Cinderella und der einsame König

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Eigentlich muss König Octavio von Castilona eine Prinzessin heiraten, um sein Land in friedliche Zeiten zu führen. Doch in einer schicksalhaften Nacht, in der sein geliebter Onkel sein Leben verliert, begegnet er im Krankenhaus einer zarten Blondine – der Reinigungskraft Phoebe James. Auf der Suche nach Trost und menschlicher Wärme entflammt das einsame Herz des Königs in wildem Verlangen für diese mitfühlende Schöne. Das kein royales Gesetz bändigen kann, das gefährlich für die Krone ist und dennoch stärker als jede Himmelsmacht …


  • Erscheinungstag 14.04.2026
  • Bandnummer 082026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541794
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Clare Connelly

Cinderella und der einsame König

PROLOG

Schon als Neunjähriger wusste Kronprinz Octavio de la Rosa einige Dinge mit Bestimmtheit: dass es sein Schicksal war, eines Tages über das wohlhabende Inselkönigreich Castilona zu herrschen, dass er jeden Tag seines Lebens auf diese Aufgabe vorbereitet wurde und dass seine Mutter das schönste, vollkommenste Wesen auf der ganzen Welt war. Er liebte sie über alles. Außerdem wusste er, dass er es verabscheute, wenn seine Eltern verreisten.

„Es sind ja nur zwei Nächte, Liebling.“ Königin Eleanora hockte sich hin – mühelos anmutig trotz ihres Abendkleids. „Und nach unserer Rückkehr kannst du uns zeigen, wie viel du gelernt hast.“

Octavio verzog das Gesicht. Zu seiner Ausbildung gehörte auch das Klavierspielen. Seine Mutter, eine begabte Musikerin, bestand darauf. Obwohl er Talent besaß, bereiteten ihm weder Unterricht noch Üben Freude. Der einzige Lichtblick bei der Abwesenheit seiner Eltern war, dass er sich vor dem Klavierspielen drücken konnte.

„Es ist mein Ernst, Tavi. Lass nicht nach.“ Königin Eleanora zwinkerte ihm zu, stand auf und wuschelte ihm durch die Haare.

Octavio nickte und wandte sich seinem Vater zu. König Miguel nestelte an einem diamantbesetzten Manschettenknopf. „Sei artig, ja?“, sagte er, mit den Gedanken schon beim bevorstehenden Abend. „Und ruf an, falls du etwas brauchst.“

Wieder nickte Octavio. Er hasste das Gefühl, das plötzlich in seine Brust strömte. „Okay, Tschüss.“ Lässig und entspannt wollte er wirken.

Seine Mutter durchschaute ihn, nahm seine Hand und drückte sie. „Zwei Nächte, Liebling. Vergiss nicht …“ Sie wartete darauf, dass er den Satz beendete.

„Die Sterne werden uns immer verbinden.“ Er wiederholte die Worte, die er auswendig kannte, seit er in noch jüngeren Jahren bei jeder Auslandsreise seiner Mutter in Tränen ausgebrochen war. Sie hatte ihm beigebracht, zu den Sternen hinaufzublicken und daran zu denken, dass sie es ebenfalls tat, sodass der Himmel sie beide vereinte.

Der Satz beruhigte ihn. Er beobachtete, wie seine Eltern den eleganten Raum verließen. König Miguel legte einen Arm um die Taille seiner Frau. Sie beugten die Köpfe dicht zueinander und unterhielten sich. Um sie schien sich ein Kokon zu bilden, der bewies, wie glücklich und verliebt sie waren.

Octavio schaute ihnen nach, bis sie außer Sichtweite gerieten. Darüber würde er immer froh sein, denn es war das letzte Mal, dass er seine Eltern sah. Wenige Tage später waren sie tot – was sein Leben für alle Zeiten veränderte. Bald war Prinz Octavio de la Rosa ganz und gar allein.

1. KAPITEL

Neunzehn Jahre später

Durch die Fenster in der renommierten Clínica San Carlos hatte König Octavio de la Rosa einen ungehinderten Blick auf seinen Palast. Den Ort, der seine Identität bestimmte: König dieser Insel im Mittelmeer. Der Himmel war pechschwarz. Tiefe Wolken blendeten sogar die Sterne aus, als gäbe es im Himmel keinerlei Licht mehr. Die Dunkelheit war beinahe so trostlos wie Octavios Stimmung.

Er saß auf einem Sessel, während Trauer ihn erfüllte. Trauer um seinen Onkel Rodrigo, der heute gestorben war – und mit ihm die letzte Verbindung zu Octavios früherem Leben. Vor dem Unfalltod seiner Eltern. Bevor er zur Waise geworden und sein Leben auf den Kopf gestellt worden war. In die tiefe Trauer mischte sich eine dunkle Wut, derart intensiv, dass sie ihn regelrecht versengte, dazu Frust, Verzweiflung und das grässliche Gefühl, endgültig allein auf der Welt zu sein.

In Wirklichkeit stimmte das nicht.

Als König konnte er selten allein sein. Aber Rodrigo war das letzte Bindeglied zu seinen Eltern gewesen. Seine Mutter hatte oft gescherzt, dass sie vielleicht ihn geheiratet hätte, wenn sie ihm zuerst begegnet wäre. Dieser Mann war nun tot. Octavio hatte ihn nicht retten können. Vielleicht, wenn er früher von Rodrigos Zustand erfahren hätte?

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Unwillkürlich blickte er hoch. Eine Putzfrau kam in die luxuriöse Suite. Er hatte diese Frau schon einmal hier gesehen. Selbst in seiner Trauer war sie ihm aufgefallen. Sie war schön, aber noch mehr als das. Anmutig wie eine Ballerina, und in ihren Gesten lag eine gewisse Wehmut.

Die Klinik war nicht nur für ihre medizinischen Spitzenleistungen bekannt, sondern wies auch Merkmale eines Fünfsternehotels auf. So gab es mehrere Suiten wie diese für die Gäste von Patienten. Für Octavio war die luxuriöseste Suite reserviert worden, damit er ganze Tage neben dem Krankenbett seines Onkels wachen konnte.

Nicht, dass es etwas bewirkt hätte.

Ihm drehte sich der Magen um. Er fühlte sich ohnmächtig vor Zorn, weil er Rodrigo nicht hatte helfen können.

Mit gesenktem Kopf leerte die Frau den Mülleimer. Offenbar war ihr genau wie den Angestellten in Octavios Palast eingeschärft worden, unauffällig zu bleiben.

Bisher hatte ihn das nie gestört. Er war sein Leben lang von Personal umgeben gewesen und hatte sich an das ständige Eindringen anderer Leute in seinen Bereich gewöhnt. Trotzdem ärgerte ihn der Versuch der Frau, bescheiden in den Hintergrund zu rücken.

Er führte seine Reaktion auf die Trauer zurück. Auf den Schock, vor kaum einer Stunde am Bett seines Onkels zu sitzen, als die Maschinen plötzlich schrill piepsten und eine Nulllinie auf dem Monitor des Elektrokardiogramms erschien.

Bald würde er in den Palast zurückkehren, doch er brauchte noch etwas Zeit, um den Verlust seines Onkels zu verarbeiten.

Um zu klären, was er als Nächstes tun sollte.

Rodrigos Tod war vermeidbar gewesen. Die Wahrheit lautete: Ein Onkel hatte den anderen praktisch umgebracht, und Octavio musste überlegen, wie er damit umgehen sollte.

Jetzt stellte die Frau Gläser auf ein Tablett. Ihre Finger schienen ebenso zart wie geschickt zu sein. Unverhohlen starrte er sie an, wie jemand, der einer Aufführung zuschaute. Ihre dunkelblaue Uniform bestand aus einem knielangen taillierten Kleid, das bis oben durchgeknöpft war. Die elegante Linie ihres Halses erinnerte Octavio an die eines Schwans. Sie hatte die langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, was ihren Alabasterteint zur Geltung brachte. Falls sie Make-up trug, musste es minimal sein. Ihre Haut wirkte makellos, und die weit auseinanderstehenden Augen waren auffallend grün. Als könnte sie spüren, dass Octavio den Farbton einzuordnen versuchte, sah sie rasch zu ihm. Als ihre Blicke sich trafen, färbten sich ihre Wangen prompt rosig. Sie öffnete die Lippen leicht, atmete rasch aus, schaute wieder weg und kehrte ihm den Rücken zu.

Frust, Wut und Gereiztheit in ihm wuchsen.

Plötzlich wollte er nicht, dass diese Frau seine Teller und Gläser wegräumte, und tat, als wäre sie nicht hier.

„Wie heißen Sie?“ Seine Stimme klang schroff, weil er lange geschwiegen hatte.

Sie straffte die Schultern und drehte sich zu ihm um. Aus ihrer Miene sprach eine Zurückhaltung, die ihn hätte mahnen sollen. Er war nicht er selbst. Nicht mal annähernd. Eigentlich war Octavio bekannt für seine Selbstbeherrschung, die er den Prüfungen seines Lebens verdankte.

In diesem Moment fühlte er sich allerdings kein bisschen beherrscht.

Durch seine Adern pulsierten Empfindungen, die sich nicht kontrollieren ließen. Er spürte Sehnsucht nach etwas, das er nicht erklären konnte.

„Ich habe Sie nach Ihrem Namen gefragt.“

Sie blinzelte rasch, und der linke Mundwinkel zuckte ganz leicht nach unten. Ihre Lippen waren üppig und pinkfarben. „Phoebe.“ Die Stimme hörte sich weich an, genauso, wie ihre Haare wirkten.

„Phoebe …?“

„Phoebe, Eure Majestät.“

Die finsteren Gefühle in seinem Bauch schienen sich zu winden. Er wollte jetzt nicht Eure Majestät sein. Wie anders hätte sein Leben verlaufen können, wenn er nicht in eine königliche Familie hineingeboren wäre? Wenn seine Eltern nicht um des Königreichs willen verreist wären und sein Onkel Mauricio nicht unbedingt den Thron an sich hätte reißen wollen? „Ich meinte Ihren vollständigen Namen.“

„Oh, verstehe.“ Schnell fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Unterlippe – woraufhin eine unerwartete und nicht gänzlich unwillkommene Hitze in Octavios Körper aufstieg. „Phoebe James“, antwortete sie mit leichtem Akzent.

Woher stammte sie? Warum war sie in Castilona? Gefangen im Nebel seiner Trauer konzentrierte sich Octavio auf diese Frau, auf die Ablenkung, die sie möglicherweise bot. „Nehmen Sie Platz.“ Er zeigte auf den Sessel gegenüber, wohl wissend, dass er nicht das Recht besaß, es von der Frau zu verlangen. Möglicherweise fühlte sie sich unter Druck, seiner Bitte nachzukommen, weil er war, wer er war. „Falls Sie Zeit haben“, murmelte er, um die Aufforderung abzumildern.

Sie zögerte, und sofort bereute er seine letzte Bemerkung. Wenig später ging Phoebe zum Sessel, blieb dahinter stehen und legte eine Hand auf die Rückenlehne. Sie setzte sich nicht, war Octavio jetzt allerdings näher. Ein Hauch ihres Dufts nach Vanille und Erdbeeren stieg ihm in die Nase und ließ ihn an Felder im Sommer denken. „Brauchen Sie irgendetwas, Sir?“

Tue ich das?

Ja. Aber was?

Nur eins wusste er: Sie sollte nicht gehen. Vielleicht versteckte er sich vor der Wirklichkeit, wollte seine Rückkehr in den Palast möglichst lange aufschieben. Der Grund änderte jedoch nichts. Octavio war hier, und sie war es auch.

„Mein Onkel ist gerade gestorben.“

Ihre Augen weiteten sich, und sie wurde blass. „Das tut mir sehr leid. Ich sollte gehen. Ich wusste es nicht, sonst wäre ich nie zu dieser Zeit in Ihre Privatsphäre eingedrungen. Mein Beileid, Eure Majestät.“

Sie sprach hastig, die Worte überschlugen sich, und ihr Mitgefühl war so erkennbar aufrichtig, dass es etwas tief in seiner Brust berührte. Falls er es zuließ, konnten ihre Worte ihn schwächen, die Oberfläche durchdringen, seine Trauer und Trostlosigkeit enthüllen. Er streckte den Rücken durch und zeigte Stärke, obwohl er sie nicht fühlte. Wie gewohnt. „Es war absehbar.“

Phoebe stand da wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Sie atmete rasch aus, und ihm entging nicht, wie sich ihre Brüste dabei unter dem dunkelblauen Kleid bewegten. „Das macht es meiner Erfahrung nach nicht leichter.“

„Haben Sie Erfahrung damit?“ Bestimmt wurde sie bei ihrer Arbeit in der Klinik oft Zeugin von Trauer. Aber sie meinte etwas anderes, davon war er überzeugt.

Sie biss sich auf die Unterlippe, und das Grün ihrer Augen wirkte auf einmal stürmisch wie das Meer, ganz weit draußen, wo es am tiefsten war. „Ja, Sir. Ich denke nicht, dass man sich wirklich vorbereiten kann auf den Verlust eines Menschen, den man liebt. Oder dass man sich je ganz davon erholt.“

Faszinierend. Was sie sagte, stimmte – Octavio erlebte es täglich. Beim Tod seiner Eltern hatte sich in ihm eine Leere aufgetan, und er hegte nicht die Hoffnung, sie irgendwann zu füllen. Vielleicht lag es ebenso sehr an dem, was nach dem Tod seiner Eltern mit ihm passiert war, wie an dem Verlust selbst. Aus welchem Grund auch immer hatte er als Erwachsener jegliche Form emotionaler Abhängigkeit gemieden. Bald würde er jene Prinzessin heiraten, die seine Eltern für ihn ausgewählt hatten, aber dabei handelte es sich um eine arrangierte Ehe ohne eine persönliche Bindung. Es war ein Schritt, den er zum Wohle des Landes ging. Er wollte nie wieder riskieren, etwas zu verlieren. Auf diese Weise konnte er deutlich effizienter herrschen.

„Jedenfalls …“ Phoebe brach ab.

Ihm wurde bewusst, dass er den Kopf gesenkt hatte. Er runzelte die Stirn und sah der Frau schnell wieder in die Augen. Dann zog er den Knoten seiner Krawatte auf und öffnete den obersten Hemdknopf.

Sie heftete den Blick verräterisch auf seinen Hals. Wieder schoss ihr das Blut in die Wangen. „Ich sollte gehen.“

„Bleiben Sie.“ Jetzt schwang ein befehlender Unterton mit, und es kümmerte Octavio nicht. Hätte sie gehen wollen, hätte sie es schon getan. Normalerweise wäre es ihm egal gewesen, denn er brauchte keinen Menschen in seinem Leben, nicht mal für kurze Zeit. Aber heute Abend hatte Trauer ihn vorübergehend geschwächt. Ob Phoebe sich zum Bleiben entschied, fand er wichtiger, als ihm lieb war.

„Warum?“, flüsterte sie.

Er sprach die Wahrheit aus, die in diesem Moment sein Innerstes erfüllte: „Weil ich jetzt nicht allein sein will.“

Sie zögerte. „Gibt es jemanden, den ich für Sie anrufen kann?“

Niemanden. Er war allein. So wollte er es, und so musste es sein. Trotzdem breitete sich das Gefühl der Einsamkeit in ihm aus und verwandelte seine Adern zu Eis. Natürlich stand er Xiomara, seiner Cousine, nahe. Doch auch sein Verhältnis zu ihr war kompliziert, zeitweise belastet, weil ihr Vater aus Octavios Sicht die Verantwortung für Rodrigos Tod trug. Er würde Xiomara nicht zumuten herzukommen. „Nein.“

Phoebe seufzte leise. „Kann ich etwas für Sie tun, Sir? Möchten Sie einen Tee? Kaffee? Etwas Stärkeres?“

Er verzog den Mund. „Letzteres.“

„Sofort, Eure Majestät.“

„Tun Sie das nicht.“

Überrascht blinzelte sie.

Kein Wunder. Er verhielt sich ja auch untypisch, aber er konnte sich einfach nicht bremsen. „Nennen Sie mich Octavio.“

„Es tut mir leid, Sir, das kann ich wirklich nicht.“

„Warum nicht?“

„Wegen meiner Arbeit – es verstößt gegen die Vorschriften.“

„Wer wird davon erfahren?“

„Nun, niemand, schätze ich“, druckste sie herum. „Aber ich …“

Als sie nicht fortfuhr, meinte er: „Ich bitte Sie, mich wie einen Mann zu behandeln, nicht wie einen König. Wenn ich diese Klinik verlasse und dorthin zurückkehre“, er machte eine Kopfbewegung Richtung Palast, der ihn rief wie ein Leuchtturm, „werde ich wieder Eure Majestät sein. Aber jetzt bin ich bloß ein Mann, der um seinen Onkel trauert.“ Um meine Eltern, meine Familie, alles.

Sie ging in die Küche und holte ein Glas aus der Vitrine.

Octavio stand auf und folgte ihr. „Leisten Sie mir Gesellschaft.“

Wieder schien sich der Farbton ihrer Augen zu verändern. Jetzt wirkten sie smaragdgrün. Wirklich faszinierend. Ihre Wimpern waren lang und dunkel, gebogen und weich. „Darf ich mir eine Bemerkung erlauben?“

Er zog eine Braue hoch und nickte knapp.

„Sie verhalten sich nicht wie irgendein Mann, dem ich je begegnet bin. Sie wie einen zu behandeln wäre … schwierig.“

„Inwiefern bin ich anders?“

„Ernsthaft?“ Ein leises Lachen entschlüpfte ihr. Sofort erstickte sie es und sah ihn mit diesem entnervend respektvollen Gesichtsausdruck entschuldigend an.

„Ja, es ist mein Ernst.“

„Tja …“ Sie blickte sich um, als würde sie nach Worten suchen. „Sie sind – einfach sehr majestätisch.“

„Was bedeutet das?“

„Dass Sie offenbar daran gewöhnt sind, Befehle zu geben, die dann auch befolgt werden.“

„Ist das eine schlechte Eigenschaft?“

„Keineswegs. Es ist bloß keine Eigenschaft von einem normalen Typen.“

„Ich bin erst seit zwei Wochen König.“

„Aber Sie wurden dazu erzogen, König zu sein, oder?“

Ja. Erzogen von einem Mann, der ihn hasste und für die eigentliche Sorgearbeit Nannys engagiert hatte. Wobei Octavio den Begriff Sorge sehr großzügig verwendete. Die einzigen Bedingungen, die seine Nannys hatten erfüllen müssen, waren Eiseskälte und Grausamkeit gewesen. Er nickte.

„Wenn Sie in den Palast zurückkehren, wird Sie jeder als Eure Majestät ansprechen?“

„Ja. Und ich werde so tun, als würde ich dies hier nicht fühlen.“ Er presste sich eine Hand auf die Brust, um seine Trauer zu symbolisieren. „Weil man es dort von mir erwartet.“

„Aber hier, mit mir, können Sie ehrlich sein“, meinte Phoebe mit großen Augen, als würde sie dem Gedanken mehr Bedeutung geben, indem sie ihn aussprach.

„Ja.“

„Okay.“ Sie zögerte. „Octavio.“

Aus ihrem Munde klang sein Name anders. Sie verlieh ihm jene Sanftheit, die zu ihrem Wesen gehörte. Machte ihn irgendwie menschlicher. So, wie Octavio sein wollte.

Aber in diesem Moment geschah mehr als das. Sie schmiedeten eine Verbindung. Phoebe redete mit ihm wie mit einem Mann, und er spürte es. Zwar kam er sich nicht wirklich vor wie ein normaler Typ, doch eins war ihm bewusst: Zwischen ihnen beiden existierte etwas, das über Octavios Rang, seinen Titel, sogar seine Trauer hinausging. Oder passiert es wegen meiner Trauer? Vielleicht suchten Menschen gerade bei der Konfrontation mit dem Tod nach Wegen, um sich des Lebens zu vergewissern? Er wollte sich lebendig fühlen, und Phoebe hatte etwas an sich, das sein Blut schneller durch die Adern pulsieren ließ.

„Erzählen Sie mir von Ihrem Onkel.“ Sie schenkte Scotch in das Glas und schob es ihm auf der Arbeitsplatte hin.

Octavio dachte an Rodrigo, und etwas in ihm zog sich unangenehm zusammen. „Vor der letzten Woche hatte ich ihn lange nicht gesehen.“

„Er war verbannt worden, nicht wahr?“, fragte sie leise.

Mauricios Entscheidung war für rechtmäßig erklärt worden. Nur wenige Leute begriffen, dass hinter seinem Vorgehen purer Eigennutz steckte. „Ja. Kurz nach dem Tod meiner Eltern.“

Etwas in ihrer Miene wurde weicher. „Haben Sie ihm nahegestanden?“

Vage Erinnerungen stiegen hoch. Rodrigo, der ihn in die Luft warf und auffing. Die Lachfältchen um seine Augen. Wie er am Klavier musizierte und dazu sang und Karten spielte, bis es viel zu spät war. Octavio erinnerte sich an das Gefühl, sicher und geborgen zu sein. Damals hatte er es für selbstverständlich gehalten – und seitdem nie wieder erlebt. „Früher, ja.“ Er räusperte sich. „Vor langer Zeit.“

„Spielt das eine Rolle?“

Eindringlich sah er ihr in die Augen. „Nein.“

„Wieso haben Sie ihn nach seiner Verbannung nicht mehr gesehen?“

„Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag blieb mir sehr wenig Freiraum. Und anschließend hatte ich nicht die nötigen Mittel, um ihn zu finden.“

„War er verschwunden?“

„Die Verbannung hatte ihn anscheinend schwer getroffen. Seit meiner Krönung habe ich viel Neues erfahren. Sein Leben war kein Zuckerschlecken.“

„In welcher Hinsicht?“ Phoebe ging durch die Küche und stellte sich neben Octavio. So dicht, dass er wieder einen Hauch ihres Parfüms roch. Als sich sein Magen zusammenzog, konnte er das Gefühl deuten. Verlangen. Körperliche Sehnsucht. Er war Experte darin, seine Gefühle in Beziehungen zu zügeln, doch gleichzeitig blieb er ein Mann aus Fleisch und Blut, der seine Bedürfnisse auslebte. „Mit der Verbannung hatte er sein Vermögen verloren. Es fiel ihm schwer, über die Runden zu kommen.“

„Und dann ist er krank geworden?“

„Er hatte AIDS“, antwortete Octavio leise. „Ohne es zu wissen. Mit der richtigen Behandlung hätte er noch lange leben können, aber er hat keinen Arzt konsultiert. Als ich König war und ihn suchen ließ, war seine Erkrankung fortgeschritten, und man konnte nichts mehr tun.“

„Es tut mir sehr leid“, flüsterte sie. „Ich verstehe allerdings noch nicht, warum er verbannt wurde.“

Spöttisch verzog Octavio den Mund. „Für die Erklärung müsste ich auf die Schattenseiten der menschlichen Natur eingehen. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie oder ich heute Nacht dazu bereit sind.“

Sie neigte den Kopf ein wenig, als würde sie über seine Worte nachdenken. „Sie möchten nicht darüber reden?“

„Es wäre sinnlos. Was passiert ist, liegt in der Vergangenheit. Jetzt kann nichts mehr getan werden, um das Unrecht wiedergutzumachen.“

„Halten Sie seine Verbannung denn für ein Unrecht?“

„Oh, ich weiß, dass sie es war.“

„Und Sie konnten nichts dagegen tun?“

„Mein Onkel – mein anderer Onkel – besaß die Macht eines Königs, bis ich den Thron bestiegen habe.“

„Aber wir reden doch über seinen jüngeren Bruder?“

„Ja.“

„Warum wollte er seinen Bruder fortschicken? Sie waren Geschwister.“

„Haben Sie Geschwister?“

Phoebe schüttelte den Kopf. „Ich habe mir immer welche gewünscht, aber ich war Einzelkind.“

„Wie ich.“ Er musste nicht erwähnen, dass seine Eltern nach seiner Geburt jahrelang erfolglos versucht hatten, ein weiteres Kind zu bekommen. Sogar als Junge hatte er begriffen, wie verletzlich seine Position war. Er hatte stets gewusst, dass er irgendwann heiraten und Kinder zeugen musste – eine Tatsache, mit der er auch heute noch rang. Lieber wäre er allein geblieben. Allerdings schien eine arrangierte Ehe das kleinste Übel zu sein.

„Haben Sie sich Geschwister gewünscht?“

Das hatte ihn noch nie jemand gefragt. Es war die aufrichtigste Unterhaltung, die er seit langer Zeit mit jemandem außer seiner Cousine Xiomara geführt hatte. „Als kleines Kind nicht, aber nach dem Tod meiner Eltern habe ich mir einen Menschen gewünscht, der verstand, was ich durchmachen musste.“

„Was ist mit Ihrem anderen Onkel?“

Sichtlich gereizt antwortete er: „Nein.“

„Wieso nicht?“

„Wir standen uns nicht nahe.“

„Standen? Stehen?“

„Beides.“

„Wegen der Schattenseiten der menschlichen Natur?“

Er blickte sie forschend an. Diese Frau war ungewöhnlich. Obwohl sie anfangs darauf bestanden hatte, ihn mit seinem Titel anzusprechen, wirkte sie in seiner Gegenwart gar nicht nervös. Sie redete nicht so unterwürfig mit ihm wie die meisten anderen Menschen, und das gefiel ihm. „Ja.“

Phoebe seufzte leise. „Möchten Sie, dass ich gehe?“

Er zog die Stirn kraus. „Warum fragen Sie?“

„Weil Sie dichtgemacht haben.“

„Nicht absichtlich.“

„Es ist okay, wenn Sie nicht reden wollen. Wenn Sie lieber allein sein möchten, meine ich.“

Er zog das Alleinsein immer vor. Außer jetzt, während sein Herz vor Trauer um seinen Onkel zerriss und er genau diese Ablenkung wollte. Ein schöne, warme, lebhafte Frau. „Ich will nicht allein sein.“

Sie öffnete die Lippen halb.

„Ich will nur nicht über meine Familie sprechen.“

Jetzt lächelte sie ironisch. „Das Gefühl kann ich nachvollziehen.“

Octavio bohrte nicht. „Arbeiten Sie schon lange hier?“

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