Heimliche Affäre mit dem Boss

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Keine Affären unter Angestellten! lautet die goldene Regel im Kane-Imperium. Was CEO Samuel Kane auf eine Idee bringt: Er stellt die attraktive Arlie Banks ein, um seinen unzuverlässigen Playboy-Bruder in Versuchung zu führen. Doch das geht gründlich schief. Denn Samuel selbst verliebt sich in die neue Mitarbeiterin. Lichterloh brennt er für Arlie und lässt sich auf eine verbotene Affäre mit ihr ein! Bald steht er vor einer unmöglichen Entscheidung: für seinen Job, der eine echte Berufung ist – oder für die Frau, nach der er verrückt ist…


  • Erscheinungstag 20.12.2022
  • Bandnummer 2269
  • ISBN / Artikelnummer 9783751509343
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Jetzt war ganz und gar nicht der richtige Zeitpunkt, um an den Kuss zu denken.

Obwohl es schon zehn Jahre her war, konnte Arlington Banks ihn immer noch schmecken. Das aufregend würzige Aroma von heimlich getrunkenem Bier auf einer Highschool-Party. Sie meinte sogar noch, seine Erregung spüren zu können, als er mit den Fingern federleicht über ihre Taille strich. Die Erinnerung daran genügte, um sie wohlig erschauern zu lassen.

Nun, nach über einem Jahrzehnt, befanden sie sich also in demselben Gebäude.

Verstohlen überprüfte sie in den mattglänzenden Metalltüren des Fahrstuhls ein letztes Mal ihr Spiegelbild. Hastig zupfte sie eine widerspenstige Strähne zurecht, die sich aus dem Dutt gelöst hatte, an dem sie stundenlang gestylt hatte, damit er möglichst lässig wirkte.

Kritisch betrachtete sie das sorgfältig aufgetragene Make-up, so gut es in der zweigeteilten Metalltür ging, fand jedoch nichts zu beanstanden.

Sie war hin- und hergerissen. Einerseits wusste sie, dass es womöglich die schlechteste Idee aller Zeiten war, zum Bewerbungsgespräch mit Samuel Kane, CEO von Kane Foods International, zu gehen. Andererseits war ihr klar, dass es unter den gegebenen Umständen ihre beste Option war.

Umstände.

Ein ziemlich beschönigendes Wort für den Zustand kräfteraubenden Durcheinanders, in dem sie sich noch bis vor Kurzem befunden hatte.

Sie presste die Hände so fest zu Fäusten zusammen, dass die Abdrücke ihrer Fingernägel kleine Halbkreise auf ihrer Haut hinterließen, während sie die leuchtendgrüne Zahlenanzeige auf dem Panel des Fahrstuhls betrachtete. Zwölfte Etage … dreizehnte … vierzehnte … Noch zehn Stockwerke, bevor sie die Büroräume der Geschäftsführung erreichte.

Begleitet von einem leisen Ping kam die Fahrstuhlkabine schließlich zum Stehen. Arlie atmete tief ein und hoffte inständig, dass sich die kleine, kalte Kugel, zu der ihr Magen geworden zu sein schien, rasch wieder auflöste.

Vergebens.

Sie betrat die vierundzwanzigste Etage, drehte sich um und sah sich einer fast deckenhohen gläsernen Doppeltür gegenüber.

Hier war sie richtig. Die Kanes waren noch nie für ihren Hang zur Untertreibung berühmt gewesen – zumindest nicht in den vergangenen fünfzehn Jahren, in denen sie die Familie kannte.

Als sie näher trat, erklang ein Summen, und sanft schwang die Tür nach innen auf. Fast hätte sie vor Überraschung den Atem angehalten.

Ein in mediterranen Cremetönen gehaltener Marmorfußboden erstreckte sich vor ihr bis hin zu einem prunkvollen Treppenaufgang, der an beiden Seiten von einem kunstvoll verzierten schmiedeeisernen Geländer flankiert wurde. Auf der in sanftem Blau gestrichenen Decke, die eines Opernhauses würdig gewesen wäre, tummelten sich zwischen weißen Wattewölkchen pausbäckige Engelchen. Gekrönt wurde der imposante Anblick von einem riesigen Kristallleuchter, der jeden Lichtstrahl einfing und opulent funkelnd schier unendlich oft vervielfältigte. Die kunstvoll gemalte Bordüre vermittelte den Eindruck, dass es sich um handgefertigtes Steinrelief handelte.

In einem Kunstkurs am College hatte Arlie von dieser sehr realistisch wirkenden Malkunst gehört.

Trompe-l’Œiel nannte man so etwas, Augentäuschung.

Ihrer Erfahrung nach vermochten die Kanes nicht nur die Augen anderer zu täuschen.

Arlie wusste nicht genau, wie lange sie dort mit offenem Mund gestanden hatte, bevor eine honigweiche Stimme sie wieder zurück in die Gegenwart holte.

„Sie sind bestimmt Ms. Banks, richtig?“

Mühsam riss Arlie den Blick von der Decke und entdeckte erst jetzt den mit prachtvollen Intarsien verzierten Empfangstresen. Hinter dem Tresen stand eine zierliche brünette Frau, die eine Designerbrille trug und Arlie freundlich zulächelte. Ihr Namensschild verriet, dass es sich um die Rezeptionistin Evelyn Norris handelte.

„Das bin ich. Ich habe …“

„Um neun Uhr ein Interview mit Mr. Kane“, beendete die Empfangsdame mit professioneller Effizienz Arlies Satz. „Ja, Mrs. Westbrook hat Sie bereits angekündigt.“

„Mit Samuel Kane“, sagte Arlie sicherheitshalber, denn sie wollte um jeden Preis vermeiden, womöglich noch vor dem Schreibtisch des falschen Kane zu landen. Obwohl es ihrer Erfahrung nach so etwas wie einen richtigen Kane nicht gab.

„Ja, das stimmt.“ Evelyn sah zu dem großen Monitor auf dem Tresen. „Wenn Sie so freundlich wären, einen kurzen Moment Platz zu nehmen? Ich lasse ihn wissen, dass Sie angekommen sind.“

„Sehr gerne.“ Arlie rückte den Riemen ihrer Laptoptasche zurecht und ging zum Wartebereich hinüber. In der saalartigen Lobby waren ihre Schritte besonders deutlich zu hören, zumal sie sich heute für Stilettos entschieden hatte.

Doch nicht nur auf die Auswahl ihrer Schuhe, sondern auf die ihres gesamten Outfits hatte Arlie besonders viel Sorgfalt verwandt. Ein körperbetonender, jedoch nicht zu enger Bleistiftrock. Eine maßgeschneiderte, jedoch nicht zu maßgeschneidert wirkende weiße Bluse mit V-Ausschnitt, die nur den Hauch ihres Dekolletés preisgab. Ihre Frisur hatte sie am meisten Mühe gekostet, denn ihre dicken, widerspenstigen weizenblonden Haare kamen ihr offen zu lässig, nach hinten gebunden jedoch zu unentschlossen vor, weswegen ihre Wahl auf eine schlichte Hochsteckfrisur gefallen war.

Nachdem sie sich auf die butterweichen Ledersessel gesetzt hatte, zog Arlie ihr Handy aus der Tasche und durchscrollte ihre E-Mails, bis sie die Nachricht wiederfand, die ihre Welt aus den Fugen gebracht hatte.

Guten Tag,

im Auftrag von Mr. Samuel Kane möchte ich Ihnen eine Stelle als Senior-Food-Stylistin bei Kane Foods International anbieten. Das Startgehalt beträgt 85.000 Dollar zuzüglich vollumfänglicher Zusatzleistungen. Falls Sie interessiert sein sollten, mehr über dieses Angebot zu erfahren, melden Sie sich bitte umgehend bei uns.

Mit freundlichen Grüßen

Charlotte Westbrook

Assistentin der Geschäftsleitung Mr. Parker Kane

Mr. Parker Kane. Beinahe hätte Arlie nach dem Lesen dieses Namens die Nachricht gelöscht, denn sie erinnerte sich nur zu gut an den Patriarchen der Familie Kane. Sie musste an seinen kalten, durchdringenden Blick denken. Seine dünnen Lippen, die niemals lächelten. Die raffinierte Art, mit der er Arlie immer wieder aufs Neue wissen ließ, dass sie als Tochter einer Köchin von niederer sozialer Stellung war.

Mr. Samuel Kane hingegen war eine ganz andere Sache. Der Älteste der drei Geschwister, denn er war eine Stunde früher als seine beiden Geschwister auf die Welt gekommen, war er ein Büchernarr, der zum millionenschweren CEO aufgestiegen war. Sein Name und die Formulierung falls Sie interessiert sein sollten hatten ihre Aufmerksamkeit erregt. Arlie hatte diesen Satzteil schätzungsweise siebenundachtzig Mal gelesen.

Es war nicht unbedingt der Karriereaspekt, der sie ansprach, obwohl sie für die zu besetzende Position relativ viele der erforderlichen Qualifikationen mitbrachte.

Nein, vielmehr war sie daran interessiert, sich nicht mehr entscheiden zu müssen, welche Rechnung sie den kommenden Monat zu spät begleichen sollte. Sie war daran interessiert, das völlige Chaos, in das ihr Leben in den vergangenen sechs Monaten versunken war, wieder zu ordnen.

„Es sieht danach aus, als ob sich Mr. Kane um ein paar Minuten verspäten würde“, informierte Evelyn sie. „Er bittet mich, Ihnen sein aufrichtiges Bedauern darüber zum Ausdruck zu bringen.“

Als ob auch nur einer der Kanes wüsste, was das war. Aufrichtigkeit.

Ihr unumstößliches Wissen beruhte auf ihrer kurzen Begegnung mit Mason Kane, Samuels Zwillingsbruder. Wichtigtuerisch, populär und penetrant, hatte er sich Arlie an die Fersen geheftet, als sie die Schwelle ihrer Privatschule zum ersten Mal überschritten hatte. Der Wille zum Erfolg war eine der wichtigsten Tugenden, die sich die Lennox Finch Academy auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Einige Schüler und Schülerinnen ihres Jahrgangs waren für ihre überragenden Leistungen sogar ausgezeichnet worden.

Und Arlies Beitrag zum Erhalt der elitären Atmosphäre dieser geheiligten Hallen? Sie konnte stolz darauf sein, als einziges weibliches Wesen Mason Kanes unwiderstehlichem Charme widerstanden zu haben. Vier lange Jahre hatte er damit zugebracht, sie auf immer dramatischere und kreativere Weisen zu einem Date zu bewegen, um letzten Endes immer wieder einen Korb zu bekommen. Während dieser Zeit galt Arlies ungeteilte Aufmerksamkeit nämlich dem schüchternen, ernsthaften Samuel, für den sie zwar heimlich, dafür aber umso leidenschaftlicher schwärmte.

„Das ist gar kein Problem“, versicherte Arlie der Empfangsmitarbeiterin und zog ihr ledergebundenes Portfolio aus der Tasche. Als sie die Auswahl von Hochglanzfotografien ihrer in Kochbüchern, Magazinen und digitalen Anzeigen veröffentlichten Arbeiten betrachtete, normalisierte sich ihr Pulsschlag wieder. Sie war stolz auf die Gläser mit Eistee, an denen köstlich kühl wirkende Wassertröpfchen das unwiderstehliche Verlangen weckten, sofort einen Schluck zu nehmen. Perfekt gebratene Steaks, die verführerisch saftig auf strahlend weißem Porzellan angerichtet worden waren. Knackig grüner Broccoli, dem schimmernde Meersalzkristalle an den gerösteten Spitzen einen verführerischen Glanz verliehen, der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ.

Früher einmal war sie wirklich gut darin gewesen. Sie besaß das seltene Talent, die Speisen wunderschön zu stylen und außerdem noch zu fotografieren. Dieser Gedanke wirkte beschwichtigend auf den tiefen Schmerz, den sie verspürte, seitdem sie ihren Traumjob verloren hatte.

Ein Schmerz, der umso größer war, weil sie ganz allein die Verantwortung für ihre Misere trug.

„Mr. Kane hat jetzt Zeit für Sie.“ Evelyn kam um den Tisch herum und neigte sacht den Kopf, um Arlie zu bedeuten, ihr zu folgen.

Gemeinsam gingen sie den Flur entlang, bis sie einen weiteren Fahrstuhl erreichten. Evelyn hielt kurz ihr Namensschild vor ein kleines schwarzes Panel, bevor sie den einzigen Knopf drückte.

Es gab nur den Weg nach oben.

„Und hier sind wir.“ Evelyn hielt die Fahrstuhltür auf und ließ Arlie den Vortritt, nachdem sie nach kurzer Fahrt ihr Ziel erreicht hatten.

Die sagenumwobene fünfundzwanzigste Etage wirkte weniger wie ein Bürokomplex, sondern eher wie ein Penthouse. Auf dem Parkettfußboden lagen persische Teppiche mit raffinierten Mustern. Räume, die einem Kuriositätenkabinett der Kunst glichen und in denen flauschige Teppiche lagen.

An der Wand gegenüber des Fahrstuhls befand sich ein großer Spiegel mit vergoldetem Rahmen. Darunter stand ein Tisch, auf dem eine Auswahl von Fotos ausgestellt war. Wie magisch davon angezogen, ging Arlie zu ihm hinüber und betrachtete die Fotografien, überwältigt von dem Gefühl der Nostalgie, das sie ergriff.

Kanes beim Springreiten. Kanes, die mit reinrassigen Hunden vor der Kamera posierten. Kanes, die stolz die Kadaver von erlegten Gänsen und Enten hochhielten.

Alle Kane-Geschwister vor dem riesigen, von steinernen Löwenfiguren flankierten Kamin in Fair Weather Hall. Als Einzelkind war Arlie schon immer fasziniert von der Vorstellung gewesen, Geschwister zu haben. Während sie diese Fotos betrachtete, verspürte sie ein schmerzhaftes Ziehen in der Magengegend. Sie erinnerte sich daran, wie die verstorbene Mrs. Kane ihr einmal erklärt hatte, weshalb sie ihren Kindern so ungewöhnliche Namen gegeben hatte. Als großer Fan von Detektivromanen hatte sie ihre einzige Tochter Marlowe und die Zwillinge Mason und Samuel genannt.

Und hier war er. Samuel Kane, den sie zum ersten Mal getroffen hatte, als sie beide dreizehn Jahre alt gewesen waren. Ein mürrisch drei blickender Junge mit dunklem Haar, grünen Augen und Drahtgestellbrille. Stets hielt er einige Meter Abstand zu seinen beiden Geschwistern. Arlie hätte ihre Profikamera darauf gewettet, dass er auf dem Foto ein Buch hinter dem Rücken verbarg.

„Ms. Banks?“ Evelyn hatte den Flur bereits zur Hälfte durchquert, als ihr wohl aufgefallen war, dass sie Arlie verloren hatte.

„Oh, entschuldigen Sie bitte“, erwiderte Arlie und folgte ihr rasch.

„Mr. Kanes Büro“, erklärte Evelyn, bevor sie genau drei Mal an die große hölzerne Tür klopfte.

„Herein“, erklang dumpf von der anderen Seite eine Stimme, in der eine irritierende Mischung aus Gereiztheit und Befehl mitschwang.

Beklommen beobachtete Arlie ihre Begleiterin dabei, wie diese die verzierte Klinke herunterdrückte und durch den schmalen Türspalt in den Raum spähte. „Ms. Banks für Sie.“

„Schön.“

Evelyn trat zurück und drückte aufmunternd Arlies Ellenbogen, bevor sie wieder über den Flur zurück zum Fahrstuhl ging.

Mit wild klopfendem Herzen straffte Arlie die Schultern, streckte das Kinn vor und öffnete die Tür.

Als sie Samuel Kane neben einem Schreibtisch von den Ausmaßen eines Güterwaggons stehen sah, bereute sie, anstelle ihres Portfolios keinen Sturzhelm mitgebracht zu haben – denn in dem Moment, in dem ihre Blicke sich trafen, spürte sie, wie ihre Beine unter ihr nachzugeben drohten.

Tausend Mal hatte sie sich diese Begegnung ausgemalt. Jetzt wurde ihr klar, dass sie tausend Mal darin versagt hatte, sich auf den Mann vorzubereiten, der nun vor ihr stand.

Der Samuel Kane in ihrer Vorstellung war eine leicht ältere Version des Teenagers, den sie einst gekannt hatte. Groß und schlank, möglicherweise mit beginnenden Geheimratsecken und sehr wahrscheinlich in irgendeinen Designeranzug gekleidet.

In Bezug auf den Anzug hatte sie richtiggelegen.

Allerdings hatte sie nicht einmal ansatzweise geahnt, wie gut Samuel darin aussah.

Das blassblaue Hemd betonte die breiten Schultern und einen Oberkörper, dem man jahrelanges Fitnesstraining ansah. Die saphirblaue Krawatte wurde von einer glänzenden Anstecknadel im Löwendesign an Ort und Stelle gehalten. Um die schlanke Taille trug Samuel einen hellbraunen Ledergürtel zur maßgeschneiderten Nadelstreifenhose, in der seine langen, muskulösen Beine ausgezeichnet zur Geltung kamen.

Und dann war da noch sein Gesicht.

An den Nachmittagen, an denen sie ihrer Mutter bei den Essensvorbereitungen für große Veranstaltungen in Fair Weather behilflich gewesen war, hatte sie sich zahllose Ausreden einfallen lassen, um in die Bibliothek zu schleichen. Dort hatte sie heimlich den lesenden Samuel beobachtet, der es vorzog, an diesem Ort seine Zeit neben einem Bücherstapel zu verbringen. Verstohlen hatte sie beobachtet, wie er Seite um Seite umschlug und in regelmäßigen Abständen nur dann eine Pause machte, wenn er mit dem Zeigefinger die Brille wieder ein Stück hochschob.

Als junger Mann hatte sein Äußeres eine nahezu poetische Empfindsamkeit ausgezeichnet, die durch die männlichen Lippen, die aristokratischen Wangenknochen und das dunkle Haar noch betont wurde. Die Jahre hatten an seinen Lippen und dem Haar nichts geändert, doch das Kinn über dem gesteiften Hemdkragen wirkte nun wesentlich erwachsener. Trotzdem war er unverkennbar eine reifere Ausgabe seines jüngeren Selbst, und der Wissensdurst von einst hatte ihn zu einem geschmeidigen, unbarmherzigen Jäger werden lassen.

„Arlie Banks“, sagte Samuel. „Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.“

Erst jetzt fiel ihr auf, dass er in wenigen kraftvollen Schritten hinter dem Schreibtisch hervorgekommen war und ihr zur Begrüßung die Hand entgegenstreckte. Er war ihr so nah, dass sie seinen erregenden Duft nach teurer Seife und edlem Aftershave wahrnahm.

Nach einem kleinen Augenblick des Zögerns legte sie ihre verschwitzte Hand in seine – und zuckte überrascht zusammen. Als er seine Finger über ihre legte, hatte sie das Gefühl, dass ein Blitz ihren Körper durchfuhr und sie mitten ins Herz traf.

„Selbstverständlich“, erwiderte sie in der Hoffnung, selbstbewusst und ruhig zu klingen, während sie in seine grünen Augen mit den goldenen Sprenkeln blickte, die er von seiner Mutter geerbt hatte. „Danke, dass Sie an mich gedacht haben.“

„Das habe ich gar nicht.“ Er bedeutete ihr, sich auf den Besucherstuhl vor dem Schreibtisch zu setzen.

„Oh.“ Arlie bemühte sich, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, während sie seiner Aufforderung nachkam.

„Das war Marlowe.“ Samuel kehrte auf die andere Seite des Schreibtisches zurück und nahm in dem luxuriösen Chefsessel Platz.

„Oh“, erwiderte Arlie wenig geistreich.

Marlowe Kane hatte Arlie während der Highschool weitgehend ignoriert. Nach dem College war Arlie überrascht gewesen, als sie von ihr auf einer sozialen Plattform eine Kontaktanfrage erhalten hatte. Noch größer war ihre Überraschung, als sie feststellte, dass Marlowe inzwischen einen Master in Business Administration gemacht und eine Leitungsfunktion bei Kane Foods International innehatte.

„Sie hat erwähnt, dass Sie für die künstlerische Leitung der Zeitschrift Gastronomie verantwortlich gewesen sind, jedoch vor Kurzem das Unternehmen verlassen haben.“

Eine einzelne Schweißperle rann an ihrer Wirbelsäule entlang, und Arlie hoffte inständig, dass Samuel nicht nach weiteren Details fragte. „Das ist korrekt.“

Er beugte sich vor, und das Licht, das durch das bodentiefe Fenster hinter ihm in den Raum fiel, verlieh seinem dunklen Haar einen geheimnisvollen Glanz. „Warum?“

2. KAPITEL

Samuel Kane hatte Millionen für Kane Foods International verdient, weil er Menschen lesen konnte. Eine hochgezogene Augenbraue, ein Lippenzucken, ein flüchtiger Blick zur Seite – all dies waren Zeichen der Schwäche. Und Schwäche konnte hilfreich sein.

In diesem Augenblick erkannte er, dass Arlie Banks einen Kampf epischen Ausmaßes mit sich selbst ausfocht. Zugegebenermaßen fiel es ihm schwerer als sonst, zu diesem Schluss zu kommen. Natürlich nicht, wie er sich im Stillen einredete, weil ihre großen blauen Augen es ihm ziemlich erschwerten, sich auf Geschäftliches zu konzentrieren. Und bestimmt auch nicht wegen seines unerklärlich starken Verlangens, das sich seiner bemächtigte, wenn er ihre Frisur betrachtete und sich fragte, ob ihr Haar noch genauso verführerisch über ihre Schultern fiel wie damals, als sie siebzehn gewesen waren.

Nein, diese Dinge waren ganz bestimmt nicht der Grund dafür, dass es ihm schwerfiel, sie zu lesen.

„Warum ich die Zeitschrift verlassen habe?“, wiederholte sie seine Frage mit dem offensichtlichen Versuch, Zeit zu gewinnen.

„Ja, genau das habe ich gefragt.“

Ihre Augen weiteten sich, angespannt biss sie sich in die Unterlippe. Was Samuel plötzlich dazu brachte, zu denken, dass seine Hose gar nicht maßgeschneidert, sondern im Schritt viel zu eng war.

Furcht.

Er konnte sie praktisch durch ihr Parfüm riechen, das übrigens eine verführerische Mischung des Duftes aus Wildblumen, Seide und Regen war.

„Der Leiter der Marketingabteilung und ich hatten bedauerlicherweise unüberwindbare künstlerische Differenzen“, sagte sie schließlich und rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her, wobei sie ihren Rock ein Stück nach unten zog.

Lüge.

Ein weniger skrupelloser Mann hätte sich jetzt wohl schuldig gefühlt, denn er wusste, dass seine Frage unfair gewesen war. Nicht etwa, weil sie für das Interview nicht wichtig gewesen wäre, das war sie keineswegs. Die Antwort hingegen war völlig belanglos.

Arlie Banks hatte den Job bereits.

In dem Moment, in dem sie sein Büro betreten hatte, hatte Samuel gewusst, dass sie perfekt war.

Nicht als Senior-Food-Stylistin, obwohl seine Recherchen ergeben hatten, dass sie alle nötigen Qualifikationen mitbrachte.

Im Gerangel um die Führung des Unternehmens hatte Samuel einen Plan geschmiedet, um den verschwenderischen Playboy, der sein Zwillingsbruder Mason war, endgültig aus Kane Foods International zu schmeißen.

Der Grund für Samuels Entschlossenheit war zwar einfach, jedoch von größter Bedeutung. Auf dem Weg an die Führungsspitze hatte Samuel alles getan, um zu erschaffen – Mason hingegen alles, um zu zerstören. Der heutige Morgen beispielsweise hatte Samuel noch einmal in seinem Beschluss bestärkt. Wie gewohnt war auf Mason kein Verlass, denn er war nicht zu dem Interview erschienen, das die Brüder eigentlich gemeinsam hatten führen wollen.

Samuel hatte Arlie zwanzig Minuten in der Lobby warten lassen, während er immer wütender geworden war. So lange Samuel sich erinnern konnte, hatte er stets auf seinen Bruder warten müssen.

Das hatte schon am Tag ihrer Geburt begonnen. Während Samuel seine erste Lebensstunde fröstelnd auf der Kinderstation im Krankenhaus zubrachte, waren seine aufgeregten Eltern und eine Heerschar von Krankenschwestern damit beschäftigt, Mason bei einem entspannten Start ins Leben zu unterstützen. In der Highschool hatte Samuel meist auf dem Fahrersitz ihres gemeinsamen Wagens gesessen und dabei zugesehen, wie sich sein Bruder küssend und flirtend einen Weg durch seine weibliche Fangemeinde bahnte. Vergangene Woche allerdings hatte Mason es auf die Spitze getrieben, als er mit einer halben Stunde Verspätung zu dem Meeting mit einem Investor erschienen war. Zwei Jahre schon hatte Samuel auf diesen wichtigen Termin hingearbeitet. Nein, Mason war auch noch so unverfroren gewesen, anschließend die Lorbeeren für den erfolgreichen Deal ganz allein zu ernten. Ihr Vater Parker hatte ihm, wie so viele Male zuvor, freudestrahlend zu dem Sieg gratuliert.

Einige Dinge änderten sich nie.

Arlie Banks hingegen schon.

Das Mädchen, an das er sich erinnerte, hatte sich damals mit unbefangenem Charme in Fair Weather Hall bewegt. Burschikos und lebhaft wie sie war, war ihr überhaupt nicht aufgefallen, wie Mason ihr nachgestellt hatte.

Um ehrlich zu sein, hatte Samuel sich selbst einer kurzen und relativ mild verlaufenen Phase der Verliebtheit in Arlie hingegeben.

Allerdings war er zu der Zeit ihrer Bekanntschaft kaum mehr als ein wandelnder Hormoncocktail gewesen, weswegen an seiner damaligen Zuneigung für Arlie kaum etwas bemerkenswert war.

Die Frau, die ihm jetzt gegenübersaß, konnte jedoch jeden Mann wieder in diesen Zustand andauernden sinnlichen Verlangens versetzen. Damals in der zehnten Klasse hatte sie im Englischunterricht, als sie sich mit Shakespeares Werken befasst hatten, vor ihm gesessen. Schon zu jener Zeit war ihre Taille so schlank gewesen wie heute, doch jetzt kamen noch gefährlich verführerische Kurven hinzu, die sich deutlich unter dem ausgezeichnet sitzenden Business-Outfit abzeichneten.

Mason Kane war ein toter Mann.

Ein Blick auf Arlie, und Mason würde unweigerlich die einzige unumstößliche Unternehmensregel ihres Vaters brechen: keine romantischen Beziehungen mit den Angestellten. Unter gar keinen Umständen. Niemals.

„Ich kann verstehen, dass unterschiedliche Auffassungen in kreativen Fragestellungen ein großes Problem darstellen können“, sagte Samuel, dem klar wurde, dass er sich ziemlich lange mit seiner Erwiderung Zeit gelassen hatte. „Diese Problematik sollte sich bei uns allerdings nicht ergeben, da Sie den Leiter unserer Marketingabteilung bereits kennen. Es handelt sich um meinen Bruder, Mason Kane.“

„Tatsächlich?“ Plötzlich wirkte sie nicht mehr ganz so nervös und ähnelte mehr dem unbeschwerten Mädchen, das er von früher kannte.

„Ja,“ entgegnete er. „Eigentlich hätte er uns gerade Gesellschaft …“

„Na, wenn das mal nicht Arlie Banks ist!“

Unwillig sah Samuel zu seinem Bruder auf, der eingehüllt in eine Wolke Aftershave einer Luxusmarke und vermutlich mit einer Vielzahl lahmer Ausreden gerüstet das Büro betrat.

„Hey, nicht schießen!“, rief Mason und warf seine Aktentasche von Louis Vuitton auf den Tisch, bevor er die Hände hochhielt. „Ich habe im Stau gestanden.“

Sicher, dachte Samuel, das war schon damals der Geheimcode seines Bruders für eine um einiges jüngere langbeinige Blondine gewesen.

„Ich freue mich außerordentlich, dass du uns doch noch mit deiner Gegenwart beehrst“, sagte er ironisch, ohne Anstalten zu machen, sich zu erheben.

Mason griff nach einem Stuhl von dem kleinen Vierertisch und setzte sich dichter an Arlie heran, als Samuel lieb war. Schließlich zog er die Anzugsjacke aus und warf sie beiläufig auf den Tisch. „Also, was habe ich verpasst?“

Da Arlie sie kannte, seitdem sie Teenager waren, fragte sich Samuel, was sie wohl dachte, als sie die beiden Brüder Seite an Seite sitzen sah. Obwohl sie eineiige Zwillinge waren, waren sie sich durch unterschiedliche Gewohnheiten im Laufe ihres bisherigen Lebens in einigen Dingen nicht mehr sehr ähnlich.

Samuels durchtrainierter Körper war das Ergebnis einer Fitnessroutine, die er jeden Morgen für exakt sechzig Minuten praktizierte. Mason hingegen hatte die zwar ansehnliche, doch eher durchschnittliche Muskulatur und den passenden sonnengebräunten Teint eines Mannes, der außerordentlich gerne Poolpartys feierte. Auch hatte die Sonne das wellige Haar seines Bruders leicht gebleicht, und er trug es für Samuels Geschmack ein wenig zu lang.

Leicht verärgert bemerkte Samuel, dass Arlie zu gefallen schien, was sie sah, denn sie befeuchtete ihre Lippen, wandte sich in Masons Richtung und schlug ihre Beine übereinander.

Genau das hatte er doch beabsichtigt, oder nicht?

„Wie lange ist es her?“, fragte Mason und strich sich durch das windzerzauste Haar, während er Arlie ansah.

„Zehn Jahre“, erwiderte sie und entfernte einen unsichtbaren Fussel von ihrem Rock. „Mehr oder weniger.“

Zehn Jahre, fünf Monate, zehn Tage. Obwohl Samuel natürlich nicht gezählt hatte, aber es war nun einmal so lange her, dass sie Arlie Banks am Abend ihrer Abschlussfeier gesehen hatten. Ein Abend, an den er sich nur zu gut erinnerte.

Es war das einzige Mal in seinem Leben gewesen, dass er vorgegeben hatte, sein Zwillingsbruder zu sein. Und zwar aus Gründen, an die er nicht zu denken wagte, während Arlie Banks ihm gegenübersaß.

„Wie kann es dann sein, dass du nicht einen Tag älter als zwanzig aussiehst?“ Mason beugte sich ein Stück zu Arlie herüber und gab vor, sie aufmerksam zu mustern.

Samuel unterdrückte den Drang, mit den Augen zu rollen. Mit keiner Matheformel der Welt ließ sich ausrechnen, wie oft sein Bruder diese Anmache in Restaurants, Bars oder Garderoben schon angewandt hatte.

„So charmant es sein mag, in Erinnerungen zu schwelgen“, sagte Samuel, „sollten wir Ms. Banks nicht besser Fragen bezüglich ihrer Qualifikationen stellen?“

Ms. Banks?“, ahmte Mason ihn amüsiert nach. „Ist das nicht ein bisschen zu förmlich für jemanden, den man nackt gesehen hat?“

Autor

Cynthia St Aubin
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