Komm in den Garten der Liebe

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Er ist noch immer ihre große Liebe: Domenica Alessandreos, der elegante Besitzer einer Hotelkette. Und trotzdem sieht Saskia keine Chance auf einen Neuanfang, als sie sich in Venedig wiedersehen. Zwar begehren sie einander erneut, aber noch immer weiß Domenico nicht, warum sie ihn damals verließ. Saskia traut sich nicht, ihm zu sagen, was sein Vater ihr angetan hat...
  • Erscheinungstag 06.05.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733777494
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Als die Scheinwerfer im Theater erloschen, spürte Saskia plötzlich Domenicos Anwesenheit.

Er war nicht nur hier, sondern hatte sie im gleichen Moment gesehen. In demselben Augenblick, als sie seine Gegenwart fühlte, traf sie sein Zorn wie ein Blitzschlag. Sie zitterte am ganzen Körper vor Schreck.

Jamie, der neben ihr saß, bemerkte ihr Erschauern. Besorgt neigte er sich zu ihr herüber. „Hast du wieder Zahnschmerzen?“

Saskia atmete tief durch. „Nur ein leichtes Ziehen. Es ist schon vorüber.“

Im bläulichen Dämmerlicht, das die Gangbeleuchtung in die oberen Ränge des Rokokotheaters warf, schaute sie auf Jamies braune Locken und sein wettergegerbtes Gesicht. Wahrscheinlich konnte er den verdächtigen Glanz in ihren blauen Augen und die Röte ihrer Wangen genauso deutlich erkennen. Sie beugte den Kopf ein wenig vor, so dass ihr dunkles, kastanienbraunes Haar wie ein seidiger Vorhang ihre Miene vor ihm verbarg. Jamie wusste nichts von ihr – Saskia hatte ihm nur das Allernotwendigste über sich berichtet. Mehr brauchte er nicht zu erfahren. Besonders nicht über Domenico.

„Bist du sicher?“, flüsterte er. „Ich habe vorsichtshalber Tabletten eingesteckt, für den Fall, dass die Beschwerden zurückkehren.“

Das war typisch für Jamie. Nicht nur, dass er tiefes Mitgefühl für jede Kreatur empfand, die Schmerzen litt, er war überdies ausgesprochen praktisch veranlagt. Ohne viele Worte zu verlieren, half er, wo er konnte.

Saskia hob den Kopf und schenkte ihm ein mattes Lächeln. „Danke, Jamie. Vielleicht komme ich in der Pause auf dein Angebot zurück.“

Sie war am Morgen beim Zahnarzt gewesen, um einen Backenzahn behandeln zu lassen, der ihr Probleme bereitete, seit sie gestern beim Dinner auf eine geröstete Mandel gebissen hatte. In der Nacht hatte sie vor Schmerzen kaum ein Auge zugetan. Der Reiseleiter hatte gleich nach dem Frühstück für Saskia einen Termin bei einem venezianischen Dentisten vereinbart, und während die anderen eine Gondelfahrt durch die Kanäle unternahmen, hatte sie die Zeit in der Praxis verbracht.

„Warum sind Zahnschmerzen eigentlich immer nachts am schlimmsten?“, fragte sie den Arzt.

Er lachte und musterte bewundernd ihr prachtvolles Haar und ihre makellose Figur. „Weil es nichts gibt, womit Sie sich nachts ablenken können – es sei denn, Sie sind verheiratet.“

Saskia errötete leicht.

„Habe ich Sie beleidigt, Signorina?“, erkundigte er sich besorgt.

„Nein, nein“, versicherte sie ihm.

Erleichtert lächelte er. „Sie sprechen ausgezeichnet Italienisch, Signorina.“

„Danke, Signore.“ Saskia hatte nicht die Absicht, ihm zu erklären, warum sie die Sprache so fließend beherrschte. Obwohl es ihr überhaupt nicht gefiel, lebte sie schon zwei Jahre mit der Lüge, aber leider sah sie keinen anderen Ausweg. Sobald sie auch nur einer Menschenseele die Wahrheit verriet, setzte sie sich einem großen Risiko aus. Nur die Lüge gab ihr Sicherheit.

„Leben Sie in Venedig?“, fragte der Arzt.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich verbringe nur ein paar Tage hier.“

„Sie müssen unbedingt die Oper besuchen. Das Fenice hat für diese Saison eine wunderbare neue Sängerin verpflichtet.“ Sein Gesicht spiegelte die Begeisterung eines echten Musikliebhabers wider.

„Wir haben Karten für die heutige Aufführung.“

„Ah, es gibt La Traviata … Sie können sich glücklich schätzen, das Stück in Venedig zu erleben. Verdi hat es extra für das Fenice komponiert. Es ist das schönste Theater der Welt. Gebaut im siebzehnten Jahrhundert, brannte es später nieder und wurde originalgetreu Anfang des neunzehnten rekonstruiert. Selbst in London gibt es keine so alte Bühne.“

„Covent Garden ist ebenfalls ziemlich alt“, warf Saskia schüchtern ein.

Er machte eine wegwerfende Geste. „Viel zu überladen und pompös. Ich mag keine großen Opernhäuser. Das Fenice ist klein, intim und elegant.“

Bei ihrer Ankunft hatte Saskia sich im Foyer umgeschaut und insgeheim zugeben müssen, dass sein Enthusiasmus verständlich war. Die Innenausstattung war wirklich entzückend. Saskia hatte eine Schwäche für diese Epoche, in der Blattgold, kunstvolle Stuckarbeiten und romantische Deckenmalereien dominierten.

Die Wirkung der Betäubungsspritze, die der Arzt ihr gegeben hatte, war im Lauf des Tages abgeflaut, doch dank einiger Tabletten hatten sich die Beschwerden auf ein Minimum beschränkt. Saskia hatte den Zahn fast vergessen gehabt, erst als Jamie wieder davon sprach, verspürte sie ein dumpfes Pochen.

Mit Schmerzen war es immer so: Sobald man sie ignorierte, verschwanden sie mitunter auf wundersame Weise und kehrten erst zurück, wenn man erneut daran dachte.

Saskia hatte in den letzten Monaten Domenico sogar für Stunden vergessen können. Nun war der Schmerz wieder da – viel schlimmer als der lästige Backenzahn und viel schwerer zu kurieren.

Rings um sie herum summte das Publikum eine der berühmteren Arien mit, die gerade gesungen wurde. Die Italiener kannten den Text auswendig und liebten es, ihre Freude an der Musik mit den Künstlern zu teilen. Saskia blickte auf das bunte Treiben auf der Bühne, wo Tänzer umherwirbelten und Statisten einander mit Champagnergläsern zuprosteten, ihre Gedanken waren jedoch ganz woanders.

Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass Domenico heute Abend hier sein könnte, sonst hätte sie auf die Aufführung verzichtet. Sie wäre niemals nach Venedig gereist, wenn sie geahnt hätte, dass sie ihn hier sehen würde.

Domenico war ein leidenschaftlicher Musikliebhaber und besuchte gelegentlich die Mailänder Scala. Dort hätte er sich niemals eine Inszenierung von Verdis La Traviata entgehen lassen, besonders dann nicht, wenn eine so herausragende Sopranistin die Violetta sang wie heute Abend. Allerdings erinnerte Saskia sich nicht, dass er je das Fenice in Venedig erwähnt hätte.

Abgesehen von den wenigen Stunden, die Domenico in der Oper oder im Konzertsaal verbrachte, widmete er sich ausschließlich seiner Arbeit. Er reiste häufig ins europäische Ausland oder nach Amerika, außerdem war er in ganz Italien unterwegs. Wenn er zu Hause war, veranstaltete er häufig Dinnerpartys oder war selbst eingeladen, aber stets war damit irgendein geschäftliches Interesse verbunden.

„Ich habe keine Zeit für Nebensächlichkeiten“, hatte er ihr oft ungeduldig erklärt. Manchmal hatte sie gedacht, dass er sie ebenfalls als Nebensächlichkeit betrachtete, als hübsches Spielzeug, das er sich aus einer Laune heraus ausgesucht hatte, um damit zu spielen, ohne es eigentlich zu brauchen.

Domenico war für Saskia der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen – zumindest hatte sie sich damals ihr Dasein ohne ihn nicht vorstellen können. Erst als der Schmerz zu groß wurde, war sie geflohen. Gezwungenermaßen hatte sie erkennen müssen, dass es auch für die Liebe Grenzen gab, ein Höchstmaß dessen, was man im Namen der Liebe ertragen konnte.

Seit der Nacht, in der sie sein Haus verlassen hatte, hatte sie ihn nicht wieder gesehen. Und jetzt sehnte sie sich danach, einen Blick auf ihn zu erhaschen – obwohl sie sich zugleich davor fürchtete.

Wo mochte er sitzen? Nicht in ihrer unmittelbaren Nähe, davon war sie überzeugt, aber dennoch in Sichtweite, denn er hatte sie entdeckt, bevor die Lichter ausgingen.

Es hatte wenig Sinn, sich im abgedunkelten Zuschauerraum umzusehen. Das Theater war ausverkauft, was, wie der Reiseleiter ihnen berichtet hatte, im Fenice nichts Ungewöhnliches war. Die Venezianer liebten die Oper, und man musste die Karten einen Monat im Voraus bestellen, um überhaupt einen Platz zu ergattern.

Saskia ließ ihren Blick ruhelos umherschweifen. Ein Meer von Gesichtern umgab sie. Welches mochte Domenico gehören? Sie schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, herauszufinden, wo er war. Es klappte nicht immer. Zu viel hing davon ab, wie stark die Signale waren, die die andere Person aussandte.

Langsam drehte sie den Kopf, um Domenicos Emotionen aufzufangen. Zorn, ungebändigte Wut … Sie konnte es förmlich in der Dunkelheit leuchten sehen. Er saß in einer Loge links von der Bühne.

Sie öffnete die Augen und blickte in diese Richtung. Hinter den seidenen Vorhängen, die von einer goldfarbenen Kordel zusammengefasst waren, bemerkte sie Domenicos markante Silhouette. Ohne auf das Geschehen auf der Bühne zu achten, schaute er unverwandt zu Saskia herüber. Obwohl sie sein Gesicht auf diese Entfernung nicht erkennen konnte, wusste sie, was sie sehen würde, wenn die Lichter angingen: schwarzes Haar, das glatt aus der Stirn gekämmt war, ernste Züge, kalte graue Augen, ein energisches Kinn und fest zusammengepresste Lippen, die nichts von der Leidenschaft verrieten, zu der er fähig war.

Heute Abend konnte er seine Emotionen allerdings kaum noch kontrollieren. Über die Köpfe des Publikums hinweg spürte Saskia, was er dachte und fühlte. Sie zitterte.

Jamie bemerkte ihre wachsende Unruhe und musterte sie eindringlich. „Wird es schlimmer?“

In diesem Moment setzte tosender Szenenapplaus ein. Einige Männer sprangen voller Begeisterung auf, riefen den Namen der Sopranistin und warfen ihr Handküsse und Blumen zu.

„Ich glaube, ich muss gehen, Jamie. Bitte bleib hier, ich möchte dir den Abend nicht verderben.“

„Ein paar Tabletten werden dir bestimmt helfen“, protestierte er.

Saskia riskierte einen verstohlenen Blick auf die Loge, in der Domenico saß. Er hatte den Kopf noch immer in ihre Richtung gewandt. Sie wusste, dass er sie beobachtete. Wenn sie jetzt aufstand und das Theater verließ, würde er ihr folgen.

Auf eine befehlende Geste von Domenico hin, löste sich ein Schatten aus dem Hintergrund der Loge. Ein Mann trat vor und beugte sich zu ihm herab.

Saskia stockte der Atem. Die Leibwächter. Sie hatte sie völlig vergessen. Er würde die Bodyguards losschicken, um sie zu holen. Ihr blieb nur die Flucht – und zwar sofort.

Plötzlich zögerte sie resigniert. Wenn sie jetzt fortlief, würde Domenico sie über das Reiseunternehmen ausfindig machen. Die Theaterleitung konnte ihm sagen, wer diese Plätze gebucht hatte.

Himmel, warum ist mir nicht früher eingefallen, wie riskant dieser Urlaub ist? überlegte sie düster. Es war bodenloser Leichtsinn gewesen, nach Italien zu kommen, egal, in welchen Teil des Landes. Zum ersten Mal seit zwei Jahren hatte sie ihre übliche Vorsicht außer Acht gelassen und geglaubt, sie müsse sich seinetwegen keine Sorgen machen.

Saskia hatte Venedig nicht gekannt und sich nicht erinnern können, dass Domenico je hier gewesen war. Da es sich um eine Rundreise handelte, die sie jeden Tag in eine andere Stadt führte – nur in Venedig war ein längerer Aufenthalt geplant –, hatte sie das Risiko gering eingeschätzt.

Närrin, schalt sie sich erschauernd. Sie hätte in England bleiben sollen, in der Anonymität, wo er sie nicht aufspüren konnte. Italien war seine Heimat, und es war ein verhängnisvoller Fehler gewesen, herzukommen. Hätte sie auf den Opernbesuch verzichtet, würde Domenico nichts von ihrer Anwesenheit ahnen.

Von dem Geschehen auf der Bühne hatte Saskia kaum etwas wahrgenommen. Sie seufzte leise.

Jamie warf ihr einen eindringlichen Seitenblick zu. „Wird es schlimmer?“

Sie nickte. „Nach diesem Akt werde ich gehen. Du brauchst mich nicht zu begleiten, Jamie. Ich möchte dir den Abend nicht verderben.“

„Ich komme mit“, flüsterte er. „Schließlich kann ich dich nicht allein durch die Stadt laufen lassen, zumal es dir auch nicht gut geht.“

Es war typisch für ihn, darauf zu bestehen. Jamie Forster war ein warmherziger, freundlicher Mann, der sich um seine Mitmenschen sorgte. Er war weder ehrgeizig noch energiegeladen, sondern wollte sein Dasein genießen, Freunde um sich haben und gerade so viel verdienen, um bequem zu leben. Ihm gehörte ein Gartencenter ungefähr vierzig Meilen außerhalb Londons, das er von seinem Vater geerbt hatte. Jamie liebte es, in der frischen Luft zu arbeiten und die Pflanzen um sich herum wachsen zu sehen. Er besaß den sprichwörtlichen grünen Daumen. Jeder noch so winzige Setzling gedieh unter seiner Pflege zu einem Prachtexemplar. Seine Arbeit war mehr als nur ein Hobby für ihn, es war eine Leidenschaft – vielleicht seine einzige.

Seit Saskia vor zwei Jahren angefangen hatte, für ihn zu arbeiten, hatte sie ihn schätzen gelernt. Allerdings hatte sie ihn nie zu nahe an sich herankommen lassen, denn es gab zu vieles, was sie ihm über ihre Vergangenheit verschwiegen hatte. Sie war nicht frei für einen anderen. Obwohl Jamie sie sehr gern mochte, hatte er glücklicherweise nie angedeutet, dass er mehr für sie empfand. Sie waren so gute Freunde, dass jede intimere Beziehung außer Frage stand. Bis vor wenigen Monaten hatte Jamie eine Freundin gehabt, die sich nach einem heftigen Streit von ihm trennte, da er mehr an seiner Arbeit als an ihr interessiert war. Gelegentlich nahm er Saskia zu Partys mit. Das alles geschah auf rein freundschaftlicher Basis. Bislang hatte er nicht einmal versucht, sie zu küssen.

Aber würde Domenico das glauben, wenn er erfuhr, dass sie ihren Urlaub in Italien mit Jamie verbrachte? Nervös spähte Saskia zu der Loge hinüber, wo Domenico saß. Natürlich würde er es nicht glauben.

Er durfte keinesfalls Jamie treffen. Sie wagte gar nicht, sich seine Reaktion auszumalen. Hinter seinem scheinbar eiskalten Äußeren verbarg sich ein aufbrausendes Temperament, das ohne jede Vorwarnung explodieren konnte. Jamie war einem wütenden Domenico in keiner Hinsicht gewachsen. Und Saskia ebenfalls nicht. Das war schon immer so gewesen. Seine Ausbrüche hatten sie stets eingeschüchtert.

Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung endete kurz darauf der erste Akt. Schuldbewusst applaudierte Saskia mit den anderen Zuschauern, während sich der Vorhang herabsenkte. Sie liebte die romantische Musik und die rührende Handlung von La Traviata. Den ganzen Tag lang hatte sie sich auf diesen Abend gefreut, und nun hatte sie kaum etwas davon mitbekommen.

Als das Publikum langsam aus dem Saal strebte, eilte Saskia auf den Ausgang zu und schob mit ein paar gemurmelten Entschuldigungen jeden beiseite, der ihr den Weg verstellte. Sie blickte sich nicht einmal zu Jamie um, so sehr war sie bemüht, das Theater zu verlassen, ehe Domenico oder einer seiner Leibwächter ihr folgen konnte.

Erst an der nächsten Straßenecke gelang es Jamie, sie einzuholen. „He, fast hättest du mich verloren. Ich habe nur Terry kurz Bescheid gesagt, dass wir zum Hotel zurückkehren, damit er sich keine Sorgen macht, falls unser Verschwinden bemerkt wird.“

Saskia warf ihm einen bedauernden Blick zu. „Du hättest bleiben sollen. Es tut mir Leid, dass ich alles verdorben habe, Jamie. Ich weiß, wie sehr du dich auf die Aufführung gefreut hast.“

„Es ist nicht deine Schuld. Schließlich hast du nicht darum gebeten, Zahnschmerzen zu bekommen.“ Er seufzte resigniert. „Es ist eben Schicksal.“

Du täuschst dich, dachte Saskia. Nicht das Schicksal hatte diesen Abend ruiniert, sondern ihre eigene Dummheit. Wäre sie nicht nach Italien gereist, hätte sie nicht das Fenice besucht und Domenico nie wieder gesehen.

Und dennoch … Warum war Domenico hier? Hatte die Vorsehung etwa doch ihre Hand im Spiel?

Sie gelangten zu einer der halbrunden Kreuzungen, die charakteristisch für das labyrinthähnliche Straßenbild von Venedig waren.

Jamie schaute sich unsicher um. „Wir müssen hier links abbiegen, oder?“

„Ich bin mir nicht sicher.“ Sie wollte so schnell wie möglich vom Theater fort, fort von Domenico.

Jamie fragte einen Passanten nach dem Weg, der ihm bereitwillig Auskunft gab. Je näher sie dem Hotel kamen, desto mehr entspannte Saskia sich. Bald war sie in Sicherheit.

Sie wusste, dass er ihre Spur verloren hatte. Das fühlte sie – genauso wie sie seinen Ärger und seine Frustration empfand. Sie war ihm erneut entkommen. Ohne ihn zu sehen, spürte sie, wie er auf den Straßen rund um das Fenice nach ihr suchte. Er bewegte sich mit jener katzenhaften Geschmeidigkeit, die typisch für ihn war. Der Blick seiner Augen schweifte rastlos über mondbeschienene Plätze und leere Gassen.

Sie wusste zwar, was er fühlte, aber nicht, was er dachte. Domenico war viel zu klug, um sie in seine Gedanken eindringen zu lassen. Sie konnte sie nur lesen, wenn seine Emotionen und Gedanken sich vermischten, wenn sie eins wurden. Im Gegensatz zu anderen Menschen geschah das bei Domenico nur sehr selten.

Saskia hatte diese Gabe bei sich entdeckt, als sie noch ein Kind war. Damals hatte sie es nicht verstanden, denn mitunter verstrichen Monate, ehe es sie erneut wie ein Blitz durchzuckte und sie wusste, was ein anderer dachte. Lange hatte sie geglaubt, ihre Fantasie würde ihr einen Streich spielen, und erst in der Pubertät begannen sich diese Zwischenfälle zu häufen. Sie hatte angefangen, damit herumzuexperimentieren und daraus einen Partygag für ihre Freunde gemacht. Auf diese Weise hatte sie herausgefunden, dass sie tatsächlich Gedanken lesen konnte.

Das gelang ihr allerdings nur, wenn der Betreffende sehr verärgert, aufgeregt oder verängstigt war. Dann konnte sie sich in seine Gefühle hineinversetzen und sie genau beschreiben. Alle Versuchspersonen waren erstaunt, manche sogar so erschreckt, dass sie sich künftig von ihr distanzierten, weil sie sie für gefährlich hielten. Die Vorstellung, Saskia könne ihre Gedanken lesen, war ihnen unheimlich, obwohl sie ihnen versicherte, dass es sich nur um rein zufällige Bruchstücke handelte.

„Es ist, als ob ich Radiowellen empfange“, hatte sie Domenico einmal erklärt. „Wie Stimmen, die aus der Luft kommen. Ich höre, was die Menschen denken … aber nur, wenn sie sehr aufgeregt oder verärgert sind. Anscheinend verstärken sich dann ihre Gehirnströme, und ich kann sie auffangen. Heftige Emotionen wie Wut, Angst oder Freude dringen zu mir durch.“

„Mir scheint, ich muss dir gegenüber vorsichtig sein“, hatte er erwidert. Seine grauen Augen hatten dabei spöttisch gefunkelt. Seiner Meinung nach war das blanker Unsinn, eine Ausgeburt ihrer Fantasie.

Domenico glaubte nicht an andere Dimensionen wie Horoskope, Wahrsagerei, Gedankenübertragung oder das zweite Gesicht. Saskia tat das auch nicht. Sie hatte oft genug beteuert, dass sie nichts dergleichen tat und seit ihrer Teenagerzeit nie mehr versucht hatte, vorsätzlich in die Gedanken anderer Menschen einzudringen. Im Gegenteil, sie hätte viel darum gegeben, wenn dieser Spuk endlich aufhören würde, denn es verwirrte sie zunehmend, dass es ihr nicht möglich war, es abzustellen.

„Es passiert einfach aus dem Nichts heraus“, hatte sie erklärt. „Immer dann, wenn es irgendwo eine Krise gibt oder irgendjemand äußerst aufgeregt ist.“

Domenico hatte die Lippen verzogen und den Kopf geschüttelt. Er hatte weder ein Wort von dem, was sie gesagt hatte, geglaubt, noch verstanden. Es passte einfach nicht in sein Weltbild.

Er besaß einen messerscharfen, logischen Verstand. Domenico war ein Perfektionist – in jeder Hinsicht. Es hatte einige Zeit gedauert, bis Saskia begriffen hatte, dass sein Streben nach Vollkommenheit sie mit einschloss. Er verlangte von ihr, ebenfalls perfekt zu sein. Perfekt in ihrem Äußeren und ihrem Auftreten, die perfekte Frau für einen so mächtigen Mann wie Domenico Alessandros und – auch das erwartete er – in angemessener Zeit die perfekte Mutter seiner zweifellos genauso perfekten Kinder.

Perfektion war jedoch nur schwer zu erreichen. Saskia war sich ihrer menschlichen Schwächen nur zu bewusst, kleiner Fehler und Unzulänglichkeiten, die sie nicht auszumerzen vermochte. In ihr wuchs die Furcht, dass Domenico ihr nicht vergeben würde, wenn er ihre Unvollkommenheit bemerkte.

Domenico war kein Mann, der leicht verzieh, und Saskia hatte versagt. Deshalb war sie von ihm fortgelaufen. Aus Angst vor seinem eisigen Blick und dem schneidenden Tonfall seiner Stimme. Normalerweise war sie kein Feigling, aber Domenicos Zorn hatte zutiefst verschreckt – bis zum heutigen Tag.

Zwei Jahre waren seither vergangen, und noch immer wagte sie es nicht, ihm gegenüberzutreten. Nachdem sie Domenicos Emotionen über das ganze Publikum hinweg aufgefangen hatte, wusste sie, dass er ihr nicht vergeben hatte. Sein Zorn und sein Schmerz waren noch genauso stark wie einst.

„Du bist so still. Hast du große Schmerzen?“, erkundigte Jamie sich besorgt, nachdem er ihre Zimmerschlüssel an der Rezeption abgeholt hatte.

Saskia verzog das Gesicht. „Ob du es glaubst oder nicht … Jetzt habe ich auch noch Kopfweh.“ Das Pochen hinter ihren Schläfen war tatsächlich unerträglich. Sie seufzte. „Heute ist wirklich nicht mein Tag.“

„Nimm zwei von diesen Pillen mit etwas Wasser. Dann rufst du den Zimmerservice und lässt dir eine Tasse heiße Schokolade bringen, damit du besser schläfst.“ Jamie reichte ihr das Tablettenröhrchen, während sie mit dem Lift zu ihren Räumen im dritten Stock fuhren.

„Danke, Jamie. Es tut mir Leid …“, begann sie.

„Vergiss es“, unterbrach er sie lächelnd. „Ich hatte selbst schon Zahnschmerzen und weiß, wie du dich fühlst. Es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres. Meine Mutter sagte immer, eine Entbindung wäre nicht so unangenehm.“ Schweigend gingen sie den Flur entlang. Vor Saskias Tür angekommen, blieb Jamie stehen. „Versuch zu schlafen, sobald du die Schokolade getrunken hast. Wenn es dir morgen früh nicht besser geht, musst du noch einmal den Zahn untersuchen lassen.“

„Ich bin sicher, morgen ist das Ärgste vorüber. Wahrscheinlich brauche ich nur etwas Ruhe. Gute Nacht, Jamie.“

Saskia verzichtete auf die heiße Schokolade. Sie nahm die beiden Tabletten und ging sofort zu Bett. Obwohl der Kopfschmerz bald verflog, fand sie stundenlang keinen Schlaf. In der Dunkelheit lauschte sie dem leisen Plätschern der Wellen, die an den Pier hinter dem Hotel schlugen, das direkt am Canale Grande lag. Verzweifelt kämpfte sie gegen die gleiche Panik an, die sie schon vor zwei Jahren verfolgt hatte.

Damals war sie vor Kummer, Angst und Schuldgefühlen fast von Sinnen gewesen. Ständig hatte sie befürchtet, Domenico könnte sie aufspüren und ihr plötzlich gegenüberstehen.

Die schwere körperliche Arbeit im Gartencenter hatte ihr über die ersten schrecklichen Monate hinweggeholfen. Da Saskia derartige Anstrengungen nicht gewohnt war, hatte ihr anfangs jeder Muskel wehgetan. Sie hatte kaum die Kraft aufgebracht, ein heißes entspannendes Bad zu nehmen und sich anschließend eine Mahlzeit zuzubereiten. Nachdem sie den ganzen Tag an der frischen Luft verbracht hatte, schlief sie sofort ein, sobald ihr Kopf das Kissen berührte. Zunächst hatten sie schreckliche Albträume verfolgt, doch im Lauf der Monate waren sie ausgeblieben.

In dieser Nacht kehrten sie zurück. In den frühen Morgenstunden erwachte Saskia tränenüberströmt und zitternd. Blicklos starrte sie auf die aufgehende Sonne hinaus, während ihr die Ereignisse des letzten Abends wieder einfielen. Hatte Domenico herausgefunden, dass sie zu einer Touristengruppe gehörte, oder glaubte er, sie würde hier allein ihre Ferien verbringen – allein mit dem Mann, der mit ihr zusammen das Theater verlassen hatte?

Plötzlich wünschte sie, sie könnte vorsätzlich die Gedanken eines Menschen lesen. So sehr sie sich auch konzentrierte, sie empfing keine Signale. Vielleicht schlief Domenico noch? Nein, sie fühlte, dass er wach war und ebenfalls eine unruhige Nacht hinter sich hatte. Diese Erkenntnis tröstete sie allerdings nicht im Mindesten.

Um halb acht stand Saskia auf und ging in das angrenzende Bad, um zu duschen. Sie zog einen Morgenrock über und ließ den Zimmerkellner herein, der ihr auf dem Balkon das Frühstück servierte. Nachdem sie dem Mann ein Trinkgeld gegeben hatte, setzte sie sich und schlug die italienische Morgenzeitung auf, die ebenfalls auf dem Tablett lag.

Als ihr Blick auf die Wirtschaftsseite fiel, sprang ihr Domenicos Name ins Auge. Hastig überflog sie den kurzen Artikel.

„Es ist eben Schicksal“, hatte Jamie gestern Abend gesagt. Das Schicksal hatte Jamie veranlasst, ihr eine Reise zu den berühmten italienischen Gärten vorzuschlagen, um Ideen für den eigenen Betrieb zu sammeln. Das Schicksal hatte dafür gesorgt, dass sie die letzten Tage vor dem Heimflug in Venedig verbringen sollten. Und das gleiche Schicksal hatte sich in Domenicos Leben gemischt. Es hatte ihn zu geschäftlichen Verhandlungen mit einer der größten italienischen Hotelketten nach Venedig geführt. Er wollte einige der Luxushotels übernehmen und traf sich hier mit dem Vorstandsvorsitzenden der anderen Gesellschaft.

Nach dem Frühstück schlüpfte Saskia in ein schlichtes apfelgrünes Leinenkleid und flache weiße Schuhe. Sie bürstete sich das Haar und legte ein wenig Make-up auf, ehe sie sich mit Jamie und den übrigen Mitgliedern ihrer Gruppe im Foyer traf.

Heute stand eine Besichtigung der Akademie der schönen Künste auf dem Programm. Während der Reiseleiter einen Vortrag über Giovanni Bellini, einen berühmten venezianischen Maler, hielt, hing Saskia ihren eigenen Gedanken nach. Sie würden noch zwei Tage in der Stadt bleiben. Selbst wenn sie ein früheres Flugzeug nach England buchte, würde Domenico sie mit Leichtigkeit verfolgen können. Er brauchte nur den Reiseveranstalter nach ihrer Adresse zu fragen.

Autor

Charlotte Lamb

Die britische Autorin Charlotte Lamb begeisterte zahlreiche Fans, ihr richtiger Name war Sheila Holland. Ebenfalls veröffentlichte sie Romane unter den Pseudonymen Sheila Coates, Sheila Lancaster, Victoria Woolf, Laura Hardy sowie unter ihrem richtigen Namen. Insgesamt schrieb sie über 160 Romane, und zwar hauptsächlich Romances, romantische Thriller sowie historische Romane. Weltweit...

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