Royale Versuchung – 6 königliche Lovestorys

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MEIN PRINZ, MEIN GELIEBTER von MARION LENNOX

Penny-Rose kann es kaum glauben: Sie ist die Frau von Prinz Albert de Castavalle! Für ein Jahr soll sie an seiner Seite repräsentieren. Dann ist sie frei. Beide gehen davon aus, dass es sich nur um eine Vernunftehe handelt. Doch in den Flitterwochen erwachen zärtliche Gefühle…

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  • Erscheinungstag 24.09.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547673
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Marion Lennox

Mein Prinz, mein Geliebter

1. KAPITEL

„Ich weiß, dass du Belle heiraten willst, aber vorher musst du Penny-Rose heiraten.“

Schweigen folgte dieser Feststellung. Marguerite de Castavalle tat, als hätte sie nur eine belanglose Bemerkung über das Wetter gemacht, aber Albert und Belle starrten sie an, als wäre sie nicht ganz zurechnungsfähig.

„Was hast du gesagt?“ Albert, Prinz von Castavalle, fand die Sprache zuerst wieder. Er schob beide Hände in die Taschen seiner ausgeblichenen Jeans und schloss für einen Moment die Augen. Was sollte das? Auf derartige Vorschläge seiner Mutter konnte er gut und gern verzichten.

Er hatte genug anderes zu bedenken. Wenn es mit der Erbschaft nicht klappte, war das Dorf mit seinen knapp tausend Einwohnern erledigt. Trotz monatelanger Bemühungen hatte er keine rettende Lösung gefunden. Sein Privatvermögen reichte nicht aus, und von draußen konnte er keine Hilfe erwarten.

Gerade heute hatte er sich zu einer bitteren Entscheidung durchgerungen. Er war seit dem frühen Morgen mit den Großhändlern unterwegs gewesen, um die Viehbestände seines Landguts schätzen zu lassen, aber das Ergebnis war niederschmetternd. Der Marktwert erreichte bei weitem nicht die Summe, die er dringend benötigte. Seine Anwälte hatten ihm versichert, dass sich keine Bank auf ein so unsicheres Unternehmen einlassen würde.

Mit einem Wort: Das Gut musste verkauft werden.

„Eine andere heiraten?“, fragte er unwillig. „Das ist absurd.“

„Keineswegs.“ Seine Mutter hatte ihr berühmtes „Verlass-dich-nur-auf-mich“-Lächeln aufgesetzt. „Du möchtest doch Fürst werden, oder?“

„Nein!“ Albert ging zum Fenster und ließ den Blick über den Schlosspark schweifen, der sich bis an den Fluss erstreckte. „Louis sollte das alles erben. Ich nicht.“

„Aber Louis ist tot, mein Lieber“, erinnerte ihn seine Mutter. „Gott sei Dank, möchte ich hinzufügen. Er hätte einen miserablen Fürsten abgegeben.“

„Trotzdem war er der rechtmäßige Erbe.“

„Er hat dieses Recht vertrunken.“ Marguerites Miene ließ erkennen, was sie von ihrem verstorbenen Neffen hielt. „Er war ein Scharlatan und ein Dummkopf dazu, und jetzt ist er tot. Der Titel und die Verantwortung, die damit verbunden ist, gehören dir.“

„Das habe ich nicht gewollt.“

„Es wird dir dennoch auf einem Silbertablett serviert. Du brauchst nur zuzugreifen.“ Marguerite betrachtete ihre zukünftige Schwiegertochter mit nachdenklichem Gesicht. „Vorausgesetzt, du hast den Willen dazu. Belle würde sicher gern Fürstin werden und in diesem Schloss wohnen.“

„Belle interessiert sich nicht für Titel“, wehrte Albert ab. „Genauso wenig wie ich.“

Marguerite war sich da keineswegs sicher, aber sie ließ sich ihre Zweifel nicht anmerken. Das kleine Fürstentum Castavalle, versteckt zwischen Frankreich und dem übrigen Europa, mochte auf der Weltbühne keine Rolle spielen, aber es lebte sich ausgezeichnet dort. Das wusste auch Belle. Nach Marguerites Meinung strebte sie sehr wohl nach der Stellung einer Fürstin, aber damit war Albert nicht zu überzeugen. Sie musste es anders anfangen.

„Die Menschen hier brauchen dich“, erklärte sie nun. „Das Wohl des Fürstentums hängt von dir ab.“

„Nicht schon wieder, Maman!“

„Dann musst du mir besser zuhören. Wenn du das Erbe nicht antrittst, geht der Titel verloren. Du wirst nicht nur dein Gut, sondern auch dieses Schloss und ganz Castavalle verlieren. Die Menschen, die hier ihr Leben verbracht haben, würden heimatlos werden. Reiche ausländische Touristen würden ihre Häuser kaufen, um hier für wenige Wochen im Jahr Ferien zu machen.“

„Nein!“, fuhr Albert auf.

„Natürlich will das niemand.“ Marguerite merkte, dass sie auf dem richtigen Weg war. Die Haltung ihres Sohns sagte ihr genug. Albert war dazu erzogen worden, Verantwortung zu übernehmen, und sie hoffte, er würde das auch jetzt tun.

Trotz Belle oder mit Belle … je nachdem.

Albert war ein guter Sohn und hatte bis zu seiner Verlobung mit Belle als einer der begehrtesten Junggesellen Europas gegolten. Sein fürstliches Blut, sein ererbtes Vermögen und sein gutes Aussehen hatten diesen Ruf durchaus gerechtfertigt. Inzwischen war er zweiunddreißig Jahre alt und wurde nicht nur von seiner Mutter für ein Muster aller männlichen Tugenden gehalten.

Die Tragödie, die sich in seiner Vergangenheit abgespielt hatte, tat dem keinen Abbruch. Albert war ein Meter fünfundachtzig groß, schlank und doch kräftig gebaut. Er hatte pechschwarzes Haar, dunkelbraune Augen und stiftete mit seinem Lächeln überall Verwirrung. Es war das Lächeln seines Vaters, wie sich Marguerite gut erinnern konnte. Doch sie wollte sich nicht durch wehmütige Gedanken ablenken lassen, denn das führte bei Albert zu nichts. Seit Lissas Tod ließ er niemanden mehr an seinem Gefühlsleben teilnehmen, was für Belle kein Problem zu sein schien. Nach Marguerites Meinung war Belle absolut gefühllos.

„Es wäre nur für ein Jahr …“

„Was wäre nur für ein Jahr?“ Albert drehte sich um und betrachtete seine Mutter mit gerunzelter Stirn. „Das klingt, als hättest du alles seit langem geplant.“

„Das habe ich auch“, bestätigte Marguerite. „Einer muss schließlich an die Zukunft denken. Du warst so mit der Restaurierung der Schlossanlagen beschäftigt, dass dir kaum Zeit für etwas anderes blieb. Dazu die beiden Todesfälle …“

„Komm zur Sache, Maman.“

„Unser Problem liegt darin, dass dein Onkel die Erbgesetze geändert hat“, fuhr Marguerite unbeirrt fort. „Der Lebenswandel seines Sohns verursachte ihm Albträume, deshalb fügte er die Klausel hinzu …“

„Ich kenne die Klausel.“ Genauer, als mir lieb ist, ergänzte Albert im Stillen. Sein Cousin hatte oft genug darüber geklagt, und jetzt wurde sie für ihn selbst zum Problem. „Sie besagt, dass Louis nur erbt, wenn er vorher eine Frau von untadeligem Ruf heiratet.“

Marguerite nickte und vermied es, in Belles Richtung zu sehen. Was sie jetzt sagen musste, war nicht ganz leicht. Albert durchschaute die Klausel in all ihren Konsequenzen, aber tat Belle das auch?

„Dein Onkel konnte nicht wissen, dass Louis drei Monate nach ihm ebenfalls den Tod finden würde“, sagte sie. „Die Klausel wird dadurch allerdings nicht aufgehoben und gilt jetzt in vollem Umfang für dich.“

„Mag sein, aber was immer die Anwälte sagen … Belle ist eine Frau von untadeligem Ruf.“

„Nein, mein Lieber, das ist sie nicht.“ Marguerite ließ sich nicht zum Schweigen bringen. „In diesem Fall ist das Urteil der Anwälte wichtiger als deine persönliche Meinung. Solltest du Belle heiraten, würden sich deine noch lebenden Cousins auf diese Klausel berufen und erreichen, dass Castavalle unter ihnen aufgeteilt wird.“

„Nur weil Belle schon einmal verheiratet war …“

„Und weil sie immer wieder unschöne Affären hatte“, ergänzte Marguerite. „Es tut mir Leid, meine Liebe“, setzte sie mit einem Blick auf Belle hinzu, „wir können es uns nicht mehr leisten, die Dinge zu beschönigen.“

„Tu dir keinen Zwang an.“ Belle saß mit übereinander geschlagenen Beinen und locker gefalteten Händen auf dem Sofa. Sie trug ein elegantes schwarzes Kleid und hielt den Kopf so, dass das Sonnenlicht darauf fiel und ihrem kastanienroten Haar seltenes Feuer verlieh. Der Eindruck war unglaublich, und das wusste sie. „Ich bin also keine Frau von untadeligem Ruf. Von mir aus. Macht euch nichts daraus.“

„Ich mache mir aber etwas daraus“, erklärte Marguerite. „Alberts Cousins haben in der Vergangenheit herumgewühlt und peinliche Dinge zu Tage gefördert. Unter anderem hattest du eine Affäre mit einem verheirateten Mann, dessen Frau schwanger war.“

Belle verzog das Gesicht. „Das war vor zehn Jahren. Wer interessiert sich heute noch dafür?“

„Das Interesse ist schnell wieder geweckt, mein Kind. Sollte Albert dich heiraten, verliert er seinen Erbanspruch.“

„Das ist infam!“, brauste Albert auf.

„Ja, mein Lieber, aber …“

„Einen Augenblick.“ Belle stand auf, streckte sich wie eine Katze und ging zu Albert. Selbst Marguerite verstand in diesem Moment, was ihren Sohn an dieser Frau faszinierte.

Albert hatte Belle in Paris kennen gelernt, wo er sein Architektenbüro hatte. Belle war Innenarchitektin, hatte Schönheit, Verstand und gesellschaftlichen Schliff und sprach mehrere Sprachen, was in einem kleinen Land wie Castavalle unbedingt von Vorteil war. Dass Belles Charakter nicht an ihre sonstigen Gaben und Fähigkeiten heranreichte, hatte Marguerite schon öfter zu denken gegeben. Trotzdem fiel es ihr nicht leicht, jetzt so offen darüber zu sprechen.

Belle hatte sich inzwischen neben Albert gestellt und ihm eine ihrer makellos gepflegten Hände auf den Arm gelegt. „Teil uns deinen Plan mit“, forderte sie ihre zukünftige Schwiegermutter auf.

Marguerite schloss sekundenlang die Augen. Nach einer kleinen Pause sagte sie: „Penny-Rose.“

„Wer ist Penny-Rose?“, fragte Albert scharf.

„Die Frau, die du heiraten sollst“, antwortete seine Mutter. „Für ein Jahr.“

Penny-Rose O’Shea ließ den letzten Stein in den Sand fallen. Das dumpfe Geräusch, das dabei verursacht wurde, befriedigte sie ungemein. Endlich fertig. Sie hatte den ganzen Vormittag gebraucht, um die Steine auszuwählen, die die Basis der neuen Mauer bilden sollten. Die Arbeit hatte ihr großen Spaß gemacht, und sie freute sich über den Erfolg.

Sie schwitzte auch und war außerdem mit Staub bedeckt. Doch das störte sie nicht. Bis zum Abend, wenn die zweite Steinreihe bereitliegen sollte, würde sie ganz unter einer Schicht von Staub und Sand verschwinden. Das gehörte nun mal zu ihrem Handwerk. Eigentlich war sie gelernte Restauratorin, aber aus einer Laune heraus hatte sie sich entschlossen, historische, halb verfallene Gebäude zu ihrem Spezialgebiet zu machen. Daher hatte sie diesen Auftrag angenommen, bei dem es um die Restaurierung des ehemaligen Marstalls ging.

„Penny-Rose!“, rief Bert, ihr Chef, vom anderen Ende der Mauer her. „Man will Sie sprechen! Drinnen“, ergänzte er und deutete auf das Schloss.

„Was?“

„Sie haben mich sehr gut verstanden.“ Berts wettergegerbtes Gesicht drückte Ratlosigkeit aus. „Gerade war jemand hier und hat mich gebeten, Sie hineinzuschicken. Los, los! Ein Irrtum ist ausgeschlossen.“

„Ich soll ins Schloss kommen?“ Penny-Rose sah abwechselnd ihren Chef und sich selbst an. Sie trug einen schmutzigen Overall, ihr schulterlanges rotbraunes Haar steckte unter einer abgenutzten Baseballkappe, und sie fühlte sich wie eine wandelnde Staubwolke. „Warum?“

„Das hat der Bote nicht gesagt“, antwortete Bert.

„Sie scherzen.“ Penny-Rose sah zu dem ehrwürdigen Stammschloss der Fürsten von Castavalle hinauf, von wo der Befehl angeblich gekommen war. „Die Herrschaften können mich von ihren Fenstern aus beobachten, ohne dass ich ihre kostbaren Fußböden beschmutze.“

„Keine Spitzfindigkeiten, Penny.“ Bert, sonst die Ruhe selbst, wurde langsam ungeduldig. „Ich weiß nicht, was man von Ihnen will, und das gefällt mir nicht. Soll ich vielleicht mitkommen?“

„Ja, nehmen Sie ihn mit!“, rief einer ihrer Kollegen. Sie gehörte zu einem Team von Spezialisten, das vor sechs Wochen von Yorkshire aus angereist war. „Vielleicht möchte der herrschende Prinz seinen Harem vergrößern.“

„Oder die andere – wie heißt sie noch? – ist eifersüchtig auf unsere Penny-Rose und will ihr die Augen auskratzen“, schlug ein anderer Mitarbeiter vor und erntete großes Gelächter dafür.

Das Team hatte sich inzwischen um Penny-Rose versammelt. Sie war die einzige Frau und mit Abstand die jüngste, was ebenso die Fürsorge wie den gutmütigen Spott erklärte.

„Wie auch immer, Jungs“, schnitt Bert seinen Mitarbeitern das Wort ab. „Penny-Rose wird oben erwartet und muss der Aufforderung folgen.“ Zu Penny gewandt, fuhr er fort: „Sie haben neulich mit der Fürstin gesprochen. Haben Sie sie mit irgendetwas verärgert?“

„Nein.“ Penny-Rose wischte sich die Hände an ihrem Overall ab. „Wenigstens bin ich mir dessen nicht bewusst.“

Sie hatte seit ihrer Ankunft aus Zeitmangel keinerlei gesellschaftlichen Umgang gehabt. Nur einmal war Madame Marguerite, die Mutter des Prinzen, durch den Park spaziert und hatte dabei eine am Boden hockende Gestalt entdeckt, die Steine sortierte.

„Allmächtiger, es ist ein Mädchen!“, hatte sie überrascht ausgerufen, und Penny-Rose hatte respektvoll die Baseballkappe abgenommen und ihr prächtiges kastanienrotes Haar geschüttelt.

„Wie Sie sehen, Ma’am“, hatte sie lachend geantwortet.

„Dann gehören Sie zu den englischen Steinmetzen aus Yorkshire?“, hatte die Fürstin weiter gefragt.

„Ja“, hatte Penny-Rose bestätigt.

„Aber Sie sind nicht aus Yorkshire?“

„Nein, Ma’am“, hatte Penny arglos geantwortet. „Ich bin Australierin.“

„Wie, um alles in der Welt, kommen Sie dann hierher?“

„Ich absolviere so etwas wie ein Praktikum, und die Steinmetze aus Yorkshire zählen zu den besten der Welt. Ich bin Restauratorin und möchte mich auf historische Gebäude spezialisieren. Mit einem englischen Diplom habe ich in Australien die besten Chancen.“

Sie hatte voller Bewunderung zum Schloss hinübergesehen, das mit seinen gelblichen Sandsteintürmen und hohen Zinnen stolz in den Himmel ragte. „Steinbauten sind großartige Denkmäler. Man begreift durch sie, warum es notwendig und sinnvoll ist, ein Leben in Sand und Staub zu fristen.“

Die Fürstin hatte gelacht und war noch eine Weile interessiert stehen geblieben. Sie hatte weiter Fragen gestellt, die auch das Persönliche streiften, und Penny-Rose hatte bereitwillig geantwortet. Zweifellos hatte die Fürstin ein Recht zu erfahren, wer auf dem Grundstück ihres Sohnes arbeitete. Als sie endlich weitergegangen war, hatte Penny-Rose das Gefühl gehabt, in ihr eine Freundin zu besitzen.

Warum hatte sie dieses Gefühl jetzt nicht mehr?

„Soll ich mitkommen?“, fragte Bert noch einmal. Er schien Pennys Zögern für ein Zeichen von Ängstlichkeit zu halten. „Ich kann mir zwar nicht denken, dass etwas gegen Sie vorliegt, aber dieser Job ist zu wichtig, als dass wir ein Risiko eingehen könnten.“

„Sie werden mich doch nicht wegen Aufsässigkeit in den Kerker werfen?“, scherzte Penny-Rose.

„Waren Sie denn aufsässig?“

„Nicht direkt.“ Penny-Rose zuckte die Schultern. „Vielleicht ein klein bisschen.“

Bert seufzte. „Dann unterdrücken Sie jetzt auch das kleine bisschen. Verbreiten Sie Optimismus, und sagen Sie nur das Beste über Ihren Boss und unsere Arbeit. Und keine frechen Äußerungen … Sie sind oft etwas vorschnell. Sagen Sie zu allem Ja und Amen – es sei denn, der Prinz macht Ihnen zweifelhafte Anträge. Bleiben Sie vor allem ruhig. Niemand wird Ihnen etwas tun, und schlimmstenfalls kann ich Sie später herauspauken.“

Oder entlassen, dachte Penny-Rose, und dabei verging ihr das Scherzen. Hatte sie sich mit ihrem vorlauten Mundwerk vielleicht doch Feinde gemacht? In adligen Kreisen, so hieß es jedenfalls, war man äußerst empfindlich. Doch zum Bereuen war es jetzt zu spät. Wenn sie ein Unheil angerichtet hatte, musste sie auch dafür geradestehen.

„Wenn ich in einer Woche nicht zurück bin, stürmt bitte den Kerker“, erklärte sie gottergeben und sah an sich hinunter. „Soll ich wirklich so gehen?“

„Genau so und sofort“, befahl Bert. „Einem fürstlichen Befehl muss man umgehend folgen.“

2. KAPITEL

Penny-Rose durchquerte die terrassenförmig ansteigenden Gärten und erreichte den Haupteingang zum Schloss, wo der Chefgärtner sie erwartete. Er begleitete sie bis in den Innenhof und vertraute sie einem Butler an, der sich mit süßsaurem Lächeln verbeugte und die weitere Führung übernahm.

Penny-Rose war wie geblendet. Das Schloss stammte aus dem fünfzehnten Jahrhundert und befand sich seitdem im Besitz derselben Familie. Castavalle gehörte zu den wenigen Ländern, in denen die Herrscherfamilie nie gewechselt hatte. Das Ergebnis war denkbar einfach: Die Castavalles regierten in Schloss Castavalle über das Fürstentum Castavalle.

Anfangs hatte Penny-Rose einige Probleme mit den Schlossverhältnissen gehabt, aber inzwischen sah sie ein, welche Vorteile in der ununterbrochenen Herrschaft der Familie lagen. Vor allem was das Schloss betraf. Es bot eine Sammlung erlesener Kunstwerke aus allen Jahrhunderten, war reich und kostbar möbliert und immer wieder den modernen Erfordernissen angepasst worden. Das ergab einen halb offiziellen, halb privaten Wohnkomplex, der jeden Besucher mit Staunen erfüllen musste.

Die Fenster fielen Penny-Rose besonders auf. Von den mittelalterlichen Butzenfenstern, die das Licht mehr ausgesperrt als hereingelassen hatten, war kaum noch etwas erhalten. Alle Zimmer, die benutzt wurden, waren lichtdurchflutet und bekamen dadurch einen freundlichen und wohnlichen Charakter, der die Jahrhunderte vergessen ließ.

Jeder Raum, durch den Penny-Rose geführt wurde, erweckte aufs Neue ihre Bewunderung. Sie war eine moderne junge Frau von sechsundzwanzig Jahren und kam aus Aus-tralien. Nie hätte sie geglaubt, dass sich Vergangenheit und Gegenwart so harmonisch miteinander verbinden ließen, ohne irgendeinen Bruch erkennen zu lassen.

Oder doch beinahe harmonisch, denn etwas wunderlich wurde ihr schon, als sie den großen Audienzsaal betrat, in dem die Herrschaften sie erwarteten. Penny-Rose kannte sie vom Sehen, allen voran Madame Marguerite, die Mutter des neuen Prinzen, die im Park mit ihr gesprochen hatte und sie jetzt freundlich anlächelte.

Die zweite anwesende Frau musste Belle, die Verlobte des Prinzen, sein. Bei Pennys Kollegen galt sie als kühl und arrogant, aber auch als äußerst attraktiv. Sie war attraktiv, wie Penny neidlos zugeben musste, und sie war arrogant, denn sie blieb demonstrativ sitzen und zeigte ein abweisendes Gesicht.

Schließlich gab es noch den Prinzen selbst – Seine Hoheit, Albert de Castavalle, wie der offizielle Titel lautete. Ja, er war ein Prinz, das erkannte Penny-Rose auf den ersten Blick. Mochte er auch abgewetzte Jeans und ein altes kariertes Hemd mit ausgefransten Ärmeln tragen … er sah aus wie ein Bilderbuchprinz, und bei seinem Lächeln konnte man weiche Knie bekommen.

Er lächelte auch jetzt, und dazu stand er auf, um Penny-Rose zu begrüßen. Was für ein Lächeln, dachte sie träumerisch. Was für ein Mann!

Penny-Rose hatte nie genug Zeit gefunden, um sich mit dem anderen Geschlecht abzugeben, aber deswegen war sie, was gut aussehende Männer betraf, nicht unempfänglich. Sie erkannte, ob ein Mann attraktiv war, sich angenehm verhielt und sexy wirkte. Auf den Prinzen traf das alles zu. Er war groß, schlank und muskulös, hatte lange, kräftige Beine und einen so gewinnenden Charme …

Stopp! durchfuhr es Penny-Rose. Du bist kein Teenager mehr, sondern sechsundzwanzig Jahre alt, ausgebildete Restauratorin und unabhängig. Kein Mann kann dir gefährlich werden, und ein Prinz aus dem alten Europa schon gar nicht!

Mit einiger Mühe verdrängte sie die Gedanken und konzentrierte sich auf den Anlass, der sie hergeführt hatte. Was wollte man von ihr?

Prinz Albert lächelte zwar, sah sie dabei aber so an, als wäre sie nicht da. Belle musterte sie mit einem nachdenklich prüfenden Blick, der ihr ganz und gar nicht gefiel, und nur Marguerite schien sie ehrlich willkommen zu heißen.

„Penny-Rose … wie reizend von Ihnen“, sagte sie mit einer einladenden Handbewegung. „Möchten Sie sich nicht zu uns setzen?“

Penny-Rose betrachtete nun das zierliche, mit aprikosenfarbenem Samt bezogene Sofa und unterdrückte ein nervöses Kichern. Setzen? Um Himmels willen!

„Ich fürchte, ich würde einen Abdruck hinterlassen“, antwortete sie und wurde dafür vom Prinzen mit einem raschen Seitenblick bedacht. „Wenn es Ihnen recht ist, Ma’am, würde ich lieber stehen bleiben. Sagen Sie einfach, weshalb Sie mich gerufen haben. Dann kann ich wieder gehen, ohne etwas schmutzig gemacht zu haben.“

„Aber wir müssen Sie doch kennen lernen“, schaltete sich Albert ein. Es klang, als wüsste er selbst nicht, was er damit meinte.

Penny-Rose schüttelte den Kopf. Sie hatte die Baseballkappe vor dem Eintreten abgenommen, und die rotbraunen Locken flogen ihr um den Kopf. „Es besteht keine Notwendigkeit, mich kennen zu lernen, und außerdem bin ich nicht richtig angezogen.“

Das mochte etwas zu direkt klingen, aber Penny-Rose fühlte sich diesen drei Menschen gegenüber im Nachteil, und das gefiel ihr nicht. Vor allem Belle betrachtete sie, als wäre sie ein seltsames Insekt. Sollte sie sich vor diesem blaublütigen Trio etwa auf die Knie werfen?

„Wenigstens für einige Minuten …“ Alberts Stimme klang angespannt, als kämpfte er um seine Fassung. Penny-Rose sah ihn betroffen an. Was war nur mit ihm los?

„Mein Chef kann Ihnen über mich Auskunft geben“, erklärte sie. „Oder möchten Sie vielleicht auch meine Kollegen besser kennen lernen?“

Ein ungewöhnlicher Plan, der ihr kein bisschen besser gefiel. Sie waren schließlich keine Hofclowns, die für das Amüsement der Fürstlichkeiten zu sorgen hatten!

„Nein“, antwortete Marguerite, „aber …“

„Warum sagen wir nicht einfach, was wir wollen“, unterbrach Albert seine Mutter. Er hatte Penny-Rose nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen. „Wir verwirren sie nur unnötig.“

Er wirkt nett, dachte Penny-Rose. Trotz seiner deutlichen Erschöpfung – um nicht zu sagen, Überanstrengung – wirkt er sehr, sehr nett. Er hat von Natur aus eine volle, tiefe Stimme, und Mitgefühl mit anderen ist ihm nicht fremd.

Außerdem sprach er ausgezeichnetes Englisch, was allerdings nicht verwunderlich war, da seine Mutter Engländerin war. Nur seine Worte verrieten eine gewisse Unsicherheit.

„Ich werde zur Sache kommen“, fuhr er langsam, fast bedächtig fort. „Meine Mutter möchte wissen … das heißt, wir alle möchten wissen, ob wir Sie überreden können, mich zu heiraten.“

Für eine Weile herrschte tiefe Stille. Penny-Rose sah von einem zum anderen, und plötzlich wurde ihr klar, dass diese drei es ernst meinten!

„Sie erlauben sich einen Scherz mit mir“, sagte sie, sobald sie wieder klar denken konnte. Trotzdem klang es, als fehlte ihr die Luft zum Atmen. „Es ist doch ein Scherz, nicht wahr?“

„Nein, ist es nicht“, versicherte der Prinz mit finsterem Gesicht. „Würden wir über etwas so Ernstes scherzen?“

„Nein, sicher nicht.“ Penny-Rose kniff die Augen zusammen. „Sagten Sie … heiraten?“

„Ich sagte heiraten.“

„Dann machen Sie sich entweder über mich lustig, oder Sie sind alle nicht ganz richtig im Kopf.“ Penny-Rose nahm kein Blatt vor den Mund. „In beiden Fällen ist es wohl besser, wenn ich gehe.“ Sie maß alle mit einem letzten, nicht gerade respektvollen Blick. „Danke, ich finde allein hinaus.“

Eine Stunde später tauchte der Prinz unvermutet bei Penny-Rose auf. Sie sortierte immer noch Steine für die Mauer des Marstalls, und der Prinz stand so plötzlich hinter ihr, dass ihr fast das Herz stehen blieb.

Wieder klang seine Stimme so warm und tief wie vorhin, als hätte es nicht die kleinste Missstimmung zwischen ihnen gegeben.

„Warum werden Sie Penny-Rose genannt?“, fragte er. „Warum nicht nur Penelope oder Penny? Oder auch Rose?“

Die Frage hätte harmlos geklungen, wenn die Situation nicht so heikel gewesen wäre. Penny-Rose atmete tief durch, drehte sich um und versuchte, ein empörtes Gesicht zu machen. Das gelang ihr nur halb, denn das Hemd des Prinzen stand oben offen, und das Sonnenlicht fing sich in dem dichten Haar auf seiner Brust.

Nimm dich zusammen! ermahnte sie sich. Geh dir nicht selbst in die Falle.

„Bert hat mir verboten, weiterhin mit den Hoheiten zu verkehren“, erklärte sie, ohne sich auch nur um einen höflichen Ton zu bemühen. „Sie haben Ihren Spaß gehabt. Wenn Sie sonst noch etwas wünschen, wenden Sie sich an Bert. Gehen Sie bitte.“

Der Prinz war inzwischen auch von den anderen bemerkt worden. Bert sah misstrauisch herüber, und Penny-Rose fürchtete, dass er zu ihrem Schutz eingreifen würde.

„Hier findet man so etwas offenbar komisch“, hatte er nach ihrem Bericht empört gesagt. „Schade, dass wir nicht zu Hause in England sind, da könnte der Kerl was erleben!“

Aber sie waren nicht in England, sondern in diesem winzigen Fürstentum, in dem eigene Gesetze herrschten. Wenn Bert seine Leute nicht arbeitslos machen wollte, musste er die Zähne zusammenbeißen und so tun, als wäre nichts passiert.

„Sie zahlen gut“, hatte er noch hinzugefügt. „Besser, als wir hoffen konnten. Wir haben Glück gehabt, den Auftrag zu bekommen, und müssen uns jetzt nach der Decke strecken, so gut es geht. Aber keine weiteren Verbrüderungen, hören Sie? Arbeiten Sie ruhig weiter, und vergessen Sie die ganze Sache.“

Penny-Rose war seiner Meinung. Sie wusste, welche Überwindung es ihn gekostet hatte, eine Praktikantin und somit eine Frau in das Team aufzunehmen, und daher wollte sie ihm möglichst keine Schwierigkeiten machen.

Solange das möglich war.

„Gehen Sie“, forderte sie den Prinzen noch einmal auf und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Sie war gerade dabei, einen schmalen Keil zwischen zwei Steinblöcke einzufügen, und das erforderte volle Konzentration.

Zu ihrer Erleichterung näherten sich jetzt schwere Schritte, und kurz darauf hörte sie Bert in seinem breiten Yorkshiredialekt sagen: „Ich wäre dankbar, wenn Sie nur über mich mit den Arbeitern verkehren würden, Sir.“

Penny-Rose sah sich heimlich um und bemerkte gerade noch, dass der Prinz sich mit einer Hand durchs unordentliche schwarze Haar fuhr. Die Geste wirkte beinahe verlegen und ließ Albert de Castavalle fast wie einen normalen Menschen erscheinen. Wie einen ganz normalen Mann.

„Ich muss mit Penny-Rose sprechen …“

„Penny-Rose hat Ihnen nichts zu sagen. Sie musste sich Ihren Unsinn anhören, aber damit ist es genug. Lassen Sie das Mädchen in Ruhe.“

„Ich habe nicht vor, ihr zweifelhafte Anträge zu machen.“

„Das ist Ihr Glück, denn sonst würde ich mit meinem Team auf der Stelle verschwinden … mit oder ohne Geld. Penny-Rose ist ein anständiges Mädchen und eine erstklassige Facharbeiterin. Ich erlaube nicht, dass man sie belästigt.“

Berts Worte machten Penny-Rose richtig stolz. Ein Lob von ihm glich einem Ritterschlag und wurde genauso bewertet. Und seine Drohung, ihretwegen mit allen Leuten abzuziehen … Donnerwetter!

„Es ist keineswegs meine Absicht …“

„Hören Sie, Sir“, Bert wurde langsam ungeduldig, „was wünschen Sie eigentlich? Sie haben die Kleine und mich unnötig aufgeregt. Wenn Sie etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es … jetzt, vor Penny-Rose. Dann können wir darauf antworten und wieder an unsere Arbeit gehen.“

„Ich hoffe, Ihre Antwort …“

„Worum geht es?“ Bert war jetzt wirklich wütend.

„Wie bereits gesagt … ich möchte Penny-Rose heiraten.“ Albert hob bei diesen Worten die Hände, als wollte er den zu erwartenden Sturm abwehren. „Die Ehe soll ein Jahr dauern. Es ist ein Geschäft, mehr nicht.“

Keiner sagte etwas. Penny-Rose hockte vor ihren Steinen, aber sie arbeitete nicht mehr. Sie machte nicht mal den Versuch dazu. Das alles war zu verrückt. Welche Antwort erwartete der Prinz? Sie war normalerweise nicht auf den Mund gefallen, aber diesmal blieb sie stumm. Selbst Bert brauchte etwas Zeit, um sich zurechtzufinden.

„Wo ich herkomme, ist Heiraten kein Geschäft“, sagte er endlich in verändertem Ton. „Dort heiratet man, um ein Leben lang zusammenzubleiben. Man hört von den Einheimischen, dass Sie verlobt sind und dass Ihre Braut im Schloss wohnt. Bleiben Sie bei der schönen Belle, und lassen Sie Penny-Rose in Ruhe. Bigamie ist für mich immer noch ein Verbrechen, und falls Sie es wagen sollten, unserer Kleinen …“

„Es geht hier nicht um Bigamie.“

„Schön. Vielleicht haben Sie hier andere Gesetze …“

„Unsere Gesetze unterscheiden sich nicht von Ihren.“ Wieder fuhr sich Albert nervös durchs Haar. Er schien die Situation ebenfalls unerträglich zu finden. „Ich habe nicht die Absicht, zweimal zu heiraten … jedenfalls nicht gleichzeitig.“

Bert hatte inzwischen allen Respekt verloren. Die Sache war ihm einfach zu dumm. „Alles, was wir brauchen, ist eine Zwangsjacke“, erklärte er. „Hat jemand zufällig eine dabei?“

Berts Ton war Penny-Rose äußerst peinlich. Die Verlegenheit des Prinzen war zu deutlich, um ihm „zweifelhafte Anträge“ zu unterstellen. Viel eher wirkte er wie ein Mann, der mit seinen Nerven und seiner Weisheit am Ende war.

„Seien Sie nicht zu streng mit ihm, Bert“, sagte sie, während sie aufstand und sich den Staub abklopfte. „Lassen Sie ihn doch erst einmal erzählen, was er will. Es scheint zwar Unsinn zu sein, aber wir sollten uns in Geduld üben.“

Während sie das sagte, sah sie Albert an und glaubte so etwas wie Erleichterung auf seinem Gesicht wahrzunehmen. Allerdings konnte sie diese Erleichterung nicht teilen. Der Prinz war einfach zu sexy, um ihm gegenüber neutral zu bleiben. Und sein Blick … Es war, als stellte er ihr mit seinen dunklen Augen Fragen, die sie unwissentlich in seinem Sinn beantwortete, denn er nickte und gewann einen Teil seiner Selbstbeherrschung zurück.

„Es könnte funktionieren.“

„Was könnte funktionieren?“, fragte Bert so aufgebracht, dass Penny-Rose ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm legte.

„Geben Sie ihm eine Chance, Bert.“

Albert nutzte die Chance. „Ich meine es ernst“, beteuerte er, ohne Penny-Rose aus den Augen zu lassen. „Ich befinde mich in einer Zwangslage. Wenn ich keine Frau von einwandfreiem Ruf heirate, hört Castavalle auf zu bestehen.“

„Das begreife ich nicht“, antwortete Bert.

„Kein Wunder.“ Der Prinz seufzte. „Das Problem ist das Testament meines Onkels, des verstorbenen Fürsten, das eine Klausel enthält. Wenn die erwähnte Heirat nicht stattfindet, kommt Castavalle unter den Hammer, und ich bin finanziell nicht in der Lage, um mitbieten zu können. Ich habe die letzten Monate damit verbracht, eine befriedigende Lösung zu finden, doch das Schicksal ist gegen mich. Das Schloss würde vermutlich Sitz der Nachfolgeregierung werden, aber das umliegende Land wäre verloren. Reiche aus aller Welt würden sich hier einkaufen und aus Castavalle ein Feriendomizil machen.“

Bert war nachdenklich geworden. Er hatte entsprechende Gerüchte gehört, ohne die Einzelheiten zu verstehen. „Und das Dorf?“, fragte er.

„Das ist der entscheidende Punkt“, antwortete Albert. „Es leben etwa hundert Familien dort, die man alle enteignen würde.“ Er zeigte auf die Häuser, die sich jenseits des Flusses den Hang hinaufzogen. „Sehen Sie selbst. Kann es ein schöneres Gelände geben?“

Schwerlich, dachte Penny-Rose. Castavalle ist das reine Märchenland. Es liegt an einem der schönsten Flüsse Europas, hat liebliche Hänge und steile Felsen und erweckt den Eindruck, als wäre es von der übrigen Welt vergessen worden.

Bert musste das ebenfalls erkennen, aber Alberts Erklärungen befriedigten ihn trotzdem nicht. „Ja, und?“, fragte er.

„Das alles wird für astronomische Summen verkauft werden“, antwortete Albert. „Es gibt genug Beispiele dafür, wir malen also nicht etwa den Teufel an die Wand. Die Einwohner des Dorfes sind zwar nicht arm, aber mit den internationalen Investoren könnten sie nicht mithalten.“ Er seufzte wieder. „Wenn ich das Dorf nicht retten kann, wird es im Winter verlassen daliegen und im Sommer von Touristen, Bars und Designershops überquellen. Die jetzigen Bewohner müssten wegziehen, was für sie und mich einem Todesurteil gleichkäme. Deshalb meine Bitte an Sie, Penny-Rose. Wären Sie unter diesen Umständen bereit, mich zu heiraten?“

Penny-Rose war noch in den Anblick der unter ihr liegenden Landschaft versunken. Sie schien vom Wandel der Zeit verschont geblieben zu sein. Castavalle und die herrschende Fürstenfamilie gehörten seit Jahrhunderten zusammen, und niemand wollte das ändern. Penny wusste das von ihren eigenen Wirtsleuten.

Kein Schloss hätte schöner liegen können. Es war auf einer Klippe über dem Fluss erbaut, der malerisch dahinfloss. Albert hatte Recht. Wenn die Einheimischen ihre Häuser nicht behalten durften, würde diese Idylle für immer von der Landkarte verschwinden.

„Eine verrückte Klausel“, sagte sie aus tiefster Überzeugung.

„Allerdings“, gab Albert zu. „Mein Onkel fügte sie seinem Testament hinzu, weil sein Sohn etwas … unbeherrscht war. Er erreichte damit allerdings nur, dass Louis gar nicht heiratete. Drei Monate nach dem Tod seines Vaters erlitt er einen tödlichen Unfall.“

„Warum machen Sie es dann nicht wie Ihr Cousin und verzichten aufs Heiraten?“, fragte Penny-Rose. Es erschien ihr als ideale Lösung, denn es war nicht anzunehmen, dass die schöne Belle die Rolle einer Geliebten ablehnen würde. Nicht, wo es um so viel Geld ging!

„Ich kann nur erben, wenn ich heirate.“

„Aber Louis hat geerbt!“

Albert schüttelte den Kopf. „Louis war nie rechtmäßiger Erbe, was seine Cousins veranlasste, gerichtliche Schritte gegen ihn einzuleiten. Sein vorzeitiger Tod verhinderte eine Aufteilung des Erbes, und jetzt gelte ich als legitimer Nachfolger … vorausgesetzt, dass ich heirate, was Louis versäumte.“

„Und Miss Belle ist keine Frau von einwandfreiem Ruf?“, mischte sich Bert wieder ein. Er hatte immer noch Mühe, den komplizierten Gedankengängen des Prinzen zu folgen.

„Belle ist eine wunderbare Frau“, versicherte Albert schnell, „aber in ihrer Vergangenheit gibt es einige … dunkle Stellen.“

„Das wundert mich nicht.“

Bert und sein Team waren von Anfang an nicht gut auf die fürstliche Verlobte zu sprechen gewesen. Gleich zu Beginn der Arbeiten am Marstall hatte es einen Unfall gegeben. Ein Teil der alten Mauer war zusammengestürzt und hatte Steve, einen der Arbeiter, unter sich begraben. Belle hatte den Unfall von einem Schlossfenster aus beobachtet, aber keine Ambulanz gerufen und sich auch später nicht nach dem Verunglückten erkundigt. Da Bert immer ein Handy bei sich trug, hatte Belles Gleichgültigkeit nichts Schlimmes angerichtet, aber das Urteil über sie stand seitdem fest. Glücklicherweise war Steve mit einem gebrochenen Bein und mehreren Prellungen davongekommen.

Bert sah erst Penny-Rose und dann Albert an. „Was macht Sie so sicher, dass unsere Penny … anders ist? Ich meine, was ihre Tugendhaftigkeit betrifft?“

„He!“, rief Penny-Rose empört. „Meine Tugend geht nur mich etwas an!“

„Da hören Sie es.“ Ein müdes Lächeln glitt über Alberts Gesicht. „Ganz sicher können wir nicht sein, aber meine Mutter …“

„Dachte ich mir’s doch.“ Bert wirkte inzwischen ganz zufrieden, denn je länger das Gespräch dauerte, umso mehr wurden seine Ansichten über den Adel bestätigt. Nur bei der Fürstin machte er eine Ausnahme. Sie hatte einen Tag später von dem Unfall erfahren und alles getan, um Steve seine Lage zu erleichtern. Seitdem galt sie beim gesamten Team als warmherzige Frau. „Madame Marguerite weiß, was Tugend ist.“

„Meine Mutter plant gern voraus“, erklärte Albert. „Während ich überlegt habe, wie man mehr Geld auftreiben könnte, hat sie einen praktischen Ausweg aus dem Dilemma gesucht und gefunden. Ihr Vorschlag ist absolut überzeugend. Ich muss Penny-Rose heiraten … für ein Jahr.“

„Aber …“

„Wie ich schon sagte, das Ganze ist ein Geschäft. Es mag zynisch klingen, aber meine Mutter hat Erkundigungen über Penny-Rose eingezogen und weiß jetzt so ziemlich alles über sie. Penny ist genau die Frau, die ich brauche.“ Er machte eine Pause und setzte mit gesenktem Blick hinzu: „Meine Mutter weiß auch, dass Penny Geld braucht …“

Penny-Rose hatte mit wachsendem Unbehagen zugehört, aber bei den letzten Worten des Prinzen schoss ihr das Blut ins Gesicht. „Das genügt!“, rief sie aufgebracht und trat einen Schritt zurück. „Meine privaten Verhältnisse gehen niemanden etwas an. Detektive auf mich anzusetzen … Wie können Sie es wagen! Das Gespräch ist für mich beendet.“

„Sicher“, meinte Bert begütigend, „aber Sie brauchen nun mal dringend Geld.“ Er musste es wissen, denn er schickte wöchentlich den größten Teil ihres Lohns nach Australien. Penny-Rose behielt fast nichts für sich. „Vielleicht sollten Sie den Vorschlag des Prinzen doch ernst nehmen. Ich rate daher …“

„… eine Zwangsjacke bringen zu lassen“, ergänzte Penny-Rose. „Das war eine blendende Idee.“

„Nein.“ Bert schüttelte den Kopf. „Dieser Mann hat ein Problem … und zwar ein echtes, wie ich jetzt zugeben muss. Ich will nicht behaupten, dass er unbedingt die beste Lösung gefunden hat, aber Sie sollten ihn wenigstens anhören.“ Er sah auf seine Uhr. „Es ist jetzt zwei Uhr nachmittags. Um vier Uhr hören wir auf. Penny-Rose wird dann ins Dorf hinuntergehen, sich frisch machen und dann von Ihnen …“, er drehte sich zu Albert um und tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust, „… zum Dinner einladen lassen. Natürlich sollte das stilvoll vonstatten gehen. Penny wird Sie um sieben Uhr bei ihren Wirtsleuten erwarten.“

„Ich habe keine Lust …“

Berts Zeigefinger richtete sich jetzt gegen Penny-Rose. „Geben Sie dem Mann eine Chance. Sie können jederzeit Nein sagen und damit die ganze Sache beenden. Sie haben verlangt, dass ich zuhöre, und tun jetzt gefälligst dasselbe. Wenn er Sie nach dem heutigen Abend immer noch belästigt, bekommt er es mit mir zu tun.“

„Bert, bitte …“

„Keine Widerrede, Kleines.“ Bert hatte seine Entscheidung getroffen und war nicht bereit, davon abzuweichen. Außerdem war schon genug Zeit vergangen. „Das ist mein letztes Wort.“ Er wandte sich wieder an Albert. „Sie kehren jetzt in Ihr Schloss zurück, wo Sie hingehören, und lassen Penny-Rose weiter ihre Arbeit tun. Vor heute Abend will ich das Wort ‚Heirat‘ nicht mehr hören.“

„Ich kann unmöglich mit diesem Mann ausgehen“, wandte Penny ein.

„Doch, das können Sie.“ Bert machte ein strenges Gesicht. „Dieser Mann bezahlt uns und befindet sich in Schwierigkeiten. Ich sollte ihn anhören, und er hat mich überzeugt. Geben Sie ihm eine faire Chance … das ist alles, was ich verlange.“

„Und alles, was ich verlange.“ Albert sah sie mit seinen dunklen Augen fast treuherzig an.

Sieh mich an, wie du willst, dachte Penny wütend. Heirat! Mit ihm! Er musste komplett verrückt sein!

„Also, dann um sieben Uhr“, sagte er. „Sie wohnen bei den Berics, nicht wahr? Ich werde Sie dort abholen.“

„Woher wissen Sie, dass ich dort wohne?“, fragte Penny-Rose verblüfft.

Albert lächelte. „Ich weiß alles über Sie.“

„Dann wissen Sie auch, was ich auf Ihren absurden Vorschlag antworten werde. Nein, nein und wieder nein!“

„Aber vorher werden Sie mich anhören?“

„Ja, ich werde Sie anhören und dann Nein sagen.“

3. KAPITEL

Der Mann, der fünf Stunden später kam, um Penny-Rose abzuholen, war immer noch derselbe – oder doch beinahe. Madame Beric öffnete ihm die Tür und zitterte dabei vor Aufregung.

Penny-Rose nahm ihr das nicht übel. Sie wartete in der Küche und gab sich alle Mühe, nicht ebenso zu zittern. Das gelang ihr sogar – bis Albert hereingeführt wurde. Dann bebte sie allerdings umso mehr.

Aschenputtel wurde von ihrem Prinzen abgeholt. Warum musste da ausgerechnet die gute Fee fehlen? Penny-Rose hatte ihr einziges, halbwegs brauchbares Kleid angezogen, ein einfaches weißes Sommerkleid mit Spaghettiträgern. Ansonsten hatte sie nur ihre Haare gewaschen und es nach dem Trocknen so lange gebürstet, bis sich jeder Lichtschimmer darin fing.

Schmuck trug sie nicht. Vielleicht hätte sie ihn heute Abend angelegt, aber sie besaß keinen. Sie benutzte auch kaum Make-up. Mit einem Wort: Ihre ganze Ausstattung war nichts wert!

Im Gegensatz zu ihr war Albert der Etikette entsprechend angezogen. Sein tiefschwarzer Anzug musste ein Vermögen gekostet haben und saß perfekt. Das blütenweiße Hemd und die karmesinrote Krawatte hoben sich wirkungsvoll davon ab. Das dunkle Haar, oftmals leicht zerzaust, war sorgfältig gepflegt. Der feine Duft eines exklusiven After Shaves ging von ihm aus und vollendete den Eindruck eines Mannes von Welt.

Aber wo war die Frau von Welt? Penny-Rose fühlte sich mehr wie ein Mauerblümchen und hätte sich gern in den dunkelsten Winkel des Hauses verkrochen. Leider gab es diesen nicht, und außerdem blitzten Alberts braune Augen so frech und lustig, dass sie sich nicht von seinem Anblick losreißen konnte. Kein Wunder, dass Belle ihn für sich erwählt hatte. Jede Frau, Penny-Rose eingeschlossen, hätte dieselbe Wahl getroffen.

„Sie sehen bezaubernd aus“, sagte er mit einem Lächeln, das Penny verriet, wie verständlich er ihre Verlegenheit fand.

Leider verriet es ihr nicht, dass Alberts Kompliment ehrlich gemeint war. Penny-Rose sah wirklich reizend aus. Sie besaß eine natürliche Schönheit, die weder durch Geld noch durch Raffinesse zu erreichen war. Das rotbraune Haar fiel ihr auf die Schultern. Ihre frischen Gesichtszüge verrieten Witz und Verstand, und die großen grünen Augen strahlten fröhlich. Ihre zierliche Figur kam in dem schlichten weißen Kleid voll zur Geltung. Sie war nur ein Meter sechzig groß, aber, so entschied der Prinz, jeder Zentimeter an ihr war schön.

Penny-Rose, die nicht ahnte, was in Alberts Kopf vorging, geriet daher in immer größere Verwirrung. Vor allem dachte sie an die wunderschöne Belle, von der sie Welten trennten. Was hätten ihre Kollegen wohl gesagt, wenn sie morgens mit perfektem Make-up zur Arbeit erschienen wäre? Wie sollte sie sich vor der Sonne schützen, die immer wieder die verhassten Sommersprossen hervorlockte? Und vor allem … Wie sollte sie ihre Hände so zart und makellos erhalten, wo sie tagtäglich mit Sand und Steinen zu tun hatte? Belle brauchte ihre Hände nur, um kostbare Ringe zu tragen, Penny-Rose dagegen, um Geld zu verdienen.

Albert nahm zur Begrüßung ihre Hand, und Penny bemerkte, dass er bei der Berührung leicht zusammenzuckte. Ihre Finger fühlten sich rau an. Sie hatte Aschenputtelhände, und keine gute Fee hätte sie zum Empfang des Prinzen weich und geschmeidig machen können.

„Also stimmt es“, meinte er langsam und hob ihre Hand, um sie genauer zu betrachten. Penny-Rose hätte sie ihm gern entzogen, aber das ließ er nicht zu. „Meine Mutter hat die Wahrheit gesagt.“

Penny wusste nicht, was sie mehr irritierte, Alberts Worte oder seine Berührung. „Ich weiß nicht, was Ihre Mutter gesagt hat“, antwortete sie spitz und riss sich ziemlich unsanft los. „Aber falls sie angedeutet hat, dass ich für überflüssigen Schnickschnack keine Zeit habe, stimmt es. Können wir das Dinner endlich hinter uns bringen und die Sache damit erledigen?“

„Das klingt, als hätten Sie wenig Lust, mit mir auszugehen.“

„Wie Recht Sie haben, Hoheit.“

Doch das war gelogen. Nur wenige Familien im Dorf nahmen Gäste auf, und Penny-Rose hatte sich mit ihrer Unterkunft wohl oder übel zufrieden geben müssen. Madame Beric war zwar die Liebenswürdigkeit selbst, aber sie war auch eine begabte Aquarellmalerin, die sich kaum für etwas anderes Zeit nahm. Kochen gehörte für sie zu den entbehrlichen Dingen, und ihre Versuche in dieser Richtung waren erschreckend. Penny-Rose lebte mehr oder weniger von Rübensuppe, die Madame Beric gerade in der vierunddreißigsten Version auf den Tisch gebracht hatte. In der vierunddreißigsten angebrannten Version …

„Wohin fahren wir?“, erkundigte sie sich freundlicher, als sie eigentlich wollte.

Albert belohnte sie mit einem verführerischen Lächeln. „Zu ‚Lilie’s‘, natürlich“, antwortete er. „Wohin soll ein Mann die Frau, die er bitten will, ihn zu heiraten, sonst einladen? Es ist das beste Restaurant in Castavalle … und für heute Abend gerade gut genug.“

Die Fahrt dauerte zwanzig Minuten, und Penny-Rose verbrachte diese Zeit in stummer Bewunderung. Der Prinz fuhr einen Ferrari! Eigentlich hätte sie sich das denken können. Obwohl er bei ihrer ersten Begegnung eher wie ein einfacher Arbeiter gekleidet gewesen war, war ihm körperliche Arbeit fremd. Kein Wunder, dass er ihre Hände so auffällig lange betrachtet hatte!

Alles an Albert de Castavalle verriet Geld. Viel Geld. Doch er brauchte mehr und war deshalb bereit, eine wildfremde Frau zu heiraten.

Ein hartes, vielleicht zu hartes Urteil, wie sich Penny-Rose eingestand. Er sorgte sich wirklich um seine Landsleute und war bereit, mit seiner eigenen Person für sie einzustehen.

Als sie auf dem Parkplatz des Restaurants hielten, wandte Penny-Rose den Kopf zur Seite und begegnete Alberts Blick. Hatte er während der Fahrt etwa genauso intensiv über sie nachgedacht wie sie über ihn? Sie errötete bei der Vorstellung und sah rasch wieder weg.

„Sie haben mir gegenüber Vorbehalte, nicht wahr?“, fragte er direkt.

„Ich bin nicht mitgekommen, um ein Urteil über Sie zu fällen“, antwortete Penny-Rose nach kurzem Zögern. „Ich bin nur hier, weil mein Chef es wünscht.“

„Und auch, weil es hier vorzügliches Essen gibt.“

Penny-Rose musste gegen ihren Willen lächeln. „Natürlich“, gab sie zu. „Der Grund ist nicht zu unterschätzen.“

„Meine Mutter meint, Sie wüssten, was Hunger bedeutet“, fuhr Albert fort.

Penny-Roses Lächeln verschwand augenblicklich. Sie stieg schnell aus und wartete, bis Albert ihrem Beispiel folgte und sein teures Auto abschloss. Diese hochnäsigen Adligen! Was erlaubten sie sich eigentlich?

„Meine Worte haben Sie leider verletzt“, entschuldigte sich Albert, während sie zum Eingang des Restaurants gingen.

„Mein Magen geht niemanden etwas an“, erklärte Penny-Rose gereizt. „Das ist alles.“

„Selbstverständlich“, stimmte Albert bereitwillig zu.

Penny-Rose schwieg und konzentrierte sich auf die Umgebung. Warum geriet sie bei dem Prinzen nur so schnell aus der Fassung? Sie musste objektiv bleiben, sich auf das Dinner konzentrieren …

Zum Glück verdiente „Lilie’s“ volle Aufmerksamkeit. Das Restaurant war in die Schutzmauern einer mittelalterlichen Burg hineingebaut worden, aber warum auch nicht? In diesem Märchenland schien an Schlössern und Burgen kein Mangel zu herrschen.

Natürlich entsprach alles modernen Anforderungen. Ein Lift brachte sie ins oberste Stockwerk, wo sich das eigentliche Restaurant befand, auf gleicher Höhe mit den historischen Wehrgängen. Die einstigen Mauerbögen waren zu Panoramafenstern erweitert worden, von denen man einen herrlichen Ausblick genoss. Penny-Rose konnte sich nicht satt sehen und vergaß vorübergehend die beunruhigende Nähe des Prinzen.

Genieß die Aussicht, ermahnte sie sich. Etwas so Schönes hast du noch nie gesehen. Tatsächlich lag das Restaurant wie ein Adlernest auf einer Felsenklippe. Tief unten rauschte der Fluss dahin, gesäumt von saftigen Wiesen mit unzähligen gelben Butterblumen und friedlich weidenden Kühen. An jeder Flussbiegung tauchten neue Ruinen auf, Reste alter Burgen und Schlösser, die in der Landesgeschichte einmal eine Rolle gespielt hatten.

Ruinen? Ja, das war etwas für sie. Hier gab es Arbeit für ein ganzes Leben!

„Woran denken Sie?“, fragte Albert, der sie beobachtet hatte.

„Ich denke …“ Penny-Rose zögerte.

„Ja?“

„Ich denke daran, dass ich in Ihrem Land unglaublich viel Arbeit finden würde“, vollendete sie den Satz.

„Wie bitte?“ Der Prinz schien sie nicht zu verstehen.

„Es gibt hier unzählige alte Mauern … Ruinen“, erklärte sie. „All die nutzlos daliegenden Steine, die nur darauf warten, wieder zu Gebäuden zusammengefügt zu werden.“

Albert schüttelte den Kopf. „Verstehe ich Sie richtig?“ Hatte er eine Frau zum Dinner eingeladen, die sich an alten Mauern begeisterte? „Steine sind nur Steine, oder?“

„Und jedes Haus ist nur ein Haus?“ Penny-Rose war ehrlich schockiert. „Es heißt, Sie seien ein angesehener Architekt. Ist das wirklich Ihre Philosophie?“

„Nein“, gab er widerstrebend zu.

„Na bitte.“ Penny-Rose strahlte ihn an. „Sie geben sich geschlagen.“

„Meinetwegen.“ Der Manager des Restaurants hatte sie inzwischen an einen etwas abseits stehenden Tisch geführt. „Allerdings …“

„Ja?“

„Allerdings hätte ich mir nicht träumen lassen, eines Tages eine Frau zum Dinner auszuführen, die beim Anblick alter Steine in Verzückung gerät.“

Penny-Rose sah ihn spöttisch an. „Es sind nur die falschen Steine, Hoheit. Haben Sie es schon mit Diamanten versucht?“

Die Antwort gefiel Albert. Penny-Rose hatte Verstand und wusste zu parieren. Sie war wirklich … anders. Eine Flasche Champagner schien ihm jetzt genau das Richtige zu sein.

Penny-Rose protestierte nicht. Sie konnte die Gelegenheiten, bei denen sie Champagner getrunken hatte, an einem Finger abzählen. Ein rascher Blick überzeugte sie davon, dass das Restaurant nicht nur kostspielig eingerichtet war, sondern auch von Gästen besucht wurde, die Luxus gewöhnt waren. Sie würde nichts sagen oder tun, was ihr diesen Abend verderben konnte!

„Sie haben gerade beschlossen, den Abend nach Kräften zu genießen“, sagte Albert ihr auf den Kopf zu und brachte sie dadurch in große Verlegenheit.

„Das liegt daran …“

„Ja?“

„Das liegt daran, dass ich eigentlich nicht hier sein dürfte. Ich spiele nicht mal mit dem Gedanken, Ihren verrückten Antrag anzunehmen, aber wie Sie selbst gesagt haben … Ich bin hungrig.“ Sie lachte und schüttelte die Verlegenheit ab. „In einem solchen Restaurant nicht mit Appetit zu essen wäre eine Sünde.“ Als Albert schwieg, fuhr sie fort: „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Es klang so, als trauten Sie diesem Restaurant einiges zu, und damit haben Sie Recht. Was halten Sie von Schnecken als Vorspeise?“

„Ich halte von allem etwas, nur nicht von Rübensuppe“, antwortete Penny-Rose und stieß damit wiederum auf Verwunderung. „Davon leben die Berics“, fügte sie zur Erklärung hinzu. „Monsieur Beric bekommt jeden Abend Rübensuppe vorgesetzt, löffelt seine zwei Teller aus und erklärt dann, wie gut es wieder geschmeckt hat. Folglich kocht Madame Beric am nächsten Tag dieselbe Suppe, manchmal leicht abgewandelt. Würde sie es nicht tun, wäre ihr Mann enttäuscht.“ Penny lachte vergnügt. „Jetzt wissen Sie, warum ich bereit war, mit Ihnen zu Abend zu essen.“

„Trotz Ihrer Vorbehalte mir gegenüber?“

„Trotzdem“, gab sie freimütig zu.

Albert überlegte einen Augenblick, ehe er fragte: „Warum?“

„Warum was?“

„Warum haben Sie mir gegenüber Vorbehalte?“

„Weil Sie ein Prinz sind und nicht zu einer Arbeiterin passen. Das Märchen vom Aschenputtel hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.“

„Das wird allgemein behauptet.“

„Nur behauptet?“ Penny-Rose schüttelte den Kopf. „Selbst Aschenputtels Prinz wollte nicht für ein Jahr heiraten.“

Albert dachte darüber nach und kam zu einem anderen Ergebnis. „Auch Aschenputtels Prinz war der Zeit unterworfen“, erinnerte er Penny. „Um Mitternacht war alles vorbei. Mit anzusehen, wie sich Kutschen in Kürbisse verwandeln, wenn es gerade schön wird, muss bitter enttäuschend sein.“

„Wahrscheinlich“, gab Penny-Rose zu.

„Deshalb musste Aschenputtels Verehrer schnell und gezielt handeln“, fuhr Albert fort. Mit einem leichten Lächeln setzte er hinzu: „Genau wie ich.“

„Falls Sie Prinz bleiben möchten.“

Der Champagner wurde gebracht, und Albert wartete, bis der Ober eingeschenkt und Penny-Rose den ersten Schluck getrunken hatte.

„Super!“, lautete ihr Urteil, was Albert belustigte. Belle hätte im Leben nicht so naiv und unbekümmert geantwortet! Doch er durfte sich durch dieses seltsame Aschenputtel, das seine Mutter für ihn ausgesucht hatte, nicht verwirren lassen. Er hatte nur diesen Abend, um sie für seinen Plan zu gewinnen, und musste die Zeit nutzen.

„Eigentlich möchte ich kein Prinz sein“, nahm er das Gespräch wieder auf, „und ein Erbprinz schon gar nicht.“ Er sah Penny-Rose über den Rand seines Glases hinweg an. „Glauben Sie mir das?“

„Hm.“ Sie trank einen zweiten Schluck, nickte anerkennend und stellte das Glas wieder hin. „Nein.“

Albert wusste, dass er sie überzeugen musste, sonst war alles vergeblich. „Berühmt zu sein ist nicht so erstrebenswert, wie allgemein behauptet wird“, fuhr er fort. „Dies Fürstentum ist nur klein, aber als ältester männlicher Nachkomme der regierenden Familie stehe ich plötzlich im Scheinwerferlicht. Einige Tausend Menschen warten gespannt darauf, wie ich mich verhalten werde.“ Er zeigte aus dem Fenster, wo sich kleinere und größere Grundstücke in bunter Folge am Fluss reihten. „Das Wohl aller dieser Familien hängt von meiner Entscheidung ab … und von Ihrer.“

„Versuchen Sie nicht, mich zu erpressen!“, fuhr Penny-Rose auf. Alberts Argumente gefielen ihr nicht, und das merkte er. Sofort wurde er wieder nachgiebig.

„Das würde mir nicht im Traum einfallen. Den Worten meiner Mutter zufolge scheint es indessen so zu sein, dass es für uns beide Vorteile bringt.“

„Das verstehe ich nicht!“

„Die einjährige Ehe mit mir würde Sie bis an Ihr Lebensende in materieller Hinsicht absichern.“

„Ich habe es nicht nötig, auf diese Art meinen Lebensunterhalt zu sichern …“

„Sie haben kaum genügend Geld, um satt zu werden.“ Albert ließ sich nicht unterbrechen. „Michael geht noch auf die Oberschule und möchte Ingenieur werden. Wie wollen Sie drei Studenten die Ausbildung bezahlen?“

Penny-Rose griff nach ihrem Glas, aber der prickelnde Champagner schmeckte plötzlich wie Essig. „Sie haben wirklich gründlich spioniert!“

„Meine Mutter hat es für mich getan“, gestand Albert und nahm Pennys Hand, was sie widerstrebend duldete. Wieder betrachtete er die Spuren, die ihre Arbeit dort hinterlassen hatte, und erneut lächelte er teils wehmütig und teils belustigt. „Möchten Sie hören, was sie alles herausgefunden hat?“

„Nein.“

„Trotzdem werde ich es Ihnen verraten.“ Er ließ ihre Hand los, lehnte sich zurück und studierte ihr Gesicht, als könnte er so hinter ihr Geheimnis kommen. „Ihre Mutter war schwer krank. Sie hatte multiple Sklerose und hätte niemals Kinder bekommen dürfen … vier schon gar nicht. Doch Ihr Vater wünschte sich verzweifelt einen Sohn, und nach drei Töchtern kam endlich Michael zur Welt. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Damals waren Sie zehn Jahre alt.“

„Ich verbiete Ihnen …“

„Verbieten Sie mir, so viel Sie wollen, ich werde trotzdem weitersprechen. Hören Sie also lieber zu, damit Sie sicher sind, dass ich nichts Falsches sage. Ein Irrtum könnte verhängnisvo...

Autor

Marion Lennox
Marion wuchs in einer ländlichen Gemeinde in einer Gegend Australiens auf, wo es das ganze Jahr über keine Dürre gibt. Da es auf der abgelegenen Farm kaum Abwechslung gab, war es kein Wunder, dass sie sich die Zeit mit lesen und schreiben vertrieb. Statt ihren Wunschberuf Liebesromanautorin zu ergreifen, entschied...
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Leanne Banks

Mit mehr als 20 geschriebenen Romanen, ist Leanne dafür geschätzt Geschichten mit starken Emotionen, Charakteren mit denen sich jeder identifizieren kann, einem Schuss heißer Sinnlichkeit und einem Happy End, welches nach dem Lesen noch nachklingt zu erzählen. Sie ist die Abnehmerin der Romantic Times Magazine’s Awards in Serie. Sinnlichkeit, Liebe...

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Cat Schield

Cat Schield lebt gemeinsam mit ihrer Tochter, zwei Birma-Katzen und einem Dobermann in Minnesota, USA und ist die Gewinnerin des Romance Writers of America 2010 Golden Heart® für romantische Serienromane. Wenn sie nicht gerade neue romantisch-heiße Geschichten schreibt, trifft sie sie sich mit ihren Freunden um auf dem St. Croix...

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Alles begann damit, dass der Vater von Charlene Sands ihr als Kind die schönsten, brillantesten und fantastischsten Geschichten erzählte. Er erfand Geschichten von plündernden Piraten, mächtigen Königen und Sagen von Helden und Rittern. In diesen Erzählungen war Charlene immer die Prinzessin, Königin oder Heldin um die gekämpft oder die gerettet...

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Laura hat die meiste Zeit ihres Lebens damit verbracht, zu singen, an Tanzturnieren teilzunehmen oder als Schauspielerin zu arbeiten. Erst als sie begann, Romane zu schreiben, hat sie ihre wahre Leidenschaft und Berufung entdeckt! Geboren und aufgewachsen ist sie in Minneapolis, Minnesota. Danach lebte Laura für einige Zeit in New...

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