Romana Exklusiv Band 335

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KOMM MIT INS ABENTEUERLAND von JESSICA HART

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  • Erscheinungstag 30.04.2021
  • Bandnummer 335
  • ISBN / Artikelnummer 9783751503181
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jessica Hart, Helen Bianchin, Jane Waters

ROMANA EXKLUSIV BAND 335

1. KAPITEL

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen.“

Lächelnd beobachtete Lizzy, wie Jack sich zu Grace hinabbeugte, um sie zu küssen. Es war nur ein flüchtiger Kuss, aber Lizzy war sich sicher, dass die beiden in diesem Moment alles um sich her vergessen hatten.

Die Glückliche, dachte Lizzy und fragte sich ein wenig sehnsüchtig, wann sie an der Reihe wäre. Wann würde sie jemanden finden, der so zu ihr gehörte wie Jack zu Grace?

Natürlich gab es wichtigere Dinge, über die sie sich Gedanken machen musste. Zum Beispiel darüber, dass sie einen Job brauchte. Sich zu verlieben wäre wunderbar, doch davon würden die Kreditkartenrechnungen nicht bezahlt werden.

Ich hätte diese Schuhe nicht kaufen sollen, dachte Lizzy und blickte schuldbewusst an sich hinunter. Sie waren der reinste Luxus, passten allerdings perfekt zu ihrem Kleid, und sie musste doch schön aussehen für Grace’ Hochzeit. Schließlich heiratete ihre kleine Schwester nicht jeden Tag.

Egal, sagte sich Lizzy, ich werde heute nicht über meinen Kontostand nachdenken. Heute ist Grace’ Tag.

Lizzy blickte sich in dem alten Schuppen um. Es schien, als wären die Gäste aus dem ganzen Distrikt angereist, um zuzusehen, wie Grace Jack Henderson heiratete. Alle Gesichter waren Lizzy vertraut, und auf allen lag ein Lächeln.

Mit einer Ausnahme.

Er stand allein da, redete nicht, lächelte nicht, beobachtete nur mit einem Anflug von Zynismus, der ihn mehr als seine Größe und seine schroffen Gesichtszüge von der Menge abhob.

In gewisser Weise fühlte Lizzy sich von dem Fremden bedroht, und sie erschauerte leicht.

Der Fotograf rief sie herbei, um sie mit dem Brautpaar zu fotografieren. Während sie gehorsam in die Kamera lächelte, versuchte sie, den geheimnisvollen Fremden über die Schulter des Fotografen hinweg im Auge zu behalten. Sie bemerkte, dass auch die anderen Gäste ihn misstrauisch betrachteten und einen großen Bogen um ihn machten. Offensichtlich war sie nicht die Einzige, die spürte, dass er anders war, gefährlich, aber dennoch anziehend.

Als der Fotograf fertig war, begrüßte Lizzy die Gäste, die darauf warteten, Jack und Grace zu gratulieren. Gleichzeitig beobachtete sie den Mann. Wer war er? Sein Haar war dunkel und kurz, sein Gesicht markant und furchteinflößend. Obwohl er genauso wie all die anderen Männer im Raum gekleidet war unterschied er sich von ihnen. Es hatte mit dem harten Zug um seinen Mund zu tun, mit der Kraft, die er ausstrahlte, mit seinen kühlen, wachsamen Augen.

Mum wird wissen, wer er ist, dachte Lizzy. Sie drehte sich um, doch ihre Mutter redete mit dem Pfarrer. Als Lizzy sich wieder umwandte, sah sie dem Fremden direkt in die Augen. Sie waren durchdringend hell und so kalt, dass ihr Herz einen Schlag aussetzte und ihr der Atem stockte.

Sie fühlte sich, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Es schien ihr, als hätte er ihren Blick eine Ewigkeit festgehalten.

Und dann lächelte er, ein flüchtiges, ironisches Lächeln, das ihr aus unerfindlichen Gründen die Röte ins Gesicht trieb. Demonstrativ wandte sie ihm den Rücken zu. Ihr Herz hämmerte.

Es war kein freundliches Lächeln gewesen. Nicht wirklich. Sie würde sich nicht erkundigen, wer er war. Von jetzt an würde sie ihn einfach ignorieren.

Doch sie schaffte es nicht. Sie erfüllte ihre Pflichten als Brautjungfer, ging von einer Gruppe zur nächsten, umarmte alte Freunde, lachte, verteilte Küsschen, stimmte den Gästen zu, dass Grace wunderschön aussehen würde und Jack und sie füreinander bestimmt wären. Aber der Fremde schien immer da zu sein, am Rand ihres Blickfelds.

Merkwürdigerweise vermisste sie ihn, sobald sie ihn aus den Augen verlor. Auf dem Weg zurück von der Bar, die an einem Ende des Schuppens aufgebaut war, blieb sie stehen und nippte an ihrem Champagner. Mit leicht gerunzelter Stirn ließ sie den Blick über die Menge schweifen. Wo war er?

„Suchen Sie mich?“, fragte eine Stimme an ihrem Ohr. Lizzy wirbelte herum, ihr Champagner schwappte über.

Aus der Nähe wirkte der Fremde noch zynischer. Nun bemerkte sie, dass seine Augen hellgrau waren. Sie hatte das unangenehme Gefühl, dass diese Augen geradewegs durch sie hindurchsehen konnten.

„Warum sollte ich Sie suchen?“, fragte Lizzy betont kühl.

„Ich bin die einzige Person hier, die Sie nicht zur Begrüßung umarmt und geküsst haben“, sagte er. „Sie möchten doch niemanden übergehen, oder?“

Sie schluckte. „Ich küsse nur Leute, die ich kenne, und Sie kenne ich nicht.“

„Wir könnten uns einander vorstellen. Obwohl ich schon weiß, wer Sie sind.“

Das brachte sie aus der Fassung. „Tatsächlich?“

„Ich habe mich nach Ihnen erkundigt. Sie sind Elizabeth Walker, genannt Lizzy, ältere Schwester der Braut und ein sehr nettes Mädchen.“

„So würde ich mich selbst nicht beschreiben.“

„Wie denn?“

„Als eine erwachsene Frau, die im Beruf ihren Mann steht“, antwortete Lizzy stolz und nicht ganz ehrlich. „Ich mache Pressearbeit.“

„Aha.“ Er nickte und sah auf ihre Füße. „Das erklärt die Schuhe.“

Ganz gegen ihren Willen fand sie ihn gar nicht mehr so unsympathisch. Er war der Einzige, der ihre Schuhe bemerkt hatte. Sie folgte seinem Blick und lächelte. Schuhe hatten irgendetwas. Wenn man ein solches Paar Schuhe trug, musste man sich einfach gut fühlen.

„Sind sie nicht wunderschön?“, erkundigte sie sich.

Der Fremde ließ den Blick langsam höher gleiten. Für Grace’ Hochzeit hatte sie ein traumhaftes Kleid gefunden, das ihre sanften Rundungen und den Schimmer ihrer Haut betonte. Das royalblau unterstrich ihre Augenfarbe und bildete einen schönen Kontrast zu ihrem kinnlangen, gewellten blonden Haar.

„Wunderschön“, stimmte der Fremde zu. Irgendetwas an seinem Tonfall ließ sie erröten, und sie sah schnell weg. Sie war erleichtert, als er wieder ihre Schuhe betrachtete. „Aber nicht sehr praktisch“, fügte er hinzu.

Lizzy merkte, dass sie die Luft angehalten hatte, und atmete tief durch. „Es gibt wichtigere Dinge im Leben als die Frage, ob etwas praktisch ist“, erklärte sie.

Seine Augen funkelten amüsiert. „Sie müssen die einzige Person in diesem Schuppen sein, die so denkt.“

Auch das ist wohl richtig, dachte Lizzy. Sie sah die Menschen an, mit denen sie aufgewachsen war. Sie waren alle wunderbar, und sie liebte sie innig, doch sie verstanden nichts von Schuhen.

„Man muss praktisch veranlagt sein, wenn man im Busch lebt.“ Fast herausfordernd begegnete Lizzy nun seinem Blick. „Ich lebe jetzt in der Stadt.“

„Das habe ich gehört.“

„Sie scheinen alles über mich zu wissen, aber ich habe immer noch keine Ahnung, wer Sie sind.“

„Ich bin Tye Gibson“, sagte der Mann und lächelte zynisch, als er ihren Gesichtsausdruck sah. „Ja, der Tye Gibson“, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. „Hat Ihnen denn niemand erzählt, dass das schwarze Schaf des Distrikts wieder da ist?“

„Nein“, gab Lizzy zu. Tye Gibson! Niemand hatte ihn gesehen, seit er vor fast zwanzig Jahren die Farm seiner Familie verlassen hatte, aber natürlich kannten sie alle die Geschichte. Tye hatte den Kontakt zu seinem Vater abgebrochen und war ausgezogen, um ein Vermögen zu machen.

Sie wusste nur, dass seine Firma GCS etwas mit Kommunikation zu tun hatte, ein weltweit agierender Konzern war und der Name Tye Gibson für Skrupellosigkeit stand. Für einen Jungen aus Barra Creek hatte er viel erreicht, doch niemand wollte ihn zum Helden erklären.

Es schien, dass jeder, der mit ihm zu tun hatte, es anschließend bereute, und auch die Presse mochte ihn nicht. Tye Gibson weigerte sich, Interviews zu geben oder sich fotografieren zu lassen. Offenbar war es ihm egal, wenn die Leute ihn für herzlos und unmoralisch hielten, und je reicher er wurde und je mehr er sich zurückzog, desto mehr Gerüchte kursierten über ihn.

Nun war er offenbar zurückgekehrt – und der Grund war leicht zu erraten.

„Sind Sie nicht ein wenig zu spät gekommen?“, fragte Lizzy.

Tye zog die dunklen Brauen hoch. „Was meinen Sie?“

„Die Beerdigung Ihres Vaters war vor einer Woche.“

„Und?“

„Und konnten Sie sich nicht die Mühe machen, rechtzeitig hier zu sein?“

Seine Miene wurde härter. „Das wäre wohl ein wenig heuchlerisch gewesen, nicht? Mein Vater und ich hatten seit zwanzig Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt. Warum hätte ich an seinem Sarg Krokodilstränen vergießen sollen? Außerdem“, fuhr er fort und ließ den Blick umherschweifen, „bezweifle ich, dass ich sehr willkommen gewesen wäre. Das hat man mir heute deutlich zu verstehen gegeben.“

„Überrascht Sie das?“

„Nicht im Mindesten. Hier hat sich nichts verändert. Ich habe nie damit gerechnet, als der verlorene Sohn begrüßt zu werden.“

„Wenn Sie zurückgekommen wären, als Ihr Vater noch lebte, dann hätte man Sie so empfangen“, erwiderte Lizzy scharf.

Sie musste mehr Champagner getrunken haben, als sie vermutet hatte. Für gewöhnlich hatte sie ein sonniges Gemüt und wollte, dass jeder sie mochte, aber irgendetwas an Tye Gibson ging ihr unter die Haut und verärgerte sie.

„Er wollte Sie sehen“, sagte sie zu Tye, der nur ungläubig eine Augenbraue hochzog.

„Tatsächlich?“

„Nun … das habe ich zumindest gehört. Er soll Sie gebeten haben, nach Hause zu kommen, damit er Sie vor seinem Tod noch einmal sehen konnte.“

Er lachte humorlos. „Ich hätte gern erlebt, dass mein Vater um irgendetwas gebeten hätte!“

Es passte auch nicht so ganz zu dem, was sie von Frank Gibson wusste, nun, da Tye es erwähnt hatte. Frank war ein stolzer Mann gewesen.

„Sie meinen, das ist nicht wahr?“

„Mich darum zu bitten, einen Brief einzuwerfen, hätte aus der Sicht meines Vaters schon bedeutet, klein beizugeben“, antwortete Tye.

„Als er starb, hat er das vielleicht anders gesehen.“

Er lächelte ironisch. „Sie kannten meinen Vater nicht sehr gut, stimmt’s?“

Lizzy blickte ihn verwirrt an. „Was wollen Sie dann hier?“

„Ich bin gekommen, um die Angelegenheiten meines Vaters zu regeln. Und um Barra wieder zu sehen.“

„Ich dachte …“ Sie verstummte. Ihr wurde klar, dass sie einfach nur Klatsch wiederholte.

„Was dachten Sie? Dass mein Vater mich enterbt hat?“

„Nun … Ja“, gab sie zu.

Frank hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass ihn die Zurückweisung seines Sohnes sehr verletzt hatte. Nachdem Tye nicht zurückgekommen war, als Frank im Sterben lag, hatten natürlich alle vermutet, dass Frank seine Drohung wahr gemacht und Tye aus seinem Testament gestrichen hatte.

„Nein, er hat mich nicht enterbt“, entgegnete Tye. Dann presste er die Lippen zusammen, und Lizzy fragte sich, woran er dachte. Es war nichts Positives, so viel war sicher.

Was war das für ein Mann, der sich weigerte, seinen sterbenden Vater zu besuchen? Es war grausam gewesen. Sie betrachtete ihn forschend. Er wurde seinem Ruf nicht gerecht. Sein Gesichtsausdruck war reserviert, ja, verschlossen und stur, aber nicht grausam. Tye erinnert an ein Wildpferd, das sich nicht hat zähmen lassen, dachte Lizzy.

Vielleicht würde er ganz anders wirken, wenn er glücklich wäre. Ihr Blick verweilte auf seinem Mund. Sie versuchte sich vorzustellen, wie er aussehen würde, wenn Tye lächelte – nicht dieses zynische, sondern ein richtiges Lächeln. Was würde ihn dazu veranlassen? Eine Frau? Vielleicht Liebe?

Schnell sah Lizzy weg und trank einen Schluck Champagner. Das hier war Tye Gibson! Gerüchten zufolge hatte er kein Herz. Seine Vorstellung vom Glück war vielleicht, ein Unternehmen in den Ruin zu treiben, gefolgt von einem entspannenden Stündchen Spekulieren an der Börse.

Ein Löffel klirrte an einem Glas, und ihr Vater stieg auf einen Stuhl, um eine Rede zu halten. Liebevoll betrachtete sie ihn. Der gute alte Dad, so ruhig und sanft und unerschütterlich. Sie wäre verloren ohne ihn. Sie konnte sich nicht einmal vorstellen, zwanzig Jahre nicht mit ihm zu reden.

Nach ihrem Vater kam Jack, der alle Gäste zum Lachen brachte. Er brachte zum Schluss einen Toast auf sie als Brautjungfer aus, und alle klatschten, drehten sich um und prosteten ihr zu.

„Auf Lizzy!“, riefen sie, und Lizzy stellte unbehaglich fest, dass ihr Lächeln nicht Tye galt. Lachend warf sie Jack eine Kusshand zu, war allerdings froh, als alle sich wieder dem Brautpaar zuwandten.

Sie sah Tye verstohlen an. An seiner Stelle wäre sie verletzt gewesen, doch er ließ sich nichts anmerken.

„Lizzy!“, rief Grace, und Lizzy blickte zu ihrer Schwester hinüber, die ihren Brautstrauß schwenkte. „Fang!“

Die Blumen flogen durch die Luft direkt auf sie zu, die Bänder flatterten. Instinktiv drückte sie Tye ihr Glas in die Hand, sprang hoch und fing den Brautstrauß. Die Gäste jubelten, als sie ihn triumphierend hochhielt.

„Du bist als Nächste dran!“, rief jemand, und sie lachte.

„Schön wär’s!“

Lizzy strahlte noch, als sie sich wieder zu Tye umdrehte. Er betrachtete sie mit einem so eigenartigen Ausdruck, dass ihr Lächeln langsam verschwand. Nervös zupfte sie an den Blumen, unfähig, seinen Blick zu erwidern.

„Wahrscheinlich denken Sie, dass all diese Dinge ziemlich dumm sind“, meinte sie schließlich.

„Warum sagen Sie das?“

„Sie glauben nicht an die Ehe.“

„Woher wissen Sie das?“

Lizzy dachte an all die schönen Frauen, mit denen Tye ausgegangen war und die sich dann in den Klatschspalten über seine Gefühlskälte, seinen Egoismus, seine hartnäckige Weigerung, sich wirklich zu binden, beklagt hatten. Es war ihr immer merkwürdig vorgekommen, dass diese Frauen alle so traurig klangen, weil es ihnen nicht gelungen war, einen herzlosen Einsiedler in einen romantischen, geselligen Menschen zu verwandeln. Anscheinend hatten sie alle nicht gewusst, was sie zu erwarten hatten.

„Ich habe über Sie in den Zeitungen gelesen.“

„Oh, die Zeitungen!“ Er bemühte sich nicht, seinen Sarkasmus zu verbergen. „Dann muss es ja wahr sein!“

„Ist es das nicht?“

Tye zuckte die Schultern. „Sagen wir so: Ich habe Schwierigkeiten, zu verstehen, worum es sich überhaupt dreht.“ Geringschätzig ließ er den Blick durch den Schuppen gleiten. „Hochzeiten sind immer gleich“, sagte er verächtlich. „Jeder sieht gleich aus. Jeder sagt dasselbe. Dieselben alten Rituale. Die Kleider, die Fotografen, die Reden, der Brautstrauß.“

Er deutete auf die Blumen, die Lizzy in der Hand hielt, und sie presste sie an sich. „Ich mag diese Traditionen“, erklärte sie herausfordernd. „Wenn ich je heirate, werde ich daran festhalten.“

„Und was hilft es?“, fragte er. „Sie können so viele Kuchen anschneiden und so viele Brautsträuße werfen, wie Sie wollen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass eine Hochzeit eine Transaktion ist wie jede andere. In dem Augenblick, in dem eine Partei glaubt, bei dem Handel nicht genug abzubekommen, zerbricht das Ganze. Und ehe Sie sich’s versehen, müssen Sie all diese Leute, die ein Geschenk gekauft haben, von der Scheidung benachrichtigen.“

„Sie sind einfach nur zynisch!“

„Realistisch“, korrigierte er.

„Eine Hochzeit ist keine Transaktion! Es geht um Liebe, gegenseitige Verpflichtungen und Teilen.“

„Sie sind einfach nur romantisch!“

„Warum grinsen die Leute immer höhnisch, wenn sie das sagen?“, erkundigte Lizzy sich wütend. „Es ist nicht falsch, an die Liebe zu glauben!“

Tye schüttelte den Kopf. „Es erstaunt mich immer wieder, wie ansonsten intelligente Leute an dem Glauben festhalten, dass die Hochzeit der Beginn für ein schönes gemeinsames Leben ist! Haben Sie in Ihren Zeitungen nie die Scheidungsstatistiken gelesen?“

„Natürlich habe ich das“, entgegnete sie würdevoll. „Deswegen sollte man warten, bis man absolut sicher ist, dass man den richtigen Menschen heiratet. Und ‚warten‘ scheint das richtige Wort zu sein“, fügte sie, nur halb im Scherz, hinzu. „Ich bin dreiunddreißig, und ich warte noch immer! Ich hätte mich nie bereit erklären sollen, Grace’ Brautjungfer zu werden.“ Sie sah finster auf den Brautstrauß. „Sie wissen ja, es heißt: ‚Dreimal Brautjungfer, niemals Braut‘.“

„Geben Sie die Hoffnung nicht auf“, erwiderte Tye. In seiner Stimme lag Ironie und etwas anderes, das Lizzy nicht deuten konnte. „Sie haben den Strauß gefangen.“

„Ich glaube, das gilt nicht, wenn er einem direkt zugeworfen wird.“ Sie seufzte, dann errötete sie, als sie seinem Blick begegnete. Offensichtlich hielt er sie für eine verzweifelte Mittdreißigerin. Sie musste sich wirklich bemühen, positiver zu klingen.

„Egal“, fuhr sie schnell fort, „ich habe beschlossen, nicht zu heiraten, bis ich mir sicher bin, dass es perfekt wird, und bis dahin konzentriere ich mich auf meine Karriere.“

„Ah ja. Die Frau, die im Berufsleben ihren Mann steht. Sie sagten, dass Sie in der PR-Branche arbeiten?“

„Ja. Ich bin freie Beraterin“, wich sie aus. Hoffentlich vermutete Tye nicht, dass ihre Bemühungen, sich selbstständig zu machen, bisher zu nichts geführt hatten!

„In dieser Gegend gibt es bestimmt nicht viel Bedarf an Public Relations“, bemerkte er.

Lizzy schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht, dass irgendwer in Mathison auch nur weiß, was PR bedeutet! Ich lebe in Perth“, informierte sie ihn. „Ich bin nur zu Grace’ Hochzeit nach Hause gekommen, und am Montag fahre ich zurück.“

„Ah ja.“ Er sah sie mit neu erwachtem Interesse an. „Haben Sie im Moment viel zu tun?“

„Ich habe verschiedene Projekte in Vorbereitung“, sagte sie gespielt lässig.

Ihr Projekt für Montag war, die Zeitung zu kaufen und sie nach einem Job durchzusehen – jedem Job, mit dem sie ihre Rechnungen bezahlen konnte, damit sie nicht vor früheren Chef zu Kreuze kriechen musste. Es gab allerdings keinen Grund, es Tye Gibson zu erzählen.

„Sie wissen nicht zufällig jemanden, der an einer … ganz besonderen Aufgabe interessiert wäre?“, fragte er beiläufig.

Starr blickte sie ihn an. „Sie haben einen Job zu vergeben?“

„So könnte man es nennen.“

Seine Stimme hatte einen trockenen Unterton, doch Lizzy war zu aufgeregt, um es zu bemerken. Tye Gibson war bestimmt nicht der beliebteste Chef der Welt, aber es bestand kein Zweifel, dass GCS ein renommiertes Unternehmen war. Wenn GCS auf ihrer Referenzliste stand, würden die Leute Schlange stehen, um sich von ihr beraten zu lassen.

„Was für einen Job?“ Sie versuchte, nicht zu interessiert zu klingen.

Tye zögerte ein wenig, bevor er antwortete. „Es ist streng vertraulich. Ich möchte nicht zu viel sagen, bis ich sicher bin, dass ich die richtige Person gefunden habe.“

Vertraulich? Das klang vielversprechend. Lizzy befeuchtete ihre Lippen. „Ich habe zufällig gerade ein wenig Zeit. Eventuell wäre ich interessiert.“

Er betrachtete sie forschend, und sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten. „Wir reden hier über eine bedeutende Position“, sagte er schließlich. „Ich brauche jemanden mit einem guten Gespür.“

Sie warf den Kopf zurück, als sie seinen zweifelnden Gesichtsausdruck bemerkte. „Ich bin professionell.“

„Professionell zu sein ist leicht. Ich suche jemanden, der keine Angst hat, sich von der Menge abzuheben. Jemanden mit Ehrgeiz. Jemanden, der bereit ist, alles zu tun, um diesen Job gut zu machen.“

„Das alles trifft auf mich zu“, versicherte Lizzy.

„Sicher? Ich habe mich vorhin nach Ihnen erkundigt, und alles, was man mir sagen konnte, war, dass Sie ein nettes Mädchen sind. Nette Mädchen bestehen nicht lange in einer Wettbewerbssituation. Ich denke, Sie sind zu nett für mich“, erklärte er freimütig.

„Nicht immer.“ Sie war bestürzt. Es sah aus, als könnte sie die fantastische Gelegenheit, die sich so unerwartet aufgetan hatte, nicht beim Schopf packen. Für GCS zu arbeiten würde das Ende all meiner Probleme bedeuten, dachte sie grimmig. Sie konnte sich diese Chance nicht entgehen lassen.

„Es ist die Hochzeit meiner Schwester. Natürlich bin ich heute nett, aber bei der Arbeit bin ich ganz anders.“

Tye wirkte nicht überzeugt. „Ich kann keine Zeit mit Tränen, Dramen und verletzten Gefühlen zu verschwenden“, warnte er sie. „Ich habe nur Zeit für Ergebnisse. Wollen Sie mir erzählen, dass Sie dickköpfig genug sind, um es mit mir aufzunehmen?“

„Da bin ich sicher“, behauptete sie und ließ sich ihre Bedenken nicht anmerken. Sie brauchte diesen Job. „Was kann ich tun, um Sie zu überzeugen?“

Tye antwortete nicht gleich. Er dachte nach und ließ den Blick durch den Schuppen schweifen, bevor er sich ihr schließlich wieder zuwandte.

„Ich werde alles tun“, sagte sie schnell.

„Okay. Küssen Sie mich.“

2. KAPITEL

„Ich soll Sie küssen?“ Lizzy errötete verlegen, als sie merkte, wie ihre Stimme sich überschlug, und räusperte sich schnell.

„Warum sollte ich das tun?“ Das war besser. Es klang viel mehr nach der gewieften PR-Frau, die sie zu sein vorgab.

„Sie haben gesagt, Sie würden alles tun.“

Lizzy spürte, wie ihre Selbstsicherheit schwand, und blickte Tye unbehaglich an. „Ja, ich weiß, aber …“

„Wollen Sie mir damit sagen, dass Sie nicht bereit sind, alles zu tun?“

„Sie machen Witze.“

„Sehe ich so aus?“

Nein, das tat er nicht.

Sie schluckte. „Ist das immer Bestandteil der Bewerbungsgespräche, die Sie führen?“

„Nur bei denen, denen ich eine ganz besondere Aufgabe zugedacht habe.“ Noch immer verzog er keine Miene, doch seine Augen funkelten belustigt.

„Sie machen Witze!“

„Nein, das mache ich nicht. Sie haben mich gefragt, wie Sie mich überzeugen können, dass es richtig wäre, Ihnen eine Chance zu geben. Und ich habe es Ihnen gesagt. Sie können mich küssen.“

„Aber wie wollen Sie durch einen Kuss irgendetwas über meine beruflichen Fähigkeiten erfahren?“, erkundigte sich Lizzy. Ihr Herz hämmerte schon bei dem Gedanken, Tye zu küssen, aber sie versuchte es zu ignorieren.

„Ich bin nicht an Ihren Fähigkeiten interessiert“, erklärte er. „Ich möchte wissen, ob Sie eine Person sind, die bereit ist, sich von der Menge abzuheben – und nicht nur, indem Sie lächerliche Schuhe tragen. Sehen Sie sich um, Lizzy“, fuhr er fort und deutete mit einem Nicken auf die anderen Gäste. „Sehen Sie, wie viele Leute uns beobachten und versuchen, ganz unbeteiligt zu tun. Sie haben etwas dagegen, dass Sie mit mir sprechen.“

Es stimmte. Lizzy stellte fest, dass Freunde, die sie seit Jahren kannte, ihren Blick mieden, während andere heimlich zu ihr herübersahen. Es war ein unangenehmes Gefühl.

Okay, Tye war nicht der charmanteste Mann der Welt und sein Ruf zweifelhaft, doch so schlecht war er nun auch wieder nicht. Sie hätte nicht behaupten können, dass sie ihn mochte. Er gefühllos und machte aus seiner Verachtung für ihre Familie und ihre Freunde keinen Hehl. Aber irgendetwas an ihm faszinierte sie.

„Ich bin hier nicht willkommen, das ist offensichtlich“, sagte Tye, und er klang nicht so, als würde es ihm etwas ausmachen. „Ich gehöre hier nicht her, und wenn ich ihnen auch nur den geringsten Grund geliefert hätte, wären viele Leute mehr als glücklich gewesen, mich hinauswerfen zu können. Es ist für sie schlimm genug, zu sehen, dass Sie hier die ganze Zeit mit mir stehen. Wie, denken Sie, würden sie reagieren, wenn Sie mich küssen würden?“

Obwohl sie es sich erstaunlich gut vorstellen konnte, Tye zu küssen, konnte sie sich die Reaktionen der Umstehenden nicht ausmalen.

„Sie haben behauptet, Sie würden sich nicht darum kümmern, was andere denken, und tun, was nötig ist, um zu bekommen, was Sie möchten.“ Er sah sie an, und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er den unsicheren Ausdruck in ihren blauen Augen bemerkte. „Und nach so einer Person suche ich.“

„Und wenn ich nicht zur Außenseiterin werden möchte?“

Tye zuckte die Schultern. „Dann gehe ich. Und finde jemand anderen.“

Er könnte wenigstens so klingen, als würde es ihm etwas ausmachen, dachte Lizzy beinah gereizt und strich mit dem Finger um den Fuß ihres Champagnerglases.

Sie war immer stolz auf ihre Weigerung gewesen, eine bestimmte Rolle zu spielen. Als junges Mädchen hatte sie über die altmodische Haltung ihrer Eltern und ihrer Freunde gemurrt. Der Distrikt war zwar groß, die Ansichten der Einwohner allerdings eher kleinbürgerlich.

Sie hatte es kaum abwarten können, das Haus zu verlassen und in die Stadt zu ziehen. Sie sah sich selbst als Kosmopolitin, und wann immer sie nach Hause kam, bemühte sie sich, so großstädtisch wie möglich auszusehen. Sie wusste, dass man sie liebevoll damit aufzog, und mochte es, wenn man sie für unkonventionell hielt.

Sie haben behauptet, Sie würden sich nicht darum kümmern, was andere denken. Tye hatte sie herausgefordert, und sie hatte große Lust, diese Herausforderung anzunehmen. In ihrem tiefsten Inneren war ihr jedoch klar, dass es ihr sehr wohl etwas ausmachte. Diese Leute waren ihre Familie und ihre Freunde. Sie wollte nicht im Busch leben, aber das bedeutete nicht, dass sie sie unnötig schockieren oder verletzen wollte. Letzten Endes wollte sie von allen gemocht werden.

Es würde einen Aufruhr geben, wenn sie Tye Gibson küssen würde, und Lizzy zitterte innerlich bei dem Gedanken.

„Ich kann mich nicht mitten auf der Hochzeit meiner Schwester in Ihre Arme werfen“, versuchte sie es mit einer Ausflucht. Sie wusste nicht, dass ihre Gedanken ihr im Gesicht geschrieben standen. „Es würde eine Szene geben, und ich möchte meiner Schwester nicht den Tag zu verderben. Das wäre nicht fair.“

Tye wirkte gelangweilt. „Ich dachte nicht an eine leidenschaftliche Umarmung. Ich weiß, dass Sie ein viel zu nettes Mädchen sind, um sich auf so etwas einzulassen!“

„Oh.“ Die Art, wie er „nett“ gesagt hatte, gefiel Lizzy gar nicht. Nicht, dass sie ihn küssen wollte, aber sie wollte auch nicht als prüde gelten. Sie war sich nicht klar darüber, ob sie erleichtert oder verletzt war, weil er sich ihr gegenüber so gleichgültig gab.

„Woran dachten Sie dann?“

„Mehr an ein Küsschen auf die Wange“, antwortete er, und sie kam sich lächerlich vor, weil sie daran gedacht hatte, dass er etwas anderes gemeint haben könnte. „Ein flüchtiger Kuss, um Auf Wiedersehen zu sagen, das ist alles.“

„Oh“, sagte Lizzy wieder.

Sie biss sich auf die Lippe. In der Menge sah sie aus den Augenwinkeln ihre Eltern, die Freunde auf der anderen Seite des Schuppens begrüßten. Sie würden es gar nicht mögen, wenn sie Tye küsste, ganz egal, wie.

Vielleicht würde es keiner merken. Es wäre dann schon dunkel und die Feier weit vorangeschritten. Jeder wäre zu sehr damit beschäftigt, sich zu amüsieren, um sich zu fragen, was sie da mit Tye Gibson tat, und es würde ja auch nicht länger dauern als eine Sekunde.

Und es wäre es wert. Eine ganz besondere Aufgabe, hatte Tye es nicht so genannt? Selbst wenn man einmal davon absah, was es für ihren Lebenslauf bedeuten würde, ein wichtiger Job in einer Firma wie GCS war auf jeden Fall lukrativ.

Es war ja schön und gut, dass sie niemanden aufregen wollte, doch sie brauchte Geld. Seit Stephen ausgezogen war, hatte sie alle Rechnungen allein zahlen müssen, und auch Grace’ Hochzeit war teuer gewesen. Sie war ein paar Mal zwischen Perth und Mathison hin- und hergeflogen, hatte Geschenke und ein schönes Brautjungfernkleid gekauft.

Von den Schuhen ganz zu schweigen.

Lizzy schnitt ein Gesicht, als sie an ihre Kreditkartenabrechnung dachte. Wenn man es genau betrachtete, war ihre einzige andere Chance, einen Aushilfsjob zu bekommen, der sie über Wasser hielt. Zwar hatte sie schon früher gejobbt, aber mit dreiunddreißig hatte sie es eigentlich nicht mehr vorgehabt. Es war deprimierend, wenn sie daran dachte, wie sie mit ihrer Tätigkeit geprahlt hatte.

Sie konnte ihre Eltern um Hilfe bitten, doch es wäre nicht fair, nachdem diese gerade alle Kosten für Grace’ Hochzeit getragen hatten. Nein, entschied Lizzy, sie würde sich nicht an sie wenden. Sie hatte ihren guten Job aufgegeben, und nun lag es an ihr, einen Weg aus ihrem Dilemma zu finden.

Sie konnte sich mit einem Aushilfsjob zufriedengeben.

Oder sie konnte Tye Gibson küssen.

Sie hatte die Wahl: Entweder konnte sie genug Geld zusammenkratzen, um die Rechnungen zu bezahlen, oder die große Gelegenheit ergreifen, die sich ihr bot – eine wichtige Stelle in einem renommierten Unternehmen, die den Grundstein zu ihrer Karriere legen konnte. Warum zögerte sie nur?

Tye hatte die widerstreitenden Gefühle beobachtet, die sich in ihrem Gesicht widerspiegelten. Nun sah er demonstrativ auf die Uhr und stellte sein Glas weg. „Ich gehe jetzt“, sagte er.

„Was, jetzt schon?“ Lizzy blickte ihn verärgert an. Sie hatte angenommen, ihr würde noch der restliche Abend bleiben, um ihren ganzen Mut zusammenzunehmen.

„Es gibt keinen Grund, hierzubleiben“, antwortete er. „Ich habe getan, weswegen ich gekommen bin. Ich dachte, es wäre interessant, zu sehen, ob sich irgendetwas verändert hat. Hat es sich aber nicht.“ Seine grauen Augen funkelten spöttisch. „Kommen Sie mit mir hinaus?“

Es war lächerlich, so ein Drama wegen eines flüchtigen Kusses zu machen. Alles, was sie tun musste, war, mit ihm durch den Schuppen zu gehen, ihn zu verabschieden und die Wange an seine zu schmiegen.

Lizzy stellte ihr Glas ab. „Ich begleite Sie.“

„Gut.“

Tye drehte sich um und ging mitten durch den Schuppen auf die großen Holztüren zu, die weit offen standen. Ein Tye Gibson drückt sich nicht an der Wand entlang, dachte sie verzweifelt und bewundernd zugleich, als sie sich beeilte, ihm zu folgen.

Er schien die beinah greifbare Feindseligkeit der anderen nicht zu spüren. Lizzy musste sich Mühe geben, ihn einzuholen, und sie war sich der Tatsache bewusst, dass alle ihr nachblickten.

Tye wartete an der Tür auf sie. Sie sagte sich, dass ihre plötzliche Atemlosigkeit darauf zurückzuführen war, dass sie auf den hohen Absätzen so schnell gelaufen war – es hatte nichts damit zu tun, dass sie ihn gleich küssen sollte.

Draußen war es schon dunkel. Noch zwei Schritte, und die Schatten hätten sie verschluckt. Doch Tye war absichtlich auf der Schwelle stehen geblieben. Direkt über ihnen war eine Lampe. Es war, als würden sie auf einer Bühne stehen.

„Nun, auf Wiedersehen“, sagte Tye und streckte die Hand aus. Ein herausforderndes Funkeln lag in seinen Augen.

Lizzy begriff, dass er annahm, sie würde den Mut verlieren, und mehr brauchte es nicht. Das war ihre Chance, sich zu beweisen.

Lizzy nahm seine Hand. „Auf Wiedersehen.“ Sie war überrascht, wie fest ihre Stimme klang.

Sein Händedruck war kräftig, und als seine Finger ihre umschlossen, war sie alarmiert. Trotzdem sah sie Tye in die Augen.

„Es war schön, Sie kennenzulernen“, fuhr sie fort, und ohne seine Hand loszulassen, legte sie ihm die andere Hand auf die Brust.

Unter dem Sakko spürte sie seine Muskeln und hatte das lebhafte Gefühl, dass die Zeit stehen blieb. Sie nahm den Stoff unter ihrer Hand wahr, Tyes Finger, die ihre umschlossen hielten, und das Pochen ihres Herzens.

Sie war groß, doch er überragte sie, und da er den Kopf nicht hinabbeugte, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen. Lizzy schmiegte die Wange an seine, spürte seine kühle Haut, atmete seinen männlichen Duft ein, berührte seine Wange leicht mit den Lippen und erschauerte.

Alles schien wie in Zeitlupe zu passieren. Lizzy hatte die anderen Gäste vergessen, aber nicht, was sie da tat, und als sie spürte, dass Tye seinen Griff lockerte, hielt sie seine Hand fest. Wenn sie schon einen Skandal verursachte, dann richtig. Sie würde ihm zeigen, wie sehr sie bereit war, sich von der Menge abzuheben!

Er verspannte sich, als sie die Hand von seiner Brust zu seiner Schulter gleiten ließ. Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen. Dann lächelte Lizzy, senkte die Lider, und plötzlich schien es ganz natürlich, dass ihr Mund seinen berührte.

Sie hatte vermutet, dass seine Lippen sich kühl und unnachgiebig anfühlen würden, doch so war es nicht. Sie waren fest, ja, aber warm, warm, einladend und aufregend, und Lizzy spürte instinktiv, dass sie das Richtige tat.

Genau in diesem Moment legte Tye den Arm um sie und zog sie an sich. Sie fühlte sich hilflos und geborgen zugleich. Einen schwindelerregenden Augenblick lang erwiderte er ihren Kuss, und seine Hand brannte durch den seidigen Stoff auf ihrer Haut – nur eine kurze Berührung, aber lange genug, um sie so zu elektrisieren, dass Lizzy nach Atem rang.

Das war genug, um den Kuss zu beenden. Tye löste sich von ihr, und irgendwie schaffte sie es, stehen zu bleiben, obwohl ihr schwindelig war und sie weiche Knie hatte. Sie blinzelte angestrengt, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Was war passiert? In der einen Sekunde war sie entschlossen gewesen, ihn zu beeindrucken, und in der nächsten … in der nächsten war da dieses brennende Durcheinander von Gefühlen gewesen, erregend und erschreckend zugleich. Lizzy hätte nicht einmal sagen können, wie lange es gedauert hatte. Sie wusste nur, dass nichts mehr so war wie zuvor.

Lizzy sah auf ihre Hand. Diese lag auf seiner Schulter, und die späte Erkenntnis, dass sie Tye noch immer festhielt, veranlasste sie, förmlich zurückspringen, obwohl sie sich gern auf ihn gestützt hätte.

Sie hatte ihn geküsst, weil sie einen Job brauchte, nicht eine Schulter zum Anlehnen.

„Werden …?“ Vor Schreck darüber, dass ihre Stimme so heiser klang, verstummte Lizzy. „Werden Sie mich nun für die Stelle in Betracht ziehen?“, brachte sie schließlich hervor, nachdem sie sich einige Male geräuspert hatte.

„Das werde ich bestimmt“, antwortete Tye, und dann machte er ihre verzweifelten Versuche, sich wieder zu fangen, zunichte, indem er sie anlächelte.

Er hatte sie schon vorher angelächelt, aber nun war sein Lächeln anders. Es ließ seine harten Gesichtszüge weich erscheinen, und seine kühlen Augen strahlten einen unerwarteten Charme aus. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

„Wa… Wann?“, fragte sie stockend. Sie wollte ihn nach einem Termin für ein Vorstellungsgespräch fragen, brachte allerdings keinen ganzen Satz zustande.

Tye schien sie zu verstehen. Er nahm eine Visitenkarte aus der Innentasche seines Sakkos und reichte sie ihr.

„Rufen Sie mich an“, sagte er und drehte sich um. Er verließ den Schuppen und ging in die dunkle Nacht hinaus. Lizzy blieb zurück und sah ihm nach.

Fünf vor acht. Lizzy blickte zum x-ten Mal auf die Uhr und fragte sich, ob es zu spät war, sich andere Schuhe anzuziehen. Als sie ihr Zimmer verlassen hatte, war sie mit ihrer Wahl zufrieden gewesen. Sie hatte lange überlegt, was sie anziehen sollte, und sich schließlich für ein einfarbiges Etuikleid entschieden, das ihrer Figur schmeichelte, ohne sie allzu sehr zu betonen. Es war einfach geschnitten und wirkte durch sein kräftiges Türkis und das fließende Material. Darin würde sie modern und professionell aussehen, ohne so zu wirken, als würde sie Tye beeindrucken wollen.

Vielleicht war es ein wenig kürzer, als sie es für ein Bewerbungsgespräch für richtig hielt, aber bei den meisten Vorstellungsgesprächen wurde sie auch nicht nach Sydney eingeflogen, mit einer Limousine vom Flughafen abgeholt und in einem so luxuriösen Hotel untergebracht, dass sie schluckte, als sie ihr Zimmer sah.

Sie hatte ihren ganzen Mut zusammennehmen müssen, um Tye am Montag nach Grace’ Hochzeit anzurufen. Sie hatte vor dem Telefon gestanden, seine Visitenkarte hin- und hergedreht und gewünscht, sie könnte diesen Kuss vergessen. Sie war geradezu lächerlich nervös bei dem Gedanken, ihn wieder zu sehen. Schon der Gedanke an seine Stimme am anderen Ende der Leitung reichte, um all ihre Sinne in Aufruhr zu versetzen.

Warum habe ich das alles auf mich genommen, um seine Telefonnummer zu bekommen, wenn ich ihn nun nicht anrufe, fragte Lizzy sich streng. Schließlich bestand noch die Chance, dass Tye sie einfach mit jemandem aus der Personalabteilung bekannt machen würde und sie nie wieder mit ihm zu tun hätte.

Sie musste diese Schuhe bezahlen, oder?

Und als sie schließlich die Nummer wählte, nahm nicht Tye ab, sondern seine tatkräftige, kühle Assistentin, die ihr erklärte, sie würde für sie einen Flug nach Sydney buchen. Mr. Gibson, sagte sie, würde sie am kommenden Freitag um acht Uhr zum Abendessen treffen. Es schien eine merkwürdige Zeit für ein Bewerbungsgespräch, doch Lizzy wagte es nicht, weitere Fragen zu stellen.

Ihre Stimmung hob sich auf dem Flug nach Sydney. Ein Erste-Klasse-Ticket, ein Chauffeur, der sie vom Flughafen abholte, eine Luxussuite in einem Hotel der Spitzenklasse … Tye musste es ernst gemeint haben, als er von einem wichtigen Posten sprach. Lizzy gratulierte sich selbst, dass sie den Mut gehabt hatte, ihn zu küssen. Hinterher war es schrecklich gewesen – und das war noch untertrieben –, aber das war es ganz eindeutig wert.

Um das zu feiern, war sie gleich nach ihrer Ankunft in Sydney zu einem Einkaufsbummel losgezogen und hatte ein Paar Schuhe gefunden, die so perfekt zu ihrem Kleid passten, dass sie nicht widerstehen konnte. Sie hatte sie statt der eleganten schwarzen Pumps angezogen, die sie mitgebracht hatte. Während sie nun neben einem Brunnen in der Hotellobby saß und auf Tye wartete, fragte Lizzy sich allerdings, ob es eine so gute Idee gewesen war.

Sie waren schön, hatten genau die richtige Farbe und waren mit falschen Pfauenfedern verziert, die durch einen Glasstein gehalten wurden. Doch vielleicht war es ein wenig zu viel des Guten?

Die anderen Gäste waren dezent, aber teuer gekleidet, und Lizzy hatte einige Seitenblicke auf ihre Schuhe bemerkt.

Tye würde jede Minute da sein. Lizzy sah wieder auf die Uhr. Sie schlug das rechte Bein über das linke, dann das linke über das rechte, trommelte mit den Fingern auf die Armlehnen und widerstand nur mit Mühe dem Drang, ihr Make-up zu überprüfen.

Sie benahm sich wirklich lächerlich! Lizzy straffte sich. Das hier war ein Bewerbungsgespräch, kein Rendezvous! Es würde alles gut laufen. Sie musste nur sachlich und professionell sein und Tye wissen lassen, dass dieser Kuss zumindest für sie nur eine etwas ungewöhnliche Form des ersten Bewerbungsgesprächs gewesen war.

„Ruhig … professionell …“, sagte Lizzy leise und sah wieder auf ihre Schuhe. Nein, sie gaben ihr nicht das richtige Image! Sie musste die anderen Schuhe anziehen. Wenn sie sich beeilte, konnte sie noch schnell auf ihr Zimmer gehen und schon wieder zurück sein, wenn Tye kam.

Sie sprang auf und eilte auf den Aufzug zu, aber sie war kaum drei Schritte weit gekommen, als die Tür aufschwang und Tye die Lobby betrat.

Lizzy blieb stehen, das Wiedersehen war beinah ein Schock. Sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass Tye ihr so … vertraut erschien. Es war, als hätte sie dieses dunkle, verschlossene Gesicht, diese wachsamen Augen und die mühsam unterdrückte Kraft schon immer gekannt.

Tye stand mitten in der Halle und blickte sich um. Lizzy wartete wie erstarrt neben dem Brunnen, und das Herz schlug ihr bis zum Hals, als er auf sie zukam.

„Hallo!“ Sie lächelte nervös und zuckte innerlich zusammen, als sie ihre Stimme hörte. Ruhig und professionell? Ja, klar!

Sie räusperte sich und streckte die Hand aus. „Danke, dass Sie gekommen sind.“

Das war schon besser. Gefasst und kompetent. Na ja, fast.

Ein merkwürdiger Ausdruck lag in seinen Augen, Tye er sie ansah. Er musterte sie eingehend, aber befremdlich unpersönlich. Sein Blick glitt von ihrem weichen blonden Haar, das ihr Gesicht mit den strahlend blauen Augen und dem großen, humorvollen Mund umrahmte, über das türkisfarbene Kleid und die langen, schlanken Beine. Er verweilte schließlich auf den Schuhen mit den Federn und den auffälligen Steinen.

Tye verzog den Mund und sah ihr wieder in die Augen. „Es ist mir ein Vergnügen“, sagte er.

Er nahm ihre Hand, und in dem Moment, in dem seine Finger sich um ihre schlossen, drohte sie die Fassung zu verlieren. Sein Händedruck war warm und fest, und die Berührung ließ ihren ganzen Arm prickeln. Er musste ihr nur die Hand geben, und schon wurde ihr schwindlig, als hätten sie sich wieder geküsst. Es war nicht fair.

„Sie sind sehr förmlich“, fuhr Tye fort, und seine Augen blitzten. „Als wir uns das letzte Mal trafen, haben wir uns geküsst.“

Als hätte sie das vergessen! Als könnte sie nicht noch immer den Stoff seines Sakkos spüren, seine Lippen auf ihren, diese tiefe, gefährliche Erregung! Als hätte sie nicht jede Sekunde dieses Kusses neu durchlebt, jede Sekunde seiner Umarmung, mit der er sie so mühelos an sich gezogen hatte.

Lizzy befeuchtete verstohlen ihre Lippen. „Das war, weil ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden wollte.“

Sie wünschte, er würde ihre Hand loslassen, doch als sie versuchte, sie wegzuziehen, hielt Tye sie fest. „Es hat geklappt“, antwortete er mit einem amüsierten Funkeln in den Augen, als er sie unerbittlich näher zu sich zog. „Aber dieses Mal sollten wir uns küssen, weil wir uns freuen, uns zu sehen.“

Es war wie auf der Hochzeit, nur war es diesmal Tye, der den ersten Schritt machte. Seine Lippen strichen über ihren Mundwinkel und berührten ihre Wange.

Für einen Beobachter musste es wie ein freundschaftlicher Begrüßungskuss aussehen, doch ihre Sinne waren außergewöhnlich empfänglich für den Duft seines Haars, die Berührung seiner Lippen und seiner kühlen Haut. Plötzlich verspürte Lizzy das ebenso überwältigende wie unerklärliche Bedürfnis, sich an ihn zu lehnen und den Kopf zu wenden, sodass sie sich küssen konnten, wie sie sich auf der Hochzeit geküsst hatten.

Einen Moment lang war Lizzy sich sicher, dass Tye genau das tun würde, und schloss die Augen. Nach kurzen Zögern hob er allerdings den Kopf und ließ sie los.

Ein höflicher Kuss zur Begrüßung, das war alles gewesen. Lizzy errötete vor Enttäuschung und Wut über ihre eigene Dummheit. Wie war sie nur auf die Idee gekommen, dass es irgendetwas anderes hätte sein können?

Hatte Tye gemerkt, dass sie sich beinah zum Narren gemacht hätte? Lizzy warf ihm einen Seitenblick zu, aber seine Miene war undurchdringlich. Wenn die flüchtige Berührung auch seine Sinne in Aufruhr versetzt hatte, so ließ er es sich nicht anmerken.

„Kommen Sie“, sagte Tye und nahm ihren Arm. „Wir nehmen einen Drink, bevor wir gehen.“

Er führte sie zur Bar. Da sie ganz weiche Knie hatte, war sie froh, als sie schließlich in einen der tiefen Sessel sinken konnte.

Ein Kellner erschien. „Champagner“, bestellte Tye, ohne ihn anzusehen.

„Sofort, Sir.“

„Champagner?“ Sie musste sich sehr anstrengen, um gefasst zu bleiben. Ruhig und professionell, klar?

Klar.

„Was feiern wir?“

„Dass Sie gekommen sind.“

Lizzy sah ihn an. Sie wusste nicht genau, was sie erwartet hatte. Vielleicht dass er ein Geschäft über eine Milliarde Dollar abgeschlossen oder einen Mitbewerber in den Ruin getrieben hatte. Alles, außer der Antwort, die er gegeben hatte.

„Haben Sie gedacht, ich würde nicht kommen?“

„Ich war mir nicht sicher.“

„Ich hätte Sie nicht geküsst, wenn ich nicht wirklich gewollt hätte, dass Sie mich für diesen Job in Betracht ziehen“, erklärte sie.

„Richtig.“ Tye ließ sich durch ihre wenig schmeichelhaften Beweggründe offenbar nicht irritieren. „Aber ich habe mich gefragt, ob Sie Ihre Meinung vielleicht geändert haben, als ich weg war. Sicher haben viele Leute versucht, Sie davon zu überzeugen, dass es ein schrecklicher Fehler wäre, etwas mit mir zu tun zu haben. Oder wollen Sie mir erzählen, dass niemand unsere herzliche Verabschiedung bemerkt hat?“

„Und ob man sie bemerkt hat.“ Lizzy erinnerte sich an den Moment, als sie sich von den Schuppentüren abgewandt hatte und den neugierigen und erbosten Blicken begegnet war. „Mum war nicht sehr begeistert.“

Das war die Untertreibung des Jahres. Ihre Mutter hatte den Kuss nicht einmal gesehen, sondern nur davon gehört, und sie war entsetzt gewesen.

„Es war schlimm genug, dass er überhaupt auf der Hochzeit erschienen ist, da musstest du ihn auch noch küssen! Was hat dich denn geritten, dass du dir so eine Blöße geben musstest?“

„Er hat mir leidgetan“, antwortete Lizzy.

Es widerstrebte ihr, die Wahrheit zu sagen. Wenn sie ihrer Mutter erzählt hätte, dass sie Tye hatte küssen müssen, damit er sie für einen Job in Betracht zog, hätte es seinem Ruf nur noch mehr geschadet. Sie wusste zwar nicht, warum sie sich etwas aus seinem Ruf machte, aber sie wusste, dass sie nicht dafür verantwortlich sein wollte, wenn er noch schlechter wurde.

„Tye Gibson hat dir leidgetan? Du musst der erste Mensch sein, dem er leidtut.“

Das ist vielleicht wahr, dachte Lizzy ironisch. Es war nicht leicht, einen Mann wie Tye zu bemitleiden. Er war zu stark, zu kompetent, und was andere Leute über ihn dachten, berührte ihn zu wenig.

„Wir haben ihn nicht gerade willkommen geheißen“, versuchte sie ihrer Mutter zu erklären. „Ich dachte, ich sollte mit ihm reden. Wir haben ihn schließlich auch eingeladen.“

„Daran ist dein Vater schuld“, erwiderte ihre Mutter unwirsch. „Warum ist er überhaupt gekommen? Er hat mit niemandem außer dir gesprochen.“

„Das liegt vielleicht daran, dass niemand außer mir sich die Mühe gemacht hat, mit ihm zu reden“, antwortete Lizzy. Sie fragte sich, warum sie Tye Gibson verteidigte.

„Niemand außer dir hat gedacht, dass man sich ihm in die Arme werfen muss, um höflich zu sein“, konterte ihre Mutter, die sich ihr Verhalten anscheinend nicht erklären konnte. „Das ist typisch für dich, Lizzy! Du gehst immer viel zu weit!“

Lizzy gab auf. Sie fühlte sich ein wenig schuldig, weil sie an Grace’ Hochzeitstag eine Szene verursacht hatte, aber nicht schuldig genug, um sich ihre bisher beste Chance auf eine gute Stelle entgehen zu lassen.

Als sie abgeflogen war, hatte sie sich vage über einen möglichen Job in Sydney geäußert, Tye Gibsons Namen jedoch wohlweislich aus dem Spiel gelassen. Darüber würde sie sich Gedanken machen, wenn sie die Stelle hatte.

„Sie akzeptiert mich nicht?“, riss Tye sie mit seiner Frage aus ihren Gedanken.

Die Worte ihrer Mutter klangen ihr noch in den Ohren: „Tye Gibson taugt nichts, und er wird nie etwas taugen! Er hat seinem armen Vater das Herz gebrochen, Lizzy, und er wird noch mehr Herzen brechen. Du wirst an meine Worte denken. Halt dich von ihm fern!“

„Nun … nicht wirklich“, erwiderte Lizzy vorsichtig.

„Gut. Ich muss gestehen, als ich Sie auf der Hochzeit Ihrer Schwester traf, dachte ich, Sie wären zu nett. Ich glaubte, Sie wären jemand, der gemocht werden will. Aber wenn Sie mich wieder treffen, obwohl Ihre Familie es missbilligt, dann bedeutet das, dass Sie haben, was dieser Job verlangt.“

„Es bedeutet, dass ich einen Job brauche“, antwortete sie aufrichtig.

„Ich weiß.“ Tye beugte sich vor und sah ihr in die Augen. „Ich glaube, es bedeutet auch, dass Sie genau die Frau sind, die ich suche!“

3. KAPITEL

Der Ausdruck in seinen Augen ließ ihr Herz heftig schlagen, und Lizzy spürte, wie sie errötete. Sei kein Idiot, sagte sie sich wütend. Tye spricht über einen Job. Er ist nicht an dir interessiert!

„Großartig!“

Zu ihrer Erleichterung kam genau in diesem Moment der Ober mit dem Sektkühler. Tye wartete, bis der Ober zwei Gläser eingeschenkt hatte und geräuschlos verschwunden war. Er beugte sich vor, nahm sein Glas und stieß mit ihr an.

„Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit!“

Zusammenarbeit? Hatte er Zusammenarbeit gesagt? Sie sah ihn an. „Sie meinen, ich habe den Job?“, fragte sie ungläubig.

„Wenn Sie ihn möchten.“

Lizzy lachte. „Ich will ihn“, versicherte sie fröhlich. „Oh, das ist fantastisch. Vielen Dank!“ Sie blickte ihn an, als sie wieder anstießen, und ihre blauen Augen funkelten vor Freude. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für eine Erleichterung das für mich ist“, fuhr sie fort. Sie strahlte übers ganze Gesicht, als sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte, endlich fähig, sich zu entspannen. „Ich hatte schon daran gezweifelt, dass ich je eine neue Stelle finden würde!“

Lizzy dachte an die Zukunft. Wenn man für so eine Gesellschaft arbeitete, hatte man sicherlich viele Möglichkeiten zu reisen, oder? Sie malte sich aus, wie sie mit einer Handvoll Handys und elektronischem Terminkalender ein Flugzeug bestieg, um nach New York zu fliegen und … Und was?

Ihre Fantasien endeten abrupt, als sie feststellte, dass sie noch gar keine Vorstellung davon hatte, was sie eigentlich tun sollte. „Um was für ein Projekt handelt es sich eigentlich?“, fragte sie Tye.

Er zögerte. „Es ist kompliziert. Und sehr delikat. Ich möchte Ihnen nicht mehr sagen, bis ich sicher bin, dass ich Ihnen vertrauen kann.“

Lizzy traute ihren Ohren nicht. „Wollen Sie damit andeuten, dass Sie mich vielleicht doch nicht wollen?“ Sie schaffte es nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen.

Tye lächelte schwach. „O nein, ich will Sie. Aber vielleicht ändern Sie Ihre Meinung, wenn Sie wissen, worum es geht, und ich möchte das jetzt nicht erklären. Okay?“

„Okay.“ Lizzy war völlig verwirrt.

Was, um alles in der Welt, würde ihre Aufgabe sein?

„Es tut mir leid, wenn das merkwürdig wirkt“, meinte Tye, „aber Sie werden später verstehen, warum ich die Karten nicht gleich auf den Tisch legen will.“

„Können Sie gar nichts über meine Aufgaben erzählen? Sagen Sie mir zumindest, ob es sich um einen PR-Job handelt!“

„Ich denke, so kann man es nennen.“

„Hat GCS nicht schon eine Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit?“

Tye blickte stirnrunzelnd auf seinen Champagner. „Das hier hat nichts mit GCS zu tun. Es hat mit mir zu tun.“

„Ah ja.“

„Sehen Sie …“ Er strich sich durch sein dunkles Haar. „Fangen wir einfach noch mal von vorn an, okay? Wir führen jetzt ein ganz normales Bewerbungsgespräch, und ich werde Ihnen später alles erklären.“

„Einverstanden“, erwiderte Lizzy erleichtert. Bei einem Bewerbungsgespräch wusste sie wenigstens, woran sie war. Sie stellte ihr Glas ab, setzte sich gerade hin, strich ihr Kleid über den Knien glatt und sah Tye erwartungsvoll an. „Was soll ich Ihnen erzählen? Von meinem letzten Job?“

„Nein. Ich bin mehr an den Dingen interessiert, die Ihre Person betreffen.“

„Sie wissen doch schon alles.“

„Wirklich? Ich weiß, dass Sie im Busch aufgewachsen sind, aber in der Stadt leben. Ich weiß, dass Sie sehr gesellig sind einen sehr …“ Tye verstummte und suchte nach dem passenden Wort. „… einen sehr eigenwilligen Geschmack bei Schuhen haben. Und das ist auch schon alles.“

Lizzy dachte angestrengt nach, um irgendetwas zu sagen, das Tye davon überzeugen konnte, dass sie eine vielseitige und interessante Persönlichkeit war. Eine gesellige, in der Stadt lebende Schuhliebhaberin. Alles stimmte, doch es klang ein wenig oberflächlich.

„Ich lese gern“, begann sie, obwohl sie sich in Wirklichkeit lieber einen guten Film ansah oder shoppen ging.

Sie sah ihm an, dass er nicht beeindruckt war. „Nun, was möchten Sie noch wissen?“

„Wie wäre es damit: Warum sucht eine Frau mit Ihrer Persönlichkeit und Ihren Fähigkeiten so verzweifelt nach einem Job, dass sie bereit ist, eine Stelle anzunehmen, ohne zu wissen, was sie tun muss?“, fragte er trocken.

„Es war mein Fehler“, gab Lizzy nach einer langen Pause zu. Sie konnte es ihm genauso gut erzählen. „Ich habe endlos lange gebraucht, um zu entscheiden, was ich will. Ich habe alle möglichen Jobs ausprobiert, aber schließlich bin ich in der PR-Branche gelandet, und es hat gut gepasst. Ich mochte die Partys, das Organisieren und all das Geschäftige.“ Sie machte eine ausholende Geste, um ihre Worte zu unterstreichen. „Ich habe es geschafft, eine Stelle bei einer der Topagenturen in Perth zu bekommen, und eine Weile lief alles gut. Sogar noch besser als gut. Ich hatte einen tollen Job, viele Kontakte, einen wunderbaren Freund. Wir haben uns verlobt, und ich dachte, ich hätte alles, was ich brauche.“

„Und was ist passiert?“, erkundigte Tye sich mit einem spöttischen Unterton. „War ihr wunderbarer Freund am Ende doch nicht so wunderbar?“

„Nein, nichts in der Richtung.“ Lizzy schüttelte den Kopf. Ihr blondes Haar schimmerte im Licht, als sie sich vorbeugte, ihr Glas nahm und einen Schluck Champagner trank. Sie überlegte, wie man einem Zyniker wie Tye ihre Beweggründe erklären konnte.

„Ein alter Freund von mir hat geheiratet“, erzählte sie schließlich. „Ich fuhr zur Hochzeit, und als ich Gray und Clare zusammen sah … nun, da habe ich verstanden, was mir fehlte. Ich weiß nicht, wie ich es erklären kann, ich mag mein Leben, aber ihres war intensiver, abwechslungsreicher. Mir wurde klar, dass für mich alles nur noch Routine war, nicht nur beruflich, sondern auch privat. Stephen war – ist – wunderbar, aber uns verband nicht dasselbe wie Clare und Gray. Wir hatten ein Jahr zusammengelebt, und für uns war es ganz selbstverständlich, dass wir einmal heiraten würden. Wir waren gute Freunde, es ging uns gut zusammen, und keiner von uns beiden hatte jemand anderen. Aber als ich unsere Beziehung mit der von Gray und Clare verglich, wusste ich, dass es nicht genug war.“

Lizzy hatte den Kopf gesenkt, doch nun sah sie auf. „Als ich nach Hause kam, sagte ich Stephen, dass ich ihn nicht heiraten würde.“

„Das war ein wenig hart für ihn, oder?“ Tye war offenbar nicht beeindruckt. Seine grauen Augen wirkten wachsam und sehr kühl.

„Stephen war es egal.“ Sie dachte an die Gespräche an jenem Abend zurück. Eine Szene wäre fürchterlich gewesen, aber zumindest hätte es bedeutet, dass Stephen sich etwas aus ihr machte. Stattdessen hatte er ruhig zugehört und zugestimmt, dass es am besten wäre, ihre Verlobung zu lösen.

„Ich glaube, er war eher erleichtert“, fuhr Lizzy fort. Auch mit Gray war es all die Jahre vorher so gewesen. „Ich scheine eine Frau zu sein, mit der Männer einfach nur gut befreundet sein wollen.“ Sie seufzte.

Tye sah sie an. Lizzy klang vielleicht verzagt, doch sie wirkte nicht niedergeschlagen. Sie hatte einen fröhlichen Zug um den Mund, und die Lachfältchen in ihren Augenwinkeln verliehen ihren tiefblauen Augen mit den dunklen Wimpern einen warmen und humorvollen Ausdruck, der viel anziehender war als reine Schönheit.

Lizzy spürte Tyes Blick. Sie hob die Hand und strich mit einer unbewusst nervösen Geste ihr Haar zurück, aber es fiel ihr wieder ins Gesicht.

„Das würde ich so nicht sagen.“ Sein Lächeln war so anziehend, dass ihr das Blut ins Gesicht schoss.

Wie alt musste man werden, damit man nicht mehr errötete, wenn ein Mann einen ansah? Lizzy mied Tyes Blick, trank einen Schluck Champagner und stellte das Glas auf den Tisch.

„Ja, nun … egal“, sagte sie und räusperte sich. „Nachdem ich die Sache mit Stephen geklärt hatte, fühlte ich mich besser, aber ich wusste, dass ich das Gleiche mit meiner Stelle tun musste. Ich war schon zu lange bei der Agentur, und alles war nur noch Routine. Am nächsten Tag habe ich gekündigt. Ich habe ihnen gesagt, dass ich eine neue Herausforderung brauche und mich als Beraterin selbstständig machen wollte.“

„Und, haben Sie das getan?“

„Ich habe es versucht, aber es war hoffnungslos. Ich hatte nicht genug Aufträge und konnte mit den Agenturen nicht konkurrieren. Ich habe jedes Büro in Perth abgeklappert, trotzdem kam ich auf keinen grünen Zweig. Ich war kurz davor aufzugeben, als ich Sie traf und Sie von diesem Job sprachen. Es ist meine letzte Chance, es allein zu schaffen.“

„Allmählich ist mir klar, warum Sie diese Stelle unbedingt wollten.“

„Ich habe seit Monaten kein festes Einkommen. Ich weiß, ich sollte es schaffen, aber ich kann nicht sehr gut sparen, und ich habe eine Unmenge Schulden.“ Wieder seufzte sie. „Ich habe das falsch angepackt, das weiß ich jetzt. Ich hätte warten sollen, bis ich meine finanzielle Situation geregelt habe, statt einfach einen guten Job hinzuwerfen und mich dann zu fragen, wie ich über die Runden kommen soll.“

„Da bin ich nicht Ihrer Meinung“, erklärte Tye zu ihrer Überraschung.

Sie hatte erwartet, dass er sie auslachen würde, und seine unerwartete Unterstützung erstaunte sie. Lizzy sah ihn an und überlegte, ob er es ironisch meinte.

„Ich wette, Sie tun nie irgendetwas so Dummes!“

„Ich glaube daran, dass man direkt auf sein Ziel zusteuern sollte. Man bekommt nicht, was man will, wenn man kein Risiko auf sich nimmt. Denken Sie, ich wäre da, wo ich heute bin, wenn ich immer auf der sicheren Seite geblieben wäre? Vor zwanzig Jahren habe ich mein Elternhaus ohne einen Penny in der Tasche verlassen. Ich habe mir einen Job und eine Bleibe in Sydney gesucht. Als ich eine Idee hatte, habe ich die Chance ergriffen und alles auf eine Karte gesetzt.“

Er klang nicht triumphierend, nur sachlich, und sie betrachtete ihn neugierig. Sie versuchte, ihn sich als jungen Mann vorzustellen, der sich allein in der Stadt durchschlug. Seitdem hatte er ein Firmenimperium aufgebaut, das sich über die ganze Welt erstreckte und dessen Name für Qualität und Innovation stand. Das ließ ihre Vorstellung von einer Herausforderung ziemlich jämmerlich erscheinen.

„Alles, was Sie brauchen, ist Ehrgeiz“, fuhr er fort. „Und wenn Sie es nur wirklich wollen, können Sie an Ihr Ziel kommen. Sie haben Ehrgeiz, oder?“

Hatte sie das? Lizzy dachte nach. „Ich möchte meinen Job gut machen, natürlich, aber ich will nicht um jeden Preis Erfolg haben. Solange meine Arbeit interessant ist und ich genug habe, um davon leben zu können, ist es mir recht. Was ich wirklich möchte, ist, zu heiraten, eine Familie zu haben – das Übliche. Ich möchte einfach nur glücklich sein.“

Tye griff zur Champagnerflasche und schenkte ihr nach.

„Und was ist mit Ihnen?“, fragte sie.

„Mit mir?“

„Was sind Ihre Ziele, oder haben Sie sie alle erreicht?“

„Nein.“ Er stellte die Flasche sorgfältig in den Kühler zurück, sodass Lizzy sein Gesicht nicht sehen konnte. „Ich habe noch eins.“

„Und welches?“

„In Barra Creek zu leben.“

„In Barra Creek zu leben?“, wiederholte sie erstaunt. „Warum denn das?“

„Um da zu sein“, antwortete Tye schlicht.

„Sie können doch eine Firma wie GCS nicht von einer Farm im Busch aus leiten.“

„Doch, das kann ich. Ich bin sowieso nicht jeden Tag bei GCS. Ich habe gut bezahlte Direktoren, die für mich die Arbeit tun. Ich muss nur Kontakt halten, und das kann ich von überall. Wir haben jetzt die nötige Technologie – E-Mail, Telefon, Videokonferenzen, Fax. Ich kann meiner Arbeit in Barra genauso gut nachgehen wie im Büro hier in Sydney.“

„Aber warum möchten Sie das?“ Sie verstand gar nichts mehr. „Denken Sie an die Orte, an denen Sie leben könnten – New York, Tokio, London, Paris, Rio … Ich kann nicht glauben, dass Sie all das aufgeben und im Busch leben wollen!“

„Ihre Familie tut das doch auch.“

„Ja, aber sie kennen nichts anderes. Sie sind daran gewöhnt, Rindfleisch, Rindfleisch und noch mehr Rindfleisch zu essen. Sie können abends nicht mal schnell zum Vietnamesen, Thai oder Griechen zu gehen, wenn ihnen danach ist. Sie sind nicht an das Leben in der Stadt gewöhnt. Ich meine, der Busch ist wunderbar“, gab Lizzy zu, „aber es ist so ruhig, und es passiert gar nichts! Es gibt keine Restaurants, keine Läden, kein Nachtleben, keine Leute, gar nichts. Nur eine Menge Buschwerk und ein paar Kühe.“

„Wenn dieser Job nun einschließt, dass Sie einige Zeit im Busch verbringen, dann würden Sie ihn nicht annehmen?“

Die Frage warf sie aus der Bahn. Lizzy hatte die Stelle einen Moment lang vergessen, so verwundert war sie über seine Ankündigung. Sie konnte sich nicht vorstellen, wozu er ihre Fähigkeiten brauchte, wenn er sich im Busch vergraben wollte. Das hätte er mir ein wenig früher sagen können, dachte sie ärgerlich.

„Es ist nicht so, dass ich den Busch nicht mag“, versicherte sie. „Ich war vor Kurzem wieder einen Monat da, um einer Freundin mit ihrem Baby zu helfen, und das war schön. Ich fahre gern nach Hause und sehe meine Familie, aber nach einer Weile fehlt mir die Stadt. Es macht mir nichts aus, mitzuhelfen. Allerdings hält sich meine Begeisterung darüber, eine Kuhherde durchs Gehege zu treiben, in Grenzen. Und man kann nicht einmal schnell auf einen Cappuccino verschwinden, weil es eine Stunde dauert, bis man zur nächsten asphaltierten Straße kommt.“

Lizzy korrigierte sich schnell. Sie wollte nicht weinerlich klingen. „Es wäre natürlich anders, für Sie zu arbeiten. Ich hätte einen eigenen Job – und ich vermute, Sie würden sich nicht all diese Umstände machen, wenn Sie nur wollten, dass ich Ihnen bei der Kastration einiger Kälber behilflich bin, stimmt’s?“

„Nein.“ Tye lächelte schwach. „Das möchte ich nicht.“

„Nun, dann bin ich mir sicher, dass es kein Problem sein wird“, erwiderte sie. „Ehrlich gesagt, kann ich es mir nicht erlauben, wählerisch zu sein. Wenn der Job im Busch ist, dann werde ich dorthin gehen.“

Das war’s dann wohl mit den großen Reisen, dachte sie betrübt. Doch es war ja nicht für immer. Tye hatte von einer speziellen Aufgabe gesprochen. Er würde sie wahrscheinlich nur für einige Monate brauchen.

Sie wusste nicht, ob sie ihn überzeugt hatte oder nicht. Tye schien mit seinen Gedanken woanders zu sein. Er hatte sich vorgebeugt und den Kopf gesenkt. Sein Gesicht wirkte so verschlossen wie das eines Mannes, der lange allein gewesen war, eine Reserviertheit, die sie gleichzeitig abstieß und verwirrte.

Ihr Blick glitt zu dem perfekt geschnittenen Anzug, dem Designerhemd und der Fliege, den tadellos manikürten Fingern. Es war unmöglich, sich Tye schmutzig und verschwitzt vorzustellen, wie er im aufwirbelnden Staub herumlief oder einen Bullen niederdrückte. „Denken Sie wirklich daran, in Barra Creek zu leben?“, fragte sie ihn, unfähig, die Ungläubigkeit in ihrer Stimme zu verbergen.

„Ja.“

„Aber … warum?“

„Weil es meine Heimat ist.“ Tye sah auf, und wieder stellte sie verblüfft fest, wie hell seine Augen im Vergleich zu den dunklen Wimpern waren.

„In den letzten zwanzig Jahren konnte ich überall hinreisen, nur nicht zu dem einen Ort, an dem ich wirklich sein wollte – Barra. Da bin ich geboren und aufgewachsen. Das Land ist ein Teil von mir. Ich habe in New York gelebt, ich bin in all diesen Städten gewesen, die Sie erwähnt haben, und ich denke über sie, was Sie über den Busch sagten: Sie sind für eine Weile ganz okay, aber es sind keine Orte, an denen ich leben möchte. Sie sind alle gleich. Ich kann in jedem GCS-Büro der Welt stehen und hinausblicken, und alles was ich sehe, sind Beton und Autos. Es gibt nicht genug Himmel in einer Stadt. Ich sitze in meinem Büro und denke daran, wie es wäre, wieder in Barra zu sein, über die Weiden zu reiten, die Koppeln zu inspizieren, im Fluss zu schwimmen …“

Er schob das Glas heftig zur Seite und lehnte sich zurück, und der Blick, den Tye ihr zuwarf, war herausfordernd und verschämt zugleich, als würde er befürchten, dass er zu viel von sich preisgegeben hatte.

Verblüfft betrachtete Lizzy ihn. Er hatte über Barra in einem Ton geredet, den sie bei ihm noch nicht gehört hatte. Tye, der Inbegriff des Kapitalisten, mit seinen harten Augen und dem rücksichtslosen Zug um den Mund. Wenn man sie gefragt hätte, hätte sie gesagt, dass es Tye einzig und allein wichtig war, Geld zu machen, doch nun schien es, als hätte sie sich geirrt.

„Warum haben Sie so lange gewartet?“, fragte sie verwirrt. „Sie hätten schon hundert Grundstücke kaufen können.“

„Ich wollte kein weiteres Grundstück“, erwiderte er. „Ich wollte nur Barra.“

„Aber wenn Sie so viel mit Barra verbindet, warum haben Sie es dann verlassen?“

Sein Ausdruck wurde verschlossen. „Ich musste gehen – und nachdem ich einmal gegangen war, hätte mein Vater mich nicht mehr nach Hause kommen lassen.“ In seinen grauen Augen lag Bitterkeit. „Ja, der gute alte Frank Gibson, dem mein Fortgehen angeblich das Herz gebrochen hatte! Die Leute haben ihn respektiert, stimmt’s? Sie dachten, er wäre ein feiner, aufrechter Mann, streng, aber fair.“ Tye ahmte nach, wie die Leute über seinen Vater gesprochen haben mochten. „Nicht besonders umgänglich vielleicht, aber man wusste, woran man bei ihm war. Ist es nicht so?“

„Mehr oder weniger.“

Er nickte grimmig. „Sie haben immer nur eine Seite von ihm kennengelernt. Mein Vater war wie besessen. Er hat meine Mutter unglücklich gemacht, und als sie ihn verlassen hat, war ich erst sieben. Er war entschlossen, mich so zu erziehen, dass er mich kontrollieren konnte, und zwar besser, als es ihm bei ihr gelungen war. Er verweigerte ihr den Kontakt mit mir. Er schrieb mir vor, was ich essen sollte, wie ich mich zu kleiden hatte und was ich in jeder Minute des Tages zu tun und zu lassen hatte.“

Lizzy hatte mit ungläubigem Entsetzen zugehört, und noch mehr als das, was Tye sagte, bewegte sie, was er nicht sagte. Die beiläufige Erwähnung, dass seine Mutter den kleinen Jungen bei einem so autoritären Vater gelassen hatte …

„Wie sind Sie damit zurechtgekommen?“, fragte Lizzy.

„Ich habe rebelliert.“ Tye verzog den Mund. „Dad versuchte daraufhin, mich noch weiter in meiner Freiheit einzuschränken, und das machte mich nur noch unausstehlicher. Es musste einfach böse enden.“

„Was ist passiert?“, erkundigte sie sich zögernd.

Er zuckte die Schultern. „Wir hatten einen Riesenkrach. Ich weiß gar nicht mehr, wie es angefangen hat, aber das Ganze eskalierte ziemlich schnell, und ich sagte meinem Vater, dass ich genug hätte und eine Weile weggehen wollte. Dad weigerte sich, darüber auch nur nachzudenken. Er sagte, er hätte Pläne für mich.“

„Was für Pläne?“

„Pläne, die ihm erlauben würden, mich und Barra unter Kontrolle zu halten. Ich sollte ein nettes, passendes Mädchen heiraten und einen Sohn bekommen, der Barra erben würde.“

„Was haben Sie geantwortet?“

„Ich habe ihm ins Gesicht gelacht“, erklärte er mit bitterer Genugtuung. „Ich war erst zwanzig, und ich sagte ihm, dass ich, selbst wenn ich zehn Jahre älter wäre, nicht heiraten oder Kinder bekommen würde, weil ich ihn als Vorbild für einen Ehemann und Vater gehabt hatte!“

„Das hat ihm sicherlich nicht gefallen.“

Tye sah sie an. „Das kann man wohl sagen“, stimmte er grimmig zu. „Ich habe ihn nie so wütend erlebt wie an jenem Tag. Er wusste, wie sehr ich an Barra hing, und er spielte die Karte aus, die er für seinen Trumpf hielt. Er sagte mir, wenn ich ginge, dürfte ich nie zurückkommen. Ich könnte gehen, aber ich wäre nicht länger sein Sohn, und wenn ich jemals wieder einen Fuß nach Barra setzte, würde er eine Schrotflinte nehmen und mich niederschießen.“

Was sagte man jemandem, dessen Vater so etwas angedroht hatte? Lizzy biss sich auf die Lippe und betrachtete ihre Hände. „Es tut mir leid“, meinte sie leise.

Er zuckte die Schultern, als wäre ihm klar, wie unangemessen ihre Antwort war. „In mancher Hinsicht war das Ultimatum meines Vaters auch gut. Wäre es anders gekommen, wäre ich mein ganzes Leben in Barra geblieben und hätte niemals etwas anderes gesehen oder getan. So habe ich meine Freiheit und Unabhängigkeit gewählt, aber Barra war der Preis dafür. Am nächsten Tag bin ich gegangen.“

Wie musste es für ihn gewesen sein? Zwanzig war kein Alter, wenn man von seinem Vater verstoßen und gezwungen wurde, seinen eigenen Weg zu machen, weit weg von dem Ort, den man liebte. Kein Wunder, dass Tye es gelernt hatte, wachsam zu sein.

Autor

Jane Waters
Die erste Schreibmaschine, an der die Zehnjährige Geschichten schrieb, stammte von ihrem Großvater; später schenkten die Eltern ihr ein brandneues Modell, auf dem sogar kleine Bücher entstanden. Heute verdient Jane Waters als Autorin ihren Lebensunterhalt. Ihren Laptop nimmt sie auf viele Reisen rund um den Globus einfach mit, denn Schreiben...
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