Das Model und der Milliardär

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Spielt er nur mit ihr? Lydia hat sich geschworen, sich erst einem Mann hinzugeben, wenn ihr der eine begegnet - so wie der charismatische Milliardär Cristiano Andreotti. Allerdings befürchtet sie, dass er bloß wegen einer Wette dermaßen leidenschaftlich um sie wirbt …


  • Erscheinungstag 05.07.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733713799
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Cristiano Andreotti, der Software-Milliardär, stand auf dem obersten Deck seiner Luxusjacht „Lestara“. Ganz nach seinen Wünschen angefertigt, galt die „Lestara“ bereits als die schönste Jacht weit und breit, und sie war tatsächlich ein schwimmender Palast samt Landeplatz für zwei Hubschrauber, einem eigenen Kino, einem Swimmingpool und einem schnittigen Landungsboot, das im Heck verstaut war.

Seine Gäste waren sich in ihrer Bewunderung einig und schwärmten fast ehrfürchtig von der Jacht.

„Einfach unglaublich!“

„Ich habe noch nie eine solche Pracht und einen derartigen Luxus gesehen!“

„Es gibt sogar ein Privathospital an Bord, obwohl du nie krank bist, Cristiano. Wow, mir fehlen wirklich die Worte!“

„Allein für das Fitnessstudio und den Basketball-Court könnte ich sterben!“

„Der Blick durch die riesigen Panoramascheiben im Rumpf hat mich umgehauen!“

„Eine Crew aus sechzig Leuten, um das Schiff zu führen und dir jeden Wunsch von den Augen abzulesen, Cristiano … du musst dich wie ein König fühlen!“

Cristianos markantes Profil verriet nicht, was er dachte, während er seinen Blick weiter aufs Meer hinaus gerichtet hielt. Fühlte er sich wie ein König? Das konnte er nicht behaupten. Hatte er sich vielleicht all die Gäste an Bord eingeladen, damit sie äußerten, was er nicht länger aussprach oder empfand? Zunehmend verschafften ihm nur noch aggressive Firmenübernahmen oder extremsportliche Unternehmungen den richtigen Kick. Schon in Reichtum und Luxus aufgewachsen, hatte er im Verlauf seines bisherigen Lebens festgestellt, dass nur die ­wenigsten Erfahrungen oder auch Besitztümer ihren Versprechungen gerecht wurden.

„Habt ihr schon das neueste Gerücht gehört?“ Der näselnde Ton der Schickeriaschönheit Jodie Morgan riss Cristiano aus seinen Grübeleien. „Von Lia Powell?“

Während Cristiano bei der unerwarteten Nennung dieses Namens aufhorchte, brachen die anwesenden Damen in schaden­frohes Kichern aus.

„Ganz London spricht ja von nichts anderem! Was meint ihr, wie ihr das Gefängnisleben bekommen wird?“

„Von wem redet ihr?“, erkundigte sich Cristianos Freund Philip Hazlett.

„Die kleine Powell … das Model, das mit Mort Stevens durchgebrannt ist. Mit ihrer Karriere ging es im Sturzflug bergab, als er wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde, und Lia verschwand von der Bildfläche“, erinnerte Jodie ihren Verlobten. „Vor einigen Monaten versuchte sie dann ein Comeback über ein wohltätiges Engagement …“

„Ja, ich glaube, sie hat eine Modenschau zugunsten von ‚Happy Holidays‘, einer Organisation für benachteiligte Kinder, organisiert und dabei Mist gebaut“, schnitt Philip Jodie entschieden das Wort ab, als wäre damit genug darüber gesagt.

Doch seine Verlobte ignorierte den Wink, dass dieses Thema möglicherweise deplatziert sei, und fuhr unbeirrt fort: „Lia überredete andere Models, sich kostenlos für die Show zur Verfügung zu stellen, und soll dann, wie es heißt, die armen kleinen Kinder beraubt haben, indem sie die Einnahmen in die eigene Tasche steckte!“

Cristianos dunkle Augen leuchteten interessiert auf. Philips vergeblicher Versuch, Jodie zum Schweigen zu bringen, amüsierte ihn fast, denn offenbar hatte die Schickeriaschönheit keine Ahnung, dass Lia Powell und Cristiano einmal kurz zusammen gewesen waren. Für den Bruchteil einer Sekunde war Cristiano wie in seinen Erinnerungen gefangen. Vor achtzehn Monaten hatte er während einer Pariser Modenschau zum ersten Mal einen Blick auf Lia Powell erhascht. Gertenschlank und aufregend sinnlich war sie wie eine Amazonenkönigin über den Laufsteg stolziert: hellblondes Haar, das in silbrig schimmernden Kaskaden ein fast unwirklich schönes Gesicht umrahmte, große, ausdrucksvolle Augen, deren tiefes, strahlendes Blau ihm buchstäblich die Sprache verschlug, als man ihm Lia vorstellte. Ihr Lächeln war gekonnt gleichgültig, und er, der es gewohnt war, dass man um seine Aufmerksamkeit buhlte, war fasziniert, weil er sich endlich einmal herausgefordert fühlte. Wie gut würde sie in diesem Spiel sein, von dem er annahm, dass es darauf abzielte, sein Interesse zu steigern?

Wie sich herausstellte, sollte Cristiano jedoch vielleicht zum ersten Mal die dreiste Habgier und den Ehrgeiz seines raffinierten Gegenübers unterschätzen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, war er nicht der einzige reiche Mann, nach dem Lia ihre Fühler ausstreckte, und sie war auf etwas Besseres aus als auf eine bloße Affäre. Nachdem sie sich einige Male getroffen hatten, lud Cristiano sie für ein Wochenende in sein Landhaus ein, wo Lia plötzlich die naive Unschuld spielte und sich weigerte, seine Suite mit ihm zu teilen. Im Morgengrauen des folgenden Tages brannte sie jedoch mit einem seiner anderen Gäste durch: einem verlebten Rockstar, der doppelt so alt wie sie und für die kostspielige Angewohnheit berühmt war, sein jeweiliges jugendliches Betthäschen immer auch gleich zu heiraten. Als er demgemäß der Presse Lia als seine neue Verlobte vorstellte, musste Mort Stevens ihr zumindest in finanzieller Hinsicht als die lohnenswertere Alternative erschienen sein. Zu Lias Pech hatte dann ein grausames Schicksal all ihre schönen Pläne zunichtegemacht.

Ein Blick von Cristiano genügte, und sein stets diensteifriger persönlicher Assistent kam herbei. Während den Gästen dann auf dem Vergnügungsdeck ein Mittagessen serviert wurde, zog Cristiano sich in sein Büro zurück, um die nötigen Fakten einzuholen. Ein diskreter Anruf beim Chefredakteur einer überregionalen Zeitung erbrachte die Auskunft, dass „Lia augenblicklich der Polizei bei ihren Nachforschungen behilflich sei“. Schon bald aber würde alle Welt die Wahrheit erfahren. Wer würde noch mit einer Frau Mitleid haben, die man beschuldigte, benachteiligte Kinder betrogen zu haben?

Ein zufriedenes Lächeln huschte über Cristianos markantes Gesicht. Schlagartig fiel jegliches Gefühl von Langeweile von ihm ab. Vor achtzehn Monaten hatte Lia Powell ihm gegenüber die scheue Unschuld geheuchelt, um auf Zeit zu spielen. Mit einer bodenlosen Unverschämtheit hatte sie ihn dann im nächsten Moment unter seinem eigenen Dach betrogen. Sie war die einzige Frau, die Cristiano jemals einen Korb gegeben und ihn sitzen gelassen hatte. Das allein war der Grund, warum sie unterschwellig immer noch einen besonderen Reiz auf ihn ausübte.

Was Sex betraf, machte Cristiano sich nichts vor. Er hatte das warnende Beispiel seines verstorbenen Vaters vor Augen, der sich sein ganzes Leben zerstört hatte, weil er einer Frau hoffnungslos verfallen gewesen war, die ein Herz aus Stein besessen hatte. Und was Lia Powell anging, machte Cristiano sich noch weniger Illusionen: Sie war ein nichtswürdiges kleines Flittchen ohne Moral. Allerdings zweifellos hinreißend, wie er kaltblütig überlegte, und zum Preis ihrer Freiheit konnte sie ihm gehören. Jede wohltätige Organisation würde eine Wiedergutmachung plus einer stattlichen Spende einem hässlichen und kostspieligen Gerichtsverfahren vorziehen. Ja, er konnte den Freispruch für Lia Powell kaufen. Er konnte sie kaufen. Noch nie zuvor hatte er für Sex bezahlt. Wollte er diese Frau wirklich zu derart zweifelhaften Bedingungen haben? Cristiano gestand sich ein, dass allein der Gedanke, die schöne, langbeinige Lia nackt und willig in den Armen zu halten, ihn mehr erregte als irgendetwas seit langer Zeit.

Cristiano wusste, dass er in puncto Frauen sehr schnell gelangweilt war. Er war sogar berüchtigt für seine extrem kurzlebigen Beziehungen. Dieses jedoch würde etwas anderes sein – etwas ganz Neues, Frisches. Am besten, er ließ die genauen Bedingungen einer derartigen Übereinkunft in einem Vertrag festschreiben. Seine Anwälte würden sich dieser ungewohnten Herausforderung sicher mit der gleichen Begeisterung stellen, wie er es genießen würde, Lia ganz zu seinem Willen zu haben.

Der junge, brillengesichtige Anwalt warf Lydia einen bedrückten Blick zu. „Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie sich nicht helfen lassen wollen.“

Lydia senkte erschöpft den Kopf. „Ich weiß.“

„Sie müssen sich schützen“, warnte er sie resigniert.

„Nicht, wenn das bedeutet, meiner Mutter die Schuld zuzuschieben“, entgegnete Lydia entschieden. „Ich werde nicht zulassen, dass sie mit hineingezogen wird.“

„Aber als Mitunterzeichnerin der Schecks ist sie doch längst darin verwickelt“, meinte der Anwalt unverblümt. „Die Polizei möchte sie natürlich dazu verhören.“

Lydia schwieg. Während des vorangegangenen, nervenzermürbenden Verhörs durch zwei Polizeibeamte hatte man sie wiederholt gefragt, wo sich ihre Mutter Virginia Carlton befinde. Keiner nahm ihr ab, dass sie es nicht wisse, und sie gab sich alle Mühe, sich nicht darum zu scheren. Denn selbst wenn sie es gewusst hätte, hätte sie alles darangesetzt, ihre Mutter zu beschützen.

Jetzt kehrte einer der Beamten aus dem Betrugsdezernat zurück. Er eröffnete ihr, dass sie vorläufig auf Kaution entlassen werde, allerdings in vier Tagen zu einem weiteren Verhör zurückkommen müsse. Zu allem Überfluss sollte sie in einer Zelle warten, bis der erforderliche Papierkram zu ihrer Entlassung erledigt sein würde. Unglücklich sah sie ihren Anwalt an, der vergeblich zu protestieren versuchte.

Kaum hatte sich die Zellentür hinter ihr geschlossen, sank Lydia am ganzen Leib zitternd auf die Kante der harten Schlafkoje, umfasste ihre zierliche Taille und versuchte, sich zusammenzureißen. Es hatte keinen Zweck, in Angst und Panik zu verfallen. Die Räder der Justiz waren in Bewegung gesetzt, und wenn man sie, Lydia, für schuldig befinden würde, musste sie mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Also würde ihr der Anblick einer solchen Zelle schon bald nur allzu vertraut sein. Denn die Spendengelder von „Happy Holidays“ waren verschwunden, und sie konnte sie weder aus eigenen Mitteln zurückzahlen noch sich eine derartige Summe leihen. Und letztendlich hatte sie es sich selbst zuzuschreiben, dass sie in diesem Schlamassel steckte.

Niedergeschlagen ließ sie den Kopf sinken. Ein vertrautes Gefühl. In ihrem Leben lief ständig etwas ganz furchtbar schief, und wie es aussah, war es stets ihre Schuld.

Mit zehn Jahren hatte Lydia als Einzige einen tragischen Bootsunfall überlebt, bei dem ihr Vater und ihr kleiner Bruder ertrunken waren. Virginia, ihre Mutter, war völlig außer sich vor Schmerz gewesen. „Es ist deine Schuld!“, warf sie Lydia immer wieder vor. „Wer hat denn nicht aufgehört, um diese dumme Bootsfahrt zu betteln? Du hast sie getötet! Du hast sie alle beide getötet!“

Und obwohl andere Menschen aus ihrem Umfeld Virginias Hysterie zu dämpfen versuchten, empfand Lydia es so, dass ihre trauernde Mutter lediglich die unangenehme Wahrheit aussprach. Als in der Folge das Geschäft ihres Vaters in Konkurs ging und sich ihr hoher Lebensstandard quasi über Nacht in nichts auflöste, war Lydia klar, dass sie auch daran die Schuld trug. Entsprechend froh war sie, als sich ihr wenige Jahre später plötzlich die Möglichkeit auftat, genug Geld zu verdienen, um ihrer Mutter den gewohnten Luxus zurückzubringen. Im Alter zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren verdiente Lydia als Model ein kleines Vermögen.

Doch dann wurde sie egoistisch, wie sie sich unglücklich eingestand. Sie hasste es, als Model zu arbeiten, und ließ sich durch eine schmerzliche Erfahrung, die ihr das Herz gebrochen hatte, verleiten, die glitzernde Modewelt hinter sich zu lassen und ein Studium der Gartenarchitektur anzufangen. Alles, was seitdem falsch gelaufen war, ließ sich auf diese dumme, launische Entscheidung zurückverfolgen.

Da sie schon bei ihrem Eintreffen auf der Polizeiwache vom Blitzlichtgewitter der Pressefotografen überfallen worden war, kehrte sie nach dem Verlassen der Zelle zögernd und ängstlich in den Eingangsbereich zurück. Doch zu ihrer Erleichterung wurde sie diesmal nur von einer einzigen Person erwartet, einer kleinen, energischen Brünetten. Es war ihre Cousine Gwenna, die bei ihrem Erscheinen aufstand und sie besorgt betrachtete. Trotz aller Erschöpfung war Lydia immer noch so unglaublich schön, dass es Gwenna schwerfiel, den Blick von ihr zu wenden. Der Anblick dieses zarten Gesichts, beherrscht von den strahlend blauen Augen und umrahmt von der seidigen, naturblonden Mähne, raubte den meisten Menschen den Atem.

„Gwenna?“ Es war Lydia peinlich, dass sich ihre Cousine ihretwegen zur Polizeiwache bemüht hatte. „Du hättest nicht kommen sollen.“

„Unsinn“, tadelte Gwenna sie im walisischen Dialekt, bevor sie ihre Cousine entschlossen in die Dunkelheit hinausführte und den Kameras der vor dem Parkplatz wartenden Reporter trotzig die Stirn bot. „Du gehörst zur Familie, wo sollte ich sonst sein? Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu bringen.“

Lydia war zu gerührt, um auf Walisisch die richtigen Worte zu finden. Als Kind hatte sie viel Zeit in Gwennas walisischem Elternhaus verbracht, während ihre Eltern verreist gewesen waren. Und als Lydia vor achtzehn Monaten ziemlich am Boden gewesen war, hatte Gwenna sie eingeladen, die Farm ihrer Familie als Zufluchtsort zu benutzen. Zu einem Zeitpunkt, da all ihre sogenannten Freunde sie im Stich gelassen hatten, hatte Lydia dieses herzliche Angebot sehr viel bedeutet.

„Gwenna, ich weiß es zu schätzen, was du für mich tust, aber ich glaube wirklich, du solltest besser für eine Weile vergessen, dass du mich kennst.“

„Ich tue einfach so, als hätte ich das nicht gehört“, erwiderte Gwenna in dem sachlichen und entschiedenen Ton, den sie vermutlich auch den Teenagern gegenüber verwendete, die sie unterrichtete. Anfang dreißig, mit kurzem, glänzendem dunklen Haar, strahlte sie für ihre Größe eine erstaunliche Energie und Autorität aus.

Als Lydia die Tür zu dem kleinen Reihenhaus aufschloss, das sie jetzt für sich gemietet hatte, wandte Gwenna sich sofort in die Küche. „Ich mach uns einen Tee, während du nach oben springst und schnell ein paar Sachen packst.“

Lydia war wie erstarrt. „Nein, ich komme nicht mit zu dir. Dies ist ein kleiner Ort. Du lebst und arbeitest hier. Auf keinen Fall darf ich dich in meine Probleme mit hineinziehen. Du musst auch an deinen Vater denken. Er hat den Tod deiner Mutter kaum verkraftet. Wir dürfen ihn nicht erneut aufregen.“

Die betroffene Miene ihrer Cousine verriet Lydia, dass sie genau das richtige Argument vorgebracht hatte.

„Aber vielen Dank, dass du dich so um mich bemühst“, fügte Lydia liebevoll hinzu.

Gwennas Augen blitzten zornig auf. „Aber das ist doch keine Frage von bemühen. Du hast das Geld nicht genommen. Wir wissen alle, wer es getan hat!“

Lydia errötete tief. „Nun, ihr glaubt vielleicht, es zu wissen …“

„Hör auf!“, fiel Gwenna ihr gereizt ins Wort. „Erwartest du wirklich, dass ich stillschweigend zusehe, wie du für eine den Kopf hinhältst, die sich einen Dreck um dich schert?“

Kreidebleich wandte Lydia sich ab und schaltete den Wasserkessel ein. Gwenna hatte noch nie das besondere Verhältnis zwischen Lydia und ihrer Mutter verstanden. Während Gwennas Familie ein friedliches, ruhiges Leben hatte genießen dürfen, hatte Virginia immerhin eine familiäre Tragödie und danach eine ganze Reihe unseliger Beziehungen überstanden, woran eine schwächere Frau zerbrochen wäre. „Meine Mutter hat es im Leben sehr schwer gehabt …“

„Das hat sie dir schon eingeredet, als du fünf Jahre alt warst, und dich so dazu gebracht, sie zu bedienen, während sie über die Schrecken der Mutterschaft stöhnte“, fiel Gwenna ihr ungnädig ins Wort. „Davon abgesehen sollten wir auch nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass deine Mutter und dein Stiefvater es später geschafft haben, jeden Penny auszugeben, den du jemals verdienst hast!“

„Du kannst ihnen doch nicht die Schuld dafür geben, dass der Nachtklub gescheitert ist und ich vergangenes Jahr alles verloren habe“, begehrte Lydia auf. „Ich war naiv und habe mir eingebildet, das Geld, das ich als Model verdient hatte, würde für den Rest meines Lebens reichen.“

„Und das hätte es auch getan, wenn du davon nur dich selber und nicht auch noch Virginia und Dennis mit ihrer Riesenvilla und den Luxusautos hättest unterhalten müssen! Außerdem kann ich mir auch nicht vorstellen, dass du ein persönliches Interesse daran gehabt hast, einen Nachtklub zu eröffnen“, meinte Gwenna und seufzte.

Lydia schwieg. Als sie ihre Arbeit als Model aufgegeben hatte, war damit ihr Stiefvater, der bis dahin ihre Karriere und ihre Finanzen gemanagt hatte, praktisch arbeitslos geworden. War es nicht das Mindeste gewesen, ihm das Kapital für den Nachtklub zu geben? Leider war das Unternehmen gescheitert. Aber Lydia hatte sich mit dem Verlust ihrer finanziellen Sicherheit abgefunden. Mit zweiundzwanzig war sie es längst gewöhnt, sich nach einer Enttäuschung wieder hochzurappeln.

Gwenna wiederum wünschte sich nichts sehnlicher, als Lydias geldgierige Mutter und ihren diebischen Stiefvater in die Finger zu bekommen. Wie gern hätte sie den beiden, die Lydia als Goldesel der Familie ausgenutzt und sich auf ihre Kosten ein feines Leben im größten Luxus geleistet hatten, einmal ehrlich die Meinung gesagt! „Du musst der Wahrheit ins Auge sehen“, erklärte sie nun energisch. „Virginia hat die Spenden aus deiner Modenschau gestohlen und für sich ausgegeben.“

Lydia schüttelte müde den Kopf. „Dennis hat sie auf einem Berg Schulden sitzen lassen. Sie ist vermutlich in Panik geraten.“

„Hör auf, Entschuldigungen für sie zu suchen. Sie hat deine Unterschrift auf den Schecks gefälscht und die Konten von ‚Happy Holidays‘ geplündert. Und nachdem sie alles so gedreht hat, um dich als Schuldige dastehen zu lassen, ist sie jetzt auch noch untergetaucht! Lass dir das nicht von ihr gefallen“, drängte Gwenna verzweifelt. „Eine Verurteilung wird dein Leben ruinieren. Wer gibt schon einem Exsträfling Arbeit?“

Nachdem sie Gwenna verabschiedet hatte, nahm Lydia den Brief, den sie schon beim Hereinkommen auf der Fußmatte hatte liegen sehen, und las ihn mit wachsender Resignation. Es war eine kurze Nachricht von einem Ehepaar, das ihr Angebot für die Gestaltung seines Gartens angenommen hatte. Sie wären Lydias erste richtige Kunden seit dem Abschluss ihres College-Studiums gewesen. Nun aber schrieben sie, dass sie es sich doch anders überlegt hatten, was mit ziemlicher Sicherheit mit ihrem Besuch auf der Polizeiwache zusammenhing. Zweifellos würde ihr Gesicht morgen früh auf den Titelseiten sämtlicher Klatschblätter prangen.

Am Abend zuvor war Lydia in den Supermarkt gegangen, um einige Lebensmittel zu kaufen. Wohin sie sich auch wandte, traf sie auf eisiges Schweigen und abschätzige, verächtliche Blicke der übrigen Kundinnen im Laden. Es war ein bedrückendes Erlebnis gewesen.

Als sie nun an diesem Abend schlafen ging, drehte sie sich noch lange unruhig und schlaflos im Bett, bis sie schließlich eindöste. Doch im nächsten Moment ließ sie ein Krachen von zersplitterndem Glas wieder hochschrecken. Mit zittriger Hand knipste sie die Nachttischlampe an, sprang aus dem Bett und tappte die Treppe hinunter. Unten erblickte sie fassungslos die zerbrochene Fensterscheibe ihres kleinen, gemütlichen Wohnzimmers. Unschlüssig verharrte sie auf der Schwelle, als ihr Blick auf einen Gegenstand fiel, der inmitten der Glassplitter auf dem Boden lag. Es war ein Stein, der in ein Stück Papier eingewickelt war. Vorsichtig näherte sich Lydia, nahm das Blatt und faltete es auseinander.

„VERSCHWINDE DAHIN, WO DU HERGEKOMMEN BIST, DU BETRÜGERISCHES MISTSTÜCK!“

Die Worte sprangen ihr in fetten, blutroten Großbuchstaben ins Gesicht. Lydias Herz pochte wie wild. Sie zwang sich, einen Handfeger und eine Kehrschaufel zu holen und die Scherben aufzukehren. Dann schleppte sie eine alte Schranktür aus dem Kohlenschuppen herbei, um damit das Loch in der Fensterscheibe notdürftig zu bedecken, und ging langsam ins Bett zurück. Noch lange lag sie wach, wagte es kaum zu atmen und zuckte bei jedem kleinsten Geräusch zusammen.

Nachdem sie gegen sieben Uhr morgens endlich eingeschlafen war, schreckte sie aus dumpfem Schlaf hoch, als es um zehn Uhr an ihrer Haustür läutete. In der Annahme, dass es der Postbote sei, beeilte sie sich, aus dem Bett zu kommen. Rasch zog sie sich den Morgenmantel über und eilte nach unten, um die Tür zu öffnen.

Beim Anblick des großen schwarzhaarigen Mannes draußen auf der Schwelle verharrte sie wie vom Donner gerührt. Cristiano Andreotti. Obwohl sie sicher war, dass er nur ein Produkt ihrer Einbildung sein konnte, raubte ihr seine männlich charismatische Ausstrahlung den Atem. Ihr Herz pochte schneller, während sie ungläubig zu ihm aufblickte.

Wie hätte sie dieses markante Gesicht mit dem dunklen Bartschatten, dem energischen Kinn und dem unglaublich sinnlichen Mund je vergessen können? Dennoch wollte sie nicht glauben, dass er tatsächlich vor ihr stand. Denn Cristiano Andreotti gehörte nicht auf die Schwelle eines kleinen Reihenhauses in einer Seitenstraße eines unscheinbaren walisischen Marktstädtchens. Sein Wirkungskreis war wesentlich exklusiver und stets vom Flair der Superreichen durchwoben.

Cristiano betrachtete sie eindringlich. Noch nie zuvor hatte er sie ungeschminkt gesehen. Unwillkürlich suchte er nach Veränderungen, nach irgendeinem Makel, als hoffte er fast, von ihr enttäuscht zu werden. Sie hatte abgenommen, war blass und wirkte offensichtlich erschöpft. Ihr langes hellblondes Haar war einmal nicht von kunstfertigen Händen zu einer seidig schimmernden Lockenmähne gestylt, sondern umspielte zerzaust das zarte Gesicht und die zierlichen Schultern. Während Cristiano noch die Unterschiede zu dem Bild registrierte, das er von ihr in Erinnerung hatte, begegnete er dem Blick ihrer strahlend blauen Augen – und begriff plötzlich, dass sie, wenn es denn möglich war, schöner denn je aussah. Nur dass sie diesmal so vor ihm stand, wie die Natur sie geschaffen hatte: mit ausdrucksvollen Augen, einem makellosen Alabasterteint und vollen, sinnlichen Lippen. Wildes Verlangen durchzuckte ihn mit gefährlicher Macht.

„Darf ich hereinkommen?“, erkundigte er sich lässig, wobei Lydia beim warmen Klang seiner tiefen Stimme ein Schauer über den Rücken lief. Und durch die selbstverständliche Autorität, mit der er die Worte aussprach, kam es ihr erst gar nicht in den Sinn, ihn abzuweisen.

2. KAPITEL

Erst in dem Moment, als Cristiano das Schweigen brach, begriff Lydia wirklich, dass er tatsächlich vor ihr stand. Sie blinzelte erschrocken – und stellte im selben Augenblick fest, dass sie ihn noch genauso glühend hasste wie vor achtzehn Monaten. Hin und her gerissen zwischen Angst und Faszination, Neugier und Abscheu, blickte sie ihn benommen an und wagte nicht, sich zu rühren, weil ihr die Knie zitterten.

Cristiano nutzte das Überraschungsmoment natürlich aus, indem er einfach vortrat. Unwillkürlich wich sie zurück. Obwohl Lydia auch barfuß schon einen Meter neunundsiebzig maß, überragte Cristiano sie doch noch um gut fünfzehn Zentimeter. Sie verspürte ein fast vergessenes, erregendes Kribbeln im Bauch und errötete beschämt, weil sich die Spitzen ihrer Brüste unter ihrem dünnen Bademantel abzeichneten.

Endlich fand sie ihre Stimme wieder. „Was willst du?“, fragte sie heiser.

Cristiano schloss ohne Hast die Tür. Er schien seine Macht zu genießen. „Weißt du das nicht?“

Obwohl Lydia nicht leugnen konnte, wie sehr seine Nähe sie körperlich erregte, hielt sie seinem Blick stolz und trotzig stand. Sie hatte nicht vergessen, wie viel ihr Cristiano Andreotti einmal bedeutet und wie sehr er sie verletzt hatte. Diese Erfahrung hatte sie verändert, auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ. „Woher soll ich wissen, warum du hier bist?“

„Ich dachte, dein Selbsterhaltungstrieb hätte es dir vielleicht verraten?“ Cristiano betrachtete sie spöttisch.

„Offensichtlich nicht.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, damit er nicht merkte, wie sehr sie innerlich zitterte.

„Nun, offensichtlich … bin ich hier, weil ich dich sehen will.“ Es bereitete ihm sichtbar Spaß, sie auf die Folter zu spannen.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, blickte Lydia wie gebannt in seine schönen dunklen Augen, die sie in ihren Träumen verfolgten. Faszinierende Augen, die jetzt kaum eine Regung ver­rieten. Cristiano war bekannt dafür, dass er nur wenig von seinen Gefühlen preisgab. Er galt als distanziert, ja, eiskalt. Wie toll hatte sie sich damals gefühlt, wenn es ihr gelungen war, ihm ein Lächeln oder gar ein Lachen zu entlocken!

Lydia schüttelte den Kopf, als könnte sie so die ungebetenen Erinnerungen abwehren. Sie wollte nicht daran denken, wie es gewesen war, als sich damals für wenige Monate all ihr Denken und Sehnen nur auf ihn konzentriert hatte.

„Ich will nicht, dass du hier bist.“ Es klang halbherzig, denn sie spürte, dass sie aus Gründen, die sie nicht näher analysieren wollte, es nicht über sich brachte, ihn tatsächlich wegzuschicken.

„Wirklich nicht?“, fragte er aufreizend lässig.

Sie schluckte. „Wie hast du mich gefunden?“, fragte sie rasch, um die gespannte Stille zu füllen.

„Ich habe mir Zugang zu einigen vertraulichen Informationen verschafft.“

Sie wurde blass. Also wusste er von dem verschwundenen Geld. Am liebsten hätte sich Lydia in ein Mauseloch verkrochen.

Cristiano ging einfach an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Ihm war klar gewesen, dass sich ihre finanzielle Lage, seit sie sich zuletzt gesehen hatten, stetig verschlechtert hatte, aber erst der Anblick dieses spärlich und schäbig möblierten Raums ließ ihn begreifen, wie wenig ihr geblieben war. Nichts hätte die gewaltige Kluft, die zwischen ihren Lebensstilen bestand, drastischer illustrieren können, ebenso wie die Tatsache, dass Lydia in seiner Welt nur ein flüchtiger Gast gewesen war.

„Was ist mit dem Fenster passiert?“

„Es ist zerbrochen“, antwortete sie, ohne ihn anzusehen.

Autor

Lynne Graham
Lynne Graham ist eine populäre Autorin aus Nord-Irland. Seit 1987 hat sie über 60 Romances geschrieben, die auf vielen Bestseller-Listen stehen.

Bereits im Alter von 15 Jahren schrieb sie ihren ersten Liebesroman, leider wurde er abgelehnt. Nachdem sie wegen ihres Babys zu Hause blieb, begann sie erneut mit dem...
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