Ein unverfrorenes Ansinnen

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Wer ist der attraktive Fremde, der vor ihr steht? Als Klavierlehrerin Lucy Lambert zu sich kommt, weiß sie nicht, was passiert ist. Der Unbekannte, der sich als Max Fenton, Earl of Burnham, vorstellt, hilft ihrer Erinnerung auf die Sprünge: Offensichtlich hat ihre Schülerin – seine Stiefschwester – Lucy betäubt, um sich ungestört in ein romantisches Abenteuer zu stürzen! Unverfroren fordert der Adelige die unbescholtene Musiklehrerin auf, ihm bei der Suche nach der Entflohenen zu helfen. Pflichtbewusst stimmt Lucy zu – nicht ahnend, dass der Earl seiner Stiefschwester in puncto Raffinesse in nichts nachsteht!


  • Erscheinungstag 10.10.2023
  • Bandnummer 633
  • ISBN / Artikelnummer 9783751520225
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

19. Juli 1815, London

Bamm!

Lucy erwachte von ihrem eigenen Schrei und einem lauten Geräusch. Als sie auf ihre Hände blickte, sah sie kein Blut und fühlte keinen Schmerz. War es nur ein Traum gewesen? Doch das Geräusch war real, wie sie feststellte, als sie es noch einmal hörte. Nun erkannte sie auch, was es war – Faustschläge an der Tür, kein Klavierdeckel, der hart auf ihre unachtsamen Finger niederstürzte.

Lucy rappelte sich von dem Sofa auf, aber sie fühlte sich verwirrt und seltsam schwindelig. Wo bin ich? Die Erinnerung kam zurück, als sie mit unsicheren Schritten zur Tür stolperte und den Schlüssel umdrehte. Lady Sophias Klavierstunde … aus diesem Grund war sie hier. Es fiel ihr wieder ein, als die Tür aufging und sie auf wackeligen Beinen zurückwich.

„Sophia, was zum Teufel denkst du dir dabei, dich hier einen halben Tag einzuschließen?“ Der Sprecher brach plötzlich ab und blieb stehen, als er gerade drei Schritte ins Zimmer getreten war. „Wer sind Sie … und wo ist meine Schwester?“

„Lucy Lambert. Und ich weiß es nicht.“ Lucy ließ sich unelegant zurück auf das Sofa fallen und starrte den Mann an. Was stimmt nicht mit mir?

„Sie sagte … ähm … sie sagte, sie habe die dringende Nachricht erhalten, sie müsse sofort zu ihrer alten Gouvernante gehen. In zwei oder drei Stunden werde sie zurück sein. Und ich solle es mir bequem machen. Etwas zu mir nehmen. Ein Buch lesen. Es war zehn Uhr, als sie fortging.“

Die Uhr auf dem Kaminsims schlug mit dünnem Ton viermal. „Aber das ist doch unmöglich.“ Lucy sah blinzelnd genauer hin, gleichzeitig gab die Uhr aus dem Nebenzimmer mit lauten tiefen Tönen dieselbe Zeit an. „Wir sprachen nur einen kurzen Moment. Lady Sophia war in großer Eile, doch zeigte sie mir die Erfrischungen auf dem Tisch und den Bücherschrank, bevor sie ging. Dort hinaus.“ Sie zeigte auf die zweite Tür. „Ich war durstig und trank ein Glas Limonade. Dann setzte ich mich, um meine Notizen für die Klavierstunde durchzugehen, und … danach kann ich mich an nichts mehr erinnern.“

Der Mann bückte sich und hob etwas vom Teppich auf. „Gehört das Ihnen?“

„Ja.“ Sie streckte die Hand aus und nahm das kleine Notizbuch an sich. Nun, da sie wieder klarer sehen konnte, ordneten sich auch allmählich ihre Gedanken. „Die Limonade! Darum fühle ich mich wohl so seltsam benommen. Sie hat mich mit Drogen betäubt.“ Als sie allmählich zu begreifen begann, wiederholte sie entrüstet: „Ich wurde mit Drogen betäubt!“

Der Mann ging zum Tisch, hob ihr Glas hoch und schnupperte daran. Dann goss er etwas vom Inhalt des Kruges in das Glas und nippte vorsichtig daran. „Sie haben das hier getrunken?“

„Es schmeckte nicht sehr gut.“ Ziemlich bitter, wie sie sich erinnerte. „Aber ich hatte Durst. Es war heiß draußen. Ich wollte nicht läuten und die Angestellten belästigen.“

„Wer sind Sie eigentlich?“

Lucy konnte erraten, wer er war, weil sie Lady Sophia Harker im Adelsverzeichnis nachgeschlagen hatte, bevor sie die Einladung in dieses Haus angenommen hatte. Alleinstehende Frauen von Verstand betraten keine Häuser von völlig Fremden. Jedenfalls nicht ohne einige grundlegende Vorsichtsmaßnahmen. Lady Sophia Harker wohnte am Cavendish Square mit ihrem Stiefbruder Lord Burnham, dem Sohn des zweiten Gatten ihrer Mutter.

„Miss Lambert, Musiklehrerin.“ Sie zog eine ihrer frisch gedruckten Visitenkarten aus dem Retikül. „… Mylord“, fügte sie nachträglich hinzu.

Er nahm ihr Kärtchen entgegen, und Lucys Empörung verflog. Auch die Kopfschmerzen und die Verwirrung verschwanden, als sie ihn zum ersten Mal genauer anschaute. Max Fenton war vermutlich das, was ihre Freundin Melissa – der nie etwas peinlich war – als sehr ansehnliches Exemplar eines Mannes bezeichnen würde. Zum Glück kein besonders großes und kräftiges Exemplar, denn sie selbst war nur mittelgroß und mochte es nicht, wenn jemand sie bedrohlich überragte. Dennoch verfügte er über so viel Präsenz, dass er den Raum zu füllen schien. Im Moment verströmte er eine Aura unangenehmer eiskalter Autorität und war sichtlich ungehalten.

Eine andere Freundin – Jane, Lady Kendall – würde ihn vermutlich nicht zeichnen wollen, befand Lucy. Er war zu normal aussehend. Knapp unter einen Meter dreiundachtzig, schlank und offensichtlich in guter Form, aber nicht zu muskulös. Seine Züge waren regelmäßig – starke gerade Nase, feste Wangenknochen, dunkelgraue Augen und modisch geschnittenes hellbraunes Haar. Wenn er häufig an die Sonne ging, bleichte es wahrscheinlich zu einem helleren Farbton aus.

Ungefähr dreißig Jahre alt. Keine Narben, Sommersprossen oder andere Auffälligkeiten. Am Kinn war eine kleine Delle, die er garantiert nicht gern als Grübchen bezeichnet hören wollte. Ja, Jane würde ihn gewiss ablehnen – als nicht interessant genug, um für eine Porträtmalerin eine Herausforderung darzustellen.

„Können Sie mich bald in allen Einzelheiten beschreiben?“, erkundigte er sich. Lucy stellte fest, dass sie ihn angestarrt hatte.

„Ja, ich glaube schon. Wenn man einem wütenden Mann gegenübersteht, ist es immer angebracht, ihn hinterher den Behörden genau beschreiben zu können“, sagte sie und stellte befriedigt fest, dass er erstaunt blinzelte.

Mausartige, magere, braunhaarige Musiklehrerinnen wehrten sich normalerweise nicht, wenn sie sich von Earls spöttische Bemerkungen anhören mussten, doch in der letzten Zeit war Lucy manchmal etwas bissig. Sie hatte etwas in sich entdeckt, das nicht wirklich Mut war, sondern eher eine Art frustrierter Ärger über den Lauf der Dinge. Es war, wie sie festgestellt hatte, für sie persönlich ein guter Ersatz für Unerschrockenheit.

„Sie glauben, ich könnte möglicherweise gewalttätig werden?“ Er sprach, während er an ihr vorbei zu der anderen Tür ging und sie aufstieß. Es war die Tür, durch die seine Schwester hinausgegangen war.

„Das kann ich nicht beurteilen, Mylord, aber Sie machen auf mich den Eindruck, unter starker emotionaler Anspannung zu stehen. Ich habe festgestellt, dass es Gentlemen gibt, die auf die nächstbeste Person losgehen, wenn der wahre Verursacher ihres Ärgers nicht greifbar ist. Verbal oder auf andere Weise.“

Er öffnete die Tür, schaute hindurch und schloss sie seufzend wieder. Dann kam er zurück. „Ich gehe nicht los auf Frauen, Kinder, Bedienstete oder Tiere, Miss Lambert. Es besteht keine Gefahr für Sie.“

Obwohl Sie, Mylord, offensichtlich sehr stark unter Druck stehen trotz Ihrer äußerlich ruhigen Fassade.

„Ausgezeichnet. Es beruhigt mich sehr, dass all diejenigen, die Sie als tiefer stehend einordnen, vor Ihrem Zorn sicher sind.“ Sie stand auf und schaute sich nach ihrer Haube um. „Wenn es so ist, seien Sie bitte so gut, mich zu bezahlen, denn ich werde jetzt gehen.“

„Bezahlen? Wofür denn?“, erkundigte sich Lord Burnham. Er hatte die Augenbrauen zu einer geraden Linie zusammengezogen, ebenso seine Lippen, die er angespannt hatte, als sie ihm Widerworte gab.

„Für den verschwendeten Tag. Ich wurde engagiert, um Lady Sophia eine Vormittagsstunde am Klavier zu erteilen. Stattdessen hat man mich unter Drogen gesetzt, und ich war fast sechs Stunden besinnungslos. Zusätzlich werde ich Ausgaben für eine Mietdroschke haben, um von diesem vergeblichen Arbeitsauftrag heimzufahren. Ich habe ganz gewiss nicht die Absicht, nach so einem Erlebnis zu Fuß zu gehen.“

„Wie viel schulden wir Ihnen?“

Lucy rechnete rasch in Gedanken durch. Zu der Bezahlung für die Unterrichtsstunde rechnete sie die Kosten für die Droschke hinzu, eine Zulage für die Auswirkungen der Limonade und fünf Schillinge für die erschwerten Umstände durch den Earl selbst. Sie teilte ihm das Ergebnis mit.

Seine Augenbrauen sahen nicht entspannter aus, und die steile Falte dazwischen hatte sich eher noch etwas vertieft.

„Jede Arbeit hat einen Lohn verdient, Mylord.“

„Selbstverständlich. Doch bevor ich Sie bezahle und Sie fortgehen, Miss Lambert, erzählen Sie mir doch bitte in allen Einzelheiten, was sich heute hier zugetragen hat. Sie müssen wissen, dass meine Schwester keine Gouvernante hat, weder eine ehemalige noch eine andere, die sich näher aufhält als in Northumberland.“

Das erklärte zumindest seine grimmige Miene. „Denken Sie, dass sie durchgebrannt ist?“

„Ich denke, ich wüsste gern, was geschehen ist.“

Ganz sicher war sie sich nicht, aber sie hatte das Gefühl, er sei noch nervöser geworden bei ihrer Frage.

Dies war eindeutig ein Mann, der es gewohnt war, ohne Widerrede seinen Willen durchzusetzen. „Eine Freundin von mir, die Duchess of Aylsham, hat mir Lady Sophia empfohlen.“

So, das gibt Ihnen bestimmt zu denken, Mylord.

Lucy wollte ihm keine Zeit geben, seine Zweifel zu äußern zu der Freundschaft einer Duchess mit einer alten Jungfer, die als einfache Musiklehrerin ihr Brot verdiente. „Lady Sophia schrieb mir einen Brief, in dem sie ihr Interesse daran ausdrückte, das Klavierspiel zu erlernen. Sie engagierte mich, heute Morgen zu kommen und ihr eine erste zweistündige Unterrichtstunde zu erteilen. Sie sehen erstaunt aus, Mylord.“

„Ganz außerordentlich. Sophia spielt seit ihrer Kindheit meisterhaft Klavier und Harfe.“

„Sie behauptete, sie sei komplette Anfängerin. Das hat mich durchaus gewundert, weil es ungewöhnlich für eine Lady ihres Ranges ist. Ich nahm an, sie habe sich als Kind vielleicht dagegen gewehrt.“

Belogen und betäubt. Ich würde gern ein Wörtchen mit Ihnen reden, Mylady. Lucy hielt es für besser, ihre Meinung nicht laut auszusprechen, und fuhr fort, so präzise wie möglich zu berichten. Der Mann hatte genug Entschuldigungen für seinen Ärger, aber auch Grund zur Sorge. Das konnte sie verstehen.

„Wie gewünscht, kam ich um halb zehn Uhr. Lady Sophia sagte dem Butler, sie wolle nicht gestört werden, solange ich da sei. Aber etwas daran stimmte offensichtlich nicht. Wenn der Mann davon ausging, ich würde ihr das Klavierspielen beibringen, warum beunruhigte es ihn dann nicht, dass keine Musik erklang und stundenlang niemand aus dem Zimmer kam?“

„Vermutlich aus folgendem Grund: Als ich eintraf, informierte er mich darüber, dass meine Stiefschwester den ganzen Tag mit einer Lehrerin Französisch lerne. Da sie diese Sprache so schwierig finde – eine weitere Unwahrheit, wie ich zu meinem Bedauern sagen muss –, dürfe man sie auf keinen Fall ablenken oder stören. Daher die Erfrischungen anstelle eines Mittagessens. Dies ist ihr Wohnzimmer, und jene Tür dort geht in ihr Ankleidezimmer und Schlafzimmer, so dass es für keinen von Ihnen beiden nötig sein würde, das … Badezimmer aufzusuchen.“

„Und es gibt eine Hintertür zum Erdgeschoss, nehme ich an?“ Lady Sophia war anscheinend nicht nur eine geübte Lügnerin, sondern hatte auch eine gute strategische Begabung.

„Über einen der Dienstbotenaufgänge, ja.“ Der Earl sah aus, als müsse er sich darauf konzentrieren, nicht mit den Zähnen zu knirschen. „Sie kamen also hier an. Was geschah danach?“

„Ich wurde hereingeführt. Lady Sophia setzte sofort ihre Haube auf – bevor ich die Bänder meiner Haube überhaupt aufgezogen hatte – und sagte in erregtem Ton, sie habe eine dringende Nachricht erhalten und müsse auf der Stelle zu ihrer alten gebrechlichen Gouvernante gehen. Aber sie werde bald zurück sein. Und sie bat mich zu bleiben, damit wir die Stunde beginnen könnten, sobald sie zurück sei. Außerdem versprach sie mir eine zusätzliche Bezahlung für meine Mühe und wies mich auf die Erfrischungen hin. Dann schloss sie die Tür ab und ließ den Schlüssel hier. Sie sagte, ich solle mich sicher fühlen in diesem fremden Haus. Dann eilte sie dort zur Tür hinaus.“

Ihre Kopfschmerzen waren schon viel besser geworden, und sie konnte sich wieder an mehr Einzelheiten erinnern. „Es war seltsam, wenn ich nun darüber nachdenke. Sie erschien mir sehr lebhaft, aber nicht beunruhigt. Eher aufgeregt, würde ich sagen.“

„Kein Zweifel.“ Immerhin klang Lord Burnham nicht mehr so, als sei sie eine unehrliche Hausangestellte, die entlassen werden sollte, weil sie das Silber gestohlen hatte. Er war offenbar sehr viel empörter wegen seiner Stiefschwester als ihretwegen.

„Also wollte sie wohl durchbrennen?“

Zu ihrer Überraschung blieb Lord Burnham stehen und setzte sich dann auf den Stuhl ihr gegenüber. „Noch nicht“, sagte er geheimnisvoll. „Das hoffe ich zumindest.“ Er pflügte mit den Fingern durch seine Haare, was ihn sehr viel menschlicher aussehen ließ. „Sie sagten, Sie seien eine Freundin von Aylshams Gattin?“

„Wir sind seit Jahren befreundet, schon bevor Verity Will heiratete.“ Lucy achtete nicht auf seine missbilligende Miene, als sie die Vornamen ihrer Freunde benutzte. Sie sagte sich jedoch, dass es kein gelungener Anfang einer erfolgreichen Karriere als Lehrerin wäre, wenn sie Mitglieder der Aristokratie und ihre Familien gegen sich aufbrachte. Daher fügte sie in mildem Ton hinzu: „Ich bin zwar darauf angewiesen, mir mein Geld selbst zu verdienen, aber deswegen bin ich nicht völlig ungeeignet für die zivilisierte Gesellschaft“.

„Nein, natürlich nicht“, sagte Lord Burnham langsam. Mit seinen kalten grauen Augen blickte er sie nachdenklich an. Ungefähr so, wie er wahrscheinlich ein zum Kauf angebotenes Pferd begutachtet hätte, bei dem er einen verborgenen Mangel vermutete. „Aber haben Sie auch die passenden Kleider dafür?“

Lucy schnappte hörbar nach Luft und schloss dann schnell ihren Mund wieder. „Was hat meine Kleidung mit irgendetwas davon zu tun?“

„Seien Sie so gut, Miss Lambert.“

Er sah eigentlich nicht völlig wahnsinnig aus. Lucy beschloss, ihm entgegenzukommen. „Ich besitze die passende Kleidung, um mit einem Duke zu speisen, an einer Gartenparty teilzunehmen oder in ausgewählter Gesellschaft zu tanzen, ja.“ Sie erwähnte allerdings nicht die Tatsache, dass sie durch Geschenke ihrer verheirateten Freundinnen so gut versorgt war. Diese hatten die gebrauchte Kleidung an sie weitergegeben, die sie vor der Hochzeit getragen hatten. Und wenn sie sich neue Garderobe zulegten, wie es bei verheirateten Ladys ihres Ranges üblich war, gaben sie ihr auch ihre getragenen Kleider weiter.

„Hmm.“ Der Earl stützte die Ellbogen auf die Armlehnen seines Stuhls, legte die Fingerspitzen aneinander und klopfte damit nachdenklich auf seine Lippen. Lucy wartete geduldig ab, bis er seine Gedanken aussprach. „Sie sagten, Sophia sei fast sofort nach Ihrem Eintreffen gegangen, bevor Sie noch die Gelegenheit hatten, Ihre Haube abzulegen. Hatten Sie zu dem Zeitpunkt Ihren Schleier schon hochgezogen?“

Lucy schaute zur Tür, weil sie plötzlich ihre Einschätzung der geistigen Gesundheit Lord Burnhams revidierte. Die Tür war zu, aber nicht abgeschlossen. Wenn sie schnell Haube und Retikül an sich nahm und fortlief …

„Nun? Hatten Sie?“

Sie bewegte ihre Finger vorsichtig hin zu ihrem Retikül, wickelte die Schnur vorsichtig um die Hand und begann, es an sich zu ziehen. Es schmerzte an den Fingern, aber mittlerweile hatte sie sich an die Anspannung in ihren gezerrten Sehnen gewöhnt. Die Schnur glitt über ihr Handgelenk, und sie lehnte sich zur anderen Seite, um auch die Haube zu nehmen. „Den Schleier? Da muss ich kurz überlegen. Ich war gerade dabei, ihn hochzuziehen, aber ich glaube, danach ließ ich ihn wieder fallen. Lady Sophia hatte mich überrascht. Auf so etwas war ich nicht vorbereitet. Dann war sie fort.“

„Wenn es so ist …“, sagte Lord Burnham, „Was würden Sie für eine ganze Woche berechnen?“

„Eine ganze Woche von was?“ Lucy entspannte sich ein wenig. „Musikunterricht?“

„Von Ihrer Zeit, Miss Lambert. Ich möchte Sie für eine Woche engagieren, um an einer Hausparty teilzunehmen.“

„Sie … Wüstling.“ Schon war sie auf den Beinen und auf halbem Weg zur Tür. Nein, er war nicht verrückt, sondern lediglich ein Frauenheld. Arme Lady Sophia, die mit so einem Stiefbruder leben musste!

„Also wirklich, Miss Lambert! Ich würde Sie für Ihre Zeit und Ihre Hilfe bezahlen, nicht für Ihren Kör… für Ihre Person.“ Er war ebenfalls aufgesprungen. „Hören Sie mich bis zum Ende an.“

Vor ihrer Verletzung hätte die alte Lucy so einen ungebührlichen Vorschlag entweder kaum zur Kenntnis genommen, oder sie wäre in Verwirrung geraten, weil sie nicht gewusst hätte, wie sie damit umgehen sollte. Es fiel ihr auf, wie stark sie sich seitdem verändert hatte. Denn nun zog sie die lange Hutnadel aus der Haube und versteckte sie unter dem Schleier, während sie stehen blieb und sich, einen Schritt von der Tür entfernt, umdrehte.

„Nun gut. Aber ich sollte Sie warnen, Lord Burnham. Inzwischen habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie entweder ein Wüstling oder ein Verrückter sind. Wahrscheinlich beides.“

„Sie würden auch verrückt werden, wenn Sie plötzlich verantwortlich wären für eine hübsche und reiche Achtzehnjährige mit so viel Menschenverstand wie eine Wühlmaus, die gerade aus dem Kloster kommt und eine Vorliebe für Partys und Romanzen hat. Ganz besonders für Romanzen“, fügte er mit bitter klingender Stimme hinzu.

Sie blieb stehen, wo sie war. Also ging er zu dem Stuhl am anderen Ende des Zimmers. „Bitte, setzen Sie sich doch wieder. Schieben Sie den kleinen Stuhl zur Tür, wenn es sein muss. Sie können damit zuschlagen, wenn ich zum wilden Tier werde und es nicht genügt, mich mit der Hutnadel zu stechen.“

Mit seinen Augen war also anscheinend alles so weit in Ordnung, auch wenn er geistig instabil oder moralisch verwerflich war. „Ich höre.“ Lucy hockte sich auf die Armlehne des Sofas, die Hutnadel immer noch in der Hand.

„Vielleicht hilft es, wenn ich Ihnen ein wenig von meiner Familiengeschichte erzähle. Meine Mutter starb, als ich zehn war, und mein Vater heiratete erst spät im Leben zum zweiten Mal. Ich glaube, er brauchte Gesellschaft. Seine Wahl fiel auf Amanda Harker, die Witwe des Earl of Longdale. Sie brachte eine Tochter mit – Sophia –, die damals gerade zehn Jahre alt war. Ich war inzwischen zwanzig, also betraf mich die Ankunft einer Stiefschwester, die außerdem noch ein Kind war, nur sehr am Rande.

Als vor vier Jahren mein Vater starb, überließ ich meiner Stiefmutter die Nutzung aller Familienbesitztümer. Ich war unverheiratet, darum hatte ich keinen Grund, sie hinauszudrängen. Sie hatte außerdem ihre eigenen gesellschaftlichen Kreise. Dann, vor drei Jahren, wurde sie krank. Oder bildete sich ein, krank zu sein. Sie setzte eine entfernte Cousine als Aufsichtsperson für Sophia ein und begab sich nach Bath, wo sie unter den Einfluss eines zweifelhaften Heilers geriet. Nun sendet sie Sophia abwechselnd lächerliche Traktate über ‚innere Heilung‘ und unangemessen große Geldsummen. Und Briefe, in denen sie den glühenden Wunsch äußert, sie möge heiraten.“

„Und was ist mit der Cousine? Ist sie eine unfähige Aufsichtsperson?“

„Miss Hathaway ist Romantikerin.“ Seinem Ton nach zu urteilen, war dies nichts Besseres als eine tote Ratte.

„Dann suchen Sie eine andere Anstandsdame.“ Es war offenbar die beste Lösung. „Es gibt sehr viele unverheiratete Ladys von exzellenter Erziehung, die entzückt über so eine Position wären.“

„Meine Stiefmutter wählt die betreffende Person aus. Als Oberhaupt der Familie bin ich allerdings Sophias Vormund. Ich gebe mein Bestes, um sie zu beeinflussen und zu beschützen, doch ich kann sie wohl kaum gewaltsam zu vernünftigem Handeln zwingen.“

Da ihr nichts Konstruktiveres als Oje einfiel, machte Lucy nur ermutigende Geräusche.

„Ihre Patin hat sie nun zu einer Hausparty eingeladen, aber ich verwehrte ihr für die Reise sowohl eine Zofe als auch eine Kutsche. Es hat den Anschein, dass sie trotzdem einen Weg gefunden hat, diese Hindernisse zu überwinden, und ist vermutlich auf eigene Faust losgefahren. Ich begegnete Miss Hathaway auf dem Weg aus der Apotheke nach draußen.“

„Eine Patin soll keine geeignete Gastgeberin für ein unverheiratetes Mädchen sein? Das erscheint mir … Wo wohnt sie denn?“

Staning Waterless in Dorset. Sie heißt …“

„Dann muss es Lady Hopewell sein.“

„Sie kennen sie?“

„Ich habe einige Zeit in Great Staning verbracht, das nur zehn Meilen entfernt ist.“ Lucy war ganz in der Nähe aufgewachsen, um genau zu sein, und war erst vor drei Wochen von dort fortgegangen, als ihre Hände endlich einigermaßen verheilt waren. Um dies zu bewerkstelligen, hatte sie nur die Hilfe einer siebzehnjährigen Magd gehabt, die zu ihrer persönlichen Zofe befördert worden war.

Ihre Freundinnen wollten natürlich, dass sie bei ihnen wohnen sollte, aber es wäre ihr wie eine Flucht von zu Hause vorgekommen. Sie war zu ihren eigenen Bedingungen fortgegangen. Jedoch war sie nicht zu stolz oder töricht gewesen, die Hilfe ihrer Freundinnen – der Duchess of Aylsham, der Countess of Kendall und der Marquise of Cranford – abzulehnen, denn es wäre für sie ohne Hilfe sehr schwierig gewesen, eine anständige Bleibe zu finden. Ihre Freundinnen hatten sie auch potenziellen Kunden empfohlen. Lucy wollte in ihrem ihr neuen Leben Erfolg haben, ohne ihren Stolz he-
runterzuschlucken oder als gescheiterte Existenz nach Hause zurückzukriechen.

„Ich bin Lady Hopewell persönlich nie begegnet“, fügte sie hinzu. „Aber wenn Lady Sophia lediglich zu ihrer Patin gelaufen ist, müsste es doch einfach sein, ihr zu folgen und sie zurückzubringen.“

Lucys eigene Familie war sehr respektabel und gehörte dem einfachen Landadel an. Sie verkehrten nicht in aristokratischen Kreisen. Doch von ihrer Mutter und anderen aufrechten Gemeindemitgliedern hatte sie ziemlich abwertende Kommentare über die Verfehlungen dieser Witwe gehört. Anscheinend war die betreffende Lady sehr gesellig und liebte Partys. Lucys Eltern waren sehr auf die Äußerlichkeiten des Gemeindelebens fixiert, obwohl sie selbst fand, dass es eigentlich nicht zu den Regeln gottesfürchtigen Lebens passte, sich die Mäuler über die Sünden anderer zu zerreißen. Sie fand, dass das Leben dieser Witwe so klang, als habe sie ziemlich viel Spaß.

„Es gibt keinen Grund, warum meine Schwester Lady Hope-
well nicht besuchen sollte, außer der Tatsache, dass sie darauf völlig versessen war. Ihr großes Interesse war nicht normal. Als ich ihr vorschlug, die Einladung zu einer anderen Hausparty in Northampton anzunehmen, regte sie sich darüber so auf, dass ich misstrauisch wurde.

Ich glaube, das alberne junge Ding hat sich verliebt, und ihr dringender Wunsch, an dieser Hausparty teilzunehmen, hat mehr mit dem Wunsch zu tun, diesen erbärmlichen Mann zu treffen, als damit, ihrer Patin eine Freude zu machen.“

„Wer ist der Mann?“, fragte Lucy, ohne eine Antwort zu erwarten.

Lord Burnham verriet es ihr nicht, allerdings nicht aus Diskretion, wie sie erwartet hatte. „Ich weiß es nicht, Miss Lambert“, sagte er. „Es könnte sich um einen unerfahrenen Jugendlichen oder einen hartgesottenen Lebemann handeln, nach allem, was ich weiß. Was ich in Erfahrung bringen konnte, beruht auf Hinweisen einer eher vernünftigen Freundin, die besorgt genug war, um mit Miss Hathaway über Andeutungen zu sprechen, die Sophia ihr gegenüber fallengelassen hatte. Daraufhin sprach Miss Hathaway mit mir.

Ich habe keinen anderen Anhaltspunkt als meine Meinung, dass ein Mann, zu dem eine Achtzehnjährige sich nicht offen bekennen will, kein passender Verehrer sein kann. Um es auf den Punkt zu bringen – dies ist der Grund, warum ich sie nicht von ihm fernhalten kann und sie sich mir nicht anvertrauen will. Ich muss herausfinden, wer er ist.“

Er hielt inne, und Lucy versuchte, in seinen grauen Augen zu lesen. Doch er war sehr erfolgreich darin, seine Gedanken zu verbergen.

„Wenn ich in Waterless Manor eintreffe, erwartet mich von Dorothea Hopewell wahrscheinlich eine herzliche Begrüßung, aber von der schmollenden Sophia werden nur böse Blicke kommen. Sie ist allerdings viel zu schlau, um sich mit dem Objekt ihrer Zuneigung blicken zu lassen oder mir seinen Namen zu verraten. Eine andere junge Lady könnte sie hingegen beobachten, ohne in Verdacht zu geraten. Sie könnte herausfinden, wer er ist, und mich informieren.“

„Sie wollen, dass ich hinter Ihrer Stiefschwester her spioniere? Aber das ist …“

„In ihrem besten Interesse“, unterbrach Lord Burnham sie ungeduldig. „Sie ist unschuldig, reich und impulsiv. Wollen Sie zusehen, wie sie ruiniert wird oder bestenfalls eine völlig unpassende Ehe eingeht, nur weil Sie zu nett sind, um sie zu beobachten?“

„Es ist nicht meine Aufgabe, jemanden zu verfolgen“, sagte Lucy empört. Doch seine Worte hatten bei ihr einen Nerv getroffen. Ihre Freundin Prudence war auf einen skrupellosen Schürzenjäger hereingefallen, hatte bei ihm ihre Unschuld verloren und musste dann eine sehr hastige Ehe mit einem anderen Mann eingehen. Nur aus purem Glück war aus dieser Verbindung eine Liebesehe hervorgegangen. „Obwohl ich Ihre Besorgnis durchaus verstehe …“

„Ich bezahle Ihnen fünf Guineen pro Tag, egal wie lange es dauert. Sie reisen bequem und werden üppig bewirtet. Und ich glaube, Lady Hopewell hat ein sehr schönes Pianoforte, das sogar Konzertstandards genügen müsste.“

Und das hält er für einen Anreiz? Es wäre eine Qual. Lucy glaubte nicht, dass sie es im selben Zimmer mit einem Klavier aushalten würde.

„Ich spiele nicht mehr, Mylord. Ich kann es nicht.“

„Wieso? Sie sind doch Klavierlehrerin.“

Sie stand auf und streckte ihm die Hände in den schwarzen Glacéhandschuhen entgegen. So konnte er die verkrümmten Finger ihrer linken Hand und den verkürzten Mittelfinger der rechten Hand sehen. „Ich kann trotz meiner Beschwerden etwas vorführen, um einer Schülerin etwas zu erklären, aber ich selbst kann nicht mehr spielen.“

„Was ist Ihnen zugestoßen?“ Lord Burnham stand auf und trat näher.

„Der Klavierdeckel krachte herab, und ich zog nicht schnell genug meine Hände weg. Ich spreche nicht gern da-rüber, Mylord.“

Sie könnte es nicht ertragen.

2. KAPITEL

Max schaute auf ihre langen schlanken Finger. Ein Klavierdeckel konnte durchaus einmal herabfallen, aber wäre er schwer genug, um Knochen zu brechen und eine Fingerspitze zu zerschmettern? Krachte herab, hatte sie gesagt. Jemand musste ihr dies absichtlich angetan haben.

Der Gedanke, Miss Lambert könne eine Person sein, die Gewalt auf sich zog, machte ihn nervös. Andererseits war sie eine Freundin der Duchess of Aylsham, und diese war die Ehefrau des Mannes, der als „perfekter Duke“ bekannt war. Ganz sicher war es nicht ihre Schuld gewesen.

Er könnte vielleicht noch mit Aylsham sprechen, bevor sie abfuhren … Aber nein, dafür hatte er keine Zeit mehr. Er musste das Risiko eingehen. Diesmal würde es nicht so sein wie beim letzten Mal. Diesmal würde er eine Unschuldige retten, auch wenn es gegen ihren eigenen Willen war.

Max zuckte mit den Achseln. Er hatte keinen Grund, für Miss Lambert die Dinge noch unangenehmer zu machen, indem er ihr gegenüber Vermutungen über ihre Verletzungen anstellte. „Es tut mir sehr leid“, sagte er. „Nun, was haben Sie zu meinem Vorschlag zu sagen?“

„Sie wollen mich also als Spionin engagieren?“

„Ich möchte Sie einstellen, um mir beim Schutz meiner Stiefschwester zu helfen“, sagte Max. „Als Alleinstehende werden Sie sich wahrscheinlich nicht ganz der Gefahren bewusst sein, denen Sophia sich aussetzen würde, wenn sie sich einem Mann von unstetem Charakter anvertraut …“

„Oh doch, das weiß ich“, sagte Miss Lambert, ohne rot zu werden trotz eines solch schockierenden Geständnisses. Wirklich, für eine so unscheinbare und unbedeutende weibliche Person war sie bemerkenswert selbstsicher. Natürlich war sie keine Augenweide, darum kam er zu dem Schluss, dass ihre Kenntnisse der Gefahren für junge Ladys vermutlich nicht aus persönlicher Erfahrung stammten. Schürzenjäger konnten unter sehr viel hübscherer und reicherer Beute wählen.

Miss Lambert hatte weiche braune Haare, keine bemerkenswerte Figur, unauffällige Gesichtszüge und braune Augen. Letztere waren wohl ihre schönste Eigenschaft. Momentan schaute sie zu Boden und sah ziemlich verärgert aus.

Sie war unter Vorspiegelung falscher Tatsachen hierher gelockt und betäubt worden, und das wäre wohl für jeden Menschen ein Grund zum Ärger. Junge Ladys wurden jedoch von klein auf dazu erzogen, stets freundlich und entgegenkommend zu sein. Etwas anderes musste wohl der Grund für Miss Lamberts scharfe Zunge sein, und er fragte sich plötzlich, ob sie wohl noch Schmerzen in den verletzten Fingern hatte.

„Ihre Hände … haben Sie Schmerzen?“

Sie zog die Brauen hoch ob dieser plötzlichen und persönlichen Frage, aber sie antwortete dennoch bereitwillig. „Nicht besonders, außer wenn ich meine Finger strecken oder etwas zu fest anfassen will. Oder wenn ich mich daran stoße. Es sind acht Wochen vergangen, seit es passiert ist.“

Er beobachtete sie beim Sprechen, aber ihr spürbarer Ärger schien nicht im Zusammenhang mit der Verletzung zu stehen. Zumindest nicht direkt.

Eigentlich war er nicht besonders an Miss Lamberts Art zu denken interessiert, aber er wollte sichergehen, dass eine Person, die für ihn arbeitete, dieser Aufgabe gewachsen war. Erfolglosigkeit war inakzeptabel, und es war seine Aufgabe, von Anfang an die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die möglichen Gefahren für Sophia brachten seinen normalerweise eisenharten Magen fast zum Revoltieren.

„Fünf Guineen pro Tag, einschließlich heute, zusätzlich zu meinen Ausgaben?“, fragte Miss Lambert.

„Ja“, sagte Max ein wenig ungeduldig. Er hätte auch das Doppelte bezahlt. Es war ihm bewusst, dass in dem Moment, wenn er an Dorotheas Tür auftauchte und sich nach Sophias Verhalten erkundigte, seine nervige Stiefschwester sich äußerlich sofort in ein Muster an Tugendhaftigkeit verwandeln würde. Und der Mann, der hinter ihr her war, würde sich bedeckt halten, um nicht aufzufallen.

„In dem Fall hätte ich gern jetzt gleich zehn Guineen.“ Er war nicht sicher, was sie wohl in seinem Gesicht gelesen hatte, als sie sagte: „Ich nehme an, Sie haben noch nie Ihre Miete im Voraus bezahlen müssen … oder sich Sorgen machen müssen, ob Ihre Mittel ausreichen, um weiterhin die Zofe zu bezahlen, auf deren Anwesenheit Ihre Achtbarkeit beruht.“

„Nein“, musste Max zugeben. Um ehrlich zu sein, hatte er noch nie einen Gedanken an verarmte Adlige verschwendet. „Hier.“ Er gab ihr die Münzen. „Ich werde Sie morgen an der auf Ihrer Karte angegebenen Adresse abholen. Bitte bringen Sie das notwendige Gepäck für zwei Wochen mit.“

Es war bereits zu spät, um heute noch aufzubrechen. Sophia, der kleine Racker, hatte einen zu großen Vorsprung vor ihm. Außerdem würde Max keine Gelegenheit bekommen, den betreffenden Mann zu identifizieren, wenn er sie stoppte, bevor sie denjenigen überhaupt treffen konnte.

„Danke, Lord Burnham. Ich werde bereit sein.“ Miss Lambert steckte das Geld in ihr Retikül, setzte die Haube auf und war draußen, bevor Max noch etwas sagen konnte.

Für einen Augenblick hatte er Skrupel. Beinahe eine ungute Vorahnung. Diese gewöhnliche junge Frau war eigentlich unwichtig, außer als Hilfsmittel, um Sophia zu beschützen. Warum hatte er also das Gefühl, als habe er etwas Wichtiges in Bewegung gesetzt? Im Geist sah er plötzlich einen gewaltigen Felsbrocken ungehindert einen Hügel hinabrollen und alles, was ihm im Weg stand, niederwalzen. Er riss sich zusammen. So ein Unsinn.

Eine lange und zweifellos langweilige Reise bis nach Dorset ist alles, was vor mir liegt.

Woher hatte seine verdammte Schwester eigentlich das Geld, eine Postkutsche zu bezahlen? Denn bei allem Eigensinn war Sophia stets auf ihre Bequemlichkeit bedacht. Er war sicher, dass sie nicht viele Stunden in einer gewöhnlichen Kutsche ausharren würde, dem Himmel sei Dank.

Der Ärger der letzten halben Stunde verging wie eine Welle, die ins Meer zurückströmte, und er setzte sich abrupt hin. Er war sich nur allzu bewusst, dass hinter seinem Ärger auf Sophia eine Angst lauerte, die schmerzte wie Säure auf wunder Haut.

Julia. Das Lachen in ihren blauen Augen vergangen für immer. Lange schwarze Wimpern auf ihrer nassen Haut, die weiß war wie Porzellan. Das üppige schwarze Haar, einst ihr ganzer Stolz, strähnig verheddert im fauligen Wasser. Und ihr nasses Hemd klebte an jeder verräterischen Kurve ihres jungen Körpers.

Nein.

Aber er war nicht mehr siebzehn und machtlos, und er würde nicht zulassen, dass der Albtraum ihn überwältigte. Außerdem war die leichtsinnige junge Frau, um die er sich heute sorgte, so schlau wie eine Horde Affen. Er würde seinen Geldkasten leer vorfinden, daran zweifelte er nicht, und ihre Ladyschaft würde einen bequemen Vierspänner gemietet haben, in dem zwei Postillione sie sicher bis zu ihrer Patin bringen würden. Die Gefahr für sie begann erst, nachdem sie das Haus betreten hatte.

Wohingegen er zehn Stunden mit der kratzbürstigen Miss Lambert vor sich hatte. Vielleicht aber auch nicht … Max zog die Taschenuhr hervor. Zeit für die Vorbereitungen auf morgen.

Früh aufzustehen, war Lucy gewohnt. Mama und Papa betrachteten das Faulenzen im Bett – gemeint war jede Minute nach sechs Uhr dreißig – beinahe als Sünde, daher fand das Frühstück immer pünktlich um sieben Uhr dreißig statt.

Lucy war um fünf Uhr aufgestanden, nachdem sie um drei Uhr beschlossen hatte, tatsächlich mit Lord Burnham mitzufahren. Die Bezahlung war einfach zu verführerisch. Die Aussicht auf möglicherweise bis zu siebzig Guineen, verbunden mit zwei Wochen ohne eigene Geldausgaben für sie selbst oder Amy, ihre Zofe … Es würde ihr eine angenehme Reserve verschaffen, von der sie zehren konnte, bis sie ihr Unternehmen auf solidere Grundlagen gestellt hatte.

Im Moment besaß sie fünfzig Pfund auf dem Bankkonto – aus der Erbschaft ihrer Großmutter – und etwas über zehn Pfund, die sie zwischen ihrem Retikül und dem Korsett aufgeteilt hatte.

Sie hatte ihr Zuhause verlassen, sobald sie sicher war, dass sie bei ihren Freundinnen in London unterkommen konnte. Als ihre Eltern ihr die Abreise glattwegs verbieten wollten, sagte sie ihnen, dass sie der gesamten Gemeinde mitteilen werde, was ihre Verletzungen verursacht hatte, falls sie ihr nicht ihr Erbe auszahlten.

„Es war ein Unfall!“, hatte ihr Vater vor Ärger spuckend gesagt. „Und es lag an deinem eigenen abscheulichen Benehmen am Sabbat.“ Als sie einfach nur schweigend abwartete, hatte er die Augen zusammengezogen. „Du kannst nichts beweisen.“

„Willst du es riskieren, dass geklatscht und spekuliert wird?“, hatte Lucy gefragt. Danach bekam sie ihr Geld. Ihr Vater nannte sie ungehorsam, unmoralisch und eine Schande für die Familie, und er zeigte ihr die Tür mit der Warnung, sich nie wieder blicken zu lassen.

Immerhin war ich nicht schwanger, und es schneite nicht.

Mit Hilfe ihrer Freundinnen war es ihr gelungen, eine sehr nette, wenn auch bescheidene Unterkunft zu finden, außerdem eine nette, etwas naive Zofe. Und sie hatte ein Talent, mit dem sie ihren Unterhalt verdienen konnte, ohne ihre Tugend aufs Spiel zu setzen. Das hoffte sie zumindest. Lord Burnham hatte sich bisher stets wie ein Gentleman verhalten. Obwohl dies natürlich auch eine üble Hinterlist sein konnte. Mit Frauenhelden hatte sie bisher noch keine Erfahrungen gemacht, eigentlich mit Männern allgemein nicht. Ihre Freundin Prue war auf einen kaltherzigen Verführer he-reingefallen, und nur außerordentliches Glück hatte sie davor bewahrt, in tiefer Schande leben zu müssen.

Kritisch schaute sie ihr Spiegelbild an, während Amy, die viel besser mit der Nadel war als mit der Lockenzange, die Haare ihrer Herrin ziemlich ungeschickt aufdrehte und dann hochsteckte, weil sie es selbst nicht mehr richtig schaffte.

Es konnte natürlich sein, dass Lord Burnham sehr wohl ein Wüstling war und sich als begehrter Earl nur nicht für gewöhnliche, unscheinbare Musiklehrerinnen interessierte. Höchstwahrscheinlich hatte er eine schöne Mätresse, die erfahren war in erotischen Dingen – was immer das war. Und viele junge Ladys hofften gewiss auf einen Heiratsantrag von ihm. Dessen war sie sich absolut sicher.

Lucy und Amy warteten auf dem Bürgersteig in der Little Windmill Street. Gegen die kalte Morgenluft hatten sie sich in ihre warmen Umhänge eingehüllt. Dann tauchten nicht nur eine, sondern gleich zwei glänzende schwarze Reisekutschen auf, beide mit dem gleichen Wappen am Schlag. Ein Diener sprang herab und nahm ihr bescheidenes Gepäck an sich – eine kleinere Truhe und zwei Koffer – und befestigte es an der Rückseite des zweiten Wagens. Lord Burnham stieg aus dem ersten Wagen aus.

„Guten Morgen, Miss Lambert.“ Er lüftete kurz seinen Hut und wies auf den Wagen mit ihrem Gepäck. „Ich nehme an, hier drinnen werden Sie es bequem haben. Grenley wird sich um Sie kümmern, und es gibt auch einen Esskorb.“

„Guten Morgen, Lord …“

Doch er war bereits wieder auf dem Weg zu seinem Wagen und stieg eilig hinein. Der Diener erwartete sie an der geöffneten Tür ihres Wagens. Lucy lächelte den Mann kurz an und stieg ein, Amy kam hinter ihr her. Die einzige andere Insassin war eine junge Frau in einfachem schwarzen Reisekleid mit Haube. Sie saß mit dem Rücken zum Kutscher. Vermutlich eine Magd.

„Guten Morgen, Miss.“ Die junge Frau stand halb auf und vollführte einen Knicks, so gut es im beengten Inneren der Kutsche möglich war. „Ich heiße Grenley, Miss, und ich bin Lady Sophias Zofe.“

Miss …? Was hatte Lord Burnham der Zofe über sie erzählt? Hatte er ihren Namen verraten oder nicht? Sie tat so, als stolpere sie, murmelte etwas und fügte mit klarerer Stimme hinzu, als sie sich setzte: „Dies ist meine Zofe, ähm … Pringle.“ Ihr war gerade noch rechtzeitig eingefallen, dass es für ihren und Amys Status in dem Haus, das sie besuchten, als sehr bürgerlich angesehen würde, eine Dienerin mit dem Vornamen anzureden.

Grenley setzte sich auf eine Seite, um Platz zu machen für Amy. Dann saß sie nur noch schweigend da und schaute auf ihre Hände hinab.

Ist sie von Natur aus so zurückhaltend? Oder besteht Lady Sophia darauf, dass sie sich so unterwürfig verhält?

„Sie sind also nicht mit Lady Sophia zusammen gereist?“

„Nein, Miss.“ Die junge Frau rutschte sichtlich unbehaglich ein wenig hin und her. „Ich hatte bereits für sie gepackt, aber dann hörte ich von Weitem, wie Lord Burnham ihr sagte, sie dürfe nicht reisen, also begann ich, wieder auszupacken. Aber sie sagte mir, ich solle alles so belassen, weil sie ihn überreden werde, seine Meinung zu ändern. Das war vorgestern. Gestern gab sie mir den ganzen Tag frei, und als ich zurückkam, war sie fort, und Seine Lordschaft war nicht in bester Laune, das kann ich Ihnen sagen.“

„Und was ist mit Lady Sophias Anstandsdame? Miss … Hemmingway?“

„Hathaway. Seine Lordschaft hat sie entlassen und ihr Geld gegeben, um zu Lady Sophias Mutter nach Bath zu fahren. Sie war in Tränen aufgelöst, aber er war eiskalt. Sehr höflich und ohne zu schreien, aber … Sie wissen schon.“

„Zum Glück nicht.“ Obwohl sie es sich nur allzu gut vorstellen konnte. „Arme Lady. Ich könnte mir denken, dass sie einigen Einfluss auf Lady Sophias Handlungsweise hatte.“

„Nein, Miss. Sie war mehr eine Transuse, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ständig lag sie ermattet auf dem Sofa, las Romane und seufzte.“ Nun fiel ihr anscheinend auf, dass diese faszinierenden Enthüllungen ziemlich indiskret waren, und sie versank in betretenes Schweigen.

Die Kutsche fuhr an, und Lucy lächelte ihre eigene Zofe an, die alles um sich herum mit neugierigen Blicken betrachtete. Niemand konnte von Amy behaupten, sie sei schweigsam oder eine Transuse. Sie durfte nicht vergessen, sie zu ermahnen, nichts über die Belange ihrer Herrin auszuplaudern, wenn sie ankamen.

Plötzlich fiel ihr etwas ein, und sie setzte sich ruckartig auf. Ihr Retikül landete auf dem Boden, und die Zofen stießen mit den Köpfen zusammen, als sie sich gleichzeitig bückten, um es aufzuheben. Letzte Nacht war ihr so viel durch den Kopf gegangen, aber dieser Gedanke – der wichtigste von allen – kam ihr erst jetzt.

Was würde Lord Burnham wohl Lady Hopewell über sie sagen? Was würde er über diese unerwartete Besucherin erzählen? Er konnte sie wohl kaum als Musiklehrerin vorstellen, die seiner Schwester nachspionieren sollte. Für einen alleinstehenden Gentleman gab es aber keinen akzeptablen Grund, eine junge Lady zu begleiten, die nicht mit ihm verwandt war. Es gab nur eine Schlussfolgerung, zu der ihre Gastgeberin kommen würde. Selbst der völlig unerfahrenen Lucy war dies klar.

Und wenn es nun die korrekte Schlussfolgerung war? Was, wenn der Earl sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu dieser Hausparty gelockt hatte, nur mit der Absicht, sie zu verführen? Gab es diese Hausparty überhaupt? Es konnte doch alles nur ein hinterlistiger Plan sein, um sie zu entführen.

Dann schaute sie auf ihr eigenes Spiegelbild im Glas, und die Vernunft setzte wieder ein. Ein gutaussehender, begehrenswerter, reicher, humorloser und herrschsüchtiger Earl hatte es nicht nötig, eine langweilige und reizbare Musiklehrerin mit ausgeklügelten Plänen zu verführen. Er brauchte doch nur einen Finger zu heben, und die Frauen warfen sich ihm an den Hals, da war sie sich ganz sicher.

Wie dem auch sei. Doch sie konnte wohl kaum zusammen mit Lord Burnham eintreffen, ohne eine plausible Erklärung. Auch ihren eigenen Namen konnte sie nicht verwenden. Lambert war kein ungewöhnlicher Name, aber ihre Eltern wohnten immerhin in der Nähe von Lady Hopewells Haus, obwohl sie niemals in diesen Kreisen verkehrten. Jemand aus der Dienerschaft oder von den Gästen mochte aber eine Familie Lambert kennen, die in der Nähe wohnte. Lucy musste beim ersten Pferdewechsel mit Lord Burnham darüber sprechen, wie sie sich verhalten sollten.

Die Zofen schauten beide aus dem Fenster, also tat Lucy es auch. Es würde eine lange Reise werden, und sie hatte nicht daran gedacht, ein Buch oder ein Reise-Schachspiel mitzunehmen. Wenn sie früher auf einer längeren Kutschfahrt war, hatte sie im Kopf immer ihre Musik gehört. Ihre Freundin Miranda hatte ihr einmal erzählt, dass ihre Finger ständig in Bewegung seien und die Töne spielten.

Ihre Musik war natürlich immer noch da, die konnte sie wohl kaum vergessen. Aber sie konnte sie nicht mehr spielen, und dieser Verlust machte sie so traurig, dass sie beinahe weinte. Als sie noch spielen konnte, rauschte die Musik durch ihren ganzen Körper und floss durch die Finger aus ihr hinaus. Wenn sie nun der Musik in ihrem Kopf lauschte, war es, als beschreibe jemand einen Duft oder eine Farbe, ohne dass sie imstande war, selbst etwas zu riechen oder zu sehen.

Sie brauchte viele Wochen, um zu begreifen. Zuerst fühlte sie nur Schmerz und Schock. Dann füllte sich die Leere, die die Musik in ihr hinterlassen hatte, mit der Umwelt – all den Menschen und Dingen, die sie bisher hatte ausklammern können. Alles stürmte nun lautstark auf sie ein und erforderte ihre Aufmerksamkeit. Nun konnte sie sich alledem nicht mehr entziehen. Irgendwie musste sie lernen, damit zu leben und sich ganz auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Und auf andere Menschen.

Ihre Freundinnen waren anders, waren es immer gewesen. Sie waren alle kreativ und tolerant und unterstützten sie. Lucys Geistesabwesenheit hatte sie nie gestört. Sie liebte sie von Herzen, aber jetzt erst begann sie zu begreifen, wie tolerant sie wirklich gewesen waren. Sie waren immer schon bereit gewesen, ihre Freundin so anzunehmen, wie sie war – stets nur mit halber Aufmerksamkeit dabei und ohne sich wirklich zu beteiligen. Sie war sehr egoistisch gewesen, wie Lucy inzwischen mit neuer Selbsterkenntnis einsah.

Doch es zu akzeptieren, half ihr nur wenig dabei, mit einer Welt umzugehen, in der sie sich neu zurechtfinden musste, nachdem man ihr die Musik entrissen hatte. Ein Schmetterling ohne Flügel war nichts anderes als ein kriechendes Insekt.

Lucy merkte, dass sie sich wieder selbst bemitleidete. Das war wohl der Grund für ihre Reizbarkeit. Sie musste mit dieser ganzen aufdringlichen und befremdlichen Welt umzugehen lernen. Und sie wusste, dass es ihr noch besser gelingen musste. Eigentlich sollte sie dankbar sein, dass ihre Verletzungen nicht noch schlimmer waren, dass sie gute Freundinnen hatte und eine Fähigkeit, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnte.

Sie würde irgendwie lernen müssen, weniger harsch zu sein und mehr Dinge zu akzeptieren, ohne dass aus ihr eine demütige kleine Maus oder eine verbitterte alte Jungfer wurde.

Und jetzt ist es genug der Selbstbetrachtung und guten Vorsätze. Die Kutsche wurde langsamer. Wenn dies ein Stopp für den Pferdewechsel war, würde sie Lord Burnham sofort zu Leibe rücken.

„Mylord!“

Was nun? Diese vermaledeite Frau marschierte über den gepflasterten Hof auf ihn zu und sah dabei aus wie ein Zweimaster, der gegen die gesamte französische Flotte in den Krieg zog. Max hatte sie mit einer bequemen Kutsche und Verpflegung versorgt, außerdem hatte sie zwei Zofen als Anstandspersonen. Und obendrein bezahlte er ihr eine hübsche Summe Geld.

„Miss Lambert?“

„Wir haben noch nicht darüber gesprochen, wie wir Lady Hopewell und den übrigen Gästen meine Anwesenheit erklären.“

Womit sie tatsächlich recht hatte. Max hatte beabsichtigt, für diesen schwierigen Punkt irgendwo zwischen London und Staning Waterless eine Lösung zu finden, aber bisher hatte er noch keine Eingebung gehabt. „Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen.“

„Natürlich brauche ich das. Und stehen Sie nicht herum mit so einem unsäglich überlegenen Gesicht – ich kann Ihnen versichern, dass es mich nicht mit Zuversicht erfüllt.“

Da Max vorgehabt hatte, ihr durch vertrauenswürdige männliche Überlegenheit Zuversicht zu vermitteln, war dies nicht die erhoffte Reaktion. Er sah sie nun mit dem strengen Blick an, der normalerweise andere Menschen unsicher machte und zum Schweigen brachte. „Sagen Sie mir, Miss Lambert, sind Sie immer so leicht reizbar?“

„Wenn Sie so vieles hätten, das Sie ärgert, dann wären Sie auch reizbar.“ Sie starrte ihn sichtlich empört an. Ihre schlichte Haube war kaffeebraun und würde eigentlich eintönig aussehen, wenn sie nicht irgendwie ihre erbost blitzenden Augen und ihre geröteten Wangen unterstreichen würde. Die ärgerliche Röte stand ihr gut. Tatsächlich brachte ein gereizter Zustand sichtlich das Beste in ihrem Aussehen zum Vorschein.

Was nicht viel zu bedeuten hat, dachte Max bedauernd.

Weibliche Schönheit war ein großes Vergnügen für ihn. Jedoch bewunderte er Frauen am liebsten aus einiger Entfernung und ließ sie nicht gern an sich herankommen. Er musste eine schöne Frau nicht besitzen, um sie zu genießen. Obwohl natürlich alle seine Mätressen sehr schön gewesen waren. Er bedauerte für einen Moment die Trennung von Hortense, der letzten. Obwohl er nicht vermisste, dass sie mit Meissner Porzellanfiguren nach ihm geworfen hatte, wenn sie sich provoziert fühlte. Aber trotzdem …

„Wir müssen uns etwas überlegen, sonst wird jeder annehmen, dass ich Ihre Mätresse bin“, sagte Miss Lambert rundheraus und verdarb damit die flüchtige Erinnerung an Hortenses entzückende Einfälle, nach einem Streit alles wieder gutzumachen.

„Das wage ich zu bezweifeln“, gab Max zurück, ohne auf die richtige Wortwahl zu achten.

Miss Lambert hob ihren Kopf mit einem Ruck, und die schmeichelhafte rosige Gesichtsfarbe verschwand von ihren Wangen. „Es ist mir sehr wohl bewusst, dass ich nicht attraktiv bin, Lord Burnham. Ein wirklicher Gentleman würde es aber nicht so deutlich herausstreichen.“

Nun zu behaupten, sie sei nicht reizlos, wäre vergeblich. Die Frau besaß sicher einen Spiegel. Max hatte jedoch immerhin so viel Geistesgegenwart, die Dinge nicht noch schlimmer zu machen. „Das meinte ich nicht. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht im Traum daran denken würde, gegen die guten Sitten eine Partnerin zu einer Party mitzubringen, auf der Ladys anwesend sind.“ Es klang so, als sei es bei wilden Junggesellenpartys etwas anderes. Dies fiel ihm erst auf, als Miss Lambert den Mund verzog.

„Hier spricht ein passender Vormund für eine jüngere Schwester, da bin ich sicher. Diskretion verbunden mit Heuchelei. Allerdings brauchen wir trotzdem einen Grund dafür, dass Sie mein Begleiter sind, auch wenn Ihre Bekannten von Ihrer Diskretion überzeugt sein mögen.“

„Wie schon gesagt, ich werde eine Begründung finden. Inzwischen sind die Pferde angeschirrt, also können wir weiterfahren, sobald Sie sich wieder in den Wagen setzen.“ 

Autor

Louise Allen
Louise Allen lebt mit ihrem Mann – für sie das perfekte Vorbild für einen romantischen Helden – in einem Cottage im englischen Norfolk. Sie hat Geografie und Archäologie studiert, was ihr beim Schreiben ihrer historischen Liebesromane durchaus nützlich ist.
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