Der Hochzeitsvertrag

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Wie heiß hat sich die schöne Emily Loveyne ersehnt, dem jungen Earl Nicholas Hollander das Ja-Wort zu geben. Damals, als er mit seinem ungestümen Kuss ihr Herz erbeben ließ – um sie dann ohne ein Wort zu verlassen! Sieben Jahre später ist sie nun seine Gemahlin – doch um welchen Preis! Nicht ahnend, dass der Landsitz des Earls, auf dem Emily ihren cholerakranken Bruder besucht hat, als Quarantänestation für einige Dutzend Seemänner dient, kompromittierte sie sich mit ihrem unangemeldeten Besuch aufs Äußerste. Und sie muss dankbar sein, dass Nicholas sie geheiratet hat, um ihren Ruf zu retten! Will er nur wiedergutmachen, was er ihr einst angetan? Oder darf sie glauben, was sie in Momenten der Nähe in seinen Blicken liest? Fast ist sie bereit, an neu erwachte Liebe zu glauben, da taucht ein Vertrag auf, in dem der Earl schon einer anderen die Ehe versprach ...


  • Erscheinungstag 20.05.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783751522410
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

An der Südküste von England, 1856

Emily Loveyne hatte das Gartentor nur aufziehen wollen. Jetzt stand sie da, die lose Klinke in der Hand, und die lang vernachlässigte kleine hölzerne Tür brach mit einem Quietschen aus den Angeln und fiel zu Boden.

Bestürzt blickte sie in den verwilderten Garten. Dass sie, die Tochter des Pfarrers von Bournesea, sich einmal auf diese Weise widerrechtlich Zutritt zum Herrensitz verschaffen müsste, hätte sie nie für möglich gehalten.

Seufzend machte Emily einen Schritt vor, rupfte mit der bloßen Hand einige der Efeuranken und Winden fort, die den Zugang überwuchert hatten, und bahnte sich mit gerafften Röcken einen Weg durch das verbleibende Dickicht. Es war offensichtlich, dass diese Pforte schon seit Jahren nicht mehr als Ein- oder Ausgang benutzt worden war, so wie ihr Vater und sie das getan hatten, wenn sie ihn als Kind bei seinen Sonntagnachmittagsvisiten begleitet hatte, damals, als Lady Kendale noch lebte.

Der Weg von ihrem Cottage zum Herrenhaus hatte durch den Park, das kleine Tor und an den Rosenbeeten vorbeigeführt. Ihr Vater liebte Rosen. Nichts bereitete ihm mehr Freude als der Anblick dieser prächtigen Blumen, die aus den Ablegern gewachsen waren, die Lady Kendale ihnen für ihren Garten hatte geben lassen. Aber ach! Lady Kendales Rosensträucher waren, wie es aussah, schon lange nicht mehr gepflegt worden und mit Unkraut überwuchert.

Aber vermutlich wurden heutzutage ohnehin nur noch der Vorder- oder der Seiteneingang benutzt. Unglücklicherweise waren die dekorativen schmiedeeisernen Flügel beider Tore fest verschlossen gewesen. Und stark bewacht. Von ungeschlachten, bärtigen Männern, die sie nicht kannte – ihrem Aussehen nach vermutlich Seeleute.

Eilig schritt Emily an den hohen Buchsbaumhecken, die die Mauern des Gartens flankierten, vorbei und auf das niedrige Wagen- und Gesindehaus zu, das in L-Form an die Rückfront des majestätischen Herrenhauses angebaut war. Hier war das männliche Personal untergebracht. Es war ein Glück, dass sie ihren Bruder nicht im Untergeschoss oder im Dachgeschoss des Herrenhauses suchen musste, wo die weiblichen Dienstboten schliefen. Obwohl ihr die Räumlichkeiten dort vertraut waren, würde sie es nur ungern betreten.

Was dachte der neue Earl sich nur dabei, Joshua noch immer von seinen Lieben fern zu halten? Die Brigg lag angeblich bereits seit zwei Tagen an der Küste vor Anker. Emily hatte erst jetzt davon gehört, sonst wäre sie schon früher gekommen. Und warum war das Schiff nicht in den Hafen eingelaufen?

Ihr Bruder war erst dreizehn Jahre alt. Und nach seinen sechs Monaten auf See war er vor Heimweh gewiss schon ganz krank.

Sosehr sie damals auch protestiert hatte, ihr Vater hatte Joshua erlaubt, als Schiffsjunge bei Captain Roland für die unselige Reise nach Indien anzuheuern, die unternommen werden musste, um Nicholas vom Tod seines Vaters in Kenntnis zu setzen. Und um ihn so bald wie möglich nach England zu bringen, damit er als neuer Lord Kendale dessen Stelle einnehmen konnte.

Lord Kendale. Natürlich hatte Nicholas auf einen Titel immer Anspruch gehabt, weil er ja der Sohn des Earl of Kendale war. Nun war er selbst Earl und hatte die damit verbundenen Würden geerbt. Sie durfte auf keinen Fall vergessen, ihn Lord Kendale zu nennen, wenn sie ihn je wieder sehen sollte.

Doch Earl oder nicht: Er hatte kein Recht, ihren kleinen Bruder über dessen Dienstzeit hinaus hier festzuhalten. Joshuas Platz war daheim, bei ihr und ihrem Vater, der seinen Sohn täglich mehr vermisste. Das würde sie Lord Kendale zu verstehen geben. Warum nur hatte er Wachen an den Toren postiert? Sie hatten sie brüsk angewiesen zu gehen, ohne ihr Auskunft geben zu wollen.

Emily raffte ihre bodenlangen Röcke und wich geschickt einigen Pfützen aus, während sie auf die Tür des Gesindehauses gleich neben der Remise zusteuerte.

Außer den Torwächtern, das fiel ihr auf, hatte sie noch keinen einzigen Bediensteten gesehen. Im Dorf hatte es geheißen, das Personal sei nach Nicholas’ Ankunft weggeschickt worden.

Im Dorf hatte ihn noch niemand zu Gesicht bekommen. Dass er sich derart abschottete, war seltsam. Angesichts der Animosität, die zwischen Vater und Sohn geherrscht hatte, war es unwahrscheinlich, dass er sich aus übermäßiger Trauer über das Ableben seines Vaters von den Menschen in Bournesea fern hielt. Vielleicht hatte Nicholas Schuldgefühle, was Emily in gewisser Hinsicht erleichterte. Die Art und Weise, wie er aus Bournesea verschwunden war, sollte ihm ruhig Gewissensbisse bereiten.

„Ist jemand da?“, rief sie zögernd, nachdem sie die Tür des zweistöckigen Seitenanbaus geöffnet hatte, in dem traditionell alle männlichen Bediensteten des Earl untergebracht waren. Durch offen stehende Türen konnte sie Blicke in einige der vom Gang abgehenden Räume werfen, sah aber nur abgenutzt wirkende Möbelstücke. Dann hörte sie von fern her Stimmen.

Erleichtert eilte Emily in die Richtung, aus der die Stimmen kamen, an einer weiteren Kammer vorbei, deren Tür ebenfalls offen stand. Sie hielt kurz inne und spähte hinein. Dort, auf einem Bett lag ihr Bruder. Schlafend – und das mitten am Tag!

Er war nicht einmal richtig angezogen. Seine mageren Arme und Schultern lugten aus dem dünnen, ärmellosen Unterhemd hervor.

„Joshua?“, rief sie leise, um ihn nicht zu erschrecken, und wunderte sich darüber, dass er nach den Monaten auf See so blass war. Als er nicht antwortete, trat sie an sein Bett, legte ihm die Hand auf die Schulter und schüttelte ihn sacht. „Joshua, mein Schatz? Geht es dir nicht gut?“

Er öffnete die Augen. Erst schien er überglücklich zu sein, sie zu sehen, dann wich die Freude nackter Angst. „Emily! Bitte geh! Geh sofort!“

„Unsinn, ich habe dich schon in Unterwäsche gesehen, da warst du noch …“

Unbemerkt waren zwei Männer in grober Wollkleidung herbeigeeilt, die sie nun wortlos an den Armen packten und sie trotz ihres Protests ohne ein Wort der Erklärung aus dem Gesindehaus und dann über den Hof und durch die Küchenquartiere bis in die große, helle Eingangshalle des Herrenhauses und von dort weiter, Richtung Bibliothek, schleiften.

Hatten Piraten oder Diebe das Gut in ihre Gewalt gebracht? Zu Tode erschrocken, bat Emily darum, freigelassen zu werden, und trat, als dies nichts nützte, voller Angst um sich.

Nur um eine Tür zu öffnen, ließ der eine der beiden Männer sie schließlich los, woraufhin der andere sie unsanft und ohne jede Vorwarnung in die Bibliothek der Kendales stieß.

Emily taumelte über den Parkettboden nach vorn.

Der hinter einem großen Schreibtisch aus Mahagoni sitzende Mann erhob sich aus seinem gepolsterten Lehnstuhl. Zunächst erkannte sie ihn nicht. Er sah sehr viel älter aus, als sie ihn in Erinnerung hatte, und er kam ihr auch viel größer vor. Er schien sehr aufgebracht über ihre Anwesenheit zu sein.

Aus seinen blauen Augen, mit denen er sie vor sieben Jahren stets liebevoll betrachtet hatte, warf er ihr jetzt einen kalten Blick zu. Die sinnlichen Lippen, die er einst mit viel Gefühl auf die ihren gedrückt hatte, waren missbilligend zusammengekniffen. Er wirkte fast bedrohlich, wie er so dastand und ärgerlich die Augenbrauen zusammenzog.

„Nicholas?“, fragte sie fassungslos, unfähig, die große Veränderung, die er durchgemacht hatte, sofort zu verarbeiten.

„Was, in Gottes Namen, hast du hier zu suchen?“, verlangte er zu wissen. Seine Miene verhieß nichts Gutes. „Wer hat sie hereingelassen?“

Einer seiner Untergebenen räusperte sich. „Niemand, Mylord. Sie muss sich irgendwo hereingeschlichen haben. Wir haben sie im Zimmer des kleinen Joshua gefunden.“

Nicholas verzog das Gesicht und massierte seine Schläfen. „Verdammt!“

„Das sollen Sie sein“, erwiderte Emily spitz, empört über den unfreundlichen Empfang. „Ich hatte nicht vor, Sie mit meiner Gegenwart zu belästigen, Mylord. Ich wollte lediglich meinen Bruder nach Hause bringen. Wenn Sie mich also entschuldigen würden …“

„Unmöglich“, sagte er mürrisch.

„Papperlapapp!“, erwiderte sie und drehte sich mit wippenden Röcken um.

„Geben Sie den Weg frei!“, befahl sie den beiden Männern an der Tür. Um ihrer neuen Stellung gewachsen zu sein, hatte sie in den letzten Wochen einen Tonfall einstudiert, der Kindern gegenüber bemerkenswert wirkungsvoll war. Nur leider schien er auf Erwachsene keinen Eindruck zu machen: Die Männer rührten sich jedenfalls nicht von der Stelle.

Lord Kendale kam hinter dem großen Schreibtisch hervor und näherte sich ihr. „Emily, wir müssen uns wohl unterhalten. Würdest du dich bitte setzen? Wrecker, schenk uns beiden einen Brandy ein“, fügte er hinzu.

Sie wandte sich ihm wieder zu. „Mylord, Sie wissen so gut wie ich, dass ich nichts Alkoholisches trinke. Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, und gestatten Sie mir danach bitte, Joshua mit nach Hause zu nehmen. Er sieht krank aus.“ Emily hoffte, er würde nicht merken, wie aufgewühlt sie innerlich war, und ignorierte den ausgestreckten Arm, den Nicholas ihr höflich entgegenhielt.

Seine Miene verfinsterte sich. „Ihr könnt gehen“, wies er die beiden Männer an. „Und findet besser heraus, wie sie an den Wachen vorbeigekommen ist. Ihr wisst, was euch blüht, wenn noch jemand das tut.“

Emily hörte, dass die Tür geschlossen wurde. „Was haben Sie vor?“, erkundigte sie sich unsicher. Das war nicht der elegante, charmante Nicholas, den sie kannte. Stattdessen stand sie einem ungepflegt wirkenden, einschüchternden Fremden gegenüber.

„Bitte setz dich, Emily“, forderte er sie auf.

Hastig wich sie zur Seite. Sie scheute sich, ihm noch näher zu kommen.

Dem Bartwuchs nach zu urteilen, hatte er sich schon einige Tage nicht mehr rasiert. Die Ärmel seines Hemdes hatte er bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt, sodass seine muskulösen, sonnengebräunten Unterarme zu sehen waren. Sein schimmerndes dunkles Haar fiel ihm ins Gesicht und ringelte sich über dem offen stehenden Hemdkragen, der sie einen Blick auf seinen Oberkörper erhaschen ließ.

Verwirrt senkte Emily die Lider. Er sieht aus, als wäre er gerade aus dem Bett gekommen. Einem zerwühlten Bett. Rasch verdrängte sie die erotischen Bilder, die in ihr hochstiegen. Dass jemand, den sie so sehr hasste, sie auf derart gefährliche Gedanken brachte, war überaus bedenklich.

Sie lehnte sich an den Tisch, bedacht darauf, einen möglichst großen Abstand zu ihm zu halten.

„Du hättest nicht hierher kommen sollen“, sagte er unwirsch.

Emily stieß die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatte, und verdrehte die Augen. „Seien Sie unbesorgt, Mylord. Ich wollte Sie sicher nicht zur Rechenschaft ziehen. Sogar ich bin zu vernünftig, um von einer hoch gestellten Persönlichkeit wie Ihnen eine Erklärung für Ihre Taten zu fordern. Lassen Sie mich gehen, und ich werde Sie nicht länger belästigen.“

„Ich wünschte, das könnte ich glauben. Weiß dein Gatte, dass du hier eingedrungen bist? Dass du dir widerrechtlich Zutritt zu Privatbesitz verschafft hast?“

„Mein Gatte?“ Ungläubig blickte sie ihn an. „Ich habe keinen. Dem Himmel sei Dank!“, fügte sie schnippisch hinzu.

„Du bist nicht verheiratet?“

Ärgerlich funkelte sie ihn an. „Natürlich nicht. Und wir wissen auch beide, weshalb. Aber ich habe einen Bruder, den ich mit nach Hause nehmen möchte. Und wenn ich das nicht darf, will ich wenigstens wissen, warum.“

„Weil er krank ist“, erklärte Nicholas ihr, jetzt in weitaus milderem Tonfall. „Joshua kann Bournesea nicht verlassen – und auch du wirst hier bleiben müssen.“

„Was? Sie wollen uns gegen unseren Willen an diesem Ort festhalten?“

„Wenn es sein muss, werde ich es tun“, bestätigte er und zögerte kurz. Dann erklärte er: „Wir hatten die Cholera an Bord.“

Emily stieß einen leisen Schrei aus. Kurz flimmerte es vor ihren Augen, und sie musste sich an der Tischplatte festhalten, weil die Knie ihr den Dienst versagten. Oh Gott! Cholera? Bevor sie sich wieder in der Gewalt hatte, war er bei ihr und nahm sie auf die Arme. Sie sträubte sich nicht.

Als er sie auf eine mit blauem Samt bezogene Sitzbank gebettet hatte, kniete er sich neben ihr nieder und legte ihr die Hände auf die Arme. „Emily, bitte glaub mir, es tut mir schrecklich leid, dass dies passiert ist. Es ist unverzeihlich, dass ich dir diese Nachricht nicht taktvoller beigebracht habe.“

Mit zitternden Fingern strich sie sich über die Stirn, dann presste sie eine Handfläche vor den Mund und schluckte. Ihr war übel.

„Tief einatmen!“, befahl er. „Lehn dich zurück.“ Er wartete nicht ab, bis sie der Aufforderung nachkam, sondern drückte sie nach hinten, bis ihr Nacken unbequem an der hohen, gepolsterten Lehne der Sitzbank ruhte und ihre Capote fast verrutschte.

Dann eilte er zu einem kleinen Beistelltisch. Einen Moment später war er wieder bei ihr und hielt ihr ein Glas an die Lippen. „Probier davon! Das wird dir helfen“, drängte er.

Alkoholgenuss stand eigentlich auf ihrer Liste der Dinge, die es zu vermeiden galt, ganz oben. Doch das kümmerte Emily im Moment nicht. Sie umklammerte das Glas und trank in hastigen Schlucken. Zu hastigen. Fast hätte sie keine Luft mehr bekommen, so sehr musste sie husten. Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. „Wird … wird Joshua sterben?“, brachte sie keuchend hervor.

„Nein, nein, er wird bestimmt nicht sterben“, versicherte er ihr rasch. „Seine Gesundung macht von Tag zu Tag Fortschritte, seit wir an Land gingen. Wirklich, er hat kaum noch Fieber.“

Sie packte ihn mit beiden Händen am Arm. „Nicholas, lass einen Arzt kommen. Ich bitte dich inständig …“ Emily war unwillkürlich zur vertraulichen Anrede übergegangen.

Er schüttelte den Kopf. „Er hat einen fantastischen Arzt. Dr. Evans ist sehr erfahren.“

Emily wischte sich die Tränen weg und versuchte, klar zu denken. „Ich habe noch nie von ihm gehört.“

„Er ist Schiffsarzt, seit Jahren mit Captain Roland unterwegs. Ich vertraue ihm bedingungslos.“

„Ist es wirklich die Cholera, Nicholas?“, flüsterte Emily. „Ich kann es nicht glauben!“

„Es hat früher auch in England Epidemien gegeben“, erinnerte er sie. „Niemand ist vor der Cholera sicher.“

„Aber doch in London und in den anderen Städten.“

„Sie grassierte gerade in Lissabon, wo wir im Hafen lagen. Offenbar haben einige Seeleute sich dort angesteckt.“

„Im Ausland?“, fragte sie mit versagender Stimme.

„Ja, in Portugal. Und ich versuche alles, um eine Epidemie in Bournesea zu verhindern. Ich habe gesehen, was die Cholera in Indien angerichtet hat. Deshalb, versteh bitte, kann ich dich und Joshua nicht heimgehen lassen. Du hast dich bei ihm vielleicht angesteckt“, erwiderte er sanft. „Und außerdem muss ich alles tun, um zu vermeiden, dass Gerüchte entstehen und eine Massenhysterie ausbricht.“

„Aber mein Vater …“

„Wenn er hierher kommt, um dich abzuholen, wird er die Wahrheit erfahren. Sobald er am Tor steht, werde ich aus sicherer Entfernung selbst mit ihm sprechen. Ich weiß, ich kann darauf vertrauen, dass er nichts weitererzählt.“

„Es geht ihm gesundheitlich nicht gut“, sagte Emily. „Und ich kann mir vorstellen, wie beunruhigt er sein wird, wenn ich nicht vor dem Abendessen wieder daheim bin. Ich habe ihm verschwiegen, wohin ich gehe.“

Nicholas seufzte und wippte auf seinen Stiefelabsätzen zurück, immer noch ihre Hand haltend. Wann hatte er sie ergriffen, und warum hatte sie nicht gemerkt, dass er es getan hatte? Sie sollte ihm die Hand entziehen, aber sie fühlte sich so schwach. In diesem Moment war ihr jeder Trost recht.

„Hat dein Vater jemand, der in deiner Abwesenheit für ihn kocht?“, erkundigte er sich.

Emily nickte, immer noch derart entsetzt über das, was er ihr enthüllt hatte, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Sich mit etwas so Banalem wie dem Abendessen ihres Vaters zu beschäftigen erschien ihr in dieser Situation völlig fehl am Platz.

Aufmunternd tätschelte Nicholas ihr die Hand. „Ich werde das Zimmer meiner Mutter herrichten lassen. Gewiss hätte sie nichts dagegen, wenn du dich dort aufhältst“, meinte er und lächelte sie an.

Das war der Nicholas, an den sie sich erinnern konnte. Dieser sonnengebräunte, muskulöse Mann, der mir anfangs so fremd vorkam, hat doch noch vertraute Seiten, dachte sie erleichtert. Emily umklammerte seine Hand. Joshua würde es bald wieder besser gehen. Er musste einfach gesund werden.

„Wenn auch ich krank werde, Nicholas? Wer soll sich um Vater und Joshua kümmern?“

Er versuchte sie zu beruhigen. „Habt ihr keine Haushälterin mehr? Was ist mit Mrs. Pease?“

„Doch, sie ist noch immer bei uns. Aber das meine ich nicht. Jemand wird für ihre Dienste aufkommen müssen, wenn Vater aus seinem Beruf ausscheidet. Und das will er bald tun. Und Joshua muss doch auch irgendeine Ausbildung erhalten!“

„Ach so.“ Er hatte begriffen, was sie ihm zu verstehen geben wollte. „Darüber mach dir mal keine Sorgen. Selbst wenn das Schlimmste passiert und wir beide der Seuche erliegen, wird es deiner Familie an nichts mangeln.“

„Was soll das heißen?“

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, ein vertrautes Lächeln, das sie dazu gebracht hatte, zu glauben, er würde sie lieben. Damals. Aber allem Anschein nach hatte es vor Jahren schon so wenig zu bedeuten gehabt wie heute.

„Sobald ich die ersten eigenen Gewinne gemacht hatte, habe ich dich testamentarisch begünstigt, Emily. Deine Familie, deine nächsten Verwandten werden im Ernstfall erben, was ich dir zugedacht hatte.“

„Warum hast du das getan?“, fragte sie verblüfft. „Aus Schuldgefühlen?“

Gab es eine andere Erklärung? Schließlich hatte er eine junge Frau mit netten Worten, Geschenken und Küssen vom rechten Weg abgebracht und war ohne ein Wort der Erklärung einfach verschwunden. Er hatte nicht die Absicht gehabt, jemals zu ihr zurückzukehren, das war ihr im Lauf der Jahre klar geworden. Wenn er nicht wenigstens eine gewisse Scham ihretwegen fühlte, dann war er ein gewissenloser Schurke.

„Ich? Schuldgefühle?“ Sichtlich verärgert, ließ er ihre Hand los. „Da es dir wieder so weit gut geht, dass ich dich alleine lassen kann, werde ich mich um deine Unterbringung kümmern. Bleib bitte in diesem Zimmer. Wir versuchen, alle Erkrankten so gut wie möglich zu isolieren.“ Flüchtig deutete er eine Verbeugung an, drehte sich um und verließ den Raum.

Emily setzte sich auf. Ihr Korsett und der steife, mit Rosshaar verstärkte Unterrock, der ihre Röcke glockenförmig aufbauschte, machten ihr das Liegen auf Dauer nicht gerade angenehm. Tausend Fragen kamen ihr in den Sinn, kaum dass Nicholas fort war. Und Emily bekam Angst. Nervös nestelte sie an den Bändern der Capote auf ihrem Kopf. An welchen Symptomen erkannte man die Cholera? Wie lange dauerte die Krankheit? Wie viele Infizierte überlebten sie?

Sie blickte um sich. Bücher. Regale voll gestopft mit Büchern. In irgendeinem dieser Bücher musste sie doch Antworten auf ihre Fragen finden können!

Langsam erhob sie sich von der Sitzbank und überflog die in Leinen und Leder geprägten Titel auf den Buchrücken. Eine Materia Medica, die in Augenhöhe stand, fiel ihr auf. Sie zog das Werk aus dem Regal und stellte überrascht fest, dass ein Zettel den Beginn des Abschnitts markierte, der sich auf die Cholera bezog. Nicholas hatte offenbar denselben Gedanken gehabt wie sie.

Mit dem voluminösen Band in der Hand ließ sie sich wieder auf der Sitzbank nieder und begann zu lesen. Leider waren dem Text nur wenige Fakten zu entnehmen. Heilmittel wurden genannt, die bei manchen Erkrankten genützt, bei anderen aber den Tod rascher herbeigeführt hatten. Warum die Krankheit so plötzlich und unvorhersehbar ausbrach, wie sie von einem Ort zum anderen gelangte, das blieb unklar, und die gelehrten Verfasser, die darüber Bescheid wissen sollten, äußerten dazu nur Vermutungen.

Minuten später kam Nicholas zurück. „Ich sehe, du nutzt deine Zeit sinnvoll. Findig wie immer, stimmts?“

Sie blätterte um, während sie zu ihm aufsah. „Wie lange ist Joshua schon krank?“

„Zwei Tage, nachdem wir Lissabon hinter uns gelassen hatten, bekam er Fieber. Zwei andere Besatzungsmitglieder ebenfalls. Alles deutete auf Cholera hin. Alle drei waren an Land gegangen. Sie müssen sich die Krankheit irgendwo in der Stadt zugezogen haben.“

Emily war entsetzt. „Sie haben einem kleinen Jungen erlaubt, sich mit zwei Seeleuten in einem fremden Hafen zu vergnügen? Wie leiten Sie eigentlich Ihr Frachtunternehmen, Mylord?“ Die förmliche Anrede schien ihr jetzt wieder passend zu sein.

Er zog die Augenbrauen hoch. „Einer der Seeleute war der Captain, ein Mann, den du kennst und schätzt. Ich selbst war nicht an Bord. Captain Roland hatte geschäftlich an Land zu tun und hielt es nicht für klug, einen kleinen Jungen ohne vernünftige Betreuung an Bord zu lassen. Deshalb hat er ihn netterweise mitgenommen.“

„Oh!“, meinte Emily zerknirscht und biss sich auf die Oberlippe. „Captain Roland ist auch erkrankt?“

„Leider ja. Ein Glück, dass ich in den Jahren auf See gelernt habe, den Kurs selbst zu berechnen, und uns heil nach Bournesea bringen konnte. Auf dem Meer ist es fast nicht möglich, so eine Krankheit richtig zu behandeln.“ Ohne auf ihre entschuldigende Geste einzugehen, fuhr er fort: „Ich ließ die drei, auch Joshua, in der größten Kabine unterbringen, die verfügbar war. Der Doktor erbot sich freiwillig, sie zu pflegen und sich vom Rest der Mannschaft fern zu halten. Wir ankerten in der Bucht und kamen nach Einbruch der Nacht vor drei Tagen hierher. Von der Mannschaft ist bislang niemand mehr infiziert worden, deshalb hoffen wir, dass die Gefahr gebannt ist.“

„Was ist mit den Bediensteten?“, erkundigte Emily sich. Unfassbar, dass nichts davon im Ort bekannt geworden ist!

„Ich bin allein vorausgegangen und konnte aus sicherer Entfernung mit dem Torwächter sprechen. Dem habe ich den Befehl erteilt weiterzugeben, dass das gesamte Personal Bournesea binnen einer Stunde zu verlassen und sich in Kendale House in London einzufinden habe, um dort auf weitere Anweisungen zu warten.“

„Und die Leute haben Ihrer Aufforderung Folge geleistet? Einfach so? Ohne Sie auch nur gesehen zu haben?“

„Sie haben getan, was ihnen aufgetragen wurde. Mag sein, dass sie neugierig gewesen sind. Sie haben mir jedenfalls den Gehorsam nicht verweigert. Mein Vater hat sie in dieser Hinsicht gut geschult.“

Emily nickte und verkniff sich einen Kommentar zum Umgang des alten Earl mit dem Personal. „Der Doktor ist trotz des Kontakts mit Joshua und den Männern nicht krank geworden?“

„Nein. Und er versicherte mir vorhin, dass sich alle drei auf dem Wege der Besserung befänden. Sie hatten großes Glück. Kaum jemand überlebt die Cholera. Die meisten sterben binnen Stunden.“

Emily stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Ich weiß. Das heißt, das habe ich gerade gelesen.“

„Wie die Seuche von einem Menschen auf einen anderen übertragen wird, ist noch nicht klar“, sinnierte Nicholas, „aber seit die Krankheit ausbrach, hatte niemand aus der Besatzung mehr Kontakt zu Außenstehenden. Ich schätze, dass weitere vierzehn Tage uns Gewissheit bringen werden. Wenn wir in zwei Wochen noch alle gesund sind, sind wir über den Berg. Und werden Gott danken, dass wir verschont geblieben sind.“

„Das wäre angebracht“, gab Emily gedankenverloren zurück. Sie legte das Buch beiseite und erhob sich. „Ich möchte mich gern selbst von Joshuas Wohlergehen überzeugen.“

„Nein!“, rief er aus und machte rasch einige Schritte zur Tür, um ihr den Weg zu versperren. Es fiel ihm sichtlich schwer, Ruhe zu bewahren. Abwehrend hob er die Hände. „Emily, warte bitte zwei Tage. Nur zwei Tage. Ich verspreche dir, dass du Joshua dann sehen darfst – zumindest, wenn seine Genesung weitere Fortschritte gemacht hat. Heute warst du nur kurz bei ihm. Fordere das Schicksal nicht noch einmal heraus!“

Sie wusste, dass Nicholas nur ihr Bestes wollte. Dieses Mal. „Ich habe wohl keine Wahl?“

„Nicht die geringste. Und ich muss dir außerdem untersagen, uns zu verlassen. Aber zwei Wochen Müßiggang werden für dich schon nicht so schlimm sein.“

„Ach, wenn Sie wüssten …“, murmelte sie resigniert, mehr zu sich als zu ihm.

„Die Damen des Ortes warten wohl zum Tee auf dich? Oder will irgendein Verehrer mit dir spazieren gehen?“

Seine arroganten, herablassenden Worte machten sie zornig. Röte schoss ihr in die Wangen. „Wie können Sie sich anmaßen, so zu tun, als hätte mein Leben keinen Sinn und ich keine erstrebenswerten Ziele? Die erzwungene Isolation hier wird mich meine Stellung kosten, und mein Vater wird vermutlich noch lange für Sie arbeiten müssen!“ Sie schlug das Buch mit lautem Knall zu. „Und Ihretwegen gibt es keine Verehrer, mit denen ich spazieren gehen könnte!“

Es war eigentlich unfassbar, aber er besaß die Unverschämtheit sich über ihren Wutausbruch auch noch zu amüsieren! „Keine Verehrer? Dann freu dich doch! Hast du nicht vorhin gesagt, dass du froh bist, noch keinen Gatten zu haben? Und überhaupt, was sollen diese Vorwürfe? Ich hörte, es gäbe jemand, und du hättest fast geheiratet.“

„Welch bedauerliche Fehlinformation.“ Angriffslustig hob sie das Kinn und blitzte ihn an. „Sie sind der Grund, warum ich Männer nur noch abschreckend finde.“

Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Deine Stellung, die du erwähnt hast“, sagte er hastig und wechselte absichtlich das Thema, „ist in einer Schneiderei, oder? Soweit ich mich erinnere, kannst du ja sehr gut nähen?“

Sie senkte den Kopf, blickte auf die Volantreihen ihres Rocks und wünschte, sie hätte nicht davon angefangen. „Nein, ich bin … ich werde Gouvernante“, gestand sie ihm verlegen und schalt sich gleichzeitig dafür, dass sie nicht mehr Stolz über diese Position zum Ausdruck brachte. Warum sollte ihr das Gleiche peinlich sein wie ihm? Hatte er in der Vergangenheit Mitgefühl mit ihrer misslichen Lage gezeigt?

Sein Gesicht spiegelte Traurigkeit wider. „Oh, Emily …“

War er etwa enttäuscht? Weil sie weder zur Herrschaft noch zur Dienerschaft gehören und von beiden Rängen nicht akzeptiert werden würde? Sie wusste genau, worauf sie sich einließ. Und sie fand, dass dies ein kleiner Preis war – ein kleiner Preis, den sie zahlen musste im Vergleich zu dem, was sie verdienen würde.

Ihr einziges Ziel war es, sich ein regelmäßiges Einkommen zu sichern, von dem sie ihre Familie ernähren konnte. Wenn ihr Vater weiter so hart arbeitete, würde er nicht mehr lange leben. Und Joshua würde auf einem Schiff schuften müssen, statt zur Schule zu gehen. Doch soeben hatten sich all ihre Pläne zerschlagen. Sie zuckte die Schultern. „Ich hätte übermorgen mit der Postkutsche nach London fahren müssen, um unverzüglich meine Stellung anzutreten. Das war die Bedingung. Jetzt wird Lord Vintley jemand anders einstellen.“

„Vintley?“, entgegnete er und verzog angewidert den Mund. „Nun, das ist ja kein großer Verlust. Hat er nicht früher öfter einmal die Worthings besucht? Ja, dort habe ich ihn kennengelernt. Ich muss sagen, ich war nicht sehr angetan von ihm.“

Emily presste kurz die Lippen zusammen, bevor sie erklärte: „Lord Worthings Tochter hat mich empfohlen. Gewiss wird sie sehr enttäuscht von mir sein, wenn sie erfährt, dass ich trotz ihrer Bemühungen die Stelle nicht angetreten habe!“

„Dierdre“, ergänzte er gelassen.

„Genau. Ihre Zukünftige.“

„Sie ist nicht meine Zukünftige.“

„Da meinte Ihr Vater aber etwas anderes! Mir hat er erklärt, dass Sie schon zwei Jahre, bevor Sie von hier verschwanden, mit ihr verlobt gewesen sind!“

„Das ist nicht wahr! Dass ich Dierdre heirate, war sein Wunsch, nicht meiner!“

„Das sagen Sie!“ Log er? Entweder hatte sein Vater die Unwahrheit gesagt oder Nicholas. Sie neigte dazu, Nicholas eher zu glauben. Aber der hatte ihr Vertrauen schon einmal missbraucht. Zweifelnd musterte sie ihn.

Er verschränkte die Arme und runzelte die Stirn: „Du konntest doch Dierdre nie leiden. Warum hast du dich dann von ihr empfehlen lassen?“

„Des Lohns wegen“, erwiderte Emily kurz angebunden. „Ich habe mich sogar schriftlich bei ihr für ihre Bemühungen bedankt. Mein Gehalt ist doppelt so hoch wie das, was ich anderswo erwarten könnte.“ Für zweihundert Pfund im Jahr, dessen war Emily sich sicher, konnte sie fast alles ertragen. Sogar die Selbstgefälligkeit von Dierdre Worthing.

Emily hatte es sich schlicht nicht leisten können, auf die ihr angebotene Stellung zu verzichten. Ihr Vater hatte ein angegriffenes Herz. Er musste bald aufhören zu arbeiten. Und Joshua hatte eine gute Erziehung verdient.

„Selbst wenn dein Vater seine Tätigkeit hier in Bournesea aufgibt, musst du doch nicht arbeiten“, sagte Nicholas freundlich. Herablassend fast, wie sie fand. Er hätte ihr genauso gut väterlich den Kopf tätscheln können. „Du brauchst mir nur zu sagen, was du benötigst. Das stelle ich dir selbstverständlich zur Verfügung. Weißt du denn nicht, dass ich immer für dich da sein werde!“

Emily schnitt ein Gesicht und nickte, während sie ihm in die Augen blickte. „Ich verstehe. Wenn zu den Gerüchten über unsere Affäre auch noch eine monatliche Abfindung käme … Ist es das, was Sie wünschen? Nun, ich habe mit viel Mühe meine gesellschaftliche Stellung festigen können, Lord Kendale, und ich habe nicht vor, dazu beizutragen, dass der Klatsch wieder aufblüht oder sich verschlimmert. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

„Wir hatten keine Affäre!“, protestierte er, entsetzt dass sie diesen Ausdruck benutzte. „Das ist doch albern! Ich will lediglich einer geschätzten Freundin meine Hilfe anbieten. Das weißt du!“

„Einer geschätzten Freundin, die Sie umarmt und geküsst haben – auf der Dorfweide, wo jeder es sehen konnte? Ich muss Sie leider wissen lassen, dass Sie meinen Ruf fast völlig ruiniert haben.“

Er war bestürzt. Das war Emily nur recht. Sie wollte ihn auf Knien vor sich sehen, ihn um Entschuldigung bitten hören. Sie wollte, dass er sie in die Arme nahm und sie um die Chance bat, es wieder gutmachen zu dürfen. Sie wollte … Ach, sie hätte ihm am liebsten die Augen ausgekratzt!

„Emily, versteh doch …“

Mit scharfer Stimme unterbrach sie ihn: „Ist das Zimmer, in dem ich bleiben muss, mittlerweile fertig?“

Er seufzte und schüttelte in einer Geste der Resignation, die nicht recht zu seinen Worten passte, den Kopf. „Ja, mittlerweile wird der Raum wohl gelüftet sein“, erwiderte er.

„Unter diesen Umständen verlangen es die guten Sitten von mir, mich für Ihre Gastfreundschaft zu bedanken“, bemerkte Emily spitz.

„Und ich versichere dir, dass ich mich sehr über deinen Besuch freue“, bemerkte er steif. „Läute, wenn du etwas brauchst. Zimmermädchen sind zwar keine da, aber irgendjemand wird schon kommen, um dir alles zu bringen, woran es dir mangelt.“

Sie verließ die Bibliothek so würdevoll, wie sie konnte. „Woran es dir mangelt“, hatte er gesagt. Momentan war das so ziemlich alles. Aber leider würde es nichts nützen, deswegen an einem der Klingelzüge zu ziehen.

2. KAPITEL

Nicholas hatte bereits gewusst, dass Emily nicht verheiratet war – das hatte er durch die vorsichtige Befragung ihres Bruders schon vor ihrer Heimreise in Erfahrung gebracht.

Sechs Jahre zuvor hatte sein Vater ihm allerdings in spöttischem Tonfall geschrieben, dass sich Emily bald mit dem pockennarbigen Postmeister von Bournesea vermählen würde. Nicholas hatte sich auf diese Nachricht hin sieben Tage lang bis zur Besinnungslosigkeit betrunken und sich dabei vorgenommen, die treulose, wankelmütige Pfarrerstochter zu vergessen.

Sein Vater hatte gelogen. Im Nachhinein überraschte Nicholas das kaum. Allerdings begriff er immer noch nicht, warum Emily nie etwas unternommen hatte, um den Irrtum aufzuklären. Seinen Brief, in dem er ihr für ihre Ehe mit Jeremy Oldfield alles Gute wünschte, hatte sie nicht beantwortet. Er hatte angenommen, Emily wollte ihm damit klarmachen, dass ihr wenig an einer Fortsetzung ihrer Bekanntschaft lag und sie völlig in ihren Pflichten als Ehefrau des Postmeisters aufging.

Vage hatte Nicholas sich entsinnen können, dass Oldfield ein selbstgerechter Langweiler und despotisch war. Da derartige Charakterzüge sich mit jedem Lebensjahr stärker ausprägten, hatte Nicholas sich ein wenig um Emilys Wohlergehen gesorgt. Dass sie sich mitunter mit ihrem Eigensinn selbst das Leben schwer machte, hatte man bei ihr schon als Kind feststellen können. Daher war er erleichtert gewesen, als er erfuhr, dass sie nicht mit Oldfield verheiratet war.

Jetzt war er irritiert: Emily hatte gerade erklärt, er habe mit seinem Kuss ihre Heiratsaussichten zunichte gemacht. Das war ihm bislang nie in den Sinn gekommen.

Hatte sie übertrieben, weil sie noch immer wütend darüber war, dass er sie allein zurückgelassen hatte? Emily hatte die Wahrheit immer gern ein bisschen ausgeschmückt und tat das mit zunehmendem Alter vielleicht mehr denn je. Nachdenklich wiegte Nicholas den Kopf.

Insgeheim fragte er sich, wie lange seine Träume von Emily schon aufgehört hatten, der Realität gerecht zu werden. Ihr Aussehen hatte sich so sehr verändert, dass er nicht wusste, wie er das Bild der schönen jungen Frau mit dem Bild des ein wenig fülligen, aber hübschen Mädchens in Einklang bringen sollte, das ihm all die Jahre vor Augen gestanden hatte.

Zweifellos hatten Emilys Mittelscheitel und die weißen Rüschen ihrer Capote ihre ebenmäßige Stirn und ihr herzförmiges Gesicht gut zur Geltung gebracht. Ohne die kindlichen Rundungen ihrer Wangen wirkten ihre Züge jedoch noch viel feiner als früher, ihre blauen Augen noch größer. Auch ihre Figur hatte sich verändert, was natürlich zu erwarten gewesen war. Ja, Emily war erwachsen geworden. Zunächst war er wegen der Veränderungen eher erstaunt gewesen, dann aber äußerst angetan von dem, was er sah.

Fasziniert hatte er ihren hübschen Mund, die vollen, fein geschwungenen rosa Lippen angeblickt. Und fast hätte er seinem ersten Impuls nachgegeben und Emily geküsst – sie so geküsst, wie er das auch das eine Mal getan hatte. Doch er hatte sich beherrscht. Ihm war klar, dass sie seinen Gunstbeweis heute nicht mehr entzückt erwidern würde wie damals auf der Dorfweide.

Emily hatte ihn zwar während ihrer Unterhaltung ebenso offen angesehen wie früher, aber das völlige Vertrauen, die Bewunderung, die einst in ihren Blicken gelegen hatten, waren verschwunden. Und das schmerzte ihn mehr, als er vorher für möglich gehalten hätte.

Er fühlte sich schuldig. Wenn das, was Emily gesagt hatte, wahr war, hatte er ihr Leben ruiniert. Wäre er doch als junger Mann nur vernünftiger, weniger gedankenlos und impulsiv gewesen! Aber mit zweiundzwanzig Jahren war er sich nicht darüber im Klaren gewesen, welche Auswirkungen seine Tändeleien auf ihre Zukunft haben würden.

Anscheinend hatte kein anderer Mann in der Grafschaft gewagt, für sich haben zu wollen, was der Sohn des Earl öffentlich für sich beansprucht hatte. Ja, mit seinem Kuss hatte er Emily für immer sein Siegel aufgedrückt.

Und am Tag danach war Nicholas auf Geheiß des alten Earl trotz Gegenwehr auf ein Schiff nach Indien gebracht worden. Dort sollte er das Fernhandelsgeschäft in einem Unternehmen, an dem sein Vater beteiligt war, kennenlernen. Dass sein Sohn damit einen nicht standesgemäßen Beruf ausüben und Kaufmann werden würde, erschien dem Earl of Kendale offenbar als das kleinere Übel als eine Schwiegertochter, die nicht ihrer Gesellschaftsschicht angehörte.

Noch immer konnte Nicholas sich an den genauen Wortlaut der Warnung erinnern, die sein Vater ausgesprochen hatte. Eine Stunde, bevor sein Sohn England verließ, erklärte ihm der alte Mann: „Wenn du zurückkommst und dich weiter um diese kleine Abenteurerin bemühst, werde ich ihre Familie vernichten. Loveyne wird sich mit seinen Rangen in der Gosse wieder finden, ohne Geld und ohne jede beruflichen Aussichten.“ Und der Earl hatte noch ergänzt: „Sie ist ja ein ganz hübsches Weibsbild, Nicholas, aber für dich ist das Mädchen nichts. Solange du dich von ihr also fern hältst, so lange wird es ihr gut gehen.“

Obwohl Nicholas wusste, dass es sinnlos war, hatte er gegen diese harschen Worte protestiert.

Mit einem unterkühlten Lächeln hatte der alte Earl ihn unterbrochen: „Still. Sobald das Schiff ausgelaufen ist, wirst du dich frei bewegen können. Aber denk immer daran, was ich dir gesagt habe, mein Junge. Führ dir immer vor Augen, dass der liebenswerte, exzentrische Reverend Loveyne nach seiner Entlassung vor dem Nichts stünde. Was kann er schon? Außer sich um seine Schäfchen kümmern? Ach, selbst wenn er etwas könnte – ich würde dafür sorgen, dass ihn niemand mehr einstellt. Und diese Emily? Die wird eine Hure werden.“

Er hatte gelacht und sich Nicholas zugeneigt, als hätte er etwas Vertrauliches zu sagen: „Verlass dich darauf, ich sorge dafür, dass sie das wird. Und ihr kleiner, dünner Bruder hat genau die richtige Größe dafür, in Kamine zu kriechen. Nun, ich muss dir ja nicht sagen, dass ein Kaminkehrerjunge wenig vom Leben erwarten kann. Außer einen schnellen Tod.“

Nicholas wusste aus Erfahrung, dass es seinem Vater bitterernst war – dies waren keine leeren Drohungen. Der Earl of Kendale besaß die Macht, die ganze Familie Loveyne ins Verderben zu stürzen, und das würde er ohne Gewissensbisse tun, wenn es ihm nötig erschien.

Obwohl sein Vater keinen Spaß an der Grausamkeit hatte, war er nicht zimperlich und hatte nie eine Sekunde gezögert, seine Macht zu nutzen, Menschen und Dinge seinem Willen untertan zu machen, wenn er dies für erforderlich hielt.

Nicholas hatte also schweigend den weiteren Instruktionen des alten Earl gelauscht: Er sollte von den Verwaltern seines Vaters die Grundlagen der Buchführung lernen, Handel treiben, etwas von der Welt sehen und dann nach Hause kommen und eine seinem Rang angemessene Ehe eingehen. Genauer: eine Ehe mit Dierdre Worthing. Diesem letzten Befehl seines Vaters war Nicholas nicht gefolgt. Er war Bournesea ferngeblieben und hatte seinen Vater seit dem Tag, an dem er England verlassen musste, kein einziges Mal mehr gesehen und auch nie auf dessen Briefe geantwortet.

Und was fand er, als er vor drei Tagen daheim eintraf? Einen ihn betreffenden Verlobungsvertrag. Seine Unterschrift, die unter der von Miss Worthing zu lesen war, war allerdings gefälscht. Nicholas vermutete, dass zumindest Dierdres Unterschrift echt war. Aber sie hatte die Angelegenheit wohl vergessen wollen. Er hatte jedenfalls in all den Jahren seiner Abwesenheit keine einzige Nachricht von ihr erhalten.

Vielleicht ist Dierdre mittlerweile verheiratet, überlegte er kurz und verwarf den Gedanken sofort wieder. Dass sie sich vermählt hatte, war unwahrscheinlich. Zum einen wegen des Vertrags, zum anderen, weil er in den Zeitungen, die regelmäßig aus London kamen, davon gelesen hätte. Wenn, ja, wenn die Verlobung und die Hochzeit nicht innerhalb der letzten Monate, in denen er auf See war, stattgefunden hatten.

Sein Vater hatte mit der Fälschung seiner Unterschrift wissentlich einen Skandal in Kauf genommen. Offenbar hatte er fest damit gerechnet, dass sein Sohn seine unehrenhafte Tat nicht öffentlich machen würde. Nicholas wünschte, väterliche Liebe und Besorgnis wären die Antriebskräfte des alten Herrn gewesen. Aber die schlichte Wahrheit war, dass sein Vater ein herrschsüchtiger Despot gewesen war.

Gedankenverloren blickte Nicholas auf die Bücherregale. Ach, hätte Emily ihm heute auch nur den kleinsten Hinweis darauf gegeben, dass sie dort anknüpfen wollte, wo sie vor sieben Jahren mit einem Kuss geendet hatten, er wäre versucht gewesen, dort weiterzumachen. Aber sie hatte nicht das geringste Interesse daran bekundet. Ganz im Gegenteil.

Ihren Worten glaubte er entnehmen zu können, warum. Für Emily war ihre Beziehung, so unschuldig sie auch gewesen sein mochte, eine Katastrophe gewesen. Weil er ihr seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, war sie noch nicht verheiratet, würde vielleicht nie heiraten. Hatte sie nicht erklärt, sie sei seinetwegen nicht mehr an Männern interessiert? Er wusste, wie hartnäckig Emily sein konnte, wenn sie sich erst einmal zu etwas entschlossen hatte.

Aber dass sie Gouvernante werden wollte? Nicholas schüttelte den Kopf. Lord Vintley war ja nun, weiß Gott, kein Heiliger. Er konnte sich gut an den Mann erinnern. Dieser Ausbund an Lüsternheit würde Emily wohl kaum mit der Hochachtung behandeln, die sie verdiente. Nein, Emily durfte diese zweifelhafte Stellung überhaupt nicht antreten. Das würde er zu verhindern wissen.

Natürlich konnte er sie nicht dazu zwingen, sein großzügiges Angebot anzunehmen, den Lebensunterhalt der Familie Loveyne zu finanzieren. In gewisser Weise bewunderte er Emilys Unabhängigkeit und ihre Tatkraft, auf der anderen Seite störte es ihn sehr, dass sie völlig auf seinen Schutz verzichten wollte. Sie hatte ihn in ihren Zukunftsplanungen überhaupt nicht berücksichtigt.

Sie schien sich nicht einmal gefreut zu haben, ihn wieder zu sehen! Ganz im Gegenteil. Wirkte sie nicht eher so, als wäre sie kurz davor, ihm irgendwelche Gegenstände an den Kopf zu werfen? Selten hatte er sie so aufgebracht erlebt. Vielleicht hasste sie ihn sogar. Trotzdem würde er sich um sie bemühen, versuchen, die alte Freundschaft, die sie einmal verband wieder zu beleben. Er hatte sie so sehr vermisst.

Nicholas verzog die Lippen zu einem leichten Lächeln. Wie temperamentvoll sie doch war. Sie, die Pfarrerstochter. Außerdem war sie bemerkenswert direkt, willensstark und klug. Das hatte ihn angezogen. Immer schon hatte er Emilys Selbstbewusstsein bewundert, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Einstellung, jeder Situation etwas Gutes abzugewinnen. Nie hatte sie sich verstellt oder geziert. Nein, Halbheiten hatten seiner Emily nie gelegen.

Sie ist nicht mehr meine Emily, korrigierte sich Nicholas. Und das würde sie auch nie werden. Die Gelegenheit war vertan. Es war alles vorbei, weil sein Vater arrogant und boshaft gewesen war, und weil er, Nicholas, sich um Emilys Zukunft gesorgt hatte. Und vielleicht ist es letztlich auch gut so, schoss es ihm durch den Kopf, gut für Emily. Gut für mich. Obwohl er damals ernsthaft vorgehabt hatte, sie zu heiraten, fragte er sich im Nachhinein, ob es wirklich das Beste gewesen wäre. Ach, er war ein junger Narr gewesen!

Nicholas gestand sich ein, dass er sich Emily mit ihrer schlichten, offenen Art nicht in der Gesellschaft derer vorstellen konnte, mit denen er in London Umgang pflegen müsste, sobald er den Platz seines Vaters im House of Lords eingenommen hätte. Nein, den Anforderungen des gesellschaftlichen Lebens und der Hektik der Großstadt ist Emily nicht gewachsen. Sie würde sich bald sehr unglücklich in London fühlen.

Dierdre Worthing hingegen, überlegte er, wäre dort am richtigen Platz. Und sie hatte ihm wiederholt zu verstehen gegeben, dass sie an ihm interessiert war. Soweit Nicholas sich erinnerte, hatte sich die junge Dame auf Bällen sehr gewandt verhalten. Allerdings war Dierdre zu diesem Zeitpunkt noch recht jung gewesen. Er hatte ihre kecken Seitenblicke und neckischen Bemerkungen nie richtig ernst genommen.

Emily war damals noch jünger, und ich habe sie geküsst, kam es ihm in den Sinn. Rasch verdrängte er den Gedanken.

Als Tochter eines begüterten, einflussreichen Earl hatte Dierdre eine standesgemäße Erziehung genossen, eine Erziehung, die es ihr ermöglichen würde, die Rolle einer Countess of Kendale auszufüllen.

Alles, was er tun musste, war, sie zu heiraten, nicht zu verraten, dass sein Vater die Unterschrift auf dem Verlobungsvertrag gefälscht hatte. Welche Wahl blieb ihm?

Die Worthings über die Missetat seines Vaters aufzuklären würde Unverständnis und Empörung auslösen. Dierdre würde sicherlich sehr verletzt sein, wenn sie erführe, dass er sie nicht heiraten wollte, nie hatte heiraten wollen. Möglicherweise hatte sie sieben lange Jahre darauf geharrt, dass er endlich zurückkam und sie zur Frau nahm, weil ihr Vater ihr immer wieder versichert hatte, Nicholas sei rechtmäßig mit ihr verlobt.

Ja, ich sollte mich mit Dierdre vermählen. Wozu die Hoffnungen des alten Earl und der Worthings enttäuschen und einen Skandal heraufbeschwören? Grüblerisch blickte er auf die mit dunkelrot gefärbtem Leder bezogene Tischoberfläche.

Er ging mittlerweile auf die dreißig zu und musste ohnehin allmählich daran denken, eine Familie zu gründen. Egal, wen er heiraten würde, die Hauptsache war doch, dass seine zukünftige Ehefrau ihn nicht völlig verabscheute, standesgemäß war und ihm den benötigten Erben gebären konnte.

Nicholas wollte von seinen Standesgenossen respektiert werden, nicht nur seines Titels wegen, sondern auch als Person. Als Earl hatte er eine gesellschaftliche Aufgabe, Pflichten, denen er sich, anders als sein selbstsüchtiger, der Jagd huldigender Vater, auch widmen wollte: Er wünschte, privat und als Person des öffentlichen Lebens, ein untadeliges, erfülltes Leben zu führen.

Aber war es ehrenhaft, Dierdre zu heiraten? Er empfand doch überhaupt nichts für sie. Ja, er war ihr in keiner Weise zugetan, bewunderte sie nicht einmal wegen irgendeiner Eigenschaft. Auch wenn er die viel besungene Liebe für eine Erfindung der Dichter und nicht etwa für eine Himmelsmacht hielt – Begierde oder auch das Gefühl, jemand beschützen zu müssen, waren starke Emotionen. Unglücklicherweise empfand er nichts von alledem für Dierdre Worthing: Sie war ihm völlig gleichgültig.

Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wie sie ausgesehen hatte, obwohl er Emilys Gesicht nie hatte vergessen können. Ein unschuldiges Gesicht mit einem vertrauensvollen Ausdruck, das sich ihm zum Kuss zugewandt hatte, einem Kuss, der sein und Emilys Leben verändert hatte, sobald sein Vater davon erfahren hatte. Gut möglich, dachte Nicholas, dass ich für Emily immer noch etwas empfinde. Aber für Dierdre?

„Nein“, murmelte er, schüttelte den Kopf und ließ den Blick zur Schublade des Schreibtischs gleiten, in dem jener ungültige Vertrag lag. „Ich kann Dierdre nicht heiraten!“

Aber bezüglich des Verlobungskontrakts musste er etwas unternehmen, denn der beunruhigte ihn zunehmend. Er musste die Angelegenheit so bald wie möglich mit Worthing klären.

Noch wichtiger für seinen Seelenfrieden, das wusste Nicholas, war, dass Emily ihm vergab. In seinem jugendlichen Ungestüm hatte er ihr unwissentlich so viel Kummer bereitet. Würde sie ihm verzeihen, wenn er ihr nochmals erklärte, warum er ihr so lange Jahre ferngeblieben war? Dem, was er ihr wiederholt aus Indien geschrieben hatte, hatte sie offenbar keinen Glauben geschenkt.

Die Tür wurde geöffnet. Wrecker stand auf der Türschwelle und meinte grinsend: „Hat Feuer, die Kleine, was?“

„Hüte deine Zunge, Mann“, warnte Nicholas ihn.

„Entschuldigung, Mylord.“ Der Seemann lächelte so breit, dass alle Zahnlücken zu sehen waren. „Wissen Sie, dass sie wieder zu dem Jungen reingehen wollte?“ Mit dem Daumen deutete er auf seine breite Brust. „Ich hab sie aufgehalten. Da ist sie die Treppe hochgerannt, war wie verrückt, das Weib. Einen Blick hat sie gehabt, sag ich Ihnen …“ Er schnalzte mit der Zunge.

Nicholas erhob sich. „Ich werde mich mal lieber um sie kümmern.“

Der Seemann nickte „Na klar, Mylord. Das würde ich auch, wenn ich Sie wäre!“

Dem Mann war offensichtlich klar, dass Emily für ihn und den Rest der Besatzung unantastbar war. Zudem dachte er anscheinend, Nicholas wolle Emilys missliche Lage – sie war allein und ohne Anstandsperson im Herrenhaus – zu seinem Vorteil nutzen.

„Die Dame bleibt als mein Gast hier, während wir hier in Quarantäne sind“, betonte Nicholas. „Sie ist die Tochter des hiesigen Pfarrers, Wrecker, Joshuas Schwester! Und sie ist eine alte Freundin der Familie. Anzügliche Bemerkungen und Beleidigungen, ob direkt oder hinter ihrem Rücken, werde ich persönlich ahnden. Und zwar streng. Ist das klar?“

Wrecker zuckte die Schultern, immer noch grinsend: „Gewiss, Mylord, ich versteh Sie schon. Tun wir alle.“

Es hatte keinen Zweck. Zwar konnte Nicholas seinen Männern verbieten, respektlos über seinen Gast zu reden, aber denken würden sie von Emily trotzdem, was sie wollten. Arme Emily! Und trotz des Schadens, den ihr Ruf auch in Bournesea mit Sicherheit nehmen würde, blieb ihm nichts anderes übrig, als sie hier zu behalten. Wenn er sie gehen ließe und sie dann in ein paar Tagen erkrankte, würde sich die Cholera rasch ausbreiten.

Nicholas schwor sich, dass er Emily nur jetzt, nur dieses eine Mal, allein auf ihrem Zimmer aufsuchen würde. Er wollte ihr klar machen, in welche Gefahr sie sich begab, wenn sie zu Joshua ging, bevor er ganz geheilt war.

Und danach würde er ihr auf Bournesea Manor aus dem Weg gehen. Je seltener er Emily sah, desto weniger regte er die Fantasie seiner Leute an und desto weniger würde man über sie klatschen.

Stimmte das wirklich? Nein, gestand er sich resigniert ein. Es würde die übelsten Gerüchte geben.

Emily legte bebend vor Empörung ihren Umhang ab und versuchte, die Fassung wiederzugewinnen. Sie löste die Bänder ihrer Capote, nahm sie vom Kopf und sah sich im Schlafzimmer der verstorbenen Countess of Kendale um, in dem die Zeit stillgestanden zu sein schien.

Schon früher war Emily oft hier gewesen, und es hatte sich nicht viel verändert. Die rosafarbenen Vorhänge des Himmelbetts waren ein klein wenig vergilbt und die Möbel etwas verstaubt, doch im Großen und Ganzen sah der helle Raum mit der Stuckdecke noch immer so aus wie damals, als sie mit ihrem Vater hierher gekommen war.

Wie privilegiert und erwachsen sich Emily damals gefühlt hatte, weil sie als einziges Mädchen in Bournesea Zutritt zu den Privatgemächern der bettlägerigen Countess gehabt hatte!

So viele Jahre nach dem Tod von Nicholas’ Mutter wieder in diesem Zimmer zu sein war für Emily äußerst aufwühlend. Sie war so oft hier gewesen, dass ihr dieser Raum sehr vertraut vorkam. Doch viel deutlicher als früher wurde ihr nun ihr gesellschaftlicher Rang bewusst, der weit unter dem einer Adeligen lag.

Wie töricht war sie doch als junges Mädchen gewesen, als sie geglaubt hatte, ihr Jugendfreund, der jetzige Earl of Kendale würde sie heiraten! Gerechterweise musste Emily zugeben, dass Nicholas ihr nie etwas versprochen hatte. Aber er hatte sie dazu gebracht, anzunehmen, dass er sie liebte. Was Nicholas damals wirklich für Absichten gehegt hatte, das hatte sie nur raten können. Und zu meinem großen Unglück bin ich davon ausgegangen, dass sie ehrenwerter Art sind.

Die Situation, in die ich mich gebracht habe, ist wirklich unerträglich peinlich, dachte sie. Wäre ich doch nur nicht allein in Lord Kendales Haus gekommen! Jener Seemann, der sie vorhin daran gehindert hatte, Joshua einen kurzen Besuch abzustatten, hatte ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie aus dem niedrigsten aller vorstellbaren Motive hierher gekommen sei. Darüber war sie äußerst erzürnt gewesen.

„Kümmern Sie sich gut um Mylord“, hatte er bedeutungsvoll bemerkt und sie spöttisch gemustert. „Er könnte schon ein bisschen Mitgefühl brauchen.“

Wegen seines abschätzigen Blicks hätte Emily den Mann am liebsten geohrfeigt. Stattdessen hatte sie ihn nur verächtlich angesehen und war dann nach oben geeilt. Von Seemännern konnte sie keine Manieren erwarten, das war ihr klar. Dennoch beunruhigte sie, dass sicher noch vor der Abenddämmerung auch jede gesittete Dame in Bournesea glaubte, sie besuchte Nicholas aus höchst unmoralischen Gründen.

Autor

Lyn Stone
Lyns Ausflug in die Romanliteratur begann in den 90-ern. Am Valentinstag des Jahres 1996 unterschrieb sie ihren ersten Vertrag mit dem kanadischen Verlag Harlequin. “Blumen, Süßigkeiten, Küsse und auch noch ein Buchverkauf! Es wird nie wieder so einen Tag wie diesen geben!“sagt sie begeistert! Lyn studierte Kunst und arbeitete in...
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