Baccara Exklusiv Band 274

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  • Erscheinungstag 25.07.2026
  • Bandnummer 274
  • ISBN / Artikelnummer 9783751537964
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Karen Booth

1. KAPITEL

Zane Pattersons Herz hämmerte wie verrückt. Sein durchgeschwitztes T-Shirt klebte an seinen Schultern. „Ich muss raus aus dieser Stadt. Das ist alles.“

Erst dribbelte er den Basketball mit der rechten Hand, dann wechselte er ihn auf die linke. Wartete auf seine Chance, um an seinem besten Freund, Scott Randall, vorbeizuziehen. In ihrem wöchentlichen Basketballspiel Mann gegen Mann stand es momentan unentschieden. Nur noch ein Punkt, und der Sieg gehörte Zane. Er war so nah dran und hasste es zu verlieren.

„Mann, das behauptest du schon seit der Highschool. Und das ist mittlerweile fünfzehn Jahre her.“ Scott, der jede noch so kleine Bewegung von Zane registrierte, verlagerte sein Gewicht von einer Seite auf die andere. Seine Hände schienen stets da aufzutauchen, wo Zane durchbrechen wollte. Selbst die Schweißperlen, die seine glänzende Glatze hinabrannen, konnten seine Konzentration nicht stören. Ihm kam es nur darauf an, dass Zane keinen weiteren Punkt machte. „Entweder ziehst du es durch und gehst tatsächlich, oder du findest dich endlich damit ab.“

Es gab nur einen Grund für Zane zu gehen: Joshua Lowell. Zane hasste den Kerl. Der Typ grinste immer so selbstzufrieden, und Zane wünschte ihm, dass er sich an dem goldenen Löffel verschluckte, mit dem im Mund er geboren worden war. Ganz Falling Brook schien ihn zu vergöttern, obwohl Lowells Vater vielen Familien in der Kleinstadt in New Jersey die Lebensgrundlage geraubt hatte. Tief im Innern liebte Zane seine Heimatstadt, aber es zerrte immer an seinen Nerven, wenn er zu Besuch kam. Mich damit abfinden? Im Leben nicht!

Er dribbelte weiter. Nach rechts. Nach links. Wieder nach links. Er täuschte an, machte eine Drehung an Scott vorbei und rannte auf den Korb zu. Er warf den Ball – der Ball rollte einmal um den Ring und fiel zu Boden. Scott schnappte sich den Rebound, wirbelte herum und vollführte einen perfekten Sprungwurf. Der Ball landete genau im Netz. Das Match ging an ihn.

Verdammt.

„Jawoll!“ Erneut schnappte sich Scott den Ball. „Revanche? Wir spielen, bis einer zwei von drei Matches gewonnen hat.“

Zane beugte sich vor und stützte die Hände auf den Oberschenkeln ab. „Nein.“

Ein Teil von ihm wollte diesen Sieg, brauchte ihn. Basketball war einer der wenigen Zeitvertreibe, die ihn wirklich glücklich machten. Er spielte schon, seit er laufen konnte, und deswegen hatte er auch eine Sporthalle mit Basketballfeld in das neue Bürogebäude integriert, als seine Firma Patterson Marketing erfolgreich wurde. Aber jetzt war er zu erschöpft, um weiterzuspielen. Zumindest geistig. „Ich bin fertig für heute.“

„Diese Sache mit Joshua Lowell setzt dir wirklich zu, kann das sein?“ Scott stützte den Ball auf seiner Hüfte auf.

„Ja. Das Ganze lässt mich einfach nicht los. Dieser Artikel zum Jubiläum des Skandals sollte der Öffentlichkeit eigentlich ins Gedächtnis rufen, was für krumme Typen die Lowells sind, wie viele Familien sie ruiniert haben und dass man ihnen nicht trauen kann. Stattdessen reden alle nur noch von Joshs Verlobung mit Sophie Armstrong. Die Schlagzeile schwirrt im Internet, den Nachrichten, allen sozialen Medien und in der ganzen Stadt herum. Nicht mal in meinem eigenen Konferenzraum bin ich davor sicher.“

„Es ist ja auch eine große Sache. Er gibt Black Crescent auf, und das hat niemand kommen sehen.“

Black Crescent. Allein der Name reichte, damit Zane angewidert das Gesicht verzog. Der Hedgefonds, den Vernon Lowell, Joshuas Vater, gegründet hatte, war eine exklusive Anlageoption für die Reichsten der Reichen gewesen. Früher einmal hatte Zanes Familie auch zu dieser feinen Klientel gehört, und damals war alles Friede, Freude, Eierkuchen gewesen. An Geld hatte es ihnen nicht gemangelt, und Zane war an der Privatschule von Falling Brook einer der beliebtesten Schüler gewesen, Kapitän der Basketballmannschaft – und Sohn glücklich verheirateter Eltern. Dann hatte Vernon Lowell sich die Millionen unter den Nagel gerissen und war verschwunden. Zanes Familie blieb mittellos zurück, und kurz darauf ließen seine Eltern sich scheiden.

Zane war gerade sechzehn geworden und musste von der Privatschule auf die öffentliche Highschool wechseln. Dort hatte er es schwer, sich einzugewöhnen, denn die anderen behandelten ihn wie einen reichen Schnösel, dem man erst einmal zeigen musste, wo er hingehörte. Sie hatten ja keine Ahnung gehabt, dass Zane bereits am Boden angekommen war. Das einzig Gute daran war, dass er auf der Highschool Scott kennengelernt hatte, und seitdem waren sie unzertrennlich.

Scott hatte Zane vor sich selbst gerettet. Geld war ihm dabei egal – Scott wollte Zane helfen und sein Freund sein, mehr nicht. Von Anfang an hatte Zane sich auf Scott verlassen können. Wenn bei seinen Eltern wieder einmal die Fetzen flogen, durfte er bei den Randalls daheim unterkriechen. Das war seine Oase der Ruhe – der einzige Ort, an dem es ihm möglich schien, wirklich glücklich zu sein. Und dort hatte er auch Allison kennengelernt, Scotts jüngere Schwester und der coolste, cleverste, kreativste Mensch, den er kannte. Zeit mit ihr zu verbringen war das Schönste an seinen Besuchen dort gewesen. Außerdem war Allison auch das schönste Mädchen, das er jemals gesehen hatte, aber er hatte sich immer Mühe gegeben, das zu ignorieren. Scotts kleine Schwester war tabu.

„Hast du gehört, was Josh auf der Pressekonferenz gesagt hat? ‚Sie hat mich mit ihrer Liebe ins Licht geholt. Ich werde den Rest meines Lebens zu beweisen versuchen, dass ich diese Liebe auch verdient habe.‘ Was für ein sentimentaler Bockmist.“ Zane gefiel sich selbst nicht, wenn er so verbittert klang, aber obwohl fünfzehn Jahre vergangen waren, seit Vernon Lowell sein Leben zerstört hatte, war der Schmerz noch so heftig, als wäre es erst gestern geschehen. Wenn man Zane fragte, dann war die gesamte Familie Lowell – Vernon, seine Frau Eve und seine Söhne Joshua, Jake und Oliver – ein einziges Schlangennest. Ja, einen von ihnen so glücklich zu sehen nagte an Zane.

„Du weißt ja, was man sagt: Liebe macht alles besser.“

Zane warf Scott einen skeptischen Blick zu. Liebe und Romantik waren nichts als eine Farce und hielten selten lange an. Das beste Beispiel dafür waren seine Eltern. Ihre Liebe war auf die Probe gestellt worden, als Vernon Lowell ihnen den letzten Penny geraubt hatte, und sollte die Liebe nicht angeblich alle Hindernisse überwinden? Sorry, aber Zane hatte da andere Erfahrungen gemacht.

„Du klingst schon wieder so grauenvoll verheiratet.“

„Mach mir keine Vorwürfe, bloß weil ich glücklich bin. Dagegen gibt’s kein Gesetz.“

Zane grummelte etwas Unverständliches. Er hatte keine Lust, dieses Gespräch weiterzuführen.

Gemeinsam gingen die beiden Freunde zum Rand des Spielfelds, wo in einem kleinen Kühlschrank ein Sixpack auf sie wartete. Eigentlich war Zane mehr der Typ für einen Tequila, aber nach einem anstrengenden Spiel gab es nichts Besseres als ein kühles Bier. Sie nahmen die Flaschen mit nach draußen auf die Veranda, wo die Mitarbeiter sich oft zur Mittagspause oder auch mal zu einem Meeting trafen, wenn das Wetter es erlaubte. Der Juniabend war warm und die Luft ein wenig feucht, aber frisch. Außerdem wehte eine angenehme Brise. Scott öffnete die ersten zwei Flaschen, und sie stießen an.

Tief atmete Zane durch und schluckte seine Verbitterung zusammen mit dem Bier herunter. Immerhin mochte er Falling Brook und war eigentlich gern hier. „Ich hätte Joshua Lowell nicht in dieser Bar ansprechen und ihm erzählen sollen, dass ich es war, der Sophie Armstrong den DNA-Test für den Artikel über Black Crescent zugespielt hat. Stattdessen hätte ich ihn im Unklaren lassen sollen, damit er im eigenen Saft schmort. Etwas anderes hat er nicht verdient.“

Er nahm einen weiteren großen Schluck. Dieses Aufeinandertreffen war schwierig für ihn gewesen. Allein schon, dass er Joshua Lowell ins Gesicht sehen musste, reichte aus, dass ihm beinahe schlecht wurde.

„Ich wollte einfach nur, dass er merkt, dass er gar nicht der tolle Hecht ist, für den alle ihn halten. Dass ich weiß, wie er wirklich ist.“

Noch gut erinnerte Zane sich an den seltsamen Schauer, der ihn überlaufen hatte, als er den DNA-Test in seiner Post gefunden hatte, aus dem hervorging, dass Joshua eine Tochter hatte, um die er sich seit Jahren nicht kümmerte. Er hatte nicht mal darüber nachgedacht, warum der anonyme Absender ausgerechnet ihm dieses Testergebnis geschickt hatte. Ihm war klar gewesen, dass das ein Mittel war, um einen der Lowells zu Fall zu bringen, und das hatte ihm gereicht.

„Das war der einzige Grund, warum ich überhaupt mit Sophie gesprochen habe. Ich wollte, dass die ganze Welt erfährt, dass Joshua Lowell nicht der Heilige ist, für den man ihn hält. Ich habe ihr sogar private Fotos zur Verfügung gestellt, damit sie mich für eine verlässliche Quelle hält. Und dann wurde der Vaterschaftstest in dem Artikel nicht mal erwähnt, weil ich mir die einzige Journalistin ausgesucht habe, die ein Gewissen hat. Jetzt scheinen ihn alle sogar noch mehr zu lieben als vorher. Seltsamerweise genau in dem Augenblick, in dem er entscheidet, seinen Posten als CEO von Black Crescent aufzugeben. Genau deswegen hasse ich ihn ja so. Lowell kommt völlig ungeschoren davon, genau wie sein Vater.“

Scott schüttelte den Kopf. Um seine Mundwinkel spielte ein mitleidiges Lächeln. „Vielleicht musst du wirklich mal raus aus dieser Stadt. Du brauchst eine Pause.“

„Oder ich ziehe komplett weg.“

Mit der Bierflasche deutete Scott auf Zane. „Du kannst nicht wegziehen. Ich brauche dich.“

„Du bist betrunken.“

„Nach einem halben Bier? Du spinnst. Ich sage die Wahrheit. Du bist wie ein Bruder für mich. Und wenn du ganz ehrlich bist, dann brauchst du mich auch. Wer sonst würde sich dein Gejammer anhören?“

Da hatte Scott nicht ganz unrecht. Er holte Zane immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn er sich in seinem negativen Gedankenstrudel zu verlieren drohte. „Okay, also bloß ein Urlaub. Aber wo? Am liebsten hätte ich einen hübschen Strand voller attraktiver Frauen.“

„Wieso überrascht mich das nicht?“

Zane lachte leise. Es stimmte, er war über die Jahre mit vielen Frauen zusammen gewesen. Das war die beste Ablenkung für ihn. Keine Verpflichtungen, keine Gefühle, keine Komplikationen. Schon an der Highschool war es so gelaufen. Die Jungs hatten ihn verachtet, aber die Mädchen waren da anderer Meinung gewesen. Sein Geld und sein Prestige hatte Zane zwar verloren, aber er sah immer noch gut aus und war muskulös vom Basketballtraining, und das reichte, damit sich die Mädchen nach ihm umdrehten. Also hatte er genommen, was er kriegen konnte.

„Wenn du an den Strand willst“, sagte Scott jetzt, „warum fliegst du dann nicht auf die Bahamas? Mein Onkel und meine Tante haben ein Ferienresort vor der Küste von Eleuthera. Da kann ich bestimmt was organisieren.“

Schon oft hatten Scott und Zane darüber gesprochen, dass sie diese Reise machen wollten. Scotts Mom stammte von den Bahamas, hatte seinen Dad im Studium kennengelernt und war für ihn in den USA geblieben.

„Cool, ein Männertrip. Klingt perfekt!“

„Sorry, Kumpel, aber ich kann nicht mitkommen. Brittney ist gerade befördert worden und ertrinkt förmlich in Arbeit, und die Kids haben Sommerferien. Ich kann mir nicht einfach eine Auszeit nehmen. Außerdem, wenn du flirten willst, dann sind wir uns wohl beide einig, dass ich nur stören würde.“

Zane versuchte, sich seine Enttäuschung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Schließlich war er daran gewöhnt, enttäuscht zu werden. „Okay, dann fliege ich wohl allein. Gibst du mir die Kontaktdaten von deinem Onkel und deiner Tante? Dann kann ich gleich morgen den Flug buchen.“

Scott schüttelte den Kopf. „Ich regle das und lade dich ein.“

„Danke, aber ich brauche keine Almosen von dir. Wir sind schließlich nicht mehr auf der Highschool.“

„Kann ich nicht einmal was Nettes für dich tun? Ich muss dich doch bei Laune halten. Wenn du wirklich aus Falling Brook wegziehst, werde ich meines Lebens nicht mehr froh.“

Zane sah seinen besten Freund an und wusste nicht, was er ohne ihn tun würde. Er war sein Anker, der Mensch, der ihn stets auf den Boden der Tatsachen zurückholte und ihn davor bewahrte, völlig den Verstand zu verlieren. „Ich gehe nicht weg. Vielleicht brauche ich dringend ein paar Tage am Strand, um den Kopf freizubekommen, aber ich gehe nicht weg.“ Er leerte seine Bierflasche. „Schließlich muss ich noch eine Niederlage wettmachen.“

„Redest du von Black Crescent?“

„Nein. Vom Basketball natürlich!“

Auf dem Display von Allison Randalls Handy leuchtete die Nummer ihres Exfreundes auf, und sie zeigte ihrem Telefon den Mittelfinger. Das war vielleicht kindisch, aber doch sehr befriedigend.

„Lass mich raten: Es ist Neil.“ Kianna Lewis, ihre beste Freundin und Geschäftspartnerin, saß auf einem Stuhl gegenüber ihrem Schreibtisch und drehte einen Stift zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie besprachen gerade die Zukunft ihrer Personalvermittlungsagentur, die ehrlich gesagt nicht gerade rosig aussah.

„Ich habe keine große Lust, jemals wieder mit ihm zu reden.“

„Kommt heute nicht das Umzugsunternehmen? Was, wenn es da ein Problem gibt?“

Kianna war immer so vernünftig. Genau das, was Allison brauchte. Sie selbst biss sich manchmal an einem Problem fest. Und außerdem neigte sie bisweilen zur Rachsucht.

„Du hast ja recht. Aber ich wünsche mir, dass eines dieser vielen Gespräche endlich unser letztes ist.“ Allison schnappte sich ihr Handy und drehte den Stuhl um, um aus dem Fenster zu schauen. Die Aussicht war nichts Besonderes, Asphalt und BMWs, so weit das Auge reichte. Aber so war L. A. nun mal. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte sie Neil.

„Du hättest einfach ein ganz normales Umzugsunternehmen beauftragen können. ‚Muskelpakete schleppen Ihre Pakete‘? Ist das dein Ernst, Allison?“

Ihr Exfreund nahm es wohl nicht gut auf, dass sie auszog. Doch das störte sie kein bisschen.

Sie verkniff sich ein Kichern. Neil war wirklich gut in Form und nutzte jede noch so kleine Ausrede, um in der Öffentlichkeit sein T-Shirt auszuziehen und mit seinem Körper anzugeben. Es schadete ihm bestimmt nicht, mal einen Nachmittag in der Gesellschaft von Männern zu verbringen, die noch muskulöser waren als er. Das geschah Neil nur recht, nachdem er sie betrogen hatte. „Die Firma beschäftigt Studenten, Neil. Die jungen Männer brauchen das Geld für ihre Bücher und Studiengebühren. Vergiss das Motto einfach, okay?“

„Das ist ein bisschen schwierig, wenn es in meterhohen Buchstaben auf den Umzugswagen gepinselt ist, der direkt vor meinem Haus parkt. Die Nachbarn schauen schon!“

Was für ein Theater! Allison hätte es besser wissen müssen, als sich mit einem Regisseur einzulassen.

„Für mich klingt das nach cleverem Marketing.“

„Ein paar Frauen aus der Straße machen Selfies mit den Typen.“

Das lief ja noch besser, als Allison es sich erhofft hatte. Beinah wünschte sie sich, sie könnte das Schauspiel miterleben, doch das hieße, dass sie Neil begegnen würde, und sie konnte nicht garantieren, dass sie ihren Ex nicht erwürgen würde. „Tja, wenn du mich nicht betrogen hättest, müsstest du jetzt nicht diese ach so schreckliche Demütigung ertragen.“

„Schön, ich habe einen Fehler gemacht. So was passiert nun mal. Du musst echt mal von deinem hohen Ross runterkommen. Nicht jeder ist so perfekt wie du.“

Sie unterdrückte einen Fluch. „Ich bin nicht perfekt, nur weil ich meinen Partner nicht betrüge. Ich bin einfach ein anständiger Mensch, und das ist mehr, als ich über dich sagen kann.“

„Ich hab dir schon hundert Mal gesagt, dass sie mir nichts bedeutet hat. Es waren nur ein paar Monate, und es war nur Sex. Ja, es war dumm von mir, und es tut mir leid.“

Allison kniff die Augen zu. Auf keinen Fall würde sie sich von Neil noch länger manipulieren lassen! „Dieses Gespräch ist beendet, Neil. Wenn es kein echtes Problem gibt, das du mit mir besprechen musst, dann lege ich jetzt auf.“

„Ich will meinen Haustürschüssel zurück, Alli.“

„Lass die Schlösser auswechseln. Und nenn mich nicht Alli.“

Sie legte auf und warf ihr Handy auf einen Stapel Akten auf ihrem Schreibtisch. Am liebsten hätte sie vor Frust laut geschrien, doch sie grub stumm die Fingernägel in ihre Handflächen.

„Alles okay?“, fragte Kianna und hob die perfekt gezupften Augenbrauen.

„Ja, alles okay.“ Allison war fest davon überzeugt, dass sie sich bloß lange genug einreden musste, dass es ihr gut ging, bis sie es irgendwann selbst glaubte. Doch die Geschichte mit Neil hatte sie wirklich aufgewühlt. Wie hatte sie nur übersehen können, was für ein arroganter Arsch er war? Hatte sie die Anzeichen dafür so lange ignoriert? Als Personalvermittlerin gehörte es zu ihrem Job, Menschen einzuschätzen, aber in Neil hatte sie sich gründlich getäuscht.

„Es ist okay, wenn dich das runterzieht, weißt du. Immerhin hat dein Freund dich betrogen. Niemand würde dir einen Vorwurf machen, wenn du ein bisschen weinen oder Dinge durch die Gegend werfen willst.“

Nein, niemand würde ihr Vorwürfe machen, aber Allison wollte sich von der Trennung nicht ihre Laune vermiesen lassen. Neil würde darüber hinwegkommen und weiterhin in seinem perfekten Haus leben – mit seinem perfekten Körper und seinem perfekten, künstlichen Lächeln. Und sie würde auch ihr Glück finden.

„Ehrlich, mir geht’s gut. Wir sollten zurück an die Arbeit. Ich will fertig werden und dann zu meiner neuen Wohnung, die Möbelpacker kommen bald.“

„Also gut, wenn du meinst.“ Kianna fasste noch einmal die Ergebnisse ihrer Analyse zusammen, was nicht lang dauerte. Im Grunde war alles ganz simpel: zu viele Ausgaben, zu wenig Einnahmen. „Das macht den Auftrag für Black Crescent nur umso wichtiger. Wenn wir die Verantwortlichen von uns überzeugen können, zahlen sie uns vielleicht einen Vorschuss, und dann schreiben wir wieder schwarze Zahlen.“

Es war ein wahrer Segen, dass sie einen neuen Kunden gefunden hatten, und dann auch noch in ihrer Heimatstadt Falling Brook. Allison hatte einen Gefallen einfordern müssen, damit sie den Auftrag bekam, aber sie war sicher, dass etwas Größeres daraus werden konnte.

„Keien Sorge. Wir schaffen das. Ich haue sie von den Socken, versprochen.“

Das Beste an dem Auftrag war, dass er nicht nur Geld brachte, sondern dass Allison auch Zeit mit ihrem Bruder Scott verbringen konnte.

„Wann kannst du in Falling Brook sein und dich mit den Leuten von Black Crescent treffen?“

Allison blätterte in ihrem Terminkalender herum. „Ich habe noch nichts gebucht, aber nächste Woche sollte klappen. Bei dem Meeting will ich ihnen gleich drei tolle Kandidaten vorstellen, die perfekt auf die Stelle passen.“

„Darf ich einen Vorschlag machen?“

„Denkst du, ich sollte das Meeting früher ansetzen?“

„Du solltest früher abreisen, aber nicht für das Meeting. Du musst einfach mal für ein paar Tage irgendwo hinfahren und dich entspannen. Vielleicht lernst du ja einen heißen Typen kennen, der dir hilft, dir Neil aus dem Kopf zu schlagen.“

„Aber wir haben noch so viel zu tun!“

„Und du musst in Topform sein, wenn du zu Black Crescent gehst. Im Moment kriechst du auf dem Zahnfleisch.“

Allison musste lachen. „Du klingst wie meine Mom.“

„Bitte sag mir, dass deine Mom nicht versucht, dich mit heißen Typen zu verkuppeln.“

„Nein, das nicht. Aber sie hat meiner Tante Angelique von der Trennung erzählt, und die hat mich gestern angerufen und gefragt, ob ich nicht ein paar Tage bei ihr und meinem Onkel auf den Bahamas verbringen will. Schlechte Nachrichten verbreiten sich in unserer Familie wohl wie ein Lauffeuer.“

Allison stand ihrer Mutter sehr nahe. So nahe, dass sie sich manchmal wie erdrückt fühlte. So oft, wie sie wegen Neil mit ihr telefoniert hatte, war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ihre Tante davon Wind bekam.

„Klingt doch perfekt. Das solltest du machen. Vorausgesetzt natürlich, dort gibt es passende Männer.“ Kianna sammelte ihre Unterlagen ein und ging Richtung Tür.

„Ein Mann ist das Letzte, was ich brauche.“

Kianna drehte sich um und fixierte Allison mit einem strengen Blick. „Du musst ihn ja nicht gleich heiraten. Ich rede von Sex. Ein paar schöne Orgasmen, und Neil ist nur noch eine blasse Erinnerung.“

„Ich bin nicht der Typ für One-Night-Stands. Ich würde sowieso keinen abbekommen.“

„Hast du dich mal angeschaut? Jeder Mann, der seine fünf Sinne beisammenhat, würde vor Freude ausflippen, wenn er mit dir ins Bett dürfte.“ Mit diesen Worten verließ Kianna das Büro.

Da war sich Allison nicht so sicher. Aber vielleicht war es an der Zeit, dass sie sich etwas gönnte. Ein Bungalow am Strand, beim Lesen in der Sonne einschlafen ... Sie griff nach ihrem Handy und wählte die Nummer ihrer Tante.

„Du rufst bestimmt an, um zu sagen, dass du gerade im Flugzeug sitzt“, begrüßte Angelique sie.

Allison musste lächeln. Sie liebte ihre Familie von Herzen. „Noch nicht.“

„Aber du kommst doch, oder?“

„Wenn ihr noch Platz für mich habt.“

„Zurzeit steht ein Bungalow leer, den kannst du gern haben. Allerdings ist nebenan ein Freund von deinem Bruder einquartiert – Zane Patterson. Ich hoffe, das ist okay für dich.“

Als sie seinen Namen hörte, erwachte etwas in Allison zum Leben, das sie lange vergessen gewähnt hatte. Ihre ganze Jugend hatte Allison damit zugebracht, Zane anzuschmachten. „Ist Scott auch da?“

„Nein, Zane ist allein. Er ist nur für ein paar Tage hier. Morgen kommt er an.“

Allisons Herz hämmerte. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Bilder von Zane – sein dichtes, dunkles, leicht gewelltes Haar, seine durchdringenden blauen Augen, seinen muskulösen Körper, von dem sie am liebsten jeden Zentimeter berührt hätte. Über die Jahre hatte sie sich so viele Fantasien mit Zane ausgemalt – wieso war sie nie darauf gekommen, dass sie ihn auf den Bahamas treffen könnte? „Ist ja witzig. Ich wollte auch morgen kommen.“

„Kennst du ihn?“

„Ja, er ist ein toller Kerl. Es ist immer nett, ihn zu sehen.“ Allison konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme aufgeregt und beinahe eine Oktave heller klang. „Nett“ war gar kein Ausdruck.

Aber zwischen ihr und Zane gab es eine Hürde – und das war Scott. Das erste Mal, dass sie Zane tatsächlich berührt hatte, war vor drei Wochen gewesen, auf Scotts Geburtstagsparty. Erst kurz zuvor hatte sie herausgefunden, dass Neil sie betrog, und sie hatte die Gelegenheit genutzt, kräftig mit Zane zu flirten. Unter dem Tisch berührte sie wie zufällig sein Knie, seine Hand und schaute ihm tief in die Augen, während sie über seine Witze lachte. Zwischen ihnen knisterten die Funken, und es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Feuer entflammte. Als Scott und seine Frau hochgingen, um die Kinder ins Bett zu bringen, witterte Allison ihre Chance. Sie griff nach Zanes Unterarm, beugte sich vor und küsste ihn. Und Zane erwiderte den Kuss – einen wundervollen Moment lang.

Er legte ihr die Hand unter das Kinn und küsste sie, als bräuchte er sie wie die Luft zum Atmen. All die Jahre, in denen sie von ihm geträumt hatte, liefen auf diesen einen Moment hinaus. Allison war überwältigt von der Hitze zwischen ihnen und der leisen Hoffnung, die in ihr aufkeimte. Sie drängte sich ihm entgegen, und im selben Augenblick schloss er die Arme um sie und zog sie noch näher an sich. Endlich geschah es, und Allisons Fantasie ging mit ihr durch: ein schneller Abschied, der Weg zu ihm nach Hause, wie sie sich auszogen, obwohl sie noch nicht mal in der Wohnung waren, sich gegenseitig mit Händen und Lippen erforschten, bis ihr Verlangen gestillt war. Es würde passieren. Endlich.

Dann verspannte Zane sich plötzlich, und alles fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Er schob sie von sich und traute sich kaum noch, ihr in die Augen zu schauen. Kopfschüttelnd sagte er irgendetwas davon, dass er Scotts Vertrauen nicht missbrauchen wollte, dass es ihm leidtat, dass es ein Fehler war. Er stand auf und ging, und Allison blieb erschüttert zurück. Sie war so nah dran gewesen – und jetzt wurde nichts davon wahr? Es fühlte sich an, als würde ihr das Leben einen grausamen Streich spielen. Das tat verdammt weh.

Wochenlang hatte Allison diese schmerzhafte Szene wieder und wieder im Geiste Revue passieren lassen. Aber als sie ihre Gefühle endlich verarbeitet hatte, war ihr klar geworden, dass es nur an Scott lag, der ihnen im Weg stand. Wenn ihr Bruder nicht wäre, dann wäre sie mit Zane im Bett gelandet, nackt und schweißglänzend.

Ihre Hoffnung war, dass Zane sich weniger Sorgen wegen ihres übertrieben beschützerischen Bruders machen würde, wenn der tausende Meilen entfernt war. Endlich wäre sie mit Zane allein und hätte ein wenig Privatsphäre – und nichts könnte sie mehr von einer leidenschaftlichen Nacht mit ihm trennen. Mehr brauchte sie sich nicht zu erhoffen, das wusste sie. Zane war ein Playboy, und Allison akzeptierte das. So war er nun mal, und außerdem wollte sie ihn mehr als jeden Mann, der ihr jemals begegnet war. Wenn sie ihre Trümpfe richtig ausspielte, könnte sie sich wenigstens diese Fantasie erfüllen, auch wenn es eine einmalige Sache bliebe.

„Soll ich ihm sagen, dass du auch kommst?“

Wenn sie Kianna am Telefon gehabt hätte, hätte Allison jetzt einen unanständigen Witz gemacht, aber bei ihrer Tante konnte sie sich das nicht erlauben. „Nein. Ich will ihn überraschen“, sagte sie bloß.

„Ich freue mich so, dass du kommst, Alli. Es ist schon viel zu lange her, dass wir uns gesehen haben.“

„Und ich freue mich auf ein paar Tage Entspannung.“

„Schreib mir, wann du ankommst. Dann schicke ich jemanden, der dich abholt.“

„Klingt perfekt. Dann bis morgen.“

Allison packte ihre Sachen zusammen, verabschiedete sich von Kianna und ging beschwingt hinaus auf den Parkplatz. Dort stieg sie in ihren Mercedes, drehte das Radio laut auf und machte sich auf den Weg zu ihrer neuen Wohnung, wo wahrscheinlich schon die „Muskelpakete“ mit ihren Kartons und Möbeln auf sie warteten. Ihre Sachen würde sie später auspacken. Der Plan war, die Jungs in die Wohnung zu lassen und dann zum Shoppen zu gehen. Schließlich brauchte sie dringend einen Sonnenhut, einen Sarong und den knappsten Bikini, den sie finden konnte. Dann würde sie sich ihren Schönheitsschlaf gönnen und am nächsten Morgen ins Flugzeug steigen.

Flugziel: das Paradies. Und natürlich Zane!

2. KAPITEL

Der Flug von Miami auf die Insel Eleuthera war nichts für schwache Nerven. Scotts Onkel und Tante, Hubert und Angelique, hatten für Zane einen Platz in einer winzigen Maschine reserviert. Doch Zane genoss das Gefühl der Freiheit, während sie über dem atemberaubend tiefen Blau des Atlantiks dahinglitten.

Als das Flugzeug auf dem Boden aufsetzte und über die schmale Landebahn holperte, setzte Zanes Herz einen Schlag aus. Ein paar hundert Meter weiter, und sie wären im Ozean gelandet. Als Zane aus dem Flugzeug stieg, atmete er tief die süße Luft der Bahamas ein. Er setzte seine Sonnenbrille auf und schaute sich um. Palmen rauschten im Wind, und am endlos blauen Himmel bauschten sich ein paar weiße Wolken. Das war genau das, was er gebraucht hatte.

Draußen vor dem Flughafen wartete ein Fahrer von Rose Cove, dem Urlaubsresort von Hubert und Angelique, auf ihn. Nach einem schnellen Stopp beim Zoll fand sich Zane auf einem Golfwagen wieder, der ihn zum Hafen brachte. Dort nahm ihn ein Schnellbootkapitän namens Marcus in Empfang und brachte ihn die letzten zwei Meilen hinaus nach Rose Cove Island vor dem südlichsten Zipfel von Eleuthera. Das Wasser war klar und ruhig, und der Wind spielte in Zanes Haar, während das Boot durch die Wellen schnitt und die Sonne ihn wärmte. Zane schaltete sein Handy aus. Er hatte nicht vor, sich davon ablenken zu lassen, während er seine Zeit im Paradies verbrachte. Schließlich wollte er nicht nur entspannen, sondern komplett abtauchen. Falling Brook, die Familie Lowell und Black Crescent – das alles war aus seinen Gedanken verschwunden.

Sie legten auf Rose Cove an, und beim Anblick der rosafarbenen Sandstrände stockte Zane der Atem. Marcus führte ihn über einen Pfad aus Muschelschalen durch ein tropisches Wäldchen. Im Schatten der Palmen war es gleich viel kühler. Bunte Vögel flatterten zwitschernd zwischen den Bäumen hin und her, und ab und zu huschte eine Eidechse über den staubigen Boden und versteckte sich unter einem Stein. Schließlich erreichten sie eine Lichtung, auf der ein einstöckiges weißes Haus im Kolonialstil stand. Um das ganze Gebäude zog sich eine Veranda. Drinnen lernte Zane endlich Scotts Tante Angelique kennen.

„Willkommen auf Rose Cove!“, rief sie, während sie um den Empfangstresen herumkam. Ihr freundlicher und entspannter Tonfall verriet, dass sie das Leben in einer viel gemütlicheren Geschwindigkeit anging als die meisten Menschen.

„Mein Neffe hat mir schon so viel von dir erzählt! Wir können uns doch duzen, oder? Schließlich gehörst du beinah zur Familie.“ Ihre Umarmung war warm und erinnerte ihn an Scotts restliche Familie.

„Du darfst nicht alles glauben, was Scott dir sagt“, scherzte Zane.

Angelique lächelte strahlend. „Er hat nur Gutes erzählt.“ Sie trat wieder hinter den Tresen und holte eine gefaltete Landkarte hervor. „Hier ist alles, was du über die Insel wissen musst. Das hier ist das Haupthaus, mein Mann Hubert und ich wohnen hier.“ Sie malte einen Kringel um das Gebäude, in dem sie sich gerade befanden. „Die zehn Bungalows sind darum herum verteilt und weit genug voneinander entfernt, dass man dort seine Privatsphäre hat. Du bist in Nummer acht untergebracht. Dazu gehören ein Stück Privatstrand mit Hängematte und ein eigener Pool. Die Bungalows sind ausgestattet mit Doppelbett, einem luxuriösen Badezimmer und einer gut bestückten Küche. Du kannst dir aber auch Frühstück, Mittagessen und Abendessen bringen lassen, wenn dir das lieber ist. Und jetzt wünsche ich dir einen schönen und entspannten Aufenthalt bei uns. Vielleicht willst du ja deiner Nachbarin in Nummer neun Hallo sagen. Sie wartet schon sehnsüchtig auf deine Ankunft.“

„Meiner Nachbarin?“ Möglicherweise war heute Zanes Glückstag. Eigentlich war ihm klar, dass es nicht gut für ihn war, sich ständig auf Frauengeschichten einzulassen. Besser wäre es, wenn er fischen und schwimmen ging und sich eine Auszeit von den sozialen Netzwerken und dem Internet gönnte.

„Meine Nicht Allison. Sie ist erst vor ein paar Stunden angekommen.“

Zane klappte die Kinnlade herunter. Was war das denn für ein Zufall?

„Allison ist hier? Auf dieser Insel?“, hakte er nach.

„Ist das ein Problem?“

Er schüttelte so energisch den Kopf, dass er beinahe seine Sonnenbrille verlor. „Natürlich nicht. Ich mag Allison, das kam nur sehr überraschend. Ich schaue auf jeden Fall vorbei und sage Hallo.“ Seit der Highschool hatten sie sich eigentlich kaum noch gesehen. Zane hatte ein Sportstipendium für ein College in North Carolina erhalten, und als er zurück nach Falling Brook gekommen war, war Allison bereits zum Studium in Los Angeles. Dort hatte sie auch ihre Firma gegründet.

Aber vor drei Wochen hatte Scotts Frau Brittney sie beide zu einer Überraschungsparty zum Geburtstag ihres Mannes eingeladen. In den Jahren, die er sie nicht gesehen hatte, war Allison nur noch hübscher geworden. Ihre schwarzen Locken waren zu einem Pferdeschwanz gebunden, und die braunen Augen schimmerten noch genauso warm wie früher. Der ganze Raum schien den Atem anzuhalten, wenn sie lächelte oder lachte. Sie war schon immer faszinierend gewesen, wie aus einer anderen Welt, und an diesem Abend hatte Zane den Blick nicht von ihr lösen können.

Die nächste Überraschung war, dass sie ihn einfach küsste. Der Kuss war sanft und sinnlich und so vollgepackt mit sexueller Spannung, dass Zane zu spüren meinte, wie die Erde unter seinen Füßen bebte. Er war so daran gewöhnt, in Allison nur die kleine Schwester seines besten Freundes zu sehen, dass er ihrem Sex-Appeal jetzt, da sie eine erwachsene Frau war, hilflos ausgeliefert war. Aber Scott war nur ein paar Zimmer entfernt gewesen, und ihm hätte er das niemals erklären können. Also hatte er das Undenkbare getan und Allison, die wunderschöne, betörende Allison, von sich geschoben.

„Ihr seid Nachbarn, also werdet ihr euch wohl früher oder später über den Weg laufen“, sagte Angelique.

Wie, um alles in der Welt, sollte er damit umgehen? Die Stimmung nach dem Kuss war angespannt und unangenehm gewesen.

Das ist falsch, Allison. Denk an deinen Bruder.

Hör auf, über Scott zu reden.

Aber er ist nur ein paar Zimmer weiter. Und er würde mir das niemals verzeihen.

Frauen waren für Zane eine angenehme Ablenkung. Nie zuvor hatte er eines der wichtigsten Dinge in seinem Leben für einen einzigen Kuss riskiert.

Er war so durcheinander gewesen und gegangen, ohne sich auch nur von Scott zu verabschieden. Allison hatte ihm gesagt, er würde überreagieren, aber Zane kannte seine eigene Schwäche, wenn es um Frauen ging. Und Allison war die eine Frau, die er auf keinen Fall haben durfte.

„Sicher, dass alles in Ordnung ist? Scott hat erwähnt, wie gestresst du bist.“ Besorgt schaute Angelique ihn an.

„Oh, ja. Sorry.“ Er musste sich zusammenreißen! Schön, er und Allison hatten sich geküsst. Aber das war doch keine große Sache. Scott würde nie davon erfahren, und es würde garantiert nicht noch mal passieren. Ende vom Lied.

„Brauchst du noch etwas?“

„Meinen Schlüssel, oder?“

„Auf Rose Cove gibt es keine Schlüssel. Aber du wirst trotzdem so zurückgezogen und privat leben, wie du es dir nur vorstellen kannst.“

Zane folgte den hölzernen Wegweisern zu den Bungalows Nummer acht und neun. Während er unter dem Blätterdach entlanglief, rief er sich wieder ins Gedächtnis, dass Allison tabu war. Er würde freundlich wie immer zu ihr sein, vielleicht würden sie sogar ein wenig Zeit miteinander verbringen, aber es würde keine weiteren Küsse geben. Scott war ihm einfach zu wichtig. Die Freundschaft zu ihm würde er niemals aufs Spiel setzen.

Jetzt kamen die zwei Bungalows in Sicht, die sich etwa hundert Meter voneinander entfernt in den schimmernden rosa Sand schmiegten. Der Anblick hätte schöner nicht sein können, und obwohl er wegen Allison nervös war, spürte Zane, wie er sich bereits entspannte.

Als er den Bungalow betrat, ging sein Blick sofort hinaus auf den Ozean. Aus dem offen angelegten Wohnzimmer führte eine Doppeltür hinaus auf die aus Terrakottafliesen bestehende Terrasse und den Pool, der von üppigen tropischen Pflanzen umgeben war.

Zane wollte keine Sekunde seines Urlaubs verschwenden. Rasch zog er seine Badeshorts an und sprang dann mit der Sonnenbrille auf der Nase in den tiefen Pool.

Das kühle Wasser war der perfekte Kontrast zur heiß brennenden Sonne. Zane strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht, stützte sich am Rand des Pools ab und genoss die herrliche Aussicht auf den Ozean. Die letzten Wochen – verdammt, die letzten Jahre – waren schwer für ihn gewesen, doch jetzt spürte er, wie all das langsam von ihm abfiel. Scott hatte ja so recht gehabt. Vielleicht sollte er sich einfach ein bisschen Zeit nehmen, um den Kopf frei zu bekommen. Dann würde er auch aufhören, ständig über Joshua Lowell und Black Crescent nachzudenken.

Plötzlich stach ihm etwas ins Auge. Oder jemand, um genauer zu sein. Aus dem anderen Bungalow kam eine Frau, die hinunter zum Wasser ging. Allison.

Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, doch Zane konnte trotzdem nicht anders, als den Anblick zu genießen – das Haar fiel ihr offen über die Schultern, der bunte Sarong leuchtete auf ihrer dunklen Haut, und darunter schauten ihre schlanken Beine hervor. Dort, wo die Wellen auf den Strand trafen, blieb sie stehen und schlenderte barfuß durch die Brandung.

Was sollte er jetzt tun? Zu ihr hinüberrufen? Oder ins eisige Wasser abtauchen und hoffen, dass er ihr die nächsten fünf Tage aus dem Weg gehen konnte? Die Frage würde sich gar nicht stellen, wenn Allison ihn nie geküsst hätte. Doch sie war tabu, eine verbotene Frucht, und wenn er es wagen sollte, nach ihr zu greifen, dann würde hinterher sein ganzes Leben in Scherben liegen.

Bevor er sich einen Plan zurechtlegen konnte, hatte Allison sich umgedreht und ihn entdeckt. Sofort begann Zanes Herz zu hämmern, als sie die Sonnenbrille ins Haar schob und ihm lächelnd zuwinkte. Himmel, es war wirklich unfair, wie schön sie war! Und sie kam genau auf ihn zu. Jetzt gab es kein Entkommen mehr. Zane musste versuchen, zwanglose Konversation mit der Schwester seines besten Freundes zu machen. Also verhielt er sich genau so, als wäre der Kuss niemals passiert, und winkte enthusiastisch zurück. „Allison, hallo!“

Allison konnte kaum glauben, dass das gerade wirklich passierte. Wie oft hatte sie sich irgendein Szenario ausgemalt, in dem Zane und sie ungestört waren? Unzählige Male! Und jetzt schien es, als wäre eine dieser Fantasien wahr geworden – ein perfekter sonniger Tag, keine Menschenseele in der Nähe, ein sanfter Wind, der ihr über die Haut strich.

Ihr Herz raste. Sie atmete tief durch, aber sie wurde das Gefühl nicht los, keine Luft zu bekommen. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie noch hyperventilieren. Aber diese Wirkung hatte Zane nun einmal auf sie. Es war, als würde die echte Allison die Kontrolle abgeben und eine andere Version von ihr das Ruder übernehmen. So war es schon gewesen, als sie noch dreizehn war und er sechzehn.

Aber sie waren beide keine Teenager mehr. Sie war achtundzwanzig Jahre alt und wusste, was sie wollte. Und sie wusste auch, dass ihr so eine Möglichkeit nicht noch einmal auf dem Silbertablett serviert werden würde. Man musste sich nehmen, was man wollte, sobald man die Gelegenheit dazu hatte. Langsam näherte sie sich Zanes Bungalow, während er aus dem Pool stieg und das Wasser seinen schlanken, muskulösen Körper hinablief. Allison wusste genau, was ihr Ziel war. Sie wollte spüren, wie sich dieser Körper an ihren drängte – nackt. Wollte Zanes Lippen überall auf der Haut fühlen. Sie wollte ihn, und sei es auch nur für ein paar Tage in diesem Paradies. Zane war kein Mann für eine gemeinsame Zukunft, aber er war definitiv der Typ für ein paar schöne Stunden.

„Hi“, sagte sie, als sie seine Terrasse betrat. Er trocknete sich gerade den Oberkörper ab. Zwar hatte sie ihn nur ein paar Mal ohne T-Shirt gesehen, aber seine Schultern waren immer noch so phänomenal wie früher. Seine wohldefinierten Brustmuskeln waren ein noch herrlicherer Anblick, und am liebsten hätte sie sie berührt, heiße Küsse darauf verteilt und die Hände weiter nach unten gleiten lassen, um mit der Kordel seiner Badeshorts zu spielen ...

„Ein seltsamer Zufall, was?“ Zanes Frage riss Allison aus ihren Fantasien. „Wir leben in verschiedenen Ecken der USA, machen aber gleichzeitig Urlaub im Resort deiner Verwandten.“

„Wirklich ungewöhnlich. Aber die Welt ist nun mal ein Dorf.“ Ihr fiel auf, wie angespannt er dastand. Er hielt das Handtuch noch immer vor seinem Oberkörper, als müsste er sich vor ihr verstecken. Die Stimmung war komplett falsch, und Allison musste das dringend ändern. „Willst du mich gar nicht umarmen?“

„Ähm, klar. Natürlich.“ Er schnappte sich sein T-Shirt von einem der Liegestühle und zog es über. Hm ... Das hieß wohl, dass sie es langsam angehen musste, wenn sie ihn nicht verschrecken wollte. Das Letzte, was ihr angeknackstes Selbstbewusstsein verkraften konnte, war ein weiteres Fiasko wie bei Scotts Geburtstagsfeier. Also umarmte sie ihn freundlich und unverbindlich, als wären sie nur zwei Freunde, die sich zufällig begegneten. Kurz und schmerzlos und überhaupt nicht das, was sie sich wünschte. Trotzdem reichte der kurze Körperkontakt aus, dass etwas Heißes, Sehnsuchtsvolles in Allison zum Leben erwachte.

„Also, was führt dich her?“, fragte Zane.

„Ich habe eine Auszeit gebraucht, und meine Tante wollte mich schon lange wiedersehen.“

„Hast du viel Stress auf der Arbeit?“

Allison wies auf einen der Liegestühle. „Darf ich?“

„Oh, natürlich. Möchtest du was trinken?“

„Nein, danke.“ Allison atmete tief durch. „Also ... Ich habe gerade erst mit meinem Freund Schluss gemacht. Wir haben zusammengewohnt, es war also ziemlich kompliziert. Der Umzug und all das ...“

Auf der Liege neben ihrer lehnte Zane sich zurück und schlug die Beine übereinander. „Das tut mir leid. Wenn du eine Schulter brauchst, an der du dich ausweinen kannst: Ich bin ein guter Zuhörer. Und für die Familie Randall würde ich sowieso alles tun. Ich stehe tief in eurer Schuld.“

„Wieso das?“

„Wo soll ich anfangen? Euretwegen hat sich mein ganzes Leben zum Guten geändert. Ihr habt mich unterstützt, als ich meinen absoluten Tiefpunkt erreicht hatte.“

Allison machte eine wegwerfende Handbewegung. Zane tat so, als hätte er eine Lebensschuld abzutragen, aber in Wirklichkeit hatte er auch viel für ihre Familie getan. Scott und sie, die sie beide sehr behütet aufgewachsen waren, hatten durch ihn erst gelernt, ihre Kindheit richtig zu schätzen. „Machst du Witze? Meine Eltern lieben dich. Und Scott ist sowieso ganz verrückt nach dir.“

Plötzlich klingelte ihr Handy, das sie in ihr Bikini-Oberteil gesteckt hatte. Leider konnte sie es sich zurzeit nicht leisten, ihr Handy stummzuschalten. Sie warf einen Blick auf das Display. Scott! Er hatte wirklich ein Talent dafür, sich in den unpassendsten Momenten zu melden. Aber wenn sie jetzt nicht ranging, würde er nur noch entschiedener Telefonterror betreiben.

„Wenn man vom Teufel spricht“, sagte sie. „Das ist mein Bruder.“ Sie nahm ab. „Scott! Haben dir etwa die Ohren geklingelt? Wir haben gerade von dir gesprochen.“

„Was soll das, Allison? Du bist auf Rose Cove, während Zane auch da ist?“

Natürlich hatte er damit ein Problem.

„Ja, stell dir vor. Ich mache diese verrückte Sache, bei der man an einen anderen Ort fährt und sich entspannt. Urlaub heißt das, glaube ich. Solltest du auch mal ausprobieren.“

Sie war einen Blick auf Zane, in der Hoffnung, dass ihr Scherz ihm ein Lächeln entlocken konnte. Aber falsch gedacht. Auf Zanes attraktivem Gesicht zeigte sich nur Sorge, und diesen Ausdruck kannte Allison nur allzu gut.

„Läuft da irgendwas zwischen euch?“, fragte Scott. „Glaub nicht, ich hätte nicht bemerkt, wie seltsam ihr euch an meinem Geburtstag aufgeführt habt.“

Scotts Beschützerinstinkt in allen Ehren, aber es war anstrengend, mit seiner strengen Kontrollsucht zu leben. „Wir verbringen bloß Zeit zusammen. Schließlich sind wir auch Freunde.“

Zane räusperte sich. „Gib mir mal dein Handy.“

Allison schüttelte den Kopf und drückte das Handy an die Brust. „Nein, ich regle das schon. Es ist doch lächerlich, dass er sich aufregt, bloß weil wir am Pool sitzen und uns unterhalten. Scott muss endlich mal lernen, das entspannter zu sehen.“ Erneut hob sie das Handy ans Ohr. „Wenn du mir nichts Nettes sagen willst, dann lege ich jetzt auf und genieße weiter meinen Urlaub.“

„Zane ist nur verreist, um Frauen aufzureißen“, platzte Scott heraus. „Das hat er mir selbst gesagt. Und ich will nicht, dass du dich von ihm einlullen lässt. Das nimmt kein gutes Ende, schon gar nicht, wenn du gerade eine Trennung hinter dir hast.“

Allison murmelte etwas Unverständliches. Sie brauchte nicht daran erinnert zu werden, dass Zane noch tausend andere Frauen hatte, die nur auf ihre Chance mit ihm warteten. „Okay. Klingt toll.“

„Du hörst mir gar nicht zu. Du gibst nur die Antworten, von denen du willst, dass Zane sie hört.“

„Japp. Da hast du recht. Sonst noch was? Ich muss dann auch los.“

„Hast du den Wetterbericht gehört? Über dem Atlantik braut sich ein Sturm zusammen. Gut möglich, dass er die Karibik erreicht. Außerdem hieß es, dass er sich wahrscheinlich zu einem richtigen Hurrikan auswächst.“

Allison blickte auf. Nicht ein Wölkchen war am Himmel zu sehen. „Du bist echt schräg, wenn es ums Wetter geht. Ich mache mir keinen Sorgen wegen eines Sturms, der einen ganzen Ozean entfernt ist. Außerdem ist es Juni, und die Hurrikansaison hat gerade erst angefangen. Angelique und Hubert sagen uns bestimmt Bescheid, falls es ernst werden sollte. Und jetzt konzentrier dich wieder auf dein eigenes Leben. Gib den Kids ein Küsschen von mir.“

„Ich ruf dich morgen wieder an. Und wenn Zane was versucht, dann hau ihm eine rein. Oder erinnere ihn daran, dass ich ihn umbringe, wenn er dich anfasst.“

„Alles klar. Hab dich lieb.“ Damit legte Allison auf. „Tut mir leid. Er ist einfach paranoid, weil er glaubt, zwischen uns läuft was.“

Zane stand auf und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Auf seiner Stirn erschienen tiefe Sorgenfalten. „Du musst ihn zurückrufen und ihm sagen, dass da gar nichts zwischen uns ist. Oder ich mache das. Gib mir dein Handy.“

Allison lehnte sich zurück und machte sich nicht die Mühe, den Sarong hochzuziehen, als er zur Seite fiel und ihre Beine entblößte. Sie liebte es, wie Zane versuchte, nicht hinzuschauen ... und es nicht schaffte. Wollte er sie genauso, wie sie ihn wollte? Sehnte er sich nach ihren Berührungen? Ihren Küssen? Bei dem Gedanken daran, dass sie ihre ganze unterdrückte Leidenschaft für ihn endlich ausleben könnte, hier in diesem Paradies, wo sie allein miteinander waren, erschauerte sie. Am liebsten hätte sie den Sarong ganz aufgeknotet, mehr von ihrer nackten Haut gezeigt, vielleicht mit den Fingern am Rand ihres Bikini-Oberteils gespielt, um seinen Blick dorthin zu lenken. Aber sie musste es langsam angehen. „Mach dir keine Sorgen wegen Scott. Er will nur auf mich aufpassen. Eine seiner schlechten Angewohnheiten.“

„Du weißt, warum er dich beschützen will. Es gibt einen guten Grund dafür.“

Das wusste Allison nur zu gut, aber sie war noch ein kleines Mädchen gewesen, als sie so krank geworden war. Ihre Erinnerung daran war verschwommen. Und was am wichtigsten war: Jetzt war sie kerngesund und der Krebs seit über zwanzig Jahren verschwunden. Ihre Familie musste endlich aufhören, sie zu behandeln, als wäre sie aus Glas. „Gerade weil meine Familie ständig dabei ist, finde ich, wir sollten die Gelegenheit nutzen, Zeit zu zweit zu verbringen. Schließlich sind wir doch Freunde, oder?“

„Ich weiß nicht.“

„Wie, du weißt nicht, ob wir Freunde sind?“

Er schüttelte den Kopf, offensichtlich frustriert. Das lief nicht nach Plan für Allison. Sie wollte, dass er sich entspannte.

„Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn wir Zeit miteinander verbringen.“

„Wovor hast du Angst, Zane? Dass ich dich wieder küsse?“ Vielleicht war es am besten, das einfach direkt anzusprechen. Wenn er sie wirklich nicht wollte, dann wollte Allison das lieber gleich wissen.

„Zum Beispiel, ja.“

Fest presste Allison die Lippen aufeinander. In diesem Augenblick traf sie eine Entscheidung: Falls in diesem Urlaub etwas zwischen ihnen passieren würde, dann würde Zane den ersten Schritt machen. Wenn er sie wollte, dann musste er ihr das zeigen. Sie würde ihr Herz und ihren Stolz kein zweites Mal aufs Spiel setzen. „Ich verspreche, ich werde dich nicht küssen, in Ordnung? Versprich du mir einfach, dass du nicht so tust, als hättest du Angst vor mir. Ich weiß nämlich, dass du das nicht hast.“

„Natürlich hab ich keine Angst.“

„Dann beweis es. Lass mich dich zum Abendessen einladen. Ich koche.“

Nervös fuhr sich Zane mit der Zunge über die Lippen. Allison liebte diese Angewohnheit, eine kleine Geste, die zeigte, dass er sich nicht entscheiden konnte.

„Nur Abendessen? Nichts weiter?“

Allison band ihren Sarong wieder zu und stand auf. „Ich muss dich warnen. Es könnte nämlich gut sein, dass du den heutigen Abend in vollen Zügen genießt.“ Sie tätschelte ihm die Schulter. „Ich bin nämlich eine verdammt gute Köchin.“

3. KAPITEL

Allison war gegangen, doch Zanes Körper kribbelte immer noch vor Anspannung, und sein Verstand bemühte sich, zu verarbeiten, was eben geschehen war. Wenn Scott wüsste, was ihm gerade alles durch den Kopf ging, dann würde er ihn umbringen. Es wäre ein qualvoller, schmerzhafter Tod, um ihm die Nachricht unmissverständlich einzubläuen: Allison war tabu und würde es immer sein.

Doch hier, auf dieser winzigen Insel, mehr als tausend Meilen entfernt von seinem besten Freund, konnte Zane seine wirbelnden Gedanken und das pulsierende Prickeln in seinem Körper nicht länger ignorieren. Sobald Allisons Sarong zur Seite gerutscht und ihre vollen, glatten Oberschenkel entblößt hatte, ein Stück ihres flachen Bauches und die Stelle ihrer Hüften, wo der Bikini nur von einem dünnen Stück Schnur gehalten wurde ... In diesem Augenblick wäre es beinah um seine Selbstbeherrschung geschehen gewesen. Am liebsten wäre er vor ihr auf die Knie gesunken, hätte sich langsam einen Weg ihre endlos langen Beine hoch geküsst, bis er an ihrer Hüfte ankam. Und wenn er schon mal da war, musste er auch diesen neckischen Knoten lösen, am besten mit den Zähnen, während sie die Finger in sein Haar schob und stöhnend seinen Namen hervorstieß ...

Wenn er sich solchen Fantasien hingäbe, wäre das sein Ende.

Er ging nach drinnen und öffnete den Kühlschrank. Am liebsten hätte er den Kopf hineingesteckt, um sich abzukühlen, aber nichts konnte die Gedanken an Alice vertreiben. Frustriert ging Zane ins Schlafzimmer. Es gab nur einen Weg, darüber hinwegzukommen, und eine kalte Dusche würde nichts bringen.

Er zog sich aus und legte sich aufs Bett. Das kühle Laken fühlte sich gut an auf seiner heißen Haut. Es war Zeit, die Dinge wortwörtlich selbst in die Hand zu nehmen.

Zane umschloss seine Erektion, machte die Augen zu und erlaubte es sich ausnahmsweise, an Allison zu denken. Ihr glänzendes Haar, ihre warmen, dunklen Augen, ihre vollen Lippen, ihr Lächeln, das Eis zum Schmelzen bringen konnte. Ihre schlanken Beine und kurvigen Hüften. Ihre sinnlichen Brüste. Stöhnend begann er, die Hand auf und ab zu bewegen, während er sich vorstellte, wie es wäre, Allison wieder zu küssen – diesmal ohne Hemmungen. Ihre Zunge in seinem Mund, heiß und feucht und verführerisch.

Die Anspannung in ihm wurde stärker, und er wusste, dass er es nicht mehr lange aushalten würde. Er dachte an Allison, wie sie nackt auf ihm saß, wie warm und weich sie sich anfühlen würde. Wie es sein würde, in ihr zu sein, so unendlich nah bei ihr, ihren Duft zu riechen und sie zum Höhepunkt zu bringen. Bei dem Gedanken daran drückte Zane den Rücken durch, atmete zitternd ein – und kam.

Erleichtert ließ er sich auf das Kissen zurücksinken und öffnete langsam die Augen. Über ihm drehte sich leise surrend der Ventilator an der Decke. Bis zum Abendessen waren es noch vier Stunden. Hoffentlich hatte ihm diese kleine Episode genug Erleichterung verschafft. Jetzt wollte er nur noch duschen, vielleicht ein paar Kapitel in seinem Buch lesen und ein Nickerchen machen.

Um fünf vor sechs machte sich Zane auf den Weg hinüber zu Allisons Bungalow. Er trug Jeans und ein Hemd, bei dem er die Ärmel hochgekrempelt hatte. Die Schuhe hielt er in der Hand und lief barfuß durch den warmen Sand. Über dem Meer ging langsam die Sonne unter und färbte den Himmel orange und rosa. Es klang vielleicht kitschig, aber Rose Cove Island war wirklich ein Paradies auf Erden. So bald wollte Zane hier nicht mehr weg.

Allison hatte alle Fenster und Türen in ihrem Bungalow geöffnet, und so sah er schon von Weitem, wie sie in der Küche herumfuhrwerkte. Zane hoffte wirklich, dass das hier nur ein Abendessen unter Freunden war. Der Kuss war Vergangenheit, und das sollte er auch bleiben.

„Klopf, klopf“, sagte er und trat durch die Terrassentür. „Ich habe eine Flasche Wein mitgebracht, aber ich kann nicht wirklich behaupten, dass ich sie ausgesucht habe. Schließlich hat deine Tante meinen Kühlschrank gefüllt.“

Allison drehte sich um und lächelte ihm zu. Sie trug einen luftigen schwarzen Rock und ein dunkelblaues Top, war barfuß und hatte das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie sah atemberaubend natürlich aus – einfach perfekt.

Sie ist die kleine Schwester deines besten Freundes. Sei kein Idiot.

Das war neuerdings Zanes Mantra, und er würde es so lange wiederholen, bis es sich tief in sein Unterbewusstsein eingegraben hatte.

„Schön, dass du da bist.“ Allison nahm ihm die Weinflasche ab und brachte sie in die Küche. Keine Umarmung. Kein Kuss auf die Wange.

Zane war erleichtert und gleichzeitig ein wenig enttäuscht. „Oh, weißt du, ich hatte so viele Einladungen für heute Abend, es ist mir richtig schwergefallen, mich zu entscheiden“, scherzte er und setzte sich auf einen der hohen Hocker vor der Küchentheke.

Allison lachte und reichte ihm dann den Korkenzieher. „Hier, mach dich mal nützlich.“

„Jawohl, Ma’am.“ Zane öffnete die Flasche, und da die Küche genauso eingerichtet war wie die in seinem Bungalow, hatte er auch keine Probleme, zwei Weingläser zu finden. Er reichte ihr eines. „Auf die Freundschaft“, sagte er.

„Ja. Auf die Freundschaft.“ Allison nahm einen Schluck, ohne ihn anzusehen.

Hatte er sie zu sehr vor den Kopf gestoßen? Er wollte doch nur, dass keiner von ihnen verletzt wurde. „Hast du schon welche von den anderen Gästen kennengelernt?“, fragte er.

Kopfschüttelnd schaute sie in einen der Töpfe. „Nein. Angelique war vorhin hier und hat mir erzählt, dass ein paar Leute ihre Reservierung storniert haben, weil eine Hurrikanwarnung rausgegeben wurde. Aber mach dir keine Sorgen. Angelique und Hubert sagen beide, dass der Wetterbericht oft unzuverlässig ist. Und den Berechnungen zufolge könnte der Sturm in alle möglichen Richtungen abdrehen.“ Sie wies nach draußen. „Sieh dir nur mal den klaren Himmel und den herrlichen Sonnenuntergang an. Da ist kein Sturm im Anmarsch.“

„Wahrscheinlich hast du recht.“

„Entspann dich, Zane. Du bist doch im Urlaub, um Stress abzubauen. Und das Abendessen ist gleich fertig.“

War er etwa nicht entspannt genug? „Was gibt es denn?“

„Als Vorspeise eine Ceviche aus Meeresschnecken mit Limette und frischem Chili und dann gebratene Krabbe mit Reis und Straucherbsen. Die Rezepte sind alle von meiner Mutter.“

„Deswegen riecht es hier so lecker! Das erinnert mich an deine Mom und wie es bei euch zu Hause war.“

„Bestimmt hat sie das schon oft für dich gekocht, wenn du bei uns warst.“ Allison füllte die Ceviche auf zwei kleine Teller und streute frische Kräuter darüber.

„Das ist alles schon ewig her.“ Zeit mit Allison zu verbringen und über früher zu sprechen war für Zane gleichzeitig nostalgisch und schmerzhaft. Viel schlimmer als die finanziellen Schwierigkeiten war es für ihn gewesen, mit ansehen zu müssen, wie die Ehe seiner Eltern in die Brüche ging. Allison erinnerte ihn sowohl an die Dinge, die er liebte, als auch an die, die er lieber vergessen würde. Kein Wunder, dass er in ihrer Nähe immer so angespannt war. „Damals warst du noch ein kleines Mädchen, oder? Du kannst nicht älter als dreizehn gewesen sein.“

Sie warf ihm einen strengen Blick zu. „Okay, ich habe nichts dagegen, von der guten alten Zeit zu schwärmen, aber können wir bitte nicht darüber reden, wie seltsam ich als Teenager war?“

„Warum nicht? Ich fand dich damals richtig cool. Du hast all diese Bücher gelesen, von denen ich vorher noch nie gehört hatte. Dein Musikgeschmack war einzigartig, genauso wie dein Stil. Ein langes Kleid mit Blumenmuster und dazu Springerstiefel – so was hast du früher getragen.“

Allison wurde rot und versuchte, ihr Lächeln zu verbergen. „Hör auf! Das ist peinlich.“

Zane liebte es, dass sie eine gemeinsame Vergangenheit hatten und er sie necken konnte. Allison hatte sich immer bemüht, taff und unnahbar zu wirken, aber Zane hatte schon immer vermutet, dass ihr doch etwas an der Meinung der anderen lag. „Ich sage nur die Wahrheit. Das ist mir sofort an dir aufgefallen. Du wusstest schon immer ganz genau, wer du bist. Ganz im Gegensatz zu mir.“

„Ich denke, du hast schon immer genau gewusst, wer du bist. Du warst nur nicht zufrieden mit dir.“

Einen Augenblick lang schien die Zeit stillzustehen. War das wirklich der Grund für Zanes Probleme? Oder lag es vielmehr an den Lowells und dem Schmerz, den sie seiner Familie zugefügt hatten? „Na ja“, antwortete er ausweichend, „ich bin eben nicht der philosophische, tiefgründige Typ. Gib mir was zu essen, und ich bin glücklich.“ Er lächelte, in der Hoffnung, dass er die Stimmung aufgelockert hatte.

„Dann habe ich das Richtige für dich.“ Sie nahm die Teller mit der Ceviche.

Zane versuchte, sich zu entspannen. Das hier war schließlich ein netter Abend unter Freunden. Mehr nicht. „Sollen wir auf der Terrasse essen?“

Allison wollte sich ja nicht selbst loben – aber das Essen war fantastisch. Selbst ihre Mutter und Tante Angelique hätten nichts zu beanstanden gehabt.

Zane lehnte sich in einem der Liegestühle zurück, rieb sich den vollen Bauch und betrachtete die Sterne.

„Das war unglaublich. Vermutlich werde ich nie wieder irgendetwas essen können.“

„Du hast dir sogar noch Nachschlag geholt. Ich bin beeindruckt.“

Er schenkte ihr ein Lächeln, und selbst in dem schwachen Licht, das aus dem Haus zu ihnen drang, fiel ihr auf, wie unglaublich gut er aussah. Seine Lippen luden geradezu zum Küssen ein, seine Augen funkelten, und er hatte das Lächeln eines Herzensbrechers. Ihr stockte der Atem – eine Reaktion auf ihn, die sie bereits von früher kannte.

„Wie ich gesagt habe, gib mir was zu essen, und ich bin glücklich. Du hast mich so gut verköstigt, dass ich mich geradezu euphorisch fühle.“

Das war immerhin schön zu hören, aber dieser ganze Abend erinnerte Allison schmerzhaft an die Vergangenheit. Sie gingen miteinander um wie alte Freunde, obwohl sie sich mehr wünschte. Und dieser Wunsch nach mehr, nach mehr mit ihm, würde niemals verschwinden, bis sie dem Drängen nachgegeben hatte.

„Hast du Lust, dir dieses Festessen morgen wieder abzutrainieren?“ Die Formulierung war vielleicht ein wenig zweideutig, aber Allison ließ es darauf ankommen.

„Woran hast du gedacht?“ Zane schaute wieder in den Nachthimmel und ließ die Chance, mit ihr zu flirten, ungenutzt verstreichen.

Jede andere Frau wäre jetzt vielleicht entmutigt gewesen, aber Allison war nicht so weit gekommen, um einfach aufzugeben. „Wir könnten schnorcheln gehen. An der Nordküste der Insel ist das Wasser unglaublich klar. Wenn wir Glück haben, sehen wir sogar ein paar Schildkröten.“

Nachdenklich fuhr sich Zane mit der Zunge über die Lippen. Wollte er sie absichtlich in den Wahnsinn treiben?

„Das hört sich gut an. Wann willst du los?“

Am liebsten würde Allison den ganzen Tag mit ihm verbringen, und mittags würde die Sonne sowieso zu heiß brennen, da konnte man nicht viel Zeit im Wasser verbringen. „Wenn du es aus dem Bett schaffst, ist es morgens am besten. So um neun?“

Just in diesem Augenblick klingelte ihr Handy. Es war einer der Kandidaten für den Posten des CEO bei Black Crescent. „Tut mir schrecklich leid, aber da muss ich rangehen. Wenn du möchtest, kannst du schon aufbrechen. Wir sehen uns dann morgen. Hallo? Ryan?“

„Miss Randall, ich bin so froh, dass ich Sie erreiche.“

Allison wollte gerade nach drinnen gehen, da spürte sie Zanes Hand auf ihrer Schulter. Bei der Berührung wurde ihr ganz schwindelig. Es war unglaublich, was er für eine Macht über sie hatte. Wenn tatsächlich jemals etwas zwischen ihnen laufen sollte, würde sie wahrscheinlich einfach in Flammen aufgehen.

„Hey, ich dachte, wir machen uns einen schönen Abend zu zweit.“ Zane warf einen Blick zu ihrem Handy. „Und jetzt gibst du mir für einen anderen den Laufpass?“

Allison schluckte. „Ryan, können Sie eine Sekunde dranbleiben? Es dauert nicht lange.“ Sie schaltete den Anruf stumm. „Der Abend war wirklich nett, aber man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist, richtig?“ Sie wollte Zane nicht wirklich loswerden, aber dieser Anruf war sehr wichtig. Hier ging es nicht nur um ihre Zukunft, sondern auch um Kiannas.

„Schon, aber ich darf dich daran erinnern, dass du diejenige warst, die große Töne vor deinem Bruder gespuckt hat. Von wegen Urlaub und Entspannung. Ich habe mein Handy komplett ausgeschaltet. Es liegt sogar noch in meinem Bungalow.“

„Das hier ist beruflich, okay?“ In diesem Moment wurde Allison klar, dass es um mehr ging als nur ihre Arbeit. Es ging um Black Crescent, und wenn Zane herausfand, dass sie ausgerechnet für diese Firma arbeitete, würde er ihr das niemals verzeihen. Der Entschluss, für Black Crescent zu arbeiten, war ihr leichtgefallen, solange Zane auf der anderen Seite des Kontinents wohnte. Außerdem war es fünfzehn Jahre her, seit Vernon Lowell das Geld veruntreut und sich aus dem Staub gemacht hatte, und mittlerweile fällten bei Black Crescent wieder anständige Leute die Entscheidungen. Aber jetzt, da Zane so nahe bei ihr stand und sie sich wieder an ihre gemeinsame Jugend erinnerte, wurde Allison klar, wie betrogen und verraten er sich fühlen musste, wenn er die Wahrheit herausfand....

Autor

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