Verführt von einem Griechen - vier Liebesromane unter der heißen Sonne Griechenlands

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VERFÜHRUNG AUF GRIECHISCH

Elegante Bälle, exklusive Modenschauen, rauschende Partys - überall begegnet die schöne Designerin Ilana dem faszinierenden Geschäftsmann Xandro Caramanis. Doch mit aller Macht versucht sie, seiner Anziehung zu widerstehen. Denn was sie sucht, kann er ihr nicht bieten …

MEIN GRIECHISCHER GELIEBTER

Nie hat sich Isobel wohler gefühlt, als in den Armen des griechischen Unternehmers Leandros Petronades - und nie verlassener als in der Ehe mit ihm. Deshalb willigt sie auch in die Scheidung ein. Sie ahnt ja nicht, dass Leandros ganz anderes von ihr will ...

DIE GELIEBTE DES GRIECHISCHEN FÜRSTEN

Seinen zärtlichen Blicken kann sie einfach nicht widerstehen: Lily gibt sich den romantischen Küssen von Fürst Alexandros hin. Wie gerne würde sie auch ihr weiteres Leben mit dem charmanten Griechen teilen, doch sie weiß, dass das unmöglich ist. Lily hütet ein trauriges Geheimnis, das einem gemeinsamen Glück mit Alexandros im Wege steht. Schweren Herzens wendet sie sich von ihm ab, bis sich plötzlich das Blatt wendet: Sie erfährt, dass sie sein Kind unter ihrem Herzen trägt. Jetzt muss sie sich ihm offenbaren! Und kann nur hoffen, dass er ihre Lügen verzeiht …

HEIß WIE DIE SONNE GRIECHENLANDS

Eine leidenschaftliche Affäre unter griechischer Sonne - mehr will der vermögende Reeder Damon Savakis nicht von dem sexy Partygirl Angelina. Bis er sie zu einem Traumurlaub ans Meer entführt und erkennen muss: Seine sinnliche Geliebte ist ganz anders, als er dachte …


  • Erscheinungstag 26.04.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735708
  • Seitenanzahl 576
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Helen Bianchin, Michelle Reid, Marion Lennox, Annie West

Verführt von einem Griechen - vier Liebesromane unter der heißen Sonne Griechenlands

IMPRESSUM

Verführung auf Griechisch erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
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Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2007 by Helen Bianchin
Originaltitel: „The Greek Tycoon’s Virgin Wife“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRA
Band 299 - 2009 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Emma Luxx

Umschlagsmotive: Brand X Pictures / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 04/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733735753

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Xandro lenkte seinen Bentley GT auf die mittlere Spur des Verkehrsstroms, der sich im Schneckentempo durch die Innenstadt von Sydney bewegte. Verkehrsampeln wetteiferten mit Leuchtreklamen, während im Westen die Sonne unterging. Sie tauchte den Himmel in ein leuchtendes Rot, das von der hereinbrechenden Dämmerung Zug um Zug ausgelöscht wurde.

Es war wieder einmal ein hektischer Tag gewesen, mit mehreren wichtigen Meetings, einer Videokonferenz und zahllosen Anfragen gleichzeitig. Jetzt könnte er eine Entspannungsmassage vertragen, aber dazu fehlte ihm leider die Zeit. In einer knappen Stunde wurde er bei einem prestigeträchtigen Wohltätigkeitsdiner erwartet.

Allein.

Obwohl es derzeit in seinem Leben gleich mehrere Frauen gab, die mit Freuden bereit gewesen wären, alles stehen und liegen zu lassen, um ihn zu begleiten und hinterher noch das Bett mit ihm zu teilen. Aber die Leitung eines weltweiten Finanzimperiums erforderte Disziplin, deshalb blieb ihm kaum Zeit für derartige Vergnügungen.

Eine lobenswerte Eigenschaft, die er von seinem Vater geerbt hatte?

Falls ja, war es wohl eine von ziemlich wenigen. An Xandros Mundwinkeln zerrte ein Lächeln. Yannis Caramanis war ein echter Schurke gewesen, gerissen und rücksichtslos und reich wie Krösus. Er hatte nicht weniger als vier Ehefrauen verschlissen, aber nur eine – die erste – hatte ihm ein Kind geboren. Alexandro Cristoforo Caramanis.

Einen Sohn mit dem Schicksal, Einzelkind zu bleiben, weil Yannis geschwisterliche Rivalitäten, Eifersüchteleien und Erbstreitigkeiten befürchtete. Widrige Umstände, an denen das Imperium, das er mit so viel Mühe aufgebaut hatte, womöglich zerbrechen könnte.

Die anderen Ehefrauen waren nur hinter dem Geld und dem gesellschaftlichen Prestige seines Vaters her gewesen. Sobald sich Abnutzungserscheinungen zeigten, hatte sein Vater ein hübsches junges Ding gegen das nächste ausgetauscht. Schöne Begleiterinnen, mehr waren sie nie für ihn gewesen. Sehr schöne sogar, obwohl es keiner je gelungen war, bei einer Scheidung mehr für sich herauszuholen als das, was ihr gesetzlich zustand. Dafür hatte Yannis mit wasserdichten Eheverträgen gesorgt.

Xandro bewegte die Schultern, während er langsam auf die Verkehrsampel zurollte und sich in die Spur nach Vaucluse einfädelte.

Sein Blackberry summte leise, aber durchdringend. Fluchend holte er es heraus und warf einen flüchtigen Blick auf das Display, dann schaltete er das Gerät auf stumm und steckte es wieder ein. Erfolg brachte Verantwortung mit sich – manchmal zu viel, wie er fand. Besonders wenn man dank modernster Kommunikationstechnologien praktisch rund um die Uhr erreichbar war.

Im Prinzip hatte er gegen die extrem hohen Anforderungen, die sein berufliches Engagement mit sich brachten, nichts einzuwenden, im Gegenteil, meistens machte ihm seine Arbeit Spaß. Obwohl es im Leben noch andere Herausforderungen gab, denen er sich stellen musste.

Ganz besonders einer.

Der Ehe.

Er musste eine Familie gründen. Und zwar bald.

Dafür suchte er eine passende Frau, die sein Bett teilte, sein großes Haus in ein gemütliches Heim verwandelte, eine charmante Gastgeberin und gute Mutter seiner Kinder war.

Sie sollte klug genug sein, nicht von der großen Liebe zu träumen, sondern wissen, dass die Ehe ein Geschäft war, das auf Gegenseitigkeit beruhte, ohne dramatische Gefühle.

Zuneigung, sexuelle Befriedigung … das gehörte natürlich dazu … aber Liebe? Was um Himmels willen war das?

Als kleiner Junge hatte er seine Mutter geliebt, dann aber wurde sie ihm weggenommen. Die wechselnden Stiefmütter danach interessierten sich nur für das Geld seines Vaters und für das Luxusleben, das dieser ihnen bieten konnte. Ein Kind war für sie eine Plage, derer man sich am besten entledigte, indem man es in teure Internate und exklusive Auslandsferienlager steckte.

Um die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erringen, hatte er schon früh erfolgreich sein müssen. Deshalb war er bereits in der Schule immer einer der Besten gewesen. Als sein Vater ihm schließlich in seinem Finanzimperium die erste größere Aufgabe übertragen hatte, hatte Xandro hart gekämpft, um sich des Vertrauens als würdig zu erweisen. So hart, dass für Jugendtorheiten keine Zeit geblieben war.

Bis zum heutigen Tag hatte er zu Frauen ein illusionsloses Verhältnis, mit dem er bisher gut gefahren war. Am wichtigsten war es, die Dinge in einem nüchternen Licht zu sehen. Auch wenn das vielleicht berechnend klang, schützte es einen vor unangenehmen Überraschungen.

Xandro verzog den Mund zu einem trockenen Grinsen, während er in eine von hohen alten Bäumen gesäumte Straße einbog.

Von seinem auf einem Berg liegenden Haus hatte man eine herrliche Aussicht auf den Hafen. Xandro hatte die alte Villa vor fünf Jahren gekauft und von Grund auf sanieren lassen. Ein tüchtiges Ehepaar, das im Haus wohnte, kümmerte sich um Haushalt und Garten.

Xandro Caramanis.

Der Mann, der alles hatte.

Der würdige Nachfolger seines Vaters.

Geschickt, hart und rücksichtslos, von Frauen umschwärmt und ungebunden.

War das nicht das Bild, das die Boulevardpresse von ihm präsentierte?

Eine knappe halbe Stunde später verließ er frisch geduscht, rasiert und im Abendanzug seine Villa, um in die Stadt zu fahren. Der Verkehr hatte mittlerweile etwas nachgelassen, sodass er gut durchkam. Sein Ziel war ein Hotel in der Innenstadt, wo das Wohltätigkeitsdiner stattfand, über das sein Unternehmen die Schirmherrschaft übernommen hatte.

Nachdem er den Bentley auf dem bewachten Parkplatz abgestellt hatte, betrat er das Hotel, wo man ihn ehrerbietig begrüßte. Er ging am Lift vorbei zu der gewundenen Treppe, die in ein Zwischengeschoss führte. Bei dezenter Hintergrundmusik standen dort bereits die Gäste in kleinen Gruppen beisammen, plauderten angeregt und tranken Champagner.

Xandro schaute sich um, wobei er hin und wieder grüßend nickte. Nachdem sein Blick einmal durch die Runde gestreift war, fesselte eine junge Frau seine Aufmerksamkeit.

Ihr fein gezeichnetes Gesicht mit aparten Zügen und dem hübschen Mund gefielen ihm ebenso wie ihre stolze Kopfhaltung und ihre ausdrucksvollen Gesten. Das aschblonde Haar trug sie auf raffinierte Art hochgesteckt, sodass man Lust bekam, die Haarnadeln herausziehen, die es an Ort und Stelle hielten.

Weltläufige Eleganz vom Scheitel bis zu den zierlichen Fußspitzen.

Obwohl sie heute unter dem routinierten Lächeln etwas nervös wirkt, überlegte er und fragte sich müßig nach dem Grund.

Ilana … die Tochter der verwitweten Gesellschaftsexpertin Liliana Girard.

Sie war Ende zwanzig und pflegte einen kühl distanzierten Umgang zu Männern, was ihr den Spitznamen Eisjungfrau eingebracht hatte. Egal ob zu Recht oder nicht, Xandro wusste nur, dass sie vor zwei Jahren Grant Baxter am Vorabend ihrer geplanten Hochzeit den Laufpass gegeben hatte. Der Grund dafür war nicht bekannt.

Seitdem tauchte sie bei gesellschaftlichen Anlässen stets an der Seite ihrer Mutter auf. Er hörte immer wieder, dass dieser oder jener sein Glück bei ihr versucht hatte, aber sie ließ alle abblitzen – zumindest soweit Xandro informiert war.

Deshalb hatte er kürzlich beschlossen, dass die charmante, weltgewandte Ilana Girard mit ihrem makellosen Hintergrund und den tadellosen Umgangsformen die perfekte Ehefrau für ihn war.

Jetzt musste er ihr nur noch den Hof machen … bis er zur Sache kommen und um ihre Hand anhalten konnte. Xandro kniff leicht die Augen zusammen, als er sah, wie Liliana Girard etwas zu ihrer Tochter sagte und dann auf ihn zukam.

„Xandro. Wie schön, Sie zu sehen.“ Liliana schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

„Liliana.“ Er ergriff ihre zur Begrüßung ausgestreckten Hände und streifte flüchtig mit den Lippen ihre Wange.

„Möchten Sie vielleicht Ilana und mir Gesellschaft leisten, oder sind Sie heute in Begleitung?“

Xandro schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin allein. Sehr gern, danke.“

Auf dem Rückweg zu Ilana ließ er Liliana den Vortritt. Er hatte sich im Lauf der Jahre zum Experten für Körpersprache entwickelt. Deshalb sah er jetzt genau, wann Ilana spürte, dass er im Anmarsch war. Sie erstarrte plötzlich und hob leicht den Kopf, wie ein Reh im Moment der nahenden Gefahr.

Sie fing sich jedoch sofort wieder und schaute ihm lächelnd entgegen.

„Xandro.“ Ilana verstand nicht, warum sie plötzlich so verwirrt war. Deshalb verschanzte sie sich hinter einer Maske kühler Höflichkeit und verfluchte ihr Herz, das aus unerfindlichen Gründen verrücktspielte.

Er hatte irgendetwas an sich … etwas Undefinierbares, bei dem sich ihr die Nackenhaare sträubten, aber sie konnte nicht sagen, was es war.

Xandro war so groß, dass sie trotz ihrer High Heels den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm in die Augen sehen zu können. Und zweifellos attraktiv, wie sie widerstrebend zugeben musste. Wie gemeißelt wirkende Gesichtszüge, ein energisches Kinn und ein geheimnisvoller Ausdruck in den dunklen Augen. Irgendwie erinnerte er an ein Raubtier.

Sein teurer Designeranzug saß perfekt, glatt abfallend an den Schultern, die so breit waren, dass er es nicht nötig hatte, sie extra zu betonen. Er wirkte sehr männlich und war von einer Aura natürlicher Autorität umgeben. Unter der Oberfläche aber lauerte eine unübersehbare Rücksichtslosigkeit.

„Ilana.“

Er versuchte nicht, sie zu berühren … und warum hatte sie dann das Gefühl, dass er nur auf den richtigen Augenblick wartete? Das ergab keinen Sinn.

„Ich freue mich, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?“ Sie hatte noch nie Schwierigkeiten gehabt, sich auf dem gesellschaftlichen Parkett zu bewegen und beiläufig zu plaudern. Aber dieser Mann verunsicherte sie auf eine ziemlich unangenehme Art und Weise. Irgendwie hatte sie immer das Gefühl, dass er ihre Gedanken lesen konnte. Was natürlich blanker Unsinn war. „Wollen Sie uns Gesellschaft leisten?“

Sein ruhiger Blick hielt sie in Schach. „Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen?“

Was würde er wohl tun, wenn sie ihm widersprechen würde?

Sie lächelte höflich. „Im Gegenteil, es ist uns ein Vergnügen.“ Das war eine glatte Lüge.

„Ich muss mich kurz entschuldigen“, warf Liliana ein. „Ich bin gleich zurück.“

Für einen Moment fühlte sich Ilana beraubt und scheußlich verletzlich. Sie erwog, sich ebenfalls zu entschuldigen und einfach weiterzugehen, aber das war unmöglich. So leicht würde sich Xandro nicht täuschen lassen. Es war ohnehin unvermeidlich, dass sich ihre Wege ab und zu kreuzten. Das Caramanis-Imperium sponserte viele Wohltätigkeitsveranstaltungen, und bei großen Galavorstellungen wie der heutigen tauchte Xandro meistens auf. In der Regel jedoch mit einer atemberaubenden Frau im Schlepptau.

Nichtsdestotrotz war er heute bereits zum dritten Mal in Folge ohne Begleitung erschienen.

Und wer hat da mitgezählt? fragte eine listige Stimme in ihrem Hinterkopf. Ilana schluckte schwer.

Es war lächerlich zu glauben, dass er ein Auge auf sie geworfen haben könnte. Sie war das genaue Gegenteil von ihm, außerdem hatte sie das Kapitel Männer sowieso für sich abgeschlossen. Schon seit über zwei Jahren. Sie hatte sich einmal die Finger verbrannt und war finster entschlossen, es nicht noch einmal so weit kommen zu lassen.

Als sie sich an jene schicksalhafte Nacht erinnerte, in der sich ihre Hoffnungen und Träume so grausam zerschlagen hatten, lief es ihr eiskalt über den Rücken.

Aber das lag Gott sei Dank alles hinter ihr. Statt auf eine Familie hatte sie sich auf ihre Karriere als Modedesignerin konzentriert, und sie ging in ihrem Beruf vollständig auf. Sie hatte zwar kein Privatleben mehr, aber auch keine unerfüllten Wünsche und Träume.

„Darling.“ Die samtige Frauenstimme klang wie das genüssliche Schnurren einer Katze und passte zu der blonden, überschlanken Blondine, die gerade auf Xandro zugeschwebt kam und sich sehr dicht neben ihn stellte. „Ich habe heute gar nicht mit dir gerechnet.“

„Danika.“ Xandro setzte ein höfliches Lächeln auf, das seine Augen nicht erreichte.

Das australische Modell, das schon auf allen berühmten Laufstegen der Welt Furore gemacht hatte, war in der Modewelt, trotz seiner gefürchteten Wutausbrüche hinter verschlossenen Türen, immer noch ein umworbener Star. Obwohl es ein Albtraum war, mit Danika zu arbeiten, besaß sie doch eine fast einzigartige magische Fähigkeit, Kleider vorzuführen.

„Kennst du Ilana?“

Danika erdolchte Ilana fast mit ihrem Blick. „Sollte ich?“

„Ilana ist Modedesignerin.“

„Wirklich?“

Besser hätte man gelangweiltes Desinteresse nicht vorschützen können. Das glamouröse Model war in Partylaune und interessierte sich nur für eins … Xandro Caramanis.

Und wer hätte es ihr verdenken können? Der Mann war der Fang des Jahrhunderts.

„Ilana … nie gehört … und wie noch?“

„Girard“, versetzte Xandro mit seidenweicher Stimme.

Ilana beschloss, die Sache abzukürzen. „Die Marke heißt Arabelle.“ Sie legte eine kleine Kunstpause ein, bevor sie fortfuhr: „Das Kleid, das Sie tragen … es stammt aus meiner Kollektion.“

Danika kniff leicht die Augen zusammen. „Es wurde als Einzelstück verkauft.“

„Verschenkt“, stellte Ilana richtig, was das Model veranlasste, eine wegwerfende Handbewegung zu machen.

„Für solche Kleinigkeiten ist meine Agentin zuständig.“

„Sie handelt auf Ihre Anweisung.“ Das war alles Teil von Danikas Spiel. Die Modemacher bewunderten ihren Stil und drückten bei unangenehmen Zwischenfällen beide Augen zu. Ein Original zu verschenken bedeutete aufs Ganze gesehen wenig, da es im Endeffekt um Wiedererkennung und Verkaufszahlen ging.

Danika legte eine schmale, sorgfältig manikürte Hand auf Xandros Revers und lächelte verführerisch. „Ich sorge dafür, dass wir am selben Tisch sitzen.“

Gelassen entfernte er die Hand. „Nein.“

Einfach nur nein?

Lakonisch und fast verletzend … wenn man dazu neigte, leicht beleidigt zu sein.

Ilana fing einen eisigen Blick aus Danikas strahlend blauen Augen auf, während das Model schmollend den Mund verzog. „Mein armer Liebling, du lässt dir wirklich etwas entgehen. Sag mir Bescheid, falls du deine Meinung doch noch änderst.“ Sie wedelte graziös mit der Hand, bevor sie entschwebte.

In diesem Moment öffneten sich die Türen zum großen Saal, und die Gäste wurden gebeten, ihre Plätze einzunehmen. Xandro nahm mit größter Selbstverständlichkeit Ilanas Arm und führte sie in den Saal mit den festlich geschmückten Tischen. Sie spürte seine warmen Finger auf ihrer nackten Haut, so elektrisierend, dass ihr schlagartig heiß wurde.

Es war alles andere als ein angenehmes Gefühl, das in ihr den dringenden Wunsch weckte, seine Hand abzuschütteln. Was sie natürlich nicht tat. „Verraten Sie mir, warum Sie so tun, als ob Sie mit mir hier wären?“

„Vielleicht weil ich Ihre Gesellschaft genieße?“

Sie versuchte in seinem Gesicht zu lesen. „Es wäre nett, wenn Sie mir erklären, was das für ein Spiel ist, das Sie da spielen.“

„Gar keins.“

„Sollte ich mich jetzt geschmeichelt fühlen?“

Sein leises Auflachen klang leicht heiser. „Tun Sie das etwa nicht?“

„Leider muss ich Sie enttäuschen“, erwiderte Ilana spöttisch, während sie von einem hübschen jungen Mädchen an einen Tisch direkt vor der Bühne geführt wurden. Dort gab es neben den Gedecken Namensschilder, und Ilana war nicht überrascht, ihren Namen neben Xandros zu finden. Sie nahm sich vor, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. So schwer konnte es schließlich nicht sein.

„Was trinken Sie?“, fragte er. „Wein?“

Da Ilana das Mittagessen hatte ausfallen lassen, erwiderte sie: „Vorerst nur Mineralwasser, danke.“

Xandro füllte ihr Glas, dann schenkte er sich selbst ebenfalls Wasser ein und prostete ihr damit scherzhaft zu. „Auf Sie.“

Gleich darauf kamen weitere Gäste an den Tisch, darunter auch Liliana. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten, folgte die Eröffnungsrede der Vereinspräsidentin. Im Anschluss daran begannen Kellner das Essen zu servieren, während der erste Gastredner das Podium erklomm.

Ilana war sich des Mannes an ihrer Seite überdeutlich bewusst. Der Duft seines teuren Eau de Colognes mischte sich mit dem Geruch frisch gewaschener Wäsche und – sehr unterschwellig – seinem ganz eigenen Duft. Er strahlte etwas Gefährliches aus, das die Schutzmauer bedrohte, die sie um ihr Herz errichtet hatte.

Das machte sie wachsam.

Na so was, spöttelte eine innere Stimme. Dabei interessiert dich Xandro Caramanis doch gar nicht.

Und du willst auch nicht, dass er sich für dich interessiert.

Also hör auf, über ihn nachzudenken.

Aber sie schaffte es nicht, sich zu entspannen. Ilana aß automatisch, ohne etwas zu schmecken. Und dass sein unverhohlenes Interesse an ihr heftige Spekulationen auslöste, war ebenfalls wenig hilfreich. Geschweige denn der Umstand, dass ihn die unübersehbar enttäuschte Danika nicht aus den Augen ließ.

War er dabei, die Verbindung mit dem glamourösen Model öffentlich aufzukündigen?

„So ist es“, sagte er gelassen, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte.

Obwohl sie überrascht war, gab sie nicht vor, ihn nicht verstanden zu haben.

„Tatsächlich?“, wiederholte sie mit hochgezogener Augenbraue.

„Ja.“

Plötzlich war sie so verunsichert, dass sich ihr Magen zusammenkrampfte. Sie wollte ihn fragen, was er bezweckte. Aber sie tat es nicht, sondern verwickelte den Tischnachbarn zu ihrer Linken in ein belangloses Gespräch. Trotzdem gelang es ihr nicht, Xandros Anwesenheit zu ignorieren. Es ärgerte sie, dass er es schaffte, ihr zentrales Nervensystem derart in Aufruhr zu versetzen.

War ihm das bewusst?

Der Himmel möge es verhüten!

Ilana atmete auf, als nach einem nicht enden wollenden Essen schließlich der Kaffee kam, zusammen mit einer weiteren Rede, die zwar gut gemeint war, aber ebenfalls nicht enden wollte.

Danach setzte wieder gedämpfte Musik ein, während sich die Gäste von ihren Plätzen erhoben.

Gleich würde Liliana zum Podium gehen und sich im Namen des Organisationskomitees für die freundliche Unterstützung bedanken und allen Gästen eine gute Nacht wünschen … und Ilana würde endlich von Xandros beunruhigender Anwesenheit befreit sein.

Doch ihre Erleichterung währte nur kurz.

„Ich bringe Sie noch zum Ausgang“, verkündete Xandro.

„Danke, aber das ist nicht nötig.“

„Ich möchte es aber.“ Wieder hatte er Ilanas Arm genommen und übte einen leichten Druck aus, als sie versuchte, auf Abstand zu gehen.

Mühsam verkniff sie sich ihren Protest.

„Ich bin eben dabei zu überlegen, ob man nicht zugunsten der Leukämiestiftung eine Kunstauktion veranstalten könnte, und wollte gern Lilianas Meinung dazu hören“, erklärte er.

Ilanas Mutter war begeistert, als sie von seinen Plänen erfuhr. „Oh, das wäre herrlich. Und natürlich würde ich mich sehr gern an den Vorbereitungen beteiligen.“

„Das freut mich außerordentlich“, gab Xandro schmeichelnd zurück. „Was halten Sie davon, wenn ich Sie beide zum Essen einlade, damit wir uns über die Einzelheiten unterhalten können? Sagen wir nächsten Donnerstag? Gegen sieben?“

„Danke, sehr gern.“ Liliana fühlte sich sichtlich geschmeichelt.

Ilana wusste, dass ihre Mutter in Windeseile ihren gesamten Terminkalender umorganisieren würde, nur um Xandro Caramanis entgegenzukommen.

Xandro drückte dem Portier ihre Wagenschlüssel in die Hand und bat darum, die Autos vorzufahren.

Wenig später rollte der silberne Bentley GT vor dem Haupteingang vor.

„Gut, dann also bis Donnerstag“, sagte Xandro, während er seiner Brieftasche eine Visitenkarte entnahm und auf der Rückseite etwas notierte. „Hier ist meine Adresse.“

Bevor er sich hinters Steuer setzte, drückte er dem Pagen ein Trinkgeld in die Hand. Sekunden später fuhr Ilanas dunkelblauer BMW vor. Die beiden Frauen stiegen ein, und Liliana schwieg, bis Ilana sich in den Verkehrsstrom eingeordnet hatte. Dann ergriff ihre Mutter das Wort.

„Was für eine reizende Einladung, Liebes. Wie findest du es, dass Xandro mich um meine Hilfe bittet?“

„Gut.“ Was hätte sie sonst sagen sollen?

„Du hast doch nicht etwa Bedenken?“

Etliche. Obwohl sie sich da nicht so genau festlegen wollte.

„Natürlich musst du hingehen.“

Wir, Liebes. Wir beide müssen hingehen.“

Ilana hielt vor einer Kreuzung an. „Nein, maman“, widersprach sie sanft, aber bestimmt.

Liliana musterte sie lange. „Und du willst es dir nicht vielleicht noch einmal überlegen?“

Nicht mal in hundert Jahren, schwor sich Ilana. Je seltener sie Xandro Caramanis zu Gesicht bekam, desto besser war es für sie.

2. KAPITEL

In Vorbereitung auf die aktuellen Fashion Design Awards verbrachte Ilana fast das ganze Wochenende im Atelier, wo sie immer wieder die Kleidungsstücke überprüfte, die sie und ihre Geschäftspartnerin Micki zur Vorführung für die verschiedenen Kategorien vorgesehen hatten. Auswahlkriterien waren dabei Schnitt, Stoff, Verarbeitung sowie die Einstufung durch ein Expertenteam gewesen. Sie musste sicherstellen, dass alles bis in die kleinste Einzelheit perfekt war … oder wenigstens so perfekt wie möglich. Wenn man in einer der Kategorien einen Preis gewann, war das natürlich äußerst werbewirksam und erhöhte das Prestige, und das bedeutete größeres Interesse und steigende Verkaufszahlen.

Schon als Kind hatte Ilana leidenschaftlich gern Puppenkleider genäht – anfangs mit Lilianas Hilfe und schließlich allein nach eigenen Entwürfen. Später studierte sie Modedesign, und nach ihrem Abschluss hatte sie ein paar Lehrjahre in Paris, Mailand und London verbracht, bevor sie nach Sydney zurückgekehrt war, um ihr eigenes Atelier zu eröffnen. Nicht lange danach gründete sie das inzwischen sehr renommierte Modelabel Arabelle.

Während Ilana Talent und praktische Erfahrung in Bezug auf Schnitttechnik, Entwurf und Ausführung mitbrachte, machte der Geschäftssinn ihrer alten Freundin Micki Taylor ihre Geschäftspartnerschaft rund. Micki hatte nämlich ein untrügliches Gespür für Accessoires, den passenden Rahmen. Sie verfügte über das Geschick, glamouröse Modeschauen zusammenzustellen, bei der die Konkurrenz nicht selten vor Neid erblasste.

Ilana hingegen konnte Visionen Wirklichkeit werden lassen. Oft brauchte sie einen bestimmten Stoff nur zu sehen, um bereits das fertige Kleidungsstück vor Augen zu haben. Sie verstand es, die drei Komponenten Farbe, Stoff und Stil zum Leben zu erwecken – eine Gabe, die sie zu schätzen wusste.

Die Woche vor der Preisverleihung war extrem stressig. An manchen Tagen verließ Ilana das Atelier nur zum Essen und zum Schlafen. Deshalb war es die absolute Ausnahme, dass sie an diesem Dienstag ihr Appartement bereits am frühen Abend betrat.

Der Gedanke, sich bei einem langen Bad zu entspannen und anschließend in aller Ruhe etwas zu essen, war verführerisch, aber leider unrealistisch. Ihre Zeit reichte gerade noch aus, um kurz zu duschen und in ein Cocktailkleid aus milchkaffeebrauner Spitze zu schlüpfen. Anschließend legte sie eilig etwas Make-up auf und steckte sich das Haar im Nacken zu einem lockeren Knoten zusammen, bevor sie sich auf den Weg in den Villenvorort Double Bay machte. Dort fand in den frisch erweiterten Ausstellungsräumen eines bekannten Kunstsammlers eine Vernissage statt, und Ilana hatte ihrer Mutter versprochen zu kommen. Es war eine prestigeträchtige Angelegenheit, bei der nur geladene Gäste zugelassen waren.

Als sie an ihrem Ziel anlangte, waren die Parkplätze bereits alle besetzt, sodass sie erst zwei Runden um den Block drehen musste, bevor sie ihren Wagen abstellen konnte.

Der Eingang zu der Galerie wurde von zwei Sicherheitsleuten bewacht, bei denen Ilana sich erst ausweisen musste, bevor sie Einlass fand.

„Darling.“ Der älteste Sohn der Familie nahm sie in Empfang und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Herzlich willkommen.“

„Jean-Paul.“ In der Familie hießen alle männlichen Mitglieder Jean. Jean-Marc war der Patriarch und ein berühmter Kunstsammler, während Jean-Pauls Bruder auf den Namen Jean-Pierre getauft war. Die Gäste standen angeregt plaudernd in kleinen Grüppchen beisammen, tranken Champagner und aßen Kanapees, die ihnen von livrierten Kellnern gereicht wurden.

Ilana hätte gern ein Glas Champagner getrunken, doch da sie seit dem Frühstück nichts gegessen hatte, entschied sie sich für Orangensaft und nahm sich einen kleinen Teller mit Häppchen, die sie mit großem Appetit verspeiste.

„Ach, da bist du ja, Liebes.“ Unbemerkt war Liliana neben ihr aufgetaucht und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange.

„Das ist ja wirklich alles sehr schön geworden“, bemerkte Ilana und schaute sich anerkennend um.

„Ja, das finde ich auch.“ Liliana deutete auf die mit Glaspaneelen verkleideten Wände und die gut durchdachte Anordnung der Bilder. „Ungemein anregend.“

Ilana ließ ihren Blick über die Gäste schweifen. „Und alle sind gekommen.“

„Wer würde auch schon Jean-Marcs Einladung ausschlagen?“

Der exzentrische Kunstsammler und Galerist war in der Kunstszene schon zu Lebzeiten eine Legende. Neben einem scharfen Verstand besaß er einen fast untrüglichen Instinkt für den zu erwartenden Erfolg oder Misserfolg einer künstlerischen Arbeit. Er förderte mit Hingabe junge Künstler und hatte im Lauf der Jahre vielen von ihnen zum Durchbruch verholfen, sodass die Einweihung der neuen Räumlichkeiten ein guter Grund zum Feiern war.

„Komm mit, ich zeig dir was.“ Liliana zog ihre Tochter mit sich.

„Du bist wieder mal kurz davor schwach zu werden, nicht wahr?“

Liliana lachte leise auf. „Woher weißt du das?“

Ilana lachte ebenfalls. „Das sehe ich dir an der Nasenspitze an.“

„Ich bin entschlossen, ernsthaftes Interesse zu signalisieren, obwohl ich hoffe, dass ich Jean-Marc beim Preis noch etwas drücken kann.“

Sie durchquerten die Galerie und blieben zwischendurch immer wieder stehen, um Bekannte zu begrüßen und ein paar freundliche Worte zu wechseln. Schließlich machte Liliana vor einem Ölgemälde Halt, auf dem eine Landschaft zu sehen war, die so meisterhaft dargestellt war, dass sie fast lebensecht wirkte.

„Ah, das ist es also“, sagte Ilana. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Und sie glaubte sogar schon zu wissen, wo ihre Mutter das Ölgemälde hinhängen wollte.

„Ja“, bestätigte Liliana lächelnd. „Es kommt ins Esszimmer.“

„Es ist wirklich außergewöhnlich, und auch farblich würde es gut passen“, redete Ilana ihrer Mutter zu.

„Stimmt.“ Liliana wandte den Kopf, als Jean-Paul neben sie trat.

„Sie möchten es doch nicht etwa kaufen, Liliana?“

„Durchaus möglich.“ Liliana machte eine kleine Kunstpause. „Das einzige Problem ist der Preis.“

„Da ist bestimmt noch Luft drin. In dieser Hinsicht ist mein Vater normalerweise recht flexibel.“

„Dann rede ich wohl am besten gleich mal mit ihm“, sagte Liliana zu ihrer Tochter, nachdem Jean-Paul sich um einen anderen Gast kümmerte. „Sonst kommt mir womöglich noch jemand zuvor.“

„Ja, gut, bis später dann.“ Ilana machte es nichts aus, sich eine Weile allein umzusehen. Und vielleicht entdeckte sie ja irgendetwas für sich selbst. Die Entdeckung, die sie dann tatsächlich machte, war allerdings ganz anderer Art als vermutet. Das Bild, von dem sie lange den Blick nicht abwenden konnte, schlug sie mit seiner unheimlichen Ausstrahlung in seinen Bann. Es war derart beunruhigend, dass es wahrscheinlich kaum einen Betrachter gab, der sich nicht irritiert davon fühlte.

„Interessant, nicht wahr?“ Die tiefe Stimme gehörte Xandro Caramanis. Ilana fuhr erschrocken zusammen und fragte sich, warum ihr Instinkt sie nicht rechtzeitig gewarnt hatte. Dafür meldete er sich jetzt mit doppelter Wucht. Erst wurde ihr eiskalt und dann so heiß, als ob sie in Flammen stände.

„Erzählen Sie mir, was Sie auf dem Bild sehen“, forderte Xandro sie gedehnt auf.

Er stand so dicht hinter ihr, dass sie keinen Zentimeter zurückweichen konnte, ohne seinen Brustkorb zu berühren. Natürlich bräuchte sie nur einen Schritt nach vorn zu machen, um der Gefahrenzone zu entkommen … aber das würde ihm nicht entgehen, und sie wollte unter gar keinen Umständen den Eindruck erwecken, als liefe sie vor ihm davon.

„Zu viel“, antwortete sie auf seine Frage.

Warum hatte sie nicht damit gerechnet, ihn heute hier zu treffen? Wo, wenn nicht hier? Natürlich hätte sie wissen müssen, dass man ihn ebenfalls einlud. Wen, wenn nicht ihn?

Er trat neben sie. „Was verbinden Sie mit dem Bild? Eine schmerzliche Erfahrung, oder woran denken Sie, wenn Sie es ansehen? Oder hat es in Ihren Augen eher etwas von einer Warnung?“

„Vielleicht von beidem etwas?“

„Ein besonders erhebender Anblick ist es jedenfalls nicht.“

„Das nicht, aber interessant.“

Seine hochgewachsene, breitschultrige Gestalt erinnerte sie an einen Krieger. Was sie zu der Frage verleitete, ob dieser Körper unter dem teuren Maßanzug tatsächlich so hart und muskulös war, wie er wirkte.

Was sollte das? Irgendwie störte Xandro Caramanis ihren Kunstgenuss.

Kein sehr beruhigender Gedanke.

Sie sollte sich entschuldigen und weitergehen. Diese sinnlose Unterhaltung führte zu nichts. Sie warf ihm von der Seite einen Blick zu – und verwünschte sich prompt dafür. Noch nie hatte sie so faszinierende Gesichtszüge gesehen.

„Sie sehen gestresst aus“, stellte er fest.

„Danke, dass Sie sich Gedanken um mein Wohlbefinden machen.“

„Haben Sie etwas dagegen?“

„Gar nicht.“

Sein leises Auflachen war kaum hörbar. „Kommen Sie mit, ich lade Sie zum Essen ein. Ich wette, Sie haben heute noch nichts gegessen.“

Sie dachte an die Banane, die sie hastig mit ein paar Schlucken Mineralwasser hinuntergespült hatte, während sie mit dem Aufzug in ihre Tiefgarage gefahren war. Und hier hatte sie ein Glas Orangensaft, zwei Schlückchen Champagner und ein paar winzige Häppchen zu sich genommen. Eine richtige Mahlzeit sah anders aus.

Was war so schlimm daran, mit ihm essen zu gehen? „Bekommt Ihr Ego einen Kratzer, wenn ich Nein sage?“

Er verzog den Mund zu einem Lächeln. „Eine Verschiebung kann ich akzeptieren.“

„Aber ich habe um keine gebeten.“

„Nächste Woche“, beharrte Xandro ungerührt.

„Ich melde mich“, sagte sie spröde, obwohl sie genau wusste, dass sie das ganz bestimmt nicht tun würde.

Er musterte sie gelassen. „Nennen Sie einen Termin.“

Diesmal warnte sie ihr Instinkt. Das war gefährlicher Boden, den sie besser nicht betreten sollte. Er besaß die Fähigkeit abzuwarten und zu beobachten, wodurch es ihr praktisch unmöglich wurde, ihn einzuschätzen. „Und dann sagen Sie alles andere ab?“

„So ist es.“

Ihr Magen machte einen doppelten Salto und brauchte eine Weile, bis er sich von dem Schreck wieder erholt hatte.

Xandro stand reglos da. Er berührte sie nicht … obwohl es sich unerklärlicherweise so anfühlte. Ihre Umgebung trat in den Hintergrund, Gelächter, Stimmengewirr und die gedämpfte Musik verstummten. Zwischen ihnen knisterte es laut, und Ilana erschien es, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.

Wie lange verharrten sie so, umfangen von Stille? Sekunden, eine Minute? Oder zwei?

Dann sah sie, dass sich sein Gesicht entspannte. Seine Mundwinkel bogen sich leicht nach oben, und gleich darauf wurde ihr klar, dass sich seine Aufmerksamkeit verlagert hatte.

„Liliana.“

Der Klang seiner Stimme brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Ihre Anspannung fiel von ihr ab, während sie sich ihrer Mutter zuwandte.

Was um Himmels willen war da eben passiert?

Gar nichts.

Natürlich war etwas passiert. Sie konnte es fühlen.

„Xandro.“ Lilianas Lächeln kam von Herzen. „Haben Sie etwas entdeckt, was Ihr Interesse geweckt hat?“

Du irrst.

Heiliger Himmel, vergiss es! Er spielt nur mit dir.

Ihn reizt die Herausforderung.

Fühlte er sich so selten in seinem Leben wirklich herausgefordert, dass er dem Unerreichbaren nachjagen musste?

„So ist es. Ich hätte es wirklich sehr gern.“

Er bezog sich doch auf das Bild … oder etwa nicht?

Vielleicht war sie von ein paar Schlucken Champagner ja schon beschwipst.

Sie brauchte Kaffee, heißen, starken Kaffee. Am liebsten schwarz, mit viel Zucker. Davon würde sie einen klaren Kopf bekommen … und heute Nacht nicht schlafen können. Das aber wollte sie auf gar keinen Fall, denn ihren Nachtschlaf brauchte sie dringend.

Sie könnte sich entschuldigen und gehen. Ihre Mutter würde es ihr bestimmt nicht übel nehmen. Liliana wusste, wie hektisch die letzten Wochen gewesen waren und was bis zum Abend der Preisverleihung noch zu tun war. Aber ihr Stolz verbot es ihr, einfach davonzulaufen. Sie straffte die Schultern und deutete quer durch den Raum auf die andere Seite. „Ich werde nachsehen, was es dort noch so alles gibt“, erklärte sie ruhig.

Ilana spürte, dass Xandro sich nicht täuschen ließ, als sie sich mit einem abschließenden Lächeln umdrehte, um sich zwischen den Gästen hindurch ihren Weg zu bahnen. Sie zwang sich, ganz entspannt einen Fuß vor den anderen zu setzen und dabei die Bilder zu betrachten, an denen sie vorbeikam. Ab und zu blieb sie lächelnd stehen, um irgendwen zu begrüßen oder gute Wünsche für die anstehende Veranstaltung entgegenzunehmen. Wie lange war sie wohl schon hier? Als sie auf die Uhr schaute, sah sie, dass es knapp zwei Stunden waren.

Gegen zehn verabschiedete sie sich von Liliana und verließ die Galerie.

Draußen kam sofort ein Sicherheitsmann auf sie zu. „Steht Ihr Wagen in der Nähe, Miss?“

„Bemühen Sie sich nicht“, schaltete sich eine ihr nicht ganz unbekannte männliche Stimme ein. Schon wieder er. „Ich begleite die Dame.“

Aber das wollte sie nun wirklich auf gar keinen Fall. „Danke, ich komme schon zurecht“, sagte sie und beschleunigte ihre Schritte. Himmel, er sollte sie bloß in Ruhe lassen … war er ihr womöglich absichtlich gefolgt? Sie ging noch schneller, aber es half nichts, er hatte sie eingeholt und ließ sich nicht abschütteln.

Ilana versuchte nicht, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, und er zog es ebenfalls vor zu schweigen. Das ärgerte sie, weil sie nur auf eine Gelegenheit wartete, ihn vor den Kopf zu stoßen. Als ihr Auto endlich in Sicht kam, atmete sie erleichtert auf und schaltete mit der Fernbedienung die Alarmanlage aus. Doch als sie die Autotür öffnen wollte, griff Xandro nach ihrer Hand und hielt sie fest.

Warme kräftige Finger umschlossen ihre Rechte. Ilana riss sich los, als ob sie sich verbrannt hätte.

„Danke“, sagte sie steif, während er ihr die Tür aufhielt und wartete, bis sie hinter dem Steuer saß. Dann beugte er sich vor und legte eine Visitenkarte auf ihr Armaturenbrett. „Hier, meine Handynummer.“

Damit sie ihn jederzeit anrufen konnte?

Sollte sie ihm jetzt ebenfalls ihre Visitenkarte geben?

So weit kam es noch!

Ilana schob den Zündschlüssel in die Zündung und startete, im selben Moment schlug er die Tür zu. Die leichten Kopfschmerzen, die schon seit einer halben Stunde hinter ihrer Stirn lauerten, hatten sich mittlerweile zu einem stattlichen Migräneanfall ausgewachsen.

Na prima. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

Zu wenig Schlaf, zu viel Aufregung …

Sie war heilfroh, als sie endlich in ihrer Wohnung war. Jetzt wollte sie nur noch schlafen.

Und morgen war ein neuer Tag.

3. KAPITEL

Im Atelier regierte das Chaos.

Gehetzte Finger flogen im Takt der fetzigen Musik, die einer der beliebtesten lokalen Radiosender brachte. Ab und zu hörte man einen leisen oder auch weniger leisen Fluch, untermalt vom Zischen des Dampfbügeleisens, während Regentropfen auf das Blechdach des Ateliers trommelten.

Ilana ließ sich von der Modelagentur ihre Buchungen bestätigen und überzeugte sich davon, dass die Leihwagenfirma die Uhrzeit richtig notiert hatte.

Heute kam alles zusammen, aber das war nichts Ungewöhnliches. Es war jedes Mal dasselbe. Der Tag vor der Preisverleihung bedeute immer Blut, Schweiß und Tränen.

Als es klingelte, rannte Mickis Assistentin nach vorn und kehrte mit einem großen Strauß aus rosa und cremefarbenen Rosen für Ilana zurück.

Von Liliana?

Ilana entfernte die Karte von der Zellophanumhüllung.

Xandro stand da in kühnen Schriftzügen. Irrtum ausgeschlossen, darunter las sie Viel Glück.

„Aber hallo!“, sagte Micki. „Von wem sind die denn?“

Schnell steckte Ilana die Karte ein und lächelte leicht gequält. „Da wünscht uns nur jemand für morgen Abend viel Glück.“ Eilig verschwand sie in dem Alkoven, wo sich die kleine Einbauküche befand, und nahm eine Vase aus dem Schrank.

Es war eine freundliche Geste … falls er einfach nur freundlich sein wollte. Obwohl sie bezweifelte, dass an Xandro Caramanis irgendetwas einfach sein konnte.

Und als der große Tag endlich angebrochen war, hatte sie keine Zeit mehr, sich um den begehrtesten Junggesellen Sidneys Gedanken zu machen. Das Team Arabelle traf die letzten Vorkehrungen für den großen Auftritt. Obwohl sie so eine Modenschau natürlich nicht zum ersten Mal machten, tauchten immer wieder völlig neue Probleme auf, die bewältigt werden mussten.

Eine Stunde, bevor das erste Model den Laufsteg betreten sollte, war die Garderobe hinter der Bühne brechend voll mit Kleiderständern, aufgeregten Designern, gestressten Schneiderinnen, Friseuren und Visagisten, die sich vor zu wenigen Spiegeln die Plätze streitig machten. Ganz zu schweigen davon, dass alle paar Sekunden irgendwo ein Handy klingelte, trällerte, schrillte oder piepste.

Es war wie in einem Tollhaus.

Und alle wussten aus leidvoller Erfahrung, dass es noch schlimmer werden würde.

Es war so eng, dass man über seine eigenen Füße stolperte. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum erzeugten Gereiztheit, ja Wutausbrüche, die allerdings durch die Musik draußen im großen Saal erfolgreich gedämpft wurden.

Organisation und Kooperation waren dringend geboten. Jeder Designer hatte einen detaillierten Zeitplan für jede Kategorie.

„Entschuldigung, dass ich so spät komme.“

Ilana hörte die vage bekannte Stimme und drehte sich um. Oh je …

Danika war die Vertretung für das verhinderte Model?

Ilana riss sich zusammen. Nun, sie würden damit klarkommen.

Wenn auch vielleicht nicht allzu gut, dachte sie ein paar Minuten später, als sich bis zu ihr herumgesprochen hatte, dass Danika wieder einmal an allem etwas auszusetzen hatte.

„Die Schuhe passen doch überhaupt nicht dazu.“

„Dieser Gürtel? Sind Sie wahnsinnig? Den trage ich nicht! Das kommt ja gar nicht infrage!“

Wo vorgesehen war, dass sie das Haar hochstecken sollte, bestand Danika darauf, es offen zu tragen.

Mehrere Designer brummten ungehalten, es gab Augenrollen und undamenhafte Flüche.

Draußen im Showroom aber klappte alles wie am Schnürchen.

Aber hinter der Bühne wurde die Stimmung nicht besser.

„Wenn sie noch ein einziges Mal den Mund aufmacht, verspeise ich sie zum Frühstück“, fauchte Micki genervt.

„Auf Zimttoast oder mit Ei Benedikt?“, fragte Ilana trocken.

„Ich ersäufe sie in meinem Kaffee.“

„Espresso oder Café Latte?“

Micki verdrehte die Augen. „Hör sofort auf.“

„Noch eine Stunde, dann haben wir’s geschafft“, tröstete Ilana die Freundin.

Minuten später reichte Micki Danika Armreifen und Ohrringe, was mit einem gottergebenen Seufzer quittiert wurde.

„Nie wieder“, stöhnte Micki, nachdem das Model nach vorn auf die Bühne entschwunden war.

Trotz der Musik konnte man den Beifall hören.

Ein Model nach dem anderen kehrte zurück, es folgten schnelles Umziehen und Fertigmachen für die nächste Kategorie.

Cocktailgarderobe, Abendgarderobe.

Ilana hatte ein atemberaubend elegantes rotes Abendkleid entworfen, mit einem fein plissierten Mieder und einem engen, gerafften Rock, dessen Seitenschlitz fast bis zur Hüfte reichte.

Gerechterweise musste man zugeben, dass Danika das Kleid ungeheuer stilvoll präsentierte.

„Das nehme ich statt meiner Gage“, verkündete sie mit größter Selbstverständlichkeit, sobald sie wieder hinter der Bühne war.

„Unmöglich, das Kleid ist ein Einzelstück und Teil der Kollektion“, wehrte Micki empört ab.

„Genau deshalb will ich es ja.“

„Das geht nicht.“ Micki trat einen Schritt vor und öffnete den Reißverschluss auf dem Rücken. „Es wird nicht nur heute vorgeführt.“

Danika streifte Micki mit einem herablassenden Blick. „Dann macht ihr eben ein neues.“

Tief durchatmen und bis drei zählen. „In diesem Fall wäre es kein Einzelstück mehr“, mischte sich Ilana ein.

„Pech.“

In der letzten Kategorie wurden Brautkleider präsentiert. Arabelle setzte auf Tradition und zeigte ein Kleid in kostbarer Spitze, mit einem keuschen Halsausschnitt und einer langen Knopfleiste im Rücken, die von winzigen, mit Stoff überzogenen Knöpfen verziert wurde. Der bodenlange Rock schwang bei jedem zierlichen Schritt, den das Model machte, elegant hin und her.

Und dann kam die Preisverleihung – der Höhepunkt des Abends. Bei den Designern schlugen die Wellen der Aufregung hoch. Das war der Moment, auf den alle mit Hochspannung gewartet hatten. Der Conférencier heizte die Stimmung noch tüchtig an, bevor die Auswertung der Jury hereingereicht wurde.

Gleich darauf wurden in den einzelnen Kategorien die Gewinner verkündet. Das jeweilige Model erschien in Begleitung der Designerin oder des Designers wieder auf dem Laufsteg, um den Beifall entgegenzunehmen. Die Spannung war schier unerträglich. Als die Kategorie Abendgarderobe angekündigt wurde, umklammerte Ilana Mickis Hand.

Das rote Kleid von Arabelle machte das Rennen.

Und den ersten Preis für die Kategorie Brautkleider räumten sie auch gleich noch mit ab.

Es war ein unglaublicher Moment, als Micki und Ilana den Laufsteg betraten. Sie trugen beide schwarze Leggings und ebenfalls schwarze bis zur Taille reichende Blousons, dazu Stiefel mit hohen, dünnen Absätzen, ein Outfit, das zu ihrem Markenzeichen geworden war. Sie blieben auf der Bühne stehen, während Danika in dem roten Kleid über den Laufsteg schwebte.

Tosender Beifall brandete auf, dann nahmen sie im Blitzlichtgewitter die Glückwünsche entgegen.

„Liebes, ich bin so stolz auf dich.“ Überglücklich umarmte Liliana ihre Tochter. Weitere Gratulanten folgten, bis Ilana von den vielen Umarmungen ganz schwindlig war.

„Herzlichen Glückwunsch.“

Ilana zuckte zusammen. Oh, nein! Mit Herzklopfen drehte sie sich um und begegnete Xandros ruhigem Blick.

Hier hatte sie ihn nun wirklich nicht erwartet. Männer interessierten sich gewöhnlich nicht für Modenschauen, es sei denn, sie kamen aus der Branche.

War er gekommen, um Danika abzuholen? Vielleicht wollten sie ja noch ausgehen. Oder war er mit einer anderen hier? An Begleiterinnen mangelte es ihm garantiert nicht.

Himmel, hör sofort auf darüber nachzudenken! Es kann dir egal sein, mit wem er hier ist, versuchte sie sich gereizt zur Ordnung zu rufen. Und warum verspürte sie dann diesen Stich?

„Danke.“

Xandro strahlte gebändigte Kraft und unterschwellige Sinnlichkeit aus. Eine tödliche Kombination, die mit Sicherheit nicht nur Ilana den Seelenfrieden raubte. Unter der weltmännischen Fassade verbarg sich das Herz eines modernen Kriegers. Rücksichtslos, entschlossen, mächtig. Man musste schon sehr töricht sein, wenn man auf die Idee kam, mit ihm zu spielen.

Kein Wunder, dass ihm die Frauen zu Füßen lagen.

Faszination, der Kitzel der Jagd … und die instinktive Gewissheit, dass er ganz genau wusste, was er mit seinen Händen, mit seinem Mund anstellen musste, um einer Frau höchste Lust zu bereiten. Und wie er für sich selbst Kapital daraus schlagen konnte.

Höchste Lust … und danach … was war dann?

„Sind Sie fertig?“ In seiner Stimme schwang leiser Spott mit, sodass sie sich peinlich berührt fragte, wie lange sie ihn wohl angestarrt haben mochte.

Himmel, es waren doch hoffentlich bloß ein paar Sekunden gewesen?

Sie spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss, was ihm ein schwaches Lächeln entlockte, bevor er auf sie zukam. Seine Lippen waren warm. Als sie spürte, wie er mit der Zungenspitze sacht den Umriss ihrer Lippen nachzeichnete, stockte ihr der Atem. Und das nicht nur, weil die Geste ein Versprechen auf mehr, auf unendlich viel mehr in sich barg.

Alles, was sie tun müsste, wäre, ihn fast unmerklich zu ermuntern, mehr nicht.

Aber sie ließ den Moment ungenutzt verstreichen. Sie brachte es einfach nicht über sich.

Als sie erschauerte, hoffte sie zum Himmel, dass es ihm entging.

Es traf sie völlig unvorbereitet, dass er die Hände um ihr Gesicht legte und den Kuss vertiefte. Was für ein Schock für ihre Sinne! Ihr Herz begann zu rasen, während sie im wilden Strudel ihrer Empfindungen unterzugehen drohte.

Am schlimmsten war die Erkenntnis, dass sie dieser unbewussten Reaktion ihres Körpers wehrlos ausgeliefert war. Es war mehr als verstörend. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Als Xandro sich jetzt leicht zurückzog und sie forschend ansah, war es fast, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte. Während sie nicht die leiseste Ahnung hatte, was in seinem Kopf vorging.

Und dann war es auch schon vorbei. Sobald er sie losgelassen hatte, fing sie an sich einzureden, dass ja eigentlich gar nichts passiert war. Es war nur eine Sache von Sekunden gewesen.

Nicht mehr als ein Kuss in einer Situation, in der es von allen Seiten Umarmungen und Küsse gehagelt hatte.

Obwohl sie natürlich wusste, dass sie sich damit selbst etwas vormachte.

Sein Kuss hatte in ihr eine Saite angeschlagen und Gefühle geweckt, von deren Vorhandensein sie lieber nichts wissen wollte. Sie atmete mühsam tief durch. Noch immer schaffte sie es nicht, den Blick von ihm loszureißen.

Bitte, flehte eine Stimme in ihr. Ich will das nicht.

Unmöglich, den Ausdruck in seinen dunklen Augen zu entziffern. Sie rang sich ein schwaches Lächeln ab, und dann verlangte glücklicherweise auch schon der nächste Gratulant ihre Aufmerksamkeit. Aber Xandros Berührung konnte sie weiterhin spüren. Noch lange, nachdem er aus ihrem Blickfeld entschwunden war, fühlte sie sich wie in Trance. Warum hatte er sie so geküsst?

Um sie zu beeindrucken?

Oder spielte er nur mit ihr, um Danika eifersüchtig zu machen?

Dieser Gedanke machte sie wütend. Um nichts in der Welt würde sie sich von einem Mann benutzen lassen … und von Xandro Caramanis schon gar nicht!

Genau das würde sie ihm bei nächster Gelegenheit sagen.

„Ich gehe nach hinten und helfe, die Sachen zusammenzupacken“, informierte Micki sie.

„Warte, ich komme mit.“ Ilana war froh über die Ausrede, hier wegzukommen.

In der Garderobe war alle Anspannung verflogen. Die Models trugen wieder ihre eigenen Sachen, und viele hatten sich bereits verabschiedet, ebenso wie die meisten Friseure und Visagisten.

Die Konkurrenz unter den Designern hatte sich im Wohlgefallen aufgelöst. Man gratulierte sich gegenseitig, und wer bei der Preisverleihung leer ausgegangen war, ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken. Mickis Assistentinnen hatten sich bereits verdient gemacht. Schuhe, Accessoires, Schmuck, alles war sorgfältig einzeln verpackt worden. Die Kleider hatte man wieder in den dafür vorgesehenen Kleidersäcken verstaut, sodass alles mit ein paar Handgriffen in den Van ein- und später wieder ausgeladen werden konnte.

In diesem Augenblick hörte Ilana Danikas gedehnte Stimme hinter sich und rang sich ein Lächeln ab, während sie sich umdrehte. „Noch mal vielen Dank, dass Sie eingesprungen sind“, sagte sie. „Das haben Sie wirklich toll gemacht.“ Das Model zuckte wegwerfend die Schultern.

„Das ist mein Job.“ Danika schwieg einen Moment, bevor sie fortfuhr: „Aber ich schlage vor, dass Sie in Zukunft die Finger von Xandro lassen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, erwiderte Ilana erstaunlich ruhig, wie sie selbst fand. Und es stimmte ja. Schließlich hatte er sie angefasst.

Danika durchbohrte sie mit einem finsteren Blick. Dann drehte sie sich schwungvoll um und stöckelte aus der Garderobe.

Es war kein Geheimnis, dass das Model hinter dem griechischen Finanztycoon her war. Doch damit stand sie in der Promiszene von Sydney – und garantiert nicht nur dort – wahrlich nicht allein da.

Nur Ilana Girard hatte kein Interesse an ihm. Ironischerweise war sie die Einzige, von der Danika nichts zu befürchten hatte.

Darüber musste Ilana fast lächeln.

„So, das war’s.“ Micki hob eine Hand und fuhr so laut fort, dass es alle hören konnten: „Jetzt wird gefeiert.“ Sie nannte einen Club, der zu Fuß erreichbar war, hängte sich bei Ilana ein und zog die Freundin zum Ausgang. „Liliana kommt auch.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Und Xandro.“

Ilana blieb fast das Herz stehen, dann begann es doppelt so schnell zu schlagen. „Was hat denn Xandro mit unserer Feier zu tun?“

Micki begann demonstrativ einzeln an den Fingern abzuzählen: „Erstens, weil er dich geküsst hat wie ein Mann, der entschlossen ist, es nicht bei diesem einen Kuss zu belassen. Zweitens, weil er sich zufällig mit deiner Mutter unterhalten hat, da wäre es schließlich unhöflich gewesen, ihn nicht einzuladen. Und drittens wird es höchste Zeit, dass du endlich mal wieder ein Date hast.“

„Seit wann fühlst du dich für meine Lebensgestaltung verantwortlich?“

„Nur für die Abende“, versicherte ihre Freundin und Geschäftspartnerin und grinste frech. „Alles andere geht mich nichts an.“

„Da kannst du lange warten.“

„Hm.“

Ilana bedachte sie mit einem finsteren Blick. „Ich bin nicht interessiert.“

„Du vielleicht nicht.“ Micki nickte. „Aber er.“

„Das war doch nur ein Spiel, mehr nicht“, stellte Ilana fest. „Weil er sehen wollte, ob die Eisjungfrau dahinschmilzt, wenn er sie küsst.“

„Und? Ist sie geschmolzen?“

Wie eine Kerze unter der Flamme. Obwohl sie das natürlich nie zugeben würde. „Küssen kann er, das muss man ihm lassen.“

„Und wie war’s? Hast du’s bis in die Zehenspitzen gespürt?“

Oh je … wie verrückt sogar …

Ilana zuckte wegwerfend die Schulter. „Eigentlich nicht.“

Das Team von Arabelle hatte bereits Platz genommen, als Ilana und Micki die Bar betraten. Es gab eisgekühlten Champagner, Kanapees und Knabberkram. Xandro erhob sich und deutete auf den Platz neben sich. Bevor Ilana abwinken konnte, reklamierte Micki den Stuhl gegenüber für sich, sodass Ilana gar nichts anderes übrig blieb, als seiner Aufforderung zu folgen.

Dann stießen sie unter viel Gelächter auf die Preise an. Als Xandro Ilana zuprostete und ihr dabei eine Sekunde zu lang in die Augen schaute, bekam sie prompt wieder Herzklopfen. Sie konnte seinen Blick nicht deuten und hatte plötzlich das Gefühl, auf schwankendem Boden zu stehen.

Dieser atemberaubende Mann saß ihr viel zu nah, sein Schenkel nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt, und sie war sich seiner Männlichkeit überdeutlich bewusst. Ilana fühlte sich hin und her gerissen. Und konnte nicht aufhören, sich auszumalen, was wäre, wenn … wenn sie den Mut hätte, sein Angebot anzunehmen. Aber sie wagte nicht, einem Mann ihr verletztes Herz zu öffnen. Aus purer Angst, dass es womöglich endgültig gebrochen werden könnte.

Wesentlich klüger war es, von Männern die Finger zu lassen – ganz besonders von Männern wie Xandro Caramanis.

Um Mitternacht herrschte allgemeine Aufbruchsstimmung. Draußen vor dem Club versammelten sich alle noch einmal und umarmten sich zum Abschied. Als Ilana sich von Xandro verabschieden wollte, übersah er die Hand, die sie ihm hinstreckte, und sagte: „Ich fahre Sie.“

Ilana schüttelte entschieden den Kopf. „Ich nehme ein Taxi. Außerdem …“ Sie schaute sich nach Liliana um, doch die schien sich urplötzlich in Luft aufgelöst zu haben. Wie alle anderen auch. Außer ihr und Xandro war niemand mehr da.

„Sie brauchen kein Taxi, weil Sie bei mir mitfahren.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich.“

Xandro nahm ihre Hand. „Mein Auto steht ganz in der Nähe.“

„Kommandieren Sie die Leute immer so herum?“

„Kommen Sie schon. Ich habe Liliana versprochen, Sie heil nach Hause zu bringen.“

Und ehe Ilana es sich versah, fand sie sich in seiner Nobelkarosse wieder. Wie hatte das passieren können? War es das Ergebnis von zu viel Champagner oder von geschickter Manipulation?

Aus den Autoboxen drang leise Musik. Ilana lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze, schloss die Augen und ließ den Abend noch einmal vor ihrem geistigen Auge Revue passieren … die Kleider, die Models, die Jury. Die Sieger.

Und Xandros Kuss.

Oh je … das war das Einzige, was ihr dazu einfiel.

Wie mochte er wohl erst als Liebhaber sein?

Nicht dass sie vorhätte, es auszuprobieren. Himmel, das würde sie nie wagen. Ilana wusste, dass ihre Gefühle eine Affäre mit Xandros nicht unbeschadet überstehen würden.

Doch davon ganz abgesehen, wie könnte sie Grant Baxters Drohung vergessen, die seit zwei Jahren wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf hing?

Wenn du dich mit einem anderen Mann einlässt, bringe ich dich um.

Kein Wunder, dass sie seitdem kein Bedürfnis mehr nach männlicher Nähe verspürt hatte.

Und nun versuchte sie sich einzureden, dass sich daran auch nichts geändert hatte.

Das Problem war nur, dass das nicht der Wahrheit entsprach und sie nicht wusste, was sie dagegen tun sollte.

4. KAPITEL

„Aufwachen, Schlafmütze.“

Ilana wandte den Kopf und schaute in Xandros Gesicht.

„Ich habe nicht geschlafen.“

Seine Zähne schimmerten weiß in der Dunkelheit, als er lächelte. „Nur geträumt?“

„Danke fürs Mitnehmen“, sagte sie verspätet, während sie den Sicherheitsgurt löste und die Hand nach dem Türgriff ausstreckte.

„Nichts zu danken, gern geschehen.“

Sie war wie gelähmt, als er sie an sich zog und ihr einen kurzen erinnerungsträchtigen Kuss gab. Sobald er sie losgelassen hatte, sprang sie aus dem Auto. Sonst wäre sie womöglich noch in Versuchung gekommen, sitzen zu bleiben, die Arme um seinen Hals zu legen und den Kopf an seine Brust zu schmiegen.

Und das durfte nicht sein.

Er beobachtete, wie sie den Aufzug betrat, dann gab er Gas und fuhr los.

Was für ein traumhafter Abend, dachte Ilana, während sie ihr Apartment betrat. Eine richtig tolle Modenschau, überhaupt insgesamt eine tolle Veranstaltung. Und dass sie dann auch noch gleich zwei Preise gewonnen hatten … unglaublich!

Morgen … nein heute, verbesserte sie sich, schon fast im Halbschlaf, war Sonntag. Da gab es keinen Grund, sich zu unchristlicher Stunde von einem Wecker aus ihrem wohlverdienten Schlaf reißen zu lassen.

Das rote Abendkleid … es fehlte in der Kollektion, die gestern Abend nach der Vorführung ins Atelier zurückgebracht worden war. Ilana schaute sich ungläubig um. Dabei zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen.

Sie musste sich täuschen … und doch spürte sie sehr deutlich, dass sie sich nicht irrte.

Danika. Eine andere Person kam nicht infrage. Sie musste das Kleid an sich genommen haben. Am liebsten hätte sie Danika sofort angerufen und ihr gehörig die Meinung gesagt. Verdammt. Auf so eine Komplikation konnte sie nun wirklich verzichten.

Diplomatischer war es wohl, Danikas Agentur zu bitten, das Kleid zurückzuschicken, und Danika dafür ein anderes anzubieten.

In diesem Moment klingelte ihr Handy. Sie meldete sich und hörte … nichts.

Der Ladestand zeigte an, dass die Batterie voll war, gleich darauf wurde am anderen Ende der Leitung aufgelegt.

Ein paar Minuten später klingelte das Handy erneut, und wieder blieb alles still. Als sie auf eingegangene Anrufe klickte, sah sie, dass es beide Male ein anonymer Anruf gewesen war. Seltsam. Wahrscheinlich falsch verbunden.

Ilana rief die Modelagentur an, doch es lief nur der Anrufbeantworter. Kein Wunder, heute war Sonntag, was hatte sie anderes erwartet? Sie versuchte die Geschäftsführerin der Agentur auf dem Handy zu erreichen, doch auch hier wurde sie nur von einer elektronischen Stimme darauf hingewiesen, dass sie die Möglichkeit hatte, eine Nachricht zu hinterlassen.

Sie murmelte eine Verwünschung. Und nun? Jetzt konnte sie höchstens noch irgendwo eine Kleinigkeit zu Mittag essen und wieder nach Hause gehen. Sie setzte sich in ein Café, bestellte und suchte sich aus einer Auswahl an Zeitungen, die das Lokal für seine Gäste bereithielt, die führende Tageszeitung der Stadt heraus. Der Kellner brachte ihr einen Tee mit Milch. Sobald sie den ersten Schluck getrunken hatte, klingelte wieder ihr Handy.

„Soll ich ihn warnen, dass du ein frigides Miststück bist?“

Bevor sie reagieren konnte, wurde aufgelegt. Verwirrt schloss sie die Augen.

Grant?

Zwei Jahre lang hatte sie nichts von ihm gehört, und nun das.

Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Was meinte er damit, und warum meldete er sich gerade jetzt?

Es konnte doch nicht sein, dass …

Nein, unmöglich, dass sie durch irgendetwas, das sie gesagt oder getan hatte, die dunkle Bestie geweckt hatte, die unter der charmanten Oberfläche ihres Exverlobten schlummerte. Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren, während sie über seine Worte nachdachte. Und dann wurde es ihr schlagartig klar.

Die Fotografen bei der Modenschau. Bestimmt hatte einer von ihnen den Moment festgehalten, in dem Xandro sie geküsst hatte.

Ilana blätterte die Zeitung bis zum Gesellschaftsteil durch – und hielt den Atem an.

Wer beim Anblick des Fotos nicht auf die Idee kam, der erfuhr es spätestens aus dem Text, in dem spekuliert wurde, ob Xandro Caramanis und Ilana Girard ein Paar waren, nachdem sie in den vergangenen Wochen mehrmals zusammen gesehen worden waren.

Heiliger Himmel. Diese verdammten Klatschreporter. Wussten die Leute eigentlich, was sie taten?

Am liebsten hätte sie irgendetwas gegen die Wand geworfen. Oder irgendwem eine Ohrfeige verpasst.

Konnte sie von der Zeitung eine Richtigstellung verlangen? Lächerlich. Der Chefredakteur würde sich totlachen. Weil er keine Ahnung hatte, was für Auswirkungen dieses Foto, die Schlagzeile und der Artikel auf ihr Leben haben konnten. Weil er nicht wusste, dass ihr Ex unter seiner liebenswürdigen Oberfläche unberechenbar und gefährlich war.

Ein Kellner brachte ihren Salat. Ihr war der Appetit gründlich vergangen. Sie würgte ein paar Bissen runter, dann schob sie den Teller weg.

Ilana bezahlte die Rechnung und machte sich zu Fuß auf den Heimweg. Sie zitterte fast vor Nervosität, und erst als sie sicher in ihrer Wohnung war, wurde sie ruhiger. Das Lämpchen an ihrem Anrufbeantworter blinkte. Mit einem Stift drückte sie die Wiedergabetaste und hörte die Nachrichten ab. Liliana hatte angerufen und Micki, ein paar Leute gratulierten, dann ertönte Grants Stimme …

„Ich beobachte dich.“

Obwohl ihre Festnetznummer nicht im Telefonbuch stand, hatte Grant sie offensichtlich irgendwie herausgefunden. Das war mehr als beunruhigend.

Jetzt war sie nicht nur wütend auf die Klatschreporter, sondern bekam richtig Angst. Und das alles wegen so eines blöden Kusses. Sie suchte Xandros Visitenkarte heraus und wählte seine Nummer.

Gleich nach dem ersten Läuten meldete er sich. „Ilana.“

Ihre Finger legten sich fester um das Telefon. „Ist Ihnen klar, was Sie angerichtet haben?“, fragte sie mit nur mühsam gebändigter Wut.

„Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen.“

„Nein, Sie dürfen auf keinen Fall …“

„In zehn Minuten, Ilana“, wiederholte er und legte auf.

Sie drückte die Rückruftaste, hörte es klingeln, dann meldete sich der Anrufbeantworter.

Verdammt!

Wenn Grant das Haus beobachtete und sah, dass Xandro sie besuchte … heiliger Himmel … Ohne lange zu überlegen, schnappte sie sich ihre Tasche und fuhr mit dem Aufzug nach unten in die Eingangshalle.

Als Xandro draußen vorfuhr, stand sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Sie musste sich zwingen, ruhig einen Fuß vor den anderen zu setzen, obwohl sie am liebsten gerannt wäre.

Ganz ruhig, es ist ja nichts passiert, versuchte sie sich gut zuzureden, nachdem sie das Auto erreicht hatte. Sie riss die Tür auf und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.

„Bitte. Wir müssen sofort hier weg!“

Xandro wollte eine Antwort, und zwar sofort. Trotzdem tat er erst einmal, worum sie ihn bat, und fuhr los, in Richtung Double Bay. Die Fahrt verlief in angespanntem Schweigen. Als er an seinem Ziel angelangt war, suchte er einen Parkplatz und machte den Motor aus.

„Kommen Sie.“

„Aber wohin gehen wir denn? Ich will nicht …“

„Jetzt beruhigen Sie sich erst mal. Wir essen etwas, und dabei erzählen Sie mir, was Sie so in Aufregung versetzt, einverstanden?“

Ilana warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. „Ich habe schon gegessen.“

Ohne ihren Einwand zu beachten, ging er ums Auto herum und öffnete die Beifahrertür. „Dann essen Sie eben nur eine Kleinigkeit.“

Minuten später betraten sie ein hübsches Restaurant, wo sie vom maître persönlich begrüßt und an einen Tisch geführt wurden. Ilana bestellte erst einmal ein Mineralwasser, und Xandro schloss sich an, bevor er sich in die Speisekarte vertiefte.

„So, und was hat es mit dem Foto in der heutigen Zeitungsausgabe auf sich?“, begann er, nachdem sie beim Kellner bestellt hatten.

Wo sollte sie anfangen und wie weit musste sie ausholen?

Nur so weit, dass er verstand, worum es ihr ging.

„Mein Exverlobter hat … nun, er hat mir gedroht, nachdem ich mich damals von ihm getrennt hatte.“ Sie räusperte sich und fuhr zögernd fort: „Falls ich mich mit einem anderen Mann einlasse, was zwar nicht der Fall ist, aber …“

„Heißt das, Sie befürchten, er könnte zufällig dieses Foto in der Zeitung sehen?“

Ilana zögerte.

Er kniff die Augen zusammen und musterte sie fragend. „Hat er es bereits gesehen?“

„Ja.“

„Und? Ist irgendetwas passiert?“

Sie holte tief Luft.

„Glauben Sie, Sie sind in Gefahr?“

Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Waren Schmähanrufe eine reale Gefahr?

Leere Drohungen waren nur eine Belästigung, mehr nicht.

Aber woher sollte sie wissen, ob nicht doch irgendwann etwas daraus folgte? Was nützte es, wenn sie Grant gegenüber Xandro als psychisch labil darstellte?

Es würde nicht das Geringste ändern, weil der Schaden bereits angerichtet war.

Der Kellner brachte das Essen. Ilana, die nur eine Vorspeise bestellt hatte, stocherte lustlos darin herum, während Xandro mit Appetit aß.

„Ich möchte mehr Zeit mit Ihnen verbringen.“

Ihr blieb fast das Herz stehen, dann fing es an zu rasen. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

„Weil Ihr Ex Sie bedroht?“

Es dauerte eine Weile, dann fragte sie leise zurück: „Vielleicht, weil ich mein Vertrauen in Männer verloren habe?“

„Eine Frau, die so intelligent ist wie Sie, sollte wissen, dass man nicht alle Männer über einen Kamm scheren kann.“

„Männer wollen immer nur das eine.“

„So? Und was soll das sein? Sex? Ich würde sagen, es gibt einen großen Unterschied zwischen Sex und miteinander zu schlafen.“

„Meinen Sie?“

Er hielt ihren Blick fest. „Ein Mann, der im Bett nur an sich denkt, ist bestenfalls ein Ignorant, wenn nicht Schlimmeres.“

„Sie müssen es ja wissen.“

Sein weiches Auflachen brachte sie völlig aus dem Konzept, und einen verrückten Moment lang stellte sie sich vor, wie es wohl sein mochte, mit Xandro Caramanis zu schlafen. Aber das durfte sie unter gar keinen Umständen tun … das Ende wäre auf jeden Fall absehbar. So eine Beziehung könnte nicht lange halten. Wie auch? Obwohl, was für eine Erfahrung!

„Haben Sie am Dienstag zufällig Zeit? Ich habe nämlich Theaterkarten und wollte Sie fragen, ob Sie nicht Lust haben mitzukommen? Ich könnte Sie gegen halb sieben abholen, dann können wir vorher irgendwo zu Abend essen.“

Xandro wollte mit ihr ausgehen? Um Himmels willen …

„Ich glaube nicht, dass …“

„Halb sieben“, unterbrach er sie, während er dem Kellner signalisierte, dass er die Rechnung wollte. Obwohl sie energisch protestierte, bestand Xandro darauf, ihren Anteil mit zu bezahlen.

Ilana saß schweigend neben ihm, als er über die Ausfallstraße nach Bondi fuhr. Eine Verabredung mit Xandro? Wenn Grant sie zusammen sah, würde das seine Wut noch weiter schüren und weiß der Himmel was für eine Reaktion heraufbeschwören. Nein, ganz klar, sie musste die Einladung ablehnen, sie war schließlich nicht lebensmüde. Und genau das sagte sie ihm auch, nachdem er vor ihrem Haus angehalten hatte.

„Dann treffen wir uns eben gleich im Lokal, wenn Ihnen dabei wohler ist.“ Er schaute sie entschlossen an. „Aber ein Nein akzeptiere ich nicht.“ Er nannte den Namen eines Restaurants und schrieb ihn zusätzlich noch auf die Rückseite einer Visitenkarte, die er ihr gab, während er sagte: „Wir sehen uns dort, um Viertel vor sieben.“

Er beugte sich zu ihr herüber und gab ihr zum Abschied einen flüchtigen Kuss auf den Mund. „Passen Sie gut auf sich auf.“

Ilana konnte lange nicht einschlafen, und am nächsten Morgen erwachte sie mit Kopfschmerzen, die sich mit Tabletten zwar lindern, aber nicht ganz vertreiben ließen. Im Atelier fuhr sie jedes Mal zusammen, wenn das Telefon klingelte, und gegen Mittag war sie ein nervliches Wrack.

„Was ist eigentlich los?“, fragte Micki schließlich mit besorgtem Gesicht. Ilana zwang sich zu einem Lächeln.

„Nur Kopfschmerzen … kommt wahrscheinlich von zu viel Stress und zu wenig Schlaf.“

Mickis Argwohn war zwar offensichtlich nicht ausgeräumt, aber sie sagte nichts mehr.

Als der Türsummer ertönte, ging Micki nach vorn, um zu öffnen. Sie kehrte mit einem Blumenstrauß zurück, der heute Morgen bei Weitem nicht der erste war.

„Für dich.“

Schon wieder Rosen, diesmal waren es rosafarbene, zusammen mit einer Karte, auf der stand: „Bis morgen Abend. Xandro.“ Ilana nahm sich vor, ihn am Abend von zu Hause aus anzurufen, um die Verabredung abzusagen.

Gegen Mittag rief Danikas Agentur zurück. Micki war am Apparat und sah sich offenbar genötigt, ziemlich deutlich zu werden, doch ohne allzu großen Erfolg, wie es schien. Das Gespräch dauerte eine ganze Weile, und als sie schließlich auflegte, konnte Ilana ihr ansehen, wie es ausgegangen war. „Na?“

„Danika behauptet steif und fest, statt einem Honorar das Kleid bekommen zu haben.“

„Und?“

„Damit steht Aussage gegen Aussage.“

Daraus folgte, dass Ilana das rote Abendkleid aus der Kollektion herausnehmen und durch ein neues, nicht weniger spektakuläres Kleid ersetzen musste. Das war zwar mehr als ärgerlich, aber Danika konnte sich tatsächlich fast alles erlauben. Den ganzen Nachmittag über klingelte immer wieder das Telefon, wobei sich zweimal niemand meldete. Außerdem kam ein Anruf von Xandro, den anzunehmen Ilana sich weigerte, was bei Micki nur ein verständnisloses Kopfschütteln hervorrief.

„Diesen Mann lässt du dir entgehen? Bist du verrückt?“, fragte sie, während sie den Hörer auflegte.

„Gar nicht.“ Gerade jetzt konnte Ilana es nicht zulassen, dass sich ihr Leben durch einen Mann verkomplizierte … und Xandro Caramanis brauchte sie schon gar nicht. „Ich will mich einfach auf nichts mehr einlassen, das weißt du doch.“

Ilana musste Mickis eingehende Musterung über sich ergehen lassen. Und wieder schüttelte die Freundin den Kopf. „Ehrlich, Darling, du machst einen Riesenfehler. Das ist doch ein echter Traummann.“

„Findest du?“, fragte Ilana mit einem spöttischen Lächeln.

„Du nicht?“

„Überhaupt nicht.“ Was natürlich glatt gelogen war.

Eine bessere Freundin als Micki konnte Ilana sich nicht wünschen. Im Lauf der Zeit hatten sie so viel miteinander geteilt, und mit den Jahren kamen immer mehr gemeinsame Erlebnisse dazu. Trotzdem hatte Ilana den wirklichen Grund dafür, warum sie sich im letzten Moment geweigert hatte, Grant zu heiraten, stets für sich behalten. Und dafür, dass Micki ihr Schweigen wortlos akzeptiert hatte, war sie ihr heute noch dankbar.

„Ich glaube nicht, dass er dir die Entscheidung überlässt.“

Lächerlich. Sie hatte bereits entschieden.

Doch selbst wenn sie versuchte, sich das noch so sehr einzureden – ein leiser Zweifel blieb. Xandro Caramanis war nicht umsonst so unglaublich erfolgreich. Wer bereits in jungen Jahren ein ganzes Imperium im Griff hatte, musste über eine gehörige Portion Manipulationsgeschick verfügen.

Und wenn schon?

Sie war stark und selbstbewusst, eine Überlebenskämpferin.

Warum sollte sie ausgerechnet jetzt aufgeben? Nur weil ein Mann sie zufälligerweise geküsst hatte? Und damit Gefühle zum Leben erweckte, die sie vor Jahren begraben hatte – mit dem Ergebnis, dass sie anfing, sich nach etwas Unmöglichem zu sehnen.

Es war nicht fair. Nein, es war überhaupt nicht fair.

„Am besten stellen wir schon mal die Musik für die nächste Vorführung zusammen“, riss Micki sie aus ihren trübseligen Überlegungen. „Ich schlage vor, dass ich ein paar Sachen raussuche, und du sagst mir, ob du einverstanden bist oder nicht, okay?“

5. KAPITEL

Als Ilana pünktlich um Viertel vor sieben das Restaurant betrat, kam Xandro ihr entgegen. Obwohl er sie nur mit einem flüchtigen Kuss begrüßte, verschlug es ihr die Sprache.

„Einfach atemberaubend.“

Sie nahm an, dass das Kompliment ihrem eleganten Hosenanzug galt, den sie selbst entworfen hatte. Sie bedankte sich mit einem vorsichtigen Lächeln, während ein Kellner sie an ihren Tisch begleitete.

Am Ende hatte sie die Verabredung eben doch nicht abgesagt, aber es war egal. Sie würden sich ein bisschen unterhalten, Wein trinken, eine Kleinigkeit essen, sich danach das Theaterstück ansehen … und wenn alles vorbei war, würde sie sich in ihr Auto setzen und nach Hause fahren.

Im Grunde genommen war das doch das Normalste von der Welt, oder etwa nicht?

Erstaunlich schnell begann sie sich zu entspannen, was so weit ging, dass sie Xandros Gesellschaft sogar genießen konnte. Er wusste genau, was er tun musste, damit sich eine Frau mit ihm wohlfühlte. Es gab sogar Momente, in denen sie glatt vergaß, dass sie heute wieder mehrere anonyme Anrufe bekommen hatte. Natürlich von Grant, von wem sonst. Und vielleicht waren diese Anrufe ja auch der eigentliche Grund dafür gewesen, dass sie die Verabredung mit Xandro am Ende doch nicht absagte. Einfach weil sie keine Lust gehabt hatte, sich von Grant einschüchtern zu lassen.

Ein Kellner nahm ihre Bestellung entgegen. Xandro hatte sich vorgenommen, Ilana wie ein rohes Ei zu behandeln, denn er ahnte, dass sie sich sofort in ihr Schneckenhaus zurückziehen würde, falls er sie zu sehr bedrängte. Womit jeder Fortschritt, den er bereits erzielt hatte, wieder verspielt wäre.

Gleichzeitig aber war er entschlossen, dieses Mal nicht zu verlieren.

„Ich habe gehört, dass Sie eine ganze Weile im Ausland gelebt haben, in Frankreich und Italien, stimmt’s?“ Da sich ihre Miene sofort aufhellte, forschte er weiter: „Waren Sie dort, um die französische und die italienische Mode zu studieren?“

„So ist es.“ Ilana erwiderte sein Lächeln. „Die Modeszene dort ist sagenhaft, das muss man einfach erlebt haben.“ Sie lachte perlend auf. „Es gab immer eine Menge zu tun, aber wir haben es trotzdem geschafft, nebenbei auch noch Spaß zu haben. An den Wochenenden haben wir uns oft ein Auto gemietet und sind aufs Land gefahren.“

Xandro fühlte seinen Beschützerinstinkt für dieses Mädchen, das sie damals gewesen war, für ihre Liebe zum Leben und für all das, was es ihr versprach. Er wünschte, dass sie ihm vertraute.

Und er wollte sie.

In seinem Bett und in seinem Leben. Und zwar als seine Ehefrau.

Aber wenn er ihr jetzt so überstürzt einen Heiratsantrag machte, würde sie wahrscheinlich auf dem Absatz kehrtmachen und davonlaufen. Er war es gewöhnt, jeden Tag schwerwiegende Entscheidungen zu treffen, das war ganz normal für jemanden in seiner Position. Das hier jedoch war etwas anderes … es war etwas Persönliches.

Bis zum Theater war es nicht weit, sie konnten den Weg bequem zu Fuß zurücklegen. Das Stück war wunderbar, gut ausbalanciert zwischen funkelndem Witz und Pathos, mit herrlichen Kostümen und brillanten Dialogen.

Ilana hatte den Abend genossen, und das sagte sie ihm auch, als sie inmitten des Besucherstroms das Theater verließen. Sie war sich seiner Nähe überdeutlich bewusst, seiner Hand, die auf ihrem Rücken lag.

Xandro brachte sie zu ihrem Auto. „Wir gehen noch kurz etwas trinken, dann eskortiere ich Sie nach Hause.“ Er nannte den Namen eines Clubs, dann fuhr er ihr mit dem Zeigefinger leicht über die Wange. „Ich fahre hinter Ihnen her.“

Die ganze Fahrt über blieb er ihr dicht auf den Fersen.

Der Club war ein derzeit angesagter Promitreffpunkt, und sie fragte sich, warum sie nicht darauf bestanden hatte, direkt nach Hause zu fahren. Das Problem war, dass sich ein Teil von ihr gewünscht hatte, der Abend möge noch nicht so schnell enden.

War das wirklich so schlimm?

Ilana bestellte Tee, während Xandro sich für Kaffee entschied. Worüber sie sich unterhielten, hätte sie später nicht mehr sagen können … sie wusste nur noch, dass sie sich in seiner Nähe sehr wohlfühlte … und dass es ihm wohl ganz ähnlich ging. Sie befanden sich so im Einklang miteinander, dass es schon fast unheimlich war. Nie hätte sie sich so etwas vorstellen können, schon gar nicht mit einem Mann wie ihm. Trotzdem konnte sie einfach nicht glauben, dass sein Interesse aufrichtig war. Und wenn es doch so war, musste man sich fragen, wohin das alles führen sollte.

Es war fast Mitternacht, als sie aufbrachen. Bei ihrem Auto angelangt, wollte sie sich für den Abend bedanken, aber sie bekam keine Gelegenheit dazu. Er beugte sich zu ihr und küsste sie so leidenschaftlich, dass sie weiche Knie bekam.

Wie lange mochte dieser Kuss dauern? Sekunden, Minuten? Sie wusste es nicht. Sie hoffte nur, er möge niemals enden. Aber irgendwann löste Xandro sich behutsam von ihr und nahm ihr den Autoschlüssel aus der Hand. Er schloss auf und hielt ihr die Tür auf, damit sie einsteigen konnte.

„Wir sehen uns morgen auf der Cocktailparty“, sagte er zum Abschied.

Sie brachte nicht mehr als ein Nicken zustande, während sie den Anlasser betätigte und losfuhr. Auf der Straße nach Bondi herrschte kaum Verkehr. Im Rückspiegel konnte sie die Scheinwerfer von Xandros Bentley erkennen. Vor ihrem Haus angelangt, bedankte sie sich bei Xandro, indem sie einige Male die Lichthupe betätigte. Dann verschaffte sie sich mit ihrer Codekarte Einlass zur Tiefgarage.

Sie passierte die elektronische Schranke und fuhr auf ihren Parkplatz. Zwei der Leuchtbalken waren ausgefallen, was ungewöhnlich war. Bei einem hätte sie sich nicht gewundert, aber gleich zwei? Außerdem wäre sie bereit gewesen zu schwören, dass vor wenigen Stunden noch beide funktioniert hatten.

Als sie ein schwaches Geräusch hörte, schrak sie zusammen. Im nächsten Moment gruben sich harte Finger schmerzhaft in ihre Schultern, dann versetzte ihr jemand einen so heftigen Stoß, dass sie gegen das Heck eines nebenstehenden Autos taumelte.

„Miststück.“

Noch ehe sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, versetzte ihr jemand einen Schlag ins Gesicht. Ihr Kopf flog zur Seite, und sie verspürte einen brennenden Schmerz. Als sie wieder klar sehen konnte, sah sie ihn dicht vor sich stehen.

Grant … hier?

Ein Blick in sein Gesicht verriet ihr, dass er betrunken oder auf Drogen war oder vielleicht auch beides.

Lass ihn nicht aus den Augen …

Ihre Wange pulsierte heftig, der Schmerz breitete sich über die gesamte linke Gesichtshälfte aus, aber sie beachtete ihn nicht. Sie konzentrierte sich allein auf Grant und versuchte herauszufinden, was er als Nächstes vorhatte.

In ihrer Handtasche trug sie eine kleine Dose Pfefferspray bei sich, an ihrem Schlüsselring befand sich eine Alarmsirene. Außerdem hatte sie Stiefel mit hohen dünnen Absätzen an. Lauter Dinge, mit denen sie sich verteidigen konnte.

„Was muss ich noch tun, damit du endlich auf mich hörst, du Miststück?“

Sag nichts. Er will dich nur provozieren.

Ilana erahnte den Moment, in dem er erneut zum Angriff übergehen wollte. Sie nutzte den Schwung, mit dem er zum Schlag ausholte, um ihn zu Boden zu reißen, anschließend nagelte sie mit ihrem Absatz seine Hand auf dem Asphalt fest. Als er vor Schmerz brüllte, hob sie ihren Fuß leicht an. Daraufhin rollte er sich von ihr fort, setzte sich ein Stück weiter auf und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Hand.

Er fluchte so laut, dass das Echo von den Wänden der Tiefgarage zurückgeworfen wurde. Ilana nutzte die Zeit, um das Pfefferspray aus ihrer Tasche zu holen, und rannte die wenigen Meter bis zum Aufzug. Das Adrenalin, das durch ihren Körper gepumpt wurde, ermöglichte es ihr, für den Moment ihre Angst zu vergessen. Am Aufzug angelangt, drückte sie auf den Knopf.

Bitte, bitte, halt jetzt bloß nicht unterwegs irgendwo an.

Sie hatte Glück. Kaum zwei Sekunden vergingen, bis die Türen auseinanderglitten. Aufatmend betrat sie die Kabine, schob ihren Sicherheitsschlüssel in das Schloss und gab den Code für das Stockwerk ein. Erst nachdem sie ihr Apartment betreten, die Wohnungstür hinter sich verschlossen und die Alarmanlage eingeschaltet hatte, setzte die körperliche Reaktion ein.

Ilana begann am ganzen Körper zu zittern und war plötzlich in Schweiß gebadet. Alles tat ihr weh.

Um Gottes willen.

Nach einer langen, heißen Dusche fühlte sie sich besser. Sie schlüpfte in ein langes weites T-Shirt und kroch ins Bett. Dann machte sie das große Licht aus und knipste die Nachttischlampe an. Um sich abzulenken, stopfte sie sich ein Kissen in den Rücken und sah sich im Fernsehen noch einen Film an.

Irgendwann musste sie dann tatsächlich eingeschlafen sein, bis sie schließlich von der Morgensonne geweckt wurde. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr sprang sie aus dem Bett. Als ihre Muskeln protestierten, sog sie zischend den Atem ein. Oh, verdammt!

Schon wieder eine Cocktailparty. Am Nachmittag hatte Ilana ihre Mutter angerufen und bitten wollen, sie zu entschuldigen, doch letztlich hatte sie sich anders entschieden. Warum, konnte sie nicht erklären … und so genau wollte sie es auch gar nicht wissen. Und jetzt war es ohnehin zu spät. In einer halben Stunde würde ihre Mutter sie abholen.

Nachdem sie geduscht hatte, schlüpfte sie in ein enges Kleid aus schwarzer Seide mit Dreiviertelärmeln und passenden hochhackigen Pumps. Das Haar steckte sie sich am Hinterkopf zu einem schlichten Knoten zusammen. Jetzt musste sie nur noch den leichten Bluterguss auf ihrer Wange sorgfältig kaschieren. Die letzten Tage waren wirklich schlimm für sie gewesen. Dass Grant wieder in ihrem Leben aufgetaucht war, war ein einziger Albtraum.

Mit verbalen Angriffen oder anonymen Anrufen konnte sie umgehen. Körperliche Gewalt war jedoch etwas ganz anderes. Das Echo von Grants Worten hallte immer noch in ihrem Kopf wider. Nach dem Überfall in der Tiefgarage hatten sie definitiv etwas Bedrohliches.

Das Problem war, dass sie sich von Xandro nicht fernhalten konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte. Auch heute Abend würde er wieder dabei sein. Da sie in denselben Kreisen verkehrten, war es praktisch unmöglich, ihm aus dem Weg zu gehen.

Als Ilana in die Eingangshalle trat, sah sie Liliana bereits draußen in ihrem Lexus warten. Auf der Fahrt schaffte sie es wie durch ein Wunder, eine leichte Unterhaltung zu beginnen und sie bis Rose Bay in Gang zu halten. Zu wenig Schlaf, zu viele Schmerztabletten – ihre Wange brannte immer noch – und ein anstrengender Arbeitstag. Da war es fast ein Wunder, dass sie überhaupt noch aufrecht stehen konnte.

Auf der Cocktailparty wurde ihr rasch klar, dass Sekt in ihrem Zustand nicht angebracht war. Deshalb ließ sie ihr halb leeres Glas stehen und beschränkte sich auf Mineralwasser.

„Ilana.“

Sie erstarrte. Xandro. Sie setzte ein Lächeln auf, während sie sich dem Mann zuwandte, der mit ihrem Herzen wer weiß was anstellte.

Leicht kniff er die Augen zusammen und musterte sie forschend.

„Alles okay?“, fragte er.

Oh, Himmel. „Ja, sicher.“

Sein Gesicht war undurchdringlich. „Ist irgendwas?“

„Nein, gar nichts. Ich habe nur keine Lust auf Spielchen“, gab sie mühsam zurück und sah, dass sein Blick hart wurde.

„Du hältst das hier für ein Spiel?“

„Ich habe keinen Platz in deinem Leben.“

„Das ist ein großer Irrtum.“

Sie spürte, wie ihr Kopf plötzlich leer wurde, dann fingen ihre Wangen an zu brennen. Er nahm ihre Hand und verflocht seine Finger mit ihren. Ilana bekam Herzklopfen. Als er mit den Daumen leicht über die Innenseite ihres Handgelenks fuhr, verstärkte sich das Gefühl der Demütigung, das sie empfand. Gleich würde er spüren wie ihr Puls raste.

Sie versuchte, sich seiner Hand zu entziehen.

„Hör auf“, verlangte sie leise, woraufhin er eine Augenbraue hob.

„Womit? Deine Hand zu halten?“

Wieder wollte sie sich losreißen, aber es gelang ihr nicht. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Verdammt. „Lass das.“

Er lockerte seinen Griff, jedoch ohne sie loszulassen. Und natürlich würde er sofort wieder fester zupacken, falls sie anfing sich zu wehren.

„Dein Ex hat dich wieder bedroht.“

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Ilana wich seinem Blick aus. „Wie kommst du darauf?“

„Weil ich es weiß.“

Sie hätte heute Abend nicht herkommen sollen. Aber es war einfacher gewesen, als sich eine Ausrede einfallen zu lassen, die ihr wahrscheinlich doch niemand abgenommen hätte.

„Willst du mir davon erzählen?“

„Nein.“

„Das solltest du aber. Allein wirst du mit diesem Problem nicht fertig werden.“

Ilana schüttelte langsam den Kopf. „Jeder, der versucht mir zu helfen, macht die Sache nur noch schlimmer. Glaub mir.“

Die Kopfschmerzen, die schon den ganzen Tag hinter ihren Schläfen pochten, wurden stärker. Ilana schaute sich verzweifelt nach Liliana um. Wo steckte sie bloß?

„Falls du deine Mutter suchst, sie unterhält sich da drüben“, informierte Xandro sie trügerisch ruhig, während er sie losließ. Sofort bahnte sie sich, ohne einen Blick zurückzuwerfen, ihren Weg in Lilianas Richtung. Die Kopfschmerzen boten ihr eine willkommene Ausrede. So brauchte sie nicht zu lügen und hatte trotzdem einen guten Grund, sich vorzeitig zu verabschieden.

„Oh, Liebes, das tut mir ja so leid“, sagte Liliana mitfühlend. „Soll ich dich nach Hause …“

„Nein, lass nur“, fiel Ilana ihr hastig ins Wort. „Ich nehme ein Taxi.“

„Ich fahre dich.“

Xandro. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Er hatte einen Gang wie eine Wildkatze. Ilana schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder. „Das ist wirklich nicht nötig.“

„Oh, das ist ganz reizend von Ihnen“, sagte Liliana charmant. „Vielen Dank.“

Jetzt hatte Ilana die Qual der Wahl. Sie konnte sich entweder weigern, und das bedeutete, dass sie sich in aller Öffentlichkeit herumstreiten musste. Oder sie ließ ihm seinen Willen. Sie entschied sich für Letzteres, allerdings nur, bis sie draußen auf dem Bürgersteig standen. Dann holte sie ihr Handy aus ihrer Tasche.

„Was hast du vor?“

„Ich rufe ein Taxi.“

„Kommt nicht infrage.“

„Das hast du nicht zu bestimmen.“

Sie sah seine dunklen Augen wütend aufblitzen – und eine Sekunde später stand die Zeit still. Die Umgebung trat in den Hintergrund, die Luft schien sich plötzlich elektrisch aufgeladen zu haben … und ihr Herz begann wie verrückt zu hämmern.

Ganz langsam zog er sie an sich, legte seinen Mund auf ihren und begann sie so leidenschaftlich zu küssen, dass sich ihre Wut umgehend verflüchtigte. Als er den Kuss vertiefte, wurde ihre verletzte Wange in Mitleidenschaft gezogen, aber der Schmerz verflog im Nu. Jetzt gab es nur noch sie und den Mann, unter dessen ungestümen Zärtlichkeiten sie dahinschmolz.

Irgendwann merkte sie verschwommen, dass er sie losließ, und ein paar Sekunden lang war es, als würden ihre Beine unter ihr nachgeben, aber gleich darauf hatte sie sich wieder unter Kontrolle.

„So, und jetzt alles noch mal von vorn“, sagte er heiser.

Herr im Himmel. Was meinte er mit von vorn … ab wo?

„Ich bin überrascht, dass es dir plötzlich die Sprache verschlagen hat.“

Sein amüsierter Tonfall ärgerte sie. „Ich suche immer noch nach den angemessenen Worten“, brachte sie schließlich mühsam heraus.

„Lass die Ausflüchte.“

Ilana warf ihm einen missmutigen Blick zu, der aufgrund der Dunkelheit seine Wirkung allerdings weitgehend verfehlte. „Glaub ruhig, dass es Absicht ist.“

Er deaktivierte die Alarmanlage, dann öffnete er die Beifahrertür und trat einen Schritt zurück. „Einsteigen, Ilana.“

Sie rührte sich nicht von der Stelle. „Ich will aber nicht. Ist das bei dir immer noch nicht angekommen?“

„Vor mir hast du nichts zu befürchten.“ Seine Stimme klang gefährlich ruhig. Fast so, als ob er wüsste, dass Grant …

Aber er konnte es nicht wissen.

„Ich ziehe es dennoch vor, ein Taxi zu nehmen.“

Xandro hüllte sich in Schweigen und wartete weiter darauf, dass sie einstieg, was sie nach einer kleinen Ewigkeit schließlich widerstrebend tat. Ihre Lippen prickelten von seinem Kuss, sie konnte ihn immer noch schmecken und spüren. Ihre rechte Kopfseite schmerzte, die Wange brannte. Plötzlich fühlte sie sich scheußlich verletzlich und aus irgendeinem unerfindlichen Grund den Tränen nah.

Fang jetzt bloß nicht an zu heulen, beschwor sie sich. Eine einzige Träne würde die Demütigung perfekt machen. Denk an etwas Schönes. Sonnensatte Tage, ein strahlend blauer Himmel, Rosen im Garten, Blumenduft in der Luft. Junge Katzen, die sich übermütig im Gras balgen … denk an alles, alles, nur nicht an deine dunklen Erinnerungen und den Mann an deiner Seite.

Es funktionierte ganz gut, besonders wenn sie durch die Windschutzscheibe nach draußen auf die vorbeihuschenden Lichter, die Autoscheinwerfer und Leuchtreklamen schaute. Xandro zog es vor zu schweigen, wofür sie ihm dankbar war. Als der Bentley endlich vor ihrem Haus anhielt, atmete sie auf. Ilana löste den Sicherheitsgurt und griff nach der Tür. Dann warf sie ihm ein kurzes Danke hin und stieg aus.

Nach wenigen Schritten hörte sie eine Autotür gedämpft ins Schloss fallen, gefolgt von dem leisen Pfeifton einer Alarmanlage. Und dann stand Xandro auch schon neben ihr.

„Ich bringe dich noch bis zu deiner Wohnungstür.“

„Nein.“ Sie musste ihn loswerden … unter allen Umständen.

Sie gab den Sicherheitscode für die Außentür ein und betrat schnell die Eingangshalle – allerdings nicht schnell genug, um ihn abzuschütteln. Für die Benutzung des Aufzugs benötigte sie ihren Sicherheitsschlüssel, aber sie blieb einfach trotzig vor den geschlossenen Türen stehen. Xandro hob eine Hand und zeichnete eine feuchte Tränenspur auf ihrer Wange nach, dann musterte er sie lange und schweigend aus schmalen Augen.

„Na los, mach schon.“

Als sie immer noch keine Anstalten machte, deutete er auf den Lift und sagte: „Sobald die Aufzugtüren sich hinter dir schließen, bist du mich los.“

Sie zögerte, unsicher, ob er sein Wort auch halten würde, dann gab sie sich einen Ruck und holte den Aufzug. Sekunden später kündigte ein leises Klingeln seine Ankunft an. Eilig stieg Ilana ein und machte drei Kreuze, als sich die Türen hinter ihr schlossen. Endlich in ihrer Wohnung angelangt, schloss sie dreimal hinter sich ab und legte den Riegel vor. Dann durchquerte sie das große Wohnzimmer und ging in die Küche. Da sie wusste, dass sie erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren würde, hatte sie überall das Licht brennen lassen.

Es tat gut, sich abzuschminken … weniger gut tat der Anblick des dunkler werdenden Blutergusses auf ihrer Wange. An den Oberarmen hatte sie ebenfalls blaue Flecke. Minuten später setzte sie sich mit einer Tasse Tee im Wohnzimmer auf die Couch und machte den Fernseher an.

Leise aufseufzend zog sie die Beine unter sich und lehnte sich in die weichen Polster zurück, während sie durch die Kanäle zappte. Dabei sah sie aus dem Augenwinkel in der Nähe der Wohnungstür etwas Weißes auf dem Boden liegen, das sie beim Hereinkommen nicht gesehen hatte. War das ein Brief? Von wem?

Sie stand auf und durchquerte den Raum, um den Gegenstand aufzuheben; es war tatsächlich ein Briefumschlag. Während sie auf ihre gedruckte Adresse schaute, fragte sie sich, warum man den Brief unter der Tür durchgeschoben hatte, statt ihn unten in den Briefkasten zu stecken.

Ilana öffnete den Umschlag und faltete das weiße Blatt auseinander. Es enthielt nur einen einzigen Satz.

Lass die Finger von ihm.

Eine Unterschrift gab es nicht, aber die war auch nicht nötig. Das konnte nur von Grant stammen. Erschauernd fragte sie sich, wie er wohl bis an ihre Wohnungstür gelangt sein mochte.

Aber sie fragte sich auch, was sie eigentlich von Xandro wollte? Er war ein Bekannter, den sie hin und wieder bei gesellschaftlichen Anlässen traf, mehr war es doch nicht, oder?

Und ein Kuss hatte gar nichts zu bedeuten.

Nur dass es eben doch nicht ganz so einfach war. Schlimmer noch, ein Teil von ihr wollte noch sehr viel mehr. Würde sie es wagen, Grants Drohungen in den Wind zu schlagen?

Egal wie sie sich entschied, es würde immer falsch sein.

Der Tee in ihrem Becher wurde kalt, während sie blind auf den Bildschirm starrte. Irgendwann schaltete sie den Fernseher ab. Sie überprüfte, ob die Wohnungstür auch wirklich fest verschlossen war, dann schüttete sie ihren Tee ins Spülbecken und ging zu Bett.

Lange lag sie wach, und nachdem sie dann schließlich doch eingeschlafen war, fuhr sie zweimal aus einem Albtraum hoch. Nach dem zweiten Mal war sie so verängstigt, dass sie die Nachttischlampe anknipste und las, bis ihr die Augen wieder zufielen.

6. KAPITEL

„Und wie war dein Tag?“, erkundigte sich Xandro, der Ilana nach Feierabend vor dem Atelier abgepasst hatte. Er hatte sie zum Essen eingeladen und nicht lockergelassen, bis sie schließlich aufgegeben hatte. Ihr Pech. Andererseits war sie ganz froh über die Ablenkung; seit dem Drohbrief von gestern Abend meinte sie an jeder Straßenecke und in jedem Auto Grant zu sehen. Oder litt sie schon an Verfolgungswahn?

Ilana tat sich Zucker in ihren Kaffee. „Interessiert dich das denn?“

Sie beobachtete, wie er mit langen schlanken Fingern das Zuckertütchen aufriss. Traumhafte Hände, dachte sie. Sie hatte es ausgekostet, sie in ihrem Nacken zu spüren, an ihrem Gesicht. Sofort aufhören!

Es war der reine Irrsinn, daran zu denken, was für Gefühle seine Berührungen in ihr ausgelöst hatten. Ilana trank einen Schluck Kaffee, während sie ihn über den Rand ihrer Tasse hinweg beobachtete.

Sie wusste, dass sich hinter seiner lässigen Attitüde ein messerscharfer Verstand verbarg. Man konnte ihm nicht so leicht etwas vormachen. Erzähl einfach irgendwas, befahl sie sich. „Hektisch, wie immer.“ Sie zuckte die Schultern. „Zu viel Arbeit in zu wenig Zeit, so geht das bei uns nun mal zu.“ Sie musste sich erst einen Ruck geben, dann fuhr sie fort: „So, und jetzt bist du dran.“

„Das übliche, mehrere Besprechungen, eine Videokonferenz.“ Nichts, was er nicht spielend geschafft hätte.

Der Kellner brachte das Essen, Waldpilzrisotto mit Spinat, dazu geröstete Pinienkerne und jede Menge geriebenen Parmesan. Es schmeckte köstlich. Ilana aß mit Appetit, obwohl seine Nähe sie absurd nervös machte. Sie registrierte sogar die Art, wie er die Gabel zum Mund führte.

Doch an seinen Mund auch nur zu denken war das Dümmste, was sie machen konnte. Daher befahl sie sich schnell, sich auf etwas anderes zu konzentrieren … auf irgendetwas, nur nicht auf ihn. Schwierig, wo er ihr direkt gegenübersaß, so nah, dass sie nur die Hand auszustrecken brauchte, um ihn zu berühren.

Obwohl es ihr so gut geschmeckt hatte, war sie froh, als sie aufgegessen hatte. Anstelle einer Nachspeise bestellte sie Kaffee, und bald schon wartete sie ungeduldig darauf, bezahlen zu können. Denn diesmal würde sie die Rechnung übernehmen, das hatte sie sich geschworen. Doch als sie die Geldscheine auf den Tisch legen wollte, warf Xandro ihr einen bitterbösen Blick zu und zischte: „Lass das.“ Schon wieder Pech. Als sie sich beim Rausgehen kurz bedankte, nickte er nur.

Sie hätte sich jetzt einfach umdrehen und weggehen können. Und fast hätte sie das auch getan … wenn sich ihre Beine nicht geweigert hätten, den Befehlen ihres Verstandes zu gehorchen.

„Ich muss noch arbeiten.“ Das war nicht ganz falsch. Außerdem sehnte sie sich nach der Geborgenheit ihrer Wohnung.

„Ich nehme dich mit.“

„Nicht nötig. Der Weg ist so kurz, dass ich bequem zu Fuß gehen kann.“

„Ich habe gesagt, ich nehme dich mit. Es ist sowieso meine Richtung.“

„Bist du immer so herrisch?“

„Wenn ich etwas will, schon.“

„Nur für die Akten“, konterte sie in süßem Ton. „Ich mag keine herrischen Männer.“

Sein heiseres Auflachen spürte sie bis in die Zehenspitzen. „Heißt das, du hast vor, noch länger hier herumzustehen und dich zu streiten?“

„Und wenn es heißt, dass es mir lieber wäre, dich nicht mehr zu sehen?“

Seine Augen verloren ihren lasziven Glanz. „Dann wüsste ich, dass du lügst.“

Er sagte es so ausdruckslos, dass ihr der Atem stockte. Wieder einmal fühlte sie sich scheußlich verletzlich gegenüber diesem Mann, der sie so leicht durchschaute.

„Du verschwendest nur deine Zeit mit mir.“ Sie hörte selbst, wie abgehackt ihre Stimme klang. Als er ihre Hand nahm und seine Finger in die ihren gleiten ließ, zuckte sie zusammen. Wortlos folgte sie ihm zu seinem Bentley, setzte sich auf den Beifahrersitz und legte den Sicherheitsgurt an. Unterdessen ging er um den Wagen herum und setzte sich hinters Steuer.

In ein paar Minuten würde sie zu Hause und in Sicherheit sein. Endlich.

Die Fahrt verlief schweigend. Ilana hielt schon ihren Schlüssel bereit, als Xandro den schweren Wagen vor ihrem Haus zum Stehen brachte. Sie ließ den Sicherheitsgurt aufschnappen, und bevor sie sich bei ihm bedanken konnte, ergriff er das Wort.

„Du hast etwas vergessen.“

Ilana schaute ihn schweigend an, während er sich vorbeugte und ihren Mund sacht mit seinem streifte.

Lieber Gott, bitte tu mir das nicht an. Sie wollte das nicht fühlen.

Sie wollte kein Verlangen, keine Begierde spüren … wo sie doch nicht bereit war, zu vertrauen. Außerdem hatte sie schreckliche Angst, irgendeinem Mann – und ganz besonders diesem hier – zu erlauben, die Mauer zu durchbrechen, mit der sie ihr Herz vor Angriffen schützte. Mit seiner rechten Hand umschloss er ihren Oberarm. Als sie ein scharfer Schmerz durchfuhr, keuchte sie leise.

„Was ist?“ Er musterte sie aus zusammengekniffenen Augen.

Autor

Marion Lennox
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