Ein Weihnachtsmärchen in London

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Fionas Zukunft scheint allein ihrer kleinen Buchhandlung zu gehören - bis ein mysteriöser Mann durch die Tür tritt und ihr Herz in seltsame Schwingungen versetzt. So, als würden sich ihre Seelen schon lange lieben und sich dieses Jahr zur Weihnachtszeit finden …
  • Erscheinungstag 28.12.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733729028
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

MacPherson und Tochter, Buchhändler

Covent Garden, London

23. Dezember 1890, vier Uhr nachmittags

Du wirst heimgesucht werden – von drei Geistern.“

Fiona MacPherson, Besitzerin der Buchhandlung, las ihr Lieblingszitat aus Dickens’ Weihnachtsgeschichte ein letztes Mal vor und genoss den herrlich unheimlichen Klang der Worte. Dann schloss sie das Buch und legte es auf den Teetisch. Sie, Lady Adelaide Kendall und Miss Claire Halliday hatten sich an eben diesem Tisch im hinteren Teil der Buchhandlung eingefunden, wo sie jetzt bereits seit zwei Jahren ihre Leseabende abhielten. Was als angenehmer Zeitvertreib für Buchhändlerin und Kundinnen begann, hatte sich inzwischen zu einer tiefen Freundschaft weiterentwickelt.

Ihre monatlichen Leseabende waren der gesellschaftliche Lichtblick in Fionas nicht gerade ereignisreichem Leben. Tatsächlich sogar der einzige Lichtblick. Zwar begegneten sie sich außerhalb der Buchhandlung niemals, denn zu verschieden waren die Kreise, in denen sie jeweils verkehrten. Dennoch hatten sie aneinander einen Halt gefunden, der jeder von ihnen über die Probleme und Sorgen des Lebens hinweghalf.

Claire hatte vor vier Jahren – ausgerechnet zur Weihnachtszeit – ihren Verlobten Stephen bei einem Kutschunfall verloren. Seine Familie, die Mayhews, zwangen ihr seitdem eine verlängerte Trauerzeit auf, die sie vielleicht nicht zu einem frühen Tod verdammte, aber gewiss zu einem sicheren Ende als alte Jungfer.

Addie wies manchmal eine Melancholie auf, die Fiona auf einen gewissen gut aussehenden jungen Mann zurückführte. Sebastian Hartley, Viscount Channing, ausgerechnet der Verehrer ihrer Schwester, tauchte allzu häufig in Addies Unterhaltung auf, um nichts weiter als ein „guter Freund“ zu sein. Fiona würde ihren letzten Penny darauf verwetten, dass der Viscount sehr viel mit Addies plötzlichem Entschluss zu tun hatte, in den folgenden Monaten in Paris Kunst zu studieren. Sobald sie sich auf die Reise gemacht hatte, würde sich wohl auch ihr kleiner Lesezirkel auflösen. Den Gedanken empfand Fiona als sehr bedrückend.

Sie selbst hatte auch einiges durchgemacht in ihrem Leben. Vor fünf Jahren war sie auf einer vereisten Bahnstation gestürzt und hatte sich nicht ganz davon erholt. Seitdem hinkte sie leicht und fürchtete sich vor Menschenmengen – beides hatte ihrer Hoffnung auf eine Tanzkarriere ein abruptes Ende bereitet. Doch ihr waren immer noch ihr Vater, ihre Katze und der Leseabend mit ihren Freundinnen als Trost geblieben. Der Tod ihres Vaters vor einem Monat, obwohl nicht unerwartet, war dann der bisher größte Schlag für sie gewesen. Nun schwebte auch noch die Zukunft ihrer geliebten Buchhandlung in Gefahr. Doch diese Neuigkeit hielt sie vor ihren Freundinnen geheim, um ihnen nicht die Weihnachtstage zu verderben.

Gereizt meinte sie jetzt: „Ich muss sagen, Mr Scrooge gefiel mir viel mehr vor seiner so genannten Besserung.“

Ihre Freundinnen sahen sie erstaunt an.

„Fiona, wirklich“, protestierte Addie und verschluckte sich fast an ihrem Zitronenkuchen, „wie kannst du so etwas sagen? Scrooge war ein so unglücklicher, gemeiner alter Geizhals.“

„Fiona, meine Liebe“, warf Claire sanft ein. „Im Grunde stimme ich dir ja zu. Wahrscheinlich ist er uns sympathisch, weil wir wie er herzlich wenig für Weihnachten übrighaben.“

Fiona nickte und spürte zu ihrem Entsetzen, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Hastig blickte sie auf ihre Hände und strich gedankenverloren über den schwarzen Baumwollstoff ihres Trauerkleides. Es gab noch einen weiteren Grund für ihre Schwermut, den sie vor allen geheim hielt. Sie hatte am ersten Weihnachtstag Geburtstag, und es war ihr dreißigster. Sobald die Uhr morgen zur Mitternacht schlug, würde sie sich ein für alle Mal mit dem Schicksal einer alten Jungfer abfinden müssen. Aber wenigstens eine alte Jungfer, die sich selbst ernähren konnte – wenn sie es schaffte, ihre Buchhandlung zu behalten.

Mühsam riss sie sich zusammen. Zwar wollte sie ihren Freundinnen nicht die Freude auf das Weihnachtsfest vergällen, doch sie war stolz auf ihre Ehrlichkeit, selbst wenn man ihr oft vorwarf, dass sie es meist damit übertrieb. „Gewiss, Scrooge ist viel zu hart mit seinem Gerede über die Notwendigkeit von Arbeitshäusern und dass man unbedingt etwas gegen die überzählige Bevölkerung tun solle. Aber wenigstens ist er kein Heuchler. Warum sollten wir eine Fröhlichkeit vortäuschen, die wir nicht empfinden können? Nur weil der Kalender uns dazu zwingt? Es kommt mir ganz fürchterlich falsch vor, und ich zumindest bin entschlossen, da nicht mitzumachen.“ Ungeduldig strich sie sich eine kupferrote Locke aus der Stirn. Ihre blauen Augen blitzten ärgerlich. „Gerade wir haben doch nun wirklich keinen Grund, zu Weihnachten oder zu sonst einer Zeit fröhlich zu sein, oder?“

„Wenigstens haben wir unsere Gesundheit“, wandte Claire ein.

Addie schluckte mühsam und sagte kummervoll: „Und ihr beide könnt auf eine romantische Zukunft hoffen.“

Wie immer sehr elegant in ihrem marineblauen Wollrock und dazu passender Jacke, schüttelte Claire entschieden den Kopf. „Addie, woher willst du wissen, ob du nicht vielleicht deiner wahren Liebe begegnest, während du in einem Park von Paris eine Skizze anfertigst? Und du, Fiona, wirst deinen Traummann vielleicht auf die gleiche Weise kennenlernen wie Addie und mich – hier in deiner Buchhandlung.“

Fiona musste gegen ihre Tränen ankämpfen. Woher sollten ihre Freundinnen auch wissen, dass das Geschäft, die Bücher, ja, sogar der Tisch, an dem sie saßen, ihr jeden Moment entrissen werden konnten?

Ihnen zuliebe zwang sie sich zu einem Lächeln und schenkte ihnen Tee nach. „Was dieses Weihnachtsfest und das neue Jahr auch bringen mögen, wenn ich eure Freundschaft besitze, wozu brauche ich da einen Mann?“

„Ja, wozu wohl!“

Fern, Fionas Schutzengel, wandte sich mit einer kläglichen Grimasse an ihre Gefährtinnen Periwinkle und Rose, die neben ihr über den Bücherregalen schwebten. „Die arme Fiona hat nicht nur jede Hoffnung auf Weihnachten aufgegeben, sondern auch auf die wahre Liebe. Und das ist allein meine Schuld!“ Ein Schluchzen unterstrich ihre dramatische Äußerung, während türkisfarbene Funken sich zu den Staubkörnchen in der kühlen Luft gesellten.

Sie konnte sich den Unfall vor fünf Jahren nicht verzeihen. Fiona hatte ihren Vater zu einer Auktion in Hungerford in der Nähe von Oxford begleiten wollen. Dort sollten sie die Bibliothek eines Lords begutachten, und Fiona hätte so auch ihre wahre Liebe kennengelernt. Doch kurz bevor sie in den Zug steigen wollten, hatte Fern ihre Pflichten als Schutzengel sträflich vernachlässigt. Abgelenkt durch den hübschen Schal einer anderen Reisenden – natürlich in einem wunderschönen Türkis – hatte sie ihre Aufmerksamkeit einen winzigen Moment von Fiona abgewendet. Eine winzige Unachtsamkeit mit verheerenden Folgen. Von der Menge mitgerissen, war Fiona auf einer vereisten Stelle auf dem Bahnsteig ausgerutscht und gefallen. Da sie sich den Knöchel verstaucht hatte, war sie gezwungen gewesen, zu Hause zu bleiben – und hatte so die Begegnung mit ihrer wahren Liebe, dem einzigen Menschen, der sie wirklich glücklich machen konnte, verpasst. Zu allem Übel behielt sie außerdem noch ein leichtes Hinken von dem Unfall zurück und eine lähmende Angst vor großen Menschenmengen. So wie die Dinge heute lagen, bestand die Gefahr, dass sie eine verbitterte alte Jungfer wurde.

„Sei nicht so streng mit dir“, sagte Rose, Adelaides Schutzengel, und klopfte Fern, rosafarbene Funken versprühend, mit der pummeligen Hand auf die Schulter.

„Wir alle machen mal einen Fehler.“ Claires Engel Periwinkle winkte ab, wobei sich ihre blaue Glitzerwolke mit dem Glitter ihrer Gefährtinnen vermischte.

Fern schüttelte den Kopf. „Ihr beide habt leicht reden. Du hast zwar manche Gelegenheit bei deiner Lady Adelaide verpasst, Rose, zugegeben. Aber du hast nicht zugelassen, dass ihr je etwas wirklich Gefährliches zustieß.“ Sie wandte sich so abrupt an Periwinkle, dass diese schüchtern zusammenzuckte. „Und du bist Claire erst vor drei Wochen zugewiesen worden. Drei Wochen! Du bist frisch und unverbraucht wie der Morgentau und kannst mein Problem gar nicht verstehen.“

Die himmlischen Mächte hatten jeder Engelnovizin eine Frist gegeben. Bis die Uhr am letzten Tag des Jahres zur Mitternacht schlug, mussten Claire, Adelaide und Fiona mit ihrer wahren Liebe vereint sein. Sollten die Engel jedoch versagen, würde erst ein Jahrhundert vergehen müssen, bevor sie wieder eine Gelegenheit bekamen, sich ihre Flügel zu verdienen. In Erdenjahren war das eine kleine Ewigkeit, aber auch in Sternenjahren gezählt, war es keine Kleinigkeit. Das Schlimmste jedoch wäre, dass ihre drei Schützlinge gezwungen sein würden, ihr Leben als alte Jungfern zu fristen. Das verlangten die Regeln.

Händeringend sprach Periwinkle Ferns Befürchtungen aus. „Ich hoffe nur, die himmlischen Mächte haben uns genügend Zeit gegeben. Eine Erdenwoche scheint mir nicht sehr lang zu sein, um ein Wunder zu vollbringen – drei Wunder eigentlich!“ Bedrückt stützte sie die Wange in die Handfläche.

„Hör schon auf herumzuzappeln, Periwinkle, und beruhige dich“, wies Fern sie streng an. Ihre gewohnte Zuversicht war wieder da. „Unser Plan, Mr Dickens’ Geschichte für unsere Zwecke einzuspannen, ist ein wahrer Geniestreich.“

Rose schüttelte ihren silbern schimmernden Kopf so heftig, dass ihre Brille bis zur Nasenspitze rutschte. „Ein Buch über Weihnachten, und dennoch kommt kein einziger Engel darin vor, nur Geister. Geister! Ich kann nicht begreifen, was sich Mr Dickens dabei gedacht haben mag – oder ob er überhaupt nüchtern gewesen ist –, als er sich hinsetzte und diesen Unsinn verzapfte.“

Fern winkte ab. „Sicher, ich gebe dir recht. Trotzdem hat der Inhalt des Buches sich in der Vorstellungskraft unserer Schützlinge eingenistet, und so sollte es eigentlich nützlich sein, wenn wir uns einfach die Rolle des Engels der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht aneignen.“

Sie war sich nur allzu bewusst, dass ihnen die Zeit davonlief, während sie beobachtete, wie Fiona jede ihrer Freundinnen zum Abschied umarmte und dabei ein tapferes Lächeln aufsetzte. Doch Fern ließ sich durch ihr Lächeln nicht täuschen. Sie spürte, dass ihrem Schützling das Herz brach. Immerhin kannte sie Fiona ja auch seit deren Geburt. Sie erinnerte sich gern an die vielen Spiele mit der kleinen Fiona, die sie bei ihren ersten wackligen Schritten begleitet hatte. Damals hatte ihr Schützling sie noch sehen können. Als Erwachsene war ihr die Existenz ihres Schutzengels nicht mehr bewusst, und dennoch gab es ein ungewöhnlich starkes geistiges Band zwischen ihnen.

Adelaide und Claire verließen die Buchhandlung, die Tür wurde hinter ihnen geschlossen. Mit hängenden Schultern hinkte Fiona zum Tisch zurück und räumte das Teegeschirr ab. Bei diesem traurigen Anblick füllten sich Ferns Augen unwillkürlich mit etwas, das sich verdächtig nach menschlichen Tränen anfühlte.

Rose berührte sie an der Schulter. „Ich glaube nicht, dass Fiona sich auch nur halb so viele Gedanken über ihr Hinken macht wie über ihre Augen. Es stört sie, dass sie verschiedene Farben haben.“

Verblüfft sah Fern sie an. „Das ist ja völlig absurd! Ein blaues und ein grünes Auge zu haben, ist ein seltenes Geschenk der himmlischen Mächte.“ Sie breitete die Arme aus, um auf ihr prächtiges himmlisches Gewand zu weisen, dessen eine Hälfte in verschiedenen Grüntönen schimmerte, die andere in Himmelblau. „Fionas Augen sind das Tor zu ihrer abenteuerlichen, freiheitsliebenden Seele und das Merkmal, an dem ihre wahre Liebe sie erkennen wird.“

Fern hoffte nur, Fiona würde so weit mitspielen und auch ihrerseits ihre große Liebe erkennen. Selbst ein Engel in den Diensten der himmlischen Mächte konnte nicht mehr als sein Bestes tun. Seine Willensfreiheit war und blieb jedoch das Geburtsrecht eines jeden Menschen. Und hier kam Ferns Rolle als Engel der zukünftigen Weihnacht ins Spiel. Ihren Schützling einen Blick in die grimmige Zukunft tun zu lassen, sollte alles so weiterlaufen wie bisher, mochte ein wenig plump erscheinen, ließ sich aber unter diesen Umständen nicht vermeiden. Fern durfte sich keine Zaghaftigkeit erlauben. Etwas musste geschehen, das Fiona aus ihrem Kummer aufrüttelte und sie zwang, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Zwar ahnte sie es noch nicht, doch ihre wahre Liebe würde noch an diesem Abend die Buchhandlung aufsuchen. Fern durfte keinen einzigen Moment ungenutzt lassen.

Sie wandte sich an Rose und Periwinkle. „Unsere Schützlinge haben sich für die Weihnachtstage getrennt. Höchste Zeit, dass wir die Ärmel hochkrempeln und an die Arbeit gehen.“

„Vergessen wir da nicht etwas?“, fragte Periwinkle mit bebender Stimme.

„Wir sind Engel, selbst wenn wir uns noch unsere Flügel verdienen müssen“, fügte Rose hinzu.

Etwas verlegen nickte Fern. In ihrem Eifer hatte sie ganz das nötige Protokoll vergessen. „Selbstverständlich. Ich habe euch nur auf die Probe stellen wollen.“

Ohne ein weiteres Wort formten sie einen Kreis, legten die Fingerspitzen aneinander und gingen in sich, um gemeinsam den vertrauten Singsang anzustimmen.

„Mit Hilfe des Himmels – möge diese Weihnacht für unsere drei Schützlinge ein Wunder bringen, sodass sie sich noch viele schöne Jahre voller Dankbarkeit, Freude und Liebe an dieses Fest erinnern.“

1. KAPITEL

Fiona räumte den Tisch ab. Während sie die Kuchenkrümel in den Abfallkorb warf, tat sie ihr Bestes, sich nicht dem Gefühl der Einsamkeit hinzugeben. Jetzt, da Addie und Claire gegangen waren, kam ihr die Buchhandlung bedrückend leer vor. Das Ticken der Kuckucksuhr und das leise Schnarchen ihrer Katze, die am Erkerfenster döste, waren die einzigen Geräusche im ansonsten stillen Raum.

Sie seufzte schwer, stellte den Stapel Teller ab und ging zum Fenster hinüber. Ihre Katze Grey Ghost rührte sich nicht, als Fiona die beschlagene Scheibe sauber rieb und hinausblickte. Die Straßenlampe beleuchtete den heftig fallenden Schnee. Keine einzige Fußspur war auf dem Gehweg zu sehen. In Covent Garden, wo sich das Royal Opera House, unzählige Varietétheater, Wirtshäuser, Türkische Bäder und Freudenhäuser befanden, wimmelte es für gewöhnlich von Menschen – sowohl der zwielichtigen Sorte als auch der kultivierteren. Aber an diesem Abend schienen die Blumenverkäuferinnen und Obsthändler, die Gastwirte und selbst die Dirnen ihre Geschäfte auf nach dem Fest verschoben zu haben. Fiona hätte es nicht für möglich gehalten, aber der übliche Lärm der Trinkfreudigen fehlte ihr. Mr Dickens’ Scrooge hatte ja so recht.

Weihnachten war ein einziger Humbug!

Autor

Hope Tarr

Als lebenslange Leseratte träumte Hope Tarr schon davon Autorin zu sein, seitdem sie das erste mal auf der Tastatur ihrer Fisher-Price-Schreibmaschine spielte. Dieser Traum überlebte einen Masterabschluss in Psychologie und einen PhD in Lehramt. Eines Tages, als sie gerade beruflich Statistiken auswertete, wurde ihr die kalte und harte Wahrheit klar:...

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