Deine Liebe macht mich stark

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Knalliger Lippenstift, Lidstrich und Petticoat: In diesem Outfit fühlt Lola Lombard sich endlich selbstbewusst und begehrenswert! Doch als der attraktive Chase Etheridge sie heiß küsst, wird sie plötzlich wieder schwach und verletzlich …
  • Erscheinungstag 26.03.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733776817
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Chase Etheridge spürte, wie seine Anspannung stieg, als er in die Errol Street einbog. Hier war er einmal zu Hause gewesen. Errol Street stand für all das, wovor er davongelaufen war. Für alles, was er lieber vergessen wollte.

Als kleiner Junge war er hier oft mit dem Fahrrad zur Aden Street gefahren, um seiner geliebten Footballmannschaft beim Trainieren zuzuschauen. Eigentlich war das gar keine so schlechte Erinnerung. Wenn da nur nicht all die schwere Verantwortung gewesen wäre, die damals auf seinen jungen Schultern gelastet hatte. Aber irgendjemand hatte sich ja um Cari kümmern müssen. Während andere spielten, hatte er Schulbrote geschmiert, Hausaufgaben korrigiert und Essen gekocht. Ein unbeschwertes Kind hatte er nie sein dürfen.

Doch das Ganze hatte auch etwas Gutes gehabt: Seine Schwester Cari betete ihn an. Er sie allerdings auch. Für Cari war er bereit, alles zu tun, und nur ihretwegen war er jetzt hier.

Während Chase seinen Wagen in eine Parklücke manövrierte, versuchte er das ungewohnte kribbelige Gefühl in seinem Magen zu ignorieren.

Wieder in dieser Gegend zu sein, setzte ihm schon genug zu. Und jetzt musste er auch noch in diesen komischen Laden mit Vintage-Mode. Aber es führte kein Weg daran vorbei, wenn er die Party für Caris Junggesellinnenabschied organisieren wollte.

Sein Handy meldete eine SMS. Während er die Nachricht seines Assistenten eilig beantwortete, blickte er immer wieder suchend die Straße entlang. Endlich entdeckte er den kleinen Laden.

Go Retro stand da in zuckrigem Rosa über einem Schaufenster voller Schuhe, Hüte und Lippenstifte. Chase wünschte sich weit weg, aber er hatte einen Job zu erledigen.

Immer noch mit seinem Handy beschäftigt, drückte er die Tür auf und betrat den Laden.

Über seinem Kopf erklang ein kleines Glöckchen. Chase sah nicht auf. Mit gerunzelter Stirn las er die Gästeliste für die Eröffnung der Modelagentur heute Abend, die Jerry ihm gerade schickte.

„Entschuldigen Sie.“

Chase hob abwehrend einen Finger.

„Handys sind hier nicht erlaubt.“

Er hätte es wissen müssen. Ein Laden, der so alten Plunder verkaufte, lebte natürlich im dunkelsten Mittelalter.

„Nur eine Minute …“

„Sorry, Retro Gesetze.“

Bevor er noch etwas sagen konnte, wurde ihm das Handy einfach aus der Hand genommen. Drauf und dran, die unverschämte Verkäuferin anzuschnauzen, hob er empört den Kopf.

„Was fällt Ihnen …“

Die Worte erstarben auf seinen Lippen, als er in die größten und sanftesten braunen Augen sah, die ihm je begegnet waren. Dichte lange Wimpern gaben ihnen etwas geheimnisvoll Zartes.

Er war es nicht gewohnt, dass jemand ihm die Stirn bot. Schon gar nicht so eine kleine kurvige Person, die mit ihrer blonden Löckchenfrisur aussah, als käme sie direkt aus den Fünfzigern. Ihr Haarband war aus demselben gepunkteten Stoff wie ihr kurzes Petticoat-Kleid.

„Ich darf das, weil ich die Besitzerin dieses Ladens bin.“

Sie steckte sein Mobiltelefon in die Tasche ihres weiten Rocks. Dabei hatte sie auch noch die Unverfrorenheit zu lächeln.

„Sie bekommen es zurück, wenn Sie gehen. Womit darf ich Ihnen helfen?“

Chase war kurz davor, sein Handy einzufordern und sofort zu gehen. Aber plötzlich traf ihn ein unerwartet scheuer Blick.

Obwohl sie so kess auftrat, schien die Besitzerin dieses Flitterkrams doch nicht so gern den bösen Boss zu spielen. Und das konnte er ihr sogar nachempfinden. Also steckte er die Hände in die Taschen und sah sich zum ersten Mal in Ruhe um.

Die wilde Farbenpracht betäubte fast seine Sinne: Rosa Stoffrosen schmückten bunte Hüte, orangefarbene und blaugrüne Handschuhe quollen aus Schachteln mit Blumenmustern, smaragdgrüne Federboas und Paisleyschals waren über in Satinkleider gehüllte Schaufensterfiguren drapiert. Und das alles war nur ein Bruchteil von dem, womit der kleine Laden vollgestopft war.

Für Chase, der es eher modern und klar bevorzugte, war das Geschäft der reinste Albtraum.

„Kann ich Ihnen mit etwas Speziellem dienen? Irgendetwas zum Anziehen? Accessoires? Etwas Besonderes für Ihre Frau?“

„Ich habe keine.“ Und während er fassungslos auf das Durcheinander aus Blumenmustern, Rüschen, Federn, Glitzerkram, Kleidern und blitzenden Discokugeln starrte, meldeten sich die ersten Kopfschmerzen. Die gedämpften Deckenstrahler waren das einzige Zugeständnis an das einundzwanzigste Jahrhundert.

„Ah, ich verstehe“, antwortete sie augenzwinkernd, und ihrer amüsierten Stimme war anzuhören, dass sie ganz offensichtlich etwas falsch verstanden hatte.

„Nur damit das klar ist, ich möchte hier nichts für mich kaufen“, fuhr er sie verärgert an.

„Aber das muss Ihnen doch nicht unangenehm sein. Go Retro ist für alle da. Sie können gerne alles anprobieren.“

Er starrte sie mit offenem Mund an. Man hatte ihn im Leben ja schon für vieles gehalten, aber noch nie für einen Transvestiten.

„Behandeln Sie eigentlich alle Ihre Kunden so?“

„Nur die widerspenstigen.“

Ihr Lächeln war umwerfend, fiel ihm auf. Es brachte ihre Augen zum Strahlen und zauberte winzige Grübchen in ihre Wangen. Plötzlich fand er sie nicht mehr einfach nur hübsch, sondern schön.

„Die Frauen, mit denen ich mich verabrede, hegen nicht den geringsten Zweifel an meiner Männlichkeit. Es würde mich freuen, wenn Sie es genauso hielten.“

Ihr Lächeln wich einer roten Gesichtsfarbe. Offensichtlich hatte er sie empfindsam getroffen, denn nun sah sie verlegen weg.

Die Frauen, die er kannte, ließen sich nicht so schnell einschüchtern. Sie waren voller Selbstvertrauen und wussten, was sie wollten. Und das nahmen sie sich dann auch.

Diese Frau hier war von ihnen so weit entfernt wie er von seiner Vergangenheit. Aber vielleicht war es gerade das, was ihn so faszinierte?

Sie räusperte sich. „Na ja, wo wir jetzt herausgefunden haben, dass für Sie kein rosa Nachmittagskleid im Stil der Zwanziger infrage kommt – womit kann ich dann dienen?“

„Wie ich hörte, veranstalten Sie Geburtstagspartys.“

Sie nickte, und die große aufgesteckte Lockentolle über ihrer Stirn wippte auf und nieder.

„Stimmt. Wir machen Schminkschulungen, Fotos, Typberatung – all so was eben. Frauen lieben das.“

Sie schwieg. Ihr voller roter Mund verzog sich zu einem scheuen Lächeln.

„Manche Männer bestimmt auch“, antwortete er als Anspielung auf ihren kleinen Fauxpas.

Unwillkürlich erwiderte er ihr Lächeln.

„Würden Sie so etwas auch für einen Junggesellinnenabschied tun?“

„Natürlich“, erwiderte sie mit strahlenden Augen. „Ein paar Stunden Spaß für die Braut.“

„Ich dachte eher an eine ganze Woche.“

Sie hob verblüfft eine ihrer perfekt gezupften Brauen. „Eine ganze Woche?“

„Genau.“

Er begann ihm Laden herumzuschlendern, hob dort eine glitzernde Haarspange hoch, hier einen Schal mit Pünktchen und konnte nichts Besonderes daran entdecken. Aber Cari würde von all dem Kram begeistert sein.

Und wenn Cari glücklich war, dann war auch er glücklich. Sie war der einzige Mensch, der all die Jahre zu ihm gehalten hatte. Wenn sie damals nicht gewesen wäre … Er unterdrückte einen Schauder.

„Wenn ich richtig verstehe, dann wollen Sie, dass ich eine Party für einen Junggesellinnenabschied organisiere, die eine ganze Woche dauert?“

Chase blieb vor einem Tisch mit Körben voller Modeschmuck stehen und nickte.

„Unmöglich.“

„Nichts ist unmöglich“, antwortete er und beobachtete sie dabei, wie sie nachdenklich den Rock einer Schaufensterpuppe glättete und deren breiten Gürtel richtete. „Ich habe mich auf Ihrer Website über die Preise informiert. Ich bin bereit, Ihr Honorar zu verdoppeln. Und zusätzlich zahle ich alle Transportkosten.“

Sie machte große Augen. Er wusste, dass sie sein Angebot nicht ablehnen konnte. Es war einfach zu gut. „Und als Firmeninhaber von Dazzle, wovon Sie sicher schon gehört haben, empfehle ich Sie dann auch gerne weiter.“

Sie starrte ihn unverwandt an.

„Also, was sagen Sie dazu?“

Die junge Frau richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf, warf mit einer energischen Handbewegung ihre blonden Ringellöckchen über die Schulter und schenkte ihm einen Blick, der Bände sprach.

„Danke für Ihr Angebot, aber meine Antwort ist Nein.“

2. KAPITEL

Lola wollte sich von niemandem mehr sagen lassen, was sie zu tun und zu lassen hatte. Nein, das war vorbei! Lange genug hatten ihre Mutter – sie war Finalistin im Wettbewerb um den Titel der Miss Australien gewesen – und ihre Schwester, das Supermodel, es getan.

Trage keine zu engen Jeans, die stehen dir nicht.

Zieh dir ein anderes T-Shirt an, in diesem wirkt dein Hintern so groß.

Nimm den korallfarbenen Lippenstift, sonst siehst du so blass aus.

Nicht ohne Grund also reagierte sie auf jede Art von Bevormundung allergisch.

Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Allein wie er hier mit seinem Handy hereingekommen war, ärgerte sie. Was für ein ignoranter Typ. Im Laden sollte eine stimmige Atmosphäre herrschen. Und zu der damaligen Zeit hatte es diese nervtötenden Dinger eben noch nicht gegeben. Also hatte sie es zur Hausregel gemacht, dass sie in ihrem Laden auch nicht benutzt werden durften. Ein Verbotsschild hing deutlich sichtbar in der Tür.

Sie hatte kein Verständnis für Leute, die ihre Umwelt gar nicht mehr wahrnahmen, weil sie permanent auf ihr Handy starrten.

Wie konnte überhaupt jemand sich mit so einem Gerät beschäftigen, wenn er von so viel Schönheit umgeben war? Liebevoll strich sie über ein zinnoberrotes Ballkleid aus den Vierzigern und genoss den weichen Samt und die zeitlose Eleganz. Ihre Finger spielten mit einem seidenen Schal mit Blumenmuster. Wenn dieses Stück Stoff könnte, würde es wohl so manche Geschichte über all die Hälse erzählen, die es im Laufe der Jahre geziert hatte.

Sie betrachtete die mit Pailletten besetzten Schuhspangen, die blutroten Lippenstifte, den fantasievollen Kopfputz der Schaufensterpuppen.

Jedes einzelne Teil hatte sie liebevoll ausgesucht in der Hoffnung, dass es seiner nächsten Besitzerin genauso viel Freude machte wie ihr.

„Nein? Ist das wirklich ihr letztes Wort?“

Jäh riss sie dieser Banause, der keine Ahnung von Vintage hatte, aus ihren Gedanken.

Er sah gut aus. So unglaublich gut, dass sie sich am liebsten im Hinterzimmer versteckt und ihn von Imogen hätte bedienen lassen. Genau der Kerl, bei dem sie Angstzustände bekam: aalglatt und erfolgreich. Einer von denen, die ihr gutes Aussehen und ihren Erfolg einsetzen, um ein Mädchen wie sie zu beeindrucken. Einer wie Bodey es gewesen war.

Es ärgerte sie, dass die Vergangenheit sich wieder einmal in ihre Gegenwart drängte. Entschlossen straffte sie die Schultern.

Er schien gewohnt zu sein, immer seinen Willen zu bekommen. Jedenfalls strahlte er das aus. Der Kerl war vom perfekten Schnitt seiner braunen Haare bis hin zu den italienischen Schuhen perfekt gestylt. Und sein maßgeschneiderter Anzug kostete garantiert mehr als ihre ganze Schaufensterauslage.

Natürlich hatte sie schon von Dazzle gehört. Jeder in Melbourne kannte den exzellenten Ruf des Unternehmens. Du willst aus deiner Party etwas Besonderes machen? Dazzle organisiert alles, vom Feuerspucker bis zur internationalen Rockband. Die Nummer eins in der Unterhaltungsbranche.

Sie hatte eine Antwort für ihn. Sie musste sie nur noch etwas feiner formulieren, als sie ihr gerade durch den Kopf ging.

Er musste ihre Verachtung gespürt haben, denn er strich sich mit der Hand übers Gesicht, und als er sie wieder ansah, war der arrogante Ausdruck einem reuevollen Lächeln gewichen.

„Es tut mir leid, dass ich hier so hereinstürze und Sie so überfalle, aber ich tue es aus reiner Verzweiflung.“

Von wegen, dachte Lola. Mit den blauen Augen, dem charismatischen Lächeln und der honigsüßen Stimme wusste der Typ bestimmt nicht mal, wie man Verzweiflung buchstabierte!

Leider schien er ihr nachdenkliches Schweigen als Ermunterung zu verstehen, denn nun hob er auch noch flehend die Hände.

„Meine Schwester heiratet. Sie ist ein anbetungswürdiges Bündel von Widersprüchen, das einen in den Wahnsinn treiben kann, und ich schulde ihr viel. Sie verdient das Beste. Und sie liebt altes Zeug. Deswegen dachte ich, ich könnte ihr mit dieser besonderen Party eine Freude bereiten.“

Na wunderbar. Als wäre der flehende Blick aus himmelblauen Augen nicht schon scheinheilig genug, jetzt spielte er auch noch den großherzigen und liebevollen Bruder. Aber ihr machte er bestimmt nichts vor.

„Wann heiratet sie denn?“

„In sechs Wochen. Und ganz schlicht. Deshalb wollte ich ihr das hier schenken. Für Hochzeitsvorbereitungen hat sie selber keine Zeit. Sie ist eine viel beschäftigte Firmenanwältin. Immer in Eile, eigensinnig. Ein Workaholic.“

Vermutlich nicht der einzige in der Familie, dachte Lola.

„Letzte Woche erwischte ich sie dabei, wie sie in einem Magazin sehnsüchtig Sachen aus einem Vintage Laden in England betrachtete. Da kam mir die Idee zu diesem Hochzeitsgeschenk.“

Die Schwester schien wirklich die perfekte Kandidatin für eine Go Retro Party zu sein. Aber das war’s dann auch. Sie hatte Geburtstagspartys organisiert, nette Nachmittage für Frauen, die ihre Leidenschaft für altmodische Sachen teilten. Und sie hatte glänzende Kritiken bekommen. Aber dieser Typ hier wollte sie für eine ganze Woche engagieren.

„Alles, was mir sonst noch als Geschenk einfällt, sind Espressomaschine und moderner Technik-Schnickschnack. Cari würde das hier aber viel besser gefallen!“

Wieder schenkte er ihr ein Lächeln. Und dieses Mal erzeugte es so ein seltsam kribbeliges Gefühl in ihrem Bauch, das ihr gar nicht gefiel.

„Also, was meinen Sie?“

Jetzt hatte er sie mit seinem Charme doch glatt um den Finger gewickelt.

Wenn ein unvergesslicher, eine Woche lang dauernder Junggesellinnenabschied der einzige Luxus für diese überarbeitete Anwältin war, wie konnte sie da Nein sagen?

Und da war auch noch sein Versprechen, sie weiterzuempfehlen. Sie musste an die hohe Hypothek denken, die auf ihrem kleinen Laden lastete. Die schlechte Wirtschaftslage, die explodierenden Zinsen und das zurückhaltende Kaufverhalten der Kunden waren Gift für ihr Geschäft. Da konnte ihre Auslage noch so flippig und ihre Ware noch so gut sein. Wenn sie nicht bald mehr Profit machte, würde sie Go Retro dichtmachen müssen.

Dabei hatte sie so lange und so hart für ihren Traum vom eigenen Laden gearbeitet. Ihr Stolz ließ es nicht zu, dass sie aufgab.

Aber leicht wollte sie es ihm auch nicht machen, und deshalb nannte sie ihm das Dreifache des normalen Tagessatzes. Eigentlich hätte er jetzt den Preis runterhandeln müssen.

Tat er aber nicht.

„Ich kann Ihnen einen Scheck ausschreiben, oder ich überweise es Ihnen direkt aufs Konto. Dazu bräuchte ich allerdings mein Handy zurück“, meinte er mit spöttischem Lächeln.

Sie merkte, wie sein Blick auf ihre Hüften fiel, und hielt sich Halt suchend an der Ladentheke fest.

Sie mochte zwar seit ihrer Teenagerzeit abgenommen haben und hatte auch gelernt, die Vorzüge ihrer Figur zu betonen und die Nachteile zu kaschieren. Aber wenn ein Mann – und besonders ein gut aussehender – sie so musterte, erwachten wieder all ihre Minderwertigkeitskomplexe.

Vielleicht waren ihre Hüften doch zu breit? Die Taille zu dick? Der Po zu groß?

„Haben Sie es nicht irgendwo in Ihrem Rock versteckt?“

Er musterte Lola mit durchdringendem Blick. Hastig griff sie in die Tasche ihres Petticoats nach seinem Handy.

„Hier“, sagte sie und gab es ihm.

Als sich dabei zufällig ihre Finger berührten, durchfuhr es Lola wie ein leichter Stromschlag. Doch das Gefühl dabei war wärmer und weniger schmerzhaft, eher wie ein angenehmer Schauer.

Das war gar nicht gut.

Die Jungs, mit denen sie sich sonst verabredete, unterschieden sich von dem hier wie ihr gepunktetes Kleid von seinem Designeranzug. Es waren Künstler, Musiker, lässige Bohème-Typen, die nichts von einem stressigen Leben hielten.

Solche Männer fand sie anziehend. Nicht die reichen Geschäftsmänner, die glaubten, sich alles und jeden kaufen zu können.

„Danke.“

Als hätte die kurze Berührung ihrer Finger nicht schon gereicht, bekam sie bei seinem aufrichtigen Lächeln auch noch weiche Knie. Aus Nervosität wurde sie schnippisch.

„Ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen“, sagte sie und arrangierte die Körbe voll Haarspangen auf dem Ladentisch zu einem kunstvollen Durcheinander.

„Chase Etheridge.“

Er streckte ihr die Hand hin. Sie zögerte. Jedem anderen hätte sie ohne Weiteres die Hand gegeben, aber wenn sie an ihre eigenartige Reaktion gerade eben dachte!

Sie schluckte schwer.

„Lola Lombard.“

„Hübscher Name.“

Sein Blick ließ ihren nicht los. „Schön.“

Und als sie zögernd die Hand in seine legte und seine Finger sich warm und fest um sie schlossen, da fühlte sie sich fast wirklich schön.

3. KAPITEL

Sie brauchte jetzt unbedingt eine Tasse beruhigenden Kräutertee und schaltete gerade den Wasserkessel an, als Imogen von ihrer Pause zurückkam. Sie stürmte mit geröteten Wangen aufgeregt herein und schlug begeistert die Hände zusammen.

„War das etwa gerade der Chase Etheridge, der da aus dem Laden ging?“

Sie verrenkte den Hals, um noch einen letzten Blick auf ihn zu erhaschen, während Lola nur die Nase rümpfte und heilfroh war, ihn von hinten zu sehen.

„Was wollte der hier? Mein Gott, ist der sexy! Drei Jahre hintereinander wählten ihn die Zeitungen zum begehrtesten Junggesellen von Melbourne. Na ja, kein Wunder bei diesen blauen Augen und dem hinreißenden Lächeln. Und dann sein niedlicher Hint …“

„Okay, es reicht.“

Musste ihre Mitarbeiterin unbedingt in ihrer Gegenwart von diesem Kerl schwärmen? Denn obwohl er bereits verschwunden war, flatterten ihre Nerven immer noch.

Imogen seufzte dramatisch, klatschte dann abermals in die Hände und fragte mit blitzenden Augen: „Spuck’s aus. Was wollte er hier?“

Einen Moment lang geriet Lola in Versuchung, ihrer Freundin etwas vorzuschwindeln. Aber Imogen würde ihr sowieso nicht glauben. Ein Mann wie Chase Etheridge interessierte sich, wenn überhaupt, natürlich nur rein geschäftlich für sie. Also blieb sie bei der Wahrheit.

„Er will unseren Partyservice buchen.“

„Ich kann dabei helfen.“

„Seine Schwester heiratet, und Go Retro soll ihren Junggesellinnenabschied organisieren.“

„Cool.“

Imogen zwängte sich in die winzige Küche und griff nach ihrem Lieblingsbecher mit der Aufschrift „Ich bin einfach zu sexy“. „Während du die Braut und ihren Hühnerhof bezauberst, kümmere ich mich um Chase.“

Sie wackelte mit den Hüften, währen sie Instantkaffee in ihre Tasse löffelte. „Das wird ein Mordsspaß.“

„Sicher“, meinte Lola und unterdrückte ein Lächeln. „Nur ist es dieses Mal ein bisschen anders als sonst.“

„Wieso?“ Zum Hüftwackeln gesellte sich ein rhythmisches Zucken mit den Schultern. „Will Chase, dass wir Überstunden machen? Ich würde auch die ganze Nacht mit ihm verbringen. Mache ich glatt, das weißt du. Ich gehöre zu den Mädchen, die sich für ihren Job aufopfern und …“

„Nicht du. Ich bleibe über Nacht.“

Sie genoss Imogens verwirrten Gesichtsausdruck.

„Du?“

Der Kessel schaltete sich aus, und sie goss heißes Wasser in ihre Becher.

„Ja, ich. Du hast mich schon richtig verstanden.“

Imogens rot geschminkter Mund öffnete sich kurz und schloss sich dann wieder.

Selten hatte Lola ihre Freundin so sprachlos gesehen.

„Er hat mir ein großzügiges Angebot gemacht. Dafür will er aber auch einen ganz besonderen Junggesellinnenabschied für seine Schwester. Die Party soll eine Woche dauern. Und während ich das also mache, hältst du hier den Laden am Laufen.“

Imogen verschränkte die Arme vor der Brust und machte ein beleidigtes Gesicht.

„Na komm, Imogen. Wir sind doch ein Team.“

„Ja, ja, ich weiß. Aber bei dem Gedanken, dass du ihn jetzt so richtig privat kennenlernen wirst, platze ich gleich vor Neid.“

„Ich werde niemanden so richtig privat kennenlernen.“ Schon gar nicht diesen überheblichen Workaholic, der keine Hutschachtel von einem Lockenwickler unterscheiden konnte. Sie beide hatten wirklich nichts gemein. Besser, sie ging wieder an ihre Arbeit, bevor Imogen sie noch nervöser machte.

Und sie war tatsächlich nervös. In ein paar Stunden würde sie Chase erneut treffen, um mit ihm die ersten Vorschläge zu besprechen. Allein der Gedanke daran versetzte sie in Panik.

Es hatte nichts mit mangelndem Vertrauen in ihr Können zu tun, aber viel mit den seltsamen Reaktionen, die dieser Mann bei ihr auslöste. Ein Blick von ihm – und ihr Puls begann zu rasen.

Autor

Nicola Marsh
Als Mädchen hat Nicola Marsh davon geträumt Journalistin zu werden und um die Welt zu reisen, immer auf der Suche nach der nächsten großen Story. Stattdessen hat sie sich für eine Karriere in der Gesundheitsindustrie entschieden und arbeitete dreizehn Jahre als Physiotherapeutin

Doch der Wunsch zu schreiben ließ sie nicht los...
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