Baccara Exklusiv Band 166

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Tula wollte dem Millionär nur eröffnen, dass er mit ihrer verstorbenen Cousine einen Sohn hat. Doch Simon erobert nicht nur dessen Herz im Sturm … Tula glaubt sich im siebten Himmel - bis ein fürchterlicher Verdacht in ihr keimt: Benutzt Simon sie nur, um das Sorgerecht für Nathan zu bekommen?

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  • Erscheinungstag 06.04.2018
  • Bandnummer 0166
  • ISBN / Artikelnummer 9783733725068
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Maureen Child, Rachel Bailey, Leanne Banks

BACCARA EXKLUSIV BAND 166

1. KAPITEL

Für Überraschungen hatte Simon Bradley nichts übrig, denn seiner Ansicht nach öffneten sie dem Chaos Tür und Tor. Er war ein Mann, der auf Ordnung, Regeln und Disziplin Wert legte. Darum erkannte er auch mit einem Blick, dass die Frau in seinem Büro ganz sicher nicht sein Typ war.

Dabei ist sie durchaus hübsch, dachte er, knapp einen Meter fünfundsechzig groß, aber durch ihre Zartheit wirkt sie noch kleiner. Wirklich, ein zierlicher Typ …

Ihre kurz geschnittenen, dichten blonden Haare bildeten einen reizvollen Rahmen für ihr sympathisches Gesicht, was durch die großen silbernen Ohrringe noch betont wurde.

Mit ihren großen blauen Augen sah sie ihn nachdenklich an. Als sie lächelte, erschien auf einer Wange ein kleines Grübchen. Sie trug schwarze Jeans, schwarze Stiefel und einen engen roten Pulli, der ihre ansprechende Figur schön zur Geltung brachte.

Ohne ihre Schönheit länger auf sich wirken zu lassen, erhob sich Simon von seinem Schreibtisch. „Guten Tag. Ms Barrons ist Ihr Name, richtig? Meine Sekretärin hat mir gesagt, dass Sie mich in einer dringenden Angelegenheit sprechen wollen.“

„Ja. Hallo“, sagte sie unbefangen.

Unwillkürlich sah Simon auf ihre sinnlichen Lippen.

„Bitte nennen Sie mich Tula.“ Sie kam auf ihn zu und streckte ihm zur Begrüßung die Hand entgegen.

Als sich ihre Finger berührten, spürte er ein plötzliches Hitzegefühl. Aber noch ehe er sich darüber Gedanken machen konnte, schüttelte sie ihm kurz und energisch die Hand und trat wieder einen Schritt zurück.

Dann blickte sie an ihm vorbei aus dem Fenster und rief: „Wow! Was für ein Panorama! Von hier aus sieht man ja ganz San Francisco.“

Simon verzichtete darauf, sich zum Fenster umzudrehen. Stattdessen musterte er diese … Tula genau. Dabei rieb er unbewusst die Hände gegeneinander, wie um das ungewöhnliche Hitzegefühl abzustreifen. Nein, sie war ganz und gar nicht sein Typ, aber dennoch konnte er den Blick nicht von ihr wenden. „Das vielleicht nicht, aber doch einen Großteil.“

„Warum stellen Sie Ihren Schreibtisch nicht andersherum? So haben Sie ja gar nichts davon.“

„Dann würde ich ja mit dem Rücken zur Tür sitzen.“

„Stimmt zwar, aber ich finde, das wäre es wert.“

Hübsch, aber chaotisch, genau wie ich mir gedacht habe. Simon sah auf die Uhr. „Ms. Barrons …“

„Tula.“

„Ms. Barrons“, wiederholte er absichtlich. „In fünfzehn Minuten muss ich zu einer Besprechung. Wenn Sie nur gekommen sind, um sich mit mir über die Aussicht zu unterhalten …“

„Ich weiß, Sie sind ein viel beschäftigter Mann. Und natürlich bin ich nicht wegen der Aussicht hier. Ich habe mich nur davon ablenken lassen.“

Genau so sieht sie aus, dachte Simon ironisch, Ablenkung ist ihr zweiter Vorname.

Auch jetzt ließ sie den Blick im Zimmer umherschweifen, statt endlich zu sagen, weswegen sie hier war. Simon bemerkte, wie sie die elegante Büroeinrichtung betrachtete, die von der Stadt verliehenen Urkunden und die Werbeaufnahmen von Bradley-Filialen im ganzen Land.

Stolz schaute er einen Moment lang ebenfalls die Bilder an.

Zehn Jahre lang hatte er hart gearbeitet, um das Familienunternehmen wieder aufzubauen, das sein Vater an den Rand des Ruins gebracht hatte. In diesen zehn Jahren hatte Simon nicht nur wieder aufgeholt, was durch den fehlenden Geschäftssinn des Vaters verloren gegangen war – nein, die noble Kaufhauskette Bradley stand nun besser da als je zuvor.

Und all das hatte Simon nur erreicht, weil er sich niemals ablenken ließ. Auch nicht durch eine schöne Frau.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht“, sagte er, während er um seinen Schreibtisch herumging, um sie zur Tür zu führen. „Es passt mir heute wirklich nicht. Ich habe ziemlich viel zu tun.“

Aber statt sich zur Tür zu wenden, lächelte sie ihn strahlend an, und Simon spürte, wie sein Herz einen sonderbaren Hüpfer machte. Er sah den Glanz in ihren Augen und das Grübchen auf der Wange – und plötzlich schien es ihm, als hätte er nie eine schönere Frau gesehen. Verwundert bemühte er sich, diesen Eindruck zu verdrängen.

„Sorry, sorry“, entschuldigte sich Tula für ihre Zerstreutheit. „Ich habe wirklich etwas sehr Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.“

„Was gibt es denn so Dringendes, dass Sie meiner Sekretärin gedroht haben, nicht eher zu gehen, als bis Sie mit mir geredet haben?“

Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. „Vielleicht sollten Sie sich lieber setzen.“

„Ms. Barrons …“

„Also gut. Wie Sie wollen. Aber nicht, dass es dann heißt, ich hätte Sie nicht gewarnt!“

Betont auffällig sah er auf die Uhr.

„Ich weiß schon, Sie haben nicht viel Zeit. Dann also ohne Umschweife: Herzlichen Glückwunsch, Simon Bradley, Sie sind Vater.“

Er erstarrte. Nun reichte es aber! Das hier war nicht mehr lustig. „Ihre Sprechzeit ist um, Ms. Barrons.“ Er nahm sie am Arm und zog sie mit schnellen Schritten zur Tür.

Tula mit ihren längst nicht so langen Beinen bemühte sich, Schritt zu halten. Oder setzte sie sich zur Wehr? So genau konnte Simon ihr Verhalten nicht deuten, er versuchte es auch gar nicht erst.

Hübsch hin oder her, was für ein Spiel spielte diese Tula? Was auch immer es war, er würde sich jedenfalls nicht darauf einlassen!

„Hey! Immer mit der Ruhe!“ Sie stemmte die Stiefelabsätze in den weichen Teppich und schaffte es so, dass Simon endlich den Schritt verlangsamte. „Reagieren Sie immer gleich so heftig?“

„Ich bin kein Vater“, stieß er hervor. „Und glauben Sie mir, wenn ich je mit Ihnen geschlafen hätte, würde ich mich mit Sicherheit daran erinnern.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich die Mutter bin.“

Simon hörte gar nicht hin, sondern bugsierte sie weiter zur Tür.

„Ich wollte Ihnen alles ausführlich erklären, aber Sie haben ja keine Zeit.“

„Ich sehe schon, Sie wollen nur mein Bestes“, spottete er.

„Nein. Ich will das Beste für Ihren Sohn, Sie Trottel.“

Simon stutzte. Einen Sohn soll ich haben? Nicht möglich … Bestimmt lügt sie!

Tula nutzte sein Zögern, um sich aus seinem Griff zu befreien und stehen zu bleiben. In dem kurzen Augenblick der Verwirrung ließ er es geschehen.

Dann sah sie ihn sanft, aber entschlossen an. „Natürlich ist das jetzt erst mal ein Schock für Sie.“

Simon betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. Schluss jetzt!

Er hatte keinen Sohn, und ganz sicher würde er nicht auf irgendwelche Erpressungsversuche oder Unterhaltsforderungen hereinfallen, die sich diese Frau ausgedacht hatte.

„Ich habe Sie nie zuvor gesehen, Ms. Barrons“, stellte er klar. „Logisch also, dass wir kein Kind zusammen haben. Wenn Sie mal wieder Geld für ein Baby wollen, das es gar nicht gibt, suchen Sie sich besser einen Mann dafür aus, mit dem Sie wenigstens geschlafen haben.“

Verwirrt blinzelte sie, dann lachte sie. „Nein, nein. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich nicht die Mutter des Kleinen bin. Ich bin seine Tante. Aber Sie sind eindeutig der Vater. Nathan hat die gleichen Augen wie Sie und dasselbe trotzige Kinn. Was wahrscheinlich auf seinen künftigen Charakter hindeutet, wie ich vermute. Andererseits kann ein gewisses Durchsetzungsvermögen durchaus nützlich sein. Oder was meinen Sie?“

Nathan.

Das geheimnisvolle Baby hatte einen Namen. Aber das machte die unwirkliche Situation auch nicht besser.

„Das ist völlig verrückt“, sagte er. „Sie führen doch irgendwas im Schilde. Also raus mit der Sprache. Worum geht es wirklich?“

Während Tula zurück zum Schreibtisch ging, flüsterte sie leise etwas. Es klang wie ein Selbstgespräch. „Ich hatte mir zurechtgelegt, was ich sagen wollte. Aber Sie haben mich völlig aus dem Konzept gebracht.“

„Ich Sie? Wohl eher Sie mich!“ Simon griff zum Telefon, um den Sicherheitsdienst zu rufen. Dann bin ich diese Tula los und kann endlich weiterarbeiten.

Sie sah ihn an, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Ich kann alles erklären. Geben Sie mir fünf Minuten, bitte.“

Vielleicht lag es am Glanz ihrer schönen blauen Augen, dass Simon den Hörer wieder auflegte. Vielleicht auch an dem kleinen Grübchen auf ihrer Wange. Außerdem – solange die Chance bestand, dass ihre Geschichte auch nur einen Funken Wahrheit enthielt, verlangte schon die Höflichkeit, dass er sie anhörte.

„Also gut“, sagte Simon und sah seufzend auf die Uhr. „Sie haben fünf Minuten.“

„Okay.“ Sie atmete tief durch und begann. „Erinnern Sie sich an eine Frau namens Sherry Taylor? Müsste ungefähr eineinhalb Jahre her sein.“

Der Name kam ihm bekannt vor. „Ja …“, sagte er zögernd.

„Gut. Ich bin Sherrys Cousine, Tula Barrons. Eigentlich heiße ich Tallulah, nach meiner Großmutter, aber ich finde den Namen so komisch, dass ich mich Tula …“

Simon hörte nicht wirklich zu. Stattdessen versuchte er, sich Sherry Taylor ins Gedächtnis zu rufen. Konnte es tatsächlich sein …?

Wieder holte Tula tief Luft. „Auch wenn Sie es sich im ersten Moment schwer vorstellen können: Vor sechs Monaten hat Sherry in Long Beach Ihren Sohn zur Welt gebracht.“

„Was hat sie?“

„Ich weiß, ich weiß. Sie hätte es Ihnen sagen sollen.“ Tula hob beide Hände, um zu unterstreichen, dass sie dafür nichts konnte. „Ich habe sogar versucht, sie dazu zu überreden, aber sie wollte sich nicht in Ihr Leben drängen oder so.“

In mein Leben drängen? dachte Simon ironisch. Wenn die Geschichte stimmte, war das wohl eine grandiose Untertreibung!

Dabei brachte er kaum noch zusammen, wie die Frau namens Sherry genau ausgesehen hatte. Nachdenklich strich er sich über die Stirn, wie um seinen vagen Erinnerungen mehr Klarheit zu verleihen.

Und doch fiel ihm kaum mehr ein, als dass er sich zwei Wochen lang mit ihr getroffen hatte. Und während er zur Tagesordnung übergegangen war, ohne sich noch einmal umzusehen, war sie mit seinem Kind schwanger gewesen … Mit seinem Kind! Und das, ohne ihm etwas davon zu sagen.

„Aber wie …? Was …?“

„Alles gute Fragen“, sagte Tula und lächelte verständnisvoll. „Wie gesagt, es tut mir leid, Sie so zu überrumpeln, aber …“

Auf ihr Verständnis konnte Simon gut verzichten. Was er wollte, waren Antworten. Wenn er tatsächlich einen Sohn hatte, musste er alles darüber wissen.

„Und warum kommen Sie jetzt damit zu mir?“, bohrte er nach. „Weshalb ist Ihre Cousine jetzt damit einverstanden, dass ich davon erfahre? Und außerdem: Warum kommt sie nicht selbst?“

Tula bekam feuchte Augen, und Simon fürchtete schon, dass sie jeden Moment in Tränen ausbrechen würde. Verdammt! Gegenüber weinenden Frauen fühlte er sich als Mann immer so hilflos. Und das gefiel ihm gar nicht.

Doch schon im nächsten Moment hatte sich Tula wieder im Griff. Obwohl ihre Augen noch immer verdächtig glitzerten, unterdrückte sie erfolgreich die Tränen.

Zu seiner eigenen Überraschung bemerkte Simon, dass er sie dafür bewunderte.

„Sherry ist vor ein paar Wochen gestorben“, sagte sie mit leiser Stimme.

Noch eine Überraschung an diesem Vormittag, der anscheinend voll davon war, und keine angenehme. „Mein Beileid“, erwiderte er, obwohl es floskelhaft klang. Gab es in einer solchen Situation überhaupt angemessene Worte?

„Danke. Sie ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sie war sofort tot.“

„Schauen Sie, Ms. Barrons …“

Tula seufzte. „Was muss ich tun, damit Sie mich Tula nennen?“

„Also gut. Tula.“ Sie beim Vornamen zu nennen, war im Moment die einzige Möglichkeit, ihr etwas entgegenzukommen. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Simon sich kalt erwischt. Auf eine Situation wie diese konnte man sich ja auch schlecht vorbereiten.

Er wusste nicht, was er tun sollte. Natürlich wollte er das Kind sehen. Wenn es tatsächlich seines war, wollte er es anerkennen. Aber er hatte nur das Wort von Tula, die er erst seit ein paar Minuten kannte, und einige nebelhafte Erinnerungen an die verstorbene Cousine. Warum hatte ihm Sherry nichts von der Schwangerschaft gesagt? Wieso war sie nicht zu ihm gekommen, wenn das Baby von ihm war?

Er rieb sich das Kinn. „Es tut mir leid, aber ehrlich gesagt erinnere ich mich kaum an Ihre Cousine. Wir waren nicht lange zusammen. Woher wollen Sie eigentlich wissen, dass das Baby von mir ist?“

„Weil Sie als Vater in der Geburtsurkunde stehen.“

„Also hat Sherry meinen Namen angegeben, ohne mich zu informieren?“ Was sollte er dazu sagen!?

„Ich weiß schon …“, sagte Tula in beruhigendem Tonfall.

Aber Simon wollte nicht beruhigt werden. „Sie kann doch irgendeinen Namen genannt haben.“

„Sherry hat nicht gelogen. Sie war durch und durch ehrlich.“

„Wie können Sie das sagen? Sie hat mir verschwiegen, dass sie ein Kind bekommt.“

„Das stimmt“, räumte Tula ein. „Aber sie hätte niemals einen falschen Mann als Vater eintragen lassen.“

„Ich soll also einfach so glauben, dass das Kind von mir ist?“

„Sie haben doch mit Sherry geschlafen, oder etwa nicht?“

„Ja, das schon“, gab Simon zögernd zu. „Aber …“

„Und Sie wissen auch, wie Babys entstehen?“, fragte Tula weiter.

„Sehr witzig.“

„Mir ist nicht nach Scherzen zumute. Ich will nur offen sein. Natürlich können Sie einen Vaterschaftstest machen lassen, aber im Grunde können Sie sich die Mühe und das Geld dafür sparen. Sherry hätte Sie nie in ihr Testament eingesetzt, wenn Sie nicht wirklich Nathans Vater wären.“

„In ihr Testament?“, fragte Simon alarmiert.

„Habe ich Ihnen das noch nicht erzählt?“

„Nein.“

Sie schüttelte den Kopf über ihre Zerstreutheit und ließ sich in einen der Besuchersessel sinken, die vor Simons Schreibtisch standen. „Sorry. Ich hatte in den letzten Wochen sehr viel zu tun. Sherrys Beerdigung und die Haushaltsauflösung … Und ich musste ja das Baby bei mir in Crystal Bay aufnehmen.“

Simon seufzte leise und setzte sich an seinen Schreibtisch. Dass für dieses Gespräch fünf Minuten wohl kaum ausreichen würden, war ihm inzwischen klar geworden.

Wenigstens befand er sich in der stärkeren Position. Er betrachtete Tulas glänzendes blondes Haar. „Was ist mit dem Testament?“

Sie holte einen Umschlag aus Hanfpapier aus ihrer großen schwarzen Schultertasche. „Hier ist eine Kopie davon. Darin bin ich als Nathans Vormund eingesetzt, bis ich entscheide, dass Sie als Vater so weit sind, das Sorgerecht zu bekommen.“

Nathan hörte ihre Stimme nur noch wie aus weiter Ferne, während er Sherrys letzten Willen überflog. Endlich kam er zu der Stelle, die das Kind betraf. Das Sorgerecht für Nathan Taylor, stand da schwarz auf weiß, soll auf Simon Bradley übergehen, seinen Vater.

Simon lehnte sich zurück und las den Satz wieder und wieder. Kann das wahr sein? Bin ich wirklich Vater?

Er blickte auf – und sah in Tulas klare blaue Augen, mit denen sie ihn aufmerksam betrachtete. Kein Zweifel, sie erwartete, dass er etwas sagte. Aber wie sollte er jetzt die richtigen Worte finden?

Wenn er mit einer Frau im Bett gewesen war, hatte er immer aufgepasst. Er wollte nicht Vater werden. Und er erinnerte sich zwar nur undeutlich an Sherry Taylor, aber er wusste noch genau, wie eines Nachts das Kondom versagt hatte. So etwas vergaß ein Mann nicht. Aber da sie sich nie mehr bei ihm gemeldet hatte, hatte er irgendwann nicht mehr an den Vorfall gedacht.

Also konnte es sein! Er konnte tatsächlich einen Sohn haben.

Tula merkte genau, was in Simon vorging.

Natürlich hatte er sich zuerst etwas … nervös gezeigt, ja fast schon unhöflich. Was aber kein Wunder war – Nachrichten wie diese erhielt man schließlich nicht jeden Tag.

Sie betrachtete ihn, während er das Testament durchlas, und stellte fest, dass er ein ganz anderer Typ war, als sie erwartet hatte. Eigentlich kannte sie den Geschmack ihrer Cousine ziemlich gut und wusste daher, dass Sherry ruhige, umgängliche Männer bevorzugt hatte. Simon Bradley war groß, dunkelhaarig und sah fantastisch aus. Aber er schien ziemlich leicht reizbar zu sein. Und er hatte etwas Starkes, Machtvolles.

Gleich als sie in dieses Büro gekommen war, hatte Tula die Anziehungskraft zwischen ihnen gespürt. Sie kämpfte gegen das Gefühl an, doch es nützte nichts. Dabei war ihr Leben momentan kompliziert genug.

„Was genau erwarten Sie jetzt eigentlich von mir?“, fragte er und riss sie damit aus ihren Gedanken.

„Das liegt doch auf der Hand.“

„Finden Sie?“

„Ja klar. Kommen Sie zu mir nach Crystal Bay, damit Sie Ihren Sohn erst mal kennenlernen. Dann reden wir darüber, wie es weitergeht.“

Als er sich nachdenklich den Nacken rieb, begriff Tula, dass er einfach noch etwas Zeit brauchte, um alles zu verarbeiten.

„Also gut“, sagte er schließlich. „Wie ist Ihre Adresse?“

Sie nannte sie ihm, und er stand auf. Ganz klar, er wollte das Gespräch beenden. Und sie selbst hatte noch jede Menge zu tun. Außerdem gab es im Moment nichts weiter zu bereden.

Daher erhob sie sich ebenfalls und streckte ihm zum Abschied die Hand hin.

Simon zögerte kurz, dann ergriff er sie.

Wie bei der Begrüßung spürte Tula ein plötzliches Hitzegefühl. Es breitete sich über ihren Arm nach oben aus bis zu ihrem Herzen.

Offenbar empfand Simon ebenso, denn er ließ abrupt die Hand los, fast als hätte er sich verbrannt.

Tula nahm einen tiefen Atemzug und brachte ein Lächeln zustande. „Dann bis heute Abend“, sagte sie und ging. Allzu deutlich war ihr bewusst, dass er ihr nachsah.

Während der gesamten Fahrt nach Hause wurde sie das Hitzegefühl nicht los.

2. KAPITEL

„Und, wie ist es gelaufen?“

Tula lächelte, als sie am Telefon die Stimme ihrer besten Freundin hörte. Auf Anna Cameron Hale konnte man sich eben in jeder Lebenslage verlassen. Darum hatte sie auch Annas Nummer gewählt, kaum dass sie von Simon Bradley zurückgekehrt war.

„Genau, wie du gesagt hast.“

„Oh je. Also wusste er tatsächlich nichts von dem Baby?“, fragte Anna.

„Richtig“, bestätigte Tula. Sie stand in der kleinen Küche und sah zu Nathan, der auf einer Decke auf dem Boden saß und fröhlich strampelte. Laut Mrs. Klein, der Babysitterin, war er während Tulas Abwesenheit die ganze Zeit brav und gut gelaunt gewesen. Fröhlich krähend stieß er die kleinen Füße in die Luft und federte auf und ab.

Tula spürte einen leichten Stich im Herzen, an den sie sich schon beinahe gewöhnt hatte. Kaum zu glauben, dass sie den Kleinen innerhalb weniger Wochen so lieb gewonnen hatte.

„Dann muss er ja aus allen Wolken gefallen sein“, sagte Anna.

„Allerdings. Wenn ich mir vorstelle … Ich wusste ja von Nathan. Aber als ich nach Sherrys Tod plötzlich für ihn verantwortlich war, musste ich mich auch erst an den Gedanken gewöhnen.“ Wobei … länger als fünf Minuten hatte diese Gewöhnung nicht gedauert.

„Und wie geht es jetzt weiter?“, wollte Anna wissen.

„Heute Abend kommt er, um Nathan kennenzulernen. Dann wollen wir alles Weitere besprechen.“ Tula fiel ein, wie warm ihr geworden war, als sich ihre Hände berührt hatten, aber sie versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Im Moment fand sie ihr Leben schon schwierig genug.

Und doch ließ es ihr keine Ruhe, wie Simon sie angesehen hatte – wütend und voll überschäumendem Temperament.

„Er kommt zu dir nach Hause?“, fragte Anna.

„Ja. Wieso?“

„Ach, nur so. Vielleicht sollte ich kommen und dir bei den Vorbereitungen helfen?“

Tula wusste, was die Freundin meinte, und lachte. „Du brauchst nicht bei mir aufzuräumen. Schließlich besucht mich nur Simon Bradley – und nicht die Königin von England.“

Auch Anna lachte. „Na gut. Dann sag ihm aber, er soll aufpassen, dass er nirgends drüberstolpert.“

Tula sah von der Küche aus in ihr kleines Wohnzimmer, wo überall auf dem Fußboden verstreut Spielsachen lagen. Auf dem Couchtisch stand ihr aufgeklapptes Notebook, und daneben lag das aktuelle Manuskript zur Überarbeitung.

Wenn Tula arbeitete, hatte das absoluten Vorrang. Dann konnte es schon mal vorkommen, dass anderes – wie zum Beispiel Aufräumen – auf der Strecke blieb.

Achselzuckend stellte sie fest, dass ihr Haus, obwohl es sauber war, doch allmählich etwas unordentlich aussah. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, wie viele Sachen ein Baby braucht.

„Danke für den Tipp. Wenn ich dich nicht hätte!“

„Bitte. Gern geschehen. Wozu hat man schließlich Freunde?“

Die beiden Frauen lachten.

Während Tula weitertelefonierte, strich sie Nathan sanft über den Kopf. „Es war ganz komisch. Simon war ungehalten und abweisend, aber trotzdem …“

„Trotzdem was?“, wollte Anna wissen.

Trotzdem war ein gewisses Interesse spürbar gewesen, dachte Tula, sagte es aber nicht. Sie hatte das weder erwartet noch gewollt, aber es ließ sich nicht leugnen. Dabei lagen ihr Männer mit Anzug und Krawatte gar nicht. Und am allerwenigsten wollte sie sich zu Nathans Vater hingezogen fühlen! Aber das Hitzegefühl, das sie so deutlich empfunden hatte, sprach Bände.

Was noch lange nicht hieß, dass sie auch tatsächlich irgendetwas in Simons Richtung unternehmen würde.

„Hallo?“, fragte Anna. „Bist du noch dran? Was wolltest du gerade sagen?“

„Ach nichts.“ Nein, sie würde bestimmt nichts mit einem Mann anfangen, mit dem sie keinerlei Gemeinsamkeiten verbanden – außer einem Baby, für das sie beide verantwortlich waren. „Gar nichts.“

„Und das soll ich dir glauben?“

Tula seufzte.

„Also gut. Ich glaube dir. Vorerst.“

Tula war dankbar für die Atempause, wusste aber gleichzeitig, dass Anna es kaum dabei bewenden lassen würde. Sie würde wieder nachhaken, so viel war sicher.

„Also wie gesagt, wir wollen nur über Nathans Zukunft reden. Ich komme schon mit Simon klar“, versicherte sie und wusste dabei selbst nicht, ob sie damit Anna überzeugen wollte oder sich selbst. „Du weißt ja, ich bin von klein auf an den Umgang mit Männern im Anzug gewöhnt. Leider.“

„Tula, nicht alle Männer, die im Geschäftsleben Erfolg haben, sind gleich.“

„Alle vielleicht nicht. Aber die meisten.“

Niemand wusste das besser als sie. Für die Männer in ihrer Familie war es immer nur um Geld gegangen, und das Leben als solches war dabei völlig zu kurz gekommen.

Daher konnte sie sich lebhaft vorstellen, wie Simon über ihr einfaches kleines Haus an der Bay denken würde. Nämlich genau so, wie es ihr Vater tun würde, falls er sich jemals zu einem Besuch herablassen würde: zu anspruchslos, zu eng. Weder das Hellblau der Wände noch die sonnengelben Möbel des Wohnzimmers würden gut ankommen. Und erst recht nicht das Badezimmer mit dem großen Wandbild einer Zirkusszene …

„Es spielt ja keine Rolle, ob Nathans Vater mein Haus gefällt“, machte sie sich selbst Mut. „Jedenfalls werde ich keinen Kopfstand für ihn machen. Mein Leben ist eben, wie es ist. Warum sollte ich irgendeinen falschen Eindruck erwecken, den ich doch nicht lange aufrechterhalten kann?“

Anna lachte leise. „Ich verstehe dich. Schließlich kennen wir uns lang genug. Und daher tippe ich darauf, dass du heute Abend Hähnchen mit Rosmarin machst.“

Niemand kannte sie eben besser als Anna … Tula lächelte. Ja, immer wenn Besuch kam, gab es bei ihr Hähnchen mit Rosmarin. Und sofern Simon kein reiner Vegetarier war, würde alles glattgehen. Oh je, was aber, wenn doch?

Ach nein, sagte sie sich, Männer wie er lieben bei ihren Geschäftsessen herzhafte Steaks. „Richtig getippt. Und nach dem Hähnchen mache ich einen Besuchsplan, damit Simon und Nathan sich kennenlernen können.“

„Habe ich richtig gehört?“, scherzte die Freundin. „Du machst einen Plan?“

Tula lachte. „Aber klar doch! Glaub nicht, dass ich das nicht kann, nur weil ich die meiste Zeit großzügig darauf verzichte.“

„Ach, so ist das!“, sagte Anna belustigt. „Wie geht es denn dem Kleinen?“

Tula spürte, wie ihr warm ums Herz wurde. „Er ist so süß und brav.“ Sie sah ihm zu, wie er lachend durch die Küche krabbelte, um die Welt zu entdecken. „Und klug ist er außerdem. Als ich ihn heute Morgen gefragt habe: ‚Wo ist deine Nase?‘, hat er darauf gedeutet.“

Na ja, eigentlich hatte er mehr sein Stoffkaninchen im großzügigen Bogen in Richtung Nase geschwenkt, aber immerhin!

„Ich weiß schon“, sagte Anna und lachte. „Bestimmt studiert er schon bald in Harvard.“

„Gleich morgen lasse ich ihn in die Warteliste eintragen. Aber jetzt muss ich wirklich aufhören, ich habe noch so viel zu tun: das Hähnchen vorbereiten, Nathan baden … Und mich selbst muss ich auch noch zurechtmachen.“

„Gut, dann machen wir jetzt Schluss. Aber gleich morgen früh rufst du mich wieder an, okay?“

„Mache ich.“ Tula legte auf, lehnte sich an die blaue Arbeitsplatte und betrachtete gedankenverloren ihre sonnengelbe Küche, die klein, aber sehr freundlich wirkte. Die Fronten waren weiß, und über dem Herd hingen glänzende antike Kupferpfannen.

Tula liebte ihr Haus. Und das Leben, das sie führte.

Und das Baby.

Simon Bradley würde es nicht leicht haben, sie davon zu überzeugen, dass er für Nathan als Vater wirklich gut genug war.

Ein paar Stunden später erfüllte Rosmarinduft das kleine Haus.

Während Tula kochte, tanzte sie zu sanften Rocksongs aus dem Radio. Dazwischen küsste sie immer wieder den kleinen Nathan, der in seinem Hochstuhl saß und hingerissen lachte – ein fröhliches Lachen, das Tula tief im Herzen berührte.

„Du bist ja ein lustiges Kind“, flüsterte sie ihm leise zu und genoss seinen süßen Babyduft. „Lachst du etwa über meinen Tanzstil?“

Nathan stieß vor Begeisterung mit den Füßen und gluckste vergnügt.

Tula strich ihm sanft über das weiche Babyhaar, das schon jetzt erkennbar dunkel aussah. Erst seit zwei Wochen lebte er bei ihr, und schon jetzt konnte sie sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. In kürzester Zeit hatte der Kleine ihr Herz erobert.

Und jetzt sollte sie ihn einem Mann überlassen, der ihn in der gleichen strengen und gefühlsarmen Welt aufziehen würde, in der sie selbst groß geworden war. Wie sollte sie diese Vorstellung aushalten? Sie konnte doch für den Kleinen keinen Lebensstil bestimmen, dem sie selbst glücklicherweise entronnen war.

Wenn sich das doch vermeiden ließe!

Tula überlegte fieberhaft, fand aber keinen Ausweg.

Es blieb nur eines: Wenn schon kein Weg daran vorbeiführte, dass Simon das Sorgerecht bekam, musste sie sein Wesen eben etwas auflockern. Ja, sie würde alles tun, damit er die Welt nicht mehr nur aus dem Blickwinkel des Geschäftsmannes sah. Auf diese Weise würde er Nathan nicht antun, was ihr Vater mit ihr versucht hatte.

Während sie dem Baby in die unschuldigen Augen sah, versprach sie ihm: „Ich sorge dafür, dass er mitbekommt, was dir gefällt, Nathan. Mach dir keine Sorgen. Ich lasse nicht zu, dass du schon im Kindergarten Anzüge trägst.“

Das Baby schlug mit der Hand in eine Schale Haferflocken, die auf einem Tablett stand – zum Glück noch ohne Milch.

„Freut mich, dass wir zu diesem Thema offenbar einer Meinung sind.“ Tula bückte sich, sammelte die Haferflocken ein und warf sie in den Ausguss. Dann wusch sie sich die Hände und ging wieder zu Nathan. „Gleich kommt dein Daddy. Möglich, dass er sich am Anfang etwas seltsam benimmt, aber das braucht dich nicht zu stören. Es geht vorbei. Weil du und ich deinen Dad nämlich verändern werden. Zu deinem Vorteil – und natürlich auch zu seinem eigenen.“

Das Baby gluckste vergnügt.

„Gutes Kind“, sagte Tula. Da klingelte es.

Ihr Magen zog sich zusammen, und sie atmete tief ein. „Da ist er schon. Ich sehe, du bist sicher angeschnallt, da kann dir nichts passieren. Jetzt sei ganz brav, ich bin gleich wieder da.“

Sie eilte durchs Wohnzimmer zur Tür. Dabei fielen ihr die Spielsachen auf, die trotz des schnellen Aufräumens schon wieder herumlagen. Richtig, sie hatte, sobald das Hähnchen im Herd war, ausgiebig mit Nathan gespielt. Jetzt war es zu spät, um noch Ordnung zu machen. Sie öffnete die Tür – und schluckte.

Simon wirkte irgendwie größer als am Vormittag. Zu Tulas Überraschung trug er keinen Anzug, sondern Freizeitkleidung. Und darin sah er unverschämt gut aus. Dunkelgraues Sweatshirt, schwarze Jeans und Turnschuhe … Tula staunte nicht schlecht. Nur der Gesichtsausdruck hatte sich nicht geändert: Simon Bradley blickte noch ebenso mürrisch drein wie zuvor.

Als Tula sich dabei ertappte, wie sie ihn anstarrte, beeilte sie sich, ihn zu begrüßen: „Hallo. Kommen Sie rein. Nathan ist in der Küche, und ich lasse ihn nicht gern allein. Bitte machen Sie die Tür hinter sich zu, draußen ist es kalt.“

Simon öffnete den Mund, aber diese lebhafte Person hatte sich schon umgedreht und war unterwegs zur Küche. Und ihn ließ sie einfach so auf der Veranda vor dem Haus stehen.

Natürlich hätte er etwas sagen können, aber er war zu beschäftigt damit gewesen, sie immerfort anzusehen, genau wie am Morgen im Büro.

Was vor allem an ihren großen blauen Augen lag. Bei ihrem Anblick vergaß er für zwei, drei Sekunden alles andere. Und natürlich fiel es ihm ungeheuer schwer, sich das einzugestehen.

Stirnrunzelnd erinnerte er sich selbst daran, dass er hierhergekommen war, um einiges, was die Zukunft betraf, klarzustellen. Diese höchst ungewöhnliche Situation bedurfte dringend der Klärung. Aber er hatte nicht im Geringsten damit gerechnet, wie gut ausgebleichte Jeans einer Frau stehen konnten.

Er schluckte und folgte ihr. Es ging doch jetzt gar nicht um Tula Barrons, sondern um dieses Kind. Seinen Sohn?

Den ganzen Tag hatte ihm die Frage keine Ruhe gelassen, ob er tatsächlich ein Kind hatte. Er musste es unbedingt wissen. Und wenn es wirklich so war, würde er nicht zulassen, dass es irgendwo anders aufwuchs als bei ihm.

Seit Tula an diesem Morgen sein Büro verlassen hatte, war es ihm unmöglich gewesen, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Bis er es schließlich aufgegeben hatte und er zu seinem Anwalt gefahren war.

Nach diesem aufschlussreichen Treffen hatte er am Nachmittag immer wieder versucht, sich besser an Sherry Taylor zu erinnern. Trotzdem war ihm nicht viel zu ihrer Person eingefallen. Aber immerhin bestand durchaus die Möglichkeit, dass ihr Kind auch seines war.

Und aus diesem Grund war er jetzt hier. Er schloss die Tür, folgte Tula – und trat nach wenigen Schritten auf ein Quietschtier. Als er sich bückte, um es aufzuheben, sah er, dass es sich um ein Rentier aus Gummi handelte.

Er sah sich ein wenig um und schüttelte den Kopf. Mehr als zwei Personen passen wohl kaum in dieses kleine Wohnzimmer, dachte er. Das Haus ist weder besonders groß noch neu. Und wie die blauen Wände aussehen …

Noch dazu waren sie mit einer umlaufenden dunkelgelben Bordüre von der Decke abgesetzt. Die Sitzgruppe bestand aus einem Sofa und einem Sessel vor einem Kamin, in dem hinter einem schmiedeeisernen Ofenschirm ein kleines Feuer brannte. Überall auf dem Holzfußboden lagen Spielsachen herum. Eine schmale Holztreppe führte nach oben in den ersten Stock, der, wie Simon vermutete, noch enger ausfiel als das Erdgeschoss.

Ein Puppenhaus, dachte er und kam sich fast vor wie Gulliver im Land der Zwerge.

Plötzlich hörte er, wie Tula in der Küche liebevoll mit dem Baby sprach, und blieb wie angenagelt stehen. Natürlich hatte er keine Angst vor der ersten Begegnung mit dem Kind. Aber irgendetwas sagte ihm, dass von diesem Moment an in seinem eigenen Leben nichts mehr so sein würde wie vorher.

Als er das Baby lachen hörte, hielt er unbewusst den Atem an. Angespannt befahl er sich selbst, weiterzugehen. Er musste dieses Treffen hinter sich bringen und Pläne für die Zukunft schmieden. Aber er schaffte es nicht, sich aus seiner Starre zu lösen.

Während er dastand, fiel sein Blick auf die gerahmten Bilder und Zeichnungen an der Wand. Die meisten zeigten ein schlappohriges Kaninchen in verschiedenen Posen. Warum Tula Barrons ihr Zuhause auf so naive Art dekorierte, war ihm ein Rätsel, aber allmählich wurde ihm klar, dass diese Frau sich in vielerlei Hinsicht von anderen unterschied.

Wieder hörte er das Baby lachen. Und endlich gab er sich einen Ruck, folgte den Stimmen und dem köstlichen Geruch, der in der Luft lag.

Nach nur drei Schritten stand er in der hellen gelben Küche, die kaum größer war als sein begehbarer Schrank zu Hause. Simon hatte das Gefühl, sich ganz klein machen zu müssen, um nirgends anzustoßen.

Er bemerkte, dass die Küche zwar blitzsauber war, aber ebenso unaufgeräumt wirkte wie das Wohnzimmer. Auf der Arbeitsplatte standen Blechdosen aufgereiht neben einer kleinen Mikrowelle und einem noch kleineren Fernseher. Durch die Glastüren der Oberschränke sah man sorgfältig eingeräumtes altes Chinaporzellan. Auf dem kleinen Tisch stand ein Korb mit frischer Babywäsche.

Aus dem Herd drang ein leckerer Duft, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Als er Tula anschaute, richtete sie sich gerade auf. Sie hatte das Baby aus dem Hochstuhl genommen, setzte es auf ihre Hüfte und sagte mit einem strahlenden Lächeln: „Hier ist er: Ihr Sohn.“

Simon sah in ein Paar Augen, die seinen so bemerkenswert glichen, dass wohl kaum noch Zweifel an der Vaterschaft blieben. Zwar hatte Harry ihm geraten, keinerlei Schritte zu unternehmen, bevor das Testergebnis vorlag. Aber Harry war schon immer ein vorsichtiger Mann gewesen. Vielleicht war es gerade diese Vorsicht, die ihn zu dem erfolgreichen Anwalt gemacht hatte, der er war.

Simon hingegen verließ sich bei wichtigen Entscheidungen von jeher lieber auf seinen Instinkt – und war damit stets gut gefahren. Er wollte sich das Baby zunächst einmal ansehen, statt als Erstes einen Vaterschaftstest durchführen zu lassen, wie Harry empfohlen hatte.

Eigentlich hatte Simon sich einfach nicht vorstellen können, dass das Kind von ihm war. Aber ein Blick auf den Jungen sagte alles: Er sah ihm einfach zu ähnlich.

Natürlich würde er trotzdem einen Test in Auftrag geben. Nach vielen Jahren im Geschäftsleben kannte er die Spielregeln, und er ging niemals unüberlegt vor.

„Nathan, das ist dein Daddy“, sagte Tula und sah erst den Kleinen an, dann ihn. „Simon, darf ich vorstellen? Das ist Ihr Sohn.“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu.

Abwehrend hob er die Hand.

Tula blieb stehen und fragte bestürzt: „Stimmt etwas nicht? Was ist denn los?“

Gute Frage. Simon spürte, wie hastig er atmete und sein Herz raste.

Wie konnte es geschehen, dass ich Vater bin, ohne bisher etwas davon zu ahnen? dachte er. Warum hat mir Sherry nichts davon gesagt? Es ist doch mein Recht, es zu erfahren. Ich hätte bei der Geburt dabei sein können, hätte den ersten Atemzug des Babys erlebt, den Beginn des neuen Lebens … Um all dies bin ich betrogen worden.

„Sorry, ich brauche einen Moment“, sagte er und betrachtete den kleinen Jungen. Tulas missbilligenden Gesichtsausdruck versuchte er dabei zu ignorieren. Schließlich ging es jetzt nicht darum, wie sie über ihn dachte, sondern darum, dass sein Leben eine völlig unerwartete Wendung genommen hatte.

Er war Vater. Vater!

Simon war stolz, fühlte sich aber zunehmend auch besorgt. Nachdenklich sah er das Baby an: Es hatte dieselben dunkelbraunen Augen und Haare wie er selbst. Endlich bemerkte er, dass der Kleine den Mund verzog und beinahe zu weinen anfing.

„Da haben Sie es! Gleich weint er“, sagte Tula und wiegte Nathan sanft hin und her, um ihn zu beruhigen.

„Ich mache doch gar nichts.“

„Sie sehen irgendwie ärgerlich aus, und Babys sind sehr feinfühlig, was Stimmungen betrifft.“ Mit sanfter Stimme sprach sie mit dem Baby, und ohne den Tonfall zu wechseln, fragte sie: „Im Ernst, das Stirnrunzeln lässt sich wohl nicht abstellen, oder?“

„Also, ich muss doch sehr …“

„Warum versuchen Sie nicht wenigstens mal zu lächeln?“

Widerstrebend musste er sich eingestehen, dass sie nicht ganz unrecht hatte, und er verzog den Mund etwas zu einem Lächeln.

Tula lachte. „Besser geht es nicht?“

Auch Simon sprach mit sanfter Stimme. „Vielleicht könnten Sie sich mit Ihrer Kritik etwas zurückhalten.“

„Warum sollte ich? Sherry hat mich als Nathans Vormund eingesetzt, und mir gefällt es nicht, wie Sie sich ihm gegenüber verhalten.“

„Aber … Jetzt sag ich es noch mal: Ich mache doch gar nichts!“

„Eben“, bestätigte Tula. „Haben Sie überhaupt schon jemals mit einem Baby zu tun gehabt?“

„Natürlich! Ich bin nur …“

„Überrascht? Verwirrt? Besorgt?“, fragte sie, sprach aber gleich weiter. „Aber jetzt stellen Sie sich mal vor, wie Nathan sich fühlen muss. Er hat seine Mutter und sein Zuhause verloren. Er musste sich an eine fremde Umgebung und an eine fremde Person gewöhnen. Und jetzt starrt ihn ein Mann an, den er noch nie gesehen hat.“

„Jetzt geben Sie mir doch eine verdammte Minute Zeit!“

„Fluchen Sie nicht vor dem Kleinen!“

Simon atmete tief ein und sah Tula auf die strengste Art an, zu der er als Chef fähig war, um ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Aber Tula achtete gar nicht darauf und fuhr unbeeindruckt fort: „Wenn Sie nicht einmal zu einem einfachen Lächeln fähig sind, dann sollten Sie jetzt lieber gehen.“ Zum Baby sagte sie: „Keine Angst, Nathan, ich lasse nicht zu, dass der böse Mann dich mitnimmt.“

„Ich bin doch kein böser … Ach, was soll’s!“ Allmählich hatte Simon genug. Er ließ sich von niemandem zurechtweisen – und schon gar nicht von dieser kleinen blonden Frau, die ihn prüfend ansah.

Er ging auf sie zu, nahm ihr den Kleinen ab und hielt ihn vor sich auf Augenhöhe. Nathan vergaß zu weinen, und einen langen Moment sahen sich die beiden einfach nur an.

Das Baby fühlte sich warm und fest an und strampelte mit den Beinen. Simon spürte sogar den Herzschlag des Kleinen. Und da geschah es: Nathan lächelte ihn an!

Plötzlich fühlte sich Simon seinem Sohn ganz nah, so innig hatte er sich noch nie mit einem Menschen verbunden gefühlt. Es war ein umwerfendes, ein atemberaubendes Gefühl, dem er widerstandslos ausgeliefert war.

Da stand er unter dem fast schon abschätzigen Blick von Tula Barrons und wusste, dass dies sein Sohn war und er alles dafür tun würde, ihn zu bekommen.

Und wenn sich diese Frau ihm in den Weg stellte, würde er nicht zögern, gegen sie anzugehen.

Irgendetwas in seinem Blick musste ihn verraten haben, denn die kleine Blonde hob entschlossen das Kinn und sah ihm fest in die Augen. Kein Zweifel, sie würde keinen Zoll weichen!

Na gut. Sie würde schon noch sehen, dass Simon Bradley seine Ziele zu erreichen pflegte.

3. KAPITEL

„Sie halten ihn wie eine Handgranate, die jeden Moment explodiert“, sagte Tula und brach damit das Schweigen.

Trotz des Gefühls tiefer Verbundenheit mit dem Baby war sich Simon nicht sicher, was der Kleine als Nächstes tun würde: Weinen? Oder vielleicht bekam er Hunger? Oder ihm wurde schlecht? „Ich bin eben vorsichtig.“

„Okay“, sagte Tula, zog einen der Küchenstühle heran und setzte sich.

Simon sah von ihr zum Baby, dann zog er vorsichtig den anderen Stuhl hervor und setzte sich ebenfalls an den kleinen Tisch.

Wieder fühlte er sich an ein Puppenhaus erinnert. Er kam sich vor wie der einzige Erwachsene bei einem Kindergeburtstag. Vielleicht hatte diese Tula absichtlich dafür gesorgt, dass er sich deplatziert fühlte? Nein, das wohl doch nicht …

Behutsam setzte er sich den Kleinen auf die Knie. Mit einer Hand hielt er ihn sorgsam fest, damit er nicht herunterfiel. Dann erst betrachtete er die Frau, die ihm gegenübersaß.

Tula sah ihn mit ihren großen blauen Augen aufmerksam an. Etwas zögerlich lächelte sie, und auf ihrer Wange bildete sich das süße Grübchen. Der missbilligende Ausdruck war leicht belustigtem Wohlwollen gewichen, das Simon allerdings ebenfalls nicht als besonders angenehm empfand.

„Amüsieren Sie sich?“, fragte er.

„Im Moment schon“, gab sie zu.

„Freut mich, dass ich für Sie solchen Unterhaltungswert habe.“

„Ich weiß schon, Sie fühlen sich nicht wirklich wohl.“ Ihr Lächeln verstärkte sich. „Aber das wird schon noch. Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen: Ich habe mir Ihretwegen ganz schöne Sorgen gemacht.“

„Wieso das denn?“, fragte Simon und blickte zu Nathan, der mit den kleinen Fäusten auf den Tisch trommelte.

„Na ja …“ Sie zögerte und lehnte sich gegen die Lehne des Holzstuhls zurück. Als sie die Arme verschränkte, wurden ihre wohlgeformten Brüste unabsichtlich nach oben gedrückt. „Vorhin haben Sie so entsetzt gewirkt.“

Hm. „War ich aber nicht“, versicherte er ihr – und auch sich selbst.

In Wahrheit hatte Simon nichts im Leben so aus der Fassung gebracht wie diese erste Begegnung mit seinem Sohn. Aber das würde er ihr gegenüber niemals zugeben.

„Doch“, widersprach Tula. „Ist ja auch kein Wunder. Sie hätten mich sehen sollen: Als ich ihn das erste Mal auf dem Arm hatte, hätte ich Nathan fast erstickt – aus lauter Angst, ihn fallen zu lassen.“

Unbehaglich rutschte er auf dem Stuhl herum, der ihm unbequem wie ein Kinderstuhl erschien.

„Zum Glück schauen Sie jetzt nicht mehr so verbissen drein“, sagte sie und stand auf.

„Sind Sie immer so furchtbar ehrlich?“

„Meistens. Damit erspart man sich viel Zeit. Und außerdem, wenn man lügt, muss man sich immer merken, wem man was erzählt hat. Ganz schön ermüdend, oder was meinen Sie?“

Welch außergewöhnliche Frau! Als er sie unauffällig musterte, fielen ihm immer mehr Einzelheiten an ihr auf. Zum Beispiel, wie der dunkelgrüne Pulli über den Brüsten spannte. Oder wie gut die ausgebleichten Jeans saßen. Oder die Tatsache, dass sie barfuß ging: Die rotlackierten Zehennägel, dazu ein zierlicher Zehenring, einfach alles an ihr wirkte unwiderstehlich sexy.

Diese Frau ist anders als alle, die ich kenne – und gar nicht nach meinem Geschmack, versicherte er sich selbst. Aber irgendwie hat sie etwas Besonderes an sich, eine fast schon magnetische Ausstrahlung. Etwas …

„Wollen Sie zur Abwechslung nicht auch mal was sagen?“, fragte sie.

… Irritierendes.

„Doch. Allerdings.“ Peinlich, dass ihr aufgefallen war, wie er sie angestarrt hatte. „Ich habe sogar einiges zu sagen.“

„Klingt gut.“ Sie nahm ihm das Baby ab, setzte es wieder in den Hochstuhl und schloss sorgfältig die Gurte. Dann lächelte sie Simon zu. „Am besten unterhalten wir uns beim Essen. Ich habe uns Hähnchen gemacht, und ich koche ganz gut.“

„Ist das auch eine Ihrer ehrlichen Aussagen?“

„Ja. Wenn Sie das Essen probiert haben, werden Sie mir recht geben.“

„Also gut. Werden wir ja sehen …“

„Ich merke, wir kommen schon ganz gut miteinander aus.“

In der kleinen Küche bewegte sie sich mit einer Geschmeidigkeit, die viel Routine verriet. Gut so, dachte Simon, sonst würde sie in diesem engen Raum auch ständig irgendwo anecken.

„Erzählen Sie doch etwas von sich selbst“, forderte Tula ihn auf und stellte dem Baby ein Tellerchen mit Bananenstücken hin.

Sofort griff Nathan danach, und fröhlich krähend zerquetschte er ein Stück in seiner kleinen Faust.

„Er isst die Banane ja gar nicht“, sagte Simon, während Tula das Hähnchen aus dem Herd nahm.

„Es macht ihm Spaß, damit zu spielen.“

Simon atmete den leckeren Rosmarinduft des Hähnchens ein – und fast hätte er bei dem Geruch seinen Einwand vergessen. Fast. „Aber mit Essen spielt man nicht.“

Sie wandte ihm den Kopf zu und stellte fest: „Er ist noch ein Baby.“

„Ja, aber …“

„Meine Stoffservietten sind alle in der Wäsche, und für das Alter zwischen sechs und neun Monaten gibt es noch keine Anzüge“, scherzte sie.

Simon zog die Brauen zusammen. Offenbar verstand sie ihn absichtlich falsch.

„Ach, kommen Sie, Simon. Glauben Sie mir, das ist schon in Ordnung so. Bis er aufs College geht, hat er diese Angewohnheit abgelegt, da bin ich ganz sicher.“ Sie lachte.

Damit hatte sie natürlich recht, was er aber nicht zugeben wollte. Widerspruch war er nicht gewöhnt, denn normalerweise beeilten sich die Menschen in seiner Umgebung, seinen Wünschen nachzukommen. Kritisiert wurde er so gut wie nie, und darum fühlte er sich in dieser Rolle auch nicht besonders wohl.

Als ihm das bewusst wurde, zuckte er innerlich zusammen. Hatte er sich tatsächlich zu einem so selbstgefälligen Menschen entwickelt?

„Aber Sie wollten …“

„Was?“, fragte er.

„… mir von sich selbst erzählen.“ Sie stellte Teller, Wein und Gläser auf den Tisch und nahm silbernes Besteck aus einer Schublade. Bevor Simon seine Gedanken ordnen konnte, hatte sie den Tisch gedeckt.

„Was möchten Sie denn wissen?“

„Zum Beispiel, wie Sie Nathans Mutter kennengelernt haben. Sherry war ja meine Cousine, und daher wundert es mich, weil Sie eigentlich gar nicht ihr Typ sind.“

„Tatsächlich?“ Er rückte etwas auf dem Stuhl herum und sah sie an. „Und welcher Typ bin ich dann?“

„Oh je, ich habe es nicht abwertend gemeint.“ Tula lächelte. „Es ist nur, weil Sie nicht gerade wie ein Büroangestellter aussehen oder wie ein Buchhalter, der sich nur mit seinen trockenen Zahlen beschäftigt.“

„War das jetzt als Kompliment gemeint? Danke.“

„Dabei bin ich mir sicher, dass es auch sehr attraktive Buchhalter gibt, aber denen ist Sherry offensichtlich nie begegnet.“ Tula begann, das Hähnchen zu tranchieren, und richtete die dampfenden Stücke auf einer Servierplatte aus gemustertem Chinaporzellan an. „Also, wie war das mit dem Kennenlernen?“, fragte sie.

Simon rettete ein Stück Banane vor dem Runterfallen und zögerte etwas mit der Antwort. „Spielt das eine Rolle?“, fragte er schließlich.

„Nein, natürlich nicht. Es hätte mich nur interessiert.“

„Reden wir lieber nicht davon.“ Die Sache mit Sherry war ein einmaliger Ausrutscher gewesen, ein Fehler, wie er ihn nicht noch einmal machen würde. Jedenfalls nichts, wovon er gern gesprochen hätte. Vor allem nicht mit dieser Tula. Entweder würde sie lachen oder ihn mitleidig ansehen – und auf beides hatte er keine Lust.

„Okay“, sagte sie trocken und zog dabei die Silben in die Länge. „Und wie lang waren Sie mit Sherry zusammen?“

„Warum fragen Sie? Wollen Sie etwa ein Buch darüber schreiben?“, fragte Simon irritiert – und in etwas zu scharfem Ton.

Überrascht sah sie ihn an. „Nein, das nicht, aber Sherry war nun mal meine Cousine, Nathan ist mein Neffe, und Sie sind mein … Na ja, irgendwie sind wir jetzt auch so etwas wie verwandt.“

Natürlich, das stimmt. Ich habe überreagiert, dachte Simon. Dabei brachte ihn normalerweise nichts so schnell aus der Ruhe. Aber seit an diesem Morgen Tula zu ihm ins Büro gestürmt war, hatte sich alles geändert.

Er sah zu, wie sie zum Herd ging und Kartoffelpüree und Brokkoli in Servierschüsseln gab. Dann stellte sie beides auf den Tisch, setzte sich und bat Simon, den Wein einzugießen.

Nach einem zufriedenen Blick auf das Etikett des Chardonnay kam Simon der Aufforderung nach. Er hob sein Glas, um mit Tula anzustoßen. „Ich möchte bestimmt nicht alles noch schwieriger machen, aber das waren wirklich verdammt viele …“ Mit einem Blick auf Nathan verbesserte er sich: „… ziemlich viele Überraschungen. Und eigentlich liegen mir Überraschungen nicht.“

„Ich verstehe. So etwas habe ich mir schon gedacht.“ Sie begann, Nathan mit Babynahrung aus einem Gläschen zu füttern. „Also, wir waren bei der Frage, wie lange Sie mit Sherry zusammen waren.“

Simon nahm einen Schluck Wein. „Sie geben nicht so leicht auf, stimmt’s?“

„Gut erkannt.“

Beharrlich ist sie wirklich, das muss man ihr lassen, dachte Simon. „Zwei Wochen“, antwortete er schließlich. „Sie war eine nette Frau, aber irgendwie hat es nicht geklappt.“

„Klingt typisch Sherry, sie hat es nie lang bei einem Mann ausgehalten.“ Mit sanfter Stimme fuhr Tula fort: „Ich glaube, sie hatte Angst davor, an den Falschen zu geraten, und vor dem Alleinsein ebenso.“

Simon nickte langsam. Er erinnerte sich zwar nicht mehr deutlich an Sherrys Aussehen – aber an die Gefühle, die sie bei ihm ausgelöst hatte, doch sehr wohl. Er wusste noch, dass er sich von ihrer Anhänglichkeit überfordert gefühlt hatte.

Im Nachhinein empfand er zwar nicht direkt Schuld, so doch Bedauern. Ohne weiter nachzudenken, hatte er Schluss gemacht. Und sie war von ihm schwanger gewesen und hatte ein Kind zur Welt gebracht.

Sie war nicht die einzige Frau, von der er sich so sang- und klanglos verabschiedet hatte. Aber die einzige, deren Geschichte ihn nun wieder einholte.

Zum ersten Mal kamen ihm Zweifel an seinem eigenen Verhalten.

„Wirklich gut habe ich sie ja nicht gekannt“, brach Simon nach einer Weile das Schweigen. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass sie schwanger war.“

„Ich weiß.“ Tula schüttelte den Kopf. „Sherry wollte das so. Aber ich fand ihre Entscheidung nicht richtig.“

„Wenigstens in diesem Punkt sind wir uns einig.“ Simon trank noch einen Schluck des trockenen Weißweins.

„Aber bitte“, sagte sie und wies auf die Platte mit dem Hähnchenfleisch. „Nehmen Sie sich. Ich fange auch gleich an zu essen, ich füttere nur noch das Baby mit den Karotten.“

„Ach Karotten sind das …“ Dem Kleinen schienen sie zu schmecken, aber in Simons Augen sah diese Kost nicht allzu verlockend aus.

Als sie sah, wie er das Gesicht verzog, lachte Tula. „Sieht seltsam aus, stimmt’s? Wenn es sich erst eingespielt hat, dass Nathan bei mir lebt, mache ich seine Babynahrung selbst – mit dem Mixer.“

„Wirklich?“, staunte Simon.

„Ja. Warum auch nicht? Schließlich koche ich gern. Dann kann er so ziemlich dasselbe essen wie ich, viel frisches Gemüse mit etwas Fleisch, nur eben zerkleinert. Ist sicher gesund für ihn.“ Sie zuckte die Schultern, als würde ihr die zusätzliche Mühe nicht das Geringste ausmachen.

Auch das bewunderte Simon ehrlich an ihr. Offenbar hatte sie sich bereits an das Leben mit dem Kleinen gewöhnt. Er selbst war natürlich noch nicht so weit. Aber er würde es schaffen, denn ihm gelang immer, was er sich vornahm.

Er versuchte das Hähnchen und hätte fast laut aufgeseufzt. Tula war nicht nur sexy und kinderlieb, sie kochte auch noch himmlisch.

„Schmeckt es Ihnen?“

„Und wie!“ Er sah sie an. „Einfach köstlich!“

Sie strahlte. „Danke.“ Erst nachdem sie Nathan noch ein paar Bananenstücke gegeben hatte, fing sie selbst an zu essen.

Nach ein paar Minuten einvernehmlichen Schweigens fragte sie: „Also, was machen wir jetzt, um mit der neuen Situation klarzukommen?“

„Ich habe das Testament meinem Anwalt gezeigt“, gab Simon zu.

„Das dachte ich mir.“

Er nickte. „Im Augenblick sind Sie verantwortlich.“

„Was Ihnen nicht gefällt.“

Ohne darauf einzugehen, sprach Simon weiter. Besser, wenn er sich nicht aus dem Konzept bringen ließ. „Bis Sie entscheiden, dass ich so weit bin, für Nathan zu sorgen.“

„Ja, genau so ist es.“ Mit zur Seite geneigtem Kopf sah sie ihn an. „Wie ich Ihnen heute Morgen gesagt habe.“

Wieder achtete er nicht auf ihre Bemerkung. „Die Frage ist, wie wir zu einem Kompromiss kommen. Ich brauche viel gemeinsame Zeit mit meinem Sohn. Und Sie brauchen Zeit, um sich ein Bild von meiner Beziehung zu ihm zu machen. Ich lebe und arbeite in San Francisco. Sie leben hier in Crystal Bay – und wo arbeiten Sie?“

„Ebenfalls hier“, antwortete sie, aß ein Stück Hähnchen und nahm einen Schluck Wein. „Ich schreibe Bücher. Kinderbücher.“

Simons Blick fiel auf die Salz- und Pfefferstreuer, die die Form zweier Kaninchen hatten, ähnlich wie auf den Bildern im Wohnzimmer. „Irgendetwas mit Kaninchen nehme ich an.“

Tula richtete sich auf. Plötzlich hatte sie das Gefühl, sich verteidigen zu müssen, denn sein geringschätziger Unterton war ihr nicht entgangen. Als ob jeder Kinderbücher schreiben könne. Als ob sie mehr oder weniger zufällig von ihrem Hobby ganz gut leben könne. „So ist es. Ich bin die Autorin der Lonely-Bunny-Bücher.“

„Lonely Bunny?“

„Eine sehr erfolgreiche Serie für kleine Kinder.“ Sehr erfolgreich ist vielleicht etwas übertrieben, dachte sie.

Aber die Figur wurde tatsächlich immer bekannter und beliebter.

Tula liebte ihre Arbeit und war stolz darauf, Kinder glücklich zu machen. Wie viele andere Menschen konnten das von sich behaupten?

Simon sah sie zweifelnd an.

„Wollen Sie meine Fanpost sehen? Die meisten Briefe sind mit Buntstiften mehr gemalt als geschrieben. Das mag Ihnen nichts sagen, aber für mich bedeutet es, dass die Kinder meine Geschichten lieben.“ Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. „Ich finde, das allein ist Erfolg genug.“

Simon zog die Augenbrauen hoch. „Habe ich ja gar nicht bestritten.“

Doch Tula konnte sich nur zu gut vorstellen, was er wirklich dachte. Diesen Tonfall kannte sie von ihrem Vater. Vor fünf Jahren hatte sie es endlich gewagt, ihm zu sagen, dass sie keine Betriebswirtin werden wollte – sondern Autorin. Auf der Stelle hatte er mit ihr gebrochen, sodass sie ohne einen Cent in der Tasche dagestanden hatte.

Und dieser Simon Bradley war genau wie ihr Vater. Beide trugen Anzüge und kamen aus einer Welt, wo die Fantasie keinen Platz hatte und Gefühle verpönt waren.

Inzwischen stand sie zum Glück auf eigenen Füßen, und sie liebte das Leben, das sie führte.

Beim Gedanken, dass Nathan bei einem Mann aufwachsen sollte, der über sein Leben ebenso bestimmen würde wie ihr Vater über ihres, lief es ihr eiskalt über den Rücken. Sie sah das zufriedene Baby und fragte sich, wie lang es dauern würde, bis seine Kreativität erstickt war. Eine fürchterliche Vorstellung!

„Ich finde, wir sollten zusammenarbeiten“, sagte Simon, und seine Stimme verriet, dass ihn die Aussicht darauf ebenso wenig erfreute wie Tula selbst.

„Finde ich auch.“

„Sie arbeiten von zu Hause aus, stimmt’s?“

„Ja.“

„Gut, dann können Sie und Nathan zu mir nach San Francisco ziehen.“

„Wie bitte?“ Tula öffnete den Mund, aber vor Schreck fand sie keine Worte.

„Es geht nur so“, sagte er entschieden. „Ich muss beruflich in der Stadt bleiben, aber Sie können überall arbeiten.“

„Schön, dass Sie das so sehen …“

Als er ihr gönnerhaft zulächelte, biss Tula die Zähne zusammen, so wütend war sie. Nur jetzt nichts sagen, schärfte sie sich ein, was ich später bereuen werde.

„Wie gesagt, Nathan und ich müssen Zeit zusammen verbringen, und Sie müssen sich ein Bild machen. Glauben Sie mir, die einzige Möglichkeit ist, dass sie mit ihm in die Stadt kommen.“

„Ich kann doch nicht einfach …“

„Sagen wir für ein halbes Jahr.“ Er trank seinen Wein aus und stellte das Glas zurück auf den Tisch. „Vielleicht dauert es auch nicht so lang, aber halten wir es für den Moment mal so fest. So kann Nathan sich eingewöhnen. Und wenn Sie der Überzeugung sind, dass ich mit meinem Sohn klarkomme, ziehen Sie wieder hierher nach Crystal Bay.“ Kopfschüttelnd sah er sich in der kleinen Küche um, als könne er nicht verstehen, dass jemand aus freiem Wunsch hier wohnen mochte. „Dann können wir beide wieder unser eigenes Leben leben.“

Tula unterdrückte ein Fluchen. Noch nie hatte sie daran gedacht, umzuziehen, dazu gefiel ihr das Häuschen viel zu gut. Außerdem hasste sie San Francisco, denn dort lebte ihr Vater.

Von dort befehligte er sein Imperium.

Nach allem, was sie bisher wusste, passten er und Simon Bradley hervorragend zusammen.

„Und, was sagen Sie?“

Sie sah erst ihn an, dann Nathan, und begriff, dass ihr im Grunde keine Wahl blieb. Als Vormund des Kleinen war sie für ihn verantwortlich und musste in seinem Sinn handeln. Das war sie ihm und seiner verstorbenen Mutter schuldig. Es gab kein Zurück …

„Schauen Sie. Wir müssen uns ja nicht miteinander anfreunden.“ Er beugte sich nach vorne, um ihr in die Augen zu sehen. „Es macht auch nichts, wenn wir uns nicht wirklich mögen. Wir müssen lediglich ein paar Monate lang miteinander auskommen.“

„Wow“, scherzte sie. „Das klingt ja verlockend.“

„Ms. Barrons …“

„Wenn wir schon in einem Haus leben werden, sollten Sie sich wenigstens an meinen Vornamen gewöhnen. Noch mal langsam und zum Mitschreiben: Ich heiße Tula.“

„Heißt das, Sie nehmen meinen Vorschlag an, Tula?“

„Habe ich eine Wahl?“

„Ich fürchte nein.“

Damit hatte er zweifellos recht. Hier ging es in erster Linie um Nathans Wohl. Für sie bedeutete das nun leider, nach San Francisco zu Simon zu ziehen.

Aber vielleicht würde es ihr dort ja gelingen, ihm die Augen zu öffnen für eine Welt jenseits von Geschäften und maßgeschneiderten Anzügen?

Sie atmete tief durch und streckte ihm über den Tisch hinweg die Hand hin. „Also gut. Abgemacht.“

„Abgemacht“, sagte Simon und ergriff ihre Hand.

Und wieder entstand das ungewöhnliche Hitzegefühl, diesmal so plötzlich, dass es sich wie eine elektrische Entladung anfühlte. Tula hätte sich nicht gewundert, Funken stieben zu sehen.

Ohne Zweifel hatte auch Simon es gespürt, denn er ließ die Hand abrupt los und runzelte die Stirn.

Tula rieb sich die Finger, was allerdings an dem ungewöhnlichen Gefühl nichts änderte. Unter diesen Umständen konnten die nächsten Monate ja interessant werden.

4. KAPITEL

Zwei Tage später holte Simon im Baseball-Übungskäfig weit zum Schlag aus. Sein Schläger traf kraftvoll den Ball, der mit ziemlicher Wucht im Fangnetz landete.

Stolz verkündete er: „Mindestens ein Triple.“ Was bedeutete, dass ihm dieser Schlag bei einem Feldspiel genug Zeit gelassen hätte, im Lauf die dritte Markierung zu erreichen.

„Allerdings“, bestätigte Mick Davis im angrenzenden Käfig. „Das sah verdächtig nach einem Fly out aus. Er hätte wahrscheinlich bis zur Tribüne gereicht.“

Simon verstand genug von Baseball, um zu wissen, dass ihm ein wirklich guter Schlag gelungen war. Er schwang den Schläger über die Schulter und wartete auf den nächsten Ball aus der Maschine.

Hier zu sein, bedeutete für ihn immer eine Auszeit vom Geschäft. Hier, nicht weit von seinem Haus, konnte er sich körperlich richtig abreagieren. Und es gelang ihm, dabei gedanklich abzuschalten, denn Baseball gehört nun mal zu den Sportarten, die eine hohe Konzentration erfordern. Im Moment kam ihm das wie gerufen, so konnte er wenigstens nicht ständig an ein Paar herrliche blaue Augen und einen sinnlichen Mund denken.

Und schon gar an ein Kind, das, wenn es so sein sollte, seines war.

Er holte aus – und verfehlte den Ball, der hinter ihm gegen die Gittertür schlug.

„Jetzt liege ich um zwei Punkte vorn“, sagte Mick gut gelaunt.

„Freu dich nicht zu früh! Das war noch längst nicht alles.“ Simon genoss den Sport mit Mick, seinem besten Freund, den er seit der Collegezeit kannte. Inzwischen war Mick außerdem seine rechte Hand in der Firma, und er vertraute ihm blind.

Als Mick den Ball schwungvoll ins Netz schlug, lachte Simon anerkennend. Es tat gut, mit dem Freund Baseball zu üben und dabei den Kopf freizubekommen. Endlich spielte es einmal keine Rolle, dass er ein milliardenschweres Unternehmen leitete. Hier bot sich ihm eine der eher seltenen Gelegenheiten zur Entspannung.

Als die Stunde vorüber war, stritten die beiden Männer gut gelaunt, wer denn nun gewonnen habe.

„Na los, gib es schon zu! Ich habe dich kassiert“, sagte Simon.

„Das hättest du wohl gern!“

Als sie einen Schluck Wasser getrunken hatten, sagte Mick: „So, und jetzt erzähl mal, warum du heute mit solcher Urgewalt den Schläger geschwungen hast.“

Simon setzte sich auf die Bank und sah ein paar Kindern beim Training zu. Sie waren etwa neun oder zehn Jahre alt, hatten vom Spiel verstrubbelte Haare, und die Augen glänzten.

Eines Tages wird auch Nathan in dieses Alter kommen, dachte Simon. Ich habe einen Sohn, ich bin Vater … In ein paar Jahren kann ich ihn hierher mitbringen.

Er schüttelte den Kopf. „Du wirst es nicht glauben …“

„Wer weiß. Fang doch einfach mal an“, ermunterte ihn Mick.

Und so begann er. Während die Nachmittagssonne die Wolken durchdrang und vom Meer her eine frische Brise wehte, erzählte Simon. Von Tulas Besuch in seinem Büro. Von Nathan. Von allem …

„Du hast einen Sohn?“

„Sieht ganz so aus“, sagte Simon und lächelte etwas schief. „Natürlich lasse ich einen Vaterschaftstest machen.“

„So schätze ich dich ein.“

Simon runzelte die Stirn. „Ich gehe lieber auf Nummer sicher. Aber im Grunde ist er eindeutig mein Sohn, man sieht es ihm an. Jetzt weiß ich gar nicht, wo mir der Kopf steht und was ich als Erstes tun soll.“

„Ihn zu dir nehmen?“

„Ja. Das habe ich vor. Gerade lasse ich ein Kinderzimmer für ihn herrichten.“

„Und diese Tula? Wie ist sie so?“

Simon nahm noch einen Schluck und spürte, wie ihm plötzlich die Kehle eng wurde. Wie soll man das erklären? dachte er. Und womit anfangen? Schließlich sagte er: „Sie ist … anders.“

Mick lachte. „Was hat das nun wieder zu bedeuten?“

„Gute Frage“, murmelte Simon halblaut, während er an dem Etikett seiner Flasche herumkratzte. „Natürlich passt sie wie ein Schießhund auf Nathan auf. Und sie ist ebenso irritierend wie umwerfend.“

„Interessant.“

Simon sah den Freund an. „Nicht, was du denkst. In dieser Hinsicht ist sie mir egal.“

„Du hast gerade gesagt, sie ist umwerfend.“

„Das hat nichts zu bedeuten“, beteuerte Simon und sah wieder zu der Kindergruppe. „Sie ist nicht mein Typ.“

„Zum Glück. Dein Typ ist langweilig.“

„Was soll das denn heißen?“

Mick lachte. „Simon, immer wenn du dich mit einer Frau triffst, ist sie mit Sicherheit kultiviert und abgeklärt.“

Nun war es an Simon, zu lachen. „Möglich. Aber was soll daran falsch sein?“

„Ich denke, ein wenig Abwechslung könnte nicht schaden.“

Abwechslung war genau das, was Simon nicht wollte. Er genoss ein Leben ohne große Veränderungen. Wenn er ab und zu an Tula Barrons’ große blaue Augen und das Grübchen auf ihrer Wange dachte, ging das niemanden etwas an.

Schließlich hatte er hautnah mitbekommen, wohin es führte, wenn ein Mann die Abwechslung suchte, statt der Stimme der Vernunft zu folgen. Mit seiner Unbeständigkeit hatte sein Vater alle Familienmitglieder unglücklich gemacht – diesen Fehler wollte er selbst auf keinen Fall wiederholen.

„Damit will ich doch nur sagen …“

„Lass gut sein. Ich will es nicht hören“, unterbrach Simon den Freund. „Außerdem … was weißt du schon von Frauen? Du bist verheiratet.“

„Ja. Sehr glücklich sogar. Und stell dir vor, mit einer Frau.“ Mick lachte.

„Ja, aber das ist etwas anderes.“

„Allerdings. Katie hat mit deinen unterkühlten Eisprinzessinnen wenig gemein.“

„Wie sind wir nur ausgerechnet auf mein Liebesleben gekommen?“

„Keine Ahnung!“ Mick lachte. „Mich hat eben interessiert, was mit dir los ist. Und jetzt weiß ich es: Eine neue Frau ist in dein Leben getreten, und du bist Vater.“

„Vielleicht“, schränkte Simon ein.

Freundschaftlich klopfte Mick ihm auf die Schulter. „Jedenfalls gratuliere ich dir schon mal. Herzlichen Glückwunsch!“

Simon lächelte, trank noch einen Schluck Wasser und ließ die Veränderungen in seinem Leben auf sich wirken. Höchstwahrscheinlich hatte er einen Sohn.

Und was Tula Barrons betraf: Die Zeit mit ihr würde vorübergehen.

Seltsamerweise stimmte ihn diese Aussicht längst nicht so froh, wie er angenommen hatte.

„Was ihn betrifft, weiß ich einfach nicht, was ich tun soll“, sagte Tula und trank einen Schluck Latte macchiato.

„Was könntest du denn tun?“, fragte Anna Hale, die in der Eingangshalle der Bank vor der Wand auf dem Boden saß.

Tula sah zu Nathan, der in seinem Buggy saß und fröhlich sein Stoffkaninchen schwenkte. „Anna, glaubst du, es ist gut für das Baby, wenn wir hier sind, während du malst? Ich meine, die Farbdämpfe …“

„Das ist nicht so schlimm. Es sind unschädliche Farben, und ich arbeite nur noch an ein paar Details.“ Anna lächelte. „Du bist schon richtig mütterlich geworden.“

„Ich weiß.“ Tula lachte. „Und was soll ich sagen? Es macht wirklich Spaß. Hättest du das gedacht? Ich jedenfalls nicht. Ich habe schon gedacht, dass ich mal irgendwann Kinder habe, aber wirklich vorstellen konnte ich es mir nicht. Jetzt weiß ich, wie anstrengend es ist. Und wie wunderbar. Und …“ Sie unterbrach sich und runzelte die Stirn. „Jetzt muss ich in die Stadt ziehen.“

„Es ist ja nicht für lange“, tröstete Anna. Dann widmete sie sich wieder ihrem Bild. Sie verwendete ein blasses Gelb auf hellem bläulichem Grund, um den Himmel an einem sonnigen Tag darzustellen.

„Stimmt zwar, aber …“ Tula seufzte. Sie ging zu Anna und setzte sich ebenfalls im Schneidersitz auf den Boden. „Du weißt, wie ungern ich nach San Francisco zurückgehe.“

Die Freundin nickte und strich sich eine Haarsträhne zurück, was eine Spur blassgelber Farbe auf ihrem Gesicht hinterließ. „Aber das heißt ja nicht, dass du zwangsläufig deinem Vater begegnest. San Francisco ist eine große Stadt.“

Tula lächelte. „Nicht groß genug. Jacob Hawthorne wirft einen langen Schatten.“

„In dem du schon lange nicht mehr stehst.“ Anna drückte Tula ermutigend die Hand – und hinterließ dabei einen gelben Farbklecks auf ihrer Haut. „Oh sorry. Tula, du hast dich von ihm gelöst und bist ihm nichts schuldig. Er hat keine Macht mehr über dich. Du bist eine bekannte Autorin!“

Tula lachte leise. Bekannt, ja … hauptsächlich in Kindergärten. Und eigentlich auch nicht sie, sondern Lonely Bunny. Sie schrieb nur seine Geschichten und zeichnete die Illustrationen dazu.

Am meisten gefiel es ihr, den Kindern bei Lesungen in Kinderbuchläden vorzulesen. Sie liebte das Leuchten in ihren Augen und den Ausdruck von Spannung in ihren Gesichtern.

Ja, es stimmte, sie war der engen Welt ihres Vaters entkommen. Nun konnte er nicht mehr über ihr Leben bestimmen. Sie ging ihren eigenen Weg, hatte ihr eigenes gemütliches Zuhause und einen Beruf, der ihr Spaß machte.

Sie sah Nathan an, der in seinem Buggy vergnügt vor sich hinbrabbelte.

Seit er bei ihr war, bestimmte dieser kleine Junge ihr Leben – und sie hatte sich niemals wohler gefühlt als mit ihm.

Was, wenn ich ihm eines Tages Lebewohl sagen muss? fragte sie sich beklommen.

Doch zum Glück würden bis dahin noch Wochen, ja Monate, vergehen. Denn ein Vater, der schlechter vorbereitet war als Simon Bradley, war kaum vorstellbar.

Als sie an ihn dachte, sah sie ihn deutlich vor sich und hätte fast laut aufgeseufzt. Mit seinem guten Aussehen gefährdete er wirklich ihren Seelenfrieden. Aber Attraktivität hin oder her, im Wesen glich er zu sehr ihrem Vater, und von diesem Männertyp wollte sie sich fernhalten. Außerdem ging es hier nicht um Anziehungskraft oder etwas Ähnliches, sondern einzig und allein um das Wohl des kleinen Nathan.

Entschlossen schob Tula ihre Sorgen und ein seltsam prickelndes Gefühl beiseite, das sie für Nathans Vater empfand, und konzentrierte sich ganz auf den Jungen.

Ich komme schon mit der neuen Situation klar, ermutigte sie sich. Und im Geiste nahm bereits die Geschichte Lonely Bunny kommt in die Stadt Form an.

Keine schlechte Idee … Darin würde sie ihre Erlebnisse verarbeiten und für Kinder aufbereiten. Sie lächelte.

„Stimmt“, bestätigte sie und bemühte sich, selbstbewusst zu klingen. „Mein Vater kann mir keine Vorschriften mehr machen. Und außerdem interessiert er sich gar nicht für mich.“

Diese Wahrheit tat ein bisschen weh, wie immer, wenn sie daran dachte. Denn im Grunde ihres Herzens wünschte sie sich, ihr Vater wäre anders. Aber das würde wohl für immer ein frommer Wunsch bleiben.

„Außerdem werde ich ihm schon nicht in die Arme laufen. Die Wahrscheinlichkeit dürfte ziemlich gering sein.“

Anna lächelte. „Das glaube ich auch. Ach, würdest du mir bitte den Fächerpinsel holen? Ich brauche ihn für die Schaumkronen der Wellen.“

„Klar“, sagte Tula, stand auf und suchte in Annas Malutensilien nach dem Pinsel.

Sie gab ihn ihr und sah zu, wie die Freundin geschickt weiße Farbe auf den blauen Ozean aufbrachte. Die entstandene Gischt wirkte so echt, dass Tula fast das Rauschen des Meeres zu hören glaubte.

Anna Cameron Hale gehörte zu den Besten der Besten unter den Illusionsmalern. Ihre Wandgemälde ließen sich von der Realität kaum unterscheiden. Und wenn dieses Bild hier in der Bank erst fertig war, würde man das Gefühl haben, durch Säulen hinaus in die Sonne und aufs Meer zu sehen.

„Du bist wirklich umwerfend gut, weißt du das?“, sagte Tula.

„Danke.“ Anna sah sich nicht um, sondern arbeitete konzentriert weiter. „Ich habe mir überlegt, wenn du dich erst im Haus von Simon eingewöhnt hast, könnte ich ja kommen und im Kinderzimmer eine Wand bemalen.“

„Oh! Prima Idee!“

„Weißt du“, setzte Anna fast schüchtern hinzu und blickte nun doch zu Tula. „Für mich wäre es eine gute Übung, denn Sam und ich wollen auch ein Kinderzimmer einrichten.“

Tula stutzte. Dann rief sie voller Freude: „Heißt das, du bist schwanger?“

„Ja! Genau das.“

„Im wievielten Monat?“

„Im dritten.“

„Das ist ja großartig!“ Tula kniete nieder und umarmte die Freundin voller Freude. „Du bekommst ein Baby! Was sagt denn Sam dazu?“

„Er ist so stolz, als wäre er der erste Mann, der Vater wird.“ Anna lachte strahlend. „Vor lauter Aufregung hat er sogar schon Garret in der Schweiz angerufen und ihm gesagt, dass er Onkel wird.“

„Verrückt, wo du doch nur so kurz mit Garret zusammen warst.“

„Eben!“ Anna schüttelte den Kopf. „Wenn ich daran denke!“ Dann lachte sie wieder. „Aber was sind schon drei Nächte mit Garret gegen ein Leben mit seinem Bruder.“

So gelöst und glücklich hatte Tula ihre Freundin noch nie erlebt. Einen Moment lang empfand sie so etwas wie Eifersucht. Alles in Annas Leben schien so zu verlaufen, wie es sich eine Frau nur wünschen konnte. Sie hatte die Sicherheit, die nur die Liebe eines Mannes bieten kann.

Aber schnell schob Tula den Gedanken wieder beiseite. Im Augenblick gab es wirklich Wichtigeres: Anna brauchte jetzt ihre Unterstützung.

„Ich freue mich so für dich“, sagte sie neidlos.

„Danke, Tula, das weiß ich.“ Anna betrachtete den Kleinen, der die beiden Frauen interessiert ansah. „Was bin ich froh, dass du schon Erfahrung mit Babys hast, Tante Tula. Ich selbst habe ja keine Ahnung.“

„Das ist nicht schwer“, sagte Tula und sah jetzt auch zu Nathan, der ihr alles bedeutete. „Das Wichtigste ist Liebhaben.“

Schon jetzt, nach nur zwei Wochen, konnte sie sich ein Leben ohne den Kleinen nicht mehr vorstellen. Sie herzte und umsorgte ihn gern. Was hatte sie nur vorher mit ihrer Zeit angefangen? Wie langweilig mussten ihre Tage ohne den Geruch von Babyshampoo und dem angenehmen Gefühl eines wohlig warmen Babys auf ihrem Arm gewesen sein!

Und wie sollte es später werden – ohne Nathan?

Simon verstand sich meisterlich darauf, Abläufe zu organisieren.

Mithilfe von Micks Sekretärin hatte er sein Haus in kürzester Zeit für Tula und Nathan vorbereitet, die Zimmer gerichtet, Lebensmittel besorgt und zu Babysitting-Agenturen Kontakt aufgenommen.

Schon drei Tage nach Ankunft der beiden hatte er einen Vaterschaftstest durchführen lassen und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Ergebnis so früh wie nur irgend möglich zu bekommen.

Nötig wäre der Test eigentlich nicht gewesen, denn ein einziger Blick auf Nathan hatte Simon genügt, um zu wissen, dass er sein Sohn war. Von dem Moment an, da er ihn zum ersten Mal im Arm gehalten hatte, hatte er es deutlich gespürt. Nun musste er nur noch mit seiner neuen Rolle klarkommen.

Dabei hatte er nie vorgehabt, Vater zu werden. Er wusste auch noch zu wenig darüber, wie sich Eltern am besten verhielten. Und seine eigenen Eltern eigneten sich in dieser Hinsicht leider nicht als Vorbilder.

Aber er würde es schaffen, denn er fand immer einen Weg.

Er öffnete die Haustür und trat versehentlich gegen ein Spielzeug. Der kleine gelbe Lastwagen aus Kunststoff glitt über den Parkettboden und prallte gegen die Wand.

Kopfschüttelnd hob er ihn auf und ging weiter in Richtung Wohnzimmer.

Wenn er normalerweise abends gegen halb sieben heimkam, gönnte er sich erst einmal einen Drink und las in Ruhe die Zeitung. Nach einem Tag voller Kundengespräche, Termine und klingelnder Telefone empfand er die Stille in dem großen Haus immer als besonders wohltuend.

Es war mein Rückzugsort, mein Heiligtum, dachte er und lächelte wehmütig.

Aber damit war es jetzt vorbei.

Er sah sich in seinem einst so ordentlichen Wohnzimmer um und atmete tief durch. Wieso besaß ein einzelnes Baby so enorm viele Sachen?

„Dabei sind sie erst seit drei Tagen hier“, sprach er leise zu sich selbst. Kaum zu glauben, wie sich durch die beiden das altehrwürdige viktorianische Haus verändert hatte.

Auf dem Sideboard lag ein Stapel Windeln, auf dem Boden befand sich jede Menge Spielzeug. Sorgfältig zusammengelegte frische Babywäsche zierte den Couchtisch. In einer Ecke stand ein bunter Laufwagen. Und in Simons Lieblingssessel saß ein Stoffkaninchen mit einem Hängeohr.

Simon nahm es und strich über den weichen, leicht feuchten Stoff. Morgens hatte Tula erzählt, dass Nathan Zähne bekam, und offenbar biss er deshalb ständig in sein Kaninchen. Wieder schüttelte Simon leicht den Kopf und lächelte. So schnell konnte ein Mann aus seiner täglichen Routine gerissen werden.

Autor

Leanne Banks
Mit mehr als 20 geschriebenen Romanen, ist Leanne dafür geschätzt Geschichten mit starken Emotionen, Charakteren mit denen sich jeder identifizieren kann, einem Schuss heißer Sinnlichkeit und einem Happy End, welches nach dem Lesen noch nachklingt zu erzählen.
Sie ist die Abnehmerin der Romantic Times Magazine’s Awards in Serie. Sinnlichkeit, Liebe und...
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Da Maureen Child Zeit ihres Lebens in Südkalifornien gelebt hat, fällt es ihr schwer zu glauben, dass es tatsächlich Herbst und Winter gibt. Seit dem Erscheinen ihres ersten Buches hat sie 40 weitere Liebesromane veröffentlicht und findet das Schreiben jeder neuen Romance genauso aufregend wie beim ersten Mal.

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