Nachbarschaftsgeflüster - Das Glück wohnt nebenan (6-teilige Serie)

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TÜR AN TÜR MIT DIR


Auf diese Frau hat Greg Banning sein Leben lang gewartet: spontan, warmherzig, humorvoll. Jahrelang lebten sie Tür an Tür, warum nur hat er Megan nie richtig wahrgenommen? Auf einmal weckt sie sehnsüchtige Wünsche in ihm. Ein Traum wird für Greg wahr, als er erkennt, dass Megan fühlt wie er. Weshalb zögert sie dann, ihre Leidenschaft zuzulassen? Er ahnt nicht, dass Megan sich wie eine Verräterin fühlt. Denn sie hat Gregs Exfrau - ihrer besten Freundin - ein Versprechen gegeben ...

NIE MEHR TRAURIG - NIE MEHR ALLEIN
Carly Alderson lebt in der prächtigen weißen Traumvilla mit dem wunderschönen Pool wie eine Prinzessin. Doch seit der Scheidung von ihrem untreuen Ehemann fühlt sie sich wie Aschenputtel: traurig und einsam. Erst als sie den attraktiven, einfühlsamen Zimmermann Bo Conway kennen lernt, flackert Hoffnung auf das große Glück in ihr auf. Seine Bewunderung tut ihr unendlich gut - ganz unmerklich schleicht sich die Liebe in ihr Herz. Aber obwohl Bo sie offensichtlich begehrt, scheint ihn irgendetwas zu bedrücken. Glaubt er, nur weil sie reich ist, darf er nicht um sie werben?

PLAN B WIE BABY
Das Motto der erfolgreichen Geschäftsfrau Molly lautet: Disziplin, Ehrgeiz und eine Checkliste für jede Lebenslage. Nur für diese hat sie leider keine parat: Sie ist schwanger. Und sie braucht einen Auftrag - von einem Kunden, der allein stehende Mütter gar nicht schätzt. Einen Anruf später ist ihr Jugendfreund Adam zur Stelle, um ihren liebenden Ehemann zu spielen. Dass sich in die Vernunftehe zärtliche Gefühle einschleichen, gehörte nicht zum Plan. Schließlich sind zwischen der durchorganisierten Karrierefrau und dem lockeren Lebenskünstler die Probleme vorprogrammiert!

GELIEBTER WIRBELWIND
Zooey muss ein Lachen unterdrücken, als ihr heimlicher Schwarm, der Anwalt Jack Lever, vor ihr steht: Statt Aktentasche und Laptop hält er heute Morgen jeweils ein Kind an der Hand, und sein verzweifelter Gesichtsausdruck wirkt beinahe komisch! Nur zu gern lässt sie sich von dem verwitweten Vater bitten, als Nanny einzuspringen. Bald blühen die Kinder unter einer Extraportion Wärme, Spaß und Gelächter auf, und auch in Jacks Augen tritt ein zärtliches Leuchten, wenn er Zooey ansieht. Aber warum scheint er ihr dann seit Neuestem aus dem Weg zu gehen?

SUCH DAS GLÜCK IM HIER UND JETZT
Ihr Herz sehnt sich nach der Liebe und Geborgenheit einer Familie! Aber ein richtiges Zuhause hat die elegante Modejournalistin Rebecca immer entbehren müssen. Deshalb macht sie sich kurz entschlossen auf die Suche nach ihrem unbekannten Vater - und trifft dabei den sympathischen Joe Hudson, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Bald weckt seine einfühlsame Art zärtliche Gefühle in ihr. Doch an die Liebe glaubt Rebecca nicht mehr, und Geborgenheit sucht sie in der Vergangenheit. Wird es Joe gelingen, sie vom Glück im Hier und Jetzt zu überzeugen?

ZWISCHEN PFLICHT UND ZÄRTLICHKEIT
Drei Kinder, zwei Jobs und ein Haus! Jede Minute in Angelas Leben ist durchgeplant - ein Mann hat darin keinen Platz. So sieht sie in dem Football-Coach David Moore zunächst auch nur die dringend benötigte männliche Bezugsperson für ihren Sohn. Doch plötzlich stellt Angela fest, dass sie sich auf die Familienausflüge mit David freut - um ihrer selbst willen! Bei ihm, der sich leidenschaftlich um sie bemüht, fühlt sie sich endlich wieder ganz als Frau. Hin- und hergerissen zwischen Mutterrolle und Sehnsucht nach Zärtlichkeit, muss Angela eine Entscheidung treffen …



  • Erscheinungstag 23.07.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733718367
  • Seitenanzahl 944
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Christine Rimmer, Judy Duarte, Jen Safrey, Marie Ferrarella, Christine Flynn, Karen Rose Smith

Nachbarschaftsgeflüster - Das Glück wohnt nebenan (6-teilige Serie)

Christine Rimmer

BIANCA erscheint 14-täglich im CORA Verlag GmbH & Co. KG, 20354 Hamburg, Valentinskamp 24

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Cheflektorat:

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Lektorat/Textredaktion:

Christine Boness

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Telefon 040/347-27013

Anzeigen:

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Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

© 2006 by Harlequin Books S.A.

Originaltitel: „The Reluctant Cinderella“

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

in der Reihe: SPECIAL EDITION

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: BIANCA

Band 1580 (15/1) 2007 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Übersetzung: Xinia Picado Maagh-Katzwinkel

Fotos: gettyimages

Veröffentlicht als eBook in 07/2011 - die elektronische Version stimmt mit der Printversion überein.

ISBN: 978-3-86295-899-3

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:

JULIA, BACCARA, ROMANA, MYSTERY, MYLADY, HISTORICAL

www.cora.de

1. KAPITEL

„Tante Megan, ich muss mal“, flüsterte die kleine Olivia nervös.

Megan Schumacher drückte auf den Startknopf ihrer Spülmaschine, bevor sie ihre Nichte liebevoll anschaute.

„Toilette.“ Megan zeigte in die Richtung. „Schnell.“

Die blonden Locken wippten, als die Kleine den Kopf schüttelte. „Da ist schon jemand.“ Sie rümpfte die Stupsnase. „Jemandem ist schlecht. Und in unserem Bad oben ist auch schon jemand und weint.“ Sie meinte das Bad, das sie mit ihren Brüdern Anthony und Michael teilte.

Wunderbar. „Was ist mit dem Bad deiner Mom?“

„Anthony ist da drin“, klagte Olivia. „Er hat gebrüllt, dass ich weggehen soll.“

Der älteste Sohn ihrer Schwester war neun Jahre alt. In letzter Zeit hatte er sich verändert. Wenn er nicht gerade schwieg und beleidigt war, befahl er jedem, ihn in Ruhe zu lassen.

Olivia verdrehte die blauen Augen. „Tante Megan, ich muss dein Bad benutzen.“

„Aber natürlich. Warum hast du das nicht gleich gesagt?“

Ihre Nichte seufzte gequält. „Ist es frei?“

„Sicher. Brauchst du Hilfe?“

Das kleine Mädchen richtete sich auf. „Nein, danke. Schließlich bin ich schon sieben“, entgegnete sie stolz. Dann drehte sie sich um und ging durch die Küchentür in einen überdachten Durchgang zu Megans Apartment über der Garage.

„Wie niedlich“, bemerkte die Nachbarin Marti Vincente, während sie ein Blech mit gefüllten Champignons aus dem Backofen holte. Bei der Veranstaltung des alljährlichen Straßenfestes wechselten sich die Nachbarn ab, aber Marti und ihr Mann lieferten meist das Essen. Die gefüllten Champignons sahen genauso lecker aus wie alles andere, das Marti und Ed in Angelas Küche gebracht hatten.

Marti war elegant und attraktiv und führte mit ihrem Mann ein Restaurant. Jeden Tag war sie von verführerischem Essen umgeben, aber sie blieb gertenschlank. Wirklich ungerecht!

Megan blickte auf ihr weites orangefarbenes T-Shirt und ihre ausgewaschene Jeans. Unter ihren bequemen, alten Kleidungsstücken verbarg sich eine Figur, die mit der von Marti nicht mithalten konnte.

„Champignons?“, bot Marti an. „Hier sind schon einige, die abgekühlt sind …“

Das ließ Megan sich nicht zweimal sagen. Sie steckte einen der leckeren Pilze in den Mund und stöhnte entzückt. „Unglaublich.“ Durch das Fenster über der Spüle sah sie die Nachbarn, die in Gruppen zusammenstanden, an eisgekühlten Getränken nippten und sich über das köstliche Fingerfood der Vincentes hermachten.

Angela war auch draußen und mischte sich mit einem Tablett voll Leckereien unter die Gäste. Da ihre Schwester beschäftigt war, musste Megan sich darum kümmern, was sich laut Olivia in den Bädern im Haus abspielte. Resigniert aß Megan noch einen Champignon, bedankte sich bei Marti und ging in den hinteren Flur.

Dort sah sie Rebecca Peters, die vor der Toilette stand. Rebecca hatte das Haus gegenüber dem der Vincentes gemietet. Sie trug ein leichtes Sommerkleid in ihrer Lieblingsfarbe Schwarz mit dazu passenden hochhackigen Designer-Schuhen. Rebecca Peters war absolut nicht der Typ, der in eine Vorstadt passte. Keiner der Nachbarn konnte verstehen, warum sie in den Vorort Rosewood gezogen war, der anderthalb Stunden mit dem Zug entfernt von New York City lag.

„Was ist los?“, fragte Megan, als sie Rebeccas besorgten Blick bemerkte.

Sie verzog die Brauen. „Ich glaube, Molly ist da drin …“

Molly gehörte das Haus Nr. 7, Danbury Way. Sie war ein glücklicher Single und steckte sämtliche Energie in ihre erfolgreiche Beratungsfirma.

„Geht es ihr nicht gut?“, wollte Megan wissen.

Rebecca nickte, bevor sie leise antwortete. „Eben war noch alles in Ordnung. Wir unterhielten uns draußen, und dann wurde sie ganz grün und …“ Rebecca schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was mit ihr los ist …“

Nun ergriff Megan die Initiative. Sie klopfte leicht an die Tür. „Molly? Molly, geht es dir gut?“, fragte sie freundlich.

Einige Sekunden vergingen, bevor man eine Antwort hörte. „Ja, fein.“ Ihre Stimme klang munter und fröhlich – zu fröhlich. „Komme gleich.“ Sie sang fast. Einen Moment später wurde die Tür geöffnet, und Molly kam, in eine Wolke von Minzeduft gehüllt, heraus. Sicher hatte sie ein Atemspray benutzt.

„Hey.“ Molly fuhr sich durch das lange, lockige Haar und lächelte gezwungen. „Tolle Party, nicht? Megan, ich weiß nicht, wie deine Schwester das alles schafft. Single mit drei Kindern und einem Vollzeitjob. Aber das Haus sieht fantastisch aus, und die Party ist … perfekt.“ Sie klopfte Megan auf den Arm. „Sicher hilft es ihr, dass du hier bist und sie unterstützt.“

Bevor Megan antworten konnte, erkundigte Rebecca sich noch einmal. „Molly, bist du sicher, dass es dir …“

Molly ließ sie nicht ausreden. „Ich brauche unbedingt etwas von der Limonade, die Angela herumreicht. Was ist mit euch?“

Rebecca hatte verstanden: Egal, was vorhin im Bad geschehen war, Molly wollte nicht darüber reden. „Ja, gut. Und du, Megan?“

Megan musste noch nachsehen, ob es der Person, die oben im Bad geweint hatte, gut ging. Außerdem musste sie nach Anthony schauen. „Geht ihr schon vor.“

Beide Frauen wollten gerade losgehen, als Zooey Finnegan, die fantastisch aussehende Nanny mit der Model-Figur, die sich um die Kinder des verwitweten Jack Lever kümmerte, aus dem Familienzimmer kam. „Ein schönes Fest“, bemerkte sie mit einem warmen Lächeln, während sie in die Toilette ging und die Tür hinter sich verschloss.

Auf dem Weg in die erste Etage traf Megan auf Anthony, der die Treppe hinunterrannte, ohne auf den Weg zu achten.

„Moment mal, Cowboy“, lachte Megan und hielt ihn am Arm fest, bevor er gegen das Geländer fiel.

„Entschuldige, Tante Megan“, murmelte er und schaute nach unten.

„Kein Problem.“ Sie wartete ab, bis er ihr einen Blick zuwarf. „Olivia meint, du hättest sie angebrüllt.“

Er schnaubte verächtlich. „Ich war im Bad, und sie hat ständig angeklopft. Was erwartet sie denn?“

„Jedenfalls nicht, angebrüllt zu werden“, sagte Megan ruhig. „Brüllen ist nicht okay.“

„Schon gut.“ Er schob die Unterlippe vor, aber er murmelte: „Tut mir leid.“

„Sag das deiner Schwester.“

Wieder starrte er auf seine Schuhe. „Wird gemacht. Kann ich jetzt bitte gehen?“

Sie ließ ihn los. „Denk daran, renne nicht die …“

Er war schon auf dem Weg nach unten, zwar schnell, aber er rannte nicht mehr. „Okay, ich mache es nicht mehr. Versprochen“, rief er ihr hinterher.

Eine Sekunde lang blickte Megan ihm nach und lächelte. Anthony war ein guter Junge, der hoffentlich bald seine missmutige Phase hinter sich ließ.

Jetzt musste sie noch nachsehen, wer im Bad der Kinder geweint hatte.

Oben war die Tür zum Bad verschlossen. Megan blieb davor stehen und überlegte, was sie tun sollte. Dass jemand weinte, konnte sie nicht hören. Vielleicht sollte sie einfach …

Moment. Da: ein Schluchzen. Leise, aber eindeutig.

Vielleicht musste sie sich doch noch weiter bemühen. Nun hörte sie ein leichtes Schniefen und ein unterdrücktes Jammern. Olivia hatte recht. Da weinte wirklich jemand im Bad.

Wenn man sich auf einem Fest im Bad einschloss, um zu weinen, sollte man schon Hilfe bekommen und sich bei irgendjemandem das Herz ausschütten können.

Megan war dafür genau die Richtige. In der Sackgasse Danbury Way, wo sie jetzt schon seit drei Jahren lebte, vertrauten ihr die Nachbarn. Sie war geduldig, verständnisvoll und stellte für niemanden eine Bedrohung dar. Alle Frauen mochten sie, denn sie konnten ihr ihre Geheimnisse anvertrauen, ohne dass sie verraten wurden.

Auch wenn sich die Zeiten geändert hatten, musste es jemanden geben, der für die anderen da war. Megan übernahm meist diese Aufgabe, denn schon seit ihrem siebten Lebensjahr hörte sie sich geduldig die Probleme anderer Leute an.

Diskret klopfte sie gegen die Badezimmertür.

Schweigen.

Nach einer kleinen Pause klopfte sie dann erneut. „Hier ist Megan“, sagte sie. „Alles in Ordnung da drinnen?“

Weiteres Schweigen. Dann ein Schnüffeln. Endlich antwortete eine Frau. „Megan? Bist du es?“ Megan erkannte die Stimme mit dem texanischen Akzent als die von Carly Alderson.

Sie hätte es wissen müssen. „Komm schon, Carly“, sagte sie liebevoll. „Lass mich rein.“

Eine Sekunde später wurde die Tür geöffnet. Carly, die selbst mit geschwollenen Augen und einer roten Nase sehr hübsch aussah, schniefte, schluchzte und zog Megan ins Bad. Als sie mit ihr auf dem flauschigen grünen Badezimmerteppich stand, verschloss Carly die Tür wieder.

Dann sank sie stöhnend auf den Rand der Badewanne. Megan holte die Box mit den Taschentüchern und setzte sich neben Carly.

„Oh, Megan …“ Mit einem zerfetzten Taschentuch putzte sie sich die Nase. „Ich kann … einfach nicht …“

„Hier.“ Megan reichte ihr die Box.

Carly holte sich ein frisches Tuch. Dann vergrub sie ihre rote Nase darin und schluchzte. „Ich kann … es nicht ertragen, weißt du?“

Megan klopfte ihr auf den schmalen Rücken, streichelte ihr weiches blondes Haar und gab beruhigende Töne von sich.

Endlich riss Carly sich zusammen. „Seit heute bin ich geschieden“, verkündete sie. „Greg und ich sind … nicht mehr Mann und Frau. Es ist vorbei. Ganz offiziell vorbei. Alles kaputt.“

„Carly, es tut mir so leid …“

Greg Banning, Carlys Ex, war vor Monaten ausgezogen, beziehungsweise Carly hatte ihn hinausgeworfen, weil er sie um die Trennung gebeten hatte. Seitdem ließ sie sich wieder mit ihrem Mädchennamen anreden.

Alles war jedoch reines Theater gewesen, denn Carly sprach nur noch davon, dass sie ihren gut aussehenden Mann zurückhaben wollte.

Niemand von den Nachbarn wusste, warum Greg um die Trennung gebeten hatte. Es hatte keine großen Szenen oder Streitereien gegeben, jedenfalls war davon nichts bekannt, da Carly behauptete, dass sie sich nie gestritten hatten.

Greg hatte das gemeinsame Haus im Danbury Way verlassen und war nicht mehr zurückgekehrt.

Die Nachbarn gingen davon aus, dass eine andere Frau dahintersteckte. Niemand hatte jedoch eine solche Frau gesehen oder hatte eine Vermutung, wer sie sein könnte.

Carly betupfte ihre feuchten Wangen. „Ich weiß, dass ich mich nicht hätte hier einschließen dürfen. Unten konnte ich es einfach nicht mehr aushalten. Jeder ist so nett und hat so viel Mitleid mit mir. Dann sind da noch Rhonda und Irene. Diese beiden lassen mich einfach nicht in Frieden. Du kennst sie ja. Wie Geier, die nur auf ihr nächstes Opfer warten und sich auf jeden Knochen stürzen, den sie finden …“

Rhonda Johnson und Irene Dare waren die schlimmsten Klatschtanten in der Nachbarschaft. Sie lebten um die Ecke in der Maplewood Lane.

Megan machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ignoriere die beiden doch.“

„Das versuche ich ja, aber immer wenn ich mich umdrehe, steht eine von ihnen da, sieht mich so mitleidig an und flüstert mir zu, dass ich ihr doch alles anvertrauen soll, und sie würde auch niemandem etwas verraten … Was suchen sie überhaupt hier? Es ist schließlich unser Straßenfest, nicht ihres.“

Carly zog die Nase hoch. „Okay.“ Sie atmete heftig aus. „Das war jetzt sehr kleinlich von mir.“

„Ist schon gut …“

„Nein, die Feste in unserer Straße sind immer die besten, und jeder in Rosewood weiß das. Man kann Rhonda und Irene gar keine Vorwürfe machen, dass sie gekommen sind. Sie sollen mich nur in Ruhe lassen.“

„Verstehe, was du meinst.“

Carlys weiche Lippen bebten, und ihre blauen Augen füllten sich erneut mit Tränen. „Oh, Megan. Wenn er mich nur anrufen würde. Einfach mit mir reden, verstehst du?“

„Vielleicht ist es dafür zu spät“, wagte Megan festzustellen. „Vielleicht musst du versuchen, über die Scheidung hinwegzukommen.“

„Ich begreife es einfach nicht“, sagte Carly kopfschüttelnd und hatte wohl gar nicht wahrgenommen, was Megan ihr mitteilen wollte. „Ich werde es nie begreifen. Immer war ich die perfekte Frau für ihn. Alles in meinem Leben drehte sich nur um ihn. Ich weiß genau, dass ich alles zwischen uns regeln könnte, wenn er mir nur …“ Wieder schluchzte sie. „… nur eine Chance gäbe …“ Sie weinte wieder und wandte sich verzweifelt an die Freundin.

Megan ließ die Box mit den Taschentüchern fallen und nahm Carly in den Arm. Jetzt schluchzte sie noch lauter. Megan streichelte ihr Haar und flüsterte, dass alles gut werden würde. Nach einer Weile beruhigte Carly sich wieder.

Gerade als Megan ihr sagen wollte, dass sie das Gesicht abwischen und wieder zur Party gehen sollte, klopfte es an die Tür.

Carly schnappte nach Luft und setzte sich gerade hin.

„Besetzt!“, rief Megan, und die Person ging weiter.

Carly hatte jedoch verstanden. Sie seufzte noch einmal traurig und presste die Handflächen gegen ihre geröteten, feuchten Wangen. „Oh, solch ein Chaos. Ich muss mich einfach zusammenreißen. Wir können nicht ewig hier bleiben, das ist sehr unhöflich. Und man hat mich nicht dazu erzogen, unhöflich zu sein.“

Megan lächelte. Sie mochte Carly, die immer wohlerzogen und korrekt war, selbst heute, da ihre perfekte Ehe mit dem perfekten Mann zu Ende war. „Jetzt komm schon. Wasch dein Gesicht mit kaltem Wasser, kämm deine wunderbaren Haare; und dann verschwinden wir von hier, damit du Irene und Rhonda zeigen kannst, dass sie dir nichts anhaben können.“

Die Nachbarin nahm ein weiteres Taschentuch und betupfte die Augen. „Danke, Megan.“

„Keine Ursache.“ Sie wollte aufstehen.

Carly fasste sie am Arm. „Warte.“ Dann drückte sie die Schultern durch und hob das Kinn. „Ich rufe Greg an.“

„Also, wenn du wirklich meinst, du …“

„Nein, Dummerchen.“ Jetzt lächelte Carly. „Nicht für mich. Für dich.“

Megan konnte ihr nicht ganz folgen. „Wieso?“

„Deine Firma? Wie heißt sie doch gleich? Design …?“

„Design Solutions.“

„Ja, richtig. Du bist …?“

„Grafikerin.“ Design Solutions war ihre eigene Firma mit fünf Angestellten und einem Auszubildenden. Ihr Büro lag in Poughkeepsie, war bequem mit dem Zug zu erreichen, und die Betriebskosten waren gering.

Carly nickte. „Du machst Broschüren, Visitenkarten, Flyer und so weiter, richtig?“

„Richtig.“ Zwar gestaltete sie viel mehr als Flyer und Broschüren, aber wenn sie versuchte, etwas über Markennamen, die Positionierung eines Produktes auf dem Markt und über die wirtschaftlichen Folgen einer guten Werbung zu erklären, dann bekamen ihre Nachbarn einen glasigen Blick. Das führte dazu, dass niemand außer Angela wusste, worin Megans Arbeit eigentlich genau bestand.

Eigentlich war die Situation ganz lustig, denn die Nachbarinnen versuchten immer, Megan zu helfen. Sie ließen sie Einladungen für die Partys ihrer Kinder entwerfen, Flyer für diverse Flohmärkte, Briefpapier und anderes. Dann steckten sie ihr fünfzig Dollar zu und sagten ihr, wie „talentiert“ sie sei.

Megan wusste, dass die Frauen es gut meinten und versuchten, sie zu unterstützen. Aber sie hatten alle eine bestimmte Vorstellung von ihr. Sie war das nette Pummelchen, das über der Garage ihrer Schwester wohnte.

Sie ahnten gar nicht, dass sie vor drei Jahren ein Haus besessen hatte, das sie verkauft hatte, um den Erlös in ihr Unternehmen zu stecken und um ihrer alleinerziehenden Schwester mit den Kindern zu helfen.

Design Solutions war eine erfolgreiche Firma geworden. Megan hatte kaum noch Zeit, einmal auszuschlafen, geschweige denn für kleine Jobs mit einem Taschengeld als Bezahlung.

„Ja, das ist das Mindeste, was Greg tun kann“, murmelte Carly düster.

Megan merkte, dass sie nicht zugehört hatte. „Wie bitte?“

„Er soll dich zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Vielleicht kann er deiner Firma einen Auftrag geben.“

„Einen Auftrag?“

„Für Banning’s. Du könntest doch ihre Grafikerin werden.“

Plötzlich passte Megan genau auf. „Ist das dein Ernst?“

„Oh ja.“ Carly zog die Nase hoch und setzte ein tapferes Lächeln auf.

„Wow …“ Banning’s war eine kleine, aber im ganzen Land bekannte Kaufhauskette mit einem gehobenen Warensortiment. Das war eine echte Chance. Es wäre ein großer Coup, wenn Megan den Werbeetat für Banning’s an Land ziehen könnte. Es würde ihr gefallen, das etwas angestaubte Image der Kette zu modernisieren.

Carly tätschelte ihre Hand. „Ich bin dir wirklich dankbar für die vielen Male, die du mir wie gerade eben zugehört und mich getröstet hast. Du bist ein liebenswerter Mensch, und ich möchte mich gerne bei dir revanchieren.“

Megan erwiderte Carlys Lächeln. „Dazu kann ich gar nichts sagen außer ‚Wow‘.“

„Freut mich, wenn ich dir helfen kann.“ Carlys Lächeln wirkte jetzt weicher. Megan wusste, dass es sicher für Carly eine gute Gelegenheit wäre, wenn sie sich mit Greg in Verbindung setzen könnte, um ihn um einen Termin für die Freundin zu bitten.

Sie wusste auch, dass Carly – und Greg Banning – ein Vorstellungsgespräch nur als Gefallen betrachten würden. Natürlich hatte Banning’s ein Unternehmen an der Hand, das die Werbegrafik erledigte. Sicher würde Greg seiner Exfrau einen Gefallen tun und Megan einladen, aber er würde sie am Ende des Gespräches freundlich nach Hause schicken.

Greg wusste allerdings nicht, dass Megan wirklich gut war, und zwar sehr gut. Sie würde Carlys Angebot annehmen, und er würde große Augen machen.

Natürlich nur beruflich gesehen.

Megan wich Carlys Blick aus. Denn schließlich gab es da noch etwas …

Ihre Schwärmerei.

Als Megan Greg früher ab und zu in der Nachbarschaft gesehen hatte, bevor er bei Carly ausgezogen und in ein Apartment in der Stadt gezogen war, hatte sie heimlich von ihm geschwärmt.

Diese Schwärmerei war lange vergessen und hatte keinerlei Bedeutung. Der wohlhabende Greg Banning war ein toller Mann, aber er war so unerreichbar für Megan, dass sie noch nicht einmal an diese alberne Schwärmerei denken sollte. Schließlich hatte er die pummelige Schwester von Angela Schumacher niemals beachtet. Selbst ganz gewöhnliche Männer taten das nicht …

Moment mal! Die Stimme der neuen, erfolgreichen Megan Schumacher ließ sich hören. Es stimmte, dass Megan sich häufiger gewünscht hatte, sie wäre nicht so schüchtern, wäre schlanker und hübscher und dass ein netter Mann sie bemerken würde. Das war aber, bevor sie Design Solutions gegründet hatte.

Wie war die Lage heute?

Nicht mehr ganz so schlimm, denn in letzter Zeit fühlte sie sich sicherer, was den Umgang mit Männern anging. Wenn sie als Unternehmerin in ihren gutsitzenden farbenfrohen Kostümen auftrat, dann schauten die Männer ihr schon hinterher. Einige flirteten oder versuchten, sie näher kennenzulernen.

Für ihr Alltagsleben spielte das jedoch keine große Rolle, da sie mit ihrem Unternehmen und den Kindern ihrer Schwester den ganzen Tag voll beschäftigt war. Selbst wenn sie jemanden kennenlernte, der sie mehr als ihre Karriere interessierte, würde sie kaum die Zeit haben, sich zu verabreden.

Im Moment standen romantische Beziehungen nicht auf ihrem Plan.

Die leichte – und längst vergangene – Schwärmerei für Greg Banning würde kein Problem darstellen. Hier ging es schließlich um rein geschäftliche Dinge. Für Megans Unternehmen wäre es ein großer Erfolg, wenn sie mit ihrem Team ein neues Image für Banning’s Inc. schaffen könnte.

„Also gut“, meinte Carly. Megan stellte fest, dass sie beobachtet wurde. „Soll ich ihn nun für dich anrufen?“, fragte Carly leicht ungeduldig.

„Ja, das wäre sehr nett. Ein Vertrag mit Banning’s wäre wunderbar.“

„Prima, dann rufe ich ihn bald an. Du kannst dich darauf verlassen.“

2. KAPITEL

Am Montag, dem 3. Juli, ein Tag vor dem Unabhängigkeitstag, wurde in vielen Unternehmen in Manhattan nicht gearbeitet, da man sich für ein verlängertes Wochenende entschieden hatte. In den Büros von Banning’s Inc. hielt eine Dame am Empfang in der Nähe der Fahrstühle die Stellung. Greg Banning, Junior-Chef des Unternehmens, saß allein in seinem hellen Büro und erledigte ungestört diverse Arbeiten.

Er hätte auch anderswo sein können, denn er hatte viele Einladungen bekommen. Seit Greg wieder als Junggeselle lebte, hatte er entdeckt, dass es viele gut aussehende intelligente Frauen gab, die überaus gewillt waren, mit ihm auszugehen. Schließlich war er ein Banning. Das stand für Geld und Einfluss und machte ihn zu einer begehrten Partie.

Aber Greg wollte etwas, das ihm nicht irgendeine schöne Frau geben konnte. Er wollte …

Okay, er war sich nicht ganz sicher, was er eigentlich wollte. Aber er wusste genau, was er nicht wollte: eine Frau, die wegen seines Namens und seines Bankkontos an ihm interessiert war.

Anstatt eine Gartenparty im Norden von New York zu besuchen oder vier Tage in den Hamptons auf Long Island zu verbringen, hatte Greg sich für die ruhige Stadt entschieden, um den Stapel von Arbeit abzuarbeiten, der immer auf seinem Schreibtisch lag. Seiner persönlichen Assistentin hatte er frei gegeben, hatte keine Termine und erwartete nicht, gestört zu werden.

Um elf klingelte jedoch das Telefon. Überrascht schaute er auf das Display: der Sicherheitsdienst in der Lobby. Brannte es etwa?

Stirnrunzelnd nahm er den Hörer ab. „Greg Banning.“

„Mr. Banning, eine Megan Schumacher möchte Sie sehen.“

Megan Schumacher? Wer zum Teufel war …?

Da erinnerte er sich. Verdammt. Vor zwei Wochen hatte Carly ihn angerufen und ihn gebeten, Angela Schumachers Schwester in seinem Büro zu empfangen. Er hatte sich einverstanden erklärt und Carly freundlich am Telefon abgewimmelt. Dann hatte er das Gespräch vergessen, so dass der Termin gar nicht in seinem Kalender vermerkt war.

Greg dachte nach. Megan Schumacher …

Die Frau wohnte über Angelas Garage, oder? Und sie beschäftigte sich mit …?

Grafikdesign. Ja. Laut Carly gehörte ihr eine kleine Firma, deren Name Greg nicht kannte. Carly hatte ihn gebeten, Megans Unternehmen für die Werbung von Banning’s zu berücksichtigen.

Greg hatte ihr nicht absagen wollen, denn er hatte Carly gegenüber wirklich ein schlechtes Gewissen. Er fühlte sich schuldig, weshalb sie bei der Scheidung eine großzügige Abfindung erhalten hatte und er nicht ablehnen konnte, wenn sie ihn um einen Gefallen für eine Nachbarin bat.

Er rückte seine Krawatte gerade und schüttelte den Kopf. Welch verdammte Zeitverschwendung, sowohl für ihn als auch für Miss Schumacher. Banning’s hatte schon eine hervorragende Agentur mit sämtlichen Werbeaktivitäten beauftragt. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeiteten sie für die Kaufhauskette, und die Arbeit war qualitativ hochwertig und erfolgte immer innerhalb des festgelegten Budgets.

Für Megan Schumacher gab es deshalb keine Chance. Aus diesem Grund konnte er jetzt nur nett sein und das arme Ding freundlich nach Hause schicken.

„Danke, sie soll nach oben kommen.“ Er rief kurz die Empfangsdame an. „Jennifer, zeigen Sie Megan Schumacher bitte den Weg zu meinem Büro.“

„Gern, Mr. Banning.“

Er legte auf und wandte sich der Tabelle zu, die er betrachtet hatte. Einige Minuten später hörte er Jennifers Stimme.

„Mr. Banning, Miss Schumacher ist hier …“

Greg beendete das Programm und schaute auf. Noch nie hatte er eine Frau gesehen, die so sexy war wie die, die jetzt in der Tür stand. Er blinzelte. „Hm, danke, Jennifer. Das war alles.“ Die Empfangssekretärin ging aus dem Büro.

Und die wunderbare Frau begrüßte ihn mit einem strahlenden Lächeln, das ihre Grübchen sehen ließ. „Greg, wie geht es dir?“

Eine einfache Frage, aber irgendwie hatte Greg die Sprache verloren.

Superlative schossen durch sein Hirn: erstaunlich, außergewöhnlich, hervorragend …

Nicht hübsch, sondern mehr als hübsch.

Sie trug ein pinkfarbenes Kostüm, das ihre üppigen Kurven vorteilhaft betonte. Unter dem Jackett blitzte schwarze Spitze hervor, die zu den eleganten schwarzen hochhackigen Schuhen passte. Das blonde Haar fiel Megan in sanften Wellen auf die Schultern.

War das wirklich Angela Schumachers unscheinbare Schwester?

Offensichtlich.

Er konnte es nicht glauben. Er erinnerte sich an Megan Schumacher – beziehungsweise er erinnerte sich nicht. Wenn er ehrlich war, dann hatte er nur einen allgemeinen Eindruck von einer scheuen, unscheinbaren, etwas übergewichtigen Frau.

Aber diese Frau …

Sie schien vor Energie und Lebendigkeit zu sprühen und ließ Greg an Sex denken, obwohl er ein konservativer Mann war, der Berufliches stets von Privatem trennte und während seiner Ehe mit Carly nie einer anderen Frau hinterhergesehen hatte.

Aber schon nach den ersten fünf Sekunden, nachdem diese veränderte Megan Schumacher in seinem Büro war, hatte er seine Prinzipien vergessen. Er wollte die Frau. Verdammt noch mal, er wollte sie sogar sehr.

Jetzt saß er da wie ein Teenager, der seinen ersten Schwarm anstarrte. Er sprang auf. „Megan, schön dich zu sehen.“

Wieder zeigten sich ihre Grübchen. „Gib es zu. Du kannst dich kaum an mich erinnern, und ich sehe dir an, dass du Carly versprochen hattest, mich zu empfangen, dann aber alles wieder vergessen hast.“

Oh, sie hatte ihn kalt erwischt.

Leugnen half nichts. „Gut, du hast ins Schwarze getroffen“, gab er zu, während er hinter seinem gläsernen Schreibtisch hervorkam, um sie zu begrüßen. Sie trug eine große Aktentasche und einen dicken Aktenordner. Greg nahm ihr den Ordner mit der linken Hand ab, während er ihr die rechte Hand reichte. „Aber jetzt sind wir beide hier, und ich bin schon gespannt, was Design Solutions für Banning’s tun kann.“

Megan warf ihm einen verschwörerischen Blick zu, der ihm zu verstehen gab, dass er ein wenig zu dick auftrug. Sie gab jedoch keinen Kommentar dazu ab. „Gut“, sagte sie nur. „Design Solutions kann dir eine Menge anbieten.“ Ihr Parfum reizte ihn. Es duftete nach Blumen und hatte gleichzeitig eine herbe Note. Außerdem duftete sie nach …

Pfirsich. Sie roch nach einem süßen, reifen Pfirsich. Ihre Hand war weich, glatt und kühl. Es gefiel ihm, wie sie sich anfühlte. Sogar sehr.

Er musste sich daran erinnern, sie loszulassen. „Dein Unternehmen ist noch ziemlich neu, oder?“

Sie nickte. „Design Solutions ist drei Jahre alt und wächst ständig. Ich beschäftige zwei Grafiker, einen Webdesigner, eine Sekretärin, eine Empfangssekretärin und einen Praktikanten, der uns aushilft. Wahrscheinlich werde ich bald noch einen Grafiker und einen Designer brauchen.“ Sie wies auf den Ordner. „Leg den Ordner einfach ab.“

Mit den Fingerspitzen berührte sie einen der beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen. Er wünschte, diese Finger würden ihn berühren. „Jetzt setz dich neben mich. Ich starte meinen Laptop, und dann legen wir los …“

Neben ihr sitzen.

Hervorragende Idee. Er nahm den Stuhl, auf den sie gezeigt hatte, und stellte den Ordner auf dem Boden ab. Dann setzte er sich und sah zu, wie sie einen riesigen Laptop aus der großen Aktentasche holte und auf seinen Schreibtisch legte.

„Ich zeige dir einige unserer Arbeiten.“ Sie lächelte ihn wieder an, während sich ein erstes Bild auf dem Laptop zeigte. „Dann werde ich dir erklären, wie Design Solutions den Firmennamen Banning’s ins rechte Licht setzen kann. Zum Schluss schauen wir uns einiges im Ordner an. Es ist immer gut, wenn man einen Eindruck von den Farben und der Gestaltung erhält, damit man erkennen kann, wie die Arbeit am PC in die Praxis umgesetzt wird. Heute kann man so viel mit Computerprogrammen gestalten, aber manchmal sind digitale Bilder nicht so aussagekräftig wie das fertige Produkt, das man in den Händen hält.“

„Ausgezeichnet“, kommentierte er, als sie ihm einige Beispiele von Arbeiten ihrer Firma zeigte. Jede unterschied sich von der anderen, und jede war hervorragend – klar strukturiert und mit Farben und Zeichnungen, die direkt ins Auge fielen.

Als sie erklärte, wie sie das Image von Banning’s verbessern würde, erkannte Greg, dass er interessiert war, und das nicht nur an der üppigen, nach Pfirsich duftenden Megan Schumacher.

Ihre Ideen für Banning’s wirkten frisch und reizvoll, und Greg hatte in der letzten Zeit tatsächlich darüber nachgedacht, das Image von Banning’s zu verändern. Das in Schwarz-Rot gehaltene Markenzeichen hatte früher elegant und dramatisch gewirkt, aber nachdem er sich Megans Grafiken angesehen hatte, erschien ihm das einfache Schwarz-Rot etwas überholt.

„Wir wollen gar keine anderen Farben nehmen“, meinte Megan. „Schließlich soll euer Markenzeichen unverändert bleiben. Aber wir können den Look etwas modernisieren. Das Schwarz können wir etwas silbriger gestalten, damit es mehr glänzt. Was hältst du davon?“

Greg nickte.

„Statt des etwas blaustichigen roten Farbtons nehmen wir ein leuchtendes, aggressives echtes Rot …“

„Das gefällt mir.“

Sie schaute ihn an. Ihr Lächeln zeigte ihre Grübchen, und die grünen Augen strahlten. „Damit hatte ich fast gerechnet.“

Megan schlug vor, eine Kampagne zu starten, um alle Kunden von Banning’s über den neuen Stil zu informieren. Die neue Bekleidungslinie, die eine jüngere Kundschaft ansprechen sollte, müsste hervorgehoben werden. An der Website des Unternehmens hatte sie zu kritisieren, dass es zu lange dauerte, bis die Seiten geladen wurden. Ihr Web-Spezialist sei ein Genie und könne den Leuten von Bannings’s sicher helfen, die Website zu verändern.

Greg hörte zu, nickte, stellte einige Fragen, deren Antworten ihm gefielen, während er dauernd überlegte, wie er Megan besser kennenlernen könnte.

Sicher wäre es nicht ganz einfach. Sie war direkt, fröhlich und freundlich, aber sie flirtete überhaupt nicht mit ihm.

Trotzdem musste sie doch die Anziehungskraft zwischen ihnen spüren, oder? Bestimmt verhielt sie sich nur nach außen hin korrekt, verbarg ihr persönliches Interesse an ihm und versuchte, alles rein geschäftlich zu halten.

Oder wünschte er sich nur, dass sie sich für ihn interessierte?

Er konnte nicht glauben, dass er einmal in der gleichen Straße wie sie gewohnt und sie nie bemerkt hatte. Sie war nicht die Frau, die ein normaler Mann vergessen konnte.

Megan beendete die Präsentation, und Greg war völlig von ihren Qualitäten überzeugt. Design Solutions sollte das Image seiner Kaufhauskette modernisieren.

Natürlich musste er noch einige Schritte unternehmen, bevor er ihr den Auftrag offiziell erteilen konnte. Sein Vater Gregory sen., Vorstand von Banning’s Inc., musste überzeugt werden sowie einige der Vorstandsmitglieder. Greg bezweifelte nicht, dass Megan und ihr Team alle überzeugen würden, aber das sagte er ihr nicht. Wenn er das täte, würde sie wahrscheinlich strahlend lächeln, sich bedanken und weggehen.

„Ich würde gern noch mehr erfahren“, sagte er, als sie ihre Aktentasche schloss. „Es ist fast ein Uhr. Hast du Hunger?“

Zum ersten Mal, seit sie so selbstsicher in sein Büro gekommen war, wirkte sie zweifelnd, und sie runzelte leicht die Stirn. Dann räusperte sie sich. „Nun, ich …“ Sie sagte nichts mehr.

„Lass uns zusammen etwas essen“, schlug er vor. „Magst du italienisches Essen? Ich kenne ein nettes Lokal mit exzellenter Küche und hervorragendem Service.“

Für einen Augenblick wirkte sie auf ihn … wie? Schockiert? Misstrauisch? Hektisch?

Aber bevor er entscheiden konnte, wie sie aussah, verschwand der Ausdruck auf ihrem Gesicht, und sie zeigte ihm wieder ihr unglaublich anziehendes Lächeln. „Warum nicht?“, meinte sie. „Lass uns essen gehen.“

Megan amüsierte sich köstlich.

Ihre Präsentation war wunderbar gelaufen. Bald gab es sicher weitere Meetings mit den Managern von Banning’s. Sie würde mit ihrem Team eine offizielle Präsentation erstellen, die alle begeistern sollte.

Oh ja. Sie wusste, dass sie den Auftrag von Banning’s so gut wie in der Tasche hatte. Und jetzt saß sie neben Greg auf weichen schwarzen Ledersitzen in einem Firmenwagen.

Greg hatte auf den Firmenwagen bestanden, damit sie ihr Gepäck verstauen konnte und sich nicht darum kümmern musste, während sie im Restaurant waren. Es gefiel Megan, in einer Luxuslimousine kutschiert zu werden. Welcher Frau würde das nicht gefallen?

Sie blickte durch das Rauchglasfenster auf die fast verlassenen Straßen von Manhattan. „Ich liebe New York an Tagen wie diesem.“

„Du meinst, wenn alle anderen verreist sind?“

„Genau.“ Sie wandte sich an Greg, schaute in seine dunkelbraunen Augen und redete sich ein, dass die Erregung, die sie jedes Mal erfasste, wenn sie ihn ansah, überhaupt nichts zu sagen hatte. „Es ist ausnahmsweise so friedlich.“

„Deine Firma ist in Poughkeepsie?“

Megan nickte. „Nicht weit von zu Hause und außerdem günstig. Du wohnst hier in der Stadt, oder?“

„Ja, ich habe eine Wohnung am Broadway ganz in der Nähe des Büros.“

„Praktisch.“

„Genau, das finde ich auch.“ Er hatte eine angenehm tiefe Stimme, aber klang er vielleicht … wehmütig?

Ihr fiel Carly ein, und sie fragte sich wie schon so oft in den letzten Monaten, was zwischen den beiden schiefgelaufen war. Zwei gut aussehende Menschen, die alles hatten, was man sich nur wünschen konnte. Zwei nette Menschen. Ihre Trennung ergab keinen Sinn.

„Du klingst so … ich weiß nicht“, begann Megan. „Als wärst du nicht besonders glücklich darüber, in der Stadt zu leben.“

Sein warmer Blick wirkte nun kühler. „Ich bin sehr zufrieden. Ah, da sind wir ja …“ Der Firmenwagen hielt vor dem Restaurant, und der Fahrer stieg aus, um ihnen die Tür zu öffnen.

„Danke, Jerry.“ Greg gab dem Fahrer einige Scheine in die Hand. „Wir werden hier in Ruhe essen, und ich rufe Sie an, wenn ich Sie wieder brauche.“

„In Ordnung, Mr. Banning“, erwiderte Jerry, tippte an seine Chauffeursmütze und setzte sich wieder ans Steuer.

Nach der Wärme des Sommertages war es im Restaurant angenehm kühl und nicht zu hell. Die Restaurantbesitzerin kannte Greg beim Namen und führte sie zu einem Tisch in einer Ecke. Obwohl so viele Leute Manhattan wegen des bevorstehenden Feiertages den Rücken gekehrt hatten, war das Restaurant gut besetzt.

„Scheint beliebt zu sein“, bemerkte Megan, nachdem die Besitzerin gegangen war.

„Das stimmt, und es gibt allen Grund dazu.“ Der Weinkellner kam an den Tisch und redete kurz mit Greg. Der Kellner nickte, ging weg, und kam kurz darauf mit einer Flasche Weißwein zurück.

Nachdem Greg gekostet und den Wein für gut befunden hatte, schenkte der Weinkellner ein und ging dann wieder. Greg hob sein Glas. „Auf Design Solutions. Viel Erfolg.“

Gut, ein Glas würde sicher nicht schaden. Außerdem war sie für heute mit der Arbeit fertig. Sie stieß mit Greg an. „Auf den Erfolg.“ Megan trank einen Schluck Wein, der hervorragend schmeckte. „Hm. Wunderbar. Fast schon zu lecker.“

„Ist das schlecht?“

„Überhaupt nicht“, antwortete sie lachend.

„Weißt du, dass du eine erstaunliche Frau bist?“, fragte Greg und neigte sich nach vorn.

Eine kleine Alarmglocke ertönte, aber Megan schaltete sie schnell aus. Sicher versuchte er nicht, sie anzumachen. Auf keinen Fall. Es war nur ein Kompliment. Nichts Besonderes. „Meine Nachbarn sind auch immer überrascht, wenn ich sie während der Arbeitszeit treffe. Sie tun dann so, als würden sie mich kaum wiedererkennen.“

„Zu Hause bist du immer so …“

Sie lachte wieder. „Sag es ruhig. Du meinst: schüchtern, oder eher langweilig und pummelig, stimmt’s?“

Er tat so, als sei er beleidigt. „Habe ich das gesagt?“

„Das musstest du gar nicht. Ich gebe ja zu, dass ich zu Hause eher reserviert und unauffällig bin.“

Greg trank einen Schluck Wein. „Warum?“

„Wahrscheinlich aus Gewohnheit. Zu Hause hat jeder eine bestimmte Vorstellung von mir, und ich möchte niemanden enttäuschen.“

„Aber wenn du gar nicht so bist …“

Es schien so natürlich, sich vorzubeugen und seinen Handrücken mit den Fingern zu berühren. „Aber ich bin so.“

Er runzelte die Stirn, obwohl er sie mit seinem Blick zu necken schien. „Welcher Megan sitze ich denn jetzt gegenüber?“

Megan zuckte mit den Schultern. „Beiden.“

„Ah“, kommentierte er, sah aber immer noch zweifelnd aus.

„Ich bin beide Personen“, erklärte sie. „Hier vor dir sitzt die neue Megan – und zu Hause trifft man eher die alte Megan. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja, und ich nehme die neue Megan.“

Bevor sie eine passende, unbeschwerte Antwort geben konnte, kam der Kellner.

Nachdem sie bestellt hatten, fragte Greg, wie es dazu gekommen war, dass sie über der Garage ihrer Schwester wohnte. Sie erklärte ihm, dass sie ihr gesamtes Geld in die Firma stecken und nicht für eine teure Wohnung ausgeben wollte. „Vor drei Jahren haben Angela und ihr Exmann Jerome sich getrennt. Als ich in das Apartment über ihrer Garage einzog, war jedem geholfen. Angela und die Kinder können die Miete gut gebrauchen, und ich habe eine schöne, günstige Wohnung. Fast jeden Tag komme ich um vier aus Poughkeepsie zurück und bleibe bei den Kindern, bis Angie von der Arbeit nach Hause kommt. Wenn ich dringende Arbeiten erledigen muss, dann fahre ich später mit dem Zug ins Büro und arbeite noch ein paar Stunden.“

Warum erzählte sie ihm das alles? Als ob es Greg Banning interessierte, wie sie und Angela sich um die Kinder und ein geregeltes Einkommen bemühten.

Seine nächste Bemerkung klang so, als sei er wirklich interessiert. „Klingt nach einem dicht gedrängten Arbeitsplan.“

„Stimmt, aber wir schaffen es.“

„Du lächelst. Sicher liebst du deine Schwester sehr.“

„Das tue ich, und gleichzeitig ist sie meine beste Freundin.“

„Noch mehr Schwestern oder Brüder?“

„Nein. Es gibt nur uns beide. Ich wurde mit elf Jahren von den Schumachers adoptiert. Damals war Angela dreizehn.“ Nachdem ihre Eltern gestorben waren, hatte Megan harte Zeiten erlebt und war bei mehreren Pflegeeltern untergebracht worden.

„Was ist mit deinen richtigen Eltern passiert?“

War die Frage nicht ein wenig zu persönlich? Wahrscheinlich schon, aber sie hatte keine Geheimnisse. „Sie sind gestorben, als ich sieben Jahre alt war. Meine Eltern, mein Bruder und ich hatten Urlaub auf den Bahamas gemacht. Wir mieteten ein Boot und fuhren hinaus aufs Meer. Plötzlich zog ein Sturm auf, und das Boot kenterte. Ich konnte mich an einem Stück Holz festhalten, bis Hilfe kam. Meine Eltern und mein kleiner Bruder hatten leider kein Glück. Man sagte, es wäre ein Wunder gewesen, dass ich überlebt und man mich gefunden hatte …“

Komisch. Selbst nach all den Jahren berührte es sie sehr, an die zu denken, die sie verloren hatte. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie das liebevolle Lächeln des Vaters sehen und das warme Lachen der Mutter hören. Sie hatte ihren kleinen Bruder Ethan geliebt, obwohl er manchmal eine Nervensäge war.

An den Tag des Unglücks hatte sie keine starken Erinnerungen mehr. Sie wusste noch, dass die Sonne geschienen hatte, nachdem sie aufs Meer gefahren waren. Dann hatte sich der Himmel verdunkelt. Danach gab es nur noch qualvolle Eindrücke von der Zeit, in der sie sich an das Holz geklammert und so laut nach den Eltern und Ethan gerufen hatte, dass sie schließlich keine Stimme mehr hatte.

Greg legte seine große, warme und gebräunte Hand auf ihre. Es war ein schönes Gefühl, von Greg berührt zu werden.

Ein viel zu schönes Gefühl.

Sie zog die Hand zurück, nahm ihr Glas und trank einen kräftigen Schluck Wein.

„Schrecklich, was da passiert ist. Besonders für ein kleines Mädchen“, bemerkte Greg teilnahmsvoll.

Megan zeigte ihm ein tapferes Lächeln. „Nun, ich habe es überstanden. Als ich zu den Schumachers kam, haben Angela und ich uns gleich gut verstanden, und nach drei Jahren ließen unsere Eltern sich scheiden. Das war sehr schlimm, besonders für Angela, deren Kindheit bis dahin perfekt war.“

Jetzt hatte sie aber mehr als genug von sich erzählt. „Was ist mit dir?“ Sie war ziemlich sicher, dass er keine Geschwister hatte, aber sie fragte trotzdem. „Brüder? Schwestern?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin der Einzige. Ich wuchs in einem Sandsteinhaus an der Upper East Side auf. Große Räume und hohe Decken. Ziemlich leer alles und sehr, sehr ruhig.“

Megan trank noch einen Schluck Wein. „Leben deine Eltern noch dort?“

„Ja.“

„Du hättest sicher gerne Geschwister gehabt, oder?“

„Richtig, aber es hat sich leider nicht ergeben. Ich muss allerdings sagen, dass für meine Mutter ein Kind mehr als genug war.“

Vanessa. So hieß seine Mutter. Megan hatte das von Carly erfahren, die meinte, dass ihre Schwiegermutter groß und schlank und sehr elegant sei. Außerdem schwer zufriedenzustellen. „Gregs Mutter hat mich nie besonders gemocht“, hatte Carly behauptet. „Es gefällt ihr aber auch nicht, dass Greg die Scheidung will, denn Vanessa hält absolut nichts von Scheidungen. Wenigstens einmal steht sie auf meiner Seite. Das hat aber nichts mit meiner Person zu tun, sondern mit ihren Prinzipien. Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es ihr lieber gewesen wäre, wenn Greg eine reiche Tochter geheiratet hätte.“

Der Kellner kam mit dem Calamari-Salat. Er stellte die Teller ab, schenkte Wein nach und ging wieder.

Megan probierte von dem Salat, der ihr sehr gut schmeckte, obwohl sie eigentlich von Tintenfisch nicht so begeistert war. Während sie aß, dachte sie an Carly und bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie mit Greg hier saß. Natürlich handelte es sich nur um einen geschäftlichen Termin, aber sie fühlte sich eher wie bei einem Date.

Beide konzentrierten sich auf das ausgezeichnete Essen und schwiegen. Megan trank etwas Wasser und beschloss, jetzt nur noch über berufliche Dinge zu reden.

„Wir haben noch kein Datum für unser nächstes Gespräch festgelegt“, meinte sie.

Greg warf ihr einen Blick zu, der ihr durch und durch ging. „Wir haben dieses noch nicht einmal beendet.“

Sie hob ihr Weinglas an. „Ich plane gern im Voraus.“ Dann trank sie einen weiteren Schluck, obwohl sie wusste, dass sie eigentlich keinen Wein mehr trinken sollte. Sie war schon beim zweiten Glas angelangt, und ihre Umgebung wirkte leicht verschwommen. Außerdem lächelte sie zu viel, was immer passierte, wenn sie mehr als ein Glas Alkohol trank.

„Okay, dann sag mir, was dir vorschwebt“, schlug Greg vor und trank ebenfalls einen Schluck.

Entschieden stellte sie ihr Glas ab. „Eine Präsentation in Anwesenheit meines gesamten Teams und der Personen, die bei Banning’s die Entscheidungen treffen.“

„Scheint mir der nächste logische Schritt zu sein.“

„Es wäre schön, wenn du mit deinen Leuten nach Poughkeepsie kämest.“

„Du willst wohl den Heimvorteil nutzen.“

„Genau.“ Wieder grinste sie viel zu breit. Aber irgendwie konnte und wollte sie nicht aufhören. „Würdest du kommen?“

„Wann?“

„Heute in einer Woche. Um zehn Uhr?“

„So bald?“

„Wir sind nicht nur gut, sondern auch schnell.“

„Das gefällt mir.“ Seine Augen sagten ihr, dass ihm noch andere Dinge gefielen, die nichts mit der Modernisierung des Firmenlogos zu tun hatten.

Sie erinnerte sich an ihr Ziel. „Also …?“

Greg nickte. „Nächsten Montag um zehn in deinem Büro. Das müsste klappen. Ich muss die anderen noch fragen, ob der Termin ihnen passt, und dann informiere ich dich.“

„Meine Assistentin kann deine anrufen, um alle Details zu regeln.“

Die dunklen Augen glänzten. „Du willst wohl sichergehen, dass der Termin in meinem Kalender festgehalten wird.“

„Kann schon sein“, erwiderte Megan und zuckte mit den Schultern.

„Diesmal vergesse ich es nicht. Wie könnte ich? Schließlich habe ich eine Verabredung mit dir.“

Eine Verabredung mit dir …

Sein Tonfall klang jetzt überhaupt nicht mehr geschäftlich, und Megan wusste, dass sie sofort klarstellen sollte, dass es zwischen ihnen niemals eine persönliche Beziehung geben durfte. Sie sollte sich zurücklehnen und ihm nicht ständig in die braunen Augen blicken.

Stattdessen lächelte sie jedoch weiter und beugte sich nach vorn, während sie sich sehnsüchtig wünschte, dass er nicht Carly Aldersons Exmann wäre.

3. KAPITEL

Greg wollte für immer in diesem Restaurant sitzen bleiben, Megan in die klaren grünen Augen schauen und ihrer leicht heiseren Stimme zuhören. Dabei wollte er versuchen, sie zum Lachen zu bringen, denn ihr unbeschwertes, herzhaftes Lachen gefiel ihm besonders gut.

Nachdem sie ein Dessert abgelehnt und Kaffee getrunken hatte, merkte er jedoch, dass sie gehen wollte. Er rief Jerry an, bezahlte die Rechnung, und sie gingen nach draußen, wo das helle Licht sie blendete.

„Nimm den Firmenwagen“, schlug Greg vor.

Ihre weichen Wangen waren leicht gerötet, und sie schaute ihn verwirrt an. „Aber ich kann doch den Zug nehmen.“

„Du fährst nicht mit dem Zug. Jerry kann dich nach Rosewood oder nach Poughkeepsie bringen, wenn du dorthin möchtest.“

„Aber das kann ich nicht …“

Er nahm ihre Hand, und ihm wurde ganz warm. „Doch, du kannst.“

Sie schluckte, presste die schönen Lippen aufeinander –und lächelte dann. „Gut, dann nehme ich den Firmenwagen. Vielen Dank.“ Da er ihre Hand immer noch festhielt, schüttelte sie sie kräftig.

Endlich verstand er und ließ sie widerstrebend los. „Gern geschehen.“ Er öffnete die Wagentür für sie, und sie stieg ein. Greg schloss die Tür, und Megan rollte das Fenster hinunter und lächelte ihn an.

Er reichte ihr seine Visitenkarte mit allen Telefonnummern. „Bis nächsten Montag.“

„Zehn Uhr.“ Sie nahm die Karte entgegen. Ihre Lippen schienen geradezu um einen Kuss zu bitten.

„Okay.“ Er riss seinen Blick von ihrem Mund los, damit er nichts tat, was völlig unakzeptabel war. „Bis dahin …“

Megan nickte und kurbelte das Fenster hoch. Greg klopfte gegen die Fahrertür, und der Chauffeur öffnete das Fenster. Wieder gab Greg ihm ein großzügiges Trinkgeld. „Fahren Sie Miss Schumacher, wohin sie möchte.“

„Wird erledigt, Mr. Banning.“

Greg trat einen Schritt zurück, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Greg schaute ihm nach, bis er um die Ecke verschwunden war.

Als der heiße Nachmittag einem schwülen Abend wich, fragte sich Greg, was eigentlich in ihn gefahren war. Er hatte sich wegen Megan Schumacher völlig zum Narren gemacht. Fast hätte er sie aus dem Auto gezogen und in die Arme gerissen. Dann hätte er sie lange und leidenschaftlich geküsst –mitten auf der Straße.

Vielleicht war es der Wein …

Der konnte es jedoch nicht sein, denn die Frau hatte ihn buchstäblich umgehauen, als er sie in seinem Büro gesehen hatte. Da hatte er noch keinen Wein getrunken und war völlig nüchtern gewesen.

Unglaublich, inakzeptabel und unmöglich.

Mit Megan Schumacher würde er niemals etwas anfangen. Schließlich war sie eine Nachbarin von Carly.

Nein, es durfte nicht sein. Wenn er sich mit Megan treffen würde, gäbe es Gerede, und er würde Carly noch mehr verletzen, als er es ohnehin schon getan hatte.

Greg wollte nie mehr zu Carly zurückkehren, denn zwischen ihnen war es schon lange vorbei. Er verspürte ihr gegenüber jedoch eine gewisse … Verantwortung. Sie war eine gute Frau, nur nicht die richtige für ihn.

Irgendwie hatte sich die süße Carly Alderson in die perfekte Ehefrau verwandelt. Greg wollte aber keine perfekte Frau, denn er hatte noch nie etwas Perfektes gewollt. Mit Perfektion war er aufgewachsen, und er hatte sich in einem kalten und sterilen Umfeld nie wohl gefühlt.

Carly musste noch einsehen, dass es wirklich aus war zwischen ihnen. Mit der Zeit würde ihr das sicher gelingen. Bis dahin musste er sich jedoch von ihr fernhalten, und das hieß auch, sich nicht mit einer Frau zu verabreden, mit der Carly befreundet war. Was auch immer mit ihm geschehen war, als er die sexy Megan Schumacher erblickt hatte, es durfte nicht noch einmal passieren.

Aus dem dunklen Apartment blickte Greg auf Manhattan und überlegte, ob er Megan anrufen sollte, um ihr zu sagen, dass er seine Meinung über Design Solutions geändert hätte.

Aber das wäre nicht nur eine schlechte Geschäftsentscheidung für Banning’s, es wäre einfach nicht richtig. Ihre Arbeit war hervorragend und ihre Ideen brillant. Außerdem hatte sie sich während des Gespräches und des Essens streng professionell verhalten. Er hätte sich fast danebenbenommen.

Megan verdiente diese Chance, und er hatte keinen Zweifel daran, dass sein Vater und die anderen ihr den Auftrag erteilen würden, wenn sie ihre Arbeit sahen. Sie konnten froh sein, dass sie für Banning’s arbeiten wollte.

Es war nicht Megan Schumachers Schuld, dass Greg Banning verrückt nach ihr war. Es war allein sein Problem, und er würde damit fertig werden.

Von jetzt an würde Greg nur an Geschäftliches denken, wenn er mit Megan zusammentraf.

Mitten in der Nacht lag Megan in ihrem Bett in Rosewood und starrte aus dem Fenster auf den silbrigen Halbmond, während ihr die gleichen Gedanken durch den Kopf gingen wie Greg.

Wie hatte das passieren können? Sie hatte wirklich gedacht, dass sie nicht mehr für Carlys Mann schwärmte, aber seit sie ihn auf der Straße vor dem Restaurant verlassen hatte, musste sie ständig an ihn denken. Dabei brauchte sie keinen Freund, weil sie einfach keine Zeit hatte, erst recht nicht für eine Romanze mit Carlys Exmann.

Leider fühlte sie sich sehr zu ihm hingezogen. Noch mehr als damals, als Greg noch mit Carly verheiratet war. Damals hatte sie nur ab und zu davon geträumt, was wäre, wenn …

Aber heute kreisten ihre Gedanken nur um Greg.

Das alles sollte jedoch keine Rolle spielen. Wenn sie ihn am nächsten Montag sah, durfte sie nur an geschäftliche Dinge denken.

Ende der Geschichte.

„Pfannkuchen, Pfannkuchen. Ich liebe Pfannkuchen …“

Michael sang vor sich hin und steckte sich ein großes Stück Pfannkuchen, von dem der Sirup herabtropfte, in den Mund.

„Iih“, meinte Olivia. „Du hast Sirup am Kinn, und man singt nicht bei Tisch.“

„Pfannkuchen, Pfannkuchen“, sang Michael weiter.

„Mama! Er singt schon wieder.“ Olivia drehte sich zu ihrer Mutter um, die am Herd stand, und weitere Blaubeerpfannkuchen zubereitete.

„Jetzt frühstücke weiter, Süße“, meinte ihre Mutter. „Und Michael, hör auf zu singen und iss zu Ende.“

Michael steckte sich ein weiteres Stück Pfannkuchen in den Mund. Olivia schaute auf ihren Teller und nahm ihre Gabel vorsichtig in die Hand. Anthony starrte vor sich hin und aß schweigend.

Da klingelte es an der Tür, und Anthony blickte auf. „Das ist Dad!“, rief er, und seine braunen Augen leuchteten plötzlich.

„Er ist früh“, sagte Angela. Jerome sollte erst um zehn Uhr vorbeikommen, um die Kinder abzuholen.

„Dad!“, rief Michael mit vollem Mund.

„Eklig“, murmelte Olivia.

Dann riefen alle drei Kinder gleichzeitig: „Ich mache auf!“

„Bleibt hier.“ Megan legte ihre Serviette neben den halbvollen Teller. „Und zwar alle.“

Olivia stöhnte, Michael zuckte mit den Schultern, und Anthony seufzte laut auf. Alle blieben aber auf ihrem Hocker sitzen.

Im Flur öffnete Megan die Tür und stand vor Carly, die fantastisch aussah. Ihr blondes Haar fiel in weichen Wellen auf die Schultern, und das hübsche Gesicht wurde mit etwas Rouge und Lipgloss betont. Carly trug eine blaue Caprihose und ein eng anliegendes weißes Shirt. An den perfekt gepflegten Füßen trug sie rote Sandalen. In der Hand hielt sie einen gläsernen Tortenständer mit einer Torte drauf.

Ebenso beeindruckend wie Carly war die doppelstöckige Torte. Sie war umhüllt von einer Schicht Buttercreme, und oben zierte sie eine in Zuckerguss nachgebildete amerikanische Flagge.

„Wow.“ Megan war von der Torte so beeindruckt, dass sie fast vergaß, sich wegen ihrer Schwärmerei für Greg schuldig zu fühlen. „Die ist aber toll.“

Carly errötete und zeigte ihr hübschestes Lächeln. „Ich habe sie für euch gebacken. Ich will mich zwar nicht selbst loben, aber sie ist wirklich köstlich. Zu Hause gab es am Unabhängigkeitstag immer diese Torte, die bei uns ‚Red Velvet Cake‘ heißt.“

Megan bat sie ins Haus und schloss die Tür. „Komm doch mit in die Küche. Wir essen gerade Blaubeerpfannkuchen, und du kannst gerne mitessen.“

„Oh nein, lieber nicht. Wenn ich einen Pfannkuchen nur ansehe, nehme ich ein Pfund zu.“

Megan, die ihre Pfannkuchen nicht nur ansah, zuckte mit den Schultern. „Trinkst du denn einen Kaffee?“

„Ja, gerne.“

Sie gingen in die Küche. „Oh, Carly, das war aber nicht nötig“, meinte Angela, als sie den Kuchen sah. Selbst die Kinder machten große Augen, mit Ausnahme von Anthony, der in letzter Zeit nur dann leuchtende Augen bekam, wenn sein meist abwesender Vater vor der Tür stand.

Carly setzte sich auf einen Hocker, nahm eine Tasse schwarzen Kaffee und fragte die Kinder, wie es ihnen ging und welche Pläne sie für den Tag hatten. Michael stellte ihr viele Fragen, und Olivia, deren Steinsammlung ihr ganzer Stolz war, berichtete, dass ihr Großvater einen echten Quarzkristall aus Arkansas geschickt habe. Selbst Anthony war nicht mehr so schweigsam. Er erzählte, dass sein Dad käme, und dass man dann in den Catskills Game Park ginge, wo es vielleicht abends ein Feuerwerk gäbe.

Da Carly so nett mit den Kindern umging, fragte Megan sich, warum sie und Greg nie Kinder bekommen hatten.

Natürlich würde sie niemals danach fragen.

Die Kinder aßen zu Ende, räumten den Tisch ab und liefen nach oben, um sich fertig zu machen. Angela setzte sich mit den letzten Pfannkuchen an den Küchentresen, während Megan Kaffee nachschenkte.

Carly, die zwischen Angela und Megan saß, lobte den Kaffee und fragte Angela, wie ihr der Job beim Zahnarzt gefiel.

Angela erwiderte, dass die Arbeit ihr Spaß machte. „Außerdem bekomme ich bezahlten Urlaub. Was will ich mehr?“

Regelmäßige Unterhaltszahlungen von Jerome wären nett, dachte Megan. Aber natürlich würde ihre Schwester das nie sagen.

Mit einem freundlichen Lächeln wandte Carly sich an Megan. „Du hast mich gestern gar nicht angerufen, um mir zu sagen, wie das Gespräch mit Greg gelaufen ist. Hast du den Auftrag bekommen?“

Um einen völlig neutralen Gesichtsausdruck bemüht, zuckte Megan mit den Schultern. „Noch nicht. Wir hatten erst eine Vorbesprechung, und es wird nächste Woche noch eine Präsentation in meinem Büro geben, an der mein Team teilnehmen wird sowie Gregory sen. und einige Vorstandsmitglieder.“

„Aber er wird dir doch den Auftrag geben, oder?“

„Überrascht dich das?“, neckte Megan.

„Nun, ich … ich dachte …“

Megan lächelte. „Schon gut. Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich dir bin, dass du das Gespräch in die Wege geleitet hast.“ Nur schade, dass ich mich in den Typen verknallt habe, den du immer noch liebst …

Ach“, erwiderte Carly, „das habe ich gern getan.“

„Es ist eine große Chance für mich, wenn ich den Auftrag bekomme.“

„Wie geht es Greg denn?“, wollte Carly wissen. Ihre Wangen waren noch rosiger als sonst, und in den blauen Augen zeigte sich eine fast verzweifelte Hoffnung.

„Nun, es war ein Geschäftstermin“, begann Megan, und fühlte sich wie eine Heuchlerin. „Aber es schien ihm gut zu gehen. Er sah gesund aus …“

Neben Carly schaute Angela plötzlich von ihren Pfannkuchen auf. Sie hatte immer schon einen sechsten Sinn dafür gehabt, was mit ihrer Schwester los war. Megan zog eine Braue hoch, und Angela machte das Gleiche.

Carly fielen diese geheimen Signale unter Schwestern nicht auf. „War er dünn? Ich mache mir Sorgen, dass er nicht vernünftig isst.“

„Nein, nein. Er sah wirklich gut aus.“

„Was hat er über mich gesagt?“

Megan konnte sich leider nicht erinnern, dass Greg Carly überhaupt erwähnt hatte. „Gar nichts, eigentlich.“ Carly wirkte traurig, und da fügte Megan noch schnell hinzu: „Natürlich bestellt er dir viele Grüße.“ Lügnerin, Lügnerin …

Viele Grüße“, wiederholte Carly, und ihre volle Unterlippe bebte ein wenig.

„Ja“, betonte Megan gewollt fröhlich.

Carly setzte ein Lächeln auf. „Nun, das ist doch schon etwas.“ Abrupt sprang sie von dem Hocker und zog an ihrem strahlend weißen Shirt. „Ich muss wirklich gehen. Eigentlich wollte ich nur einen Moment bleiben. Meine Güte, wie schnell die Zeit vergeht.“ Schon hatte sie die Küche fast verlassen.

„Tschüs, Carly“, rief Angela und sah Megan intensiv an. „Noch einmal vielen Dank für die wunderbare Torte. Wir werden sie genießen.“

„Gern geschehen“, meinte Carly und ging durch das Esszimmer.

Megan folgte ihr bis zur Tür, wo Carly stehen blieb und die Tränen ignorierte, die ihr in die Augen traten. „Wann ist dein nächstes Treffen mit Greg und den anderen?“

„Montag.“

„Danach rufst du mich bitte an, versprochen?“

„Ja.“

Sie glättete ihr schon perfektes Haar. „Ich möchte gerne alles erfahren.“

Weil der nächste Termin am Montag rein geschäftlich ablaufen würde, hatte Megan sicher nichts zu befürchten. „Das wirst du auch.“

Carly lächelte nicht mehr ganz so gezwungen. „Viel Glück.“

Nachdem Megan ihr noch einmal gedankt hatte, ging sie.

In der Küche wartete Angela schon auf sie. „Okay.“ Sie schob ihren Teller zu Seite und nahm die Kaffeetasse in die Hand. „Was wird hier gespielt?“

„Gar nichts.“ Megan holte ihre Tasse und lehnte sich gegen den Tisch.

Angela schnaubte kurz. „Lügnerin.“

Megan blickte ihre Schwester finster an. Natürlich musste sie immer ins Schwarze treffen. „Es ist wirklich nichts.“

Angela nahm ihr das nicht ab. „Natürlich ist etwas passiert, und zwar mit Greg Banning.“ Da zuckte Megan zusammen, und ihrer Schwester ging ein Licht auf. „Ach, du meine Güte.“ Sie warf einen Blick über die Schulter, als wolle sie nachsehen, ob irgendeine Klatschtante aus der Nachbarschaft in der Nähe war. „Du und Greg?“, flüsterte sie danach.

„Unsinn.“ Megan stellte die Tasse ab und verschränkte die Arme vor dem Bauch. „Es ist gar nichts passiert.“

Angela klopfte auf den Hocker, auf dem Carly gesessen hatte. „Setz dich sofort hin.“

Seufzend gehorchte Megan. „Was ist denn?“

Was genau ist passiert, während eigentlich gar nichts passiert ist?“

„Meine Präsentation lief fantastisch.“

„Habe ich auch nicht anders erwartet.“

„Er sagte, er wolle mehr hören …“

„Und dann?“

„Hat er mich zum Essen eingeladen – jetzt guck nicht so. Er hat sich weder an mich rangemacht noch sich mit mir verabreden wollen.“

„Aber er hat dich doch zum Essen eingeladen.“

„Angela, jetzt komm schon. Manchmal lädt Dr. Zefflinger dich auch zum Essen ein. Heißt das, dass er sich an dich ranmachen will?“

„Dr. Zefflinger ist glücklich verheiratet und außerdem fast sechzig.“

Megan atmete tief aus. „Der Punkt geht wohl nicht an mich.“

„Ach, wirklich?“

„Angie, Kollegen gehen dauernd gemeinsam essen, denn bei einem guten Essen kann man die Leute, mit denen man arbeitet, viel besser kennenlernen. Es muss nicht immer um mehr gehen.“

Lange sah Angela sie an. Dann nickte sie. „Gut, es muss nicht so sein, aber in deinem Fall ist es so.“

Megan senkte den Kopf und stöhnte. „Warum passiert mir das?“

Angela wartete, bis sie wieder aufschaute. „Du magst ihn wirklich, nicht wahr?“

„Ja, aber das spielt keine Rolle. Sicher hat er so wie ich nachgedacht und ist zu dem Schluss gekommen, dass es mit uns nie etwas werden kann.“

„Warte.“

„Wieso?“

„Womit hat er dir gezeigt, dass er interessiert ist? Wenn es nicht zählt, dass er mit dir zum Essen gegangen ist. Wenn er nichts gesagt oder getan hat und sich nicht an dich rangemacht hat …“

„Oh, bitte. Du weißt doch, wie es ist. Die kleinen Dinge, die ein Mann tut, die … fast schon elektrische Spannung, die in der Luft liegt, wenn man sich von jemandem angezogen fühlt.“

Angela verdrehte die Augen. „Ich bin eine alleinerziehende Mutter ohne jede Freizeit. Ich würde nicht mal merken, wenn jemand sich für mich interessierte. Ich arbeite für einen Kinderzahnarzt, der fast sechzig und schon vierzig Jahre verheiratet ist. Wahrscheinlich habe ich einfach vergessen, wie es ist, okay. Du kannst mir ja auf die Sprünge helfen.“

„Grrr.“

„Komm schon, erklär es mir.“

„Also, im Restaurant, da legte er seine Hand auf meine, als ich ihm erzählt hatte, wie meine Eltern ums Leben gekommen sind. Dann hat er die Hand nicht mehr weggenommen, und ich musste meine unter seiner wegziehen. Und davor … als ich in sein Büro kam. Oh, Angie.“ Megan legte ihre Hand auf ihr heftig klopfendes Herz. „Du hättest sein Gesicht sehen sollen. Schockiert. Erstaunt. Aufgeregt. Alles auf einmal, und mir ging es genauso. Aber ich konnte meine Gefühle vertuschen und war die perfekte Geschäftsfrau.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

„Bis wir vor dem Restaurant standen und er mich mit dem Firmenwagen nach Hause schicken wollte.“

„Er hat dir seinen Firmanwagen zur Verfügung gestellt, um dich von Manhattan nach Rosewood zu bringen?“

„Sogar bis nach Poughkeepsie. Ich wurde vor dem Büro abgesetzt, und als ich dem Fahrer ein Trinkgeld geben wollte, lehnte er ab, weil Mr. Banning schon dafür gesorgt hätte.“

Angelas Augen waren weit aufgerissen. „Jetzt bin ich überzeugt. Er hat dir seinen Firmenwagen …“

„Genau.“

„Was ist denn nun vor dem Auto passiert?“

„Ach, ich weiß es nicht.“ Megans Wangen waren heiß, und sie legte die Hände dagegen, um sie zu kühlen. „Es war, als ob … Ich glaube, er wollte mich küssen. Und ich wollte, dass er es tat. Er packte wieder meine Hand, und wie schon im Restaurant ließ er nicht los. Einen Moment lang wollte ich mich ihm an den Hals werfen, aber dann konnte ich mich gerade noch beherrschen. Gott sei Dank.“

„Und am Montag siehst du ihn wieder?“

„Ja.“

„Und wenn er dich dann noch mal einlädt?“

„Dann muss ich natürlich ablehnen.“

„Wieso?“

„Du weißt genau, wieso. Es wäre Carly gegenüber nicht fair, sondern richtiggehend gemein.“

„Megan, Tatsache ist, dass Carly und Greg geschieden sind. Sie gehören nicht mehr zusammen.“

„Sie hofft aber …“

„Für Carlys Hoffnungen kannst du nichts. Seit sie Greg aus Tara hinausgeworfen hat, ist Greg nicht mehr in der Straße gewesen.“ Die Häuser in ihrem Viertel waren im Kolonialstil gebaut, aber Carlys großes Haus wirkte mit den hohen Säulen und der großen Veranda wie ein Haus aus dem Film „Vom Winde Verweht“ und wurde deshalb Tara genannt.

„Er kommt nicht zurück, und Carly muss akzeptieren, dass ihre Ehe zu Ende ist und sie ein eigenes Leben führen muss. Sie ist eine schöne Frau, und das nicht nur äußerlich. Es ist eine Schande, dass sie ihr Leben für einen Mann wegwirft, der sie verlassen hat. Du tust ihr keinen Gefallen, wenn du Greg ihretwegen ablehnst.“

„Aber du weißt doch, wie die Leute reden. Das wäre total peinlich für Carly, und außerdem würde sie glauben, ich hätte ihre Nettigkeit schamlos ausgenutzt.“

„Du brauchst ja gar nichts hinter ihrem Rücken zu unternehmen. Wenn Greg dich einlädt und du mit ihm ausgehen willst, dann musst du offen mit ihr darüber reden.“

Megans Magen verkrampfte sich. „Ihr sagen, dass ich mich mit Greg treffe?“

„Richtig“, bekräftigte Angela.

Ihre Schwester zuckte zusammen, und Angela sah es. Deshalb wurde ihr Ton sanfter. „Für dich wäre es auch nicht so schlecht, weißt du? Einmal in deinem Leben könntest du das tun, was du willst, und nicht das, was alle anderen von dir erwarten.“

„Ich tue doch das, was ich will.“

„Bei deiner Arbeit schon, aber in deinem Privatleben?“ Angela lächelte liebevoll. „Denke einfach mal darüber nach, ja?“

„Das kann und werde ich nicht, Angie. Ich werde mit Greg Banning nichts anfangen, und deshalb muss ich mit Carly auch nie darüber reden.“

Ab dem Zeitpunkt, zu dem Greg in die hellen Büroräume von Design Solutions kam, wusste er, dass seine guten Vorsätze wie weggeblasen waren. Er konnte sich unmöglich nur auf die Geschäfte konzentrieren, wenn er Megan Schumacher sah.

An diesem Tag trug sie ein kräftiges Lila, wobei unter der kurzen Jacke ein Hauch von weißer Spitze hervorlugte. Nach einem Blick in ihr gerötetes, wunderbares Gesicht mit den Wangengrübchen wusste er, dass es hoffnungslos war.

Carly tat ihm leid, und er bedauerte, dass er sie nicht mehr liebte. Außerdem war er jetzt schon besorgt, dass die Nachbarn über ihn und Megan reden würden und Carly leiden würde.

Aber Megan war …

Ihm fehlten die Worte.

Er wusste nur, dass er versuchen musste, ihr näherzukommen. Wenn der Vertrag abgeschlossen und er seinen Vater und die Vorstandsmitglieder von Banning’s losgeworden war, würde er Megan zum Essen ausführen, und nach dem Mittagessen würde er alles unternehmen, damit sie bis zum Abendessen an seiner Seite blieb. Nach dem Abendessen wollte er sie dann überreden, mit ihm nach Hause zu gehen und bei ihm zu übernachten. Am anderen Morgen würden sie gemeinsam frühstücken.

War das verrückt?

Hoffentlich. Greg Banning hatte sein ganzes Leben darauf gewartet, nach der richtigen Frau verrückt zu sein. Und da er sie endlich gefunden hatte, wollte er sich die Gelegenheit, etwas Verrücktes zu tun, nicht entgehen lassen.

Er stellte sie und ihr Team seinem Vater und drei Vorstandsmitgliedern des Unternehmens vor. Megan erklärte kurz die Aufgaben der einzelnen Mitarbeiter und wie sie dazu beitragen würden, das Image von Banning’s aufzupolieren.

Kurz danach wurde das Licht für die Präsentation gedämpft, und alles lief so überzeugend ab, wie Greg es erwartet hatte. Nach der Vorführung brachte die Sekretärin Erfrischungen. Danach folgte eine zweistündige Verhandlung.

Greg konzentrierte sich sehr auf die geschäftlichen Details, aber er wünschte gleichzeitig, alles wäre schon vorüber. Er wollte Megan unbedingt überzeugen, dass er und sie nicht nur Geschäftspartner sein könnten.

Am Ende der Verhandlungen erhielt Megans Firma Design Solutions den begehrten Werbeauftrag. Megan würde mit dem Webdesigner und dem Chef-Grafiker am Freitag in die Stadt kommen, um den Vertrag zu unterzeichnen.

Natürlich wollte sein Vater nach dem Meeting alle zum Lunch einladen. Megan war Gregory Banning sen. jedoch zuvorgekommen. Sie hatte bereits einen Tisch in einem Fischrestaurant am Hudson bestellt, nicht weit von ihrem Büro entfernt.

Es war schon nach zwei, als Gregs Vater und die anderen Männer in die Stretchlimousine einstiegen und nach Manhattan zurückfuhren. Greg erklärte, dass er den Zug nähme, weil er noch einiges mit Megan zu klären habe.

Er verriet nicht, dass diese Dinge nichts mit Design Solutions zu tun hatten. Warum sollte er auch? Sein Vater und die anderen mussten nichts davon wissen.

Jedenfalls noch nicht.

Megan hatte Taxis bestellt, die ihre Mitarbeiter ins Büro bringen sollten. Greg zog Megan zur Seite, während die anderen einstiegen.

„Bleib bitte noch. Ich muss mit dir reden.“

Plötzlich errötete sie und wirkte verwirrt. Ganz anders als die intelligente Geschäftsfrau, die eben erklärt hatte, wie sie das Image der Kaufhauskette Banning’s modernisieren wollte. „Aber ich hatte nicht vor, zu …“

Noch bevor sie ablehnen konnte, unterbrach er sie. „Du musst einfach noch einmal mit mir in das wunderbare Restaurant zurückgehen.“

„Tatsächlich?“

„Du brauchst noch einen Kaffee. Oder vielleicht ein Glas Wein.“

„Oh nein, keinen Wein.“ Sie wirkte ängstlich.

Daraufhin musste er lächeln. „Dann eben einen Kaffee.“

„Aber …“

„Bleib hier und rühr dich nicht vom Fleck.“

Sie machte tatsächlich, was er gesagt hatte, und blieb auf dem Bürgersteig stehen, während er die Taxis bezahlte und ihre Mitarbeiter ins Büro schickte. Dann nahm er Megans Arm und führte sie zurück ins Restaurant, wo sie einen kleinen Tisch in einer Ecke bekamen. Jetzt war es ruhig in dem Lokal, und die Kellnerin brachte ihnen Kaffee, den sie aus einer silbernen Kanne einschenkte.

Als sie gegangen war, sah Megan Greg an. „Also gut“, meinte sie gleichzeitig atemlos und streng. „Was gibt es denn?“

„Ich glaube, das weißt du.“

Sie wusste, was er meinte. Megan seufzte und blickte in ihre volle Kaffeetasse, als bedauerte sie, dass sie nie davon probieren würde. Ihm erschien es wie eine Ewigkeit, als sie endlich antwortete. „Oh, Greg, ich glaube nicht, dass wir das können. Es tut mir leid, aber Carly ist meine Freundin, und ich will sie nicht verletzen.“

„Hör mir zu“, begann er. Als sie reden wollte, hob er eine Hand. „Lass mich nur kurz etwas sagen, bitte.“

„Gut.“

„Ich sagte dir schon, dass ich ein Einzelkind bin.“ Er wartete ab, bis sie nickte, dann fuhr er fort. „Ich erwähnte jedoch nicht, dass meine Eltern …“ Verdammt, wie sollte er sie beschreiben? „… kalt waren. Distanziert. Gegenüber anderen Menschen und auch miteinander. Ich habe nie gesehen, dass sie sich berührt haben oder zärtlich miteinander waren. Niemals einen Kuss oder eine Umarmung. Niemals wurde in der Öffentlichkeit Zuneigung gezeigt.“

Er räusperte sich. „Banning ist ein wichtiger Name in New York, und meine Mutter stammt von den bekannten Wrights aus Philadelphia ab. Ihre Hochzeit war das größte gesellschaftliche Ereignis im Land. Im Laufe der Jahre bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sie eher eine Geschäftsverbindung eingegangen sind als eine Liebesheirat.“

Megan schob ihre Kaffeetasse zur Seite und legte die Hände auf den Tisch. „Dein Vater wirkte ein wenig … kühl.“

Greg musste lächeln. „Kühl? Während des Essens hat er einmal fast gelächelt. Für meinen Vater ist das schon sehr viel. Heute war er so warmherzig und freundlich, wie er nur sein kann.“

Sie schaute kurz nach unten, bevor sie Greg wieder ins Gesicht sah. „Du hattest also eine harte Kindheit, willst du mir das sagen?“

„Hart?“ Er zuckte mit den Schultern. „Nachdem ich weiß, was du erlebt hast, darf ich mich nicht beschweren, denn ich hatte alles.“

Megan schüttelte den Kopf. Ihr Lächeln war sanft und verständnisvoll. „Du hattest alles, aber keinen, der dich umarmt und geliebt hat.“

Greg trank einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse vorsichtig wieder auf die Untertasse. „Ich hasste unser Haus, das so groß, still, perfekt und leer war. Hauptsächlich wurde ich von Kindermädchen erzogen. Einmal am Tag, abends vor dem Zubettgehen, kam meine Mutter ins Kinderzimmer, um mich zu besuchen. Wenn sie kam, war sie immer für das Dinner angezogen. Ich durfte nur kurz ihre Wange berühren, bevor sie ging. Ich hasste damals mein ganzes Leben.“

Er holte tief Luft. „Aber ich war … gut erzogen. Als Erbe von Banning’s Inc. tat ich, was von mir erwartet wurde. Ich erhielt gute Noten in der Schule, ging zur Universität von North Carolina und aufs Chapel-Hill-College, das mein Vater und auch mein Großvater schon besucht hatten. Es ist eine der besten Wirtschaftshochschulen des Landes, und ich hatte noch zwei Jahre Studium vor mir, als ich Carly traf.“

Megan zuckte zusammen. „Carly“, sagte sie, und dann schaute sie weg. „Greg, wir müssen wirklich nicht darüber reden.“

Er beugte sich vor und sprach leise, damit niemand zuhören konnte. „Glaubst du, ich will über Carly reden, um alles wieder hervorzukramen? Das will ich wahrhaftig nicht, aber ich meine, dass manches angesprochen werden muss.“

Da schaute Megan ihm in die Augen und seufzte. „Gut, dann sprich weiter. Du hast Carly also auf dem College getroffen …“

„Ja, sie hatte ein Stipendium bekommen und studierte Bibliothekswissenschaften. Bei einer Party sah ich sie das erste Mal. Sie war mit ihrer Zimmernachbarin gekommen und sah schön und so … ich weiß nicht. Unverdorben aus, glaube ich. Danach trafen wir uns mehrere Male, und sie war anders als alle anderen Mädchen, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Liebevoller, offener. Das dachte ich zumindest.“

Megan runzelte die Stirn und verteidigte die Freundin. „Carly ist liebevoll und eine der nettesten Frauen, die ich kenne.“

„Ich stimme dir zu“, entgegnete er und meinte es auch so, denn es entsprach der Wahrheit. „Sie ist sehr lieb und nett. Aber offen? Oh nein. Carly hat Geheimnisse. Sie errichtet … Schranken, die niemand durchbrechen kann. Und du kannst mir glauben, dass ich es versucht habe, denn ich glaubte wirklich, dass wir glücklich würden. Dass wir ein Haus voller wunderbarer, wilder Kinder hätten …“

Er schwieg. Wichtig war ihm, dass Megan erkannte, wie sein Leben mit Carly gewesen war. Sie sollte ihn verstehen, ohne dass er sich für irgendetwas rechtfertigte.

„Nachdem ich mit dem College fertig war, zogen wir nach Rosewood“, fuhr Greg fort. Bei der Erinnerung an die Zeit lächelte er. „Ich liebe Rosewood. Für mich ist es der ideale Ort zum Leben. Als wir zum ersten Mal dorthin kamen, war ich sicher, dass ich dort mein neues Zuhause finden würde.“

Megan runzelte die Stirn. „Du liebst Rosewood?“, fragte sie erstaunt.

„Ja, findest du das komisch?“

„Nun ja, es ist eine schöne Stadt. Gutes Wohngebiet, schöne Häuser. Aber eigentlich ist nichts besonderes an Rosewood, denn es gibt viele Städte, die so aussehen.“

„Das kann schon sein, aber Rosewood bedeutet einfach ‚Zuhause‘ für mich. Es ist sauber, hübsch, und die Straßen sind sicher. Die Schulen sind ausgezeichnet, und es ist die ideale Stadt, in der ein Mann eine Familie gründen könnte.“

„Du wolltest eine große Familie.“

„Genau.“

„Und Carly wollte keine Kinder?“

„Sie sagte, sie wollte welche, aber sie schob es immer weiter hinaus, bis es zu spät war. Immer wenn ich davon redete, eine Familie zu gründen, meinte sie, dass sie noch nicht bereit dazu sei. Erst war das Haus nicht groß genug. Dann kauften wir das Haus nebenan, rissen unser Haus ab und bauten Carlys Traumhaus auf beiden Grundstücken. Nachdem das Haus fertig war, sprach ich wieder von Kindern. Sie meinte, das Haus müsse erst perfekt sein …“

Da, er hatte es gesagt. Das Wort mit „p“. Er wiederholte es. „Perfekt. Das war immer ihr größter Wunsch. Carly wollte – und brauchte es – dass alles perfekt war.“

„Sicher hattest du in deinem Leben schon genug Perfektion erlebt.“

Greg lehnte sich zurück. „Du hast es begriffen. Carly wollte, das alles perfekt war, und ich wollte alles andere als das. Das war sehr schade, denn für Carly und mich hat das Timing nie gestimmt. Als es für mich zu spät war, fing sie damit an, von Babys zu reden. Aber da konnte ich nur noch nein sagen, weil unsere Ehe in Schwierigkeiten steckte und wir unsere Probleme erst lösen mussten. Zuerst verschloss sie sich, dann setzte sie ein strahlendes Lächeln auf und wechselte das Thema. Ich empfand … Mitleid für sie. Selbst da noch, denn sie wollte unbedingt gefallen.“

„Ja, ich weiß.“

„Sie war immer auf Diät, um in ihre Designer-Kleidung Größe 36 zu passen, und sie tat alles, damit meine Mutter sie mochte und respektierte. Ich erklärte ihr, dass das nie geschehen würde, denn Vanessa Wright Banning mag niemanden und respektiert nur Leute, die gesellschaftlich über ihr stehen. Carly gab jedoch nicht auf. Sie besuchte Kochkurse und entwickelte sich zu einer Spitzenköchin. Wenn ich abends nach Hause kam, wartete oft ein viergängiges Menü auf mich, welches sie jedoch selbst kaum anrührte. Außerdem war da noch ihre Familie …“

Megan wirkte nachdenklich. „Mir gegenüber hat sie ihre Familie nie erwähnt.“

„Mir gegenüber auch nicht.“

„Moment mal, das verstehe ich nicht.“

„Ich will damit sagen, dass ich bis zum heutigen Tag fast nichts über die Aldersons weiß. Carlys Familie war bei uns tabu. Wenn ich sie danach fragte, wechselte sie das Thema. Ich wollte ihre Verwandten gerne kennenlernen und den Ort sehen, an dem sie aufgewachsen war. Doch sie fand immer einen Grund, warum das unmöglich war. Ihre Mutter Antoinette habe ich nur ein einziges Mal gesehen. Kannst du dir das vorstellen?“

Jetzt schüttelte Megan den Kopf.

„Bei unserer Verlobungsfeier. Aufgrund eines Notfalls in der Familie konnte Antoinette nicht zur Hochzeit kommen. Ich habe nie erfahren, um welchen Notfall es sich gehandelt hatte, weil Carly keine Erklärungen abgab.“

Was mochte Megan wohl denken? Greg hatte keine Ahnung. „Es tut mir leid“, sagte sie nach einer Weile.

Von ihrem Tonfall fühlte er sich alles andere als ermutigt. „Was bedeutet das?“

„Dass ich wünsche, es hätte mit dir und Carly funktioniert.“ Ihre Stimme war leise und klang viel zu vorsichtig.

Plötzlich ärgerte sich Greg. „Soll ich dir etwas sagen? Dass es mir leidtut, ändert überhaupt nichts. Ich finde es furchtbar, dass es so enden musste, denn als ich ihr das Jawort gab, dachte ich, es sei für immer. Carly und ich passten einfach nicht zusammen, da jeder von uns völlig unterschiedliche Dinge wollte. Unsere Ehe ist gescheitert, und es wird keinen neuen Versuch geben.“

„Verstehe.“

Greg verlor den Mut. Das Bedauern in ihren Augen zeigte ihm deutlich, was kommen würde. „Also …?“, begann er.

„Greg, ich habe verstanden. Wirklich. Du wirst nicht zu ihr zurückkehren, und du bist geschieden und kannst dich verabreden, mit wem du möchtest.“

„Ich möchte mich mit dir verabreden“, erklärte er.

„Das wird nicht geschehen, da Carly mich für ihre Freundin hält. Deshalb kann ich nicht mit dir ausgehen.“

Er fluchte leise. „Das ist doch Unsinn. Du glaubst, du schützt Carly? Das tust du nicht, und du hilfst ihr auch nicht.“

Megan schwieg, und Greg verstand: Es war egal, was er sagte, denn sie würde nicht mit ihm ausgehen.

„Wir sollten wohl langsam aufbrechen“, meinte er schließlich. Er griff nach seinem Handy, um ein Taxi zu rufen.

Draußen bemühte Megan sich darum, nicht zu dicht neben Greg zu stehen.

Im Restaurant war es ihr schwergefallen, ihn nicht zu berühren, denn sie sehnte sich danach, Greg nahe zu sein. Während seiner Erzählung hatte sie sich mehr als einmal bremsen müssen, nicht ihre Hand auf seine zu legen.

Als das Taxi hielt, wandte Greg sich ihr zu. In seinem Gesicht zeigte sich kein Lächeln mehr. „Noch etwas …“

Sie wusste nicht, ob sie weiter die Kraft hatte, ihm zu widerstehen. „Oh, Greg …“

„Ich möchte dir noch etwas zeigen. In Rosewood. Bitte komm mit mir.“

Megan wusste, dass es klüger gewesen wäre, nein zu sagen, aber irgendetwas hinderte sie daran.

Wenn sie nie mehr mit ihm ausginge, wäre es doch nicht schlimm, ihm noch einen letzten Gefallen zu tun, oder?

Außerdem war sie neugierig. Was könnte er ihr in Rosewood zeigen? „Gut, ich sehe es mir gerne an, was auch immer es ist.“

Jetzt strahlte er über das ganze Gesicht. „Dann lass uns losfahren.“

Während der Fahrt nach Rosewood redeten sie kaum. Megan schaute aus dem Fenster und dachte über das nach, was Greg ihr im Restaurant erzählt hatte.

Alles entsprach dem, was Angela schon gesagt hatte. Greg und Carly waren geschieden, und Greg würde nicht mehr in das gemeinsame Haus zurückkehren. Wenn Megan sich nicht mit ihm verabredete, würde das Carly auch nicht helfen, Greg zurückzugewinnen.

Falls Carly erfuhr, dass es eine andere Frau in Gregs Leben gab, war es vielleicht sogar einfacher für sie, ihren eigenen Weg zu gehen. Insofern wäre es sicher gut, wenn Megan mit Greg ausginge.

Leider würde Carly es wahrscheinlich nicht so sehen.

In Rosewood bat Megan den Taxifahrer, am Bahnhof zu halten, wo ihr Auto stand. Greg hatte ihr gesagt, dass sie in die Sycamore Street fahren würden, die nur fünf Blocks vom Danbury Way entfernt war. Megan blickte ihn misstrauisch an, aber als er nichts mehr sagte, startete sie den Wagen, und sie fuhren los.

In der Sycamore Street zeigte er auf ein zweigeschossiges Haus aus rotem Backstein mit weißen Fensterläden, das genauso aussah wie die anderen Häuser in der Straße.

„Fahr in die Einfahrt“, bat er.

Die Einfahrt führte zu einer Garage, und das Garagentor öffnete sich, als Megan näher heranfuhr.

Überrascht lachte Megan, aber da zeigte Greg ihr die Fernbedienung. „Wissen die Eigentümer, dass du die Fernbedienung für ihr Garagentor gestohlen hast?“, neckte sie ihn.

„Sehr lustig. Fahr weiter.“

Sie gab Gas und fuhr in die Garage. Greg betätigte vom Beifahrersitz aus die Fernbedienung, und das Garagentor schloss sich hinter ihnen. Megan schaltete den Motor aus. „Wer wohnt hier?“

„Im Moment niemand.“

„Gehört das Haus dir?“

„Ja.“

„Es ist schön, zumindest von außen.“

„Das finde ich auch.“

„Weißer Zaun und passende Ahornbäume vor dem Haus.“

„Vergiss die weißen Fensterläden nicht. Für mich sieht alles wie ein richtiges Zuhause aus.“

„Ja, wie ein Zuhause in einer typischen Vorstadt von New York.“

„Genau das wollte ich auch.“

„Als du das Haus gekauft hast?“

„Richtig.“

„Wann war das?“

„Eine Woche, nachdem Carly mich hinausgeworfen hatte.“

Megan merkte, dass sie immer enger aneinanderrückten. Nur noch wenige Zentimeter, und sie würden sich küssen.

Sie richtete sich hastig auf: „Gehen wir jetzt hinein?“, fragte sie etwas gezwungen.

Ohne eine Regung beobachtete er sie einen Moment, während ihr Herz zu schnell schlug und sie kaum Luft bekam. Dann steckte er die Fernbedienung in die Tasche und holte einen Schlüssel heraus.

„Darauf kannst zu wetten.“

Während er aufschloss, wartete sie, und dann folgte sie ihm in einen kombinierten Wasch- und Vorratsraum. Durch ein Fenster sah man einen großen Garten.

Greg schaltete die Alarmanlage aus, und dann öffnete er mehrere Schränke. „Hier kann man viel unterbringen, nicht wahr?“

Sie ging auf sein Spiel ein. „Auf jeden Fall. Ich kann mir keinen besseren Waschraum vorstellen.“

„Ich wusste, dass du das sagen würdest.“ Er stand wahrscheinlich näher bei ihr, als er sollte, denn sie konnte sein Aftershave riechen. Es war sehr verlockend.

Schnell trat sie einen Schritt zurück und wies auf eine freie Stelle zwischen den Schränken. „Wäre nicht schlecht, eine Waschmaschine und einen Trockner dorthin zu stellen, denn ohne die nutzt der ganze Waschraum nichts.“

„Sehr klug.“

„Vielleicht könnte man auch einige Pflanzen aufstellen …“

„Prima Idee.“ Er kam wieder näher. „An Waschmaschine und Trockner habe ich auch schon gedacht, aber die Pflanzen sind mir nicht eingefallen.“

„Natürlich brauchst du auch noch Waschpulver.“

„Ich schreibe am besten eine Liste“, sagte er leise.

„Ja, gut. Eine Liste …“ Und wieder berührten sie sich fast. Wenn sie sich etwas vorbeugen würde, konnte sie ihn küssen.

Aber natürlich würde sie das nicht tun. Sie wusste nicht einmal, warum sie auf solche Gedanken kam. Erst im Wagen und jetzt hier im Wäscheraum.

Auf keinen Fall.

„Megan?“ Seine Stimme klang sanft. Wären seine Lippen auch sanft, wenn sie ihn küsste?

Eine schrecklich unvernünftige Frage. Sie durfte nicht mehr daran denken, ihn zu küssen.

Wieder sagte er ihren Namen, sogar noch sanfter als vorher.

„Ja?“

Fast lächelte er, so als wisse er, woran sie dachte. „Möchtest du die Küche sehen?“ Er wies auf die offene Tür.

„Ja, die Küche.“ Sie drehte sich um und ging mit Greg in die Küche, deren Fenster auch nach hinten in den Garten zeigten. „Sehr hübsch.“

„Schön hell“, stellte er fest, und beim Klang seiner Stimme durchlief es sie heiß.

Sie bemerkte die Arbeitsplatte aus Granit. „Sehr beeindruckend.“

„Die Gefriertruhe soll auch sehr gut sein“, murmelte er und stand immer noch hinter ihr, sogar noch näher als vorher.

Nun musste sie lächeln. „Als Nächstes sagst du mir, dass dort eine Superspülmaschine steht.“

„Sogar zwei.“

„Nein …“

„Doch. Siehst du? Gegenüber der Spüle.“

„Wow!“

„Das ist das Allerneueste für Leute, die keine Zeit haben. Du brauchst kein Geschirr mehr wegzuräumen. Du benutzt alles aus der einen Spülmaschine und steckst es dann in die andere, bis sie voll ist. Dann wechselst du wieder.“ Jetzt stand er direkt hinter ihr. „Ich bin für Effizienz.“ Sein Flüstern klang so intim wie eine Liebkosung.

„Ja, ich auch.“ Mit aller Kraft wehrte sie sich gegen den Wunsch, sich einfach an Greg zu lehnen, damit sie endlich seine starken Arme um sich spürte. „Mir gefallen auch die Lampen“, meinte sie atemlos.

„Schön, dass sie dir gefallen.“

„Ja.“ Als sie sich umdrehte, schaute sie direkt auf Gregs Krawatte und seinen kräftigen, gebräunten Hals. Sie räusperte sich.

„Was ist los?“, wollte er wissen. Obwohl sie nicht in sein Gesicht blickte, wusste sie, dass er lächelte, denn sie hörte es an seiner Stimme.

Megan hob den Kopf und schaute Greg in die Augen. „Willst du mir nicht noch mehr von dem Haus zeigen?“

Langsam nickte er. „Du hast recht.“ Danach gingen sie aus der Küche in das Esszimmer. Dort bewunderte sie den Holzboden und den Kristallleuchter, der über der Stelle hing, wo noch ein Tisch stehen sollte.

Bevor er ihr zu nahe kommen konnte und sie wieder in Versuchung brachte, betrat sie das Wohnzimmer, das einen großen Kamin hatte. Zwei hohe Fenster zeigten in den Vorgarten.

„Schön“, meinte sie, und „sehr schön“, als sie durch den Flur gingen.

Greg wies auf eine geschlossene Tür. „Gästebad“, erklärte er.

„Sehr wichtig.“

Er schaute sie mit einem Blick an, der sowohl humorvoll als auch sexy war. Sie hielt den Mund und zuckte nur mit den Schultern. Dann führte Greg sie in das Schlafzimmer.

Dort hielt sie sich besser gar nicht auf. Selbst ohne ein Bett war dieses Zimmer ein gefährlicher Ort und erinnerte sie an Intimitäten, die sie sowieso nie mit ihm teilen würde.

Megan eilte weiter in das anliegende Bad. „Zwei Becken. Unbedingt nötig.“

„Ja, das dachte ich auch.“

In dem Bad befanden sich eine riesige Dusche und eine eingelassene Badewanne mit Massagedüsen, die für zwei Personen groß genug war.

Dazu durfte sie nichts sagen. Zu gefährlich! Lächelnd ging sie an Greg vorbei in das Schlafzimmer. Sie bewunderte den begehbaren Kleiderschrank, und dann verließen sie das Zimmer zu Megans Erleichterung.

Im großzügigen Eingangsbereich schien die Nachmittagssonne durch die Glasscheiben neben der Haustür, so dass der Holzboden glänzte.

Als sie die Treppe hochgingen, berührte Megan das glatte Geländer aus Kirschbaumholz. Oben gab es noch zwei weitere Schlafzimmer, die jedes einen begehbaren Kleiderschrank hatten. Beide Zimmer teilten sich ein Bad.

„Das ist es“, meinte er, als sie im oberen Flur standen.

„Es ist wirklich sehr schön.“

„Danke.“

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Warum hast du es gekauft?“

„Wie ich schon sagte, mag ich Rosewood, und vielleicht kehre ich eines Tages zurück.“

„Die Fenster sind ja schon komplett mit den Läden und Jalousien versehen. Alles wirkt sehr schlicht und elegant, aber …“

„Ich höre.“

„Bevor du einziehst, brauchst du noch Möbel. Außerdem Geschirr, Töpfe, Pfannen, Handtücher, Bettwäsche, Lebensmittel, Waschmittel und so weiter.

„Ach ja?“, erwiderte er grinsend.

„Selbst zwei Spülmaschinen helfen dir nichts, wenn du kein Geschirr hast.“

„Ich weiß, dass ich noch alles besorgen muss, aber bis jetzt hatte ich noch nicht die Energie dazu.“

„Um Möbel und so weiter zu kaufen?“

„Um nach Rosewood zurückzukehren, wo so vieles falschgelaufen ist.“ Wieder stand er nahe bei ihr, und sie sollte weggehen. Sie tat es jedoch nicht. „Ich muss dir aber sagen …“, fügte er hinzu.

„Ja?“ Erneut klang sie viel zu eifrig.

„Ich wäre nirgendwo auf der Welt lieber als hier. In Rosewood. Mit dir …“ Dann kam er einen Schritt auf Megan zu.

Sein warmer Atem streifte ihre Wange, und er hob die Hand und strich ihr eine Locke aus dem Gesicht. Megan unterdrückte einen sehnsuchtsvollen Seufzer. Allein die Berührung seiner Hand an ihrer Schläfe war schon himmlisch. Sie wollte auf keinen Fall die Augen schließen und sich mit der Zunge die Lippen befeuchten. Aber sie tat genau das.

Und als sie das tat, küsste er sie, als hinge sein Leben davon ab.

4. KAPITEL

Megan seufzte und schmiegte sich in Gregs Arme.

Sie fühlte sich wie im siebten Himmel. Hier im Flur von Gregs leerem Haus, in seinen starken Armen und mit seinem Mund – der noch weicher war, als sie es sich vorgestellt hatte – auf ihrem.

Megan seufzte, als seine Zunge ihre berührte. Mit den Händen fuhr sie unter sein Jackett und spürte die muskulöse Brust, die darunter lag. Dann streichelte sie Gregs Hals und strich über seine Schläfen.

Oh, er fühlte sich so gut an. Es war wunderbar, ihn zu berühren, zu küssen …

Und küssen konnte der Mann. Wie machte er das nur? Okay, mit Küssen hatte sie nicht viel Erfahrung, aber trotzdem. Ein Kuss war doch schließlich nur ein Kuss …

Oder nicht?

Aber mit Greg war es … anders. Mit ihm war es viel, viel mehr.

Das Besondere an seinem Kuss lag in der Art, wie er sie hielt – fest und zärtlich zugleich, als sei sie für ihn etwas sehr Wertvolles und als wolle er sie nie wieder gehen lassen. An der Art, wie seine Lippen die ihren streiften und der Kuss immer tiefer und heißer wurde …

Mit seinem Kuss raubte er Megan den Atem, und ihr Herz blieb fast stehen, als er ihren Mund mit seiner Zunge erkundete und mit den Händen über ihren Rücken strich und Dinge versprach, die keine Worte brauchten.

Für immer hätte sie dort stehen und seinen Kuss erwidern können. Sie fühlte sich begehrt und zum ersten Mal in ihrem Leben auch schön.

Da löste er jedoch den Mund von ihrem. „Megan“, sagte er rau.

„Greg“, flüsterte sie.

Noch während sie seinen Namen aussprach, wusste sie: Sie durften auf keinen Fall so weitermachen, denn es war falsch. Deshalb schüttelte sie den Kopf, als Greg sie wieder küssen wollte. Sie legte die Hände auf seine breite Brust und schob ihn sanft von sich.

Einen Moment lang wehrte er sich, aber dann ließ er die Arme sinken. Am liebsten hätte sie sich gleich wieder an ihn geschmiegt, doch sie tat es nicht. Sie trat zurück. „Es tut mir so leid“, sagte sie.

Greg schüttelte den Kopf. Er atmete heftig. „Das hilft uns gar nicht.“

Megan merkte, dass sie genauso atemlos war, doch sie konnte nicht bei ihm bleiben. Unmöglich. Sie würden sich wieder und wieder küssen, und dann … „Wir … wir müssen gehen.“

„Gut, wie du meinst.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging die Treppe hinunter. Verblüfft starrte Megan ihm nach.

Schade, dass es bei diesem einen Kuss bleiben musste, aber sie musste schließlich an Carly denken, die ihr vertraute. Gregs Exfrau hatte sich bei Megan ausgeweint und ihr von ihren Nöten erzählt, was sie nie getan hätte, wenn sie das hier gerade gesehen hätte.

Am Fuß der Treppe blickte Greg ernst zu Megan hoch. „Ich muss zum Bahnhof zurück.“

„Natürlich“, erwiderte Megan und eilte hinunter.

In der Garage stieg Megan in ihren Wagen, während Greg die Alarmanlage wieder einschaltete und die Innentür verschloss. Megan ließ den Motor an, und Greg setzte sich auf den Beifahrersitz, während das Garagentor sich öffnete.

Vorsichtig, da sie zitterte, setzte sie den Wagen zurück, und Greg betätigte die Fernbedienung für das Garagentor.

Ganz langsam fuhr Megan auf die Sycamore Street, und sie war so konzentriert, dass sie die beiden Frauen in Sportbekleidung auf der anderen Straßenseite fast übersehen hätte.

Als sie sie erkannte, schnappte sie nach Luft. Meine Güte! Irene Dare und Rhonda Johnson, die größten Klatschtanten von Rosewood.

Und sie hatten sie mit Greg gesehen.

Die beiden standen stocksteif auf dem Bürgersteig, und ihre beiden Yorkshireterrier kläfften zu ihren Füßen. Sie starrten von Megans gerötetem Gesicht zu Greg und wieder zurück.

Greg winkte, und die beiden hoben gleichzeitig die Arme und winkten zurück. Megan fuhr weiter die Straße entlang.

Sie musste einfach in den Rückspiegel blicken, bevor sie um die Ecke bog. Irene und Rhonda hatten sich nicht vom Fleck gerührt. Immer noch standen sie auf dem Bürgersteig, und die Hunde sprangen hoch und bellten. Jetzt starrten sie jedoch nicht mehr hinter dem Auto her, sondern sie redeten ganz aufgeregt miteinander.

Lieber Gott, hoffentlich halten sie wenigstens dieses eine Mal den Mund …

Selbst als Megan das kleine Gebet sprach, wusste sie, dass es hoffnungslos war. Rhonda und Irene würden dafür sorgen, dass jeder in der Nachbarschaft – einschließlich Carly – erfuhr, dass Megan und Greg gemeinsam in dem leeren Haus in der Sycamore Street gewesen waren.

Greg starrte schweigend aus dem Fenster, als Megan zum Bahnhof fuhr. Sie wusste nicht, was sie mehr störte: Gregs eisiges Schweigen oder die Tatsache, dass Irene und Rhonda sie gesehen hatten.

„Danke für die Fahrt“, sagte er, als sie anhielt.

„Keine Ursache.“

„Du hast all meine Nummern.“ Er hatte ihr seine Visitenkarte an jenem ersten Tag in der Stadt gegeben. „Ruf mich an, wenn du deine Meinung änderst.“

Sie konnte nur den Kopf schütteln.

Er öffnete die Tür. „Mach’s gut, Megan.“

„Du auch.“ Sie zwang sich, sich nicht umzudrehen und ihm nachzuschauen. Immer noch zittrig und traurig, fuhr sie bis nach Hause. Sie war so vertieft in ihre Gedanken an Greg und an Irene und Rhonda, dass sie fast die Kinder vergessen hätte. Das war ihr noch nie passiert.

Sofort ließ sie den Wagen wieder an und fuhr zum Rosewood Park, wo sie die Kinder abholte und nach Hause brachte. Dort zog sie sich bequeme Kleidung an und wartete bei den Kindern, bis Angela um halb sechs von der Arbeit kam.

Danach musste Megan an ihr Versprechen Carly gegenüber denken, ihr von der Präsentation zu erzählen. Dazu hatte zwar absolut keine Lust, aber sie hatte es immerhin versprochen. Vielleicht würde ein Anruf genügen?

Aber nein, das wäre feige. Also holte sie Carlys Tortenständer aus der Küche und machte sich auf den Weg nach Tara.

Als sie zwischen den beiden großen Säulen die Treppe hinaufging, verließ sie der Mut. Am liebsten hätte sie den Tortenständer vor der Tür abgestellt, geklingelt und wäre schnell weggelaufen, aber da öffnete Carly bereits die Tür.

„Oh! Da bist du ja.“

Erwischt, dachte Megan und versuchte, nicht zurückzuweichen.

„Ich habe schon auf dich gewartet.“ Carly packte Megan am Arm und zog sie in den Flur. „Hat die Torte geschmeckt?“

Megan starrte Carly an, die sie hoffnungsvoll ansah. Sie holte tief Luft. „Sie schmeckte noch besser, als sie aussah, und sie sah wunderbar aus.“

Carly nahm den Tortenständer entgegen und stellte ihn auf einem Tisch im Flur ab. „Freut mich, wenn sie euch allen geschmeckt hat.“

„Auf jeden Fall hat sie das.“

„Komm doch herein.“ Megan wollte zwar nicht, aber sie folgte Carly ins Wohnzimmer. „Bitte setz dich.“ Carly wies auf einen Ledersessel, und Megan setzte sich gehorsam. „Was kann ich dir anbieten? Kaffee? Heute Morgen habe ich einen Ananaskuchen gebacken, und ich kann dir …“

„Nein, danke, ich möchte nichts.“

„Sicher?“

„Ja, ganz sicher.“

Die Freundin ließ sich auf dem Sofa nieder. „Also, wie ist alles gelaufen?“

„Sehr gut.“

„Und …?“ Carly lachte und klatschte in die Hände.

„Wir haben den Auftrag.“

„Prima, ich will alles hören.“

Megan beschrieb das Meeting in ihrem Büro. Als sie Gregory sen. erwähnte, beugte Carly sich vor. „Wie geht es Gregory?“

„Nun, ihm gefiel, was wir ihm gezeigt haben, aber ich kann nicht gerade behaupten, dass er ein umgänglicher Mensch ist.“

„Stimmt, es ist nicht leicht, ihm nahezukommen“, meinte Carly ernst.

„Alles in Ordnung, Carly?“, fragte Megan besorgt.

Ihre Freundin blinzelte. „Ja, erzähl bitte weiter.“

Das tat Megan und schilderte alles, bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Firmenvertreter von Banning’s wieder zurückgefahren waren. Dass Greg bei ihr geblieben war, erwähnte sie nicht.

Stattdessen wartete sie ab, ob Carly sich nach Greg erkundigte. Dann wollte sie ihr die Wahrheit sagen.

„Sehr gut“, war das Einzige, was Carly sagte.

Megan war erleichtert. „Vielen Dank für alles, aber jetzt muss ich mich wirklich auf den Weg machen.“ Sie fühlte sich schrecklich, denn sie war eine Lügnerin und ein Feigling.

Carly schien enttäuscht zu sein. Offenbar hatte sie gehofft, dass Megan von sich aus etwas über Greg erzählte. „Willst du nicht doch ein Stück Kuchen?“

„Nein, danke.“ Megan stand auf und ging zum Flur. „Ich wollte dir nur kurz sagen, wie alles gelaufen ist.“

Carly folgte ihr bis zur Tür. „Es freut mich, dass alles so gut geklappt hat.“

„Ja, nochmals vielen Dank. Es ist einfach toll.“ Sagte ich auch schon, dass ich eine große Lügnerin und eine falsche Schlange bin …?

„Schön, dass ich helfen konnte.“ Carly öffnete die Tür, und Megan verschwand mit einem kurzen Winken und einem letzten, verlogenen Lächeln.

In dieser Nacht konnte Megan kaum schlafen, denn sie fühlte sich schuldig und schämte sich.

Sie hasste sich für das, was sie am Nachmittag mit Greg getan hatte, und dafür, dass sie Carly belogen hatte, indem sie ihr nichts erzählt hatte. Megan verachtete sich – wenn sie sich nicht gerade nach dem Mann sehnte, den sie nie haben konnte.

Unzählige Male dachte sie an den verbotenen Kuss, und jedes Mal, wenn sie es tat, schwor sie sich, Greg Banning aus ihren Gedanken zu verbannen, denn es war verrückt, dass sie sich so sehr nach diesem Mann sehnte.

Um halb sechs gab sie jegliche Hoffnung auf, noch schlafen zu können. Sie stand auf, zog den Morgenmantel und Hausschuhe an und ging zu Angela, in deren Küche sie sich Kaffee kochte. Durch das Küchenfenster sah sie, wie die Sonne aufging.

„Was ist los?“ Angela stand in der Tür, barfuß und im Nachthemd. Ihr blondes Haar war zerzaust.

„Nichts.“ Eine weitere Lüge. Aber nur eine kleine, die nichts im Vergleich zu der von gestern war, als sie Carly alles erzählt hatte, nur das Entscheidende nicht. „Ich schaue dem Sonnenaufgang zu.“ Sie wies auf die Kaffeekanne. „Ich habe Kaffee gekocht.“

Angela holte sich eine Tasse und setzte sich neben Megan. Einen Moment lang schauten die Schwestern aus dem Fenster und tranken friedlich schweigend ihren Kaffee.

Megan dachte an ihre Kindheit zurück, als sie und Angela sich schon nahegestanden hatten. Als Megan vierzehn und Angela sechzehn Jahre alt war, hatten sich ihre Eltern getrennt und später scheiden lassen.

Angela war verzweifelt gewesen, aber Megan hatte in ihrem Leben schon so viel Schlimmes erlebt, dass die Scheidung ihrer Adoptiveltern nur noch ein weiterer Schicksalsschlag war.

Der Vater, der eine andere Frau gefunden hatte, verschwand aus ihrem Leben. Die Mutter zog sich zurück, weil sie nur mit ihrer Wut auf den Mann beschäftigt war, der sie so schmählich verlassen hatte. In dieser schweren Zeit waren sich die Schwestern noch nähergekommen. Wenigstens hatten sie einander, und sie hatten sich geschworen, ihre besondere Beziehung nie aufzugeben.

„Wenn du reden möchtest, ich bin ganz Ohr“, meldete sich Angela.

Megan trank noch einen Schluck Kaffee, während sie den Sonnenaufgang weiterbeobachtete. „Ja, ich weiß. Danke dir.“

„Keine Ursache.“

In den nächsten Tagen gelang es Megan nicht, Greg aus ihren Gedanken zu verbannen. Am Donnerstagmorgen stand sie wieder früh auf, ging in Angelas Haus und kochte Kaffee.

Kaum war der Kaffee fertig, kam Angela in die Küche. „Willst du jetzt reden?“

„Ja, ich glaube schon.“

Sie füllte zwei Becher, und dann setzten sie sich. Als die Sonne aufging, erzählte Megan Angela alles von Gregs Bericht über seine Familie, über den Besuch seines Hauses bis zum verbotenen Kuss. Dass Irene und Rhonda sie gesehen hatten und dass sie Carly belogen hatte, indem sie ihr nichts von alledem gestanden hatte.

Angela wartete ab, bis Megan fertig war. Dann empfahl sie genau das, was Megan schon erwartet hatte. „Sag es Carly, und zwar sofort. Sonst willst du doch auch immer alles klären.“

Megan stöhnte auf.

„Ich kenne dich doch.“ Angela schaute sie vielsagend an. „Bei der Arbeit bist du dynamisch, und niemand kommt dir in die Quere, aber hier zu Hause …“

Megan unterbrach sie. „Ich will eben keinen Staub aufwirbeln.“

„Nun, in diesem Fall wird es eine Menge Staub geben“, bemerkte Angela. „Sobald alle erfahren, dass du dich mit Greg Banning triffst.“

Megan starrte ihre Schwester an. „Aber ich treffe Greg doch gar nicht. Hast du mir nicht zugehört?“

„Doch, aber ich glaube nicht eine Sekunde, dass du mit Greg Banning abgeschlossen hast. Du bist verrückt nach ihm, und er scheint dich auch anziehend zu finden. Warum willst du davonlaufen? Ich verstehe das nicht. Schließlich seid ihr beide Singles und habt das Recht auf eine Beziehung.“

„Aber die arme Carly …“

„Greg gehört nicht mehr zu Carly, und sie muss über ihn hinwegkommen. Und du bist einfach zu nett zu den Leuten. Das ist sehr lobenswert, aber diesmal schadest du dir selbst. Du hast dir Carlys Sorgen angehört, und jetzt vertraut sie dir. Wenn du ihr die Wahrheit sagst, dann wird sie wahrscheinlich sehr wütend auf dich sein.“

„Außerdem wird sie verletzt sein.“

„Aber das ist sie doch schon. Und ich hoffe, sie überwindet dieses Gefühl. Du hast jedoch jetzt ein Problem, weil du nicht ehrlich zu ihr warst.“

Angela hatte es erfasst, und Megan wusste es.

Die Kinder kamen zum Frühstück, und Megan ging zu ihrer Wohnung, um sich für die Arbeit fertig zu machen.

Sie fuhr jedoch nicht ins Büro, sondern marschierte um neun Uhr zu Carlys Haus und klingelte.

Zuerst öffnete niemand, aber als sie noch einmal klingeln wollte, wurde die Tür einen Spalt geöffnet, und Carly schaute hinaus.

„Megan!“ Sie klang so glücklich, dass Megan ein noch schlechteres Gewissen bekam. Carly machte die Tür weit auf. „Komm doch herein …“

Fest entschlossen, endlich die Wahrheit zu sagen, ging Megan ins Haus. Carly schloss die Tür und kicherte nervös, als sie versuchte, ihr zerzaustes blondes Haar zu glätten. „Wie du siehst, bin ich noch nicht fertig. In letzter Zeit scheine ich zur Langschläferin geworden zu sein.“

„Carly, ich muss wirklich …“

„Aber du …“ Carly riss die Augen auf. „Megan, du solltest immer kräftige Farben tragen. Dieses leuchtende Türkis lässt deine Haut strahlen, ganz zu schweigen von deinen schönen grünen Augen. Du siehst fantastisch aus.“

„Danke, ich bin nur auf dem Weg zur Arbeit.“

Carly umfasste ihre Schultern. „Wenn du in deiner Freizeit auch so kräftige Farben trägst, siehst du zu Hause genauso toll aus wie im Büro.“

„Ja, das ist eine gute Idee.“

„Möchtest du einen Kaffee?“

„Nein, vielen Dank.“

Eine Falte zeigte sich zwischen Carlys Brauen. „Geht es dir gut, Megan?“

Sie stieß die Luft aus. „Nein, eigentlich nicht. Ich muss dir etwas sagen. Können wir uns setzen?“

Im Wohnzimmer setzte Carly sich auf einen Sessel. „Also, was ist los?“

Megan blieb vor Carly stehen und zwang sich, den „gefährlichen“ Namen auszusprechen. „Es geht um Greg.“

Carly legte eine Hand an ihren schlanken Hals. „Was ist mit ihm? Hat er am Montag doch etwas gesagt? Vermisst er mich? Will er versuchen …“

„Nein“, sagte Megan abrupt.

Carly zuckte zusammen. „Oh, was dann …?“

„Entschuldige.“ Megan hob besänftigend die Hände. „Ich wollte nicht so kurz angebunden sein.“

„Schon gut, aber was hat er denn dann gesagt?“

„Er wollte sich mit mir treffen“, erwiderte sie ohne Umschweife.

Ein ersticktes Geräusch war zu hören. Carlys Gesicht wurde bleich. „Wie bitte?“

„Er wollte sich mit mir verabreden, und ich habe abgelehnt, obwohl es mir schwerfiel, denn er gefällt mir sehr. Ich hatte gar nicht erwartet, dass ich mich so zu ihm hingezogen fühle, und niemals hätte ich gedacht, dass er an mir interessiert ist. Aber er hat es gesagt. Weißt du, dass er hier in Rosewood ein Haus besitzt?“

Carly starrte sie an, als hätte sie gerade einen Mord oder noch Schlimmeres begangen. „Ein Haus?“

„Ja, nur einige Blocks von hier entfernt. Jetzt steht es leer, aber er sagt, dass ihm Rosewood gefällt und dass er eines Tages dort einziehen will.“

„Ein Haus? Worüber redest du? Greg hat schon ein Haus. Dieses Haus …“

Megan schloss die Augen und zwang sich weiterzureden. „Nein, Carly. Er sagt, dass es zwischen euch wirklich vorbei ist. Dass ihr geschieden seid und dass es so bleiben wird.“

„Nein …“

„Doch, und er hat mir sein Haus gezeigt.“

Entsetzt und empört rümpfte Carly die Nase. „Dir? Er hat dir sein Haus gezeigt?“

„Ja. Und … er hat mich geküsst. Ich meine, wir haben uns geküsst, denn ich habe seinen Kuss erwidert.“ Carly blinzelte mehrere Male. „Ich kann nicht …“ Sie riss sich zusammen. „Weißt du, dass Irene Dare und Rhonda dich mit Greg gesehen haben?“, sagte sie entsetzlich ruhig. „Ich habe Irene nicht geglaubt, sondern dachte, sie wollte nur wieder Unruhe stiften, wie sie und Rhonda das so gern tun. Niemals hätte ich gedacht, dass Greg …“ Ihr schienen die Worte zu fehlen. „Dass du …“ Wieder brach sie ab.

Carly schluckte und stand auf. „Du hast meinen Mann geküsst?“

Megan streckte die Hände aus. „Carly, nein. Ich meine, ja. Ich habe ihn geküsst, aber er ist nicht mehr dein Mann, und du musst das endlich einsehen.“

Carly schüttelte den Kopf und wich zurück. „Du hast so getan, als wärst du meine Freundin.“

„Ich bin deine Freundin.“ Sie ließ die Hände sinken. „Oder ich war es …“

„Du hast mir den Mann weggenommen.“

„Das ist nicht wahr. Ich schwöre dir, ich habe ihn vorher kaum gekannt, und Greg hatte nie das geringste Interesse an mir. Er hatte sogar vergessen, dass er dir versprochen hatte, mich zu treffen. Es war reines Glück, dass ich ihn in seinem Büro angetroffen hatte.“

„Reines Glück“, wiederholte Carly ironisch. „Du sagst, du hast es abgelehnt, mit ihm auszugehen.“

„Genau.“

„Und dann hast du ihn geküsst?“

Megan versuchte nicht, sich zu verteidigen. „Ja.“

Carly reckte ihr Kinn vor. „Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Du könntest mir nur Lügen erzählen.“

„Oh nein. Bitte …“

„Aber eines weiß ich jetzt, Megan. Du bist nicht mehr meine Freundin, und ich werde nie mehr mit dir reden.“

„Bitte, Carly …“

„Halt den Mund.“ Carly legte die Hände an die Schläfen und kniff die Augen fest zu. „Halt den Mund, verschwinde aus meinem Haus und lass dich hier nie wieder blicken.“

5. KAPITEL

Zu Hause war niemand.

Angela hatte die Kinder zur Schule gebracht und arbeitete jetzt in der Praxis. Megan wusste, dass sie auch in ihr Büro fahren sollte.

Von der schrecklichen Szene mit Carly war sie jedoch total erschöpft. Sie ging in ihre Wohnung, setzte sich auf ihr Bett und starrte aus dem Fenster, während sie überlegte, wie sie den Tag überstehen sollte.

Die liebe, sanfte Carly hatte sie aus dem Haus geworfen und hasste sie jetzt. Das tat weh. Was noch mehr schmerzte, war das Gefühl, dass Megan ihren Hass vielleicht verdiente.

Nein, das stimmte nicht. Hass verdiente sie nicht. Wut vielleicht oder den Vorwurf, nicht von Anfang an ehrlich gewesen zu sein.

Megan musste unbedingt mit Angela reden, denn sie schätzte deren Verstand. Sie griff nach dem Telefon und zögerte, denn normalerweise störte sie ihre Schwester nicht bei der Arbeit. Andererseits lagen besondere Umstände vor. Als sie wählen wollte, fiel ihr die arme Carly ein.

Sicher saß sie jetzt allein in dem großen Haus. Wen konnte sie anrufen? Megan würde sich immer bei Angela ausweinen können, und ihre Schwester würde ihr in allen Krisen helfen.

Wen hatte Carly? Greg hatte gesagt, dass sie zu ihrer Familie keinen Kontakt mehr hatte. Vor den Nachbarn setzte sie immer eine tapfere Miene auf, außer bei Megan.

Wie schlecht ging es ihr wohl jetzt? Schon seit Monaten befand sie sich in einem Gefühlschaos. Hatte das, was Megan ihr erzählt hatte, ihr den Rest gegeben?

Megan fand, dass sich jemand um Carly kümmern musste. Jemand sollte sie trösten und eine große Packung Taschentücher bereithalten. Megan hätte es selbst getan, wenn sie nicht selbst das Problem dargestellt hätte.

Ja, Angela würde ihr sicher raten, die Sache ruhen zu lassen, und ihre Schwester hätte recht.

Aber Megan fühlte sich verantwortlich für Carlys Kummer.

Sie wählte die Nummer von Mrs. Fulton, einer netten und verständnisvollen älteren Dame, die einem gerne half, wenn man verzweifelt war.

Sylvia war jedoch nicht zu Hause. Megan legte auf, ohne eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Was sollte sie auch sagen? Hi, Sylvia. Könntest du bitte bei Carly nachsehen, ob sie sich nicht die Pulsadern aufschneidet?

Keine gute Idee.

Bei Marti Vincente, Zooey und Rebecca Peters hatte sie auch kein Glück. Was war mit Molly Jackson? Sie war sehr beschäftigt, und Megan erwartete eigentlich nicht, sie zu Hause zu erreichen.

Aber nach zweimaligen Klingeln ging Molly an den Apparat. „Hallo?“ Megan merkte plötzlich, dass sie nicht wusste, wie sie das Gespräch beginnen sollte. „Hallo, hallo? Wer ist da?“, fragte Molly.

„Hi, Molly. Hier ist Megan Schumacher. Ich hatte nicht damit gerechnet, dich zu Hause zu erreichen.“

Molly räusperte sich. „Ich fühlte mich nicht so gut“, verteidigte sie sich. „Das ist schon alles.“

Megan erinnerte sich an den Zwischenfall auf der Toilette während der Party im vergangenen Monat. Hatte Molly eine schreckliche Krankheit? „Oh, tut mir leid, wenn ich dich gestört habe.“

„Schon gut, jetzt geht es besser. Ich wollte gerade zur Arbeit. Was kann ich für dich tun?“

„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“

„Dann schieß mal los.“

„Es geht um … Ach, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll …“

Molly lachte. „Mir geht es manchmal genauso. Heute zum Beispiel. Also, sag mir, was los ist, und ich werde sehen, was ich tun kann.“

„Danke“, entgegnete Megan. „Also, es fing auf der Party im letzten Monat an, als Carly mir anbot, Greg zu bitten, mich zu einem Gespräch zu empfangen.“

„Das war nett von ihr.“

„Stimmt, sehr nett.“

„Was ist aus dem Gespräch geworden?“

„Ich habe mit Banning’s einen Vertrag geschlossen.“

„Super! Gratuliere.“

„Danke. Außerdem habe ich … mich in Greg verliebt.“

Ein Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Greg Banning?“, wollte Molly wissen.

„Genau der.“

„Willst du mir sagen, dass er sich auch in dich verliebt hat?“

„Es scheint so.“

„Was genau ist passiert?“

„Also, es begann so …“ Megan erzählte schnell die ganze Geschichte, und nach einer Weile antwortete Molly endlich. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Das kann ich verstehen.“

„Vielleicht hättest du dir jemand anderen aussuchen sollen“, schlug Molly vor, „aber andererseits sind sie geschieden“, fügte sie hinzu. „Carly muss damit leben.“

„Ja, aber heute Morgen war sie weit davon entfernt, damit zu leben.“

„Hat sie es schlecht aufgenommen?“

Die Untertreibung des Jahres. „Sehr, sehr schlecht.“

„Sicher braucht sie jetzt eine Freundin.“

„Ich weiß, dass sie eine braucht, und ich dachte …“

„Verstehe, was du meinst. Ich gehe gleich los.“

„Oh, Molly, danke, und sag ihr bitte nicht, dass ich dich angerufen habe. Ich habe das dumme Gefühl, dann wird alles nur noch schlimmer.“

„Kapiert.“

„Kannst du mich danach kurz anrufen?“ Sie gab schnell die Handynummer durch. „Nur damit ich weiß, dass es ihr gut geht.“

„Okay. Und Megan?“

„Ja?“

„Viel Glück. Ich habe das Gefühl, du brauchst es.“

Noch einmal bedankte Megan sich bei Molly und verabschiedete sich. Dann blickte sie aus dem Fenster und wünschte, ihre Schwester wäre bei ihr.

Aber noch mehr als nach ihrer Schwester sehnte sie sich nach Greg. Trotz allem wollte sie Greg immer noch.

Nach einer Weile fuhr sie ins Büro, wo sie wenigstens durch die viele Arbeit abgelenkt wurde.

Trotzdem dachte sie ständig an Greg. Sie redete sich ein, dass sie nur abwarten müsse, dann würde die Sehnsucht schon irgendwann nachlassen.

Am Nachmittag rief Molly an, um ihr mitzuteilen, dass es Carly gut ging. Mehr schien sie nicht sagen zu wollen, und Megan drängte sie nicht.

Wie immer holte sie um vier Uhr die Kinder ab und blieb bei ihnen, bis Angela nach Hause kam. Die Schwestern unterhielten sich kurz in Angelas Zimmer, und Megan berichtete, dass Carly jetzt über sie und Greg Bescheid wusste.

Angela umarmte sie. „Ich weiß, dass es hart war, aber du hat das Richtige getan.“

Dann klopfte Michael an die Tür und rief, dass Anthony nicht mit ihm spielen wolle. Angela musste den Streit schlichten.

Megan fuhr nach Poughkeepsie zurück, wo sie bis nach zehn arbeitete, um sich auf das Meeting am nächsten Morgen vorzubereiten. Sicher wollte man bei Banning’s sehen, welche Fortschritte die Kampagne machte. Megan war fest entschlossen, alle zufriedenzustellen.

Als sie nach Hause kam, war es schon nach elf, und die Lichter in Angelas Haus waren ausgeschaltet. Das bedeutete, dass sie sich nicht mehr mit ihrer Schwester unterhalten konnte. Megan schleppte sich in ihr Apartment, zog den Pyjama an und kletterte in ihr Bett. Leider konnte sie vor lauter Sorgen wieder nicht schlafen.

Nachdem sie sich eine Stunde lang hin- und hergewälzt hatte, schlug sie die Decke zurück und ging in ihre winzige Küche. Sie erwärmte etwas Milch, fügte Honig hinzu und hoffte, das würde helfen.

Ihre Tasche lag noch auf dem Tisch. Sie zog sie zu sich und holte Gregs Karte heraus. Ja, da war seine Telefonnummer: 555-8346.

Und das Telefon lag auf dem Tisch, nur wenige Zentimeter von ihrer Tasse entfernt. Sie nahm es in die Hand. Natürlich würde sie nicht anrufen …

Um Viertel vor eins in der Nacht? Auf keinen Fall. Nur Stalker und hoffnungslos Verliebte taten so etwas. Sie legte das Telefon auf den Tisch zurück. Und dann, während sie es noch etwas weiter wegschob, klingelte es.

In der ruhigen Küche klang das Geräusch ganz schrill. Überrascht schnappte Megan nach Luft, und dann drückte sie auf die Taste. „Hallo?“

„Es ist Viertel vor eins, und ich kann nicht schlafen. Das Letzte, was ich tun sollte, ist, dich zu belästigen. Du kannst ruhig auflegen, wenn ich dich störe.“

Megan musste schlucken. „Oh, Greg …“

Einen Moment schwieg er. „Habe ich dich geweckt?“, fragte er dann.

Sie schüttelte den Kopf, obwohl Greg sie nicht sehen konnte. „Ich sitze an meinem Küchentisch vor einer Tasse Milch mit Honig und deiner Visitenkarte.“

„Du wolltest mich anrufen?“ Die Freude in seiner Stimme beschleunigte ihren Herzschlag.

„Eigentlich nicht. Ich hatte mir gerade vorgenommen, es nicht zu tun“, gab sie zu.

„Verstehe, dann tschüs …“

„Greg, warte!“

Weiteres Schweigen. Sie dachte schon, er hätte aufgelegt, bevor er antwortete. „Was ist?“

„Bitte leg nicht auf.“

Da lachte er. „Okay, du hast mich überredet.“

„Ich muss immer an dich denken.“ Die Worte strömten einfach aus ihr heraus, und sie bedauerte sie nicht.

„Ist das so schlimm?“, fragte er sanft.

„Nein …“ Sie fuhr mit dem Finger um den Griff ihrer Tasse. „Doch, ach, ich weiß nicht.“

„Ich habe nachgedacht“, meinte er leise.

„Worüber?“

„Über dich.“

Plötzlich war sie total glücklich. „Oh“, flüsterte sie.

„Ich weiß nicht, woran es liegt, Megan. Aber an dem Tag, an dem du in mein Büro kamst, hatte ich das Gefühl, dich zu kennen. Als hätte ich nur darauf gewartet, dass du auftauchen würdest, damit wir den Rest unseres Lebens gemeinsam verbringen könnten. Ist das verrückt?“

„Ja, ziemlich.“

„Dann nenn mich verrückt. Nenn mich, wie du willst, aber gib uns eine Chance.“

„Ich kann auch nicht aufhören, an dich zu denken“, gab sie zu.

„Wunderbar.“ Seine Stimme war ein heiseres Flüstern, das sie erschauern ließ. „Dann sollten wir die Gelegenheit ergreifen.“

„Greg?“

„Ja?“

„Ich habe mit Carly geredet.“

„Über uns?“ Es schien ihn nicht aufzuregen.

„Ja, heute Morgen. Ich fühlte mich so gemein.“

„Aber das bist du nicht.“

„Ich habe aber ein schlechtes Gewissen. Ich hatte mit meiner Schwester über meine Schuldgefühle geredet, und sie meinte, ich solle Carly die Wahrheit sagen. Da bin ich zu ihr gegangen und hab ihr alles erzählt. Sie war sehr verletzt, Greg. Sie hat mich aus dem Haus geworfen und mich gebeten, nie wiederzukommen.“

„Das tut mir leid.“

„Mir auch, aber davon fühlt Carly sich auch nicht besser. Sie hofft immer noch, dass du zu ihr zurückkehrst.“

„Auf keinen Fall.“

„Von deinem Haus wusste sie nichts. Hoffentlich habe ich nichts verraten, das sie nicht wissen sollte.“

„Megan, du musst dir keine Vorwürfe machen. Soll ich mit ihr reden?“

„Möchtest du das?“

„Eigentlich nicht, aber ich werde es tun, wenn du glaubst, dass es hilft.“

„Nein, du bist geschieden und kannst treffen, wen du willst. Carly hat kein Recht, sich darüber aufzuregen, und im tiefsten Inneren weiß sie das auch. Andererseits hat sie mich als Freundin betrachtet, und ich habe diese Freundschaft verraten.“

„Das stimmt nicht.“

„Danke, dass du mich verteidigst.“

„Wir beide wissen, dass du nichts mit mir anfangen wolltest. Du hättest Carly nicht verraten – dein Wort, nicht meines –, wenn ich dich nicht bedrängt hätte.“

„Ich bin zweimal mit dir zum Essen gewesen, war mit dir in deinem Haus und habe dich geküsst, ob du mich nun gedrängt hast oder nicht.“

„Nein, ich habe dich geküsst.“

„Und ich habe den Kuss erwidert.“

„Megan.“

„Ja?“

„Du warst wenigstens ehrlich zu Carly. Mit der Zeit wird sie einsehen, dass es nicht fair ist, dir Vorwürfe zu machen.“

„Hoffentlich.“ Megan richtete sich auf. „Und was uns beide angeht …“ Sie zögerte.

„Essen“, sagte er prompt. „Morgen Abend. Eigentlich würde ich am liebsten schon mit dir zum Lunch gehen, aber ich habe gehört, dass wir Essen in den Konferenzsaal geliefert bekommen. Dort haben wir natürlich keine Privatsphäre.“

„Abendessen“, wiederholte sie und merkte, dass sie schon zusagen wollte. Da fielen ihr die Kinder ein. „Normalerweise hole ich die Kinder meiner Schwester um vier Uhr vom Sommercamp ab.“

„Kannst du nicht mal eine Ausnahme machen?“

„Ich frage Angela. Aber, Greg, ich will nichts überstürzen, verstehst du?“

„Kein Problem, wir lassen uns viel Zeit.“

„Das klingt vernünftig, doch ich glaube, wir sollten jetzt auflegen und versuchen zu schlafen …“

„Ich habe Angst, dich auflegen zu lassen. Was ist, wenn du deine Meinung änderst?“

„Das werde ich nicht.“

„Schön. Gute Nacht, Megan.“

„Gute Nacht.“ Dann legte er auf.

Schon vermisste sie ihn. Konnte das sein? Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein verträumtes Lächeln, während sie die lauwarme Milch trank.

Egal, was alle von ihr dachten, sie würde die Chance mit diesem wunderbaren Mann ergreifen …

Trotzdem konnte sie immer noch nicht einschlafen, als sie wenig später in ihrem Bett lag. Vielleicht machte es ihr doch etwas aus, was die Nachbarn von ihr hielten.

Während der Gespräche am Vormittag und während des Mittagessens im Konferenzsaal bemühten Megan und Greg sich um ein professionelles Verhalten. Trotzdem schauten sie sich immer wieder an …

Zum ersten Mal in ihrem Leben begriff Megan, warum so viel Aufhebens vom Verliebtsein gemacht wurde. Früher hatte sie gedacht, dass es schön wäre, einmal einen Freund zu haben, mit dem man ausgehen und Urlaub machen konnte oder von dem man am Valentinstag Blumen bekam.

Aber dieses Gefühl mit Greg, diese Hitze in ihrem Körper, die weichen Knie – sie hatte nicht gewusst, dass man sich so fühlte, wenn man verliebt war.

Nach dem Essen gab es noch ein weiteres Meeting, an dem die Anwälte beteiligt waren, und um drei Uhr nachmittags war der Vertrag unterzeichnet.

Megan bedankte sich bei ihrem Webdesigner und bei Anita, der Grafikerin, die sie mitgebracht hatte, und schickte beide nach Hause. Sie hatten sehr hart gearbeitet und verdienten jetzt ein ruhiges Wochenende. Einige Details beredete Megan noch mit den Leuten vom Marketing, wobei ihr auffiel, dass Greg nirgends zu sehen war.

Nachdem alles erledigt war, ging sie zum Fahrstuhl. Bis zum Abendessen dauerte es noch einige Stunden, und sie würde Greg anrufen und fragen, wo sie ihn treffen konnte. Vielleicht sollte sie in der Zwischenzeit doch nach Hause fahren, um zu sehen, ob die Babysitterin mit den Kindern zurechtkam. Dann könnte sie sich frisch machen und etwas Passendes für den Abend anziehen.

Als sie die Fahrstuhltür öffnete, klingelte ihr Handy, und Megan schaute auf das Display, während sie in den Fahrstuhl ging. Greg. „Was gibt es?“, fragte sie, wobei ihr Herz schneller schlug.

„Kaum lasse ich dich allein, da verschwindest du schon.“

Die Tür wurde geschlossen, und Megan drückte auf den Knopf für das Erdgeschoss. „Bis zum Abendessen ist noch viel Zeit, so dass ich in der Zwischenzeit noch einmal nach Hause fahren kann.“

„Bitte bleib.“

„Ich bin gerade im Aufzug.“

„Geh noch nicht.“

Der Aufzug hielt an. „Jetzt bin ich im Erdgeschoss.“

„Setz dich auf die Bank neben dem Sicherheitsdienst“, bat Greg, während die Tür sich weit öffnete. „Ich bin gleich bei dir.“

„Aber …“

„Kein Aber. Warte auf mich.“ Er hatte aufgelegt.

„Also gut“, sagte sie zu sich und setzte sich auf die Bank, die Greg erwähnt hatte.

Nach drei Minuten kam er zu ihr. Sofort nahm er ihr die Aktentasche ab. „Lass uns gehen.“

„Wohin?“

„Zu mir.“

„Ich will dich nicht von deiner Arbeit abhalten.“

„Das tust du gar nicht, denn ich komme freiwillig mit.“

„Einen schönen Nachmittag, Mr. Banning“, wünschte der Sicherheitsbeamte. Hatte er etwa einen wissenden Blick aufgesetzt?

Was dachte er wohl? Dass sie gleich miteinander ins Bett gingen?

Nein, das würden sie nicht. Jedenfalls noch nicht. Megan mochte zwar ganz verrückt nach dem Mann an ihrer Seite sein, aber so schnell …

Nein, heute nicht.

Sie warf dem Mann hinter dem Schalter ein nervöses Lächeln zu, und er tippte an seine Kappe, als Greg und Megan das Gebäude verließen.

Vor seiner Wohnung blieb Greg stehen. Nachdem er die Aktentasche abgestellt hatte, umfasste er Megans Schultern. „Noch etwas …“

In diesem Augenblick hätte sie ihm alles versprochen. „Ja?“

„Lass uns den Tag und den Abend heute bitte genießen. Ich war zwar verheiratet, aber für heute möchte ich die Vergangenheit vergessen.“ Megan dachte an Carly, die Greg zurückhaben wollte. „Ist gut.“

„Dann geht es heute nur um uns beide. Eine andere Frau wird nicht erwähnt.“

„Einverstanden.“

Seine Wohnung war wunderbar großzügig und hell. Holzböden und hohe Fenster, die im Osten auf den Broadway zeigten und im Norden auf die Warren Street.

Greg fragte, was sie trinken wollte. „Wasser mit etwas Eis bitte“, bat sie und erinnerte sich an den Blick des Sicherheitsbeamten. Kein Alkohol, oh nein. Das wäre zu gefährlich.

Nachdem Greg zwei Gläser mit Wasser geholt hatte, setzten sie sich im Wohnbereich auf ein Ledersofa. Megan zog die hochhackigen Schuhe aus.

„Auf eine erfolgreiche Geschäftsbeziehung zwischen unseren Firmen.“ Greg prostete ihr zu.

„Darauf trinken wir.“ Als sie mit den Gläsern anstießen, klirrten die Eiswürfel im Glas. Megan trank einen Schluck Wasser. „Das tut gut.“

Greg stellte sein Glas ab. „Du hast also einen Babysitter gefunden.“

Sie nickte und stellte ihr Glas neben seines. „Ja, sie ist sechzehn und wohnt um die Ecke. Ich musste einiges zahlen, aber es lohnt sich. Jede Frau sollte ab und zu einen freien Nachmittag haben.“

Er hatte sein Jackett ausgezogen und die Krawatte gelockert. Jetzt lehnte er sich näher an Megan. „Ich liebe dieses Grübchen“, mit dem Daumen berührte er ihre Wange, „wenn du lächelst.“ Er schaute sie an, als sei sie die schönste Frau der Welt.

„Greg?“

„Was immer du willst.“

Sie musste lachen. „Oh, bitte …“

Er zog die Stirn in Falten. „Bin ich zu schnell?“

„Vielleicht ein bisschen.“

„Verdammt, ich kann nicht anders.“

„Ich muss zugeben, dass ich mich sehr geschmeichelt fühle.“

„Aber?“

„Was soll’s. Wenn es sein muss, dann bewundere mich doch einfach.“

Da lachte er laut. „Gut, das mache ich.“

„Aber ich gehe nicht mit dir ins Bett, jedenfalls nicht heute.“ Kaum waren die Worte gesprochen, als Megan merkte, wie schroff sie klang. Sie stöhnte leise und hielt eine Hand vor den Mund. „Ich kann nicht glauben, dass ich das gesagt habe.“

Er grinste. „Du hast es aber gesagt.“ Sanft strich er mit dem Finger ihren Haaransatz bis zur Wange entlang. Sofort wurde ihr warm. „Egal, wie du es möchtest, ich bin einverstanden.“ Zart berührte er mit dem Mund ihre Lippen, aber er vertiefte den Kuss nicht, obwohl es ihr nichts ausgemacht hätte, wenn er es getan hätte.

Zögernd streichelte sie sein markantes Kinn. „Ich glaube, wir sollten irgendwohin gehen.“

Wieder lachte er. „Jetzt sofort?“

„Ja?“

„Wieso?“

„Weil du mich dazu bringst, Dinge zu wollen, für die ich noch nicht bereit bin.“

Zuerst gingen sie ins Kino, und danach machten sie einen Spaziergang bis zur Bibliothek auf der Fifth Avenue. In der ersten Etage befanden sich die Bestseller. Beim Buchstaben „B“ blieb Greg stehen und zog Megan an sich.

„Wir sollten nicht …“, flüsterte Megan. Aber sie wich nicht zurück, als er den Kopf senkte und mit dem Mund ihre Lippen berührte.

Es gab nichts auf der Welt, was so schön war wie das Gefühl von Gregs Mund auf ihrem. Mit der Zunge berührte er ihre. Megan seufzte und erwiderte seinen Kuss nur zu gerne. Sie genoss das lustvolle Gefühl, obwohl die Bibliothek sicher nicht der richtige Ort für solche Zärtlichkeiten war.

Megan schlang die Arme um Gregs Hals und presste sich an ihn. Es war wunderbar, seine harte Brust an ihrer weichen zu spüren sowie die verführerische Wärme, die sich in ihrem Bauch ausbreitete.

Sie stöhnte und griff mit den Fingern in sein kräftiges Haar. Sie konnte gar nicht genug bekommen von diesem wundervollen Mann.

Nach einer Weile zog Greg sich zurück, und Megan öffnete die Augen.

Am Ende des Ganges schnappte jemand nach Luft, und als sie in die Richtung blickten, sahen sie eine untersetzte grauhaarige Dame, die schnell in die nächste Reihe ging.

„Oh“, meinte Greg grinsend.

Megan musste laut lachen.

Ein wütendes „Pst“ ertönte aus dem nächsten Gang. Megan hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht erneut zu lachen.

„Ich liebe dein Lachen“, flüsterte Greg und küsste sie auf die Nase.

„Wir sollten besser gehen“, erwiderte sie.

Greg nahm ihre Hand, und sie traten in die feuchtwarme Sommerluft hinaus. Allmählich wurde es dunkler, und Greg und Megan hatten Hunger bekommen. In einem Restaurant bestellte Megan Geflügel und Greg ein Filet Mignon. Sie aßen und unterhielten sich über alles Mögliche. Megan berichtete, dass sie ein Stipendium für die Long Island School of Design erhalten hatte, wo sie auch ihren Abschluss gemacht hatte.

Greg erzählte, dass er gerne für das Familienunternehmen arbeitete. Er war stolz auf das, was seine Vorfahren geschaffen hatten, und wollte dem Unternehmen gern seinen eigenen Stempel aufdrücken. Bevor er die Firma eines Tages seinem Sohn übertragen wollte, sollten Filialen in Los Angeles, Seattle, Phoenix, Denver und Dallas errichtet werden.

„Ganz schön ehrgeizig“, bemerkte sie.

„Das stimmt.“

„Und du hast von einem ‚Sohn‘ gesprochen. Und wenn nun deine Tochter mehr Sinn für das Familienunternehmen hat?“

„Dann wird sie die Firma übernehmen.“

Megan nickte anerkennend. „Gute Antwort.“

„Hey, wenn meine Tochter entsprechende Fähigkeiten hat, dann soll sie auch die nötigen Vollmachten erhalten.“

„Deinem Vater würde aber nicht unbedingt gefallen, wenn eine Frau in der Firma das Sagen hätte, selbst wenn sie eine Banning ist.“

„Wenn meine Tochter wirklich so talentiert ist, dann wird sie schon wissen, wie sie mit Dad umgehen muss.“

„Da magst du recht haben. Und vielleicht habe ich deinen Vater auch falsch eingeschätzt. Abgesehen von einer gewissen … Zurückhaltung, hat er mich ganz vernünftig behandelt. Er schien keine Probleme damit zu haben, mit mir Geschäfte zu machen. Und ich bin eine Frau.“

Greg lehnte sich zurück. „Ja, das bist du allerdings.“ Die dunklen Augen waren voller erotischer Versprechen.

Sie spielte mit ihrem Wasserglas und warf Greg einen verführerischen Blick zu. Ja, sie flirtete schamlos und ganz offensichtlich mit ihm. Und sie fühlte sich wunderbar dabei! „Aber vielleicht wickelt deine Tochter ihren Großvater auch um den Finger“, überlegte sie.

„Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich mein Vater von irgendjemandem um den Finger wickeln lässt. Aber wer weiß …“

„Es könnte natürlich auch sein, dass weder deine zukünftige Tochter noch dein Sohn Interesse am Familienunternehmen haben“, gab Megan zu bedenken.

„Da ich von jeder Sorte fünf haben möchte, stehen die Chancen gut, dass ein Kind in die Firma einsteigen möchte.“

„Zehn Kinder.“ In gespieltem Entsetzen riss sie die Augen auf.

„Habe ich dir noch nicht gesagt, dass ich immer schon viele Kinder haben wollte?“

Du hast gut reden. Du musst die lieben Kleinen ja nicht auf die Welt bringen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin zu Verhandlungen bereit. Zehn ist vielleicht wirklich eine optimistische Zahl.“

„Das könnte man so sagen.“

„Ich sehe schon ein, dass es nicht viele Frauen gibt, die zu Hause bleiben und ein Kind nach dem anderen bekommen wollen.“

„Damit könntest du recht haben.“

Da lachte er, und Megan wurde ganz warm dabei. Das Leben war einfach schön!

„Okay, ich gebe auf. Ich kann natürlich nicht sagen, wie viele Kinder ich einmal haben werde, aber ich hoffe auf mindestens drei oder vier. Wir könnten auch welche adoptieren, denn viele Kinder brauchen Eltern, die sie lieben.“

Er hatte recht. Sie selbst war einmal solch ein Kind gewesen. „Dem kann ich nicht widersprechen.“

„Alles ist machbar, wenn ich nur mit der richtigen Frau zusammenlebe.“

„Dann hast du also vor, wieder zu heiraten?“

Kaum hatte sie die Frage gestellt, befürchtete sie, zu weit gegangen zu sein.

Aber er schien nichts gegen die Frage zu haben. „Ja, jetzt schon.“ Jetzt? Hieß das, dass er es früher nicht gewollt hatte?

„Und dieses Mal will ich es richtig machen. Es soll weder Geheimnisse noch Lügen geben.“ Er hielt inne, und Megan fand, dass er traurig wirkte.

Sie wollte ihn ermutigen, ihr mehr zu erzählen, aber wenn sie das tat, würden sie nur wieder bei Carly landen.

Dann war der Augenblick vorbei, und Greg wirkte plötzlich entschieden. „Meine Ehe soll voller Leidenschaft sein, voller Lachen, Aufregung und Spaß. Sicher wird es auch schwierige Momente geben, aber das ist ganz normal. Doch wir werden alles überstehen, denn die Kraft der Liebe überwindet alle Schwierigkeiten.“

Megan trank von dem Kaffee, den der Kellner gebracht hatte. „Mir scheint, du hast alles schon genau geplant.“

„Ich weiß, was ich will“, entgegnete Greg, und sein Blick ließ tausend Schmetterlinge in Megans Bauch flattern. „Ich bin nur noch nicht sicher, wie ich es bekomme.“

Sie schüttelte den Kopf. „Oh nein, dazu sage ich jetzt besser gar nichts.“

Wieder lachte er, und Megan fragte sich, wie sie es bisher ohne Gregs warmherziges Lachen ausgehalten hatte.

Noch nie hatte sie sich so gefühlt wie mit ihm. Sie spürte Zärtlichkeit und Vertrauen, Offenheit und Freiheit. Es schien ihr, als sähe Greg die Megan, die sie nie zu sein gewagt hatte. Er sah sie wirklich und mochte, was er sah.

„So nachdenklich?“, fragte er.

Sie winkte ab, da sie noch nichts erklären wollte. „Tut mir leid …“

Er nahm ihre Hand. „Nein, sag nicht, dass es dir leidtut. Niemals. Sei einfach … du selbst.“ Sie drückte kurz seine Finger, bevor sie sich zurückzog.

„Erzähl mir doch etwas von deiner Nichte und deinen Neffen.“

Sie lächelte. „Michael ist fünf, und er kaut ständig mit offenem Mund und spricht alles nach, was Olivia sagt. Das ärgert sie furchtbar, und zwar zu Recht. Am liebsten würde ich ihn umarmen und ihm sagen, wie niedlich er ist. Doch ich beherrsche mich, denn es ist nicht gerade clever, ein Kind zu loben, das die Zunge herausstreckt, wenn es den Mund noch voller Cornflakes hat.“

Greg musste grinsen. „Das kann ich mir vorstellen.“

„Lieber nicht. Wie Olivia immer sagt, ist das wirklich ekelhaft.“

„Und Olivia?“

„Sie ist sieben und sehr intelligent. Eher ernst. Sie macht sich nicht so viel aus den typischen Mädchensachen. Ihr ganzer Stolz ist ihre Steinsammlung.“

„Und der Älteste? Anthony, nicht wahr?“

Megan nickte. „Anthony ist momentan etwas schwierig.“

„Schwierig?“

„Ziemlich schweigsam und launisch. Setzt zu häufig die Kopfhörer auf und spielt mit seinem Gameboy. Als Jerome die Familie verließ, war er sechs Jahre alt, das heißt, er kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, einen Vater im Haus zu haben.“

„Er vermisst seinen Dad.“

„Ja, und Jerome ist nicht immer zuverlässig.“ Sie hielt inne und trank noch einen Schluck Kaffee. Sie sollte nichts Schlechtes über Jerome sagen, denn ihre Schwester tat das auch nie. Trotzdem glaubte Megan, dass man Jerome einmal über die Verantwortung eines Vaters aufklären sollte.

Greg spürte, dass sie nicht weiterreden wollte. „Also gut, genug von Jerome.“

„Danke“, sagte sie lächelnd.

„Gern geschehen. Wenn du so lächelst …“

Wieder kam der Kellner mit der Kaffeekanne. „Nein, danke, ich habe schon genug getrunken“, meinte Megan.

Greg bestellte die Rechnung, und nachdem er bezahlt hatte, blieben sie noch im Restaurant sitzen.

Megan erzählte ihm von der Zeit, als sie in mehreren Pflegefamilien gewesen war. „Irgendwie passte ich nirgendwohin. Obwohl ich es so sehr versuchte.“

„Dich einzufügen?“

„Ja. Die Comptons wollten ein intelligentes Kind, also bekam ich nur Bestnoten. Die Blakelys wollten einen Fußballspieler, also wurde ich Stürmerin. Ich war vielleicht nicht so gut wie sportlichere Kinder, aber ich setzte mich mit ganzer Kraft ein. Irgendwie schien es trotzdem nie zu reichen. Man schickte mich zurück, und dann gab es wieder für eine Zeitlang eine neue Familie. Manchmal war ich auch im Kinderheim von Rosewood. Schließlich kam ich zu den Schumachers.“

„Das ist schön. Endlich hattest du eine Familie gefunden, zu der du gehörtest.“

Sie lächelte bitter. „Habe ich dir nicht erzählt, dass sich die Schumachers drei Jahre später scheiden ließen?“

Er schüttelte den Kopf und fluchte leise, und sie berichtete ihm, dass die Scheidung sie und Angela einander nähergebracht hatte. „Angie und ich verbündeten uns gegen den Rest der Welt, und so wurden halbwegs vernünftige, glückliche und verantwortungsvolle Erwachsene aus uns.“

Greg erklärte, dass er sie um ihre Schwester beneidete, als Megan den Kellner bemerkte, der geduldig am Eingang zur Küche stand. „Wir sind die letzten Gäste“, stellte sie fest.

„Ist es wirklich schon so spät?“, fragte Greg und runzelte die Stirn.

„Leider ja.“

Nachdem Greg ein großzügiges Trinkgeld zurückgelassen hatte, verließen sie das Restaurant.

„Ich sollte langsam nach Hause gehen“, sagte sie bedauernd, als sie in einem Taxi saßen.

Er legte einen Arm um ihre Schultern. „Komm noch mit auf einen Drink zu mir. Wenn du danach nach Hause willst, bestelle ich den Firmenwagen.“

„Greg, ich kann die …“

Er legte ihr einen Finger auf die Lippen. „Pst. Wenn ich dich schon so lange in der City festhalte, dann muss ich zumindest dafür sorgen, dass du bequem nach Hause kommst.“

In seiner Wohnung schenkte er ihnen einen Brandy ein und bestellte dann den Firmenwagen. Sie setzten sich auf das schwarze Ledersofa und unterhielten sich angeregt.

Um halb eins meldete sich der Chauffeur. „Bleib noch ein bisschen“, bat Greg. „Der Fahrer kann warten.“

Es dauerte jedoch anderthalb Stunden bis nach Rosewood. Megan stand auf. „Nein, ich muss jetzt wirklich gehen.“

Greg erhob sich ebenfalls und zog Megan an sich. „Noch ein Kuss …“

Sie spürte seine warmen Lippen auf ihren und seufzte leise. Sie hätte Greg noch stundenlang küssen können, aber der Fahrer wartete. Sie drückte die Hände gegen Gregs Brust, und er hob den Kopf.

„Ich muss gehen.“

Widerstrebend ließ er sie los.

Draußen vor dem Wagen zog Greg Megan noch einmal an sich und küsste sie.

„Ich ruf dich an“, meinte er und gab dem Fahrer einige Geldscheine, als Megan einstieg. Sie nickte und winkte, während der Fahrer die Tür schloss.

Ihr Telefon klingelte, als sie einige Minuten unterwegs war, und sie wusste schon, wer am Apparat war.

„Ich habe doch versprochen, dass ich anrufe.“

„Das stimmt.“

„Kannst du morgen, nein heute, um elf fertig sein? Ich schicke einen Wagen.“

„Das ist viel zu extravagant. Ich kann wirklich …“

„Kein Problem. Sei um elf fertig.“

„Wofür?“

„Für alles. Zieh bequeme Schuhe an.“

Das war ein guter Rat. Ihre Füße würden einen weiteren Tag nicht überstehen, zumindest nicht in hohen Absätzen. „In Ordnung.“ Sie lehnte sich in den Ledersitz zurück.

„Es war sehr schön mit dir“, sagte er leise.

„Mir hat es auch gefallen“, erwiderte sie und hatte das Gefühl, dass die Nacht in einem besonderen Glanz erstrahlte.

In dieser Nacht schlief Megan gut, und sie träumte vom charmanten Lächeln eines gewissen Mannes. Um Viertel nach acht war sie angezogen und ging zu ihrer Schwester.

Angela trank gerade ihren Kaffee. Die Kinder waren wahrscheinlich oben und warteten auf Jerome, der sie abholen wollte.

„Du strahlst aber heute“, bemerkte Angela, als Megan sich Kaffee einschenkte.

Sie drehte sich um, zuckte mit den Schultern und trank einen Schluck.

„Oh, du hast wohl Geheimnisse“, neckte Angela.

„Nun …“, begann Megan und trank einen weiteren Schluck. „Ich hatte gestern Abend ein wundervolles Date mit einem tollen Mann.“

„Egal, was du mit ihm gemacht hast, du solltest es weiter tun, denn du wirkst sehr glücklich.“

Megan stupste die Schwester mit der Schulter an. „Es ist nicht so, wie du meinst. Jedenfalls noch nicht.“

Angela kicherte. „Woher willst du wissen, was ich meine?“

„Nur eine Vermutung, und ich gehe heute wieder mit ihm aus.“

„Bleibst du wieder so lange weg?“

„Könnte sein. Vielleicht komme ich auch erst morgens nach Hause …“ Oh. Hatte sie das wirklich gesagt? War sie bereit, eine Nacht mit Greg zu verbringen?

Angela tat entsetzt. „Einfach schockierend.“

Beide brachen in lautes Lachen aus.

Wie immer kam Jerome zu spät. Erst um halb elf ging er mit den Kindern aus dem Haus, und Angela machte sich direkt auf den Weg, um einzukaufen.

Megan ging in ihre Wohnung, räumte kurz auf und wartete dann unten in Angelas Haus auf den Wagen. Um Viertel vor elf klingelte es an der Tür. Sie schulterte ihre große Tasche und öffnete die Tür, um Jerry zu begrüßen.

Das Lächeln blieb ihr jedoch im Hals stecken, als sie sah, wer vor ihr stand: Rhonda Johnson in einem adretten Sommerkleid mit niedlichen gelben Sandalen an den zierlichen Füßen.

„Megan.“ Rhondas Lächeln erinnerte sie an eine Kobra, die ihre langen, giftigen Zähne entblößt. „Ich hatte gehofft, dich noch anzutreffen.“

6. KAPITEL

Megan ließ sich nicht täuschen. Natürlich hatte Rhonda nicht gehofft, sie anzutreffen, denn sie und Irene kannten den Tagesablauf von jedem in der Nachbarschaft. Wenn sie jemanden treffen wollten, dann taten sie das auch.

Pech, dass Rhonda nicht einige Minuten später gekommen war. Dann wäre Megan schon weg gewesen – auf dem Weg nach Manhattan zu dem wunderbaren Mann, der dort auf sie wartete.

„Ich habe einen kleinen Auftrag für dich“, meinte Rhonda. Sie hielt ein Blatt Papier hoch. „Darf ich hereinkommen?“ Es klang wie eine Frage, war jedoch keine.

Eigentlich wusste Megan, dass sie nein sagen sollte, denn es würde nichts Gutes dabei herauskommen, wenn sie Rhonda hereinbat. Sie hatte sie mit Greg zusammen gesehen, und sie konnte am Glitzern in Rhondas Augen erkennen, dass das Thema Greg sicher zur Sprache kommen würde.

„Worum geht es?“ Wieder einmal gab Megan nach und trat zur Seite.

Rhonda ging an ihr vorbei ins Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa. „Ich brauche deine Hilfe für einen Flyer, und du freust dich sicher über jeden Auftrag.“ Sie zeigte auf den Platz neben sich. „Setz dich, dann zeige ich dir, was ich mir vorgestellt habe.“

Brav tat Megan, worum man sie gebeten hatte.

„Ich hätte gerne einen Flyer, den man gleichzeitig als Umschlag benutzen kann. Am liebsten auf rotem Papier. Rot fällt den Leuten auf, vielleicht könnte man auch Lila nehmen. Die Rosewood Ladies Auxiliary veranstaltet ihren jährlichen Flohmarkt …“ Sie schnüffelte. „Oh, Megan, ist das Parfum?“

„Ja“, antwortete Megan und seufzte leise.

„Sehr … sinnlich“, bemerkte Rhonda vielsagend. „Außerdem gefällt mir, was du da trägst. Das lebhafte Grün steht dir gut, obwohl es fast zu jedem Hautton passt. Der Schnitt ist auch vorteilhaft … macht sehr schlank.“ Sie zog die Stirn in Falten, als sei ihr gerade etwas eingefallen. „Gehst du aus?“

„Ja, ich fahre in die City.“

„Shopping?“

„Nein, ein Date“, erwiderte sie wahrheitsgemäß und wünschte sofort, sie hätte gelogen.

„Oh, wie nett.“ Und die Kobra biss zu. „Mit Carlys Mann?“

Megan wurde leicht übel, und ihr Herz schlug schneller. Streitigkeiten mochte sie überhaupt nicht, besonders nicht zu Hause.

Plötzlich befand sie sich wieder in der Vergangenheit und war neun oder zehn Jahre alt. Ein Kind, das die Eltern und den kleinen Bruder verloren hatte. Ein Kind, das geliebt und akzeptiert und bei einer Familie bleiben wollte …

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf, während sie sich daran erinnerte, dass sie erwachsen war und die traurigen Zeiten hinter ihr lagen.

„Vielleicht hast du es noch nicht gehört, aber Carly ist geschieden“, brachte sie heraus.

„Doch, das habe ich gehört, aber alle wissen, dass sie darauf hofft, dass Greg zu ihr zurückkehrt. Du weißt es bestimmt, denn Carly hält dich für ihre Freundin.“

Megan fragte sich, was Carly Rhonda wohl erzählt hatte, aber war sich sicher, dass Carly nichts gesagt hatte. Egal, wie verletzt sie war, sie würde niemals ihr Privatleben mit Rhonda Johnson besprechen.

Wahrscheinlich war es so wie immer: Rhonda hatte Megan mit Greg gesehen und ihre eigenen Schlüsse gezogen.

„Die Leute reden“, meinte Rhonda empört. Sie tätschelte Megans Hand. „Ich will nicht behaupten, dass ich mit deinem Verhalten einverstanden bin, aber wenn du dich jemandem anvertrauen willst, bin ich für dich da. Du kannst mir alles sagen …“

Das war zu viel, selbst für Megan, die äußerst friedliebend war. Sie sprang auf. „Nein“, sagte sie und fügte noch ein „Danke“ hinzu. Gleichzeitig verachtete sie sich, weil sie sich einem Konflikt nicht einmal in ihren eigenen vier Wänden stellen konnte.

Rhonda machte ein beleidigtes Gesicht. „Wenn du nicht willst.“

„Nein, ich will nicht.“ Es klingelte an der Tür. „Da ist mein Wagen.“

„Aber ich habe dir doch noch gar nicht gesagt, wie der Flyer aussehen soll.“

„Ich habe so viel Arbeit, dass ich für deinen Auftrag leider keine Zeit habe.“

Rhonda blinzelte. „Aber es ist für einen guten Zweck. Wir brauchen dich …“

„Tut mir leid, aber ich schaffe es nicht, und jetzt muss ich wirklich gehen.“

Endlich stand Rhonda auf. „Also gut, dann muss ich wohl jemand anderen finden, der die Flyer macht. Aber dir kann es ja egal sein, denn du bist ja so beschäftigt.“

Megan sagte gar nichts, da sie sowieso nur irgendwelche Ausreden vorbringen konnte.

Rhonda marschierte an ihr vorbei, ging zur Tür und öffnete sie weit. Ein gut aussehender Greg in Khakihose und Poloshirt stand vor der Tür.

Oh, er hatte nicht gesagt, dass er sie persönlich abholen würde.

„Schau mal, wer da ist“, meinte Rhonda abfällig.

Greg hatte gleich verstanden. „Hallo, Rhonda“, grüßte er vorsichtig.

Die Frau hielt es nicht für nötig zu antworten. Sie verzog den Mund und stolzierte die Treppe hinunter. Megan und Greg blickten ihr nach und schwiegen, bis sie verschwunden war.

„Was sollte das denn?“, fragte Greg schließlich.

„Das willst du gar nicht wissen.“ Der Firmenwagen wartete an der Ecke auf sie. „Ich hole meine Sachen, und wir können …“

Greg nahm ihren Arm und zog Megan ins Haus. Als sie im Flur standen, schloss er die Tür. „Du bist weiß wie eine Wand, und du zitterst.“

„Rhonda war hier, weil ich für sie den Flyer für einen Flohmarkt machen sollte – das behauptete sie zumindest. In Wirklichkeit wollte sie mir nur die Leviten lesen, weil ich dich Carly ausgespannt habe.“

„Du hast mich niemandem ausgespannt. Außerdem geht es Rhonda nichts an.“

„Erzähl das Rhonda, aber wahrscheinlich würde sie gar nicht zuhören.“

„Komm her …“ Er zog Megan an sich, und sie versteifte sich. Aber seine Arme fühlten sich so gut an, und nach einem kleinen Moment wurde sie weich und schmiegte sich an ihn.

Er küsste sie aufs Haar. „Mach dir keine Sorgen wegen Rhonda“, sagte er leise. „Sie ist ein Biest und hat zu viel Zeit.“

„Du hast ja recht, aber trotzdem lässt es mich nicht kalt, was sie sagt.“

Jetzt küsste Greg sie auf die Nasenspitze. „Was kann ich tun?“

Autor

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Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

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