Von Liebe war nie die Rede

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Alles - aber nicht Liebe! Das ist das Motto der schönen Liza, und deshalb ist sie mit der freundschaftlichen Beziehung zu dem sympathischen Bruno sehr zufrieden. Doch als sie nach einem leichten Autounfall einen Fremden bei sich übernachten lässt, erkennt sie plötzlich, was in ihrem Leben wirklich fehlt …
  • Erscheinungstag 11.08.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733759032
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Hätte Liza an jenem Freitag während der Mittagspause nicht durchgearbeitet, wäre sie wohl nie auf die Idee gekommen, Bruno einzuladen.

Normalerweise verabredete sie sich zum Lunch mit Kunden. Es war eine Ausnahme, dass sie diesmal im Büro blieb. Von ihrer Sekretärin hatte sie sich Obst und Käse besorgen lassen und sich damit in den Vorführraum zurückgezogen. Während sie das Video eines neuen Models ansah, kam Joan Temple, Lizas Sekretärin, mit den anderen Mädchen vom Essen zurück. „Das ist doch klar“, sagte sie laut, „sie trifft sich dort mit einem Mann. Warum ist ihr Wochenendhaus sonst so geheimnisumwittert?“

Liza lauschte angestrengt. Sprachen die etwa über sie?

„Sie fährt jedes Wochenende hin, gleichgültig, wie viel Arbeit wir haben! Wahrscheinlich ist der Kerl verheiratet. Sie gibt ja selbst zu, dass sie das Haus vor allem wegen seiner abgeschiedenen Lage so schätzt!“

„Und was ist mit Bruno Morris?“, hörte sie Daphne fragen. „Wie passt er ins Bild, wenn sie ein Verhältnis mit einem anderen Mann hat? Wenn man den Pressemeldungen glauben kann, muss man doch jeden Tag mit der Verlobung rechnen.“

„Ach, die Presse!“, antwortete Joan verächtlich. „Was wissen die schon? Ich wette mit dir, dass sie sich dort unten in Essex ein Liebesnest eingerichtet hat!“

So war das also! Ob nur Joan diese Gerüchte glaubte? Meistens kümmerte sich Liza nicht um Klatsch, aber wenn er solche Formen annahm! Kürzlich hatte sogar Bruno sie über ihr Wochenendhaus ausgefragt. Er wollte alles darüber wissen, vor allem auch, warum sie nie ein Wochenende in der Stadt verbrachte.

Bruno war ein typischer Stadtmensch. Er liebte Trubel und rauschende Partys. Am Landleben interessierten ihn allenfalls Pferde, Rennpferde.

Bruno wettete gern, und Liza vermutete, dass er zuweilen ziemlich hohe Summen verspielte. Aber er konnte es sich leisten. Er gehörte zur Gifford-Familie. Sein Onkel war G. K. Gifford, der Chef des international renommierten Bankhauses. Die Klatschkolumnisten stellten Bruno gern als Prototyp des verwöhnten Playboys dar.

Liza wusste es besser. Gewiss war Bruno ein leichtfertiger, lebensfroher junger Mann, der über mehr Geld verfügte, als für ihn gut war, aber im Grunde war er aufrichtig und liebenswert. Joan Temple würde es wohl kaum glauben, er hatte tatsächlich jedoch noch nicht ein einziges Mal versucht, Liza zu verführen. Dabei kannten sie sich schon fast drei Monate. Sie waren gute Freunde, gingen oft zusammen aus, tanzten und lachten miteinander, und nie entstand eine Spannung zwischen ihnen. Manchmal wirkte Bruno – seine braunen Locken und die leuchtenden Augen unterstrichen diesen Eindruck noch – wie ein großes Kind. Als Liebhaber konnte Liza ihn sich beim besten Willen nicht vorstellen!

Sie seufzte. Sie musste den Gerüchten entgegentreten! Brunos Familie würde bestimmt nicht sehr erfreut sein, so etwas in der Boulevardpresse zu lesen. Sie hatte ohnehin schon den Eindruck, dass die Giffords Lizas Beziehung zu Bruno nicht gern sahen.

Die Lösung war einfach, trotzdem zögerte Lisa. Sie liebte die Ruhe in ihrem Cottage, die Abgeschiedenheit. Sie brauchte diese Wochenenden für sich allein. Bruno würde die Stille zerstören, andererseits würde er bestimmt nur dieses eine Mal mitkommen. Wie sie Bruno kannte, würde er sich da draußen schrecklich langweilen. Vielleicht war das Problem auf diese Weise für immer gelöst.

Tatsächlich war Bruno von der Einladung begeistert. „Oh ja! Ich habe mir schon lange gewünscht, den geheimnisvollen Ort einmal kennenzulernen!“

„Er ist nicht geheimnisvoll“, wehrte Liza ab.

„Wenn du aber jedes Wochenende dort verbringst, muss doch etwas Besonderes daran sein!“

„Für mich schon“, gab Liza zu. „Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass für dich Stille und Einsamkeit besonders reizvoll sind. Schließlich fährst du ja auch nur selten zum Landsitz deiner Familie.“

„Nach Hartwell?“ Bruno blickte entsetzt. „Aber das ist doch etwas völlig anderes! Alles dort ist alt und muffig, und wenn ich da bin, muss ich mich einer Horde von Angebern und Langweilern ergeben. Du weißt ja, all diese Lokalpolitiker, die sich bei meinem Onkel einschmeicheln möchten, weil sie sich einen Vorteil davon versprechen.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein danke, dass ist nichts für mich!“

„Also gut“, lenkte Liza lachend ein. „Von Politikern wirst du in meinem Haus nicht belästigt. Wir werden segeln, wenn das Wetter es zulässt. Kannst du mit einem Dingi umgehen?“

„Einigermaßen“, erwiderte Bruno eilig. „Genug jedenfalls, um mich nicht in den Seilen zu verstricken oder mich vom Großbaum erschlagen zu lassen.“

Liza musste unwillkürlich lachen. „Notfalls kann ich dich ja am Mast festbinden.“

„Damit ich mit dem Schiff untergehe, falls wir im Sturm kentern? Vielen Dank!“

Mit keinem anderen Mann konnte Liza so unbefangen reden wie mit Bruno. Andere Männer dagegen wollten früher oder später doch nur mit ihr ins Bett. Sie mussten sich ständig etwas beweisen.

Mit Bruno gab es in dieser Hinsicht keine Probleme. Vielleicht lag es daran, dass auch er hatte lernen müssen, mit den verzerrten Darstellungen leichtfertiger Journalisten zu leben. Als Spross einer der angesehensten Familien des Landes hatten sie natürlich auch ihn ständig im Visier.

Wäre Liza wirklich so, wie sie vor der Presse zuweilen dargestellt wurde – eine attraktive, oberflächliche Frau mit fragwürdigem Innenleben –, hätte er sie sicher gemieden. Als sie sich das erste Mal begegneten, hatte sie jedoch alles andere als elegant ausgesehen. Vom Regen durchnässt und vom Wind zerzaust, hatte sie mit gesenktem Kopf gegen den Sturm angekämpft, denn ein Taxi war nirgendwo zu sehen. Von der entgegengesetzten Seite war Bruno herbeigestürmt, und genau vor dem Eingang ihres Bürogebäudes prallten sie zusammen. Bruno war stehen geblieben, sie hingegen auf den Bürgersteig gestürzt.

„Das tut mir schrecklich leid“, sagte er. „Kommen Sie mit in mein Büro, damit Sie sich waschen und zurechtmachen können.“

„Danke, ich brauche Ihre Hilfe nicht!“, erwiderte Liza zornig. „Ich arbeite auch in diesem Gebäude.“ Dann wandte sie sich würdevoll ab. Allerdings musste sie, da ihr rechter Absatz abgebrochen war, humpeln.

„Aber ich bitte Sie! Das war doch nur ein Missgeschick! Es tut mir leid!“ Bruno folgte ihr bis zum Lift. In diesem Moment fiel Lizas Blick in den Spiegel an der Fahrstuhlwand. Erst blickte sie ihr Ebenbild entsetzt an, doch dann musste sie lachen. Bruno stimmte erleichtert in das Gelächter ein. So war er in ihr Leben getreten, und nun gehörte er dazu.

Als Liza am Tag vor dem verabredeten Wochenende die Morgenzeitung aufschlug, erstarrte sie. Unter der fetten Schlagzeile „Romanze zwischen Playboy und Exmodel“ waren zwei alte Fotos von Bruno und ihr. Dem darunter stehenden Artikel nach mussten die Leser glauben, dass die Märchenhochzeit zwischen der schönen Frau und dem reichen Mann unmittelbar bevorstand.

Diese niederträchtigen Schmierfinken! Liza war wütend. Wenn Bruno das las, glaubte er möglicherweise noch, dass sie es auf sein Geld abgesehen hatte! Der Appetit auf das Frühstück verging ihr. Sie trank nur einen Schluck schwarzen Kaffee und eilte ins Büro. Dass sie dort neugierig angeblickt wurde, verbesserte ihre Stimmung keineswegs.

Sie musste Bruno anrufen und die Verabredung absagen. Während sie noch nach einer plausiblen Erklärung suchte, klingelte das Telefon.

„Liza?“ Es war Bruno, und er klang sehr zurückhaltend. „Aus unserem Wochenende wird leider nichts.“

„Ich verstehe“, antwortete sie. Er hatte natürlich den Zeitungsartikel gelesen, und sie konnte Bruno wirklich keinen Vorwurf machen, dass er sich zurückzog.

„Meine Mutter hat eben angerufen“, erklärte Bruno. „Ich wurde nach Hartwell zu einem Gespräch mit meinem Onkel gebeten. Hast du heute Morgen schon Zeitung gelesen?“, fügte er vorsichtig hinzu.

„Ich dachte es mir“, fuhr er niedergeschlagen fort, als Liza nicht antwortete. „Diese ehrlosen Kerle! Ich werde meinem Onkel erklären, dass das nur erlogenes Gewäsch ist.“

Bruno zögerte. „Ich bin allerdings unsicher, wie er es aufnehmen wird. Er ist manchmal unberechenbar.“

Liza wusste nur wenig über seinen Onkel, den mächtigen, geheimnisumwobenen G. K. Gifford.

„Er ist noch schlimmer als meine Mutter“, hörte sie Bruno fortfahren. „Als Geschwister stehen sie sich sehr nah, und er ergreift immer ihre Partei.“

„Was bedeutet das G?“

„Das G?“ Bruno konnte Lizas Gedankensprung nicht folgen.

„In G. K. Gifford“, wiederholte Liza.

„Ach so! Er heißt George.“ Bruno schien das Gespräch beenden zu wollen. „Wie gesagt, es tut mir leid, dass aus dem Wochenende nichts wird. Wir können es ja einmal nachholen.“

„Ja, das können wir“, stimmte Liza halbherzig zu. Sie war sicher, dass es dazu nicht mehr kommen würde, wenn er erst einmal mit seinem Onkel, dem Oberhaupt der Familie, gesprochen hatte.

„Vielleicht möchtest du dir ja eines Tages einmal Hartwell ansehen“, meinte Bruno noch, aber das war ja wohl erst recht ausgeschlossen. Wusste er denn gar nicht, warum sein Onkel ihn zu sich befohlen hatte? Sie konnte sich gut die Kommentare seiner Familie vorstellen. „Wer ist das Mädchen? Aus was für einer Familie stammt sie? Hat ihr Vater Geld, Beziehungen, Macht?“

Die Giffords besaßen das alles, und natürlich würden sie darauf achten, dass Bruno nur eine standesgemäße Verbindung einging.

Mit dreiundzwanzig war er im Grunde noch ein großer Junge. Dabei war er ein erfolgreicher Rugbyspieler gewesen und hatte im Team seines Colleges geboxt. Umso erstaunlicher war es, wie sehr er die Auseinandersetzung mit seinem Onkel scheute.

„Ich muss jetzt Schluss machen“, sagte Bruno. „Ich wünschte, du könntest mitkommen. Manchmal glaube ich, dass ich mit dir zusammen alles schaffen könnte!“

Nachdem Liza den Telefonhörer aufgelegt hatte, fühlte sie sich wie erschlagen. Wie intensiv waren Brunos Gefühle? Sie selbst sah in ihm nur einen guten Kameraden. Von Liebe konnte bei ihr keine Rede sein. Hoffentlich verstieg er sich nicht in diese aussichtslose Sache. Sie würde ihn ungern enttäuschen.

Alle Mitarbeiter im Büro schienen die Zeitung gelesen zu haben, aber niemand wagte es, Liza direkt darauf anzusprechen. Ihre verärgerte Miene genügte, alle an diesem Morgen auf Distanz zu halten.

Mit den Reportern war das etwas schwieriger. Unentwegt klingelte das Telefon, weil die Redaktionen der anderen Blätter um ein Interview oder wenigstens einen Kommentar baten. Am liebsten hätte Liza jede Auskunft verweigert, aber dann hätten sie ihre Geschichten völlig frei erfunden. Mühsam beherrscht, erklärte sie immer wieder das Gleiche, aber die Reporter nahmen ihre Aussagen einfach nicht zur Kenntnis und belästigten sie stattdessen mit unverschämten Fragen.

„Lieben Sie Bruno?“, fragte einer.

„Aber ich sagte Ihnen doch gerade erst …“

„Wie lange kennen Sie ihn schon?“

„Was hat das denn damit …?“

„Was meint seine Familie dazu?“

„Ich habe keine Ahnung.“ Liza wurde langsam wütend.

„Sie haben sie noch gar nicht kennengelernt?“, fragte der Reporter eifrig. „Haben sie sich geweigert, Sie zu empfangen? Was sagen Sie dazu, dass die Giffords Sie ablehnen?“

„Das habe ich doch gar nicht gesagt!“, fuhr Liza ihn an.

Der Reporter war nicht im Mindesten beeindruckt. „Wurden Sie gehindert, Bruno wieder zu sehen?“

„Hören Sie, das ist doch einfach lächerlich.“

„Wir haben vergeblich versucht, Bruno in seiner Londoner Wohnung zu erreichen. Wissen Sie, wo er sich aufhält?“

„Er ist nach Hartwell gefahren“, antwortete Liza kühl. Dann legte sie auf. Hoffentlich hatte sie die Meute jetzt zu den Giffords abgelenkt. Sollte sich doch G. K. Gifford mit denen herumärgern!

Tawny Holt sprach als Einzige Liza auf die Geschichte an. „Wie ist es, werden wir bald die Hochzeitsglocken hören?“

Liza sah sie nur stumm an, aber bei Tawny versagte ihr strenger Blick.

„Er ist so fantastisch reich“, schwärmte sie, „und außerdem so sexy! Mein Freund spielt gelegentlich mit ihm Squash. Bruno sei ein sehr sportlicher Typ, sagt er.“

„Du hast also einen Freund?“ Liza hatte geglaubt, dass Tawny allein lebte.

Tawny lächelte frech. „Du darfst es nicht weitersagen. Es ist ein Geheimnis! Ich habe eine Affäre mit Jeremy Bell. Seine Frau darf nur nichts davon erfahren.“

„Du meinst den Earl?“ Liza konnte sich gut an Lady Bell erinnern. Bis vor etwa zehn Jahren arbeitete sie als Fotomodell. „Aber Tawny, ist sie nicht gerade schwanger? Soviel ich weiß, ist das der dritte Versuch, nachdem sie die ersten beiden Babys verloren hat!“

„Deshalb muss sie ja ständig im Bett liegen“, erklärte Tawny ungerührt. „Der arme Jerry! Keine Partys, kein Sex! Wie soll das jemand aushalten?“

Liza blickte sie fassungslos an. „Seine Frau scheint es aushalten zu müssen!“

„Ach, das kann man doch nicht vergleichen!“, wehrte Tawny ab. „Übrigens, hast du schon etwas von der Parfüm-Kampagne gehört?“

„Nichts Neues“, erwiderte Liza knapp. Das stimmte zwar nicht völlig, aber sie war einfach wütend auf Tawny. Sollte sie sich ruhig noch etwas gedulden, ehe sie ihr verriet, dass sie den Job bekam, den sie sich so sehr wünschte.

Das Mädchen sah fantastisch aus, aber sie mochte Tawny nicht besonders. Es war zu offensichtlich, dass sie es nur auf Geld und Erfolg abgesehen hatte.

„Ich hoffe, dass es dir nicht einmal selbst so ergeht“, sagte sie vorwurfsvoll. Tawny sah sie verständnislos an.

„Was meinst du?“

„Das, was du Jeremys Frau antust“, erklärte Liza. „Ich finde es ziemlich gemein.“

Tawny schien unbeeindruckt. „Ach hör auf, Sie hat es doch genauso gemacht – das kleine Mädchen aus Hoxton, das barfuss zur Schule gehen musste! Was glaubst du, wie sie es geschafft hat, sich einen Earl zu angeln? Du weißt doch selbst, wie das Leben so spielt! Das ist ein Dschungel da draußen, und wenn du wirklich etwas erreichen willst, musst du mit jedem Mittel darum kämpfen!“

„Ich habe jedenfalls hart gearbeitet und meinen Verstand gebraucht, nicht meinen Körper“, wies Liza sie zurecht.

„Wie moralisch!“, erwiderte Tawny spöttisch. „Und was ist mit Bruno? Willst du mir vielleicht einreden, dass deine Beziehung zu ihm rein platonisch ist?“

Tawny schaute Liza frech an. „So wie er aussieht, kann ich durchaus verstehen, dass du hinter ihm her bist. Aber schließlich ist er auch ein Gifford, und das ist doch wohl das Ausschlaggebende!“

„Verschwinde!“, rief Liza. „Deine schmutzige Fantasie widert mich an!“

„Ich bin schon unterwegs!“, erwiderte Tawny patzig. Kurz darauf fiel die Tür krachend ins Schloss.

Das gab Liza den Rest. Minutenlang saß sie hinter ihrem Schreibtisch und blickte gedankenlos vor sich hin. Als sie dann auf die Uhr sah, musste sie feststellen, dass es schon fast drei war. Für heute reichte es ihr! Die Briefe, die sie Maddie eigentlich noch hatte diktieren wollen, konnten bis Montag warten! Wozu war sie schließlich der Boss in diesem Laden?

Maddie sah Liza erstaunt an. „Ich gehe jetzt“, kündigte Liza an. „Bis Montag, zur üblichen Zeit!“

Maddie ließ sich durch Lizas lockeren Tonfall nicht täuschen. „Ist alles in Ordnung?“ Sie arbeiteten seit fast fünf Jahren zusammen, hatten die Agentur gemeinsam aufgebaut, und Liza wusste, dass Maddie die Geschäfte notfalls auch allein führen könnte. Sie waren fast gleichaltrig, aber Maddies Problem war, dass sie sich hässlich fand. Ständig beneidete sie die jungen Models, die hier täglich ein und aus gingen.

Liza mochte Maddies Gesicht, dessen Mienenspiel viel von ihrer warmen, menschlichen Art verriet. Vor allem die großen dunklen Augen waren sehr ausdrucksvoll.

„Ich habe für heute genug“, erklärte Liza. „Ich muss an die frische Luft.“

Maddie sah sie besorgt an. „Hast du Ärger mit Brunos Familie?“

„Fang nicht auch noch an!“, stöhnte Liza. „Ich habe keine Lust mehr, darüber zu reden. Was glaubst du wohl, warum ich so schnell wie möglich verschwinden möchte?“

„Ich verstehe“, sagte Maddie und blickte Liza mitfühlend an. Aber was verstand Maddie schon davon? Sie war eine unverbesserliche Romantikerin. Bestimmt dachte sie jetzt, Bruno und Liza seien ein vom Unglück verfolgtes Liebespaar. Manchmal beneidete Liza ihre Sekretärin um das schlichte Gemüt.

„Mach dir ein schönes Wochenende“, sagte sie.

„Du dir auch“, erwiderte Maddie.

Liza benötigte fast eine Stunde, bis sie endlich den hektischen Verkehr der riesigen Stadt hinter sich gelassen hatte. Erst auf dem Highway, bei der Fahrt durch die flachen Themsemarschen, kam sie zügiger voran. Für einen Freitagnachmittag herrschte hier wenig Verkehr – aber wer wollte schon sein Wochenende in dieser verlassenen Gegend verbringen.

Als sie die Schnellstraße schließlich verließ und sich dem Fluss näherte, musste sie die Geschwindigkeit fast bis auf Schritttempo verlangsamen. Dichter Nebel lag über den Niederungen. Glücklicherweise kannte sich Liza hier bestens aus. Dennoch atmete sie erleichtert auf, als sie endlich die Lichter des „Green Man“ erblickte, des einzigen Gasthofes weit und breit. Von hier aus war es nicht mehr weit.

Liza konnte kaum noch die Bäume am Straßenrand erkennen, so dicht war der Nebel geworden. Doch sie wusste, dass es zu ihrem Haus nicht mehr weit war. Sie wollte gerade schon erleichtert aufatmen, als sie plötzlich ohne die geringste Vorwarnung einen am Straßenrand abgestellten Wagen rammte. Glücklicherweise war sie nur sehr langsam gefahren und angeschnallt, sonst hätte der Zusammenprall üble Folgen gehabt. Wie betäubt blieb sie hinter dem Steuer sitzen. Nach dem Knirschen von Metall und dem Splittern von Glas nahm sie jetzt nur noch ihr heftig pochendes Herz wahr. Unfähig, sich zu regen, starrte sie in den dichten Nebel.

Wie von fern hörte sie Schritte näher kommen, und gleich darauf tauchte ein Mann mit einem unbeherrschten, grimmigen Gesichtsausdruck vor der Windschutzscheibe auf. Er war Liza auf Anhieb unsympathisch.

„Was fällt Ihnen eigentlich ein, bei diesem Wetter wie eine Verrückte zu rasen?“, fuhr der Fremde sie zornig an. Vielleicht war es diese ungerechtfertigte Übertreibung, die Liza ermutigte, sich zu wehren. Kühl blickte sie in die wutverzerrte Miene des Mannes. „Davon kann ja wohl keine Rede sein!“, entgegnete sie erbost. „Sie haben den Unfall selbst verschuldet. Wie können Sie bei diesem Nebel ohne Licht am Straßenrand parken?“

„Blind sind Sie also auch noch!“, schimpfte er. Aber das kurze, unsichere Flackern in seinen Augen entging Liza nicht. Vielleicht war das Rücklicht seines Wagens defekt, ohne dass er es bemerkt hatte? Das konnte man allerdings in diesem Zustand jetzt nicht mehr überprüfen.

Erst jetzt sah Liza, womit sie zusammengestoßen war. Sie atmete erleichtert auf. Für diesen rostigen alten Kombi konnte der Besitzer nicht viel verlangen, falls man sie schuldig sprach.

„Hören Sie“, begann sie vorsichtig, „es tut mir leid, dass es passiert ist.“ Diesmal sah sie sich den Fremden etwas genauer an. Unter dem offenen Lodenmantel trug er derbe Kordhosen und ein abgewetztes graues Jackett.

Erstaunt deutete sie auf seine lehmverschmierten grünen Gummistiefel. „In solchen Dingern können Sie doch gar nicht Auto fahren!“, rief sie aus.

Er schüttelte heftig den Kopf. „Ich bin ja nicht gefahren! Ich stand hier und überlegte, ob ich in den Green Man gehen oder die Weiterfahrt wagen soll.“

„Sie wollten sicher in den Green Man zurückkehren“, erwiderte Liza. „Haben Sie dort vorher schon getrunken?“

„Unsinn!“, entgegnete er. „Aber jetzt gehen wir besser beide dorthin und rufen die Polizei.“

„Mein Cottage ist näher“, antwortete Liza kühl. „Die Polizei können wir von dort auch benachrichtigen und auf die Beamten warten.“

„Cottage?“ Er sah sich erstaunt um.

„Ja, dort drüben! Sehen Sie nicht die Einfahrt? Es sind nur einige Meter.“

„Na, dann steigen Sie mal aus!“

„Was ist denn?“, fragte er im gleichen Moment. Liza stieg aus dem Auto und wollte sich aufrichten, aber die Beine versagten ihr den Dienst. Sie wäre zu Boden gestürzt, hätte der Fremde sie nicht festgehalten. „Wo ist der Hausschlüssel?“, hörte sie ihn wie aus weiter Ferne fragen.

Liza schüttelte den Kopf zum Zeichen, dass sie die Hilfe des Mannes nicht brauche, aber durch die plötzliche Bewegung wurde ihr schwindlig. Gleich darauf fühlte sie sich emporgehoben und über den Kiesweg zum Haus getragen.

Der Fremde musste den Schlüssel in Lizas Manteltasche gefunden haben, denn er öffnete die Eingangstür, schaltete das Licht ein und trug Liza ins Wohnzimmer. Dort legte er sie behutsam auf das Sofa und deckte sie mit seinem Mantel zu. Erleichtert schloss Liza die Augen.

„Wo ist das Telefon?“, hörte sie ihn fragen. „Ich glaube, außer der Polizei brauchen wir auch noch einen Arzt.“ Liza bemerkte, wie er sich entfernte. „Nein!“, widersprach sie. „Ich brauche keinen Arzt! Ich bin doch nicht verletzt! Das war bestimmt nur der Schreck. Nach einer Tasse Tee ist alles wieder in Ordnung!“

Er kam zu ihr zurück und blickte ärgerlich auf sie hinab. „Einen Tee?“, fragte er missmutig. „Sie brauchen einen starken Drink. Ich übrigens auch! Haben Sie etwas im Haus?“

„Im Küchenschrank steht eine angebrochene Flasche Brandy. Aber ich möchte keinen.“

„Wenn ich einen trinke, nehmen Sie auch einen!“, befahl er barsch.

Liza sah ihn verwundert an.

„Wenn die Polizei hier auftaucht, will ich nicht der Einzige sein, der nach Alkohol riecht“, erklärte er. Liza musste unwillkürlich lachen.

„Meinen Sie nicht, dass wir uns auch ohne Polizei einigen können?“, fragte sie. „Ich zahle selbstverständlich die Reparatur Ihres Wagens.“

Der Mann blickte sie skeptisch an. „Und wer garantiert mir, dass Sie auch wirklich die Rechnung bezahlen?“

„Schätzen Sie den Schaden, und ich gebe Ihnen sofort einen Scheck.“

„Und wenn der Scheck nicht gedeckt ist?“

„Keine Sorge!“, erwiderte Liza kühl. Was bildete dieser Kerl sich eigentlich ein? Selbst ein Farmer dürfte an ihrer eleganten Kleidung erkennen, dass sie nicht gerade mittellos war.

Der Fremde schien ähnliche Gedanken gehabt zu haben. „Reiches Mädchen?“, fragte er spöttisch. „Wird Daddy für alles aufkommen?“

Liza beherrschte sich nur mühsam. Wenn sie sich nicht gütlich mit ihm einigte, würde er die Polizei verständigen, und das war ihr unangenehm. Möglicherweise hörte irgendein Reporter von der Sache, und dann musste sie wieder lästige Fragen beantworten. Da war es ratsamer, sie bezahlte diesem Mann den Blechschaden, selbst wenn er einen überhöhten Preis verlangen sollte.

„Abgemacht!“ Liza atmete erleichtert auf. Der Fremde verschwand in der Küche und kehrte gleich darauf mit der Brandyflasche und zwei Wassergläsern zurück.

„Ich sollte nichts auf leeren Magen trinken“, gab Liza zu bedenken.

„Ich auch nicht“, antwortete er lachend und leerte das Glas. „Deshalb sollten wir etwas essen.“

Autor

Charlotte Lamb

Die britische Autorin Charlotte Lamb begeisterte zahlreiche Fans, ihr richtiger Name war Sheila Holland. Ebenfalls veröffentlichte sie Romane unter den Pseudonymen Sheila Coates, Sheila Lancaster, Victoria Woolf, Laura Hardy sowie unter ihrem richtigen Namen. Insgesamt schrieb sie über 160 Romane, und zwar hauptsächlich Romances, romantische Thriller sowie historische Romane. Weltweit...

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