Komm doch zurück, Belinda

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Als Belinda erkennt, dass sie ihren Schwager Alec äußerst sexy findet, ist sie entsetzt: Sie hat das Gefühl, ihre verstorbene Schwester zu betrügen ...
  • Erscheinungstag 31.01.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733755317
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Alec Wilder hörte, wie ein Auto knirschend den Schotterweg hinaufkam, der zur Hintertür führte. Verwundert fragte er sich, wer das sein könnte, der bis zum Haus hochfuhr. Die meisten Leute wussten, dass sie bei der Scheune oder den Ställen parken mussten, wenn sie jemanden mitten am Tag antreffen wollten.

Alec nahm sein Sandwich mit zur Hintertür und schaute hinaus. Auf der Flying Alec Ranch war es inzwischen üblich, eine komplette Mahlzeit in einer Hand zu halten und im Stehen aufzuessen. Seit Tante Marys Abreise hatte sich die Lage dramatisch verschlechtert. Vielleicht würde sie sich ja wieder bessern, wenn Elaine Ende der Woche eintraf. Seine Schwiegermutter war eine geborene Haushälterin. Wie einst Cathy.

Mit der Zeit hatte der Schmerz in den letzten beiden Jahren etwas nachgelassen. Er konnte nun an seine verstorbene Frau denken, ohne das Gefühl zu haben, dass ihm seine Eingeweide ausgerissen würden. Inzwischen konnte er sogar den Satz „Cathy ist tot“ sagen, ohne zusammenzuzucken.

Cathys Mutter wollte kommen, um die Jungen zu versorgen, bis Alec eine Haushälterin fand, die den Platz von Tante Mary einnehmen sollte. Nicht, dass Alec die geringste Ahnung hatte, wo er einen solchen Menschen in Wyatt County in Wyoming finden könnte.

Gott sei Dank plante Elaine, den ganzen Sommer über zu bleiben. Alec hatte das Gefühl, dass er mindestens so lange brauchen würde, um jemanden zu finden, der mit seinen drei kleinen Satansbraten ohne Blutvergießen oder dauerhaftem psychischen Schaden auf beiden Seiten fertig werden würde.

Jemand, der kochen kann, dachte er und biss noch einmal in sein trockenes Sandwich.

Er dachte mehr an seinen Magen als daran, weshalb jemand bis zur Hintertür hinauffuhr, als er sie mit der Schulter aufstieß und unter das Vordach trat.

Nicht das schicke rote Sportauto mit einer Autonummer aus Colorado ließ jeden Muskel seines Körpers plötzlich vor Widerwillen anspannen, sondern die Frau, die aus ihm stieg. Oh Gott. Das wilde Weib des Westens – in Fleisch und Blut. Gutes Fleisch, wie er zugeben musste. Aber das, so hatte er gehört, habe ein Stachelschwein unter all seinen Stacheln auch.

Schon beim Anblick dieser Frau musste er leise stöhnen, und sein Magen verkrampfte sich.

Belinda Randall war eine gepflegte, langbeinige Frau, und manch einer – wenn auch nicht Alec – ließ gerne seine Augen auf ihr ruhen. Doch ging keinesfalls etwas Geruhsames von ihr aus. Ihr kurzes, schwarzes Haar war zwar nichts Besonderes, doch glänzten darin feuerrote Strähnen im Sonnenlicht, die Heißblütigkeit und pure Energie verrieten. Ihre grauen Augen waren wechselhaft wie das Wetter, dunkel drohend wie Gewitterwolken in einem Augenblick, sanft wie Morgennebel im nächsten. Und mit ihrer Unterlippe konnte sie lächeln und einen Wimpernschlag später schmollen. Sie war ständig in Bewegung, ein unermüdliches Energiebündel. Und, Cathys Schwester hin oder her, sie ging ihm furchtbar auf die Nerven.

„Sag, dass du dich verfahren hast“, sagte er zu ihr und versuchte, nicht mit den Zähnen zu knirschen. „Bitte, sag mir, dass du dich verfahren hast.“

„Nur in deinen Träumen, Wilder.“ Sie schüttelte den Kopf und lächelte süffisant. „Ich bin mit Absicht hierhergekommen.“

Alec stieß Luft aus. „Das ist ein Albtraum.“

„Das hast du ganz richtig erkannt.“ Sie schlug die Autotür zu und stemmte die Hände in die Hüften. „Mein Albtraum.“

Alec lehnte sich gegen einen Pfosten des Vordachs. „Du kommst zu spät. Wir sind letzte Woche mit dem Kastrieren fertig geworden. Aber es hätte dir vermutlich sowieso nicht gefallen, denn bei uns werden nur Kälber kastriert.“

Sie nickte knapp. „Wir befinden uns also immer noch im Kriegszustand. Die Fronten sind klar. Ist mir ganz recht, Cowboy …“

„Rancher, für dich.“

„… aber es könnte dir schneller über sein als mir. Ich bleibe nämlich länger hier.“

„Länger? Wie lange?“ Plötzlich hatte er eine ganz neue Vorstellung davon, wie sich die Passagiere der „Titanic“ gefühlt haben mussten, als ihnen mitgeteilt wurde, dass das Schiff im Begriff war zu sinken. Alec richtete sich auf. „Warum bist du gekommen?“

Oh, wie Belinda diesen misstrauischen Ausdruck auf seinem Gesicht genoss! Wenn sie sich schon für mehrere Wochen in seine unmittelbare Nähe begeben musste, wollte sie, dass er sich genauso elend und gereizt fühlte wie sie selbst.

Zwar hatte sie schon verkraftet, dass es ihr jedes Mal, wenn sie ihn bei ihren seltenen Stippvisiten in diesem großen, einsamen Winkel der Welt wieder sah, einen Schlag versetzte. Sie mochte dieses schreckliche Gefühl nicht, und sie mochte ihn nicht; doch beides waren Tatsachen.

Kein Mann sollte so aussehen dürfen wie Alec Wilder. Kein Gesicht, das so markant war, sollte als gutaussehend bezeichnet werden. Er hatte einen kleinen Höcker auf der Nase; tiefe Furchen umgaben seinen Mund und gaben ihm einen harten, unerbittlichen Ausdruck. Weiße Fältchen breiteten sich fächerförmig von seinen Augenwinkeln aus, und auf der rechten Seite hatte er eine halbmondförmige Narbe. Trotzdem sah er wirklich gut aus. Sogar atemberaubend gut. Sie hatte sich schon immer gefragt, warum sie diese Tatsache so gereizt machte.

Belinda konnte sich gut vorstellen, dass sich ihre jüngere Schwester auf den ersten Blick blindlings verliebt hatte in dieses eins achtzig große, männliche Muskelpaket mit den blauen Wilder-Augen und dem kohlrabenschwarzen, kurzgeschnittenen Haar. Und genau das war mit Cathy passiert.

Cathy war in dieser Hinsicht naiv gewesen.

Nicht so Belinda. Sie mochte Alec Wilder nicht, nicht im Geringsten. Kein Mann sollte so von sich selbst überzeugt sein. Doch sie war hier, daran führte kein Weg vorbei.

„Ich bin gekommen, weil meine Mutter mich erpresst hat, und ich habe vor, den ganzen Sommer über zu bleiben oder zumindest so lange, bis du jemanden gefunden hast, der auf meine Neffen aufpasst.“

Alec beäugte sie so misstrauisch wie eine Klapperschlange, die gleich zubeißen würde. „Was du nicht sagst. Wo ist Elaine?“

Ein wildes Freudengeheul, das vom Haus kam, schnitt ihr das Wort ab. „Tante Binda! Hey, Jungs, Tante Binda ist da!“

Belinda drehte sich um und stützte sich gerade rechtzeitig ab, bevor sie von vier kräftigen, jungen Körpern umgerannt werden konnte – von drei kleinen Jungen und einer struppigen gelben Matte von der Größe eines Kindersofas. Sie waren laut, dreckig und rochen verdächtig nach etwas, das man sich normalerweise von den Schuhen abstreift, bevor man ein Haus betritt. Und Belinda liebte sie so sehr – die Jungen zumindest, über den Hund hatte sie noch kein Urteil gefällt – dass es sie fast körperlich schmerzte. Sie waren das Süßeste, Liebste, was es auf Erden gab. Sie nahm sie ganz fest in die Arme und beachtete die Ellbogen und Knie nicht, die gegen ihre empfindlichsten Stellen stießen.

„Oh, mein Gott.“ Mit einem breiten Lächeln schaute sie in die drei wunderbarsten Gesichter auf dem ganzen Planeten – wunderbar, obwohl sie ihrem Vater, den Belinda zutiefst verabscheute, wie aus dem Gesicht geschnitten waren. „Wer seid ihr denn? Und was habt ihr mit meinen Neffen gemacht?“

„Ach, Tante Binda.“ Jason, mit seinen sechs Jahren der Älteste, grinste und schlug auf ihren Arm.

„Jason“, sagte Alec knapp. „Wie lautet die Regel?“

„Oh … oh.“ Der vierjährige Clay grinste Jason an.

„Ach, Dad“, wimmerte Jason. „Das war gar nicht fest.“

„Wie lautet die Regel?“, wiederholte Alec.

Jason seufzte. „Jungen schlagen keine Mädchen.“

„Und was noch?“, fragte Alec ruhig.

Jason seufzte wieder. „Unter keinen Umständen. Entschuldige, Tante Binda.“

Belinda wollte protestieren. Es war doch nur ein freundschaftlicher Klaps auf den Arm, und das von einem Sechsjährigen. Nachdem sie Alecs Gesichtsausdruck gesehen hatte, beschloss sie, sich lieber nicht in seinen Erziehungsstil einzumischen. Es stand ihr wirklich nicht zu, ihn zu kritisieren.

„Entschuldigung angenommen“, sagte sie zu Jason. „Aber ich würde immer noch gerne wissen, was ihr mit meinen Neffen gemacht habt. Wo sind sie?“

„Ach, Mensch“, sagte Jason, der seine gute Laune wieder zurückgewonnen hatte. „Du weißt doch, dass wir es sind.“

„Nö.“ Belinda schüttelte den Kopf. „Du siehst zwar wie Jason aus, aber du bist viel zu groß.“

„Ich bin gewachsen!“

„Wir sind es wirklich, Tante Binda.“ Clay sprang auf Belindas Zehen herum. „Ehrlich!“

Belinda blickte auf ihn hinunter. „Ach, wirklich? Dann musst du Clayton sein. Doch wer ist dann dieser Junge?“

Sie hob den zweijährigen Grant hoch und setzte ihn auf ihre Hüfte. Bestimmt konnte ein Zweijähriger nicht bemerken, dass ihre Hände plötzlich zitterten. Er war das Kind, das es eigentlich nicht geben sollte. Das Kind, für das ihre Schwester ihr Leben geopfert hatte. Vielleicht liebte ihn Belinda gerade deshalb ein kleines bisschen mehr.

War er groß geworden! Sie hatte ihn doch erst vor sechs Monaten gesehen, und er hatte sich so verändert. Alle drei hatten sich verändert. Das Gefühl, so viel von seinem Leben – nein, von dem Leben aller dreien – verpasst zu haben, schnürte ihr die Kehle zu.

„Das ist Grant“, rief Jason und lachte.

„Er war doch noch ein Baby, als du ihn zum letzten Mal gesehen hast“, teilte Clay ihr mit.

Der Junge, der auf ihrer Hüfte saß, nickte. „Ich Grant. War Baby, bin jetzt schon groß.“

„Und wie groß du bist“, stimmte Belinda ihm zu.

„Willst du hier bei uns bleiben?“, fragte Jason. „Ist Großmutter mitgekommen?“

„Ja“, sagte Belinda, „und nein.“

„Was?“

Belinda lachte. „Ja, ich werde bei euch bleiben, aber nein, Großmutter ist nicht mitgekommen. Sie ist krank geworden und kann nicht kommen, aber ich soll euch ganz liebe Grüße ausrichten.“

Jason blickte mit einem nüchternen Ausdruck zu ihr hoch.

„Ist sie gestorben, wie unsere Mutter?“

Blitzschnell brannten Belindas Augen. Eine gigantische Faust umklammerte ihr Herz. „Oh, nein, mein Schatz.“ Sie kniete nieder und umarmte ihn, dann zog sie alle drei Jungen in ihre Arme. „Nein, Großmutter ist nicht tot. Sie hat nur so eine dumme Lungenentzündung bekommen, das ist alles. Der Doktor hat ihr Medizin gegeben, und es geht ihr jetzt schon viel besser. Sie muss aber noch zu Hause bleiben und sich schonen, dann wird sie bald wieder wie neu sein. Das verspreche ich euch.“

„Können wir ihr eine Gute-Besserungs-Karte schicken?“, fragte Clay fröhlich.

Das musste man Clay lassen, es gab nichts, was ihm seine gute Laune lange verderben könnte. „Darüber würde sie sich bestimmt sehr freuen.“

„Hilfst du uns dabei?“, fragte Jason, der nun wieder lächelte.

„Darauf kannst du wetten“, antwortete Belinda. „Wir können ihr ein paar virtuelle Blumen per E-Mail schicken.“

Die Jungen bekamen große Augen.

„Großmutter kann E-Mails bekommen“, hauchte Jason. „Wirklich?“

„Ja, wirklich.“

„Was ist virile Runen?“, wollte Grant wissen.

Belinda lachte. „Du meinst virtuelle Blumen. Ich zeig’s dir später.“

Alec schlenderte herüber und stellte sich neben sie. Es machte Belinda wahnsinnig, dass er nicht einfach gehen konnte wie ein normaler Mensch. Er schlenderte. Es gab keinen anderen Ausdruck für diese langsame, bedächtige, Bewegung, die vermutlich die Herzen willensschwacher Frauen – zu denen Belinda ganz und gar nicht gehörte – in ganz Wyoming höher schlagen ließ. Kein anderes Wort als schlendern. Vielleicht noch bummeln. Oder stolzieren.

„Okay, Jungs“, sagte er zu seinen Söhnen. „Wolltet ihr nicht heute noch den Hühnerstall putzen?“

„Ach, Dad.“, stöhnte Clay und grinste. Clay grinste bei jeder Gelegenheit.

Jason zwinkerte mit den Augen, doch sein Lächeln war nur angedeutet. „Ach, Dad.“

„Ach, Dad“, ahmte Grant nach.

„Ab mit euch, damit ich mit Tante Belinda noch etwas besprechen kann. Und dieses Mal versucht ihr bitte, mit ein paar Eiern zurückzukommen, ja?“ Alec fuhr den beiden größeren Jungen durchs Haar und zwinkerte Grant zu.

„Wir kommen immer mit Eiern zurück“, protestierte Jason.

„Und bis ihr im Haus seid, sind die meisten davon zerbrochen“, erinnerte sie Alec. „Das sind Lebensmittel, nicht Munition.“

„Ach, Dad“, sagte Jason, und sein Grinsen wurde breiter. „Du verdirbst uns den ganzen Spaß.“

„Ich werde euch gleich mal den Spaß austreiben“, drohte Alec verschmitzt.

Quietschend und kichernd machten sich alle drei Jungen von Belinda los und sausten um die Hausecke. Der Hund bellte aufgeregt und rannte ihnen nach.

Alec schaute ihnen so lange nach, bis sie verschwunden waren. Sobald sie außer Hörweite waren, verschränkte er seine Arme vor der Brust und drehte sich zu Belinda um. „Als ich letzte Woche mit Elaine gesprochen habe, ging es ihr noch ganz gut.“

„Es ging ihr nicht gut. Sie ist schon seit Wochen krank und hat uns alle angelogen, weil sie hierher kommen und den Sommer bei ihren Enkeln verbringen wollte.“ Belinda schwieg, dann runzelte sie die Stirn. „Meinst du nicht, dass die Jungen noch ein bisschen zu jung dafür sind, um Pflichten auf der Ranch zu übernehmen?“

Alec zählte langsam bis zehn. Dann zählte er noch einmal, bis er sicher war, ruhig sprechen zu können. „Nein, ich glaube nicht, dass sie für etwas zu jung sind, was regelmäßig einer Ostereiersuche gleichkommt. Und das war das letzte Mal, dass du in Frage stellst, wie ich meine Söhne erziehe. Was meinst du damit, sie ist schon seit Wochen krank?“

„Genau das, was ich gesagt habe. Hast du Heu in den Ohren?“

„Zum Teufel mit deiner spitzen Zunge!“

„Mist ist wahrscheinlicher.“

„Ich schätze, wenn ich eine klare Antwort bekommen möchte, muss ich sie selbst anrufen.“ Er drehte sich um und wollte weggehen, weg von dieser Frau, die die seltene Fähigkeit besaß, ihn nervös, gereizt und wütend zu machen. Normalerweise war er nichts von alledem. Nur bei Belinda.

Lange, elegante Finger mit kurzen, unlackierten Nägeln umfassten sein Handgelenk in einem stahlharten Griff. „Wag es ja nicht, sie anzurufen. Sie braucht ihre Ruhe. Sie ist erst gestern aus dem Krankenhaus entlassen worden.“

Alec blieb stehen und schaute seine Schwägerin über die Schulter hinweg an. „Und sie hatte wirklich eine Lungenentzündung?“

„Ja.“ Sie ließ seinen Arm los. „Sie behauptete ständig, sie habe nur einen Schnupfen. Sie muss gewusst haben, dass es etwas Schlimmeres ist, denn sie weigerte sich, zum Arzt zu gehen, bis ich ihr versprach, hierher zu kommen und die Jungen zu versorgen.“

Alec hatte keine andere Wahl, als Belinda zu glauben. Sie war vielleicht kratzbürstiger als ein Kaktus, aber Lügen waren nicht ihre Art. Und Elaine war ganz verrückt nach ihren Enkeln. Wenn sie hätte kommen können, hätte sie es auch getan.

Außerdem konnte Belinda ihn nicht ausstehen. Sie wäre nicht zur Ranch gekommen – und ganz bestimmt nicht für den ganzen Sommer – wenn sie nicht gemusst hätte. „Wie lange wird es etwa dauern, bis sie wieder gesund ist?“

Belindas Augen wurden schmal. „Wenn du damit meinst, dass sie mich ablösen wird, vergiss es, Viehtreiber. Sie ist so erschöpft, dass es noch Wochen, wenn nicht Monate dauern wird, bis sie sich vollständig erholt haben wird. Du und ich werden miteinander auskommen müssen, Wilder. Gewöhn dich dran.“

„Das möchte ich erleben!“ Sie war jetzt fünfzehn Minuten auf der Flying Alec Ranch, und schon tat ihm der Kiefer weh vom vielen Zähneknirschen, und Bauchschmerzen hatte er auch schon. Morgen um diese Zeit würde er seinen Verstand verloren haben, und wenn sie nächste Woche noch da wäre, würde einer von ihnen entweder tot oder geisteskrank sein. Diese Frau war gefährlich.

Da Alec nicht wusste, wie er sie dazu bringen könnte, die Ranch zu verlassen, ohne dass Blut – vermutlich seines – vergossen würde, schritt er zu ihrem kleinen Spielzeugauto und hob zwei Koffer aus dem winzigen Rücksitz. „Wenn du schon da bist, solltest du wohl erst mal auspacken.“

„Vielen Dank für den herzlichen Empfang.“ Belinda klimperte mit den Augenlidern und beugte sich zum Beifahrersitz.

Als sie sich neben ihm aufrichtete, schüttelte Alec den Kopf. „Zwei Handtaschen?“

„Eine Handtasche, ein Computer.“

Ein Schauer überlief Alec. „Dein Computer besteht doch, wenn ich mich recht erinnere, aus mindestens vier großen Kisten mit Ausrüstung, kilometerweise Kabel, und alle paar Stunden brennen die Sicherungen durch.“

„Das war noch, bevor man Laptops herstellte, die weniger als anderthalb Kilo wiegen.“ Sie ließ eine der Taschen an einem Finger vor seiner Nase baumeln. „Deinen Sicherungen wird nichts passieren, und“, fügte sie mit einem Lächeln hinzu, als sie sich an seine Beschwerden vom letzten Mal erinnerte, „deinem armen, schmerzenden Rücken auch nicht. Keine schweren Kisten mehr zu tragen.“ Sie zeigte zum Haus. „Geh voran, Cowboy.“

Und das tat er, obwohl er die Augen verdrehte und mit den Zähnen knirschte.

Belinda folgte dem schlendernden Viehtreiber zur Hintertür. Wenn er in diesem Tempo weiter machte, würden sie noch den ganzen Tag brauchen. Ärgerlich fragte sie sich, ob er sich im Bett auch so langsam bewegte.

Dieser Irrgedanke brachte sie dazu, fast hysterisch zu lachen.

Alec blieb stehen und sah sie stirnrunzelnd an. „Was ist denn so komisch?“

„Alles, Wilder.“ Sie schaute ihn nicht an. „Einfach alles.“

„Wir werden ja sehen, ob dir noch zum Lachen zu Mute ist, wenn du heute Abend ein Essen auf den Tisch bringen musst.“

„Wie bitte? Glaubst du denn, ich kann nicht kochen?“

„Ich habe mich nur gefragt, ob dir klar ist, dass Wäsche waschen, das Haus putzen und Kochen dazugehören. Eine gute, warme Mahlzeit Punkt sechs Uhr auf dem Tisch für mehrere hungrige Männer und drei kleine Jungen und für dich, falls du mit uns essen willst. Frühstück um fünf Uhr morgens, und reichlich davon, und Mittagstisch um zwölf Uhr. Sieben Tage die Woche.“

„Das schaffe ich schon. Ich brauche eine Telefonleitung für mein Modem. Meine Arbeit soll nicht leiden, nur weil es keine Frau bei dir zu Hause aushält.“

Die blauen Wilder-Augen wurden eisig.

Belinda musste zugeben, dass sie mit der Bemerkung über eine Frau womöglich zu weit gegangen war. Ihr Magen verkrampfte sich, als ihre eigenen Worte grausam in ihr nachhallten.

„Es gibt einen Telefonanschluss in deinem Schlafzimmer“, sagte er knapp. „Ferngespräche musst du bezahlen.“

Sie schüttelte das Gefühl der Unbehaglichkeit ab und würdigte diese kleinliche Bemerkung keiner Antwort. Als er ihr die Tür aufhielt, segelte sie an ihm vorbei ins Haus. Sie ignorierte mit Absicht das Schlafzimmer neben der Küche und stieg die Treppe zu dem Gästezimmer hinauf, das sie üblicherweise bei ihren Besuchen bewohnte. Das Zimmer unten hatte Mary gehört. Belinda nahm an, dass auch die zukünftige Haushälterin dort wohnen sollte, aber sie wollte um keinen Preis so nahe bei der Küche schlafen. Die würde sie oft genug zu Gesicht bekommen.

„Eines noch“, sagte Alec zu ihr, als sie zum Auto zurückgingen, um das restliche Gepäck zu holen.

Sie hob eine Augenbraue. „Nur eines?“

Seine Augen wurden schmal. „Ich weiß, dass du und ich nie viel füreinander übrig hatten …“

„Das ist ja wohl leicht untertrieben.“

„… aber ich werde nicht dulden, dass meine Jungen deiner Feindlichkeit mir gegenüber ausgesetzt sind.“

Meiner Feindlichkeit dir gegenüber?“

„Du hast ganz recht gehört.“

„Ach, weil du mich ja so gern hast, was?“

„Du bist ihre Tante. Ich bin ihr Vater. Ihnen zuliebe sollten wir nicht vor ihnen aufeinander rumhacken.“

„Bildest du dir ein, du musst mir sagen, wie ich mich vor meinen Neffen zu benehmen habe?“

„Nein“, sagte er zu ihrem Erstaunen. „Ich wollte das nur einmal festhalten, damit wir beide wissen, wie wir zueinander stehen.“

„Wir stehen nirgends zueinander. Ich stehe zu den Kindern meiner Schwester, und wenn du auch nur einen Moment lang geglaubt hast, dass ich irgendetwas tun würde, um sie zu verletzen …“

„Wenn ich das annähme, hätte ich dich gar nicht erst aus dem Auto steigen lassen.“

Belinda schaute Alec an und lächelte. „Bist du sicher, dass du mich für dich kochen lassen willst? Gift ist ja so leicht unterzumischen.“

Alec blickte auf seine Armbanduhr. „Hm. Siebenundzwanzig Minuten.“

„Er kann die Uhr lesen“, bemerkte sie und griff nach dem tragbaren Drucker in ihrem Auto.

„So lange hast du gebraucht, bis du endlich gedroht hast, mir den Kragen rumzudrehen.“ Seine Lippen zuckten. „Du lässt schwer nach, Slim. Normalerweise tust du das innerhalb der ersten zehn Minuten.“

„Ich musste meiner Mutter versprechen zu versuchen, nett zu dir zu sein.“

„So viel zu deinem Wort halten“, murmelte er.

Belinda hob den Drucker aus dem Auto und warf den Kopf zurück. „Du kannst meine Fähigkeit in Frage stellen, aber nicht meine Integrität. Ich habe versprochen, es zu versuchen, und ich habe es wirklich versucht.“

Keiner von beiden sprach ein einziges Wort mehr, bis sie alle Taschen in ihrem Schlafzimmer im ersten Stock verstaut hatten. Dann teilte sie ihm mit, dass sie in einer halben Stunde nach unten kommen würde, und schlug die Tür vor seiner Nase zu.

Belinda lehnte ihren Rücken an die geschlossene Tür und rutschte langsam zu Boden. Ich habe es geschafft, sagte sie zu sich. Sie hatte ihr Wort gehalten, das sie ihrer Mutter gegeben hatte, war wie versprochen nach Wyoming gekommen, und hatte die unvermeidliche Konfrontation mit Alec Wilder durchgestanden. In einer halben Stunde musste sie es wieder tun.

Als sie vor dem Haus vorgefahren war, hatte sie gehofft, dass dieses altbekannte, nervöse Gefühl im Magen ausbliebe, wenn sie ihn wieder sehen würde.

Lächerlich, das zu hoffen. Es war zwecklos.

Alles, was sie wusste, war, dass sie sich aus irgendeinem Grund in der Nähe von Alec unterlegen fühlte. Verletzlich. Unsicher. Gefährdet?

Nein, natürlich nicht. Männer wurden ihr nicht gefährlich. Sie hatte einen geheiratet – der sich dann allerdings als Trottel herausgestellt hatte – und hatte, seit sie erwachsen war, immer mit Männern zusammengearbeitet. Sie konnte es mit jedem Mann aufnehmen.

Deshalb irritierte sie das Gefühl von Verletzlichkeit, wenn sie in der Nähe von Alec war, so sehr. Sie hasste es. Hasste ihn, weil er die Ursache dafür war, hasste ihn umso mehr, weil er es fühlte. Die einzige Möglichkeit, die sie sah, um ihm und ihr ihre Unverletzbarkeit zu beweisen, war die, um sich zu schlagen.

Ein Reflex. Gewohnheit nach all den Jahren. Sie war nicht gerade stolz darauf, aber es war nun einmal, wie es war. Tatsächlich konnte sie manchmal selbst kaum glauben, was da aus ihrem Mund kam, wenn sie mit ihm zusammen war.

Es war wie verhext! Alec Wilder hatte irgendetwas an sich, das ihre Nerven zum Flattern brachte. Etwas, das ihr durch und durch ging. Und sie hatte sich von ihrer Mutter überreden lassen, für wer weiß wie lange auf Tuchfühlung mit ihm zusammen zu leben.

„Mutter, du hast ja keine Ahnung, was du mir damit angetan hast.“

Es würde ein langer, heißer Sommer werden.

Unten bei der Scheune musste Alec sich zum wiederholten Male daran erinnern, die Zähne wieder auseinander zu nehmen.

„Probleme?“

Er wandte seine Augen von der braunen Stute im Korral, die er angestarrt hatte – angeglotzt, wie ihm bewusst wurde – und sah Jack, der ihn kritisch betrachtete.

„Das ist milde ausgedrückt“, gab Alec zu. „Elaine hat eine Lungenentzündung.“

Autor

Janis Reams Hudson
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