Zärtliche Eroberung

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"Rühren sie mich nicht an, Sir!" Wütend weist Kate den galanten Lord Calthorpe zurecht, der ihr sein Geleit anbietet. Er wurde von ihrem Bruder beauftragt, sich um sie zu kümmern, aber sie wird ihm beweisen, dass sie gut für sich selbst sorgen kann. Wäre er nur nicht so attraktiv! Denn schon bald muss sich Kate eingestehen, dass sie sich nicht nur nach seiner Hilfe, sondern auch nach seinen Küssen sehnt...
  • Erscheinungstag 18.11.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754099
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Juni 1815

Adam Calthorpe stand im Ballsaal der Duchess of Richmond und beobachtete das ausgelassene Treiben um ihn herum. Die Duchess hatte keinen Aufwand gescheut, damit dieser Ball eine der herausragenden Veranstaltungen der Saison würde, und es sah ganz danach aus, dass ihr dies trotz der erheblichen Konkurrenz gelungen war. Seitdem der Duke of Wellington, Oberbefehlshaber der verbündeten Truppen, in der belgischen Hauptstadt sein Hauptquartier errichtet hatte, waren Vergnügungssüchtige aus ganz Europa herbeigeströmt, um das glanzvolle gesellschaftliche Leben zu genießen, das sich ihnen dort bot. Wochenlang hatte in Brüssel ein Trubel von Festen, Konzerten, Tanzveranstaltungen, Picknicks, Musikfahrten und eine Unmenge anderer Unterhaltungen geherrscht. Adam fragte sich flüchtig, wie lange dies wohl noch anhalten würde …

Mit einiger Mühe verdrängte er alle Gedanken an die Besorgnis erregenden Meldungen von der französischen Grenze. Dazu war schließlich später noch Zeit. Er und seine Kameraden waren hier, um Optimismus zu verbreiten, um die Gäste zu beruhigen. Wieder ließ er seinen Blick über die versammelte Gästeschar schweifen und lächelte. Im Ballsaal der Duchess schien alles seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Tom Payne galoppierte beim Volkstanz mit mehr Schwung als Anmut an seinen Mittänzern vorbei, Ivo Trenchard beugte sich über die schöne Gattin eines belgischen Diplomaten, als sei sie für ihn die einzige Frau auf der Welt – was sie, so dachte Adam zynisch, die nächste halbe Stunde lang ja auch sein wird …

„Lord Calthorpe!“

Adam drehte sich um. Eine mit funkelnden Diamanten geschmückte ältliche Dame fasste ihn besorgt am Arm. Mit einer angedeuteten Verneigung ergriff Adam die klauenartige Hand und hauchte einen Kuss darauf. Noch während er sich wieder aufrichtete, setzte er ein beschwichtigendes Lächeln auf. „Womit kann ich Ihnen helfen, Countess Karnska?“

„Der Duke. Ist er denn nicht hier?“

„Noch nicht, Countess. Aber Sie wissen ja, wie gerne Seine Gnaden tanzt. Er wird jede Minute eintreffen.“

„Aber was hat seine Verspätung zu bedeuten? Stimmt es etwa, was man sagt? Dass Bonaparte die belgische Grenze überschritten hat? Weiß der Duke darüber Bescheid? Sollten wir Brüssel verlassen, solange dies noch möglich ist?“

In Gedanken verfluchte Adam die Wichtigtuer, die die neuesten Meldungen von der Front aufschnappten und sie dann unter der ängstlichen Bevölkerung verbreiteten. Laut erklärte er mit erneutem Lächeln: „Seien Sie versichert, Countess, dass der Duke voll und ganz über die Lage informiert ist. Es besteht keinerlei Anlass zur Sorge, das garantiere ich Ihnen. Brüssel droht keine Gefahr.“

„Sie haben leicht reden, Milor‘.“ Der Sohn der Countess, ein rotgesichtiger Gentleman in einem braunen Rock, hatte sich seiner Mutter zugesellt. „Aber Bonaparte ist ein Genie. Ein Genie! Und soweit ich weiß, ist der Duke of Wellington ihm noch nie auf dem Schlachtfeld begegnet. Woher nehmen Sie also diese Gewissheit?“

„Comte, Napoleon Bonaparte mag ja tatsächlich mit Genie begabt sein, wie Sie sagen, doch ich denke, der Duke ist ihm darin ebenbürtig. Sie und Ihre Mutter sollten keinen weiteren Gedanken an Bonaparte verschwenden und stattdessen den Ball genießen. Der Duke hat alles unter Kontrolle. Nun denn, darf ich Ihnen eine Erfrischung besorgen, Countess? Sie werden Seine Gnaden sehr bald zu sehen bekommen, das verspreche ich Ihnen. Er nimmt gerade ein verspätetes Dinner ein, das ist alles.“

Adam holte Wein für die beiden Gäste und stahl sich dann hinaus in den Garten. Er kannte seine Pflicht, gewiss, doch irgendwann war das Maß voll. Die Luft im Ballsaal war stickig, und ihm graute vor dem Gedanken, auch nur zwei Minuten lang einen weiteren adligen Gast beruhigen zu müssen, der gekommen war, das glanzvolle gesellschaftliche Leben in Brüssel zu genießen, und dies nun bedauerte. Während der vergangenen Stunde hatte er ein Dutzend solcher Gespräche geführt, und im Augenblick war er es satt, seine eigenen Ängste verbergen zu müssen.

Trotz seiner beschwichtigenden Worte gegenüber der Countess wusste Adam, dass die Lage sogar noch beunruhigender war, als die Leute vermuteten. Meldungen von Bonapartes plötzlichem Vormarsch gegen die Preußen hatten das Hauptquartier der Alliierten erst spät erreicht, und der Duke befand sich nicht etwa bei einem verspäteten Dinner, sondern in einer vertraulichen Besprechung mit seinen Adjutanten in der Bibliothek der Richmonds, um sich Landkarten einzuprägen und stapelweise neue Befehle zu formulieren. Bald würden Adam und seine Kameraden losgaloppieren, um sie überall dorthin zu überbringen, wo die verbündeten Truppen lagerten. Es sah ganz danach aus, dass Boney dem Duke schließlich doch noch zuvorgekommen war …

Merkwürdigerweise hatte Adam keinerlei Zweifel am Ausgang des Kampfes. Nach sieben Jahren im Felde unter Wellington setzte er absolutes Vertrauen in dessen strategische Fähigkeiten. Doch die bevorstehende Schlacht würde erbittert werden, dessen war er sich ebenso sicher. Er seufzte. Wahrscheinlich würden es die letzten Kampfhandlungen sein, an denen er teilnahm. Die Armee hatte ihn gut behandelt – er war rasch befördert worden, mit dreißig gehörte er dem persönlichen Stab des Duke an und war im Rang eines Majors aus seinem Regiment ausgeschieden. Doch sobald dieser Feldzug vorbei war, musste er eine Rückkehr nach England ernsthaft in Erwägung ziehen. Dass er das Gut seines Onkels geerbt hatte, war unerwartetes Glück gewesen, doch dieses Vermächtnis brachte auch gewisse Pflichten mit sich. Der Besitz war groß und in vernachlässigtem Zustand – er würde einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Außerdem war es an der Zeit, dass er sich eine passende Braut suchte …

Anfangs würde es sicherlich ein merkwürdiges Gefühl sein, nachdem er so lange durch ganz Westeuropa marschiert war, in Schlachten gekämpft und in Zelten gelebt hatte. Vor zehn Jahren war es durchaus üblich gewesen, dass ein junger Mann wie er, der keinerlei Aussicht auf künftigen Reichtum oder auf Titel und Güter in England hatte, in die Armee eintrat. Damals hatten noch zwei kerngesunde Vettern in der Erbfolge zwischen ihm und dem schönen Gut in der Nähe von Bath gestanden, das nunmehr ihm gehörte. Es erschien Adam wie eine Ironie des Schicksals, dass er selbst in dieser Zeit einige der erbittertsten Schlachten in Europa überlebt hatte, wohingegen seine Vettern alle beide gestorben waren, während sie zu Hause ihren Vergnügungen nachgingen – der eine bei einer Schlägerei vor einem Gasthaus in London und der andere bei der Jagd. Völlig unerwartet war Adam nun der Titel sowie ein beträchtliches Vermögen zugefallen. Er war es seiner Familie schuldig, nach England zurückzukehren und sich um das Erbe zu kümmern. Der Reiz des Soldatenlebens, der Kameradschaftsgeist, die Kämpfe, die Feiern – noch eine letzte große Schlacht, dann würde es damit vorbei sein.

Er machte sich auf den Rückweg zum Ballsaal, blieb jedoch abrupt stehen, als er zwei junge Leute auf sich zukommen sah. Es war ein schönes Paar – die markante blaue Kavallerieuniform des jungen Mannes gab einen wunderbaren Hintergrund für das weiße Kleid und das goldblonde Haar des jungen Mädchens ab. Auf der Terrasse hielten sie inne … Adam holte tief Luft, und sein Herz schlug heftig. Julia! Was in Gottes Namen hatte Julia hier verloren? Einen Augenblick lang konnte er keinen klaren Gedanken fassen – er fühlte sich um zehn Jahre zurück auf eine Lichtung in dem Wald versetzt, der das Gut der Redshaws umgab …

Er hatte ein lebhaftes Bild von sich selbst im Alter von zwanzig Jahren vor Augen, als er gerade erst Oxford verlassen hatte und leidenschaftlich in Julia Redshaw verliebt gewesen war. Er hatte sich häufig mit ihr in dem Wald getroffen, der ihre beiden Häuser voneinander trennte. Die Heimlichkeit ihrer Verabredungen hatte noch zusätzlich zur Romantik ihrer Liebesbeziehung beigetragen, die geradezu rührend unschuldig gewesen war. Doch eines Tages hatte er sie geküsst, mit der ganzen Inbrunst eines Liebhabers … Er entsann sich, wie sie danach voreinander zurückgewichen waren und einander voller Staunen, gemischt mit ein wenig Furcht, angeblickt hatten. Der Sturm der Gefühle, den sie gemeinsam heraufbeschworen hatten, hatte sie beide verblüfft.

Es war nicht verwunderlich, dass seine Stimme gezittert hatte, als er schließlich sagte: „Das … Das hätte ich nicht tun dürfen. Es tut mir leid, Julia.“

Julia hatte ihn mit ihren blauen Augen angefunkelt. „Wag es ja nicht zu sagen, dass es dir leid tut, Adam Calthorpe!“, hatte sie erklärt. „Wie könnte man einen … einen solchen Kuss bereuen? Oder die Tatsache, dass wir einander so sehr lieben? Mir tut es nicht leid! Küss mich noch einmal, Adam!“

Adam lächelte. Mit zwanzig war er so ernsthaft gewesen, ein solcher Idealist! Er entsann sich, dass er leicht schockiert gewesen war und geantwortet hatte: „N…Nein. Nicht bevor … Erst musst du sagen, dass du meine Frau werden willst.“

In diesem Augenblick waren seine Träume zerstört worden. Julia hatte die Augen weit aufgerissen, und das Funkeln darin war langsam erloschen. „Aber wieso denn?“

„Selbstverständlich müssen wir heiraten! Das wollten wir doch schon immer … oder etwa nicht? Ich habe mich im ersten Augenblick, als ich dich kennen lernte, in dich verliebt. Willst du damit etwa sagen, dass du mich doch nicht wirklich liebst?“

„Nein, nein! Ich liebe dich ja!“ Sie hatte die Arme um seinen Hals geworfen. „Das weißt du doch!“

Wie schwer es ihm gefallen war, ihre Berührung zu ignorieren! Doch er hatte sie sanft von sich geschoben. „Also dann …?“

„Aber Heiraten ist doch etwas ganz anderes. Dich könnte ich auf keinen Fall zum Mann nehmen, Adam. Wovon sollten wir denn leben? Nein, nein, wenn ich eine Ehe eingehe, dann mit jemandem, der Geld hat!“

Die Erinnerung an seine Fassungslosigkeit war immer noch erstaunlich lebendig. Doch es war ihm nicht gelungen, auf Julia einzuwirken. Obgleich sie ihn so sehr liebte, wie sie überhaupt irgendjemand zu lieben vermochte, hatte Adam ihre Meinung nicht ändern können. Sie wollte nicht einmal versprechen, dass sie warten würde. In einem einzigen kurzen Sommer hatte Adam Calthorpe seine Liebe und seine Illusionen verloren und war erwachsen geworden. Er gedachte nicht, dazubleiben und dabei zuzusehen, wie die Liebe seines Lebens ihr Ziel verfolgte, sich einen reichen Mann zu angeln. Stattdessen hatte er seinen Onkel dazu überredet, ihm ein Offizierspatent in der Armee zu erwerben, und hatte England verlassen. Er hatte Glück gehabt, denn das Regiment, das er gewählt hatte, war schließlich zu einer der Elitekampfeinheiten auf der iberischen Halbinsel geworden …

Er erhaschte einen weiteren Blick auf das Mädchen in Weiß. Wie dumm von ihm! Das konnte unmöglich Julia sein. Diese junge Dame war kaum älter als siebzehn, und Julia war nur drei Jahre jünger als er selbst. Sie wäre jetzt siebenundzwanzig, mit Sicherheit eine verheiratete Frau, und zweifellos eine wohlhabend verheiratete Frau. Verärgert über seine eigene Torheit, schüttelte er den Kopf. Wie seltsam, dass der Anblick von schimmernden goldblonden Locken, die ein herzförmiges Mädchenantlitz umrahmten, ihn immer noch verwirren konnte! Er hätte schwören können, dass er Julia Redshaw vergessen hatte. Jedenfalls hatte er im Laufe der vergangenen sechs oder sieben Jahre kaum einen Gedanken an sie verschwendet, obwohl ihre Abfuhr ihn seine gegenwärtige Laufbahn hatte einschlagen lassen.

Ein ironisches Lächeln umspielte seine Lippen. Wie sonderbar sich alles gefügt hatte! Ob es etwas geändert hätte, wenn Julia und ihr Vater gewusst hätten, dass Adam Calthorpe eines Tages Titel und Vermögen seines Onkels erben würde? Wohl kaum! Zehn Jahre wären für ein siebzehnjähriges Mädchen eine zu lange Wartezeit gewesen! Er selbst hatte sich inzwischen ebenfalls verändert. Er war nicht mehr der hitzköpfige Romantiker, der in seiner Verzweiflung in die Armee eingetreten war, nachdem Julia Redshaw ihn abgewiesen hatte. Heute, mit dreißig, hatte er sich fest vorgenommen, sich eine Gattin zu suchen, mit der er hoffentlich eine reifere Beziehung führen würde, mit weniger Leidenschaft und mehr Vernunft! Zuneigung und Respekt, so hoffte er, würde zwischen ihnen herrschen, doch nicht die unbesonnene Torheit jener ersten Liebe. Julia Redshaw würde so wie bisher der Vergangenheit angehören, und er würde eine anständige, wohlerzogene junge Frau finden, die ihren Platz einnehmen würde – wenn schon nicht in seinem Herzen, so doch in seinem Leben.

Er sah dem goldblonden Mädchen hinterher, wie es am Arm seines Begleiters fortschwebte, und empfand bei dem Anblick einen letzten heftigen Stich. Dann schüttelte er den Kopf und machte sich wieder auf in den Ballsaal.

An der Tür begegnete ihm Lieutenant Tom Payne. Die Volkstänze waren nun zu Ende, und Tom glühte vor Aufregung.

„Donnerwetter, Sir, ist das nicht eine prächtige Veranstaltung? Was für eine Verabschiedung für die Truppen, nicht wahr?“

Adam lächelte. Es war schlichtweg unmöglich, Tom nicht zuzulächeln. Er war sechs Fuß groß, und mit seinem blonden Haar, das ihm für gewöhnlich über ein Auge fiel, seinem frischen Gesicht und seiner grenzenlosen Begeisterungsfähigkeit erinnerte er Adam an einen großen Welpen und erweckte in ihm dieselbe amüsierte Zuneigung, die allerdings durch Respekt für seine Qualitäten als Soldat gemildert wurde. Seit Spanien gehörte Tom Adams Kompanie an, und seine Ergebenheit Adam gegenüber wurde nur von seiner Ergebenheit gegenüber dem Soldatenleben übertroffen.

„Gibt es schon irgendwelche Neuigkeiten?“, fragte Adam ihn.

„Nein, ich habe mich eben erst danach erkundigt. Der Beau hockt immer noch mit De Lacey und den anderen über seinen Papieren. Mein Gott, ich wünschte, sie würden damit endlich ein wenig vorankommen.“

Es entstand ein kurzes Schweigen, während sie innehielten, um den Tanzpaaren zuzusehen, wie sie ihre Kreise drehten.

Dann begann Tom Payne: „Ich weiß schon, dass ich aus der Armee austreten muss, wenn der Krieg vorbei ist. Aber ich freue mich nicht darauf. Nach Spanien und jetzt Belgien wird mir das Zivilleben ein wenig zahm vorkommen. Man kann ja nicht ständig auf die Jagd gehen, und was gibt es zu Hause denn schon anderes zu tun?“

„Sie und die Armee sind wie füreinander gemacht, einverstanden. Aber nun, nach dem Tod Ihres Großvaters, musste es damit zwangsläufig ein Ende haben, Tom.“

„Das ist wahr! Ich hätte schon vor Monaten heimkehren sollen. Zum einen wegen des Guts und zum anderen wegen meiner Schwester. Wer weiß, was ihr zustoßen würde, wenn ich sie alleine zurückließe. Was sie dringend braucht, ist ein Ehemann.“

Adam lachte. „So ein Zufall! Ich habe gerade beschlossen, dass ich sesshaft werden und mir eine Frau suchen will!“

„Sie denken doch wohl nicht daran, Ihren Abschied von der Armee zu nehmen, oder, Sir?“ Verblüffung stand Tom ins Gesicht geschrieben. „Wo Sie doch nicht müssen?“

„Aber ich muss ja. Sie sind nicht der Einzige, der Verantwortung trägt, Lieutenant! Und ich bin schließlich ein ganzes Stück älter als Sie. Nein, wir werden uns noch ein letztes Mal ruhmvoll ins Getümmel stürzen und dann ein nüchternes, fleißiges Leben zu Hause beginnen!“ Er lachte über Toms angewiderten Gesichtsausdruck. „So schlimm wird es schon nicht werden. Und wissen Sie was, Tom, wenn wir erst einmal endgültig mit Napoleon Bonaparte fertig geworden sind, könnte das Leben in der Armee zur Friedenszeit schon sehr langweilig werden.“

„Irgendwo wird doch immer gekämpft, Sir! Sie wissen ja, dass ich mich nicht besonders gut ausdrücken kann, aber ich bin noch nie so glücklich gewesen wie beim Militär. Ich habe noch nirgendwo so gut hingepasst, wie ich hierher passe.“

Adam musterte seinen Untergebenen. Tom hatte recht. Seinem Temperament und seinem Charakter nach war er der ideale Soldat. Ob er es bis zu den höchsten Rängen bringen würde, war allerdings eher fraglich. Er war kein Mann des Denkens, sondern der Tat. In der Schlacht gab es keinen, der besser kämpfte, keinen, der mutiger oder treuer war. Doch bei Untätigkeit wurde ihm langweilig, und wenn er sich langweilte, neigte er dazu, Dummheiten zu machen. Was würde geschehen, wenn er gezwungen wäre, das friedliche Leben eines Landedelmannes zu führen? Sein Temperament und seine Courage, dank derer er solch ein brillanter Soldat war, mochten durchaus in Rücksichtslosigkeit umschlagen. Nach dem, was Adam von seiner Familie wusste, hatte Tom niemanden, der auf ihn Acht gab. Die beiden Paynes, Bruder und Schwester, standen allein da. Er war so tief in Gedanken, dass er Toms zögerliche Stimme zunächst gar nicht hörte.

„Sir … Sir!“

„Tom?“

„Sir, steht Ihr Entschluss, Ihren Abschied zu nehmen, fest?“

„Ziemlich fest.“

„Sir, darf ich Sie etwas fragen? Wenn Sie nicht mögen, müssen Sie es nur sagen …“

Adam kannte diesen flehenden Tonfall. Tom würde irgendeine ungeheuerliche Bitte an ihn richten. „Heraus damit!“, erwiderte er mit einem resignierten Lächeln. Doch nicht einmal er war darauf vorbereitet, wie ungeheuerlich Toms Ansinnen sein würde.

„Sir, wenn Ihnen die Vorstellung zusagen würde … Ich meine, wenn Sie tatsächlich eine Frau suchen … Würden Sie … würden Sie meine kleine Schwester in Betracht ziehen? Ich könnte mir für sie nichts Besseres vorstellen, als dass sie Sie heiratet.“

Für einen Moment war Adam sprachlos vor Verblüffung. Dann brachte er heraus: „Tom! Haben Sie den Verstand verloren?“

Es musste der sprichwörtliche Mut der Verzweiflung sein, der den jungen Mann veranlasste weiterzureden. „Ach, mir ist schon klar, dass Sie sie erst kennen lernen müssten, bevor Sie so etwas erwägen. Aber … aber … falls … falls Sie einander mögen würden … und Sie haben doch gesagt, dass Sie heiraten wollen … und als Schwester ist sie gar nicht übel. Sie ist unterhaltsam, und sie ist sehr sanftmütig und … und geduldig. Normalerweise. In den letzten Jahren hat sie es schwer gehabt, weil mein Großvater ja krank wurde und ich in Spanien war. Und sie braucht jemanden – jemanden wie Sie, der sich um sie kümmert!“

„Ich dachte, das wäre dann Ihre Aufgabe“, erwiderte Adam streng.

„Na ja, schon. Aber irgendwann muss sie doch heiraten!“ Da aus Adams Blick immer noch große Missbilligung sprach, fuhr Tom fort. „Außerdem ist sie ein sehr hübsches kleines Ding. Und … und sehr verständnisvoll. Tolerant.“ Er hielt inne und sah Adam mit seinem treuherzigen Hundeblick an. Adam war über seine Beharrlichkeit allmählich belustigt.

„Was soll das, Tom? Wieso dieser Eifer, Ihre Schwester unter die Haube zu bringen?“

„Also, ich dachte … ich dachte, wenn ich jemanden finde, bei dem ich mich darauf verlassen kann, dass er sich um sie kümmern wird, könnte ich mir das mit der Armee noch mal überlegen …“

„Das ist doch ein absurder Gedanke! Schlagen Sie sich das aus dem Kopf!“ Adam betrat den Ballsaal. „Kommen Sie! Es wird Zeit, dass wir uns zum Dienst melden.“

Tom sah niedergeschlagen aus, akzeptierte jedoch, dass Adam das Gespräch unmissverständlich beendet hatte. Gemeinsam durchquerten sie forschen Schrittes den Ballsaal und stiegen die Treppe hinauf, die zu der kleinen Kammer führte, in der der Stab des Duke untergebracht war.

Hier begegneten sie noch anderen Offizieren, die auf ihre Befehle warteten. Sie würden nun jeden Augenblick ihre Aufträge zugeteilt bekommen und mit neuen Befehlen für die um die belgische Hauptstadt herum stationierten Regimenter in die Nacht hinausreiten.

Adam wandte sich um, als Ivo Trenchard eintrat, der in seinem pelzbesetzten Mantel prächtig aussah. „Sie wirken erhitzt, Ivo!“

„Dies muss wohl der bisher wärmste Abend sein! Aber daran liegt es gar nicht, mein Lieber. Wenn ich ein klein wenig rot im Gesicht bin, dann wohl wegen meiner schweren Anstrengungen. Ich musste sämtliche Damen beruhigen und ihnen versichern, dass Boney sie nicht allesamt gefangen nehmen und nach Paris verschleppen wird.“

„Ich bin sicher, Sie haben jede einzelne von ihnen glänzend … beruhigt“, sagte Adam gedehnt. „Madame de Menkelen wirkte ganz besonders beeindruckt. Aber ist sie sich darüber im Klaren, dass Bonaparte womöglich nicht die einzige Gefahr ist, die ihr droht?“

Brüllendes Gelächter erscholl. Captain Lord Trenchard war der schlimmste Schwerenöter in Brüssel. Seine Erfolge bei den Damen – die sich, das sei dazugesagt, meistenteils nur allzu willig zeigten – waren legendär. Adam kannte ihn als kaltblütigen, einfallsreichen Soldaten und unbarmherzigen Gegner auf dem Schlachtfeld, doch niemand, der beobachtet hatte, wie sein lässiges Gebaren und sein träger Charme in den Salons der feinen Gesellschaft ihre Wirkung entfalteten, hätte das je vermutet. Natürlich war er in mancher Hinsicht vom Schicksal besonders begünstigt. Er war nicht nur reich und mit den besten Familien Englands verwandt, sondern auch hoch gewachsen, mit dunkelbraunem Haar, funkelnden blauen Augen und einem gewinnenden Lächeln gesegnet, das überall, wohin er kam, in der Damenwelt Verheerungen anrichtete. Doch sosehr Adam auch die Affären Ivo Trenchards missbilligen mochte, wenn dieser es allzu toll trieb, waren er und der Captain dennoch gute Freunde. Die Tatsache, dass die Männer in Ivo Trenchards Kompanie enormen Respekt vor ihm hatten und ihm als Anführer vertrauten, sagte Adams Meinung nach viel über ihn aus.

„Tom, mein Junge, wie kommt es, dass Sie immer noch bei uns sind?“, erkundigte sich Trenchard nun. „Ich dachte, Sie hätten beschlossen, uns ohne Sie weiterkämpfen zu lassen? Oder haben Sie es sich anders überlegt?“

Der Lieutenant wurde rot. „Es ist nicht so, dass ich nicht mehr kämpfen wollte“, begann er abwehrend. „Am liebsten würde ich gar nie meinen Abschied nehmen …“ Er hielt inne. Adam griff ins Gespräch ein.

„Lassen Sie den armen Kerl in Ruhe, Ivo! Er sollte in diesem Augenblick eigentlich in England sein, doch als er von Boneys Flucht erfuhr, hat er beschlossen, seine Entlassung aus der Armee zu verschieben. Er hatte seine Zweifel, dass wir diese Sache ohne ihn schaffen können, stimmts, Tom?“

Wieder stieg das Blut in Tom Paynes Wangen. Adams Neckerei ignorierend, erklärte er: „Aber dies wird die größte Schlacht aller Zeiten sein! Boney hat sich dem Duke bisher noch nie zum offenen Kampf gestellt! Er wird natürlich verlieren, aber denken Sie nur, welch eine Herausforderung für uns! Eine solche Schlacht hätte ich auf keinen Fall verpassen dürfen. Ich glaube, ich werde dann nach unten gehen und nachsehen, ob sich schon irgendetwas ergeben hat. Wir werden sicher nicht mehr lange warten müssen. Entschuldigen Sie mich.“ Er salutierte flüchtig und eilte hinaus.

Die beiden älteren Männer lächelten nun über den Eifer des Lieutenant. „Auf jeden Fall hat der Junge recht, Adam“, meinte Ivo. „Dies wird eine Titanenschlacht. Hoffen wir, dass wir überleben, um später darüber erzählen zu können.“

„Das werden wir schon, Ivo. Nur gute Menschen sterben jung. Aber ich hoffe, dass Tom es schafft, einen kühlen Kopf zu bewahren. Oft geht seine Begeisterung mit ihm durch, und dann neigt er dazu, unnötige Risiken einzugehen. Das Problem ist, dass ihn die Vorstellung, aus der Armee auszutreten, derart anwidert, dass er es womöglich darauf anlegt, ruhmvoll zu fallen.“

Tom kehrte erst nach einer halben Stunde zurück. Seine eifrige Ungezwungenheit war verschwunden, denn er begleitete Colonel Ancroft, den befehlshabenden Offizier ihrer Einheit. Doch Adam konnte hinter Toms steifer, korrekter Art erkennen, dass der junge Mann immer noch vor Aufregung brannte.

„Nun denn, Gentlemen, es sieht ganz danach aus, dass wir alle morgen im Einsatz sein werden. Die letzten Details werden noch überprüft, und sobald die Befehle ausgegeben werden, werden Sie sie schnellstens überbringen. In der Zwischenzeit wollen wir auf Boneys Sturz trinken. Tom?“

Tom ging hinüber zum Ecktisch und schenkte ein paar Gläser Wein ein. Er reichte sie herum, und sie brachten feierliche Trinksprüche auf den König und auf die Anwesenden aus, und zuletzt, doch von ganzem Herzen, tranken sie auf Tod und Zerstörung Napoleons und seiner Truppen. Dann nickte Colonel Ancroft, und sie nahmen Platz. Es entstand eine kurze Pause, während sie alle versuchten, sich etwas einfallen zu lassen, um das Schweigen zu brechen. Ihr befehlshabender Offizier besaß eine Autorität, die nicht nur auf seinen Rang zurückzuführen war. Obwohl er das Vertrauen seiner Untergebenen besaß und bekanntermaßen gerecht und unvoreingenommen war, fiel es den Männern nicht leicht, ihn zu mögen. Auf jeden Fall war es nicht einfach, ungezwungene Konversation mit ihm zu betreiben. Doch Adam kannte ihn schon lange, und da er teilweise in die Lebensgeschichte des Colonel eingeweiht war, verstand und respektierte er dessen Zurückhaltung. An diesem Abend allerdings schien Ancroft, vielleicht auf Grund der besonderen Anspannung, in gesprächiger Stimmung zu sein.

„Was gedenken Sie eigentlich zu tun, wenn alles vorbei ist? Wie ich gehört habe, wollen Sie aus der Armee austreten, Tom? Wider Willen, nehme ich doch an.“

„Sir.“

„Sie auch, Adam?“

„Ich fürchte ja, Sir.“

„Schließen Sie sich diesem allgemeinen Exodus etwa auch an, Ivo? In diesem Fall werden unter den Ehemännern Europas wohl ein, zwei Seufzer der Erleichterung zu vernehmen sein!“

Sie lachten, Ivo eingeschlossen. Dieser blickte daraufhin in sein Glas und erwiderte: „Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht, Sir. Ich habe in England noch die eine oder andere Angelegenheit zu regeln. Vor allen Dingen wäre es an der Zeit, dass ich mich mit meinem Vater aussöhne.“

„Gut! Lord Veryan wird erfreut sein, Sie wiederzusehen.“

„Glauben Sie? Bei unserer letzten Begegnung hat er mich angeschrien, ich bösartiges, abscheuliches Ungeheuer solle ihm nie wieder unter die Augen kommen.“

„Davon würde ich mich an Ihrer Stelle nicht abschrecken lassen. Im Zorn sagt man doch häufig Dinge, die man eigentlich nicht ernst meint.“ Colonel Ancroft hielt abrupt inne. „Und tut auch Dinge, die man anschließend bedauert“, fügte er beinahe an sich selbst gerichtet hinzu. Das betretene Schweigen, das darauf folgte, wurde durch das Erscheinen eines der Adjutanten des Duke unterbrochen. Er trug einen Stapel Dokumente, den er dem Colonel übergab. Dieser las die Papiere durch und teilte sie daraufhin aus. Die meisten Männer sollten mit den Befehlen wieder zu ihren Regimentern zurückkehren.

Ivo ging als Erster, in Richtung Ninhove, wo der Hauptteil der englischen Kavallerie zu finden war. Tom erhielt dem Auftrag, mit dem Adam eigentlich gerechnet hatte, sich nach Ath zu begeben, um den Leichten Divisionen ihre Befehle zu überbringen. Adam kam gleich nach ihm an die Reihe.

„Gehen Sie schon vor, Lieutenant. Major Calthorpe wird sich Ihnen sofort anschließen.“

Adam wartete, während sein Vorgesetzter in dem Papierstapel herumblätterte. „Ihnen habe ich die schwierigste Aufgabe übertragen, Adam. Sie werden sich mit den Belgiern befassen – die Generäle des Königs können empfindlich reagieren, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Hoheitsrechte untergraben werden. Diplomatisches Geschick ist vonnöten, denn vor allen Dingen müssen sie sich schnellstens in Bewegung setzen!“ Der Colonel blickte hoch; ein Funke Humor blitzte in seinen harten grauen Augen auf. „Ich hätte ja Trenchard geschickt, aber seit seiner Eskapade mit der Comtesse Leiken ist er am Hof persona non grata. Sie hingegen besitzen jede Menge Taktgefühl – Sie werden sie zu nehmen wissen. Sorgen Sie dafür, dass sie die Befehle des Duke akzeptieren – wir können uns keine Debatten darüber leisten, sie dulden keinen Aufschub.“

„Sir!“

Adam nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte, salutierte und ging.

Draußen fand er Tom vor, der vor Ungeduld von einem Bein aufs andere trat. Gemeinsam machten sie sich auf nach Westen.

Eine Zeit lang ritten sie schweigend und konzentrierten sich darauf, so schnell wie möglich aus Brüssel hinauszugelangen. Dann jedoch ließen sie ihre Pferde in eine langsamere Gangart wechseln, damit sie sich erholen konnten. Die kühlere Luft außerhalb der Hauptstadt schien auf Tom eine ernüchternde Wirkung zu haben, denn auf einmal meinte er: „Ich bin nicht einfach nur ein egoistischer Schuft, Sir.“

Adam warf ihm einen überraschten Blick zu. „Dafür habe ich Sie auch nie gehalten. Wie kommen Sie darauf, Tom?“

„Nun, weil ich Sie gebeten habe, sich das mit meiner Schwester zu überlegen. Es liegt nicht nur daran, dass ich mir wünsche, bei der Armee zu bleiben. Nur … falls mir etwas zustoßen sollte – unwahrscheinlich, ich weiß, aber es könnte geschehen –, dann würde sie ganz ohne Schutz vor meinen Verwandten dastehen.“

„Sie bräuchte Schutz? Vor Mitgliedern Ihrer eigenen Familie? Aber nicht doch!“

„Sir, sie ist drauf und dran, eine reiche Erbin zu werden. Falls mir etwas zustößt, wäre sie sogar noch reicher. Das Landgut der Paynes geht als unveräußerliches Erbe an einen entfernten Cousin, doch das Geld eben nicht. Henry Payne würden das Haus und das Land gehören, aber er hätte wenig Mittel, sie zu unterhalten. Ich … mein Großvater hat ihm nie über den Weg getraut, und ich tu es auch nicht. Und er hat einen Sohn in meinem Alter – ledig und in der Lage, jemanden wie Kate zu heiraten. Ich habe ihn in Eton kennen gelernt – ein ziemlich übler Kerl.“

„Donnerwetter!“ In Adam stieg allmählich Wut über das Ausmaß von Toms Verantwortungslosigkeit auf. „Wenn das so ist, warum zum Teufel sind Sie dann das Risiko eingegangen, für diese Schlacht hier zu bleiben? Sehen Sie ja zu, dass Sie sie heil überstehen, mein liebes Bürschchen!“ Er hielt inne, bevor ihm irgendetwas herausrutschte, was er später bedauern könnte.

Tom überkam nun ein verspäteter Anfall von Gewissensbissen. „Kate hat immer gesagt, ich lache zu viel und denke zu wenig nach. Sobald die Armee mich freigibt, werde ich nach England zurückkehren. Aber falls mir doch etwas zustoßen sollte, Sir, würden Sie dann …?“ Er wandte Adam seine besorgte Miene zu. „Bitte! Wenn sie Ihre Frau würde, wäre sie in Sicherheit.“

Adam erklärte gereizt: „Ich kann unmöglich versprechen, dass ich Ihre Schwester heiraten werde – abgesehen von allem anderen wird sie mich vielleicht gar nicht haben wollen! Haben Sie daran schon einmal gedacht? Aber ich werde dafür sorgen, dass man sich um sie kümmert. Und jetzt müssen wir uns beeilen. Bei der nächsten Abzweigung muss ich abbiegen.“

Sie ritten wieder in schnellem Tempo weiter und hielten nur kurz an, bevor sich ihre Wege trennten. Adam wollte Tom zur Vorsicht mahnen, stellte jedoch fest, dass er es nicht über sich brachte. Das war keine Art, einen Soldaten, der sich im Einsatz befand, in die Schlacht zu schicken. Also nickte er ihm lediglich zu und rief „Viel Glück!“, während er sein Pferd auf die Straße nach Braine le Comte lenkte.

Hinter ihnen, östlich von Brüssel, kämpften die Preußen eine aussichtslose Schlacht gegen die geballten Kräfte der Franzosen. Bald sollte es nicht mehr damit getan sein, dass Wellingtons Armee bei Nivelles wartete. Noch vor dem Morgengrauen würden die Truppen nach Quatre Bras beordert werden, um dort auf Napoleon zu treffen, und die letzte Schlacht sollte bei einem kleinen, bisher völlig unbekannten Dorf namens Waterloo gekämpft werden.

2. KAPITEL

Juli 1815

Katharine Payne hielt einen Brief in der Hand und stand am Fenster ihres kleinen Salons. Die Zimmerflucht, zu der der Raum gehörte, bewohnte sie seit dem Tag, an dem ihr Großvater entschieden hatte, dass sie alt genug sei, die Kinderstube zu verlassen und eine eigene Suite im ersten Stock zu beziehen. Bis heute war ihr selbst in Augenblicken heftigster Gemütsregung der Blick über den Garten und die dahinter gelegene Landschaft Hampshires eine Quelle der Ruhe und des Trostes gewesen. An diesem Tag jedoch war sie blind für die Blumenbeete, die in sämtlichen Farben des Hochsommers leuchteten, die seltenen Baumarten, die ihr Ururgroßvater gepflanzt hatte, und die weitläufigen Rasenflächen, die von dem letzten Regenschauer noch saftig grün waren.

Tom war tot. Gefallen.

Sie hatte es natürlich schon vor mehreren Wochen erfahren. Doch während der vielen schrecklichen Formalitäten, der Unterredungen mit den Familienanwälten und all der anderen Dinge, die es zu erledigen galt, war sie wie betäubt gewesen. Sie hatte immer noch darauf gewartet, dass Tom hereinstürmen würde, lachend und mit einem Leuchten in seinem hübschen Gesicht, und sie necken würde, weil sie wieder einmal auf einen seiner Späße hereingefallen war. Nun hatte dieses Schreiben ihr die bittere Wahrheit vor Augen geführt. Tom würde nicht zurückkehren. Niemals … Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen, und das Blatt Papier flatterte zu Boden.

„Katharine! Meine Liebe!“

Autor

Sylvia Andrew

Sylvia Andrew wollte eigentlich nie ein Buch verlegen lassen, bis sie Mills & Boon ihren ersten historischen Roman zukommen ließ. Als dieser sofort angenommen wurde, war sie überrascht, aber glücklich. "Perdita" erschien 1991, und sieben weitere Bücher folgten. Auch Sylvias eigene Liebesgeschichte ist sehr romantisch. Vereinfacht gesagt hat sie den...

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