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Der reiche Unternehmer Darian Wildman muss nicht lange überlegen: Die bildhübsche Lara Black soll der neue Star für die Werbekampagne seiner Firma werden! Er fühlt sich so stark zu der kühlen Schönheit hingezogen, dass er entschlossen ist, sie zu erobern. Seine heißen Gefühle werden offensichtlich erwidert, denn schon bei ihrer ersten Verabredung wird sie in seinem luxuriösen Penthouse seine Geliebte. Eine leidenschaftliche Romanze beginnt, die jedoch schon bald zu enden droht: Lara scheint den Kontakt zu ihm ganz gezielt gesucht zu haben! Als sie ihm ihr Geheimnis anvertraut, fühlt sich Darian von ihr hintergangen ...


  • Erscheinungstag 01.12.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733739041
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Sie hielt Dynamit in ihren Händen.

Kein echtes Dynamit, aber etwas ähnlich Explosives. Laras Finger zitterten, als sie auf den Brief blickte. Über ihrem Kopf warfen die prachtvoll verzierten Kornleuchter der Marabanischen Botschaft ihr funkelndes Licht auf das Blatt Papier, welches das Leben so vieler Menschen verändern konnte.

Falls es die Wahrheit war.

Lara schluckte trocken und überlegte, ob sie den Brief überhaupt hätte aufmachen dürfen – aber gehörte es nicht zu ihrem Job als Aushilfssekretärin, die Post zu öffnen? Ein Job, der ihr bis vor zehn Minuten als ideale Überbrückung erschienen war. Ihre Anstellung war ein Segen für die Botschaft gewesen, da die eigentliche Mitarbeiterin plötzlich erkrankt war, und auch ein Segen für Lara – in letzter Zeit hatte es nicht gerade Aufträge gehagelt. Als Model und Schauspielerin hatte sie in den vergangenen Wochen so viel „pausiert“, dass sie sich manchmal fragte, warum sie sich morgens eigentlich die Mühe machte aufzustehen.

Das Schreiben war in einem etwas weitschweifigen Stil abgefasst, ob dies von dem Alter der Absenderin oder dem emotionsgeladenen Inhalt herrührte, vermochte Lara nicht zu entscheiden. Der Brief war dem Datum nach über zwei Jahre alt, aber offenbar erst kürzlich aufgegeben worden, da er erst an diesem Morgen eingetroffen war.

Ob es sich um eine Fälschung handelte? Möglicherweise.

Sie las ihn noch einmal langsam durch und achtete auf jedes unglaubliche Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Ihnen mitteilen, dass mein Sohn Darian Wildman der Nachkomme des verstorbenen Scheichs Makim, König von Maraban, ist. Der Scheich wusste nichts von seinem unehelichen Kind, und Darian hat ebenfalls keine Ahnung von der Identität seines leiblichen Vaters. Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich bereits tot, doch ich bringe es nicht über mich, ein so wichtiges Geheimnis mit ins Grab zu nehmen.

Unten finden Sie die Anschrift meines Sohnes. Ich ermächtige Sie, diese Information nach Ihrem Gutdünken zu verwenden.

Hochachtungsvoll

Joanna Wildman

Unter der Unterschrift stand der Name „Darian Wildman“ und darunter eine Anschrift. Eine Geschäftsadresse in London.

Mit bebenden Händen schob Lara den Brief zurück ins Kuvert. Dies war hoch brisantes Material. Allerdings hatte sie inzwischen gelernt, dass Dramen und Intrigen untrennbar mit Maraban verbunden waren. Ihre beste Freundin Rose hatte Prinz Khalim von Maraban geheiratet, und durch sie hatte Lara Einblicke in einen völlig anderen Lebensstil gewonnen.

Was hätte ein anderer getan, wenn er diesen Brief zufällig geöffnet hätte? Ihn vernichtet und dann vergessen? Schließlich bedeutete die Existenz eines unbekannten Bruders eine Bedrohung für Khalim und das Land. Womöglich war er älter als Khalim und versuchte, ihn zu stürzen.

Der Verdacht war gar nicht so weit hergeholt. Das in den Bergen gelegene Königreich Maraban weckte tiefe, dunkle Leidenschaften, die mit seiner Schönheit und der bewegten Geschichte Hand in Hand gingen.

Als Lara sich erhob, fiel ihr Blick auf den Spiegel über dem Kamin. Sie sah blass aus. Beinahe verstört. Als wäre sie einem Geist begegnet. In gewisser Weise stimmte das sogar. Sie war ihm zwar nicht begegnet, aber sie hatte von ihm erfahren.

Prinz Khalim hatte einen Bruder!

Warum hatte nicht jemand anders den Brief geöffnet? Dann befände sie sich jetzt nicht in dem schrecklichen Dilemma, eine Information zu haben und nicht zu wissen, was sie damit anfangen sollte.

Alles wäre so einfach, wenn der Prinz nicht mit Rose verheiratet wäre. Ob Lara wollte oder nicht, sie war in die Sache verwickelt, seit sie den Inhalt des Schreibens gelesen hatte. Sie schaute hinaus auf den grauen Herbsttag. Der Londoner Verkehr wälzte sich langsam vorbei, der Straßenlärm wurde von den schusssicheren Fensterscheiben gedämpft. Ihre Gedanken kehrten zu ihrer Freundin zurück.

Manchmal schien es ihr noch immer unfassbar, dass Rose jetzt eine Prinzessin war, in Maraban lebte und Khalim an ihrer Seite das Land regierte. Rose war ein einfaches Mädchen gewesen – genau wie Lara –, und welche Wendung hatte ihr Schicksal genommen! Sogar heute noch war alles wie ein Märchen.

Das allerdings wahr geworden war.

Genau wie der Brief geschrieben worden war und Lara ihn aufgemacht hatte.

Es könnte eine Lüge sein. Eine Fälschung. Die Verfasserin könnte völlig verrückt sein. Eine Erpresserin. Eine potenzielle Mörderin. Alles.

Was sollte sie, Lara, also tun? Sollte sie Rose anrufen und ihr erzählen, dass ihr Mann einen illegitimen Bruder haben könnte?

Aber Rose war wieder schwanger. Nicht auszumalen, was ein solcher Schock auslösen könnte.

Sollte sie sich an den Botschafter wenden? Doch das würde aufs Gleiche hinauslaufen – er würde zuallererst Kontakt mit Khalim aufnehmen und ihm Bericht erstatten.

Lara überlegte krampfhaft, bis ihr plötzlich eine Lösung in den Sinn kam, die so verblüffend simpel war, dass sie sich wunderte, warum sie so lange dafür gebraucht hatte. Was, wenn sie selbst diesen Darian Wildman aufspürte und überprüfte? Ähnlich wie sie die Eignung eines möglichen Freundes checkte.

Sie verstaute den Umschlag in ihrer Handtasche. Falls er ein seriöser Mann war, wäre sie verpflichtet, Rose und Khalim vom ihm zu berichten. Und wenn nicht? Dann würde sie den Brief vernichten, und niemandem wäre geschadet worden.

Ihr Herz klopfte heftig. Vielleicht machte sie es sich zu leicht und spielte Gott mit Informationen, die ihr zufällig in die Hände gefallen waren. Andererseits betonte Khalim immer wieder, dass im Leben nichts zufällig passierte, sondern alles aus einem Grund geschah. Allerdings bezeichnete er es anders. Lara grübelte, bis sie das Wort gefunden hatte.

Vorherbestimmung. Ja, das war es. Vorherbestimmung. Vielleicht war ihr vorbestimmt gewesen, den Brief zu öffnen und die Sache in die Hand zu nehmen. Ihre Gedanken wanderten zu dem Namen. Darian Wildman. Ein faszinierender Name und eine faszinierende Situation. Sie würde ihn finden. Und selbst sehen, was für ein Mann er war.

Laras Puls raste, als sie die Nummer der Telefonauskunft wählte.

Laras Gedanken überschlugen sich noch immer, als sie am Abend ihr Apartment betrat und ihren Wohnungsgenossen Jake dabei überraschte, wie er eine gefährlich wirkende Currymischung zusammenrührte.

Lächelnd hob er den Kopf, als sie ins Wohnzimmer ging und ihren Mantel aufs Sofa warf. „Ich wollte gerade fragen, ob du einen schweren Tag in der Botschaft hattest“, neckte er sie. „Nach deinem Gesicht zu urteilen, hat die Frage sich wohl erübrigt. Was ist los, Lara? Hat jemand gedroht, den Prinzen zu stürzen?“

„Sei still, Jake!“ Sie biss sich auf die Lippe, weil die innere Anspannung sie zu überwältigen drohte. „Bestehen Chancen für einen Drink?“

„Kommt sofort – obwohl ich finde, dass es ein bisschen früh für dich ist, oder?“ Er goss Rotwein in zwei Gläser und reichte ihr eines. „Also, was ist passiert?“

Lara trank versonnen einen Schluck und spürte, wie der Alkohol sie wärmte und ihre Panik und Sorgen zerstreute. Jake Haddon war wirklich der perfekte Mitbewohner – für fast jede Frau mit einem halbwegs intakten Hormonhaushalt war er der perfekte Mann. Der Liebling der britischen Theater- und Kinowelt, mit langen Beinen, lässigem Charme und einer widerspenstigen Locke, die so bezaubernd über eines seiner ausdrucksvollen Augen fiel, dass es Frauen förmlich in den Fingern juckte, sie ihm aus der Stirn zu streichen. Lara hatte einmal mit ihm gearbeitet, ihn jedoch nie angehimmelt, was sich inzwischen als wahrer Glücksfall erwies, da er nun ihre Wohnung teilte. Er war vorübergehend eingezogen, weil er zeitweilig ohne Bleibe gewesen war, und es hatte ihm so gut gefallen, dass er sich nicht mehr die Mühe gemacht hatte, sich ein neues Apartment zu suchen. Er fühle sich bei ihr zu Hause, hatte er erklärt.

Und Lara hatte nichts dagegen. Er war liebenswert, intelligent und vertrauenswürdig – auch wenn er sie mitunter wegen Maraban und ihrer Beziehung zum Königshaus neckte –, trotzdem mochte sie ihm nichts von dem Brief erzählen oder von ihren Sorgen über die Auswirkungen, die das Schreiben womöglich auf Khalim haben könnte. Jake würde es nicht ernst nehmen. Sie fragte sich im Stillen, ob er überhaupt je irgendetwas ernst nahm.

Aber er war einfallsreich, wesentlich einfallsreicher als sie in ihrer Verwirrung über die folgenschwere Entdeckung und deren mögliche Konsequenzen.

„Jake?“

„Lara?“

„Sagen wir einmal … du möchtest jemandem vorgestellt werden und weißt nur, wo der Betreffende arbeitet – wie würdest du ein Zusammentreffen arrangieren?“

Er senkte seine unverschämt langen Wimpern. „Es handelt sich also um einen Mann, richtig?“

„Nun ja … Wie bist du darauf gekommen?“

„Ich kenne Frauen“, meinte Jake lässig. „Außerdem hast du diesen geheimnisvollen, aufgeregten Gesichtsausdruck, der mir sofort verraten hat, dass es etwas mit dem anderen Geschlecht zu tun hat. Habe ich Recht?“

So ließ es sich vermutlich am leichtesten erklären. Jake würde keine lästigen Fragen stellen, wenn er glaubte, sie würde sich für einen Mann interessieren.

„So ungefähr“, erwiderte sie ausweichend.

„Ein Schauspieler?“, hakte er nach.

Lara schauderte theatralisch. „Du weißt, ich würde eher in eine Schlangengrube steigen, als mich mit einem Schauspieler einlassen.“

„O vielen Dank.“

„Du weißt, was ich meine, Jake.“

„Ja, natürlich. Wir Schauspieler sind hilflose, beziehungsunfähige Taugenichtse mit wankelmütigen Herzen.“ Er trank einen Schluck und rührte dann im Topf weiter. „Also, wer ist er?“

Lara hatte sich vorbereitet. „Ein Geschäftsmann.“

„Erfolgreich?“

„Ich glaube schon.“ Die Firma lief auf Darian Wildmans Namen, was zweifellos bedeutete, dass er erfolgreich war.

„Du bist ihm noch nicht begegnet?“, fragte er wachsam.

„Nein.“

„Mysteriös, mysteriös. Was ist passiert? Du hast ihn auf einer Party gesehen, warst hin und weg und hast entschieden, dass er der Richtige für dich ist, aber bevor du etwas unternehmen konntest, war er verschwunden, ja? Daraufhin hast du dich ein bisschen erkundigt, seinen Namen erfahren, und nun bist du ihm auf den Fersen.“

„So war es nicht“, wehrte Lara ab. „Und es ist viel zu kompliziert, um es zu erklären. Ich will bloß eine Chance, ihn kennen zu lernen, mehr nicht.“

Jake warf eine Hand voll Koriander in den Topf. „Ruf in seinem Büro an.“

„Unter welchem Vorwand?“

„Denk dir etwas aus! Du bist eine emanzipierte Frau, Lara – und du bist Schauspielerin! Improvisiere, und ich schwöre dir, er wird von deiner wilden dunklen Haarmähne und deinen unglaublichen blauen Augen hingerissen sein, sobald du erst vor ihm stehst. Der Rest liegt bei dir.“

Lara trank den Wein aus und hielt ihm das Glas zum Nachfüllen hin, wobei sie seinen erstaunten Blick geflissentlich ignorierte – sie trank selten mehr als ein Glas, aber heute Abend brauchte sie es. War es wirklich so einfach? Warum eigentlich nicht? Was hatte sie schon zu verlieren? Natürlich konnte man bei einem kurzen Zusammentreffen nicht alles über einen Menschen in Erfahrung bringen, doch es würde zweifellos zeigen, ob er ein vernünftiger Mann war. Zudem würde es ihr die Entscheidung erleichtern, ob sie ihm von ihrer Entdeckung berichten sollte oder nicht.

Oder ob Khalim zuerst davon erfahren sollte.

„Eine sehr gute Idee, Jake“, lobte sie. „Wirklich sehr gut. Ich werde es probieren.“

„Was wundert dich daran?“, sagte er trocken. „Nur weil ich für mein jungenhaft gutes Aussehen berühmt bin, heißt das nicht, dass ich keinen Verstand habe. Und nun hör auf, mich wie einen Dienstboten zu behandeln, und kümmere dich um den Reis – falls du noch vor Weihnachten essen möchtest.“

Lachend begann sie, ihm zu helfen – er war ein wunderbarer Gesellschafter, was allerdings nur darauf zurückzuführen war, dass er an ihr sexuell genauso wenig interessiert war wie sie an ihm. Wäre das der Fall gewesen, würden diese Unbefangenheit und Harmonie nicht existieren. Lara war keineswegs zynisch, was Männer betraf, sie hielt sich eher für eine Realistin.

Sie aßen zu Abend und sahen sich dabei ein Video von einem von Jakes Filmen an, während er seine künstlerische Darbietung in Grund und Boden verdammte. Laras Vorsatz, nicht mehr an das Problem zu denken, dauerte an, bis sie ins Bett ging, doch als sie schlaflos an die Decke starrte, kehrten die Zweifel zurück.

Sie hatte das dunkle Gefühl, dass sie mit dem Feuer spielte, als würde sie hoch oben auf einer Klippe stehen und gleich den Schritt über den Rand ins Unbekannte wagen – ins Ungewisse, das weitaus Furcht einflößender war als ihre gewohnte Angst vor der Zukunft. Das bilde ich mir nur ein, tröstete sie sich, bevor sie endlich einschlief. Alle Schauspielerinnen waren mit einer übereifrigen Fantasie gestraft.

Und wie so oft, sah am Morgen alles anders aus. Es war komisch, wie das Tageslicht alles in die rechte Perspektive zu rücken schien. Lara schalt sich eine Närrin und hysterische Person, die zwischen ihrem Beruf und dem wahren Leben nicht zu unterscheiden vermochte. Bei näherer Betrachtung hatte das „wahre Leben“ allerdings eine völlig neue Dimension angenommen, als ihre Freundin in die königliche Familie von Maraban eingeheiratet hatte!

Selbst Laras Mutter war davon überwältigt worden, und sie war einiges gewöhnt. Früher, wenn Lara angerufen hatte, um ihr mitzuteilen, dass sie demnächst als Tomate in einem Werbespot für Tütensuppen auftreten würde, hatte ihre Mutter kaum Interesse gezeigt. Ihr hatte es erst die Sprache verschlagen, als Lara verkündet hatte, sie würde auf Roses Hochzeit mit dem Prinzen Brautjungfer sein und ein Kleid aus Gold sowie uralten Schmuck tragen.

Es war relativ einfach gewesen, die Nummer von Wildman Phones herauszufinden, aber es war nicht so leicht, den Mut aufzubringen, diese Nummer zu wählen. Als Lara sich schließlich dazu überwunden hatte, hätte sie am liebsten gleich nach dem ersten Freizeichen wieder aufgelegt. Ihre Schauspielausbildung rettete sie in letzter Sekunde. Tu so, als wäre es ein Job, sagte sie sich – und in gewisser Weise war es das auch. Vielleicht kein Job, aber zumindest eine Verpflichtung, und zwar den Menschen, an denen ihr etwas lag, eine gute Freundin zu sein.

Sie atmete tief durch. Um an der Empfangsdame vorbeizukommen, durfte sie nicht nervös oder schüchtern klingen, sondern musste souverän auftreten. „Darian Wildman, bitte“, verlangte sie so lässig, als würde sie ihn bereits ihr Leben lang kennen.

„Tut mir Leid, Mr. Wildman ist heute den ganzen Tag nicht im Büro.“

Verdammt! Lara seufzte übertrieben. „Dieser Mann! Warum, zum Teufel, hat er mir nichts davon gesagt? Und dabei hat er einen Stapel wichtiger Unterlagen vergessen“, fügte sie scheinbar zu sich selbst hinzu. Dann seufzte sie erneut und schlug einen vertraulichen Frau-zu-Frau-Ton an. „Wissen Sie, wo ich ihn erreichen kann?“

Eine kurze Pause. „Sicher. Er hat ein Casting. Mal schauen … jawohl! Warten Sie, ich gebe Ihnen die Adresse – haben Sie einen Stift?“

Die Empfangsdame wird garantiert keinen Preis für die Wahrung der Privatsphäre ihres Chefs gewinnen, dachte Lara. „Legen Sie los.“

Die Frau nannte eine Anschrift im Zentrum Londons, nur einen Steinwurf vom Trafalgar Square entfernt.

„Was macht er dort?“, erkundigte Lara sich.

„Er ist schon die ganze Woche dort – sie suchen ein neues Gesicht für Wildman Phones“, berichtete die Angestellte fröhlich. „Warum? Sind Sie Model oder Schauspielerin?“

Laras Herz klopfte, als wollte es zerspringen, trotzdem gelang es ihr, ruhig zu antworten: „Zufälligerweise ja.“

2. KAPITEL

Das Taxi hielt vor einem großen Gebäude, das wie ein altes Lagerhaus aussah – und das war es früher auch gewesen. Inzwischen verbarg sich hinter der düsteren, monströsen Fassade eines der modernsten Fotostudios Englands.

„Wollen wir reingehen, Darian?“, fragte Scott Stratton.

Darian blickte seinen Begleiter aus golden schimmernden Augen an. Scott Stratton war Chef einer Werbeagentur, die für ihre preisgekrönten Spots berühmt war und als eine der besten in der Branche galt – insbesondere weil es ihr stets gelang, die Produkte ihrer Klienten den Kundenwünschen entsprechend zu präsentieren. Jedenfalls war es bislang so gewesen, doch nun drohte die Fahndung nach einem neuen Gesicht für Wildman Phones kläglich zu scheitern. Vielleicht war Darian zu wählerisch – ein Vorwurf, der ihm in der Vergangenheit schon oft gemacht worden war –, zumindest war er jedoch unnachgiebig und würde erst zufrieden sein, wenn er genau das gefunden hatte, was er suchte. Allerdings war er selbst nicht sicher, was es eigentlich war.

Oder vielmehr wer.

„Natürlich, Scott“, erwiderte er. „Ich bin so weit.“

Scott blickte ihn an. „Brauchen Sie etwas? Für Notizen, vielleicht?“

„Nein, danke. Das ist nicht nötig. Ich werde es wissen, sobald ich sie sehe.“

Gemeinsam betraten sie das Haus und blieben im chromblitzenden Empfangsbereich stehen.

„Sind alle oben?“ Darian deutete mit dem Kopf auf die Wendeltreppe, die hinauf ins Studio führte.

Obwohl er leise sprach, hielten die beiden Frauen sofort inne, die am anderen Ende des Raums geschäftig die Sed-Cards sortierten, und schauten zu ihm hinüber, als würden sie auf Anweisungen warten. Doch das taten die Leute immer, wenn sie ihm begegneten. Darian war daran gewöhnt. Sie schienen sich seinem Willen zu beugen, wenn er ihn äußerte – und auch dann, wenn er schwieg.

„Ja“, bestätigte Scott. „Sie warten schon.“

„Lassen wir die Parade beginnen“, meinte Darian spöttisch und setzte den Fuß auf die unterste Stufe. Der ausgeblichene Jeansstoff spannte sich über seinen muskulösen Schenkeln.

„Keine Parade, Darian“, korrigierte ihn Scott. „Die Formulierung, die Mädchen würden ‚paradieren‘ lässt sie ein bisschen einfältig wirken. Fast so, als würden sie an einem zweitklassigen Schönheitswettbewerb teilnehmen, und in diesem Punkt sind Models äußerst empfindlich. Heutzutage wird schließlich jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.“

Lachend wandte Darian sich ab und hörte eine der Sekretärinnen sehnsüchtig seufzen. Auch das kannte er bereits. Er vermutete, dass es an seinen außergewöhnlichen Augen lag, die das schwächere Geschlecht regelmäßig faszinierten. In jüngeren Jahren hatte er diese Reaktion ein wenig verwirrend gefunden, später hatte er sie genossen, und inzwischen war er so daran gewöhnt, dass er lediglich Erheiterung verspürte. Ein anderer Mann hätte die Wirkung dieser Augen schamlos ausgenutzt, aber Darian nicht. Er hatte es nicht nötig.

„Ich bin weit davon entfernt, Ihnen zu widersprechen, Scott.“ Er wählte seine Worte sorgfältig. „Aber ungeachtet der Goldwaage unterscheidet sich ein Auswahlverfahren kaum von einem Schönheitswettbewerb, oder? Zugegeben, nicht gerade zweitklassig, da die Gewinnerin Wildman repräsentieren soll. Zwanzig Frauen, die nach ihrem Äußeren und Sex-Appeal beurteilt werden – wie würden Sie es sonst bezeichnen?“

„Es kommt nicht nur auf das Äußere und den Sex-Appeal an, oder?“, erinnerte Scott ihn ernst. „Sonst hätte sicher eine der Frauen, die wir Ihnen gezeigt haben, den Anforderungen genügt.“ Er zuckte die Schultern. „Sie haben in dieser Woche Dutzende der schönsten Models begutachtet.“

„Finden Sie, dass ich zu wählerisch bin?“

Scott schüttelte den Kopf. „Ich bewundere Ihr Streben nach Perfektion. Ihre Suche nach dem undefinierbaren gewissen Etwas, nach einer Person, die all das verkörpert, was Sie über ihre Firma ausdrücken wollen. Ich schätze, darin liegt das Geheimnis Ihres Erfolges. Habe ich Recht?“

„Es ist zumindest ein Teil davon.“

Aber nur ein Teil. Darian schrieb seinen Erfolg eher seinem rastlosen, unermüdlichen Tatendrang zu. Er beschäftigte sich nie so lange mit einer Sache, bis er sich langweilte, denn wenn man sich langweilte, erloschen die Freude und Begeisterung daran. Das Gleiche galt für Beziehungen. Seiner Erfahrung nach brachte Vertrautheit eine geradezu gefährliche Trägheit mit sich.

Er blickte auf die Uhr. „Lassen Sie uns gehen.“

Sie gingen die Wendeltreppe hinauf ins Studio.

Keiner seiner Mitarbeiter ahnte, dass diese Anzeigenkampagne Adrians Abgesang sein würde. Zuerst würde er die perfekte Frau finden und sich mit ihrem Gesicht im Land die größtmögliche Publicity für seine Handys sichern. Dann wollte er aussteigen. Er beabsichtigte, das Unternehmen zu veräußern und hinter sich zu lassen. Das Geld zu nehmen, es dem Vermögen hinzuzufügen, das er durch den Verkauf anderer erfolgreicher Firmen angehäuft hatte, und sich eine neue Herausforderung suchen.

Und danach? fragte eine innere Stimme. Wirst du dadurch glücklicher? Darian lächelte spöttisch und verscheuchte den Gedanken wie eine lästige Fliege. Männer, die dem Glück nachjagten, waren dem Untergang geweiht. Frauen übrigens auch. Erfolg und Anerkennung waren greifbarere Ziele als Glück – jedenfalls nach Darians Meinung.

Sie hatten fast das obere Stockwerk erreicht, als hinter ihm Scotts Stimme ertönte. „Wir sollten Sie ankündigen, Darian.“

„Das könnten wir durchaus.“ Nach kurzem Überlegen schüttelte Darian jedoch den Kopf. „Besser nicht. Wir wollen sie überraschen.“

„Sind Sie sicher?“

Er lächelte. „O ja, völlig sicher“, erklärte er. „Frauen sind viel interessanter, wenn man sie unbemerkt beobachtet, finden Sie nicht auch? Man sieht sie dann, wie sie wirklich sind, und nicht so, wie sie einem weismachen wollen.“

„Ein ziemlich krasses Urteil“, meinte Scott. „Ich wusste gar nicht, dass Sie ein Zyniker sind.“

„Es ist weder krass noch zynisch“, entgegnete Darian. „Lediglich eine präzise Bewertung. Und nun kommen Sie.“ Und als sein dunkler Haarschopf in dem hell erleuchteten Studio auftauchte, herrschte schlagartig Schweigen.

Lara war außer Atem, ihr widerspenstiges Haar wirkte heute noch zerzauster als sonst. Die Jeansjacke war viel zu warm, doch Lara nahm sich nicht die Zeit, sie auszuziehen. Sie wartete, bis der Bus die Pfütze hinter ihr passiert hatte und stürmte dann nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr zur Studiotür. Verdammt, verdammt, verdammt!

Ihr Agent hatte zunächst gezögert, sie überhaupt zu dem Vorstellungstermin anzumelden, erst auf ihr hartnäckiges Drängen hin hatte er sich dazu bequemt und den letzten freien Platz für sie ergattert.

„Warum, zum Teufel, hast du mich nicht gleich dort vormerken lassen?“, hatte sie sich beschwert.

„Als ich dich das letzte Mal sah, war dein Haar kurz und dunkel“, hatte er sich verteidigt.

„Damals bin ich in einem russischen Stück aufgetreten. Jetzt ist es wieder normal.“

„Wie normal ist normal?“, hatte sich der Agent geduldig erkundigt. „Du bist eine Brünette, Liebes – und sie suchen das Urbild einer englischen Rose.“

„Urbild, nicht Abziehbild“, hatte sie eingewandt. „Es existiert kein Grundsatzurteil, das besagt, eine englische Rose dürfe kein dunkles Haar haben.“

„Mag sein“, hatte der Agent zweifelnd eingeräumt.

Lara stieß die Studiotür auf. Englische Rose, dachte sie selbstironisch. Ihr war noch nie jemand begegnet, der in Jeans und einem engen schwarzen T-Shirt weniger zu der Beschreibung passte als sie. Andererseits war sie eigentlich auch nicht hier, um den Job zu bekommen. Sie war hier, um den Mann persönlich zu sehen, mehr nicht – und welche Gelegenheit war besser geeignet, ihn unter die Lupe zu nehmen?

Die beiden Frauen im Foyer betrachteten sie von Kopf bis Fuß.

„Wo geht’s zum Casting?“, fragte Lara atemlos.

Die eine blickte verunsichert drein, und die andere deutete lächelnd mit dem Daumen zur Wendeltreppe. „Dort rauf. Sie sind spät dran“, fügte sie hinzu.

„Ich weiß.“ Lara hetzte die Stufen hinauf.

Die Luft im Raum war zum Schneiden, die unterschiedlichsten schweren Parfüms konkurrierten ebenso miteinander wie ihre Trägerinnen. Jede dieser schönen Frauen hatte das englische-Rose-Thema verinnerlicht und in großem Stil umgesetzt. Trotz ihrer Nervosität musste Lara lächeln.

Manche trugen rüschenverzierte Blusen, andere glänzten in hochgeschlossenen Blümchenkleidern. Eine hatte sich sogar in ein bodenlanges Musselingewand gehüllt und erweckte darin den Eindruck, als würde sie sich mit einem Gurkensandwich auf dem sprichwörtlichen englischen Rasen wohler fühlen als in diesem überfüllten Studio inmitten unzähliger Konkurrentinnen.

Und allen Frauen war eines gemeinsam. Sie waren alle blond!

„Entschuldigung“, bat Lara, als sich sämtliche „goldenen“ Köpfe in ihre Richtung drehten.

Genauso schnell wandten die Frauen sich wieder ab, und es dauerte einen Moment, bis Lara merkte, dass alle nun auf eine Person schauten. Oder, besser gesagt, auf einen Mann.

Lara hatte ihn zuvor gar nicht bemerkt, denn er hatte in einer dunklen Ecke gestanden, doch nachdem sie ihn entdeckt hatte, fragte sie sich, wie er, um alles in der Welt, ihrer Aufmerksamkeit hatte entgehen können. Er strahlte eine Vitalität aus, die jeden anderen im Raum wie in Trance wirken ließ. Sie blickte zu ihm hinüber und hatte auf einmal das Gefühl, als würde eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen greifen.

„Ich … habe mich etwas verspätet“, erklärte sie stockend.

„Das haben Sie in der Tat“, bestätigte er leise.

Trotz ihres wachsenden Unbehagens gelang es ihr, äußerlich ruhig zu bleiben. Nervös befeuchtete sie sich die plötzlich trockenen Lippen. Mitunter erkannte man instinktiv die Wahrheit, und falls Lara je Zweifel an der Behauptung der Briefschreiberin gehegt hatte, schwanden diese angesichts Darian Wildmans dahin.

Autor

Sharon Kendrick
Fast ihr ganzes Leben lang hat sich Sharon Kendrick Geschichten ausgedacht. Ihr erstes Buch, das von eineiigen Zwillingen handelte, die böse Mächte in ihrem Internat bekämpften, schrieb sie mit elf Jahren! Allerdings wurde der Roman nie veröffentlicht, und das Manuskript existiert leider nicht mehr.

Sharon träumte davon, Journalistin zu werden, doch...
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