Flammende Leidenschaft eines Earls

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Fünf Jahre lang hat Roxana Langsley gewartet, gebangt, gehofft. Nun ist es offiziell: Ihr Verlobter hat sie sitzen lassen! In ihrer Wut und Trauer wendet sie sich an den grundvernünftigen, verlässlichen und zutiefst langweiligen Alex, Earl of Ayersley, einen alten Freund der Familie. Während sie sich an seiner starken Schulter ausweint, überrascht sie der Earl jedoch mit einem ganz und gar nicht vernünftigen Kuss – und prompt werden sie entdeckt! Jetzt spricht Alex davon, seine Pflicht zu erfüllen und ihren Ruf zu beschützen. Doch eine Vernunftehe will Roxana auf keinen Fall! Kann es ihr gelingen, in Alex die flammende Leidenschaft zu wecken, nach der sie sich so sehnt?


  • Erscheinungstag 13.09.2025
  • Bandnummer 419
  • ISBN / Artikelnummer 9783751532112
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Alyssa Everett

Flammende Leidenschaft eines Earls

Alyssa Everett

Alyssa Everett mochte schon immer Bücher am liebsten, in denen ein Duke die Hauptrolle spielte. In Florida aufgewachsen, hat sie in ihren Teenagerjahren in einem Vergnügungspark alle möglichen Aushilfsjobs übernommen und am Ende sogar eine Bootstour geleitet. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie in Pennsylvania. Auf www.alyssaeverett.com können Sie mehr über die Autorin erfahren.

WIDMUNG

Für Rod. Du bist das Beste, was mir jemals passiert ist.

Tätowieren lasse ich mich nicht, deshalb schreibe ich deinen Namen hier hin.

DANKSAGUNG

Mein Dank gilt meinen wunderbaren und kritischen Erstleserinnen Karen Dobbins, Susanna Fraser, Vonnie Huges und Rose Lerner sowie meiner Lektorin Deb Nemeth. Sollte diese Geschichte Fehler oder Ungereimtheiten enthalten, so bin ich allein dafür verantwortlich. Ganz besonders möchte ich den Mitgliedern meiner Familie dafür danken, dass sie mich unterstützt, ermutigt und inspiriert haben. Seht ihr, ich habe nicht vergebens so viel Zeit am Computer verbracht.

1. KAPITEL

Ein schönes Gesicht runzelt sich, ein volles Auge wird hohl; aber ein gutes Herz, Käthchen, ist die Sonne und der Mond; oder vielmehr die Sonne, nicht der Mond; denn es scheint hell und wechselt nie, sondern bleibt treulich in seiner Bahn.

William Shakespeare

Derbyshire, 1814

Völlig außer Atem riss Roxana die Haustür auf, sprang zwei Treppenabsätze hinauf und stürzte ins Kinderzimmer. Dort kniete ihre Mutter auf dem Fußboden vor ihrem kleinen Bruder, der in einem neuen Mantel herumzappelte. Sie steckte ihm gerade den Ärmel ab.

„Mama, es gibt wunderbare Nachrichten! Du wirst staunen!“

Die Maisonne schien durch das Fenster herein, sie tauchte den Raum und alles, was sich dort befand – Roxanas Mutter, Harry, sein abgewetztes Schaukelpferd, seine Bauklötze und Spielzeugsoldaten, die weiß getünchten Wände, den gebohnerten Eichenfußboden – in ein fröhliches Buttergelb.

Lady Langley sah ihre Tochter, die ihre Haube immer noch nicht abgenommen hatte, kurz an, und ihr konzentrierter Blick verfinsterte sich. „Ich habe es heute Morgen gehört. Und um Himmels willen, Roxana, ich weiß nicht, was schlimmer ist: deine wenig damenhafte Art, die Treppe hinaufzustürmen, oder der Eifer, mit dem du Klatsch weiterverbreitest.“

„Klatsch?“ Roxana war es gewohnt, dafür gerügt zu werden, dass sie plapperte, wenn sie still sein sollte, oder dafür, dass sie anfing zu kichern, wenn eine Lady höchstens milde lächeln würde. Sie hatte damit gerechnet, für ihre stürmische Art, die Treppe hinaufzulaufen, einen missbilligenden Blick zu erhalten. Aber es als Klatsch zu bezeichnen, wenn ihr Verlobter, der fünf Jahre lang fort gewesen war, nach Derbyshire zurückkehrte? Das fand sie unangemessen streng.

„Ja, Klatsch.“ Lady Langley nickte nachdrücklich. „Ich mag mir gar nicht vorstellen, wer einer jungen unverheirateten Lady ein so schockierendes Gerücht anvertraut, und ich hoffe inständig, du hast es nicht weitergetragen.“

Roxana nahm ihre Haube ab und ihre blonden Locken fielen herab. Dabei hatte sie am Morgen unendlich viele Nadeln in ihr Haar gesteckt. „Aber, was ist denn so schockierend daran, dass George nach Hause kommt? Das sind die tollsten Nachrichten, die ich seit Ewigkeiten gehört habe!“

Lady Langley wippte zurück auf ihre Fersen, schürzte die Lippen und neigte den Kopf zur Seite. „George kommt nach Hause?“

Harry hob den Kopf, obwohl er zu jung war, um sich an persönliche Begegnungen mit George zu erinnern. „Major Wyatt?“

Roxana legte die Hände aufs Herz und schlug sich dabei selbst beinahe mit der Haube vors Gesicht. „Ja, endlich! Er hat die geschäftlichen Angelegenheiten erledigt, die der arme Lieutenant Hoke ihm auf dem Sterbebett anvertraut hatte.“

„Wahrscheinlich hat er eher in der Stadt herumgezecht“, murmelte ihre Mutter leise, setzte sich wieder auf und begann mit einer weiteren Änderung an Harrys Ärmel.

„George zecht nicht. Ich habe seine Schwester Sophie im Dorf getroffen, und sie sagt, er komme vor Ende der Woche an.“ Roxana unterdrückte ein sehr undamenhaftes Bedürfnis, vor Freude zu quietschen und überglücklich herumzutanzen. „Er kommt wirklich zurück. Ich werde endlich heiraten!“

Lady Langley seufzte. „Dann freue ich mich für dich, Roxana.“

Sie sah nicht aus, als würde sie sich freuen. Sie sah aus, als hätte ihr gerade jemand erzählt, der Speisesaal sei voller Fliegen. Das ergab keinen Sinn, denn George war der attraktivste, mutigste und schneidigste Mann, den Roxana je getroffen hatte, über einen Meter achtzig groß und Major im Fünften Regiment der Dragoon Guards. In jeder Sekunde der insgesamt fünf Jahre, die er fort gewesen war, um in Spanien zu kämpfen, hatten sie sich schmerzhaft nacheinander gesehnt.

Sie tat, was sie konnte, um den unvermeidlichen Streit zu umgehen, zu dem es jedes Mal kam, wenn Georges Name erwähnt wurde. „Aber von dieser Neuigkeit hast du eigentlich nicht gesprochen, oder? Welches Gerücht meintest du denn?“

Ihre Mutter war mit Harrys zweitem Ärmel beschäftigt. „Ach, nicht so wichtig!“

„Was ist passiert? Es muss etwas wirklich Schockierendes sein, wenn du meinst, dass noch nicht einmal ich es hätte hören sollen. Hat einer der Gentlemen aus der Nachbarschaft sich eine Geliebte genommen?“

Lady Langley blickte finster drein und hielt ihrem Sohn mit den Händen die Ohren zu. „Roxana, also wirklich! Nicht vor Harry!“

Aber Roxana vermutete, dass sich ein pikanter Skandal anbahnte. „Ist jemand durchgebrannt? Oder in anderen Umständen?“

Ein verräterisches Zittern lief über Lady Langleys versteinertes Gesicht.

„Das ist es“, sagte Roxana. „Jemand ist in anderen Umständen. Wer denn? Natürlich jemand, der eigentlich kein Baby bekommen darf.“

Ihre Mutter warf ihr einen ebenso vorwurfsvollen wie resignierten Blick zu und nahm die Hände von den Ohren ihres Sohnes. „Du hast jetzt lange genug stillgestanden, Harry. Sage dem Kindermädchen, dass ich dir dafür, dass du ein so braver Junge warst, eine Makrone versprochen habe.“ Sie wartete, bis er aus dem Kinderzimmer gelaufen war. „Es ist nicht so wichtig, wer es ist. Das wirst du noch früh genug erfahren, wenn sie es nicht mehr verbergen kann.“

„Also hat sie keinen Ehegatten.“ Roxana ging die Namen der Frauen durch, die am ehesten infrage kamen: Witwen und unverheiratete Frauen von zweifelhaftem Ruf. „Mrs. Corbett? Mrs. Elkins? Mercy Evans?“

„Nein.“

„Miss Cole? Die Tochter des Tabakhändlers?“

„Genug!“ Lady Langleys Tonfall wurde scharf. „Das geht dich überhaupt nichts an! Außerdem ist es ungehörig und hartherzig, wenn du hier irgendwelche Namen nennst. Ich werde nie verstehen, warum du frivolem Geschwätz so viel Interesse entgegenbringst.“

Sie hatte recht. Es war frivoles Geschwätz. Aber war diese Art von Klatsch nicht geradezu unwiderstehlich? Es ging immer um die interessantesten und kultiviertesten Persönlichkeiten – um den Prinzregenten, Beau Brummell, Lord Byron, Caroline Lamb – und ließ diese noch glamouröser erscheinen. Roxana wünschte, nur ein klitzekleiner Teil des Glanzes und der Raffinesse dieser Personen möge auf sie abfärben, natürlich ganz unverfänglich. Da sie mit ihrer wachsamen Mutter auf dem Land lebte, wo es nicht viele Möglichkeiten gab, sich die Zeit zu vertreiben, konnte sie allenfalls Briefe schreiben und morgendliche Besucher empfangen. Was also sollte sie anfangen, außer bei ihren wagemutigeren und weltgewandteren Nachbarn Neuigkeiten aufzuschnappen?

Denn in ihrem eigenen Leben ereignete sich absolut nichts Erwähnenswertes. Riddlefield war ein behagliches und schön gelegenes Herrenhaus, aber auf den Ländereien ihres Bruders wurde genau das Gleiche erzeugt wie auf allen anderen Anwesen der Gegend: Hafer, Erbsen, Bohnen, Hopfen, Heu und Käse. Sie nähte an den gleichen hübschen Sticktüchern herum wie all die anderen jungen Ladys, die sie kannte, pflückte die gleichen Blumen im Garten und las die gleichen Minerva-Press-Romane. Sie hatte keine erwähnenswerten Reisen unternommen, nie eine berühmte Persönlichkeit getroffen, nie eine alte Dame aus einem brennenden Haus oder ein kleines Kind vor dem Ertrinken gerettet. Sie hatte noch nicht einmal, wie die meisten anderen Mädchen, eine Reihe von Flirts oder Verehrern vorzuweisen. Es gab zwar in ihrem Bekanntenkreis viele heiratsfähige Männer, die nicht fortgegangen waren, um gegen Bonaparte zu kämpfen, doch sie war bereits George versprochen.

Nein, sie hatte rein gar nichts Besonderes an sich, es gab nichts Interessantes außer ein wenig Klatsch, der sie von Zeit zu Zeit erreichte. Und natürlich ihre Verlobung, die einzige leuchtende Errungenschaft ihres Lebens, das Einzige, was aus ihr etwas Besonderes machte. Etwas mehr als fünf Jahre lang hatten sie und George einander jede Woche Briefe geschrieben, in denen jeder dem anderen sein Herz ausschüttete. Sie konnte immer noch kaum glauben, dass er sie auserwählt hatte. Und jetzt kam er nach Hause!

Bei diesem Gedanken war ihr so leicht ums Herz, dass sie es wagte, den Unwillen ihrer Mutter auf sich zu ziehen, indem sie weiter nach dem Namen der unglücklichen werdenden Mutter forschte. Dabei schlug sie zwar einen höchst schmeichelhaften Tonfall an und lächelte, dennoch bohrte sie nach. „Es muss sich um ein Mädchen handeln, das wir kennen … Miss Hammond?“

Lady Langleys Gesicht hatte einen zunehmend erzürnten Ausdruck angenommen. Doch als ihre Tochter Miss Hammond erwähnte, wurde sie blass.

„Es ist Miss Hammond!“ Oh, sie war nicht älter als Roxana selbst und die Hammonds waren zwar nicht besonders wohlhabend, doch auf jeden Fall sehr angesehen.

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Nein, aber es steht in deinem Gesicht geschrieben. Susan Hammond in anderen Umständen! Und wer ist der Vater?“

Lady Langley fügte sich ins Unvermeidliche und beantwortete die Frage: „Das weiß keiner!“

„Ich hoffe doch, Miss Hammond weiß es.“

„Nun, sie sagt es nicht. Ich nehme an, sie hofft immer noch, sie könne den Halunken überzeugen, zu seiner Verantwortung zu stehen. Und sie möchte vermeiden, dass ihr Vater oder ihr Bruder ihm eine Kugel in die Brust jagen. Ihre armen Eltern können noch nicht einmal sicher sein, dass es sich um einen hiesigen Gentleman handelt, denn sie hat den Winter zusammen mit ihren Kusinen in Brighton verbracht.“

„In Brighton! Ich kann mir vorstellen, dass dort alle möglichen unanständigen Dinge geschehen. Man munkelt, der Prinzregent habe einen geheimen Tunnel graben lassen, um unbemerkt vom Royal Pavilion geradewegs in Mrs. Fitzherberts Schlafgemach zu gelangen.“

Ihre Mutter sah sie misstrauisch an. „Lass dir das eine Lehre sein und denke daran, dass es nur eines einzigen Fehltritts bedarf, um den guten Namen eines Mädchens für immer zu ruinieren. Ein Mann schmeichelt und verspricht das Blaue vom Himmel herunter, aber schöne Worte können nichts mehr ausrichten, wenn der Ruf einer jungen Lady dahin ist.“

Roxana nickte, obwohl sie nicht wirklich zugehört hatte. Sie konnte es kaum glauben: zwei interessante Ereignisse an einem einzigen Morgen! Zuerst das Geheimnis um Miss Hammonds unglücklichen Zustand – wer war wohl der Vater? – und dann noch das Wichtigste: George kam nach Hause.

Und er würde in ein paar Tagen da sein. Sie hatte so lange gewartet, gehofft und geweint, die Wochen und Monate gezählt, während er in Spanien kämpfte. Nun würden ihre Einsamkeit und Langeweile endgültig vorbei sein. Und ihre Heiratspläne würden endlich vorankommen.

Es wurde auch langsam Zeit. Sie hatte dreiundzwanzig Jahre lang darauf gewartet, dass so etwas wie das wirkliche Leben begann.

Sir Thomas Langley saß Alex im Lehnstuhl gegenüber, lehnte sich mit einem Glas Brandy in der Hand zurück und verzog das Gesicht. „Stell dir vor: Sie hat mir drei Mal geschrieben, um mich zu bitten, ich möge zu ihrem Verlobungsball nach Hause kommen. Schließlich habe ich ihr geantwortet, dass ich nicht vorhabe, für eine verdammte Feier den ganzen Weg von London auf mich zu nehmen. Aber eigentlich wollte ich sagen, dass ich mir eher die Augen ausreißen würde, als zuzusehen, wie sie sich diesem geschniegelten Esel an den Hals wirft.“

So sehr Alex diese Gefühle auch verstehen konnte, er nickte nur. Er wollte George Wyatt nicht hassen. Er wusste, wie kindisch das war und wie unfein. Unglücklicherweise machte der Mann es ihm allzu leicht, ihn zu hassen. Seine Überheblichkeit und Verlogenheit hätte Alex ihm noch verzeihen können. Er würde es vielleicht sogar schaffen, der Art und Weise, mit der Wyatt unschuldige Bauernmädchen ausnutzte, die zu naiv waren, um ihn zu durchschauen, keine Beachtung zu schenken. Aber dass Roxana Langley sich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte … Nun ja, das würde er ihm niemals verzeihen.

Tom legte seinen blonden Kopf in den Nacken und trank seinen Brandy in einem Zug aus. „Natürlich wäre es sinnlos, ihr das zu sagen. Schließlich hat sie fünf Jahre lang auf den Lumpen gewartet. Oder eher: fünf Jahre für ihn verschwendet. Ich hätte nicht gedacht, dass sie auf einen uniformierten Angeber hereinfallen würde.“

„Auf Riddlefield sind doch alle wohlauf, oder?“, fragte Alex in der Hoffnung, das Thema wechseln zu können.

Tom machte eine träge Handbewegung. „Es geht ihnen allen gut, meiner Mutter, Roxana und Harry.“ Er schenkte sich einen weiteren Brandy ein und hielt Alex die Karaffe hin. „Möchtest du auch noch einen?“

Dieser hob sein Glas, um zu zeigen, dass es noch voll war. In Toms Gesellschaft viel zu trinken, war ein Fehler, den er nicht begehen würde, denn es war sehr wahrscheinlich, dass sich das Gespräch auch um dessen Schwester drehen würde.

Tom seufzte und blickte verdrossen in sein Brandyglas. „Ich weiß nicht, was sich mein Vater dabei gedacht hat, als er den beiden seinen Segen gab. Wenn er Roxana doch nur geradeheraus gesagt hätte, dass Wyatt nicht gut genug für sie ist. Stattdessen hat er von ihr verlangt, sie solle warten, bis der Krieg vorbei ist …“

„Dein Vater war mit der Verbindung nicht einverstanden?“

Tom zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte er nur nicht, dass sie sich dem Tross anschließt oder mit Wyatts Familie in Yew House lebt, während dieser fort ist, um zu kämpfen. Auf jeden Fall hat er darauf bestanden, dass sie warten sollten. Ich habe in den letzten fünf Jahren immerzu darauf gehofft, sie würde den Schuft aufgeben oder ein französischer Scharfschütze würde der Welt einen Gefallen erweisen und ihm eine Kugel in den Kopf schießen.“

Alex hatte gerade einen Schluck Brandy getrunken und verschluckte sich fast, als er das hörte.

„Entschuldige“, sagte Tom. „Das war nicht sehr christlich von mir und auch nicht besonders patriotisch. Aber wenn du eine Schwester hättest, würdest du mich verstehen.“

Ein leises Klopfen an der Tür ersparte Alex die Antwort. Toms Butler erschien mit einem Tablett, auf dem eine Botschaft lag. „Entschuldigen Sie, Sir Thomas, aber gerade wurde diese Nachricht für Seine Lordschaft gebracht.“

Tom zog eine Augenbraue hoch. „Für Lord Ayersley?“

„Man sagte mir, ein Bote habe sie nach Ayersley House gebracht“, sagte der Butler, „und der Privatsekretär Seiner Lordschaft habe befürchtet, es handele sich um eine dringende Nachricht. Daher sorgte er dafür, dass sie hierhergetragen wurde.“

Alex warf seinem Freund einen besänftigenden Blick zu. „Entschuldige bitte.“ Für gewöhnlich handelte es sich bei solchen Botschaften um politische Nachrichten, doch er glaubte nicht, dass Oliver versucht hätte, ihn ausfindig zu machen, wenn es sich nur um eine weitere Mitteilung der Whig-Parteiführung gehandelt hätte. Er brach das Siegel und überflog den Brief, während der Butler sich zurückzog.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Tom besorgt.

Alex sah auf. „Meine Mutter. Sie hatte einen Unfall.“

Toms zog die Augenbrauen noch höher. „Hoffentlich nichts Ernstes?“

„Sie hat sich das Bein gebrochen, wohl ziemlich schlimm. Sie ist auf dem Weg in den Rosengarten von Broadslieve auf den nassen Steinplatten ausgerutscht. Dr. Massey meint, sie wird wochenlang das Bett hüten müssen.“

„Lieber Himmel, das tut mir leid!“

Alex stand auf. In den letzten Jahren hatte er seine Mutter kaum gesehen und nun fühlte er sich schuldig, weil er sich von der Arbeit und … und von anderen Gründen davon hatte abhalten lassen, sie auf dem Land zu besuchen. „Verzeih bitte, wenn ich den Abend abbrechen muss, aber …“

Tom stellte sein Glas weg und stand auf. „Das verstehe ich gut. Fährst du heim nach Derbyshire?“

Alex nickte. „Wenn möglich, breche ich bei Sonnenaufgang auf.“

„Ich wünsche dir eine gute Reise und deiner Mutter eine schnelle Genesung.“ Tom schüttelte seinem Freund die Hand und sein Mund verzog sich zu einem ironischen Lächeln. „Ich nehme an, du gehst dann auf den Verlobungsball meiner Schwester.“

Gütiger Himmel, daran hatte Alex nicht gedacht. „Vielleicht …“, sagte er so leichthin wie nur irgend möglich.

Tom knuffte ihn in die Schulter. „Mach kein so trauriges Gesicht. Deine Mutter wird das Ganze bestimmt gut überstehen.“

„Sicher. Ich danke dir, Tom.“

„Würdest du an meiner Stelle bei meiner Familie nach dem Rechten sehen, während du dort bist? Ich meine, wenn es deiner Mutter besser geht?“

In seiner Jugend war Alex auf Riddlefield ein- und ausgegangen, und außerdem hatte Tom ihm in den letzten Jahren diesen Dienst ebenfalls erwiesen. „Selbstverständlich.“ Er hoffte, dass es nicht allzu widerwillig klang. Es war schon schlimm genug, einem alten Freund einen Gefallen nur ungern zu tun, noch schlimmer war es, dies auch noch zu zeigen.

Und so ritt Alex fünf Tage später den Kiesweg zu Toms bequemem Herrenhaus hinauf, das gut drei Kilometer von seinem eigenen Anwesen in Derbyshire entfernt lag. Er sprang aus dem Sattel, übergab Pyrrhus’ Zügel einem Stallknecht und stieg mit gemessenen Schritten die breite Freitreppe hinauf.

Kaum hatte er an die Tür geklopft, schwang diese auf, und er stand nicht etwa einem Diener gegenüber, auch nicht dem Butler, sondern genau der Person, deren Anblick er zugleich erhofft und gefürchtet hatte: dem entzückendsten Mädchen, das er je gesehen hatte. Wenn Menschen Getränke wären, dann käme für Roxana Langley nur Champagner infrage: süß, sprudelnd, weißblond. Und unglücklicherweise stieg sie Alex auf die gleiche Weise zu Kopf.

Und nicht nur zu Kopf, denn als sie die Tür aufriss, lächelte sie so strahlend, ihre großen blauen Augen leuchteten so voller Freude, dass er fühlte, wie Sehnsucht jeden Zentimeter seines Körpers erfüllte und ihn bis in die Zehenspitzen erstarren ließ.

Dann verschwand ihr Lächeln, und die Freude wich aus ihren Augen. „Oh, Sie sind es, Ayersley“, sagte sie und seufzte enttäuscht. Dabei war er nicht etwa fünf Minuten fort gewesen, sondern in den letzten fünf Jahren fast die ganze Zeit. „Ich hatte Major Wyatt erwartet.“

Roxanas Mutter stellte im Salon den wöchentlichen Speiseplan auf, als sie den reichen, gut aussehenden und schrecklich langweiligen Earl of Ayersley hineinführte.

„Ayersley!“ Lady Langley sprang auf. Mit der für die Familie so charakteristischen impulsiven Herzlichkeit hielt sie den Besucher auf Armeslänge fest und musterte ihn mit beinahe mütterlichem Stolz. „Ich kann kaum fassen, dass Sie hier sind. Es ist sehr viel Zeit vergangen, seit Sie uns das letzte Mal besucht haben.“

Er senkte den Blick. „Verschiedene Angelegenheiten haben mich in London festgehalten.“

Es überraschte Roxana nicht, dass ihre Mutter Ayersley sehr schätzte. Er war nicht nur der beste Freund ihres Bruders, sondern verkörperte auch eine Art fader Tugend, die sich jede Mutter für ihren Sohn wünschte. Er war groß und schlank, mit allen typischen Merkmalen der Winslows: rabenschwarzes Haar, schmale dunkle Augenbrauen und tiefblaue Augen. Er hatte ein klassisches Profil, ein freundliches Lächeln und Wimpern, um die ihn so manches Mädchen beneiden könnte. Wie schade, dass die Schöpfung all diese Vorzüge gerade an diesen Mann verschwendet hatte. Einem Gentleman mit ein klein wenig Schneid hätten sie einen unwiderstehlichen Charme verliehen.

Unglücklicherweise war Ayersley ein Musterbeispiel für steife Ehrbarkeit. Von Zeit zu Zeit stieß Roxana in den Zeitungen auf seinen Namen. Alle Artikel berichteten, er würde an irgendeiner wichtigen Reform der Whigs arbeiten oder irgendeinen ehrenwerten Gesetzentwurf im Oberhaus unterstützen. Es umwehte ihn nicht der Hauch eines Skandals oder irgendwelcher Machenschaften, denn er war die Gewissenhaftigkeit selbst.

Trotz seines adeligen Pflichtbewusstseins mochte der Earl sie nicht. Früher, als sie siebzehn war und sie beide an den gleichen gesellschaftlichen Ereignissen teilnahmen, hatte er sie als einziger der anwesenden Gentlemen nie zum Tanzen aufgefordert. Stattdessen stand er auf der anderen Seite des Raumes, lehnte sich mit einer Schulter an die Wand und setzte eine mürrische, wenig einladende Miene auf. Einige Male hatte sie sogar versucht, seinen Blick aufzufangen, und ihm auffordernd zugelächelt. Dann runzelte er immer die Stirn und wandte schnell den Blick ab.

Zum Glück pflegte George sie damals bei solchen Zusammenkünften aufzumuntern. Gerade wenn Ayersley ihr jugendliches Selbstvertrauen durch sein ablehnendes Verhalten vollständig vernichtet hatte, tauchte er meist an ihrer Seite auf und sagte grinsend: „Wenn unser vornehmer Freund dort drüben Sie lange genug mit seinem Charme und seiner Redegewandtheit bezaubert hat, würden Sie mir dann eventuell einen Tanz gewähren?“

Jetzt setzte sich Lady Langley auf das Sofa. „Roxana und ich freuen uns sehr, Sie zu sehen, Ayersley.“ Sie sprach unbekümmert auch im Namen ihrer Tochter. „Sie hatte bereits gehört, dass Sie in der Gegend sind, aber ich wollte es nicht glauben, bis jetzt, wo ich Sie mit eigenen Augen sehe.“

Obwohl Roxana sich schon lange ebenfalls gesetzt hatte, blieb der Earl stehen. Lady Langley bat ihn, Platz zu nehmen. Nachdem er sich schließlich steif auf einem Stuhl niedergelassen hatte, fragte sie: „Wie geht es Ihrer Mutter?“

„Sehr viel besser, danke. Dr. Massey besuchte sie heute Morgen und schien mit ihren Fortschritten sehr zufrieden.“

Lady Langley lächelte. „Wenn Dr. Massey es sagt, dann ist das sehr vielversprechend. Dieser Mann findet hinter jedem Silberstreif am Horizont noch eine Wolke.“

Der Earl musterte seine hochglanzpolierten Stiefel, während man die Uhr auf dem Kaminsims ticken hörte. „Und wie geht es Ihnen, Lady Langley?“, fragte er schließlich, so als ob ihm diese banale Frage gerade zum ersten Mal in den Sinn gekommen wäre. „Wie geht es Ihnen allen?“

„Ausgezeichnet, ich danke Ihnen. Harry ist gerade fünf geworden und treibt mehr Unfug, als gut für ihn ist, aber nichts wirklich Haarsträubendes. Und, nun, Roxanas Major Wyatt ist zurückgekehrt.“

Der Earl antwortete mit einem für ihn typischen knappen Nicken. „Ich hörte davon.“

„Ja, eine Kugel hat ihn an der Schulter getroffen und wegen der Verletzung wurde er vorzeitig von seinem Regiment nach Hause geschickt. Seit zwei Wochen strahlt sie nun pausenlos.“

Ayersley nickte noch einmal, sagte aber nichts und es folgte wieder betretenes Schweigen. Roxana fragte, wie seine Reise von London verlaufen sei, und er antwortete, es sei nichts Besonderes vorgefallen. Ihre Mutter sprach vom Wetter, und er erklärte zustimmend, sie hätten im Frühjahr recht viel Glück gehabt. Sie unterhielten sich dann über das weniger angenehme Wetter der letzten Tage und hatten schon bald den Kalender von vorne bis hinten einmal durch.

Der Earl hüllte sich erneut in Schweigen.

Roxana spürte, dass ihre Mutter gerade einen letzten Versuch unternehmen wollte, um ihn aus der Reserve zu locken, als er sich ihr zuwandte. „Ich habe gehört, Sie und Major Wyatt werden bald heiraten, Miss Langley. Ich wünsche Ihnen alles Glück der Welt.“

„Ich danke Ihnen.“ Natürlich bemühte er sich, höflich zu sein. Aber sie wusste, wie wenig er von ihr und George hielt. Einige Jahre zuvor hatte dieser ihr erzählt, Ayersley halte ihn für selbstgefällig, sie für frivol und hinterwäldlerisch.

„Und Sie, Ayersley?“, fragte ihre Mutter. „Sie haben sicher auch Heiratspläne. Wann werden Sie uns Ihre frohe Nachricht überbringen?“

Dem Earl fiel der Kiefer herunter, als hätte sie ihn beschuldigt, die Postkutsche überfallen zu haben. „Heiratspläne? Wo haben Sie denn davon gehört?“

Lady Langley lachte. „Oh, versuchen Sie nicht, mir weiszumachen, dass Ihnen das noch nie durch den Kopf gegangen ist. Gibt es denn keine Frau, die Ihnen etwas bedeutet?“

Er senkte den Blick und spielte mit dem Siegelring, den er mit einer Uhrkette an seinem Gürtel befestigt hatte. „Es gibt eine junge Lady, die ich verehre …“

Roxana war in der Familie nicht die Einzige mit einer Vorliebe für Klatsch. Ihre Mutter beugte sich vor und spitzte die Ohren. „Es gibt eine? Sie müssen uns alles über diese junge Dame erzählen.“

Der Earl spielte weiterhin mit seiner Uhrkette. „Unglücklicherweise, Madam, glaube ich nicht, dass sie meine Gefühle erwidert.“ Seine Stimme verstummte und seine Ohren liefen rosa an.

„Warum denn das? Welches Mädchen würde Sie ablehnen?“, sagte Lady Langley, als ob das ganz und gar unmöglich wäre.

Roxana zügelte ihren Drang, die Hand zu heben, als er mit einem gequälten Lächeln aufblickte. „Ich weiß Ihr Vertrauen sehr zu schätzen. Vielleicht kann ich eines Tages glücklichere Nachrichten mit Ihnen teilen.“

Lady Langley runzelte die Stirn. „Heißt das, Sie wünschen, die Einzelheiten für sich zu behalten?“

„Ich befürchte es … mit Ihrer Erlaubnis, Madam.“

„Sie waren noch nie sehr gesprächig, Ayersley“, sagte Roxana.

Er sah sie an, als hätte er vergessen, dass sie nur einige Schritte weit entfernt saß. „Nein“, sagte er, immer noch ein wenig rot vor Verlegenheit.

„Und welche Neuigkeiten aus London bringen Sie uns?“, fragte Lady Langley.

Er ließ seine Uhrkette fallen und fing an, ihnen zu versichern, dass Tom gesund und glücklich sei. Außer einem unbedachten Pferdekauf und einem Loch im Dach seines Stadthauses habe sich nichts Unglückliches ereignet. Dann bedrängten ihn die Ladys, er möge die Londoner Siegesfeiern beschreiben: die Staatsbesuche des russischen Zars und König Friedrichs von Preußen, die Paraden, das Feuerwerk, die herrliche königliche Überlegenheit. Roxana wünschte, sie hätte in der jubelnden Menge dabei sein können.

Wie jedoch vorauszusehen war, beendete er seine Schilderungen mit dem Hinweis: „Meine Verpflichtungen im Oberhaus haben mich leider daran gehindert, es mir selbst anzusehen. Zusätzlich zu all dem Hickhack um Huskissons Getreidegesetze im letzten Monat haben wir uns bemüht, die Justizreform voranzutreiben.“

Das war typisch Ayersley. Roxanas Mutter sah ihn blinzelnd an. „Was voranzutreiben?“

„Die Justizreform. Die Revision des Strafgesetzbuches, Lady Langley. Wir versuchen, die Strafen für gewisse Vergehen zu verändern.“

„Tatsächlich? Dann wünsche ich Ihnen bei der Verschärfung viel Glück.“

Er biss sich auf die Lippen. Kurz darauf wagte er, richtigzustellen: „Tatsächlich verfolgen die Whigs genau das entgegengesetzte Ziel, Madam.“

Roxana erinnerte sich, in den Zeitungen etwas darüber gelesen zu haben. „Seit der Thronbesteigung des Königs, Mama, wurden der ohnehin schon sehr langen Liste von Kapitalverbrechen über sechzig hinzugefügt. Einige von ihnen betreffen eher kleinere Vergehen.“

Der Earl nickte und sein Gesicht strahlte Leidenschaft aus. „Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Fälschung ist ein Kapitalverbrechen, Kaninchenwilderei ist ein Kapitalverbrechen und absichtlich den Baum auf dem Land eines anderen zu fällen, ist ein Kapitalverbrechen. Ein Mann kann gehängt werden, wenn er nur fünf Schilling aus einem Geschäft stiehlt. Fünf Schilling!“

„Das kommt mir streng vor.“ Lady Langley runzelte die Stirn und dachte nach. „Aber glauben Sie nicht, dass Gesetze eine abschreckende Wirkung haben sollten?“

Der zuvor so zungenfaule Ayersley war verschwunden. Er beugte sich vor. „Häufig haben sie genau die gegenteilige Wirkung. Wenn ein Mann sein Leben riskiert, egal ob er ein Schaf stiehlt oder nur ein Lamm, warum sollte er dann nicht die größere Beute, ergo die größere Straftat wählen?“

Roxanas Mutter schürzte die Lippen und überlegte. „Daran habe ich noch nicht gedacht.“

„Im Übrigen wird Kriminalität nicht durch milde Strafen begünstigt, sondern durch Armut. Jetzt, wo der Krieg vorbei ist, wird die Industrie weniger Regierungsaufträge bekommen. Gleichzeitig werden die heimkehrenden Soldaten nach Arbeit suchen. Die Arbeitslosigkeit wird steigen und neue Schankwirtschaften werden aus dem Boden sprießen. Wir müssen schnell praktikable Gesetzbücher erarbeiten, sonst werden die Probleme nur schlimmer. Wie Byron sagte, …“

„Byron?“, fiel Roxana ein. „Sie kennen Lord Byron?“

Der Earl hatte sich in seine Rede hineingesteigert, aber ihre Unterbrechung ließ ihn stotternd innehalten. „Ja, s-so ist es. Er ist ein F-Freund.“

Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass Ayersley ein Freund des großen Lord Byron sein sollte. Des so leidenschaftlichen und launenhaften, romantischen und schelmischen Byron. Es war, als würde der fromme alte Cromwell mit Charles II. herumziehen. „Wirklich?“

Lady Langley wechselte schnell das Thema. „Wussten Sie, dass wir in zwei Wochen einen Ball geben, Ayersley? Wir geben Roxanas Verlobung offiziell bekannt.“ Sie warf ihrer Tochter einen bedeutsamen Blick zu. „Sie kümmert sich gerade um die Einladungen.“

Da sie auf diese Weise in Zugzwang geraten war, konnte Roxana nicht umhin, ihn einzuladen. „Oh ja, das hätte ich beinahe vergessen. Ich hole Ihnen Ihre Einladungskarte.“ Sie erhob sich.

Selbstverständlich stand der Earl ebenfalls auf. „Bitte machen Sie sich meinetwegen keine Umstände.“

„Es sind keine Umstände.“ Hatte die Welt schon einmal zwei Personen gesehen, die ihre gegenseitigen Freundlichkeiten mit weniger Überzeugung formulierten? Sie fand ihn spießig, und er hatte noch weniger für sie übrig. „Ich habe die Einladung bereits vorbereitet, nachdem ich hörte, dass Sie in der Gegend sind.“

„Und Sie müssen unbedingt auch einen Ball geben, Ayersley, während Sie auf Broadslieve weilen“, sagte Lady Langley. „Sie waren schon seit Ewigkeiten nicht mehr lange genug hier, um einen zu veranstalten.“

„Dann werde ich das tun, Madam. Wenn es Ihr Wunsch ist.“

Roxana holte die Einladung und übergab sie Ayersley mit gespielter Liebenswürdigkeit. Sie durfte nicht vergessen, George zu sagen, dass sie den Earl eingeladen hatte. Das würde ihm nicht gefallen. Selbst als kleine Jungen hatten sie immer unterschiedlichen Kreisen angehört. George hatte immer zur lauteren Schar gehört, zur rauf- und lebenslustigen Gruppe. Auch heute noch titulierte er Ayersley selten anders als „dieser Spaßverderber“ oder „der tumbe Tölpel“.

Miss Langley war die Liebenswürdigkeit selbst, doch sie würde niemals eine große Schauspielkarriere machen. Als Alex die Einladung aus ihren Händen entgegennahm, konnte er ihren Widerwillen spüren, auch wenn sie verzweifelt versuchte, diesen zu verbergen.

Lady Langley lud ihn zum Abendessen ein, und er war erleichtert, sich entschuldigen zu können. „Ich danke Ihnen, aber ich hatte lediglich die Absicht, hereinzuschauen und Ihnen meine Aufwartung zu machen. Und ‚uneingeladene Gäste sind oft am angenehmsten, wenn sie wieder gehen‘.“

„Ich hatte vergessen, wie sehr Sie Zitate lieben, Ayersley“, sagte Miss Langley, und zum ersten Mal, seit sie ihn hereingebeten hatte, lächelte sie wirklich aufrichtig. Er war sich nicht sicher, ob es sich dabei um ein nostalgisches Gefühl handelte, eine Erinnerung an die Zeit, die er als Jugendlicher auf Riddlefield verbracht hatte, oder ob sie nicht einfach nur froh war, dass er sich endlich verabschiedete.

Die Ladys begleiteten ihn selbst hinaus. Als sie in die Eingangshalle traten, erinnerte er sich plötzlich an die Frage, die er auf seinem Ritt nach Riddlefield vorbereitet hatte, für den Fall, dass er es überhaupt nicht schaffen sollte, Konversation zu machen. „Würde eine der Ladys sich eventuell über einen Setter-Welpen freuen? Meine Hero hat gerade wieder geworfen, und zwei von den Kleinen sind noch zu haben.“

„Harry würde sich bestimmt über einen Welpen freuen“, sagte Lady Langley „Sehen sie alle sehr ähnlich aus?“

„Ja, sehr. Dieses Mal sind es tatsächlich Leanders Nachkommen. Beim letzten Wurf hatte ich nicht so viel Glück, die Welpen sahen dem Terrier des Jagdaufsehers verdächtig ähnlich. Ich fürchte, Hero ist ein recht liederliches Frauenzimmer.“

„Ein liederliches Frauenzimmer auf Broadslieve? Das ist sicher eine Premiere“, sagte Miss Langley mit einem spitzbübischen Zwinkern.

Ihre Mutter runzelte die Stirn. „Lasterhaftigkeit sollte kein Anlass zum Spaßen sein, Roxana.“

Alex setzte den Hut auf. „Es hängt wohl davon ab, wie man darüber lacht.“

Miss Langley prustete los, wahrscheinlich nicht so sehr, weil ihr sein Versuch, geistreich zu sein, gefiel, sondern eher, weil sie erstaunt war, dass er überhaupt Humor hatte.

„Vielen Dank für Ihren Besuch, Ayersley“, sagte Lady Langley, als sie aus dem Haus traten, wo ein Stallknecht mit seinem Pferd stand. „Wir wissen, wie ernst Sie Ihre Verpflichtungen nehmen. Wie schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“

Er stellte sich neben Pyrrhus und stieg in den Sattel. „Wie hätte ich der Frühlingsluft widerstehen können? ‚Seht, die Regenzeit liegt hinter uns, der Winter ist vorbei! Die Blumen beginnen zu blühen, die Vögel zwitschern, und …‘“ Er brach ab, als er bemerkte, wie lächerlich er wahrscheinlich klang.

„Noch ein Zitat.“ Roxana runzelte die Stirn, als versuche sie, sich an die Quelle zu erinnern.

„Das Hohelied“, sagte Alex und wünschte gleichzeitig, er hätte sich nicht in solchen Schwärmereien ergangen. Er hob den Hut zum Gruß und brach auf.

Nun, es war nicht gerade sehr gut gelaufen, aber es hätte schlimmer kommen können. Zumindest war es ihm gelungen, den Besuch zu überstehen, ohne sie „M-Miss L-Langley“ zu nennen, wie bei ihrem letzten Zusammentreffen. So war er zumindest den bescheidenen Erwartungen seiner Selbstachtung gerecht geworden.

Dann erinnerte er sich an die Einladung in seiner Brusttasche und daran, dass sie in nur zwei Wochen ihre Verlobung mit George Wyatt ankündigen würde. Und sein hart erkämpftes Gefühl, etwas vollbracht zu haben, verblasste augenblicklich.

2. KAPITEL

Doch alles hohl und falsch. Es troff von Manna

Die Zung’ ihm; konnt’ er schon den schlimmsten Grund

Zum Besten drehen …

John Milton

„Dann will sie also immer noch nicht sagen, wer der Vater ist?“, fragte Fanny Sherbourne, während sich Roxana vor dem Spiegel hin und her drehte, um den Rücken ihres Kleides besser sehen zu können. Fanny saß auf Roxanas Bett, trug wie diese ein seidenes Ballkleid und wartete, bis ihre Freundin mit dem Ankleiden fertig wurde.

Roxana konnte kaum glauben, dass es wirklich so weit war: Heute Abend fand ihr Verlobungsball statt. Den ganzen Tag lang war sie aufgeregt herumgelaufen, hatte immer wieder auf die Uhr gesehen und ungeduldig die Stunden bis zu ihrer offiziellen Vorstellung als zukünftige Braut gezählt. Nun würden schon bald die ersten Gäste eintreffen; sie war glücklich, außer Atem und nervös.

„Nicht ein Wort“, sagte Roxana. „Philipp Hammond hat Georges Schwester Sophie den Hof gemacht, und Sophie sagt, Miss Hammond habe nichts verraten. Ich vermute, sie hat den Mann in Brighton getroffen. Schließlich hätten wir es doch mitbekommen, wenn sich einer der hiesigen Gentlemen für sie interessiert hätte, oder?“

Skepsis stand in Fannys hübsches, herzförmiges Gesicht geschrieben. „Wer auch immer es sein mag, glaubst du wirklich, sie kann ihn überzeugen, zu seiner Verantwortung zu stehen? Sie hat keine Mitgift und ihre Familie keine nennenswerten Beziehungen.“

„Und wenn er bereits verheiratet ist? Erinnere dich an die berühmte Beauty of Buttermere. Sie glaubte, der Bruder des Earl of Hopetoun würde sie heiraten, doch es stellte sich heraus, dass der Mann bereits verheiratet und ein Betrüger war.“ Damals war Roxana fast noch ein Kind gewesen, aber sie hatte wochenlang alle Zeitungsartikel über die Affäre gelesen, deren schockierende Einzelheiten sie fasziniert hatten.

Fanny schüttelte mitleidig den Kopf. „Die arme Miss Hammond. Ihr Leben ist so gut wie vorbei. Auch hier kann sie sich heute Abend nicht blicken lassen.“

„Ich habe ihr eine Einladung geschickt. Es fühlte sich irgendwie nicht richtig an, es nicht zu tun, denn eigentlich sollte ich doch gar nicht wissen, was passiert ist. Mama sagt, ich solle froh sein, dass die ganze Familie Hammond die Einladung ausgeschlagen hat, denn sonst hätten die anderen Gäste sie den ganzen Abend geschnitten.“

Fanny lief ein Schauer über den Rücken. „Da sieht man, wie es einem Mädchen ergehen kann, wenn sie einem Gentleman erlaubt, sich Freiheiten herauszunehmen.“

Roxana nickte. Sie liebte George sehr, und trotzdem konnte sie sich nur schwer in die Lage der armen Miss Hammonds versetzen. Seit ihr Verlobter zurückgekehrt war, konnte sie noch weniger verstehen, wie ein Mädchen so tief fallen konnte. In den Armen eines Mannes zu sein, war wie eine Expedition in den Amazonas: Es klang nach einem spannenden Abenteuer … bis man dann wirklich dort war. Dann stellte es sich als befremdend, unwirtlich und überraschend risikoreich heraus.

Gerade am Tag zuvor hatten sie und George im Park von Riddlefield einen Spaziergang unternommen. Es hätte ein perfekter Ausflug werden sollen. Die Rosen auf der Terrasse blühten, das frisch gemähte Gras duftete und Schmetterlinge flatterten um die blühende Schafgarbe herum. Er hatte ihren Arm an seinem eingehakt, und sobald sie den Kopf drehte, konnte sie sein markantes Profil bewundern und seine breiten Schultern, die sich unter seinem engen, grünen Wollmantel mit Schalkragen abzeichneten. Während des Spaziergangs löcherte sie ihn mit Fragen über die Schlachten, in denen er gekämpft hatte, und er erzählte ihr von Vittoria und Salamanca.

Doch dann brach er mitten in einer Geschichte ab, zog sie unter einen Kirschbaum, um ihr dort lange und sehnsuchtsvoll in die Augen zu blicken. „Endlich sind wir mal allein.“

Sie sah sich hastig um und war fast enttäuscht, bis auf den Grünfinken, der in den Zweigen über ihnen zwitscherte, keine andere Seele zu entdecken. Wie er sie ansah, gefiel ihr nicht. Sie fühlte sich wie ein Lamm, und er war der Wolf, der noch nicht gefrühstückt hatte. „Es ist hier nicht besonders intim.“

„Für mich ist es intim genug.“ Er umarmte sie. „Weißt du eigentlich, wie lange ich darauf gewartet habe, endlich mal einen Moment mir dir allein sein zu können?“

„George, jemand könnte uns sehen.“

„Nur ein Kuss.“ Er drückte sie gegen seine starke Brust.

Sie wich nervös zurück und warf einen Blick zum Haus. „Aber meine Mutter könnte aus dem Fenster sehen …“

„Mein Gott, du siehst zum Anbeißen aus. Ich weiß gar nicht, wie ich es aushalten konnte, so lange von dir getrennt zu sein.“ George neigte den Kopf, bis seine Lippen nur noch wenige Zentimeter von ihren entfernt waren und sie seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. „Schätzchen. Bitte, ich kann nicht länger warten.“

Roxana schluckte. Sie wünschte, sie könnte ihre Umarmungen genauso genießen wie George. Sie wollte eine Romanheldin sein, wenn er sie küsste. Sie wollte, dass ihr Herz wie wild schlug und solche Sachen. Doch sie fühlte sich nur in die Enge getrieben. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie er zum ersten Mal versucht hatte, ihr die Zunge in den Mund zu schieben, damals, bevor er nach Spanien aufbrach. Sie hatte noch nicht einmal gewusst, dass man solche Dinge tat, und ihn in ihrer Panik ins Gesicht geschlagen. Er hatte sie sofort um Verzeihung gebeten, aber das war fünf lange Jahre her.

Und seine Leidenschaft schmeichelte ihr. Obwohl sie wusste, dass sie es wahrscheinlich bereuen würde – irgendwann würde ihre Mutter nach ihnen Ausschau halten, um zu sehen, was sie machten –, hielt sie still und ließ sich küssen. Schließlich waren sie verlobt. Warum sollte sie sich wie ein schüchternes Schulmädchen benehmen?

Doch der Kuss zog sich in die Länge, er ließ sie nicht los. Stattdessen öffnete er den Mund und drückte seine Zunge gegen ihre. Dann bemerkte sie, dass seine Hand auf ihrer Brust lag.

Unwillkürlich schob Roxana ihn weg. „Lass das!“

Sie musste so panisch geklungen haben, wie sie sich fühlte, denn in seinem Gesicht blitzte ein mürrisches Erstaunen auf.

„Ich meine … nicht jetzt, George. Was, wenn uns jemand sieht?“ Wenn ihre Mutter ihr ein Prinzip in ihren Kopf gehämmert hatte, seit sie ein Kind war, dann war es Anstand. Sie war zwar dreiundzwanzig Jahre alt und würde bald heiraten, aber Lady Langley erlaubte ihr nie, ohne Begleitung auszugehen, und wenn George sie besuchte, überwachte die Mutter sie mit Adleraugen. Außerdem hatte Roxana genug Klatschgeschichten gehört, in denen Mädchen zuerst verführt und später verlassen wurden. Sie wusste, wohin solche Freiheiten führen konnten.

George sah aus, als wolle er ihr wie einem Dienstmädchen einen harschen Rüffel verpassen, doch nach einer peinlichen Pause seufzte er nur. „Verdammt, ich weiß nicht, wie lange ich noch warten kann. Wenn du nur nicht so verflucht betörend wärst.“

So war es mit Georges Küssen: Er wollte immer noch mehr, und Roxana wollte immer weniger. So sehr sie ihn auch liebte, oft gefiel es ihr am besten, wenn ihr irgendeine Ausrede einfiel, mir der sie seine Umarmungen abkürzen konnte.

Es war das einzige Haar in der Suppe einer ansonsten perfekten Liebe. Und sie fragte sich manchmal, ob mit ihr etwas nicht stimmte, ob sie nicht eine ungewöhnlich kühle Persönlichkeit hatte. Doch warum sollte sie, wo sie doch in einer warmherzigen, herzlichen Familie aufgewachsen war? Es bereitete ihr keine Schwierigkeiten, ihre Mutter zu umarmen, Tom in die Arme zu schließen oder den kleinen Harry mit Küssen und Zärtlichkeiten zu überhäufen.

Leider war wirkliche Leidenschaft etwas anderes. Es verstörte sie, denn wenn sie auch nicht genau wusste, was zwischen Eheleuten vor sich ging, war ihr schon klar, dass es nicht nur ums Küssen ging. Es waren nur noch vier Monate bis zu ihrer Hochzeit, und auch jetzt stieg bei der bloßen Vorstellung, mit George auf diese besondere Weise allein zu sein, Angst in ihr auf.

Sie hoffte, nach den fünf Jahren einfach nur Zeit zu brauchen und dass ihre jungfräulichen Befürchtungen verschwinden würden, wenn sie erst verheiratet waren. Und wenn nicht?

Ängstlich betrachtete sie ihr Spiegelbild. Sie sollte sich lieber auf einfachere Fragen konzentrieren. „Bist du sicher, dass mir dieses Kleid steht?“ Der blassblaue Georgette-Stoff lag sehr viel enger an, als sie es gewohnt war, obwohl zumindest die weiße Stickerei dem Kleid einen dringend notwendigen Anschein von Bescheidenheit gab.

„Es ist wunderhübsch.“

„Bist du sicher, dass ich darin nicht zu dünn aussehe?“

Jahrelang hatte ihre Mutter immer das Gleiche gesagt, wenn sie Roxana dabei erwischte, wie sie in den Spiegel starrte und sich wünschte, ihre Brüste würden schneller wachsen oder ihre hellen Flachshaare würden plötzlich durch ein Wunder einen goldenen Glanz bekommen: „Wahre Schönheit kommt von innen, Roxana.“ Das war natürlich richtig, jedoch nicht besonders hilfreich, wenn sie sich für ein Fest anziehen sollte. Ihr Leben lang war Roxana dünn gewesen, ihre Arme und Beine schienen zu lang für ihren Körper zu sein, und ihre Haare kehrten immer wieder in ihren eigensinnigen Urzustand zurück, was immer sie auch mit ihnen anstellte. Als sie klein waren, hatte ihr Bruder Tom sie „Staubwedel“ genannt, ein Spitzname, der ihr auch heute noch in den Sinn kam, sobald sie in den Spiegel blickte.

Fanny seufzte. „Du siehst wunderschön aus, Roxana. Ich frage mich, warum ich mir eigentlich die Mühe gemachte habe, heute Abend hierherzukommen. Keiner der Gentlemen wird mich auch nur ein einziges Mal ansehen.“

„Oh, Fanny!“ Roxana wirbelte herum und schloss ihre Freundin in die Arme. „Was für ein absoluter Blödsinn. Dein Mauerblümchendasein liegt einzig und allein an deiner Schüchternheit, an nichts anderem. Etwas anderes darfst du nicht einmal denken!“

Fannys braune Locken wippten, als sie auf ihre Schuhspitzen sah. „Ich weiß ja, dass ich mehr die Initiative übernehmen sollte. Das will ich ja auch, aber ich weiß immer nicht, was ich sagen soll. Ich wünschte mir, ich könnte mich entspannen und Gesellschaften so genießen wie du. Aber das kann ich einfach nicht.“

Roxana drückte ihrer Freundin die Hand, obwohl es ihr ein Rätsel war, wie man das Kunststück fertigbringen konnte, eine Gesellschaft nicht zu genießen. Sie liebte es: die Vorfreude, ihr schönstes Kleid anzuziehen, aufzubrechen, im Schein der Fackeln anzukommen, den Lärm der Unterhaltungen. Sich unter die Leute zu mischen, zu lachen, Freunde und Nachbarn zu treffen. Und dies hier war nicht nur ein Spieleabend oder eine Abendgesellschaft, sondern ein richtiger Ball mit Musik, Tanz und Vergnügen.

„Ich bin so dankbar, dass du gekommen bist“, sagte sie. „Du weißt ja, wie Mama zu George steht, und ich kann die moralische Unterstützung gut gebrauchen.“ Tatsächlich hatte ihre Mutter den ganzen Tag lang geseufzt wie ein Blasebalg. Obwohl sie offiziell die Gastgeberin war, hatte Lady Langley sich immer noch nicht mit Roxanas Verlobung abgefunden.

Flehend hob Fanny ihre braunen Augen. „Würdest du mir etwas versprechen?“

„Was du willst.“

„Wenn zu viele Gentlemen mit dir tanzen wollen – ach komm, Roxana, du weißt, dass es so sein wird –, versprich mir, einige von ihnen auf mich aufmerksam zu machen.“

„Du redest Unsinn, aber gut, ich verspreche es. Wenn es überhaupt jemanden gibt, den ich auf dich aufmerksam machen könnte. Und wenn die Tanzpartner nicht ohnehin bei dir Schlange stehen.“

Sie warfen einen letzten Blick in den Spiegel, rafften ihre Röcke und gingen nach unten.

Alex kam spät genug an, um den Empfang zu verpassen, damit er nicht George Wyatts Hand schütteln und ihm gratulieren musste. Darauf war er nicht besonders stolz, aber zumindest hatte er sich überwunden, überhaupt auf den Ball zu gehen. Da er so spät kam, war bereits eine riesige Menschenmenge anwesend. Die vielen Gäste kamen nicht nur aus der Nachbarschaft, sondern es war auch eine erstaunlich große Zahl von Wyatts Offizierskameraden anwesend.

Er musste es der Kavallerie lassen: Sie boten eine großartige Show. Unzählige scharlachrote Uniformjacken, glänzende Säbel und goldene Aufschläge wogten durch den Ballsaal von Riddlefield. In seinem vornehmen Abendanzug fühlte er sich sofort fehl am Platze, eine Krähe unter Pfauen. Er verbeugte sich vor den Anstandsdamen, die in einer Ecke Platz genommen hatten, und bezog seinen gewohnten Posten in ihrer Nähe: Er lehnte sich an die Wand und beobachtete das Fest. Mit einem Gesicht, als leide er an fürchterlichen Zahnschmerzen, ließ er prüfend den Blick über die Menschenmenge schweifen und hoffte, Miss Langley zu Gesicht zu bekommen.

Nicht weit von ihm entfernt kommentierte die alte Mrs. Truitt, was im Saal vor sich ging. Alex hatte nicht die Absicht zu lauschen, aber sie war ziemlich taub und sprach immer aus voller Brust.

„Wer ist das Mädchen dort bei der Bowle?“ wollte sie lautstark von ihrer Begleiterin Miss Hill wissen.

Diese überflog die Gesellschaft mit ihren blassen Augen. „Die in dem gewagten Abendkleid?“

„Ist das ein Abendkleid? Ich hatte es für einen Unterrock gehalten.“ Mrs. Truitt lachte meckernd über ihre eigene Bemerkung. „Wer ist das?“

„Miss Cole, vermute ich.“

„Heutzutage ziehen sie verteufelt verwegene Kinder auf.“ Sie stieß ihre Begleiterin in die Rippen. Zu Schade, dass die jungen Böcke nicht auch nur mit der Hälfte ihrer Kleider herumlaufen, was?

Es war ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Die festlichen Töne des Orchesters wirbelten um ihn herum und mischten sich mit dem Lärm der Unterhaltungen. Alle schienen in Hochstimmung zu sein, während ihm selbst kaum zum Feiern zumute war. Roxana Langley lebte ihr Leben.

Ein Offizier mit roter Jacke stellte sich neben ihn. „Ein ordentliches Gedränge. Sind Sie ein Freund der zukünftigen Braut oder des zukünftigen Bräutigams?“

Da Alex kaum antworten konnte, dass er sich nach ihr verzehre, seit sie als Debütantin in die Gesellschaft eingeführt wurde, antwortete er achselzuckend: „Beiderseitiger Nachbar.“

„Ich habe zusammen mit Wyatt in Spanien gedient.“

„Das dachte ich mir … ihre Uniform.“ Es war kaum zu übersehen.

Und dann entdeckte er sie: schlank, lebhaft, ein blonder Engel in einem Kleid, dass zu ihren blauen Augen passte. Er hatte sich dem Offizier gerade vorstellen wollen, brach jedoch ab, als Miss Langley auf sie zukam. Einen Augenblick lang stand er nur da und starrte sie an.

Sie vollführte einen spielerischen Knicks vor ihnen. „Lieutenant … Russel, nicht wahr? Es ist ein Vergnügen, Sie wiederzusehen.“ Sie sah Alex an. „Und Ayersley. Ich habe Ihre Ankunft verpasst.“

Der Lieutenant vollführte einen extravaganten Diener. „Bei Jupiter, Madam, ich bin ganz aus dem Häuschen. Hier sind so viele Leute, und die entzückendste aller Frauen erinnert sich an meinen Namen!“

Diese galante Bemerkung zauberte ein strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht, bis sie bemerkte, dass Alex sie anstarrte. Sie sah an sich herunter. „Was ist los? Ist ein Fleck auf meinem Kleid?“

Ruckartig wandte er den Blick ab. „Nein. Es ist nur … Sie sehen heute Abend sehr gut aus, Miss Langley.“ Er hätte sich ohrfeigen können. Der Lieutenant hatte sie als entzückend bezeichnet, und er hatte sie nur angestarrt und „Sie sehen heute Abend sehr gut aus“ herausgebracht.

Sie sah ihn verwundert an, doch der Lieutenant verwickelte sie mühelos in ein Gespräch und erwies sich schon bald als talentierter Unterhalter. Er wünschte ihr Glück, sie bedankte sich bei ihm, und sie unterhielten sich über die kürzlich erfolgte Truppeninspektion in London. Alex stand daneben wie ein Zuschauer bei einem Tennismatch, zumindest, bis ein Kamerad den Lieutenant zu sich hinüberwinkte.

Nun war Alex allein mit Miss Langley, starrte auf die Tanzfläche und zerbrach sich den Kopf darüber, was er sagen sollte. Bevor ihm irgendein geistreiches Bonmot einfiel, mit dem er ihre unsterbliche Hingabe erringen könnte, fragte sie: „Wann können wir den kleinen Setter bekommen?“

Er klammerte sich an den Rettungsanker. „Sobald er entwöhnt ist. In etwa einem Monat, nehme ich an.“

„Dann sagen Sie bitte meinem kleinen Bruder nichts, falls Sie ihn sehen. Harry ist sehr ungeduldig und wird uns alle in den Wahnsinn treiben, wenn er davon Wind bekommt.“

„Ist es sein erster Hund?“

„Eigentlich schon. Er ist zu klein, um sich an Shadow zu erinnern.“

„Ach ja, Shadow!“ Die Erwähnung des Namens zog eine Flut von Erinnerungen nach sich.

„Tom und ich haben Shadow auf einige unserer ersten Jagdausflüge mitgenommen. Tom liebte diesen Hund sehr.“

„Wir alle liebten ihn sehr. Bis auf Mama. Aber das lag nur an seiner grässlichen Angewohnheit, sich …“

„Ja?“, forderte Alex sie auf, als sie sich unterbrach. „Sie sagten?“

Sie wurde rot. „Ach, nichts.“

Er warf ihr einen kurzen Blick zu und fragte sich, was er jetzt wieder falsch gemacht hatte.

„Oje. Ich wollte Ihnen kein Rätsel aufgeben, Ayersley, wirklich. Nur handelt es sich bei Shadows Gewohnheit um etwas, das eine Lady nicht erwähnen sollte.“

„Ah, verstehe.“

„Obwohl … ich nehme an, jetzt macht es keinen Sinn mehr, es zu verschweigen. Sie stellen es sich jetzt wahrscheinlich noch unziemlicher vor, als es tatsächlich war. Leider hatte Shadow die Angewohnheit … na ja, sich in einer eher ausgelassenen Weise der Beine von Besuchern zu bedienen.“

„Ich versichere Ihnen, ich habe es mir nicht unziemlicher vorgestellt.“

Sie lachte – ein wunderbares, melodiöses Lachen. „Grässlich, nicht wahr? Einmal hat er das sogar mit dem Vikar gemacht. Tom musste ihn am Halsband aus dem Haus ziehen, und Mama war kurz davor, ohnmächtig zu werden. Dankenswerterweise war Mr. Spotterswood so liebenswürdig, vorzugeben, er hätte es nicht bemerkt.“

„Das wird Mr. Spotterswoods schauspielerische Fähigkeiten erheblich beansprucht haben.“ Alex war nun entspannt genug, um zu lächeln. „Keine Sorge. Ich werde Harry ein kleines Weibchen schenken. Hündinnen benehmen sich nicht so unschicklich.“

Sie betrachteten noch einige Sekunden lang die Menschenmenge, während er versuchte, sich zusammenzureißen. Er sah sie flüchtig an. „Vielleicht … ähm …“

„Ja?“

„Würden Sie mir vielleicht die Ehre eines Tanzes erweisen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, Ayersley, aber meine Tanzkarte ist bereits vollständig ausgefüllt.“

„Aha.“ Das hätte er sich denken können. Sie hatte noch nicht einmal gezögert, bevor sie ihm einen Korb gab. „Das ist … das ist völlig in Ordnung.“

„Fragen Sie doch Fanny Sherbourne.“

Er nickte knapp. „Das sollte ich vielleicht.“

Wenn es etwas Schlimmeres gab, als einen Korb zu bekommen, dann die Verpflichtung, hinterher ein gleichgültiges Gesicht aufzusetzen. Er hatte sich aus dem Fenster gelehnt, und jetzt schien es keine würdige Art des Rückzugs zu geben.

Sie fragte, wie es seiner Mutter gehe, und er antwortete: „Besser, danke.“ Sie machte Bemerkungen über das schöne Wetter der letzten Zeit und wollte wissen, ob er die Gelegenheit genutzt hatte, hinauszugehen, um es zu genießen, und er schüttelte nur mit dem Kopf. Sie hatte gerade das Orchester gelobt und ihn gefragt, ob er ihr zustimme, als er in erleichtert und zugleich mit Bedauern ihren nächsten Tanzpartner nahen sah.

Sie entfernte sich am Arm des Offiziers, plauderte dabei ungezwungen und lächelte wieder. Alex sah ihr nach. Vielleicht war es besser, dass sie nun offiziell verlobt war, damit sie beide ihr eigenes Leben leben konnten. Er würde nicht ewig mit dem Kopf gegen die Wand rennen können. 

„Bis du glücklich, Schätzchen?“, murmelte George, als sie zusammen Walzer tanzten.

Roxana sah zu ihm auf. Sie war sich nicht sicher, ob es an seinem üppigen goldenen Haarschopf lag, oder an der autoritären Ausstrahlung, die die scharlachrote Uniform ihm verlieh, aber wenn er noch ein Quäntchen attraktiver wäre, würde sie zu seinen Füßen zerfließen. „Außer mir vor Freude. Ich wusste, wenn du erst zurückkommst, wird das Leben nie mehr langweilig sein.“

Er grinste, dabei blitzten seine weißen Zähne in seinem von spanischer Sonne gebräunten Gesicht auf. „Als ob es im Lebe...

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