Historical Saison Band 129

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DER GENTLEMAN UND DIE SCHÖNE HIRTIN von CAROL ARENS

Seine Eltern reisen mit einer jungen Dame an, die er heiraten soll? Viscount Joseph Billings will sich dem widersetzen. Er macht der hübschen Olive aus dem nahegelegenen Dorf ein gewagtes Angebot: Sie soll während des Besuchs seine Gattin spielen! Doch die Charade mit der Hirtin weckt ein gefährlich unstandesgemäßes Verlangen …

EIN VISCOUNT FÜR GEWISSE STUNDEN von EVA SHEPHERD

Als die gutherzige Lady Emily Beaumont dem verruchten Jackson Wilde, Viscount Wickford, begegnet, weiß sie sofort: Er ist genau die Sorte Mann, die sie meiden sollte! Aber dann überkommt sie ein gewagter Gedanke. Sie will nicht als alte Jungfer enden – und Jackson scheint der Richtige, um diesen drohenden Zustand zu beenden ...


  • Erscheinungstag 02.10.2026
  • Bandnummer 129
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540575
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Carol Arens, Eva Shepherd

HISTORICAL SAISON BAND 129

Carol Arens

1. KAPITEL

Fallen Leaf, North Yorkshire, 1871

„Oh, welch verworr’nes Netz wir weben, wenn wir zuerst zu täuschen suchen.“

Olive Augustmore murmelte eines ihrer Lieblingszitate von Walter Scott, während sie den Griff ihres Koffers packte und ihn aus seinem Versteck unter dem Werkzeugschrank hervorzerrte.

Das scharrende Geräusch, als er über die Steine des Stallbodens rutschte, zog Gilroys Aufmerksamkeit auf sich, eines höchst wissbegierigen Ziegenbocks. Er gab ein Meckern von sich und bedachte Olive mit einem neugierigen Blick.

Gilroy war der Vater der meisten Ziegen in ihrer Herde. Olive hatte ihn aufgezogen, seit er seine ersten Schritte gemacht hatte.

„Ich weiß nicht, warum du so neugierig bist, mein Junge. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass du mich diesen Koffer mitten in der Nacht hervorzerren siehst.“ Sie hob vielsagend eine Augenbraue. „Du würdest es vielleicht nicht für möglich halten, wenn du wüsstest, was ich im Begriff bin zu tun, aber ich bin ein ehrlicher Mensch. Wenigstens bis vor Kurzem.“

Aus irgendeinem Grund fand Olive Trost darin, mit den Tieren zu reden.

Der Regen trommelte auf das Dach. Zum Kuckuck damit! Es war leichter, die Wege bei trockenem Wetter heimzusuchen und wenn das Mondlicht sie beleuchtete.

Für gewöhnlich würde Olive nie so tief sinken, zu einer Täuschung Zuflucht zu nehmen. Wie sie Gilroy gerade erklärt hatte, war sie im Grunde die Verkörperung von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Aber in diesem Fall war es ihr einziger Ausweg.

Olive wühlte im Inneren des Koffers herum und zerrte einige Meter eines hauchdünnen Stoffes heraus, der ganz unten versteckt lag. Sie hockte sich hin und entfaltete ihn, erhob sich dann und trug ihn zu einer der beiden Pferdeboxen hinüber.

„Wage es ja nicht, daran zu knabbern, Star“, wandte sie sich an das Pferd, während sie den duftigen Stoff über einem Holzbalken ausbreitete.

Daraufhin kehrte sie zum Koffer zurück und zog das dunkle, furchterregende Kostüm hervor, an dem sie in den frühen Morgenstunden unermüdlich gearbeitet hatte.

„Ich gebe einen recht guten Wegelagerer ab, Star, und du ein recht gutes Gespensterpferd.“ Olive sah zu Gilroy hinüber, der aus seinem Pferch hervorlugte. „Du musst zugeben, wir sind ein furchterregendes Paar.“

Sie band ihre Schürze los und knöpfte ihr Kleid auf, um sich umzuziehen. Bei den Unterröcken angekommen, blickte sie auf, als ihre Schwester plötzlich in den Stall gestürzt kam, triefend nass vom Regen und herzerweichend weinend.

Olive breitete die Arme aus und Eliza warf sich ihr sofort an die Brust.

„Geht es Laura gut?“, fragte sie.

„Sie klammerte sich an mich und weinte, als ich ging. Ich glaube, sie spürt, dass ich ihre Mutter bin. Ich kann es nicht länger ertragen … wirklich, Schwesterchen, ich kann nicht mehr.“

Nachdem Elizas Schluchzen zu einem leisen Schnüffeln geworden war, sah sie auf und schien sich erst jetzt bewusst zu werden, dass Olive im Unterkleid vor ihr stand.

„Trinkt Papa wieder?“, fragte sie entsetzt. „Ist er schon wieder entschlossen, zum Wirtshaus zu gehen?“

„Das hat er jedenfalls vor. Er sucht schon seine Jacke, also müssen wir uns beeilen. Er wird immer besser darin, sie zu finden. Breite Stars Kostüm über sie aus, während ich das hier anziehe.“ Sie griff nach der Hose des Wegelagerers und schlüpfte hastig hinein. „Beeil dich, Eliza. Ich muss bereit sein, bevor Papa herauskommt, sonst wird er noch alles ruinieren.“

„Mich auf jeden Fall.“

Ja, Eliza wäre ruiniert, anders konnte man es nicht sagen. Ein Kind außerehelich zur Welt zu bringen, war eine Schande, die der Ruf keines Mädchens überleben konnte.

Jetzt war Eile angesagt. Olive musste auf der Straße erscheinen und ihren Vater erschrecken, bevor er das Wirtshaus erreichen konnte. Wenn es ihm doch gelingen sollte anzukommen, würde er noch mehr trinken als jetzt schon und über Dinge reden, die er für sich behalten sollte. Aber wenn er betrunken war, war es leider seine Angewohnheit, alles Mögliche auszuplaudern.

Eine solche Katastrophe musste um jeden Preis vermieden werden. Ihre Schwester war eine freundliche, weichherzige Frau, die für eine kurze Weile ihr Urteilsvermögen verloren hatte und jetzt einen herzzerreißenden Preis dafür zahlte.

„Es tut mir so leid, Olive.“ Wieder liefen Eliza die Tränen über die Wangen. „Du hättest so etwas nicht tun müssen. Ich bin es doch, die an allem schuld ist.“

„Schwesterherz, du bist kaum das erste Mädchen, das sich von einer Süßholz raspelnden falschen Schlange in die Irre führen ließ, und sicher auch nicht das letzte.“

„Du hast dich niemals irreführen lassen.“

„Ich bin nicht so vertrauensselig wie du. Und um gerecht zu sein, er war wirklich der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz und machte für den gemeinen Schurken, der er war, einen sehr respektablen Eindruck.“

Lauras Erzeuger war ein wandernder Dichter und Sänger, sehr viel bezaubernder als es einem Mann zustand. Nach allem, was Eliza nach jener Nacht vor fast zwei Jahren an Olives Schulter schluchzend hervorgebracht hatte, war ihre Entjungferung in einer schockierend kurzen Zeit vorbei gewesen – nur nach wenigen Momenten.

Olive hatte keine Erfahrung mit diesem intimen menschlichen Akt, aber es erschien ihr doch recht überhastet, um irgendwelches Vergnügen bereitet zu haben. Gilroy widmete der Angelegenheit jedenfalls mehr Zeit und Überlegung.

Was sie sich fragte, aber ihrer Schwester nicht sagte, war, wie viele junge Frauen der Schuft während seines kurzen Aufenthalts in Fallen Leaf noch verführt hatte. Soweit sie wusste, war Eliza jedenfalls die Einzige, die für ihre Indiskretion die Zeche bezahlen musste.

Olives Nichte war natürlich das süßeste Geschöpf, und ihre Existenz konnte von niemandem, der sie kannte, bedauert werden. Dennoch war der Preis, den ihre Schwester für die Umstände ihrer Geburt gezahlt hatte, sehr schmerzhaft. Weiterhin vorgeben zu müssen, dass Laura das Kind ihrer Nachbarn war, zerriss Eliza innerlich.

„Dem Himmel sei Dank für Mary und Harlow“, sagte Olive. „Sie sind die besten Menschen, die ich kenne.“

Die Stricklands hatten Laura bereits wenige Tage nach ihrer Geburt bei sich aufgenommen, um sie mit ihrer eigenen kleinen Tochter aufzuziehen, die in derselben Woche geboren worden war.

Ohne Zweifel gab es ein ganz besonderes Paradies für so wunderbare Menschen.

„Kopf hoch, Schwesterchen. Keine Tränen mehr. Laura lebt ganz in unserer Nähe, und unser Geheimnis ist sicher. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird. Eines Tages könnten die Dinge sich zum Besseren wenden.“

Sie konnte nur beten, dass es so sein würde. Obwohl die Straße – so weit vom Dorf entfernt – nicht oft benutzt wurde, ganz besonders bei Nacht, bestand schon ein gewisses Risiko, dass ihre Täuschung entdeckt wurde.

Der einzige Mensch, den sie bisher erschreckt hatte, war ihr betrunkener Vater gewesen, und das nur ein wenig öfter als ein halbes Dutzend Mal. Ein besonders gelungener Schrecken brachte ihn für gewöhnlich dazu, sein Zuhause eine sehr lange Zeit nicht zu verlassen. Aber wenn er genug getrunken hatte, vergaß er leider, wie sehr er sich das letzte Mal erschreckt hatte.

Und dann vergaß er, dass er niemandem gegenüber Baby Laura, sein bezauberndes Enkelkind, erwähnen durfte.

Olive legte schnell den Rest des Wegelagerer-Kostüms an und Eliza beeilte sich, das Pferd in geisterhaften Flor zu hüllen.

„Schnaub mal so richtig schön furchterregend, Star“, sagte Eliza und schnaufte ermunternd, während Olive sich in den Sattel schwang.

Die Stute war im Geheimen dazu trainiert worden, ein heftiges Geräusch zu machen und dabei wild mit den Augen zu rollen.

„Gutes Mädchen, Star! Du bist so klug.“ Eliza fütterte sie zur Belohnung mit einem Apfel.

„Mach schnell. Ich glaube, ich höre Papa schon singen wie eine halb erdrosselte Katze.“

Eliza lief zum Stalltor und stieß es auf. Das Licht von den Laternen erhellte den Weg für Olive, doch es wurde dunkel, als ihre Schwester das Tor wieder schloss.

Sie drängte Star dazu, in leichten Trab zu verfallen, und fragte sich, wie es kam, dass Papa nie die Abwesenheit der Stute bemerkte, wann immer er sein eigenes Pferd sattelte, um zum „Shepherd’s Keep“, dem hiesigen Wirtshaus zu gelangen. Vielleicht hatte er sich meist bereits derart betrunken, dass seine Aufmerksamkeit nur einem Ziel galt – wie er sich noch mehr betrinken konnte.

Und je betrunkener Papa war, desto mehr plapperte er über alles, was ihm gerade durch den Kopf ging.

Es war noch vor Morgengrauen, als Joseph Billings auf sein Pferd stieg und eine Landstraße entlangritt, um den jüngsten Grundstückserwerb seines Vaters in North Yorkshire zu erreichen.

Er hatte die Nacht in einem reizenden kleinen Wirtshaus namens Fallen Leaf verbracht und konnte also schon vor Tagesbeginn aufbrechen. Joseph lächelte unwillkürlich, während er durch ein hübsches Tal ritt, das übersät war mit Landhäuschen und kleinen Farmen. Zwar war er auf Geheiß seines Vaters hier, um sich über den Zustand seines neuen Besitzes zu informieren, aber für ihn war es eher ein Vergnügen als eine Pflicht. Die Reise hierher war es wert, schon weil er auf diese Weise London entkommen konnte, wo Menschen von Rang dazu neigten, erst nach Sonnenaufgang aufzustehen und so die Pracht des Morgengrauens verpassten.

Darüber hinaus jedoch freute er sich, der Aufmerksamkeit Lady Hortencia Clarks entgehen zu können. In London gab es kaum einen Moment, da er nicht ihren habgierigen Blick zwischen den Schulterblättern zu fühlen glaubte.

Die Frau schien leider besessen von ihm zu sein – oder nicht so sehr von ihm als von dem Vermögen der Claymores. Sie war entschlossen, ihn zu bekommen, und natürlich mit ihm auch alles, was ihm gehörte. Er schnaubte verärgert. Auf keinen Fall würde er zulassen, dass sie ihm diesen ganz besonderen Augenblick verdarb.

Hier auf dem Lande konnte er atmen. Er war nicht für das Leben in der Stadt und die gesellschaftlichen Verpflichtungen als einziges Kind des Viscount Claymore geschaffen. Er fühlte sich dort, als würde ein polierter Stiefelabsatz sich in seine Seele graben.

Er mochte ja in die hohe Gesellschaft geboren worden sein, aber er hatte sich immer fremd gefühlt. Nur weil man ihn dazu erzogen hatte, die angemessenen Anstandsregeln zu respektieren, bedeutete das nicht, dass er sich alles von ihnen diktieren ließ … soweit es ihm möglich war.

Nichts in London ließ sich mit dem Glück vergleichen, das er empfand, wenn er auf seinem Pferd Dane saß und zusah, wie der Himmel hinter den Hügeln langsam zarte pinkfarbene Schattierungen annahm. Das Herrenhaus sollte sich auf dem Hügel befinden, der gleich am Ende dieses Weges lag.

Zunächst hörte er nichts als Danes Hufschlag. Dann fingen die Vögel an zu singen. Zuerst einer, dann zwei und innerhalb weniger Momente schienen die Bäume am Rand des Weges zum Leben zu erwachen.

Soweit er sagen konnte, würde dieses Land sich noch als der beste Erwerb seines Vaters herausstellen. Die Landschaft, die zum neuen Besitz führte, war die schönste, die er je gesehen hatte, dabei lag sie noch halb in den Schatten der bevorstehenden Morgendämmerung verborgen. Er spürte, dass das neue Gut etwas Besonderes sein würde. Diesen Frieden hatte er nicht mehr empfunden, seit er seine Sommertage in Schottland beim Cousin seines Vaters verbracht hatte, so wie es auch sein Vater als Kind getan hatte.

Das Gut in Schottland war nichts Großartiges gewesen, sondern lediglich bequem und ansonsten bescheiden. Im Grunde war es eher eine Farm gewesen, wo er und seine Cousins die Freiheit genossen hatten, die Gegend zu erkunden. Auf dem Gut damals war das häufigste Geräusch lautes Kindergelächter gewesen – sie hatten Spiele gespielt und sich abends vor dem Kaminfeuer etwas vorgelesen. Und jedes Jahr, wenn es Zeit geworden war, nach London zurückzukehren, hatte Joseph der Verlust von Familie und Freiheit besonders schmerzhaft getroffen.

Es war nicht so, als hätten ihm seine Eltern während dieser Sommerferien nicht gefehlt oder als würde er sie nicht lieben, aber ihr Leben hatte sich um gesellschaftliche Verpflichtungen gedreht und um die Reisen, die ihre hohe Position von ihnen verlangte. Selbst wenn sie daheim waren, hatte es sich oft angefühlt, als wären sie nicht wirklich da. Damals hatte er sich die Gesellschaft vorgestellt wie einen Dieb, der ihm seine Familie raubte.

„Es ist ja nicht so, als wüsste ich nicht zu schätzen, was meine Stellung mir bringt“, wandte er sich an sein Pferd. Es war so tröstlich, einem Tier etwas anzuvertrauen, das man mit niemandem sonst besprechen konnte. Wenn man mit einem Pferd sprach, war es unmöglich, dass man nicht verstanden wurde. „So wie du mitten in einem Unwetter dankbar über einen guten Steinstall wärst, wo du genug Heu und Hafer bekommst. Du wärst doch dankbar, oder?“

Er tätschelte Dane den Nacken. „Aber was wäre, wenn du für diese Bequemlichkeit darauf verzichten müsstest, mit den Pferden draußen zusammenzukommen? Du wärst sicher, aber einsam. Was wäre, wenn du an nichts weiter denken könntest außer dem Wunsch, über den Koppelzaun zu springen und zu ihnen zu galoppieren?“

Seine Eltern liebten ihn, das wusste er. Aber sie mussten so viel für Claymore tun, dass sie einfach zu beschäftigt waren, um viel Zeit mit ihm zu verbringen.

Er war dankbar, dass sein Vater ihn auf das Gut seines Cousins geschickt hatte, wo er auf zahlreiche Tanten, Onkel und Cousins getroffen war, die ihn ebenso sehr liebten. Sie behandelten ihn niemals anders, weil er der Erbe eines sehr vermögenden Titels war, denn sie standen ihm zu nahe, um sich davon beeindrucken zu lassen. Für sie war er schlicht und einfach Joseph.

In London hatte er keine Cousins, sondern nur einige wenige Freunde. Aber mochten ihn diese Freunde überhaupt? Er wusste eigentlich nicht genau, ob sie ihn selbst bewunderten oder das Vermögen und den Einfluss seiner Familie.

„Ich will dir mal eine Geschichte aus meiner Vergangenheit erzählen.“ Ein Ohr seines Pferdes zuckte zustimmend. „Als ich einmal in Schottland war, wurde ich fürchterlich krank – Fieber, Husten und dergleichen. Meine Eltern waren in Paris und konnten nicht an mein Krankenbett eilen. Aber meine Tanten waren da. Ich erinnere mich, es war immer mindestens eine von ihnen an meiner Seite, strich mir über das Haar und sang mir etwas vor.“

Joseph hielt inne und lächelte, als er daran dachte, wie hingebungsvoll sie ihn persönlich mit heißer Fleischbrühe gefüttert hatten.

„Ein anderes Mal, diesmal in London, war ich wieder krank, so wie zuvor in Schottland. Damals waren meine Eltern in Spanien und konnten nicht bei mir sein. An meinem Bett befanden sich ein Arzt und eine Schwester. Beide ausgesprochen qualifiziert. Aber sie sangen mir nichts vor und nannten mich auch nicht ihren süßen, hübschen Jungen.“

Dane schnaubte und schüttelte die Mähne.

„Du kannst dir also vorstellen, wie niedergeschlagen ich war, als Papa beschloss, es sei an der Zeit, mit diesen Kindheitsbesuchen aufzuhören. Zeit, sagte er, dass ich dafür vorbereitet wurde, seinen Platz als Viscount Claymore einzunehmen.“

Er war damals wirklich am Boden zerstört gewesen. In London hatte er dann hart gearbeitet und fleißig studiert, und doch immer das Gefühl gehabt, dass er nicht wirklich zum glanzvollen Adel gehörte.

„Ich will dir noch ein Geheimnis verraten, Dane. In mir steckt noch immer viel von dem kleinen Jungen, der Schottland so geliebt hat.“

Er ritt an mehreren Farmen vorbei, die reich und ertragreich dufteten, und spürte, wie das Land zum Hügel hin anstieg. Die Bäume hier wurden dicker, die Äste wölbten sich über dem Weg und bildeten so einen Baldachin aus Blättern. Während er ruhig weiterritt und den frischen, kühlen Duft der Morgenluft genoss, begann der Himmel sich aufzuhellen.

Er hörte eine Ziege meckern und blickte in ihre Richtung, und so fiel ihm ein Pfad auf, der vom schmalen Weg zu einem Cottage führte. Etwas weiter entfernt vom ersten entdeckte er dann ein weiteres Cottage.

Eine Frau sang irgendwo, und er hielt inne, um zu lauschen. Da war wohl jemand, dem die Morgendämmerung genauso gefiel wie ihm. Offenbar kam die Stimme vom ersten Cottage, aber er konnte niemanden dort sehen.

Nur Momente danach hörte er das leise Weinen eines Babys aus dem zweiten Cottage. Es erinnerte ihn daran, dass der Tag begonnen hatte, und so wie die Mutter des Kindes sicher sehr viel zu tun hatte, so auch er. Papa würde auf seinen Bericht warten, eine detaillierte Beschreibung des Gutes – des Hauses, des Landes und seiner Umgebung. Papa war begierig, jede Einzelheit zu erfahren.

In geringer Entfernung von den kleinen Häusern erschien eine Brücke, die über einen breiten Fluss führte. Das Wasser sah kalt aus und klang so, als würde es eher rauschen als friedlich plätschern. Und in seinen Ohren sang es ein ebenso liebliches Lied wie das der Frau. Auf der anderen Seite der Brücke stieg der Weg abrupt an und brachte ihn zum Gipfel des Hügels, auf dem das Herrenhaus stehen sollte, wie es hieß. Wenn es so war, wie er es sich vorstellte, würde die Aussicht vom Land des Anwesens atemberaubend sein.

Irgendetwas an diesem Ort berührte ihn tief. Vom ersten Moment seiner Ankunft in Fallen Leaf hatte er … nun, irgendetwas … gespürt, aber er wusste nicht, was genau.

Dieses unerklärliche Gefühl hatte zugenommen, während er das Tal durchquert hatte, und je näher er jetzt der Spitze des Hügels kam, desto stärker wurde dieses Gefühl. Er konnte nicht sagen, dass er je so etwas erlebt hätte – nicht seit jenen Sommertagen in Schottland. Eine Art anhaltenden Wohlbefindens.

Vielleicht begeisterte ihn einfach nur die Schönheit dieses Landes, die Klänge und Düfte der Natur, nachdem er ein ganzes Jahr lang in London festgesessen hatte.

Der Weg endete und wurde zu einer Auffahrt, die nach links und weiter nach oben führte. Eine Baumgruppe verbarg zunächst noch die Sicht auf das Haus. Joseph konnte nur die Schornsteine sehen, die sehr kalt sein mussten, da seit zwei Jahren niemand im Haus gewohnt hatte.

Schließlich erschien das gesamte Haus vor ihm. Es wies zwei weitere Stockwerke über dem Erdgeschoss auf, und das Sonnenlicht wurde von mehr als einem Dutzend Fensterscheiben zurückgeworfen. Eine breite Veranda umgab stolz die Fassade. Wieder erfüllte tiefes Wohlbefinden sein Herz. Wie seltsam, dass ein Ort, an dem er noch nie zuvor gewesen war, eine solche Reaktion in ihm hervorrufen konnte. Eine leichte Brise machte sich bemerkbar. Die Blätter rauschten leise, als würden sie miteinander flüstern.

Joseph wusste natürlich, dass sie nicht „willkommen daheim“ flüsterten, aber es fühlte sich für ihn dennoch so an. Wie konnte man denken, dass einem ein Haus gefehlt hatte, wenn man es noch nie zuvor gesehen hatte?

Es ergab keinen Sinn.

Aber ob es nun Sinn ergab oder nicht, er war froh, hier zu sein.

Wieder saß Olive mitten in der Nacht auf Star und unter den Ästen eines großen, tropfenden Baumes. Sie fühlte sich wirklich nicht wie ein meuchlerischer Wegelagerer, der auf einem schaurigen Pferd ritt. Vielmehr fühlte sie sich nass und elend.

Sie starrte auf die Biegung im Weg und fragte sich, wie nah ihr Vater schon war. Sie lauschte angestrengt, um das Hufgeklapper seines Pferdes über das Geräusch des Regens hinweg zu hören. Beim ersten Laut würde sie ihren Degen ziehen und sich in die Rolle eines furchterregenden Wegelagerers werfen.

Es erstaunte sie jedes Mal wieder, dass ihr Vater, obwohl die Erscheinung am Ende des Weges ihn immer zutiefst erschreckte, sich dennoch nachts wieder hinauswagte. Bis jetzt war es ihm nicht gelungen, bis zum Wirtshaus zu kommen, denn immer wieder hatte er sich lieber dafür entschieden, zu wenden und nach Hause zurückzujagen, sobald er sie erblickte. Ein kleines Wehklagen und das Fuchteln mit ihrer Waffe genügten meist, um Papa das Fürchten zu lehren.

Soweit es Olive anging, war dieses ganze Theater genauso sehr seine Schuld – wenn man von dem abgefeimten Schurken absah, der sie überhaupt erst in diese missliche Lage gebracht hatte.

Natürlich war es völlig die Schuld dieses schrecklichen Mannes.

Was sie und ihre Schwester tun mussten, war, ihren Vater dazu zu überreden, Eliza heiraten zu lassen. Nur dann gab es eine kleine Chance für sie, diese üble Situation hinter sich zu lassen. Olive glaubte, dass eine verheiratete Frau sich im Dorf eines gewissen Respekts sicher sein könnte. Wenn besagte verheiratete Dame danach also ein Kind adoptierte, würde niemand etwas dazu bemerken.

Als sie Hufgeklapper hörte, erhob Olive sich in den Steigbügeln und zog mit dramatischem Eifer den Degen aus der Scheide, obwohl ihr Vater noch gar nicht zu sehen war. Es war wichtig, sich kurz in ihren schurkischen Charakter zu versetzen, bevor sie ihn endgültig entfesselte.

Von Natur aus war sie kein schauriger Plünderer, aber sobald sie sich erst einmal in die Rolle vertieft hatte, fiel es ihr beunruhigend leicht, sich wie sie zu verhalten. Für eine Frau wie sie, die die Wahrheit über alles liebte – jedenfalls meistens –, war es ein bestürzendes Gefühl.

Welches Geräusch sie aber auch gehört zu haben glaubte, es verschwand, und so sank sie wieder auf den Sattel zurück und wartete, den Degen über ihre Schenkel gelegt. Papa brauchte heute länger als gewöhnlich, um die Biegung zu nehmen. Hoffentlich war er nicht vom Pferd gefallen. Sein Herz würde womöglich noch versagen, wenn ein unheimlicher Straßenräuber plötzlich versuchen sollte, ihm wieder in den Sattel zu helfen.

Eliza und sie liebten ihren Vater sehr – trotz seiner fürchterlichen Dickköpfigkeit und Gewohnheit, viel zu tief ins Glas zu schauen. Es hatte eine Zeit gegeben – bevor Mama gestorben war –, da war er ein Mann gewesen, der gelacht und getanzt und seiner Familie Liebeslieder vorgesungen hatte. Mamas Tod hatte natürlich alle verändert, aber ganz besonders Papa. Nachdem sich die Trauer ein wenig gelegt und das Leben wieder seinen Lauf genommen hatte, war er entschlossen gewesen, in allem die Kontrolle innezuhaben. Er hatte nicht verhindern können, dass ihm seine geliebte Frau genommen worden war, und so konzentrierte er sich jetzt fast fanatisch darauf, alles Übrige in seinem Leben seinem Willen zu unterwerfen.

Nur leider waren es Eliza und sie selbst, die er am meisten kontrollieren wollte. Was für ein Jammer es doch war, dass er sich nicht mit derselben Dickköpfigkeit darum bemühte, von der Flasche zu lassen.

Aber er war ihr Vater, und sie liebten ihn. Also lauschte Olive jetzt recht unruhig auf sein Näherkommen.

Da war das Hufgeklapper, auf das sie wartete – nur dass es aus der falschen Richtung kam. Zwar war es schon vorgekommen, dass ein Reisender diesen Weg gewählt hatte, aber nur sehr selten. Die einzigen zwei Häuser hier waren das Cottage der Stricklands und ihr eigenes, weswegen es auch sehr viel einfacher gewesen war, Lauras Existenz geheim zu halten. Wie es das Glück gewollt hatte, oder vielleicht das Schicksal, sahen Laura und die Babys der Stricklands sich ähnlich. Doch je älter sie wurden, desto schwieriger würde es werden, die Täuschung aufrechtzuerhalten. Eliza musste unbedingt bald heiraten.

Das Pferd kam näher. Wer konnte es aber sein? Am Ende des Weges auf dem Gipfel des Hügels gab es ein Herrenhaus, aber seit zwei Jahren hatte dort niemand mehr gelebt.

Olive zog sich in den Schatten des Baumes zurück. Bis jetzt war ihr Vater das einzige Opfer ihrer nächtlichen Erscheinung gewesen, und dabei wollte sie es eigentlich auch gern belassen.

Doch ein äußerst boshafter Zufall ließ ihren Vater ausgerechnet in diesem Moment auf der Szene erscheinen. Entsetzt hörte Olive die Hufe seines Pferdes. Da sie nicht zulassen konnte, dass ihr Vater zum Wirtshaus ritt, würde sie sich eben beiden Reitern zeigen müssen.

Aber würde das nicht zu einer entsetzlich peinlichen Situation führen?

Die Reiter blieben stehen und unterhielten sich einen Augenblick. Keinem von beiden fiel auf, dass sie in den Schatten lauerte. Olive erkannte den anderen Burschen in der Dunkelheit nicht, noch dazu hatte er sich als Schutz vor dem Regen gut eingemummelt. Aber wahrscheinlich kannte sie ihn, da Papa es ja offenbar zu tun schien.

Nun, Nachbar oder nicht, sie musste tun, was sie nur konnte, um Papa daran zu hindern private Familienangelegenheiten auszuplaudern.

Also gut. Sie atmete tief ein und stieß ein lautes Klagen aus. Das Geräusch hallte von den Baumkronen wider – unheimlich und düster. Sie wäre ebenfalls erschrocken, wenn sie es nicht selbst wäre, die so grausig losheulte.

Jetzt lenkte sie Star unter dem Baum hervor, wenn auch nur wenige Schritte. Es ginge nicht an, dass Papa sie womöglich erkannte. Star bäumte sich auf, schnaubte und rollte mit den Augen.

Papa wendete sofort sein Pferd und raste zurück zum Haus. Der andere Reiter schrie auf und wäre fast heruntergefallen. Sein nervöser Hengst galoppierte auf das Dorf zu, während sein Reiter sich nur mühsam im Sattel hielt.

Olive ließ einige Augenblicke vergehen, um ihrem Vater Zeit zu geben, zu Hause anzukommen. Eliza würde ihn im Stall erwarten, um ihm zu helfen, das Pferd in die Box zu bringen. Papa würde jetzt wie immer zu erschrocken sein, um ins Dorf reiten zu wollen. Bitte, lieber Himmel, mochte es doch heute das letzte Mal sein, dass sie gezwungen sein würde, das Gespenst zu spielen!

Die ganze Sache wurde ihr immer unangenehmer. Und heute hatte ein weiterer Mann die Erscheinung gesehen. Die Sache würde sich notgedrungen herumsprechen. Die Neuigkeit von einem Geist, der nachts Angst und Schrecken verbreitete, wäre das Einzige, wovon man in der nächsten Zeit reden würde.

„Es war grausiger als irgendetwas, was ich sonst je gesehen habe. Nicht einmal menschlich“, verkündete Papa. Er saß dicht vor dem Kamin, um die Kälte zu verjagen, die ihm zweifellos bis in die Knochen gegangen war.

„Die Augen eines Geistes, glaubt mir. Wie Flammen. Rot und furchterregend. Welche Hitze! Ich muss mich verbrannt haben. Sehe ich verbrannt aus?“ Er starrte auf seine Arme und drehte seine Hände hin und her. „Oh, ihr hättet euren Augen nicht getraut.“

„Du hast recht, Papa.“ Olive reichte ihm eine Tasse Tee, und er legte die Hände um das hübsch bemalte Porzellan. „Das würde ich wirklich nicht. Du hattest getrunken und nichts auf dem Weg zum Dorf zu suchen. Wenn jemand nicht ganz bei Verstand ist, stellt er sich leider allen möglichen Unsinn vor.“

„Ich war sehr wohl bei Verstand, Tochter. Und ich war nicht allein. Frag doch Homer Miles. Er war nicht betrunken. Nur auf der Suche nach einem verirrten Schaf. Der Schreck hat ihn ein paar Jahre seines Lebens gekostet, das sag ich dir.“

Das verwickelte die Situation allerdings.

„Du meine Güte, Papa, ich bin vollkommen sicher, dass es keinen Geist oder Wegelagerer gibt. Du hast nichts als Schatten gesehen“, bemerkte Eliza, die sich in den Sessel ihm gegenüber setzte.

„Nein, mein Kind. Ich sah ein Pferd mit Feuer in den Augen und Hufen, die Funken sprühten, als es sich aufbäumte. Der Reiter roch nach Schwefel.“

„Ach, das doch sicher nicht!“ Es ziemte sich gar nicht, dass ihr nach Grinsen zumute war, aber … Schwefel? Offenbar war ihre Aufführung ein riesiger Erfolg gewesen. Sie versteckte ihr Lächeln hinter dem Rand ihrer Teetasse und setzte sich danach in den Sessel neben Eliza. Es war in jeder Hinsicht falsch, stolz auf ihre gelungene Täuschung zu sein, und doch … Schließlich durfte man nicht vergessen, wie viel Mühe sie sich mit ihrer Verkörperung des bösen Wegelagerers gemacht hatte, selbst wenn sie es nur selbst war, die sich loben konnte.

„Homer wird bestätigen, dass es die reine Wahrheit ist. Von jetzt an werdet ihr Mädchen nicht mehr im Dunkeln ausgehen, nicht einmal bis zum Stall.“

Olive warf Eliza einen Blick zu – eine wortlose Mitteilung. Eliza erwiderte ihn mit einem Zwinkern und einem Nicken. Mit etwas Glück würde Papa heute in der Stimmung sein, die Idee zu akzeptieren, die sie ihm schon lange in den Kopf setzen wollten.

„Wenn wir nur Ehemänner hätten, die auf uns aufpassen würden“, meinte Eliza mit einem Seufzer.

„Ach, in der Tat.“ Olive beugte sich vor, um sicherzugehen, dass sie seine ganze Aufmerksamkeit besaß. „James Foster ist ein großer, starker Bursche. Mit ihm als Ehemann könnte eine Frau sich wirklich sicher fühlen.“

Papa stellte seine Tasse mit einem Knall auf dem Tisch ab. Er nickte und neigte den Kopf dann nachdenklich zur Seite. „Ich bewundere den Jungen schon seit Langem. Jeder Mann würde sich glücklich schätzen, einen Bäcker zum Schwiegersohn zu haben.“

Eliza errötete leicht, und Olive wusste, dass es nicht am Tee oder dem Kaminfeuer lag. Ihre Schwester war mehr als nur ein wenig angetan von James Foster. Sie war verliebt in ihn und hatte es Olive auch schon gebeichtet. Und nachdem Olive die beiden zusammen gesehen hatte – die Blicke, die sie sich zuwarfen, wann immer sie und ihre Schwester die Bäckerei betraten –, glaubte sie, dass er Elizas Gefühle erwiderte.

Sollte Papa seinen Segen zu einer Hochzeit geben, wäre es, als hätte er ihre Gebete erhört. Eliza würde den Mann bekommen, den sie liebte. Und vielleicht auch das Kind, das sie liebte. Natürlich würde sie James zunächst die Wahrheit über Lauras Geburt enthüllen müssen, was ihr sehr viel Mut abverlangen würde, weil nur die allerbesten Männer bereit wären, einen solchen Fehltritt zu verzeihen. Aber James war ein solcher Mann, da war Olive sicher, also könnte alles noch gut werden.

„Papa, vielleicht …“ Olive strich mit den plötzlich feuchten Handflächen über ihren Rock. So viel hing davon ab, wie ihr Vater entscheiden würde. Falls er beschloss, dass Eliza James heiraten sollte, dann waren wirklich all ihre Gebete erhört worden. Falls er jedoch anders darüber dachte, würden ihn kein Flehen und kein Betteln von seiner Entscheidung abbringen. Papa konnte dickköpfiger sein als zehn Esel. „Vielleicht solltest du mit James reden. Er würde wunderbar zu unserer Familie passen. Wir bräuchten unser Brot nicht einmal mehr selbst zu backen. Ich vermute außerdem, dass viele andere Väter darauf brennen, ihn zum Schwiegersohn zu nehmen.“

„Ich habe die Leute auch davon flüstern hören“, fügte Eliza hinzu und schüttelte scheinbar betrübt den Kopf.

„Es wird wirklich Zeit, dass du heiratest, Olive. Sogar höchste Zeit. Eure Mutter war viel jünger als ihr beide, als sie mich zum Mann nahm. Also werde ich mit dem jungen Mann sprechen und ihn auf dein Interesse aufmerksam machen – und dass ich einverstanden bin, falls er wünscht, um dich zu werben.“

„Um mich?“, brachte Olive keuchend hervor und warf Eliza einen entsetzten Blick zu. „Ich möchte nicht heiraten. Es ist Eliza, die James haben möchte.“

„Aber du bist die Ältere und musst als Erste heiraten.“

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Es ergibt Sinn, wenn ich es sage, junge Dame“, wies er sie zurecht.

Fassungslos sprang Olive auf und starrte ihren Vater an.

„Ich sollte es dir nicht erklären müssen, aber ich weiß, was für euch beide am besten ist. Die Zeit bleibt nicht stehen. Du, Olive Rose, bist in Gefahr, eine alte Jungfer zu werden. Sobald du geheiratet hast, steht es deiner Schwester frei, ebenfalls nach einem Mann zu suchen.“

„Aber ich liebe James Foster nicht. Eliza liebt ihn.“

„Liebe?“ Papa schnaubte grimmig. „Hier reden wir vom Heiraten.“

„Du hast Mama geliebt“, gab Eliza tapfer zu bedenken, ohne sich offensichtlich große Hoffnungen zu machen. Die Arme war so blass geworden, dass Olive fürchtete, sie würde gleich in Ohnmacht fallen.

„Von ganzem Herzen … aber schließlich zu meinem Leidwesen.“ Tiefer Kummer zeigte sich auf seinem Gesicht. Selbst sechs Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, trauerte Papa noch immer um sie. „Ihr Mädchen sollt eine Ehe führen, die nicht auf Gefühlen basiert, sondern auf Vernunft. Und es ist nur vernünftig, dass Olive heiratet, bevor sie noch viel älter wird.“

„Wenn dich jemand hören würde, müsste er denken, ich bin schon uralt!“ Sie ließ sich wieder in den Sessel fallen. „Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, nicht einmal zwei Jahre älter als Eliza, wenn ich dich daran erinnern darf, Papa.“

„Ich bin entschlossen. Du wirst den Bäcker heiraten, Olive. Eliza bekommt den nächsten Mann, den ich für würdig erachte. Zuerst die ältere Schwester, dann die jüngere. So muss es sein.“

„Aber, Papa.“ Eliza trocknete sich die Wangen. „Ich liebe James. Und ich glaube, auch er liebt mich.“

„Ja, aber es ist nicht das erste Mal, dass du so etwas geglaubt hast.“ Seine Stimme klang nicht hart, sondern sanft und besorgt. Was allerdings nicht bedeutete, dass er seine Meinung ändern würde. „Du bist leider nicht sehr weise, wenn es um die Liebe geht, Eliza.“

Mit einem Schluchzen sprang Eliza auf und lief aus dem Salon. Olive beugte sich vor und sah ihrem Vater unnachgiebig in die Augen. „Du bist so hart wie Stein, Papa, aber das kann ich auch sein. Ich werde nicht den Mann heiraten, den meine Schwester ins Herz geschlossen hat.“

Damit erhob sie sich, um ihrer Schwester zu folgen.

2. KAPITEL

„Komm, Dane.“

Joseph lenkte sein Pferd unter einen großen Baum, dessen Äste fast bis zum Boden reichten. Was das Mondlicht enthüllen mochte, würde von den Zweigen und Blättern verborgen werden. Ein vorzüglicher Ort, um die Ankunft eines toten Wegelagerers abzuwarten.

„Bleib tapfer, während wir auf das Gespenst und sein Pferd mit den feurigen Augen warten, und achte nicht auf die Funken, die seine Hufe sprühen mögen. Bleib einfach nur standhaft in unserem gerechten Kampf gegen das Böse, mein edles Ross.“

Vielleicht war es nicht richtig, sich über die Sache lustig zu machen. Die Leute von Fallen Leaf waren sehr beunruhigt. Es hieß, der arme Bursche, der dem Ungeheuer begegnet war, hatte vor Angst kaum seine Geschichte hervorbringen können. Dennoch hatte es sich schnell herumgesprochen.

Offenbar war der arme Mensch von etwas in Schrecken versetzt worden, während er nach einem Schaf gesucht hatte, und mit ihm auch ein weiterer Mann.

Aber ein Geschöpf aus der Unterwelt?

Völlig absurd.

Jemand erschreckte die Dorfbewohner, und Joseph war entschlossen herauszufinden, wer dieser Jemand war und warum er es tat. Zwar waren die Menschen von Fallen Leaf nicht seine Pächter, aber sie waren seine Nachbarn, und er würde nicht zulassen, dass sie bedroht wurden.

Heute war die dritte Nacht, in der er unter diesem Baum wartete. Hier sollte das Grauen geschehen sein, also ergab es nur Sinn, wenn er diesen Teil des abgelegenen Weges beobachtete. Der Bösewicht mochte das Ganze ja als eine Art Scherz betrachten, aber der Wirt hatte besorgt festgestellt, dass seine Gäste sich in der Nacht nicht mehr hinauswagten und lieber zu Hause blieben, als bei ihm einzukehren.

„Heute ist es so weit.“ Joseph tätschelte seinem Pferd den Nacken. „Spürst du es nicht auch?“

Was Dane aber wohl eher spürte, war der Wunsch, wieder zu seinem Stall zurückzukehren.

Es war noch recht früh am Abend. Sollte es Joseph gelingen, den Schuldigen zu ertappen, würde er genügend Zeit haben, ihn zum Shepherd’s Keep zu bringen, wo er ihn den Gästen des Wirtshauses präsentieren würde, die den Mut gehabt hatten, sich zu zeigen. Und dann würde er den Mann zwingen, den Grund für diesen Unsinn zu erklären.

Es ging nicht an, dass die Dorfbewohner nachts in ihren Betten zitterten vor Angst. Dieser Unfug musste noch heute beendet werden – wenn der feige Kerl sich nur endlich blicken ließe!

Plötzlich nahm der Wind zu. Er heulte über den Weg dahin und zwischen den schiefen Ästen hindurch, dass sie ächzten.

„Genau die richtige Atmosphäre für ein Gespenst“, flüsterte er Dane zu.

Aber was war das? Joseph spürte ein erwartungsvolles Prickeln. Er beugte sich wieder über Danes Nacken. „Ich glaube, ich höre etwas.“

Vor allem war es aber der Wind, der ihm um die Ohren rauschte. Auch Danes Ohren zuckten, also wusste Joseph, dass er sich das Hufgeklapper tiefer im Wald nicht eingebildet hatte.

Niemand würde durch den Wald reiten und den Weg vermeiden, wenn er nicht den Wunsch hätte, verborgen zu bleiben, und vielleicht erpicht darauf war, Unheil anzurichten.

„Ich würde sagen, wir haben ihn endlich, Dane, aber warte noch.“

Der Bösewicht sollte zuerst seine Anwesenheit verkünden, also bewegte Joseph sich noch nicht.

Das Grauen von Fallen Leaf trat aus dem dunklen Wald heraus, vom Mondlicht beleuchtet. Aber es kam nicht vollständig hervor, sondern saß auf seinem Pferd und noch halb im Schatten des Baumes auf der anderen Seite des Wegs.

Die Gestalt blieb regungslos, nur den Kopf neigte sie leicht zur Seite, als würde sie lauschen – wahrscheinlich auf ihr armes Opfer.

Oh ja, aber nicht heute Nacht, denn heute würde Joseph den Schurken entlarven. Wie erwartet, war er ein normaler Sterblicher, denn eine überirdische Erscheinung würde sein Opfer sicherlich spüren, ohne seine Ohren dafür bemühen zu müssen.

Der Reiter beugte sich auf eher gutartige Weise vor und tätschelte seinem Pferd den Hals. Dann zog er einen Degen aus der Scheide und legte ihn sich über die Schenkel. Der Mann war von eher schmächtiger Statur, ganz besonders für einen Wegelagerer aus der Unterwelt.

Wenn man ihn ohne Furcht betrachtete, sah der Bursche alles andere als bedrohlich aus. Von einem meuchlerischen Wegelagerer würde man wohl eher erwarten, dass ihn der Geruch des Höllenfeuers umgäbe. Ganz gewiss nicht, dass er vielmehr nach der letzten Mode gekleidet war wie dieser Mann hier. Josephs Meinung nach bewies, wer immer dieses Kostüm angefertigt hatte, großen Geschmack. Glitzernde Messingknöpfe funkelten im Mondlicht, und eine lange rote Feder flatterte an der Hutkrempe.

Neues Hufgeklapper näherte sich ihnen aus der Richtung, aus der Joseph vorhin gekommen war. Sofort hob der Wegelagerer seinen Degen und stürzte unter dem Baum hervor. Das Pferd schnaubte furchterregend und verdrehte die Augen. Es sah wirklich sehr eindrucksvoll und ziemlich grimmig aus, wie es sich aufbäumte.

Der sich nähernde Reiter kam um die Biegung.

Joseph kam aus seinem Versteck hervor und schrie dem Reiter eine Warnung zu. Der riss sein Pferd herum und jagte denselben Weg zurück, den er gekommen war. Das Pferd des Wegelagerers tänzelte nervös, bevor sein Herr ihn wieder in den Griff bekam und im Wald verschwand.

Ohne eine Sekunde zu verschwenden, setzte Joseph ihm auf Dane nach.

„Halt!“, brüllte er dem fliehenden Wegelagerer hinterher.

Der Mann erhöhte sein Tempo vielmehr, aber das war nicht wichtig. Heute Nacht würde seinem Schabernack ein Ende gesetzt. Ganz offensichtlich war die „Erscheinung“ es nicht gewohnt, gejagt zu werden. Der Mann schwankte im Sattel. Nur noch einen Moment, und Joseph würde den Schurken erreicht haben und endlich die Wahrheit erfahren.

„Stehen bleiben!“, rief er wieder. In diesem Tempo durch den dichten Wald zu rasen, war nicht sicher. Plötzlich könnte ein unerwarteter Baum vor einem auftauchen, ein tief liegender Ast könnte …

Zum Henker! Als hätte er das Unglück mit seinen Gedanken heraufbeschworen, geschah es auch schon.

Der Wegelagerer traf auf einen schweren Ast, fiel vom Pferd und schlug sich den Kopf an einem Stein.

Sein Pferd musste ein sehr treues Tier sein, denn es blieb sofort stehen und kehrte zurück, schnupperte an dem am Boden liegenden Mann und begann, sich unruhig im Kreis zu drehen. Der dünne Flor über seinem Leib blieb an dem Ast hängen, der den Reiter zu Fall gebracht hatte. Der Wind erfasste den Stoff, blähte ihn auf und bewegte ihn auf eine Weise, die tatsächlich sehr geisterhaft aussah.

Schließlich trottete das Pferd davon.

Joseph sprang herunter und kniete sich neben den bewusstlosen Reiter. Mit größter Vorsicht drehte er ihn herum.

Der Hut mit der roten Feder fiel herunter und enthüllte das Gesicht des Übeltäters.

Was zum Teufel … Eine Haarsträhne fiel über sein Handgelenk. Sie hatte die Farbe von Erdbeeren, die man in Honig und Mondlicht getaucht hatte. Seltsam, dass ihm das Haar des weiblichen Straßenräubers so sehr auffallen sollte, aber er konnte nicht anders, als es fasziniert zu betrachten, denn die seidenweiche Locke brachte seine Haut zum Prickeln.

Das „Grauen der Nacht“ war wunderschön, mit zarten Zügen, die nur von der bezaubernd runden, kleinen Nase davor bewahrt wurden, aristokratisch auszusehen. Das Rätsel wurde noch rätselhafter.

„Miss!“ Er rüttelte sie unendlich sanft, aber sie rührte sich nicht. „Wachen Sie auf, Miss.“

Sie flatterte nicht einmal mit den Lidern. Ein wenig Blut rieselte ihr von der Schläfe über eine Wange. Zum Glück war es nicht viel, was ihn hoffen ließ, dass ihre Verletzung nicht allzu ernst war. Dennoch musste sich jemand um sie kümmern, und zwar umgehend.

Wer war sie? Er erinnerte sich nicht, sie im Dorf gesehen zu haben.

„Ich würde mich sonst bestimmt erinnern“, murmelte er vor sich hin, legte den Arm um ihre Schultern und hob sie hoch.

„Knie dich hin, mein Junge“, sagte er zu Dane.

Sein Pferd war glücklicherweise sehr gut trainiert, sodass es Joseph möglich war, eine bewusstlose Frau von dieser zarten Statur in den Sattel zu heben. Er hielt sie fest und wies Dane an, sich aufzurichten. Und ohne sie loszulassen, stieg er hinter ihr auf und drückte sie behutsam an die Brust.

Zart strich er mit der Hand über ihre Schläfe. Die Schwellung war nicht sehr stark. Er fragte sich, wo der nächste Arzt sein mochte. Nicht im Dorf. So viel wusste er bereits. Und selbst wenn er wüsste, wo er einen finden könnte, wäre es nicht möglich, die Dame allein zu lassen, um ihn zu holen.

Und in ihrem Aufzug konnte er sie erst recht nicht ins Dorf bringen. Nicht, bevor er erfahren hatte, warum sie hier den Wegelagerer spielte. Schon seine Neugier verlangte es.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sie zum Herrenhaus zu bringen und zu hoffen, dass sie sich bald erholte.

Was für ein Jammer, dass mein erster Gast bewusstlos ist und blutet, dachte Joseph, während er den weiblichen Wegelagerer ins Haus und durch die Empfangshalle trug.

Teilweise traf auch ihn eine gewisse Schuld, aber nur teilweise. Sicher, sie war vom Pferd gefallen, weil er sie verfolgt hatte, aber es war ihr seltsames Verhalten gewesen, dass diese Verfolgung überhaupt notwendig gemacht hatte.

Aber im Moment war es nicht wichtig, wen die größte Schuld traf. Nur eins war wichtig – ihre Genesung. Als Nächstes eilte er die Treppe hinauf und dann rechts den Gang hinunter, der zu seinem Schlafzimmer führte. Es blieb ihm keine andere Wahl, als sie hier unterzubringen, da es bis jetzt der einzige bewohnbare Raum im Haus war.

Natürlich war es alles andere als ziemlich, eine Frau auf sein Bett zu legen. Wäre so etwas in London geschehen, würde er sich schneller vor dem Altar wiederfinden, als ihm lieb wäre. In diesem Fall würde er allerdings eine schöne Braut bekommen. Jedenfalls, was ihr Äußeres anging. Er konnte unmöglich wissen, ob ihr Charakter genauso schön war.

Sie war damit beschäftigt gewesen, ihre Nachbarn in Angst und Schrecken zu versetzen. Kein sehr respektables Verhalten, wie man es auch betrachten wollte. Nun ja, bevor er nicht den Grund für alles wusste, wäre es besser, mit seinem Urteil zu warten.

Joseph trat an die Waschschüssel, griff nach einem sauberen Tuch, benetzte es und nahm es mit zum Bett, wobei er gleichzeitig einen Stuhl mit sich zog. Er setzte sich und tupfte sanft das Blut von Schläfe, Wange, Kinn und Haar.

Die Nachttischlampe tauchte sie in schwaches Licht. Wie interessant, dass es aussah, als hätte sie Sonnenschein im Haar. Natürlich konnte man nicht sagen, welche Farbe ihre Augen hatten, aber ihre Wimpern waren dicht und lang. Obwohl sie mit dem Kopf auf den Stein gestürzt war, wies ihre Haut den gleichen rosigen Farbton auf wie die Rose, die er heute Morgen auf den Nachttisch gestellt hatte.

Das musste doch ein gutes Zeichen sein, oder? Und doch machte er sich Sorgen. Je länger sie bewusstlos blieb, desto schlimmer musste es um sie stehen. Aber ihm blieb nichts anderes zu tun, als hier zu sitzen und dem Ticken der Uhr im Flur zuzuhören.

Er fragte sich, ob er sie von einem Teil ihrer Kleidung befreien sollte, damit sie leichter atmen konnte. Die Arme vor der Brust verschränkt, den Stuhl leicht nach hinten gekippt, überlegte er, dass, wenn es schon ungehörig war, sie in sein Bett zu legen, es völlig unakzeptabel wäre, sie auch noch auszuziehen.

Es sei denn, bedrohliche Umstände verlangten es.

Er sah, wie ihre Brust sich hob und senkte. Ebenfalls kein besonders anständiges Benehmen, aber wie sollte er sonst feststellen, ob ihr Zustand bedrohlich war?

Ihre Haut war noch immer rosig. Sehr ermutigend. Und doch, es war ihre Atmung, die ihm Sorgen bereitete.

„Ach, verdammt.“ Der Fluch ging ihm leicht über die Lippen, denn er bezweifelte sehr, dass sie ihn gehört hatte. „Ich muss wissen, ob ich Ihr Mieder lockern sollte. Selbst ein Wegelagerer muss atmen können.“

Olive spürte jemandes Atem auf ihrem Gesicht. Den Atem eines Mannes!

Eine Frau würde gewiss nicht den unverwechselbar verschwitzten, holzartigen Geruch eines Mannes an sich tragen, der sich kürzlich körperlich angestrengt haben musste.

Etwas Warmes streifte ihre Nase. Sie musste träumen – einen Traum, in dem ein wundervoller Mann im Begriff war, sie zu küssen. Etwas Kaltes, Nasses berührte ihre Wange.

Was bedeutete das?

Sie versuchte, die Augen zu öffnen, aber seltsamerweise schienen ihre Lider zugenäht zu sein. Ihr Kopf fühlte sich schwer an, doch gleichzeitig war ihr schwindlig, als würde sie schweben. Was war das Letzte, an das sie sich erinnern konnte? Oh, lieber Himmel … jemand hatte sie entdeckt und die Verfolgung aufgenommen. Ja! Sie war auf der Flucht gewesen, und dann …

Dann war etwas geschehen, an das sie sich nicht erinnern konnte. Was immer es aber auch gewesen war, es hatte dazu geführt, dass sie in einem Bett lag, das nicht ihr gehörte.

Aber wessen Bett war es dann?

Wie war sie von einer Flucht durch den Wald hierhergekommen? Und warum glaubte sie, den Duft einer Rose wahrzunehmen? Vielleicht lag sie nicht in einem Bett, sondern auf dem Waldboden in der Nähe eines Rosenbusches.

„Ach, verdammt. Ich muss wissen, ob ich Ihr Mieder lockern sollte. Selbst ein Wegelagerer muss atmen können.“

Sie atmete, aber als sie diese Worte hörte, stockte ihr der Atem wieder. Wo sie auch war, sie war nicht allein. Ganz und gar nicht. Eben noch hatte sie den Atem eines Mannes in der Nähe ihres Gesichts gespürt. Und eine Hand berührte jetzt ihre Taille und drückte leicht den Stoff ihres Kostüms.

Olive versuchte, die Hand fortzustoßen, aber ihre Finger zuckten nur hilflos an ihrer Seite.

„Kein Mieder“, murmelte sie, war aber nicht sicher, dass er sie hören konnte.

Sofort wurde die Hand an ihren Rippen fortgezogen. „Oh. Ja, ich hätte wahrscheinlich wissen sollen, dass ein Wegelagerer keins tragen würde.“

Wer es auch war, der mit ihr sprach, seine Stimme war tief und beruhigend. Ganz gegen alle Vernunft hatte Olive keine Angst.

Sie war hilflos wie ein durchnässter Schmetterling, aber nicht verängstigt. Dabei sollte sie es sein, wenn man bedachte, dass sie ebenso wehrlos war wie besagtes Insekt.

„Warum …“ Sie bemühte sich zu sprechen, ihn zu fragen, warum er sie verfolgt hatte. Er musste es gewesen sein. Besser wäre vielleicht gewesen, zu erfahren, wer er war.

So sehr sie sich auch abquälte, gelang es ihr aber nicht, die Augen zu öffnen.

„Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich sah, dass das fürchterliche Gespenst, das Fallen Leaf heimsucht, eine Frau ist. Noch dazu eine kleine Frau.“

„Vorstellen …“ Endlich hatte sie die Kontrolle über ihre Zunge wiedergefunden und brachte es auch fertig, ein Auge zu öffnen. „Haben Sie mich geschlagen?“

Er schüttelte den Kopf und hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich würde niemals eine Frau schlagen.“

Vielleicht nicht, aber wie konnte sie sicher sein, dass er die Wahrheit sagte?

„Sie wurden von einem Ast vom Pferd geworfen. Und dann schlugen Sie mit dem Kopf auf einen Stein.“

Plötzlich kam ihr eine verschwommene Erinnerung an einen dicken Ast, der plötzlich vor ihr erschienen war. Sie erinnerte sich an keinen Stein.

„Star!“, rief sie und versuchte, sich aufzusetzen – ein Entschluss, der fast ihren Kopf explodieren ließ.

„Warten Sie, fügen Sie sich nicht noch größeren Schaden zu!“

„Wie schwer bin ich verletzt?“

„Sie sind wach und können verständlich reden, also gehe ich davon aus, dass Sie sich wieder völlig erholen werden.“

Olive öffnete auch das zweite Auge, und ein gut aussehendes Gesicht rückte in ihr Blickfeld.

„Star ist Ihr Pferd?“

Vorsichtshalber nickte sie nicht. „Ja, meine Stute. Haben Sie sie hierhergebracht? Und wo ist sie?“

„Sie ist im Wald verschwunden.“

Er zuckte die Achseln und lächelte. Seine Lippen waren sehr attraktiv, sein Lächeln tatsächlich recht anziehend. Olives Körper reagierte mit einem seltsamen Erschauern. Was aber natürlich mit ihrem benebelten Kopf zusammenhing und nicht mit dem Lächeln eines wildfremden Mannes.

„Dann wird sie wohl nach Hause zurückgekehrt sein. Sie kennt den Weg.“

„Wo wohnen Sie? Mit wem soll ich mich in Verbindung setzen?“

Auf keinen Fall mit Papa.

Sie zuckte zusammen. Sie war wirklich noch zu benommen, um eine Unterhaltung zu führen. Was sie stattdessen tun sollte, war, aufzustehen und nach Hause zu gehen.

Doch da sie sich nicht einmal aufsetzen konnte, wäre das wohl nicht möglich. Mit einem resignierten Seufzer schloss sie wieder die Augen.

„Ich bin nicht sicher, ob Sie schlafen sollten, Miss. Nicht, so wie Sie Ihren Kopf angeschlagen haben.“

„Ich kann aber nicht … anders.“ Es ging wirklich nicht. Alles fühlte sich plötzlich so schwer an, so weit entfernt.

„Na, schön. Ich bleibe bei Ihnen und achte darauf, dass Sie nicht aufhören zu atmen.“

Olive glaubte, dass sie ihm antwortete, aber vielleicht hatte sie die Worte auch nur gedacht. Sie konnte nur hoffen, dass sie ihre Dankbarkeit mitgeteilt hatte. In jedem Fall, würde sie einfach davon ausgehen. Obwohl sie nicht wusste, wo sie war oder wer ihr unbekannter Betreuer war, hatte er ihr versichert, dass er auf sie aufpassen würde.

Irgendwo in ihrem verschwommenen Kopf war sie ihm dankbar für seine Anwesenheit.

Dankbar? Hatte sie das vorhin wirklich gedacht? Dafür, dass sie im Bett eines Fremden lag und an einem Ort, den sie nicht wiedererkannte?

Wie viel Zeit war vergangen? Sie hatte nicht die geringste Ahnung. Das konnte sie nicht weiter zulassen – keinen Moment länger.

Olive drehte den Kopf zur Seite und sah den attraktiven Fremden auf einem Stuhl neben dem Bett sitzen, und sein Blick lag abwechselnd auf einem Papier, das er in Händen hielt, und auf … ihrer Brust.

Als er sah, dass sie aufgewacht war, zerknüllte er das Papier in der Hand und stopfte es in seine Hemdtasche.

„Sie haben nicht aufgehört zu atmen.“ Er schenkte ihr ein müdes Lächeln.

„Haben Sie wirklich die ganze Zeit hier gesessen und auf mich aufgepasst?“

„Drei Stunden lang.“

„Noch nie hat jemand so etwas für mich getan. Vielleicht meine Mutter, als ich ein Baby war. Aber Mütter tun so etwas. Ein Fremder nicht.“

„Nachdem wir die Nacht im selben Raum verbracht haben, scheint es mir irgendwie kaum noch so, als wären wir Fremde.“

„Ihnen scheint es vielleicht nicht so, aber ich habe die ganze Zeit über geschlafen. Wenn wir uns jemals begegnet sind, so erinnere ich mich jedenfalls nicht. Wir wissen nicht einmal unsere Namen oder wo wir leben, zu welcher Familie wir gehören oder …“

Oh, nein! Sie könnte sehr wohl im Bett eines verheirateten Mannes liegen!

„Oder“, sagte er, beugte sich vor und sah ihr tief in die Augen, „warum Sie Ihre Nachbarn terrorisieren.“

Ja, das auch nicht.

„Dann fange ich am besten an.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und gähnte herzhaft. „Ich heiße Joseph Billings. Sie befinden sich auf Falcon’s Steep. Wo ich wohne.“

„Das Herrenhaus auf dem Hügel?“ Sie stützte sich auf ihre Ellbogen, aber ein brennender Stich durchzuckte ihren Kopf. „Au!“

Trotz der Schmerzen legte sie sich nicht wieder hin. „Sie sind der Viscount?“ Sie versuchte, sich noch weiter aufzusetzen, aber grelle Blitze schienen ihren Kopf zu durchbohren.

„Nein, ich bin sein einziger Sohn.“ Joseph Billings schien im Begriff zu sein, ihre Schulter zu berühren, um Olive davon abzuhalten, sich aufzusetzen, riss seine Hand aber abrupt zurück. „Warten Sie noch ein wenig. Es hat keine Eile.“

„Es hat sogar große Eile. Meine Schwester wird sich Sorgen machen. Wie lange bin ich schon hier?“

„Ungefähr sechs Stunden.“

„Ich muss nach Hause.“

Er schüttelte den Kopf. Eine goldbraune Locke fiel ihm in die Stirn. Der Blick auf ihr war eindringlich. Wann hatte sie je so blaue Augen gesehen? Obwohl sie im Moment nicht ganz sie selbst war, konnte sie nicht anders, als die Farbe seiner Augen mit der des Himmels zu vergleichen.

Nun gut. Sie dürfte in keinem sehr beunruhigenden Zustand sein, wenn sie es sich erlauben konnte, blaue Augen zu bewundern.

„Sie müssen erst wieder zu Kräften kommen. Ich bringe Ihnen eine Schüssel Brühe. Wenn es Ihnen gelingt, sie bei sich zu behalten, überlegen wir, ob wir Sie nach Hause bringen können.“

„Na schön, vielleicht haben Sie recht.“ Es war nur vernünftig, was er vorschlug. Behutsam sank sie wieder auf das Kissen zurück. „Bitte danken Sie Ihrer Köchin dafür, dass sie mitten in der Nacht aufsteht, um die Brühe für mich zu machen.“

„Oh … äh … nun, was das angeht … Ich fürchte, ich habe noch keine Diener einstellen können.“

„Heißt das, wir sind hier ganz allein?“ Das hatte sie befürchtet. Das Herrenhaus hatte lange Zeit den Eindruck gemacht, als würde es leer stehen.

Er nickte und ging auf die Tür zu.

„Ich liege in Ihrem Bett, und niemand ist … kei...

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