Zurück im Palazzo unserer Liebe?

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Nach einer Wirbelwindromanze in Rom heiratet Juliet den faszinierenden Aristokraten Ralph Castellucci. Sie schwebt im siebten Himmel, bis sie entdeckt, dass ihr Traummann sie betrügt. Zutiefst verletzt flieht sie nach England – und kehrt nur ein allerletztes Mal in seinen Palazzo zurück, um die Scheidung zu verlangen. Doch Ralph will sie nicht gehen lassen und entführt sie auf seine Luxusjacht. Gegen Juliets Willen ist die Glut der Leidenschaft bald wieder sengender als die italienische Sommersonne …
  • Erscheinungstag 14.12.2021
  • Bandnummer 2522
  • ISBN / Artikelnummer 9783751509350
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Auf den Zehenspitzen stehend, versuchte Juliet, ihren kleinen Koffer ins Handgepäckfach zu zwängen, während sich andere Fluggäste im Gang an ihr vorbeiquetschten.

„Warten Sie! Ich helfe Ihnen.“

Der Mann hinter ihr sprach mit unverkennbar italienischem Akzent, und Juliet zuckte unwillkürlich zusammen.

„So, das war’s schon“, hörte sie ihn sagen.

Juliet holte tief Luft, drehte sich um und blickte in ein Paar dunkelbraune Augen.

„Vielen Dank.“

Der Mann lächelte. „Gern geschehen. Einen angenehmen Flug … und sagen Sie ruhig Bescheid, wenn ich Ihnen nachher helfen soll, ihn wieder herunterzuholen. Ich sitze da drüben.“ Er zeigte auf ein paar Reihen hinter ihr.

„Das ist sehr freundlich von Ihnen.“

Rasch glitt sie auf ihren Sitz. Noch immer pochte ihr Herz schneller, als es sollte.

Wie blöd von mir, wie wahnsinnig blöd, dachte sie, während sie durch das Fenster aufs Rollfeld sah.

Sie ärgerte sich nicht, weil sie einen Moment lang geglaubt hatte, es wäre Ralph.

Sondern, weil sie es sich gewünscht hatte.

Weil ihr romantischer Traum von Liebe kurzzeitig die knallharten Fakten außer Kraft gesetzt hatte.

Ihr Mann betrog sie, und ihre Ehe war so gut wie am Ende. Nur waren sie und Ralph anders als ihre berühmte Namensvetterin Julia und deren Romeo nicht durch Familienfehden auseinandergerissen worden. Sie hatten ihre Ehe selbst zerstört.

Plötzlich zitterten ihr die Hände. Um sich zu beruhigen, beugte sie sich vor und zog die Karte mit den Sicherheitshinweisen aus der Sitztasche vor ihr. Wie blind starrte sie auf das Bild einer jungen Frau, die schwungvoll eine Notrutsche hinunterrutschte.

Etwas ganz Ähnliches hatte sie selbst getan. Sie war ins kalte Wasser gesprungen, hatte auf ihr Schicksal vertraut und törichterweise gehofft, dass alles gutgehen würde – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Schön wär’s.

Wenn sie an die sechs Monate Ehe mit Ralph Castellucci zurückdachte, schoss ihr das Blut in die Wangen. Sie hatten sich in Rom kennengelernt, in der Stadt der Liebe. Aber Juliet hatte dort an diesem Abend nicht die große Liebe gesucht, sondern eine Katze.

Auf ihrem Rückweg vom Kolosseum hatte sie sie jaulen gehört. Gerade als Juliet herausgefunden hatte, dass die Katze in einem Gully feststeckte, hatte es zu regnen begonnen. Es war einer jener heftigen Januar-Regengüsse gewesen, die im Nu alles durchnässten. Alle waren weggerannt, um irgendwo Schutz zu suchen.

Alle außer Ralph.

Er war der Einzige gewesen, der stehen geblieben war, um ihr zu helfen. Zum Dank war er heftig gekratzt worden.

In der Zeit, die es gedauert hatte, mit ihm zum Krankenhaus zu gehen, damit er eine Tetanusimpfung bekam, hatte sie herausgefunden, dass seine Mutter Engländerin war und sein Vater Italiener – aus Verona.

Juliet hatte sich Hals über Kopf in Ralph verliebt. Es hatte sie voll erwischt. Während sie mit ihm durch die Straßen von Rom gelaufen war, hatte sie sich schwindlig gefühlt, betäubt, trunken vor Liebe und Verlangen, und das hatte sie vergessen lassen, wer und was sie war.

Nach nur wenigen Stunden war sie verrückt nach Ralph gewesen. Seinem Lächeln, seinem Lachen, seinen Berührungen …

Während der folgenden drei Wochen hatten sie kaum voneinander lassen können.

Und dann hatte Ralph ihr einen Antrag gemacht.

Im Krankenhaus hatte sie zum ersten Mal den Siegelring bemerkt, den er am kleinen Finger trug, mit dem Wappen aus einem geschnörkelten C und einer Burg. Aber erst später hatte sie herausgefunden, was dieses Wappen bedeutete. Wer seine Familie war – und wer er war.

Die Castelluccis waren Nachfahren der Fürsten von Verona. Von Geburt an hatte Ralph in einer Welt gelebt, in der ihm jeder Wunsch sofort erfüllt wurde und er alles bekam, was er begehrte.

Und er hatte sie begehrt.

Was auch immer sich seitdem als Irrtum herausgestellt hatte, daran gab es keinen Zweifel. Von jenem ersten Moment in Rom an war die Glut zwischen ihnen sengender gewesen als die der Sonne im italienischen Sommer.

Was sie damals nicht gewusst hatte, war, dass sein Verlangen sich nicht auf sie allein beschränkte. Ralph Castellucci suchte nicht nur im Ehebett sexuelle Erfüllung. So hatten es reiche, mächtige Männer in der Geschichte und auf der ganzen Welt schon immer gehalten: Sie heirateten eine Frau und nahmen sich eine andere – oder auch mehrere – zur Geliebten. Nur: Dumm und naiv und selbstgefällig, wie sie war, hatte sie geglaubt, dass die Intensität ihrer Leidenschaft etwas Besonderes sei und sie vor diesem Schicksal bewahren würde.

Beim Gedanken an jenen qualvollen Augenblick, als sie beobachtet hatte, wie ihr Mann mit einer schönen dunkelhaarigen Frau ins Auto gestiegen war, krallten ihre Finger sich in die Armlehnen. Es war nicht so, als wäre sie nicht gewarnt worden. Es war so üblich – unter seinesgleichen. Sie hatte auf Partys der Schickeria den Klatsch gehört, und überall in seinem Palazzo hingen Porträts der Geliebten seiner Vorfahren.

Als Außenseiterin, ohne Geld oder Beziehungen, hatte man ihr zu verstehen gegeben, dass sie sich glücklich schätzen konnte, überhaupt eingeladen zu werden. Es lag nicht in ihrer Hand, die Regeln zu ändern – Regeln, die ihr unmissverständlich klargemacht worden waren. Für die Castelluccis war Ehebruch, solange er von den Medien und Scheidungsgerichten ferngehalten wurde, akzeptabel.

Aber ganz gewiss nicht für sie.

Wenn Ralph bereit gewesen wäre, darüber zu reden, hätte Juliet ihm vielleicht eine zweite Chance gegeben. Aber er hatte sich strikt geweigert. Schlimmer noch: Nachdem sie ihn damit konfrontiert hatte, hatte er immer noch von ihr erwartet, dass sie sich zurechtmachte, um ihn am selben Abend zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu begleiten. Und als sie sich geweigert hatte, war er allein hingegangen.

Jetzt gab es nur noch ein letztes Gespräch zu führen: jenes, in dem sie sich verabschieden würde. Aber vorher musste sie die Taufe durchstehen. Als Lucia und Luca sie gefragt hatten, ob sie Raffaelles Patentante werden wolle, war sie so erfreut und stolz gewesen. Leider war Ralph Lucas bester Freund, deshalb hatten sie natürlich auch ihn gebeten, Taufpate zu werden. Er würde in der Kirche und auf der anschließenden Feier sein, ein Wiedersehen ließ sich also nicht vermeiden, und sie hatte sich damit abgefunden. Aber was den Ball anbelangte …

Sie seufzte tief.

Der Castellucci-Ball mochte das Highlight im Festkalender Veronas sein, aber Juliet würden keine zehn Pferde dort hinbekommen. Auf der Taufe würde sie ihren Freunden zuliebe ihre Rolle als gute Castellucci-Frau spielen, aber den Ball konnte ihr untreuer Ehemann sich abschminken. Sie verzog den Mund. Ralph würde ihr nie verzeihen, wenn sie nicht hinginge.

Gut. Dann wären sie quitt.

Der Gedanke sollte sie eigentlich beruhigen, aber selbst jetzt – fünf Wochen, nachdem sie aus dem prunkvollen Palast in Verona geflohen war – tat es weh, sich einzugestehen, dass ihre Ehe gescheitert war. Und damit auch ihr Traum von einem eigenen Kind.

Ein Flugbegleiter hatte begonnen, die Sicherheitsanweisungen durchzugehen, und als Juliet ihren Gurt anlegte, ballte sie die Hände zu Fäusten. Sie hatte sich mehr als alles andere ein Kind gewünscht, und Ralph ebenso. Sie hatte vorgehabt, die Pille abzusetzen. Aber dann hatte das Schicksal ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht …

Ihr Schwiegervater Carlo war ins Krankenhaus eingeliefert worden, und Juliet hatte die Pille aus Gewohnheit einfach weitergenommen. Sie hatte es Ralph nicht gesagt – nicht, weil sie es ihm absichtlich vorenthalten wollte, es hatte sich einfach nicht ergeben. Wie auch, wenn sie nie miteinander redeten? Und später hatte sie Panik gehabt, sie abzusetzen. Ralph war so oft nicht da, und da sie weder einen Job noch eine echte Aufgabe hatte, war dies der einzige Lebensbereich, über den sie noch etwas Kontrolle hatte.

Und dann hatte sie ihn mit seiner Geliebten gesehen, und es war zu spät gewesen.

Ganz kurz hatte sie daran gedacht, es ihrer Mutter gleichzutun: trotzdem schwanger zu werden und mit den Folgen zu leben, irgendwie. Obwohl sie wusste: Unglückliche Paare gaben nun mal keine glücklichen Eltern ab, egal wie reich sie waren.

Das Flugzeug landete pünktlich in Verona. Es war ein sonniger Tag, und trotz ihrer Sorgen hob sich Juliets Stimmung. Eine Taufe war ein ganz besonderes Ereignis, und sie war entschlossen, jeden Moment zu genießen.

Sie hielt dem gelangweilt dreinblickenden Beamten hinter dem Einwanderungsschalter ihren Pass hin. Es würde komisch sein, Ralph zu sehen, aber sie war bereit, ein letztes Mal ihre Rolle als seine Frau zu spielen, Lucia und Luca zuliebe.

Grazie.“

Auf dem Weg zum Ausgang steckte sie ihren Pass wieder in die Tasche und holte eine Schirmmütze und ihre Sonnenbrille hervor. Sie steckte die Haare unter die Mütze und setzte die Sonnenbrille auf. Sie würde sich benehmen. Und Ralph auch. Ihr Mann mochte ein untreuer Lügner sein, aber er war zuallererst ein Castellucci. Und seine Familie scheute nichts mehr als einen Skandal. Er würde daher niemals eine Szene machen.

Scusi, Signora Castellucci?“

Ihre braunen Augen weiteten sich erstaunt, als ihr zwei uniformierte Frauen in den Weg traten. Sie nahm die Sonnenbrille ab und warf einen Blick auf ihre Abzeichen. Keine Polizei … vielleicht waren sie vom Sicherheitspersonal des Flughafens?

„Ja, das bin ich“, sagte sie schnell.

Die jüngere Frau trat einen Schritt vor. „Würden Sie bitte mitkommen?“

Ihr Puls raste. Es war zwar als Frage formuliert, aber sie hatte nicht den Eindruck, als könnte sie ablehnen. „Gibt es ein Problem?“

Nein. Es konnte keins geben, denn sie hatte nichts falsch gemacht. Aber wie viele Menschen, die Uniformierten gegenüberstehen, fühlte sie sich sofort beklommen und auf eine seltsame Weise schuldig – als ob sie wissentlich ein Dutzend Gesetze gebrochen hätte.

„Wollen Sie mein Ticket sehen? Es ist auf meinem Handy …“

Sie spürte, wie sie rot wurde. Nachdem sie wochenlang nur Englisch gesprochen hatte, war ihr Italienisch etwas holperig.

Die zweite Frau trat vor. „Wenn Sie bitte einfach mitkommen würden, Signora Castellucci.“

Juliet zögerte. Sollte sie zuerst eine Erklärung verlangen? Aber das würde Zeit kosten, und sie wollte einfach nur ins Hotel gehen und duschen. Ihre Anspannung stieg, als eine der beiden Frauen sich wegdrehte und in ein Funkgerät sprach.

Obwohl Juliet überhaupt nicht wie die Frau eines Castellucci aussah, bestand die Möglichkeit, dass jemand sie erkannte, und das Letzte, was sie wollte, war, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vielleicht sollte sie Lucia anrufen und sie bitten, ihr …

Was? Ihr die Hand zu halten? Lucia war eine gute Freundin, und in den ersten Monaten ihrer Ehe, als alles so merkwürdig und beängstigend gewesen war, war sie ihre Rettung gewesen.

Aber Juliet war kein kleines Kind mehr, und Lucia hatte inzwischen ein Baby, um das sie sich kümmern musste. Außerdem kannte Juliet ihre Freundin gut: Wenn sie sie anriefe, würde Lucia zum Flughafen kommen. Und schließlich: Was brächte das? Es konnte sich hier eigentlich nur um eine Verwechslung handeln.

„Folgen Sie mir bitte“, sagte die zweite Frau.

Juliet nickte. Sie verließen die Ankunftshalle und liefen mehrere fensterlose Flure entlang. Passanten sahen sie neugierig an, und ihr wurde wieder mulmig, aber hier war es sicher zu dunkel, um erkannt zu werden.

„Hier entlang, bitte!“

Sie trat durch eine Schiebetür, stand plötzlich im grellen Sonnenlicht und musste blinzeln. Und dann sah sie das Auto. Es war dunkel und schnittig, zugleich anonym und doch beunruhigend vertraut – so wie Marco, der uniformierte Chauffeur auf dem Fahrersitz. Aber weder das Auto noch der Fahrer brachte ihr Herz aus dem Takt, sondern der große, dunkelhaarige Mann, der danebenstand. Selbst aus der Entfernung hoben Schnitt und Stoff seines dunklen Anzugs ihn hervor. Er hatte ihr den Rücken zugewandt, und sie betrachtete nervös seine breiten Schultern.

Nein!

Nicht er! Nicht hier!

Sie brauchte sein Gesicht nicht zu sehen, um zu wissen, dass er es war. Sie würde ihn selbst mit verbundenen Augen in einer Menschenmenge erkennen. Als hätte sie einen siebten Sinn, wie ein Zugvogel, der instinktiv dem Magnetfeld der Erde folgte.

Ralph.

Aber es ergab keinen Sinn, dass er hier war. Sie hatte niemandem gesagt, welchen Flug sie nehmen würde. Selbst Lucia gegenüber hatte sie ihre Reisepläne bewusst vage gehalten. Und trotzdem war er hier. Ihr Ehemann. Oder besser gesagt, ihr baldiger Exmann.

Sie betrachtete ihn schweigend. Vor nicht allzu langer Zeit wäre sie ihm um den Hals gefallen. Jetzt aber drängte eine innere Stimme sie, umzukehren und wegzurennen, so schnell sie konnte. Doch sie war wie gelähmt und beobachtete daher nur stumm, wie die jüngere Uniformierte auf ihn zuging.

Vostra moglie, Signor Castellucci.“ Ihre Frau, Herr Castellucci.

Sie schnappte nach Luft, und ihre Hände begannen zu zittern, so schockiert und fassungslos war sie. Sie wurde abgeliefert wie ein Paket. Oder wie ein verlegtes Gepäckstück.

Sie schloss die Finger fester um den Griff ihrer Handtasche, als Ralph sich langsam umdrehte.

Grazie.“

Er schickte die beiden Frauen mit einer leichten Kopfbewegung weg, als ob er eine Bedienstete aus dem tennisplatzgroßen Wohnzimmer seines Palazzos entließ. Als Juliet ihn schweigend ansah, nahm sie aus dem Augenwinkel wahr, dass die uniformierten Frauen sich entfernten.

Juliet hatte ihren Mann seit fünf Wochen nicht gesehen, und in dieser Zeit hatte sie ihn in eine Art Scheusal verwandelt. Jetzt traf sie seine Schönheit wie ein Schock. Honigbraune Augen, hohe Wangenknochen und weit geschwungene Lippen konkurrierten um ihre Aufmerksamkeit.

Aber es waren nicht nur seine symmetrischen, feinen Gesichtszüge. Unzählige Schauspieler und Models konnten damit aufwarten. Da war noch etwas anderes – etwas, das unter seiner makellosen goldenen Haut schimmerte und jedem in seinem Umfeld auffiel. Ralph strahlte eine besondere Selbstsicherheit aus, eine angeborene, unleugbare Autorität, die seit Jahrhunderten von einer Generation der Castelluccis an die nächste weitergereicht wurde. Sie speiste sich aus der Annahme, dass die Welt sich um ihn drehte. Dass sein eigenes Glück Vorrang hatte vor dem Glück anderer Leute.

Auch vor dem seiner Frau.

Als er auf sie zukam, konnte sie die Augen nicht von ihm lassen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hatte die raubtierhafte Anmut, mit der er sich bewegte, nicht vergessen, trotzdem schockierte es sie geradezu, welche Wirkung er augenblicklich auf sie hatte.

Warum nur?

Warum war sie ihm gegenüber immer noch so wehrlos? Warum übte er noch immer eine so große sexuelle Anziehungskraft auf sie aus, nach allem, was er getan hatte?

Er blieb vor ihr stehen, und sie hielt den Atem an, als er ihr Kinn hob und ihr die Schirmmütze vom Kopf nahm.

„Überrascht, mich zu sehen?“, fragte er leise.

Sie beobachtete stumm, wie er, gebieterisch wie ein römischer Kaiser, dem Chauffeur mit der Hand ein Zeichen gab, ihr die Tür zu öffnen. Sie stieg ein, mehr aus Gewohnheit als aus der Absicht zu gehorchen, und wartete, während Ralph um den Wagen herumging und sich neben sie setzte. Einen Augenblick später setzte sich die Limousine in Bewegung.

Während Ralph es sich bequem machte, wurde Juliet ganz flau im Magen.

„Wie war dein Flug?“, fragte er.

Bei seinen Worten explodierte sie innerlich. Er tat so, als wäre sie im Urlaub gewesen, obwohl sie beide wussten, dass sie weggelaufen war. Die Notiz, die sie ihm hinterlassen hatte, als sie Verona vor fünf Wochen verlassen hatte, mochte kurz und vage gewesen sein:

Ich brauche Abstand

Aber die Nachricht, die sie ihm vor einer Woche auf seine Mailbox gesprochen hatte, war eindeutig. Sie hatte ihm mitgeteilt, dass sie nach der Taufe nach England zurückkehren würde und dass sie sich scheiden lassen wollte. Danach hatte sie sich in den Schlaf geweint und tagelang angstvoll auf seine Reaktion gewartet.

Aber sie hätte sich gar keine Gedanken darum machen müssen. Ralph glaubte ganz offensichtlich nicht, dass sie es ernst meinte. Für ihn war das Ganze – ihr Weglaufen, ihre Forderung nach einer Scheidung – ein Sturm im Wasserglas, der nichts als eine Prise der berühmten Diplomatie der Castelluccis erforderte. Deshalb war er am Flughafen aufgetaucht, um sie abzuholen, in der Annahme, sie würde nachgeben, so wie jede andere Castellucci-Ehefrau in der Geschichte es getan hatte.

Gut, dachte sie entschlossen: Wenn er es herunterspielen wollte, bitte schön. Er würde noch merken, wie ernst es ihr war, wenn er Post von ihrem Anwalt bekam. Sie unterdrückte ihre Wut und zwang sich, ihn anzusehen. „Danke, gut“, antwortete sie kühl. „Aber du hättest dich nicht hierherbemühen müssen. Ich kann gut selbst auf mich aufpassen.“

„Offensichtlich nicht.“

„Was soll das heißen?“

„Das heißt, obwohl du die Gefahren kennst, bella, hast du dich nicht an die Regeln gehalten.“ Er sah sie direkt und unverwandt an. „Wenn ich mich nicht eingeschaltet hätte, wärst du ungeschützt aus dem Flughafen spaziert und …“

„… hätte ein Taxi genommen“, unterbrach sie ihn wütend. „Wie jeder normale Mensch.“

Seine goldbraunen Augen blitzten. „Aber du bist kein normaler Mensch. Du bist eine Castellucci. Das macht dich zur Zielscheibe. Und deshalb brauchst du Schutz.“

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, während Hitze sie durchströmte. Sie brauchte tatsächlich Schutz: Der Mann neben ihr war eine weit größere Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Glück als irgendein gesichtsloser Fremder.

Er streckte die Beine aus, und die Anstrengung, die es sie kostete, nicht auszuweichen, steigerte noch ihre Verärgerung. „Wenn du mit deinem Vortrag fertig bist …“

„Noch nicht“, unterbrach er sie ruhig. „Indem du dich nicht an die Regeln hältst, bist du nicht nur eine Zielscheibe, sondern auch eine Last. Du erschwerst es den Leuten, die für deine Sicherheit verantwortlich sind, ihre Arbeit zu machen.“

Das Blut schoss ihr in die Wangen, und sie kochte vor Wut. Aber er hatte recht: In einem der ersten Gespräche, die sie geführt hatten, nachdem er ihr von seiner Familie erzählt hatte, hatte er ihr erklärt, dass das Privileg, eine Castellucci zu sein, mit großen Vorteilen verbunden war, dass es aber auch einige Nachteile hatte. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie er sie an den Fingern aufgezählt hatte: Stalker, Räuber, Kidnapper, Erpresser …

Bloß war die Gefahr heute minimal gewesen, da er sie anscheinend die ganze Zeit, während sie in England war, hatte beschatten lassen. Wie sonst hätte er wissen können, welchen Flug sie genommen hatte? Außerdem: Wenn er unbedingt über Regelbrüche reden wollte, konnte sie ihm einige Regeln nennen, die er gebrochen hatte.

Etwa das Ehegelöbnis, ihr treu zu sein.

„Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, Ralph“, sagte sie knapp.

Er wich ihrem Blick nicht aus. „Aber ich sitze nicht in einem Glashaus, bella, sondern in einem Palast. Wie du.“

Einen kurzen Augenblick dachte sie an das schöne Zuhause, das sie sechs Monate miteinander geteilt hatten. Die zeitlose Eleganz der Gewölbe mit ihren Fresken und ihrer opulenten Einrichtung, die efeuumrankten Balkone mit Blick auf die Gartenanlage und das gesamte Anwesen.

Dann blendete sie die Erinnerung aus. Glaubte er wirklich, dass es so einfach wäre, ihre Ehe wieder zu kitten? Indem er sie daran erinnerte, was sie aufgeben würde? Begriff er nicht, dass sie bereits verloren hatte, was ihr das Wichtigste war – sein Herz?

Sie unterdrückte ihren Kummer, hob die Arme und band ihre Haare im Nacken zu einem lockeren Zopf zusammen. „Warum bist du hier, Ralph?“, fragte sie leise.

Er zog einen Mundwinkel hoch und erklärte: „Ich kümmere mich um das, was zu mir gehört.“

Sie sah ihn fassungslos an. Wie konnte er so etwas sagen nach allem, was er getan hatte? Er hatte ihr das Herz gebrochen!

Im Großen und Ganzen machten die Vorteile, eine Castellucci zu sein, ein bisschen Liebeskummer und ein verletztes Ego mehr als wett. Zumindest hatten alle versucht, ihr das einzureden. Nur war ihr all das – sein Reichtum, sein gesellschaftlicher Rang und sein Einfluss – ganz egal. Es würde ihr nie etwas bedeuten. Deshalb hatte sie ihn verlassen, und deshalb würde sie es wieder tun. Und das nächste Mal würde sie nicht zurückkehren.

„Du hättest jemanden schicken können“, wandte sie ein.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich wollte meine Frau vom Flughafen abholen.“ Er sah sie an. „Du bist immer noch meine Frau, Giulietta“, ergänzte er leise.

Sie zuckte zusammen. Alle nannten sie Letty. Nur er nannte sie bei ihrem vollen Namen, aber in der italienischen Version, und der schmerzlich vertraute Klang war wie eine Liebkosung. Sein Blick hingegen war stahlhart.

Sie blickte ihm in die Augen und sah die Wut und sein verletztes Ego unter der Oberfläche schimmern. Aber das war das Problem: Er würde es nie zeigen. Er hatte sich immer zu hundert Prozent unter Kontrolle.

Erinnerungen wurden in ihr wach, die ihren Puls zum Rasen brachten. Nein, er hatte sich nicht immer unter Kontrolle. Nicht, wenn sie sich liebten. Dann war er wie ausgewechselt. Jeder Atemzug, jede Berührung ungehemmt, drängend, ungespielt. Als sie daran dachte, wie sein nackter Körper sich an ihren schmiegte, wurde ihr plötzlich sehr warm …

In England war sie so sicher gewesen, dass es einfach nicht funktionierte mit ihnen, aber allein mit ihm kamen ihr wieder Zweifel.

Dabei gab es nichts zu zweifeln. Sie hatte es mit ihren eigenen Augen gesehen, dass ihr Mann eine Affäre hatte.

Mit klopfendem Herzen sah sie ihn an. Er hatte sie betrogen, ihr ins Gesicht gelogen. Und die Tatsache, dass er in den vergangenen fünf Wochen nicht versucht hatte, Kontakt zu ihr aufzunehmen, ließ darauf schließen, dass er so viel Spaß mit seiner Geliebten gehabt hatte, dass ihm Juliets Abwesenheit gar nichts ausgemacht hatte. Bei der Vorstellung der beiden zusammen wurde ihr übel, und plötzlich war sie es leid, Spielchen zu spielen. Was brachte es, die Sache hinauszuzögern? Warum sollte sie nicht Klartext reden?

Sie hob das Kinn und sah ihm direkt ins Gesicht. „Nicht mehr lange.“

Eine ganze Weile sagte er gar nichts.

Als sie aufblickte und das Funkeln in seinen Augen sah, lief ihr ein Schauer über den Rücken.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Meinst du?“

Fast wünschte sie, sie hätte bereits die nötigen Papiere von ihrem Anwalt dabei, um sie ihm um die Ohren zu hauen.

„Hast du meine Nachricht nicht bekommen?“, fragte sie.

„Ah, ja, deine Nachricht …“

Er lehnte sich zurück und nickte langsam, als ob er ein Musikproduzent wäre, dem sie ein besonders uninteressantes Demo-Band geschickt hatte.

„Es kam ziemlich plötzlich. Ich fand, du warst …“, er machte eine Pause, runzelte die Stirn und schnippte mit den Fingern auf der Suche nach dem richtigen Wort. „Wie sagt man? Ach ja: melodramatisch. Die Londoner Theaterwelt hat wohl auf dich abgefärbt.“

Sie blieb äußerlich unberührt. „Ich möchte die Scheidung.“

Er zeigte keinerlei Reaktion, sondern neigte nur den Kopf zur Seite. „Das kannst du vergessen, bella.“ Seine Stimme war leise, aber unnachgiebig.

„Das hast nicht du zu entscheiden, Ralph.“ Sie hatte Mühe, sich zusammenzureißen.

Er sah sie ruhig an. „Jetzt bist du wirklich melodramatisch.“

Sie wollte ihn schlagen. „Ich will die Scheidung, Ralph. Sonst nichts.“

Das war nicht gelogen. Sie wollte wirklich nichts von ihm haben. Es würde so schon schwer genug für sie sein, die Scheidung zu bewältigen. Wenn sie lauter Erinnerungsstücke an ihn um sich herumstehen hätte, würde es noch schwerer sein.

„Ich will kein Geld oder sonst etwas von dir. Ich will einfach nur die Scheidung.“

Seine Gesichtszüge verhärteten sich. „Und was soll ich dazu sagen, Giulietta?“

„Ich erwarte, dass du einwilligst.“ Sie verschränkte die Hände im Schoß. „Wir wissen doch beide, dass wir nicht zusammenpassen. Unsere Ehe ist kaputt.“ Wahrscheinlich, weil wir eine Ehe zu dritt führen, dachte sie resigniert.

„Und so machst du das also, wenn etwas nicht funktioniert?“ Er sah sie scharf an. „Dann wirfst du es einfach weg?“

Sie sah ihn ungläubig an, während seine Worte sich in ihr Herz bohrten. Wie konnte er so etwas sagen, nach dem, was er getan hatte, was er einfach weggeworfen hatte.

Ihre Augen blitzten. „Unsere Ehe bedeutet dir doch schon seit Monaten nichts mehr.“

„Trotzdem bist du diejenige, die abgehauen ist“, sagte er langsam.

Sie holte tief Luft und versuchte, sich zu beherrschen. „Weil du eine Affäre hast!“

Allein es laut auszusprechen, tat weh, aber er blieb ungerührt.

„Das hast du gesagt. Und ich habe es abgestritten.“

Sie bekam langsam Kopfschmerzen. „Pass auf, ich habe mich entschieden, deshalb brauchst du mich nicht mehr anzulügen …“

Seine Augen verengten sich kaum merklich. „Ich habe dich nicht angelogen. Ich habe dir gesagt, dass ich keine Affäre habe. Das war und ist die Wahrheit. Bloß willst du es nicht glauben.“

Sie starrte ihn an. Vor ihrem inneren Auge lief noch einmal der furchtbare Streit ab. Obwohl ein Streit normalerweise mehr als eine Person erforderte … Wenn sie an ihre wütenden Anschuldigungen und sein einsilbiges Dementi dachte, stieg ihr die Zornesröte ins Gesicht. „Ich glaube, was ich glaube, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe.“ Sie holte tief Luft. „Also, sind wir jetzt fertig?“

„Längst nicht.“ Er schob den Kiefer nach vorn. „Was du gesehen hast, war nicht das, wonach es für dich ausgesehen hat.“

„Natürlich nicht.“ Sie wollte nicht so verbittert klingen, aber sie hatte sich nicht unter Kontrolle. „Dann erkläre es mir doch: Was genau habe ich gesehen?“

Er schwieg so lange, dass sie schon dachte, er würde nicht antworten. Schließlich sagte er mit einem Achselzucken: „Sie stellt keine Bedrohung für dich … für uns … dar.“

Seine Antwort ließ sie nach Luft schnappen. „Oh, verstehe. Du meinst, es ist nichts Ernstes?“ Sie schüttelte den Kopf, wütend und traurig zugleich. „Und damit ist alles wieder gut? Ich soll mich einfach fügen und die Klappe halten.“

„Du verdrehst mir das Wort im Mund.“

Ihr tat der Kopf weh. Sie war so dämlich! Einen Augenblick lang hatte sie geglaubt, dass sie endlich zu ihm durchgedrungen war. Aber es war immer das Gleiche.

„Weißt du was, Ralph? Ich diskutiere nicht weiter mit dir. Nicht hier, nicht jetzt.“ Sie beugte sich vor und klopfte an die Scheibe, die sie vom Fahrer trennte. „Können Sie mich bitte zu dieser Adresse fahren?“ Während sie auf ihr Handy sah, las sie den Straßennamen vor. „Das ist beim Krankenhaus.“

„Was soll das?“ Seine Stimme war bedrohlich leise.

Autor

Louise Fuller

Louise Fuller war als Kind ein echter Wildfang. Rosa konnte sie nicht ausstehen, und sie kletterte lieber auf Bäume als Prinzessin zu spielen. Heutzutage besitzen die Heldinnen ihrer Romane nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern auch einen starken Willen und Persönlichkeit.

Bevor sie anfing, Liebesromane zu schreiben, studierte Louise Literatur...

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