Eine Erbin in Nöten

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Amelia Wheeler ist erwachsen geworden. In Kindertagen hat sie noch jede Gelegenheit genutzt, ihrer steifen Erziehung zu entfliehen, mit ihrem Freund Nate aus einem der ärmeren Stadtviertel Portsmouths herumzustreunen und ihre Kleider zu ruinieren. Nun schwebt sie als reiche Erbin auf der Suche nach einem adligen Ehemann durch die Londoner Ballsäle. So, wie sie es ihrer schwer kranken Mutter versprochen hat. Leider steckt hinter der wohlerzogenen Fassade noch immer jene Amelia, die Schwierigkeiten magisch anzieht. Als dann auch noch Nate wieder auftaucht – neuerdings reich und attraktiv – und ihr Herz höherschlagen lässt, droht gewaltiger Ärger …


  • Erscheinungstag 26.09.2026
  • Bandnummer 190
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540438
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Amanda Weaver

Eine Erbin in Nöten

Amanda Weaver

liebt Liebesromane, seit sie mit fünfzehn Jahren ihren ersten Roman von Kathleen E. Woodiwiss gelesen hat. Nach einem langen Umweg über eine Karriere als Kostümdesignerin am Theater hat sie zu den Liebesromanen zurückgefunden, diesmal als Autorin. In Florida geboren, lebt sie heute mit ihrer Familie und ihren Katzen in Brooklyn.

PROLOG

Portsmouth, England, 1885

Mama hielt ein Nickerchen. Sie schien es immer öfter nötig zu haben.

Amelia trat von einem Fuß auf den anderen, spähte von der Tür aus ins Schlafzimmer und sah ihr beim Schlafen zu. Ihre Augen waren geschlossen und ein Tuch lag über ihrer Stirn, zweifellos nach all jenen kuriosen Kräutern duftend, mit denen ihre Zofe es einweichte, um die Kopfschmerzen ihrer Herrin zu kurieren.

Heute schienen sie nichts zu nützen. Mama schlief tief und fest, und die strenge Mrs. Simpson, ihre Haushälterin, hatte Amelia befohlen, nicht im Weg herumzustehen, sondern stillzusitzen, ein gutes Mädchen zu sein und an ihrer Stickerei zu arbeiten. Aber Amelia hasste es stillzusitzen und ihre Stickerei war grässlich.

Wenn es Mama so schlecht ging, würde sie bis zum Dinner durchschlafen. Heute würde also kein Vorlesen stattfinden. Mama war eine so gute Vorleserin. Amelia beugte sich vor und legte ihr Buch auf den kleinen Tisch in Mamas Zimmer, für den Fall, dass sie sich morgen besser fühlte.

Danach schloss sie die Tür so behutsam wie möglich und ging auf Zehenspitzen die Hintertreppe hinunter. Wenn Mama ihr heute sowieso nicht vorlesen würde, würde sie selbst ganz gewiss nicht im Haus bleiben, um sich von Mrs. Simpson den ganzen Nachmittag lang ermahnen zu lassen, nur keinen Laut von sich zu geben. Als sie durch die Küche ging, hielt sie nur kurz inne, um sich zwei Fleischpasteten zu schnappen, die von gestern übrig geblieben waren, und sie in eine Serviette zu wickeln. Sobald sie aus der Hintertür hinausgeschlüpft war, eilte sie zu jenem Teil des winzigen Gartens, wo die Latten am Zaun locker waren. Nachdem sie sich durch die Lücke gezwängt und die Gasse betreten hatte, die hinter dem Haus entlangführte, lief sie, so schnell sie konnte, los und blieb nicht stehen, bevor sie die Queen Street erreicht hatte, wo die Welt sehr viel interessanter wurde.

Von Pferden gezogene Wagen drängten sich auf der Straße, während Männer riesige Ballen von Fischernetzen schleppten und sich dabei an Frauen vorbeischlängelten, die Körbe voller Gemüse und anderer Nahrungsmittel mit sich trugen, um sie auf dem Markt feilzubieten. Karren rumpelten dahin, Maschinen klapperten und überall schimpften, schrien und lachten die Menschen. Die Luft roch nach Maschinenöl, Pferdemist und Fisch und ganz schwach auch nach dem scharfen Salzgeruch des Meeres. Wie konnte irgendjemand von ihr verlangen, im Haus zu bleiben und sich brav und damenhaft zu benehmen, während das geschäftige Portsmouth nur darauf wartete, erkundet zu werden?

Amelia bückte sich, schlüpfte unter einem langen Holzbalken hindurch, der von zwei Hafenarbeitern über die Straße getragen wurde, und setzte ihren Weg zur Hawke Street und zu dem schmalen, schiefen Häuschen fort, das wie ein zweites Zuhause für sie war. Als sie es erreichte, stand die Haustür offen und zwei kleine Kinder saßen auf den Stufen davor, beide tief versunken darin, einen Haufen Muscheln zu sortieren.

„Hallo, Johnny. Hallo, Mary.“ Amelia blieb kurz stehen und tätschelte beiden Kindern freundlich den Kopf.

„Guck mal!“ Johnny hielt zwei Muscheln hoch. „Ich habe zwei gleiche gefunden!“

„Wie klug von dir, Johnny!“

„Meine“, sagte Mary und griff mit ihren molligen Fingerchen nach Johnnys Muscheln.

Amelia ging um die Kinder herum und schaute in die dunkle Vorderstube hinein. Aber das war nur eine Beschönigung, denn tatsächlich gab es nicht wirklich ein vorderes Zimmer und eins dahinter, es war vielmehr der einzige Raum und darüber gab es noch ein Schlafzimmer.

„Mrs. Smythe?“

„Hallo, Amelia!“, kam eine Frauenstimme aus der hinteren Ecke. „Natty ist mit den Jungs in den Hafenanlagen.“

Mrs. Smythe kam aus dem Halbdunkel hervor, wischte sich die Hände an ihrer Schürze trocken und kniff die Augen zusammen, als das Tageslicht ihr aufs Gesicht fiel. Natty sagte, seine Mutter sei einmal hübsch gewesen, wenn es jetzt auch kaum wahrscheinlich zu sein schien. Genau wie Mama hatte Mrs. Smythe aus Liebe geheiratet und deswegen ihre hohe Stellung in der Gesellschaft eingebüßt. Sie war früher die Tochter eines Händlers gewesen und recht wohlhabend, bevor sie mit einem gut aussehenden Seemann durchgebrannt war. Deswegen konnte sie auch lesen und schreiben, im Gegensatz zu so vielen ihrer Nachbarn hier in der Hawke Street. Aber sie hatten ihr ja nicht wirklich etwas eingebracht, ihr Wissen und ihre guten Manieren. Jetzt gelang es ihr nur mit Mühe, ihre Familie über Wasser zu halten, da Mr. Smythe kaum arbeitete und den ganzen Tag im Wirtshaus verbrachte.

„Oh, Natty ist also mit den Jungs zusammen?“

Mrs. Smythe strich Amelia die Locken aus der Stirn. „Geh ruhig. Du bist allemal bessere Gesellschaft für ihn als jene Raufbolde. Wenn du in der Nähe bist, achtet Natty auf seine guten Manieren.“

Manieren. Sie mochte Natty ja gerade, weil er sie nicht wie eine kleine Prinzessin behandelte oder auf Manieren Wert legte. Natty würde nie versuchen, sie mit der dämlichen Stickerei abzuspeisen. Er forderte sie vielmehr dazu heraus, den höchsten Mast im Hafen hinaufzuklettern, und dann versuchte er, schneller zu sein als sie – was natürlich dumm von ihm war, denn sie gewann immer.

„Gut, ich gehe ihn suchen.“

„Komm bald wieder zu Besuch.“ Mrs. Smythe lächelte sie voller Zuneigung an. „Du weißt, dass du hier immer willkommen bist.“

„Hast du uns heute etwas mitgebracht?“, fragte Johnny, als sie beim Hinausgehen an den Kindern vorbeikam. Eigentlich hatte Amelia ihre gestohlenen Fleischpasteten mit Natty teilen wollen, aber da er sie sowieso seinen kleinen Geschwistern geben würde, lohnte es die Mühe sowieso nicht. Sie holte die Pasteten heraus und hielt sie den Kindern lächelnd hin. Ihre Gesichter strahlten auf, als hätte sie ihnen reines Gold überreicht. Die armen Kleinen. Sie hatten nie genug zu essen.

Nachdem sie ihnen ein letztes Mal über das Haar gestrichen hatte, machte Amelia sich auf den Weg zum Hafen. Ein überladener Wagen traf in der Straße genau neben ihr auf ein Loch und spritzte Schlammwasser über den Saum ihres weißen Baumwollkleides. Oh herrje. Das war gerade erst von der Schneiderin gekommen, und Mama hatte so viel Aufhebens um den Spitzenbesatz gemacht. Sie würde so enttäuscht von ihr sein, wenn sie sah, dass sie ihn ruiniert hatte. Nun, Natty war es wenigstens gleichgültig, ob ihre Röcke verschmutzt waren oder nicht.

Die Schiffsmastbäume kamen in Sicht, sahen vor dem klaren blauen Himmel besonders schwarz aus und waren durch ein wahres Netz von Tauen verbunden. Enorme Pferdegespanne bewegten sich durch die schmalen Straßen auf ihrem mühsamen Weg zu den Schiffen, wo sie ihre Fracht entladen würden. Verkäufer standen an fast jeder Ecke und boten lauthals Nahrung und Waren für all jene Männer feil, die vom Meer an Land kamen.

Amelia ließ sich einen Moment von einem Wagen ablenken, der mit bunten Tüchern beladen war, und ging unwillkürlich näher heran. Sie liebte hübsche Sachen so sehr. Gerade als sie die Hand ausstreckte, um ein wunderschönes blaues Seidentuch zu berühren, brach plötzlich links von ihr lauter Tumult aus. Bevor sie sich auch nur umwenden konnte, raste ein Junge an ihr vorbei, stieß gegen ihre Schulter und brachte sie zu Fall. Sie spürte, wie der Ärmel ihres neuen Kleides riss, während sie mit den Händen auf das Kopfsteinpflaster traf. Oh nein! Nicht einmal die zerschrammten Knie, die sie sich jetzt bestimmt zugezogen hatte, würden so schlimm sein wie der Ärger, den sie wegen des zerrissenen Ärmels bekommen würde – ganz zu schweigen von den Schlammspritzern.

„Warte, Peter!“, rief ein anderer Junge. „Du hast ein kleines Mädchen umgeworfen.“

Sie stöhnte leise, als sie die Stimme erkannte und das Lachen, das ihr antwortete. Davey Rollins und Peter Fickett. Peter hielt inne und drehte sich um, noch immer höhnisch lachend. Er sah auf Amelia herab und grinste spöttisch.

„Ach, das ist doch nur Amelia Wheeler. Die ist sowieso kein richtiges Mädchen.“

Amelia kam auf die Knie, aber sie bekam nicht die Gelegenheit zu schimpfen, weil ein weiterer Junge an ihr vorbeistürzte – der Junge, der ihr am liebsten war von allen.

Nattys zerzaustes blondes Haar glänzte im Sonnenlicht, als er die Hand um Peters schmutziges Hemd schloss. „Das nimmst du sofort zurück“, knurrte er. Peter stolperte, hörte aber nicht auf zu lachen. Nattys Gesicht, seit Kurzem kantiger und fester als gewöhnlich, wurde rot in seiner Wut. Im vergangenen Jahr musste er mindestens zwölf Zentimeter gewachsen sein, aber seine Arme und Beine waren auf eine jungenhafte Art noch immer schlaksig und dünn.

„Komm schon, Nat. Sie ist doch nicht mehr als ein kleiner Teufelsbraten. Die wird nie eine echte Dame werden, egal, wie viel Geld der alte Mr. Wheeler jetzt verdient.“

Natty schüttelte Peter heftig, aber bevor er mehr tun konnte, stürmte Amelia mit einem wilden Knurren an ihm vorbei und auf Peter zu. Peters Atem entrang sich zischend seiner Kehle, als sie seinen Magen mit der Schulter rammte. Sie hatte die perfekte Größe, um genau an der empfindlichen Stelle den größtmöglichen Schaden zu verursachen – der einzige Vorteil, den ein kleines zehnjähriges Mädchen gegen einen fünfzehnjährigen Jungen ins Feld bringen konnte.

Natty war klug genug, Peter loszulassen, als Amelia an ihm vorbeiraste, aber Peter wurde völlig überrumpelt, verlor das Gleichgewicht und fiel hilflos auf das Kopfsteinpflaster, ohne sich abstützen zu können. Amelia stürzte sich auf ihn, bevor er auch nur nach Luft schnappen konnte, hielt ihn mit den Knien unten und ballte die Hände zu kleinen, aber treffsicheren Fäusten. Er hob die Arme, um sein Gesicht zu schützen, aber Amelia hatte ihr Ziel – seine Nase – bereits gefunden.

„Es wird dir noch leidtun, dass ich keine echte Dame bin, Peter Fickett! Weil ich jetzt nämlich dein potthässliches Gesicht zu Brei schlagen kann, ohne auf meine Manieren achten zu müssen!“

Die übrigen Hafenjungen hatten sich inzwischen um sie versammelt und lachten, während Peter sich, jaulend vor Schmerz, zu verteidigen suchte. Blöder, gemeiner … Junge. Er hatte sie schon immer geneckt, aber er war besonders scheußlich zu ihr, seit Papa sein Vermögen gemacht hatte. Als ob es ihre Schuld wäre, dass Papa jetzt reich war. Nun, sie würde ihm zeigen, wie wenig sie wirklich einer Dame ähnelte. Er kreischte wie eine Katze, als sie an seinem Haar zu ziehen begann. Dann spürte sie einen starken, sehnigen Arm um ihre Taille, und jemand zog sie von Peters Brust herunter. Sie kämpfte dagegen an und schlug wütend mit Armen und Beinen um sich, während Peter sich wimmernd zusammenrollte.

„Lass mich los! Ich hatte ihn fast schon erledigt!“, keuchte Amelia.

„Sei ruhig“, brummte Natty an ihrem Ohr und drückte sie an seine Brust, während sie noch immer gegen ihn ankämpfte.

„Aber er hat es verdient!“

„Und du hast es ihm gezeigt.“ Natty sprach ruhig, aber sie hörte den Stolz in seiner Stimme. Und er hatte auch Grund, stolz auf sie sein, denn immerhin war er es, der ihr das Kämpfen beigebracht hatte. Als sie aufhörte, sich zu wehren, stellte er sie vorsichtig wieder auf die Füße, obwohl er sie erst dann endgültig losließ, als Peter wieder stand, fluchend Blut ausspuckte und Amelia finster anstarrte.

„Entschuldige dich“, forderte Natty ihn auf.

„Entschuldigen?“, schrie Peter. „Wofür? Sie hat mich doch angegriffen wie eine verdammte Verrückte!“

„Soll ich sie wieder loslassen?“

Amelia gab vor, sich auf ihn stürzen zu wollen, und Peter wich erschrocken zurück.

„Na schön“, stammelte er. „Es tut mir leid, Amelia.“ Natty räusperte sich und Peter verdrehte die Augen. „Es tut mir leid, Miss Wheeler.“

Amelia schnaubte und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, die allerdings nicht besonders eindrucksvoll war. „Ich nehme deine Entschuldigung an. Fürs Erste. Aber pass auf, Fickett, sonst nehme ich dich mir vor, wenn Natty nicht in der Nähe ist, um deine jämmerliche Haut zu retten.“

Peter sah sie finster an, bis die anderen Jungen sich um ihn versammelten, ihm auf die Schulter klopften und ihn verspotteten, weil er sich von einem kleinen Mädchen, das nur halb so groß war wie er, hatte verprügeln lassen.

„Und du, komm mit“, murmelte Natty, zog sie von den anderen fort und ging mit ihr den Ankerweg hinauf. „Es ist bemerkenswert, Amelia. Du ziehst Ärger an, einfach nur, indem du aus der Haustür kommst.“ Wie immer ließ er seinen Hafenakzent fallen, sobald die anderen Jungen außer Hörweite waren. Seine Mutter tadelte ihn, wenn er wie ein Raufbold sprach.

„Tatsächlich bin ich durch den Garten hinter dem Haus entschlüpft.“

„Siehst du? Weiß überhaupt jemand, wo du bist?“

Sie zuckte die Achseln. „Interessiert doch auch keinen. Papa ist wie immer in der Gießerei und Mama ruht sich aus – auch wie immer. Nur die gemeine alte Mrs. Simpson war da, und sie will nur, dass ich still sitzen bleibe und niemandem im Weg stehe. Und wenn ich das Haus verlasse, stehe ich doch auch niemandem im Weg, oder?“

Natty lachte leise und legte ihr den Arm um die schmalen Schultern. „Mir aber schon.“

„Natty … stehe ich dir denn im Weg? Ich dachte, wir sind Freunde.“

Er verzog das Gesicht und blickte über den geschäftigen Hafen. „Natürlich nicht. Wir sind Freunde, Amelia. Aber ich meinte es ernst, als ich Peter dazu gebracht habe, sich bei dir zu entschuldigen. Dein Vater ist jetzt ein reicher Gentleman. Er wird nicht wollen, dass du mit dem Sohn eines Seemanns in den Hafenanlagen herumläufst. Nicht jetzt, wo er doch ein Vermögen gemacht hat und ihr alle so fein seid.“

„Das ist mir alles völlig egal.“

„Deinen Eltern aber nicht. Du bist eine Dame oder wirst es wenigstens bald sein.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich will keine Dame sein.“

„Du hast keine Wahl. Niemand hat die.“

Er hatte einen seltsamen Ausdruck im Gesicht, so ernst und traurig, wie sie es noch nie bei ihm gesehen hatte. „Du hast Geheimnisse vor mir, Natty. Das spüre ich. Was ist los?“

„Nicht wirklich ein Geheimnis. Ich werde zur See gehen. Genau wie Pa.“

Amelia packte ihn am Arm. „Wann?“

Er zuckte die Achseln und blickte auf die Spitzen seiner abgetragenen Stiefel. „Ich segle nächste Woche los. Wir brauchen das Geld. Pa kann nicht mehr so viel arbeiten, seit er sich verletzt hat, und ich bin jetzt groß genug. Ich muss für Ma und die Kleinen sorgen, und ich habe vor, mich in der Welt zu verbessern. So wie dein Pa. Er hat genauso angefangen wie ich, und sieh ihn dir jetzt an. Ich werde genau dasselbe erreichen, du wirst schon sehen. Ich komme als reicher Mann zurück.“

Amelia war nicht annähernd so beeindruckt von den Errungenschaften ihres Vaters wie Natty, und ihr gefiel Natty gut genug – auch ohne Geld, wenn er weggehen musste, um welches zu verdienen. Es war schrecklich. „Vielleicht kann ich mit dir gehen! Ich bin genauso stark wie irgendein Junge, und ich kann auch arbeiten.“

„Sei nicht albern, Amelia. Glaubst du wirklich, dein Vater wird dir erlauben, mit einem Deckarbeiter davonzulaufen? Außerdem würde kein Kapitän ein Mädchen an Bord lassen.“

„Aber was soll ich ohne dich tun?“ Amelias Augen füllten sich mit verzweifelten Tränen. Portsmouth ohne Natty war undenkbar.

Er zupfte sanft an einer zerzausten schwarzen Locke, die sich aus ihrem Haarband gelöst hatte. „Du wird schon zurechtkommen. Und ich bin wieder im Hafen auf einen Besuch, ehe du dichs versiehst.“

„Versprochen?“

„Versprochen. Ich kann ja auch nicht zu lange fortbleiben. Mama und die Kleinen brauchen mich zu sehr.“

„Mach dir wegen ihnen keine Sorgen, Natty. Ich werde mich um sie kümmern.“

Er lächelte breit. „Ach, ja?“

„Das schwöre ich dir. Komm du nur bald wieder nach Hause.“

„Abgemacht.“

Amelia streckte die Hand aus. „Hier, darauf geben wir uns die Hand.“

Natty schüttelte ihr fest die Hand, wie es auch unter Gentlemen üblich war. „Na, schön. Du kümmerst dich um meine Familie, und ich verspreche, so bald nach Hause zu kommen, wie ich kann. Und hier … Das kannst du als Garantie behalten.“ Natty griff in die Hosentasche und holte einen kleinen Gegenstand heraus, den er ihr in die Hand drückte.

„Natty, nein! Nicht dein Glas!“ Sie konnte ihm unmöglich etwas so Kostbares wegnehmen. Die Küste von Portsmouth war ein schmaler, unschöner Streifen von dunklem Sand, Kieselsteinen und Abfall, der vom Hafen herangespült wurde. Aber vor einigen Jahren, als sie an dieser schmutzigen, übel riechenden Küste entlanggeschlendert waren, hatte Natty ein Stück grünes Glas gefunden, dessen Kanten vom Meer ganz glattgewaschen worden waren. „Siehst du?“, hatte er gesagt, als er es ihr gezeigt hatte. „Selbst in diesem Loch wird etwas Wunderschönes angeschwemmt. Ich werde genauso sein wie dieses Glas, Amelia, das schwöre ich dir. Etwas Gutes aus all diesem Schmutz.“

Natty behielt sein Glas immer in der Tasche, und er befühlte seine Umrisse die ganze Zeit. Er konnte es unmöglich an sie verschenken.

„Pass für mich darauf auf, willst du das tun?“

Sie drehte es hin und her. Es hatte genau die gleiche Farbe wie Nattys Augen. „Und du kommst zurück, um es dir wieder abzuholen?“

„Versprochen. Und denk daran, ich muss gehen, um ein Vermögen zu machen, okay? Eines Tages, wenn ich zurückkomme, werde ich dir ebenbürtig sein, Amelia.“

„Aber was ist bis dahin? Du wirst mir so sehr fehlen. Ohne dich wird nichts mehr Spaß bringen.“

Er seufzte traurig. „Wir können nicht immer Spaß haben.“

„Warum nicht?“

Natty runzelte die Stirn und setzte eine Miene auf, die ihn schrecklich erwachsen aussehen ließ. Amelia packte sein Glas fester. Es war eine Miene, die von Verantwortung sprach, von Sorgen und dem Ende all jener Dinge, die kindisch und unbekümmert waren.

„Weil es Zeit wird, erwachsen zu werden.“

1. KAPITEL

Juni 1896

Es war eine unleugbare Tatsache, dass Amelia sich in Schwierigkeiten wiederfinden würde, noch bevor der Abend vorüber war.

Dabei war es nicht ihre Schuld. Das Problem war der Ball. Der Ball der Miltons war unbeschreiblich öde, und wenn Amelia sich langweilte, schienen Schwierigkeiten jeglicher Art sie erschreckend schnell aufzuspüren. Der Ballsaal war zu heiß und überfüllt – und nicht einmal überfüllt mit Leuten, die man interessant nennen könnte. Die Saison war fast vorüber. Wieso waren noch immer so viele Menschen in London geblieben? Irgendwie schienen dieses Jahr nur die allerödesten von ihnen hier zu verweilen.

Bisher war sie so brav gewesen. Sie hatte ihre Handschuhe nicht verloren, und sie waren kaum schmutzig geworden. Auch ihre Schuhe trug sie noch immer, trotz des Umstands, dass ihre armen Zehen Qualen litten. Und ihre widerspenstigen schwarzen Locken, vorher ordentlich von Amelias Zofe frisiert, sahen tatsächlich noch nach etwas aus, das an eine Frisur erinnerte. Aber diese hart erarbeitete Vollkommenheit konnte unmöglich für die Ewigkeit bestimmt sein, ganz besonders nachdem Sir Percy Cholmondeley beim Walzer seine verschwitzten Hände an sie gelegt hatte. Er war der netteste Mann, aber absolut der schlechteste Tänzer. Und die Unterhaltung – ihr ganzes Leben lang hatte sie noch nicht in solcher Ausführlichkeit über Weihnachtspasteten sprechen müssen. Schon vor zehn Minuten hatte ihr nichts mehr zu dem Thema einfallen wollen, und Sir Percy plapperte noch immer darüber. Es gab eine Grenze dafür, was man einer vornehm erzogenen jungen Dame zumuten konnte, und da ihre Erziehung nicht ganz so vornehm verlaufen war wie bei anderen Damen, riss auch ihr Geduldsfaden für gewöhnlich sehr viel schneller – heute Abend war er schon vor einer ganzen Weile gerissen.

„Au!“, flüsterte sie, als ihre Zehen unter Sir Percys glänzendem schwarzen Schuh zertreten wurden.

„Was mich angeht, ziehe ich einen deftigen Schuss Brandy in meiner Weihnachtspastete vor, andere wiederum mögen sie ein wenig milder. Was ist Ihre Vorliebe, Miss Wheeler?“

Falls es Cholmondeley aufgefallen war, dass er ihr bereits fünfmal in ebenso vielen Minuten auf die Zehen getreten war, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken, der arme, selbstvergessene, liebenswerte Mann.

Amelia atmete tief ein und zwang sich zu einem heiteren Lächeln. „Oh, ich mag meine Pastete höllisch heiß, direkt aus dem Ofen, und mit genügend Brandy, um die Vorhänge in Brand zu setzen, sage ich immer.“

Cholmondeley schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. „Genauso mag ich sie auch.“

Er wäre unerträglich, wenn er nicht so verflixt freundlich wäre. Und darüber hinaus war er einer der wenigen Männer in London, die nicht die Nase darüber rümpften – einige nur unauffällig, andere offensichtlicher –, dass sie ihr Vermögen den Handelsgeschäften ihres Vaters verdankte. Manche verarmte Adlige machten ihr wahrscheinlich nur wegen ihres Geldes den Hof, während Cholmondeley ihre bescheidene Herkunft nicht zu beachten schien. Aber das mochte natürlich daran liegen, dass er auf nichts achtete, was er nicht essen konnte.

Er wirbelte noch ein paarmal mit ihr im Ballsaal herum, zerquetschte ihr endgültig die Zehen und redete noch ein wenig weiter über seine geliebten Weihnachtspasteten. Als der Walzer zu einem Ende kam, atmete Amelia erleichtert aus und blieb unendlich dankbar stehen.

„Soll ich warten, bis Ihr nächster Partner Sie abholen kommt, Miss Wheeler?“

„Oh, ich glaube, es steht niemand auf meiner Karte für den nächsten Tanz“, sagte sie, ohne wirklich sicher zu sein, ob es stimmte oder nicht, und auch ohne sich sonderlich zu interessieren. Keiner ihrer Partner interessierte sie. „Ich glaube, ich werde ein wenig Bowle trinken und diesen Tanz aussetzen.“

„Nun, dann erlauben Sie mir, Sie zum Bowletisch zu begleiten.“

„Sie sind zu freundlich“, erwiderte Amelia zwischen zusammengebissenen Zähnen. Aber Genevieve Grantham hatte Jahre damit zugebracht, ihr die Regeln liebenswürdiger Manieren einzubläuen, und jetzt erwiesen sie sich als sehr nützlich. Amelia legte die Hand auf seinen Arm und ließ sich von ihm durch die Menge schwitzender, in wunderschöne Seide und Spitze gehüllte Leiber führen. Cholmondeley machte sich daran, dem Tisch mit den Erfrischungen die Stirn zu bieten, während Amelia ihren Fächer aufklappte und sich im Raum umsah. Sie versuchte, ihren Vater in der Menge auszumachen, um zu wissen, welchen Teil des Saales sie für den Rest des Abends vorsichtshalber vermeiden sollte. Zweifellos hatte er einen weiteren verzweifelt armen, jedoch mit einem Titel gesegneten jungen Mann anvisiert, den er ihr dann vorstellen würde. Aber er würde sie ja zu keiner Vorstellung zwingen können, wenn er sie nicht finden konnte.

Wenn sie ihre Freundinnen an ihrer Seite hätte wie in der vergangenen Saison, hätte dieser Abend sogar amüsant werden können. Aber Victoria war in Hampshire als die neue Duchess of Waring und verwendete ihr Vermögen darauf, das zerfallende Familienanwesen ihres scheußlichen Mannes zu restaurieren. Und für Grace konnte es dieses Jahr überhaupt keine Saison geben. Sie besaß keine Mitgift, um sich einen Mann zu angeln. Sie besaß nicht einmal genug, um sich selbst zu erhalten. Wenn sie doch nur nicht so stolz wäre, dann wäre sie jetzt bei Amelia und gemeinsam hätten sie dann diesem ermüdenden Spießrutenlauf viel besser die Stirn bieten können. Da eine solche Abhängigkeit aber undenkbar war für Grace, hatte sie die Einladung der Dowager Countess of Marlbury angenommen, sie in dieser Saison in den Süden Frankreichs zu begleiten. Obwohl es bezaubernd klang, war es das ganz und gar nicht. Grace war nur dem Namen nach der Gast der Dowager und vielmehr da, um als deren Gesellschafterin zu agieren, ihr mit ihrer Korrespondenz zu helfen und alle möglichen Botengänge für sie zu erledigen. Es war einen Hauch besser als eine bezahlte Gesellschafterin, wenn es auch in jedem Fall nicht mehr lange dauern würde, bis sie wirklich gezwungen sein würde, eine bezahlte Stellung zu suchen.

Ohne Victoria und Grace war Amelia also auf sich allein gestellt. Das vergangene Jahr war erst ihre zweite Saison gewesen und der Druck, eine gute Partie zu machen, nicht so groß. Sie hatte die Möglichkeit gehabt, die Abende kichernd und plaudernd mit Vic und Grace zu verbringen und alle Gentlemen zu ignorieren, die sie eigentlich hätte anlocken sollen. Aber ihre Freundinnen waren fort, und sie selbst befand sich jetzt am Ende ihrer dritten Saison. Ihre Zeit war um. Ihre Familie erwartete von ihr, dass sie eine respektable Partie einging – sonst würde Papa die Angelegenheit zweifellos selbst in die Hand nehmen.

„Percy Cholmondeley. Wie perfekt für sie.“

Amelia horchte auf, als sie Cholmondeleys Namen erhaschte, und versuchte, die Sprecherin zu erkennen.

„Er ist vielleicht der einzige Mann in ganz London, der ebenso unfein ist wie sie.“

Katherine Ponsoy, diese hochnäsige kleine Göre. Amelia wusste nicht, was sie mehr ärgerte, die Beleidigung des armen Cholmondeley oder die Gehässigkeit ihr gegenüber. Katherine musste irgendwo rechts hinter ihr stehen und nahm zweifellos an, dass das allgemeine Stimmengewirr im Saal laut genug war, ihre Worte zu übertönen. Amelia reagierte nicht, da sie zuerst wissen wollte, mit wem Katherine sich unterhielt.

„Oh Kitty, du bist so boshaft.“ Margaret Whidby kicherte.

Hohlköpfiger, einfältiger kleiner Dummkopf. Sie waren beide einfach schrecklich, denn sie hatten sich sehr große Mühe gegeben, Amelia nicht nur zu schneiden, sondern sie auch offen zu beleidigen, wo sie nur konnten. Kitty Ponsoy war die Tochter eines verarmten Barons, aber sie schien zu glauben, dass sie dennoch Meilen über Amelia stand, einfach nur weil Josiah Wheeler sein Vermögen aus eigener Kraft erworben hatte. Kitty fand Vergnügen daran, Erbinnen niederen Standes wie Amelia und Victoria bei jeder Gelegenheit zu kränken, obwohl ihr älterer Bruder zurzeit in Amerika ebenfalls auf der Suche nach einer Erbin war, die bereit wäre, ihn zu heiraten. Victoria hatte sich stets korrekt verhalten und jede Beleidigung auf ihre liebenswürdige, elegante Weise ignoriert. Doch Kitty würde gleich feststellen, dass Amelia aus anderem Holz geschnitzt war und es ihr sehr an Victorias Zurückhaltung mangelte.

Sie bewegte sich so langsam, dass Kitty und Margaret sie zunächst nicht bemerkten, obwohl sie nur wenige Meter von ihnen entfernt war. Kitty redete, kleinherzig wie üblich, weiter, während Margaret hinter ihrem Fächer kicherte, um ihr wenig damenhaftes Lachen ebenso zu verbergen wie ihr fliehendes Kinn.

„Als könnten teure weiße Handschuhe und ein Kleid von Worth den Schmutz von den Hafenanlagen verhüllen“, sagte Kitty gereizt. „Mit der Figur sieht sie wie ein gewöhnliches kleines Flittchen aus, gleichgültig, wie teuer ihre Kleidung ist.“

Amelia drehte sich um und gab vor zu schmollen. „Ach Kitty, ich hätte es wissen sollen, als das Kleid mit einer persönlichen Nachricht von Monsieur Worths Sohn geliefert wurde, dass er nur höflich sein wollte, als er schrieb, ich würde alle Debütantinnen in London damit überstrahlen.“

Margaret schnappte peinlich berührt nach Luft, Kitty jedoch lächelte nur höhnisch und schob ihr Kinn herausfordernd vor. Ihre Wangen wiesen plötzlich eine äußerst unvorteilhafte, fleckige Röte auf, und ihre kleinen Augen verschwanden fast, als sie sie jetzt wütend zusammenkniff.

„Monsieur Worths Sohn weiß, wie profitabel es ist, das Vermögen Ihres Vaters zu umschmeicheln, so wie jeder andere Mann, der Ihnen je Aufmerksamkeit geschenkt hat.“

„Sie haben sicher recht. Ist es nicht wundervoll, ein Vermögen zu besitzen, das einen empfiehlt?“ Sie hielt sich scheinbar betroffen die Hand an die Wange. „Ach herrje, das hatte ich ja ganz vergessen. Sie haben gar kein Vermögen, nicht wahr, Kitty? Nun, wenigstens haben Sie Ihr hübsches Gesicht. Oh, wie gedankenlos von mir … das haben Sie leider auch nicht.“

Kitty kam wütend einen Schritt auf sie zu. „Sie sind nichts weiter als eine kleine Ratte aus der Gosse, und daran ändert auch das Geld Ihres Vaters nichts.“

„Achten Sie doch bitte auf Ihre Manieren, Kitty“, tadelte Amelia sie sanft. „Denn Ihre gute Erziehung scheint so ziemlich das Einzige zu sein, was Ihnen noch geblieben ist.“

„Nun, eine gute Erziehung lässt sich eben nicht verleugnen.“

„In der Tat. Und wenn Sie das nächste Mal abfällige Bemerkungen über meine Erziehung machen, wäre es klug von Ihnen, nicht zu vergessen, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe in jenen Hafenanlagen, über die Sie die Nase rümpfen, gelernt zu kämpfen. Ihren Ballsaal-Hochmut schenke ich Ihnen. Ich bin bereit, Sie in einer Gasse zu treffen und einen Faustkampf mit Ihnen abzuhalten, wenn Sie keine Angst haben. Dann werden wir ja sehen, wer als Sieger hervorgehen wird. Was sagen Sie? Haben Sie den Mut?“

Kitty war klug genug, sie leicht erschrocken anzusehen. Schließlich war Amelia kein großes Mädchen, aber sie war immer noch robuster als die dünne Kitty. Und Kitty wusste, dass Amelia nicht bluffte. Wenn es dazu kommen sollte, würde sie nicht zögern, die Fäuste zu benutzen, und sie würde gewinnen. Kitty knirschte mit den Zähnen und suchte nach einer scharfen Erwiderung, die ihr keine Faust ins Gesicht einbringen würde.

Eine erbärmliche Angeberin wie Kitty zu hänseln, war schon zu leicht. Wenn sie sich noch viel länger hier mit ihr abgab, würde es womöglich doch noch zu einem richtigen Schlagabtausch kommen, und das gäbe nur einen Skandal, den Amelia sich absolut nicht leisten konnte.

Also straffte sie die Schultern und strich mit der Hand über imaginäre Falten in ihrem Rock. Dieses Kleid war ein Meisterwerk, und jeder wusste das. Kitty war nicht mehr als eine neidische Kratzbürste. „Kitty, ich habe ganz vergessen, Ihnen zu sagen, wie sehr Ihnen dieses Kleid steht. Ich hatte ein ganz ähnliches, aber es sieht viel besser an Ihnen aus als an meiner Zofe, der ich dieses aufgetragene Kleid vor zwei Jahren schenkte.“

Kittys dünne Lippen verschwanden fast, so fest presste sie sie zusammen. Aber Amelia blieb nicht lange genug, um sich anzuhören, welche Antwort sie sich am Ende einfallen lassen würde. Sie wandte sich ab und warf ihr nur noch spöttisch über die Schulter zu: „Da kommt ja Percy Cholmondeley mit meiner Bowle. Ein solcher Gentleman, finden Sie nicht auch?“

Cholmondeley war in der Tat dabei, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, zwei Gläser Bowle hoch über dem Kopf balancierend, um sie vor einem Zusammenstoß zu bewahren. „Halloho, Miss Wheeler!“, rief er einen Hauch zu laut, weswegen er einige amüsierte Blicke auf sich zog. „Ich habe die Bowle gebracht!“

„Vielen Dank, Sir Percy. Ich bin kurz vorm Verdursten.“

„Zweifellos wegen der Hitze hier“, meinte Cholmondeley und reichte ihr ein Glas.

Wahrscheinlich hatte es eher etwas mit ihrem verbalen Angriff auf Kitty zu tun. Nachdem sie sich den ganzen Abend lang so gut gehalten hatte, musste sie am Ende so weit gehen und einer Debütantin damit drohen, ihr ins verkniffene kleine Gesicht zu schlagen. Wenn ihr Vater davon Wind bekommen sollte, würde er es ihr noch lange unter die Nase reiben. Es wurde wirklich Zeit, dass sie sich zusammenriss. Sie würde sich von jetzt an wie der Inbegriff der Liebenswürdigkeit benehmen, jeden Penny wert, den ihr Vater für Lady Granthams wertvolle Anleitung bezahlt hatte. Sie würde den zerlumpten kleinen Straßenrabauken, der sie früher einmal gewesen war, für immer verschwinden lassen, damit Genevieve stolz auf sie sein konnte.

Zu diesem Zweck lächelte sie also sittsam und willigte ein, als Lord Sturridge auf sie zukam, um den nächsten Tanz für sich in Anspruch zu nehmen, obwohl er ein anzüglicher, betrunkener alter Ziegenbock mit schrecklichen Zähnen war.

„Sie sehen hinreißend aus heute Abend, Miss Wheeler“, sagte er, was sie sehr amüsant fand, da er nicht einmal in ihre Richtung schaute, sondern den Saal im Allgemeinen betrachtete.

„Vielen Dank. Sie sind heute selbst ganz hinreißend“, fuhr sie fort, um zu sehen, ob er zuhörte. Was er nicht tat.

„Ein Ball bei den Miltons ist immer überragend.“

„Ich finde es eher heiß und zu voll.“

„Nur die besten Gäste“, meinte er, ohne auf ihre Worte zu reagieren oder sie eines Blickes zu würdigen.

„Dann ist es ein Wunder, dass sie mich eingeladen haben“, scherzte sie, gespannt zu sehen, ob er ihr irgendwann heute doch noch etwas Aufmerksamkeit schenken würde.

„Mrs. Wilson hat versprochen, in der nächsten Saison einen Maskenball zu geben. Ich liebe Maskenbälle.“

„In der Tat. Wer tut das nicht? Vielleicht sollte ich als Lady Godiva gehen.“

„Es wäre nur noch vollkommener, wenn sie dem Ganzen ein Thema geben würde, meinen Sie nicht auch?“

Es war einfach zu lächerlich. Sie hatte ihm gerade eben im Grunde verkündet, dass sie auf dem Maskenball nackt auftauchen würde, und er hatte nicht einmal mit seinem spärlichen kleinen Schnurrbart gezuckt. Amelia spürte, wie ihr Vorsatz, sich brav zu verhalten, immer schwächer wurde. Wie könnte man ihr irgendetwas zum Vorwurf machen, wenn sie es mit einem widerlichen Wurm wie Lord Sturridge zu tun bekam?

„Ist Ihr Vater heute anwesend, Miss Wheeler?“

Endlich eine Frage, die direkt an sie gerichtet war! Natürlich erkundigte er sich lediglich nach ihrem Vater, der Quelle jenes Reichtums, der sie sogar in den Augen eines Mannes wie ihm passabel erscheinen ließ.

„Ja, das ist er. Ich sah ihn vor Kurzem mit unseren Gastgebern sprechen.“

„Dann werde ich ihm und den Miltons meine Aufwartung machen, sobald unser Tanz zu Ende ist.“ Er festigte den Griff um sie und zog sie dicht an sich. „Vielleicht könnten Sie mich begleiten, Miss Wheeler?“

Sein magerer Körper drückte sich viel zu eng an ihren, und er selbst half mit seiner dürren Hand in ihrem Rücken nach, sodass Amelia kaum atmen konnte. Er senkte die Stimme zu einem bloßen Flüstern, was wohl verführerisch oder sinnlich sein sollte. Jetzt war er ihr so nah, dass sie den Gestank des Gins auf seinem Atem riechen konnte. Schließlich sah er sie an. Selbstverständlich nicht in ihr Gesicht, sondern auf ihren tiefen Ausschnitt. Diese Frechheit! Glaubte er, sie würde sich von seinem flüchtigen Interesse an ihrem Busen geschmeichelt fühlen? War er der Meinung, sein Titel befreite ihn von der Pflicht, sich ihr gegenüber respektvoll zu verhalten? Ging er davon aus, sie würde sich so von seiner Stellung einschüchtern lassen, dass sie jede Art von Aufmerksamkeit seinerseits für erfreulich halten würde?

Amelia nahm sich einen Augenblick Zeit, um ihn prüfend zu betrachten, wie es ihre Eltern vielleicht tun würden. Mit seinen über sechzig Jahren und seinen drei Ehefrauen, die kinderlos gestorben waren, war jedem bewusst, dass er verzweifelt auf der Suche nach einer Frau war, um einen Erben zu zeugen. Außerdem wusste jeder, dass er tief verschuldet war und nur ein Anwesen besaß, das irgendwo in Sussex vor sich hin schimmelte. Er musste eine Erbin in gebärfähigem Alter heiraten, und er musste es bald tun. In der vergangenen Saison hatte er Victoria rücksichtslos verfolgt. Sie hatte nur deswegen eingewilligt, Lord Dunnley zu heiraten, weil er immer noch eine bessere Wahl zu sein schien als Sturridge. Allerdings war Sturridge ein Earl und stammte von einer recht alten, respektablen Familie ab. Die Partie würde als großer Erfolg für einen kleinen Emporkömmling wie Amelia Wheeler betrachtet werden. Und ihre Eltern würden zweifellos entzückt sein.

Der Mann war im besten Fall gleichgültig und im schlimmsten ein Lüstling. Aber wenn ihr Vater sich durchsetzen konnte, würde sie Lord Sturridge oder einen anderen ebenso widerlichen Mann heiraten müssen. Zwar mochte es ihr vielleicht noch gelingen, einen oder zwei Mitgiftjäger abzuwimmeln, aber schon bald würde sie einen von ihnen akzeptieren müssen, ob sie nun wollte oder nicht.

Was sie am liebsten getan hätte, wäre, Sturridge mit dem spitzen kleinen Absatz ihrer Seidenslipper auf die Zehen zu treten, damit er endlich seine widerwärtigen Hände von ihr nahm. Sie wollte aus diesem Saal fliehen, von diesem verflixten Ball selbst davonlaufen und durch die Straßen von London irren, bis sie nicht mehr wusste, wo sie war. Plötzlich fühlte sie sich recht draufgängerisch und wild. Sie fühlte sich wie jemand, der Kitty Ponsoy, der rotznäsigen Ziege, eine Ohrfeige verpassen würde, ohne es zu bedauern. Lieber Himmel, alle hatten recht, was sie anging! Sie gehörte nicht hierher, so fein ihre Kleider auch waren und so viel Schliff Genevieve Grantham sich auch bemüht hatte, einer kleinen Göre wie ihr zu geben.

Sie legte die Hände auf Sturridges Arme und stieß ihn heftig von sich. „Meine Augen sind hier oben, Lord Sturridge.“

Er sah auf, tatsächlich einmal in ihr Gesicht, und zwinkerte verwundert. „Bitte?“

Sie schnaufte angewidert. „Ich muss den Abort aufsuchen. Wenn Sie mich entschuldigen wollen.“

So, sie hatte in vornehmer Gesellschaft eine intime Körperfunktion erwähnt. Das sollte ihn eigentlich ein für alle Mal vertreiben, und tatsächlich sah er sie auch angemessen schockiert an.

„Ähm, nun …“

„Haben Sie noch einen schönen Abend“, sagte sie und schenkte ihm ein breites und sehr unaufrichtiges Lächeln. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um, unterdrückte den starken Wunsch, besagten Absatz nicht auf seinen Fuß zu schmettern, und schritt in alles andere als damenhafter Geschwindigkeit quer durch den Ballsaal.

Gehässiges Flüstern folgte ihr und zeigte ihr, dass Kitty Ponsoy fleißig damit beschäftigt gewesen war, Lügengeschichten über sie zu verbreiten. Aber es waren ja auch keine Lügengeschichten, oder? Sie hatte wirklich angedroht, Kitty zu schlagen. Das war wirklich nicht in Ordnung gewesen, obwohl Kitty das und noch viel mehr verdient hätte. Aber Amelia wünschte in diesem Augenblick wirklich, sie würde nicht immer so schnell aus der Haut fahren. Sosehr all diese albernen Benimmregeln sie auch ärgerten, machte sie mit ihrem unbesonnenen Verhalten nur alles schlimmer für sich. Als Victoria und Grace noch bei ihr waren, hatten sie sie beschwichtigen können, bevor ihre Wut sie überwältigt hatte, aber in dieser Saison war sie auf sich allein gestellt und hatte keinen einzigen Freund unter all diesen Menschen.

Als sie ihren Vater das letzte Mal sah, hatte er neben dem Kamin zu ihrer Linken gestanden, also hielt sie sich rechts und ging auf die Terrasse zu. Er würde sehr unglücklich sein, wenn er von ihrem heutigen Benehmen erfuhr. Eine große Topfpflanze stand zwischen ihr und den Glastüren, die hinausführten. Auf der Terrasse schien sie im Moment ein ebenso gutes Versteck zu finden wie irgendwo sonst. Amelia schob einen der Palmwedel beiseite und stieß im nächsten Moment gegen eine breite Brust in einem duftig gestärkten weißen Hemd.

Mit einem unterdrückten Fluch wollte sie zurücktreten, aber wie es schien, hielt dieser Abend eine endlose Folge von Demütigungen für sie bereit. Gerade eben war sie gegen einen wirklichen Gentleman gelaufen und hing hoffnungslos an ihm fest.

Die meiste Zeit während seines ereignisreichen Lebens hätte allein die Vorstellung, Nathaniel Smythe könne einen Abend in einem feinen Frack verbringen und in einem Londoner Ballsaal herumstreunen, als gehöre er hierher, ebenso unmöglich geklungen wie die Idee, er könne auf dem Boden des Meeres schlafen gehen.

Doch jetzt war es wohl doch möglich, wenn auch immer noch recht unglaublich. Das Vermögen, das er angehäuft hatte, hatte ihm einen vorläufigen Zugang zu diesen heiligen Hallen erlaubt, und die Manieren, die er gelernt hatte, halfen ihm dabei, seinen Weg zu ebnen. Die gute Gesellschaft in vielen europäischen Städten hatte ihn recht begeistert willkommen geheißen. Jetzt blieb ihm nur noch, London zu erobern, und jetzt war er kurz davor, auch hier akzeptiert zu werden.

Es war ganz gewiss nicht die Art und Weise, wie er seinen Abend verbringen wollte, wenn er eine andere Wahl gehabt hätte. Zuerst einmal sah der gesamte Adel – trotz seines Reichtums – auf jeden herab, der es wagte, sein Vermögen so zu erwerben, wie er es getan hatte. Und dann waren solche Gesellschaften ausnahmslos und unerträglich öde.

Andererseits hatte er solche Abende vielleicht nur deswegen langweilig gefunden, weil er nie zuvor mit einer attraktiven jungen Dame im wahrsten Sinne des Wortes zusammengestoßen war. Er hatte gerade eben einen Diener bestochen, damit der ihm die Person zeigte, die er heute Abend treffen wollte, und war im Begriff gewesen, sich ihm irgendwie vorstellen zu lassen, als es geschah. Es war ein wahrer Zusammenprall. Ein vollkommener, zierlicher Körper lief gegen seine Brust und plötzlich umschlangen seine Arme duftende Haut und in Satin gehüllte, äußerst verführerische Rundungen und er hörte ein erschrockenes Keuchen.

„Oh, zum Teufel noch mal“, murmelte sie.

Der unerwartete Fluch brachte ihn zum Lachen, was ihr bewusst zu machen schien, dass sie laut gesprochen hatte, und sie seufzte tief auf.

„Entschuldigen Sie. Ich bin sonst nicht so scheußlich. Nein, das nehme ich zurück. Ich bin oft so scheußlich. Zum Kuckuck! Warum komme ich nicht los?“

Da sie den Kopf gesenkt hielt, konnte er nicht viel mehr sehen als glänzende schwarze Locken und eine ganze Menge blasser Haut. Sie stieß ein Knurren aus, das er noch nie in einem Ballsaal vernommen hatte, und ganz gewiss nicht aus dem Mund einer jungen Dame, und fing an, an ihrem Kleid zu zerren. Ihre verzweifelten Bemühungen lenkten seine Aufmerksamkeit auf den Ausschnitt ihres Mieders, wo ihre vollen Brüste sich auf äußerst verlockende Weise seinem Blick darboten. Einen Augenblick lang war er nicht in der Lage, irgendetwas anderes zu tun, als zu starren. Und sich Dinge vorzustellen. Erst das Geräusch reißender Spitze rüttelte ihn aus seiner Benommenheit.

„Ich scheine festzustecken“, sagte sie betroffen und zerrte an ihrem Mieder. Sie hatte noch immer nicht aufgeblickt, da ihre ganze Konzentration ihrem Versuch galt, sich zu befreien. Allerdings gelang es ihr nur, sich noch mehr zu verheddern. Sie zupfte wieder und noch ein Stück Spitze riss.

Er hielt sie an den Schultern fest, damit sie aufhörte zu zappeln. „Bewegen Sie sich nicht. Sie zerreißen noch Ihr Kleid. Erlauben Sie mir.“

Schnell fand er die Nadel, die ihren Ansteckstrauß festhielt, und löste damit ihre Brust von seiner. Er war ein wenig enttäuscht, als sie einen Schritt zurücktrat.

„Für Sie.“ Mit einer schwungvollen Handbewegung überreichte er ihr die Blumen, die nur wenig in Mitleidenschaft gezogen worden waren.

Sie griff nach ihnen und sah schließlich zu ihm auf.

Amelia.

Selbst wenn er hundert Jahre alt werden sollte, würde er niemals diese Augen vergessen, die so dunkelbraun waren, dass sie fast schwarz aussahen, und schimmerten wie polierter Gagat. Selbst die winzige dunkle Sommersprosse unter ihrem linken Auge und die hohen Wangenknochen hatten sich für immer in sein Gedächtnis eingeprägt. Ihr Gesicht war schmaler geworden, ihre Wangen hatten die mädchenhafte Rundung verloren, und ihre Lippen, die früher einfach nur schmollend gewirkt hatten, wirkten jetzt schon fast obszön, so voll und wunderschön, wie sie waren. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie ein dürres kleines Ding gewesen, das ihm kaum bis zu den Schultern gereicht hatte. Und jetzt war sie … nicht mehr dürr, wäre wohl die vorsichtigere Variante. Sie war von einem kleinen Mädchen zu einer jungen Frau geworden und hatte an genau den richtigen Stellen zugenommen – allerdings auf eine Weise, die ihm den Verstand benebelte. Mit anderen Worten: Sie war hinreißend. Und sie sah ihn sehr finster an.

„Verzeihung, aber sind wir uns irgendwann …“

„Amelia Wheeler“, sagte er, als er die Sprache wiederfand. „Ich hätte es wissen sollen.“

Sie schnappte nach Luft und riss fassungslos die Augen auf. „Natty!“

Er lachte leise und schüttelte den Kopf. „So hat mich seit zehn Jahren keiner mehr genannt.“

Amelias Ausdruck verwandelte sich in überschwängliche Freude. „Oh, Natty!“

Gerade als er über die unglaubliche Schicksalswende nachdachte, die sie beide nach so vielen Jahren wieder zusammengebracht hatte, lag sie wieder in seinen Armen und drückte ihn heftig an sich. Er war mindestens um dreißig Zentimeter gewachsen, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, aber sie schien kaum größer zu sein als damals, als sie zehn Jahre alt gewesen war. Stattdessen hatte sie überall sonst zugelegt. Volle Brüste pressten sich gegen seine Brust, und er legte die Hände auf eine schmale, geschmeidige Taille. Amelia war überwältigend. Und Amelia umarmte ihn schamlos, während sie mitten in einem überfüllten Ballsaal standen. Nate riss sich genau in dem Moment zusammen, als Amelias Vater daran dachte, seine Tochter ausfindig zu machen.

Es wäre Nate nicht möglich, Josiah Wheeler zu vergessen. Als er ein dünner fünfzehnjähriger Junge gewesen war, hatte Wheeler alles verkörpert, was er hoffte, selbst eines Tages zu erreichen. Auch er war von bescheidener Herkunft gewesen, hatte jedoch durch eine Mischung aus harter Arbeit, Intelligenz und Glück ein Vermögen erworben. Obwohl zehn Jahre vergangen waren, erschreckte es Nate dennoch zu sehen, dass er jetzt größer war als der Mann, der in seiner Kindheit eine so bedeutende Rolle gespielt hatte. Inzwischen war er wahrscheinlich sogar reicher als Wheeler. Alte Gewohnheiten ließen sich allerdings nicht so leicht ablegen. Sofort nahm er die Hände von Amelias Taille und straffte die Schultern, als rechne er mit einer Inspektion.

Und Josiah Wheeler betrachtete ihn wirklich sehr gründlich, schätzte ihn blitzschnell ein und fällte bereits ein Urteil, ohne ihn offensichtlich zu erkennen. Amelia brach das Schweigen.

„Papa, sieh doch nur! Es ist Natty!“ Sie ergriff den Arm ihres Vaters, während ihre andere Hand auf Nates Schulter blieb.

„Amelia, lass den Gentleman los“, zischte Wheeler durch zusammengebissene Zähne. „Und erklär mir sofort, was hier vor sich geht, junge Dame.“

Amelia verdrehte die Augen, und plötzlich war die wunderschöne Debütantin verschwunden, und Nate sah wieder den unverbesserlichen Wildfang, der sie als Kind gewesen war. „Natty Smythe. Aus Portsmouth. Erinnerst du dich nicht? Wir sind zusammen aufgewachsen!“

Wheeler musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. „Smythe. Der Sohn des Seemanns, richtig?“

Nate nickte und vermied es gerade eben zusammenzuzucken. Es war Jahre her, dass er aufgrund der Fehler seines Vaters auf eine bestimmte, meist nicht sehr schmeichelhafte Weise beurteilt worden war, aber es tat immer noch weh. „In der Tat, mein Vater fuhr zur See.“

Wheeler fiel jetzt Nates teurer Abendanzug auf, der aus ebenso kostbarem Stoff bestand wie sein eigener. „Was bringt Sie nach London, Smythe?“

„Geschäfte.“ Ihm kam offenbar gar nicht erst in den Sinn, Nate mit einem „Mr.“ zu beehren. Noch nicht.

„Kein Seemann wie Ihr Vater?“, fragte Wheeler. Nate spürte die leise Herablassung in seinem Ton. Offensichtlich war er erstaunt, dass es Nate überhaupt gelungen war, sich aus jener Hütte in Portsmouth herauszukämpfen, geschweige denn auch noch in einem eleganten Abendanzug in einem exklusiven Londoner Ballsaal aufzutauchen.

„Ich bin eine Weile zur See gefahren, aber jetzt kümmere ich mich um die geschäftliche Seite der Branche.“

„Geschäftliche Seite?“

„Ich bin ein Eigentümer. Smythe Schifffahrt.“

Wheeler hob die Augenbrauen fast bis zum Haaransatz. „Tatsächlich? Dann haben Sie also sehr viel Erfolg gehabt, was?“

„Nicht wenig. Vielleicht nicht so viel wie Sie, Sir.“ Was nicht stimmte, aber es schadete nicht, Wheeler ein wenig zu schmeicheln.

Wheeler war ebenfalls durch eigene Kraft aufgestiegen. Er war sehr viel wohlhabender gewesen als Nates ärmliche Familie in Portsmouth, aber im Grunde war er auch nicht mehr als ein Händler gewesen mit seiner kleinen Gießerei und dem Rüstungsbetrieb, bis zu dem Tag, als sein Chemiker auf eine wirksamere Formel für Schießpulver stieß und Wheeler klug genug war, ein Patent darauf anzumelden. Dann hatte er mit seinem angeborenen Talent für Investitionen seinen bescheidenen Wohlstand zu einem ansehnlichen Vermögen vergrößert. In lediglich fünf Jahren waren sie von einem kleinen Haus in Portsmouth zu einem luxuriösen Haus in London gewechselt.

Und das war das Letzte, was Nate von ihnen gehört hatte.

Amelia war fast während seiner ganzen Kindheit seine stete Begleiterin gewesen, immer an seiner Seite, bei jedem Streit und bei jedem Abenteuer. Danach hatte er viele Monate auf See verbracht, war von Hafen zu Hafen gegangen und hatte ums Überleben gekämpft. Als er endlich wieder nach Portsmouth zurückkam, war Amelia schon längst fort. Genau wie der Rest seiner Kindheit.

Amelia war für jemanden wie ihn zu wohlhabend gewesen, und das hatte er gewusst. Er hatte gewusst, dass er sie eines Tages verlieren würde. Doch jetzt hatte er sich durch harte Mühe und schiere Willenskraft in die gleiche gesellschaftliche Schicht emporgearbeitet. Endlich standen sie sich ebenbürtig gegenüber. Sie hatte sich in ein hinreißendes Geschöpf verwandelt, wenn sie auch genauso wild war wie früher. Dank des Vermögens ihres Vaters stellte sie gewiss eine sehr gute Partie dar. Es war ein Jammer, dass er jetzt, da sie sich endlich als Gleichgestellte wiederfanden, nichts mehr mit ihr zu tun haben konnte.

„Papa“, warf Amelia ein. „Wer interessiert sich schon für Geschäfte? Ist es nicht bemerkenswert, dass ich Natty nach so langer Zeit wiedergefunden habe? Wir haben uns so viel zu erzählen!“

„Du hast heute Abend mehr als genug geredet“, knurrte Wheeler, ergriff Amelia beim Arm und zog sie abrupt an seine Seite. „Zuerst höre ich die Leute tuscheln, dass du Katherine Ponsey Gewalt angedroht hättest, und jetzt muss ich mit ansehen, wie du dich an die Brust eines Fremden wirfst.“

„Es ist kein Fremder, Papa. Es ist Natty. Und ich habe mich ihm natürlich nicht an die Brust geworfen.“

„Du bist kein Kind mehr, Amelia, ebenso wenig wie Mr. Smythe.“

Amelia wandte sich ihm wieder zu und sah ihn erwartungsvoll an, und es tat weh, zu tun, was er tun musste. Denn ihr Vater hatte recht. Sie konnten sich nicht auf dieselbe Weise begrüßen, wie sie es als Kinder getan hatten. Am liebsten hätte er sich mit ihr in einer Ecke versteckt und den ganzen Abend lang mit ihr geplaudert, um zu hören, wie sie die letzten zehn Jahre verbracht hatte, und um ihr von sich zu erzählen. Aber in dieser Welt war es unmöglich – nicht, ohne dass es gewisse Mutmaßungen zur Folge haben würde. Es gab eine Frau in Nates Zukunft, aber diese Frau war nicht Amelia Wheeler und konnte es auch nicht sein. Wieder einmal musste er sie hinter sich lassen.

Sie sah ihn noch immer hoffnungsvoll an. Ihre Gefühle unverhohlen und sichtbar für jeden, der ihr in die Augen blickte. Und trotzdem lächelte er nur höflich und verbeugte sich flüchtig. „Es war entzückend, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen, Miss Wheeler, und noch dazu so gesund und wohl. Aber es ist jemand hier heute Abend, mit dem ich mich unterhalten muss. Ich bin sicher, ich habe Ihre Zeit über Gebühr in Anspruch genommen. Viele Gentlemen hier wünschen mich sicherlich bereits zum Kuckuck, also verabschiede ich mich jetzt besser von Ihnen.“

Der Schmerz in ihren Augen war nicht zu übersehen. Es war lächerlich, dass er ein schlechtes Gewissen bekam und wegen dieser Kränkung genauso wie sie einen Stich verspürte.

„Natürlich“, sagte sie kühl. „Bitte lassen Sie sich nicht länger von mir aufhalten.“

Auch das tat weh, wie sie es zweifellos auch beabsichtigt hatte, aber sie waren keine Kinder mehr, und in dieser neuen Welt der Erwachsenen durften ihre Wege sich nicht wieder kreuzen. Er wünschte, es wäre möglich, ihr zuzuzwinkern und an der schwarzen Locke zu zupfen, die ihren Hals streichelte. Doch stattdessen blieb seine Miene ausdruckslos, er nickte Mr. Wheeler zu und wandte sich ab.

Sein schlechtes Gewissen und schmerzliche Reue zerrissen ihm das Herz, aber er war nicht zu diesem verdammten Ball gekommen, um seine Kindheit zu besuchen. Er hatte eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, die er nicht vernachlässigen durfte, und er hatte nicht so viel Erfolg in seinem Leben gehabt, weil er die Gewohnheit gehabt hätte, wichtige Dinge hinauszuschieben.

Obwohl er aussah wie die übrigen Gäste heute Abend, wusste er genauso gut wie sie, dass sich eine Kluft zwischen ihnen befand, die so groß war wie der atlantische Ozean. Die Männer hier waren in einflussreiche Familien geboren worden und besaßen uralte Titel, sie hatten Zugriff zu einer bestimmten Art von Macht, die er nicht kaufen konnte, nicht mit allem Geld auf dieser Welt. Es war die Macht von Familienbeziehungen, von gemeinsam verbrachten Jahren in Oxford und Cambridge. Sie waren auf hunderterlei Weise miteinander verbunden, durch ein Netzwerk an Beziehungen, das riesig und vielschichtig war. Und diese Beziehungen bedeuteten, dass sie auf ihresgleichen aufpassten. Nate war nicht und würde auch nie einer ihresgleichen sein.

Es gab nur einen Weg für einen von seiner niedrigen Geburt, jemals Anschluss an diesen engen, unzugänglichen Kreis zu erhalten. Er würde eine ihrer Töchter heiraten, und zwar Lady Julia Harrow. Er war ihr noch nicht begegnet, aber das war nicht wichtig. Es war ihr Vater, der Earl of Hyde, und dessen Unternehmen, die Royal Eastern Enterprises, auf die er es wirklich abgesehen hatte. Nates Flotte kleinerer Schiffe hatte sich gut geschlagen. Nur eine andere Schifffahrtsgesellschaft beherrschte einen größeren Teil des Marktes, und zwar die Royal Eastern. Wenn sie eine Partnerschaft eingingen, wären sie unbezwingbar.

Ein so stolzer Adliger, wie Hyde den Gerüchten nach sein sollte, würde niemals seine Hände beschmutzen, indem er eine Partnerschaft mit einem gewöhnlichen Bürgerlichen einging. Nate hatte Erkundigungen eingeholt und wusste, dass Hyde das Unternehmen von einem entfernten Cousin geerbt hatte, aber es war dennoch ein Rätsel, wie es kam, dass es unter seiner Führung so sehr florierte. Alles deutete darauf hin, dass ein kluger, geschäftstüchtiger Kopf hinter allem steckte – wahrscheinlich ein talentierter Manager. Und falls es Nate gelingen sollte, die Tochter zu heiraten, könnte er dieser Manager werden. 

Wohlerzogene junge Damen der hohen Gesellschaft waren nicht sein Geschmack. Die Frauen in seiner Vergangenheit waren so verschieden gewesen wie die Länder, die er besucht hatte. Wenn er sich jetzt im Ballsaal umsah, fiel es ihm sehr schwer, die Mädchen auseinanderzuhalten. Sie unterschieden sich nur in Haar- und Augenfarbe und der Farbe ihrer Kleider, und selbst die blieben alle im Bereich von unschuldigem Weiß und Pastell. Sie waren sorgfältig dazu erzogen worden, auf dieselbe sanfte, wohl modulierte Weise zu sprechen, die gleichen anmutigen Gesten zu benutzen und über dieselben faden, risikolosen Themen zu reden. Keine einzige von ihnen erregte sein Interesse.

Nun, das stimmte nicht ganz. Vor nur wenigen Augenblicken war er wie bei einem Taifun auf offenem Meer in einen wahren Aufruhr geraten, aber Amelia war tabu für ihn, so verlockend sie zweifellos auch war. Sie war wohl das einzige Mädchen im ganzen Saal, das in ihm einen Funken von Leidenschaft zu entzünden vermochte, aber das musste er sich schnell aus dem Kopf schlagen. Was er persönlich wollte und begehrte, spielte hier keine Rolle. Wichtig war zurzeit nur, was er brauchte – und was er brauchte, war Julia Harrow.

2. KAPITEL

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