Milliardäre küssen besser

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"In meiner Penthouse-Suite. In fünfzehn Minuten." Atemlos liest Anna die SMS, die ihr Jacob Lin von der anderen Seite der Hotelbar geschickt hat. Jetzt bloß keinen Fehler machen! Sie muss unbedingt mit dem gutaussehenden Tycoon sprechen und ihm ein Millionenangebot unterbreiten, wenn sie sich endlich in ihrer Firma behaupten will. Ein Martini macht ihr Mut und lässt sie erregt daran denken, was vor sechs Jahren war: Damals hat Jacob sie unvergesslich heiß geküsst! Wird in seiner Suite mehr als ein Gespräch stattfinden - in fünfzehn Minuten?


  • Erscheinungstag 01.11.2016
  • Bandnummer 1949
  • ISBN / Artikelnummer 9783733723170
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Du willst mich erwürgen? Ist das nicht etwas übertrieben?“ Lachend sah Anna Langford ihre Assistentin und Freundin Holly Louis an.

Die beiden standen in der luxuriösen Lobby des Miami Palm Hotels, und Anna war im Begriff, ihren ehrgeizigsten Geschäftsplan in die Tat umzusetzen. Schade nur, dass Holly sie nicht unterstützen wollte.

„Ich habe deinen Bruder bisher nur selten bei geschäftlichen Besprechungen beobachten können“, sagte sie. „Aber ich bin sicher, er wird wütend, wenn er erfährt, dass du Kontakt zu Jacob Lin aufnehmen willst.“

„Das stimmt.“ Anna warf einen Blick durch die Glastür, die zur Hotelbar führte. Am Tresen hatten sich viele der Führungskräfte versammelt, die an der Tagung der großen amerikanischen Telekommunikationsunternehmen teilgenommen hatten. Anna und Holly waren für LangTel dabei gewesen, für die Firma, die Annas verstorbener Vater aufgebaut hatte. Nach seinem Tod war Anna zur Leiterin der Abteilung für neue Technologien aufgestiegen, während ihr Bruder Adam den Posten des Geschäftsführers übernommen hatte.

Leider liefen die Geschäfte nach dem Tod des Gründers von LangTel nicht besonders gut. Deshalb war es höchste Zeit für Neuerungen. Als Anna gerüchteweise von einer bevorstehenden kleinen Revolution auf dem Handymarkt erfahren hatte, war sie wie elektrisiert gewesen. Zum Glück schien bisher keiner der Konkurrenten von LangTel davon zu wissen. Das einzige Problem bestand daher darin, dass die Neuerungen nur über Jacob Lin führten. Über den Mann, den ihr Bruder Adam mehr als jeden anderen auf der Welt hasste.

„Das ist er, nicht wahr?“, meinte Holly, den Blick auf einen attraktiven dunkelhaarigen Mann an der Bar gerichtet. „Wer hätte gedacht, dass er in Wirklichkeit noch besser aussieht als auf den Fotos?“

Anna zuckte die Schultern. Sie kannte Jacob seit vielen Jahren und wusste genau, wie sexy er war. Leider hatte er ihr vor längerer Zeit eine Abfuhr erteilt. Die Zurückweisung hatte sie zutiefst verunsichert und verletzt, auch wenn Jacobs Begründung nachvollziehbar gewesen war.

„Diese Ausstrahlung!“, fuhr Holly fort. „Man hat den Eindruck, dass er jedem Mann im Umkreis von fünfzig Meilen überlegen ist.“

Ohne auch nur zu Jacob hinzuschauen, erklärte Anna: „Ehrlich gesagt: Er ist jedem Mann im Umkreis von mindestens hundert Meilen überlegen.“

„Nun“, Holly lächelte ermutigend, „dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als dir viel Glück zu wünschen. Das wirst du nämlich brauchen.“

„Glaubst du, dass er sich weigern wird, mit mir zu reden?“ Anna fühlte sich keineswegs so stark, wie sie gehofft hatte.

„Schon möglich. Du hast mir doch erzählt, dass er die Langfords hasst. Und du bist eine.“

„Ich könnte dir die Anweisung geben, mich zu begleiten. Immerhin arbeitest du für mich.“

Holly schüttelte den Kopf. „Das gehört nicht zu meinen Aufgaben. In meinem Arbeitsvertrag steht nichts von Selbstmordkommandos, an denen ich teilnehmen muss.“

Die Bemerkung verunsicherte Anna noch mehr. Doch da sie in Gedanken immer wieder durchgegangen war, was sie zu tun hatte, bemühte sie sich, die Fassung zu wahren. Sie musste Erfolg haben, wenn sie ihrem Bruder beweisen wollte, dass sie für den Posten der Geschäftsführerin geeignet war. Andernfalls würde er seinen Platz nie für sie räumen.

Vor seinem Tod hatte ihr Vater Adam das Versprechen abgenommen, dass er Anna zur Geschäftsführerin machen würde. Adam fühlte sich an das Versprechen gebunden, hatte aber auch betont, dass Anna zuerst ihr Können unter Beweis stellen müsse. Kluge Entscheidungen waren also die Voraussetzung für ihren Aufstieg im Unternehmen.

Dummerweise war keineswegs sicher, dass es eine kluge Entscheidung war, auf Jacob Lin zuzugehen. Denn niemand konnte voraussagen, wie er reagieren würde. Trotzdem behauptete Anna jetzt: „Ich kenne Jacob ziemlich gut. Nichts ist ihm wichtiger als Geld. Und davon kann ich ihm eine Menge anbieten. Das wird ihn überzeugen. Adam wiederum wird seine Abneigung gegen Jacob zurückstellen, wenn ihm klar wird, welche Vorteile die neue Technologie für LangTel mit sich bringt.“

„Was genau hast du vor?“, erkundigte Holly sich.

„Ich werde den Barkeeper bitten, Jacob eine Nachricht von mir zu geben.“

Holly runzelte die Stirn. „Eine Einladung zu einem heimlichen Rendezvous?“

„Was sonst könnte ich tun?“ Anna zuckte die Schultern. „Ich kenne ja nicht einmal seine Telefonnummer.“ Vor ein paar Stunden hatte sie die Nummer, die er vor sechs Jahren gehabt hatte, gewählt, jedoch vergeblich, denn die Nummer war nicht mehr vergeben.

„Hm … Einfach zu ihm hinzugehen und ihn anzusprechen wäre wohl keine Lösung. Es würde nur die Gerüchteküche anheizen.“

„Wie wahr …“ Jeder, der irgendwie im Telekommunikationsgeschäft tätig war, wusste von der Feindschaft zwischen Jacob Lin und den Langfords.

Plötzlich lächelte Holly. „Wenn jemand das Unmögliche möglich machen kann, dann bist du es, Anna.“

„Danke.“ Sie zupfte ihre Bluse zurecht, öffnete die Glastür und schritt stolz erhobenen Hauptes auf die Bar zu, wo sie sich auf einem Hocker weit von Jacob entfernt niederließ. Dann holte sie ein kleines Blatt Papier und einen Kuli aus ihrer Handtasche und begann zu schreiben.

Jacob,

ich sitze am anderen Ende des Tresens. Ich möchte dich treffen, um etwas Geschäftliches zu besprechen. Wegen der Feindschaft zwischen Adam und dir hielt ich es für das Beste, dich nicht in aller Öffentlichkeit anzusprechen. Schick mir eine SMS, wenn du Interesse an einem Gespräch hast.

Nachdem sie noch ihre Handynummer notiert und die Nachricht mit ihrem Vornamen unterschrieben hatte, gab sie dem Barkeeper ein Zeichen. Leise, sodass niemand außer ihm es hören konnte, bat sie den Mann: „Würden Sie das bitte dem großen Gentleman im grauen Anzug geben? Dem, mit dem dichten schwarzen Haar.“ Jacobs markantes Gesicht, seine breiten Schultern und seine erotische Ausstrahlung erwähnte sie nicht.

Der Barkeeper starrte auf das gefaltete Blatt und hob die Augenbrauen. Rasch steckte Anna ihm einen Zehndollarschein zu.

„Gern, Miss.“ Wie von Zauberhand verschwand der Geldschein.

„Ich hätte gern einen Martini. Mit drei Oliven.“ Noch nie hatte sie sich Mut angetrunken, doch jetzt – das wusste sie – würde ein wenig Alkohol ihr guttun.

Möglichst unauffällig beobachtete sie Jacob. Als er die Notiz aus der Hand des Barkeepers entgegengenommen hatte, fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar. Auf seinen Wangen zeigte sich ein dunkler Schatten, den ein starker Bartwuchs zur Folge hatte.

Anna fiel ein, wie warm seine braunen Augen blicken konnten. Nur dass sie das schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr getan hatten …

Während er las, runzelte Jacob die Stirn.

Hält er mich für verrückt?

Sie wusste, dass er in der Zwischenzeit unglaublich reich geworden war. Angeblich gehörte er zu den wenigen jungen Milliardären im Land. Warum also hätte er Interesse an einer geschäftlichen Verbindung zu ihr haben sollen? Vermutlich war es albern gewesen, ihm eine heimliche Botschaft zu schicken.

Mit einem Mal kam Anna sich naiv vor. Genauso naiv wie damals, als sie geglaubt hatte, sie würden den Himmel auf Erden finden, wenn sie sich nur einmal küssten …

Jacob faltete den Zettel zusammen, holte sein Handy aus der Tasche und begann zu tippen.

Anna erinnerte sich genau an seine schlanken und dabei doch kräftigen Hände. Wie sehr hatte sie sich damals gewünscht, von ihnen liebkost zu werden. Leider war es nie dazu gekommen. „Ich kann nicht, Anna“, hatte Jacob gesagt. „Meine Freundschaft zu Adam verbietet es mir.“

Es war ihr schwergefallen, das zu akzeptieren. Tatsächlich litt sie noch heute ein wenig unter dieser Zurückweisung. Das allerdings war ihr erst klar geworden, als sie sich während der Tagung nach langer Zeit erneut mit ihm im gleichen Raum aufhielt. Verflixt, sie wollte etwas Geschäftliches mit ihm besprechen und nicht alten Zeiten nachhängen! Trotzdem konnte sie an nichts anderes denken als an Jacobs Lächeln, an seine heißen Blicke, daran, wie er mit ihr geflirtet hatte.

Jetzt steckte er sein Handy ein, und beinahe gleichzeitig leuchtete das Display von Annas Handy auf. Ihr Herz begann wild zu klopfen. Was mochte Jacob geschrieben haben?

Sie schluckte. Verflixt, es gab keinen Grund, so nervös zu sein! Trotzdem zitterten ihre Finger ein wenig, als sie die SMS öffnete.

In meiner Penthouse-Suite. In 15 Minuten.

Einen Moment lang stockte ihr der Atem. Die Nachricht war so typisch für Jacob. Kein unnötiges Wort. Er kam immer direkt zum Punkt. Seine unverblümte, befehlsgewohnte Art machte manchen Leuten Angst. Anna aber wollte sich nicht einschüchtern lassen. Sie war daran gewöhnt, mit mächtigen Männern zu tun zu haben. Allerdings hatte keiner dieser Männer ihr jemals so viel bedeutet wie Jacob. Nach jenem Kuss hatte er sich von ihr zurückgezogen – was ihr sehr wehgetan hatte. Wie viele sentimentale Briefe hatte sie ihm damals geschrieben! Nur gut, dass sie keinen davon abgeschickt hatte.

Jacob erhob sich, nickte seinem Nachbarn am Tresen zu und verließ die Bar, ohne auch nur einen Blick in Annas Richtung zu werfen. Er strahlte das Selbstbewusstsein eines enorm erfolgreichen Unternehmers aus und bewegte sich mit der Kraft und Grazie eines Panthers.

Ein heißer Schauer überlief Anna, die ihn aus den Augenwinkeln beobachtete. Jetzt ging er hinter ihr vorbei. Ein leichter Duft nach Sandelholz und Zitrone stieg ihr in die Nase. Unwillkürlich biss sie sich auf die Unterlippe. Es war einfach unfair, dass Jacob so attraktiv war!

In fünfzehn Minuten werde ich ihm wieder gegenüberstehen, schoss es ihr durch den Kopf.

Verdammt, Anna Langford! dachte Jacob, als er in den Aufzug trat, um zur Penthouse-Suite hinaufzufahren. Er wunderte sich, dass Anna Langford nach so langer Zeit wieder in sein Leben treten würde. Seit beinahe sechs Jahren war er davon überzeugt, dass alle Langfords ihn verabscheuten, genau wie er sie verachtete. Deshalb hatte Annas Nachricht ihn verwirrt. Er hatte keine Ahnung, wie er mit der Situation umgehen sollte. Dabei wusste er doch stets, was zu tun war!

Die Vorstellung, sich mit Anna zu treffen, war erstaunlich verführerisch. Einst waren sie Freunde gewesen – und beinahe wären sie sogar mehr als das geworden. Dennoch wäre es vermutlich klüger gewesen, ihre Bitte um ein Gespräch abzulehnen. Schließlich war sie die Schwester des Mannes, der ihm so übel mitgespielt hatte. Andererseits hatte sie persönlich ihm nie etwas Böses getan. Allerdings nahm sie bei LangTel eine wichtige Position ein. Wenn sie herausgefunden hatte, was er plante …

Unwillkürlich runzelte er die Stirn. Es hatte ihn Zeit und Mühe gekostet, seine „Kriegskasse“ zu füllen. Dazu hatte er eine Gruppe von Investoren zusammenbringen müssen, die gemeinsam mit ihm die feindliche Übernahme von LangTel vorbereiteten. Er nannte diese Gruppe den War Chest. Nach dem Tod des Firmengründers hatte das Unternehmen einige Rückschläge einstecken müssen. Dadurch waren die Langford-Erben verwundbar geworden. Adam, der neue Geschäftsführer, hatte das Vertrauen einiger Vorstandsmitglieder verloren, was Jacob mit großer Genugtuung erfüllte, denn jetzt bot sich ihm die Chance, sich an Adam zu rächen.

Die Idee war bei einem Millionärstreffen in Madrid geboren worden. Man hatte Karten gespielt und Bourbon getrunken. Und irgendwann hatte Jacob gesagt: „Wie wäre es, wenn wir LangTel in unseren Besitz bringen?“ Die anderen waren zunächst skeptisch gewesen. LangTel war schließlich kein kleines Unternehmen. Man würde viel Zeit, viel Ausdauer und eine Menge Geld für eine feindliche Übernahme brauchen. Doch gerade das machte den Plan interessant. Schließlich war man sich einig geworden.

Adam würde endlich bekommen, was er verdiente. Die Vorstellung hatte Jacob mit Genugtuung erfüllt.

Als er Anna auf der Tagung im Miami Palm Hotel entdeckt hatte, waren ihm erste Zweifel gekommen. Sie hatte sich verändert, war aber noch immer bezaubernd. Aus dem unsicheren Mädchen war eine kühle, selbstbewusste und umwerfend schöne Geschäftsfrau geworden.

Wie umwerfend sie war, hatten auch andere bemerkt. Viele Blicke waren ihr gefolgt, als sie sich vorhin mit der Grazie einer Tänzerin in Richtung Theke bewegt hatte.

Aber nur ich, dachte Jacob, weiß, welch stürmisches Temperament sich hinter ihrer kühlen Fassade verbirgt. Nur er wusste, dass ihre Lippen nicht einfach nur süß schmeckten, sondern einem Mann den Verstand rauben konnten.

Nie hatte er vergessen, wie leidenschaftlich ihr Kuss gewesen war und wie hingebungsvoll und verführerisch ihr Körper sich an seinen geschmiegt hatte. Es war unsagbar schwer gewesen, dem Verlangen, sie ganz zu besitzen, zu widerstehen. Doch er hatte geglaubt, es sei unmoralisch, die kleine Schwester seines Freundes Adam zu verführen. Er hatte ja nicht ahnen können, dass genau dieser Freund ihn wenige Monate später verraten würde.

Die altbekannte Bitterkeit überkam ihn. Gemeinsam mit Adam hatte er ein blühendes Unternehmen aufgebaut. Doch als Adam verkauft hatte, war Jacob nicht einmal ein kleiner Anteil des Gewinns zugefallen. „Du hättest eben darauf bestehen müssen, dass wir einen entsprechenden Vertrag abschließen“, hatte Adam herablassend erklärt.

Verflucht, er ärgerte sich noch immer maßlos darüber, dass er Adam so lange vertraut hatte. Ganz gewiss würde er einen solchen Fehler nie wieder begehen.

Er öffnete die Tür der Penthouse-Suite. Es war praktisch, hier im Miami Palm Hotel zu wohnen. Die Tagung fand im selben Gebäude statt, und trotz der zentralen Lage des Hotels war es hier oben ruhig. Aufgrund seiner Erfahrungen mochte Jacob die Einsamkeit. Sie bewahrte ihn davor, von Menschen, die er liebte, enttäuscht zu werden.

Gleich allerdings würde Anna auftauchen. Angeblich, um etwas Geschäftliches mit ihm zu bereden. Ob sie sich bei dieser Gelegenheit auch mit ihm aussöhnen wollte? Das wäre gewiss nicht in Adams Interesse.

„Jacob Lin kann mit Geld umgehen, das ist aber auch schon alles“, hatte Adam damals verkündet und herablassend hinzugefügt: „Ihm fehlt jeder unternehmerische Geist, jedes Gespür für Innovationen. Es ist pure Zeitverschwendung, mit ihm zusammenzuarbeiten.“

Inzwischen hatte sich gezeigt, wie falsch Adam mit seinem Urteil lag. Doch gerade das hatte ihre Feindschaft noch vertieft. Es gefiel Adam gar nicht, dass sein früherer Freund mittlerweile zu den reichsten Männern Amerikas gehörte und geschäftlich wesentlich erfolgreicher war als er selbst.

Jacob seufzte, griff nach dem Haustelefon und bestellte eine Flasche Wein beim Zimmerservice. „Einen Montrachet, Domaine Marquis de Laguiche.“ Die französischen Worte kamen ihm leicht über die Lippen. Er sprach vier Sprachen fließend: Englisch, Französisch, Japanisch und Mandarin.

„Jahrgang 2012?“, erkundigte sich der Hotelangestellte.

„Ja“, bestätigte Jacob, der seit einiger Zeit eine Vorliebe für exzellente Weine hegte.

Seine Gedanken wandten sich wieder Anna zu. Damals, als sie abends stundenlang miteinander diskutierten, hatten sie sich mit preisgünstigen Weinen begnügen müssen – was sie nicht im Geringsten gestört hatte. Wichtig waren nur ihre Gespräche gewesen. Beide hatten sie darunter gelitten, dass ihre Väter ihnen so kühl und emotionslos begegnet waren. Aber es hatte auch hundert andere Themen gegeben. Jacob hatte sich Anna sehr nahe gefühlt. Doch lange hatte er nicht gewagt, sich seine Gefühle einzugestehen. Er war als Gentleman erzogen worden, was auch bedeutete, dass die Schwester seines besten Freunds für ihn tabu war – selbst wenn er sie noch so bezaubernd fand.

So kam es, dass Anna den ersten Schritt machte. Sie hatte Jacob geküsst und ihm eine Erektion beschert, die er sein Leben lang nicht vergessen würde. Es hatte ihn all seine Willenskraft gekostet, Anna zurückzuweisen – zumal ihm klar gewesen war, dass er damit nicht nur auf Sex verzichtete.

Es klopfte. Der bestellte Wein wurde geliefert. Jacob drückte dem Zimmerkellner ein paar Münzen in die Hand und stellte den Wein in den Kühlschrank. Dann entledigte er sich seines Sakkos und seiner Krawatte, weil er dachte, es sei besser, das Gespräch mit Anna in einer weniger formellen Atmosphäre zu führen. Es war zwar äußerst unwahrscheinlich, dass die Langfords einen Verdacht hegten, doch wenn Adam Anna vorgeschickt hatte, um etwas über den War Chest zu erfahren, dann war es klug, sich wie ein ungefährlicher Privatmann zu geben.

Zum zweiten Mal klopfte es. Da Jacob seinem persönlichen Assistenten den Abend freigegeben hatte, ging er selbst zur Tür. Annas Anblick verschlug ihm den Atem. Er starrte sie an. Sie war einfach zu schön. Zu verführerisch. Zu sehr sie selbst. In all den Jahren hatte er ihren Duft nicht vergessen können, hatte nicht gelernt, sich gegen ihre Anziehungskraft zu wappnen.

„Willst du mich nicht hereinbitten?“, fragte sie. „Oder hast du nur aufgemacht, um mich gleich wieder fortzuschicken?“

Er begegnete ihrem Blick und begriff, dass ihre Worte nicht wirklich scherzhaft gemeint waren. Anna rechnete damit, abweisend behandelt zu werden. Schließlich war sie eine Langford.

„Deinem Bruder würde ich die Tür vor der Nase zuschlagen“, sagte er und machte einen Schritt zur Seite, damit Anna eintreten konnte. „Aber dich würde ich niemals so behandeln.“

Anna hatte nicht vergessen, wie sexy er stets auf sie gewirkt hatte. Dennoch überraschte das erotische Timbre seiner Stimme sie so sehr, dass ihr Herzschlag sich beschleunigte. Trotzdem gelang es ihr, ruhig zu sagen: „Ich will dich nicht lange aufhalten. Schließlich bist du ein vielbeschäftigter Mann.“

„Es ist neun Uhr abends. Selbst ich mache irgendwann Feierabend“, gab er mit einem kleinen Lächeln zurück. Je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto besser würde er ihre Motive für dieses Gespräch deuten können. „Willst du nicht ablegen?“ Er half ihr aus dem schwarzen Blazer und ließ den Blick kurz über ihre schlanke weibliche Figur gleiten. Sein Puls beschleunigte sich. „Komm, setzen wir uns!“

Sie folgte ihm und nahm auf dem Sofa Platz. Durchs Fenster konnte sie den dunklen Himmel sehen, an dem ein beinahe runder gelber Mond stand. „Ich bin wegen Sunny Side hier.“

Es gelang ihm, sein Erstaunen zu verbergen. Er hatte mit allem Möglichen gerechnet. Aber Sunny Side? Das kam wirklich unerwartet. „Ich dachte, niemand wüsste von der Rolle, die ich bei Sunny Side spiele“, stellte er fest. „Ich habe mich bemüht, mein finanzielles Engagement geheim zu halten.“ Fast so geheim wie die Tatsache, dass er mithilfe des War Chest seit einiger Zeit LangTel-Aktien aufkaufte. Hatte er etwas übersehen? Ließ sein geschäftliches Gespür ihn im Stich? Oder war Anna einfach unglaublich gut?

„Ich bin im Internet auf Informationen über Sunny Side gestoßen“, berichtete Anna. „Ein überaus spannendes Projekt. Zukunftsweisend. Natürlich ist die Entwicklung einer solchen Technologie teuer. Deshalb habe ich mich gefragt, wer wohl die Investoren sind. Tatsächlich gab es keine zuverlässigen Informationen. Doch je länger ich recherchierte, desto sicherer war ich, dass du einer der Geldgeber sein musst. Schön, dass du es gerade bestätigt hast.“

Wider Willen musste er lachen. Anna hatte ihn also überlistet. Sie hatte nicht mehr als einen Verdacht gehegt, und er hatte sich selbst verraten. Wie klug sie war! Er suchte ihren Blick. Ja, vor ihm saß nicht mehr das wissbegierige, aber noch unerfahrene junge Mädchen, das sie vor sechs Jahren gewesen war. Sie hatte dazugelernt. Und zwar eine ganze Menge.

„Darf ich dir ein Glas Wein anbieten?“, erkundigte er sich höflich.

Sie zögerte. „Wäre es nicht besser, wenn wir diese Unterhaltung auf einer rein geschäftlichen Ebene führen?“

„Das ist meiner Meinung nach ganz unmöglich. Du und ich, wir haben eine gemeinsame Geschichte. Zwischen mir und einem Mitglied der Familie Langford kann es keine rein geschäftliche Unterhaltung geben.“ Dabei dachte er an Adams Verrat und an den War Chest.

„Du hast recht“, pflichtete sie ihm bei und musterte ihn nachdenklich. „Ich trinke ein Glas Wein mit dir, wenn du bereit bist, mir ein wenig über Sunny Side zu erzählen.“

Tat sie nur so unschuldig? Jacob blieb misstrauisch. Dennoch gefiel ihm die Vorstellung, ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen.

Er holte den Wein und füllte zwei Gläser.

„Sunny Side“, begann Anna, „wäre eine hervorragende Ergänzung für unser Unternehmen.“

Jacob prostete Anna zu. Es kam ihm so vor, als sei sie nicht nur erwachsener, sondern auch noch schöner geworden. „Sunny Side könnte möglicherweise an einer Zusammenarbeit mit LangTel interessiert sein. Aber Adam würde niemals seine Zustimmung dazu geben. Im Übrigen liegt ein Kuschelkurs mit Adam auch nicht in meinem Interesse.“

Ganz anders sieht es allerdings mit einem Kuschelkurs mit Anna aus. Und jetzt steht mir keine Freundschaft mit Adam mehr im Wege.

„Ich werde mich selbst um Adam kümmern“, versprach Anna. „Vorher brauche ich allerdings die Gelegenheit, mit den Entscheidungsträgern bei Sunny Side zu reden.“

„Dir ist klar, dass es sich um Idealisten handelt? Ihnen geht es nicht ums große Geld.“

Anna nickte. „Die Technologie wird den Handymarkt revolutionieren. Ich selbst war vom ersten Moment an begeistert: Handys, die nicht ans Stromnetz angeschlossen werden müssen, wenn man sie aufladen will. Alles, was man braucht, ist ein wenig Sonnenschein!“ Ihre Augen strahlten.

„Adam wird nur sehen, dass unter anderem mein Geld in der Entwicklung steckt. Er wird Nein sagen.“

„Für neue Technologien bin ich zuständig.“

Sie war nicht nur schön und klug, sondern auch hartnäckig. Jacob schenkte ihr ein bewunderndes Lächeln. „Wird das so bleiben?“

„Vorerst ja.“

„Aber du hast größere Pläne?“

„Allerdings.“

Das war gut. Mit etwas Glück würde sie LangTel verlassen, ehe es zu der Übernahme durch den War Chest kam. Schließlich sollte nicht sie bestraft werden, sondern ihr Bruder.

„Okay. Also zurück zu Sunny Side.“ Tatsächlich war Jacob nur halb bei der Sache. Es gab zu viele schmerzliche Erinnerungen an Adams Verhalten vor sechs Jahren. Adam hatte ihn nicht nur finanziell ausgenutzt, sondern ihn um alles gebracht, was ihm damals etwas bedeutete. All die Leidenschaft, die er in die Entwicklung ihrer gemeinsamen Firma gesteckt hatte, all die vielen Arbeitsstunden und die guten Ideen …

„Was möchtest du wissen?“ Fragend sah er Anna an.

„Eigentlich nur, wie ich mit den Leuten von Sunny Side in Kontakt treten kann.“

„Ich bin bereit, dir zu helfen. Aber nur, wenn Adam sich nicht einmischt.“

„Versprochen!“

„Gut.“ Damals hatte Jacob den Verdacht gehegt, dass Adams Vater das eigentliche Problem darstellte. Wahrscheinlich hatte der alte Herr darauf gedrängt, dass Adam sich von der kleinen Firma, die er gemeinsam mit Jacob aufgebaut hatte, trennte und nur noch für LangTel arbeitete. Doch darüber konnte er nicht mit Anna reden. Bestimmt trauerte sie um ihren Dad, der noch nicht lange tot war.

„Ich werde nicht zulassen, dass Adam sich einmischt“, verkündete sie ernst. „Es war schlimm genug für mich, dass du mich seinetwegen …“ Sie zögerte und trank einen Schluck Wein. „… dass du mich seinetwegen kein zweites Mal küssen wolltest“, beendete sie dann ihren Satz.

2. KAPITEL

Adams Verlobte Melanie zeigte auf mehrere Hochzeitsmagazine, die aufgeschlagen auf dem Tisch lagen. „Was meinst du, Anna?“, fragte sie. „Aubergine oder Schwarz?“

Es fiel Anna schwer, sich auf die anstehenden Hochzeitsvorbereitungen zu konzentrieren. Seit einer Woche versuchte sie, mit Adam über Jacob zu reden – jedoch vergeblich.

„Welche Farbe würdest du nehmen?“ Melanie ließ nicht locker.

Die Kleider der Brautjungfern … Natürlich war dies ein wichtiges Thema für die junge Frau, die im Januar heiraten würde. Anna jedoch hatte andere Sorgen. „Ich weiß nicht“, murmelte sie, legte den Löffel auf den Tisch und lächelte Melanie zu.

Die Verlobten hatten Anna zum Dinner eingeladen, und als Nachtisch hatte Melanie ein köstliches selbst gemachtes Mousse au Chocolat auf den Tisch gebracht. Überhaupt schien alles, was Melanie in Angriff nahm, perfekt zu gelingen. Wohingegen Annas Pläne in Bezug auf Sunny Side keinen Schritt vorankamen.

„Entschuldige, was hast du gesagt?“

„Schwarz wäre die klassische Variante. Aber mir würde auch Purpurrot gefallen.“

„Purpur?“ Anna wünschte ihrem Bruder und Melanie alles Glück der Welt. Trotzdem wäre sie froh gewesen, wenn deren Hochzeit nicht seit Tagen das einzige Gesprächsthema gewesen wäre. Insbesondere Evelyn, Adams und Annas Mutter, wollte über nichts anderes reden. Zu allem Überfluss erwähnte sie bei jeder Gelegenheit, wie schön es wäre, wenn auch Anna endlich dem richtigen Mann begegnete.

Wenn doch die Hochzeit erst vorbei wäre und alle sich wieder mit anderen Dingen beschäftigen würden!

Annas Liebesleben hatte sich von jeher ziemlich kompliziert gestaltet. Viele Männer ließen sich vom Reichtum und dem Ruf der Langfords abschrecken. Andere schätzten es nicht, wenn ihre zukünftige Gattin eine Führungsposition in der Wirtschaft innehatte.

„Mein Favorit wäre Schwarz“, erklärte Anna. „Aber es ist dein großer Tag, Melanie. Also solltest du die Entscheidung treffen.“

„Deine Meinung ist mir wichtig.“ Melanies Lächeln war so herzlich, dass Anna ganz warm ums Herz wurde. Sie mochte die Braut ihres Bruders sehr. Tatsächlich war es allein Melanies Verdienst, dass Adam überhaupt noch zu ertragen war – was wirklich schade war, denn früher hatten Anna und Adam sich sehr nahegestanden. Jetzt ließ er keine Gelegenheit aus, sie daran zu erinnern, dass er bei LangTel der Boss war.

Zunächst hatte Anna angenommen, der Tod ihres Vaters würde sie und ihren Bruder fester zusammenschweißen. Doch das hatte sich als Irrtum erwiesen. Adam hatte das Büro des Verstorbenen mit Beschlag belegt und sich von seinen Verwandten ebenso zurückgezogen wie von den Mitarbeitern bei LangTel. Er trug schwer an der neuen Verantwortung, war jedoch nicht bereit, sich etwas von der Last abnehmen zu lassen.

Melanie war die Einzige, die er überhaupt an sich heranließ.

Lächelnd streckte sie die Hand nach ihm aus. Ihr Harry-Winston-Verlobungsring funkelte im Licht der Deckenbeleuchtung. „Manchmal kann ich es noch immer kaum glauben, dass wir heiraten. Dann muss ich mich erst einmal kneifen.“

Adam ergriff ihre Hand und drückte sie. „Warte nur, bis du ein Kind erwartest. Unser Kind! Dann wird dir alles noch viel unwirklicher vorkommen.“

„Wollt ihr denn jetzt schon Kinder haben?“, fragte Anna, bemüht, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen.

Autor

Karen Booth
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