Ein Engel als Bodyguard

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Der reiche Architekt Lorcan hat sein Herz an die bildhübsche Jessica Pallister, die Leibwächterin seiner kleinen Tochter, verloren. Die Wochen auf Mauritius mit dieser hinreißend zärtlichen Frau sind wie ein Traum für ihn. Aber warum zögert sie, seinen Heiratsantrag anzunehmen?
  • Erscheinungstag 29.07.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778880
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Es war einer dieser Tage, an denen es klüger gewesen wäre, nicht auf den Piepton des Weckers zu hören, sich die Decke über den Kopf zu ziehen und im Bett zu bleiben.

In der einen Hand ein halb aufgegessenes Krabben-Mayonnaise-Sandwich und in der anderen eine Flasche Magnum Champagner, eilte Jess Pallister die belebte Geschäftsstraße entlang. Erst hatte das Frühstück ausfallen müssen, weil sie vergessen hatte, einzukaufen, als Nächstes waren die Duschen im Schwimmbad defekt gewesen, dann hatte sie ein beunruhigendes Geschenk bekommen, und jetzt wurde nichts aus dem ruhigen Nachmittag vor der Staffelei, weil sich plötzlich ein Vorstellungsgespräch ergeben hatte.

Ich bin wirklich zu nachgiebig, dachte Jess. Anstatt unverblümt Nein zu sagen, hatte sie sich mal wieder überreden lassen.

„Klingt wie ein Traumauftrag“, hatte ihr Bruder erklärt, bevor er ihr eine Kurzfassung der näheren Einzelheiten gab, doch Jess hatte früher schon seine so genannten ‚Traumaufträge‘ übernommen, und die waren zum Albtraum geworden. Wie zum Beispiel der von Roscoe Dunbar.

Jess erreichte das weiße Bürohochhaus, setzte die Drehtür in Gang und gelangte in eine große Eingangshalle mit Marmorboden. Nervös sah Jess auf ihre Armbanduhr. Sie kam nur ungern zu spät. Ihr blieben noch fünf Minuten, gerade genug Zeit, auf dem Weg nach oben ihr Essen zu beenden, sich von der Hetzerei zu erholen und sich dann kühl, gelassen und konzentriert in den Büros des Industriemagnaten und internationalen Hoteliers Sir Peter Warwick im zwanzigsten Stock einzufinden.

Sie ging zu den Fahrstühlen, entdeckte einen, dessen Türen sich gerade schlossen, hastete darauf zu und schwang in letzter Sekunde ihre schwere Sporttasche in den Spalt, sodass die Türen wieder aufglitten. Als Jess in den Lift stürmte, mussten sechs Leute zurückweichen.

„Geschafft!“, sagte Jess, lächelte die anderen entschuldigend an und drehte sich zur Schalttafel an der Wand um. Die rautenförmige Taste mit der Zahl zwanzig war bereits gedrückt.

Der Fahrstuhl glitt nach oben, und Jess biss von ihrem Sandwich ab. Na schön, sie hatte sich überreden lassen, zu dem Vorstellungsgespräch zu gehen, aber das bedeutete nicht, dass sie wieder nachgiebig und schwach sein und den Job annehmen würde. Wie Dennis eingeräumt hatte, war es ihre Entscheidung, und wenn die Sache nur einen einzigen Haken hatte, würde sie ablehnen. Jess’ haselnussbraune Augen funkelten aufsässig. Sie war nicht länger Miss Willfährig. Von jetzt an würde sie über sich selbst bestimmen.

Während der Fahrstuhl hielt und zwei Männer mittleren Alters mit Aktenkoffern hinausgingen, aß Jess den Rest des Sandwichs. Die Türen schlossen sich, und der Lift fuhr weiter nach oben. Sie wischte sich die Finger an einem Papiertaschentuch ab. Bevor sie dem Industriemagnaten gegenübertrat, musste sie sich kämmen, doch das würde sie machen, wenn der überraschend langsame Aufzug die oberste Etage erreichte.

Jess zog sich den Riemen der Sporttasche höher auf die Schulter. Ihre Mitfahrer trugen alle die für das Geschäftsviertel typische elegante Kleidung, während sie in alten schwarzen Leggings und einer pinkfarbenen langen Bluse mit Farbklecksern extrem lässig aussah. Lässig, erhitzt und gereizt. Jess neigte den Kopf und schnupperte diskret. Igitt. Ein bisschen nach Chlor roch sie auch.

Der Aufzug hielt wieder. Leute verließen den Lift, und die gemächliche Fahrt ging weiter. Jetzt waren nur noch Jess und ein Mann übrig. Er stand mit verschränkten Armen ihr gegenüber und blickte gedankenverloren zu Boden. Auf Jess wirkte der Fremde bekümmert, als wäre dieser Septembertag für ihn bis jetzt auch nicht die reine Freude gewesen.

Er sah aus wie Ende dreißig, war ungefähr einen Meter neunzig groß und hatte eine athletische Figur. Das dichte schwarze Haar fiel ihm in die Stirn, und seine Haut hatte den Ton langsam verblassender Sonnenbräune. In einem tadellosen dunkelblauen Nadelstreifenanzug sah er aus wie ein Manager. Das ein bisschen zu lange Haar, das seinen Kragen streifte, und eine auffallend rosa, blau und weiß gemusterte Seidenkrawatte deuteten jedoch an, dass er nicht zu den ganz konventionellen Typen des Geschäftsviertels gehörte.

Seine Augen konnte Jess nicht sehen. Er hatte eine gerade Nase und ein energisches Kinn, und obwohl sein Gesicht zu markant war, als dass man es wirklich gut aussehend nennen konnte, hatte er eine besondere männliche Ausstrahlung, die ihn anziehend machte. Mit dem fast blauschwarzen Haar konnte er südländischer Abstammung sein.

Ein Mann, der gewohnt ist, zu befehlen, und der keine Dummköpfe duldet, dachte Jess. Plötzlich merkte sie, dass er ihren forschenden Blick kühl erwiderte. Schnell schaute sie zur Schalttafel. Glaubte er, dass sie ihn interessiert abgeschätzt hatte? Zweifellos wurde dieser Mann von vielen Frauen taxiert. Aber wenn er das von ihr dachte, irrte er sich. In ihrem Job musste sie aufmerksam sein und andere beobachten, und ihr Gegenüber faszinierte sie als Fallstudie, das war alles. Jess überlegte, ob sie etwas sagen sollte, um ihm zu zeigen, dass sie überhaupt kein persönliches Interesse an ihm hatte. Es würde die Situation entspannen …

Gerade als die Taste für den achten Stock aufleuchtete, hob Jess an. „Mir gefällt Ihre …“

Peng! Der Champagner explodierte. Der Korken schoss aus der Flasche, pfiff am Ohr des Mannes vorbei und prallte gegen die Wand hinter ihm. Eine Fontäne weißen Schaums folgte. Ganz plötzlich war Silvester.

Jess zuckte zusammen. Sie blinzelte. Geich darauf schaute sie den Mann starr an. Er hatte schützend den rechten Arm gehoben, aber trotzdem lief ihm weißer Schaum vom Haar auf die breiten Schultern und sammelte sich wie rasch schmelzender Schnee auf dem Nadelstreifenjackett.

„Du liebe Güte!“, rief Jess. Hilflos umklammerte sie mit beiden Händen die Flasche. Die sprudelnde Flüssigkeit verwandelte sich in einen Hochdruckstrahl.

Jetzt spritzte dem Mann Champagner ins Gesicht, tränkte seinen Ärmel und perlte an seinem Anzug hinunter.

„Zur Seite!“, schrie er.

Jess sah ihn sprachlos an.

„Halten Sie die Flasche zur Seite!“

„Oh … ja.“ Jess hielt die Magnum gerade nach oben. Der Champagner traf wie ein Geysir die Decke des Lifts und regnete auf Jess und den Mann hinunter. Laut fluchend schnellte er vor, packte den Flaschenhals und richtete ihn nach unten in eine Ecke. Einige Sekunden lang sprudelte der Champagner noch dorthin, dann wurde der Sturzbach zu einem harmlosen Tröpfeln.

„Um Himmels willen!“ Der Mann blickte Jess finster an.

Er hatte blaue Augen, umrahmt von dichten schwarzen Wimpern – Augen, über die Dichter Verse schrieben und deren sanfter Blick Mädchenherzen dahinschmelzen ließ. Jetzt funkelten diese schönen Augen allerdings vor Wut.

„Es tut mir sehr leid“, sagte Jess. „Alles ging so schnell, ich war völlig überrascht.“

„Und warum ist es passiert?“, fragte ihr Opfer und strich sich das tropfnasse schwarze Haar aus der Stirn.

„Keine Ahnung, ich …“ Jess verstummte. Unvermittelt fand sie den Anblick des wie ein wütender begossener Pudel aussehenden Mannes komisch. Sie spürte einen heftigen Lachreiz. Oder war es Nervosität?

„Wagen Sie es nicht“, warnte er und bewies damit, wie erschreckend aufmerksam er war.

Wohlweislich unterdrückte Jess den drohenden Heiterkeitsausbruch.

Der Mann zog ein weißes Taschentuch aus der Hosentasche und trocknete sich damit das Haar. „Waren Sie gerannt?“, fragte er und beantwortete die Frage selbst. „Ja. Als Sie den Fahrstuhl betraten und fast alle umgestoßen hätten, waren Sie außer Atem und dunkelrot im Gesicht.“

Er übertrieb. Jess presste verärgert die Lippen zusammen. Keiner der Mitfahrer war durch sie gefährdet gewesen. Doch auch ohne Vorhaltungen fühlte Jess sich wegen ihrer arg lässigen Aufmachung wie eine Blamierte.

„Ich habe einen Termin und bin in Eile“, rechtfertigte sie sich.

„Deshalb sind Sie gesprintet, wobei der Champagner durchgeschüttelt wurde?“ Der Fremde verzog den Mund. „Großartig.“ Er blickte angewidert auf sein durchweichtes Taschentuch und schob es vorsichtig zurück in die Hosentasche. „Schade, dass der Korken nicht flog, als der Fahrstuhl voll war, dann hätten Sie sich wirklich amüsieren können“, sagte er. Seine Stimme klang tief und rau und hatte einen kaum merklichen amerikanischen Akzent.

„Ich tat es doch nicht absichtlich!“

„Sie haben nur nicht nachgedacht?“

Musste der Kerl so unerbittlich sein? Und auch noch recht haben? Jess blickte ihn finster an. „Ja“, gab sie zu.

Wieder wurde der Lift langsamer, fuhr ruckartig am siebzehnten Stock vorbei und stieg mit voller Geschwindigkeit weiter.

„Meinen Sie, wir könnten stecken bleiben?“, fragte Jess, plötzlich besorgt. Die Gesellschaft des Unbekannten war schon jetzt belastend, aber länger mit ihm in dieser Kabine eingesperrt zu sein …

„Mich würde nichts mehr überraschen“, erwiderte er, als hielte er es für möglich, dass sich Jess am Motor des Fahrstuhls zu schaffen gemacht hatte.

„Es tut mir ehrlich leid“, sagte Jess noch einmal.

„Das hoffe ich!“

Jess stellte die Flasche ab, durchsuchte ihre Sporttasche und fand ein Papiertaschentuch. „Lassen Sie mich das Schlimmste abtupfen.“

Er streckte schweigend die Arme aus, und Jess drückte das Taschentuch auf seinen rechten Ärmel. Zu spät erkannte sie, dass es das Tuch war, mit dem sie sich die Finger abgewischt hatte. Jetzt hatte der feine dunkelblaue Stoff einen Mayonnaisefleck.

Der Mann blickte nach oben, als wollte er die himmlischen Mächte anflehen, ihm Geduld zu geben. „Soll ich mich ganz ausziehen, damit Sie eine Weile auf meinen Sachen herumspringen können?“

Jess rang sich ein Lächeln ab. Sie hätte sich am liebsten geohrfeigt. Und ihn. „Das bekomme ich wieder weg.“ Sie fand ein frisches Taschentuch und machte sich daran, heftig zu reiben. Zu ihrer großen Erleichterung verschwand die Mayonnaise.

Als Nächstes tupfte Jess dem Mann die Schultern ab, dann den Brustbereich. Ihr Herz schlug schneller. Trotz ihrer überhaupt nicht romantischen Aufgabe und der Feindseligkeit des Fremden war es schwierig, den athletischen Körper unter der Kleidung zu ignorieren. Unwillkürlich stellte sich Jess vor, wie er nackt aussehen würde. Muskulös, geschmeidig und mit Proportionen eines griechischen Gottes, dachte sie.

„Das genügt“, sagte der Mann plötzlich und trat zurück.

Jess sah ihn forschend an. Er konnte doch wohl nicht ihre lebhaften Fantasien erraten? Doch wahrscheinlich hatte ihn der Körperkontakt auch nicht unberührt gelassen. Auch wenn Jess beim Sprung in den Fahrstuhl rot im Gesicht und außer Atem gewesen war – sie war groß, blond, schlank und langbeinig, eine Frau, bei der Männer schwach wurden.

Genüsslich gratulierte sich Jess, weil sie den Fremden aus der Fassung gebracht hatte, doch dann sah sie, dass sich die feuchten Papiertaschentücher auflösten und kleine weiße Reste auf dem Jackett zurückblieben. Jess fragte sich entsetzt, warum sie den Clown spielte, wo sie doch sofort richtig erkannt hatte, dass dieser Mann keine Dummköpfe duldete.

„Ich hätte heute Morgen gar nicht erst aufstehen sollen“, sagte Jess leise.

„Dann hätten Sie mir nicht das Leben schwer gemacht“, erwiderte er schneidend.

„Die Papierfetzen gehen wieder ab.“ Jess nahm noch ein neues Taschentuch.

Er hob die Hand. „Lassen Sie es.“

„Aber …“

„Würden Sie mir den Gefallen tun, sich von mir fernzuhalten?“

Jess stopfte die Papiertaschentücher in die Sporttasche. Kein Kompliment für ihre Bemühung und ihre erotische Anziehungskraft. Dieser Mann würde bei ihr nur schwach werden, wenn sie ihn mit einem Holzhammer traf!

Der Fahrstuhl stoppte. Jess warf einen Blick auf die Schalttafel und sah, dass sie endlich ihr Ziel erreicht hatte. Wofür sie wirklich dankbar war.

„Ich werde die Reinigung Ihres Anzugs bezahlen“, erklärte Jess und suchte zwischen dem Badezeug nach ihrem Portemonnaie.

„Mit was?“, fragte der Unbekannte spöttisch. „Geldscheinen, die an der Hand kleben bleiben und diesen angenehmen Duft nach Chlor abgeben, den ich wahrgenommen habe? Wenn es Ihnen nichts ausmacht, verzichte ich.“

Der Mann war ein Großmeister des Sarkasmus. „Es macht mir etwas aus“, erwiderte sie verärgert.

Er ignorierte ihren Einwand. „Ich bedaure nur, dass wir uns nie wieder sehen werden“, sagte er trocken. Die Türen glitten auf, und der Fremde verließ den Fahrstuhl. Er ging den breiten, mit einem hellen Teppich ausgelegten Flur entlang und davon.

Jess streckte seinem breiten Rücken die Zunge heraus. Das war eine kindische Reaktion, aber Jess empfand sie als äußerst befriedigend.

Erst wollte sie dem Mann nachlaufen und ihm eine Banknote in die Jackentasche stecken. Doch dann hatte sie keine Lust, noch einmal zu hören, sie solle sich von ihm fernhalten. Und da sie vorhatte, ihren gegenwärtigen Job aufzugeben und sich ganz der Malerei zu widmen, würde sie das Geld noch gut brauchen können.

Jess musterte die mit Champagner bespritzten Wände und den durchweichten Teppich der Fahrstuhlkabine. Der Aufzug musste gereinigt werden. Jess ging hinaus und schaute nach rechts. Dorthin war der Fremde verschwunden. Sie wandte sich nach links und sah zwei Frauen in Overalls neben einem Staubsauger stehen. Jess machte sie auf den Zustand des Fahrstuhls aufmerksam und fragte nach der Damentoilette.

Dort stellte Jess die Flasche in den Abfallkorb, wusch sich die Hände, schminkte ihre Lippen mit ‚Rosy Amber‘ und bürstete ihr Haar. Ob der Champagnersprühregen oder das Chlor schuld war, wusste Jess nicht, aber ihr kurzes weizenblondes Haar fühlte sich an, als würde es unter Strom stehen.

Jess sah auf die Uhr. Auch das noch. Schon zehn Minuten zu spät, und sie musste noch die Büros des Unternehmens finden.

Nachdem sie die Putzfrauen gefragt hatte, die bereits die Fahrstuhlkabine reinigten, ging Jess lange Korridore entlang, bis sie zu Glaspendeltüren mit der Aufschrift ‚Warwick Group‘ kam. Der Empfangsbereich und das Zimmer der Sekretärin, zu der man Jess schickte, waren elegant eingerichtet. Wände und Teppich waren cremefarben, die Vorhänge und Polsterbezüge dunkelgrün und magentarot. Massive Schreibtische und Bücherregale aus Walnussholz erinnerten an alte Zeiten. Nur der Computer der Sekretärin ließ erkennen, dass es sich um ein Büro des neuen Jahrtausends handelte.

„Ich bin Jessica Pallister von ‚Citadel Security‘ und habe einen Termin bei Sir Peter Warwick“, sagte sie zu ihr.

Die Brünette mittleren Alters erhob sich freundlich lächelnd. „Ich teile ihm mit, dass Sie hier sind.“ Sie verschwand durch eine Verbindungstür und kehrte einen Moment später zurück. „Er ist noch beschäftigt und bittet Sie, ein paar Minuten zu warten. Nehmen Sie doch Platz.“ Die Sekretärin eilte zur Außentür. „Entschuldigen Sie mich.“

Dankbar, dass ihre Verspätung bedeutungslos war, setzte sich Jess. Während sie wartete, fasste sie in Gedanken die wenigen Fakten zusammen, die sie von Dennis erfahren hatte. Sir Peter hatte einen Drohbrief erhalten, der sich gegen einen Geschäftsfreund richtete. Dieser Mann hatte mit einem Hotelneubau der ‚Warwick Group‘ auf Mauritius zu tun. Eine Verwandte von ihm wurde ebenfalls bedroht, und Sir Peter wollte Leibwächter, einen Mann und eine Frau, für zunächst drei Monate einstellen.

„Die Männer sind heute alle beschäftigt, aber es ist ja nur ein Sondierungsgespräch“, hatte Dennis gesagt. „Wir können später noch entscheiden, wer mit dir fährt.“

„Wenn ich fahre“, hatte Jess erwidert.

Auf einer Insel mitten im Indischen Ozean wäre ich für Roscoe Dunbar außer Reichweite, überlegte Jess. Das war ein Plus. Andererseits waren ein blauer Himmel, Palmen und weiße Strände wohl nur im Urlaub großartig. Wenn man drei Monate in einer solchen Umgebung arbeitete, konnte das alles jeden Reiz verlieren und nur noch langweilig sein. Aber im Grunde hatte sie nach fast fünf Jahren einfach genug.

Jess blickte stirnrunzelnd auf ihre Stiefeletten. Sie wollte nicht mehr von einem Tag auf den anderen hierhin und dorthin reisen müssen, sondern zu Hause bleiben, alte Freundschaften erneuern und sich aufs Malen konzentrieren. Der Entschluss war schon lange in ihr gereift, und an diesem Morgen hatte sie spontan entschieden, bekannt zu geben, dass sie aufhören würde. Dennis war ihr zuvorgekommen. Und weil sie ihn seit ihrer Kindheit abgöttisch liebte, so wie ihre anderen beiden Brüder auch, hatte sie zugesagt, den Auftrag doch in Erwägung zu ziehen.

Die Sekretärin hatte offensichtlich die Verbindungstür nicht richtig geschlossen, denn sie war wieder aufgesprungen, und durch den Spalt waren Stimmen zu hören. Jess neigte den Kopf zur Seite. Drei Männer unterhielten sich. Zwei davon sprachen leise, und Jess konnte sie nicht verstehen, der dritte Mann hatte jedoch eine jungenhaft helle und durchdringende Stimme.

„Ich halte die Drohung für echt und bestehe darauf, dass wir zu Ihrem und unserem Schutz Vorsichtsmaßnahmen treffen“, hallte es aus dem Nebenzimmer. „Aber machen Sie sich keine Sorgen, wir halsen Ihnen nicht zwei ungeschlachte Exboxer auf. Einer von den Bodyguards ist nämlich eine Frau.“

Einer der anderen beiden schien etwas einzuwenden, denn als Nächstes hörte Jess den jung klingenden Mann sagen: „Keine Sorge, Lorcan. Sie dürfen sich unter einer Leibwächterin nicht zwingend ein Mannweib vorstellen, das mit bloßen Händen Ziegelsteine zertrümmert.“ Schallendes Gelächter folgte.

Jess’ haselnussbraune Augen funkelten wütend.

„Holen wir Miss Pallister herein und …“

„Sie haben alles schon festgemacht?“ Dieser Einwand war gut hörbar.

Die Verbindungstür ging auf, und ein junger Mann mit kindlichem Gesichtsausdruck kam heraus. Sein Haar war mit Gel zurückgekämmt. Er trug einen perlgrauen Designeranzug, ein weißes Hemd, eine weiße Krawatte und weiße Schuhe und hielt sich offensichtlich für sehr weltmännisch.

Jess stand auf. „Hallo.“

Der junge Mann zog an seiner Zigarre und musterte Jess von oben bis unten. „Gerard Warwick, entzückt, Sie kennen zu lernen.“ Sein Lächeln war ein bisschen zu glatt und vertraulich. Er legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie in das angrenzende Büro. „Das ist sie, Lorcan!“, sagte er triumphierend, dann deutete er, an Jess gewandt, auf einen korpulenten grauhaarigen Mann in den Sechzigern, der an einem Schreibtisch mit lederbezogener Platte saß. „Dies ist mein Vater, Sir Peter Warwick.“

„Guten Tag.“ Jess lächelte höflich. Als der Industriemagnat aufstand und um seinen Schreibtisch herumkam, um sie zu begrüßen, schüttelte sie ihm die Hand und stellte sich vor. In Gedanken war Jess jedoch bei dem Mann, der Lorcan hieß und ebenfalls aufgestanden war.

Er war der Mann aus dem Fahrstuhl. Das hätte ich mir fast denken können, dachte Jess missmutig.

2. KAPITEL

Sir Peter Warwick dankte Jess, dass sie so kurzfristig gekommen war, was ihr Gelegenheit gab, sich für ihre saloppe Kleidung zu entschuldigen.

„Sie sehen trotzdem bezaubernd aus“, sagte er lächelnd. „Darf ich Ihnen Lorcan Hunter vorstellen? Er ist ein sehr gefragter Architekt, und wir haben das Glück, dass er uns auf Mauritius ein großartiges Hoteldorf baut.“

„Guten Tag.“ Als Lorcan Hunter zögerte, fragte sich Jess, ob ihr Opfer aus dem Fahrstuhl es ablehnen würde, ihr die Hand zu schütteln, doch im nächsten Moment tat er dies. Sein Händedruck war kurz und fest und nicht klebrig. Sein schwarzes Haar war wieder ordentlich gekämmt, keine Papiertaschentuchfetzen verunstalteten mehr den dunkelblauen Nadelstreifenanzug. Nur das ein bisschen marinierte Aussehen des rechten Ärmels erinnerte noch an das Champagnerfiasko.

„Sie sind Leibwächterin?“, fragte Lorcan Hunter und klang so, als wüsste er nicht, ob er vor Hohn schreien oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen sollte.

„Ja.“

„Unglaublich, nicht wahr? Doch eine falsche Bewegung, und man ist Hackfleisch. Habe ich recht?“ Gerard lachte schallend.

Jess presste die Lippen zusammen. Wann immer sie ihren Beruf verriet, löste sie, weil sie jung, blond und hübsch war, belustigtes Befremden aus und musste sich kindische Scherze gefallen lassen, besonders von Männern. Es nervte sie.

„Ich bin gefährlicher als ich aussehe“, erwiderte sie scharf.

Lorcan Hunter blickte sie durchdringend an. „Das bezweifle ich nicht. Am besten beherrschen Sie wohl den Überraschungsangriff?“

„Ich habe meine großen Augenblicke“, konterte Jess herausfordernd. Wenn er seinen Geschäftspartnern von ihrer ersten Begegnung erzählte, wäre das peinlich und würde ihrer Glaubwürdigkeit schaden.

„Erwachsene Männer bekommen Angst vor Ihnen?“

„Manchmal.“

„Und Sie setzen Ihr Leben aufs Spiel?“

Jess dachte an Lorcan Hunters Wut im Fahrstuhl. „Das kann passieren, aber ich habe bisher immer alles heil überstanden.“

„Wie sieht es mit Schadensbegrenzung aus?“

„Ich tue mein Bestes.“ Jess hob trotzig das Kinn.

Gerard schien zu spüren und sich darüber zu ärgern, dass sie und Lorcan Hunter auf etwas anspielten, das ihm verheimlicht wurde. Der junge Mann legte Jess eine Hand auf den Arm. „Setzen wir uns doch“, sagte er und zog sie mit sich zu einem Zweisitzersofa. Sein Vater kehrte zum Schreibtisch zurück, und Lorcan Hunter ließ sich in einem Ohrensessel nieder.

Ein Druck seines Oberschenkels an ihrem veranlasste Jess, vorsichtig von Gerard abzurücken. Ihr gefiel seine plumpe Vertraulichkeit nicht, und ebenso wenig der beißende Geruch seiner Zigarre.

„Damit Sie auf dem neuesten Stand sind, Miss Pallister …“ Sir Peter reichte ihr ein Blatt Papier. „Dies ist heute Morgen mit der Post gekommen.“

Jess las den Brief, der aus einzelnen aus einer Zeitung ausgeschnittenen und aufgeklebten Worten bestand:

Sie glauben also, Sie sind schlauer als ich. Großer Irrtum. Ihre Hotelanlage auf Mauritius wird niemals fertig. Wenn Hunter auf die Insel zurückkehrt, werden er und seine kostbare Brünette entführt.

„Haben Sie eine Ahnung, wer den Brief geschickt haben könnte?“, fragte Jess. „Und warum?“

Sir Peter zögerte. „Nein“, erwiderte er dann. „Abgestempelt wurde er hier in London, doch das besagt nichts.“

„Hör auf, Dad“, widersprach Gerard. „Dafür ist Charles Sohan verantwortlich.“

„Sie meinen Charles Sohan von der ‚Sohan’-Hotelkette?“, fragte Jess.

„Genau der. Er und mein Vater sind Konkurrenten.“

Charles Sohan besaß Luxushotels auf der ganzen Welt. Jess hatte einmal im ‚Sohan New York‘ gewohnt, als sie eine arabische Prinzessin beschützt hatte, und war sehr beeindruckt gewesen.

Jess runzelte die Stirn. Zwar wusste sie über den Hotelier nur, was sie in den Zeitungen gelesen hatte, dennoch hielt sie es für unwahrscheinlich, dass er zu solch schäbigen, melodramatischen und abgedroschenen Mitteln greifen würde, wenn er einen Konkurrenten treffen wollte.

„Aber dieser Brief ist so dilettantisch. Überhaupt nicht Charles’ Stil“, sprach Sir Peter aus, was auch Jess dachte.

„Das Ganze ist der üble Scherz irgendeines Idioten, der Ärger machen will“, erklärte Lorcan Hunter. „Wir sollten die Drohung ignorieren.“ Er blickte Jess eisig an. „Keinesfalls brauche ich zwei Leibwächter, die um mich herumschleichen.“

Jess lächelte kühl. „Sie irren sich, Mr. Hunter. Wir schleichen nicht herum, sondern verschmelzen nahtlos und unauffällig mit dem Leben des Klienten.“

„Mit meinem nicht!“

Sie zuckte die Schultern. „Wie Sie wollen.“ Sie hatte sich vorgenommen, den Auftrag abzulehnen, wenn es einen Haken geben sollte. Und es gab einen – Lorcan Hunter. Drei Monate in seiner Gesellschaft würden wahrscheinlich nicht langweilig sein, dafür aber nervenaufreibend. Alle anderen, die sie beschützt hatte, waren dankbar gewesen, und ihr würde nicht im Traum einfallen, den unwillkommenen Gast zu spielen.

Gerards besänftigendes Lächeln war ein bisschen ölig. „Wir denken doch nur an Ihre Sicherheit, Lorcan.“

„Das ist mir schon klar, doch mir wäre es lieber gewesen, wenn Sie mit mir gesprochen hätten, bevor Sie Miss Pallister heute hierher geholt hätten.“ Der Architekt zupfte gereizt an seinem feuchten Anzugärmel. „Es hätte allen viel Mühe erspart.“

„Nicht doch, es war mir ein Vergnügen“, sagte Jess honigsüß, was ihr einen weiteren eisigen Blick einbrachte. Sie wandte sich Gerard zu. „Haben Sie die Polizei benachrichtigt?“

Er schüttelte den Kopf. „Die Drohung gilt für Mauritius.“

„Trotzdem, wenn Sie glauben, dass sie ernst zu nehmen ist …“

„Ist sie nicht“, mischte sich Lorcan ein.

„Sie könnte es sehr wohl sein“, widersprach Gerard. „Richtig, Dad?“

„Das kann ich nicht beurteilen“, antwortete Sir Peter nervös. „Wer immer den Brief verfasst hat, weiß jedoch, dass Lorcan an dem Hotel arbeitet und vorhat, Harriet mitzunehmen.“

„Und da wir nicht sicher sind, ob der Brief ein Scherz sein soll oder nicht, müssen wir vorsichtig sein. Aber zurzeit ist es wohl noch nicht nötig, die Polizei einzuschalten“, erklärte der junge Mann. „‚Kostbare Brünette‘ ist ein ungewöhnlicher Ausdruck. Ist Harriet von Sohan jemals so genannt worden?“

„Ja“, erwiderte Lorcan. „Ich habe sie einmal mit in sein Büro genommen, und da hat er den Ausdruck benutzt. Wenn wir uns jetzt treffen, nennt er sie immer so. Wir sind nur fast nie allein, falls wir uns irgendwo begegnen. Viele Leute können es gehört haben.“

Sir Peter runzelte die Stirn. „Ich habe Verständnis dafür, dass Sie es ablehnen, sich beschützen zu lassen, aber Sie wollen doch sicher nicht das geringste Risiko eingehen, was Harriets Sicherheit angeht.“

„Du meine Güte, natürlich nicht“, sagte er scharf.

Die ‚kostbare‘ Harriet, die ihn nach Mauritius begleiten soll, ist vermutlich seine Frau, überlegte Jess. Oder Lebensgefährtin. Ein Mann wie Lorcan Hunter konnte sich die Frauen aussuchen, also war die Brünette bestimmt eine elegante Schönheit, die immer stilvoll gekleidet war und nicht einmal rot im Gesicht würde, wenn sie bei den Olympischen Spielen den Marathon liefe. Jess blickte verdrossen auf ihre alten Leggings und die lange Bluse.

Autor

Elizabeth Oldfield
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