Julia Saison Band 43

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PALAZZO DER HEIMLICHEN SEHNSUCHT von WALKER, KATE
Nach der Hochzeitsnacht mit dem feurigen Unternehmer Vincenzo erfährt Amy, dass ihre Heirat eine Wette war. Tief verletzt verlässt sie ihn. Vier Jahre später kehrt sie nach Venedig zurück, um die Scheidung einzureichen. Doch Vincenzo verweigert seine Unterschrift. Liebt er sie etwa doch?

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ZUR LIEBE ENTFÜHRT von WILKINSON, LEE
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  • Erscheinungstag 04.05.2018
  • Bandnummer 0043
  • ISBN / Artikelnummer 9783733711559
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kate Walker, Liz Fielding, Lee Wilkinson

JULIA SAISON BAND 43

1. KAPITEL

„Das kann nicht sein. Da muss ein Irrtum vorliegen!“

Amy betrachtete das imposante Gebäude vor sich und wurde noch nervöser, als ihr bewusst wurde, wie groß und elegant es war.

Der Fahrer des Wassertaxis überschüttete sie mit einem Wortschwall auf Italienisch und gestikulierte dabei heftig, doch sie verstand nur die Worte Ravenelli und palazzo. Offenbar handelte es sich also tatsächlich um die Adresse, die sie ihm genannt hatte.

Bei ihrem letzten Aufenthalt in Venedig hatte Vincenzo Ravenelli allerdings ein viel kleineres Gebäude bewohnt, das auch für kurze Zeit ihr Zuhause gewesen war.

„Aber Signore“, begann sie zögernd. „Ich …“

Erneut begann der Mann auf sie einzureden und dabei lebhaft zu gestikulieren.

„… ich suche das Haus von Signor Vincenzo Ravenelli. Er …“

„Und das hast du auch gefunden“, ließ sich im nächsten Moment eine tiefe Männerstimme mit einem verführerischen Akzent vernehmen, bei deren Klang ihr immer noch prickelnde Schauer über den Rücken liefen. „Du hast mein Haus und endlich auch mich gefunden, meine süße Ehefrau.“

Zu spät merkte sie, dass die Aufmerksamkeit des Fahrers nicht ihr, sondern dem Mann gegolten hatte, der an der Tür erschienen war.

Panik überkam sie, und einige Sekunden lang erwog Amy, dem Fahrer zu sagen, er solle sofort umkehren. Doch wenn sie vor Vincenzo floh, würde sie ihn nie davon überzeugen können, dass er ihr nichts mehr bedeutete.

Deshalb riss sie sich zusammen und versuchte, gleichmäßig zu atmen, bevor sie sich zu ihm umdrehte und ein gekünsteltes Lächeln aufsetzte.

„Hallo, Vincenzo.“ Erleichtert stellte sie fest, dass sie kühl und distanziert klang und nicht verriet, welches Gefühlschaos in ihr tobte. „Du hast dich überhaupt nicht verändert.“

Sie wünschte, er hätte sich verändert. Oder sie würde ihn nach all den Jahren anders sehen. Aber wie hätte sie sich je der Wirkung seines athletischen Körpers mit der muskulösen Brust, den schmalen Hüften und den langen, durchtrainierten Beinen entziehen können? Der seines tiefschwarzen Haars, das in der Nachmittagssonne wie polierter Onyx schimmerte, seiner dunkelbraunen, von dichten, langen Wimpern gesäumten Augen und seiner hohen Wangenknochen?

Keine Frau, die sie kannte, hätte sich nach einem flüchtigen Blick von diesem Mann abwenden können. Und sie auch nicht – trotz allem, was sie über ihn wusste, trotz des Schmerzes, den er ihr zugefügt hatte, und obwohl er sie so gedemütigt hatte.

„Du … siehst gut aus“, brachte Amy hervor, um Fassung bemüht, da Vincenzo nun aus dem Haus gekommen war und neben dem Boot stand, sodass sie zu ihm aufblicken musste.

„Ich wünschte, das könnte ich auch von dir sagen“, erwiderte er spöttisch. „Aber ich kann dich gar nicht richtig sehen. Also, willst du aussteigen oder den ganzen Nachmittag auf dem Boot bleiben, moglie mia?“

„Ich muss noch bezahlen …“ Nervös begann sie, in ihrer Handtasche zu suchen.

„Du erlaubst?“

Noch ehe sie ihr Portemonnaie öffnen konnte, hatte er einige Scheine gezückt und hielt sie dem Fahrer hin. Offenbar enthielt die Summe ein großzügiges Trinkgeld, denn dessen Augen leuchteten.

„Danke“, brachte Amy hervor. Am liebsten hätte sie protestiert, aber der Fahrer des Wassertaxis hatte bei den Worten moglie mia, meine Ehefrau, aufgehorcht und sie neugierig angesehen, und sie wollte Vincenzo in der Öffentlichkeit keine Szene machen. Sobald sie unter sich wären, würde sie es ihm heimzahlen – in jeder Hinsicht.

Die Reaktion des Fahrers hatte sie daran erinnert, dass der Name Ravenelli in der venezianischen Gesellschaft etwas galt, und zwar nicht nur deshalb, weil die Familie seit über drei Jahrzehnten ebenso exquisite wie teure Glaswaren herstellte und damit ein Vermögen gemacht hatte. Sicher wurde in den Klatschspalten der Boulevardpresse auch oft über den ältesten Sohn berichtet, und deshalb wollte sie keine unnötige Aufmerksamkeit erregen.

Vincenzo hingegen hatte in dieser Hinsicht offenbar keine Skrupel.

„Für dich tue ich doch alles, carissima“, konterte er und übertrieb dabei ganz bewusst.

Als er ihr die Hand entgegenstreckte, um ihr aus dem Wassertaxi zu helfen, erschauerte sie, weil ihr klar war, dass er mit seiner Höflichkeit wohl seine wahren Gefühle überspielte.

„Meine Tasche“, sagte sie, als sie ausstieg und dabei seine ausgestreckte Hand ignorierte. Ihn zu berühren, seine kräftigen, gebräunten Finger zu spüren wäre mehr gewesen, als sie ertragen konnte.

„Guido kümmert sich darum.“

Erst jetzt bemerkte sie den kleinen, stämmigen Mann, der offenbar auf ein Zeichen von ihm hin erschienen war und gerade ihre Reisetasche vom Fahrer entgegennahm.

„Ist das alles?“ Stirnrunzelnd betrachtete Vincenzo das kleine Gepäckstück.

„Alles, was ich mitbringen wollte!“

Sie hatte nicht vor, lange zu bleiben. Allerdings war es nicht nur das. Der vernichtende Blick, mit dem er ihre Reisetasche bedacht hatte, schien die ganze Verachtung und den Spott zu verraten, mit dem er damals ihre Gefühle quittiert hatte.

„Schließlich habe ich fast all meine Sachen hiergelassen.“

„Stimmt. Aber wie kommst du darauf, dass ich sie aufgehoben habe? Hattest du nicht behauptet, du würdest für immer aus meinem Leben verschwinden und niemals zurückkommen?“

„Die Umstände ändern sich eben.“

„Richtig.“

Das flüchtige Lächeln, das Vincenzos Lippen umspielte, jagte ihr wieder einen Schauer über den Rücken.

„Allerdings erinnere ich mich dunkel daran, dass du mir die Tür vor der Nase zugeknallt hast, als ich dir prophezeit habe, dass dies hier passieren könnte, cara. Aber lass uns lieber drinnen weiterreden. Sicher bist du müde nach der Reise und möchtest dich frisch machen.“

„Ich würde gern etwas trinken“, erwiderte Amy in demselben höflich-kühlen Tonfall. „Und ich brauche unbedingt Schatten.“

Wenn sie sich etwas ausgeruht und die Fassung wiedergewonnen hätte, wäre sie vielleicht in der Lage, ihm den Grund für ihr Erscheinen zu erklären. Aber nicht jetzt. Seine unerwartete Reaktion hatte sie völlig entmutigt.

Mit dieser Gleichgültigkeit hätte sie niemals gerechnet. Vielmehr hatte sie erwartet, dass Vincenzo sich genauso verhalten würde wie sie vor vier Jahren, als er ihr nach England gefolgt war und darauf bestanden hatte, mit ihr zu reden.

Schockiert darüber, dass er sie so schnell ausfindig gemacht hatte, und voller Kummer, weil er sie derart gedemütigt hatte, war sie in Panik geraten und hatte ihm die Tür vor der Nase zugeknallt, als er vor dem Haus ihrer Mutter stand. Noch immer verfolgte jenes Geräusch sie in ihren Träumen.

„Dann komm rein.“ Er trat beiseite, um sie vorgehen zu lassen. „Willkommen in meinem Zuhause.“

Zögernd betrat Amy den Palazzo und bereute einen flüchtigen Moment lang, nicht im Wassertaxi geblieben zu sein. Was mochte Vincenzo jetzt mit ihr vorhaben?

In der Eingangshalle blieb sie unvermittelt stehen und blickte sich schockiert und fasziniert zugleich um.

Der polierte Marmorfußboden zu ihren Füßen schimmerte wie matte Korallen. Der einzige Schmuck an den hohen cremefarbenen Wänden war ein Spiegel in einem prächtigen Goldrahmen, unter dem ein passender Tisch stand. Die dunklen Läden vor den großen Fenstern waren geschlossen, ließen jedoch vereinzelte Sonnenstrahlen hindurch, und von draußen hörte man das leise Plätschern des Wassers im Kanal.

„Es ist wunderschön!“, erklärte sie begeistert. „Und so groß! Es wirkt gar nicht wie ein Haus, sondern eher wie eine Kathedrale. Seit wann wohnst du hier?“

Vor vier Jahren hatte Vincenzo ein Apartment in einem anderen Teil der Stadt besessen – eine große, elegante, luxuriöse Wohnung zwar, aber nichts im Vergleich zu diesem prachtvollen Domizil.

„Das hier ist unser Familiensitz.“

Irgendetwas an seinem Tonfall verstärkte ihre Anspannung derart, dass Amy herumwirbelte.

„Mein Vater ist letztes Jahr gestorben“, fuhr er kühl fort, als wollte er jegliches Mitgefühl im Keim ersticken. „Er hat mir das Haus vermacht. Außerdem die Weinberge und das gesamte Unternehmen.“

Schockiert blickte sie ihn an. „Alles?“

Er war schon damals vermögend gewesen. Wenn er nun auch das Unternehmen seines Vaters besaß, gehörte er vermutlich zu den Multimillionären.

„Ja“, bestätigte er mit einer jener verächtlichen Kopfbewegungen, die so typisch für ihn waren. „Du bist jetzt die Frau eines sehr reichen Mannes.“

Seine lässigen Worte ließen sie ihren Entschluss, nicht die Fassung zu verlieren, vergessen.

„Ich war nie wirklich deine Frau!“, brauste sie auf. „Unsere Ehe war von Anfang bis Ende eine einzige Lüge. Machst du das immer so, Vincenzo?“

„Amy!“, sagte er mit einem drohenden Unterton.

„Musst du Frauen immer mit Lügen ins Bett locken? Kannst du nicht …?“

„Das reicht, Amy!“

Sein zorniger Gesichtsausdruck und das kalte Funkeln seiner Augen machten ihr bewusst, wie weit sie sich vorgewagt hatte. Sei vorsichtig, ermahnte sie sich. Wenn sie sich Vincenzo zum Feind machte, würde er überhaupt nicht auf ihr Anliegen eingehen. Allerdings schmerzten die Erinnerungen so sehr, dass sie sich nicht hatte beherrschen können.

„Ich …“, begann Amy, doch er hatte sich schon abgewandt.

„Guido.“

Erst als sie sich umdrehte, bemerkte sie seinen Angestellten, der am Fuß der breiten Marmortreppe stand und offenbar alles mitgehört hatte. Deshalb hatte Vincenzo so wütend reagiert.

„Bringen Sie die Tasche der Signora nach oben. Ins Blaue Zimmer.“

„Aber …“ Das war nicht geplant gewesen. „Ich bleibe nicht hier.“

Nun musterte Vincenzo sie spöttisch. „Wo solltest du denn sonst wohnen?“, erkundigte er sich eisig.

„Na ja, ich … dachte, in einem … Hotel.“

Er quittierte ihre Worte mit einer arroganten Geste. „Du bist meine Frau und wohnst hier. Guido …“

Der Angestellte befand sich allerdings schon auf dem Weg nach oben, anscheinend um sich nicht auch noch seinen Zorn zuzuziehen.

Sekunden später wünschte Amy, sie wäre ihm gefolgt, denn nun umfasste Vincenzo ihr Handgelenk und führte sie durch eine der hohen Türen in ein elegantes Wohnzimmer.

Nachdem er die Tür mit dem Fuß geschlossen hatte, blieb er mitten im Raum stehen und drehte sich zu Amy um, ohne sie loszulassen.

„Mir ist klar, dass wir über vieles reden müssen, bella mia, aber das werden wir später unter vier Augen tun. Schließlich braucht niemand zu erfahren, warum du die letzten vier Jahre nicht bei mir gelebt hast.“

„Stimmt“, räumte sie mit bebender Stimme ein.

Hatte sie nicht genau aus dem Grund allen verschwiegen, dass sie verheiratet war? Selbst ihre Mutter ahnte nicht, dass die Reise, die sie ihr damals zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte, so geendet hatte.

Genau wie alle anderen in England wusste Sarah Redman nicht, wie naiv sie damals gewesen war. Ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen, dachte Amy.

„Dann sind wir uns ja einig. In der Öffentlichkeit bist du meine Frau und verhältst dich auch so.“

Offenbar hatte sie ihn in seinem Stolz verletzt, denn Vincenzo Ravenelli hielt sich für den Besten, den Einflussreichsten und den Erfolgreichsten überhaupt – den Mann, dem die Welt zu Füßen lag und dessen Leben in jeder Hinsicht perfekt war.

Seine Ehe ausgenommen.

Dies war der richtige Zeitpunkt, ihm den Grund für ihr Erscheinen zu nennen. Ihm zu sagen, dass sie sich von ihm scheiden lassen wollte.

Doch als Amy dazu ansetzte und die mühsam unterdrückte Wut in seinen dunklen Augen sah, verließ sie der Mut.

„Und wenn wir allein sind?“, hakte sie deshalb heiser nach.

Vincenzo betrachtete ihr Gesicht und ließ den Blick schließlich auf ihren Lippen ruhen, wobei der Ausdruck in seinen Augen nun ungezügeltes Verlangen verriet.

„Wir werden sehen, cara mia. Ich habe vier lange Jahre darauf gewartet, dass du zur Vernunft kommst und zu mir zurückkehrst. Deswegen kann ich mich jetzt auch noch gedulden.“

Langsam ließ er die Finger über ihre Wange gleiten und strich dabei so verführerisch mit dem Daumen über ihre Lippen, dass sie diese unwillkürlich öffnete und einen schockierten Laut ausstieß.

„Siehst du?“ Er lächelte triumphierend. „Wir kommen uns schon näher. Du wirst dich bald daran erinnern, wie es damals zwischen uns war.“

Vincenzo dachte also tatsächlich, er bräuchte nur abzuwarten und sie würde irgendwann reumütig zu ihm zurückkehren. Aber eher würde sie sterben, als ihn länger in diesem Irrglauben zu lassen! Sie würde ihm jetzt sagen, warum sie hier war.

Doch gerade als sie es ihm entgegenschleudern wollte, neigte er den Kopf und küsste sie so zärtlich, dass es sie bis ins Innerste berührte. Nachdem er sich wieder von ihr gelöst hatte, seufzte sie und wusste selbst nicht, ob vor Entzücken oder aus Enttäuschung.

„Du erinnerst dich, stimmt’s?“ Sein Atem fächelte ihre Wange. „Wie es früher war. Und wie es wieder sein könnte.“

„Wie es war?“ Amy zuckte zurück und funkelte ihn zornig an. „Du meinst die körperliche Anziehungskraft, die mich fälschlicherweise hat glauben lassen, ich würde mehr für dich empfinden? Ich wollte eine Affäre, und da kamst du gerade richtig. Falls du gedacht hast, es wäre mehr, hast du dich gründlich getäuscht!“

Enttäuscht beobachtete sie, wie er nun noch arroganter lächelte. Am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst.

„Das Kätzchen hat also doch Krallen“, sagte er leise. „Umso besser. Ich hätte gar nicht gewollt, dass du es mir so einfach machst.“

„Was … soll das heißen?“

„In Herzensangelegenheiten kann die Jagd genauso aufregend sein wie der Augenblick der Inbesitznahme. Die Verzögerung steigert nur das Verlangen. Deswegen kämpf nur gegen mich. Aber irgendwann wirst du mir erliegen, und dann wird es umso schöner sein.“

„Niemals!“, brachte sie hervor und rang mühsam um Fassung, als er schallend lachte.

„Du machst dir etwas vor, meine süße Amy. Du weißt es, und ich tue es auch. Wir gehören zusammen. Die einzige gemeinsame Nacht – unsere Hochzeitsnacht – hat es mir bewiesen.“

Aber weitere Nächte wird es nicht geben, sagte sie sich grimmig. Ihre Ehe hatte weniger als vierundzwanzig Stunden später geendet, und sie war fest entschlossen, nun einen Schlussstrich zu ziehen.

Zuerst allerdings wollte sie sich Genugtuung verschaffen und diesen überheblichen Mistkerl mit seinen eigenen Waffen schlagen.

Erst dann würde sie ihm die Wahrheit sagen.

2. KAPITEL

„Ich würde jetzt gern etwas trinken.“ Betont distanziert löste Amy sich aus seinen Armen und wich zurück, um so viel Abstand wie möglich zwischen Vincenzo und sich zu bringen. Dabei strich sie sich automatisch das Haar glatt, durch das er die Finger hatte gleiten lassen. „Und ich bin müde …“

Er lächelte wissend, nickte jedoch zu ihrer Erleichterung. „Was möchtest du? Tee? Mineralwasser? Ich lasse es dir auf dein Zimmer bringen, ja?“

Mein Zimmer?“, wiederholte sie scharf.

„Natürlich hast du ein eigenes Zimmer, cara mia. Wir wissen beide, warum du hier bist, aber ich möchte dir etwas Zeit zum Eingewöhnen geben. Schließlich waren wir nur kurz zusammen und lange getrennt und müssen uns erst wieder kennenlernen.“

Sie hatte überhaupt nicht das Bedürfnis, ihn besser kennenzulernen, denn sie wusste alles über ihn, was sie wissen musste – dass sich hinter seinem gewandten Äußeren ein abscheulicher Mensch verbarg. Nie wieder würde sie sich von seiner Fassade täuschen lassen!

„Ja, ich würde mich gern zurückziehen“, erwiderte sie. „Ich möchte mich frisch machen und mich eine Weile ausruhen.“

„Natürlich.“

Der Raum, in den er sie führte, war wunderschön – ganz in gedämpften Blau- und in Cremetönen gehalten, mit kunstvoll gewischten Wänden und einer hohen Decke. Ein großes Bett, das mit edler Damastwäsche bezogen war und auf dem zahlreiche weiche Kissen drapiert waren, versprach tiefen, entspannenden Schlaf.

Zu ihrer Linken führte eine halb offene Tür zu einem angrenzenden Bad, und auf der gegenüberliegenden Seite schien die Frühlingssonne durch die hohen Fenster mit Vorhängen aus demselben Stoff wie der Bettüberwurf. Die Atmosphäre hätte zu der im Norden Englands, wo es wolkenverhangen und regnerisch gewesen war, unterschiedlicher nicht sein können.

„Es ist schön!“, meinte Amy ausdruckslos, weil sie sich verpflichtet fühlte, etwas zu sagen.

„Deine Begeisterung ist wirklich überwältigend“, bemerkte Vincenzo.

„Du kennst mich ja …“ Sofort verstummte sie, erschrocken über ihre Wortwahl. Das Lächeln, das nun seine sinnlichen Lippen umspielte, und das Funkeln in seinen dunklen Augen ließen sie erröten und ihr Herz schneller schlagen. „Ich finde diese ganze Pracht etwas unpersönlich. Ich habe es lieber etwas schlichter und gemütlicher wie …“

„Wie mein Apartment“, warf er leise ein.

„Nein, ich meinte das Haus meiner Mutter!“

Sie wollte nicht an sein Apartment denken, in dem sie ihre Hochzeitsnacht verbracht hatte. Gleich nach ihrem Kennenlernen am Anfang ihres Urlaubs hatte er sie dort mit hingenommen, und sie hatte sich sofort wohlgefühlt. Es war lichtdurchflutet und anheimelnd gewesen – und voller Liebe, wie sie geglaubt hatte, ihr zukünftiges Zuhause.

„Das Haus deiner Mutter!“, wiederholte Vincenzo ärgerlich. „Ich durfte es ja nie betreten, geschweige denn deine Mutter kennenlernen.“

„Du warst außer dir vor Zorn! Es wäre dumm von mir gewesen, dich reinzulassen.“

Den wahren Grund würde sie ihm niemals nennen können. Sie hatte gefürchtet, die Erinnerungen daran würden sie bis an ihr Lebensende verfolgen, wenn er das Haus einmal betreten hätte.

„Außerdem war unsere Ehe beendet. Ich habe also keinen Sinn darin gesehen, dich mit meiner Mutter bekannt zu machen.“

„Unsere Ehe war nicht beendet!“

„Du hast mich belogen!“ Amy hörte selbst, wie viel Schmerz aus ihren Worten und ihrem Tonfall sprach. „Dein Ehegelübde war eine Farce.“

„Ich habe jedes Wort ernst gemeint“, erklärte er kühl. „Bis der Tod uns scheidet. Und genau deswegen ist unsere Ehe nicht beendet und wird es auch nie sein.“

„Was?“ Ihr schwirrte der Kopf, und sie sehnte sich danach, sich einfach auf das Bett fallen zu lassen. Allein ihr Stolz hielt sie davon ab und zwang sie, Vincenzo in die Augen zu sehen. „Niemals?“

Wieder machte er eine arrogante Geste. „Ich bin Italiener, cara. Unsere Religion verbietet die Scheidung. Das hast du gewusst, als du mich geheiratet hast, und es gilt heute immer noch. Für mich ist die Ehe für die Ewigkeit.“

„Ich …“

Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn einen zusammenhängenden Satz über die Lippen bringen. Und es wurde noch schlimmer, als sie den Ehering an seiner linken Hand bemerkte – den schlichten, breiten Goldreif, den sie ihm damals überglücklich angesteckt hatte.

Ihr Ring war weg. In ihrem unbändigen Kummer und Zorn hatte sie ihn Vincenzo am Tag nach der Hochzeit entgegengeschleudert und sich geweigert, ihn je wieder zu tragen. Er hingegen hatte seinen behalten. Und anscheinend wollte er die Verbindung aufrechterhalten, obwohl er derjenige war, der ihre Ehe zerstört hatte.

Sie konnte ihre Hoffnungen also begraben.

„Du bist meine Frau“, bekräftigte er. „Daran hat sich nichts geändert, auch wenn wir vier Jahre getrennt waren. Und jetzt bist du wieder hier …“

„Vincenzo!“, unterbrach sie ihn verzweifelt und vergaß in ihrer Panik alle Rachegelüste. Sie musste es ihm sagen, und zwar sofort. „Vincenzo, bitte!“

Doch auch diesmal verlor sie den Mut, sobald sie ihm in die Augen blickte.

„Bitte …“, begann sie wieder mit bebender Stimme. „Ich möchte mich hinlegen. Können wir … später darüber reden?“

Vincenzo lächelte spöttisch. „Natürlich. Aber lass mich nicht zu lange warten. Wenn ich sehe, wie schön du geworden bist …“

„Oh, ich …“

„Du brauchst es nicht abzustreiten“, fiel er ihr ins Wort, denn offenbar hatte er sie falsch verstanden. „Vor vier Jahren warst du ein hübsches junges Mädchen, aber jetzt bist du eine richtige Frau – selbst wenn du deine Schönheit mit so unvorteilhaften Sachen wie diesen hier zu kaschieren versuchst.“

Verächtlich strich er über ihr ärmelloses graues Leinenkleid. Als sie protestieren wollte, hielt er jedoch einen Moment inne, und als er die Hand weitergleiten ließ, war seine Berührung ausgesprochen sinnlich.

„Es ist eine Sünde, einen Körper wie diesen mit langweiligen Farben und harten Stoffen zu verhüllen“, sagte er rau.

Genau deswegen hatte sie sich auch für dieses Kleid entschieden. Als sie es ihm sagen wollte, brachte Amy allerdings kein Wort über die Lippen, so sehr schlugen sein Tonfall und seine Liebkosung sie in seinen Bann.

„Amy, cara mia, wir haben schon viel zu viel Zeit vergeudet.“

„Nein.“

„Doch.“ Langsam neigte er wieder den Kopf, bis sein Mund ihre Stirn streifte. „Warum kämpfst du noch dagegen an?“

Nun ließ er die Lippen über ihre Schläfen, ihre geschlossenen Lider und ihre Wangen gleiten. Hitze flammte in ihr auf, ihr Widerstand schmolz dahin; sie fühlte sich ganz benommen.

Als sie seine Hände auf den Schultern und dann am Hals spürte, erfasste sie ein nie gekanntes ursprüngliches Verlangen, und sehnsüchtig drängte sie sich ihm entgegen.

„Vincenzo …“, brachte sie hervor, und wie aus weiter Ferne drang sein Lachen an ihr Ohr.

„Ich weiß, cara. So sollte es sein.“

Dann küsste er sie so zärtlich, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen und nur noch reagieren konnte. Sie erwiderte das lockende Spiel seiner Zunge und spürte dabei, wie sein Verlangen ihres noch mehr entfachte.

Plötzlich lag sie in seinen Armen, spürte seine Körperwärme und seine Erregung, nahm nichts mehr wahr außer seiner Kraft, seinem maskulinen Duft und seinem leidenschaftlichen Kuss.

Das Blut rauschte ihr in den Ohren, während er eine ihrer Brüste umfasste und sie die Hitze seiner Hand spürte. Die andere hatte er ihr ins Haar geschoben und bog ihren Kopf nach hinten, um sie noch tiefer küssen zu können.

Sobald er die aufgerichtete Spitze mit dem Daumen zu liebkosen begann, loderte ungezähmte Begierde in ihr auf, und Hitzewellen durchfluteten ihren Schoß.

„Vincenzo …“, sagte sie wieder und seufzte dann sehnsüchtig.

„Amy, bellissima!“

Er klang genauso erregt, wie sie es war.

„Warum tust du uns das an? Ich hätte dich niemals gehen lassen dürfen. Aber wenn ich dich diesmal nehme, bleibst du für immer bei mir. Ich lasse dich nie wieder gehen.“

Wenn ich dich diesmal nehme … lasse ich dich nie wieder gehen.

Seine Worte brachten sie unvermittelt auf den Boden der Tatsachen zurück. Panik ergriff sie und löschte das Verlangen sofort aus. Ihr Magen krampfte sich zusammen.

„Nein …“ Verwirrt und ängstlich zugleich stöhnte Amy, während ihr Verstand mit ihrem Instinkt kämpfte.

„Doch, meine Frau.“

Sein nachdrücklicher Tonfall bewies, dass sie genauso gegen Vincenzo wie gegen sich selbst kämpfen musste, wenn sie gewinnen wollte.

„Nein!“, rief sie, woraufhin er sich merklich anspannte und mitten in der Bewegung verharrte. „Vincenzo, nein!“, versuchte sie es wieder und stellte dann erleichtert fest, dass sie endlich zu ihm durchgedrungen war.

Er hörte auf, Küsse auf ihren Hals zu hauchen, und hob den Kopf, um sie ungläubig anzusehen.

„Bitte nicht … Vincenzo, ich … bin jetzt noch nicht bereit dafür.“

Zum Glück nahm er ihre unbeholfene Erklärung so hin. Beinah sofort straffte er sich und lockerte seinen Griff. Nur die Tatsache, dass er scharf einatmete und seine Hand ein wenig zitterte, als er sich durchs Haar strich, verriet seine innere Anspannung.

„Verstehe“, erwiderte er rau. „Es ist noch zu früh. Der richtige Zeitpunkt wird bald kommen.“

Von wegen! Eher gefriert die Hölle!

Einen schrecklichen Moment lang glaubte Amy, sie hätte dies nicht nur gedacht, sondern ausgesprochen. Vincenzo hätte es als Herausforderung betrachtet und dann seinen ganzen Charme spielen lassen. Und momentan war sie zu mitgenommen, um sich auch nur ansatzweise dagegen wehren zu können.

Erleichtert beobachtete sie, wie er nun die Hände sinken ließ.

„Ich lasse dich jetzt erst mal allein. Jemand bringt dir gleich etwas zu trinken.“

Sie murmelte etwas Unverständliches und registrierte nur nebenbei, dass er den Raum verließ. Erst nachdem er die Tür hinter sich zugeknallt hatte, sank sie auf den nächsten Stuhl. Ihr Herz pochte wie wild, und in ihre Erleichterung mischte sich ein schmerzliches Gefühl des Verlusts, eine Sehnsucht nach dem, was hätte sein können.

Doch es war nur Verlangen gewesen, nichts anderes. Damit hatte Vincenzo sie auch damals in die Falle gelockt und sein goldenes Netz um sie gewoben.

Allerdings hatte sie es damals, jung und naiv, wie sie war, mit Liebe verwechselt. Sie hatte geglaubt, die übermächtige körperliche Anziehungskraft und die brennende Leidenschaft zwischen ihnen hätten etwas mit Gefühlen zu tun. Jetzt wusste sie es besser.

Und neben seinem Verlangen nach Sex beherrschte ihn der Wunsch zu besitzen.

Wenn ich dich diesmal nehme … lasse ich dich nie wieder gehen.

Sie hatte immer gewusst, dass Macht und Reichtum ihm wichtig waren. Obwohl oder gerade weil er einmal seinen Vater beerben würde, hatte er selbst ein Vermögen gemacht. Es schien, als würde alles, was er anfasste, zu Gold werden – und alles, was er anfasste, behielt er auch, egal, ob es Geld, Unternehmen oder Menschen waren.

Erst nach ihrer Rückkehr nach England hatte sie herausgefunden, wie einflussreich Vincenzo wirklich war. Beherrscht von einem fast selbstzerstörerischen Drang, hatte sie alles über ihn gelesen, was ihr in die Hände fiel.

So hatte sie von seinem Ruf erfahren, dass er sowohl privat als auch beruflich immer nur das Beste wollte. Und dies traf auch auf die Leute zu, die für ihn arbeiteten. Ein Job bei Ravenelli war einer fürs Leben, hatte David ihr erzählt.

David. Bei dem Gedanken an ihn fiel Amy ein, dass sie ihrem Chef versprochen hatte, sich nach ihrer Ankunft in Italien zu melden. Deshalb zog sie ihre Handtasche heran, nahm ihr Handy heraus und wählte seine Nummer.

„Hier ist das Büro von Mr. Brooke“, meldete sich ihre Vertretung von der Zeitarbeitsfirma.

„Hallo, hier ist Amy Redman. Könnte ich bitte mit David sprechen?“

„Tut mir leid, Mrs. Redman, aber Mr. Brooke ist momentan nicht im Büro. Er sagte, falls Sie anrufen, möchten Sie bitte eine Nachricht hinterlassen.“

„Oh …“

Was sollte sie sagen? David dachte, sie würde Urlaub machen. Er war nicht begeistert gewesen, als sie so kurzfristig freigenommen hatte, denn er plante gern im Voraus.

So hatte sich in letzter Zeit abgezeichnet, dass er sie bald fragen würde, ob sie mit ihm ausgehen wollte. Da sie inzwischen seit drei Jahren für ihn arbeitete, kannte Amy seine Stimmungen und hatte die Veränderungen in seinem Verhalten und die versteckten Andeutungen sehr wohl bemerkt.

Sie würde ihm jedoch keine falschen Hoffnungen machen, denn er war zwar ein guter Chef, aber überhaupt nicht ihr Typ. Allerdings hatten seine Avancen sie veranlasst, Bilanz zu ziehen und sich zu fragen, wie lange sie noch so weitermachen wollte.

Nach ihrer kurzen Ehe mit Vincenzo war sie keine Beziehung mehr eingegangen. Aber vielleicht war dies der richtige Zeitpunkt, um einen Neuanfang zu wagen. Schließlich gab es noch genügend andere Männer. Sie konnte sich jedoch erst ein neues Leben aufbauen, wenn sie einen Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen hatte.

„Ich habe versprochen, ihm Bescheid zu sagen, wenn ich gut angekommen bin“, erklärte Amy der Sekretärin. David hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er sie vielleicht irgendwann brauchen würde, weil er von den Zeitarbeitskräften nicht viel hielt. „Würden Sie ihm bitte ausrichten, dass ich heute Abend vielleicht ausgehe und er mich dann nicht erreicht?“

Auf keinen Fall sollte ihr Handy klingeln, wenn sie mit Vincenzo zusammen war. Dieser Abend würde schon schwierig genug werden. Außerdem brauchte Vincenzo nichts über ihr Leben in England zu erfahren.

Sie hatte mit ihm abgeschlossen. Zumindest hatte sie es so gesehen, als sie sich vorgenommen hatte, nach Venedig zu fliegen. Mit seiner Reaktion hatte er ihre Hoffnungen auf eine kurze und schmerzlose Scheidung zunichtegemacht.

Trotz der Wärme im Zimmer fröstelte sie plötzlich. Sie saß immer noch in der Falle.

Doch sie war hierhergekommen, um ihre Freiheit zurückzugewinnen. Ohne diese konnte sie sich kein neues Leben aufbauen und kein neues Glück finden. Irgendwie musste sie Vincenzo dazu bringen, sie gehen zu lassen – nur wie?

3. KAPITEL

Auch vierundzwanzig Stunden später wusste Amy keine Antwort auf diese Frage. Und sie hatte allmählich das Gefühl, dass das goldene Netz, das Vincenzo damals um sie gesponnen hatte, sich wieder um sie schloss.

Es hatte am Vorabend angefangen, als sie den Kleiderschrank öffnete und eine Entdeckung machte, die sie zutiefst schockierte.

Sie hatte sich geärgert, weil Vincenzos Familie sich zum Abendessen immer umzog und sie nichts Passendes mitgenommen hatte. Allerdings hatte sie in ihrer Naivität auch nur vorgehabt, mit ihm zu sprechen und dann …

„Und dann was?“, überlegte sie laut, während sie sich in dem goldgerahmten hohen Spiegel an der Wand gegenüber vom Bett betrachtete.

Hatte sie wirklich geglaubt, ihr Ehemann würde die Scheidungspapiere entgegennehmen und bereitwillig unterzeichnen?

Dann musste sie geträumt haben.

„Und was soll ich jetzt tun?“, fragte Amy ihr Spiegelbild.

Ihr blieb offenbar nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und jeden Vorteil zu nutzen, der sich ihr bot.

Umso mehr wünschte sie, sie hätte etwas Passendes zum Anziehen mitgenommen. Während sie mit Vincenzo unten war, hatte eine seiner Angestellten ihre kleine Reisetasche ausgepackt. So hatte sie die schwere, mit Schnitzereien verzierte Tür des riesigen Kleiderschranks geöffnet und damit gerechnet, ihre wenigen Habseligkeiten darin vorzufinden.

Beim Anblick des Inhalts hatte ihr jedoch der Atem gestockt, und ihr Herz hatte sich zusammengekrampft.

„Schließlich habe ich fast all meine Sachen hiergelassen.“ Noch immer hatten ihre wütenden Worte ihr in den Ohren geklungen.

„Aber wie kommst du darauf, dass ich sie behalten habe?“, hatte Vincenzo gekontert.

Ungläubig hatte sie die Sachen betrachtet, die er ihr in jenen ebenso intensiven wie aufregenden Wochen zwischen ihrer ersten Begegnung und ihrer Heirat gekauft hatte.

„Oh nein!“, hatte sie gequält hervorgebracht. „Nein, nein, nein!“

Sie hatte sich nicht ausmalen mögen, was es womöglich bedeutete. Warum hätte er ihre Kleidung behalten, geschweige denn im Schrank hängen lassen sollen? Jedes Teil war gereinigt und mit einer Schutzhülle bedeckt gewesen. Der ganze Schrank hatte ausgesehen, als wäre sie erst an dem Morgen abgereist.

Deswegen hatte es sie auch nicht gewundert, als sie sich vor dem Einschlafen lange unruhig hin und her gewälzt und dann prompt von ihrem ersten Aufenthalt in Venedig, ihrer Begegnung mit Vincenzo und den fatalen Folgen geträumt hatte.

Ein Monat in Italien. Für sie war es das perfekte Geschenk zum einundzwanzigsten Geburtstag gewesen, das sie nach den vergangenen traumatischen sechs Monaten dringend brauchte. Zuerst war sie sich allerdings nicht sicher gewesen, ob sie die Reise wirklich antreten sollte.

Während sie nun in ihrem Bett in Vincenzos Palazzo lag, ging ihr alles noch einmal durch den Sinn …

„Ich kann dich jetzt nicht allein lassen, Mum“, sagte sie zu ihrer Mutter. „Du brauchst mich.“

Sarah Redman wollte jedoch keine Einwände hören.

„Ich muss irgendwann lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, Schatz! Außerdem brauchst du unbedingt eine Auszeit. Du hast im letzten halben Jahr so viel für mich getan. Ich möchte mich auf diese Weise bei dir bedanken. Ich bin sehr stolz auf dich – und dein Vater wäre es auch gewesen.“

Wie immer in dieser Zeit, wenn sie an ihren Vater dachte, machte Amy ein finsteres Gesicht. Als dieser sechs Monate zuvor ganz plötzlich einem schweren Herzinfarkt erlag, war sie wie ihre Mutter am Boden zerstört gewesen.

Danach war es allerdings noch schlimmer gekommen. Auf der Beerdigung hatten sie erfahren, dass ihr Vater nicht nur eine Geliebte, sondern auch noch andere Kinder hatte.

Sein Fremdgehen hatte Amy als furchtbar genug empfunden. Aber die Tatsache, dass er noch zwei Töchter hatte, von denen eine fast genauso alt war wie sie, war für sie unfassbar gewesen. Angeblich hatte ihr Vater sich nie Kinder gewünscht, und sie wäre nur ein Unfall gewesen.

„Ich werde Dad nie verzeihen, was er dir – uns beiden – angetan hat! Genauso gut hätte er zu uns sagen können: ‚Ihr seid mir nicht wichtig. Das hier ist meine richtige Familie.‘“

„Es ist vorbei“, hatte ihre Mutter gesagt und geseufzt. „Mit Wut und Bedauern ändern wir nichts mehr daran. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass es unser Leben überschattet. Dieser Urlaub soll ein Neuanfang sein. Ich möchte dich wieder lächeln sehen. Du sollst nach Italien gehen und deinen Horizont erweitern.“

Und dann war sie Vincenzo begegnet.

Sie würde niemals erfahren, warum sie ausgerechnet Venedig als Ausgangspunkt für ihre Reise gewählt und sich dann ein Zimmer in dem Hotel genommen hatte, in dem Salvatore Cristaldi als stellvertretender Geschäftsführer arbeitete. Von Anfang an hatte er versucht, sie ins Bett zu bekommen, denn er glaubte offenbar, jede allein reisende Frau würde eine Affäre suchen.

Schon nach ihrem ersten Rendezvous war sie für sein attraktives Äußeres und seinen Charme allerdings nicht mehr so empfänglich gewesen. Wenn er nicht bekam, was er wollte, war er unangenehm geworden, und sie hatte ihn energischer in seine Schranken weisen müssen, als sie es sonst gewohnt war.

Und dann hatte er sie mit Vincenzo bekannt gemacht.

Sie hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt und im siebten Himmel geschwebt. Als sie nach einigen Tagen wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte sie festgestellt, dass nichts mehr so war wie vorher und es auch nie wieder sein würde.

„Du hast sie nicht geheiratet, oder?“ Auch nach all den Jahren hörte sie Salvatores Stimme ganz deutlich. „Dio mio, Vincenzo! So weit musstest du doch nicht gehen!“

Hätte Vincenzo nur gewusst, dass er sie nicht zu heiraten brauchte, um zu bekommen, was er wollte. Als er um ihre Hand anhielt, waren ihre Gefühle für ihn so stark gewesen, dass sie ihm alles gegeben hätte. Zuerst hatte sie allerdings noch zu sehr unter der Enttäuschung durch ihren Vater gelitten, und sie hatte Angst gehabt und geglaubt, kein Mann würde bei ihr bleiben, wenn sie mit ihm schlief. Deswegen hatte sie behauptet, sie würde nur mit einem Mann ins Bett gehen, wenn er sie zur Frau nahm.

Und Vincenzo schien es zu verstehen. Er zeigte ihr genauso deutlich wie Salvatore, dass er mit ihr schlafen wollte, zog sich aber zurück, als sie ihn darum bat.

„Ich weiß, wie du empfindest“, sagte er an einem lauen Abend, als sie von einem Besuch am Lido nach Venedig zurückfuhren. „Es kann einem Angst machen, wenn man solche Gefühle entwickelt. Du triffst jemanden, der deine ganze Welt auf den Kopf stellt, und weißt nicht, wie du damit umgehen sollst.“

„Es ging alles so schnell“, räumte Amy ein. Als sie ihm in die dunklen Augen blickte, war ihr klar, warum. Seit ihrer ersten Begegnung wollte sie nur mit ihm zusammen sein. „Und mehr als die Hälfte meines Urlaubs ist schon vorbei“, fügte sie traurig hinzu. „Nur noch zehn Tage …“ Da ihre Augen sich mit Tränen füllten, senkte sie schnell den Kopf. „Ich möchte nicht abreisen …“

„Dann tu es nicht“, erwiderte er rau und beugte sich so dicht zu ihr herüber, dass sein warmer Atem ihr Ohr fächelte. „Bleib hier – als meine Frau.“

„Vincenzo!“ Unvermittelt hob sie den Kopf und blickte Vincenzo fassungslos an. „Lass das bitte, es ist nicht fair! Ich glaube einfach nicht …“ Sie verstummte, als er ihr Kinn umfasste.

„Du solltest es aber glauben, cara mia, denn ich habe noch nie gelogen. Wenn ich sage, dass ich noch nie so für eine Frau empfunden habe, ist es die Wahrheit.“

„Du … meinst es also ernst?“

„Jedes Wort“, versicherte er rau. „Ich will dich, Amy Redman. Ich begehre dich mehr als alle anderen Frauen, denen ich begegnet bin. Ich kann nicht mehr schlafen und nicht mehr arbeiten. Mein Verlangen quält mich Tag und Nacht, bis ich denke, ich verliere den Verstand, wenn du mich verlässt. Ich weiß, dass es noch zu früh ist, weil wir uns kaum kennen, aber ich möchte nicht, dass du nach England zurückkehrst und aus meinem Leben verschwindest.“

Von dem Moment an befand sie sich in einem wahren Glückstaumel, und es schien ihr, als würde sie in einer Traumwelt leben. Sie nahm es sogar hin, dass Vincenzo sie so schnell wie möglich heiraten wollte und auf einer Feier im kleinen Kreis bestand, denn für sie war ein Märchen wahr geworden.

„Unserer Familie und unseren Freunden können wir es später erzählen“, begründete er seine Absicht. „Dann feiern wir noch einmal im großen Stil.“

Sie erklärte sich mit allem einverstanden. Schließlich heiratete sie den wundervollsten Mann der Welt, und das in der schönsten Stadt der Welt. Ihre Mutter würde sie verstehen und sich mit ihr freuen.

Ihr überschäumendes Glück hielt jedoch nur noch wenige Tage an. Sie genoss die Hochzeit, das anschließende Essen im Beisein ihrer Trauzeugen, und ihre Hochzeitsnacht war schöner, als sie es sich je erträumt hätte. Vincenzo erwies sich als der perfekte Liebhaber – leidenschaftlich und rücksichtsvoll zugleich. Der Verlust ihrer Unschuld war nur ein unangenehmer Moment, den sie in der darauf folgenden Ekstase schnell vergaß.

Selig schlief sie danach eng an Vincenzo gekuschelt ein. Nach einer langen, traumlosen Nacht wachte sie voller Vorfreude auf den ersten Tag an seiner Seite auf.

Irgendein Geräusch hatte sie geweckt. Gähnend rieb sie sich die Augen und krauste die Stirn, als sie sah, dass sie allein im Bett lag. Beim Einschlafen hatte sie Vincenzos Wärme und seinen muskulösen Körper gespürt.

Nun wollte sie so schnell wie möglich wieder in seiner Nähe sein, beobachten, wie seine Augen funkelten, bevor er sie in die Arme schloss.

Da aus dem Wohnzimmer Stimmen kamen, ging sie dorthin. Die Tür war verschlossen, doch sie erkannte Vincenzos Stimme und eine andere, die ihr bekannt vorkam.

Verwirrt betrat sie den Raum. „Cenzo?“

Überrascht stellte sie fest, dass Vincenzo sich die Zeit genommen hatte, sich anzuziehen. Sie hatte nur einen dünnen Morgenmantel übergestreift, während er ein braunes Poloshirt und eine helle Hose trug.

Genauso schockiert war sie über den Anblick der Person, die sich bei ihm befand. Da sie nie damit gerechnet hätte, Salvatore bei seinem Cousin zu sehen, fühlte sie sich in dem dünnen Morgenmantel ausgesprochen unbehaglich, was durch den fast lüsternen Blick verstärkt wurde, mit dem er sie musterte.

Buon giorno, Amy“, grüßte er sie und lächelte angesichts ihrer Bestürzung noch breiter. „Anscheinend hast du meinen Cousin zu einem sehr glücklichen Mann gemacht.“

„Ich … Cenzo?“

Verwirrt und unsicher zugleich sah Amy ihn an und stellte überrascht fest, dass er nicht erfreut, sondern argwöhnisch und distanziert wirkte. Nervös zog sie den Gürtel noch fester.

„Ich wollte ihm gratulieren, weil ich es gerade erfahren habe“, fügte Salvatore hinzu.

„Salvatore“, sagte Vincenzo mit einem drohenden Unterton, und plötzlich begriff sie.

„Du hast es ihm erzählt, Cenzo!“

Sie war erleichtert und verärgert zugleich. Er hatte ihr versprochen, es seiner Familie in ihrem Beisein zu erzählen. Aber wenn diese ähnlich reagieren würde wie Salvatore, hätte sie nichts zu befürchten. Sie hatte damit gerechnet, dass seine Verwandten ungehalten sein und sie als Mitgiftjägerin betrachten würden.

„Von wegen!“, meinte Salvatore jetzt amüsiert. „Ich hätte blind sein müssen, um es nicht zu merken. Schließlich lag dein Schlüssel immer noch an der Rezeption, und dein Bett war unbenutzt.“

„Das reicht jetzt, Salvatore“, warf Vincenzo wütend ein, doch sein Cousin fuhr unbeirrt fort: „Du weißt bestimmt, warum du Vincenzo den Tag gerettet hast. Aber ist dir auch klar, was du ihm für einen Gefallen getan hast? Er wird dir sicher zu gern seine Dankbarkeit zeigen, stimmt’s, Cenzo?“

„Das reicht, habe ich gesagt!“

Vincenzo klang so wütend, dass Amy zusammenzuckte und ihr das Blut in den Adern gefror. Salvatore hingegen gab sich völlig ungerührt.

„Es muss dir nicht peinlich sein“, sagte er. „Du hast gewonnen. Und um zu beweisen, dass ich zu meinem Wort stehe …“ Nun nahm er einen kleinen Gegenstand aus der Tasche. „Hier …“ Er warf ihn Vincenzo zu, der ihn mit einer Hand auffing, obwohl er die ganze Zeit Amy ansah.

In diesem Moment wurde ihr auf beunruhigende Weise klar, wie wenig sie eigentlich über diesen Mann wusste, mit dem sie jetzt verheiratet war. Und nun, da sie ihm in die dunklen Augen blickte, in denen ein eisiger Ausdruck lag, schien es ihr, als würde sie einem Fremden gegenüberstehen.

„Vincenzo … Was ist hier eigentlich los?“

Daraufhin streckte er ihr die Hand entgegen. Darin befand sich eine kleine Schatulle. „Den sollst du haben.“

„Cenzo!“, rief sein Cousin fassungslos. „Was, zum Teufel, tust du da? Du kannst ihn ihr unmöglich geben.“

An seiner Wange zuckte ein Muskel, doch Vincenzo ignorierte Salvatore. „Amy …“

Automatisch ging sie auf ihn zu, ohne nach links oder rechts zu sehen. Als sie sich ihm näherte, öffnete er die Schatulle und nahm den Ring heraus, der darin steckte. Mit der anderen Hand nahm er ihre linke, an der ihr Ehering steckte.

„Ich habe dir gar keinen Verlobungsring geschenkt“, sagte er rau. „Vielleicht kann ich es hiermit wiedergutmachen.“

Fassungslos betrachtete sie das exquisite Schmuckstück, das er ihr jetzt ansteckte – einen reich verzierten, kunstvoll gefertigten Goldring, in dessen Mitte ein großer Rubin funkelte.

„Cenzo!“, flüsterte sie. „Er ist wunderschön!“

„Vincenzo!“ Der fassungslose Tonfall seines Cousins riss sie aus ihren Gedanken. „Was ist bloß in dich gefahren? Du kannst ihr doch nicht den Ravenelli-Rubin …“

Abrupt wandte Vincenzo sich zu ihm um. Seine dunklen Augen funkelten gefährlich.

„Ich kann meiner Frau schenken, was ich will.“

„Deiner … Dio, Cenzo!“ Sal eilte auf ihn zu und umfasste seinen Arm, um Vincenzo von ihr wegzuziehen. „Sag, dass es nicht wahr ist. Du hast sie nicht geheiratet. So weit musstest du nicht gehen. Ich meine, du hättest die Wette gewonnen, wenn du nur mit ihr geschlafen hättest. Du brauchtest dich nicht bis an dein Lebensende zu binden …“

„Wette? Was …?“ Amy glaubte, sich verhört zu haben. „Vincenzo, heißt das etwa, du hättest gewettet … um …?“ Sie konnte die Worte nicht aussprechen. „Vincenzo?“

„Ja.“

Seine Antwort war wie ein Dolchstoß. Damit zerstörte er die Traumwelt, in der sie die letzten Wochen gelebt hatte, und brachte sie brutal auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Ich …“, begann Sal, doch Vincenzo fuhr ihn an: „Verschwinde, Salvatore!“

„Aber …“

„Raus mit dir!“, schrie Vincenzo.

Nachdem die Tür hinter seinem Cousin ins Schloss gefallen war, wandte er sich wieder an Amy.

„Salvatore und ich hatten gewettet. Er sagte, er habe eine tolle Frau kennengelernt, die er unbedingt haben wollte, aber sie würde sich nicht für ihn interessieren. Er hat mit mir gewettet …“

„Dass selbst du mich nicht ins Bett bekommen würdest“, ergänzte sie ausdruckslos.

Selbst während sie die schreckliche Wahrheit aussprach, hoffte sie, Vincenzo würde alles leugnen und ihr eine andere Erklärung liefern – eine, mit der er die tiefe Wunde heilte, die er ihr zugefügt hatte, und ihr Vertrauen in ihn wiederherstellte.

Aber er tat es nicht.

„So ungefähr“, bestätigte er leise. „Und der Einsatz war …“

Amy betrachtete ihre Hand. Den Ring, dessen Stein wie ein Feuer loderte und in diesem Moment für sie wie ein großer Blutstropfen anmutete.

„Der Ravenelli-Rubin.“

„Ja.“

Er besaß nicht einmal den Anstand, schuldbewusst oder zumindest betreten zu wirken. Stattdessen betrachtete er sie ruhig und wirkte dabei so selbstsicher, dass sie zu träumen glaubte.

Offenbar kam er überhaupt nicht auf die Idee, dass er etwas falsch gemacht hatte. Und er konnte ihren Schmerz nicht einmal ansatzweise nachvollziehen.

Das Ganze musste ein Albtraum sein. Jeden Moment würde sie aufwachen und feststellen, dass all das niemals passiert war.

Aber Vincenzo hatte ihren Verdacht bestätigt.

Und er log nie.

Im Geiste hörte sie seine Worte, als er ihr die Geschichte von dem Ravenelli-Rubin erzählt hatte. Dieser hatte sich jahrhundertelang im Besitz seiner Familie befunden, bis sein Großvater ihn an seinen verhassten Schwager, Salvatores Großvater, verloren hatte. Und der hatte ihn von diesem geerbt.

„Er weiß ihn nicht einmal zu schätzen“, hatte Vincenzo hinzugefügt. „Er hat überhaupt keinen Sinn für Traditionen und alte Dinge. Trotzdem hat seine Familie alle Angebote unsererseits, ihn zurückzukaufen, abgelehnt.“

„Und warum bedeutet er dir so viel?“

„Dieser Ring hätte eigentlich meiner Mutter gehören müssen. Mein Vater hätte ihn ihr am ihrem Hochzeitstag schenken sollen, genauso wie mein Großvater meiner Großmutter bei ihrer Heirat. Das war immer Tradition in unserer Familie, bis mein Großvater ihn am Spieltisch eingesetzt hat. Ich würde alles tun, um diese Tradition fortzuführen.“

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Irgendwie brachte sie die Kraft auf, etwas zu sagen.

„Na, ich hoffe, unsere gemeinsame Nacht war es wert, denn mehr wirst du nicht bekommen.“

Mit zitternden Fingern streifte sie sich den Ring ab, um ihn ihm entgegenzuschleudern. Allein ihn zu berühren war ihr zuwider.

Dann folgte ihr Ehering. Er prallte von Vincenzos Schulter ab, fiel zu Boden und rollte weg. Tränen brannten ihr in den Augen, doch Amy riss sich zusammen.

Sie wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, aber sie schaffte es, den Schmerz zu unterdrücken. Vincenzo hatte sie so tief verletzt, dass sie es ihm heimzahlen wollte.

„Es sieht so aus, als hätten wir beide unsere Gründe für die Eheschließung gehabt“, erklärte sie. „Und offenbar hat es sich auch für uns beide ausgezahlt.“

„Ausgezahlt? Inwiefern?“ Argwöhnisch betrachtete er sie.

Betont lässig zuckte sie die Schultern und rang sich ein verächtliches Lächeln ab. „Du wolltest den Rubin, ich wollte einen reichen Mann. Du hast diesen Unsinn mit der Liebe auf den ersten Blick doch nicht etwa geglaubt, oder? Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich hatte viel … praktischere Gründe.“

„Du geldgieriges Miststück!“

„Was du nicht sagst, Vincenzo!“ Wütend hob sie das Kinn und funkelte ihn an. „Du warst doch auf dasselbe aus!“

Wenigstens hatte er so viel Anstand, es diesmal nicht zu leugnen.

„Oh Vincenzo, mein Schatz“, spottete sie. „Du glaubst hoffentlich nicht, ich hätte nur aus Verlangen mit dir geschlafen, oder?“

Als Vincenzo nicht antwortete und sie nur mit einem eiskalten Ausdruck in den Augen betrachtete, schluckte Amy mühsam und zwang sich weiterzusprechen.

„Natürlich habe ich dich begehrt. Aber ich brauchte einen Ehering, um irgendwelche Ansprüche geltend machen zu können. Allerdings verstehst du das sicher. Bestimmt habt Salvatore und du ähnliche Bedingungen gestellt.“

„Verschwinde.“

Anders als Salvatore gegenüber schrie er diesmal nicht, sondern sagte es ganz leise, bedrohlich. Unwillkürlich schauderte sie.

„Geh mir aus den Augen. Ich will dich erst mal nicht wiedersehen.“

Sie hatte ihn beim Wort genommen. Sie war ins Schlafzimmer geeilt, um ihre wenigen Sachen in den Koffer zu packen. Dann hatte sie fluchtartig das Apartment verlassen. Und als er ihr nach England gefolgt war, hatte es ihr große Genugtuung verschafft, ihm die Tür vor der Nase zuzuknallen.

4. KAPITEL

„Bist du fertig?“

Der Klang seiner Stimme riss sie aus ihren Gedanken und brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Als Amy benommen blinzelte, sah sie, wie Vincenzo sie aus zusammengekniffenen Augen von Kopf bis Fuß musterte. Sie hatte sich für ein rotes Kleid entschieden, das einen reizvollen Kontrast zu ihrem dunklen Haar bildete.

Schließlich lächelte er zufrieden. „Freut mich, dass du das Kleid angezogen hast.“ Sein Tonfall war samtweich. „Darin hast du mir immer besonders gut gefallen.“

„Glaub ja nicht, ich hätte es angezogen, um dir eine Freude zu machen“, konterte sie und funkelte ihn dabei trotzig an.

„Natürlich nicht.“

Dass er damit offenbar genau das Gegenteil meinte, machte sie noch wütender, und sie musste sich zusammenreißen. Zu allem Überfluss waren ihre Sinne in Alarmbereitschaft, denn in dem maßgeschneiderten lässigen schwarzen Anzug, unter dem er ein blassblaues T-Shirt mit V-Ausschnitt trug und der seinen muskulösen Körper betonte, wirkte er ausgesprochen sinnlich.

„Du weißt genau, dass ich nur das Nötigste mitgenommen habe“, brachte sie hervor. „Ich hatte nicht damit gerechnet, mit dir essen zu gehen oder Sightseeing zu machen.“

„Sicher.“

Das spöttische Lächeln, das seine Lippen umspielte, brachte sie noch mehr auf. „Mein Kleid war nach dem Flug ganz zerknittert …“

„Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen“, warf er ein. „Du hast darin wie eine langweilige Sekretärin ausgesehen. Das hier bringt deine wahre Schönheit zur Geltung.“

„Ich bin übrigens Sekretärin.“ Triumphierend beobachtete sie, wie er nun wütend die Lippen zusammenpresste. „Das gefällt dir nicht, stimmt’s?“, hakte sie nach, als er schwieg. „Du hast etwas dagegen, wenn ich meinen Lebensunterhalt selbst bestreite. Ist dir der Gedanke zuwider, dass du, ein Ravenelli, an eine Frau gebunden bist, die ihr Geld mit einer derart niedrigen Tätigkeit verdient? Eine, die …“

„Ich habe etwas dagegen, dass du überhaupt arbeitest“, unterbrach Vincenzo sie eisig. „Für einen Mann, der dich die ganze Zeit beobachtet, dich begehrt und sich irgendwelchen Fantasien hingibt.“

Das bereitet ihm also Probleme, überlegte Amy bitter. Eifersüchtig und besitzergreifend, wie er war, konnte er die Vorstellung nicht ertragen, dass sie Umgang mit anderen Männern hatte. Er liebte sie zwar nicht, wollte sie aber trotzdem kontrollieren und über ihr Leben bestimmen.

Wenn ich dich diesmal nehme … lasse ich dich nie wieder gehen.

Unwillkürlich zuckte sie zusammen.

„Außerdem“, fuhr er im selben Tonfall fort, „hättest du überhaupt nicht zu arbeiten brauchen. Die Summe, die du von mir …“

„Ich will dein Geld nicht! Ich hätte es nicht einmal angerührt, wenn ich in der Gosse gelandet wäre. Mich kann man nicht kaufen, Vincenzo.“

„Das lag auch gar nicht in meiner Absicht. Du hattest einen Anspruch darauf – als meine Ehefrau.“

„Deine Ehefrau!“, wiederholte sie gequält. „Das bin ich nie gewesen, Vincenzo. Für dich war ich nur ein amüsanter Zeitvertreib, ein Spielzeug, das du unbedingt haben wolltest und dessen du schnell überdrüssig warst.“

„Wie kommst du darauf, dass ich das war?“, konterte er prompt. „Du tust dir selbst unrecht, wenn du glaubst, deine Reize würden schon nach einer Nacht nachlassen. Nur weil ich dich immer noch begehre, war ich bereit, dein kindisches Verhalten zu tolerieren.“

„Und wie sieht dieses kindische Verhalten aus?“, erkundigte sie sich scharf.

„Ich rede von deinem Wutanfall, nachdem du erfahren hattest, dass unsere Heirat nicht in die Märchenwelt passte, die du dir zusammenfantasiert hattest. Dass du gleich nach Hause zu deiner Mutter geeilt bist, statt auf eine Erklärung zu warten …“

„Wenn ich mich richtig erinnere, hast du mich nicht um meiner selbst willen geheiratet, sondern wegen eines dämlichen Rings!“

„Die Bezeichnung triff auf den Ravenelli-Rubin wohl kaum zu“, sagte Vincenzo, sichtlich unbeeindruckt von ihrem Schmerz. „Für meine Familie ist er von unschätzbarem Wert.“

„Dann sag mir eins, Vincenzo. Kann überhaupt irgendetwas mehr Wert haben als das Herz eines Menschen? Kann irgendein Gegenstand es wert sein, das Glück eines anderen zu zerstören?“

„Ich habe dir gegeben, was du wolltest. Ich habe dich geheiratet. Du hast meinen Ring und meinen Namen getragen. Mein Geld gehörte dir … Und das alles hast du immer noch. Was könntest du dir mehr wünschen?“

Seine Liebe. Sie hatte immer nur seine Liebe gewollt, und ohne diese bedeutete ihr alles andere nichts. Sein berühmter Name war ihr genauso gleichgültig gewesen wie sein Reichtum.

„Ich …“, begann Amy, doch sie konnte es ihm nicht sagen. „Wie wäre es mit Gefühlen gewesen? Mit Leidenschaft?“

„Leidenschaft? Oh Amy, die hat es immer zwischen uns gegeben. Du warst diejenige, die unbedingt heiraten wollte, und ich war bereit, den Preis zu zahlen. Das bin ich immer noch.“

„Ich …“

Wieder versagte ihr die Stimme. Leider konnte sie ihm nicht widersprechen. Sie hatte tatsächlich auf einer Heirat bestanden und es zur Bedingung gemacht, bevor sie mit ihm ins Bett ging. Nach allem, was sie nach seinem Tod über ihren Vater erfahren hatte, hatte sie viel mehr gebraucht als nur ein Abenteuer. Ironischerweise hatte der kostbare Ehering dann viel weniger bedeutet. Bei einer Affäre hätte sie wenigstens von Anfang an gewusst, worauf sie sich einließ.

„Und was ist, wenn ich diese Ehe beenden möchte?“

Sein Lächeln ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. „Ich sagte dir doch, dass es nicht infrage kommt, carissima.“

„Aber du möchtest sicher frei sein – um wieder heiraten zu können.“

Du bist meine Frau.“

„Und … was ist, wenn du dich verliebst? Und … bestimmt wünschst du dir auch Kinder.“

„Ich habe immer geglaubt, du würdest die Mutter meiner Kinder werden.“

Seine Worte trafen sie mitten ins Herz. Sie hatte sich auch Babys von ihm gewünscht. Schon vor ihrer Hochzeitsnacht hatte sie von einem Sohn oder einer Tochter mit seinem schwarzen Haar und seinen dunklen Augen geträumt. Und sie hätte nichts dagegen gehabt, gleich in der ersten gemeinsamen Nacht schwanger zu werden, so groß war ihre Sehnsucht gewesen.

„Anscheinend hast du immer zu viel als selbstverständlich angesehen, Vincenzo. Hättest du dir mal Gedanken über die Bedürfnisse anderer gemacht, wäre vielleicht nicht alles schiefgelaufen.“

„Und hättest du nicht nur an deine Bedürfnisse gedacht, wärst du vielleicht nicht so blind gewesen“, warf Vincenzo so überheblich ein, dass ihr der Atem stockte. „Ich habe den Eindruck, dass du lange nicht so unglücklich über die Situation warst, wie du vorgegeben hast.“

„Vorgegeben?“

Amy traute ihren Ohren nicht. Glaubte er allen Ernstes, sie hätte ihren Kummer damals nur gespielt?

„Na ja, du hast gesagt, du hättest mich nur meines Geldes wegen geheiratet. Und auch jetzt scheinst du nichts dagegen zu haben, einen Beweis meiner Wertschätzung zu tragen.“

„Ich habe dir schon erklärt, dass ich nur das Nötigste mitgenommen habe.“ Hätte sie bloß nicht ihrer Eitelkeit nachgegeben! „Ich hatte keine andere Wahl, also …“

„Ich habe nicht das Kleid und die Schuhe gemeint.“

Als er den Blick zu der Mulde an ihrem Hals gleiten ließ, wurde ihr bewusst, wovon er sprach. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, und sie fasste sich instinktiv an die dünne Goldkette mit dem schlichten Diamantanhänger.

Tatsächlich hatte sie die Kette völlig vergessen, denn diese war so fein, dass sie sie beim Tragen überhaupt nicht spürte. Vincenzo hatte sie ihr zur Verlobung geschenkt, und gerade wegen ihrer Schlichtheit hatte sie sie zu ihrem Lieblingsschmuckstück erklärt. Sie hatte sie gar nicht mehr abgelegt – bis zu jenem Tag, an dem sie sie zusammen mit allen anderen Geschenken zurückgelassen hatte.

Als sie sie gestern Abend in einer Schatulle auf dem Frisiertisch entdeckte, hatte sie der Versuchung nicht widerstehen können und die Kette angelegt. Prompt hatten die bittersüßen Erinnerungen sie überwältigt. Vor dem Schlafengehen hatte sie vergessen, sie abzulegen, und heute Morgen hatte sie sie gar nicht mehr wahrgenommen.

„Du hast mir für jedes Ehejahr einen Diamanten versprochen“, warf sie Vincenzo nun vor, um die schmerzlichen Gefühle zu überspielen, die sie übermannten.

„Stimmt“, bestätigte er prompt. „Also schulde ich dir noch vier. Wenn du sie mir gibst …“

„Oh nein!“

Nervös versuchte sie, seine ausgestreckte Hand zu ignorieren. Auf keinen Fall wollte sie ihm den Eindruck vermitteln, dass sie von ihrem Entschluss abwich.

„Möchtest du die Steine denn nicht?“ Er warf ihr einen eisigen Blick zu. „Welche Frau wäre so dumm, Diamanten abzulehnen?“

„Wir sind schon spät dran“, erklärte Amy betont forsch. „Wenn wir noch länger warten, lohnt es sich nicht mehr. Du wolltest mir doch die Stadt zeigen.“

Als er es ihr beim Frühstück vorschlug, hatte sie sofort eingewilligt, froh darüber, den Tag so herumbringen zu können. Da Vincenzo fest entschlossen war, sich freizunehmen, zog sie es vor, mit ihm unter Menschen zu gehen. Außerdem hatte sie Venedig schon damals wunderschön gefunden.

Gleich bei ihrer Ankunft hatte sie sich in die geschichtsträchtige Stadt verliebt, und so freute sie sich auf die Gelegenheit, diese noch ein wenig erkunden zu können. Schließlich hatte sie vorgehabt, gleich wieder abzureisen.

„Stimmt“, bestätigte Vincenzo nun und zuckte resigniert die Schultern. „Wenn du es möchtest, gehen wir. Bist du fertig, cara?“

Dass er einlenkte, verblüffte sie und bewirkte, dass die Anspannung von ihr abfiel. Die nächste Überraschung erwartete sie, als sie das Haus verließen.

„Eine Gondel!“, rief Amy begeistert, sobald sie das Boot am Steg liegen sah. „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“

„Für meine Frau nur das Beste!“, tat er ihren Einwand ab, bevor er ihr in das schaukelnde Gefährt half und sich neben sie auf die gepolsterte Bank setzte. „Der heutige Tag soll vom Anfang bis zum Ende perfekt sein.“

Und die letzte Überraschung war, dass Amy genau das Wort benutzt hätte. Sie hatte ganz vergessen, wie charmant Vincenzo sein konnte, wenn er wollte.

Und dieser Tag hat mich daran erinnert, wie leicht ich seinem Charme erliege, überlegte Amy später, als die Sonne schon tief am Himmel stand und der Gondoliere sie durch die Kanäle zu Vincenzos Haus zurückbrachte. Es schien ihr, als hätten die gemeinsamen schönen Stunden und seine offensichtliche Begeisterung darüber, die Liebe zu seiner Heimatstadt mit ihr zu teilen, zu einem Waffenstillstand geführt.

„Und, glücklich?“, hakte er auf ihr zufriedenes Seufzen hin nach.

„Sehr sogar“, erwiderte sie aus tiefstem Herzen und lächelte ihn dabei an. „Es war ein wunderschöner Tag. Nur eins fehlt noch, dann wäre er perfekt.“

„Lass mich raten …“ Er lächelte wissend. „Ein Abendessen und Bellini in Harrys Bar … Ich kenne meine Frau“, fügte er hinzu, als er ihre Überraschung bemerkte.

Damals hatte er sie mit der venezianischen Spezialität, einem Cocktail aus Champagner oder Sekt mit Pfirsichmus und einem Schuss Sirup, bekannt gemacht. Sie war geradezu süchtig danach gewesen.

„Ich habe für neun einen Tisch reserviert. Du musst dich nur noch umziehen, damit du noch schöner aussiehst, als du es ohnehin schon bist. Ich kümmere mich um den Rest.“

Wenn er so lächelte wie in diesem Moment, lösten die vergangenen vier Jahre sich in nichts auf, und er war wieder der Vincenzo von damals.

Noch immer war er der attraktivste Mann, dem sie je begegnet war. Das Wissen um die Art, wie er sie behandelt und benutzt hatte, konnte die Wirkung nicht schmälern, die sein Anblick auf sie ausübte – sein glänzendes schwarzes Haar, die außergewöhnlich dunklen Augen. Die langen Beine lässig ausgestreckt, saß er hier neben ihr, seine gebräunte Haut schimmerte beinah goldfarben im Licht der untergehenden Sonne, während ihr sein maskuliner Duft in die Nase stieg. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie bis zu diesem Tag gar nicht richtig gelebt und kein Mann so ihre Sinne erregt hatte, wie er es tat.

Außerdem war ihr klar, dass sie geschwindelt hatte, als sie behauptete, ein Essen in Harrys Bar und ein Cocktail würden den Tag für sie perfekt machen.

Das, wonach sie sich sehnte, war viel einfacher als das.

Und weitaus gefährlicher.

Immer wieder ließ Amy den Blick verstohlen zu seinen wohlgeformten, sinnlichen Lippen schweifen und stellte sich vor, wie er sie zärtlich und verlangend zugleich küsste, bis ihr schwindelig wurde. Und sie wusste, dass es das war, wonach sie sich am meisten sehnte.

Küss mich, Vincenzo!

Fast schien es ihr, als hätte sie ihre Gedanken laut ausgesprochen.

Und auch wenn sie es nicht getan hatte, hatte irgendetwas seine Aufmerksamkeit erregt.

Irgendetwas an dem Ausdruck in ihrem Gesicht oder in ihren Augen. Irgendetwas an ihrer Haltung, denn sie hatte sich ihm instinktiv zugewandt. Es lief auf einer gefühlsmäßigen Ebene ab und machte alle Worte überflüssig.

„Amy …“, sagte er leise, und es klang wie eine Liebkosung.

Amy konnte nicht sagen, wer von ihnen die Initiative ergriff. Sie spürte nur, wie Vincenzo die Arme um sie legte und seine Lippen sich ihren näherten. Die warmen Strahlen der Nachmittagssonne, das sanfte Plätschern des Wassers und das Schaukeln der Gondel drangen wie aus weiter Ferne in ihr Bewusstsein, als sein Mund endlich ihren berührte.

Da sie damit gerechnet hatte, dass Vincenzo sie genauso besitzergreifend und verlangend küsste wie am Vortag, raubte seine Zärtlichkeit ihr den Atem. Ihr Herz krampfte sich zusammen, und heiße Tränen bahnten sich ihren Weg, während Amy sich ihrer Sehnsucht und den unbändigen Glücksgefühlen hingab.

„Amy …“, sagte er rau. „Carissima. Bella mia.“

Dann schob er die Hände in ihr Haar, um sie noch näher an sich zu ziehen. Dabei berührte er sie jedoch nur leicht, sodass sie sich ihm jederzeit hätte entwinden können.

Nichts lag ihr ferner als das. Bereitwillig gab sie seinem sanften Drängen nach und öffnete die Lippen. Heißes Verlangen loderte in ihr auf, während sie das lockende Spiel seiner Zunge erwiderte.

Sie wusste nicht mehr, wo sie war und wer sie war. Sie wusste nur, dass dies …

„Signore …“

Die höfliche Anrede und das diskrete Hüsteln des Gondoliere wirkten wie eine kalte Dusche auf sie.

„Signor Ravenelli …“

Der Gondoliere machte sie nur darauf aufmerksam, dass sie ihr Ziel erreicht hatten, aber er brachte sie abrupt in die Wirklichkeit zurück.

Amy stieß einen schockierten Laut aus, bevor sie sich von Vincenzo löste und bestürzt die Augen öffnete. Was hatte sie nur getan?

„Ich …“, begann sie, verstummte jedoch abrupt, sobald Vincenzo lachte.

„Oh Amy, Amy“, schalt er sie liebevoll. „Mach nicht so ein Gesicht, als hätte sich eine Katastrophe ereignet. Es war nur ein Kuss.“

Nur ein Kuss. Nur ein Kuss. Immer wieder ging ihr der Satz durch den Kopf, bis sie am liebsten geschrien hätte. Gequält presste sie die Hände an die Schläfen.

Nur ein Kuss. Nein, es war viel mehr gewesen als das. Für Vincenzo mochte es nur eine flüchtige Zärtlichkeit gewesen sein, doch ihre Reaktion hatte ihr vor Augen geführt, in was für einer gefährlichen Situation sie sich befand.

Und diese wurde mit jeder Minute größer, die sie in Italien und in seinem Haus verbrachte. Sie musste sich davon befreien und ein für alle Mal von hier verschwinden. Nur dann wäre sie sicher.

Sie würde Vincenzo die Wahrheit sagen müssen, und zwar noch an diesem Abend. Und deshalb hoffte sie, die Atmosphäre in Harrys Bar wäre so entspannt, dass er sie wenigstens anhören würde.

5. KAPITEL

„Bist du müde?“

Seine leise Frage riss sie aus ihren Gedanken. Amy zuckte zusammen und sah Vincenzo unsicher an, als er gerade außerhalb des Lichtkegels einer Straßenlaterne stehen blieb.

„Hätte ich das Wassertaxi nicht wegschicken sollen?“

„Nein …“ Energisch schüttelte sie den Kopf und setzte dann schnell ein Lächeln auf, damit er diese Geste nicht falsch deutete. „Nein, wirklich, es geht mir gut.“

Sie musste sich mehr zusammenreißen, wenn sie ihm das Gefühl vermitteln wollte, dass alles in Ordnung war. Unter seinem forschenden Blick wurde ihr unbehaglich zumute. Merkte er etwa, dass sie nur eine Rolle spielte?

Sie wollte den Moment, in dem sie vor seinem Haus standen, so lange wie möglich hinauszögern. Den Moment, in dem sie ihm den wahren Grund für ihre Reise sagen musste.

„Es ist nur … Im Mondlicht sieht alles so schön aus.“

Mit einer ausholenden Geste deutete sie auf den Vollmond, der hoch am Himmel stand, den Kanal und die Häuser am gegenüberliegenden Ufer, die in Gewürzfarben getüncht waren, und die prächtigen Kandelaber.

„Ich möchte das alles auf mich wirken lassen.“

Und sie wollte es sich einprägen, denn schon bald würde es nur noch eine Erinnerung sein.

Der ganze Abend war ihr wie ein Traum erschienen, seltsam unwirklich, als wäre die Realität ausgeblendet. Und zwar von dem Augenblick an, als sie in dem eng anliegenden, ärmellosen dunkelvioletten Samtkleid, über das sie einen eleganten Abendmantel gezogen hatte, ihr Schlafzimmer verlassen hatte und Vincenzo in der Eingangshalle begegnet war. In dem schwarzen Anzug, den er mit einem weißen Hemd und einer silbergrauen Krawatte kombiniert hatte, sah er so umwerfend aus, dass ihr Herz wild zu pochen begonnen hatte. Sofort hatte sie die Vergangenheit vergessen und nur noch in der Gegenwart gelebt.

Oder hatte sie sich nur in die Vergangenheit zurückversetzt gefühlt, in die Zeit, als sie mit Vincenzo glücklich gewesen war? Es schien ihr, als hätte es jene schrecklichen Momente der Ernüchterung und des Kummers nie gegeben.

Sie war wieder die Amy Redman, die die geballte Macht der Liebe auf den ersten Blick noch nicht kannte. Die Welt, in der sie sich nun befand, war ihr völlig neu.

Und Vincenzo war der charmante, gewandte Begleiter, der ihr Leben allein durch seine Existenz bereicherte. Der Mann mit der charismatischen Persönlichkeit, der ihr seine ganze Aufmerksamkeit widmete und ihr das Gefühl vermittelte, dass sie für ihn die einzige Frau war.

Als er nach dem Essen vorgeschlagen hatte, das Wassertaxi in der Nähe der Rialtobrücke zu verlassen und den Rest zu Fuß zu gehen, hatte sie deshalb sofort eingewilligt. So konnte sie sich zumindest für eine Weile der Illusion hingeben, dass dieser Abend nie enden würde. Dass sie niemals würde miterleben müssen, wie ein eisiger Ausdruck in seine dunklen Augen trat, wenn sie ihn um die Scheidung bat.

„Ich meine, hast du schon mal etwas so Schönes gesehen?“

„Nein.“

Plötzlich klang seine Stimme seltsam rau, und er betrachtete sie so forschend, dass ihr Herz sich zusammenkrampfte.

„Nein, cara mia. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas so Schönes gesehen. Und wir wissen beide, dass ich nicht von dem Mond oder dem verdammten Kanal spreche, sondern von dir.“

Dann umfasste er ihr Handgelenk, um sie langsam in den Schein der Laterne zu ziehen. Wie gebannt sah Amy in sein attraktives Gesicht, das im gedämpften künstlichen Licht noch markanter wirkte.

„Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet. Ich kann gar nicht glauben, dass das hier wahr ist – dass du hier bei mir bist, wo du hingehörst.“

„Vincenzo …“

Mehr konnte sie nicht sagen, so stark waren die Empfindungen, die seine Berührung in ihr weckte. Wärme durchflutete sie, sodass es ihr schien, als würde sie in der gleißenden Sonne stehen.

„Hast du eine Ahnung, wie die letzten vier Jahre für mich waren? Ich bin ein verheirateter Mann, der allein lebt. Ich habe der schönsten und begehrenswertesten Frau, der ich je begegnet bin, den Ring an den Finger gesteckt. Ich habe eine Nacht mit ihr verbracht. Eine leidenschaftliche Nacht, von der ich immer noch träume und dann voller Sehnsucht und Verlangen aufwache …“

„Vincenzo, nicht …“

Nervös trat Amy von einem Fuß auf den anderen und beobachtete, wie seine dunklen Augen bei der Erinnerung daran funkelten.

Und plötzlich sah auch sie wieder jene erotischen Bilder vor sich – wie Vincenzo und sie eng umschlungen dalagen, sich küssten und streichelten. Seine warme gebräunte Haut, sein seidiges Haar, durch das sie die Finger gleiten ließ, seine muskulösen Schenkel an ihren. Hitzewellen durchfluteten ihren Schoß und dann ihren ganzen Körper, und sie sehnte sich danach, dieses Verlangen zu stillen …

„Eine Nacht“, wiederholte Vincenzo rau. „Eine Nacht der Ekstase, und das war’s. Kannst du dir auch nur annähernd vorstellen, wie es für mich gewesen sein muss?“

„Das brauche ich mir nicht vorzustellen. Ich habe es ja auch durchlebt.“

Jede quälende Sekunde des Verlusts. Jeden Moment der Sehnsucht, der Begierde und der Leere. Jede schlaflose Nacht, in der sie wach gelegen und starr an die Decke geblickt hatte, weil sie zu verzweifelt war, um noch weinen zu können.

Aber sie hatte ihn geliebt und um ihre verlorene Liebe getrauert. Vincenzo hingegen sprach nur von dem sexuellen Frust, der an ihm genagt hatte.

„Dann weißt du ja, dass es nicht genug war!“

Wie gebannt sah sie ihm in die Augen, bis sie sich darin zu verlieren glaubte.

„Ich kann nicht vier Jahre von meinen Erinnerungen zehren, Amy. Und wenn du genauso empfindest, kannst du es auch nicht.“

Es waren nicht ihre Erinnerungen, die sie jetzt quälten, sondern sein glühender Blick, sein warmer Atem und sein frischer, maskuliner Duft. Er war ihr so nahe. Sie spürte, wie seine Körperwärme sie umfing.

„Es war … schwer …“

Was sagte sie da? Das sollte er nicht hören!

Schließlich hatte sie sich geschworen, ihm gegenüber niemals etwas preiszugeben. Ihm niemals zu zeigen, wie sehr er ihr wehgetan und wie sie gelitten hatte. Und dennoch schien es ihr, als würde sie jedes Mal, wenn sie etwas sagte, etwas mehr eingestehen und sich noch verletzlicher machten.

Offenbar hatte sie mehr Cocktails getrunken, als gut für sie war.

„Ich muss wissen, ob du genauso empfindest“, fuhr Vincenzo rau fort, bevor er sie sanft auf die Lippen küsste und damit noch mehr elektrisierte. „Sag mir, was du willst, cara mia, und ich werde es dir geben.“ Er hauchte noch mehr heiße Küsse auf ihre Lippen. „Erzähl mir, wovon du in den langen, einsamen Nächten geträumt hast.“

Wieder küsste er sie. Diesmal begann er jedoch ein erotisches Spiel mit der Zunge, während er die Hände in ihr Haar schob und ihren Kopf nach hinten bog.

Es war nicht der Champagner, der sie berauscht hatte, sondern Vincenzo und sein aufregender muskulöser Körper und der Duft seiner Haut, in den sich der seines Aftershaves mischte. Seine rauen Koseworte, die ihr direkt ins Herz gingen.

„Cenzo …“

Es klang wie ein Seufzen, wie sie selbst merkte. Und sie hatte seinen Spitznamen benutzt, genau wie früher. Das durften nur seine engsten Angehörigen – und seine Frau.

„Sí, carissima“, flüsterte er und drängte sie dabei gegen den Kandelaber, der sich hart und kalt anfühlte.

Ansonsten war ihr allerdings heiß, weil sie in Flammen stand. Als Vincenzo sich an sie presste, spürte sie, wie erregt er war. Ihre Brustspitzen hatten sich aufgerichtet und berührten seinen Oberkörper, mit seinen muskulösen Schenkeln hielt er ihre gefangen, während er sie weiter verlangend küsste.

Hätte sie nicht an der Straßenlaterne gelehnt, hätte sie sich nicht mehr aufrecht halten können und wäre zu Boden gesunken. Außerdem konnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen.

„Ich weiß, wie du empfindest …“, flüsterte Vincenzo ihr zu, während er ihr spielerisch ins Ohrläppchen biss. „Deine Körpersprache ist unmissverständlich. Aber du musst auch seelisch bereit dazu sein. Sag mir, was du willst …“

„Cenzo …“

Amy hatte keine Ahnung, was sie antworten sollte. In diesem Moment kam ein voll besetztes Vaporetto vorbei, und Lachen und Beifall drangen wie aus weiter Ferne an ihr Ohr.

Vincenzo erstarrte sofort und hob leicht den Kopf. Die Wange immer noch an ihre geschmiegt, sodass sie seine Anspannung spürte, fluchte er leise auf Italienisch.

Dio mio, das hier ist weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort.“

Autor

Lee Wilkinson

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