Nie vergaß ich deine Liebe

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Der Job in Jack Hansons Firma ist für Samantha eine große Chance: Nach einer schweren Enttäuschung und ihrer Scheidung will sie ein neues Leben beginnen! Aber denkt Jack noch an die einzige süße Nacht, die sie vor Jahren miteinander verbracht haben? Samantha versucht sie zu vergessen! Doch mit jedem Tag in der Nähe ihres charmanten Chefs werden ihre Erinnerungen an jene leidenschaftliche Begegnung wieder stärker ...
  • Erscheinungstag 06.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735111
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Eigentlich hatte Samantha Edwards mit Vorstellungsgesprächen kein Problem. Dass sie ihren zukünftigen Chef schon nackt gesehen hatte, machte die Sache allerdings etwas kompliziert.

Zum Glück war nicht damit zu rechnen, dass Jack Hanson auf ihre einzige Liebesnacht zu sprechen kam, denn die lag fast zehn Jahre zurück. Wahrscheinlich erinnerte er sich nicht einmal mehr daran.

Samantha dagegen hatte nicht einen Augenblick dieser atemberaubenden Nacht vergessen – was sicher auch daran lag, dass Jack Hanson ein unglaublich guter Liebhaber war.

„Miss Edwards, Mr. Hanson erwartet Sie jetzt.“

Samantha stand auf und nickte der älteren Sekretärin hinter dem modernen Schreibtisch zu, bevor sie durch den Empfangsraum auf Jacks Bürotür zuging. Sie zog noch einmal ihren kurzen taillierten Blazer glatt. Für das Vorstellungsgespräch hatte sie sich bewusst konservativ gekleidet – für ihre Verhältnisse zumindest – und trug eine schwarze Hose und einen beige-schwarz karierten Blazer über einer cremefarbenen Seidenbluse.

Es war ihr schwergefallen, mit so wenig Farbe auszukommen, aber vor zehn Jahren war Jack Hanson das Paradebeispiel eines zugeknöpften Konservativen gewesen – außer natürlich im Bett.

Der frivole Gedanke kam ihr ausgerechnet in dem Moment, als sie die Bürotür öffnete, und sie gab sich große Mühe, ihn zu ignorieren, tief durchzuatmen und selbstbewusst auf den Mann zuzugehen, der hinter dem Schreibtisch stand.

„Hallo, Jack“, sagte sie und schüttelte ihm die Hand. „Lange her, was?“

„Samantha, wie schön, dich zu sehen.“

Er betrachtete sie so eingehend, dass sie unbewusst den Atem anhielt. Studierte er nur eine Bewerberin, oder dachte auch er dabei an ihre Vergangenheit?

Da er sich Zeit ließ, beschloss sie, die Gelegenheit für eigene Betrachtungen zu nutzen. Jack war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und er strahlte noch immer Macht und Selbstbewusstsein aus. Für jemanden aus reichem Elternhaus war das vielleicht normal, doch Samantha hatte immer das Gefühl gehabt, dass Jack auch ohne diesen Vorteil Erfolg gehabt hätte. Er war einfach ein Gewinnertyp.

Die zehn Jahre waren fast spurlos an ihm vorübergegangen. Seine markanten Gesichtszüge zeigten lediglich eine neue Reife, die ihm gut stand.

Typisch, dachte Samantha und unterdrückte einen Seufzer. Ihn hat die Natur mit breiten Schultern und einem umwerfenden Lächeln gesegnet, und ich muss mich immer noch mit diesen wilden roten Haaren herumschlagen, die sich kaum bändigen lassen. Obendrein bin ich flach wie ein Brett, und das sowohl am Busen als auch am Po. Ist das fair?

„Bitte, setz dich doch“, sagte Jack.

„Danke.“

Auch er ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder. Der Chefsessel stand ihm gut, doch Samantha wusste zufällig, dass er den Job erst vor Kurzem übernommen hatte.

„Ich habe gelesen, dass dein Vater vor ein paar Monaten gestorben ist“, sagte sie. „Mein Beileid.“

„Danke. Deshalb arbeite ich jetzt hier. Der Aufsichtsrat hat mich gebeten, eine Zeit lang die Führung der Firma zu übernehmen.“

„Ich hatte mich auch schon gewundert“, erwiderte Samantha. „Als ich das letzte Mal von dir hörte, warst du Anwalt.“

„Das gefällt mir auch viel besser.“

„Aber du warst in Betriebswirtschaft so gut“, sagte sie. Das wusste sie aus erster Hand, schließlich hatten sie zusammen studiert und dabei im freundschaftlichen Wettstreit um die Bestnote gelegen – oft, indem sie sich gegenseitig halfen. Er war der Akkurate, Organisierte in ihrem Team gewesen, sie die Kreative und manchmal etwas Chaotische.

„Und trotzdem habe ich Betriebswirtschaft gehasst“, gab er zu. „Dabei wurde mir erst richtig klar, dass mir Jura viel mehr liegt.“

„Dann hat der Tod deines Vaters deine Pläne ganz schön durcheinandergebracht“, sagte Samantha.

Jack nickte. „Meine Kanzlei hat mich für drei Monate freigestellt. Diese Zeit werde ich ganz der Hanson Media Gruppe widmen.“

„Bist du sicher, dass du danach nicht doch bleiben willst?“

„Ich eigne mich nicht als Firmenchef.“

„Unterschätz dich nicht. Wie man hört, stellst du jetzt schon eine Menge neue Leute ein.“

„Das stimmt. Meinem Vater widerstrebte es zu delegieren, deshalb hat er bis zum Schluss mindestens drei Abteilungen selbst geleitet. Bei einer so großen Firma wie dieser halte ich das für unmöglich, wenn man gleichzeitig den Überblick über das Gesamtgeschäft behalten will. Deshalb suche ich die besten Kandidaten, um das Team zu verstärken.“

„Wie schmeichelhaft.“

„Es stimmt aber. Du bist nur hier, weil du gut bist. Ich brauche kreative Leute, das ist meine schwache Seite.“

Samantha lächelte. „Ein Mann, der zu seinen Schwächen steht. Wie ungewöhnlich.“

„Samantha, ich habe meine Prüfung im Fach Marketing nur bestanden, weil wir ein Team waren. Du hast mich durch den ganzen Kurs geschleppt.“

„Dafür hast du mir Nachhilfe in Buchhaltung und Controlling gegeben. Wir sind quitt.“

„Warum hast du New York verlassen?“, fragte Jack.

Samantha dachte an ihre Scheidung, beschloss jedoch, dieses Thema nicht mit Jack zu besprechen. „Ich brauchte mal einen Tapetenwechsel, schließlich habe ich seit dem Abschluss ununterbrochen dort gearbeitet. Und das hier ist ein Traumjob: die kreative Leitung der Internetentwicklung mit einem Budget in Millionenhöhe. Das ist unwiderstehlich, zumindest für mich. So sieht für mich das Paradies aus.“

„Sehr gut, für mich klingt es nämlich eher nach Hölle.“

Samantha lächelte verschmitzt. „Du hattest immer schon Angst vor einer leeren Seite“, bemerkte sie.

„Und du hast Regeln immer schon gehasst“, gab er zurück.

„Ich?“ Sie hob die Augenbrauen. „Du warst doch der Erste, der Regeln gebrochen hat, wenn es dir in den Kram passte.“

Jack hob die Schultern. „Was immer nötig ist, um das zu bekommen, was ich will. Und im Moment will ich eine fähige Mannschaft und eine Firma, die gut läuft. Lass uns über die Details reden.“

Er informierte sie über die bestehenden Internetauftritte verschiedener Zweige der Hanson Media Gruppe. Nachdem Samantha das Material überflogen hatte, sprachen sie über mögliche Wachstumschancen.

„Kinder“, erklärte Samantha nach einer Weile. „Das ist eine Zielgruppe, für die wir unglaublich viel tun könnten. Internetprogramme, die sie nach der Schule ansteuern – nicht nur mit Hausaufgabenhilfen, sondern auch mit interaktiven Angeboten, um Kinder im ganzen Land zusammenzubringen. Außerdem könnten wir im Rahmen bekannter Fernsehsendungen oder Kinderfilme als Sponsor auftreten. Und das wäre nur für die jüngeren Kinder. Für Teenager habe ich noch viel mehr Ideen.“

„Also bist du an dem Job interessiert“, sagte Jack.

„Ich habe nicht übertrieben, als ich sagte, für mich wäre er das Paradies.“

„Du hast ihn, wenn du möchtest“, sagte er. „Morgen bekommst du von der Personalabteilung die offizielle Bestätigung.“

„Im Ernst?“, fragte Samantha ein wenig überrumpelt.

„Wieso überrascht dich das? Du bist talentiert, qualifiziert und jemand, mit dem ich gerne arbeiten möchte.“

„Das klingt, als wäre ich ein Rettungshund.“

Jack grinste. „Wenn ich einen finden könnte, der auch einen Computer bedienen kann …“

„Also schön, ja, ich bin sehr interessiert“, sagte sie und lachte. „Aber ich muss dich warnen. Ich bin sehr kreativ, und ich möchte mein Team selbst leiten.“

„Einverstanden.“

„Wir werden keine Nadelstreifenanzüge tragen.“

„Solange ihr den Job gut macht, könnt ihr meinetwegen Froschkostüme anziehen.“

Warum überzeugte sie seine Antwort nicht wirklich? „Das ist nicht wie bei den Rechtswissenschaften, Jack. Man findet die Lösung nicht immer in einem Buch.“

„Kannst du nicht warten, bis ich mich wirklich danebenbenehme, bevor du mir einen Vortrag hältst?“, fragte er, aber es klang amüsiert. „Ich hab’s ja schon kapiert, kreative Menschen sind anders. Kein Problem.“

„Na gut.“

Samantha stand auf, und auch Jack erhob sich. Mit ihren hohen Absätzen war sie nur ein paar Zentimeter kleiner als er.

Er kam um den Schreibtisch herum und streckte ihr die Hand hin. „Hinterlass bei Mrs. Wycliff deine Nummer. Morgen früh bekommst du dann Nachricht von der Personalabteilung. Wann kannst du anfangen?“

„Anfang nächster Woche.“

„Gut. Dienstags halte ich immer eine Teambesprechung ab. Ich freue mich darauf, dich dort zu sehen.“

Mit klopfendem Herzen ging Samantha zur Tür. Eigentlich war alles gesagt. So ganz konnte sie es noch nicht fassen, dass sie diesen Traumjob wirklich an Land gezogen hatte – aber es gab noch etwas anderes, was sie auf einmal dringend klären musste.

„Das ist wirklich eine einzigartige Chance, Jack“, sagte sie. „Ich werde mein Bestes geben und dein Vertrauen in mich rechtfertigen.“

„Davon bin ich überzeugt.“

Beherzt blickte sie ihm in die Augen. „Ich war nicht sicher, dass du mir den Job geben würdest. Wegen unserer Vergangenheit.“

Er hob die Augenbrauen. „Warum sollte es etwas ausmachen, dass wir zusammen studiert haben?“, fragte er unschuldig.

„Das meinte ich nicht.“

Schweigend wartete er. Wusste er wirklich nicht, worauf sie hinauswollte, oder ließ er sie absichtlich zappeln? Sie spürte, wie sie rot wurde, aber sie hielt seinem Blick stand. „Ich meinte diese Nacht, in der wir … du weißt schon …“

„Schnee von gestern“, sagte er leichthin, mehr nicht.

Samantha war sich nicht ganz sicher, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Aber immerhin wusste sie jetzt, was sie hatte wissen wollen.

Als sich die Tür hinter Samantha geschlossen hatte, veränderte sich Jacks Gesichtsausdruck, und er setzte sich wieder an den Schreibtisch. Es war ihm nicht schwergefallen, vor Samantha professionell aufzutreten, doch er musste zugeben, dass ihr Wiedersehen größeren Eindruck auf ihn gemacht hatte, als ihm lieb war.

Nicht, dass er ihr den Job nicht sowieso gegeben hätte. Auch die anderen Bewerber waren hoch qualifiziert gewesen, doch Samantha war als Einzige nicht in einem Anzug erschienen. Obwohl die Farben, die sie gewählt hatte, für sie ungewöhnlich dezent waren, konnte sie ihre kreative Ader doch nicht verbergen. Vielleicht lag es an der grünen Papageienbrosche, die sie am Revers trug, oder an den langen Ohrringen, die ihr fast bis auf die Schultern reichten. Vielleicht war es auch ihr feuerrotes Haar, das ein Eigenleben zu führen schien, jedenfalls strahlte sie eine Unabhängigkeit aus, die er bewunderte.

Bei der Diskussion der Internetprojekte hatte sie eine Energie versprüht, die er für die Firma dringend benötigte, und wenn sie lächelte … Jack schüttelte unwillig den Kopf. Ihm war nicht entgangen, wie der weich fließende Stoff ihrer Hose ihre schlanken Beine umschmeichelte. Oder wie voll und rot ihre Lippen waren.

Auch nach zehn Jahren reagierte er noch immer auf ihre Reize. Natürlich würde er das ignorieren und sie auf keinen Fall wissen lassen, wie sie auf ihn wirkte – schließlich hatte er sie gerade eingestellt. Trotzdem …

„Herein“, sagte er, aus seinen Gedanken gerissen, als es an der Tür klopfte. Mrs. Wycliff kam herein, die auch schon die langjährige Sekretärin seines Vaters gewesen war.

„Hier sind die Tagesberichte“, sagte sie und legte ihm mehrere Akten hin.

„Danke.“

Stirnrunzelnd betrachtete er den hohen Stapel, der seine Abendlektüre sein würde. Theoretisch wusste er eine ganze Menge darüber, wie man eine Firma führt, aber leider hatten Theorie und Praxis in diesem Fall nicht viel gemeinsam. Wenn einer seiner Angestellten des Mordes angeklagt worden wäre, hätte er sofort gewusst, was zu tun war. Die Vorgänge in einer Aktiengesellschaft dagegen erschienen ihm diffus und schwer in den Griff zu bekommen.

„Wie ist die Stimmung unter den Angestellten?“, fragte er Mrs. Wycliff.

„Sie vermissen ihn“, erwiderte sie. „Ihr Vater war in der Firma sehr angesehen. Er war ein guter Mensch.“

Jack bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. George Hanson war ein Vollblutgeschäftsmann gewesen, der sein ganzes Leben der Firma gewidmet hatte, während seine Kinder eine Nebenrolle gespielt hatten. Nicht unbedingt das, was Jack als „guten Menschen“ bezeichnet hätte.

„Ja, es kommt mindestens einmal am Tag jemand vorbei, um mir zu sagen, wie sehr er vermisst wird“, erwiderte er. Die passende Antwort darauf war ihm trotzdem noch nicht eingefallen.

Mrs. Wycliff lächelte. „Wir wissen es alle zu schätzen, dass Sie eingesprungen sind, um Hanson Media zu führen. Für viele von uns ist die Firma wie ein Zuhause, es wäre schrecklich, wenn etwas passieren würde.“

„Was soll denn passieren?“ Jack war erst wenige Wochen hier, und bisher war es ihm lediglich problematisch erschienen, dass sein Vater zu viele Abteilungen selbst geleitet hatte. Nach der Einstellung der richtigen Leute würde alles wieder glattlaufen.

Mrs. Wycliff strich sich über ihr graues Haar und steckte eine Strähne in den Dutt zurück. „Ihr Vater war sehr stolz auf Sie, wussten Sie das?“

Jack ließ sich von dem plötzlichen Themenwechsel nicht täuschen und nahm sich vor, seine Sekretärin in Sicherheit zu wiegen, bevor er auf ihre Bemerkung zurückkam.

„Danke, dass Sie mir das sagen“, erwiderte er.

„Er hat oft davon gesprochen, wie erfolgreich Sie in der Kanzlei sind. Natürlich hätte er es gern gesehen, wenn Sie hier im Familienunternehmen gearbeitet hätten, aber er meinte, wenn Jura Sie glücklich macht, wäre er auch zufrieden.“

Jack war total überrascht. Ihm fielen die wütenden Diskussionen ein, die er mit seinem Vater geführt hatte. George Hanson hatte versucht, ihn zu bestechen, und ihm sogar gedroht, ihn zu enterben, um zu erreichen, dass Jack für die Firma arbeitete.

Andererseits hatte Jack schon länger den Verdacht, dass sich sein Vater in der Öffentlichkeit anders gab als im Familienkreis.

„Wir hatten eine Abmachung“, sagte er schließlich. „Ich war einverstanden, nach dem Jurastudium den Betriebswirt zu machen und mich dann zu entscheiden, was mir besser gefiel.“ Er zuckte die Achseln. „Die Wahl fiel mir wirklich nicht schwer.“

„Sie sind Ihrem Herzen und Ihren Anlagen gefolgt“, sagte Mrs. Wycliff. „Als Sie in der Kanzlei zum Partner ernannt wurden, hat er Sekt ausgegeben.“

„Juniorpartner“, korrigierte Jack automatisch. Sekt? Er hatte an dem Tag seinen Vater nicht erreichen können und stattdessen seine Stiefmutter Helen gebeten, ihm die Neuigkeit auszurichten. Sie hatte eine Glückwunschkarte und ein Geschenk geschickt. Höflich wie immer hatte sie mit beiden Namen unterzeichnet, aber Jack wusste, dass diese Geste allein ihre Idee war. Sein Vater hatte ihn nicht einmal zurückgerufen.

„Er war ein guter Mensch“, wiederholte Mrs. Wycliff. „Was immer auch geschieht, daran müssen Sie denken.“

„Das ist jetzt das zweite Mal, dass Sie eine geheimnisvolle Andeutung machen“, bemerkte Jack. „Vielleicht drücken Sie sich mal etwas klarer aus?“

Die an die sechzig Jahre alte Frau hatte dunkelblaue Augen und Gesichtszüge, die verrieten, dass sie in ihrer Jugend eine Schönheit gewesen sein musste. Jack hätte vermutet, dass sie ein Verhältnis mit seinem Vater gehabt hatte, doch mittlerweile kannte er sie genügend, um zu wissen, dass ihre moralischen Grundsätze das niemals zugelassen hätten – auch wenn sein Vater sicherlich nicht abgeneigt gewesen wäre.

„Das kann ich nicht“, sagte sie leise.

„Können Sie nicht, oder wollen Sie nicht?“

Mrs. Wycliff blickte ihm direkt in die Augen. „Ich weiß nichts. Wenn ich etwas wüsste, würde ich es Ihnen sagen. Sie haben meine volle Loyalität.“

„Aber es gibt etwas, das ich wissen sollte?“

Sie zögerte. „Es ist nur so ein Gefühl. Es tut mir leid, aber Genaueres weiß ich auch nicht.“

Jack war sich ziemlich sicher, dass sie die Wahrheit sagte – oder sie war eine begnadete Schauspielerin.

Normalerweise misstraute er Gefühlen, es sei denn, es handelte sich eher um Instinkte. Schließlich hatte er auch als Anwalt schon gelegentlich seine vorbereiteten Fragen aus einem Bauchgefühl heraus geändert und damit richtiggelegen.

„Wenn Sie etwas wissen …“, begann er.

„Dann sage ich es Ihnen. Ich rede mit den Leuten und kann gut zuhören.“ Sie schluckte. „Ich habe vor ein paar Jahren meinen Mann verloren. Wir haben keine Kinder, und viele unserer Freunde sind nach Florida gezogen. Diese Firma ist alles, was ich habe. Ich würde alles tun, um sie zu schützen.“

„Danke.“

Sie nickte kurz und ging hinaus.

Geheimnisse und Intrigen – das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Zumal nicht einmal klar war, ob er und Mrs. Wycliff dasselbe Ziel hatten. Sie wollte, dass die Firma bis in alle Ewigkeit bestand, und er wollte so schnell wie möglich zurück in seine Kanzlei. Wenn es da jemals einen Interessenkonflikt gab, würde seine so loyale Sekretärin sich ganz schnell in einen erbitterten Feind verwandeln.

Zwei Tage später saß Samantha in einem leeren Büro und füllte endlose Formulare aus, um betriebliche Versicherungen, ihren Zugangspass, einen Parkplatz und ihre Kantinenkarte zu erhalten.

Noch immer konnte sie nicht ganz fassen, dass sie den Traumjob tatsächlich bekommen hatte, und war früher als vereinbart erschienen, um den Papierkram zu erledigen.

„Danke, Helen“, murmelte sie. Sie hatte es ihrer Freundin, der Witwe des verstorbenen George Hanson, zu verdanken, dass ihr Name auf der Liste der geeignetsten Bewerber gelandet war. Auf Helens Rat hin hatte sie das beim Bewerbungsgespräch allerdings nicht erwähnt. Aus unerfindlichen Gründen schienen Jack und seine Brüder zu glauben, dass Helen ein blondes Dummchen war, das George Hanson nur als Vorzeigeobjekt und Statussymbol geheiratet hatte.

Ich hoffe, dass ich dabei bin, wenn sie alle entdecken, dass sie nicht nur hübsch, sondern auch äußerst intelligent ist, dachte Samantha, während sie eins der Formulare schwungvoll unterschrieb.

„Guten Morgen.“

Als sie aufblickte, sah sie Jack in der offenen Tür stehen, der frisch geduscht und rasiert unerhört sexy aussah. Wieso reagierte ihr Körper, obwohl ihr Verstand absolut nicht interessiert war?

„Hi“, erwiderte sie.

„Ich hörte, dass du schon hier bist, um die Formalitäten zu erledigen“, sagte er und lehnte sich an den Türrahmen. „Danke, dass du angenommen hast.“

„Ich bin diejenige, die Grund zur Dankbarkeit hat“, erwiderte sie lachend. „Ich kann es gar nicht erwarten, endlich anzufangen. Aber zuerst muss ich mich hier durchkämpfen.“ Sie tippte auf die Formulare. „Man hat mir versprochen, dass ich noch heute meinen eigenen Firmenausweis bekomme, wenn ich alles richtig ausfülle – und den Schlüssel für mein Büro.“

„Ja, man hat mich schon vorgewarnt. Offenbar hast du sogar schon einen Termin für eine Besprechung mit mir. Meine Assistentin erwähnte so was.“

„Ja, Montagnachmittag. Ich werde mich am Wochenende vorbereiten, um auf dem Laufenden zu sein. Dann möchte ich mit dir die Eckpunkte besprechen, bevor ich mich mit meinem Team an die Arbeit mache.“

„Du brauchst nicht rund um die Uhr zu arbeiten“, sagte er.

„Ich weiß, aber ich freu mich wirklich drauf, und außerdem habe ich nichts anderes vor. Schließlich bin ich gerade erst nach Chicago gezogen und kenne mich hier überhaupt nicht aus.“

„Das ist doch erst recht ein Grund, das Wochenende zu nutzen, um die Gegend auszukundschaften.“

Sie legte den Kopf schräg. „Hmm, will mein neuer Chef mich etwa vom Arbeiten abhalten? Das wäre was Neues.“

„Ich will nicht, dass du dich an deinem ersten Wochenende schon völlig verausgabst. Ich brauche dich länger.“

Sie wusste, dass es scherzhaft gemeint war, und genoss es, dass Jack und sie so leicht zu ihrer früheren Freundschaft zurückkehrten. Aber musste ihr Köper so stark auf ihn reagieren?

Selbst jetzt, wo er ein paar Meter entfernt stand, glaubte sie, seine Atemzüge zu hören und die Wärme zu spüren, die er ausstrahlte.

So war es früher schon, dachte sie missmutig. Die zwei Jahre ihres Studiums hatte sie in ständiger sexueller Erregung verbracht – verursacht allein durch Jack. Doch sie hatte einen Freund gebraucht, keinen Liebhaber, und deshalb die körperliche Anziehungskraft zwischen ihnen ignoriert. Dabei war es ihr sogar gelungen, ihr Interesse vor ihm zu verbergen.

Bis zu jener Nacht, als sie es einfach nicht mehr länger ausgehalten hatte.

Sie verdrängte die Erinnerungen. „Ich verspreche dir, dass ich die Stadt später noch ausgiebig erkunden werde“, sagte sie so neutral wie möglich. „Aber im Moment will ich mich einfach nur an die Arbeit machen.“

Jack hob beide Hände. „Na schön, ich gebe auf. Lass dich vom Job völlig vereinnahmen, ich werde mich nicht beklagen.“ Er ließ die Hände wieder sinken. „Hast du dich in deiner neuen Wohnung schon eingerichtet?“

„Ich habe nur zwei Koffer in ein Hotelzimmer stellen müssen, das hat nicht sehr lange gedauert.“

„Willst du keine eigene Wohnung?“

„Doch, schon, aber im Moment habe ich keine Zeit, eine zu suchen.“

Das war nur die halbe Wahrheit. Wenn sie auf Wohnungssuche ging, würde sie Zeit zum Nachdenken haben, und genau das wollte sie möglichst vermeiden.

„In dem Hochhaus, in dem ich wohne, gibt es voll möblierte Manager-Apartments, die monatsweise vermietet werden“, sagte er. „So bin ich zu meiner Wohnung gekommen – ich habe ein kleines Apartment für zwei Monate gemietet, festgestellt, dass es mir dort gefällt, und eine größere Wohnung im selben Haus gekauft.“

„Klingt interessant“, erwiderte sie vorsichtig.

Jack grinste jungenhaft. „Keine Sorge, es ist ein sehr geräumiges Hochhaus, wir würden uns so gut wie nie zufällig im Flur begegnen.“

Glaubte er, das wäre ein Problem für sie? Na ja, vielleicht war es eins. Tatsächlich hatte sie das Gefühl, dass es zu Komplikationen führen könnte, wenn sie Jack außerhalb der Firma traf. Möglicherweise war es sogar gefährlich für ihr inneres Gleichgewicht. Andererseits hatte sie sich geschworen, das Leben bei den Hörnern zu packen und vor der Wahrheit nicht mehr die Augen zu verschließen.

„Ich würde es mir gern ansehen“, sagte sie. „Hast du eine Kontaktperson oder Telefonnummer für mich?“

„In meinem Büro liegt eine Visitenkarte. Ich hole sie schnell.“

Während Jack den Flur hinunterging, widmete sich Samantha wieder den Formularen, doch statt der Fragebögen sah sie auf einmal die leere Wohnung vor sich, die sie vor drei Wochen in New York verlassen hatte.

Sie hatte einmal gedacht, dass sie für immer in New York bleiben würde, hatte sich eingeredet, dass sie ungefähr wüsste, wie ihr Leben verlaufen würde. Vor allem hatte sie gehofft, dass sich ihre Träume irgendwann erfüllen würden. Welche Ironie, dass die Trümmer dieser Illusion in sechs Umzugskisten passten und dass der Mann, der geschworen hatte, sie für immer zu lieben, sich als Lügner und Dieb entpuppt hatte.

2. KAPITEL

„Im Augenblick arbeiten wir an, äh, Upgrades“, sagte Arnie und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. „Die erste Stufe sollte, äh, Ende des Monats, äh, fertig sein.“

Jack fühlte mit dem jungen Mann, einem Computergenie aus der EDV-Abteilung, den das erste Treffen mit seinem neuen Chef offenbar äußerst nervös machte. Er studierte den Bericht vor sich und lächelte Arnie aufmunternd an. „Dann sind Sie ja völlig im Zeitplan“, sagte er freundlich. „Sehr gut.“

Arnie schluckte. „Danke. Wir haben uns große Mühe gegeben. Roger, äh, mein Chef, sagte, wir müssen das. Oh, aber natürlich nicht im negativen Sinn.“

„Ich weiß Ihre Bemühungen zu schätzen“, erwiderte Jack und wünschte sich zum wiederholten Male, dass Arnies Chef Roger ebenfalls zu der Besprechung gekommen wäre. Arnies Unbehagen war schwer zu ertragen.

„Sie werden mit Samantha Edwards zusammenarbeiten“, fuhr er fort. „Sie hat heute angefangen und ist sehr kreativ. Ich bin sicher, dass ihre Ideen Sie beeindrucken werden.“

Und nicht nur ihre Ideen, dachte Jack. Samanthas gertenschlanke Figur und ihr ansteckendes Lächeln hatten schon ganz andere Männer schwachgemacht. Arnie dagegen sah aus wie der Junge, der nie ein Mädchen abbekam, so herzlos das auch klingen mochte. Er war blass, hatte dünnes braunes Haar, das bereits eine Glatze erkennen ließ, und hellbraune Augen hinter einer dicken Brille. Zu Jeans trug er ein kariertes T-Shirt, und seine ganze Haltung schien zu sagen „Bitte tu mir nichts“.

Arnie verzog das Gesicht, als wäre er nicht sicher, ob er lächeln sollte oder nicht. „Wie ich höre, soll es Erweiterungen im Bereich Internet geben. Das ist gut für meine Abteilung.“

„Jedenfalls wird es viel Arbeit geben.“

„Das schaffen wir, da bin ich sicher.“

„Ich auch“, erwiderte Jack. „Sobald Samantha ihre Pläne ausgearbeitet hat, wird sie sich mit Ihnen und Ihren Leuten zusammensetzen, um die Details zu besprechen. Möglicherweise gibt es ein Kapazitätsproblem beim Server, aber mit den technischen Dingen kenne ich mich nicht aus, dazu brauche ich Sie. Und Ihre Erfahrung, was den Starttermin der neuen Seiten angeht. Wir wollen so bald wie möglich loslegen.“

Arnie nickte heftig. „Okay. Klar. Das kann ich alles machen. Aber, äh, wissen Sie, George hat sich nie fürs Internet interessiert. Er hielt das Zeitschriftengeschäft immer für viel wichtiger.“

Einer der Gründe, warum die Hanson Media Gruppe in Schwierigkeiten steckt, dachte Jack. Zeitschriften zu produzieren war teuer.

„Ich sehe die Erweiterung des Internetauftritts als eine schnelle und kostengünstige Möglichkeit für das Firmenwachstum“, sagte Jack. „Nach dem Start der Website werden die laufenden Kosten sehr viel niedriger sein.“

„Oh, das sehe ich auch so“, erwiderte Arnie schnell. „Ich halte es für eine tolle Idee, und die meisten in meiner Abteilung auch. Aber nicht jeder denkt so.“

Die Bemerkung gefiel Jack ganz und gar nicht. „Wer denn zum Beispiel?“

Arnie wirkte wie ertappt. „Oh, ich meinte nur …“

„Wir sind ein Team“, erwiderte Jack. „Und nur so stark wie unser schwächstes Mitglied.“ Hoffentlich war das die größte Plattitüde, die ich diese Woche von mir geben muss, dachte er missmutig. Aber wenn es funktioniert …

Autor

Susan Mallery

Die SPIEGEL-Bestsellerautorin Susan Mallery unterhält ein Millionenpublikum mit ihren Frauenromanen voll großer Gefühle und tiefgründigem Humor. Mallery lebt mit ihrem Ehemann und ihrem kleinen, aber unerschrockenen Zwergpudel in Seattle.

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