Romana Gold Band 27

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MEHR ALS NUR EINE LIEBESNACHT
von MARTON, SANDRA

Dominic Borghese kann es kaum fassen: Um ihr Darlehen zu begleichen, bietet ihm eine Unternehmerin die Hand ihrer Enkelin an! Völlig absurd, findet er. Bis er ein Foto von Arianna sieht. Es ist die aufregende Frau, die er seit ihrer Liebesnacht in Rom nie vergessen konnte!

DIE NANNY UND DER RÖMISCHE MILLIONÄR
von MAYO, MARGARET

Auf einer Reise nach Italien will der stolze Millionär Santo De Luca das Geheimnis von Penny lüften. Warum geht ihm die Nanny seiner süßen Tochter nur so hartnäckig aus dem Weg? In seiner Heimatstadt Rom will er sie zärtlich erobern - und hinter ihre Fassade blicken …

WENN ES NACHT WIRD IN ROM
von GORDON, LUCY

Obwohl die verführerische Julie alle Spuren verwischte, gelingt es Rico endlich, seine Ex-Geliebte aufzuspüren. Rache ist süß! Doch als er sie jetzt küsst, spürt er ein glühendes Verlangen in sich - und rasende Wut. Wird er ihr jemals verzeihen, was sie ihm angetan hat?

  • Erscheinungstag 26.06.2015
  • Bandnummer 27
  • ISBN / Artikelnummer 9783733740740
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sandra Marton, Margaret Mayo, Lucy Gordon

ROMANA GOLD BAND 27

Rom – Stadt der ewigen Liebe

SANDRA MARTON

Mehr als nur eine Liebesnacht

An der Seite des faszinierenden Millionärs Dominic Borghese die italienische Hauptstadt zu erobern könnte wunderschön sein. Doch schon vor fünf Jahren erregte er so verwirrende Gefühle in Arianna, dass sie sich nach ihrer kurzen Affäre nie wie-der bei ihm meldete. Nun ist er plötzlich wieder da – verführerisch wie eh und je – und macht ihr ein folgenschweres Angebot …

MARGARET MAYO

Die Nanny und der römische Millionär

Schon beim ersten Blick in Santo De Lucas Augen weiß Penny, dass sie ein Problem hat. Als Nanny kümmert sie sich liebevoll um dessen süße Tochter. Dennoch ist sie verunsichert: Ob es klug ist, für einen Mann zu arbeiten, der sie derart aus der Fassung bringt? Und nun diese Einladung in seine Heimatstadt Rom – was hat Santo vor?

LUCY GORDON

Wenn es Nacht wird in Rom

Ein Auftritt führt Julie in das malerische Rom. Ihr Auftraggeber ist kein geringerer als ihr Exgeliebter Rico Forza! Weil sie ihn vor Jahren verlassen hat, will er sich jetzt bitter an ihr rächen. Wie kann sie ihm begreifbar machen, dass sie nie ihre Liebe verraten und auf sein Kind verzichtet hätte? Und dass die Wahrheit völlig anders aussieht …

1. KAPITEL

Die letzte Juliwoche war heiß wie nie, und die Menschen sprachen schon von einem Jahrhundertsommer. Aber für Dominic Borghese waren die Tage vor dem einunddreißigsten Juli seit fünf Jahren denkwürdig. Während er auf der schmalen Straße durch die toskanische Hügellandschaft fuhr, nahm er die dunkle Sonnenbrille vom Armaturenbrett seines hellroten Sportwagens und setzte sie auf.

Er hatte Fehler gemacht und war nie zu stolz gewesen, es sich einzugestehen. Ein Mann kam nicht aus der Gosse ganz nach oben, ohne sich hin und wieder ein falsches Urteil zu bilden. Aber so viele Fehler wie in der letzten Juliwoche vor fünf Jahren hatte er noch nie gemacht.

Zum einen betrafen diese ein Darlehen, das er nie hätte bewilligen dürfen, zum anderen eine Frau. Das Darlehen konnte er abschreiben. Genau deshalb war er an diesem Morgen unterwegs. Probleme hatte ihm ohnehin nie die Summe bereitet, sondern die damit verbundenen Bedingungen. Er wollte die Teilhaberschaft an der Firma nicht, die ihm die Marchesa del Vecchio als Sicherheit angeboten hatte, und war lediglich darauf eingegangen, weil die stolze alte Frau die Summe niemals als Almosen akzeptiert hätte.

Inzwischen hatten ihm seine Buchhalter und ein Privatdetektiv bestätigt, dass die Marchesa nicht in der Lage war, das Darlehen zurückzuzahlen.

Der andere Fehler, den er in der letzten Juliwoche vor fünf Jahren begangen hatte, ließ sich weder rechtfertigen noch entschuldigen. Dominic war geschäftlich in New York gewesen und hatte eine furchtbar langweilige Wohltätigkeitsgala besucht. Um dem Small Talk zu entgehen, war er auf die Terrasse getreten … und fand sich eine Stunde später in seinem Apartment wieder, wo er mit einer sehr schönen Frau schlief, deren Namen er allerdings nicht kannte. Ihre Stimme war sanft und ihr Verlangen genauso groß wie seins. Doch am nächsten Morgen, als er aufwachte, war sie verschwunden.

Dominic hatte sie nie wiedergesehen und biss jetzt unwillkürlich die Zähne zusammen. Es war dumm, noch an sie zu denken, aber sie war so schön und geheimnisvoll gewesen – wie eine Vision. Blond, blauäugig und in einem weißen Seidenkleid hatte sie sich geweigert, ihm ihren Namen zu nennen und, als er sie in die Arme genommen hatte, gesagt, es sei alles nur ein Traum und müsse es bleiben. Doch wie konnte man eine so geheimnisvolle Schöne vergessen? Dominic erinnerte sich noch gut, wie sie geduftet, geschmeckt und sich angefühlt hatte, und seufzte.

Es hatte keinen Sinn, an die Unbekannte zu denken. Er konzentrierte sich besser auf sein bevorstehendes Treffen mit der Marchesa. In einer halben Stunde würde er ihren Palazzo erreichen und wusste immer noch nicht, wie er ihr schonend beibringen sollte, dass er weder sein Geld zurückhaben noch Teilhaber ihrer Firma werden wollte. Seine Geschäftspartner würden nie glauben, was er vorhatte – er, der Sohn einer Alkoholikerin, der seinen Nachnamen der Villa Borghese verdankte, in deren Mauern er wahrscheinlich gezeugt worden war.

Als er zwölf Jahre alt gewesen war, hatte ihn das sehr verletzt, aber jetzt, mit vierunddreißig und dem selbst erarbeiteten Reichtum, der dem alteingesessener Adelsfamilien in nichts nachstand, kümmerte es ihn nicht mehr. Ohnehin kamen ständig neue Gerüchte über seine Herkunft auf. Seit Neuestem erzählte man sich, er sei der unehelichen Beziehung eines Prinzen, dessen Stammbaum bis ins sechzehnte Jahrhundert zurückreichte, mit einem Hausmädchen entsprungen. Was wohlhabende, selbstständige Frauen nicht davon abhielt, mit ihm ins Bett zu gehen. Doch er wählte sie mit Bedacht. Sie hatten immer Köpfchen, Karriere gemacht und eigene Lebensziele. Dominic wollte sich nicht binden. Noch nicht. Er genoss seine Freiheit und spielte gelegentlich mit dem Gedanken, die geheimnisvolle Schöne von damals suchen zu lassen.

„Verdammt“, schimpfte er jetzt leise vor sich hin und trat das Gaspedal durch, „konzentrier dich auf das Gespräch, das dir bevorsteht!“ Vielleicht, wenn er sich das erste Treffen mit der Marchesa noch einmal vor Augen führte, fand er eine Möglichkeit, ihr klar zu machen, dass sie die drei Millionen Dollar und ihren Stolz behalten könne.

Damals war sie achtzig Jahre alt gewesen und hatte gebrechlich ausgesehen. Trotzdem war es ihr gelungen, bis zu seinem Sekretariat vorzudringen. Doch nicht einmal eine Marchesa del Vecchio kam an Celia vorbei. Seine Sekretärin meldete die alte Dame an, und er willigte lediglich ein, die Fremde zu sehen, weil ihn interessierte, wem es da gelungen war, die Sicherheitsbarriere im Eingangsbereich zu passieren. „Aber nur fünf Minuten, Celia. Danach …“

„Lass ich es auf Ihrer Privatleitung klingeln.“

Die alte Dame war gertenschlank und hielt sich kerzengerade, auch wenn sie dazu inzwischen einen Gehstock benötigte.

„Marchesa, was für eine angenehme Überraschung!“

„Eine Überraschung mag es ja sein, aber bestimmt keine angenehme. Warum sollte sich ein junger, gut aussehender Mann über den Besuch einer alten Frau freuen?“

Sie war geradeheraus, was Dominic sofort für sie einnahm. Er war ihr beim Platznehmen behilflich und ließ sich dann selbst an seinem Schreibtisch nieder. „Kann ich Ihnen etwas anbieten?“

„Einen Sherry, wenn’s recht ist“, sagte sie mit ihrer leicht brüchigen Stimme, als Celia auf der Türschwelle erschien. „Extra trocken.“

„Ich nehme dasselbe, Celia.“ Der Small Talk mit der alten Dame gestaltete sich schwierig, und Dominic atmete auf, als seine Sekretärin ihnen den Sherry brachte und man zum Geschäftlichen kommen konnte. Die Marchesa erzählte ihm von ihrer Firma „La Farfalla di Seta“ – „Der Seidenschmetterling“, die eine ihrer Urahnen im fünfzehnten Jahrhundert gegründet hatte, nachdem deren Ehemann das Familienvermögen verspielt hatte. Bei den Produkten der Firma handelte es sich um handgefertigte, sündhaft teure Dessous.

Aus Erfahrung wusste Dominic, dass anspruchsvolle Frauen die Produkte von „La Farfalla di Seta“ zu schätzen wussten. „Ich habe davon gehört“, sagte er jetzt.

„In den Vereinigten Staaten, wo unsere Firma inzwischen ihren Hauptsitz hat, nennt man die Marke ‚The Silk Butterfly‘. Mir gefällt der Name nicht. Wir sind ein altes, ehrbares Familienunternehmen, das seine Wurzeln in Florenz hat. Aber ich bin keine Närrin, Signore, ich weiß, dass der amerikanische Geschmack inzwischen wegweisend ist. Und ob es einem gefällt oder nicht, dem muss man sich anpassen.“

„Nennen Sie mich doch ‚Dominic‘, und sagen Sie mir, warum Sie mich aufgesucht haben, Marchesa.“

Der alten Frau fiel nicht im Traum ein, Dominic im Gegenzug anzubieten, doch ihren Titel bei der Anrede wegzulassen. Stattdessen stellte sie ihr Glas auf den Tisch und faltete die Hände über dem Silberknauf ihres Gehstocks. „‚La Farfalla di Seta‘ ist mein wertvollster Besitz.“

„Und?“

„Ich brauche sechs Millionen Lire.“

„Drei Millionen Dollar?“ Dominic blinzelte. „Von mir?“

„Meine Enkelin führt die Geschäfte des Unternehmens. Sie sagt, die Konkurrenz werde immer stärker, und wir müssten unbedingt modernisieren und unseren Standort verlagern. Sie sagt …“

„Ihre Enkelin sagt Ihnen ganz schön viel“, meinte Dominic ein wenig belustigt. „Sind Sie sicher, dass sie recht hat?“

„Ich bin nicht hier, um Ihre Meinung zu hören, Signore.“

„Dominic.“

„Und ich bin auch nicht hergekommen, damit Sie die Entscheidungen meiner Enkelin infrage stellen. Sie ist seit mehreren Jahren mit der Geschäftsführung betraut. Und was noch schwerer wiegt, ich habe sie nach dem Tod ihrer Eltern erzogen. Dadurch ist sie sich ihrer italienischen Herkunft bewusst und versteht, wie wichtig Unternehmenstradition für unsere ‚famiglia‘ ist. Andererseits weiß sie aber auch, dass es unerlässlich ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen und umzusetzen, wenn man in den USA Geschäfte machen will. Doch dazu benötigen wir eine Finanzspritze von sechs Millionen Lire, Signore.“

Es klingelte auf Dominics privater Telefonleitung. Celia, dachte er, ruft aber auch keinen Moment zu früh an. „Ich verstehe“, sagte er dann zur Marchesa, nahm den Hörer ab und legte die Hand auf die Sprechmuschel. „Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, Marchesa.“ Er lächelte. „Aber ich leite keine Bank. Und wie Sie sich sicher vorstellen können, ist meine Zeit …“

„… knapp bemessen“, fiel ihm die alte Frau ins Wort. „Meine auch. Glauben Sie, ich sei zum Vergnügen hier?“

„Natürlich nicht. Es tut mir leid, aber dieser Anruf …“

„… kommt von Ihrem Wachhund da draußen vor der Tür. Sagen Sie Ihrer Sekretärin, dass ich noch nicht fertig bin, Signore, und dass ich mein Möglichstes tun werde, höchstens noch fünf Minuten Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch zu nehmen.“

Dominic erinnerte sich nicht, wann jemand das letzte Mal so mit ihm gesprochen hatte. Normalerweise küssten ihm die Leute, die ihn um einen Gefallen baten, die Füße – zumindest im übertragenen Sinn. Die Marchesa dagegen war aufdringlich und nervtötend, kurzum … erfrischend anders.

Jetzt hielt er den Hörer ans Ohr und bat Celia, keine Anrufe mehr durchzustellen. Dann stützte er die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände und wandte sich wieder der Marchesa zu. „Warum kommen Sie denn ausgerechnet zu mir? Wie ich schon sagte, führe ich kein Geldinstitut.“

Ihre Antwort kam sofort und unverblümt. „Bei den Banken bin ich schon gewesen. Man hat mich abgewiesen.“

„Und warum?“

„Weil die Verantwortlichen dort so dumm sind anzunehmen, ein kleines Unternehmen habe keine Erfolgsaussichten. Sie gehen davon aus, die Zeiten, in denen Frauen Hunderte von Dollar für Dessous ausgeben, seien vorbei. Außerdem sind die Herrschaften der Meinung, meine Enkelin solle nicht die Gesamtverantwortung für das Unternehmen tragen.“

„Und Sie sind der Meinung, dass sich die Verantwortlichen der Bank irren?“

„Ich weiß, dass sie es tun“, antwortete die Marchesa ungeduldig. „Frauen werden immer teuren Firlefanz kaufen, und wenn sie das Geld dafür nicht mehr haben, lassen sie sich die Sachen von Männern schenken.“

„Was Ihre Enkelin betrifft … Glauben Sie, sie sei in der Lage, ‚Silk Butterfly‘ zu führen?“

Wenn man von einer Frau wie der Marchesa überhaupt behaupten konnte, dass sie schnaufte, tat sie es jetzt. „Meine Enkelin hat ihren Abschluss auf einer amerikanischen Eliteuniversität für Wirtschaftswissenschaften gemacht. Sie ist clever, entscheidungsfreudig und fähig, einmal getroffene Entschlüsse in die Tat umzusetzen. Meine Enkelin ist genau wie ich.“

Dominic nickte. Er hegte keinen Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussage und konnte sich leicht das jüngere Abbild der Frau vor ihm vorstellen: eine alte Jungfer über vierzig mit strengen Gesichtszügen und einer scharfen Zunge. „In Ordnung“, sagte er dann, „Sie wollen, dass ich Ihnen Geld leihe, dann sagen Sie mir, warum ich es tun sollte.“

„‚Borghese International‘ hat doch kürzlich eine französische Firmengruppe gekauft, die auf dem Modesektor tätig ist.“

Dominic war beeindruckt. Bisher war dieser finanzielle Coup noch so etwas wie ein Firmengeheimnis. „Und?“

„Nun“, meinte die Marchesa ungeduldig, „die französische Firmengruppe und unsere Dessousfirma würden sich in weiten Unternehmensteilen gut ergänzen.“

Dominic lehnte sich zurück. Schon möglich, dass sich da einige Gemeinsamkeiten auftaten, aus denen man Vorteile ziehen könnte. Eine konkrete Antwort darauf würde ihm eine entsprechende Untersuchung geben. Aber er bezweifelte, dass diese Vorteile drei Millionen Dollar wert waren. Und warum hatte ihm die Marchesa zunächst von der Bedeutung der Dessousfirma für ihre Familie erzählt, um das Unternehmen im gleichen Atemzug an ihn zu verkaufen?

„Nur dass ich Sie da richtig verstehe, Marchesa … Sie bitten mich, Ihnen Ihre Firma abzu…“

„Ich bitte Sie, mir Geld zu leihen, junger Mann. Wie oft muss ich Ihnen das eigentlich noch sagen? Sie gewähren mir ein Darlehen, das ich Ihnen in fünf Jahren zurückzahle, zuzüglich des Zinssatzes, auf den wir uns einigen.“

„Heißt das, Sie wollen nicht an mich verkaufen?“

„Sind Sie taub? Nein, ich will weder an Sie noch an sonst jemanden verkaufen. Ich rede von einem Darlehen. Ich will lediglich Geld von Ihnen.“

Verwirrt schüttelte Dominic den Kopf. „Ich muss mich noch einmal wiederholen, Marchesa, aber ich leite keine Bank.“

Das erste Mal, seitdem die Frau sein Büro betreten hatte, wirkte sie zögerlich. „Ich gebe zu, dass die Gefahr besteht, Ihnen das Darlehen nicht zurückzahlen zu können.“

„Und?“

„Wenn Sie sich trotzdem dazu durchringen können, biete ich Ihnen fünf Prozent an ‚Silk Butterfly‘.“

Dominic schwieg. Fünf Prozent an einem Unternehmen, das eventuell kurz vor dem Bankrott stand, bedeutete gar nichts. Aber er war zu höflich, das auszusprechen.

Die Marchesa atmete tief durch. „Und sollte ich tatsächlich nicht in der Lage sein, Ihnen das Geld zurückzuzahlen … was ich mir kaum vorstellen kann … werden Sie alleiniger Inhaber von ‚Farfalla di Seta‘. Dann kann Ihre französische Modefirma unseren Markennamen benutzen.“ Die alte Frau lehnte sich zurück. Ihre Hände umschlossen nach wie vor den Knauf des Gehstocks. Jetzt aber zitterten sie, und Dominic begriff zum ersten Mal, welche Überwindung es die Frau gekostet hatte, zu ihm zu kommen. Finanziell musste sie ungeheuer unter Druck stehen. Wahrscheinlich hatte sie bereits ihre sämtlichen Besitztümer beliehen, um das Unternehmen funktionstüchtig zu erhalten. Doch jetzt war sie gezwungen, das Traditionsunternehmen selbst anzubieten.

Die Marchesa war bankrott und steckte bis zum Hals in Schulden. Das würden ihm seine Leute spätestens morgen bestätigen. Doch was sie ihm für die drei Millionen Dollar anzubieten hatte, war bestimmt nicht einmal die Hälfte wert. Obwohl man ihm nachsagte, er sei herzlos, brachte er es jetzt nicht fertig, deutlich zu werden.

Während er noch nach Worten suchte, sagte die Marchesa: „Ich weiß, dass Sie gelegentlich alles auf eine Karte setzen. So haben Sie doch Ihre erste Million gemacht, Signor Borghese, oder? Indem Sie alles, sogar Ihr Leben, für ein Projekt riskiert haben, das gefährlich und tollkühn gewesen ist?“ Sie lächelte, und Dominic bekam einen Eindruck, wie sie wohl als junges Mädchen ausgesehen hatte. „Diesmal können Sie nicht verlieren, Dominic. Ich trage das gesamte Risiko, nicht Sie.“

An diesem Punkt ihrer Unterhaltung war Dominic aufgestanden und hatte auch der alten Frau behutsam auf die Beine geholfen. „Einverstanden“, sagte er, „drei Millionen amerikanische Dollar für fünf Jahre zu zwei Prozent Zinsen.“

„Achteinhalb.“

Er lachte. „Fühlen Sie sich durch ein gutes Geschäft beleidigt, Marchesa?“

„Almosen beleidigen mich, wenn sie unnötig sind. Achteinhalb Prozent. Das ist, soviel ich weiß, der übliche Zinssatz.“

„Wie Sie wollen, Marchesa.“ Er gab ihr einen Handkuss.

„Und fünf Prozent an ‚Silk Butterfly‘ gehören Ihnen, sobald die Verträge unterzeichnet sind.“

Darauf gaben sie sich die Hand, und seit jenem Tag hatte Dominic nichts mehr von der Marchesa gehört. Bis gestern. Da hatte sie in seinem Büro angerufen und ihn zum Mittagessen in ihren Palazzo eingeladen.

Vor ihm erhoben sich jetzt die Flügel eines riesigen schmiedeeisernen Tores. Er war an seinem Reiseziel angekommen und wusste immer noch nicht, wie er der Marchesa, ohne ihren Stolz zu verletzen, sagen sollte, dass er auf die Rückzahlung des Darlehens verzichtete. Während er in die Überwachungskamera blickte, die in einer hohen Zypresse angebracht war, überlegte er, ob er der Marchesa etwas von Steuerersparnis wegen entgangener Außenstände auftischen konnte.

Eine Stunde später, nachdem der Espresso in Kristallkelchen aus dem sechzehnten Jahrhundert serviert worden war, wusste Dominic, dass sein Plan fehlschlagen musste. Während des Essens war die Marchesa jedem Gespräch über Geschäftliches ausgewichen.

Als er nun zum ersten Mal auf das Thema „Steuergewinn aufgrund von Verlustabschreibung“ zu sprechen kam, winkte sie ab. „Lassen wir doch die Höflichkeitsfloskeln, Signore, und kommen wir gleich zur Sache. Wahrscheinlich wissen Sie längst, dass ich das Darlehen nicht zurückzahlen kann.“

Dominic nickte. „Aber das ist kein Problem.“

„Nein, ist es nicht. Wir haben schließlich eine Vereinbarung. ‚Silk Butterfly‘ gehört Ihnen“, erklärte sie mit hoch erhobenem Kopf, aber ihre Stimme bebte.

Dominic seufzte. „Marchesa, bitte hören Sie mich an. Ich kann nicht …“

„Doch, das müssen Sie sogar. Schließlich haben wir einen Vertrag.“

Dominic fuhr sich durchs Haar. „Verträge kann man ändern.“

„Nicht unter Ehrenleuten“, sagte sie kühl.

„Ich möchte, dass Sie das Geld behalten, Marchesa. Ich brauche es nicht. Ich spende jedes Jahr mehr für wohltätige Zwecke als …“ Diese Bemerkung war eindeutig ein Fehler. Das wusste Dominic, sobald die Worte ausgesprochen waren. „Damit wollte ich nicht sagen, dass …“

„Die del Vecchios nehmen keine Almosen.“

„Nein, natürlich nicht. Ich wollte doch nur …“

„… unsere Vereinbarung umgehen.“

„Nein … Ja … Verdammt noch mal, Marchesa!“

„Das ist kein Grund, sich in Schimpfwörter zu flüchten, Signor Borghese.“

Dominic sprang auf. „Ich flüchte mich lediglich in Logik. Das müssen Sie doch erkennen.“

Die Marchesa hob den Kopf und schien Dominic mit dem Blick ihrer immer noch quicklebendigen Augen durchbohren zu wollen.

Dieses lebhafte Blau habe ich doch schon einmal gesehen, überlegte Dominic dabei stirnrunzelnd.

„Ich erkenne lediglich, dass ich Sie falsch eingeschätzt habe. Ich dachte, Sie seien ein Ehrenmann.“

Dominic erstarrte. „Wären Sie ein Mann“, sagte er dann leise, „würde Ihnen diese Bemerkung leidtun.“

„Dann versuchen Sie nicht, unseren Vertrag zu umgehen.“

„Ich wäre kein Ehrenmann, wenn ich Ihnen Ihre Firma wegnehmen würde.“

Die Marchesa seufzte. „Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen.“

Erst später sollte Dominic bewusst werden, dass die Frau viel zu schnell nachgegeben hatte. Doch für den Moment war er lediglich erleichtert gewesen.

„Ich erkläre mich mit einer Vertragsänderung einverstanden“, sagte die Marchesa schließlich.

„Wunderbar.“ Dominic nahm die Hand der alten Frau. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden. Ich habe noch einen langen Rückweg vor mir.“

„Sie werden doch zugeben müssen“, sagte die Marchesa, „dass ‚Silk Butterfly‘ eine hervorragende Ergänzung zu Ihrer französischen Modefirma ist.“

Irgendetwas an ihrem Ton stimmte ihn nachdenklich. Um aber die stolze Marchesa nicht zu verletzen, musste er ihr zustimmen. „Ja, ‚Butterfly‘ wäre wahrscheinlich eine Ergänzung. Aber …“

Als die alte Frau jetzt ihren Stock auf den Boden stieß, erschien umgehend ein Hausmädchen. Offensichtlich hatte es draußen im Flur gewartet, eilte nun auf die Marchesa zu und reichte ihr einen silbernen Fotorahmen.

Während die alte Frau dem Mädchen einen leisen Wink gab, wieder zu gehen, fragte sie ihren Gast: „Haben Sie eigentlich nie daran gedacht, sich einmal mit meiner Enkelin zu treffen?“

„Warum sollte ich? Sie haben doch gesagt, sie sei mehr als fähig, die Geschäfte von ‚Silk Butterfly‘ zu führen.“

„Das ist sie auch.“ Lächelnd blickte die Marchesa auf das Foto in ihren Händen. „Ich habe trotzdem gehofft, Arianna und Sie würden sich einmal kennenlernen.“ Sie sah zu Dominic. „Bestimmt würden Sie meine Enkelin sehr anziehend finden.“

Du liebes bisschen, wo sollte denn das hinführen? Dominic hatte oft genug erlebt, dass ihm angesehene, aber finanziell in Bedrängnis geratene Familien ihre Töchter unterjubeln wollten. Dabei war ihnen seine etwas rätselhafte Herkunft völlig egal. Musste er sich jetzt etwa anhören, wie liebreizend die altjüngferliche Enkelin der Marchesa war? Diese unattraktive, überalterte, unsexy …

Die Marchesa hielt das Bild so, dass Dominic einen Blick darauf werfen konnte, und ihm wich das Blut aus dem Gesicht. Die Frau kannte er. Sie verfolgte ihn seit fünf Jahren in seinen Träumen. Ihr Haar war goldglänzend wie das Sonnenlicht, sie verfügte über hohe, edle Wangenknochen, einen weichen rosigen Mund und Augen, deren Tiefblau er jetzt zuordnen konnte. Die Marchesa hatte die gleichen.

Irgendwie gelang es Dominic schließlich, tief durchzuatmen. „Wer ist das?“

„Meine Enkelin Arianna natürlich.“

Arianna? Der Name passte zu ihr. In Dominics Kopf drehte sich alles. Er brauchte frische Luft. „Marchesa, ich glaube wirklich …“, er räusperte sich, „… dass ich jetzt gehen muss. Es ist schon spät, und der Rückweg nach Rom ist …“

„… lang, ich weiß. Aber Sie wollen doch bestimmt noch wissen, wie ich unsere Schuld zu begleichen gedenke.“

„Nicht jetzt. Ein anderes Mal. Morgen oder übermorgen, aber …“

„Aber was? Meine Arianna ist doch hübsch.“

„Ja, das ist sie. Aber …“

„Sie ist klug und gesund und im gebärfähigen Alter.“

„Wie bitte?“ Dominic brach in schallendes Gelächter aus. „Ich bitte Sie, Marchesa …“

„Sie werden auch nicht jünger, genauso wenig wie meine Enkelin. Möchten Sie denn keine Familie gründen und Erben haben?“ Die Marchesa hob das Kinn. „Oder eine Familientradition fortsetzen, die so alt ist wie meine und Ariannas?“

Wieder atmete Dominic tief durch. „Damit wollen Sie doch wohl nicht andeuten …?“

„Natürlich. Heiraten Sie meine Enkelin, Signor Borghese. Verbinden Sie unsere beiden Familien. Dann bekommen Sie ‚Silk Butterfly‘, ohne dass ich es verliere, und wir wissen beide, dass die Schuld der del Vecchios getilgt wurde.“

2. KAPITEL

Arianna del Vecchio Cabot saß auf ihrem Stuhl aus dem achtzehnten Jahrhundert, der zum Vermächtnis der Mayflower Cabots – der Familie ihres Vaters – gehörte. Den Ellbogen stützte sie auf einen Schreibtisch aus dem fünfzehnten Jahrhundert, der aus dem Vermächtnis der Familie ihrer Mutter, den del Vecchios aus Florenz, stammte. Seufzend blickte sie nun aus dem Fenster ihres New Yorker Büros.

In einer Stadt, deren Arbeitsplätze mit Computern voll standen, wirkte Ariannas wie aus einer anderen Zeit und gehörte zu einer kostspieligen und beabsichtigten Illusion. Das Unternehmen „Silk Butterfly“ war in einem modernen Gebäude an einer belebten Straße untergebracht. Aber wenn man einmal die Türschwelle übertreten hatte, glaubte man sich in einem Florentiner Palazzo. Hohe Decken, Fresken, Marmorböden und anheimelnde Beleuchtung erinnerten an eine längst vergangene Zeit.

Vor vier Jahren hatte die „New York Times“ die Verkaufsräume von „Butterfly“ als „elegant“ bezeichnet. Exklusive Modemagazine waren weniger zurückhaltend gewesen und hatten die Räumlichkeiten „sexy und aufregend“ genannt. In dem Bericht eines Fernsehsenders waren sie sogar als „besonders romantisch“ beschrieben worden.

In Scharen waren daraufhin hoch bezahlte junge Frauen zu ihnen geströmt. Genau wie deren Geliebte. Die Sache hatte nur einen Haken gehabt. Als Arianna die Türen des neuen Ladenlokals öffnete, begann die Krise der Computerbranche. Die Aktienkurse fielen ins Bodenlose, und eine Firma nach der anderen ging in Konkurs. Männer, die sich vorher nichts dabei gedacht hatten, mehrere Tausend Dollar für Dessous auszugeben, wenn sie eine Frau beeindrucken wollten, wurden arbeitslos. Frauen, die sich auf exklusive, frivole Dessous gestürzt hatten, um sie unter ihren strengen Wollkostümen zu tragen, kehrten zurück zur Massenware.

Die Verkaufsräume von „Silk Butterfly“ waren immer noch wunderschön und entlockten den Besuchern so manches „Ah!“ und „Oh!“. Doch leider gaben die Kunden kein Geld mehr aus. Die frühere Kundschaft, ältere Damen mit weißen Haaren und Finanzberatern, die zu konservativ waren, um sich auf Technologieaktien einzulassen, konnten sich die Luxusware von „Butterfly“ immer noch leisten. Doch sie kauften die ausgefallenen neuen Designs nicht. Und während immer mehr Menschen bedingt durch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ihr Geld zusammenhielten, wurde Arianna zur Gewissheit, dass sie das Darlehen, das ihr die Großmutter besorgt hatte, nicht würde zurückzahlen können. Ein Familienunternehmen, das seit Jahrhunderten gewachsen und gediehen war, stand plötzlich kurz vor dem Aus. Und Arianna wusste, dass sie es gewesen war, die ihm letztlich den Todesstoß versetzt hatte.

Sie stand auf und ging zum stilisierten Innenbalkon vor ihrem Büro, von dem man die Verkaufsräume überblicken konnte. Was für ein schöner Anblick und so geschmackvoll dekoriert mit Dessous, seidenen Nachthemden, Teddybären und Strumpfhaltern!

Und so leer!

Mit Ausnahme einer Verkäuferin, die Arianna noch behalten hatte, ehe sie endgültig schließen mussten, befand sich da unten kein Mensch. Vielleicht hatte ihre Großmutter ja recht, und sie, Arianna, hatte wirklich alles in ihrer Macht Stehende getan. Aber das änderte nichts daran, dass sie sich schuldig fühlte.

Es war jetzt fast fünf Jahre her, dass ihre Großmutter drei Millionen Dollar in „Butterfly“ gesteckt hatte. Ohne das Geld wäre das Unternehmen wahrscheinlich schon damals untergegangen. Doch jetzt stand es kurz davor, einem gewissen Dominic Borghese in die Hände zu fallen.

Arianna hatte ihn nie getroffen, wusste aber alles über ihn. Borghese war rücksichtslos und herzlos. Er regelte alles mit seinem Geld und seiner Macht, obwohl er aus den Elendsvierteln Roms stammte, worauf er oft genug hinwies.

Arianna kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück und nahm eine Kopfschmerztablette. Vielleicht hätte sie den Firmensitz nicht in die Stadtmitte verlagern sollen. Vielleicht hätte sie früher umziehen sollen. Vielleicht hätte sie den Börsenkrach vorhersehen sollen. Vielleicht sollte sie damit aufhören, sich den Kopf über Dinge zu zermartern, die ohnehin nicht mehr zu ändern waren.

Hatte sie diese Lektion nicht schon vor fünf Jahren gelernt? Sie musste jetzt nach vorn sehen und sich überlegen, wovon sie in Zukunft leben sollte. Sie … und ihr Sohn. Arianna atmete tief durch und nahm einen Bilderrahmen zur Hand, der als einziger Schmuck auf ihrem Schreibtisch stand. Auf dem Foto war ein kleiner Junge mit großen dunklen Augen und schwarzen Locken zu sehen: Lucas del Vecchio Cabot. Ihr Ein und Alles … ihr Geheimnis. Wobei selbst sie den Namen seines Vaters nicht kannte. Wenn sie daran dachte, kam es ihr immer noch unmöglich vor.

Nur ein einziges Mal hatte sie sich gehen lassen und eine leidenschaftliche Nacht mit einem Mann verbracht, der genauso wenig gewusst hatte, wie sie hieß. Doch diese Nacht hatte ihr Leben für immer verändert. An jenem Abend war sie zu der Wohltätigkeitsveranstaltung in der Fifth Avenue gegangen, um Geschäftsbeziehungen zu knüpfen. Doch die Besucher der Gala waren furchtbar oberflächlich gewesen, und sie hatte sich nach der Ruhe ihres Apartments gesehnt.

Um ein wenig frische Luft zu schnappen, war sie auf die Terrasse gegangen … und ihm begegnet. Wie ein hungriger Berglöwe hatte er sie angesehen. Doch anstatt der inneren Stimme zu folgen, die ihr geraten hatte, sofort das Weite zu suchen, war Arianna auf ihn zugegangen. Er gab ihr zur Begrüßung die Hand, und nur Minuten später fand sie sich in seinen Armen wieder. Der Zungenkuss des Unbekannten raubte ihr den Verstand, und sie drängte sich an ihn, obwohl jederzeit jemand auf die Terrasse hätte kommen können.

Ariannas Hand zitterte, und sie stellte das Foto wieder auf den Schreibtisch. Sie hatte einige Liebhaber gehabt. Aber das waren diskrete, angenehme Beziehungen gewesen mit gemeinsamen Restaurant-, Theater- und Kinobesuchen und Spaziergängen im Central Park, denen nach einer Weile Küsse, Zärtlichkeiten und Sex gefolgt waren.

Mit dem Fremden war alles ganz anders gewesen. Da gab es kein Vorgeplänkel. Sie hatten sich nicht einmal ihre Namen genannt. Es war ohnehin nur das Nötigste gesprochen worden.

„Du bist einfach wunderbar“, hatte er einmal mit seiner tiefen Stimme und dem verführerischen Akzent geflüstert. „Du bist meine Königin der Nacht, und ich will dich mehr als jede andere Frau vor dir.“ Dabei hatte er sie am ganzen Körper gestreichelt und schließlich die Hand unter ihr kurzes Abendkleid geschoben. Da war es endgültig um Arianna geschehen gewesen.

„Komm mit mir“, hatte er noch gesagt, und sie war mit ihm gegangen. In sein Penthouse hoch über dem Hotel, in sein Bett, wo er Dinge mit ihr tat, die sie immer wieder zum Höhepunkt hatten kommen lassen.

Rückblickend seufzte Arianna jetzt leise und schloss die Augen, um die Erinnerungen zu verdrängen. Aber das war ihr in den vergangenen fünf Jahren auch nicht gelungen. Zu gegenwärtig war ihr jene Nacht. Arianna spürte noch immer, wie sich der Fremde angefühlt und sie auf seine Zärtlichkeiten reagiert hatte: wild und zügellos.

Auch an das böse Erwachen danach, als ihr klar geworden war, was sie getan hatte, erinnerte sie sich noch. Mit großen Augen hatte sie in die Dunkelheit gesehen und gewartet, bis der Mann neben ihr einschlief. Danach stahl sie sich aus seinem Bett und ließ sich von einem Taxifahrer nach Hause bringen, wo sie erst einmal ausgiebig duschte, als ob sie dadurch ungeschehen machen konnte, was geschehen war.

Aber das war unmöglich.

Zwei Wochen später blieb ihre Regel aus. Zunächst kein Grund zur Sorge. Die kam auch sonst nicht immer pünktlich. Das sagte sich Arianna noch, als sie einen Schwangerschaftstest kaufte. Außerdem hatte der Fremde Kondome benutzt. Aber hundertprozentig konnte man sich auf die Dinger auch nicht verlassen: Sie war schwanger. Und das von einem Mann, dessen Namen sie nicht einmal kannte.

Arianna verdrängte jeglichen Gedanken an ihre Schwangerschaft, bis sie sich eines Morgens beim Aufstehen übergeben musste. Die Wahrheit ließ sich jetzt nicht mehr leugnen, und sie vereinbarte einen Termin bei ihrem Frauenarzt. „Ich kann das Baby nicht bekommen“, sagte sie ihm. Doch am Tag der Abtreibung betrachtete sie sich morgens noch einmal nackt im Spiegel, und ihr wurde erst richtig bewusst, dass da ein neues Menschenleben in ihrem immer noch flachen Bauch heranwuchs. Anstatt den Termin beim Arzt wahrzunehmen, fuhr sie nach Connecticut und hielt beim ersten Maklerbüro des Städtchens, in dem sie das Wochenende verbrachte.

Einen Monat später unterzeichnete sie den Kaufvertrag für ein hübsches Häuschen, das drei Autostunden von Manhattan und allen Menschen entfernt lag, die sie kannten. Der erste Schritt wäre damit getan, hatte sie gedacht und sich für den zweiten gewappnet: ihrer Großmutter, der Marchesa, von der Schwangerschaft zu erzählen. Doch bevor Arianna die Gelegenheit dazu bekommen sollte, erlitt die alte Frau einen Herzinfarkt. Die Ärzte waren zuversichtlich, dass sie wieder auf die Beine käme. Aber von nun an musste sie die Dinge langsamer angehen, und so behielt Arianna ihre Neuigkeit für sich.

Bis zu diesem Tag hatte sie der Marchesa nicht von der Existenz ihres Sohnes erzählt. Keiner wusste davon. Lucas war ihr süßes Geheimnis. Die Arbeitswoche verbrachte sie in ihrem kleinen Apartment in der Stadt und die Wochenenden und den Urlaub mit ihrem Sohn im sonnendurchfluteten Landhaus in Connecticut.

Spontan griff sie jetzt zum Hörer und wählte die dortige Telefonnummer. Lucas’ Kindermädchen nahm den Anruf entgegen, und einen Augenblick später hörte Arianna die Stimme ihres Sohnes.

„Hallo, Mommy.“

„Hallo, Darling. Susan hat mir erzählt, ihr hättet unter dem großen Ahornbaum gepicknickt?“

„Hm, Susan hat kleine Kuchen mit witzigen Gesichtern darauf gebacken. Und auf die hart gekochten Eier hat sie auch Gesichter gemacht. Oliven als Augen und dieses Weihnachtskuchengewürz als Mund.“

„Nelken“, sagte Arianna und wünschte, in Connecticut zu sein wie immer, wenn sie in New York war. Das würde ihr den Abschied von „Butterfly“ versüßen. Dann könnte sie ihr Apartment verkaufen, sich eine Arbeit in der Nähe ihres Hauses suchen und jeden Abend bei ihrem Sohn sein.

„Mommy, kommst du heute?“

Arianna schluckte. Das fragte der Kleine immer. „Ich kann nicht, Schätzchen. Aber morgen ist Freitag. Zum Abendessen bin ich bei dir, und dann haben wir das ganze Wochenende für uns.“

Sie plauderten noch ein bisschen, bis Lucas mit seinem Kinderstimmchen sagte, dass er jetzt auflegen müsse, weil Susan ihn zu einem Ausflug zur alten Wolfshöhle mitnehmen wolle.

„Viel Spaß!“, wünschte ihm Arianna gespielt fröhlich, obwohl sie das Gespräch noch nicht beenden wollte. Dann wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Lucas mochte Susan, und Susan war ein hervorragendes Kindermädchen. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Doch natürlich vermisste sie ihren Sohn.

„Arianna?“

„Ja, was gibt’s?“ Ihr Assistent Tom stand auf der Türschwelle.

„Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“

„Mir geht’s gut. Nur ein bisschen Kopfschmerzen.“

„Ihre Großmutter ist auf Leitung drei. Sie waren so beschäftigt, dass …“

„Danke, Tom.“ Arianna nahm den Hörer ab, und Tom schloss die Tür hinter sich. „Nonna?“

„Arianna, ich versuche schon seit Stunden, dich zu erreichen. Musst du immer so lange telefonieren?“

Arianna lächelte. „Schön, deine Stimme zu hören! Was ist denn los?“

„Ich bin ganz ungeduldig! Nicht nur, dass du mich eine Ewigkeit warten lässt, bis ich endlich mit dir sprechen kann, nein, jetzt sitze ich auch noch in diesem schrecklichen Manhattan im Stau fest.“

„Tut mir leid, nonna, ich war …“ Arianna runzelte die Stirn. „In Manhattan im Stau?“

„Mister, wie lange brauchen wir noch bis SoNo?“

„SoHo“, verbesserte Arianna sie unwillkürlich. „Bist du etwa in New York?“

„Natürlich. Hast du meine Nachricht nicht bekommen? Ich habe gestern in deinem Sekretariat angerufen.“

Arianna blätterte den Stapel Telefonnotizen auf ihrem Schreibtisch durch. „Nein, nonna, hier ist nichts. Du hättest diese weite Reise nicht auf dich nehmen dürfen. Du weißt doch, was die Ärzte sagen.“

„Dass es mir gut gehe und ich machen könne, was ich will.“

„Ich glaube nicht …“

„Gut, dann tu es nicht. Stattdessen hörst du mir jetzt zu. Wir sind in einer halben Stunde in deinem Büro. Das sagt zumindest der Fahrer. Obwohl ich das nur für möglich halte, wenn dieser Limousine Flügel wachsen.“

„Was für eine Limousine denn? Und wer ist ‚wir‘?“

Die Verbindung wurde schlechter. „Ich kann dich nicht verstehen, Arianna.“

Arianna hielt den Hörer ans andere Ohr. Benutzte ihre Großmutter etwa ein Handy? Das war doch unmöglich. Normalerweise verabscheute sie diesen „neumodischen Schnickschnack“, wozu sie auch Computer zählte. „Nonna, kannst du mich hören?“

„Ich …“ Rauschen. „… schlecht verstehen …“ Rauschen. „… Tee für mich …“ Rauschen. „… Kaffee für den Signore …“ Rauschen. „… gleich, Arianna.“

„Grandma? Grandma!“

Die Leitung war tot. Stirnrunzelnd legte Arianna auf und drückte auf den Knopf der Sprechanlage. „Tom, hat meine Großmutter gestern angerufen? Nein? Das habe ich mir schon gedacht … Nein, macht nichts. Kein Problem. Würden Sie bitte Tee machen? Und Kaffee und eine Schale mit Keksen vorbereiten? … Das wäre super.“

Wieso ist meine Großmutter in New York? fragte sich Arianna dann. Wollte sie bei der Schließung von „Butterfly“ zugegen sein? Und wer war bei ihr? Ihr Anwalt? Ihr Buchhalter? Arianna massierte sich die Schläfen. Sein Buchhalter? Natürlich! Dass sie daran nicht früher gedacht hatte. Der Mann war bestimmt ein Vertreter von „Borghese International“ und sollte die verbleibenden Unternehmenswerte schätzen.

Rasch legte sie Lucas’ Foto in die Schreibtischschublade und stand auf. Was dachte dieser Dominic Borghese bloß von ihr? Dass sie sich klammheimlich aus dem Staub machte und dabei noch einen Sack voll Ware mitnahm? Vielleicht war das seine Art, Geschäfte zu machen. Aber es war eine Unverschämtheit, es auch von ihr anzunehmen.

„Tom!“ Entschlossen ging Arianna in den Empfangsbereich neben ihrem Büro, wo ihr Assistent gerade Tee aufbrühte. „Tom, bitte drucken Sie mir die Inventarlisten für dieses Jahr aus.“

„Vom gesamten Bestand?“

„Ja, und von der Lagerware.“

„Das sind aber ganz schön viele Daten.“

„Ich will alle und auch die Verkaufszahlen desselben Zeitraums.“

„Sofort.“

„Und vergessen Sie die Kekse“, fügte Arianna grimmig hinzu. „Dominic Borghese schickt mir einen Schnüffler, der überprüfen soll, ob ich ehrlich bin. Ich muss ihn hereinlassen, aber nicht bewirten.“

„Falsch in allen Punkten, Miss Cabot. Kein Mensch stellt Ihre Aufrichtigkeit infrage, und ich würde Ihnen raten, Ihren Gast mit äußerster Höflichkeit zu empfangen, selbst wenn ich, wie Sie sagen, ein Schnüffler wäre.“

Die Stimme war tief und sanft, und Ariannas Herz schlug wie wild. Sie atmete tief durch und drehte sich um. Ihre Großmutter stand auf der Türschwelle und neben ihr … der Mann, mit dem Arianna vor fünf Jahren ins Bett gegangen war.

„Ganz recht“, sagte die Marchesa schroff. „Arianna, wo sind deine Manieren? Niemand stellt irgendetwas infrage, und du wirst unseren Gast selbstverständlich mit der gebotenen Höflichkeit behandeln.“ Sich an Dominic wendend, fuhr sie fort: „Dominic, das ist meine Enkelin Arianna del Vecchio Cabot. Arianna, das ist unser Wohltäter Signor Dominic Borghese.“

Arianna war sprachlos. Sag etwas! befahl sie sich verzweifelt. Irgendwas …

Doch stattdessen fiel sie in Ohnmacht.

3. KAPITEL

Dominic und die Marchesa waren mit seinem Privatflugzeug nach New York geflogen. Die alte Frau hatte die meiste Zeit geschlafen, während Dominic darüber nachdachte, dass er gleich die Frau treffen würde, die sich vor fünf Jahren aus seinem Bett gestohlen hatte.

Die Marchesa wollte, dass er ihre Enkelin heiratete. Natürlich würde er dem Plan nicht zustimmen, das wusste die Marchesa nur noch nicht. Mit dieser Offenbarung wollte er warten, bis der passende Zeitpunkt gekommen war, an dem er sich dafür rächen konnte, dass er von dieser Arianna abserviert worden war wie ein Straßenjunge.

Während des Fluges hatte er sich auch ausgemalt, wie sie wohl auf ihn reagieren würde. Er hatte mit allem Möglichen gerechnet, nicht aber mit einer Ohnmacht. Als die junge Frau zusammenbrach, schrie die Marchesa auf, und Dominic eilte zu ihrer Enkelin, um sie aufzufangen. Im gleichen Augenblick stürzte ihr Assistent herein und schrie mit der Marchesa um die Wette. Dominic schob sich mit Arianna an den beiden vorbei und legte sie aufs Sofa. Arianna war kreidebleich, und ihr Puls raste. Ihr Assistent zeterte immer noch, aber die Marchesa war ganz still geworden. Auch sie schien von einer Ohnmacht nicht allzu weit entfernt, und wenn dieser blöde Assistent nicht gleich den Mund hielt …

Dominic wirbelte zu ihm herum. „‚Silenzio!‘“

Es funktionierte. Der Mann hielt sich augenblicklich die Hand vor den Mund.

„Wie heißen Sie?“

„T… Tom. Tom B… Bergman.“

„Gut, Tom, bringen Sie mir kaltes Wasser.“

„Da … Da ist welches in der Karaffe.“

„Schenken Sie zwei Gläser ein, und geben Sie eines der Marchesa.“ Dominic berührte die alte Frau an der Schulter. „Bitte setzen Sie sich.“

„Ist mit Arianna alles in Ordnung?“, flüsterte sie, während sie sich auf den Stuhl neben dem Sofa sinken ließ. Und Dominic war erleichtert, dass sie ihm nicht widersprach.

„Ja, ihr geht es gut. Sie ist nur ohnmächtig geworden.“

Die Marchesa nickte, und während sie etwas Wasser trank, wandte sich Dominic an Tom. „Ich brauche Eiswürfel und eine Kompresse.“

„Wir haben keine Kompressen.“

„Dann bringen Sie mir irgendetwas. Ein Handtuch, einen Schal. Irgendetwas, in das ich Eis füllen und es der Signorina Cabot an die Stirn halten kann.“

„Ja, Sir, sofort, Sir.“

Dominic ging neben dem Sofa in die Hocke und legte den Arm um Arianna. Wenn die alte Frau nicht gewesen wäre, hätte er gewartet, bis Arianna von allein wieder zur Besinnung gekommen war. Aber die Marchesa beugte sich vor, und ihre Hand mit dem Wasserglas zitterte.

Als Arianna leise stöhnte, lächelte Dominic der Marchesa aufmunternd zu. „Sehen Sie, sie kommt zu sich.“

Tom erschien mit einer Schale Eiswürfel und einem frotteegefütterten Seidenteddy in der Hand, der normalerweise eine Wärmflasche umhüllte. „Wird’s der tun? Was anderes konnte ich in der Eile nicht finden.“

„Der Teddy ist wunderbar.“

Dominic ließ einige Eiswürfel in den Bauch des Stofftiers gleiten und hielt es Arianna an die Stirn. Wieder stöhnte sie leise, und ihre Lider flatterten. Als sie die Augen öffnete, begegneten sich ihre Blicke. Die Farbe ihrer Augen war mit der des Himmels an einem lauen Junimorgen zu vergleichen. Es war ein ganz unschuldiges Blau, das hatte er zumindest in jener Nacht gedacht, als er Arianna in die Arme geschlossen hatte.

Er schnitt ein Gesicht und hielt Arianna ein Glas Wasser an die Lippen. „Trinken!“, befahl er dann kurz angebunden.

„Was … was ist denn passiert?“

„Sie sind ohnmächtig geworden. Trinken Sie jetzt einen Schluck.“

Während Arianna seiner Aufforderung nachkam, konnte er genau beobachten, wie ihr alles wieder einfiel. Ihre Augen wurden ganz groß, und sie errötete.

„Du!“, flüsterte sie dann, und Dominic rang sich ein Lächeln ab.

„Überraschung!“

Arianna schob das Glas von sich und versuchte, sich aus Dominics Umarmung zu befreien.

„Lassen Sie mich los!“

„Wenn Sie sich zu schnell aufsetzen, werden Sie nur wieder ohnmächtig.“

„Loslassen!“

Er zuckte die Schultern, tat aber, wie ihm geheißen war. Es konnte ihm doch egal sein, wenn sie noch einmal ohnmächtig wurde. „Wie Sie wünschen.“

Als sich Arianna aufsetzte, fiel ihr etwas Nasses, Kaltes in den Schoß. Sie nahm es in die Hand und wünschte, sie hätte es nicht getan.

„Wir mussten improvisieren“, sagte Dominic spöttisch.

Arianna schwang die Beine auf den Boden, und der Raum schien sich plötzlich um sie zu drehen. Sie atmete tief durch, um ja nicht noch einmal in Ohnmacht zu fallen. Einmal war genug, mehr als genug. Es war schon schlimm genug, in Dominic Borgheses Gegenwart ohnmächtig zu werden, aber es in Gegenwart ihrer Großmutter zu tun, war unverzeihlich. Die Marchesa schien um Jahre gealtert zu sein.

Nonna, ist mit dir alles in Ordnung?“, fragte Arianna und nahm ihre Hand.

„Kümmer dich nicht um mich, mein Kind, mir geht’s gut. Mir macht nur Sorge, was mit dir ist. Warum bist du ohnmächtig geworden?“

Arianna zögerte. Sie konnte ihrer Großmutter wohl schlecht sagen, dass es an dem Mann lag, der der Vater ihres Sohnes war.

„Vielleicht hat die Signorina etwas gesehen, das sie aufgeregt hat“, mischte sich Dominic ein, und Arianna warf ihm einen bösen Blick zu. Er schien es amüsant zu finden, dass es sich bei ihr – der Unbekannten, mit der er vor fünf Jahren geschlafen hatte – um dieselbe Frau handelte, die er jetzt vor die Tür zu setzen gedachte.

„Sie hat heute noch nichts gegessen.“

Alle sahen zu Tom.

„Nicht einmal einen Happen“, fügte er vorwurfsvoll hinzu. „Sie war viel zu sehr mit den Vorbereitungen der morgigen Schließung des Kaufhauses beschäftigt.“ Sich direkt an Arianna wendend, fuhr er fort: „Kann ich Ihnen nicht etwas besorgen lassen?“

„Danke, ich bin nicht hungrig. Bringen Sie einfach nur den Kaffee und den Tee für meine Großmutter und unseren … Gast. Es sei denn … meine Großmutter möchte etwas essen.“ Absichtlich vergaß sie dabei, Dominic zu erwähnen.

„Wir haben in Signor Borgheses Flugzeug geluncht.“ Die Marchesa lächelte. „Ein hübsches Flugzeug, Arianna! Mit Ledersitzen, niedrigen Tischen …“

„Ich glaube gern, dass sein Flugzeug schön ist“, sagte Arianna, „aber bestimmt hat der Signore nicht den weiten Weg nach New York gemacht, um darüber zu reden.“

„Nein“, sagte die Marchesa und seufzte, „das hat er nicht. Er wollte sich die Räumlichkeiten von ‚Butterfly‘ ansehen, nachdem ihm das Unternehmen nun gehört.“

„Das tut es nicht“, entgegnete Arianna rasch. „Noch nicht.“

„Aber das wird es morgen.“ Dominic lächelte. „Macht es Ihnen Kopfzerbrechen, Signorina Cabot, dass Ihr geliebtes ‚Butterfly‘ bald mir gehören wird?“

Er schien die Situation wirklich zu genießen. Aber warum? Etwa, weil sie sich damals davongemacht hatte, ehe die Situation noch peinlicher geworden wäre? Doch das war eigentlich egal. Das „Butterfly“ hatte sie so oder so verloren. „Ja“, sagte Arianna nun, „es macht mir Kopfzerbrechen.“

„Kind!“, rief die Marchesa. „Ich bitte dich …“

„Nein, nein“, wandte Dominic ein, „das ist schon in Ordnung. Ich mag Frauen, die ihre Meinung sagen.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen und wippte auf den Absätzen. „Ich bin neugierig, Signorina, was Sie am meisten an dieser Transaktion stört? Dass Sie das ‚Butterfly‘ verlieren oder dass ich es bekomme?“

„Beides“, sagte Arianna, ohne zu zögern.

„Aber Kind!“, rief die Marchesa.

„Signor Borghese kann die Wahrheit ruhig erfahren, Grandma, das ändert auch nichts an der Situation.“ Arianna wandte sich an Dominic. „Das ‚Butterfly‘ ist ein Familienunternehmen mit Tradition, und zwar seit Jahrhunderten. Doch was ich so über ‚Borghese International‘ gehört habe, interessiert Sie das überhaupt nicht.“

„Sie meinen wohl, was Sie über mich gehört haben. Ich weiß durchaus, worauf Sie anspielen, Signorina. Ganz Rom weiß, dass meine Vergangenheit nicht so ehrbar ist wie Ihre.“

„Das ist mir völlig egal, mich interessiert nur die Zukunft von ‚Butterfly‘. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie dem Unternehmen die Aufmerksamkeit schenken, die ihm gebührt.“ Arianna breitete die Arme aus und fuhr fort: „All das wird doch nur ein weiteres Rädchen im Getriebe Ihres Großunternehmens sein.“

„Soll heißen, ich werde es nicht so führen wie Sie.“

„Genau.“

„Nun, dann geht es wenigstens nicht bankrott und landet nicht in den Händen der Gläubiger.“

Arianna wusste, dass sie die Retourkutsche verdient hatte. „Glauben Sie mir, ich würde alles geben, wenn ich ungeschehen machen könnte, was passiert ist.“

„Dummerweise können wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Das weiß bestimmt auch eine Prinzessin.“

Dominic hatte leise gesprochen und wollte ihr damit eine geheime Botschaft zukommen lassen. „Prinzessin“, so hatte er sie auch in jener Nacht genannt. Am liebsten hätte sie ihn jetzt geohrfeigt und gesagt, er solle nicht dieses Spiel mit ihr spielen. Aber ihre Großmutter beobachtete sie mit wachsender Aufmerksamkeit.

„Sicher haben Sie da recht, Signore“, antwortete Arianna deshalb höflich. „Aber es gibt Menschen, die aus Fehlern klug werden.“

„Schon möglich“, meinte Dominic mit zusammengekniffenen Augen. „Vielleicht können Sie mir ja in einem anderen Punkt auf die Sprünge helfen, Signorina.“

„Ja, vielleicht. Worum geht es?“

„Sind wir uns nicht schon einmal irgendwo begegnet?“

„Nein“, antwortete sie spontan und hoffte, gelassen zu klingen, obwohl ihr Puls raste.

„Sind Sie da sicher? Sie kommen mir so bekannt vor. Vielleicht haben wir uns irgendwann einmal in Rom oder Florenz gesehen.“

„Bestimmt nicht.“

„Aber Arianna“, mischte sich die Marchesa ein, „tu das doch nicht so ab. Hin und wieder bist du doch in Florenz.“

„Signor Borghese und ich sind uns nie zuvor begegnet.“

„Ich vergesse niemals ein Gesicht, besonders wenn es so hübsch ist wie Ihres.“ Gespielt nachdenklich runzelte Dominic die Stirn. „Warten Sie, gleich fällt es mir ein. Es war hier in New York, auf einer Party vor fünf Jahren.“ Er sah sie herausfordernd an. „Um ehrlich zu sein, habe ich es schon gewusst, als mir die Marchesa Ihr Foto gezeigt hat.“

„Aber das haben Sie ja mit keinem Wort erwähnt!“, rief die Marchesa und lachte wie ein junges Mädchen. „Wie ungezogen von Ihnen, Dominic!“

„Ich wollte Sie überraschen.“

Währenddessen krampfte sich Arianna der Magen zusammen. Dieser Kerl hatte also die ganze Zeit gewusst, wer sie war, und ihre Großmutter nur begleitet, um sich persönlich daran zu ergötzen, wenn er ihr, Arianna, „Butterfly“ wegnahm. Aber warum? Ob sie ihn beleidigt hatte, als sie so sang- und klanglos aus seinem Apartment verschwunden war? Hätte sie bloß damals schon gewusst, dass es sich bei ihm um Dominic Borghese handelte, hätte sie nie mit ihm geschlafen. Gehört hatte sie schon oft von ihm. Wer hatte das nicht? Und wenn nur die Hälfte dessen stimmte, was man sich von ihm erzählte, war er einfach kein Umgang. Er war ein Wilder … dessen Zärtlichkeiten sie allerdings niemals vergessen hatte.

Wollte er nun ein Spiel spielen? Schön, da kam sie ihm gern entgegen. Lächelnd schob sie die Hände in die Taschen ihrer weich fallenden Seidenhose. „Wenn ich so darüber nachdenke, Signor Borghese, erinnere ich mich vielleicht doch. Andererseits kann unsere Begegnung nicht besonders denkwürdig gewesen sein, sonst wäre sie mir bestimmt sofort wieder eingefallen.“

Er biss die Zähne zusammen. „Wenn das so ist“, sagte er dann leise, „fällt mir vielleicht noch etwas ein, womit ich Ihr Gedächtnis auffrischen kann.“

Die Warnung war unmissverständlich: Unterschätz mich nicht, sonst bereust du es.

Er hatte recht. Was war bloß mit ihr los? Man spielte keine Spielchen mit einem Mann wie Dominic Borghese, besonders dann nicht, wenn es galt, ein Geheimnis für sich zu behalten. Sie brauchte nur die nächsten vierundzwanzig Stunden durchzustehen, dann würde „Butterfly“ ohnehin ihm gehören.

„Also wirklich!“ Die Marchesa sah von einem zum anderen. „Was hat denn das alles zu bedeuten? Kennt ihr beide euch jetzt oder nicht?“

Arianna hielt den Atem an und wartete. Die Sekunden schienen wie in Zeitlupe zu vergehen, doch dann nahm Dominic lächelnd die Hand ihrer Großmutter und hauchte einen Kuss darauf. „Wir haben uns einmal vor langer Zeit getroffen, Marchesa. Leider hat mich Ihre Enkelin vergessen, aber umgekehrt gilt das nicht.“

Glücklicherweise kam jetzt Tom mit einem silbernen Tablett in den Händen ins Zimmer. „Kaffee“, verkündete er, „und Tee!“ Er warf Arianna einen entschuldigenden Blick zu, ehe er hinzufügte: „Und Kekse.“

Doch seine Chefin war nur froh über die Unterbrechung und nahm ihm nicht übel, dass er ihre Anweisung missachtet hatte.

Als Dominic die Frauen verließ, war es schon spät am Nachmittag. Er verabschiedete sich höflich und gab dabei sowohl der Marchesa als auch ihrer Enkelin einen Handkuss. Dabei versuchte Arianna, ihm die Hand vorzeitig zu entziehen. Doch er war stärker.

Unten auf der Straße angekommen, hatte er das Gefühl, einem Raubtierkäfig entronnen zu sein. Kein Wunder, dass die Marchesa wollte, dass er ihre Enkelin heiratete. Doch auf eine solche Wildkatze konnte er gut verzichten. Der Trottel, der irgendwann ihr Ehemann wurde, tat ihm jetzt schon leid.

Irgendwo da draußen gab es bestimmt einen armen Teufel, der sich von ihrem hübschen Gesicht, der herrlichen Figur und den unschuldig wirkenden Augen hinters Licht führen ließe. Der Arme würde wahrscheinlich einen Schock erleiden, wenn ihm bewusst wurde, dass die Frau, die er geheiratet hatte, scharfzüngig und immer kurz davor war, einen Streit vom Zaun zu brechen … und nebenbei noch mit Männern ins Bett ging, die sie nicht einmal kannte und auch nicht kennenlernen wollte.

Als sein Chauffeur ihm die Wagentür aufhielt, winkte Dominic ab. In seinem Kopf ging alles durcheinander. Er musste ein bisschen laufen, um klarer zu sehen. Der Nachmittag war, um es gelinde auszudrücken, die Hölle gewesen.

New York erinnerte ihn immer irgendwie an Rom, besonders in der Rushhour. Die Fahrer waren hier wie dort furchtbar ungeduldig, und man spürte regelrecht die Energie und Lebendigkeit, die in beiden Städten herrschte. Energiegeladen und lebendig, das traf auch auf Arianna zu. Diese Eigenschaften hatten ihn vor fünf Jahren auf sie aufmerksam werden lassen. Sie hatte auf dieser langweiligen Galaveranstaltung so völlig fehl am Platz gewirkt, den Saal ungeduldig durchquert und dabei ein weithin sichtbares aufgesetztes Lächeln zur Schau getragen.

Aber die Nacht in seinen Armen hatte sie nicht gelangweilt. Auch heute Nachmittag war sie nicht gelangweilt gewesen, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt war, ihn zu ignorieren. Begegneten sich ihre Blicke doch einmal, rümpfte sie verächtlich die Nase. Wenn es der Marchesa dann gelang, ihn in das Gespräch einzubinden, zeigte Arianna ganz offen ihre Abscheu. Er dagegen ging darüber hinweg, und Arianna ahnte nicht einmal, wie sehr ihn dieses ganze fadenscheinige Theater auf die Palme brachte.

Er hatte ihr Verhalten nur um der Marchesa willen toleriert. Aus reiner Höflichkeit akzeptierte er, dass Arianna ihm die kalte Schulter zeigte und durch ihre eisigen Blicke zu verstehen gab, dass sie eine Adlige und er nur ein Niemand von der Straße sei.

Ein Niemand, der die Zukunft der Familie del Vecchio in Händen hielt. Arianna mochte ja blaues Blut haben, er aber hatte das Geld.

Dominic blieb am Randstein stehen, und sein Chauffeur hielt mit der Limousine neben ihm. Aus Erfahrung wusste der Mann, dass Dominic es nicht mochte, wenn sich jemand übertrieben unterwürfig zeigte, und blieb sitzen. Doch in diesem Moment hätte Dominic, als er einstieg und sich Richtung Fifth Avenue fahren ließ, ganz gern gesehen, dass jemand vor ihm katzbuckelte. Arianna Cabot hätte ruhig ein bisschen unterwürfig sein können. Es wunderte ihn ohnehin, dass er heute Nachmittag die Nerven behalten hatte.

Oft genug war er kurz davor gewesen, aufzuspringen, die „Eisprinzessin“ bei den Schultern zu packen und daran zu erinnern, dass sie ihn in jener Nacht nicht so verabscheuungswürdig gefunden hatte. Wie gern hätte er ihr hübsches Gesicht umfasst, um sie zu küssen, bis ihr Mund den gestrengen Zug verloren und ganz weich geworden wäre. Doch er riss sich zusammen, weil es keinen Wert hatte, die Geduld zu verlieren.

Er wollte nichts von Arianna – weder ihr nutzloses, altmodisches Unternehmen noch ihren Körper und nicht einmal eine vorgespielte Respektsbezeugung. Er wollte nur Rache, und die würde er morgen bekommen. Der Chauffeur hielt vor dem Hotel, in dem Dominic die Penthousesuite angemietet hatte – dieselbe wie damals vor fünf Jahren.

„Werden Sie den Wagen abends noch benötigen, Mr Borghese?“

Dominic schüttelte den Kopf. „Nein, George, stellen Sie ihn in die Garage, und nehmen Sie sich den Abend frei.“

„Bis morgen früh dann. Um sieben Uhr, richtig?“

„Richtig.“ Während Dominic mit einem separaten Aufzug ins Penthouse fuhr, dachte er: Morgen früh offenbare ich der Marchesa, dass ich weder das Unternehmen noch ihre Enkelin haben will. Er könnte sich selbst nicht mehr in die Augen sehen, wenn er einer alten Frau ihr letztes Hab und Gut nahm. Und was eine Heirat mit Arianna betraf … Glaubte die Marchesa wirklich, er würde seine Freiheit und die Möglichkeit aufgeben, sich selbst eine Frau zu suchen, nur damit er sein Blut mit dem der del Vecchios verbinden konnte? Als wäre das ein Privileg!

Aufgebracht zog Dominic die Anzugjacke aus, nahm die Krawatte ab und warf beides auf einen Stuhl im Flur. Während er ins Wohnzimmer ging, öffnete er den Hemdkragen und rollte die Ärmel hoch. Die Wahrheit ist doch, dass die Marchesa mich keines Blickes gewürdigt hätte, wenn sie noch über ihr Geld verfügen würde, dachte er dabei.

Er tat zwei Eiswürfel in ein Glas und schenkte sich einen Fingerbreit von seinem Lieblingsbourbon ein. Er hatte einige Jahre in den Staaten verbracht und dabei Geschmack an dem Whisky gefunden. Allerdings gönnte er sich nur selten einen Tropfen. Es war wichtig, jederzeit einen klaren Kopf zu haben. Außerdem hatte er als Heranwachsender miterlebt, was Alkohol bei Menschen anrichten konnte. Trotzdem war er der Meinung, etwas zu feiern zu haben, wenn er an den nächsten Morgen dachte.

Dominic ging auf die Terrasse und blickte zum Central Park hinunter – eine grüne Oase der Stille inmitten der Lärm verstärkenden Betonwände der Stadt. Er trank einen Schluck Whisky, der ihm sogleich angenehm den Bauch wärmte. Wieder musste er an die del Vecchios denken. Hätte sich damals eine Liebesbeziehung zwischen ihm und Arianna entwickelt – wobei Dominic nicht wirklich wusste, was Liebe war –, und die Finanzen der Familie wären in Ordnung gewesen, hätte die Marchesa alles in ihrer Macht Stehende getan, um eine Heirat zwischen ihm und ihrer Enkelin zu verhindern.

Sein Blut würde nie blau sein, aber sein Bankkonto war gut gefüllt. Das war alles, was Leute wie die del Vecchios interessierte. Dominic wollte noch einen Schluck trinken, doch das Glas war leer. Verwundert runzelte er die Stirn und ging zurück ins Wohnzimmer. Dort schenkte er sich noch einmal nach, ehe er die Flasche mit hinausnahm. Als es zu dämmern begann und im Park die Lichter angingen, goss er ein drittes Mal Whisky in sein Glas.

Als er schließlich ins Bett fiel, interessierte ihn nur noch Ariannas Gesicht, wenn er ihr morgen erzählte, dass seine Anwälte längst die notwendigen Unterlagen vorbereitet hatten, um das Darlehen für getilgt zu erklären. Die weite Reise nach Amerika hatte er nur unternommen, um persönlich zu sehen, wie Arianna darauf reagierte, wenn sie erfuhr, dass ihre Großmutter versucht hatte, sie an ihn zu verkaufen, und wenn er ihr erzählte, dass er lieber eine Frau von der Straße heiraten würde als sie.

Bei diesem Gedanken gähnte Dominic genüsslich, rollte sich auf die Seite und schlief sofort ein.

4. KAPITEL

Dominic erwachte von einem lauten Klingeln. Er öffnete verschlafen die Augen und blickte orientierungslos um sich. Doch nachdem er endlich den Knopf zum Ausschalten an seinem Wecker gefunden hatte, änderte auch das nichts am Lärm. Schließlich setzte sich Dominic auf, stöhnte über den pochenden Schmerz in seinem Kopf und nahm sein Handy auf. „Wer ist da?“, fragte er ungehalten.

„Buon giorno.“

Die Marchesa! Dominic sah mit zusammengekniffenen Augen auf den Wecker. Es war fünf Minuten vor fünf Uhr morgens. Er räusperte sich. „Marchesa, ich will nicht unhöflich erscheinen, aber …“

„Ich weiß, dass es früh ist, und habe auch extra so lange gewartet, wie ich konnte. Aber … Oh Dominic, ich habe gestern einen Fehler gemacht!“, sprudelte es dann nur so aus ihr heraus.

„Marchesa“, sagte Dominic flehentlich und rieb sich die schmerzende Stirn, „bitte sprechen Sie etwas langsamer.“

„Ach, sagen Sie doch ‚Emilia‘ zu mir, Dominic.“

Wow, das kam aber plötzlich! Was will die alte Frau von mir? überlegte Dominic, während seine Kopfschmerzen schlimmer wurden. „Emilia“, sagte er dann behutsam, doch die Marchesa fiel ihm wieder ins Wort und redete ohne Punkt und Komma. Wieder begann es mit: „Ich habe einen großen Fehler gemacht …“

Dominic hörte nur mit halbem Ohr zu, während er ins Badezimmer ging und in seiner Kulturtasche nach einem Päckchen Kopfschmerztabletten suchte. Was machte er eigentlich hier in New York? Plötzlich schien es ihm völlig unprofessionell, sich an Arianna rächen zu wollen. Er würde den beiden del Vecchios in einigen Stunden einfach verkünden, dass er das Unternehmen „Butterfly“ aufzulösen gedachte und auf die Rückzahlung des Darlehens verzichtete. Dann konnte er nach Rom zurückkehren und diese ganze lächerliche Geschichte vergessen.

Die Marchesa redete immer noch. Aber worüber? überlegte Dominic und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen. „Was ist denn jetzt Ihr Problem?“, fragte er, als er Wasser aufsetzte.

„Dass ich alles ruiniert habe!“

Dominic nahm die doppelte Menge Kaffee.

„Sie können sich ja nicht vorstellen, wie ich meinen Fehler bereue!“

Doch, das konnte er. Auch er bereute seine Fehler. Er hätte nie nach New York kommen dürfen, nie die Marchesa auch nur einen Moment denken lassen sollen, er würde wirklich auf der Rückzahlung des Darlehens bestehen oder tatsächlich in Erwägung ziehen, ihre Enkelin zu heiraten.

„Dominic, sind Sie noch dran?“

„Ja, Emilia, von welchem Fehler sprechen Sie?“

„Ich … ich habe die Katze aus dem Sack gelassen. Gestern Abend beim Essen habe ich Arianna von unseren Fusionsplänen erzählt.“

„Wie bitte?“ Dominic musste sich setzen.

„Und dass Sie Arianna heiraten wollen.“

„Nein!“ Dominic sprang wieder auf. „Das will ich doch gar nicht.“

„Aber Sie sagten doch …“

„Nein, Sie dachten … gesagt habe ich nichts dergleichen.“

„Aber auch nicht, dass Sie Arianna nicht heiraten würden.“

„Marchesa, Sie sind mit ihren eigenwilligen Plänen einfach zu weit gegangen!“

„Der Meinung bin ich nicht“, entgegnete die Marchesa eisig. „Sie hätten sich einfach früher erklären sollen. Aber das ist jetzt auch egal. Arianna hat gelacht, als ich ihr erzählt habe, dass Sie sie heiraten wollen.“

Unwillkürlich biss Dominic die Zähne zusammen. „So, hat sie das?“ Der Kaffee war fast fertig.

„Ja, und nicht nur das. Sie hat gesagt … ach, vergessen Sie’s! Es ist egal.“

„Stimmt.“ Dominic überlegte. „Aber ich würde es trotzdem gern hören.“

„Das glaube ich nicht.“

Dominic verstärkte den Griff um den Hörer. „Emilia, was hat Arianna gesagt?“

„Dass … dass sie lieber einen Marsmenschen heiraten würde als Sie.“

„Wie nett von ihr!“

„Sie wollten es ja unbedingt wissen.“

„Das stimmt.“ Dominic schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, wobei etwas von der heißen Flüssigkeit auf seine Finger geriet. Doch das spürte er nicht.

„Ich hätte es Ihnen überlassen sollen, um ihre Hand anzuhalten. Vielleicht hätten Sie Arianna überzeugt.“

„Ich habe Ihnen doch gerade gesagt, dass ich zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt habe, Ihre Enkelin zu heiraten. Haben Sie das denn nicht verstanden?“

„Ich verstehe nur, dass ich ‚La Farfalla‘ verlieren werde.“

„Darüber reden wir drei später“, erklärte Dominic kühl.

„Arianna wird nicht kommen.“

„Was soll das heißen? Ich erwarte, dass Ihre Enkelin auch zugegen ist.“

„Das wird nur schwer möglich sein. Sie ist noch gestern Abend abgereist.“

„Wie bitte?“

„Ja, in ihr Wochenendhaus. Wir haben uns gestritten. Nun ja, ich war ziemlich forsch zu ihr.“

Dominic fuhr sich durchs Haar. Das durfte doch alles nicht wahr sein! „Geben Sie mir ihre Telefonnummer. Ich werde Arianna klar machen, dass sie heute Morgen anwesend zu sein hat.“

„Ich habe ihre Nummer nicht. Bis gestern Abend wusste ich nicht einmal von diesem Wochenendhaus!“, rief die Marchesa entrüstet. „Offensichtlich gibt es da einiges, was ich von meiner Enkelin nicht weiß. Bis gestern dachte ich zum Beispiel auch, Sie beide seien sich fremd.“

„So ist es ja auch.“

„Arianna hat zugegeben, Ihnen schon einmal begegnet zu sein. Aber das sei kein sehr angenehmes Treffen gewesen.“

„So, sagt sie das? Und was noch?“

„Nur, dass sie Sie nicht wiedersehen will.“ Die Marchesa seufzte leise.

Dominic nahm einen Zettel und einen Stift zur Hand. „Wo ist dieses Landhaus?“

„Genau weiß ich das auch nicht. Auf jeden Fall außerhalb der Stadt.“

Na, das brachte ihn ja unheimlich weiter. Mit dieser Aussage konnte Arianna Cabots Haus überall im Umkreis von drei, vier Stunden sein.

„Gibt es denn einen Grund, warum meine Enkelin unbedingt anwesend sein muss?“

Dominic hätte beinah laut gelacht. War der angeschlagene Stolz eines Mannes Grund genug? „Wenn ich mir die Sache so überlege“, sagte er dann, „braucht eigentlich keine von Ihnen anwesend zu sein.“

„Na, da bin ich aber froh! Mein Streitgespräch mit Arianna hat mich doch sehr erschöpft. Ich verlasse New York lieber heute als morgen.“

„Ich kann Ihnen einen Flug noch heute Morgen organisieren, wenn Sie wollen.“ Dominic sprach rasch, als wollte er nicht darüber nachdenken, dass es vielleicht ein Fehler sein konnte, was er im Begriff zu tun war. „Mein Fahrer kann Sie abholen und zum Flughafen bringen. Mein Pilot fliegt Sie dann nach Hause.“

„Ich will Ihnen keine Umstände machen, Dominic.“

„Das tun Sie nicht. Ich bleibe noch einige Tage, um Geschäftliches zu erledigen. Aber das braucht Sie nicht zu kümmern.“

„Nun, wenn Sie sicher sind …“

„Das bin ich.“

„Danke, Dominic, und bitte entschuldigen Sie noch einmal, dass ich Ihre Pläne durchkreuzt habe.“

„Nein, nein, ich muss mich entschuldigen, weil ich so schlecht gelaunt war. Sie konnten ja nicht wissen, dass ich nicht vorhatte, Ihre Enkelin zu heiraten.“

„Um ehrlich zu sein, bin ich darüber nicht besonders überrascht. Aber man soll die Hoffnung nie aufgeben.“

Dominic nickte. Er hatte sich etwas beruhigt genau wie die Marchesa. An sich war jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um ihr zu sagen, dass er nicht beabsichtigte, das Darlehen einzufordern. Aber er tat es nicht. „Mein Chauffeur wird Sie in ein, zwei Stunden anrufen, Emilia. Dann sagen Sie ihm, wann er Sie abholen soll.“

„Mille grazie.“

„Gern geschehen.“ Dominic trennte die Verbindung und trank einen Schluck Kaffee. Er war pechschwarz und beinahe dickflüssig. Dabei überlegte er, warum er der Marchesa nicht gesagt hatte, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche. „Butterfly“ war alles, was die alte Frau noch hatte. Er würde ihr das Unternehmen nicht wegnehmen. Mit der Androhung der Liquidation hatte er nur Arianna ein bisschen erschrecken wollen. Das stand ihm ja wohl zu, nach all den Nächten, die er an sie gedacht hatte, ohne je eine Chance gehabt zu haben, sie näher kennenzulernen.

Er verstärkte den Griff um den Kaffeebecher. Sie hatte also bei der Vorstellung ihn zu heiraten. Als er mit ihr geschlafen hatte, hatte sie nicht gelacht, sondern leise und atemlos gestöhnt, wie es nur eine Frau tat, der gefiel, was der Mann mit ihr machte. Wenn er daran dachte, wurde er immer noch halb verrückt vor Leidenschaft. Und das war sie doch auch gewesen. Aber ihn zu heiraten kam für sie nicht infrage. Oh nein! Da zog sie lieber einen Marsmenschen vor.

Dominic schüttete den Rest des Kaffees ins Spülbecken. Arianna brauchte eindeutig eine Lektion in Demut. Dafür hatte er noch Zeit, ehe er nach Rom zurückkehren musste, und beschloss, erst einmal kalt zu duschen. Das beruhigte zwar nicht seine Nerven, ließ aber den Kopfschmerz verschwinden. Jetzt konnte er besser darüber nachdenken, wie er seine Wut sinnvoll umsetzte.

Es gab immer einen Weg, einen Feind zu besiegen. Man musste sich nur ausreichend beruhigen, um herauszufinden, wo die Schwachstelle des Gegners lag. Dominic verließ die Dusche und wickelte sich ein Badehandtuch um die Hüften. Wie hieß Ariannas Assistent noch gleich? Tim? Nein, Tom. Tom, wie? Berg? Berger? Bergman, dachte er und schnippte mit den Fingern. Seine Nummer stand im Telefonbuch, aber Dominic musste es wenigstens ein Dutzend Mal klingeln lassen, bis Ariannas Assistent den Hörer abnahm.

Nein, er habe keine Ahnung von dem Wochenendhaus seiner Arbeitgeberin. Ja, er habe eine Nummer für Notfälle, aber die könne er natürlich nicht …

Nach einigen wohl gewählten Formulierungen stellte sich heraus, dass Bergman doch konnte, und Dominic notierte sich eilig die Nummer, ehe er einen Privatdetektiv in Manhattan anrief, der gelegentlich für „Borghese International“ tätig war. Es dauerte eine Stunde, um die notwendigen Informationen zu bekommen. Zeit genug, sich bequeme Freizeitsachen anzuziehen und einen Wagen zu mieten.

Schließlich rief Dominic noch seinen Piloten an, damit er das Flugzeug startklar machte, und seinen Fahrer, damit dieser die Marchesa zum Flughafen brachte. „Ach übrigens, George …“ Stirnrunzelnd sah Dominic auf die Adresse, die ihm der Detektiv gegeben hatte. „Kennen Sie zufällig den kürzesten Weg nach Stanton, Connecticut? Ja? … Großartig! … Hm, hab ich, hm … Sie wissen wohl nicht zufällig, wo die Wildflower Road ist? … Nein, das macht nichts. Ich finde sie schon.“

Dominic legte den Hörer auf und ging zur Tür. Kurze Zeit später saß er in einem gemieteten Geländewagen und fuhr im Eiltempo zu den Hügeln Connecticuts.

Arianna mochte ihr Haus. Es war in den Dreißigerjahren gebaut worden, was es völlig unattraktiv für den aktuellen Immobilienmarkt machte. Die Berühmtheiten, die sich Häuser in diesem Teil Neuenglands kauften, zogen Gebäude aus der Kolonialzeit vor, selbst wenn sie kurz vorm Einsturz standen.

Aber ihr Haus war solide gebaut, verfügte über Parkettböden und einen gemauerten Kamin. Es schien sich unter einem kleinen Nadelholzwald zu ducken und befand sich am Ende einer langen, ungeteerten Auffahrt. Kaum jemand fuhr je hier herauf, von Lucas’ Kindermädchen und dem Fahrer des Supermarktlieferservices einmal abgesehen. Ursprünglich hatte Arianna das Haus nur gekauft, um unbemerkt ihren Sohn aufziehen zu können. Aber inzwischen fühlte sie sich hier richtig geborgen, wozu auch die Stille des angrenzenden Waldes beitrug.

Normalerweise vermochte die Umgebung Arianna immer zu beruhigen. Nicht aber heute, dachte sie, während sie Salatblätter zupfte. Lucas war mit einem Freund und dessen Vater zum Fischen gegangen. Gut so, denn ihr Sohn konnte in ihr lesen wie in einem Buch. Sie wollte nicht, dass Lucas bemerkte, wie verärgert sie darüber war, dass sein Vater – von dessen Existenz der Junge nie erfahren sollte – wieder in ihr Leben getreten war.

Hatte sich Dominic wirklich eingebildet, sie würde ihn heiraten? Und war ihre Großmutter auch der Meinung gewesen? Unglaublich! Wenigstens ihre Großmutter hätte sich loyal verhalten können. Arianna war wieder genauso wütend wie bei der Herfahrt und riss ein Salatblatt in tausend Stücke. Nur die eine Stunde in der Nacht zuvor am Bett ihres Sohnes und das Frühstück mit ihm hatten sie ein wenig versöhnen können.

„Ich bin an der Entwicklung ganz unschuldig, Arianna“, hatte ihre Großmutter versichert. „Ich teile dir nur seinen Vorschlag mit. Du glaubst doch nicht, dass es meiner war?“

Arianna stieß das Schälmesser in eine Tomate. Vielleicht nicht, aber unglücklich schien die Marchesa über Dominics Ansinnen nicht zu sein. Und als sie auch noch erklärt hatte, wieso es ihrer Meinung nach nicht dumm sei, Dominic zu heiraten, war Arianna aus der Haut gefahren.

„‚Dumm‘ beschreibt es nicht annähernd! ‚Idiotisch‘, ‚wahnsinnig‘ und ‚unmöglich‘ trifft es wohl eher“, rief sie aufgebracht.

„Mit Signor Borghese hättest du ein bequemes Leben“, wandte ihre Großmutter ein.

„Ich habe es schon jetzt recht bequem. Wie konntest du nur …?“

„Du bist der letzte Spross unserer Familie. Wir brauchen einen Erben.“

Das tat weh, und Arianna sagte steif: „Den werden wir eines Tages bestimmt haben.“

„Eines Tages“, höhnte die Marchesa. „Wann? Eine Frau in deinem Alter sollte längst verheiratet sein.“

„Eine Frau in meinem …? Also wirklich, nonna, ich bin erst neunundzwanzig!“

„Es wäre gut für dich, wenn du einen Mann in deinem Leben und in deinem Bett hättest.“

Unwillkürlich hatte dieser Satz in Arianna die Bilder von vor fünf Jahren in Erinnerung gerufen. Sie sah wieder, wie Dominic sie in die Arme nahm, um sich dann über sie zu beugen und zwischen ihre Schenkel zu knien – muskulös, nackt und atemberaubend gut aussehend. Trotzdem lautete Ariannas Antwort jetzt: „Ich brauche keinen Mann, Grandma.“

„Denk an ‚Butterfly‘!“

Nonna, das Unternehmen ist mir nicht so wichtig, um mich dafür an den Handlanger des Teufels zu verkaufen.“

„Ich wollte dir damit auch nur in Erinnerung rufen, dass man manche Entscheidungen aus Vernunftgründen treffen muss, auch wenn sie einem gefühlsmäßig widerstreben.“

Wie auch immer, dachte Arianna jetzt. Bis vier Uhr nachmittags musste ihr Ärger verraucht sein. Dann wollte Jeff Gooding die Jungen zurückbringen.

„Mit ganz viel Fisch“, hatte Lucas gesagt, und Jeffs Sohn hatte hinzugefügt: „Richtig große Brocken!“

Doch sein Vater zwinkerte ihr über die Köpfe der Jungen hinweg zu. „Vielleicht sollten Sie sich trotzdem eine mögliche Alternative fürs Abendessen überlegen. Nur, falls die Fische nicht so wollen wie wir.“

Arianna lächelte. Damit hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass die Kinder eigentlich nie etwas im Teich fingen. Und wenn er selbst einmal einen Fisch an der Angel hatte, überredeten sie ihn, den Fisch wieder freizulassen. Zum Angeln zu gehen war eigentlich nur ein Vorwand, um zusammensitzen und „Männergespräche“ führen zu können.

Jeff Gooding war Witwer und sehr nett. Einen Großteil seiner Freizeit widmete er seinem Jungen und schloss auch Lucas oft in ihre Unternehmungen ein.

„Er steht auf Sie“, pflegte Susan Arianna immer zu necken.

Aber sie stand nicht auf ihn. Jeff war nicht vielschichtig wie Dominic oder stark wie Dominic oder aufregend wie Dominic oder … Verdammt! Fluchend viertelte Arianna die Tomate. Sie hatte nur noch Dominic im Kopf. Dabei war Jeff nicht kalt, abweisend und selbstsüchtig wie er. Jeff war ein Pfeiler der Gemeinde und ein gutes Vorbild für Lucas. Wenn dem Jungen tatsächlich etwas fehlte, dann eine männliche Bezugsperson.

Wenn du Dominic Borghese heiraten würdest, hätte dein Sohn eine männliche Bezugsperson, die ganz nebenbei auch noch sein leiblicher Vater ist.

„Arianna!“

Sie sah zur Fliegengittertür. Dominic stand auf der Veranda und wurde eindrucksvoll vom Sonnenlicht beschienen. Arianna, die soeben eine zweite Tomate hatte vierteln wollen, war so entgeistert, dass sie sich in den Finger schnitt. Das Blut lief nur so auf das weiße Schneidebrett, und Arianna sah wie gebannt darauf.

„Du meine Güte!“, rief Dominic mit seinem leicht italienischen Akzent.

Als er die Schulter gegen den Türrahmen rammte, drang von weit, weit her das Splittern von Holz an Ariannas Ohr, und die Tür flog auf.

„Ist das so eine Angewohnheit von dir? Ständig in Ohnmacht zu fallen?“, fragte er heiser, als er bei ihr war und sie hochhob.

Autor

Margaret Mayo
Margaret Mary Mayo wurde am 7. Februar 1935 in der Grafschaft Staffordshire, England, geboren und hat diese Region noch nie verlassen. Sie hatte nie vor Autorin zu werden, obwohl sie das Lesen liebte. Nachdem ihre beiden Kinder, Adrian und Tina, geboren waren und schließlich zur Schule gingen, nahm sie ihre...
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