Verratenes Vertrauen

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Es war ihre einzige Möglichkeit, das Gefängnis zu überleben: Nach einem brutalen Angriff ist Abby Nichols geflohen. Nun setzt sie alles daran, zu beweisen, dass sie keine Mörderin ist. Dabei lässt sie sich von niemandem aufhalten. Auch nicht von dem attraktiven Sheriff, der sie in den Rocky Mountains aufspürt.
Der Auftrag eine entflohene Mörderin wieder einzufangen, begeistert Sheriff Jake Madigan nicht gerade. Bis er der Gesuchten gegenübersteht. Dabei scheint sie ihm zu solch einer Tat gar nicht fähig. Aber Jake ist in seinem Leben schon von vielen Frauen getäuscht worden. Ein heftiger Schneesturm zwingt sie gemeinsam Schutz zu suchen. In sturmumtoster Nacht fängt Abby an, ihm ihre Geschichte zu erzählen. Doch kann er ihr wirklich glauben?
"… abenteuerlich und romantisch … Linda Castillo strahlt."
Debbie Richardson, Romantic Times
"… eine heiße Romanze, die ihre Leserinnen nicht enttäuschen wird."
Tracy Farnsworth, theromancereadersconnection.com
  • Erscheinungstag 15.08.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783956495465
  • Seitenanzahl 304
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Linda Castillo

Verratenes Vertrauen

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Katrin Hahn

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Just A Little Bit Dangerous

Copyright © 2002 by Linda Castillo

erschienen bei: MIRA Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.L

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold & partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Redaktion: Thorben Buttke

Titelabbildung: Thinkstock/Getty Images, München/Smitt

ISBN eBook 978-3-95649-546-5

www.harpercollins.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

1. KAPITEL

Er roch das Adrenalin, sobald er das Hauptquartier der Rocky Mountain Search and Rescue betrat, einer Bergwacht hoch oben in Colorado. Das Adrenalin hing in der Luft wie verbrauchtes Pulver nach einem Schuss. Es wirkte elektrisierend auf einen Mann, der die Höhe liebte.

Und Jake Madigan liebte die Höhe.

Sein eigener Adrenalinspiegel spielte seit dem Anruf um vier Uhr in der Früh verrückt. Als Chef der RMSAR-Reiter-staffel nahm er normalerweise nicht an den Lagebesprechungen teil. Beim Großteil seiner Einsätze fuhr Jake direkt mit seinem Pferd im Anhänger zum angegebenen Ort, um einen verirrten Wanderer oder einen verletzten Kletterer aus dem Hochland zu retten. Doch dieses Mal bestand Teamleiter Buzz Malone darauf, dass Jake bei der großen Lagebesprechung dabei war. Jake fragte sich, was die sechs Männer an einem Sonntagmorgen um vier Uhr früh aus dem Bett getrieben hatte. Und was es mit dem Transporter des Colorado Department of Corrections auf sich hatte, der draußen vor der Tür parkte. Das D.O.C. war die Justizbehörde des Staates.

Er schüttelte die Kälte ab und hängte seinen Duster Coat an den Kleiderständer. Dann legte er seinen Stetson obenauf und begab sich den Flur hinunter, wo sich seine Teamkollegen, wie er hören konnte, gerade zusammenfanden. In den meisten Fällen besprachen sich die Kollegen, wie sie sagten, zwanglos in der Kantine, doch die war an diesem Morgen verwaist. Nur in der Einsatzzentrale brannte Licht. Dieser Raum war für gewöhnlich der Presse vorbehalten oder Operationen, die aufgrund eines großen öffentlichen Interesses von irgendwelchen hohen Tieren geleitet wurden.

Jake hatte für solche hohe Tiere nicht viel übrig.

Er betrat die Einsatzzentrale und musterte die Anwesenden. Sein Blick blieb an zwei Männern hängen, die weit vorn mit grimmigen Mienen und in zerknitterten Anzügen saßen. Er wusste sofort, dass sie zu dem Transporter des Department of Corrections gehörten, der draußen stand. Er fragte sich, ob sie einen ihrer Kunden unterwegs verloren hatten und ob ihnen wohl mehr daran lag, den Sträfling zurückzubekommen oder ihre Bürokratenärsche zu retten.

Vor der Kaffeemaschine, die an der Rückseite des Raumes stand, goss sich John Maitland, der Sanitäter, gerade einen Kaffee in einen Pappbecher. Jake schnappte sich seinen eigenen Becher vom Tisch und hielt ihn dem Kollegen hin. „Du siehst so aus, als wärst du die ganze Nacht hier, Maitland.“

Der Sanitäter füllte Jakes Becher. „Letzte Nacht hatte ich Dienst und musste mich um das Baby kümmern.“

Jake war zurzeit nicht allzu versessen auf familiäre Dinge, aber der Gedanke, dass sein Teamkollege mitten in der Nacht aufstand, um ein schreiendes Baby zu trösten und zu füttern, entlockte ihm ein Grinsen. Vor neun Monaten noch zählte John Maitland zu den eingefleischten Junggesellen. Doch dann hatte er oben am Elk Ridge eine hübsche schwangere Rothaarige gerettet. Jetzt war John verheiratet und kümmerte sich wie ein Vater um ein süßes kleines drei Monate altes Mädchen. Selbst unausgeschlafen wirkte er höllisch glücklich.

„Das Baby füttern?“, brummte Jake.

„Beth stillt, aber nachts füttern wir mit einem Fläschchen zu, damit wenigstens einer von uns durchschlafen kann. Letzte Nacht war ich an der Reihe.“

Das Wort „Stillen“ schrillte unangenehm in Jakes Ohren. Er bemühte sich, keine Miene zu verziehen, und wartete einen Moment, bevor er das Thema wechselte. „Was hat es mit dem Transporter der D.O.C. da draußen auf sich?“

„Ein weiblicher Häftling hat sich letzte Nacht unten in Buena Vista aus dem Fenster der Sporthalle geschlichen.“

„Und wir haben Bereitschaft?“

„Genau.“ John blickte über die Schulter zu Buzz Malone, der leise mit den beiden Anzugträgern sprach. „Die Flüchtige hat lebenslänglich. Sie ist wegen vorsätzlichen Mordes in den Knast gewandert.“

Das war die schlimmste Sorte, dachte Jake. Eine Mörderin auf der Flucht, die nichts zu verlieren hatte.

„Du siehst so aus, als würde dich deine hübsche Ehefrau nachts vom Schlafen abhalten, John.“

Die beiden Männer wandten den Kopf und sahen, wie sich Tony „Flyboy“ Colorosa, Pilot des Bell-412-Hubschraubers des RMSAR und der Romeo im Team, schwungvoll Kaffee in den Becher goss.

„Du siehst nicht viel besser aus, Flyboy. Hast du auch eine lange Nacht gehabt?“, fragte Jake.

„Was soll ich sagen, Jake? Manch einer von uns hat tatsächlich ein Privatleben.“ Tony pfiff eine Melodie, während er Zucker in seinen Kaffee löffelte. „Du solltest es mal ausprobieren. Könnte deine ewig mürrische Laune verbessern.“

„Ja, und in Colorado könnte es demnächst mal aufhören zu schneien.“ John Maitland klopfte Jake grinsend auf den Rücken.

Jake bemühte sich, cool zu bleiben, und pustete auf seinen Kaffee.

„Gentlemen, setzt euch.“ Buzz Malone trat ans obere Ende des Tisches. „Wir haben nicht viel Zeit, daher fasse ich mich kurz.“

Jake setzte sich neben Pete Scully, den Jungsanitäter.

Buzz fuhr fort: „Das State of Colorado Department of Corrections hat uns gebeten, eine entflohene Strafgefangene ausfindig zu machen. Robert Singletary und Jim Neels sind vom Colorado Departement of Corrections, das zu der für uns zuständigen Behörde ernannt wurde. Jim wird euch über die Einsatzziele informieren.“ Buzz erteilte dem Mann neben ihm das Wort.

Jim Neels war ein Mann mittleren Alters mit den Zügen eines Bluthunds und der Statur eines pensionierten Linebackers. Sein hoffnungslos zerknitterter Anzug, gepaart mit den dicken Augenringen, verriet, dass hinter ihm bereits eine lange Nacht lag. Seinem finsteren Blick nach zu urteilen wusste er, dass der kommende Tag nicht kürzer werden würde.

„Irgendwann zwischen zehn Uhr gestern Abend und halb vier heute Morgen ist eine Insassin aus dem Buena Vista Corrections Center for Women entflohen“, setzte Jim Neels an. „Abigail Nichols, siebenundzwanzig Jahre alt, wurde wegen Mordes verurteilt und verbüßt bei uns eine lebenslängliche Haftstrafe. Wir sind dabei, Absperrungen zu errichten, aber wir müssen ein sehr großes Gelände sichern, und dabei brauchen wir Ihre Hilfe.“ Jim Neels blickte in die Runde. „Dies ist eine Fahndungsoperation, Gentlemen. Wenn Sie der Frau begegnen, rate ich Ihnen zur äußersten Vorsicht.“ Sein Blick fiel auf Jake. „Sind Sie der einzige Polizist im Team, Mr. Madigan?“

„Ich bin Deputy Sheriff in Chaffee County.“

Jim Neels nickte. „Abgesehen von Deputy Madigan, wenn Sie der Zielperson begegnen, versuchen Sie nicht, sie festzuhalten oder sie in Gewahrsam zu nehmen. Rufen Sie das D.O.C. zur Verstärkung. Die Einsatzkoordination von Rocky Mountain Search and Rescue weiß, dass man Sie direkt zu uns durchstellen soll. Haben Sie das verstanden?“

Tony Colorosa gähnte. John Maitland trank den letzten Rest seines Kaffees aus dem Becher und Jake lehnte sich in seinem Stuhl zurück, kreuzte die Beine an den Knöcheln und betrachtete eingehend seine Stiefel. Die Männer von RMSAR mochten es nicht, wenn irgendwelche Anzugträger daherkamen und ihnen sagten, wie sie ihre Arbeit zu erledigen hatten. Sie waren die Besten der Besten und sollten dennoch in einen Einsatz gehen, den sie nicht erfolgreich zu Ende führen durften.

„Diese Frau hat eine Vorgeschichte. Sie war psychisch krank“, fügte Jim Neels hinzu. „Vielleicht hat sie einen Komplizen, das wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, auch nicht, wer diese Person sein soll, aber seien Sie gewarnt. Die Frau ist möglicherweise bewaffnet und sie gilt als gefährlich.“

„Hat sie schon irgendjemand gesehen?“, fragte Jake.

Buzz ging zu einer Staffelei, wo eine topografische Karte das Gebiet der fünf Countys rund um das Gefängnis an-zeigte. Jetzt kam Anzugträger Nummer zwei in Schwung. Er zeigte auf die Strafvollzugseinrichtung. „Dies ist unsere Einrichtung in Buena Vista. Wir haben ein Zeitfenster von fünf Stunden. Ein Durchschnittsmensch legt ungefähr 3,2 Meilen pro Stunde zu Fuß zurück. Wir denken, sie ist westwärts gelaufen.“ Er wies auf ein farblich hervorgehobenes Gebiet. „Das sollte sie irgendwo hier in diesen gelben Bereich bringen.“

„Ist sie motorisiert?“, fragte Jake.

„Nicht, dass wir wüssten, aber es ist durchaus möglich, dass ein Komplize einen Wagen an einem vereinbarten Ort geparkt hat.“

Jake schnaubte. „Wenn sie zu Fuß unterwegs ist und westwärts läuft, wird sie kaum vorankommen. Die Gegend da oben ist rau.“

Anzugträger Nummer zwei verzog sein Gesicht. „Nichols ist sehr“, er zögerte, „zielstrebig.“

Jake wusste nicht genau, was der Mann damit sagen wollte, aber er ließ es dabei bewenden. Egal wie zielstrebig er auch war, kein Mensch konnte zu Fuß eine besonders große Strecke zurücklegen. „Was ist mit der Kleidung?“

„Ein vom Staat gestellter Overall, grau. Blaue Jacke. Weiße Segeltuchschuhe. Das ist alles, was sie hat, es sei denn, irgendjemand hat sie mit anderer Kleidung versorgt.“

„Holt jemand die Hunde dazu?“, fragte Buzz.

„Das übernimmt Chaffee County. Die Forstverwaltung hat alle Ranger-Stationen in der Gegend verständigt.“

„Gibt es eine Personenbeschreibung?“, fragte John.

Der Anzugträger blätterte die Seite auf der Staffelei um. Unversehens verstummten alle im Raum. Das Fahndungsfoto zeigte eine junge Frau mit brauner Lockenmähne, die reichlich von platinblonden Strähnen durchzogen war. Jake sah große Augen von der Farbe eines Bergsees, in dem sich ein veilchenblauer Himmel spiegelte. Abigail Nichols hatte feine dunkle Augenbrauen und volle Lippen, die sie nur so weit geöffnet hatte, dass einem Mann heiß und kalt wurde. Ihr anmutiger Hals animierte jeden im Raum dazu, den Kopf zu recken, damit er den Rest der Verpackung sah.

Jake kam ins Schwitzen. Er betrachtete das Bild weitaus faszinierter, als er eigentlich sein wollte. Das hübsche Geschöpf, das ihn vom Foto anstarrte, glich keiner entflohenen Strafgefangenen, sondern eher einem Model aus der Sham-poo-Werbung, mit all den wilden, sonnengebleichten Haaren.

„Sie ist ein Meter fünfundsechzig groß“, sagte Anzugträger Nummer zwei. „Wiegt hundertfünfzehn Pfund. Veilchenblaue Augen. Blonde Haare.“

Die Stimme verklang, während sich Jake weiter auf das Fahndungsfoto konzentrierte. Die Haut der Frau war makellos und blass wie Sahne. In ihrer Miene spiegelten sich Trotz und eine gewisse Durchtriebenheit. Ihre Augen sprachen von den Geheimnissen einer Frau und lockten die Unachtsamen, ihr zu vertrauen.

Jake fiel eindeutig nicht in die Kategorie der Unachtsamen. Vor zwei Jahren hatte er sich für eine Frau mit hübschem Gesicht und Leidensgeschichte zum Narren gemacht. Ihr Verrat schmerzte ihn bisweilen immer noch, wenn er es sich erlaubte. Er wusste besser als viele andere, dass das Aussehen eines Menschen über seinen Charakter hinwegtäuschen konnte. Und er wusste, wie es sich anfühlte, Opfer einer solchen Täuschung zu sein. Bis heute spürte er das Messer in seinem Rücken. Er hatte sich hundert Mal geschworen, sich niemals wieder so hereinlegen zu lassen.

„Irgendwelche Fragen?“

Jake räusperte sich, um den Frosch aus seiner Kehle zu vertreiben. „Irgendeine Ahnung, wohin sie geht?“

„Wir haben eine Karte in ihrer Zelle gefunden, auf der eine Route gen Osten eingezeichnet war, aber wir glauben, es ist ein Täuschungsmanöver. Wir stellen nach Osten hin Patrouillen auf, dennoch vermuten wir, wie ich erwähnte, dass sie nach Westen und in die höheren Lagen will.“ Der Anzugträger warf einen Blick auf seine Armbanduhr und gab das Wort an Buzz weiter.

Buzz sah Tony Colorosa an. „Wie sieht die Wetterlage aus, Flyboy?“

Tony horchte auf. Er mochte vielleicht der Romeo im Team sein, seine Arbeit als Hubschrauberpilot nahm er jedoch äußerst ernst. „Der Wetterdienst hat vor etwa einer Stunde eine Warnung rausgegeben. Von Nordwesten kommt ein Tiefdruckgebiet zu uns herein, das an Kraft gewinnt. Es führt einen guten halben Meter Neuschnee mit sich und Böen, die bis heute Nachmittag eine Stärke von fünfzig Knoten erreichen werden. Ich würde sagen, wir haben vielleicht zwei, höchstens aber vier Stunden, bevor ich mich am Stützpunkt zurückmelden muss.“

Buzz schien nicht erfreut darüber zu sein, seinen Piloten in launisches Wetter hinauszuschicken. „Das gibt uns maximal vier Stunden mit dem Hubschrauber, Gentlemen. Der Rest der Suche wird am Boden durchgeführt. Meldet euch bei euren Mommies, Frauen und Freundinnen bis einschließlich zum Abendessen ab.“ Buzz sah Jake an. „Wo willst du anfangen?“

Jake studierte aufmerksam die Karte. Er brauchte einen Moment, um sich in den Kopf der Zielperson zu versetzen. „Ich werde den Anhänger westlich von Buena Vista abstellen und sehen, ob ich ein paar Spuren aufnehmen kann.“

Buzz’ Aufmerksamkeit wanderte schnell wieder zurück zu seinem Piloten. „Du und Scully, ihr nehmt den Hubschrauber nach Nordwesten und sucht das Gebiet dort ab. Sobald wir vierzig Knoten Windstärke erreichen, will ich, dass ihr wieder hier drinnen seid. Verstanden?“

Tony salutierte spöttisch.

Buzz’ Blick glitt zu John Maitland. „Wir beide fahren mit dem Geländewagen nach Südwesten, um mit dem Sheriff’s Office von Chaffee County und dem Hundeteam zusammenzuarbeiten.“ Er ließ den Blick über die Truppe schweifen. „Ich wiederhole noch einmal für alle, diese Operation ist ein Code Gelb. Wir suchen lediglich. Seid äußerst vorsichtig. Die Zielperson gilt als gefährlich und könnte bewaffnet sein. Also dann, Gentlemen, wir legen los.“

Dieses Mal hatte sie sich selbst übertroffen, stöhnte Abigail Nichols. Ihr war eiskalt, ihre Finger waren taub und ihre Füße schmerzten bei jedem Schritt. Ihr Magen knurrte vor Hunger, sie war erschöpft und zu Tode verängstigt. Und zu allem Übel hatte sie sich auch noch heillos verirrt. Als ob sie dieses i-Tüpfelchen noch brauchte. Ihr Leben war doch auch schon so im vergangenen Jahr zu einer einzigen Katastrophe geworden.

Doch gerade als sie dachte, es könnte nicht schlimmer kommen, entdeckte sie den Mann auf dem Pferd. Er war noch gut eine Viertelmeile entfernt, doch Abigail brauchte nicht in sein Gesicht zu sehen, um zu erkennen, dass er Polizist war. Sie war im vergangenen Jahr so vielen Polizistentypen begegnet, dass sie sie mit verbundenen Augen erkannte. Sie hatten diesen besonderen Blick an sich. Streng. Kompromisslos. Kaltherzig. Geradezu gemein, größtenteils. Es durfte sie eigentlich nicht überraschen, dass er sie verfolgte, und doch nahm es ihr den Mut. Angst durchfuhr sie bis hinab zu ihren tauben Zehen.

Er war bestimmt ein Sheriff’s Deputy oder vielleicht sogar ein Kopfgeldjäger. Bei dem Gedanken an Letzteres erzitterte sie. Es würde zu ihr passen, wenn irgendein schießwütiger Machoidiot es als seine Profession betrachtete, die berühmtberüchtigte Abigail Nichols festzunehmen, die gefährlichste Verbrecherin seit Bonnie Parker. Das einzige Problem daran war nur, dass Abigail Nichols unschuldig war, und Bonnie Parker war es nicht. Das Buena Vista Corrections Center for Women schien es aber nicht zu interessieren.

Seit fast sechs Stunden schon stapfte sie über Büffelgras-Büschel und über Felsbrocken hinweg. Die kalte, dünne Luft brannte in ihrer Lunge und ihre Muskeln zitterten vor Erschöpfung, aber Abigail schonte sich nicht. Sie hatte sich die letzten vier Monate auf diesen kleinen Ausflug vorbereitet. Körperliche Fitness half einem ein ganzes Stück, wenn man über raues Gelände um sein Leben rannte, obwohl man nicht zur Felskletterin taugte.

Natürlich, ganz gleich, wie gut ihre Kondition auch war, wenn Abigail die falsche Richtung einschlug, landete sie am Ende in Omaha statt in New Mexico, wo Grams mit einer Umarmung, einem Lächeln und einem Platz für die Nacht auf sie wartete. Anschließend würde sie sich an die stolze Aufgabe machen, ihren Namen reinzuwaschen.

Sie hätte längst auf eine Straße stoßen sollen. Genauer gesagt hätte sie schon vor vier Stunden auf eine schmale, unbefestigte Straße stoßen sollen, in deren Verlauf Grams’ Pick-up unter einer alten Holzbrücke stand. In dem kleinen Truck hatte Grams Kleider zum Wechseln und einen geheimen Bargeldvorrat versteckt und den Zündschlüssel in einer kleinen Magnetbox unter der Kühlerhaube verborgen.

Abigail konnte nicht begreifen, wie sie diese Straße übersehen hatte. Sie hatte stundenlang die Karte studiert, die Grams ins Gefängnis geschmuggelt hatte. Demnach musste sie der Sonne von Buena Vista nach Westen folgen. Doch leider war sie mitten in der Nacht geflüchtet, und der Himmel hatte sich bei Morgengrauen als zähe graue Suppe präsentiert. Das war bereits Stunden her, doch an der Lage hatte sich inzwischen nichts verbessert. Wenn die Wolken, die den Horizont trübten, tatsächlich auf irgendetwas hindeuteten, dann darauf, dass Abigail mit Pech in spätestens einer Stunde durch Schnee stapfen würde, wenn es kein Eisregen war, der auf sie niederpeitschte. Sie war nicht sicher, was schlimmer war, doch egal, was kam, Abigail musste sich auf eine fürchterliche Dosis Colorado-Wetter gefasst machen.

Sie hielt an, um Luft zu holen. Sie lehnte sich gegen einen Vorsprung aus Granit und starrte über das Tal. Unter ihr erstreckte sich der Pike National Forest wie in einem Bilderbuch. Eine Million Morgen dünn besiedeltes Bergland, Wildwasserbäche und Kiefernwälder breiteten sich vor ihr aus. Unter anderen Umständen hätte Abigail diese atemberaubende Landschaft und die Bergluft sicher genossen. Aber sie war auf der Flucht und sie hatte sich verirrt, und schon bald würde sie sich einem bewaffneten Mann gegenüber sehen, dessen einziges Ziel es war, ihre einmalige Chance auf Freiheit zu zerstören. Sie musste mit ihren Kräften haushalten und alle Energie darauf verwenden, eine möglichst große Distanz zwischen sich und ihn zu bringen.

Seufzend blickte sie zu der Gestalt auf dem Pferd und sah, wie sie sich den Pfad hinaufwand, den sie selbst vor einer knappen halben Stunde genommen hatte. Es gab keinen Zweifel, der Mann kam näher. Wenn sie sich in den nächsten zehn Minuten nicht irgendetwas absolut Brillantes einfallen ließ, würde er direkt vor ihr stehen.

Sie unterdrückte die aufsteigende Panik. Abigail sah sich panisch um. Grams hatte ihr immer gesagt, extreme Zeiten erforderten extreme Maßnahmen. Bisher hatte sie diesen alten Stammtischparolen keine große Bedeutung beigemessen, aber als die Sekunden verstrichen und ihre Wahlmöglichkeiten immer mehr zusammenschrumpften, fand sie, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war, sie auf die Probe zu stellen.

Jake lockerte die Zügel und überließ es dem Pferd, sich seinen Weg bergauf im felsigen Gelände zu suchen. Er verfolgte die Zielperson schon seit einer Stunde. Als er sie erstmals gesichtet hatte, hatte er das RMSAR-Hauptquartier angefunkt und mitgeteilt, dass die Gefängnisbehörde und das Chaffee County die Absperrungen gen Osten wieder aufheben könnten. Wenn alles gut ging, und davon ging er aus, befand sich Abigail Nichols noch vor Einbruch der Dämmerung in seinem Gewahrsam und mit ihm auf dem Weg zurück zum RMSAR. Mit etwas Glück kam er sogar noch rechtzeitig nach Hause, um im Fernsehen zu verfolgen, wie Colorado Avalanche die Red Wings schlug. Er hatte zehn Mäuse darauf gewettet und er wollte weder die Wette verlieren noch das Eishockey-Spiel verpassen.

Jake kannte das Hochland wie seine Westentasche. Er liebte die feindselige Schönheit und achtete die Unberechenbarkeit der Berge. In den zwölf Jahren, die er nun schon beim RMSAR-Team war, hatte er in dieser wilden, schroffen Landschaft vom verwirrten Pfadfinder bis hin zum Demenzkranken schon wirklich alles gesucht. Er kannte diese weite Wildnis gut genug, um jeden Menschen zu bewundern, der sie sechs Stunden lang durchqueren konnte, ohne müde oder panisch zu werden. Für eine Frau ohne Wanderausrüstung oder Erfahrung war Abigail Nichols erstaunlich schnell vorangekommen. Jake fragte sich, ob sie ein Ziel im Auge hatte und was sie hier draußen, mitten im Nirgendwo, zu erreichen glaubte.

Am Gipfel der Anhöhe wurde das Gelände eben, und Jake trieb seine Stute in einen längeren Trab. Brandywine war ein erfahrenes Wanderpferd und so trittsicher wie eine Bergziege. Sie war knochig und muskulös und sie besaß mehr Verstand als die meisten seiner Freunde. Ihr Herz war so groß wie der Pike Peak. Jake hatte die Stute schon oft unter den unwirtlichsten Wetter- und Geländebedingungen geritten, doch sie hatte immer die Ruhe bewahrt. Er vertraute ihr sein Leben blind an und glaubte ihr mehr als den meisten Menschen.

Der Ledersattel unter ihm knarrte leise, als er sein Pferd wieder einen steilen Abhang hinunterführte. Hinter ihm folgte sein Maultier Rebel Yell. Die Hufeisen des Tieres klirrten beim Abstieg gegen den felsigen Boden.

Der Wind hatte zugenommen und wehte jetzt kräftig bis stürmisch aus Westen. Jake schätzte, dass ihm höchstens noch eine Stunde blieb, bis das schwere Wetter einsetzte. Der November in den Colorado Rockies war unvorhersehbar, besonders in den höheren Lagen. Wie oft hatte Jake hier schon nach Wochenend-Kriegern gesucht, die Denver in T-Shirts und Sneakers verlassen hatten, um im Hinterland zu wandern, dort aber von einem Schneesturm überrascht wurden. Verdammte Touristen. In den Bergen war ein bisschen gesunder Menschenverstand überlebenswichtig.

Er legte weitere fünfundvierzig Meter zurück, bevor er registrierte, dass er die Fährte verloren hatte. Verwirrt zog er die Zügel an und ritt zurück. Es sah ihm nicht ähnlich, so etwas zu übersehen. Jake verfolgte Spuren, seit er reiten konnte, und das hatte er gleich nach dem Laufen gelernt. Er stammte aus einer alten Pferde- und Viehzüchter-Familie und fühlte sich auf einem Pferderücken so wohl wie die meisten Menschen hinter dem Steuer ihres Autos.

Fünfundvierzig Meter weiter zurück nahm er die Spuren wieder auf. Der Abdruck eines Segeltuchschuhs in der feuchten Erde. Ein zertrampeltes Büschel Büffelgras. Ein Zweig, gebrochen an der Stelle, wo die Zielperson ihn gestreift hatte. Dann plötzlich nichts.

Was zur Hölle war hier los?

Jake erinnerte sich an die Warnung des Strafvollzugsbeamten, dass die Zielperson bewaffnet sein könnte. Er ließ den Blick über die unmittelbare Umgebung schweifen. Er lauschte. Es war so still, dass er hörte, wie der Wind durch die Kiefern flüsterte. Brandywine tänzelte unruhig umher, ihr Zaumzeug klirrte, als sie den Kopf zurückwarf. Jakes Nackenhaare prickelten. Es war zu still. Warum zwitscherten die Vögel nicht?

„Brr, Mädchen.“ Während er sich fragte, ob die Zielperson vielleicht zurückgelaufen war, wurde ihm klar, dass ihm gerade ein Anfängerfehler unterlaufen war. Verdammt.

Er zog an den Zügeln, stieß der Stute die Fersen in die Seiten und trieb sie damit schnell rückwärts. Im selben Moment zog er die Heckler & Koch.45 aus dem Holster und schwang sie in die Höhe. Adrenalin durchflutete seinen Körper, als er drei Meter über sich ein Paar schmutzige Segeltuchschuhe vom Ast einer Küstenkiefer baumeln sah.

„Ich bin Officer der Polizei.“ Er drängte Brandywine in eine sicherere Entfernung. „Zeigen Sie mir Ihre Hände.“

Zwei bloße Hände erschienen zwischen den Zweigen, schmutzig, aber unbewaffnet.

„Kommen Sie vom Baum runter, Ma’am.“

Von der Erde aus kaum sichtbar, saß die Gesuchte unsicher auf einem Ast. Jake reckte den Hals, um sie besser sehen und ihre Verfassung abschätzen zu können, und erstarrte. Nie zuvor hatte er in solche Augen geblickt. Eine faszinierende Mixtur aus Veilchenblau und Nachtblau, gesponnen zu Samt und zart wie der Berghimmel, blitzte ihm entgegen. Ihr Haar war ein wirr gekräuseltes Durcheinander aus Braun, durchzogen von Blond. Es fiel unordentlich über ihre Schultern und war zu wild und ungewöhnlich, um nicht natürlich zu sein.

Jake befand nach wie vor, dass diese Frau nicht wie eine entflohene Strafgefangene aussah. Die Fotografie, die der Beamte vom Department of Corrections ihnen am Morgen gezeigt hatte, wurde diesem hübschen Geschöpf nicht einmal ansatzweise gerecht. Allem Anschein nach traf das auch auf das psychologische Profil der Frau zu. Sie wirkte auf Jake weit vernünftiger als viele Leute, denen er hier in der Gegend schon über den Weg gelaufen war. Und es schien sie zu beschämen, dass er sie auf dem Baum entdeckt hatte. Aber sie war die einzige blonde Frau in grauen Gefängniskleidern weit und breit. Demnach musste sie die Richtige sein.

„Ich bin Deputy Sheriff beim Chaffee County Sheriff’s Department, Ma’am. Ich möchte, dass Sie vom Baum herunterklettern, bevor Sie sich verletzen“, sagte er. „Und zwar sofort.“

„Woher soll ich wissen, dass Sie wirklich Polizist sind?“

Ihre Stimme wehte wie ein Hauch zu ihm herunter. Ihr Akzent klang nach Appalachen. Jake fragte sich, wie sich eine derart hübsche junge Frau in solch entsetzliche Schwierigkeiten gebracht haben konnte.

Er hakte seine Dienstmarke vom Gürtel und hielt sie hoch, damit sie sie sah. „Jake Madigan, Chaffee County Sheriff’s Office. Kommen Sie runter.“

Er hörte sie seufzen, dann sah er, wie sie ihre Füße auf dem Ast entlangschob und sich auf den Stamm zubewegte. „Gut. Ich komme. Warten Sie einen Augenblick. Und stecken Sie Ihre Waffe weg! Die Dinger machen mich nervös, vor allem, wenn sie auf mich gerichtet sind.“

Jake hielt die Waffe fest. „Seien Sie vorsichtig.“

„Als ob Sie das kümmern würde.“

Er hob eine Augenbraue. „Na ja, ich würde Sie nur ungern den ganzen Weg zurück nach Buena Vista schleppen, während Sie sich die Lunge aus dem Halse schreien, weil Sie sich beim Sprung von diesem gottverdammten Baum den Knöchel gebrochen haben.“

„Glauben Sie mir, Mister, ein gebrochener Knöchel wäre derzeit mein geringstes Problem.“

Das bestritt er nicht. Abigail Nichols steckte zweifelsohne in ernsthaften Schwierigkeiten. Jake stieg vom Pferd und ließ die Zügel auf den Boden baumeln, ein Zeichen für Brandywine, hier stehen zu bleiben. Er blickte nach oben und sah, wie die Frau beide Füße auf einen tieferen Ast stellte. Der Ast hätte ihr Gewicht gewiss gehalten, wenn ihn nicht ein Specht durchlöchert hätte. „Sie wollen diesen Ast besser nicht mit Ihrem Gewicht belasten, Ma’am.“

„Sagen Sie mir nicht, wie ich zu klettern habe, Cowboy. Ich klettere auf Bäume, seit ich drei Jahre alt bin.“

„Das mag stimmen, Ma’am, aber …“

„Ich weiß, was ich tue.“

Der Ast brach knackend und die Frau schrie auf, dann stürzte sie durch ein Dutzend kleinerer Äste. Jake blieb kaum Zeit, seine Dienstwaffe ins Holster zu stecken, als blonde Haare und etwas in Gefängnisgrau schemenhaft an ihm vorbeipurzelten und mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden auftrafen.

„Immer mit der Ruhe.“ Er trat auf sie zu. „Bleiben Sie bloß liegen.“

Sie lag ausgestreckt auf der Seite und fluchte unüberhörbar, aber sie rührte sich nicht.

Oh, verdammt. Das war genau das, was er nicht brauchte: eine verletzte, störrische Gefangene, die schön wie die Sünde war und die er jetzt den Berg hinunterschleppen musste. Warum um alles in der Welt hatte er sich freiwillig für diesen Kram gemeldet? Er könnte jetzt genauso gut zu Hause Pferdemist schaufeln!

Jake kniete sich nieder, legte seine Hände fest auf die Schulter der Gesuchten und versuchte, all die blonden Locken zu ignorieren, die über seine Hand strichen. „Sind Sie in Ordnung?“

Ein Ächzen drang unter der Masse von Haaren hervor. „Lassen Sie mich nur einmal durchatmen.“

„Können Sie Ihre Zehen bewegen?“

Jake schaute an ihrem Bein hinunter, das kein Ende zu nehmen schien. Abigail Nichols bewegte ihre Zehen unter dem Segeltuchstoff. „Ja.“

„Was ist mit Ihren Fingern?“

Sie wackelte mit den Fingern. „Puh, das tut wirklich weh.“

Offenbar hatte sie sich nicht ernsthaft verletzt, doch da er ausgebildeter Rettungssanitäter war und wusste, dass verärgerte Strafgefangene zunehmend gegen Polizeibehörden vor Gericht zogen, wollte er alle möglichen Komplikationen von vornherein ausschließen. „Drehen Sie sich für mich um, okay?“

Sie rollte sich langsam auf den Rücken. „Au. Oh du meine Güte.“

Sein Puls jagte, als er einen Blick auf ihre veilchenblauen Augen erhaschte, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt waren und ebenso keck wie provozierend blitzten. Genau das brauchte er in seinem Leben nicht mehr. Er hatte genug von dieser Sorte Frau, und die Vorstellung, wieder so eine am Hals zu haben, die dazu noch straffällig geworden und eine Lügnerin war, gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Tut irgendwas weh?“, fragte er.

„Meine Hüfte und mein Ellbogen. Es fühlt sich so an, als wäre ich auf einem Felsen gelandet.“

„Hat es Ihnen den Atem verschlagen?“, fragte er.

„Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen so geht, aber ich habe zufällig eine Schwäche dafür, Sauerstoff in meine Lunge zu bekommen. Macht das Atmen um einiges einfacher.“

„Daran hätten Sie denken sollen, bevor Sie auf diesen Baum geklettert sind. Das war ein verdammt ungeschickter Stunt.“

„Nur fürs Protokoll, ich bin Expertin für ungeschickte Stunts.“ Sie zupfte einen Zweig aus ihrem Haar und warf ihn nach Jake, dann setzte sie sich auf.

Der Gefängnisoverall schmeichelte ihrer Figur nicht gerade, aber Jake kam nicht umhin, ihren Körper, der sich darunter abzeichnete, zu mustern. Abigail Nichols war groß und athletisch gebaut, der Stoff ihres Overalls fiel über ihre Rundungen. Es war dumm von Jake, es überhaupt zu bemerken.

„Was zum Teufel haben Sie da oben auf diesem Baum gemacht?“

Sie sah ihn mit diesem Das-ist-wirklich-eine-sehr-dumme-Frage-Blick an, der heiß genug war, um Schnee zum Schmelzen zu bringen. „Ich habe jedenfalls kein Baumhaus gebaut, wenn Sie das meinen.“

„Es ist nicht besonders klug, vor der Polizei wegzulaufen. Früher oder später kriegen wir jeden.“

„Ja, genau das dachte ich auch, als Sie das erste Mal an mir vorbeiritten.“

Jake unterdrückte seine aufsteigende Verärgerung. Auf das freche Mundwerk konnte er verzichten. Er konnte auch gerne darauf verzichten, wie er auf ihre Augen reagierte. Acht Jahre im Marine Corps hatten ihm genug Disziplin vermittelt und er blieb diesem Kodex seitdem treu. In zwölf Jahren Polizeiarbeit hatte er sich zudem zu beherrschen gelernt und diese Kunst in sein Privatleben übernommen. Die Moral kam aus dem Innersten eines Mannes. Jake besaß einige gute Attribute, und er hatte nicht vor, sich von einer Sirene wie dieser in seichte Gewässer locken zu lassen, nur um an einem Felsen zu zerschellen und einen nassen Tod zu sterben.

„Sind Sie allein?“ Jake stand auf und trat zurück.

Sie verdrehte die Augen. „Glauben Sie ernsthaft, irgendjemand ist so dumm, sechs Stunden lang mit mir durch diese gottverlassene Gegend zu stapfen?“

„Stehen Sie auf“, sagte er.

Mürrisch kämpfte sie sich auf die Füße zurück und begann, sich den Staub und das trockene Gras von ihrem Overall zu klopfen.

Jake musterte wie gebannt ihren langen, dünnen Körper. Das instinktive Bedürfnis danach überraschte ihn und störte ihn mehr, als er zugeben wollte. Er war kein Gaffer oder aufdringlicher Grabscher, ganz egal, wie gut die Frauen auch aussahen. Er hatte nie ein Problem damit gehabt, seine Leidenschaft im Zaum zu halten. Er wusste nicht einmal, warum er jetzt auf diese Frau so reagierte, aber er tat es nun mal und das nervte ihn.

„Verschränken Sie die Hände hinter dem Kopf und drehen Sie sich um“, sagte er.

Sie seufzte verärgert und gehorchte widerwillig.

Erst als sie ihm den Rücken zukehrte, bemerkte Jake den langen Riss in ihrem Overall. Er reichte von der Mitte des Rückens und erstreckte sich bis zur Mitte ihres Schenkels. Der Anblick ihrer seidigen Haut und der weißen Baumwollhöschen darunter nahm ihm den Atem. Sein Mund trocknete aus, und für einige lange Sekunden konnte Jake den Blick nicht von dem kleinen, gefährlichen Stück Haut abwenden.

Abigail Nichols musste den Luftzug gespürt haben, denn einen Augenblick später reckte sie den Kopf herum und entdeckte den Riss. „Oh, großartig.“ Sie senkte die Hände. „Meine Hosen sind zerrissen.“

„Heben Sie die Hände hoch“, sagte Jake.

„Verdammter, billiger …“

„Ihre Hände, Ma’am. Jetzt.“

„Aber meine Hosen sind zerrissen und meine …“

Jake fluchte.

Als Kompromiss legte sie eine Hand an ihren Kopf, mit der anderen hielt sie den zerrissenen Stoff zusammen.

Er seufzte. Na, wenn das kein Schlamassel war?

Jake schüttelte sich und konzentrierte sich wieder auf die Augen der Gefangenen. Doch wenn er gehofft hatte, ihr Blick wäre weniger faszinierend als der Anblick ihres Schenkels, irrte er. Der Ausdruck ihrer Augen traf ihn mit der Wucht eines Hammers.

„Vermutlich sind Ihre Hosen bei dem Sturz an einem Ast hängen geblieben“, sagte er etwas atemlos.

„Sie haben mir auch nicht gerade geholfen.“ Betreten hielt sie eine Hand hinter dem Kopf, die andere umklammerte den Riss. „Ich brauche eine Sicherheitsnadel.“

„So etwas habe ich nicht bei mir.“

„Ja, Sie sehen auch nicht aus wie der Typ Mann, der immer eine Sicherheitsnadel griffbereit hat. Es ist sicher auch dumm von mir zu fragen, ob Sie Nadel und Faden in Ihren Satteltaschen haben, oder?“

Jake beobachtete, wie sie errötete. Sein Unbehagen wuchs. Aus unerfindlichem Grund ärgerte ihn diese Bemerkung. Vermutlich lag es daran, dass sie sich, auch wenn sie eine Kriminelle war, anständig benahm. „Ich habe ein bisschen was dabei, was wir vielleicht dazu nutzen können. Ich sehe nach, sobald ich mit Ihnen fertig bin. Vielleicht können wir uns so behelfen, dass Sie zurechtkommen.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Was meinen Sie mit ‚fertig‘?“

Jake gefiel es nicht, wie sich die Situation entwickelte. Das Procedere schrieb vor, dass er sie als Nächstes durchsuchen sollte, doch er wollte ihren Körper auf keinen Fall berühren. Für gewöhnlich durchsuchten männliche Officers keine weiblichen Gefangenen, doch die Beamten des D.O.C. hatten sie gewarnt, dass diese Frau vermutlich bewaffnet und gefährlich war. Unten in der Stadt könnte er jetzt per Funk einen weiblichen Officer rufen, damit die Kollegin die schnelle vorläufige Durchsuchung nach Waffen oder Drogen übernahm. Aber die Stadt war fern, im Umkreis von fünfzig Meilen gab es keinen weiblichen Officer, also würde er zur Tat schreiten müssen.

Oh Mann.

Der Gedanke sollte ihn eigentlich nicht kümmern. Er hatte schon so viele Gefangene durchsucht, bevor er sie ins Gefängnis brachte. Das ging meist schnell, war unpersönlich. Meistens fand er auch irgendetwas Illegales dabei. Aber jetzt fühlte sich Jake zum ersten Mal völlig fehl am Platz. Mann, er brauchte das so nötig wie einen Kopftritt von seinem Maultier.

„Ich möchte, dass Sie zu dem Baum hinübergehen und Ihre Hände an den Stamm legen.“

Sie verdrehte die Augen. „Erzählen Sie mir nicht, Sie wollen …“

„Ma’am, tun Sie einfach, was ich sage.“

„Ich weiß, wie das geht.“ Während sie den Stoff ihres zerrissenen Overalls umklammert hielt, ging sie zu dem Baum hinüber und legte ihre freie Hand dagegen. Jake fluchte leise, bat sie aber nicht, den Riss loszulassen. Vermutlich war es sogar besser, überhaupt nicht über diesen Riss nachzudenken. Er mochte vielleicht ein Polizist sein, aber unglücklicherweise war er auch ein Gentleman, doch leider wusste er nicht, ob das zu seinen Stärken zählte oder eine tödliche Schwäche war.

„Führen Sie Waffen oder Drogen oder sonst etwas mit sich, von dem ich wissen sollte, bevor ich Sie durchsuche?“, fragte er.

„Ich habe nichts bei mir außer einer Wagenladung Pech.“ Sie schlug die andere Hand gegen den Baum.

Jake versuchte, nicht weiter darauf zu achten, als sich der Stoff teilte und den Blick auf ihren Hintern und auf diese weißen Höschen enthüllte. Er ging hinter ihr her zu dem Baum und legte seine Hand auf ihre Schulter. „Spreizen Sie Ihre Beine auseinander.“

Sie tat es widerwillig, aber nicht weit genug, also stieß Jake mit seinem Stiefel gegen die Innenseiten ihrer Segeltuchschuhe. Sie raunte verärgert und spreizte ihre Beine weiter auseinander. Er würde sie so gründlich durchsuchen, dass ihm keine Waffe und kein Messer entgehen konnten.

Er begann oben auf ihrem Kopf, fuhr mit den Händen durch ihr Haar. Es war so dick und lockig, dass er es zwischen seine Finger klemmen musste, um sicherzugehen, dass sich nichts in dieser wilden Mähne verbarg. So unbeteiligt wie möglich strich Jake mit der Hand an ihrer Vorderseite hinunter, fasste unter ihre Arme und achtete darauf, ihre Taschen und verborgenen Winkel im Futter des Overalls nach Waffen zu überprüfen. Er betastete ihren Hosenbund, ihre Hüften, die Außenseiten ihrer Schenkel, fuhr mit den Händen an ihren Beinen hinunter, prüfte sogar ihre Knöchel.

Er versuchte zu übergehen, wie sehr sie zitterte, als er mit seinen Händen über ihren Körper fuhr. Bis jetzt hatte sie tapfer standgehalten. Aber eine Leibesvisitation machte jeden über kurz oder lang fertig. Auch Jake geriet ins Schwitzen, und als er endlich fertig war, zitterten seine Hände ganz leicht. Er trat einen Schritt zurück.

„Okay“, sagte er. „Sie können sich jetzt umdrehen.“

Sie drehte sich zu ihm um, vermied es aber, ihn anzusehen.

Er zerrte die Handschellen von seinem Gürtel. „Geben Sie mir Ihre Hände.“

Zu seiner Überraschung streckte sie sie ihm entgegen. „Bringen wir es hinter uns. Ich friere, ich habe Hunger und ich will, dass mir endlich warm wird.“

Jake kaufte ihr die plötzliche Kooperation nicht ab. Nicht dieser Frau. Sie hatte ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um zu fliehen, und eine erstaunlich weite Strecke durch das Gelände zurückgelegt, die die meisten Männer erschöpft hätte.

Er blickte auf ihre Hände hinunter. Sie waren klein, zart und weich. Frauenhände, dachte er, nur dass diese Hände zerkratzt und voller blauer Flecke waren. Die Fingerspitzen waren rot vor Kälte. Er rief sich in Erinnerung, dass sie sich selbst in diese Situation gebracht hatte, nicht er. Dennoch war er nicht der Typ Mann, der andere gerne leiden ließ.

Fluchend schob er die Handschellen zurück in seinen Gürtel. „Warten Sie, ich habe einen zweiten Duster Coat dabei, den können Sie haben. Er hält wenigstens den Wind ab.“

„Danke.“ Ihre Zähne klapperten.

Er zog das Funkgerät aus seinem Gürtel, um einen Hubschrauber anzufordern, und ging zu seinem Pferd, um den Staubmantel zu holen. „RMSAR Homer Zwo, hier ist Coyote Eins. Kannst du mich hören? Over.“

Jake fragte sich, ob der Hubschrauber noch in die Luft kam. Der Wind hatte in der letzten halben Stunde deutlich aufgefrischt. Sobald er eine Geschwindigkeit von vierzig Knoten erreichte, hätte der Bell 412 Startverbot.

„Hier ist Coyote Eins. RMSAR Homer Zwo, kannst du mich hören?“

„Hier ist RMSAR Homer Zwo, Coyote. Hast du schon Schnee?“

„Ich bin kurz davor, Homer. Ich habe einen Zehn-Sechsundzwanzig, Festnahme. Beeilt euch. Over.“

„Roger. Der Adler ist in sein Nest zurückgekehrt. Wie ist deine Position?“

Als er das Pferd erreichte, blickte Jake über die Schulter, um nach seiner Gefangenen zu sehen, aber sie war fort.

2. KAPITEL

Abigail legte die Strecke in einem waghalsigen Tempo zurück. Sie stolperte über Felsen und Gestrüpp, lief im Zickzack um reißende Wasserläufe herum, die tief genug waren, um einen Menschen, der einmal hineinfiel, nie wieder freizulassen. Das musste sie dem Cowboy Cop schon lassen, er war anständig, und das konnte sie nur von den wenigsten Polizistentypen behaupten, denen sie im letzten Jahr begegnet war. Trotzdem bereute sie es nicht, weggelaufen zu sein. Ganz gleich, wie anständig der Typ auch war, am Ende würde er sie doch wieder ins Gefängnis bringen, und dort wollte sie nicht für ein Verbrechen schmoren, das sie nicht begangen hatte.

Sie hatte noch keine zwanzig Meter Vorsprung, als sie einen Ruf hinter sich hörte. Er brüllte irgendeine Polizistenfloskel wie, sie solle stehen bleiben oder er würde schießen. Doch Abigail blieb nicht stehen. Der darauf folgende Fluch war keine Floskel, aber der Zorn, der in seiner Stimme mitschwang, ließ sie noch erbitterter weiterlaufen. Sie mochte vielleicht einige Male in ihrem Leben betrogen worden sein, aber sie hatte dadurch fürs Leben gelernt. Sie wusste, dass der Mann mit den dunklen blaugrauen Augen und der schleppenden Stimme keiner unbewaffneten Frau in den Rücken schießen würde.

Darauf würde sie jede Wette eingehen.

Ungefähr fünfundvierzig Meter weiter wurde das Gelände eben. Abigail fand ihren Rhythmus und zu ihrem Tempo zurück, das sie sich auf der Laufbahn des Gefängnisses in den letzten Monaten antrainiert hatte. Die Lebenslängliche Mary Beth Jenkins stoppte sechs Mal in der Woche Abigails Zwei-Meilen-Lauf. Dank dem Lauftraining und dem Gewichtheben war Abigail in Topform. Doch ihre Füße brannten und pochten, Abigail betete, dass ihr Körper weiter mitspielte und sich die harte Arbeit auszahlte.

Sie konnte hören, wie das Pferd hinter ihr durch das Gestrüpp brach. Wieder schrie der Cowboy Cop etwas, doch sie konnte seine Worte nicht verstehen. Sie lief stur weiter. Was waren eine stechende Lunge und schmerzende Muskeln im Vergleich zu den Qualen, die sie erwarteten, sollte er sie schnappen. Abigail lief um ihr Leben. Als sich das erste Mal die Zellentür hinter ihr geschlossen hatte, hatte sie sich geschworen, lieber zu sterben, als den Rest ihres Lebens hinter Gittern zu verbringen.

Natürlich hatte das Schicksal anderes mit ihr vor. In einer Minute rannte sie wie eine Olympionikin, in der nächsten stand sie am Rand einer Schlucht und bewahrte sich nur mit allergrößter Mühe davor, in einen Bach zu fallen, der drei Meter tiefer wild dahinströmte.

Abigail sprintete nach links. Sie wollte keine kostbaren Sekunden damit verschwenden, einen Blick über die Schulter zu werfen, aber ihre Neugier war zu groß. Sie sah, wie der Cowboy Cop mit seinem großen gescheckten Pferd erstaunlich schnell näher kam. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Oh Gott, er würde sie schnappen!

Getrieben von Panik hastete sie weiter. Sie sprang über umgefallene Bäume, duckte sich unter einen gelegentlichen Ast und ihre Lungen brannten schmerzhaft dank der Eile und der dünnen, eiskalten Luft.

Sie hörte bereits, wie der lederne Sattel des Polizisten knarrte und die Hufe des Pferdes auf den Boden hämmerten. Gleich würde es zum Sprung ansetzen, das wusste Abigail. Zum ersten Mal konnte sie nachempfinden, wie sich eine Gazelle fühlen musste, wenn sich die Klauen eines Löwen um ihre Kehle schlossen. Es trieb sich noch härter an.

Einen Moment später stürzte sich der Cowboy Cop mit aller Macht auf sie. Er schloss seine starken Arme um ihre Schultern und zog sie dank seines Gewichts zu Boden. Ihre Beine verhedderten sich und Abigail bekam keine Luft mehr.

Abigail landete hart auf dem Bauch. Sie versuchte, fortzukriechen, aber der Cop hielt sie gefangen. Schreiend trat sie mit dem Fuß um sich. Ihre Ferse traf etwas Festes. Abigail hörte den Mann fluchen.

„Hören Sie auf damit und beruhigen Sie sich“, knurrte er verärgert.

Abigail witterte ihre Chance. Offenbar hatte sie dem Cowboy Cop ins Gesicht getreten und dabei sein rechtes Jochbein verletzt. Dieser Schmerzmoment ermöglichte es ihr vielleicht, ihr Leben zu retten. Sie beugte sich rasch vor, zog mit einem Ruck das Funkgerät aus seinem Gürtel und warf es, so fest sie konnte, in Richtung Bach.

Der Cowboy Cop erstarrte.

Abigail hielt die Luft an.

Einen Augenblick später hörte sie, wie etwas platschend ins rauschende Wasser fiel. Und zum ersten Mal seit einem Jahr verspürte Abigail das prickelnde Gefühl des Sieges. Es rann heiß durch ihre Adern.

Doch der Triumph war von kurzer Dauer. Denn schon bald rollte sie der Cowboy Cop auf den Bauch, zog ihre Hände mit einem Ruck auf den Rücken, legte ihr die kalten Handschellen um die Handgelenke und ließ sie einrasten. Offenbar schätzte es Cowboy Cop nicht, dass sie sein Funkgerät weggeworfen hatte.

Abigail lag still da. Sie überlegte, was sie als Nächstes tun würde.

„Teufelsbraten.“ Der Mann stand auf und ging auf das Steilufer zu.

Sie beobachtete, wie er seine Stiefel wegwarf, den bodenlangen Staubmantel von sich riss und ihn hinter sich ins Gras schleuderte. Er machte sich nicht die Mühe, seine Wrangler Jeans hochzurollen. Er rutschte die Böschung hinunter, stieg ins eisige Wasser und begann mit dem hoffnungslosen Unterfangen, das Funkgerät zu suchen. Sie erkannte an seiner Körperhaltung, wie wütend er war. Bislang hatte sich der Mann beherrscht, das musste sie ihm lassen. Abigail beschlich ein schlechtes Gewissen, weil sie ihm diesen Bluterguss unter dem Auge zugefügt hatte, denn eigentlich verabscheute sie jede Form von Gewalt. Aber dieser Nachmittag erfüllte alle Kriterien für Grams’ „extreme Zeiten“.

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