Baccara Exklusiv Band 215

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WAR ALLES NUR EIN SINNLICHER TRAUM?
von RED GARNIER

Ein Blick von Garrett Gage genügt, schon hat Kate Schmetterlinge im Bauch. Warum merkt er nicht, dass das kleine Mädchen von früher längst eine Frau ist und so behandelt werden will? Doch kaum ist Kates herbeigesehnte Nacht der Leidenschaft vorbei, straft Garrett sie plötzlich mit kalter Verachtung …

BERÜHR MICH SO WIE DAMALS
von MAUREEN CHILD

Lacy sollte ihn hassen! Vor zwei Jahren ist Sam wortlos aus ihrem Leben verschwunden. Jetzt ist er zurückgekehrt, um das Skiresort seiner Familie zu retten. Aber da ist noch mehr - sie sieht es in seinen verlangenden Blicken: Sam ist auch ihretwegen zurückgekommen! Doch kann Lacy ihm jemals wieder vertrauen?

DIESE UNVERGESSLICH HEISSE NACHT
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"Kein Sex!" steht im lukrativen Vertrag, den Melanies PR-Firma abgeschlossen hat. Doch dummerweise erkennt Melanie in ihrem Klienten, dem Erben des Langford-Firmenimperiums, Adam - den besten One-Night-Stand ihres Lebens. Und so muss Melanie sich mit aller Willenskraft gegen eine Wiederholung stemmen …

  • Erscheinungstag 14.01.2022
  • Bandnummer 215
  • ISBN / Artikelnummer 9783751510202
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Red Garnier, Maureen Child, Karen Booth

BACCARA EXKLUSIV BAND 215

PROLOG

Er war der attraktivste Mann, den die Trauzeugin je gesehen hatte.

Sie hatten eine Nacht zusammen verbracht. Eine unglaubliche Nacht. Es hätte sie nie gegeben haben sollen, aber es war nun einmal passiert. Woher sollte sie den Mut nehmen, ihm zu gestehen, dass ihre Liebe nicht ohne Folgen geblieben war?

Allein der Gedanke daran ließ Kate die Knie weich werden. Mit zitternden Händen umklammerte sie den Strauß weißer Orchideen und zwang die Aufmerksamkeit auf ihre Schwester Molly, die im weißen Brautkleid neben ihrem Bräutigam vor dem Altar stand. Ein Paar wie aus dem Bilderbuch.

Sie waren umgeben von einem Meer von Orchideen, Tulpen und Rosen. Die Schleppe des Brautkleides reichte fast bis an das Ende des roten Teppichs. Die Gäste saßen auf Reihen weißer Bänke und verfolgten die Trauungszeremonie aufmerksam. Mollys Stimme zitterte leicht, als sie Julian ihr Eheversprechen gab. Julian – ihr bester Freund seit Kindheitstagen. Der Mann, den sie immer geliebt hatte.

„Ich, Molly, nehme dich, Julian John, zu meinem angetrauten Ehemann …“

Kate schluckte gerührt, als sie ihre kleine Schwester so sah – aber sosehr sie sich dem Impuls auch widersetzte, ihr Blick wanderte doch wieder zu dem Mann an der Seite des Bräutigams. Groß und schweigend stand er da.

Garrett Gage.

Ein Schauer überlief sie, als ihre Blicke sich trafen. Er schien sie förmlich durchdringen zu wollen, die markanten Züge hart und entschlossen.

Er hatte sie während der ganzen Zeremonie nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen. Wie bedauerlich, dass seine zukünftige Frau nicht hier war, dann hätte er sie anstarren können, und Kate hätte ihre Ruhe gehabt!

Aber nein, er verfolgte sie. Dieser Mann. Tag und Nacht dachte sie an ihn und sehnte sich nach ihm – während sie sich gleichzeitig bemühte, ihn zu vergessen.

Vergebens.

Immer wieder waren ihr während des vergangenen Monats die zärtlichen Worte durch den Kopf gegangen, die er gesagt hatte. Immer wieder hatte sie vergeblich versucht, die Erinnerung an seine starken Arme zu verdrängen. Arme, die sie gehalten hatten, als sei sie kostbarer als Gold.

In jeder einzelnen der vergangenen dreißig Nächte hatte sie sich gesagt, dass es nie etwas werden würde mit ihnen. Und als sie dann von seiner bevorstehenden Heirat erfahren hatte, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als ihren eigenen Worten zu glauben.

Es war in Ordnung. Wirklich. Sie hatte ja nicht die Absicht gehabt, ihn zu heiraten. Sie würde nie heiraten, solange sie nicht das haben konnte, was Molly und Julian hatten! Ohne wahre Liebe schien es ihr besser, allein zu bleiben.

Morgen würde sie also abreisen. Sie hatte eine Fahrkarte nach Florida gekauft. Einfache Fahrt. Nach Miami. Dort wollte sie ein neues Leben anfangen. Musste den Mann, den sie liebte, nicht an der Seite einer anderen Frau sehen. Aber bevor sie ging, würde sie ihm noch die Wahrheit sagen. Eine Wahrheit, die sie bis heute vor ihm verborgen hatte, um Mollys großen Tag nicht zu verderben.

Molly war ihre einzige Schwester. Kate hatte sie praktisch aufgezogen, seit sie als kleine Mädchen Waisen geworden waren. Sie wollte, dass Mollys Hochzeitstag perfekt war.

Ja, Kate war schwanger, aber es blieb noch genügend Zeit, um Garrett darüber zu informieren. Wenn er doch nur aufhören würde, sie so anzusehen. In ihrem Innern schien sich alles zu verkrampfen vor unterdrückter Sehnsucht.

„Sie dürfen die Braut nun küssen.“

Erschreckt registrierte Kate, dass sie fast die ganze Zeremonie verpasst hatte. Sie beobachtete, wie Julian Molly hochhob, als habe sie gerade das Gewicht einer Feder. Dann küsste er sie … Schien sie nie wieder freigeben zu wollen.

Molly hatte die Arme um ihn geschlungen und lachte glücklich, als Julian sie immer wieder im Kreis schwenkte. Plötzlich hielt er inne und sah betreten zu Boden. „Oje!“

Molly folgte seinem Blick und sah, was er sah: die lange Schleppe hatte sich mehrfach um sie geschlungen. Nach einem kurzen Moment der Verblüffung lachten sie beide laut auf. Julians Hände umfingen Mollys zartes Gesicht, und ihre Lippen verschmolzen erneut zu einem innigen Kuss.

„Ich habe sie.“ Kate hatte die Schleppe lachend von Mollys Kleid gelöst. Mit Molly auf den Armen trat Julian über den Berg von Tüll hinweg und trug seine Braut unter dem Applaus der Gäste den Mittelgang hinunter.

Sie sahen so glücklich aus, so überaus verliebt, als sie hinaustraten in den wunderschön dekorierten Garten, in dem die Feier stattfinden sollte. Kate blieb mit Tränen der Rührung zurück.

Sie begann, die Berge von Tüll zusammenzuraffen. Garrett kam herüber und reichte ihr das andere Ende der Schleppe. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen. „Danke“, murmelte sie und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Himmel, wieso wurde sie rot? Sie waren zusammen aufgewachsen. Sie sollte in seiner Gegenwart völlig entspannt sein. Stattdessen war sie das reinste Nervenbündel. Konnte nur immer daran denken, dass sie ihm noch etwas zu sagen hatte.

Obwohl es sie schmerzte zu wissen, dass er eine andere Frau heiraten würde, wollte sie nicht sein Leben ruinieren. Er hatte sie immer beschützt und sich um sie gekümmert. Immer.

Sie hatte Angst, dass ihr Geständnis ihn umwerfen würde.

Plötzlich umfingen seine langen schlanken Finger ihre Hände. Ließen sie einhalten. Kate stockte der Atem, als sie seine Wärme spürte. Unwillkürlich sah sie auf. Direkt in seine dunklen Augen.

„Sag mir, ob ich mich irre …“ Seine Stimme war leise, sein Blick so vertraut, dass sie hätte darin versinken mögen. „… kann es sein, dass mein Bruder gerade deine Schwester geheiratet hat?“

Sie wollte ihn nicht ansehen. Sie wollte es nicht! Aber der Anblick seiner wohlgeformten Lippen schien sie magisch anzuziehen. „Es hat eine volle Stunde gedauert, Garrett. Du kannst es nicht nicht erlebt haben.“ Sie versuchte, ihren Ton leicht zu halten.

Und doch … Bildete sie es sich ein, oder … starrte er tatsächlich ihre Lippen an?

„Es scheint ganz so.“

„Du hast direkt daneben gestanden. Wo bist du mit deinen Gedanken gewesen? Auf dem Mars?“ Sie rollte gespielt dramatisch die Augen und wollte gehen, aber seine Stimme hielt sie zurück.

„Ich war in meinem Schlafzimmer, Kate. Mit dir in meinen Armen.“

Sie blieb mit dem Rücken zu ihm stehen. Versuchte, das Chaos ihrer Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Der Klang seiner Stimme hatte eine Wirkung, die sie erschauern ließ. Die Knie wurden ihr weich, und jede Faser ihres Körpers schien sich nach seiner Berührung zu sehnen. Seine Worte riefen die Erinnerung an jene Nacht zurück. An die Nacht in seinem Bett. In seinen Armen.

Nein! Nein, es ging nicht. Sie konnte es ihm nicht sagen. Nicht hier. Nicht jetzt.

Wortlos ging sie den Gang hinunter. Spürte, wie er ihr folgte.

„Kate, ich muss mit dir reden“, sagte er leise.

Es irritierte sie, dass allein der Klang seiner Stimme prickelnde Erregung in ihr auslösen konnte.

„Falls es um deine Hochzeit geht – davon weiß ich bereits. Herzlichen Glückwunsch.“ Sie sagte es völlig ausdruckslos. Nichts sollte verraten, was in ihr vorging.

„Vielleicht kannst du mich dann aufklären? Offensichtlich weißt du mehr darüber als ich. Verdammt, ich muss mit dir reden – irgendwo, wo wir allein sind!“

Er packte sie beim Ellenbogen, aber sie riss sich augenblicklich wieder los. „Ich muss auch mit dir reden, aber nicht hier. Und nicht heute!“

Er ließ sich nicht beirren. Mit langen Schritten ging er neben ihr her. „Aber ich werde reden. Jetzt! Hör mich an!“ Er zwang sie stehenzubleiben und sah ihr in die Augen. „Ich weiß nicht, was neulich in mich gefahren ist, Katie. Was du mir gesagt hast, hat mich so aufgebracht, dass ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte …“

Sie hielt sich die Ohren zu. „Bitte, nicht hier! Bitte, nicht hier!“

Er packte ihre Handgelenke. „Ich weiß, dass ich dich verletzt habe. Ich weiß, dass du keine Entschuldigung hören willst, aber ich entschuldige mich dennoch. Dafür, dass ich dir wehgetan habe. Es tut mir leid, wie es passiert ist, Katie. Ich wollte, es wäre anders gekommen. Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich es tun – und sei es nur, damit du mich nicht so ansiehst wie jetzt …“

Seine Entschuldigung war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. „Du möchtest die Nacht ungeschehen machen?“ Sie konnte die aufsteigende Hysterie nicht unterdrücken. Wie wollte er das Kind ungeschehen machen? Dieser Vollidiot! „Du bist wirklich das Letzte, weißt du das? Das Allerletzte! Ich kann nicht glauben, dass ich es überhaupt zugelassen habe, dass du …“

„Verdammt, ich wollte nicht, dass es so kommt, Kay. Aber du lässt mir keine Wahl!“

Ohne viel Federlesens hob er sie hoch und ging durch den Garten zum Haus.

„Was zum Teufel …“ Die Schleppe entglitt ihr Zentimeter für Zentimeter und zog eine lange Spur hinter ihnen her. Kate versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, aber vergebens. „Hör auf, Garrett! Lass mich runter! Was tust du?“

Er stieß die Haustür auf und trug Kate die Treppe hinauf. Gegen seine Kraft hatte sie keine Chance. „Ich tue, was ich schon vor langer Zeit hätte tun sollen …“

1. KAPITEL

Zwei Monate zuvor …

Es war die Hölle!

Die Villa der Familie Gage war blumengeschmückt und hell erleuchtet. Laute Musik war zu hören. Ganz San Antonio schien sich hier bei gutem Wein und viel Gelächter zu amüsieren. Aber Kate hatte vor einer Stunde ihre ganz persönliche Hölle erlebt. Dieser Abend war ein Albtraum für sie. Der reinste Albtraum.

Bedrückt beobachtete sie das attraktive Paar in der Nähe.

„Garrett …“ Die sinnliche Blondine sah den großen dunklen Mann an ihrer Seite anbetend an. „Du bist wie Wein – du wirst mit dem Alter immer besser.“

Garrett Gage, der attraktivste Mann auf dem Planeten – und gleichzeitig der Teufel in Kates Hölle –, beugte sich zu der Frau hinab und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Kate seufzte stumm. Wie oft hatte sie davon geträumt, Garrett würde sie einmal so ansehen? Würde sie wie eine Frau behandeln statt wie ein Kind.

Garrett trug einen schwarzen Anzug, dazu eine blutrote Krawatte. Das dunkle Haar hatte er zurückgekämmt, sodass seine markanten Züge klar hervortraten. Er war groß und schlank – mit jedem Zoll der imposante Medienzar, zu dem er sich im Laufe der letzten Jahre entwickelt hatte. Ein Blick von ihm genügte bei Kate, um das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch auszulösen. Er konnte den Puls jeder Frau rasen lassen. Konnte sie dazu bringen, alles zu tun für die Chance, die Frau an seiner Seite zu sein.

Jahrelang war Kate überzeugt gewesen, für ihn zu kochen und sein Lob für ihre Kreationen zu hören, sei genug. Wahrscheinlich fast so gut wie Sex mit ihm. Aber jetzt verletzte es sie, für einen Mann zu kochen und zu backen, der sie gar nicht weiter wahrzunehmen schien. Er liebte ihre Croissants, aber er begriff nicht, dass sie noch mehr zu bieten hatte.

Einer ihrer Ober war an diesem Abend ausgefallen, sonst hätte Kate die Party vielleicht nutzen können, um ihr neues Kleid derart schwungvoll vorzuführen, dass Garrett sie endlich bemerkt hätte. Aber mit dem Tablett auf ihrer Schulter nahm niemand ihr Kleid aus glänzendem Satin wahr. Sie gehörte automatisch zur Bedienung, nicht mehr und nicht weniger.

„Darling, bringen Sie doch noch einmal die leckeren Garnelenspießchen mit der Ananasspitze“, bat eine Frau, während sie sich ein Häppchen mit Krabben auf Spinat vom Tablett nahm.

„Garnelenspießchen“, bestätigte Kate. „Kommt sofort.“

Dankbar für die Ablenkung begab sie sich in die Küche und belud ihr Tablett neu. Normalerweise erfüllte es sie mit einem Gefühl tiefer Befriedigung, ihre Mitarbeiter in der Küche herumwuseln und immer neue Leckereien hinaustragen zu sehen. Aber an diesem Abend war sie mit ihren Gedanken nicht bei der Sache. Noch acht Wochen, Kate. Nur noch zwei Monate. Und dann musst du ihn nie wieder mit einer anderen Frau sehen.

Während sie das Tablett ins Wohnzimmer trug, musste sie daran denken, dass sie hier viele gute Erinnerungen zurückließ. An das Haus und an diese Familie, die sie wie ein eigenes Kind aufgenommen hatte. Sie war hier so glücklich gewesen. Nie war es ihr in den Sinn gekommen fortzugehen, bis ihre Gefühle für Garrett so … so anders geworden waren. So schmerzhaft. Nach Florida zu gehen war das Beste. Für sie. Um Abstand zu gewinnen zu diesem … Idioten!

„Mutter sagt, du willst fort.“ Julian John ging neben ihr her, während sie einer großen Gruppe von Gästen auswich. Kate war so in ihre Gedanken versunken gewesen, dass seine leise Stimme sie zusammenfahren ließ.

Sie sah auf – direkt in die grünen Augen des jüngeren der Gage-Brüder. Er war ein attraktiver Mann mit einem hinreißenden Lächeln. Er war zurückhaltend und ruhig – außer bei Molly. In zwei Monaten wollte er Kates temperamentvolle kleine Schwester heiraten. Wenn Julian bereits von ihren Plänen wusste – wer wusste dann noch davon?

„Ich kann nicht glauben, dass sie es dir gesagt hat. Ich hatte sie gebeten, es für sich zu behalten.“

Julian nahm sich ein Garnelenspießchen vom Tablett und biss hinein. Wie alle Männer der Gage-Familie hatte er breite Schultern und einen markant geschnittenen Kopf. „So wie ich meine Mutter kenne, dachte sie wahrscheinlich, du wolltest nicht, dass die Presse es erfährt – und das schließt die Besitzer aus.“

Kate lächelte. Mrs. Garrett war auch mit siebzig noch höchst aktiv und eine Kraft, mit der zu rechnen war. Sie war die stolze Mutter dreier erfolgreicher Männer – und weder Landon noch Garrett oder Julian John konnten sie davon abhalten, zu tun und zu lassen, was sie für richtig hielt.

Sie glänzte an diesem Abend in einem eleganten dunkelroten Designerkleid. Der Eindruck wurde nur durch die schwarzen Hausschuhe geschmälert, die sie dazu trug. Bequemlichkeit ging ihr über alles. Es war ihr einerlei, was andere darüber dachten, und sie hatte Geld genug, dafür zu sorgen, dass alle anderen zumindest vorgaben, nur das Beste von ihr zu denken.

Sie war immer so etwas wie eine Mutter gewesen für Kate, deren leibliche Mutter früh gestorben war. Kate war sieben gewesen, als sie zusammen mit Molly und ihrem Vater zu den Gages gekommen war. Ihr Vater hatte als Bodyguard für die Familie gearbeitet. Er war kurze Zeit später umgekommen, aber Kate und Molly waren geblieben. Das Haus der Gages war zu ihrem Zuhause geworden.

„Können Molly und ich nichts tun, um dich umzustimmen?“, fragte Julian, während sein Blick Molly suchte.

Kate hätte dahinschmelzen können, wenn sie sah, mit welchem Ausdruck von Stolz und Liebe er ihre Schwester ansah.

Genau das erhoffte sie sich auch für ihre eigene Zukunft.

Eine eigene Familie.

Eben deswegen musste sie jetzt gehen. Musste andere Menschen kennenlernen und einen Mann finden, der sie so liebte wie sie ihn.

„Ich muss es tun, Julian“, erklärte sie, während sie einer Gruppe von Gästen das Tablett hinhielt und zusah, wie ihre Garnelenspießchen rasch verschwanden.

Sie musste fort, bevor sie gezwungen war, mitanzusehen, wie der Mann, den sie liebte, eine andere heiratete und mit ihr eine Familie gründete. Bevor sie Tante Kate wurde für Kinder, die sie gern selbst gehabt hätte.

„Aber sag Garrett bitte noch nichts davon, okay? Ich will nicht, dass er sich schon jetzt auf mich stürzt …“

„Himmel, wer will das schon? Natürlich sage ich ihm nichts.“

Verstohlen warf Kate einen Blick zu dem Mann hinüber, von dem die Rede gewesen war. Die Blondine an seiner Seite hing immer noch hingebungsvoll an seinen Lippen.

Die Frau hatte irgendwie geschäftlich mit ihm zu tun. Sie genoss es sichtlich, die Männer um den Finger zu wickeln. Kate kannte sie nicht, aber auch so wusste sie, dass sie sie nicht ausstehen konnte.

In diesem Moment ließ Garrett den Blick durch den Raum schweifen. Suchte und fand Kate. Verweilte bei ihr. Ihr Herz machte einen Satz, als sein Blick über ihr Kleid zu gleiten schien – der erste Mann an diesem Abend, der es wahrnahm – und sich dann wieder hob. Ihre Blicke trafen sich.

Plötzlich veränderte sich sein Ausdruck. Wurde beinahe …

Nein, das bildete sie sich nur ein.

Was auch immer sich für Gefühle in seinem Blick gezeigt haben mochten, sie waren rasch wieder verschwunden. Er hob sein Weinglas zu einem angedeuteten Toast. Begleitet von einem Lächeln, das so etwas wie eine Sonne in ihr aufgehen ließ. Auch wenn es nur kurz war.

Dieses Lächeln war nichts verglichen mit dem, das er gleich darauf seiner Begleiterin schenkte. Seine weißen Zähne blitzten, und Kate ahnte, dass die arme Frau keine Chance hatte, sich gegen diesen Charme zu wehren. Wenn sie es denn überhaupt wollte.

Warum hatte er dieses Lächeln nicht auch für sie, Kate?

Garrett war immer für sie da gewesen, solange sie denken konnte. Ein fester Bestandteil ihres Lebens. Stabil und zuverlässig. Ihr Vater war für ihn gestorben. Und Garrett nahm das Versprechen, das er ihrem sterbenden Vater gegeben hatte, sehr ernst.

Er beschützte Kate vor Regen und Hagel, vor Schnee und Hitze, vor den Krallen kleiner Katzen ebenso wie vor bellenden Hunden. Er schützte sie sogar vor dem Bankrott, indem er dafür sorgte, dass seine Familie immer wieder Anlässe hatte, ihre kleine Catering-Firma zu engagieren. Aber Kate wollte keinen zweiten Vater.

Sie hatte einen sehr guten Vater gehabt und hatte ihn verloren.

Garrett konnte ihn nicht ersetzen. Niemand konnte das.

„Er wird nicht erfreut sein, wenn er es erfährt, Kate“, warnte Julian.

Kate nickte schweigend und beobachtete dabei, wie Garretts Mutter sich ihrem Sohn näherte. Sie schien ihm etwas zu sagen, das ihm nicht sonderlich gefiel. Er runzelte die Stirn.

Wenn sie diesen Kerl doch nur nicht so sehr lieben würde …

„In letzter Zeit ist er selten über irgendetwas erfreut“, bemerkte Kate geistesabwesend. Sie musste daran denken, wie oft sie ihn bei Familienangelegenheiten dabei ertappt hatte, dass er sie mit gerunzelter Stirn finster musterte – ohne dass sie gewusst hätte, was sie sich hatte zuschulden lassen kommen. „Und ich möchte nicht, dass er mich zurückhält.“

Es war der Job ihres Vaters gewesen, die Gages zu beschützen. Und das hatte er getan. Und nach seinem Tod hatte sich umgekehrt die Familie verpflichtet gefühlt, Kate und ihre Schwester zu beschützen.

Fast zwei Jahrzehntelang hatte sie ihr das Gefühl gegeben, geachtet und willkommen zu sein. Aber nachdem sie nun so lange so viel erhalten und so wenig zurückgegeben hatte, fühlte Kate sich der Familie gegenüber irgendwie verpflichtet. Sie wollte ihnen allen – und insbesondere Garrett – beweisen, dass sie jetzt eine unabhängige junge Frau war, die auf eigenen Beinen stehen konnte.

„Nachvollziehbar“, bemerkte Julian. „Also auf ins sonnige Florida!“

Er war immer der Umgänglichste von allen gewesen. Das war wahrscheinlich der Grund, wieso alle hier anwesenden Frauen – Kate vielleicht ausgenommen – ein wenig verliebt waren in Julian John.

Er nahm ihre Hand mit der Andeutung eines Kusses. Seine Augen blitzten. „Ich nehme an, wir werden ein Strandhaus gleich neben deinem kaufen.“

Kate musste lachen, wurde aber sofort wieder ernst. „Julian, du wirst für mich auf Molly aufpassen, nicht wahr?“

Ein warmes Lächeln erschien bei der Erwähnung seiner zukünftigen Frau auf seinem Gesicht. „Ach, Kate – du weißt doch, dass ich für mein Mädchen alles tun würde.“

Kates Lächeln sagte ihm auch ohne viele Worte, wie dankbar sie ihm war. Zu sehen, wie sich aus ihrer Freundschaft mit der Zeit eine tiefe Liebe entwickelt hatte, war schwer für Kate gewesen. Einerseits freute sie sich für ihre Schwester, andererseits hätte sie sich gewünscht …

Sie hätte sich gewünscht, Garrett würde sie nur ein einziges Mal so ansehen, wie Julian Molly ansah.

Aber Garrett schien irgendwie mit Blindheit geschlagen.

Blindheit in Bezug auf die Tatsache, dass das kleine Mädchen, das mit ihm zusammen aufgewachsen war, inzwischen eine junge Frau war.

Und Blindheit dafür, dass sie gern seine Frau gewesen wäre.

Und er war blind für die Tatsache, dass Kate Devaney jetzt nach Florida ging.

„Was soll das heißen – Kate geht nach Florida?“ Garrett sah seine Mutter entgeistert an. Die Frau an seiner Seite war völlig vergessen.

„Genau das, was ich gesagt habe. Die kleine Kate geht nach Florida. Und nein, wir können sie nicht umstimmen. Ich habe es bereits versucht. Ach, hallo!“, sagte sie zu der Blondine, die an Garretts Seite einen Schmollmund machte. „Was haben Sie gesagt – wie war doch gleich Ihr Name?“

„Cassandra Clarks.“

Garrett war zu abgelenkt, um auf das Gespräch zu achten, das sich zwischen den beiden Frauen entspann. Ein Gespräch, in dem es sicher über die vielversprechenden Möglichkeiten ging, die sich aus einer Verschmelzung von Clarks Communications und dem Gage-Konzern ergaben. Er entdeckte Kate am anderen Ende des Raums. Eine schreckliche Beklemmung befiel ihn. Sie wollte fort?

Als ihre Blicke sich trafen, wuchs seine Anspannung. Gott, sie sah so bezaubernd aus an diesem Abend. Jedem Mann musste bei ihrem Anblick heiß werden!

Und ihre Augen! Jedes Mal, wenn sie ihn mit diesen himmelblauen Augen ansah, durchfuhr ihn ein Schmerz – so als habe die Kugel damals nicht ihren Vater, sondern ihn, Garrett, getroffen. Nie würde er vergessen, dass er nur deswegen heute hier sein konnte, weil Kates Vater sich vor ihn gestellt und ihn damit gerettet hatte.

Er hatte versucht, es an ihr gutzumachen. Die ganze Familie hatte es versucht. Sie hatte eine solide Ausbildung erhalten. Hatte ein Dach über dem Kopf. Und jede nur denkbare Unterstützung, als sie sich mit ihrem Catering-Unternehmen selbstständig gemacht hatte. Aber in letzter Zeit schien Kate irgendwie traurig und unzufrieden. Garrett wusste einfach nicht, wie er ihr helfen sollte.

„Aber … aber das kann sie doch nicht machen!“, entfuhr es ihm.

Eleanor Gage unterbrach ihr Gespräch mit Cassandra für einen Moment. „Doch, das kann sie“, erklärte sie knapp.

„Aber was will sie denn dort? Ihr ganzes Leben ist doch hier!“

Seine Mutter warf ihm einen Blick zu, der deutlich besagte, er möge es nur nicht wagen, nach dem Grund zu fragen. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er runzelte die Stirn, als ihm klar wurde, dass eine Distanz zu Kate vielleicht auch gut war für ihn. Vielleicht konnte er dann endlich wieder richtig schlafen.

Aber nein. Zum Teufel, nein!

Er hatte ihrem Vater damals, in jener tragischen Nacht, ein Versprechen gegeben. Kate und ihre kleine Schwester Molly waren seinetwegen zu Waisen geworden. Sie würden immer hierhergehören, zu den Gages. Dies war ihr Zuhause, und Garrett hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um ihnen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein.

Molly würde jetzt seinen jüngeren Bruder heiraten. Aber Kate?

Garrett hatte schon immer eine Schwäche für sie gehabt. Er respektierte sie. Beschützte sie. Auch vor den Gefühlen, die er für sie hegte.

Sein ganzes Leben lang hatte er ignoriert, wie Kates Haar ihr in die Augen fiel. Die Art, wie sie seinen Namen immer in so einem ganz anderen Ton sprach als alles andere. Er hatte es ignoriert, wie sich alles in ihm zusammenzog, wenn sie davon sprach, ein Date zu haben. Und er hatte sich bemüht, der Versuchung zu widerstehen, alle Sommersprossen auf ihrem hübschen kleinen Näschen zu zählen.

Es war ihm nicht leichtgefallen, sich so zurückzuhalten. Aber er hatte sich dazu gezwungen, und genauso sollte es bleiben.

Kate war wie eine Schwester für ihn. Und die beste Freundin. Auch wenn sie in Wirklichkeit keines von beidem war …

Einerlei.

Er würde dennoch alles tun, um sie zu beschützen… und dazu gehörte, ihr klarzumachen, dass Florida keine gute Idee war. Überhaupt keine gute Idee.

Er packte seine Mutter beim Ellenbogen und zog sie dichter an sich, sodass Cassandra seine Worte nicht verstehen konnte. Aber die Blondine verstand den Wink und mischte sich unter die anderen Gäste, sodass Garrett ungestört mit seiner Mutter reden konnte. „Wann will sie fort?“

„Am Tag nach der Hochzeit.“

„Also noch acht Wochen?“ Seine Gedanken begannen auf Hochtouren zu laufen. „Dann ist ja noch Zeit genug, sie umzustimmen.“

„Darling …“ Seine Mutter legte ihm eine Hand auf die Brust. „Du würdest mich zur glücklichsten Frau der Welt machen, wenn dir das gelänge. Ich möchte Katie nirgends sonst wissen als hier bei uns.“

Garrett knurrte etwas Unverständliches und nahm sich ein Glas Wein von einem Tablett, das soeben vorbeigetragen wurde. Er hätte es fast in einem Zug geleert. Verdrossen fragte er sich, womit er eine derart halsstarrige kleine Person wie Kate dazu bewegen sollte, einen einmal gefassten Plan aufzugeben.

Andererseits: jede Auseinandersetzung mit Kate war eine prickelnde Herausforderung.

Manchmal war das in der Vergangenheit die einzige Möglichkeit für ihn gewesen, seinen Frust abzubauen.

Frust, der im Moment sekündlich zu wachsen schien, als er zu Cassandra hinüberging, die sich mit zwei anderen Frauen unterhielt, die Garrett zwar kannte, deren Namen er aber vergessen hatte.

Er war daran interessiert, die Firma ihrer Familie zu übernehmen, um die Vormachtstellung des Gage-Medienkonzerns in Texas zu stärken, aber im Moment interessierte ihn nicht einmal das.

Kate wollte in acht Wochen aus seinem Leben verschwinden. Er würde alles tun, um das zu verhindern – und wenn es bedeutete, ihr zu Fuß bis nach Florida zu folgen und sie wie einen Sack Kartoffeln über der Schulter zurückzutragen.

Vielleicht war das sogar amüsanter, als jetzt mit ihr zu streiten …

„Mir ist etwas dazwischengekommen“, sagte er zu Cassandra, als sie ihn fragend ansah. „Ich fürchte, wir müssen unser Gespräch verschieben.“

Er begleitete seine Worte mit einem Lächeln und war erleichtert, in ihrem Blick keine Empörung oder Feindseligkeit zu sehen. Stattdessen sagte sie nur: „Wann kann ich dich wiedersehen?“

„Bald“, versprach er vage – und war in Gedanken bereits bei Kate.

2. KAPITEL

Er fand sie auf der Terrasse. Kate hatte sich leicht gegen das Geländer gelehnt und sah in den Garten hinaus. Ihr Kleid war im Rücken tief ausgeschnitten und zeigte verführerisch viel makellose Haut. Immer wieder hämmerte der Gedanke durch seinen Kopf: Sie will mich verlassen …

Sie war ihm an diesem Abend aus dem Weg gegangen. Jetzt wusste er, wieso.

Er ballte die Hände zu Fäusten, atmete einmal tief durch und betrat die Terrasse.

Eine warme Brise umfing ihn. Der Mond badete die Szene vor seinen Augen in silbriges Licht. Es war eine Nacht für Liebende. Eine Nacht für zärtliches Geflüster und süße Versprechen …

„Warum?“

Sie fuhr erschreckt herum. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, die Augen groß und leuchtend. „Sag nichts!“ Sie schüttelte resigniert den Kopf. „Deine Mutter hat es dir erzählt.“

„Wieso, Kate? Wieso bin ich immer der Letzte, der etwas erfährt?“

Einen Moment lang schien sie keine Antwort zu haben. Sie verlässt dich. Und sie will dir nicht sagen, wieso. Sie will dich nicht einmal ansehen.

Nervös spielte sie an ihrem winzigen Ohrring, während sie den Blick auf den Garten gerichtet hielt. „Ich … ähm … ich hatte vor, es dir zu sagen.“

„Wann? Von Florida aus?“ Er war sich nicht sicher, was überwog: der Schmerz über ihre Entscheidung? Zorn? Verwirrung?

„Okay, ja vielleicht“, gab sie zu. „Aber du warst in letzter Zeit so unausgeglichen, Garrett. Ich weiß im Moment nicht, wie ich mit dir umgehen soll. Ich habe einfach zu viel zu bedenken.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem zynischen Lächeln, während er sich neben ihr an das Geländer lehnte. Verstohlen betrachtete er sie von der Seite. Wie mochte ihr Haar von Nahem riechen? Nach Himbeeren im Sommer? Nach Pfirsich? Und wieso wollte er das überhaupt wissen? Und was meinte sie damit, dass er unausgeglichen war? „Du brauchst nicht mit mir umzugehen!“

Kates Blick enthielt die Andeutung eines amüsierten Lächelns. „Es war in letzter Zeit nicht leicht mit dir.“

„Nun komm schon – so schlimm wird es doch nicht gewesen sein!“

Ihre Blicke trafen sich, und unwillkürlich mussten beide lachen.

„Was hast du erwartet, Kate?“, fragte er schließlich. „Dass ich dich hier festbinde? Oder dass ich dein Flugticket stehle?“

„Die Tatsache, dass du überhaupt auf diese Ideen kommst, gibt mir doch sehr zu denken!“

„Dasselbe könnte ich umgekehrt sagen. Es gibt mir sehr zu denken, dass du fort willst. Du gehörst hierher.“

Sie wich seinem Blick aus. Sah weiter in den dunklen Garten, als sähe sie ihn das erste Mal. Garrett musterte sie verdrossen. Seine Gedanken rasten. Und plötzlich keimte ein Verdacht in ihm.

„Es geht um einen Mann, oder?“

„Wie bitte?“

„Du gibst doch nicht einfach so alles auf. Es muss einen Grund geben. Ist es ein Mann?“

„Spielt es eine Rolle?“ Sie hob trotzig das Kinn. „Ich gehe, Garrett. Nichts kann mich davon abhalten.“

Ihr Ton verriet ihm, dass er mit seiner Vermutung richtig lag.

Am liebsten hätte er diesen Kerl eigenhändig erwürgt!

Hastig vergrub er die Hände in den Hosentaschen und begann, auf der Terrasse auf und ab zu gehen. Dann blieb er wieder neben Kate stehen. „Wer wird dich beschützen?“

Sie zog die kleine Nase kraus. „Ich brauche niemanden mehr, der mich beschützt. Ich bin erwachsen – falls dir das noch nicht aufgefallen ist.“

Er erinnerte sich plötzlich daran, wie er seine Jacke über sie gehalten hatte, als sie vor einem plötzlichen Regenschauer ins Haus geflohen waren. Völlig durchnässt, aber lauthals lachend. Sie waren Teenager gewesen. Er schluckte. Nie wieder würde er eine solche Situation erleben. Nie wieder mit ihr lachen. Nie wieder lachen. Punkt.

„Ob erwachsen oder nicht – du musst immer wissen, dass jemand hinter dir steht“, knurrte er.

Sie sah zu Boden, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, Schmerz in ihrem Ausdruck zu erkennen. „Ich weiß, dass du hinter mir stehst“, sagte sie leise.

Sie klang so traurig, wie er sich fühlte. Plötzlich verspürte er das starke Bedürfnis, seine Faust in etwas zu schlagen.

Nichts in seinem Leben schien mehr zu stimmen.

Alles schien so sinnlos. Er war unruhig. Zornig. Zornig auf sich selbst.

Er stellte sie sich ganz allein in Florida vor. Mit niemandem, den sie kannte. Mit niemandem, der ihr helfen würde. Wie viele Männer in Florida mochte es geben, die nur auf eine Frau wie sie warteten, um sie auszunutzen und sie dann fallenzulassen? Er musste es noch einmal versuchen. „Was ist mit Molly? Ihr steht euch sehr nah.“

„Und daran wird sich nichts ändern. Aber Molly hat jetzt Julian. Und sie hat versprochen, mich zu besuchen. So, wie ich sie besuchen werde.“

„Und was ist mit deinem Catering-Business?“

„Was soll damit sein?“

„Es hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt. Du hast dich dafür wirklich krumm gelegt, Kate.“

Sie zuckte betont gleichmütig die Schultern, so als sei es das Natürlichste der Welt, alle Brücken hinter sich abzubrechen und woanders wieder bei null anzufangen. So als könne sie es nicht erwarten, die Gages hinter sich zu lassen. „Beth ist jetzt meine Partnerin. Sie kommt sehr gut ohne mich klar. Wir stellen noch ein paar weitere Kräfte ein, und dann kann ich eine neue Filiale in Miami eröffnen.“

Er biss die Zähne zusammen. Sie schien auf alles eine Antwort zu haben. Wie um alles in der Welt sollte er sie umstimmen?

Ihr Blick ließ das gewohnte Lächeln vermissen, als sie ihn fragend ansah. „Ist das alles? Das sind deine einzigen Argumente dafür, dass ich bleiben sollte?“

Ihre Lippen … Sie wirkten heute Abend voller. Weicher. Er hätte gern seine Finger darübergleiten lassen, um den Lippenstift fortzuwischen. Wollte sie ganz natürlich sehen, so wie er es seit Jahren gewohnt war. Ohne Make-up. Mit ihren sieben Sommersprossen auf der Nase. Und …

Verdammt!

Er spürte seine Erregung wachsen.

Aber Kate … Sie weckte stets den Beschützer in ihm. Es war wirklich nicht lustig. Ihr Lächeln, ihre Persönlichkeit, ihre ganze Art – all das würde er vermissen. Aber mit etwas Glück konnte er sie ja noch umstimmen.

„Was kann ich tun, um deinen Entschluss zu ändern?“ Die Frage richtete er mehr an sich selbst als an Kate.

„Ehrlich gesagt: nichts. Meine Entscheidung ist gefallen.“

Er bemerkte das Tablett mit den Weingläsern, das sie auf einem Tisch abgestellt hatte. Offensichtlich machte sie hier nur eine Pause bei ihrer Runde. Er reichte ihr ein Glas und nahm sich selbst eines.

„Darauf, dass du deine Meinung änderst!“ Er trank ihr zu. Er würde herausfinden, wovor sie davonlief, und dann würde er dieses Problem beseitigen. Kurz und schmerzlos. So einfach konnte das Leben sein.

Kate lachte. Der Klang war wie Balsam für ihn, auch wenn sie das angebotene Glas ausschlug. „Ich trinke nicht während der Arbeit.“

„Ich hätte schon vor sieben Gläsern aufhören sollen“, bekannte er. „Aber ich bin immer noch fit. Trink mit mir, Freckles.“

Freckles – Sommersprossen. So hatte er sie schon als Kind immer genannt, wenn er sie necken wollte.

Sie lächelte. „Du hast heute Geburtstag. Da darfst du ruhig ein Glas – oder mehr – genießen.“

„Komm schon – trink mit mir. Ich entlasse dich aus deinen Verpflichtungen.“ Er drückte ihr das Glas erneut in die Hand und war erleichtert, als sie es jetzt annahm. Irgendwie hatte er das Gefühl, wieder Oberwasser zu bekommen. „Wir trinken darauf, dass ich dich dazu bringe, deinen Entschluss zu ändern“, wiederholte er.

Kates Augen blitzten. „Auf mein neues Leben in Florida!“

Sie stießen an.

Das Spiel lief.

So wie damals als Kinder, als sie Schiffe-Versenken gespielt hatten. Verdammt, er würde ihr Florida-Schiff auf den Grund des Ozeans versenken.

Kate betrachtete ihn schweigend. Auch sie schien sich so ihre Gedanken zu machen. Und schien zu ahnen, was er vorhatte.

Denk, was du willst, Freckles. Du wirst nicht fortgehen!

„Ich gebe nicht eher auf, als bis ich dich überzeugt habe, Kate. Das weißt du, oder?“

Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Siehst du? Und du wolltest wissen, wieso ich dir nichts gesagt habe! Dies ist kein Spiel, Garrett. Ich muss packen und Pläne machen. Außerdem muss die Hochzeit vorbereitet werden, damit ich gleich anschließend fort kann.“

„In der Angelegenheit ist das letzte Wort noch nicht gefallen.“ Er leerte sein Glas und nahm sich ein neues. Während sein Blick durch den Garten glitt, registrierte er, dass der Alkohol ihm zuzusetzen begann. Das änderte nichts an seiner Entschlossenheit.

Er konnte sich einfach kein Leben ohne Kate vorstellen.

Bei jeder Familienfeier – überhaupt bei jedem Familienessen war sie da. Jeden Morgen genoss er im Büro ihre herrlichen Croissants. In seinen Gedanken, in den tiefsten Tiefen seiner Seele war sie jede Sekunde des Tages bei ihm …

„Bleibst du über Nacht hier?“

Sie nickte. „Deine Mutter sagte, ich könnte mein altes Zimmer haben. Sie möchte nicht, dass ich so spät noch fahre. Du weißt ja …“

Ja, ich weiß, was mit unseren Vätern passiert ist! dachte er. Sie waren mit Garrett zu einem Rock-Konzert gefahren.

Und keiner von ihnen war zurückgekehrt.

Die Erinnerung drehte ihm förmlich den Magen um.

Er wollte über Florida sprechen. Wollte ihr das Versprechen abringen, zu bleiben. Wollte das alles hier und jetzt regeln. Aber er hatte nicht das Gefühl, noch Herr der Situation zu sein. Er hatte bereits das zweite Glas geleert – was für den Abend betrachtet das Dutzend wohl voll machte. Vielleicht sollte er dieses Gespräch doch besser verschieben.

Er stellte das leere Glas zurück auf das Tablett. „Okay, Kate. Schlaf gut. Wir sehen uns dann morgen früh.“

„Garrett.“ Ihre Stimme hielt ihn zurück. Er sah sie fragend an. Las Bedauern in ihrem Blick – und fürchtete, sie könne die Qual in seinem erkennen. Bedrückt schüttelte sie den Kopf. „Alles Gute zum Geburtstag.“

„Du weißt, was ich mir von dir wünsche, oder?“ Er sprach so leise, dass sie es wahrscheinlich gar nicht richtig hörte.

Einen Moment lang hielten ihre Blicke Kontakt. Der Wind spielte mit dem Saum ihres Kleides und löste einzelne Strähnen aus ihrer Frisur. Garrett verspürte den fast unwiderstehlichen Drang, eine Haarsträhne wieder hinter ihr Ohr zu schieben. Den Stoff ihres Kleides unter seinen Händen zu spüren …

„Was?“ Sie musste sich räuspern, bevor die Stimme ihr wieder gehorchte. „Was wünschst du dir von mir zum Geburtstag?“

Die Luft zwischen ihnen schien zu knistern vor Spannung. Garrett hätte am liebsten nur ein einziges Wort gesagt. Und dieses Wort hätte ihrer beider Leben unwiderruflich verändert. Aber er zwang sich, auch den Rest zu sagen.

„Dich“, sagte er leise und beobachtete dabei, wie sie sich leicht mit der Zungenspitze über die Lippen fuhr. „Ich möchte dich hier haben. An meinem nächsten Geburtstag. Und an jedem Tag des Jahres bis dahin. Mehr nicht, Kate.“

Dich …

Kate ließ ihren Blick melancholisch durch ihr altes Zimmer gleiten. Alles war noch so, wie sie es aus ihren Kindertagen kannte. Sie mochte nicht daran denken, dass dies das letzte Mal war, dass sie im Zimmer neben Garretts schlief. Oder dass dies der letzte Geburtstag war, den sie mit ihm gefeiert hatte. In Florida würde sie einen anderen Mann kennenlernen und mit ihm eine Familie gründen.

Sie war gerade sieben gewesen, als sie ihren Vater begraben hatte. In dem Moment hatte sie plötzlich mit der Reife einer Erwachsenen gespürt, dass mit dem Sarg auch ihre Chance dahinging, geliebt zu werden. Zu jemandem zu gehören.

Sie hatte Garrett nie einen Vorwurf gemacht, zumindest anfangs nicht.

Man hatte ihr nicht gleich gesagt, was geschehen war. Sie wusste nur, dass zwei Männer getötet worden waren und dass die Mörder ihr Leben hinter Gittern verbringen würden. Das schien eine leichte Strafe verglichen damit, wie ihr Vater und Garretts ihr Leben verloren hatten. Garrett und seine Brüder hatten um ihren Vater getrauert und Kate und Molly um ihren.

Aber dann hatte Kate ein Gespräch mitgehört, das Garretts Mutter mit der Polizei führte. Und Kate hatte herausgefunden, was wirklich passiert war. Sie hatte das Gefühl, hintergangen worden zu sein. Am meistens schmerzte sie Garretts Verrat. Oder zumindest das, was sie als Verrat empfand.

Sie hatte immer eine Schwäche für den dunkelhaarigen Jungen gehabt. Nun hatte sie das Gefühl, dass sie ihm nicht genug bedeutete, um ihr die Wahrheit zu sagen. Dass ihr Vater nicht gestorben war, um seinen Vater zu retten, sondern ihn, Garrett. Eines Tages war sie auf ihn zugestürzt und hatte ihm gesagt, er solle sich schämen. Wie könne er einfach so dastehen und so tun, als sei nichts geschehen, wenn es alles seine Schuld gewesen sei! Ihr Vater war gestorben, um Garrett vor den Schüssen zu schützen. Und das nur, weil Garrett sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte. Sie war wütend auf alle gewesen, weil ihr niemand die Wahrheit gesagte hatte. Aber besonders zornig war sie auf Garrett.

Die Worte hatten ihr augenblicklich leid getan, als sie sah, wie sich sein Hals rötete und seine zu Fäusten geballten Hände an seinen Seiten zitterten. Alles Licht war aus seinem Blick gewichen, so als habe sie ihm soeben den finalen Schlag versetzt, den er gebraucht hatte, um den beiden Männern unter die Erde zu folgen.

Die Todessehnsucht, die der Junge anschließend entwickelte, versetzte seine Familie derart in Panik, dass Garretts Mutter Kate schließlich bat, mit ihm zu reden. Voller Gewissensbisse war Kate zu ihm gegangen und hatte sich entschuldigt. Ihr war klar geworden, dass ihr Vater nicht nur Garrett, sondern auch jeden anderen geschützt hätte. So schwer es ihr fiel, so musste sie doch zugeben, dass ihr Vater nur seinen Job gemacht hatte, und er hatte ihn gut gemacht. Er war ein Held. Ihr Held. Und nun war er nicht mehr da.

Garrett hatte ihr ernst zugehört und lange Zeit nichts gesagt. Kate spürte Angst in sich aufsteigen. Hatte sie nun auch noch Garrett verloren? Konnten sie nie mehr Freunde sein? Konnten sie mit diesem Verlust, mit diesen Schuldgefühlen leben?

„Ich wollte, die Kugel hätte mich getroffen und nicht deinen Vater.“

„Nein! Nein!“ Sie hasste sich plötzlich dafür, solche Gedanken in ihm ausgelöst zu haben. Warum hatte sie ihre Gefühle nicht besser im Griff gehabt? Hätte sie vielleicht nur jemanden gebraucht, der Molly und sie in den Arm genommen und ihr versichert hätte, alles werde gut? Auch wenn das eine Lüge gewesen wäre – es hätte in dem Moment vielleicht geholfen.

Aber Garrett hatte einen kleinen Zweig beiseitegeworfen und ihre Hand angesehen, so als wolle er sie halten. Sie war sich nicht sicher gewesen, ob sie das wollte, aber als er es dann tat und ihre Hand in seine nahm, hatte sie das Gefühl, von einem Blitz getroffen worden zu sein.

„Ich werde jetzt dein Held sein“, versicherte er ihr.

Und das wurde er.

Er wurde ihr Beschützer – vor allem und jedem. Und er wurde nicht nur ihr Held – er wurde der einzige Mann, den sie je begehrte.

Er spürte, dass Kate irgendwo im Haus war.

Natürlich würde seine Mutter nicht zulassen, dass sie so spät noch nach Hause fuhr. Garrett hatte inzwischen auch sein eigenes Apartment, aber er hatte von vornherein geplant, die Nacht in seinem alten Zimmer hier im Haus seiner Eltern zu verbringen, um entspannt ein Glas Wein trinken zu können, ohne hinterher noch fahren zu müssen. Und nun hatte er in der Tat etwas zu viel getrunken, aber er spürte es kaum.

Die Nachricht von Kates Plänen hatte ihn jäh ernüchtert.

Er lag in seinem alten Bett und litt. Die Wirkung des Weins war zu gering, um seine Gedanken zu betäuben. Er konnte nicht aufhören, an Kate zu denken.

Er hätte ebenso gut wieder achtzehn sein können, wie er da so an die Decke starrte und nicht schlafen konnte bei der Vorstellung, dass sie nebenan schlief. Außer, dass Molly jetzt nicht mehr mit in ihrem Zimmer schlief und Kate kein Teenager mehr war. Ebenso wenig wie Garrett.

Mit der lebhaften Fantasie eines Mannes sah er ihr rotes Haar vor sich, wie es über dem weißen Kissen ausgebreitet war. Allein der Gedanke an sie im Bett ließ seine Anspannung wachsen.

Ihm wurde schwer zu Mute, während er mit den Gefühlen von Schuld und Einsamkeit rang, die jeder Gedanke an sie stets auslöste.

Garrett hatte auch der kleinen Molly den Vater genommen. Aber Molly hatte ihn nie vorwurfsvoll angesehen. Sie hatte ihn nicht angesehen, als wolle sie etwas von ihm – so wie Kate.

Manchmal, wenn er zu viel getrunken hatte und ins Grübeln geriet, fragte er sich, wie alles gekommen wäre, wenn jene Nacht nicht mit dem Tod ihrer Väter geendet hätte. Er wäre vielleicht glücklicher gewesen, so wie sein jüngerer Bruder. Er hätte warten können, bis Kate das richtige Alter hatte, und wenn er dann irgendwelche Anzeichen dafür entdeckt hätte, dass sie besondere Gefühle für ihn hegte, hätte er diese Gefühle bei sich ebenfalls zulassen können. Aber es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken. Es war eine sinnlose Qual. Jene Nacht war nun einmal passiert, und Garretts Erinnerung daran war so klar, als sei es gerade erst vierundzwanzig Stunden her.

Er erinnerte sich noch genau daran, wie die Schüsse ganz in seiner Nähe gefallen waren. Er erinnerte sich an die Hand seines Vaters an seinem Arm, als er mit ihm zum Eingang der Konzerthalle gegangen war. Und plötzlich war er zusammengezuckt und seine Hand war verschwunden. Sein Vater war zu Boden gesunken.

„Dad?“ Garrett brauchte einen Moment, um zu begreifen, was geschehen war. Augenblicklich stieß Dave Devaney ihn beiseite.

„Lauf!“, brüllte er und griff nach der Waffe, die er immer bei sich trug. Aber Garrett hörte seinen Vater um Luft ringen. Sah, wie er sich die Hand an die Brust drückte. Sah das Blut, das durch seine Finger rann.

Garrett erwachte aus seiner Erstarrung. Und statt sich in Sicherheit zu bringen, rannte er zu seinem Vater. Er wusste selbst nicht, was er tun wollte. Er wusste nur, dass sein Vater Hilfe brauchte. Sah die Angst in seinen Augen. Dieselbe Angst, die auch Garrett spürte.

Er bückte sich. Griff nach dem Arm seines Vaters. Versuchte, ihn beiseitezuziehen. Dann hörte er Devaney brüllen: „Nein, Junge! Verdammt, nein!“ Ein halbes Dutzend weiterer Schüsse peitschte durch die Luft. Garrett wurde von dem Gewicht eines Mannes zu Boden gedrückt.

Er versuchte, sich zu befreien. Spürte etwas Heißes, Klebriges an Brust und Rücken, während er sich gegen den Mann über ihm stemmte. Es war sehr schwer, weil er gerade erst zehn war und Dave Devaney ein großer, kräftiger Mann. Sein Vater keuchte ein letztes Mal unter ihm, und als Garrett den Kopf wandte, sah er, dass Jonathan Gage nicht mehr lebte.

Garrett war wie erstarrt. Hörte die Sirenen der Polizei in der Ferne. Hörte Schritte und Stimmen in der Nähe.

Plötzlich hörte er, wie Dave seinen Namen sagte und beiseiterollte, um ihn, Garrett, von seinem Gewicht zu befreien. In diesem Moment begriff Garrett, dass der Mann sich schützend vor ihn gestellt hatte. Vor ihn, der nicht gelaufen war, als er es ihm befohlen hatte.

Der Mann hatte die Hand gehoben, um ihm beruhigend über das Kinn zu fahren, und Garrett hatte seine Hand ergriffen und versucht, sie zu drücken. Er hatte am ganzen Körper gezittert. Er fühlte sich klebrig an und erschreckend kalt. „Meine Töchter … Sie haben niemanden außer mich. Verstehst du, Junge?“

Garrett nickte.

Der Mann rang nach Atem. Versuchte zu sprechen. Sein Blick enthielt den Ausdruck der Verzweiflung, den Garrett auch an seinem Vater gesehen hatte. Nur dass sein Blick auch noch ein Flehen enthielt. Eine Bitte an Garrett. „Hilf mir… Sei da … für sie …“

Und Garrett nickte wieder.

„… damit sie nicht allein sind … und sicher … Sag ihnen, dass ich … sie liebe …“

Garretts Gesicht war feucht von Tränen. Seine Augen brannten, als er versuchte, dem sterbenden Mann sein Versprechen zu geben. Seine Brust schmerzte so sehr, dass er glaubte, auch einen Schuss abbekommen zu haben. „Ja, Sir“, sagte er leise und mit dem Nachdruck eines Zehnjährigen, der plötzlich erwachsen geworden ist. „Ich werde mich um beide kümmern.“

Aber wie sollte er sich fortan um Kate kümmern, wenn sie so weit fort war?

Kate wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als die Tür ihres Schlafzimmers plötzlich aufflog. Sie fuhr auf. Das Herz hämmerte ihr in der Brust. Ein riesiger Schatten stand im Türrahmen.

Garrett.

„Ich möchte nicht, dass du gehst.“

Sie sah ihn erschreckt an. Seine Stimme war nicht mehr ganz klar, und sie fragte sich, wie viele Drinks er nach ihrem Gespräch noch gehabt haben mochte.

Im Licht des Korridors erkannte sie, dass er immer noch seine dunkle Hose trug und das weiße Hemd. Der Krawattenknoten hatte sich gelöst. Das Haar war zerzaust, die Hemdsärmel aufgerollt. Er sah hinreißend aus. Männlich. Stark.

„Meine Entscheidung steht“, erklärte sie.

„Dann mach sie rückgängig.“

Er schloss die Tür hinter sich und kam im Dunkeln auf sie zu. Ihr Puls raste.

„Das kann ich nicht.“ Die Stimme gehorchte ihr nur mit Mühe. Offenbar hatten die vergangene schlaflose Nacht und die Anstrengungen des Tages sie mehr geschwächt, als ihr bewusst gewesen war. „Ich kann hier nicht bleiben.“

„Warum nicht?“

„Weil ich unglücklich bin, Garrett. Ich habe alles, was ich immer haben wollte, und dennoch … Ich verdiene mein eigenes Geld, ich habe tolle Freunde und Molly, und ich habe dich und deine Familie – und dennoch bin ich unglücklich.“

Die Matratze ächzte, als er sich setzte. Kate spürte, wie er die Hand nach ihr ausstreckte. „Warum bist du unglücklich?“, wollte er wissen. Er fand ihren Schenkel und drückte ihn leicht. Ihre innere Anspannung wuchs.

Sie konnte sich nicht erinnern, je allein mit ihm in einem dunklen Zimmer gewesen zu sein. Außer vielleicht vor vielen Jahren, als er krank gewesen war und sie Eleanor geholfen hatte, ihn zu pflegen und ihn mit Suppe zu füttern. Aber jetzt war sie nicht länger ein Kind. Ihr Körper reagierte auf ihn wie der Körper einer Frau. Das Blut pulsierte heiß durch ihre Adern, und es schien, als passe sie sich den Kissen unter ihr an. Wurde leicht. Ganz weich.

„Warum bist du unglücklich?“, murmelte er. Sie spürte, wie er sich näher schob. Er fand ihre Schulter. Seine Hand berührte ihr Gesicht. Sie schloss die Augen, als seine Lippen ihr Ohr berührten. „Sag mir, was dich unglücklich macht, und ich werde alles wieder gut machen.“

Er roch nach Alkohol. Und nach seinem ganz eigenen Duft.

Sie schüttelte den Kopf über seinen unmöglichen Vorschlag, fast amüsiert, aber nicht ganz. Eher irritiert. Von seiner Nähe. Von seinen Berührungen.

Als sie ihren Entschluss gefasst hatte, fortzugehen, hatte sie sich geschworen, diesen Mann zu vergessen. Und nun sehnte sie sich nach nichts mehr als danach, sein Haar zu berühren und seine Lippen auf ihren zu spüren. Sie konnte ihn in der Dunkelheit nicht sehen, aber sie kannte sein Gesicht auch so. Seine dunklen Augenbrauen. Die geschwungenen langen Wimpern. Die dunklen Augen, die von Nahem braun waren, von Weitem aber schwarz wirkten.

Sie sah im Geiste seine Züge vor sich – die hohe Stirn. Die markant geschnittenen Wangenknochen. Das eckige Kinn. Die perfekt geformten Lippen. Sie mochte sein Gesicht nie mit Händen berührt haben, aber sie hatte ihren Blick so oft darüber gleiten lassen wie über nichts anderes auf der Welt.

„Du kannst es nicht gut machen. Du bist nicht Gott“, flüsterte sie traurig. Ihr Hals war wie zugeschnürt.

„Du hast recht. Ich bin ein Teufel.“ Er nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände und ließ den Daumen über ihre vollen Lippen gleiten. „Warum hast du heute Abend Lippenstift aufgelegt? Du bist hübscher ohne.“

Ihr stockte der Atem, als sie begriff, dass er ihre Lippen berührte, als wolle er sie gleich küssen. Er hatte sie hübsch genannt. Wann hatte er das je getan? Vor Ewigkeiten war es ihm einmal – wohl unbedacht – herausgerutscht. Aber es war Jahre her, seit er ihr ein Kompliment gemacht hatte. Oder sie berührt hatte.

Und nun tat er beides.

Und plötzlich bewegte sich nur noch sein Daumen auf ihren Lippen. Erfüllte sie mit einem nie gekannten Sehnen. Sie musste ein Stöhnen unterdrücken.

„Du hast recht, von hier fort zu wollen, Kate.“ Er senkte den Kopf zu ihr. Er roch so gut. Strömte eine solche Wärme aus. Eine solche Kraft. „Du solltest dich beeilen … rennen …“

Es kostete sie eine schier übermenschliche Willenskraft, ihn von sich zu schieben. „Du bist betrunken, Garrett. Bitte, geh!“

Der Griff seiner Hände verstärkte sich. Seine Stimme wurde rau. „Kate, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke, was ich dir genommen habe …“

„Wir können morgen über alles sprechen, Garrett.“

„Es gibt nichts mehr zu besprechen. Du bleibst hier. Hier, Kate – wo ich mich um dich kümmern kann und dafür sorgen, dass du sicher bist. Okay, Freckles?“

„Sogar wenn ich dabei unglücklich bin?“

Er ließ seine Hände zu ihren Schultern herabgleiten und drückte sie. „Sag mir doch, was dich unglücklich macht, Kate. Ich mache alles wieder gut.“

Kate wollte ihn von sich schieben. Musste ihn von sich schieben. Er war betrunken, und sie hatte nicht die Kraft, sich jetzt mit ihm auseinanderzusetzen. Nicht in diesem Zustand. Aber als sie ihre Hände flach gegen seine Brust legte, blieben sie dort. Sie fühlte seine harten Muskeln durch den Stoff des Hemdes. Spürte das Schlagen seines Herzens. Spürte, wie sie feucht wurde.

Als sie klein gewesen war, hatte sie sich nach ihm gesehnt, weil er sie beschützte. Sie mochte ihn lieber als alle anderen Jungen, die sie kannte. Aber jetzt war sie älter, und ein anderes Sehnen hatte sie ergriffen. Ihre Brustwarzen wurden hart.

„Tust du mir einen Gefallen, Kate?“

Seine Worte wurden immer undeutlicher. Jede Pore ihres Körpers schien die federleichte Berührung seiner Finger auf ihrem Gesicht wahrzunehmen. Ein Schauer prickelnder Erregung überlief sie.

„Bleib bei uns“, flüsterte er. „Meine Mutter liebt dich. Beth liebt dich und ihr Sohn auch.“ Er schien um Worte zu ringen. „Und Molly. Molly liebt dich, Kate. Sie braucht dich. Julian, Landon – zum Teufel, einfach alle!“

Nur er nicht?

Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen oder ihn schlagen sollte, weil er sich selbst ausgenommen hatte. Aber hatte sie nicht schon immer gewusst, dass sie eine Belastung für ihn war? Eine Verantwortung. So war es immer gewesen. Sie zwang sich, die Hände von ihm zu lösen. „Garrett …“

„Was soll ich denn nur ohne deine Rosinenmuffins tun? Hmm, Kate? Das ist doch gar nicht auszudenken!“

„Ich möchte jetzt nicht darüber diskutieren, Garrett.“ Sie rieb sich die Schläfen.

„Okay, Katie.“

„Okay?“, wiederholte sie verblüfft.

Es sah Garrett so gar nicht ähnlich, so leicht aufzugeben. Sie spürte, wie er sich aufrichtete – um sich gleich darauf lang neben ihr auszustrecken.

Entsetzt hörte sie, wie er sich eines der beiden Kissen zurechtklopfte.

„Okay, Katie. Wir reden morgen früh darüber“, sagte er in seiner tiefen, vom Wein undeutlichen Stimme.

Sie spürte, wie er sich noch einmal bewegte, so als wolle er es sich bequemer machen.

„Du hast hoffentlich nicht die Absicht, die Nacht hier zu verbringen, oder?“, fragte sie entgeistert.

Er schien etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber.

„Garrett, du Vollpfosten – geh in dein eigenes Bett!“ Sie stieß ihn leicht in die Seite.

Er fing ihre Hand ein und drückte sie. „Entspann dich, kleine Hexe. Ich gehe zurück in mein Bett, wenn die Welt aufhört, sich um mich zu drehen. Komm her und halte mich!“ Er legte einen Arm um ihre Schulter und zog sie an sich. Kate ließ es verblüfft geschehen.

Minuten vergingen. Sie rührte sich nicht. War sich mit jeder Faser ihres Körpers seiner Nähe bewusst. Garrett war nicht der gefühlsbetonte Bruder, das war Julian. Im Gegenteil: er schien stets darauf bedacht, sie nicht zu berühren. Aber im Moment hatte er die Maske fallen lassen und schien sie nicht freigeben zu wollen.

Sie runzelte die Stirn, als er seinen Griff verstärkte und seine Finger unter ihr Haar schob. Er drückte ihr Gesicht an seine Brust.

„Garrett!“ Kate versuchte, ihn von sich zu schieben. Seine harten Muskeln gaben keinen Zentimeter nach.

Er atmete schwer. Oh, nein! Schlief er etwa?

„Garrett?“

Sie stöhnte auf, als keine Antwort kam. Sollte sie in sein Zimmer gehen und ihn hier liegen lassen? Unter gar keinen Umständen war auch nur daran zu denken, dass sie ihn in sein Bett bugsieren konnte. Dafür war er viel zu schwer.

Stöhnend begnügte sie sich damit, das Kissen als Wall zwischen ihnen zu benutzen. Sie schob seinen Arm von sich. Für einen Moment schien sie nicht in der Lage, ihre Finger von seiner Hand zu lösen. Schien sich unbewusst vergewissern zu wollen, dass er real war und kein Produkt ihrer Einbildung. Dann begriff sie, was sie da machte. Begriff, dass es albern war, und zog ihre Hand zurück.

Zum Teufel mit ihm!

Er würde alles Mögliche tun, um sie in Texas zu halten, das wusste sie.

Aber er würde ihr Florida nicht nehmen können.

Nein, ihr Leben hatte aufgehört, sich um Garrett Gage zu drehen, seit sie beschlossen hatte, dass sie ihn nicht mehr wollte. Und nun würde sie nicht zulassen, dass er ihre Pläne zunichtemachte.

3. KAPITEL

Montags morgens ging es in der Redaktion der San Antonio Daily noch hektischer zu als gewöhnlich.

Landon, der älteste Bruder der Gages, regte sich über grammatikalische Fehler auf, die es bis in den Druck geschafft hatten. Julian John, der jüngste, arbeitete nicht mehr fest in der Redaktion, seit er seine eigene PR-Firma gegründet hatte, aber gelegentlich kam er zu den einmal wöchentlich stattfindenden Redaktionskonferenzen vorbei und bot seine Dienste an. Garrett hatte sich in letzter Zeit darauf konzentriert, alles für die Übernahme von Clarks Communications vorzubereiten. Es würde eine der größten Übernahmen in der Firmengeschichte werden.

Aus diesem Anlass war Cassandra Clarks heute zu Gast in der Redaktion. Sie saß in Garretts Büro und aß den letzten Muffin aus der Lieferung, die Kate am Morgen geschickt hatte.

Es verdross Garrett, dass der Muffin ihm entgangen war.

Nach außen hin ließ er sich nichts anmerken und blätterte in den jüngsten Analysen der Aktienkurse von Clarks Communications. Die beeindruckenden Wachstumszahlen konnten ihn jedoch nicht wirklich fesseln. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu den Geschehnissen des Samstagabends und Sonntagmorgens.

Er war allein aufgewacht – noch voll angekleidet, mit steifem Rücken und dem Duft von Kate im Bett. Das hatte ausgereicht, um ihm sofort die schönste Erektion zu bescheren.

Erst langsam wurde ihm klar, dass er auf Kates altem Bett lag. Er hatte sich hier offenbar irgendwann in der Nacht breitgemacht – wohl eine Folge von etwas zu viel Wein.

Verdammt!

Er hatte ihr sofort eine SMS geschickt. Auch jetzt noch warf er immer wieder einen Blick auf das Display seines Smartphones und ging im Geiste ihren Austausch durch: Tut mir leid, dass ich gestern Abend bei dir hereingeplatzt bin.

Ach, du warst das? Das ist okay. Zumindest hat nichts Schaden genommen.

Abgesehen von meinem Stolz. Und meinem Rücken.

Oh! Okay, aber das ist nichts, was meine Muffins nicht heilen könnten.

Himmel, flirtete sie etwa mit ihm?

Ich werde jeden Bissen genießen.

Er war sich nicht sicher, ob er selbst nicht auch flirtete. Jeden Bissen genießen. Der Restalkohol in seinem Blut hatte offensichtlich seine Folgen gehabt. Glücklicherweise war Kate auf seine letzte SMS nicht weiter eingegangen. Aber sie hatte am Morgen zwölf Muffins herübergeschickt, und er hatte gleich drei Stück vertilgt, ohne sich auch nur Zeit für einen Kaffee dazu zu nehmen. Sein Verhältnis zu Kates Kochkünsten war fast sinnlich zu nennen.

Er konnte nichts dagegen tun. Es war von Anfang an so gewesen.

Als sie das erste Mal allein Chocolate-chip Cookies gebacken hatte, war er als ewig hungriger Teenager am Sonntagmorgen zufällig dazugekommen. Er hatte die Küche nach etwas Essbaren durchsucht und sich dabei einen warmen Cookie in den Mund geschoben. Als sie fragte, ob er gut sei, konnte er nur nicken. Lachend war Kate zu ihm getreten und hatte ihm einen Krümel aus dem Mundwinkel gewischt. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte den Cookie als Ganzes verschluckt.

Manchmal wartete er, bis er allein war, bevor er sich über die Sachen hermachte, die sie geschickt hatte. Und er stellte sich vor, ihre Finger abzulecken, wenn seine Zunge am Zuckerguss war. Und wenn die Cookies mit Streuseln garniert waren, dachte er an ihre Sommersprossen.

Wahrscheinlich wurde es höchste Zeit, dass er sich in Therapie begab.

Plötzlich hörte er Landon tief seufzen und die Unterlagen zuschlagen. Abrupt kehrte Garrett in die Wirklichkeit zurück.

„Wenn dein Bruder immer noch nichts von unseren Plänen ahnt, verstehe ich nicht, wieso du einen Rückzieher machen willst.“ Landon verschränkte die Arme vor der Brust und sah Cassandra fragend an.

Cassandra Clarks mochte wie die typische Blondine wirken, aber Garrett hatte längst gemerkt, dass sich hinter der tumben Fassade ein wacher Verstand verbarg. Die Frau war nicht nur clever, sie wich auch keinen Millimeter von einer einmal eingeschlagenen Strategie ab.

Sie schüttelte nur den Kopf, als Landon seine Position noch einmal erklärte.

„Wir kaufen so lange, bis unser Aktienpaket die Zwanzig-Prozent-Marke übersteigt“, sagte er. „In einer, maximal zwei Wochen gehört die Firma deines Bruders uns, bevor er überhaupt merkt, dass wir mit im Boot sind.“

„Hmmm…“ Cassandra hörte auf, den Kopf zu schütteln.

Landon fuhr fort: „Wenn wir dann noch deine zweiunddreißig Prozent bekommen, haben wir die Mehrheit – und du bist eine sehr vermögende Frau, Cassie.“

„Das ist das Problem. Mein Bruder wird wissen, dass ich an euch verkauft habe. Er wird mich zerstören und alles, was ich habe.“ Ein Schatten war über ihre Züge gefallen. „Was ich Garrett am Samstag vorschlagen wollte, bevor wir unterbrochen wurden, war eine Scheinehe. Mein Bruder hat im Moment die Kontrolle über mein Aktienpaket, aber das hört auf in dem Moment, in dem ich heirate. Dann geht die Verfügungsgewalt über mein Aktienpaket an mich beziehungsweise meinen Mann über. Der könnte die Anteile übernehmen und mich diskret entschädigen. Es wäre ein simpler Deal und nach sechs Monaten beendet. Dann hätte jeder von uns das, was er will: ihr die Aktien, ich das Geld.“

Garrett schwieg, während er den Vorschlag überdachte.

Er wich Cassandras Blick nicht aus. Der ehrgeizige Kaufmann in ihm wollte Ja sagen. Aber in Gedanken erlebte er wieder Kates Duft auf dem Kissen. Fühlte sie in seinen Armen.

Er zerrte an seinem Kragen und spürte selbst, dass sich sein Unbehagen auf seinen Zügen zeigte. „Ich fürchte, das ist ausgeschlossen, Cassandra“, erklärte er und deutete seiner Assistentin, noch einmal Kaffee nachzuschenken.

Unter den Umständen schien sogar Whiskey eine Option. Heirat?

„Wie Landon schon sagte, sind wir bereit, dieses Aktienpaket ganz offen zu kaufen. Kein Grund also, deswegen dramatisch zu werden.“

„Ein offener Kauf ist ausgeschlossen. Mein Bruder ist … ihr kennt ihn nicht. Eine Ehe ist die einzige Möglichkeit, mich von ihm zu befreien. Ihr nehmt die Aktien, überweist mir das Geld, und dann trennen sich unsere Wege nach sechs Monaten wegen unüberbrückbarer Differenzen. Es ist eine reine Scheinehe, bei der wir beide nichts zu verlieren haben. Nur so läuft der Deal: du heiratest mich und übernimmst damit ganz legal meine zweiunddreißig Prozent.“

Landon und Garrett tauschten einen Blick. Landons graue Augen hatten sich vor Sorge verdunkelt.

„Hör zu, Cassandra“, erklärte er. „Wir haben schon fast zwanzig Prozent. Wir sind bereit, dir dein Aktienpaket weit über Marktwert abzunehmen. Dann haben wir zweiundfünfzig Prozent und das Sagen in der Firma. Dann kann dein Bruder dir nicht mehr schaden.“

Sie schüttelte den Kopf. In ihren Augen glänzten Tränen. „Du kennst ihn nicht. Er bestimmt in vielen Dingen mit, die mich betreffen. Ich bekomme meine finanzielle Unabhängigkeit erst im Moment meiner Heirat – verstehst du das nicht?“

Sie streckte ihre Hand aus und legte sie auf Garretts – so als sei sie in Gefahr, einen Abhang hinunterzustürzen, und er müsse sie retten.

„Die Ehe wird eine reine Zweckehe sein, aber wir können trotzdem Spaß haben dabei. Ich weiß, dass ich hübsch bin. Und ich finde, du bist ein unglaublich attraktiver Mann.“

Es überraschte ihn selbst, dass es ihm gelang, ihrem Blick ruhig standzuhalten. Vor einigen Jahren wäre er wahrscheinlich ohne mit der Wimper zu zucken auf ihren Vorschlag eingegangen. Schließlich ging es um das Geschäft. Menschen heirateten und ließen sich aus ganz anderen Gründen scheiden.

Nur im Moment stand ihm einfach nicht der Sinn danach. Was er Kate auf der Party gesagt hatte, war die Wahrheit. Er wollte nur eines: dass Kate zu Hause blieb. Er würde alles dafür tun. Ein Leben ohne Kate war für ihn einfach … unvorstellbar.

Er war egoistisch, wenn es um sie ging.

Wenn es um sie ging, war er dumm, unvernünftig und halsstarrig.

Aber Cassandra Clarks wusste das nicht. Sie wusste nicht, dass er sich in diesem Moment, in dem sie seine Hand drückte, nach einer anderen sehnte. So sehr, dass es schon fast schmerzte.

„Wir werden später noch einmal darüber sprechen. Mal sehen, was uns dazu einfällt“, bemerkte Landon schließlich. Schweigend erhoben sich die beiden Brüder und gaben damit zu verstehen, dass das Gespräch beendet war.

Cassandra schüttelte Landon die Hand. Dann wandte sie sich an Garrett und umarmte ihn so leidenschaftlich, dass es ihm zu jedem anderen Zeitpunkt den Atem verschlagen hätte. Er begriff, dass sie alles tat, um verführerisch zu wirken, aber gleichzeitig erkannte er auch Angst und Frust in den Tiefen ihres Blicks, als sie sich von ihm löste.

Cassandra war blond und schön – und schien gleichzeitig verzweifelt. Wenn Garrett auch nur einen Hauch Mitgefühl aufbringen konnte, dann musste er ihr irgendwie helfen.

„Du meldest dich?“ Sie sah ihn hoffnungsvoll an.

Er nickte. „Ja – in einer Woche oder zwei.“

„Eine Ehe!“ Garrett ließ sich auf seinen Sessel fallen und rieb sich die Schläfen, als sie wieder allein waren. Wie konnten sie Cassandra von ihrem Bruder befreien und gleichzeitig Clarks Communications übernehmen?

„Eine Scheinehe!“, korrigierte Landon. Er starrte nachdenklich aus dem Fenster.

„Nicht mit mir, Lan!“

Landon seufzte schwer. „Hast du irgendeine andere Idee?“

Garrett zuckte die Schultern. „Clarks ist nicht die einzige Firma, die wir übernehmen könnten. Dann nehmen wir eben eine andere!“

Das folgende Schweigen machte deutlich, dass keiner der Brüder begeistert war von dieser Aussicht. Clarks war einfach die ideale Ergänzung zu ihrem Konzern. Wenn sie clever waren – und die Gage-Brüder waren clever –, dann würden sie alles daran setzen, sich dieses Geschäft nicht entgehen zu lassen.

Bei Lichte betrachtet war ein halbes Jahr keine lange Zeit, wenn es bedeutete, dass Clarks dann ihnen gehören würde. Und Garrett hatte alles auf diese Karte gesetzt. Als Mitbewerber war Clarks eine Gefahr, als Teil des eigenen Konzerns jedoch ein Gewinn.

Aber auf Kosten einer Ehe? Ganz gleich, ob nur zum Schein oder nicht …

Verdammt, du hast doch ohnehin nicht vor zu heiraten! Wieso dann also nicht, wenn geschäftlich etwas dabei herausspringt?

Die Doppeltür des Konferenzraums flog auf, und Julian John kam herein – lässig entspannt, eine Stunde nach der vereinbarten Zeit. Eine der Sekretärinnen eilte hinter ihm her, um die Türen zu schließen.

Jules sagte nie Guten Morgen, aber sie waren Brüder. Da war das nicht nötig.

Er betrachtete die beiden ernsten Männer am Konferenztisch und blieb stehen. „Ich hatte noch etwas zu erledigen, ihr braucht also gar keine langen Gesichter zu machen.“

Landon lehnte sich zurück. „Ich hoffe, es war etwas Geschäftliches und du hast nicht einfach bloß herumgespielt, während wir versuchen, Clarks Communications an Land zu ziehen.“

„Falls du es noch nicht bemerkt haben solltest: ich arbeite nicht mehr hier. Ich bin nur hier, um meine Dienste anzubieten, das ist alles. Molls brauchte mich heute Morgen.“

„Sag Molly, Babys kann man auch am Abend machen“, bemerkte Landon mit einem süffisanten Lächeln.

Julian rollte genervt die Augen und setzte sich. „Ich habe Medizin für Kate geholt, du Idiot, nachdem Molly mit ihr beim Arzt gewesen ist. Und wenn ich morgens mit meiner Molls Babys machen will, dann werde ich nicht ausgerechnet dich um Erlaubnis …“

„Was zum Teufel ist mit Kate? Ist sie krank?“

Julian sah Garrett erstaunt an. „Wieso? Bist du unter die Ärzte gegangen?“

„Ich will wissen, ob Kate krank ist!“ Garrett musterte seinen jüngeren Bruder grimmig.

Julian lachte leise. „Findest du nicht, dass es an der Zeit ist, dir über deine Gefühle für sie klar zu werden, Dr. Garrett?“

„Ich fühle mich verantwortlich für sie, das ist alles“, knurrte Garrett. „Und wenn du nicht augenblicklich sagst, was mit ihr los ist, brauchst du gleich einen Gesichtschirurgen!“

Julian wandte seine Aufmerksamkeit den Unterlagen zu, die an seinem Platz lagen. „Sie hat Fieber“, erklärte er nebenher. „Hohes Fieber. Molly hat sie nach Hause gebracht, um bei ihr zu bleiben. Und ich habe die Medikamente aus der Apotheke geholt.“

Garretts Beschützerinstinkt erwachte. „Das hätte ich machen können.“

„Und dafür Cassandra Clark und deine Pläne, die Weltherrschaft zu übernehmen, vernachlässigen?“ Julian schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Nein, Bruderherz. Wenn die Frau etwas verkauft, dann nur an dich. Ich habe gesehen, wie sie dich auf der Party angesehen hat. Ich glaube, sie steht auf dich, auch wenn sie weiß, dass du ihre Gefühle nicht erwiderst.“

„Sie will ihn heiraten.“ Landon brachte seinen Bruder kurz auf den neuesten Stand und schnitt dann das Thema an, das Garrett am meisten beschäftigte. „Plant Kate immer noch, nach Miami zu gehen?“

„Soweit ich weiß, hat sie ihre Meinung nicht geändert. Molly leidet sehr darunter.“ Julian war ernst geworden. Garrett wusste, dass sein jüngerer Bruder alles tun würde, um seiner Molly Schmerz zu ersparen. Es musste ihm sehr zusetzen, dass er in diesem Punkt machtlos war.

„Beth geht es genauso“, bekannte Landon.

Garrett schwieg. Niemand konnte so sehr unter Kates Entscheidung leiden wie er.

Er stellte sich vor, wie es Kate in Miami gehen würde, wenn sie dort einmal krank sein sollte. Wer würde sie zum Arzt bringen? Wer würde überhaupt wissen, dass sie krank war? Der Gedanke war so irritierend, dass er seine Krawatte lösen musste, weil er das Gefühl hatte, zu ersticken.

Einerseits bedauerte er, dass es Kate nicht gut ging, andererseits: konnte ihr das nicht zeigen, dass sie die Nähe der Familie brauchte? Wer sonst sollte sich um sie kümmern? Außerdem war ihre Widerstandskraft jetzt vielleicht etwas geschmälert. Vielleicht konnte er jetzt noch einmal mit ihr reden und sie etwas zugänglicher finden.

„Habt ihr was dagegen, wenn ich mir für den Rest des Tages frei nehme? Wenn wir eine Chance haben wollen, sie zum Bleiben zu bewegen, muss ich erst einmal herausfinden, wieso sie überhaupt fort will.“

„Das heißt, du willst sie, feinfühlig wie du nun einmal bist, wie ein Bulldozer überrollen?“, fragte Julian trocken.

„Ich glaube, in diesem Fall war es Kate, die Garrett überrollt hat, indem sie ihn einfach vor vollendete Tatsachen gestellt hat.“

Beide Brüder schienen höchst amüsiert.

Garrett warf seine Jacke über und griff nach seinem Smartphone. „Ihr könnt mich mal! Ihr wisst, wie dickköpfig Kate sein kann, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat – heute hat sie vielleicht nicht ganz so viel Energie, sich mir zu widersetzen. Verdammt, du hast dir zwei Monate Urlaub genommen für deine Flitterwochen, Landon, und du arbeitest nicht einmal mehr hier, Jules. Ich nehme mir den Tag frei, ganz gleich, was ihr dazu sagt.“

Julian lachte. „Wir hätten einiges dazu zu sagen, Bruderherz. Aber wir werden es nicht tun.“

„Ich weiß, dass meine Suppe dir nicht schmecken wird, Kate, aber sie wird dir gut tun.“ Molly stellte das Tablett auf einem Stuhl am Fenster ab und zog die Vorhänge auseinander.

Kate hob stöhnend den Arm, um ihre Augen vor dem Licht zu schützen.

„Himmel, du siehst wirklich nicht gut aus, Kate!“

Molly betrachtete sie mitleidig, während Kate das vom Fieber schweißgetränkte T-Shirt gegen ein frisches austauschte. Das Haar lag wie angeklebt an ihrem Kopf.

„Ich sehe sicher schlimmer aus, als es eigentlich ist.“ Kates Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.

Sie hatte eine Halsentzündung. Das bedeutete, ihr war übel. Ihr Hals schmerzte. Und sie hatte hohes Fieber. Klasse!

„Ich lasse dir ein Bad ein.“ Molly verschwand ins Badezimmer.

Kate stöhnte, als sie das Klingeln hörte.

„Ich gehe schon, Kate – bleib liegen. Ich bin gleich zurück. In der Zwischenzeit kannst du dich ja schon mal über meine Suppe hermachen!“ Molly verschwand in Richtung Haustür.

Kate musste sich überrascht eingestehen, wie organisiert und effizient ihre kleine Schwester plötzlich wirkte. Sie war immer chaotisch gewesen, aber im Moment kamen eindeutig mütterliche Gefühle hoch, während sie versuchte, ihre große Schwester zu umsorgen.

Es kam nur selten vor, dass Kate krank war. Dafür fehlte ihr einfach die Zeit. Was zum Teufel war jetzt los mit ihr?

Der Stress ihres bevorstehenden Umzugs setzte ihr offenbar mehr zu, als ihr bewusst gewesen war. Derart geschwächt hatte sie dann keine Abwehrkräfte mehr gegen die Viren gehabt.

Mit einem frustrierten Seufzer ließ sie sich wieder in die Kissen sinken. Im Wohnzimmer waren Stimmen zu hören. Dann kamen Schritte näher. Kate öffnete die Augen – und schloss sie gleich wieder.

In der Tür stand der letzte Mensch, den sie jetzt hätte sehen wollen!

Oder genauer gesagt: der letzte Mensch, der sie so hätte sehen sollen!

Hastig setzte sie sich auf. Ihre Wangen waren vom Fieber gerötet. Garrett blieb in der Tür stehen. Ihr Puls ging schneller – der Mann sah einfach atemberaubend aus. Die breiten Schultern. Die schräg hängende Krawatte mit dem gelockerten Knoten. Das Haar zerzaust, als sei er sich mehrfach mit den Fingern hindurchgefahren.

Er war mit Abstand das Attraktivste, was ihr an diesem Tag unter die Augen gekommen war.

Gleichzeitig wurde ihr bedrückend klar, dass sie selbst noch nie schlechter ausgesehen hatte.

„Hast du dein Navi verlegt? Dein Büro ist doch in der anderen Richtung.“ Flapsigkeit schien ihr die einzige Möglichkeit, die Situation zu retten.

„Ich bin heute einem anderen Kompass gefolgt.“ Lächelnd zog er die Tür hinter sich zu und trat näher.

Er legte die Jacke ab. Ihr Herz machte einen Satz, als sie das Spiel seiner Muskeln unter dem weißen Hemd beobachtete.

„Wie geht es dir, Freckles?“ Er hängte seine Jacke über die Lehne ihres Stuhls und rollte die Hemdsärmel auf. „Du hättest am Samstag Tequila trinken sollen. Das hätte den Viren keine Chance gelassen.“

Er brachte das Tablett mit der Suppe an ihr Bett. „Molly meint, du solltest ihre Hühnersuppe essen.“

Kate schnitt ein Gesicht. „Ich habe keinen Hunger, Garrett.“ Sie musste sich räuspern, bevor die heisere Stimme ihr gehorchte. „Du brauchst mich nicht zu kontrollieren.“

Er setzte sich auf die Bettkante und hob den Löffel. „Komm schon – öffne deinen Mund!“

Nach kurzem Zögern befand sie, dass Nachgeben in diesem Fall weniger anstrengend war als Widerstand. Sie öffnete die Lippen. Es wärmte ihr das Herz, Garretts Blick zu sehen, als ihre Lippen sich um den Löffel schlossen.

„Sie ist gar nicht so schlecht“, erklärte sie. „Aber sie ist noch ein wenig zu heiß.“

Er stellte das Tablett sofort beiseite. „Molls sagte, du wolltest gerade ein Bad nehmen? Möchtest du es jetzt?“

Autor

Maureen Child

Da Maureen Child Zeit ihres Lebens in Südkalifornien gelebt hat, fällt es ihr schwer zu glauben, dass es tatsächlich Herbst und Winter gibt. Seit dem Erscheinen ihres ersten Buches hat sie 40 weitere Liebesromane veröffentlicht und findet das Schreiben jeder neuen Romance genauso aufregend wie beim ersten Mal.

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