Flucht ins große Glück

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Olivia will sich selbst beweisen, dass sie unabhängig von ihrem reichen Vater leben und arbeiten kann! Und seit sie auf Noah Raybournes Farm in Tennesse ist, fühlt sie sich zum ersten Mall richtig gut, selbstständig und von allen anerkannt. Das heißt - von fast allen! Denn ausgerechnet Noah, den sie in seiner maskulinen Art einfach toll findet, gibt ihr immer wieder zu verstehen, dass er an ihr und ihrer Liebe zu ihm zweifelt. Und das tut weh …
  • Erscheinungstag 09.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757045
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Olivia Franklin wusste genau, dass eine Braut sich keinen schöneren Polterabend wünschen konnte. Es war ein milder Abend Ende Mai. Ein sanfter Windhauch strich durch die Luft. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont versunken und tauchte den abendlichen Himmel über Texas in ein Farbenmeer aus Pink und Lavendel. Stiefmütterchen und Petunien blühten üppig am Rande der marmorgefliesten Terrasse. Ein Streichquartett begleitete das fröhliche Lachen der Gäste sowie das Klirren der Eiswürfel, wenn sie in die edlen Kristallgläser fielen.

In kleinen Grüppchen spazierten die Gäste durch das stuckverzierte Herrenhaus und wanderten über die Terrasse zum Büfett, das in einem Zelt auf dem Rasen aufgebaut worden war. Die feine Gesellschaft von Austin hatte sich in Schale geworfen, um auf die Hochzeit von Roger Franklins Tochter anzustoßen.

Etwas anderes war sie nicht. Roger Franklins Tochter.

Und bald Marshall Cranes Ehefrau.

Olivia stellte ihren Champagnerkelch auf den Tisch. Niemand nahm Notiz von ihr, als sie langsam die Menge umkreiste. Am anderen Ende der Veranda umringten die Gäste ihren Vater. Marshall stand neben ihm und lächelte zufrieden, als Roger ihm anerkennend auf die Schulter klopfte und ihn als zukünftigen Schwiegersohn willkommen hieß. Morgen, wenn Marshall sein Jawort gegeben haben würde, wäre er mehr als nur der Protegé ihres Vaters. Er würde zur Familie gehören. Roger hätte erreicht, was er unbedingt erreichen wollte. Genau wie Marshall.

Und was war mit ihr?

Olivia atmete schwer.

Sie ging ins Haus und stieg die Treppe hinauf. Entschuldigend nickte sie den wenigen Gästen zu, die sie aufhalten wollten. Im Grunde war es grotesk, denn eigentlich war sie der strahlende Mittelpunkt des Abends. Die glückliche Braut. Und trotzdem konnte sie nahezu unbemerkt verschwinden.

Ein aufgeregtes Bellen klang ihr entgegen, als sie die Schlafzimmertür hinter sich schloss. Ein winziges Fellknäuel sprang vom Bett, flitzte auf sie zu und tanzte um ihre Füße herum. Olivia kniete sich hin und nahm den Yorkshireterrier auf den Arm. „Hallo, Puddin’, Süße. Mein süßes Mädchen.“

Hinter ihrem Rücken räusperte sich jemand. Erschrocken richtete Olivia sich auf. Das Hündchen behielt sie jedoch im Arm. In der Tür zu ihrem Ankleidezimmer stand eine üppige Frau mit einem Berg Wäsche im Arm. Es war Mary Gunter, seit über zwanzig Jahren Kinderfrau, Ersatzmutter und Dienstmädchen von Olivia. Die Missbilligung, die in ihrem breiten Gesicht geschrieben stand, war nicht zu übersehen. „Was machst du hier oben?“, fragte sie. In ihrer Stimme lag die gewohnte Vertrautheit.

„Es interessiert niemanden, ob ich mich auf der Party blicken lasse oder nicht.“ Das bronzefarbene Seidenkleid raschelte, als Olivia das Zimmer durchquerte. Puddin’ leckte ihr tröstend mit der Zunge über die Wange.

Sorgfältig verstaute Mary die Kleidung in einem der Koffer, die geöffnet auf dem Bett lagen. „Mein armes Kind“, erwiderte sie mit einem singenden Tonfall. Sie benahm sich, als ob Olivia erst zehn Jahre alt wäre. „Ganz allein und so bedauernswert.“

Olivia fand im Moment nicht die Kraft, ihr zu erklären, was sie empfand. Sie blieb am Fenster neben ihrem Bett stehen und sah hinaus. Ihr Zimmer befand sich dicht neben der Scheune und den Stallungen, weit entfernt vom Garten und der Party. Aber dennoch konnte sie die Musik und das Gelächter der Gäste hören. „All die Leute sind nur gekommen, um Vater zu sehen. Sie kümmern sich überhaupt nicht um mich.“

„Aber, aber …“

„Es ist wahr.“ Gedankenverloren beobachtete sie, wie ein großes Wohnmobil mit einem angehängten Pferdetransporter von der Hauptstraße abbog und auf die Scheune zufuhr.

„Es ist albern von dir, so zu denken.“

Das Wohnmobil mit dem Anhänger hielt vor den Ställen. Olivia wandte sich seufzend an Mary. „Ich bin nichts weiter als die Tochter eines großen Mannes. Keine Schönheit wie meine Mutter. Kein Genie wie der Vater. Wirklich nichts Besonderes. Ein Objekt, auf das man einen oder zwei neugierige Blicke wirft, weil mein Vater mich fast mein ganzes Leben lang unter Verschluss gehalten hat.“

„Dein Vater hat versucht, dich zu beschützen. Und du weißt, warum“, entgegnete Mary tadelnd.

Olivia biss sich auf die Lippe, um eine scharfe Antwort zu unterdrücken. Natürlich kannte sie die Gründe ihres Vaters. Roger Franklin war ein Computergenie. Seine Karriere begann, als er Mitte zwanzig war. Mit fünfunddreißig war er Millionär und heiratete die begehrteste junge Frau aus ganz Austin. Vor fünfzehn Jahren – Olivia war gerade acht Jahre alt geworden – wurde ihre Mutter entführt. Roger hatte das Lösegeld bezahlt, aber die schöne Leila Franklin wurde trotzdem ermordet. Seitdem plagte Roger sich mit schweren Vorwürfen. Für die Sicherheit seines einzigen Kindes tat er seitdem alles.

Lange Zeit konnte Olivia ihrem Vater die übertriebene Sorge um sie verzeihen. Obwohl sie sich oft wie eine Gefangene fühlte, verhielt sie sich, wie ihr Vater es von ihr verlangte. Sie hatte zugestimmt, dass Leibwächter jeden ihrer Schritte begleiteten: in die Schule, zum Einkaufen oder zu den seltenen Ausflügen, die sie mit ihren Schulfreunden unternehmen durfte. Während ihres Studiums lebte sie dann im Stadthaus der Familie in Austin. Sie verzichtete darauf, an ihrer künstlerischen Begabung zu arbeiten, und ihr Vater hatte es sogar abgelehnt, ihr einen Job in seiner eigenen Firma verschaffen.

Manche Leute glaubten, dass sie ein idyllisches Leben führte. Ohne Geldsorgen. In einem schönen Heim. Mit wundervollen Kleidern. Und preisgekrönten Pferden. Einem Pool und einem Tennisplatz. Umgeben von Angestellten, die sich um alles zu kümmern hatten. Und mit Reisen in exotische Länder, wann immer es ihrem Vater passend erschien.

Olivia hatte sich alle Mühe gegeben, sich glücklich zu fühlen.

Zuerst war sie überrascht, als ihr Vater sie drängte, mit Marshall auszugehen. Und dann dankbar. Mit Marshall, dachte sie, kann ich aus dem goldenen Käfig entfliehen. Mit einem Mann, dem ihr Vater vertraute, würde sie endlich ihr eigenes Leben führen können.

Es war leicht, Marshall gern zu haben. Er sah gut aus, hatte eine ausgezeichnete Erziehung genossen und war ein angenehmer Gesellschafter. Olivias Wunsch nach Selbstständigkeit war ihm sympathisch. Natürlich machte sie sich niemals vor, dass sie diesen Mann liebte, aber er war überaus freundlich und aufmerksam ihr gegenüber. Sie interessierten sich beide für Pferde, Musik und Bücher. Die Flitterwochen wollten sie einen Monat lang in Europa verbringen. Olivia hatte sich darauf gefreut, danach zu ihm zu ziehen und mit ihm ein angenehmes, normales Leben zu führen. Als verheiratete Frau würde es ihr ganz sicher gelingen, den Schatten der Angst zu entkommen, in denen ihr Vater sie gefangen hielt.

Vor zwei Stunden hatte Marshall ihr jedoch mitgeteilt, dass sie auf der Ranch ihres Vaters leben würden. Mit den Überwachungskameras draußen. Mit Leibwächtern, die jeden ihrer Schritte beobachteten. Als sie protestiert hatte, hatte Marshall erklärt, dass er nur auf der Ranch für ihre Sicherheit garantieren könne.

Für ihre Sicherheit? Wohl eher für ihre Gefangenschaft.

An diesem Nachmittag hatte Olivia festgestellt, dass sie Marshall nur als Fluchtweg aus ihrem luxuriösen Leben betrachtet hatte, das ihr zur Falle geworden war. Jetzt erkannte sie, dass er dazu dienen sollte, ihrem Vater als zweiter Gefängniswärter zur Seite zu stehen. Und dieses Leben konnte sie nicht mehr ertragen.

Seitdem gingen ihr die verschiedensten Fluchtfantasien durch den Kopf. Sie stellte sich vor, wie sie die Tische mit den Hochzeitsgeschenken umwerfen, die Treppe hinunterstürzen und zur Tür hinausrennen würde. Oder wie sie die Uniform eines Mitarbeiters vom Partyservice stehlen und inkognito zur Küchentür hinausschlüpfen würde. Vielleicht könnte sie sich sogar unter die Gäste mischen, unbemerkt in einen Wagen einsteigen und davonfahren.

Aber dann fielen ihr wieder all ihre missglückten Fluchtversuche ein. Sie hatte einmal versucht, einen Nachmittag allein mit einer Schulfreundin im Kino zu verbringen. Oder ein Wochenende mit ihrem früheren Freund, dem einzigen, den sie vor Marshall gehabt hatte. Oder letztes Jahr in Paris, als sie auf einem der berühmten Boulevards spazieren gehen wollte, ganz allein, nur für sich. Die Männer ihres Vaters hatten sie gefunden. Sie hatten sie immer gefunden.

Ihr Vater betrachtete Olivias Willen zur Unabhängigkeit als Zeichen ihrer Unreife. Er gab ihr das Gefühl, unvorsichtig und dumm zu sein. Aber gleichzeitig erklärte er ihr, dass er sie liebte und sie nur beschützen wollte.

Vielleicht konnte Olivia ihm deshalb nicht böse sein. Er glaubte tatsächlich, dass er sie retten müsste, weil er ihre Mutter nicht hatte retten können. Leilas Entführer hatten als Angestellte auf der Ranch gearbeitet. Nach einer Weile hatte Roger ihnen vertrauensvoll den Zugang zum Familienleben gestattet. Sie hatten ihn betrogen. Seitdem hatte seine Wachsamkeit niemals nachgelassen. Und sie würde niemals nachlassen.

Wieder einmal hatte Olivia das Gefühl, dass sie gleich ersticken würde.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Mary besorgt.

Olivia riss sich zusammen und atmete tief aus. „Ich bin nur … aufgeregt.“

„Natürlich bist du das.“ Lächelnd deutete Mary auf das schimmernde Satinkleid mit Tüll, das vor einem dreiteiligen Spiegel hing. „Morgen wirst du das Kleid deiner Mutter anziehen, in der Kirche vor den Altar treten und danach auf dem Hochzeitsempfang im Country Club tanzen. Du wirst die schönste Braut sein, die Austin je zu sehen bekam. Mr. und Mrs. Marshall werden sehr stolz sein. Und die Leute werden dich niemals vergessen.“

Ja, man würde sich an sie erinnern. An Roger Franklin’s Tochter. An Marshall Crane’s Braut. Aber niemand durfte sie wirklich kennenlernen. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob sie sich selbst wirklich kannte.

Puddin’ jaulte erschrocken auf, als die Tür plötzlich aufgestoßen wurde. Roger Franklin stürzte ins Zimmer. Der Hund sprang zu Boden, um ihn zu begrüßen.

Olivias Vater war mittelgroß und untersetzt. Die roten Haare, die Olivia von ihm geerbt hatte, wurden inzwischen an den Schläfen leicht grau. Seine Gesichtszüge waren wenig markant. Genau wie Olivia hatte er allerdings auffallend braune Augen. Roger Franklin war nicht besonders gut aussehend, aber sein unscheinbares Äußeres machte er mit seinem Auftreten wieder wett. Er strahlte Macht, Vertrauenswürdigkeit und Stärke aus.

Olivia unterdrückte den Impuls, ihm zackig zu salutieren. „Hallo, Vater.“

„Du solltest unten sein.“

„Ich weiß.“

„Warum bist du es dann nicht?“

„Ich musste für ein paar Minuten verschwinden.“

„Marshall möchte dich an seiner Seite sehen.“

„Wirklich?“ Olivia versuchte vergeblich, den sarkastischen Tonfall zu unterdrücken.

Ihr Vater zog eine Augenbraue hoch. „Stimmt etwas nicht, Olivia?“

Gar nichts stimmt, hätte sie am liebsten geantwortet. Aber was würde das nützen? Stattdessen schüttelte sie den Kopf.

Puddin’ sprang jaulend um Rogers Füße herum und bettelte um Aufmerksamkeit. Olivia wusste, dass ihr Vater es genoss, das Hündchen nach Strich und Faden zu verwöhnen. Aber jetzt wurde er ungeduldig. „Pfeif sie sofort zurück, Olivia!“, verlangte er.

Sie nahm den Hund wieder auf den Arm, aber Puddin’ winselte weiter und blickte Roger aus treuen schwarzen Augen an.

Müde seufzte er auf. „Olivia, du solltest auf die Party zurückkehren, denn ich muss einen Moment fort. Der Züchter, der Royal Pleasure kaufen will, ist gerade angekommen.“

Olivia zuckte zusammen, als sie den Namen ihres Lieblingspferdes hörte. „Musst du sie wirklich verkaufen?“

„Dazu ist sie da.“

Die preisgekrönte Zuchtstute, die zur Rasse der „Tennessee Walker“ gehörte, war vom besten Hengst aus dem Stall der Franklins gedeckt worden und hatte zwei prachtvolle Hengstfohlen geboren. Nun würde sie an den Meistbietenden verkauft werden. Olivia verspürte eine Art innerer Verwandtschaft mit dem wunderschönen Pferd, das genau wie sie nicht über sein eigenes Schicksal entscheiden durfte.

„Kann Jake sich nicht um den Züchter kümmern?“ Olivia meinte den Vorarbeiter ihres Vaters. „Oder er soll warten, bis die Party zu Ende ist.“

„Du weißt, dass ich mich immer selbst um solche Dinge kümmere. Und wir können nicht warten. Der Mann will morgen in aller Frühe aufbrechen.“

„Natürlich“, murmelte sie. Wie dumm von ihr, diese Frage zu stellen. Ihr Vater hielt die Zügel fest in der Hand und handelte immer strikt nach Plan.

„Komm herunter zur Party“, befahl Roger.

„Ich will nur kurz mein Make-up auffrischen.“

Ihr Vater nickte und wollte wieder hinuntergehen, blieb dann aber noch einmal stehen. Seine Stimme wurde weicher und seine Gesichtszüge entspannten sich. „Weißt du, dass du heute Abend aussiehst wie deine Mutter? Einfach bezaubernd.“

Olivia schluckte hart. Sie wusste, dass sie ihrer eleganten, blonden Mutter überhaupt nicht ähnlich sah. Sie verstand die Bemerkung ihres Vaters nicht.

„Sie wäre sehr glücklich über diese Hochzeit. Genau wie ich“, fuhr er fort. „Marshall wird gut auf dich aufpassen können.“

Seine Worte dröhnten in ihrem Kopf. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Der Gedanke, dass jemand für den Rest ihres Lebens auf sie aufpasste, war einfach unerträglich.

Roger Franklin schien ihr Schweigen als Zustimmung zu werten, denn er nickte zufrieden und verließ dann eilig den Raum.

Olivia sank auf die Bettkante nieder. Sie spürte, wie die Wut in ihr hochstieg.

Ich muss hier raus. Ich muss von hier flüchten, schrie es verzweifelt in ihrem Innern.

Puddin’s Kläffen und Marys Stimme drangen langsam in ihr Bewusstsein und holten sie in die Wirklichkeit zurück.

„Du musst gehen“, drängte Mary und betrachtete Olivia sorgenvoll. „Geh jetzt.“

Langsam und bedächtig sah Olivia ihre alte Kinderfrau an. „Ja“, stimmte sie zu. „Ich muss gehen.“

Aber sie dachte nicht daran, zur Party zurückzukehren.

„Komm schon, schöne Lady. So ist’s gut. Komm, ja, genau hierher.“ Noah Raybourne seufzte zustimmend und ließ seine Hand über das glatte, schwarze Fell der Stute gleiten. Royal Pleasure stampfte mit den Hufen auf und wandte ihm ihren edlen Kopf zu, während ihr Atem wie eine Wolke in die kühle Morgenluft aufstieg.

Der grauhaarige Vorarbeiter der Ranch, Jake Keneally, kratzte sich am Bart. „Es wirkt fast, als ob sie Sie kennt.“

„Vielleicht erkennt sie ihre Familie wieder.“

Jake starrte ihn verwirrt an.

„Der Deckhengst der Mutterstute gehörte meinem Vater“, erklärte Noah und strich über die samtenen Nüstern des Tiers. „Carmen’s Best Boy wurde auf der Raybourne Farm geboren und gezogen. Den Namen hat er meiner Mutter zu Ehren erhalten.“

„Ich kannte den Hengst“, gab Jake zurück. „Aber er gehörte einem Züchter in der Nähe von Dallas.“

Noahs Eingeweide zogen sich schmerzhaft zusammen. „Mein Stiefvater hat ihn ohne unser Wissen verkauft.“

Der Vorarbeiter besaß offenbar genügend Informationen aus erster Hand, um seine Neugier zu zügeln. Er brummte etwas in seinen Bart und streichelte Royal Pleasure liebevoll. „Ich will nicht sagen, dass wir froh sind, wenn diese Schönheit uns jetzt verlässt. Aber gut zu wissen, dass sie bei Ihnen willkommen ist.“

„Das ist sie ganz sicher.“ Noah nahm Royal Pleasure am Halfter, redete besänftigend auf sie ein und führte sie langsam zum Pferdetransporter hinüber.

Das Pferd ließ sich problemlos in den weißen Transporter verladen, auf dem ein stilisiertes „R“ in schwarzer Schrift prangte.

Noah warf seine Stofftasche auf den Vordersitz, drehte sich noch einmal um und schüttelte Jake die Hand. „Danke für Ihre Hilfe. Besonders für das Essen und für das bequeme Bett letzte Nacht.“ Er deutete auf das Wohnmobil. „Nach ein paar Nächten auf der harten Pritsche da drin fühlt man sich wirklich wie gerädert.“

Noah winkte noch ein letztes Mal, schwang sich auf den Fahrersitz und machte sich auf den Weg. Obwohl die Sonne noch nicht zu sehen war, schien der östliche Horizont schon erleuchtet, als er beim Tor anhielt. Ein uniformierter Wachmann erschien am Fenster. „Hallo, Mr. Raybourne. Jake hat angerufen und mitgeteilt, dass Sie abfahren.“

„In dieser Gegend nehmt ihr es mit der Sicherheit ziemlich ernst, nicht wahr?“, bemerkte Noah lächelnd.

Der Wachmann betrachtete Noahs Gesicht mit festem Blick. „Mr. Franklin hat klare Anweisungen gegeben, wie er die Dinge erledigt haben möchte.“

„Da bin ich ganz sicher.“ Noah glaubte ihm aufs Wort. Zweifellos hatte Roger Franklin eindeutige Vorstellungen über alle Angelegenheiten, die seine Familie, seine Geschäfte oder seinen Besitz betrafen.

Der Wachmann notierte sich etwas, trat dann einen Schritt zurück und ließ seinen Blick aufmerksam über den Transporter und das Wohnmobil gleiten. Offensichtlich fand er keinen Grund, eine Durchsuchung anzuordnen. Er öffnete das automatische Tor und winkte Noah durch.

Noah amüsierte sich. Er verstand zwar, dass ein reicher Mann sich um seine Sicherheit sorgte, aber dieser Ort war abgeriegelt wie eine Festung. Vielleicht waren die erhöhten Vorsichtsmaßnahmen wegen der Party verfügt worden, die in der vergangenen Nacht auf der Ranch stattgefunden hatte. Jake hatte ihm erzählt, dass Franklins Tochter heute heiraten würde.

Er starrte auf den golden schimmernden Horizont. Die Farbe der Wolken am Himmel wechselte gerade von grau zu blau. „Sieht nach wundervollem Hochzeitswetter aus“, murmelte Noah und sah in den Rückspiegel. „Hoffentlich hält sie länger als meine.“

Eigentlich hätten er und Amy vor ein paar Wochen ihren dritten Hochzeitstag feiern sollen. Noahs Mutter glaubte, dass er deswegen seit Wochen schlecht gelaunt herumlief. Er dagegen war da anderer Meinung. Er war wirklich darüber hinweg, dass Amy ihn vor dem Altar hatte stehen lassen, redete er sich ein. Nur noch selten träumte er davon, dass er in die Kirche gehen und all den Leuten erklären musste, dass die Frau, die er liebte, es sich im letzten Moment anders überlegte hatte. Er hatte den versammelten Gästen erklären müssen, dass Amy ihr Herz nicht an einen sorgenvollen Pferdezüchter verschenken wollte, der aus den roten Zahlen nicht herauskam.

Noah bemerkte, dass er da Lenkrad krampfhaft umklammerte, und entspannte sich. Vielleicht hatte seine Mutter doch recht. Vielleicht rührte seine schlechte Laune doch nicht nur daher, dass er Tag und Nacht arbeitete. In letzter Zeit hatte er viel über Amy nachgedacht. Im letzten Monat war ihre Verlobung mit einem erfolgreichen Geschäftsmann aus Nashville bekannt gegeben worden. Als Noah die Neuigkeit erfuhr, fragte er sich, ob Amys Vorschlag damals wirklich so falsch gewesen war.

Bevor sie heiraten wollten, hatte sie vorgeschlagen, dass Noah ihrem Vater einen beträchtlichen Anteil an der Raybourne Farm verkaufen sollte. Das Kapital hätte Noah die Mittel verschafft, die Farm und die Pferdezucht wieder aufzubauen, die sein verantwortungsloser Stiefvater beinahe zerstört hatte. Mit dem Geld hätten sie sogar noch das Farmhaus komfortabel renovieren können.

Aber Noah wollte, dass sie die Farm gemeinsam wieder aufbauten, dass sie arbeiteten, wie seine Eltern und vor ihnen seine Großeltern es getan hatten. Obwohl er wusste, dass Amys Vater ein guter, ehrenhafter Mann war, wollte er nicht, dass ein Außenseiter auf der Farm etwas zu sagen hatte, die sein Großvater gegründet und sein Vater so erfolgreich geführt hatte. Der einzige Außenseiter, der auf der Raybourne Farm je etwas zu sagen gehabt hatte, hatte sie fast ruiniert. Nein, Noah konnte sich auf Amys Angebot nicht einlassen.

Sie hatten sich heftig gestritten, und sie hatte ihn einen dickköpfigen, stolzen Dummkopf gescholten. Er hatte jedoch fest geglaubt, dass sie ihn liebte und ihn heiraten wollte. Offenbar hatte er ihre Angst unterschätzt, mit den bescheidenen Mitteln leben zu müssen, die er ihr nur bieten konnte. Nach all dem Ärger, den seine Familie in der Gemeinde schon hatte ertragen müssen, konnte Noah es kaum fassen, dass sie ihn vor dem Altar stehen ließ. Aber sie hatte es getan.

Und eigentlich sollte er froh sein, dass er eine Frau, die den Mut besaß, ihn in aller Öffentlichkeit derart zu demütigen, nicht geheiratet hatte.

Noah verscheuchte die dunklen Erinnerungen aus seinem Kopf und bog in östlicher Richtung auf die Fernstraße ein. Er vermied den Highway, hielt sich auf gut ausgebauten Landstraßen und legte so oft wie möglich eine Pause ein, um Royal Pleasure zu bewegen. Das wundervolle Pferd war ein wichtiger Teil seiner Wiederaufbaupläne für die Raybourne Farm. Er hatte einen großen Teil seiner letzten Reserven für sie aufgewendet. Auf keinen Fall würde er ein Risiko eingehen.

Die Sonne schien auf die Landschaft im Osten von Texas. Er schüttelte den Kopf. Es gab Leute, die diese Landschaft bewunderten. Er dagegen bevorzugte die grünen, sanften Hügel von Tennessee.

Er lehnte seinen Ellbogen aus dem geöffneten Wagenfenster. Von hinten hörte er ein Jaulen. Dann wieder. Und noch ein drittes Mal. Er nahm den Fuß vom Gas, lehnte sich zurück und lauschte angestrengt. Nichts. Noah kontrollierte den Anhänger im Seitenspiegel. Auch nichts.

Er entspannte sich wieder und pfiff leise vor sich hin.

Nach ein paar Stunden vernahm er das Jaulen erneut. Es wurde immer lauter. Und schließlich erkannte Noah das Geräusch: Es war das unterdrückte Bellen eines Hundes.

„Was zum Teufel …“ Er fuhr den Truck mit dem Anhänger langsam an den Straßenrand, stieg aus und eilte zur Tür an der Rückseite.

Er vernahm einen warnenden Schrei, und im selben Moment flog ihm ein kleines, pelziges Etwas gegen den Oberkörper. Und noch etwas anderes flog an Noah vorbei. Es war ein junger … Nein, diese Brüste und das runde Hinterteil waren mit Sicherheit weiblich. Sie gehörten einer jungen Frau. Sie trug Jeans, ein T-Shirt und eine Baseballkappe. „Puddin’, du dummer kleiner Hund. Puddin’! Komm sofort zurück!“

Noch immer verblüfft beobachtete Noah, wie der Hund auf einem schmalen Grasstreifen neben der Fahrbahn sein Geschäft erledigte.

„Oh, Puddin’“, flüsterte die junge Frau leise. Zwei lange, rote Haarsträhnen lugten unter ihrer Kappe hervor, als sie sich nach vorn beugte, um dem Hündchen über den Kopf zu streicheln. „Es tut mir leid, mein Mädchen. Ich wusste ja nicht, dass du keine Minute länger mehr warten konntest.“

Verständnislos blickte Noah vom Hund zu der Frau und wieder zurück. Die junge Frau tippte mit dem Finger gegen den Schirm ihrer Baseballkappe und warf einen nervösen Blick in Richtung Straße, als ein Wagen vorbeifuhr.

„Wer zum Teufel sind …“, begann Noah.

Die junge Frau drehte sich abrupt weg, griff nach ihrem Hund und zwängte sich zwischen dem Anhänger und dem Wohnmobil hindurch, um auf die andere Seite des langen Gefährts zu gelangen. „Verschwinden wir von der Straße!“

Noah hatte keine Wahl und folgte ihr. Auf der anderen Seite angekommen fasste er sie am Arm. „Was zum Teufel machen Sie und dieser …“ Er starrte den Hund an, der ihn durch sein lang herabhängendes Haar hindurch anblinzelte. Unnütze Kreatur, dachte Noah, bevor er seine Frage wiederholte. „Was machen Sie und Ihr Hund in meinem Anhänger?“

Der blinde Passagier erklärte, dass sie sein Wohnmobil mit dem eigenen verwechselt hätte, dann eingeschlafen und erst aufgewacht sei, als der Hund zu bellen begann.

„Sie müssen mir schon etwas Besseres bieten. Was tun Sie hier?“ Misstrauisch zog er die Augenbrauen zusammen. „Haben Sie meinem Pferd etwas angetan?“

Er ging um das Wohnmobil herum und öffnete den geräumigen Anhänger. Das Pferd bewegte sich unruhig, aber es schien alles in Ordnung zu sein. Noah klopfte der Stute beruhigend auf den Hals. Er war neugierig, was die rothaarige Frau ihm jetzt wohl zu sagen hatte. Zu seiner Überraschung wollte sie offensichtlich durch das Gebüsch neben der Straße abhauen. Sie rannte geradewegs auf ein paar Bäume zu, die in der Nähe standen.

Er war versucht, sie laufen zu lassen. Offensichtlich führte sie nichts Gutes im Schilde, wenn sie sich wie ein Dieb in seinem Wohnmobil versteckte. Sicher, sie war eine Diebin. Bei dem Gedanken stockte ihm das Blut in den Adern. Bestimmt hatte sie etwas aus Roger Franklins Besitz mitgehen lassen. Etwas von dem Mann, der sich in seinem Heim wie in einer Festung verbarrikadierte.

„Halt“, rief Noah und sprintete los. „Kommen Sie sofort zurück!“

Sie warf einen Blick zurück über die Schulter und rannte weiter. Aber nach wenigen Augenblicken hatte Noah sie eingeholt. Sie war so klein und zart, dass Noah sie ganz einfach am Saum ihres T-Shirts festhalten konnte.

„Bitte lassen Sie mich gehen. Ich habe nichts getan. Ich wollte nur einfach mal ausfahren“, flehte sie ihn an.

„Sie sind von der Franklin Ranch geflüchtet?“ Mit festem Griff zwang Noah sie, sich hinzusetzen. „Wovor laufen Sie davon?“

Der Blick ihrer braunen Augen wich ihm aus. „Ich musste dort unbedingt raus.“

„Warum? Was haben Sie gestohlen?“

„Gestohlen?“, fragte sie empört zurück. „Denken Sie etwa, dass ich eine Diebin bin?“

„Warum sonst sollten Sie Hals über Kopf davonrennen?“

Olivia schwieg einen Moment lang und suchte verzweifelt nach einer Erklärung.

Der Mann stieß sie vorsichtig an. „Was ist los? Wovor laufen Sie davon?“

„Vor meinem Vater“, stieß sie ohne Zögern hervor. Sie hatte nicht eine Sekunde nachgedacht.

Aus seinen blauen Augen musterte er sie aufmerksam. „Ihr Vater?“

„Ich konnte es einfach nicht länger aushalten. Ich musste von ihm fort.“

Der Griff um ihre Schultern lockerte sich ein wenig. „Warum? Was ist das Problem mit ihm?“

„Er … Es ist nur …“ Olivia schluckte schwer. Was sollte sie sagen? Sie war eine schlechte Lügnerin, aber trotzdem durfte sie diesem Mann nicht verraten, dass sie Roger Franklins Tochter war. Sie musste unbedingt verhindern, dass er sie zurückschickte.

„Also was?“, fragte der Fremde beharrlich.

Ihr Herz schlug heftig, als sie nach den richtigen Worten suchte. Ihre Flucht war schon zu weit gediehen. Jetzt durfte sie es sich nicht mehr verderben. Es war ja schon ein kleines Wunder, dass es ihr gelungen war, vor Tagesanbruch durch das Fenster in der Bibliothek zu entkommen, das sie offen gelassen hatte. Sie war dabei auf ihren rechten Arm gestürzt und hätte Puddin’ beinahe erdrückt. Als die Alarmanlage jedoch stumm blieb, hatte sie bemerkt dass das Sicherheitssystem nicht vollständig angeschaltet war. Sicher wegen der Party. Außerdem räumte das Personal vom Partyservice noch die Küche auf.

Sie kannte die Position der Überwachungskameras und wusste auch, nach welchem Zeitplan die Wachmannschaft jede Nacht draußen das Gelände kontrollierte. Im Schutz der dunklen Schatten, die Bäume und Büsche an der Umzäunung des Geländes warfen, war es ihr gelungen, bis zu den Stallungen kommen. Aber wie um alles in der Welt sollte sie die schwer bewachte Ranch verlassen?

Dann hatte sie das Wohnmobil des Pferdezüchters entdeckt. Ihr war wieder eingefallen, dass ihr Vater gesagt hatte, dass der Züchter die Ranch in den frühen Morgenstunden verlassen wollte. Das war ihre einzige Chance. Sie hatte sich im Wohnmobil versteckt und gehofft, dass sie unbemerkt herausspringen könnte, wenn der Züchter an einer Tankstelle anhalten würde.

Sicher war es ein Fehler gewesen, Puddin’ mitzunehmen. Aber sie konnte ihren einzigen Freund einfach nicht zurücklassen. Tatsächlich hatte Puddin’ sich ruhig verhalten, bis … nun, bis sie sich dringend erleichtern musste.

Der Pferdezüchter gab sich keine Mühe, seine Feindseligkeit zu verbergen. „Den Unsinn kaufe ich Ihnen nicht ab. Vor dem Vater weggelaufen.“

„Aber es ist wahr“, protestierte Olivia. Sie war erleichtert, dass sie nicht lügen musste. „Ich musste von ihm fort.“

„Arbeitet er für Franklin?“

„Ja, im Stall.“, antwortete sie ausweichend. „Als Pferdetrainer.“

„Und er hat Ihnen wehgetan?“ Ein Schatten von Mitleid huschte über die Gesichtszüge des Mannes.

„Ja, er hat mir wehgetan.“ Das ist jedenfalls keine Lüge, dachte Olivia. Ihr Vater hatte ihr wirklich wehgetan, wenn auch nicht körperlich.

„Aber warum müssen Sie sich verstecken, um die Ranch zu verlassen?“

Autor

Celeste Hamilton
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