran, sich schon einmal hinzulegen und im Bett noch etwas in dem Tagebuch zu blättern? Eigentlich nichts.

Nachdem sie sich unter die Decke gekuschelt hatte, betrachtete sie den kleinen Lederband genauer. Die Einträge waren mit zierlicher Handschrift geschrieben, aber weder am Anfang noch am Ende stand ein Name oder eine Jahreszahl.

Noch vier Tage bis Weihnachten, las sie und blickte verwundert auf. Wenn das nicht gespenstisch war! In vier Tagen war tatsächlich Weihnachten.

Ich hasse diesen Krieg. Endlich weiß ich, dass Jonathan in North Carolina ist. Wird er zu Weihnachten heimkommen können? Ich bete darum. Er war bei der Schlacht am Kings Mountain dabei. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich wünschte, er würde mir eine Nachricht senden oder nach Hause zurückkehren. Vielleicht ist er unterwegs, während ich dies schreibe. Ich würde alles darum geben, wenn er unsere Küche betreten und sagen würde: „Hallo, Tansy, mein Schatz, schenk deinem Mann einen Kuss.“

Ist hier vom Bürgerkrieg die Rede?, überlegte Cath und versuchte, sich an die einzelnen Schlachten zu erinnern, doch fiel ihr nur die bei Gettysburg ein.

Mrs. Talaiferro hat heute Morgen ihren Sohn Ben mit Butter zu mir geschickt. Er hat das Scharnier an der Tür des Hühnerstalls repariert. Zum Dank habe ich ihm ein Stück Fleisch von dem vor einigen Wochen geschlachteten Schwein eingepackt. Ohne die Hilfe der Nachbarn würde ich es nicht schaffen. Landwirtschaft ist wirklich Männerarbeit. Jonathan ist so gut darin. Hoffentlich ist er zur Aussaat im Frühjahr wieder zurück.

Die Nächte sind einsam und die Tage kurz und kalt. Meine Finger sind ganz starr, wenn ich die Hühner und Schweine gefüttert habe. Hoffentlich friert Jonathan nicht. Ich habe ihm einen selbst gestrickten Schal gesandt, weiß aber nicht, ob er ihn erhalten hat. Ich habe so lange nichts von ihm gehört.

Er fehlt mir. Bitte, Herrgott, lass diesen Krieg bald enden. Gib, dass die Briten aufs Meer getrieben werden!

Die Briten? Cath setzte sich im Bett auf. Stammte das Tagebuch aus der Zeit des Unabhängigkeitskriegs? Waren Tansy und Jonathan frühe Ahnen von ihr? Sie vertiefte sich wieder in ihre Lektüre und erfuhr, wie einsam sich Tansy ohne ihren Mann gefühlt hatte.

Wie alt war sie, und wie lang waren die beiden verheiratet? Warum war von keinem anderen Familienmitglied die Rede? Wohnte sie ganz allein im Haus? Vielleicht würde sie die Antworten auf den nächsten Seiten finden. Eines war jedoch klar: Dieses war nicht Tansys erstes Tagebuch. Waren die anderen auch im Keller?

Morgen werde ich sie suchen, dachte Cath und blätterte um. Noch drei Tage bis Weihnachten. Zögerlich blickte sie auf und klappte den Lederband kurz darauf zu. Ja, sie würde mit Tansy Schritt halten und erst morgen weiterlesen, auch wenn sie es vor Neugierde kaum abwarten konnte.

Cath schreckte aus dem Schlaf hoch. Ihr Herz klopfte wie verrückt. Beruhig dich wieder, es ist nur ein Albtraum gewesen, ermahnte sie sich, konnte ihn jedoch nicht wirklich hinter sich lassen. Ein ums andere Mal schoben sich Bilder von verstümmelten toten Männern auf einem Schlachtfeld vor ihr geistiges Auge. Sie waren wie Bauern und Soldaten von einst gekleidet und sahen aus wie Jake.

Schließlich knipste sie die Lampe auf der Nachtkonsole an, stand auf und zog sich ihren Morgenmantel über. Sie würde sich eine heiße Milch zubereiten, und wenn sie sie getrunken hatte, konnte sie bestimmt wieder einschlafen.

Leise ging sie nach unten, um Jake nicht zu wecken, schaltete das Licht in der Küche ein und zuckte zusammen, als sie ihn dort vorfand. Er saß am Tisch, hatte ein halb leeres Glas und eine Whiskeyflasche vor sich und blickte zum Fenster hinaus. Sogleich drehte er den Kopf und blinzelte ein wenig wegen der plötzlichen Helligkeit.

„Warum bist du auf? Und woher hast du den Whiskey?“

„Deine Tante hatte ihn versteckt.“ Er nahm das Glas. „Auf Tante Sally.“ Schon trank er einen großen Schluck.

„Wieso bist du um diese Zeit nicht im Bett?“ Die Küchenuhr zeigte kurz vor drei.

„Ich konnte nicht schlafen. Meine Rückkehr nach Hause hatte ich mir anders vorgestellt. Was ist das für eine verdammte Art, Weihnachten zu feiern, indem man mit einem Scheidungsbegehren konfrontiert wird?“ Er sah wieder nach draußen. „Und warum bist du hier?“

„Ich hatte einen Albtraum und wollte mir zur Beruhigung eine heiße Milch machen. Möchtest du auch eine?“

„Nein.“ Freudlos lachte er auf, wandte sich ihr wieder zu und hob das Glas. „Das genügt mir.“

„Ich habe gar nicht gewusst, dass du dem Alkohol zusprichst.“ Cath holte die Milch aus dem Kühlschrank.

„Bislang hatte ich auch keinen Grund dazu. Ich versuche, meinen Kummer zu vergessen.“

„Sei nicht so dramatisch, Jake.“

„Dramatisch?“ Lautstark setzte er das Glas ab, stand auf und betrachtete sie finster. „Es war teuflisch, nach Washington heimzukommen, wo mich einzig ein kühler Brief auf dem Kaminsims begrüßt hat. Dann bin ich wie ein Wahnsinniger hergefahren, und wofür? Um frostig empfangen zu werden. So wollte ich Weihnachten nicht verbringen. Ich habe mir ein Bein ausgerissen, um bei dir zu sein. Und du erzählst mir, dass du dich scheiden lassen willst, gibst mir keine Chance, Dinge zu ändern, und redest als meine Frau davon, dass du einen anderen Mann finden möchtest! Was erwartest du von mir? Dass ich mich zurücklehne und dir erkläre: ‚Nur zu, mach es!‘ Nein, verdammt, das werde ich nicht tun! Du willst noch nicht einmal einen verflixten Weihnachtsbaum mit mir kaufen. Habe ich die Pest oder was? Cath, ich liebe dich. Deshalb habe ich dich geheiratet, und daran hat sich nichts geändert!“

Starr blickte sie ihn an. So wütend hatte sie ihn noch nie erlebt, selbst dann nicht, wenn er von den Ungerechtigkeiten in der Welt sprach, über die er sich immer sehr aufregte. Löste der Alkohol seine Zunge und ließ ihn seine Gefühle zeigen? Unwillkürlich sah sie zu der Whiskeyflasche auf dem Tisch.

Jake bemerkte es, nahm die Flasche und hielt sie einen Moment in der Hand, bevor er einen großen Schluck daraus trank. „Sie ist zurzeit die einzige Wärmequelle hier im Haus“, sagte er und stellte sie zurück.

Cath war bestürzt und wollte sich verteidigen, überlegte es sich dann anders und betrachtete die Dinge erst einmal von seinem Standpunkt aus. Ja, er war von der Situation ziemlich überrascht worden. Sie, Cath, hatte zwar endlos mit Abby über eine Trennung diskutiert, in ihren E-Mails an Jake aber nur vage Hinweise gegeben.

Schuldgefühle kamen in ihr hoch. Sie hätte ihm schreiben sollen, welche Gedanken sie beschäftigten, hätte das Thema zur Diskussion stellen sollen. Das hatte sie versäumt und konnte es jetzt nicht mehr nachholen. Allerdings konnte sie sich zumindest darum bemühen, fair zu sein.

Sie würden nur noch ein paar Tage miteinander verbringen. Ihm freundlich zu begegnen war sicherlich nicht zu viel verlangt. Und schließlich hatte sie bei ihrer Heirat gewusst, welchen Beruf er ausübte. Dass sie mit den Auswirkungen, die seine Arbeit auf ihr gemeinsames Leben hatte, nicht zurechtkam, durfte sie ihm nicht anlasten.

„Okay, wir besorgen den Baum gemeinsam“, sagte sie.

Jake blickte erst sie, dann die Flasche an. „Vielen Dank für dieses Wahnsinnszugeständnis.“ Er nahm den Whiskey und marschierte aus der Küche.

Tränen stiegen in ihr auf. Sie hätte nie gedacht, dass ihm das Ganze nahegehen könnte, hatte gemeint, dass einzig sie unter dem Ende ihrer Ehe leiden würde. Wie sehr hatte sie sich getäuscht.

4. KAPITEL

„Guten Morgen“, wünschte Jake, als er über die Hintertür die Küche betrat.

Cath hatte Kaffee gekocht, zwei Schalen sowie Milch und eine Schachtel ihrer Lieblingszerealien auf den Tisch gestellt und gerade zu essen begonnen. „Guten Morgen. Was hast du so früh draußen gemacht?“

„Ich habe mich am Fluss etwas umgesehen. Darf man hier einen Steg haben, vielleicht mit einem kleinen Boot?“

„Ich schätze, ja. Allerdings habe ich Tante Sally nie danach gefragt. Als ich anfing, sie im Sommer zu besuchen, war sie schon über sechzig. Die McDonalds, Nachbarn weiter unten am James River, haben einen. Wenn es heiß war, sind wir oft dort gewesen, um zu schwimmen. Die Strömung ist nicht sehr stark.“

„Das ist ein ziemlich großer Besitz, wie mir scheint.“

„Ich glaube, zu dem Haus gehört etwa ein Morgen Land“, antwortete Cath und beobachtete, wie er sich Kaffee einschenkte.

Der Alkoholgenuss und die lange Nacht waren ihm kein bisschen anzumerken. Sie selbst fühlte sich noch immer ein wenig bedrückt von ihrem Albtraum und Tansys ergreifender Schilderung ihrer Einsamkeit.

„Sag, Jake, was weißt du über die Schlacht am Kings Mountain?“

„Wir haben sie gewonnen.“ Er setzte sich zu ihr und füllte seine Schale.

„Wann hat sie stattgefunden?“

„Während des Unabhängigkeitskriegs. Ich erinnere mich nicht an die genaue Jahreszahl. Es muss so um siebzehnhundertundachtzig gewesen sein, als sich das Blatt langsam zugunsten der Kolonisten gewendet hat. Warum?“

„Sie wird in dem Tagebuch erwähnt, das ich gestern gefunden habe. Es wurde zu der Zeit geschrieben. Ich hätte nicht gedacht, dass es so alt wäre. Das Leder ist in gutem Zustand, und die Seiten zerfallen nicht, was ich eigentlich erwartet hätte.“

„Vermutlich liegt es daran, dass Papier früher hauptsächlich aus Baumwollfasern hergestellt wurde und deshalb haltbarer war.“ Er trank einen Schluck Kaffee. „Hast du immer noch vor, den Baum mit mir zu besorgen?“

„Ich weiß nicht. Draußen ist es ziemlich windig und wahrscheinlich ganz schön kalt.“ Es war nur vorgeschoben. Aber es war ihr fast unerträglich, ohne Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft etwas zusammen mit ihm zu unternehmen. Sie wünschte sich so sehr, von ihm zu hören, dass er sie über alles liebte – selbst mehr als seine Arbeit – und sie nie wieder verlassen würde.

„Ja, vielleicht schneit es sogar heute noch. Aber wenn du dich warm anziehst, dürftest du nicht frieren. Ich habe übrigens gestern den Weihnachtsschmuck weiter durchgesehen. Du wirst deine Freude daran haben. Es sind viele herrliche Teile darunter. Die Lichterketten funktionieren ebenfalls bis auf wenige Birnchen, die ausgetauscht werden müssen. Wir können sie auf dem Rückweg besorgen.“

„Wollen Sie ihn selbst schlagen, oder sollen wir es tun?“, fragte der Mann am Eingang der Baumschule und deutete auf die Sägen und Beile.

„Auch auf die Gefahr hin, dass wir uns blamieren, würde ich sagen, wir probieren es selbst.“ Jake blickte Cath an.

„Sieh mich nicht an. Ich habe keine Ahnung vom Holzfällen.“

Der Mann lachte. „Es ist spielend leicht. Sägen Sie den Stamm einfach in Bodennähe durch, damit er gut in Ihren Ständer passt.“

Lächelnd nahm Jake eine kleine Säge und marschierte los. Cath folgte ihm langsamer, beobachtete die beiden Familien, die ebenfalls hier waren, um einen Baum zu besorgen. Aufgeregt rannten die Kinder hin und her, ein jedes auf der Suche nach dem schönsten Exemplar. Ihre Begeisterung war weithin hörbar.

Wie gern hätte sie selbst eine richtige Familie! Zu zweit ist so ein Ausflug langweilig, dachte sie, während sie Jake hinterhereilte, der ihr schon ein ganzes Stück voraus war. Als sie zu ihm aufschloss, wandte er sich zu ihr um, und Cath bemerkte verwundert, wie sehr seine Augen leuchteten.

„Ich habe den Platz im Wohnzimmer ausgemessen. Wir können problemlos einen Baum von zwei Meter fünfzehn aufstellen. Ab hier fangen sie in dieser Größe an.“ Er deutete zu Tannen, die etwa einen halben Kopf größer waren als er.

Wie vorausschauend von ihm. Ihr war der Gedanke gar nicht erst gekommen. „Hast du die Kinder gesehen?“ Kurz drehte sie sich noch einmal um.

„Ja, sie sind ganz schön laut, oder?“

„Jake! Sie freuen sich einfach nur. Ich kann es kaum erwarten, selbst welche zu haben und Tage wie diese mit ihnen zu teilen.“

Er senkte den Blick, und sie fragte sich, ob sich in seiner eben noch so glücklichen Miene jetzt ein Anflug von Traurigkeit spiegelte. Dachte er daran, dass sie, sollte sie Mutter werden, nicht mehr mit ihm, sondern mit einem anderen Mann verheiratet sein würde?

Ein stechender Schmerz durchzuckte sie. So wie Jake würde sie wohl niemanden mehr lieben. Würde sie überhaupt je einen neuen Partner finden, oder erwartete sie nach der Scheidung ein langes, einsames Leben?

Jake missfiel es, dass sie sich jemand anderem zuwenden wollte, aber er tat nichts, um es zu verhindern. Er hatte seine Arbeit, und sie wünschte ihm, dass diese ihn weiterhin ausfüllte. Sicher sah auch er ein, dass sie beide keine Zukunft hatten.

„Das ist ein schöner Baum“, sagte sie, in der Absicht, die Unternehmung schnellstmöglich zu beenden. Sollte er glauben, er könnte mit dieser gemeinsamen Aktion sechs Jahre der Vernachlässigung wiedergutmachen, täuschte er sich gewaltig.

„Wenn er dir gefällt, säge ich ihn ab.“

Hatte er enttäuscht geklungen? „Nein, warte. Lass uns sicherheitshalber noch ein paar andere anschauen.“ Einige Minuten länger zu bleiben würde sie wahrlich nicht umbringen.

„Mir ist eiskalt“, sagte Cath nach einer knappen Stunde. Sie hatten sich noch immer für keinen der Bäume entscheiden können. „Ich wollte die letzte Tanne haben. Stimm zu, damit wir mit ihr nach Hause fahren können. An meinen Händen bilden sich schon Frostbeulen.“

„So kalt ist es nun auch wieder nicht. Doch wenn sie dein Wunschbaum ist, gebe ich mich mit ihr zufrieden.“

„Du gibst dich mit ihr zufrieden? Sie ist ein Prachtexemplar!“

„Sie hat unten eine Lücke.“

„Stell sie mit der Seite zur Wand. Ich will diese und keine andere.“ Sie ging noch einmal um den Baum herum und spürte, wie sie sich aufs Schmücken zu freuen begann.

„Okay.“ Jake kniete sich nieder und setzte die Säge an. „Wenn du sie festhältst, versuche ich mein Glück als Holzfäller.“

Cath fasste mit beiden Händen zu, während er anfing, den Stamm unten durchzusägen. Sie stützte den Baum und schaffte es, dass er, wenn auch hin und her schwankend, bis zum Schluss in aufrechter Position blieb. Dann bekam er allerdings Übergewicht, kippte und schien sie mit seinen würzig duftenden Zweigen zu umarmen.

„Oha“, stieß sie lachend hervor. „Befrei mich von ihm, bevor ich noch zusammen mit ihm umfalle.“

Jake zog ihn weg und setzte ihn vorsichtig auf dem Weg ab. „Wenn du ihn an der Spitze nimmst und ich am Stamm, können wir ihn zum Auto tragen.“

„Meinst du, dass er reinpasst? Er ist ziemlich groß.“

„Wir transportieren ihn auf dem Dach.“

Es war früher Nachmittag, als Jake in die Straße einbog, die zu Tante Sallys Haus führte. Er hatte noch einen kleinen Zwischenstopp eingelegt und zusätzlich zu den Birnchen weitere Lichterketten gekauft sowie eine Baumspitze, Punsch und etwas Weihnachtsgebäck. Cath hatte im Wagen gewartet, um die Tanne auf dem Dach zu bewachen, und überrascht dreingeblickt, als er mit all den Tüten zurückgekehrt war.

Ja, Jake war zufrieden mit dem Ausflug. Anfangs war Cath zwar ziemlich reserviert gewesen, hatte dann aber immer mehr Spaß an der Suche gefunden und am Ende sogar gelacht. Und wenn sein Gefühl ihn nicht täuschte, würde sie sich gleich ans Baumschmücken machen und nicht, wie beabsichtigt, ein weiteres Zimmer säubern.

Das Klingeln ihres Handys riss ihn aus seinen Gedanken. Sie holte es aus der Handtasche, meldete sich und sah ihn kurz seltsam an, während sie wem auch immer lauschte.

„Ich weiß, Abby. Er ist hier.“

Ihre Freundin wollte sie also warnen. Wie interessant.

„Das Telefon war in meiner Handtasche, die in der Küche lag. Deshalb habe ich es nicht gehört, wenn du angerufen hast.“

Wieder schwieg sie einen Moment.

„Es ist okay“, sagte sie dann.

Bestimmt hatte sich Abby erkundigt, wie es zwischen ihnen lief. Jake unterdrückte den Drang, nach dem Handy zu greifen und ihr zu erklären, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Cath und er würden ihre Probleme allein lösen. Da sie zurzeit jedoch emotionaler als sonst reagierte, musste er besonnen vorgehen. Sie vor den Kopf zu stoßen würde nichts bringen.

Jake parkte das Auto vor dem Haus und stieg aus. Natürlich hätte er darin sitzen bleiben und das Gespräch verfolgen können. Wenn er allerdings den Baum ablud, führte er Cath weiter in Versuchung, sich diesem und nicht dem Hausputz zu widmen.

Sollte sie dennoch an ihrem Plan festhalten, würde er vorschlagen, dass sie sich seines Zimmers annahmen. Er hatte zwar schon in wesentlich schmutzigeren und stickigeren Räumen geschlafen, aber es wäre schön, sich wenigstens ein bisschen willkommen zu fühlen.

„Hilfst du mir, die Tanne ins Haus zu tragen?“, fragte er und spähte ins Wageninnere.

Cath wandte sich zu ihm und runzelte die Stirn. „Oh. Sicher. Abby, ich muss aufhören. Ich rufe dich später an.“

Er konnte ihr Entsetzen darüber, dass er noch da war, fast körperlich spüren. Ärgerlich begann er, den Baum loszubinden. Cath hatte den Vormittag genossen, das wusste er. Doch nun hatte das Telefonat mit ihrer Freundin sie mit aller Macht wieder an ihre Trennungsabsichten erinnert.

Die Zeit verging wie im Flug. In drei Tagen war bereits Weihnachten, und eine Woche später waren ihre Ferien zu Ende. Wenn er nicht bald echte Fortschritte machte, kehrte sie nach Washington zurück, ehe er es recht begriff, und reichte die Scheidung ein. Das musste er unbedingt verhindern.

„Lehnen wir ihn gegen die Mauer“, sagte er, als sie den Baum zum Haus gebracht hatten. „Ich sehe mich mal um, ob ich etwas auftreibe, woraus ich einen Ständer bauen kann.“

„Versuch es im Wagenschuppen. Dort hat Tante Sally das Handwerkszeug und andere Dinge aufbewahrt. Ich hole inzwischen die Sachen aus dem Auto.“

Ja, Caths Stimmung hatte sich verändert. Hätte nur Abby nicht angerufen! Wie gut, dass er jetzt einen Moment für sich hatte, damit er sich wieder beruhigen konnte. Ihr gegenüber die Beherrschung zu verlieren würde ihm nicht weiterhelfen.

Die Situation ist nicht hoffnungslos, und dir bleibt noch genug Zeit, machte er sich Mut, während er sich in dem alten Schuppen umblickte, in dem diverser Kram lagerte. Cath war nicht immun gegen ihn, wie ihm ihre Reaktion gezeigt hatte, als er sie geküsst hatte. Und sie liebte ihn noch immer. Es durfte nicht anders sein.

Nach kurzer Suche entdeckte er mehrere Bretter, fand auch einen Hammer und Nägel und bastelte auf die Schnelle einen Behelfsständer. Ich werde um unsere Ehe kämpfen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue, nahm er sich vor, während er den Wagenschuppen verließ.

„Woher kannst du das?“ Cath hatte die Tüten ins Haus getragen und war neugierig wieder nach draußen gekommen, als sie Jake vor der Tür hatte klopfen hören.

„Das habe ich als Kind gelernt“, antwortete er.

Seine Antwort überraschte sie, denn er redete nur selten über seine Vergangenheit. Im Alter von neun Jahren hatte er seinen Vater verloren. Seine Mutter hatte erneut geheiratet und ihrem zweiten Mann noch mehrere Kinder geschenkt. Leider hatte sein Stiefvater ihn nicht gemocht, weshalb er inmitten seiner fröhlichen Halbgeschwister ziemlich unglücklich gewesen war.

„Ich denke, so wird es gehen.“ Jake richtete den Baum gerade und betrachtete ihn zufrieden. Er blieb gerade stehen, und er stand fest. „Bringen wir ihn zusammen hinein?“

Die Tanne machte sich vortrefflich zwischen den beiden Fenstern und erfüllte den Wohnraum mit ihrem herrlichen Duft. Es schien Cath, als wäre es gleich heimeliger im Zimmer geworden. Ob Tante Sally irgendwo Holz gestapelt hatte? Dann könnten sie im Kamin ein Feuer anzünden. Und vielleicht hatte Jake recht, und es schneite heute sogar noch. Weiße Weihnachten zu haben wäre einfach zu schön.

Was soll ich bloß die nächsten Tage mit ihm tun?, fragte sie sich, während sie beobachtete, wie er den Baum ein wenig drehte, damit man die Lücke nicht sah. Vermutlich löste sich das Problem von selbst. Er würde sich schon sehr bald langweilen und wohl noch vor dem Fest zu einem aufregenderen Ort aufbrechen. Aber ganz sicher würde er sofort abreisen, wenn er den ersten Hinweis auf ein schlagzeilenträchtiges Ereignis erhielt.

„Ich bereite uns einen Imbiss zu“, sagte sie, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, den Baum zu schmücken, und dem Bedürfnis, aus Jakes Nähe zu verschwinden.

Als sie den Flur entlangging, hörte sie sein Handy klingeln. Stand seine Abfahrt unmittelbar bevor? So schnell hatte sie nun doch nicht damit gerechnet. Sie ließ sich Zeit, die Brotscheiben zu belegen, verteilte die Sandwiches auf zwei Teller und hatte kaum zu essen begonnen, als Jake in die Küche kam.

Autor

Barbara McMahon
Barbara McMahon wuchs in einer Kleinstadt in Virginia auf. Ihr großer Traum war es, zu reisen und die Welt kennenzulernen. Nach ihrem College-Abschluss wurde sie zunächst Stewardess und verbrachte einige Jahre damit, die exotischsten Länder zu erforschen. Um sich später möglichst genau an diese Reisen erinnern zu können, schreib Barbara...
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Cara Colter

Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel.
Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...

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