Sinnlicher Deal mit dem Milliardär

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"Heirate mich!" Dieser traumhaft attraktive Fremde will sie vor ihrem brutalen Verlobten retten, indem er sie selbst vor den Altar führt? Und er verlangt dafür nichts als einen alten Ring? Die freiheitsliebende Mina kann ihr Glück kaum fassen, denn an der Seite von Hoteltycoon Nate Brunswick erwarten sie nicht nur Luxusreisen, schon bald will sie auf seine verzehrenden Küsse nicht mehr verzichten. Doch erst als ihr Pakt süße Folgen hat, wird Mina klar: Sie will mehr von Nate als einen Deal auf Zeit … aber kann der Immobiliengigant ihr wirklich geben, wonach sie sich sehnt?
  • Erscheinungstag 26.09.2017
  • Bandnummer 0020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733708665
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Mit der Exklusivität von Long Islands Gold Coast konfrontiert zu werden, war wie eine Reise in die Vergangenheit. Zurück in die Zeit des guten alten Geldadels, ihres Glamours und ihrer Skandale, die etlichen amerikanischen Autoren als Anregung dienten.

Jeder versuchte, den Nachbarn in Luxus und Großartigkeit zu übertrumpfen, um als das Juwel der Gold Coast zu gelten. Doch wie so häufig wurde auch hier der Bogen irgendwann überspannt, und am Ende überlebten nur wenige der repräsentativen Prachtbauten.

Zu ihnen gehörte auch die Ende des achtzehnten Jahrhunderts errichtete Villa des legendären Schiffsmagnaten Giovanni Di
Sione, die einst als großzügige Sommerresidenz geplant war. Nach aufwändigen Renovierungsmaßnahmen nutzte der erfolgreiche Reeder sie, um für wichtige Klienten und Finanziers ein attraktives Umfeld mit lockerer Atmosphäre zu schaffen, in dem es sich leichter verhandeln ließ als in New Yorks nüchternen Bürobauten.

Heute galt das Di Sione-Anwesen als leuchtendes Beispiel einer gelungenen Symbiose aus Tradition und Moderne.

Wie immer, wenn er sich mit dieser demonstrativen Zurschaustellung von Reichtum und dem Duft der guten alten Zeit, der hier in der Luft zu liegen schien, konfrontiert sah, verspürte Nate einen unangenehmen Druck auf der Brust.

Langsam solltest du dich daran gewöhnt haben! warf er sich selbst vor. Gleichzeitig wusste Nate Brunswick, dass das nie geschehen würde.

Was für eine Ironie des Schicksals! dachte er. Der Kies unter den Reifen seines Jaguars knirschte, während er die gewundene Auffahrt zum Haus hinauffuhr. Er hätte die gesamte Gold Coast mit Leichtigkeit aufkaufen und seinem weltweit operierenden Unternehmen einverleiben können, und trotzdem würde er sich hier nie akzeptiert und zugehörig fühlen.

Eine Lektion, die er auf die harte Tour hatte lernen müssen: Alles Geld der Welt konnte die alten Wunden nicht heilen.

Das neue Geld war für die arrogante Upper Class von New York nichts anderes als die ergaunerte Beute von Eindringlingen, die nicht wirklich hierhergehörten. Neues Blut konnte sich mit altem mischen, doch es würde nie dieselbe Qualität haben wie das der herrschenden Elite.

Eine bittere Wahrheit, die für den konservativen Geldadel gleich hinter den Zehn Geboten rangierte: Du sollst nicht begehren, in unser elitäres Terrain einzudringen, es stand dir nie zu und wird es auch zukünftig nie tun …

Nate brachte den Jaguar mit quietschenden Reifen vor der Villa seines Großvaters zum Stehen. Die helle Fassade des eindrucksvollen Baus erstrahlte im goldenen Schein der Nachmittagssonne.

Sekundenlang saß er da wie erstarrt, unfähig, sich zu bewegen. Auf seiner Brust lastete ein bleiernes Gewicht, das ihn tief in den weichen Ledersitz drückte. Wie immer rief dieser Ort eine Fülle von Emotionen in ihm wach, denen er sich nicht gewachsen fühlte.

Doch etwas war heute anders … als hätte eine höhere Macht beschlossen, in das Schachspiel seines Lebens einzugreifen und ihn zu einem Zug zu zwingen, den er freiwillig nie ausgeführt hätte.

Sein Großvater würde sterben – an Leukämie.

Er selbst war zuletzt ständig außer Landes gewesen, um sich um seine ausländischen Liegenschaften zu kümmern, die er im Lauf der Jahre rund um den Globus erworben hatte. So hatte er nur wenig Zeit für seinen Mentor aufbringen können – den einzigen Mann in seinem Leben, der einer Vaterfigur gleichkam.

Als er von seiner Halbschwester Natalia auf der Vernissage zu ihrer Kunstausstellung erfahren hatte, dass die Leukämie ihres Großvaters zurückgekehrt sei, war Nate zutiefst schockiert gewesen. Und noch mehr, als er schließlich erfuhr, dass ihn laut Aussage der Ärzte auch keine Knochenmarkspende von ihm mehr retten könne. Wie es aussah, konnte selbst der allmächtige Giovanni den Tod nicht zweimal besiegen.

Nate räusperte sich und blinzelte heftig. Er durfte auf keinen Fall schwächeln, nicht jetzt und definitiv nicht hier, an diesem Ort.

Abrupt schwang er die Beine aus dem Jaguar und fluchte unterdrückt, weil seine Muskulatur nach der Fahrt in dem tiefergelegten Wagen protestierte. Er hatte die letzte Stufe der breiten Treppe noch nicht erklommen, die zum eleganten Eingangsportal der Villa führte, da öffnete Alma, die langjährige Haushälterin der Di Sione-Familie, bereits die Tür.

Master Nate!“, rief sie freudig aus und zog ihn ohne Umstände in die prachtvolle Eingangshalle. „Signor Giovanni genießt die letzten Sonnenstrahlen auf der hinteren Veranda. Er ist etwas müde, erwartet aber gespannt Ihre Ankunft.“

Was sie sagte, verstärkte sein Schuldbewusstsein nur noch. Er hätte sich mehr Zeit für seinen Großvater nehmen sollen, aber irgendwie hatte er sich eingebildet, der große alte Mann wäre unbesiegbar.

Nachdem Nate ein paar höfliche Floskeln mit Alma gewechselt hatte, machte er sich auf den Weg in den rückwärtigen Teil der Villa. Seine Schritte hallten auf dem polierten Marmorboden wider. Das erste Mal hatte er dieses Haus mit achtzehn Jahren betreten, zur Strecke gebracht von seinem Halbbruder Alex. Denn Nate war der einzig mögliche Knochenmarkspender innerhalb des Familienverbandes, um das Leben seines Großvaters zu retten – eines Mannes, den er nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte.

Nate dachte an seine sechs Halbgeschwister, die damals nebeneinander auf den breiten Stufen der massiven Steintreppe gesessen und ihn neugierig angestarrt hatten. Alex lotste ihn ohne Erklärung an ihnen vorbei in den Salon, wo er das erste Mal auf den kränkelnden Schiffsmagnaten und Multimillionär traf.

Giovanni Di Sione hatte seine verwaisten Enkel nach dem Tod ihrer Eltern bei sich aufgenommen. Sein Sohn Benito und dessen Frau waren nach einem furchtbaren Streit unter Einfluss von Alkohol und Drogen bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Ganz sicher eine Tragödie, besonders für ihre Kinder, doch Nate konnte sich noch gut daran erinnern, wie verbittert er damals gewesen war, wenn er an das privilegierte Leben seiner Halbgeschwister gedacht hatte, während seine Mutter ständig gekämpft hatte, um sie beide durchzubringen.

Sie waren alle Teil einer Familie, zu der er als Benitos illegitimer Sprössling nie gehören würde …

Tempi passati. Eine alte, traurige Geschichte, die in die Vergangenheit gehörte. Das sagte Nate sich energisch, während er aus dem Haus auf eine weitläufige Veranda mit einem spektakulären Ausblick auf den Long Island Sound trat.

Sein Großvater saß in einem bequemen Korbstuhl, der zur untergehenden Sonne hin ausgerichtet war. Es musste eine Art sechster Sinn sein, der ihn den Kopf wenden ließ, bevor Nate sich bemerkbar machen konnte. Auf den hageren Zügen breitete sich ein Lächeln aus. „Nathaniel! Ich hatte schon Angst, Manhattan würde dich nicht aus den Klauen lassen …“, scherzte er mit brüchiger Stimme und versuchte, sich zu erheben.

Rasch lief Nate um den Korbstuhl, um den Mann zu begrüßen, der ihm inzwischen so viel bedeutete. Er umfasste seine Hände und stützte ihn, bis Giovanni auf den Beinen stand. Doch ein einfaches Händeschütteln reichte seinem Großvater nicht, er zog Nate in die Arme. Den mageren Körper des früher so vitalen Mannes an seinem zu spüren, schnürte Nate den Hals zu.

Besonders, weil er wusste, was für Giovannis fragilen Zustand verantwortlich war. Der Krebs war zurück, hatte ihn seine robuste Konstitution und den attraktiven südländischen Teint gekostet. Die einst olivfarbene Haut spannte über den hohen Wangenknochen, und das bestechende Blau der intelligenten Augen war zu einem milden Graublau verblasst.

Trotz seiner gemischten Gefühle gegenüber der Di Sione-Familie war und blieb dieser ultraerfolgreiche Selfmade-Millionär und honorige Mann sein Retter und Mäzen, der alles versucht hatte, um die Defizite seines Sohnes auszugleichen. In den prägenden Jahren seines Lebens, als die Umstände und seine Wut auf Benito ihn leicht auf eine schiefe Bahn hätten treiben können, hatte sein Großvater ihm gezeigt, zu welchem Mann er heranwachsen konnte, wenn er nur wollte.

Nate trat einen Schritt zurück und musterte besorgt Giovannis blasses Gesicht. „Gibt es denn gar nichts, was man noch tun könnte?“, fragte er rau. „Sind die Ärzte ganz sicher, dass eine zweite Knochenmarkspende aussichtslos wäre?“

Giovanni nickte. „Schon für die erste OP waren hauptsächlich mein Name und mein Vermögen ausschlaggebend gewesen. Meine Zeit ist gekommen, Nathaniel. Mir war ein Leben vergönnt, von dem viele nur träumen können. Ich habe längst meinen Frieden mit dem Schicksal geschlossen“, versicherte er und ließ sich schwerfällig im Sessel nieder.

„Setz dich. Was möchtest du trinken?“, fragte Giovanni.

„Nichts, danke. Ich habe reichlich zu tun, wenn ich zurück in Manhattan bin.“

„Du arbeitest zu viel.“ Giovanni wies das wartende Dienstmädchen an, ihm einen Tee und seinem Enkel ein Bier zu bringen. „Das Leben will auch genossen werden, Nathaniel, vergiss das nicht. Wer glaubst du, wird an deiner Seite sein, wenn du irgendwann so viele Millionen angehäuft hast, dass du sie unmöglich allein ausgeben kannst?“

Den Punkt hatte er längst erreicht, aber das behielt Nate lieber für sich. Für ihn waren Arbeit und Erfolg existentiell, geboren aus einem unbezwingbaren Überlebensinstinkt. Und das würde nie enden, solange es noch einen Deal abzuschließen gab und weitere Immobilien, die er seinem Konglomerat einverleiben konnte.

„Was das betrifft, gibt es genügend Interessenten …“

„Ich rede nicht vom Mangel an der weiblichen Komponente in deinem Leben“, konterte Giovanni milde. „Obwohl du meiner Ansicht nach auch daran noch arbeiten könntest, da du deinen Privatjet, soweit ich weiß, selten lange genug verlässt, um überhaupt feststellen zu können, welche Jahreszeit wir haben. Du bist derart damit beschäftigt, Geld zu verdienen, dass dir der wahre Sinn des Lebens versagt bleibt.“

„Der worin besteht?“

„Familie, Wurzeln“, fasste sein Großvater knapp zusammen. „Dein Nomadenleben, deine Unfähigkeit, dich festzulegen, wird dich auf Dauer nicht erfüllen. Ich kann nur hoffen, dass du zur Einsicht kommst, ehe es dafür zu spät ist.“

„Ich bin gerade mal fünfunddreißig“, protestierte Nate. „Außerdem warst du selbst ein Workaholic, wie er im Buch steht. Ich glaube, es liegt in unseren Genen. Wir suchen es uns nicht aus, sondern tragen nur dem Rechnung, was wir nicht ändern können.“

„Wahrscheinlich liegt es an meiner gegenwärtigen Situation, dass ich inzwischen anders darüber denke“, warf Giovanni ein. „Diese eiserne Disziplin kann uns zum Fluch werden, wenn wir nicht aufpassen. Weil ich Di Sione Shipping immer an erste Stelle gesetzt habe, ließ ich deinen Vater im Stich und damit indirekt auch dich.“

Nate schüttelte den Kopf. „Benito trug selbst die Schuld an seinem Elend. Niemand hat ihn gezwungen, Drogen zu nehmen oder Menschen zu betrügen, die ihm vertrauten!“

„Zum Teil hast du recht. Aber ich weiß, dass auch du gegen Dämonen kämpfst, ebenso wie ich. Sie verfolgen mich an jedem einzelnen Tag meines Lebens …“

Seine Stimme brach ab, und Nate spürte einen dicken Kloß im Hals.

„Aber für dich ist es noch nicht zu spät, Nathaniel“, sagte Giovanni eindringlich. „Du hast dein Leben noch vor dir und Brüder und Schwestern, denen du etwas bedeutest. Sie hätten gern mehr Kontakt zu dir. Aber offenbar willst du nichts mit ihnen zu tun haben.“

Eine Kritik, die er so nicht stehen lassen wollte. „Für Natalias Vernissage bin ich extra aus Hongkong gekommen.“

Giovanni lächelte müde und schüttelte den Kopf. „Nur, weil du eine Schwäche für unser Küken hast. Aber Familie sollte grundsätzlich der Fels sein, an dem du dich festhalten kannst, wenn dich die Stürme des Lebens heimsuchen.“

Der bittersüße Ton und Giovannis verdächtig feuchte Augen griffen Nate ans Herz. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, was für Geheimnisse sein Großvater vor ihm und seinen anderen Enkeln verbarg. Warum er Sizilien damals zum Beispiel mit kaum mehr als seinen Kleidern am Leib hatte verlassen müssen und in all den Jahren keinen Kontakt zu seiner italienischen Familie aufgenommen hatte.

„Die Diskussion hatten wir doch schon“, erinnerte er Giovanni kühler als beabsichtigt. „Ich habe meinen Frieden mit der Familie, sprich meinen Halbgeschwistern, gemacht, das muss reichen.“

„Wenn du das sagst …“ Giovannis Stimme wurde zunehmend schwächer, die Lider sanken herab und Nate überlegte schon, ob die Unterredung damit beendet war, doch dann hob sein Großvater den Kopf und maß ihn mit einem überraschend scharfen Blick. „Ich möchte, dass du etwas für mich tust, Nathaniel. Es gibt einen Ring, der mir sehr viel bedeutet und den du mir zurückbringen sollst. Als ich in die Vereinigten Staaten kam, habe ich ihn an einen Kunst- und Antiquitätensammler verkauft. Leider weiß ich nicht, was mit ihm passiert ist und wer ihn inzwischen besitzt. Das Einzige, was ich dir zur Unterstützung mitgeben kann, ist eine dezidierte Beschreibung.“

Wirklich überrascht war Nate von dem Wunsch seines Großvaters nicht. Von Natalia hatte er bereits erfahren, dass Nonno, wie ihn seine Enkel liebevoll nannten, jeden von ihnen mit einer ähnlichen Mission beauftragt hatte. Alle außer Alex.

Die Objekte seiner Begierde, Giovannis sogenannte Verlorenen Geliebten, kannten sie alle seit Kindertagen. Neben einer Fabergé Box und einer Erstausgabe italienischer Liebesgedichte handelte es sich um eine Kollektion außerordentlich kostbarer Schmuckstücke, zu denen offenbar auch der Ring gehörte, den er wiederbeschaffen sollte.

Allerdings konnte sich bisher keiner von ihnen erklären, warum diese Preziosen Giovanni so viel bedeuteten. Vielleicht war dies genau der richtige Moment …

„Betrachte deinen Wunsch als erfüllt. Aber darf ich fragen, warum dir so viel an diesen Lost Mistresses liegt?“

In Giovannis müden Augen blitzte ein heller Funke auf, dann lächelte er geheimnisvoll. „Ich hoffe tatsächlich, es dir bald anvertrauen zu können. Doch zuerst muss ich den Ring sehen und wieder in den Händen halten. Er bedeutet mir wirklich sehr viel.“

„Und danach schickst du Alex auf die letzte Reise, nehme ich an?“

„Ja. Genauso ist es.“

Nates Verhältnis zu seinem ältesten Halbbruder konnte man als schwierig bis nicht vorhanden bezeichnen. Giovanni hatte Alex auf seiner Karriereleiter als CEO von Di Sione Shipping jede Sprosse einzeln erklimmen lassen, angefangen von niedrigsten Arbeiten in den Docks. Im Gegensatz dazu hatte Nate gleich nach Abschluss seines Studiums, das Giovanni ebenfalls finanziert hatte, einen verantwortungsvollen Schreibtischposten angeboten bekommen. Quasi als Ausgleich für seinen schlechten Start ins Leben.

Aber es gab etwas, das weit schwerer wog als seine augenscheinliche Bevorzugung im Familienunternehmen. Nate vermutete, dass Alex ihn indirekt für den Tod seiner Eltern verantwortlich machte. An jenem schrecklichen Unfallabend war seine Mutter mit ihm als zehnjährigem Knirps an der Hand auf Benitos Türschwelle aufgetaucht, um von ihm Unterstützung für sich und den unehelichen Sohn zu fordern. Kurz darauf verunglückten sein Vater und dessen Frau tödlich, weil Benito seinen Sportwagen gegen einen Baum setzte. Zuvor sollte sich das Ehepaar erbittert gestritten haben, was möglicherweise zu dem Unfall geführt hatte. Allerdings war Benito gemeinhin als rücksichtsloser Raser bekannt gewesen.

„Nathaniel?“

Nate fuhr sich mit der Hand über die Augen und schüttelte die quälenden Erinnerungen energisch ab. „Ich werde mich sofort auf die Suche machen“, versprach er. „Gibt es noch etwas, was ich für dich tun kann?“

„Bemüh dich um mehr Nähe zu deinen Schwestern und Brüdern. Dann sterbe ich als glücklicher Mann.“

Unverhofft stand Alex’ schneeweißes Jungengesicht vor Nates innerem Auge. Er glaubte es immer noch hinter der Scheibe zu sehen, an jenem Abend, als er und seine Mutter auf Benitos Terrasse gestanden und um Hilfe gebeten hatten. Kummer und tiefe Verwirrung waren seinem Bruder damals ins Gesicht geschrieben gewesen.

In all den Jahren danach war Alex der einzige, der von seiner Existenz wusste, das Geheimnis aber für sich behielt … bis Giovanni krank wurde.

Warum er nichts von ihm erzählt hatte, obwohl er ihn offenbar für Benitos und Annas Tod verantwortlich machte, wusste Nate bis heute nicht. Nur, dass sein Leben in dem Fall, dass er geredet hätte, hundertprozentig anders verlaufen wäre. Sie hatten nie darüber gesprochen … und wenn, was hätte es am Verlauf jenes Abends geändert?

Vielleicht war es sogar besser, wenn manche Dinge ungesagt blieben.

Zurück in Manhattan setzte Nate zu seinem eigenen Erstaunen Giovannis Herzenswunsch ganz oben auf seine Prioritätenliste.

Noch am Tag seiner Rückkehr beauftragte er einen Privatermittler, den er regelmäßig darauf ansetzte, die Hintergründe seiner Millionen-Deals zu beleuchten. Keine achtundvierzig Stunden später hielt er das Ergebnis der Recherche in Händen. Wie es aussah, war Giovannis Ring vor mehr als zwei Jahrzehnten auf einer Auktion an eine sizilianische Familie gegangen und seitdem nicht verkäuflich.

Ein Terminus, der in Nates Sprachgebrauch nicht vorkam. Alles und jedermann ist käuflich, lautete sein Credo. Es war allein eine Sache des Preises.

Er musste diesen Sizilianern nur eine Summe in Aussicht stellen, der sie nicht widerstehen konnten.

Sobald er seine dringendsten Geschäfte in New York abgewickelt hatte, lud er sich zum Dinner bei seiner Mutter ein, die wie gewöhnlich beklagte, dass er nie zu Hause sei und viel zu wenig Zeit für sie habe. Von Giovannis Auftrag erzählte er ihr nichts, da die Di Siones immer noch ein wunder Punkt für sie waren.

Am Mittwoch flog Nate nach Palermo. Da er sich niemals eine günstige Gelegenheit entgehen ließ, checkte er im Sechs-Sterne-Hotel Giarruso ein. Nate wusste, dass es zum Verkauf stand, und hatte bereits für den Nachmittag ein Meeting mit dem Konsortium anberaumt, dem das Luxushotel gehörte.

Nachdem sein persönlicher Butler ihn mit den Annehmlichkeiten der zweigeschossigen Penthouse-Suite vertraut gemacht hatte, beschloss Nate, sich als Erstes eine erfrischende Dusche zu gönnen. Egal, wie komfortabel sein Privatjet auch sein mochte, während des Fluges bekam er einfach kein Auge zu.

Josephine, seine überaus kluge und effektive PA, nannte ihn gern einen Kontrollfreak, da er selbst im Schlaf immer ein Auge offen halte, wie sie steif und fest behauptete. Das konnte Nate nicht abstreiten. Es war eine Angewohnheit aus der Zeit, als seine Mutter und er in einer Reihe schäbiger Bronx-Wohnungen gehaust hatten, wo Störungen und Gewalt an der Tagesordnung gewesen waren.

Dafür schloss er jetzt genüsslich die Augen, als er im Marmorbad unter der gigantischen Regendusche stand und heißes Wasser über seine verspannte Muskulatur rinnen ließ.

Als Nate anschließend erfrischt und in ein Badetuch gehüllt auf dem Weg in die angrenzende Lounge seiner Suite war, dachte er an die Zahlen, mit denen seine Anwälte den Wert des Luxushotels beziffert hatten. Daher bemerkte er auch erst verspätet die Anwesenheit eines Zimmermädchens, das über die antike Bar aus Kirschholz gebeugt stand.

Sein erster Gedanke war, dass sie den süßesten Hintern hatte, der ihm seit Ewigkeiten untergekommen war. Rund, prall und perfekt geformt. Der Stretchstoff ihrer mausgrauen Uniform spannte herausfordernd über den weiblichen Hüften. Extrem wohlgeformte Waden unterhalb des Rocksaums vervollständigten das hinreißende Bild. Ob ihre Frontansicht da mithalten konnte, blieb seiner Spekulation überlassen. Ebenso …

Ebenso, was zur Hölle, sie hier in seiner Suite verloren hat!

„Würden Sie mir verraten, was Sie hier tun, nachdem ich ausdrücklich gewünscht habe, nicht gestört zu werden?“, fragte er gereizt.

Sie zuckte nicht wie erwartet ertappt zusammen, sondern richtete sich langsam auf und wandte sich ihm zu, in einer fließenden, graziösen Bewegung, die an einen Ballettschritt erinnerte. Ihre Uniform war für ein Zimmermädchen überraschend stylisch. Sie betonte die zierliche Taille über den unglaublichen Hüften, und die Knopfleiste unter dem kleidsamen Kragen spannte ein wenig, was vermutlich an den erfreulich runden Brüsten lag.

Nate schluckte und versuchte, sich zu fassen.

Als sie unter seiner intensiven Musterung das Kinn eine Spur anhob, wurde sein Blick auf die hohen Wangenknochen und das schimmernde kastanienbraune Haar gelenkt, das in einem strengen Pferdeschwanz gebändigt war. Und auf die wärmsten espressobraunen Augen, die man sich vorstellen konnte.

Nate musste seinen ersten Eindruck korrigieren. Sie war nicht einfach nur hübsch, sondern die schönste Frau, die er in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte. Eine hinreißende Vollblut-Sizilianerin mit olivfarbenem Teint und perfekten Kurven.

Kein Wunder, dass sein Körper derart heftig reagierte! Ein einladender Blick aus diesen unglaublichen Augen würde wohl jeden Mann in die Knie zwingen.

Allerdings ließ sie ihren Blick gerade eher skeptisch an ihm hinunterwandern zu der Stelle, wo sein Badehandtuch bis über die Hüftknochen heruntergerutscht war und nur von einer Sache aufgehalten wurde …

Ein Gentleman hätte etwas dagegen unternommen, aber er war kein Gentleman und würde auch nie einer sein. Doch dies war ein Sechs-Sterne-Hotel, und er hatte seinem privaten Butler deutlich zu verstehen gegeben, dass er nicht gestört werden wollte.

„Nun?“, beharrte Nate. „Ich warte.“

Dio mio! Was für ein Mann …

Mina schluckte heftig und zwang ihren Blick nach oben, in Richtung Gesicht des attraktiven Amerikaners.

Er war unglaublich gut gebaut, nichts als Sehnen und Muskeln unter der glatten gebräunten Haut. So perfekt proportioniert wie das Schaubild, das ihre Lehrerin ihnen im Anatomieunterricht gezeigt hatte, um die Mädchen auf das vorzubereiten, was sie als Interaktion mit dem anderen Geschlecht bezeichnete.

Als ob sie alle keinen Zugang zum Internet gehabt oder nicht längst ihre eigenen Erfahrungen mit jener geheimnisvollen Interaktion gemacht hätten …

Mina fröstelte unter seinem finsteren Blick und spürte einen Schauer nach dem anderen über ihren Rücken laufen. Wenn neben dem Begriff intensiv ein Bild im Wörterbuch stehen würde, dann zweifellos seins. Geduld jedoch schien bei näherem Hinsehen nicht zu seinen Stärken zu zählen.

„Ihr Butler hat mir gesagt, Sie wären bei einem Meeting“, erklärte Mina, hob ihr Kinn noch etwas höher und bemühte sich um einen gleichmütigen Blick, während sie innerlich immer noch um Fassung rang. „Ich habe laut und deutlich geklopft, bevor ich die Suite betreten habe, Signor Brunswick.“

„Das Meeting ist erst heute Nachmittag“, informierte Nate sie kühl. „Zeichnet das nicht ein Sechs-Sterne-Hotel aus, immer jedem Wunsch und Bedürfnis des Gastes mindestens sechs Schritte voraus zu sein?“

Mina dachte an den luxuriösen Master-Bedroom im Obergeschoss der Suite und konnte nicht anders, als sich zu fragen, was dieser arrogante Kerl wohl von einer Frau in seinem Kingsize-Bett erwartete. Ihre mangelnde Erfahrung auf diesem Gebiet verhinderte, dass sie errötete, weil ihre Fantasie dazu nicht ausreichte.

Aber ganz gestimmt wäre es jede Sekunde der Kapitulation wert.

Jetzt wurde sie doch noch rot, während sich ihre Finger um den Schokoriegel in ihrer Hand krampften. Rasch senkte sie den Blick, aus Angst, er könnte ihre Gedanken womöglich von ihren Augen ablesen.

Ihr Magen revoltierte. Santo Cielo! Was ist nur in mich gefahren? Schließlich bin ich verlobt! Außerdem überfielen sie sonst nie derartige Gedanken!

„Es ist mein Job, jeden Ihrer unausgesprochenen Wünsche zu erahnen und zu erfüllen“, informierte sie Nate und hielt ihm den Schokoriegel entgegen. „Gerade war ich dabei, die Bar mit unserer fantastischen sizilianischen Mandelschokolade zu bestücken.“

Der attraktive Amerikaner kam auf sie zu und nahm ihr den Schokoriegel aus der Hand. Ein Hauch von Citrus und etwas intensiv Maskulinem hüllte Mina ein und machte sie ganz benommen. Aus der Nähe betrachtet wirkte er noch viel beunruhigender als ohnehin schon. Das dichte schwarze Haar, noch feucht vom Duschen, der dunkle Bartschatten auf den harten Wangenknochen …

„Es gehört zu unserer Firmenpolitik, alles festzuhalten, was wir über unsere Gäste wissen, basierend auf früheren Besuchen …“, stammelte sie nervös. „Ich habe Mandel- und Haselnuss …“

„Fehler Nummer eins … Lina“, rügte Nate mit einem flüchtigen Blick auf ihr Namensschildchen, auf dem nicht ihr richtiger Name stand, sondern der, den sie dem Hotelmanager genannt hatte, als sie sich um den Job beworben hatte. „Ich bevorzuge schlichte Vollmilchschokolade.“

„Oh …“ Das verunsicherte sie. Im Giarruso irrte man sich nie! Niemals! „Tja, wie es aussieht, ist uns tatsächlich ein Fehler unterlaufen … was ausgesprochen selten geschieht, wie ich betonen möchte. Ich werde es sofort in Ordnung bringen …“

„Was noch?“

„Scusi?“

„Was wissen Sie noch über mich?“

Außer, dass er auf langbeinige Blondinen stand und sie sich nicht wundern würde, wenn es ihm gelänge, eine von ihnen trotz der ausgefeilten Sicherheitspolitik des Hauses an der Security vorbei in diese Suite zu schmuggeln?

Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich, während Mina verzweifelt versuchte, sich daran zu erinnern, was in dem Exposé über den wichtigen Gast gestanden hatte. „Zum Beispiel, dass Sie dazu neigen, das Ladegerät Ihres Notebooks zu vergessen. Deshalb habe ich ein Universalgerät mitgebracht.“

Nate ging zum Couchtisch, wobei das Badetuch noch ein Stück tiefer rutschte. Mina schluckte heftig. Maledizione! Ich muss hier raus! dachte sie panisch.

Nate nahm Kabel und Ladegerät in die Hand und wandte sich ihr zu. „Für meinen momentanen Besuch in diesem Hotel keine unbedingte Notwendigkeit.“

Sie biss die Zähne zusammen und wies mit dem Kinn in Richtung Bar. „Dort steht eine Flasche von Ihrem bevorzugten Single Malt Scotch.“

„Keine Überraschung.“

Langsam begann Minas Blut zu kochen. Sich von einem halbnackten, arroganten Mann inquisitorisch verhören zu lassen, gehörte eindeutig nicht zu ihren Pflichten. Energisch straffte sie die Schultern. „Mag sein, dass Sie all diese Dienstleistungen nicht gerade als revolutionär empfinden, Mr. Brunswick, aber das ist es, was Sie von unserem Hotel erwarten können. Sie mit dem Komfort zu umgeben, an den Sie von Haus aus gewöhnt sind. Obwohl ich zugeben muss, dass der Service noch ausbaufähig ist.“

Jetzt blitzte echtes Interesse in den dunklen Augen auf. „In welcher Form?“ Instinktiv wich Mina zurück, was Nate mit einem amüsierten Blick quittierte. „Ich höre.“

Sie gab sich einen Ruck. „Ich persönlich würde über den Bedürfniskatalog unserer Gäste hinausgehen und versuchen, Ihre weitergehenden Wünsche zu erahnen. Von Ihnen ist zum Beispiel bekannt, dass Sie morgens gern joggen. Deshalb würde ich Ihnen eine Liste von Palermos attraktivsten Laufstrecken in Hotelnähe auf den Kaffeetisch legen. Und vielleicht noch Vorschläge für Ausflüge zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten.“

Autor

Jennifer Hayward

Die preisgekrönte Autorin Jennifer Hayward ist ein Fan von Liebes- und Abenteuerromanen, seit sie heimlich die Heftromane ihrer Schwester gelesen hat.

Ihren ersten eigenen Liebesroman verfasste Jennifer mit neunzehn Jahren. Als das Manuskript von den Verlagen abgelehnt wurde und ihre Mutter ihr empfahl, zunächst mehr Lebenserfahrung zu sammeln, war sie...

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