Unsere letzte Chance

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Agent Night Walker ist fassungslos, Wie konnte Holly ihm nur verschweigen, dass die einen gemeinsamen Sohn haben? Erst nachdem der kleine Sky entführt wurde und sie Night um Hilfe bitten muss, gesteht Holly ihm die Folgen ihrer einzigen Liebesnacht. Dann ist auch Holly plötzlich verschwunden. Night gelingt es zwar, sie und das Baby aus den Fängen eines wahnsinnigen Arztes zu befreien. Doch Dr. Grace ist nicht der Einzige, der Holly verfolgt. Während einer dramatischen Flucht durch die Berge Colorados kommen Night und Holly sich wieder näher…
  • Erscheinungstag 08.11.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753962
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Mitte Juli

„Holly Langworthys drei Monate alter Sohn Schyler ist aus seinem Bett entführt worden.“ Colleen Wellesley ließ den Blick über ihre Agenten schweifen, die sich im geheimen Konferenzraum der Royal Flush versammelt hatten, einer gut zweieinhalbtausend Hektar großen Vieh- und Pferderanch, die als Tarnung für die Aktivitäten der Organisation Colorado Confidential diente.

Zehn Jahre war es jetzt her, seit Colleen die Detektei ‚Investigations, Confidential and Undercover‘ – kurz ICU – gegründet hatte, die sich um vermisste Personen, Erpressungen und Entführungsfälle kümmerte. Vor sechs Monaten war ICU dann von Colorado Confidential engagiert worden, dem jüngsten Ableger der landesweit operierenden Organisation Confidential. Das ICU-Büro in Denver widmete sich zwar auch weiterhin der üblichen Detektivarbeit, aber durch die Verbindung zu Confidential machten verdeckte Ermittlungen für Regierungsbehörden inzwischen den Großteil der Aufträge aus.

Überrascht blickte der Confidential-Agent Night Walker auf, als er Colleens Worte hörte. Holly Langworthy hatte ein Kind?

Holly – die wunderschöne, attraktive und verwöhnte Tochter des ehemaligen Gouverneurs Samuel Langworthy? Holly – die bezaubernde Frau mit dem kastanienroten Haar, mit der er eine leidenschaftliche Nacht verbracht hatte, ehe ihr Vater ihn aus dem Haus geworfen und ihm verboten hatte, sich auf seinem Anwesen je wieder blicken zu lassen?

„Darf ich vorstellen? Mein Bruder Michael“, fuhr Colleen fort. „Ich habe ihn gebeten, heute anwesend zu sein, damit er uns den momentanen Stand der Lage berichten kann.“

Night hörte kaum, wie Colleen Michael mit den Anwesenden bekannt machte. Seine Gedanken kreisten noch immer um das, was Colleen soeben über Holly Langworthy gesagt hatte. Wusste sie von seiner Beziehung zur Tochter des Gouverneurs? Waren die anderen Agenten eingeweiht?

Was hatte es mit dem Kind auf sich?

Die Minen der ihm gegenübersitzenden Confidential-Agenten Fiona Clark und Shawn Jameson verrieten ihm nicht, was sie dachten.

„Die Öffentlichkeit wusste bislang nichts von der Existenz des Kindes“, erklärte Colleen. „Es befand sich seit seiner Geburt vor drei Monaten in der Obhut der Mutter auf dem Anwesen der Langworthys in Denver. Hollys Vater Samuel Langworthy mutmaßt, die Entführung könnte im Zusammenhang mit den anstehenden Gouverneurswahlen stehen“, fuhr sie fort. „Nachdem die Medien jetzt von dem Kind wissen, ist das natürlich im Moment die wichtigste Meldung.“

Kein Wunder. Der Ex-Gouverneur war vielfacher Millionär, und sein Sohn Joshua galt als aussichtsreichster Kandidat bei den kommenden Wahlen. Doch Nights Gedanken drehten sich in erster Linie um das entführte Baby, das möglicherweise sein Kind war. Aber warum schien Holly Langworthy es nicht für nötig befunden zu haben, ihm davon zu berichten?

Night konnte es noch immer nicht richtig fassen. Womöglich war er Vater eines Sohnes! Mit halsbrecherischem Tempo fuhr er von der zwischen Fairplay und Garo gelegenen Ranch Royal Flush nach Denver zum Haus der Langworthys.

Er selbst war sehr jung gewesen, als er seinen Vater verlor. Seine weiße Mutter hatte ihn daraufhin allein aufziehen müssen. Er wuchs in einer Welt auf, die für ein Cheyenne-Halbblut nicht viel übrig hatte. Schließlich war sie mit ihm in ein Reservat übergesiedelt, da sie hoffte, die Menschen dort würden ihn mit offenen Armen empfangen. Doch Night hatte sich inmitten der Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner genauso allein gefühlt wie in der Welt, aus der seine Mutter stammte.

Niemals hätte er damit gerechnet, eine eigene Familie zu haben. Seit dem frühen Tod seines Vaters glaubte er, Liebe sei immer nur mit Schmerz verbunden – insbesondere, wenn es eine zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen war.

Diese eine Nacht mit Holly hatte er aber nicht vergessen können. Er wollte sie wiedersehen, sie berühren, auch wenn er wusste, dass eine Beziehung mit ihr niemals von Dauer sein könnte. Hatte sie seinen Sohn zur Welt gebracht? Würde er dasselbe Schicksal wie Night erleiden, denn er war auch zum Teil ein Cheyenne, zum anderen Teil ein Weißer?

Rasch unterbrach sich Night in seinen Gedanken, um sich die Fakten in Erinnerung zu rufen, die bislang über die Entführung bekannt waren. Colleen zufolge war Holly völlig aufgelöst und hatte seit der Entführung die Medien gemieden. Die Langworthys spekulierten, Gouverneur Todd Houghton und dessen Busenfreund Senator Franklin Gettys könnten die Drahtzieher sein, um auf diese Weise die Wahlkampagne von Hollys Bruder Joshua zu stören. Houghton seinerseits unterstellte den Langworthys, die Entführung selbst inszeniert zu haben, um Mitleid in der Öffentlichkeit zu wecken, damit die Gunst der Wähler auf Joshuas Seite war.

Beide Versionen klangen überzeugend und widerten Night gleichermaßen an.

Die Polizei rätselte immer noch, wie das Verbrechen ausgeführt worden sein konnte. Wie war es dem Kidnapper gelungen, auf das Langworthy-Anwesen vorzudringen? Night wusste, dass die Sicherheitsvorkehrungen nahezu perfekt waren, denn er selbst hatte vor einem Jahr ihren Einbau veranlasst. Gab es möglicherweise einen Verräter im Haus, der dem Entführer Zutritt verschafft hatte?

Man hatte im Kinderzimmer Fasern von Merino-Schafwolle, Reste von Eierschalen und Erde gefunden, die aus dem Südosten Colorados stammte. Nights Kollegin Fiona war auf Gouverneur Houghton und Senator Gettys‘ Ex-Frau Helen angesetzt worden, während Colleens Bruder Michael die Schaffarm überprüfte, an der die Gettys beteiligt waren – und Night sollte sich um Holly kümmern.

Ja, dies würde er tun, aber da waren noch einige Fragen, auf die er Antworten verlangte. Und wenn sie in irgendeiner Weise an einer inszenierten Entführung beteiligt war und sich der Junge tatsächlich als sein Sohn entpuppte, dann …

Der Zorn über die Erkenntnis, er könnte Vater sein und davon bis heute nichts gewusst haben, war weitaus stärker als sein Verlangen nach Holly. In ihm war ein Beschützerinstinkt geweckt worden, wie er ihn noch nie verspürt hatte. Der Gedanke, ein Kind könnte als Schachfigur in einer schäbigen politischen Intrige benutzt werden, machte ihn krank – ganz zu schweigen von der Vorstellung, es könnte sich dabei um sein eigenes handeln.

Night nahm von Denver kaum etwas wahr, als er in Richtung Capitol Hill fuhr. Wie im Schlaf erreichte er das Langworthy-Anwesen und nannte an der mit einem massiven Gitter gesicherten Einfahrt seinen Namen. Er rechnete damit, dass der Ex-Gouverneur auf dem Hausverbot pochte, das er ihm vor einem Jahr erteilt hatte, doch nach wenigen Augenblicken ertönte aus der Sprechanlage ein „Okay“, dann öffnete sich das Tor. So wie Colleen es ihm zugesichert hatte, konnte er das Grundstück ungehindert betreten. Offenbar war Langworthy die Hilfe von ICU so wichtig, dass er dafür sogar Nights Anwesenheit in Kauf nahm. Aufgewühlt von heftigen Emotionen fuhr er die lange Auffahrt zum Haus hinauf.

Als er vor dem imposanten Haus angekommen war, griff er mit zitternden Händen die Aufnahme von Hollys Sohn aus der Tasche, welche Colleen ihm gegeben hatte. Die Langworthys waren mit der Veröffentlichung des Fotos einverstanden gewesen, weil sie sich aus der Öffentlichkeit einen Hinweis auf den Verbleib des drei Monate alten Kindes erhofften.

In eine Decke gehüllt lag der pausbäckige kleine Junge in seinem Bettchen. Night betrachtete das Baby, das schwarze Haare hatte. Die Augenfarbe war auf dem Foto jedoch nicht zu erkennen.

Hatte der Kleine Nights braune oder die strahlend grünen Augen seiner Mutter?

Beim Gedanken an Holly fühlte er einen stechenden Schmerz in seiner Brust. Die Zeitungen waren in den letzten Monaten voller Fotos gewesen, die sie mit ihrem aktuellen Freund zeigten: Carlton Sanders – einem Mann, der für Joshua Langworthy arbeitete, und scheinbar alles verkörperte, was dem Status einer Holly Langworthy angemessen war. War womöglich Carlton Sanders der Vater des Kindes?

Seine Finger strichen über die Kette mit geschnitzten Steinen, die er um seinen Hals trug, ein Symbol für seine Herkunft, das ihn immer wieder mit Stolz erfüllte. Wenn Holly und er ein gemeinsames Kind hatten, dann wollte er ihm die Kette schenken, die für den Namen Walker stand.

Das imposante, im viktorianischen Stil erbaute Herrenhaus war hell erleuchtet. Als Night nach oben blickte und das Fenster von Hollys Zimmer sah, überwältigten ihn seine Erinnerungen. Er dachte an den ersten Abend, als er in diesem Haus seine Arbeit als Wachmann aufgenommen hatte; an seine Bewunderung für Samuel Langworthy und alles, was seine Vorfahren für Colorado getan hatten; an die Anziehungskraft, die Langworthys Tochter Holly auf ihn ausübte.

Als er sie das erste Mal sah, hatte er bereits gespürt, dass eine echte Beziehung zwischen ihnen niemals möglich sein konnte.

Sie war reich und verwöhnt. Wenn sie mit ihm flirtete, kam sie ihm wie eine trotzige kleine Prinzessin vor, die ihren Vater ärgern wollte, indem sie sich mit einem simplen Wachmann vergnügte, der zudem noch ein Halbblut war. Doch ihre weibliche Raffinesse war fast unwiderstehlich gewesen. Dennoch hatte er sich ihr anfangs entziehen können. Dutzende Male konnte er ihren eindeutigen Avancen ausweichen, doch schließlich war er schwach geworden. Er hatte ihr die Legende von ‚Lilians Sprung‘ erzählt, eine romantische Geschichte über seine indianischen Vorfahren North und Lily, die sich aus einer lebensgefährlichen Situation retteten, indem sie von einer Klippe den Sprung in den schier sicheren Tod wagten, dann aber auf einem verborgenen Felsvorsprung landeten, von dem sie gefahrlos in den darunter verlaufenden Fluss gelangen konnten. Hollys Leidenschaft und jugendlicher Sinn für Romantik hatten etwas in ihm berührt und waren Balsam für seine abgestumpfte Seele gewesen.

Und dann hatte sie auf einmal mit ihrer zierlichen Hand sein Gesicht berührt, war nach unten zu seiner Brust und dann noch weiter abwärts gewandert. Schließlich hatte sie ihm tief in die Augen gesehen und ihn angefleht, mit ihr zu schlafen. Selbst in dieser Situation war er stark genug gewesen, ihr zu widerstehen, doch als ihre Lippen seine berührten und ihn mit ihrem unstillbaren Verlangen quälten, hatte er jegliche Selbstbeherrschung verloren und mit ihr geschlafen.

Die Leidenschaft war hitziger gewesen als alles, was er bis dahin erlebt hatte. Hollys Körper war wie eine Zuflucht inmitten einer korrupten Welt gewesen, ihre Unschuld war so reizend, dass sie etwas Erotisches, Urtümliches besaß. Am liebsten hätte er niemals aufgehört, sie mit seinem Körper zu lieben.

Und doch hatte er sie verlassen müssen, nachdem sie von Hollys Vater zusammen erwischt worden waren. Die Erinnerung an jenen Moment war in sein Gedächtnis eingebrannt und schmerzte auch jetzt noch. Night war für ihn kaum mehr als ein Lohnarbeiter, gerade gut genug, die kostbare Tochter des Ex-Gouverneurs zu beschützen. Doch sonst hatte sie für ihn tabu zu sein.

Samuel hatte ihn rausgeworfen und ihm verboten, sein Haus jemals wieder zu betreten. Die Drohung, er werde ihm sonst sein Leben ruinieren, hatte Night auf drastische Weise daran erinnert, welche Macht und welchen Einfluss der Mann besaß. Er war schon früher mit Menschen dieses Schlages in Berührung gekommen – insbesondere nach den Anschuldigungen, die Charity Carmichael gegen ihn erhoben hatte –, doch diesmal wusste Night, dass Langworthy recht hatte. Für ihn und Holly gab es keine gemeinsame Zukunft. Sie war die Erbin einer der wichtigsten Familien in Colorado, während er ein unbedeutender Mann war, der nur sich und seinen Job hatte. Es war ihm damals nichts anderes übrig geblieben, als zu gehorchen. Wenn er von den Träumen absah, in denen er bei ihr lag und sich ihre hitzigen, schweißnassen Körper aneinander schmiegten, hatte er nie wieder zurückgeblickt.

Bis zu diesem Augenblick.

Ein Stich ging durch Nights Brust, als er die Wagentür öffnete. Es roch nach frisch gemähtem Rasen und nach Wohlstand. Aber er war als Agent hergekommen, um ein Verbrechen aufzuklären, nicht als Hollys Geliebter oder Vater ihres Kindes.

Holly saß in ihrem Schlafzimmer, als plötzlich ein heftiger, lauter Wortwechsel im Parterre sie aufzuschrecken ließ. Sie erkannte die zurückhaltende Stimme der Haushälterin, ihren Vater, der jemanden wütend aufforderte, sofort das Haus zu verlassen, und ihre Mutter, die ihren Vater schluchzend bat, er solle doch erst mal zuhören – sowie einen Mann, der in wütendem Tonfall verlangte, Holly zu sehen.

„Ich bin in offiziellem Auftrag hier, um mich mit der Entführung Ihres Enkels zu befassen, Mr. Langworthy“, sagte der Mann so frostig, dass Holly eine Gänsehaut über den Rücken lief. „Und ich werde erst wieder gehen, wenn ich Ihre Tochter gesprochen habe.“

„Ich hatte einen anderen ICU-Agenten erwartet, nicht Sie!“, erwiderte ihr Vater lautstark.

„Unsere anderen Agenten arbeiten in anderen Funktionen an dem Fall. Colleen hat mich hergeschickt.“

Hollys Herz begann zu rasen, als sie erkannte, wem diese vertraute Stimme gehörte.

Night Walker war endlich zurück!

Sie hatte längst damit gerechnet. Sie wusste, früher oder später würde der Augenblick kommen, da sie ihm gegenübertreten musste – der Augenblick, den sie mehr fürchtete als alles andere.

Niemals würde er sie verstehen oder ihr verzeihen.

Eine zitternde Hand lag auf ihrem seit Monaten wieder flachen Bauch, mit der anderen hielt sie Skys Stoffhasen an sich gedrückt, der noch nach Babypuder und der zarten Haut ihres Sohnes roch. Dieser Duft allein genügte, um sie in Tränen ausbrechen zu lassen.

Sie hatte schon viele Tränen vergossen, doch das änderte nichts an den Tatsachen – Sky blieb verschwunden. Niemand hatte ihn ihr zurückbringen können, weder ihr Vater noch die Polizei.

Vielleicht würde ja Night etwas erreichen.

Gerade wollte sie aus dem Zimmer gehen, als die Tür aufging und Night hereingestürmt kam, dicht gefolgt von ihrem Vater, den ihre Mutter vergeblich aufzuhalten versuchte.

Die meisten Leute hielten Celia Langworthy für eine zarte, zerbrechliche Frau, die tat, was ihr Mann sagte, doch Holly wusste es besser. Celia war klug und stand zu ihrer Familie. Sie tat alles für ihren Mann, weil sie ihn liebte – aber die Liebe zu ihren Kindern und ihrem Enkel war ebenso groß.

„Samuel, wir dürfen nichts unversucht lassen, um das Baby zu finden“, redete sie auf ihn ein.

Als Holly Nights Gesicht betrachtete, musste sie an jene Nacht vor einem Jahr zurückdenken, als er ihre Unschuld genommen hatte – und sie schwanger geworden war.

Seine hohen Wangenknochen und die dunkle Hautfarbe zeugten von seiner Cheyenne-Abstammung. Das pechschwarze Haar reichte ihm bis zum Hemdkragen und weckte in ihr den Wunsch, mit ihren Fingern hindurchzufahren. Doch als sie in seine goldbraunen Augen sah, entdeckte sie nichts von dem Verlangen jener Nacht. Stattdessen warf er ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

Als sie Night Walker zum ersten Mal begegnet war, hatte der Nachfahre der amerikanischen Ureinwohner sie sofort in seinen Bann geschlagen. Er war ein seelenvolles Wesen, ein Geschöpf der Schatten. Ein Einzelgänger, der sich auf seine ganz eigene Weise in der Welt zurechtfand und niemanden an sich heranließ.

Wie dumm sie doch gewesen war, dass sie geglaubt hatte, ihre Leidenschaft sei das Einzige, was zählte, und würde genügen, um diese unsichtbare Mauer niederzureißen, die er um sich herum errichtet hatte.

Doch als er aus ihrem Leben verschwand und nicht wiederkehrte, war sie rasch erwachsen geworden – erst recht, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr.

„Ich ermittle in der Entführung“, sagte er, ohne sie zu begrüßen. „ICU hat mich geschickt.“

Samuel räusperte sich. „Ich will nicht, dass Sie an diesem Fall arbeiten.“

„Das haben nicht Sie zu entscheiden“, gab Night zurück, während er ihm einen Blick zuwarf. Für einen Moment schauten sie sich wie zwei wilde Bestien an, die jede Sekunde übereinander herfallen würden.

Holly verschränkte ihre Arme und drückte sie gegen ihren Bauch, um das Zittern zu unterdrücken. Seit Skys Entführung verhielt sich ihr Vater sonderbar. Sie war sicher, dass er ihr etwas verheimlichte. Wollte er sie vielleicht beschützen? Ihr jedoch war es egal, wem er den Fall anvertrauen wollte.

Es war allein wichtig, dass ihr Baby gefunden wurde.

„Daddy, lass mich mit ihm reden.“

„Ja“, stimmte Celia zu und zog ihren Mann zur Tür. „Vielleicht kann er helfen.“

„Dann gehen wir in mein Büro“, erklärte Samuel.

„Nein, ich möchte mit Holly unter vier Augen reden“, entgegnete Night bestimmt.

Energisch schüttelte er den Kopf. „Das kommt überhaupt nicht in Frage!“

„Bitte, Daddy, hör auf. Es ist in Ordnung.“

Ihr Vater warf Night einen wütenden Blick zu, bevor er sich widerwillig zurückzog. Night wartete, bis Hollys Eltern außer Hörweite waren, dann kam er näher.

Als sie seinen Zorn spürte, wich sie instinktiv einen Schritt zurück, wobei ihre Beine ihr beinahe den Dienst versagten. Ahnte er bereits, dass er der Vater war? „Night …“

„Zeig mir das Kinderzimmer.“

Sein scharfer Tonfall traf sie völlig unerwartet. Sie hatte mit der Frage gerechnet, ob Sky sein Sohn sei. Aber vielleicht erwartete er auch, dass sie unaufgefordert etwas sagte …

Überraschend packte er sie so fest am Arm, dass sie zusammenzuckte, dann schob er sie vor sich her aus dem Zimmer in den Flur.

„Wo ist das Kinderzimmer? Im Parterre, wo das Personal wohnt, damit das Kindermädchen sofort zur Stelle sein kann?“

Seine Worte kamen einer Beleidigung gleich. Nahm er etwa an, sie sei so verwöhnt, dass sie ihr Kind einem fremden Menschen überlassen würde? „Nein, es ist hier oben gleich neben meinem Zimmer.“ Sie blieb stehen und befreite sich aus seinem Griff. „Durch das gemeinsame Badezimmer konnte ich nachts bequem zu ihm gelangen und ihn füttern. Er sollte nicht allein sein, wenn er aufwachte.“

Nights Blick verlor ein wenig an Härte, doch er kniff den Mund unverändert fest zusammen. Erneut rechnete sie mit der Frage nach Skys Vater, doch er schwieg weiter. Vielleicht wollte er es gar nicht wissen.

„Er wird seit einer Woche vermisst?“

„Ja.“ Es schmerzte sie, darüber nachzudenken, seit wie vielen Tagen und Nächten er nicht mehr bei ihr war. Stundenlang war sie auf den Beinen und hatte sich den Kopf zerbrochen, wer ihren Sohn entführt haben mochte. Immer wieder verdrängte sie die Vorstellung, was man in diesem Augenblick möglicherweise mit ihm anstellte.

„Und du hast niemanden ins Kinderzimmer gehen gehört?“

Schuldbewusst schüttelte sie den Kopf. Sie hätte etwas hören sollen, sie hätte merken müssen, dass etwas nicht stimmte – vielleicht hätte sie ihren Sohn retten können.

„Wie konnte der Entführer trotz aller Sicherheitsvorkehrungen ins Haus gelangen?“

„Ich … ich weiß nicht.“

Misstrauisch schaute er sie an, als würde er den Gerüchten glauben, die Entführung sei von den Langworthys nur inszeniert worden. Als er schließlich das Kinderzimmer betrat, stockte er einen Moment, da ihm die schlichte Einrichtung auffiel. Das Dekor mit Bergen, Bären und Bisons zog sich an allen Wänden entlang. Die beige Grundfarbe wurde von dunklen Blau-, Rot- und Grüntönen akzentuiert – Farben, die Holly an Night und seine Abstammung erinnerten.

Zielstrebig ging Night auf das Kinderbett zu und erfasste mit geübtem Blick jedes Detail.

„Erzähl mir, was in der Nacht geschah, als er entführt wurde.“

O Gott, musste sie das schon wieder durchmachen? „Ich habe der Polizei alles gesagt.“

„Den Bericht habe ich gelesen. Ich möchte es aber von dir hören.“

Sie musste schlucken und verschränkte die Hände, während sie versuchte, die Gefühle zu unterdrücken, die durch die erneute Schilderung der Ereignisse aufgewühlt wurden. Dennoch würde sie es Dutzende Male erzählen, wenn sie dadurch ihr Kind zurückbekommen würde. Allerdings wollte sie Carlton Sanders mit keiner Silbe erwähnen. „Ich … war ausgegangen.“

„Mit Sanders?“ Vorwurfsvoll und anklagend schaute er sie an, doch dann verstand sie, dass er Carlton wohl für den Vater des Kindes hielt.

Nein, sie würde nicht über Carlton reden, erst recht nicht mit Night. „Als ich heimkam, sah ich nach dem Kleinen und gab ihm noch die Flasche.“

Schweigend starrte er sie an, bis sie sich räusperte und fortfuhr: „Ich legte ihn wieder ins Bett, deckte ihn zu und ging dann selbst schlafen.“ Da war noch mehr, doch das konnte sie ihm nicht sagen, wenn er sie bereits jetzt mit solcher Verachtung ansah. Er war längst zu der Überzeugung gelangt, dass sie sich gleich nach ihm mit einem anderen Mann getröstet hatte, während sie in Wahrheit nur Night haben wollte.

„Und du hast nichts gehört? Keine Schritte? Keine Tür, die geöffnet wurde? Hat das Baby nicht geschrien?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich war erschöpft, denn ich hatte in der letzten Zeit nicht viel Schlaf bekommen. Ich … ich weiß nicht, warum er keinen Laut von sich gegeben hat.“ Ihre Stimme versagte und sie musste den Blick abwenden, denn sie hatte ihre Gefühle kaum noch unter Kontrolle. Sie konnte ihm auch nichts von dem Schlafmittel sagen. Sie hatte es nicht nehmen wollen, doch alles deutete darauf hin, dass die Hausangestellte Antonia ihr etwas in ihren Tee getan hatte, damit sie zur Ruhe kam. Der Streit mit ihrem Vater, der sie gegen ihren Willen mit Carlton verheiraten wollte, hatte ihre Kräfte geraubt.

Night betrachtete sie einige Augenblicke lang, als versuche er herauszufinden, welche Geheimnisse sie vor ihm verbarg. Dann kehrte sein Blick zurück zum Kinderbett. Er strich über das Gitter und die Decke, als könnte er so erfahren, wer Sky geraubt hatte. Als sie sein Profil, das kantige Kinn, die markanten Wangenknochen sah, wusste Holly, dass ihr Sohn einmal genauso aussehen würde.

„Der Name des Babys ist Schyler?“, fragte er heiser.

Langsam nickte sie und erwiderte: „North Schyler Langworthy.“

Ein Muskel zuckte in seinem Gesicht, und der Zorn, der in seinen braunen Augen brannte, schien sich noch zu verstärken.

Hatte sie ihn tatsächlich nach seinem Vorfahren North benannt, der in der romantischen Geschichte von ‚Lilians Sprung‘ vorkam, die er ihr erzählt hatte? Spätestens jetzt wusste er, dass der Junge sein Kind war.

Wie konnte er bloß glauben, sie wäre nach jener unglaublichen Nacht je wieder mit einem anderen Mann zusammen gewesen?

„Es tut mir leid, Night … ich …“ Abermals blieben ihr die Worte im Hals stecken. Der Schmerz über das Verschwinden ihres Kindes, die demütigenden Anschuldigungen ihres Vaters an dem Abend, als Night aus ihrem Leben gegangen war – all das war zu viel für sie. Ihr Vater hatte stets dafür gesorgt, dass sie nicht vergaß, wie tief sie gesunken war, mit Night ins Bett zu gehen und von ihm auch noch schwanger zu werden. Und Night hatte sich nie wieder um sie gekümmert, obwohl sie ihn doch so sehr brauchte.

„Hast du jemals vorgehabt, mir von meinem Sohn zu erzählen?“

„Ich … wollte es“, antwortete Holly, wusste aber, wie sehr sich ihre Worte nach einer Ausrede anhören mussten. Dennoch wollte sie, dass er sie verstand. „Du bist gegangen und hast nie wieder etwas von dir hören lassen. Die ganze Zeit hast du nicht angerufen, du kamst nie mehr her. Ich wusste nicht, wie ich dich finden sollte.“

„Du hast es nie versucht.“ Seine Worte sollten sanft klingen, doch in ihnen schwang eine nur mühsam unterdrückte Wut mit.

Nachdrücklich schüttelte sie den Kopf. Gegen den Willen ihres Vaters hatte sie sehr wohl versucht, Night ausfindig zu machen. „Das ist nicht wahr. Ich habe nach dir gesucht, aber du warst wie vom Erdboden verschluckt. Irgendwann schämte ich mich dann dafür, dass ich dich verführt hatte. Du hattest mir vom ersten Moment an gesagt, du wolltest nicht sesshaft werden, sondern wie ein wilder Wolf immer nur frei und ungebunden sein“, entgegnete sie hastig. „Ich dachte, du würdest dich in einer Ehe mit mir vielleicht gefangen fühlen. Und ich hatte Angst, du könntest glauben, ich sei absichtlich schwanger geworden.“

Er straffte die Schultern und ballte die Fäuste, als müsse er um seine Beherrschung ringen. „Du wolltest Sanders heiraten und ihn mein Kind großziehen lassen? Warst du schon vor unserer gemeinsamen Nacht mit ihm zusammen gewesen?“

„Nein.“ Holly spürte, wie sie bei seinen Worten kreidebleich wurde.

„Hat Sanders das Baby entführt? Arbeitet er für deinen Vater?“

„Was?“

„Wurde diese Entführung inszeniert, um Joshuas Wahlkampagne zu unterstützen?“ Sein bohrender Blick war auf sie gerichtet. „Hast du ihnen geholfen? Welche Rolle spielt Sanders in der Sache? Wird das Baby irgendwo versteckt, bis dein Bruder zum Gouverneur gewählt worden ist?“

Diese Unterstellung war so ungeheuerlich, dass sie einen Schritt zurücktrat. „Nein“, flüsterte sie. „Um Himmels willen, nein. Das schwöre ich dir.“ Sie hatte nicht geglaubt, unter den momentanen Umständen eine solche Wut entwickeln zu können. „Wie kannst du mir nur etwas so Unglaubliches unterstellen? Du hast keine Ahnung, was ich durchgemacht habe! Du bist nach dieser einen Nacht einfach gegangen und hast dich nie wieder um mich gekümmert! Mit allem musste ich allein zurechtkommen – mit meinem Vater, mit der Schwangerschaft! Du hast nie auch nur den Versuch unternommen, dich bei mir zu melden. Was sollte ich davon wohl halten?“

„Dass du schwanger warst, konnte ich nicht wissen, weil du mir nichts davon gesagt hast“, konterte er. „Deine Familie hat so lange geschwiegen, bis das Baby entführt wurde.“

„Sie wollte den Medienrummel vermeiden“, erwiderte Holly. „Und Daddy wollte mich beschützen. Es war ja schließlich nicht so, als ob dich irgendetwas gekümmert hätte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass du mich wolltest, von einem Kind ganz zu schweigen!“

„Meinen Sohn will ich sehr wohl“, sagte er, während er seine Worte so betonte, dass an einer Tatsache kein Zweifel aufkam: Sie wollte er nicht. „Mach dir keine Illusionen, Holly. Wenn ich unser Baby finde, werde ich dafür sorgen, dass es weiß, wer sein Vater ist und woher er kommt.“

Er warf ihr einen letzten verächtlichen Blick zu, dann wandte er sich ab und ging die Treppe hinunter. Sie hörte seine schweren Schritte noch auf dem Marmorboden, bevor die Tür ins Schloss fiel.

Holly beugte sich über das Kinderbett und konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten.

Ihr Vater hatte sie gewarnt, Night könnte versuchen, ihr das Baby wegzunehmen. Die Rechtslage räumte ihm gute Chancen ein, das Sorgerecht über seinen Sohn zu bekommen, den er dann vielleicht in irgendeinem Reservat aufzog. Ihr war bereits der Gedanke gekommen, Night selbst könnte Sky entführt haben. Als dann jedoch ihre Phantasie mit ihr durchgegangen war und sie sich ausmalte, ihr Junge könnte in den Händen eines Verrückten oder eines Mörders sein, da hatte sie sich sogar gewünscht, Night hätte ihn gekidnappt. Dann wäre Sky wenigstens in Sicherheit gewesen.

Doch Night wusste offenbar auch nicht, wo ihr Baby war. Plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen.

Wo war ihr kleiner Junge? Lebte er überhaupt noch? Sie ging ans Fenster und sah in den Nachthimmel.

War Sky irgendwo dort draußen, allein und verängstigt? Schrie er nach seiner Mutter?

1. KAPITEL

Ende November

Wo wurde ihr Baby versteckt?

Vier Monate waren seit der Entführung vergangen. Sie hatte gehofft, den Kleinen zu Thanksgiving wieder in ihren Armen halten zu können, doch dieser Feiertag war verstrichen, ohne dass es ein Lebenszeichen von ihm gab.

Holly saß auf der äußersten Kante des Sessels im Arbeitszimmer ihrer Vaters, presste ihre schweißnassen Hände verkrampft zusammen und wartete darauf, dass er sein Telefonat beendete.

Irgendetwas stimmte nicht. Sie erkannte es daran, wie ihr Vater von ihr abgewandt dasaß und den Unterkiefer vorschob. Die verstohlenen Telefonate mit dem FBI und der örtlichen Polizei, das zusätzliche Sicherheitspersonal rings um das Haus, das unablässige Bedrängen durch die Medien und das Gefühl, sich seit vier Monaten in dem Anwesen förmlich verschanzt zu haben, hatten Holly an den Rand eines hysterischen Anfalls gebracht.

Warum gab es keine Lösegeldforderung?

Warum hatte niemand irgendetwas gesehen?

Und warum erfuhr sie von ihrem Vater nicht alles, was sich ringsum abspielte?

Mit jedem Tag, der verstrich, wurden die Chancen geringer, ihren Sohn wiederzufinden. Wie lange würde sie diese Ungewissheit noch durchhalten?

Ihr Vater legte den Hörer auf, seufzte und drehte sich mit seinem Ledersessel zu ihr um. Sein Gesichtsausdruck war besorgt, aber autoritär wie immer. Wieder hatte sie Gefühl, er würde ihr etwas verschweigen. Aber was? Und warum?

„Haben sie eine Spur gefunden?“

Langsam schüttelte er den Kopf und tippte sich mit einem Finger ans Kinn. „Tut mir leid, Liebling, aber es gibt keine Neuigkeiten.“

„Irgendetwas ist doch los“, sagte Holly im Flüsterton. „Ich sehe es dir an, Daddy. Sag es mir.“

Er zögerte und sah zu Hollys Mutter, die sich hinter seinen Sessel gestellt und ihm eine Hand auf die Schulter gelegt hatte. Nach außen hin wirkte sie ihrem Mann unterlegen, doch in Wahrheit war sie für die Familie der sprichwörtliche Fels in der Brandung und hatte für jeden ein tröstendes Wort.

„So, wie es aussieht, wird das FBI die Suche einschränken. Die Telefonüberwachung geht natürlich weiter, aber man wird einige Leute abziehen. Andere Fälle …“

Er ließ den Satz unvollendet, während Holly nach Luft schnappte. „Sie können nicht aufgeben.“

„Ich habe nichts von Aufgeben gesagt, sondern dass sie die Suche einschränken werden. ICU ist nach wie vor voll im Einsatz.“

Holly warf ihrem Vater einen wütenden Blick zu. „Was verheimlichst du mir? Haben sie Sky gefunden? Ist er tot, und du willst es mir nur nicht sagen?“

„Um Himmels willen, nein, Holly. Beruhige dich doch.“ Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht. „Es gibt keine anderen Neuigkeiten. Ich wünschte, es wäre so.“

Sie drückte eine Hand auf den Mund, um nicht von ihren Gefühlen überwältigt zu werden. Sie hielt es nicht aus, immer nur zu warten. Sie war sich sicher, dass ihr Vater mehr wusste, als er zugab.

Seit der Konfrontation mit Night herrschte zwischen ihnen eine fast unerträglich angespannte Atmosphäre. Schon während der Schwangerschaft hatte Holly den Verdacht gehegt, ihr Vater habe seine Finger im Spiel, dass sie keine Nachricht von Night hörte. In den letzten Wochen war ihr sogar der Gedanke gekommen, er stecke hinter Skys Entführung, um sie zu bestrafen, um ihr eine Lektion zu erteilen, weil sie Night verführt hatte, oder um das Mitgefühl der Bevölkerung für Joshuas Wahlkampf zu nutzen. Doch der hatte inzwischen die Wahl gewonnen, sodass es keinen Grund gab, ihr Sky noch länger vorzuenthalten.

Manchmal machte ihr Vater den Eindruck, als sei er wirklich um ihr Wohlergehen und das seines Enkels besorgt. In diesen Momenten schien es ihr so, als fürchte er, dem Kind könnte etwas Schreckliches zugestoßen sein. Doch auf der anderen Seite verschwieg er ihr Details und behandelte sie wie ein Kind, das mittlerweile unerträglich für sie geworden war.

„Weißt du, Liebling“, sprach er mit gedämpfter Stimme, „du … wir alle müssen uns vielleicht damit abfinden, dass dein Sohn niemals gefunden wird.“

„Was?“, keuchte Holly, die nicht glauben wollte, was sie da hörte.

Celia ging um den Schreibtisch herum zu ihrer Tochter, um sie in den Arm zu nehmen. „Ich möchte das lieber auch nicht hören“, sagte sie. „Aber dein Vater hat recht. Diese quälende Ungewissheit bringt dich noch um, das kann ich dir ansehen …“

Tränen stiegen Holly in die Augen. „Es interessiert euch doch gar nicht, ob mein Baby gefunden wird!“

„Das ist nicht wahr, Holly, und das weißt du ganz genau“, gab Celia fast aufgebracht zurück. „Aber das Warten macht uns alle fertig, wir haben keine ruhige Minute mehr. Ich ertrage es nicht, dich so leiden zu sehen. Jeden Morgen erlebe ich, wie du voller Hoffnung aufstehst, und jeden Abend gehst du am Boden zerstört zu Bett. Du isst kaum noch, du bekommst zu wenig Schlaf.“

Hollys Kehle war wie zugeschnürt. „Wie soll ich essen oder schlafen, wenn ich nicht weiß, wo mein Sohn ist?“

Ihr Vater stand auf, schüttelte den Kopf und sah aus dem Fenster auf den Garten vor dem Haus. „Wir haben getan, was wir konnten.“

„Nein!“ Seine Worte brachen ihr das Herz. „Dass mein Baby nicht gefunden werden soll, werde ich nicht akzeptieren. Niemals!“

Mit Tränen in den Augen stürmte sie aus dem Raum und rannte in den ersten Stock in das leere Kinderzimmer. Sie wollte nichts mehr hören, sondern nur noch allein sein.

Mit aufgerissenen Augen stand Holly vor dem leeren Kinderbett. Gerade eben hatte sie doch noch Sky hier liegen sehen. Wo war er jetzt geblieben?

Autor

Rita Herron
Schon im Alter von 12 schrieb Rita Herron ihre ersten Krimis. Doch sie wuchs in einer Kleinstadt auf – noch dazu in bescheidenen Verhältnissen – und konnte sich eigentlich nicht vorstellen, das „echte“ und einfache Leute wie sie Autoren werden könnten. So dauerte es viele Jahre, bis sie den Weg...
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