Der leuchtende Zauber der Liebe

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Liebe? Bedeutet für Finanzgenie Alex Di Sione nur Chaos! Was für ihn zählt ist Geld! Doch als er auf der Suche nach einem Gemälde die überirdisch schöne Prinzessin Gabriella trifft, fühlt er plötzlich etwas erschreckend anderes. Sie bei Mondschein auf der Isola D’Oro zu küssen, wirkt auf ihn wie ein sinnlicher Zauber! Doch ein Happy End scheint unmöglich: Als Gabriella ihn bittet, sie zur Frau zu nehmen, weist er sie kalt ab! Er ist sicher: Die Prinzessin hat Besseres als ihn verdient! Denn auch ihre hell leuchtende Liebe kann die Schatten in seinem Herzen nicht verbannen …
  • Erscheinungstag 10.10.2017
  • Bandnummer 0021
  • ISBN / Artikelnummer 9783733708696
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Es wurde gemunkelt, Alessandro Di Sione hätte einen Angestellten gefeuert, weil dieser ihm den Kaffee zwei Minuten zu spät und fünf Grad kälter als bestellt brachte. Es hieß auch, er habe sich einer langjährigen Geliebten allein mit der Order entledigt, sich ihr Abschiedsgeschenk in den nächsten Wochen bei seiner PA abzuholen. Gerüchteweise atmete er sogar Feuer statt Luft ein und aus, schlief in einem Kerker und besaß übernatürliche Kräfte.

So war es kein Wunder, dass die vorübergehend eingestellte Sekretärin mit brandroten Wangen im Kielwasser seines Großvaters ins Büro getrippelt kam und aussah, als wäre sie auf dem Weg zum Schafott.

Unnötig zu erwähnen, dass der alte Herr weder ängstlich noch verstört wirkte. Giovanni Di Sione ließ sich von niemandem aufhalten. Keine persönliche Assistentin, egal wie furchterregend, hätte ihn von etwas abbringen können, das er sich in den Kopf gesetzt hatte – ungeachtet seines hohen Alters oder seiner schlechten Gesundheit.

Aber wie sollte die arme Ersatzkraft das wissen? Alex hatte sie erst kürzlich als Vertretung für seine PA eingestellt, die im Mutterschaftsurlaub war. Und da sie den Großvater ihres Chefs nicht kannte, befürchtete sie verständlicherweise, dass Giovanni ein unerwünschter Eindringling war und Alessandro sie für ihr Versagen bestrafen würde.

Ihr Boss sah sich nicht veranlasst, diesen Irrtum aufzuklären. So würde sie für den Rest des Tages jeden seiner Blicke in ihre Richtung fehlinterpretieren. Wahrscheinlicher aber war es, dass sie später seine nachtschwarzen Augen als Spiegel seiner dunklen Seele bezeichnen oder irgendeinen anderen Unsinn verbreiten würde. Und damit seinen zweifelhaften Ruf auch ohne sein Zutun noch untermauern würde.

„Tut … tut mir schrecklich leid, Mr. Di Sione“, stammelte sie außer Atem und presste eine Hand auf ihre durchaus eindrucksvollen Brüste.

„Soll … soll ich wieder an meine Arbeit gehen?“ Ihre Stimme bebte.

Alex wedelte sie weg wie ein lästiges Insekt, und das arme Mädchen beeilte sich, außer Reichweite zu kommen.

„Wie ich sehe, bist du auf den Beinen und tust etwas für deine Kondition“, begrüßte er seinen Großvater ohne jede Sentimentalität, weil das Verhältnis zwischen ihnen eine derartige Schwäche nicht zuließ. Innerlich freute er sich aber über Giovannis unerwartete Vitalität und dachte, dass sich der Gesundheitszustand des alten Mannes mit jeder seiner wiedergewonnenen Verlorenen Geliebten offenkundig gebessert hatte.

„Ich fühle mich tatsächlich zunehmend stärker.“

„Freut mich zu hören.“

„Wie du mit deiner Assistentin umspringst, ist allerdings kein Glanzstück, Alessandro“, rügte Giovanni und sank erschöpft auf den Besucherstuhl vor dem Schreibtisch.

„Du sagst das, als würde ich mir Gedanken darüber machen, wie ich bei anderen ankomme. Wir beide wissen jedoch, dass es nicht so ist.“

„Ja, aber so schlimm, wie du tust, bist du auch nicht.“ Giovanni lehnte sich vorsichtig zurück und legte die Hände flach auf die Oberschenkel. Nach siebzehn Jahren war die Leukämie zurückgekehrt. Keine Frage, in seinem gesegneten Alter war seine Zeit auf Erden ohnehin begrenzt, unabhängig von seiner Gesundheit. Den Rückfall hatte er als ernstzunehmenden Warnhinweis in diese Richtung akzeptiert.

Alex wusste das und sah darin auch den Grund, warum sein Großvater so schnell wie möglich wieder in den Besitz seiner Verlorenen Geliebten kommen wollte. Er und seine Geschwister waren mit den märchenhaften Geschichten, die sich um die Lost Mistresses rankten, aufgewachsen, ohne je über ihre Herkunft, Bedeutung oder die geheimnisvollen Hintergründe aufgeklärt zu werden.

Und jetzt hatte Giovanni seine Enkel in alle Himmelsrichtungen ausgesandt, mit dem Auftrag, ihm seine Erinnerungsstücke wiederzubeschaffen. Alle bis auf ihn …

Alex wartete bereits seit geraumer Zeit darauf, zu erfahren, wie seine Mission ausfallen würde. „Mag sein, dass ich besser bin als mein Ruf“, stimmte er gedehnt zu, lehnte sich im Chefsessel zurück und nahm unbewusst die gleiche Haltung ein wie sein Großvater.

„Zumindest benimmst du dich mir gegenüber nicht so despektierlich.“

„Was soll ich darauf sagen, Nonno? Du bist wahrscheinlich der einzige Mann auf Erden, der noch respekteinflößender ist als ich.“

Giovanni wischte das mit einer unwilligen Geste beiseite. „Du weißt sehr wohl, dass mich Schmeicheleien noch nie beeindruckt haben.“

Und ob er das wusste! Sein Großvater war ein Pionier, ein Kämpfer und Visionär, der sein Imperium mit eigenen Händen errichtet hatte, nachdem er als junger Mann von Sizilien nach Amerika gekommen war. Ein harter Arbeiter mit einem untrüglichen Instinkt für Kommerz. Wirtschaft, Handel und Geschäftsverkehr waren sozusagen seine Hobbys.

Sein umfassendes Wissen hatte er an seinen ältesten Enkel weitergegeben und alles getan, um die eigene Leidenschaft fürs Business auch in Alex zu wecken und zu fördern … mit Erfolg. Das war es, was sie beide verband.

„Langweilst du dich etwa und willst wieder im Unternehmen mitmischen?“

Giovanni lächelte dünn. „Ich denke nicht daran. Ich habe einen Auftrag für dich.“

Alex nickte. „Jetzt bin ich also dran, mich der Herausforderung zu stellen.“

Das Lächeln wurde breiter. „Die letzte habe ich für dich reserviert, Alessandro. Es handelt sich um ein Gemälde, das mir die Welt bedeutet.“

Er sagte das ohne sichtbare Gefühlsregung, dennoch verspürte Alex plötzlich einen Druck in der Brust, der ihm unbehaglich war. „Ein Bild? Jetzt sag nicht, dass du ein heimlicher Sammler von Clowns in Action warst oder so.“

Giovanni kicherte. „Nein, nichts Derartiges. Ich suche die ‚Verlorene Geliebte‘.“

„Der Name klingt irgendwie vertraut“, erwiderte er abwartend.

Giovanni maß seinen Enkel mit einem überraschend scharfen Blick. „Was weißt du über die Königliche Familie der Isola D’Oro?“, fragte er dann.

„Hätte ich geahnt, dass ich heute einen Test bestehen muss, hätte ich mich darauf vorbereitet …“

„Du hast eine exzellente Ausbildung in einem Elite-Institut genossen. Lass mich nicht befürchten, ich hätte mein Geld verschwendet.“

Alex ertappte sich dabei, unruhig auf seinem Stuhl herumzurutschen, wie häufig in seiner verhassten Schulzeit. „Eine Schule voll pubertierender Jungen außerhalb der Reichweite ihrer Eltern, und gleich daneben ein Internat mit weiblichen Teenagern in derselben Situation. Was, glaubst du, haben wir da gelernt?“

„Etwas, das deinen naturgegebenen Anlagen sicher entgegenkam“, konterte sein Großvater gelassen und nahm ihm damit den Wind aus den Segeln. „Die ‚Verlorene Geliebte‘ gilt übrigens als skandalöses Kunstobjekt in der royalen Historie. Obwohl das nur ein Gerücht ist, da niemand das Gemälde je zu Gesicht bekommen hat.“

„Niemand außer dir, nehme ich an?“

„Ich bin tatsächlich einer der wenigen, der seine Existenz bestätigen kann.“

Alex lachte leise auf. „Du bist wirklich ein Mann von ungeahnter Tiefe, Nonno.“

Giovanni stimmte in sein Lachen ein, etwas brüchig, aber animiert. „Das mag durchaus zutreffen, Nipotino. Ein Umstand, der allerdings eher auf mein hohes Alter als auf eigene Verdienste zurückzuführen ist, denkst du nicht?“

„Wie soll ich das beurteilen? Mein Leben spielt sich fast ausschließlich im Büro ab.“

„In meinen Augen eine ruchlose Verschwendung von Jugend und Vitalität.“

„Und das muss ich mir von jemandem anhören, der im gleichen Alter rund um die Uhr damit beschäftigt war, sein Imperium aufzubauen und sein Vermögen zu mehren!“

„Es ist ein Privileg der älteren Generation, Sachverhalte in der Rückschau anders zu sehen, als die Gegenwart es zulässt, und eine Pflicht, das der jüngeren Generation zu vermitteln.“

Alex grinste. „Und ein Privileg der Jugend, die Ratschläge der Alten zu ignorieren?“

Er liebte die Wortgefechte mit seinem Großvater, zumindest seit er erwachsen und mit ihm auf Augenhöhe war. Deshalb erwartete er auch eine weitere launige Antwort. Doch sie blieb aus.

„In diesem Fall nicht“, erwiderte Giovanni ernst und suchte seinen Blick. „Denn hier geht es um die große, einzig wahre Liebe. Ich will dieses Bild unbedingt zurückhaben.“

Alex’ Lächeln schwand. Forschend musterte er das blasse Gesicht des alten Mannes, der einzigen Vaterfigur in seinem Leben. Nonno war es gewesen, der ihm Begriffe wie Ethik und Stolz nahegebracht und ihn und seine Geschwister nach anderen Moralvorstellungen erzogen hatte, als seine tödlich verunglückten Eltern sie gelebt hatten. Nach Jahren der Instabilität und Zurückweisung lernten sie bei ihrem Großvater, sich geliebt und angenommen zu fühlen. Und das, obwohl er längst nicht so viel Zeit für sie aufbringen konnte, wie er und sie es sich gewünscht hätten.

Aber er hatte sie gelehrt, stolz auf ihren Familiennamen zu sein und nichts für sicher und verbrieft zu nehmen.

„Ich soll dir also dieses Gemälde zurückbringen“, kam Alex wieder auf den Punkt, bevor er womöglich noch in Gefahr geriet, sentimental zu werden.

„So ist es, Nipotino. Du arbeitest zu viel. Ein kleiner Abenteuertrip wird dir guttun und es dir vielleicht ermöglichen, etwas lange Verlorenes wiederzufinden.“

Wie so oft, sprach sein Großvater mal wieder in Rätseln. Und wann hatte er ihn überhaupt das letzte Mal mit Enkelsöhnchen angeredet?

Alex räusperte sich, griff nach dem gläsernen Briefbeschwerer, betrachtete ihn einen Moment gedankenverloren und setze ihn dann mit einem leisen Klick wieder auf der Schreibtischplatte ab. „Ich denke, ich sollte das Ganze als das betrachten, was es tatsächlich ist“, sagte er rau. „Eine geschäftliche Transaktion. Das ist es, worin ich wirklich gut bin, und gelernt habe ich es von dir. Ohne dich wäre ich wahrscheinlich in der Gosse gelandet oder, was noch weit schlimmer wäre, einer dieser nutzlosen Schmarotzer geworden, die sich die Zeit mit Champagner und Partys in South Beach vertreiben.“

„Der Himmel bewahre! Was für eine Horrorvorstellung“, spottete Giovanni.

„Besonders, da es ja dein Geld gewesen wäre, das ich dann auf den Kopf gehauen hätte.“

„Es ist nett von dir, mir auf diese Weise zu verstehen zu geben, dass ich einen positiven Einfluss auf dich hatte. Fakt bleibt, ich selbst kann nicht nach Aceena reisen, da es mich schon enorme Kraft gekostet hat, überhaupt in dein Büro zu kommen.“

„Aceena?“ Alex runzelte die Stirn. Er wusste nur sehr wenig über die kleine Insel im Mittelmeer. Außer dass ihre schneeweißen Strände und das glasklare Wasser sie in der ganzen Welt berühmt gemacht hatten.

Giovanni hob die buschigen Brauen. „Ich warte, Nipotino. Das ist deine Gelegenheit, mir zu beweisen, was du noch in dem teuren Institut gelernt hast.“

Wider Willen musste Alex grinsen. „Ich weiß zumindest, wo Aceena liegt, Nonno“, versuchte er seinen Hals zu retten. „Und dass seine Hauptattraktion reichlich fließender Alkohol ist und der Hauptimport aus Horden von Abiturienten besteht, die regelmäßig im Frühjahr auf der Insel einfallen.“

„Ein beklagenswerter Umstand, vermutlich den wundervollen Stränden geschuldet“, konterte sein Großvater unbewegt. „Daneben ist es der Ort, an dem die Familie der D’Oros vorübergehend im Exil gelebt hat.“

„Im Frühjahr?“

„Soweit ich informiert bin, während einer Sommersaison. Obwohl ich befürchte, dass die Kinder von Königin Lucia in einem kontinuierlichen Frühjahrsparty-Rausch leben, eingedenk der Skandale, die sie quer durch ganz Europa verbreitet haben. Momentan soll nur noch die Königin zusammen mit ihrer Enkeltochter auf Aceena leben. Gerüchte besagen, dass sie das Motiv des Gemäldes ist …“ Giovanni machte eine kleine Pause und räusperte sich. „… und gleichzeitig dessen Besitzerin. Das ist mir jedenfalls zu Ohren gekommen.“

Alex war kein Dummkopf und schätze es auch nicht, für einen gehalten zu werden. „Du scheinst eine ganze Menge über die königliche Familie D’Oro zu wissen.“ Nie würde sein Großvater ihn allein aufgrund eines Gerüchts quer über den Globus schicken.

„Es besteht tatsächlich eine gewisse … Beziehung zur Isola D’Oro, die ich vor langer Zeit häufiger besucht habe“, gestand Giovanni widerstrebend. „Damit verbinden mich wundervolle Erinnerungen, die ich tief in meinem Herzen trage.“

„Faszinierend.“

Jetzt war der Blick seines Großvaters weder milde noch bittend, sondern ebenso tadelnd wie fordernd. „Ich erwarte weder, dass du meine Faszination, noch dass du meine Gefühle teilst, du sollst nur tun, worum ich dich bitte, Alessandro.“

Alessandro, nicht mehr Nipotino! registrierte Alex und lächelte in sich hinein.

Natürlich war er bereit, seinem Großvater jeden Wunsch zu erfüllen. Er schuldete es ihm und war froh, sich für all seine Liebe und Fürsorge erkenntlich zeigen zu können. Wenn es Nonnos Traum war, seine Verlorenen Geliebten wieder zu vereinen, dann sollte es so sein. Durch seine Sturheit und Härte hatte er in den vergangenen Jahren schon genügend Probleme innerhalb seiner Familie verursacht.

„Alles, was du willst, Nonno“, versprach Alex. „Dein Wille sei mein Befehl.“

„Du machst daraus ein melodramatisches Hollywood-Spektakel“, rügte Giovanni.

Alex hob die dunklen Brauen. „Aus der Mission, ein verschollenes, als skandalös klassifiziertes Gemälde aufzuspüren, das im Besitz einer in Ungnade gefallenen Königin ist, die auf einer kleinen Mittelmeerinsel im Exil lebt? Habe ich noch irgendetwas vergessen …?“

Darauf antwortete Giovanni nicht.

2. KAPITEL

„Draußen steht ein Mann vor der Tür, der Königin Lucia sprechen will.“

Prinzessin Gabriella schaute von ihrem Buch auf und runzelte die Stirn. Sie hatte sich in die Bibliothek zurückgezogen und hockte auf einem runden, mit Samt bezogenen Sitzkissen, auch Puff genannt. Ein Name, der ihrer Ansicht nach perfekt zur Form des altertümlichen Sitzmöbels passte.

Die meisten Hausangestellten wussten, dass sie an ihrem bevorzugten Rückzugsort nicht gestört zu werden wünschte. Seufzend nahm sie ihre Brille ab und rieb die schmerzenden Augen. Dann streckte sie die Beine aus und schnitt eine kleine Grimasse.

„Verstehe. Und warum glaubt dieser Mann, unangemeldet auftauchen und um eine Audienz bei der Königin bitten zu können?“ Gabriella setzte die Brille wieder auf, stellte die Füße nebeneinander und faltete die Hände über ihrem Buch, während sie auf eine Antwort wartete.

„Es ist Alessandro Di Sione, ein amerikanischer Geschäftsmann. Er sagt, er sei hergekommen um … auf der Suche nach der ‚Verlorenen Geliebten‘.“

Gabriella sprang förmlich auf die Füße, taumelte leicht, fing sich wieder und wartete mit brennenden Wangen, bis das Zimmer aufhörte, sich um sie zu drehen.

„Alles in Ordnung, Principessa?“, fragte Lani besorgt.

„Mir geht’s gut“, behauptete Gabriella und wedelte abwehrend mit der Hand. „Die ‚Verlorene Geliebte‘, hat er gesagt? Er ist auf der Suche nach dem Gemälde?“

„Ich weiß von keinem Gemälde.“

„Ich aber“, erwiderte Gabriella und wünschte, sie hätte ihr Tagebuch zur Hand, um sich vergewissern zu können. „Ich denke zumindest, dass ich einiges darüber weiß. Außer, ob es tatsächlich existiert oder nicht.“ Sie hatte ihre Großmutter nie direkt darauf angesprochen. Die alte Dame zeigte sich ihr gegenüber in diesem Punkt stets liebevoll, allerdings sehr reserviert. Gerüchte über das Gemälde gab es dagegen genügend.

Ehrlich gesagt traute Gabriella ihrer Großmutter ein skandalöses Posieren, wie es das Motiv von The Lost Love angeblich erfordert hatte, auch nicht wirklich zu.

Und trotzdem. Insgeheim hatte sie sich immer gefragt …

Lani schüttelte irritiert den Kopf. „Verzeihen Sie, Principessa, aber zu wissen, ob etwas existiert oder nicht, halte ich eigentlich für die wichtigste Information.“

„Nicht in meiner Welt.“

Wenn es um Geheimnisse der Genealogie, also im weitesten Sinne um Familien- oder Ahnenforschung ging, waren Fakten in ihren Augen nicht nur wichtig, sondern existentiell. Quasi der Ausgangspunkt. Anders verhielt es sich beim Sammeln von Informationen zur Aufschlüsselung und Verifizierung von Geheimnissen und Legenden. Dann war die Bestätigung der Existenz von etwas oft der letzte Schritt innerhalb des Prozesses, nicht der erste.

Ohne sich dessen bewusst zu werden, schweiften Gabriellas Gedanken vom akut anstehenden Problem eines Fremden, der ihre Ruhe und die ihrer Großmutter zu stören drohte, zu ihrem Lieblingsthema ab.

Denn es war nicht einfach die Ahnenforschung als solche, die ihr so am Herzen lag, sondern das Bedürfnis, alles, was ihre Familie betraf, zu verstehen, zu analysieren und im Zweifelsfall zurechtzurücken, wenn möglicherweise jemand zu Unrecht diffamiert worden war. Doch als es darum ging, Nachforschungen über die Verbannung ihrer Familie von der Isola D’Oro anzustellen und zu dokumentieren, waren Hörensagen, Gerüchte und Legenden das einzige Material, auf das sie zurückgreifen konnte.

Man durfte sich nur nicht zu sehr mitreißen lassen von den Fantastereien, sonst landete man schnell bei irrwitzigen Schlussfolgerungen, die einen auf falsche und absurde Fährten lockten, sodass man mitunter bei einem Yeti oder dem Monster vom Loch Ness landete, anstatt im eigenen Familienstammbaum. Nicht, dass sie das nicht ebenfalls faszinierte, doch solange sie noch mit der eigenen Familiengeschichte zu kämpfen hatte, überließ Gabriella die Kryptozoologie lieber anderen.

„Was soll ich denn nun mit unserem Besucher anfangen, Principessa?“

Gedankenverloren tippte Gabriella mit der Fingerspitze gegen ihr Kinn. Sie war schon halb entschlossen, ihm ausrichten zu lassen, ihre Großmutter und sie seien not at Home, im Sinne der guten altenglischen Regency-Zeit. Doch der Amerikaner hatte explizit The Lost Love erwähnt, und sie war schrecklich neugierig, zu erfahren, was genau er über das ebenso geheimnisvolle wie skandalöse Gemälde wusste. Besonders, da es ihr selbst bisher nicht gelungen war, seine Existenz eindeutig nachzuweisen.

Sie musste herausfinden, was für ein Spiel dieser Fremde spielte. Ob es sich vielleicht um einen windigen Betrüger handelte, der auf irgendeine üble Weise Profit aus einer adeligen Lady herausschlagen wollte. Sollte das der Fall sein, würde er es mit ihr zu tun bekommen und ihre Großmutter nicht einmal aus der Ferne sehen.

„Kein Grund, die Königin zu beunruhigen. Sie trinkt gerade ihren Tee im Morgensalon, und dabei möchte ich sie nicht stören. Ich werde mit ihm sprechen“, entschied Gabriella spontan, entließ Lani mit einer Handbewegung und eilte leichtfüßig durch die ausgelegte Eingangshalle. Erst als sie die kostbaren Teppiche unter ihren nackten Füßen spürte, dämmerte ihr, dass dies kaum der passende Aufzug für eine Königliche Hoheit war.

Dank lebenslangem Training gelang es Gabriella problemlos, in der Öffentlichkeit ihre Prinzessinnen-Rolle zu spielen. Stundenlang strahlend zu lächeln und huldvoll zu winken, waren ihr längst zur zweiten Natur geworden. Doch sobald sie hier auf Aceena, in ihrem wundervollen, isoliert liegenden Zuhause war, legte sie mit den Designer-Outfits auch alles andere ab, was ihr lästig war. Hier löste sie den strengen französischen Knoten, verzichtete auf Make-up und war einfach nur Gabriella.

Seufzend rückte sie die Brille zurecht, die sie gegen Kontaktlinsen tauschte, sobald sie in der Öffentlichkeit auftreten musste. Da sie ohnehin nicht vorhatte, den Fremden zu beeindrucken, sondern ihn so schnell wie möglich wieder loswerden wollte, marschierte Gabriella weiter, ohne sich um ihr aufgelöstes Haar oder die bloßen Füße zu scheren.

Wie es aussah, hatte der ungebetene Gast sich inzwischen selbst Einlass verschafft. Ein Blick auf ihn reichte, um ihr zu verraten, dass er genau zu der Sorte Mann gehörte, die es nicht schätzte, vor der Tür warten zu müssen.

Und er war … einfach umwerfend!

Gabriella fühlte sich an einen Museumsbesuch erinnert. Dort war sie von einer Halle zur anderen gewandert und hatte ein spektakuläres Kunstwerk nach dem anderen bewundert, bevor sie eher zufällig in einen kleinen Raum geraten war, der etwas abseits lag. Drinnen, in den Fokus gerückt und perfekt ausgeleuchtet, ein Gemälde, das Herzstück der Ausstellung. Alles, was sie vorher gesehen hatte, verblasste im Vergleich zu diesem Bild.

Dieser Mann war wie ein van Gogh. Sein Gesicht eine Studie aus straffen Linien und scharfen Winkeln. Akzentuierte Wangenknochen, eine starke Kinnlinie. Ein klassisch geschnittener Mund, von genialer Schöpferhand gezeichnet. So viel offensichtliche Vorzüge und die nahezu perfekte Symmetrie in den harten Zügen schrien geradezu nach einem Hauch Unvollkommenheit, um das Auge zu entspannen. Gabriella fand sie in der etwas schief wirkenden Oberlippe, die dem dunklen Adonis etwas Menschliches gab, das dem Rest fehlte.

Denn sein Körper war eindeutig der eines griechischen oder römischen Götterboten, angefangen von den breiten Schultern, der muskulösen Brust, den langen, starken Beinen, die in maßgeschneiderten Hosen steckten. An den Füßen trug er natürlich handgefertigte Schuhe.

Hundert Prozent knallharte Perfektion!

Bis auf den Mund, der von einer gewissen Sensibilität sprach …

Gabriella blinzelte und versuchte, sich zu fassen. Das war, selbst für ihre Verhältnisse, ein absurd ausgedehnter Ausflug ins Reich romantischer Fantasien gewesen!

„Hallo?“, sagte sie strenger als beabsichtigt. „Kann ich Ihnen helfen?“

Der flüchtige Blick, mit dem er sie aus seinen dunklen Augen von Kopf bis Fuß maß, verriet nichts als Desinteresse. „Ich möchte mit Königin Lucia über The Lost Love sprechen.“

„Das wurde mir bereits ausgerichtet. Ich befürchte nur, die Königin empfängt momentan keine Gäste.“ Gabriella widerstand der Versuchung, die Brille auf ihrer Nase zurechtzurücken. Stattdessen verschränkte sie die Arme vor der Brust und bemühte sich, trotz schwarzer Leggins und übergroßem Sweatshirt möglichst souverän zu wirken.

Seine dunklen Brauen hoben sich mokant. „Um mir das zu sagen, schickt sie … ach was soll’s! Wer bist du überhaupt? Der gelangweilte, aufsässige Teenager, dem man den ersehnten Shopping-Trip verboten hat?“

Gabriella straffte sich und reckte das Kinn vor. „Tatsächlich bin ich Prinzessin Gabriella D’Oro. Wenn ich Ihnen also ausrichte, dass meine Großmutter nicht gewillt ist, Ihnen eine Audienz zu gewähren, tue ich das aus einer Autorität heraus, die Sie akzeptieren müssen. Dies ist mein Zuhause, und für Sie ist hier kein Platz.“

„Komisch, scheint doch ziemlich geräumig zu sein, die Bude.“

„Tja, ich befürchte, gerade amerikanische Geschäftsleute stapeln sich hier schon bis fast unter die Decke, weshalb wir Sie auf dem Boden unterbringen müssten, wo es viel zu staubig für so einen feinen Herrn wie Sie wäre“, konterte sie ähnlich flapsig.

In Alex’ Augen blitzte es gefährlich auf. „Und das in meinem nagelneuen Anzug …“

„Der wäre dann auf jeden Fall hin. Besser also, Sie gehen gleich wieder.“

„Ich habe einen langen Weg zurückgelegt, um Ihre Großmutter zu sehen, Principessa Gabriella …“

Wie schaffte er es nur, dass sich ihr Titel und ihr Name aus seinem Mund wie Hohn oder eine handfeste Beleidigung anhörten?

„Es mag Sie überraschen, aber ich bin nicht nach Aceena gekommen, um Albernheiten auszutauschen, sondern um über ein Gemälde zu sprechen.“

„Das sagten Sie bereits. Ich bedaure allerdings, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ein derartiges Gemälde nicht existiert. Ich würde nur gern wissen, was Sie darüber gehört haben. Und von wem …“

„Von meinem Großvater. Er ist … ein großer Kunstliebhaber und Sammler. Ich bin in seinem Auftrag hier, um das Bild zu erwerben, und bereit, eine äußerst großzügige Summe zu zahlen. Ich nehme an, dass im Exil lebende Royals es sich nicht leisten können, ein derartiges Angebot abzulehnen.“

„Oh, besten Dank für Ihre Besorgnis, aber wir kommen ganz gut zurecht“, klärte Gabriella ihn mit unbewegter Miene auf. „Aber sollten Sie das dringende Bedürfnis hegen, jemandem eine Spende zukommen zu lassen, der tatsächlich in Not ist, kann ich Ihnen gern eine Liste geben.“

„Danke nein, der Charitygedanke wäre nur eine Art Nebeneffekt. Was ich will, ist das Bild. Und dafür zahle ich jeden geforderten Preis.“

Ihr Mund war trocken, was es ihr schwer machte, zu sprechen, trotzdem konnte sie sich nicht bremsen. „Ich befürchte, ich muss Sie enttäuschen. Wir sind durchaus im Besitz einer beachtlichen Gemäldesammlung, aber dieses eine Exponat, das Sie ansprechen, ist leider nicht dabei. Möglicherweise existiert es gar nicht … oder nicht mehr.“

Alex lachte trocken. „Keine Frage, dass Ihre Familie es vorzieht, diesen Eindruck zu erwecken. Trotzdem bin ich sicher, dass Sie mehr wissen, als Sie zugeben, Principessa.“

Scusi, ich bin eben nur ein dummer Teenager, der sich eher für Mode als für Kunst interessiert. Was könnte ich mehr wissen als Sie mit Ihrer Erfahrung und Altersweisheit?“, fragte sie schnippisch und schob ihre Brille nun doch auf der Nase zurecht.

„Was Justin Bieber für euch junge Dinger so anziehend macht zum Beispiel.“

„Sagt mir nichts.“

„Das überrascht mich. Ich dachte, alle Mädchen wären in ihn verschossen.“

Gabriellas Kinn schoss hoch. Schon wieder behandelte dieser arrogante Kerl sie wie ein naives Schulmädchen. „Oh, und ich habe gehört, dass ältere Menschen nach einer langen Reise eine Stärkung brauchen. Soll ich Ihnen die Adresse eines netten Cafés ganz in der Nähe geben?“

„Einen kleinen Imbiss im Zuge eines Rundgangs durch Ihr wundervolles Heim würde ich mit Freude akzeptieren.“

„Nein, tut mir leid, das ist keine Option.“

Alex seufzte und rieb sich mit der Hand über das stoppelige Kinn.

Gabriella schauderte als Reaktion auf den kaum wahrnehmbaren Laut. Das war eine ihrer Schwächen oder Vorlieben, je nachdem, wie man es interpretierte. Ihre ausgeprägte Sensualität. Sie liebte jede Art von Kunst, weiche Kissen, raffinierte Desserts und üppige Stoffe. Den Geruch von alten Büchern und das Gefühl von beschrifteten Seiten unter ihren Fingerspitzen. Und sie nahm feine Gerüche und Geräusche jeder Couleur wahr, wie zum Beispiel das Geräusch, wenn Haut über Stoppeln schrappte.

„Sind Sie wirklich überzeugt, mir gegenüber die richtige Taktik anzuwenden?“, versuchte Alex es erneut. „Denn wenn Sie mich jetzt wegschicken, sehe ich mich gezwungen, Sie zu übergehen. Entweder, indem ich mich direkt an Ihre Großmutter wende, oder indem ich herausfinde, wer die Angelegenheiten der königlichen Familie verwaltet. Ich bin mir sicher, dass ich jemanden finde, der zu schätzen weiß, was ich ihm anbiete.“

Ein Vorhaben, dem durchaus Erfolg beschieden sein könnte. Zum Beispiel, falls es ihm gelingen sollte, ihre Eltern aufzuspüren und mit Geldscheinen vor ihrer Nase herumzuwedeln. Oder besser noch mit einer illegalen Substanz im Gegenzug für Informationen über ein altes Gemälde. Sie würden ihm unter Garantie nur zu gern helfen. Glücklicherweise hatten sie wahrscheinlich noch weniger Ahnung als sie.

Autor

Maisey Yates
Schon von klein auf wusste Maisey Yates ganz genau, was sie einmal werden wollte: Autorin.
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