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Ein Blick voller Begehren - und Kate findet sich in den Armen eines Mannes wieder, über den sie nichts weiß. Nicht mal seinen Namen. Aber das Gefühl, das sein starker Körper in ihr auslöst, die Leidenschaft, mit der er sie liebt, und die Befriedigung, mit der er sie erfüllt, sagen mehr als tausend Worte...
  • Erscheinungstag 02.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779191
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Kate Jones raffte das pinkfarbene Taftkleid und rannte nach Hause. Sie wäre am liebsten im Erdboden versunken. Was für ein schrecklicher Abend. Man hatte sie abserviert – und das mitten auf dem Abschlussball.

Du hättest bleiben sollen, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf.

Kate schnaubte. „Nachdem Darren McIntyre mich wegen dieser Zicke Angela Winfield versetzt hat?“

Cassie wäre nicht weggelaufen.

Nein, Kates Cousine hätte Angela eine geknallt, Darren dahin getreten, wo es richtig wehtat, und den beiden angeraten, sich zum Teufel zu scheren. Ein Jammer, dass sie nicht lange genug geblieben war. „Darren ist ein eingebildeter Idiot.“ Sie hätte von vornherein nicht mit ihm gehen sollen, aber ein einziges Mal wollte sie dazugehören, nicht mehr das ruhige, brave Mädchen spielen, das versuchte, seine Armut durch gute Noten und überdurchschnittlichen Fleiß zu kaschieren.

Angela hatte sich regelrecht an Darren rangeschmissen. Die ganze Schule wusste, dass sie sehr großzügig mit ihren Gunstbeweisen war. Im Gegensatz zu Kate, obwohl sie nur eine von den schäbigen Tremaines war. Eine schwierige Entscheidung für einen liebeshungrigen Achtzehnjährigen: Angela, das schwarze Schaf aus einer angesehenen Familie, oder Kate, die Anständige aus der verrufenen Familie. Er war so schnell verschwunden, dass Kate es kaum mitbekam.

Sie war schon fast zu Hause, als es zu regnen anfing. Hoffentlich schläft Mom, betete Kate, und hoffentlich ist Cassie schon da. Cassie und Tante Flo bewohnten die zweite Hälfte des Doppelhauses. Wenn Cassie da war, brauchte Kate nur an die Trennwand zwischen ihrem und Cassies Schlafzimmer zu klopfen, dann konnte sie sich bei ihrer Cousine den Kummer über diesen verpatzten Abschlussball von der Seele reden.

Vor dem Haus parkte ein Auto, und Kates Mutter stieg aus. Noch während Kate überlegte, mit wem sie so spät noch unterwegs sein könnte, erkannte sie den Fahrer: Mayor Winfield! Wie immer fand Angelas Vater, der reiche John Winfield, Bürgermeister dieser Stadt, in dessen eleganter Villa auf dem Lilac Hill ihre Mutter putzte, gar nichts dabei, sie spätabends noch schuften zu lassen. Als würde sie nicht bereits vierzig Stunden pro Woche die Toiletten anderer Leute schrubben!

Mit grimmigem Blick beobachtete Kate, wie der Bürgermeister ihre Mutter galant zur Haustür geleitete und sie dann – küsste. Wie vom Blitz getroffen stand Kate da. Ihre Mutter hatte eine Affäre mit John Winfield, einem verheirateten Mann! Mit dem Vater von Angela und J.J., der allerdings vor Jahren weggegangen und nicht zurückgekehrt war.

„Ich wüsste nicht, was ich all die Jahre ohne dich getan hätte“, hörte sie Winfield sagen. Wie, diese Affäre geht schon jahrelang? Er griff in die Tasche. „Dein Scheck. Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat, Darling, aber du kennst sie ja.“

„Schon gut, John“, erwiderte Kates Mutter. „Wenn du das Geld gerade brauchst – ich kann warten.“

Entsetzt schüttelte Kate den Kopf. Die Telefonrechnung war überfällig, die ganze Woche hatten sie sich von nichts anderem als Dosensuppe und Tunfischsandwiches ernährt, und jetzt gab ihre Mutter dem reichsten Mann der Stadt ihren Gehaltsscheck zurück? Und dieser Mistkerl akzeptierte ihn auch noch!

Erschüttert schlich sie in den Garten zu dem alten Baumhaus, in dem sie als Kind oft gespielt und wo sie sich versteckt hatte, wenn sie Trost suchte. Durch die Bretter schimmerte die rötliche Glut einer brennenden Zigarette. Cassie! Abrupt blieb Kate stehen.

Ganz egal, was man sich in der Stadt über Cassies Mutter, Kates Tante Flo, erzählte, über ihre extravagante Kleidung und ihre zahlreichen Affären, die Mädchen liebten sie. Sie war unbekümmert und charmant, hatte die beiden mit sieben an ihre Schminktiegel gelassen und ihnen das erste Sixpack spendiert. Die wirklich Mütterliche der beiden Schwestern war Edie gewesen. Sie war es, die die Tränen der Kinder trocknete und sie in ihren Träumen bestärkte. Doch auf einmal sah alles ganz anders aus. Kate brachte es nicht übers Herz, ihrer Cousine zu erzählen, was sie beobachtet hatte. Cassie wäre genauso tief getroffen wie sie selbst. Nein, sie würde es ihr nicht sagen, nicht jetzt.

„Kate, bist du das?“

Schnell wischte Kate sich über die Augen und kletterte die Strickleiter hinauf. Das Kerzenlicht im Inneren der Hütte umspielte Cassies goldenes Haar wie ein Heiligenschein. Sie trug ein sexy schwarzes Kleid, das ihre reizvollen Kurven hervorragend zur Geltung brachte.

„Hi“, grüßte Kate. „Alles in Ordnung? Du hast dich ja ziemlich bald verkrümelt.“

„Wer sollte mich schon vermissen?“

„Ich. Was war los?“

Cassie lachte verbittert. „Biff hatte etwas von einer Party erzählt. Wie sich herausstellte, dachte er dabei an eine Party mit nur zwei Gästen. Nackten Gästen.“ Sie drückte ihre Zigarette aus. „Ich mag nicht weiter darüber reden. Wieso bist du überhaupt hier? Solltest du nicht an Darling Darrens Seite als Ballkönigin über die Puhville-High-School regieren?“

Kate berichtete von ihrem Abend, ließ allerdings die Szene weg, die sie bei ihrer Rückkehr beobachtet hatte. „Scheint, als wäre der Ball für uns beide ein ziemlicher Flop gewesen.“

Cassie nahm ihre Hand. „Darren ist ein Idiot. Du hast ihm hoffentlich gesagt, er soll sich vom Acker machen, oder?“

„Ich habe gesagt, dass er eine wie Angela verdient hat, und bin abgedampft.“

„Gut!“ Cassie klappte eine alte, verstaubte Zigarrenkiste auf, in der sie Sachen horteten, von denen ihre Mütter nichts zu wissen brauchten: Kerzenstummel, Tagebücher, sogar ein „Playgirl“, das sie aus Flos Mülltonne gefischt hatten. „Ich hasse diese stinkende Stadt. Was würde ich nicht alles darum geben, hier rauszukommen. Ich möchte Karriere machen, dick Kohle scheffeln und dann zurückkehren und denen so richtig zeigen, was sie mich können.“

Kate dachte genauso. Sie verbrachte viel Zeit im „Rialto“, dem alten Kino, und ließ sich an Orte und zu Menschen entführen, die sie kennen lernen wollte. Weit weg von hier. „Das wäre ein Ding: Die schäbigen Tremaines kehren zurück und machen der Stadt Dampf“, meinte sie. „Weißt du, was ich tun würde? Ich würde direkt neben Mrs. McIntyres Tea Room einen Laden eröffnen, wo ich Pornofilme verkaufe.“

Cassie kicherte. „Genau!“

„Und Sexspielzeug. Darrens Mutter könnte einen Vibrator gebrauchen.“

„Du würdest einen Vibrator doch nicht erkennen, wenn er dir eingeschaltet in den Schoß fiele. Erinnere mich daran: Wenn wir in der Großstadt sind, kaufen wir als Erstes ein bisschen Sexspielzeug.“

Kate grinste. „Und das reiben wir dann gewissen Leuten unter die Nase.“

Cassie kramte in der Kiste. „Ich war gerade dabei, eine Liste zu schreiben, an wem ich mich alles rächen will. Warum tust du das nicht auch?“ Sie zog Kates Tagebuch hervor.

Eine hervorragende Idee. „Darren McIntyre und Angela Winfield in aller Öffentlichkeit lächerlich machen“, murmelte Kate, während sie schrieb. Dann drifteten ihre Gedanken zu ihrer Mutter und John Winfield. Es tat immer noch weh. „Es den Winfields heimzahlen“, kritzelte sie. Sie wusste zwar nicht wie, aber eines Tages würde sie dieser Familie das antun, was sie ihrer angetan hatte, und ihnen so richtig Kummer bereiten.

1. KAPITEL

Zehn Jahre später

Kate Jones hielt vor dem „Rose Café“ auf der Magnolia Avenue und ließ den Blick über das Herz von Pleasantville schweifen. Herz? Als sie dem Ort vor zehn Jahren den Rücken gekehrt hatte, hatte er kein Herz gehabt, und nach dem letzten Telefonat mit ihrer Mutter hatte sich daran offenbar nichts geändert.

Edie hatte nicht alles erzählt, was sie während der letzten Wochen ihres Aufenthalts von den Bewohnern dieser Stadt zu hören bekommen hatte. Bei dem, womit sie herausgerückt war, hatten Kate allerdings die Haare zu Berge gestanden. Das einzig Positive an der Sache war, dass Edie endlich den Absprung geschafft hatte.

Bislang hatte sie sich beharrlich geweigert, Pleasantville zu verlassen, aber nach dem Tod von Mayor Winfield, der Eröffnung seines Testaments und dem bösartigen Tratsch hatte sie ihre Meinung geändert. Kate hatte sich fürchterlich aufgeregt und kein Blatt vor den Mund genommen, Edie aber verschwiegen, dass sie die Wahrheit über die Beziehung zwischen ihrer Mutter und Mayor Winfield längst kannte.

Auf den ersten Blick sah die Stadt aus wie immer. Nur wirkten die Straßen etwas dreckiger als in Kates Erinnerung und die Gebäude etwas trister. Etliche Schaufenster in der einst belebten Einkaufsstraße waren mit Brettern vernagelt, nur vereinzelt sah man Passanten auf den Gehwegen. Das einstmals leuchtende Smaragdgrün der Bänke um den Springbrunnen auf dem Stadtplatz war verblasst. Egal, Kate würde nicht lange bleiben. Sie würde ihren Auftrag erfüllen und gehen. Endgültig.

Gerade als sie aus ihrem Geländewagen steigen wollte, klingelte das Handy. „Kate, ich werde noch verrückt! Sag, dass du auf dem Heimweg bist.“

Kate lachte, als sie die Stimme ihres Geschäftspartners erkannte. „Armand, erstens bin ich erst einen Tag weg, und zweitens warst du schon verrückt, bevor wir uns kennen gelernt haben.“

„Arm und verrückt. Jetzt bin ich reich und einem derartigen Stress einfach nicht gewachsen. Mir die ganze Verantwortung aufzuhalsen! Das wirst du büßen! Ich hafte für nichts, was während deiner Abwesenheit bei Bare Essentials passiert, ist das klar?“

„In zwei, drei Tagen kann nicht viel schief gehen. Was ist denn los?“

„Die Lieferung aus Kalifornien ist nicht eingetroffen. Wir haben nur noch einen einzigen ‚Bucky Beaver‘ auf Lager. Ich sehe schon, wie eine komplette Fußball-Frauenmannschaft den Laden stürmt und vor leeren Regalen steht.“ Armand stöhnte. „Das gibt einen Aufstand! Mit riesigen Gummipenissen werden sie auf mich eindreschen, bis ein knackiger, junger Polizist in strammer Uniform eintrifft …“ Er stockte. „Aber hallo! Vielleicht ist die Situation ja gar nicht so verfahren!“

„Keineswegs. Ruf trotzdem den Lieferanten an.“

„Könnte nicht deine Cousine ihre Beziehungen spielen lassen?“

„Cassie hält sich in Europa auf, glaube ich.“ Ganz sicher war Kate nicht, wo ihre berühmte Cousine diese Woche arbeitete. Auf die unerfreulichen Mitteilungen ihrer Mutter hin hatte Kate bei Cassies Agent eine Nachricht hinterlassen. Keine Reaktion. Es sah fast so aus, als würde sie sich verstecken. Ein Grund mehr, sich Sorgen zu machen. „Hat jemand für mich angerufen?“

„Nichts Wichtiges. Aber ich warne dich: Wenn Phillip Sayre noch mal anruft, mache ich ihn dir abspenstig.“

„Den kannst du haben. Ein Date reicht. Der Typ hat ein riesiges Ego.“

„Du weißt doch, großes Ego, gro…“

„…ße Füße? Kein Interesse! Wer braucht schon das Original und den dazugehörigen arroganten Kerl, wenn ein kleines, vibrierendes künstliches Etwas ohne Anhang den gleichen Zweck erfüllt?“

Armand schnalzte missbilligend mit der Zunge, aber er mimte nur den Entrüsteten. Er gehörte zu der Hand voll Vertrauter, der Kate auch ihre weniger netten Seiten zeigte.

„Ich muss Schluss machen. Sei brav!“

„Niemals!“ Armand schickte ihr einen lauten Schmatz durch den Hörer, und Kate legte grinsend auf.

Armand fehlte ihr. Er war der einzige Mann, dem sie völlig vertraute. Ein Psychologe würde das – wahrscheinlich zu Recht – mit Armands Homosexualität begründen. Vertrauen zu haben, besonders zu Männern, zählte nicht zu Kates Stärken. Noch etwas, das sie Mayor Winfield verdankte. Oder den wenigen Männern, mit denen sie etwas gehabt hatte und die sich ausnahmslos als herbe Enttäuschung entpuppt hatten.

Aber sie vermisste nicht nur den Freund und Partner, sie sehnte sich auch nach ihrem Apartment und nach dem Laden, dessen geschmackvolle Einrichtung einen krassen Gegensatz zu den Produkten bildete, die sie verkauften. Mit Bare Essentials, seinen zwei Etagen, den riesigen Schaufenstern und den exquisiten Vitrinen hatten sie das Unmögliche möglich gemacht: Sie hatten Sex genau die Eleganz und Klasse verliehen, um ihn auf der Michigan Avenue präsentieren zu können.

Eine Woche nach dem High-School-Abschluss war Kate mit ihrer Cousine in die Großstadt geflüchtet – Kate nach Chicago, Cassie in die Modeszene von New York. Kate kannte ihre Grenzen. Sie war klug, aber kein Genie, und leider besaß sie auch nicht genug Talent, um sich den Traum von einer Theaterkarriere zu erfüllen. Ihr Schlüssel zum Erfolg lag in ihrem gesunden Menschenverstand und ihrer Willenskraft. Deshalb hatte sie tagsüber als Verkäuferin gejobbt und abends die Schulbank gedrückt. Das Schicksal meinte es gut mit ihr. Kate lernte Armand kennen, einen brillanten Designer, der sich auf Dessous spezialisiert hatte.

Das geschah genau zu dem Zeitpunkt, als Cassies Karriere in Schwung kam und sie über die Mittel verfügte, um ihrer Cousine finanzielle Starthilfe zu leisten. Gemeinsam starteten sie ihr waghalsiges Unternehmen. Ursprünglich war eine hochklassige Boutique für Armands Kreationen geplant. Doch erst nachdem sie das Angebot um andere erotische Artikel erweiterten, brummte der Laden. Das unkonventionelle Geschäft eroberte Chicago im Sturm. Die ideale Lage, eine ausgefeilte Präsentation und die richtigen Requisiten machten es zur Topanlaufstelle für wohlhabende Singles und abenteuerlustige Paare.

Für eine Frau, die in der letzten Ausgabe des Chicagoer Business Journal als innovativste Unternehmerin der Stadt gewürdigt worden war, sollte es eine Kleinigkeit sein, an den Ort ihrer Kindheit zurückzukehren. Und jetzt saß sie in ihrem Geländewagen und fühlte, wie sich ein schweres Gewicht auf sie senkte. Alles, was sie so tief vergraben hatte, erwachte mit einem Schlag wieder zum Leben, als ihr klar wurde: Du bist wirklich da.

Kate atmete tief ein und öffnete die Tür. „Willkommen daheim“, seufzte sie – und setzte den Fuß auf den Boden von Pleasantville.

Unbehaglich kauerte Jack Winfield auf dem mit einem Schonbezug aus Plastik überzogenen Sofa im Wohnzimmer seines Elternhauses und spielte mit dem Gedanken, mit Hilfe des Schürhakens am Kamin Harakiri zu begehen. Oder sich wenigstens mit zwei der kuhäugigen Porzellanminiaturen aus der Sammlung seiner Mutter die Ohren zu verstopfen, damit er nicht mit anhören musste, wie sie im Nebenzimmer die neue Haushälterin zur Schnecke machte. Aber Blut auf dem Teppich, das verzeiht sie mir nie, überlegte er.

„Sophie“, tönte es aus der Diele. „Vergiss nicht, Mr. Winfield einen Drink zu bringen, ehe du dich über das Geschirr machst.“

„Und kipp ein Beruhigungsmittel in sein Glas, damit er einen weiteren Tag in diesem Mausoleum übersteht“, murrte Jack. Die Plastikfolie unter seinem Hosenboden raschelte. Er rutschte auf den Fußboden hinunter und schob sich ein Kissen in den Nacken. Richtig entspannt hatte er sich zum letzten Mal vor genau drei Tagen, fünf Stunden und siebenundzwanzig Minuten. Das war, bevor er für ein verlängertes Wochenende in Pleasantville eingetroffen war.

Jack hasste es, eingesperrt zu sein. Er sehnte sich nach seinem Apartment in Chicago, weit weg von all der Trauer und den Tränen seiner Mutter oder den Klagen seiner Schwester. Aber wahrscheinlich gab es schlimmere Ort als seine alte Heimat Pleasantville, Ohio. Sibirien zum Beispiel, oder Afghanistan oder … die Hölle?

Seine Mutter betrat den Raum. „Musst du wirklich schon abreisen? Ich hatte gehofft, du würdest länger als drei Tage bleiben. Es gibt so viel zu erledigen.“

„Tut mir Leid, Mom, du weißt, dass das nicht geht.“

Sofort wurden ihre Augen feucht. Seine Mutter kannte keine andere Möglichkeit, sich auszudrücken – auch ein Grund, weshalb sein Vater schließlich immer länger von zu Hause weggeblieben war. Das Wort gestört beschrieb das Verhältnis seiner Eltern allerdings nur unzulänglich. Das und die drei kläglich gescheiterten Ehen seiner Schwester hatten ausgereicht, um in Jack ein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber der Institution Ehe zu wecken.

Beziehungen? Jederzeit! Er traf sich sehr gern mit Frauen – auf ein Bier, zu einem Candlelightdinner oder einem Spaziergang am Ufer des Lake Michigan an einem stürmischen Nachmittag. Und auch zu scharfem Sex mit einer einfallsreichen Partnerin, die nicht gleich erwartete, dass er am nächsten Morgen mit ihr die Vorhänge aussuchen ging. Dass er in der letzten Zeit keine der zahlreichen Frauen aus seinem Bekanntenkreis angerufen hatte, die diesem Wunsch liebend gern entsprochen hätten, hing ausschließlich mit dem Tod seines Vaters zusammen. Seit Monaten schon gab es für ihn nichts anderes als Arbeit und familiäre Verpflichtungen.

„Wieso nicht?“ beharrte seine Mutter störrisch.

„Die Arbeit, du weißt doch. Aber im Juli habe ich Urlaub und kann dir helfen.“ Es war zum Heulen. Er hatte seinen Sommerurlaub schon geplant – eine Fotosafari in Kenia. Und jetzt? Dressierte Pudel statt Elefanten, Squaredance statt Stammesritualen, das Geschwätz blauhaariger Damen unter Trockenhauben anstatt Löwengebrülls und des Knisterns des Lagerfeuers. Er seufzte. „Ich laufe ein paar Schritte, um das köstliche Mittagessen zu verdauen.“ Und der bedrückenden Atmosphäre in diesem Haus zu entkommen.

„Pass auf dich auf, J.J.“

Jack sträubten sich die Haare bei diesem Namen, den sich seine Mutter einfach nicht abgewöhnen wollte. Seit zwanzig Jahren nannte ihn – abgesehen von seinen Eltern – kein Mensch mehr J.J. oder John Junior. Na, wenn es sie glücklich machte.

Das Verhältnis zu seinem Vater war ziemlich gespannt gewesen, seit Jack vor fünfzehn Jahren ein Stipendium angenommen hatte und nach Kalifornien gezogen war. Jack war immer davon ausgegangen, dass ihnen noch genug Zeit bleiben würde, um den Riss zu kitten und seinem Vater klarzumachen, warum er nicht der König von Niemandsville werden konnte.

Deshalb war er auch nur ein paar Mal nach Hause gekommen, nachdem er einen Job bei einem Architekturbüro in Chicago angetreten hatte. Zum letzten Mal vor vier Monaten, zur Beerdigung seines Vaters. Aber Jack hatte seine Lektion gelernt. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen – dieses Motto würde er von nun an gewissenhaft beherzigen, und zwar ab sofort.

Das Erste, was Kate bei ihrem Spaziergang durch die Stadt auffiel, war das Fehlen der beißenden Abgase der Papierfabrik. Der unangenehme Geruch hatte früher die ganze Stadt eingehüllt. Vor drei Jahren hatte die Fabrik geschlossen und die Stadt in eine schwierige wirtschaftliche Situation gebracht. Aber Kate empfand keine Schadenfreude darüber. Vielmehr bedrückte es sie, besonders als sie den trostlosen Zustand des Marktplatzes bemerkte.

Es war ungewöhnlich warm an diesem Frühlingstag. Eine dicke Wolkendecke verhinderte, dass die schwüle Luft abzog. Kate betrat einen kleinen Laden, um sich eine Erfrischung zu kaufen. Die Geschäftsführer waren freundlicher als erwartet. Langsam entspannte sich Kate. Ein paar Häuser weiter bemerkte sie einen neuen Laden, einen Maniküresalon, nach der Neonhand zu urteilen, die den Passanten vom Schaufenster aus zuwinkte. Den musste sie sich näher ansehen.

„Setzen Sie sich, und machen Sie es sich bequem“, empfing sie die junge Frau am Empfang des leeren Salons. Sie hatte leuchtend orange gefärbtes Haar, und wenigstens ein halbes Dutzend Ohrringe schmückte ihr Ohr. „Was darf’s denn sein?“

Kate zeigte ihre Hände. „Ehrlich gesagt brauche ich keine Maniküre.“ Ihre Kosmetikerin würde toben, wenn sie sich einer anderen anvertraute.

Das Mädchen pfiff anerkennend und deutete auf einen Stuhl. „Nehmen Sie trotzdem Platz. Sie sind fremd hier. Ich könnte Ihnen den Weg erklären.“

„Danke, ich war schon einmal hier.“

„Und Sie sind freiwillig zurückgekommen?“

„Sie sind kein Fan von Pleasantville?“

„Die Stadt ist okay“, meinte das Mädchen. „Irgendjemand müsste sie nur wachrütteln.“

Zum Beispiel die Tremaine-Cousinen. Kate lächelte. Sie hatte genug gesehen. Höchste Zeit, dass sie sich ins Haus ihrer Mutter aufmachte.

„Sie schaffen das bestimmt“, sagte sie zu der jungen Frau. Dann verabschiedete sie sich und überquerte die Magnolia Avenue, um zu ihrem Wagen zu gelangen. Sie war erst ein paar Schritte gegangen, als ihre Aufmerksamkeit von einem Mann auf der anderen Straßenseite gefesselt wurde.

Unwillkürlich stieß sie einen anerkennenden Pfiff aus. So ein Mann war hier absolut fehl am Platz. Ein blonder Gott wie der gehörte nicht in diese Kleinstadt, wo es schon als Gipfel der Eleganz galt, wenn ein Mann die dreckigen Arbeitsstiefel gegen saubere vertauschte.

Er war ziemlich groß – aber das war fast jeder für die nur einen Meter sechzig große Kate. Die wenigen Sonnenstrahlen fingen sich im dunkelblonden Haar des Unbekannten und brachten es zum Leuchten. Zwar war Kate nicht nahe genug, um seine Augenfarbe zu erkennen, aber sie registrierte seine markante Kinnpartie, den Schwung seiner Lippen und einen Körper, bei dem jede Frau unter neunzig weiche Knie bekommen musste. Das marineblaue Hemd spannte sich über breiten Schultern, die maßgeschneiderte Khakihose schmiegte sich um schmale Hüften und lange Beine. Solche Männer wie ihn hatte es zu Kates Zeiten nicht gegeben!

„Hey, Jack!“ rief eine Stimme hinter ihr. Der Blonde drehte sich um – und entdeckte Kate. Sie erstarrte. Er auch. Er lächelte, nickte. Kate konnte nicht anders, sie lächelte zurück. Selbst über mehrere Meter Asphalt hinweg erkannte sie, dass sein Blick Interesse ausdrückte, eindeutiges Interesse. Gleich würde sie dahinschmelzen. Er sagte „Hi“, das las sie von seinen Lippen ab. Diese Lippen! Sicher küsste er wie ein junger Gott.

Moment! Wieso sollte er dich meinen?

Es hatte lange gedauert, bis Kate wahrhaben wollte, dass manche Männer sie ansahen, selbst wenn ihre attraktive Cousine in der Nähe war, und ganz hatte sie sich immer noch nicht daran gewöhnt. Klar war sie hübsch, die ruhige, zierliche Kate mit den schokoladebraunen Augen, aber kein Vergleich zu der extravaganten Cassie mit ihren 90-60-90 Maßen und einem tonnenschweren Selbstbewusstsein.

Aber dieser Mann schien mit ihr zu flirten. Er zog die Brauen hoch und deutete erst auf ihre, dann auf seine Seite der Straße, und sie verstand. Doch in dem Moment fiel ihr ein, wo sie sich befanden, und sie schüttelte den Kopf. Vergiss es, schalt sie sich. Du hast wirklich keine Zeit, um dich in den lokalen Don Juan zu verknallen.

Er trat an den Randstein. Als er den Fuß auf die Straße setzte, wurde Kate klar, dass er rüberkommen wollte, aber nicht, um mit seinem Bekannten zu plaudern.

Sie begann zu laufen. Ein einziges Mal sah sie über die Schulter zurück. Halb erleichtert, halb enttäuscht stellte sie fest, dass der andere Kerl ihn festgenagelt hatte. Jetzt konnte er ihr nicht mehr folgen, selbst wenn er wollte.

Wollte er? Egal! Sie lief weiter. Ein Regentropfen landete auf ihrer Schulter und weckte Erinnerungen an eine Nacht vor zehn Jahren, in der sie ebenfalls durch Pleasantville gehastet war. Schutz suchend blieb sie im nächsten Eingang stehen. Ohne dass sie es bemerkt hatte, hatten sie ihre Füße genau vor McIntyre’s Tea Room getragen. Schreck lass nach!

Im Tea Room von Darren McIntyres Mutter hatte eine Tremaine nichts verloren. Die alte Garde von Pleasantville, die Winfields und ihre Konsorten, betrachtete es als ihr Territorium. Kates Mutter und ihre Freundinnen hatten sich im Schönheitssalon von Eileen Saginaw viel wohler gefühlt, daher hatte Kate den Tea Room erst betreten, nachdem sie sich mit Darren angefreundet hatte.

Genau wie früher, sinnierte sie und musterte das unauffällige Ladenschild. Nur Mr. McIntyres Laden für Herrenmoden nebenan stand leer. Ein rascher Blick zeigte ihr, dass der gut aussehende Fremde sie über die Schulter seines Gesprächspartners hinweg beobachtete. In den Tea Room, der dem weiblichen Publikum vorenthalten war, würde er ihr doch nicht folgen?

Autor

Leslie Kelly
Leslie Kelly ist als Romance-Autorin bekannt für ihre zauberhaften Charaktere, die geistreichen Dialoge und ihren frechen Humor. Das hat ihr 2006 den Romantic Times Award und weitere Award-Nominierungen eingebracht. Seit Erscheinen ihres ersten Buches 1999 hat sie mehr als dreißig sexy-freche Liebesgeschichten für Harlequin geschrieben.

Leslie lebt mit ihrem persönlichen...
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