Hochzeit auf Italienisch (8-teilige Serie)

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Ein verträumtes Städtchen in Italien, eine Familienfehde...

ENTFÜHRT IN DEN PALAZZO DES PRINZEN

  • Erscheinungstag 08.12.2014
  • ISBN / Artikelnummer 9783733787530
  • Seitenanzahl 1152
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Cover

Raye Morgan, Barbara Hannay, Rebecca Winters, Fiona Harper, Patricia Thayer, Jennie Adams, Jackie Braun, Barbara Mcmahon

Hochzeit auf Italienisch (8-teilige Serie)

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IMPRESSUM

ROMANA erscheint 14-täglich im CORA Verlag GmbH & Co. KG,

20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1

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Geschäftsführung:

Thomas Beckmann

Redaktionsleitung:

Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)

Cheflektorat:

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Lektorat/Textredaktion:

Ilse Bröhl

Produktion:

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Grafik:

Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,

Marina Grothues (Foto)

Vertrieb:

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Telefon 040/347-29277

Anzeigen:

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Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

© 2010 by Helen Conrad

Originaltitel: „Beauty And The Reclusive Prince“

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

in der Reihe: ROMANCE

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: ROMANA

Band 1861 (21/1) 2010 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Übersetzung: Karin Weiss

Fotos: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format im 10/2010 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

ISBN-13: 978-3-86295-076-8

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

ROMANA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Satz und Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

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Raye Morgan

Entführt in den Palazzo des Prinzen

1. KAPITEL

„Es wird ja immer schlimmer“, sagte Isabella Casali laut vor sich hin. Ihre Worte wurden jedoch von dem plötzlich aufkommenden Sturm verweht.

Was hatte sie sich da für eine Nacht ausgesucht, um auf dem Grund und Boden des Prinzen herumzulaufen! Als sie von zu Hause weggefahren war, hatte der Mond noch sein fahles Licht verbreitet, auch wenn vorbeiziehende Wolken ihn ab und zu verdunkelt hatten. Jetzt war der Himmel schwarz, und es war stockfinster.

„Wahrscheinlich gibt es ein Gewitter. Die Pechsträhne der letzten Zeit scheint sich fortzusetzen“, flüsterte sie, während ihr der Wind das dunkle gelockte Haar ins Gesicht blies.

Doch nachdem sie endlich all ihren Mut zusammengenommen und sich überwunden hatte, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, wollte sie jetzt nicht aufgeben und die Aktion abbrechen.

Über den Palazzo und das Anwesen des Prinzen erzählte man sich Schauergeschichten, die sie bisher nicht geglaubt hatte. So sollte es angeblich hier von allen möglichen übernatürlichen Wesen wimmeln. Doch jetzt bekam auch sie eine Gänsehaut wie alle Leute vor ihr. Bei jedem Windstoß, jedem knackenden Zweig und beim Knarren der Bäume zuckte sie zusammen und sah sich ängstlich um.

„Pass auf, dass der Prinz dich nicht erwischt“, hatte Susa, die etwas altmodische Küchenchefin ihres Restaurants, sie gewarnt.

Isabella hatte nachsichtig gelächelt. Obwohl Susa ihr oft kluge Ratschläge erteilte, waren ihre Befürchtungen dieses Mal bestimmt unbegründet, dessen war Isabella sich sicher gewesen.

„Es wird behauptet, er durchstreife sein riesiges Anwesen nachts auf der Suche nach einer jungen Frau, die in den Wäldern umherirrt“, hatte Susa hinzugefügt.

„Oh Susa, bitte, das ist doch übertrieben. Dasselbe hat man in den letzten hundert Jahren jedem Prinzen angedichtet, der in diesem alten Schloss gelebt hat. Die Di Rossis haben schon immer sehr zurückgezogen gelebt, wie man sich erzählt. Wenn man sich nicht unter die Leute mischt und sich von allem und allen fernhält, erwirbt man sich ganz automatisch früher oder später einen zweifelhaften Ruf.“ Isabella hatte gespielt unbekümmert gelacht.

Jetzt wünschte sie, sie wäre zu Hause geblieben und hätte es sich mit einem guten Buch gemütlich gemacht.

„Das ganze Gerede entsteht doch nur, weil sie sich so zurückhalten“, hatte sie erklärt. „Ich wette, die Di Rossis sind in Wirklichkeit sehr nette Menschen.“

Susa zog die Augenbrauen hoch, was sie ziemlich überlegen wirken ließ. „Ich bin gespannt, wie nett du ihn findest, wenn er dich in seinen Kerker einsperrt.“

„Susa!“ Isabella war sowieso nicht wohl bei der Sache, und die Skepsis und Schwarzmalerei der älteren Frau machten das Ganze nicht gerade besser. „Außerdem hat mein Vater auch immer das Monta-Rosa-Basilikum gepflückt, das schon so lange unseren Gerichten diesen ganz besonderen Geschmack verleiht. Soweit ich weiß, ist er nie einem Mitglied der königlichen Familie begegnet. Also, ich glaube das ganze Gerede nicht.“

Ihr Vater Luca Casali hatte vor vielen Jahren die geradezu magischen Eigenschaften dieses feinen Gewürzkrauts entdeckt und damit sein einfaches italienisches Lokal in ein weithin berühmtes Feinschmeckerrestaurant verwandelt. Die Gäste kamen von überall her wegen der köstlichen Pasta und der besonderen Tomatensauce, die Lucas Spezialität war.

Das Rezept und der Name der speziellen Zutat, die nur an einem einzigen Hügel auf dem Grundbesitz des Prinzen in Monta Correnti wuchs und den Gerichten den besonderen Geschmack verlieh, blieben ein Familiengeheimnis.

Jahrelang hatte ihr Vater das Basilikum einmal im Monat selbst gepflückt. Doch jetzt war er krank, und es wurde ihm zu mühsam. Deshalb musste Isabella wohl oder übel diese Aufgabe übernehmen. Um das Risiko, entdeckt zu werden, zu verringern, beschloss sie, sich im Dunkeln auf den Weg zu machen. Natürlich war sie sehr nervös. Es war immerhin ihr erster Ausflug dieser Art, aber sie war auch zuversichtlich, dass sie es schaffte, denn ihr Vater hatte nie ein Problem damit gehabt.

Doch der plötzlich einsetzende Sturm, die schwarzen Wolken am Himmel und das drohende Gewitter änderten alles. Momentan kam ihr jedes schaurige Gerücht über den Palazzo und seine Bewohner sehr plausibel vor, und sie blickte sich immer wieder ängstlich um.

Bei dem Sonnenschein am Nachmittag hatte sie sich vorgestellt, es könne ganz interessant sein, dem Prinzen zu begegnen.

„Wie ist er eigentlich?“, fragte sie Susa. „Ich meine, wenn er nicht gerade junge Frauen in sein Schlafzimmer lockt“, scherzte sie.

Susa zuckte die Schultern. „Ich weiß nur, dass seine junge Frau vor einigen Jahren gestorben ist und er seitdem wie ein Einsiedler lebt.“

„Oh, wie traurig.“ Isabella hatte davon gehört, kannte jedoch keine Einzelheiten.

„Man erzählt sich, sie sei unter mysteriösen Umständen gestorben“, fügte Susa geheimnisvoll hinzu.

„Ist für dich nicht immer alles etwas mysteriös?“

Susa warf ihr einen überheblichen Blick zu und wandte sich ab. Isabella fiel ein, was ihre frühere Köchin Noni Braccini zu sagen pflegte, die ihr als ganz jungem Mädchen alles beigebracht hatte, was sie über die italienische Küche wusste.

„Von so einem Ort kommt nichts Gutes.“ Sie hatte in Richtung des alten Palazzos gewiesen und geflüstert: „Fledermäuse.“

Verblüfft sah Isabella sie an. „Fledermäuse?“

„Ja, du willst sie doch nicht in deinem Haar haben, oder?“

„Nein, ganz bestimmt nicht.“ Schaudernd war sich Isabella durch die wilden Locken gefahren.

Mehr wusste sie nicht über den Prinzen, außer natürlich, dass das für das Restaurant so wichtige Basilikum auf seinem Anwesen wuchs.

Noni Braccini war schon lange tot. Jetzt erzählte Susa an ihrer Stelle solche Gruselgeschichten.

„Als ich ein junges Mädchen war, wusste jeder, dass der damalige Prinz ein Vampir war“, behauptete sie, als Isabella zur Tür hinausgehen wollte.

„Wie bitte?“ Isabella musste laut lachen. „Susa, das ist doch verrückt.“

„Er war der Großvater des heutigen Prinzen.“ Die ältere Frau zuckte die Schultern. „Wir werden ja sehen, nicht wahr?“

Auf dem Weg zu ihrem Auto hatte Isabella immer noch gelacht, doch das Lachen war ihr mittlerweile vergangen. Susas Warnung und viele andere alte Geschichten, die sie früher einmal gehört hatte, gingen ihr durch den Kopf. Wenn sie während ihrer Kindheit bei einer Freundin übernachtete, hatten sie sich viele solcher Storys erzählt. Es ging dabei um Vampire, die nachts umherstreiften auf der Suche nach schönen Jungfrauen, und um Verführer mit dunklen funkelnden Augen, die unschuldige junge Mädchen in ihre luxuriösen Schlafzimmer lockten. Plötzlich hielt sie alles für möglich und bereute fast, dass sie sich ausgerechnet in dieser Nacht auf den Weg gemacht hatte. Doch dann ärgerte sie sich über ihre Ängstlichkeit.

Was konnte ihr schon passieren? Der Prinz war bestimmt nicht so boshaft und gefährlich, wie Susa ihn geschildert hatte. Ein einziges Mal hatte sie ihn als Teenager flüchtig von Weitem gesehen, bei einem Besuch in einem Thermalbad mehrere Autostunden von ihrem Ort entfernt. Eine Freundin hatte sie auf ihn aufmerksam gemacht, und damals hatte sie ihn für sehr attraktiv und ausgesprochen arrogant gehalten.

„Alle Mitglieder des Hochadels sind so hochnäsig“, erklärte ihre Begleiterin. „Sie glauben, sie seien etwas Besonderes. Man geht ihnen am besten aus dem Weg.“

Und daran hatte sich Isabella all die Jahre gehalten, bis heute. Je schneller sie hier fertig war, desto besser für sie.

Bald hatte sie den Abhang erreicht, den ihr Vater beschrieben hatte. Sie würde rasch die Leinentaschen, die sie mitgebracht hatte, mit dem Basilikum füllen und dann verschwinden. Allerdings hatte sie ein Problem: Der Schein der Taschenlampe reichte nicht weiter als eineinhalb Meter.

Auf einmal rutschte sie aus und wäre beinah gestürzt. Während sie sich bemühte, das Gleichgewicht zu bewahren, fiel ihr die Taschenlampe aus der Hand und rollte den Abhang hinunter in den Fluss.

Es fehlte nicht viel, und Isabella hätte laut geflucht, obwohl das sonst nicht ihr Stil war. Was für ein Desaster! Und was für eine verrückte Idee, mitten in der Nacht allein hierherzukommen.

„Auf solche Abenteuer dürfte ich mich gar nicht einlassen“, sagte sie leise vor sich hin, während sie versuchte, höher hinaufzuklettern. Die Angst, von irgendwelchen Wachleuten oder dem Prinzen selbst entdeckt zu werden, wurde immer größer.

Und als auf einmal das Gewitter losbrach, wollte sie nicht mehr ausschließen, dass hier wirklich nachts Vampire unterwegs waren.

Während der Wind durch die Wipfel der Bäume fuhr und Blitze den Himmel durchzuckten, sah sie sich besorgt um. Und dann befiel sie lähmendes Entsetzen, als sie die dunkle Gestalt bemerkte, die auf dem Pferd auf sie zugestürmt kam.

Plötzlich war ihr alles zu viel, die Dunkelheit, der Sturm, das Gewitter, die Gefahr, in der sie sich befand, und sie fing an zu schreien. Das Echo schien durch das Tal zu hallen, während um sie her Blitze zuckten und der Donner krachte.

Jede einzelne der vielen Schauergeschichten, die sie gehört hatte, schoss ihr in Sekundenschnelle durch den Kopf. Sie zitterte am ganzen Körper, Panik erfasste sie, und das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Wie von Sinnen drehte sie sich um und begann zu rennen.

Sie hörte ihn rufen, er kam immer näher, jeden Augenblick würde er sie einholen. Ich muss schneller laufen, noch viel schneller, mahnte sie sich atemlos. Umsonst, denn auf einmal verlor sie das Gleichgewicht, fiel hin und rutschte schreiend den Abhang hinunter, ohne sich an irgendetwas festhalten zu können. Das eisige Wasser spritzte in alle Richtungen, als sie in den Fluss stürzte. Ich ertrinke, war ihr einziger Gedanke.

Doch fast im selben Moment wurde sie von zwei starken Armen gepackt, und der Mann in Schwarz zog sie aus den reißenden Fluten.

Schockiert und erstarrt vor Kälte, war sie sekundenlang orientierungslos. Während der Fremde sie zu seinem Pferd trug, kam sie sich vor wie eine Zuschauerin, die das Geschehen hilflos beobachtete.

Dann passierte etwas Seltsames. Nach der ganzen Aufregung und dem Schrecken fühlte sie sich in den starken Armen des Unbekannten unvermittelt wunderbar geborgen und wie verzaubert. Das Gewitter zog weiter, der Mond kam zwischen den Wolken hervor und hüllte die Landschaft um sie her in ein silbriges Licht. Als sie aufsah, konnte sie das energische Kinn des Mannes erkennen, mehr nicht.

Ich muss mich wehren, überlegte sie. Doch ehe sie auch nur ein einziges Wort herausbrachte, hatte er sie schon auf das Pferd gehoben und schwang sich hinter ihr in den Sattel.

„Was soll das? Das können Sie nicht machen! Lassen Sie mich sofort herunter“, forderte sie ihn schließlich auf.

Vielleicht hörte er sie gar nicht in dem Wind, der in den Zweigen rauschte. Jedenfalls reagierte er nicht, sondern galoppierte auf den Palazzo zu, der vor ihnen auf dem Hügel seltsam drohend emporragte. Sie klammerte sich so fest an den Sattel, als hinge ihr Leben davon ab, und konnte kaum atmen. Schließlich vernahm sie die klappernden Hufe des Pferdes auf dem Kopfsteinpflaster des Vorhofes, der von riesigen Laternen beleuchtet wurde, und dann blieb das Tier stehen. Rasch saß der Mann ab und hob Isabella hinunter.

Sekundenlang taumelte Isabella. Sie war verwirrt und fand keinen Halt. Doch er spürte ihre Unsicherheit, packte sie von hinten an den Schultern und hielt sie fest. Als sie sich zu ihm umdrehte, um ihn anzusehen, wandte er sich ab.

„Hierher.“ Er nahm sie an die Hand und dirigierte sie zu der breiten Eingangstür aus massivem Holz.

„Nein“, protestierte sie schwach, doch er reagierte nicht. Also überließ sie sich seiner Führung. Ihre völlig durchnässte Hose schien ihr an den Beinen zu kleben, die schwere Jacke schlabberte ihr um den Körper, und aus den Schuhen quoll bei jedem Schritt Wasser. Sie befand sich in einem fürchterlichen Zustand und wagte nicht, sich vorzustellen, wie ihr Haar aussehen musste.

Irgendwo auf dem Grundstück fingen zwei Hunde an zu heulen – oder waren es Wölfe? Sie konnte es nicht sagen, ihr Herz klopfte viel zu heftig. Die Atmosphäre wirkte seltsam bedrohlich, die Laternen warfen gespenstische Schatten, und ihr Blick fiel auf die unheimlich aussehenden eisernen Spitzen auf der Mauer, die den Palazzo umgab.

Sie erbebte. War das alles nur ein böser Traum? Oder war sie auf geheimnisvolle Weise in eine der alten Geschichten hineingeraten, die man sich erzählte? War sie vielleicht auf dem Weg in den Kerker, von dem Susa geredet hatte? Und war der Mann, der sie so sehr erschreckt und dann gerettet hatte, ein Held oder ein Schurke?

Eigentlich war es völlig unwichtig, denn sie brauchte ihn, und es gab keinen anderen Menschen, an den sie sich hätte wenden können.

Die breite Tür knarrte in den Angeln, als ein alter Mann mit einem zerfurchten Gesicht sie öffnete. Instinktiv fürchtete sie sich vor ihm und wandte sich Schutz suchend an den Unbekannten. Sekundenlang zögerte dieser, ehe er ihr den Arm um die Schulter legte und es zuließ, dass sie sich an ihn schmiegte. Nach wenigen Sekunden verstärkte er sogar den Griff.

Isabella fühlte sich immer noch wie betäubt und begriff kaum, was da mit ihr geschah. Sie war durchnässt, ihr war kalt, und sie befand sich vor dem alten Palazzo in Begleitung eines Mannes, den sie beinah für einen Vampir gehalten hatte und der ihr jetzt den Arm um die Schulter legte. Zu allem Überfluss fühlte es sich auch noch verdammt gut an. Sie gestand sich ein, dass sie schon lange keinen Mann mehr kennengelernt hatte, auf den sie so heftig mit allen Sinnen reagierte wie auf ihn, auch wenn sie sich vor ihm fürchtete.

Irgendwann war sie zu dem Schluss gekommen, romantische Beziehungen seien nicht ihre Sache. Es lohnte sich nicht, es gab doch immer nur Probleme. Weshalb sie ausgerechnet von diesem Fremden, der sie aus dem Wasser gezogen hatte, so fasziniert war, war ihr allerdings rätselhaft. Vielleicht suchte sie die Gefahr und brauchte den Nervenkitzel.

„Wir sind gleich da“, versprach er, wie um sie zu beruhigen.

Was hatte er vor? Warum behandelte er sie so rücksichtsvoll? Ach, wahrscheinlich mache ich mir zu viele Gedanken, ich habe einfach zu viele Horrorfilme gesehen, sagte sie sich dann.

Sie seufzte, schloss die Augen und wünschte, sie könnte ihre Fassung wiederfinden, aber sie war zu keinem klaren Gedanken fähig. Sie war müde und erschöpft. Doch wenn sie die Lider öffnete, würde sie merken, dass alles nur ein böser Traum war und sie sicher und geborgen zu Hause in ihrem Bett lag.

Prinz Maximilliano Di Rossi runzelte die Stirn, während er die Frau ansah, die sich da an ihn klammerte. Es überraschte ihn, dass sie bei ihm Schutz suchte, und genauso erstaunte ihn, wie er sich verhielt. Im ersten Augenblick hatte er sich zurückziehen und jeden Körperkontakt vermeiden wollen. So reagierte er schon seit dem Unfall vor zehn Jahren. Nur die Menschen, die ihm seit der Kindheit vertraut waren, ließ er näher an sich heran. Besucher empfing er nie, und dass er diese Fremde mitbrachte, war die absolute Ausnahme.

Aber sie wandte sich so vertrauensvoll an ihn, dass Erinnerungen geweckt wurden. Er sehnte sich danach, nach so vielen Jahren wieder den warmen, weichen Körper eines weiblichen Wesens in den Armen zu halten und an sich zu pressen. Es kam ihm vor wie ein unerwartetes Geschenk.

Diese Regungen würden ihm jedoch bald vergehen. Sobald sie sein Gesicht klar und deutlich sehen konnte, würde sie ihn bestimmt nicht mehr berühren wollen, sondern sich sogleich zurückziehen.

Er verzog zynisch die Lippen, während er sie durch die breite Tür in den Palazzo führte. Ihre Schritte hallten in der riesigen, hohen Eingangshalle wider. Als er jemanden husten hörte, sah er auf und merkte, dass sein Mitarbeiter Renzo ihn beunruhigt anschaute. Über dem Schlafanzug trug er einen Bademantel, und seine Füße steckten in uralt aussehenden Fellhausschuhen.

„Schöne Babuschen haben Sie da“, stellte Max fest und zog eine Augenbraue hoch.

„Vielen Dank, Hoheit“, antwortete Renzo und trat leicht verlegen von einem Fuß auf den anderen.

Max überlegte, ob er die Frau in die Obhut seines treuesten Mitarbeiters geben sollte, der sein persönlicher Assistent und sein Butler zugleich war, seit er denken konnte. Dann wäre er in der Lage wegzugehen und musste keinen Gedanken mehr an die Fremde verschwenden. Auf Renzo konnte er sich in jeder Hinsicht verlassen, er würde die Sache regeln. Ja, es war die beste Lösung, es so zu handhaben wie immer, zumal Renzo es auch zu erwarten schien.

Doch dann fiel sein Blick auf die Frau. Sie schmiegte sich noch immer so vertrauensvoll an ihn, als wäre sie bei ihm in Sicherheit. Plötzlich regte sich etwas in ihm – doch das war gefährlich. Allein der Anblick ihres wunderschönen zerzausten vollen Haares weckte Regungen in ihm, die er nicht gebrauchen konnte. Er schaffte es jedoch nicht, sich von ihr zu lösen.

Später versuchte er sich einzureden, es sei nichts anderes gewesen als der typisch männliche Instinkt, sich als Beschützer aufzuspielen, und er hätte genauso gehandelt, wenn es sich um einen jungen Hund oder ein Kätzchen gehandelt hätte. Der Wunsch, einem hilflosen Wesen zu helfen, sei stärker gewesen als jede Vernunft.

Doch davon war er nicht überzeugt. Er fand die Frau ausgesprochen faszinierend, und deshalb wäre es das Beste, er würde es Renzo überlassen, sich um sie zu kümmern. Dennoch entschied er sich anders.

Er sah seinen Mitarbeiter an und schüttelte den Kopf. „Ich mache das schon“, erklärte er, während er den langen schwarzen Umhang abstreifte und auf einen Sessel in der Eingangshalle legte.

Ihm wurde bewusst, was er da tat: Er handelte wider besseres Wissen und war im Begriff, der Frau sein Gesicht zu zeigen.

„Aber Hoheit …“, begann Renzo alarmiert.

„Bitten Sie Marcello, zu uns in den Salon zu kommen“, unterbrach der Prinz ihn.

Renzo blinzelte verblüfft. „Entschuldigen Sie, Hoheit, ich glaube, der Doktor schläft schon.“

„Dann wecken Sie ihn“, forderte Max ihn auf. „Er soll sich die junge Dame hier anschauen. Sie ist gestürzt.“

„Du meine Güte“, sagte Renzo leise und räusperte sich, als wollte er etwas hinzufügen. Max war jedoch nicht bereit, ihm zuzuhören, sondern wappnete sich gegen das, was kommen würde.

Sein Zögern hatte natürlich einen Grund. Seine eine Gesichtshälfte war mit Narben übersät und sehr entstellt, und deshalb ging er Fremden aus dem Weg.

Bei dieser Frau eine Ausnahme zu machen stellte für ihn einen wichtigen Schritt dar. Er musste endlich seine Schwäche überwinden, sich umdrehen und sie sehen lassen, mit wem sie es zu tun hatte. Er würde sie dabei keine Sekunde aus den Augen lassen und sich zwingen, das Entsetzen und den Abscheu in ihrem Blick zu ertragen.

„Kommen Sie mit“, sagte er hart und zog sie durch die Eingangshalle. Die riesigen Porträts an den Wänden und die alten, verschlissenen Gobelins nahm Isabella nur flüchtig wahr. Er führte sie in einen großen Raum, der mit schweren blauen Samtvorhängen und insgesamt sehr luxuriös ausgestattet war. In dem riesigen Kamin glomm noch das Feuer unter der Asche.

„Nehmen Sie Platz.“ Er wies auf ein antikes Sofa. „Mein Cousin Marcello ist Arzt, er wird Sie gleich untersuchen.“

„Das möchte ich aber nicht.“ Sie schüttelte den Kopf und sah an sich hinunter. „Und so schmutzig und durchnässt, wie ich bin, kann ich mich auch nicht hinsetzen. Ich würde nur ihre Polstermöbel ruinieren.“

„Das macht nichts“, antwortete er kurz angebunden.

Meint er das ernst?, überlegte sie.

„Ich möchte es trotzdem nicht“, entgegnete sie und spürte ihre Lebensgeister zurückkehren. „Vielleicht sehe ich momentan nicht so aus, aber ich habe Manieren. Ich weiß, wie man sich in feiner Gesellschaft benimmt.“

„In feiner Gesellschaft?“, wiederholte er und stieß einen Laut aus, der wie ein missglücktes Lachen klang. „Das erwarten Sie also hier, eine feine Gesellschaft? Okay, dann muss ich wohl versuchen, Ihnen etwas in der Richtung zu bieten.“

Er ging ruhelos im Raum hin und her, und Isabella bemühte sich, ihn im Blickfeld zu behalten. Sie war sich ziemlich sicher, zu wissen, wer er war, und wünschte, sie könnte endlich sein Gesicht sehen, dann wäre sie ganz sicher.

„Sie machen mich ganz nervös“, beschwerte sie sich und hielt sich an der Rückenlehne eines Sessels fest.

Wieder stieß er einen undefinierbaren Laut aus, ohne im Laufen innezuhalten. Beunruhigt fragte sie sich, was er mit ihr vorhatte. Glücklicherweise schien er sie nicht einsperren zu wollen, wie Susa prophezeit hatte, aber vielleicht beabsichtigte er, die Polizei zu rufen und sie anzuzeigen. Immerhin hatte sie unbefugt sein Land betreten.

Während sie wartete, was geschehen würde, fiel ihr auf, wie geschmeidig er sich bewegte. Er strahlte verhaltene Kraft und Stärke aus und wirkte unberechenbar. Ich weiß wirklich nicht, wie ich mit ihm umgehen soll, gestand sie sich ein und bekam Herzklopfen.

Als er kurz stehen blieb und in die Eingangshalle blickte, fragte sie angespannt: „Was ist los?“

„Mein Cousin nimmt sich viel Zeit“, erwiderte er ruhig. „Ich möchte es hinter mich bringen.“

„Ich auch“, stimmte sie ihm aus tiefstem Herzen zu. „Warum lassen Sie mich nicht einfach gehen und …?“

„Nein“, unterbrach er sie. „Sie bleiben hier.“

Seine herrische Art weckte ihren Widerstand. „Natürlich weiß ich Ihre Großzügigkeit zu schätzen“, erklärte sie leicht ironisch und wandte sich zur Tür. „Aber es ist Zeit, dass ich …“

„Nein!“ Mit einem einzigen großen Schritt war er bei ihr und packte sie am Handgelenk. „Sie gehen erst, wenn ich es Ihnen erlaube.“

„Ah ja?“ Sie versuchte vergebens, sich aus seinem Griff zu lösen. „Wir leben nicht mehr im Mittelalter. Heutzutage lassen die Menschen sich nichts mehr befehlen, es sei denn, sie werden dafür bezahlt, dass sie Anordnungen ausführen.“

Mit halb abgewandtem Gesicht zog er sie zu sich heran. „Sind Sie darauf aus? Wollen Sie Geld haben?“

„Nein, natürlich nicht.“ Sie blickte ihn schockiert an. Wie konnte er ihr so etwas unterstellen?

„Was wollen Sie denn sonst?“

Sie schluckte. Es war sicher nicht der richtige Zeitpunkt, ihn zu bitten, einmal im Monat sein Anwesen betreten zu dürfen.

„Nichts“, antwortete sie deshalb.

„Lügnerin.“

Da hatte er natürlich recht, dennoch hörte sie es nicht gern. „Sie würden es sowieso nicht verstehen. Ich wollte Ihnen jedenfalls nicht schaden.“

„Sie wollten mir nicht schaden?“, wiederholte er, als wäre es nur eine leere Phrase. „Der Schaden wurde schon vor vielen Jahren angerichtet.“

Die Verbitterung, die in seiner Stimme schwang, ließ Isabella zusammenzucken. Irgendetwas in seinem Leben war ganz und gar nicht in Ordnung. Die bedrückende, düstere Atmosphäre, die hier herrschte, wurde noch verstärkt durch die seltsam ablehnende Haltung dieses Mannes. Normalerweise hielt sie sich von solchen Menschen fern. Doch sie spürte, dass sich mehr hinter seiner negativen Einstellung verbarg als nur schlechte Laune.

Da er sie immer noch am Handgelenk festhielt, merkte er, dass ihr Puls anfing zu rasen, und wusste, es war der richtige Zeitpunkt. Langsam drehte er sich ganz zu ihr um, sodass sie im Schein der Lampen seine Narben sehen musste.

Hielt ihn sein Stolz davon ab, sich nur den Leuten zu zeigen, die er gut kannte? Oder war es Arroganz oder Egoismus? War es so unerträglich, dass die Leute sich bei seinem Anblick abwandten?

Wahrscheinlich war es von allem etwas. Er wusste aber auch, dass es sehr viel mit Schuldgefühlen zu tun hatte. Seine Entstellungen waren die Strafe für sein eigenes Versagen, seine schwere Schuld. Und damit kam er nicht zurecht.

Seit zehn Jahren führte er nun schon dieses isolierte Leben. Er fuhr nur in Limousinen mit getönten Scheiben und bewegte sich unerkannt von einem Haus zum anderen. Diese einsame Existenz war er leid. Um seine Situation zu ändern, musste er sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass die Leute sein Gesicht sahen.

Heute Nacht würde er keine Ausflüchte mehr suchen, sondern sein Schicksal akzeptieren. Er würde dieser jungen Frau in die großen blauen Augen sehen und jede Regung erkennen, die sich darin spiegelte. Ja, er war bereit. Er hob das Kinn und zeigte sich ihr mit all seinen Narben.

Im ersten Moment war sie natürlich schockiert, das merkte er. Angespannt wartete er auf ein Zeichen des Abscheus, ihr Zurückzucken, eine Flut von Mitleid oder dass sie sich abwandte. Solche Reaktionen waren ihm bekannt.

Reglos blieb er stehen und erwiderte ihren Blick.

Sie war überrascht, aber ganz offensichtlich auf eine ganz andere Art, als er es bisher erlebt hatte. Sie verschloss sich nicht, zeigte keine Spur von Abscheu und ließ keine Berührungsangst erkennen. Stattdessen leuchtete es in ihren Augen voller Wärme auf, und sie kam näher, statt zurückzuweichen. Mit wachsendem Erstaunen beobachtete er, wie sie den Kopf ein wenig zur Seite neigte, die Hand hob und mit den Fingern federleicht über die tiefen Narben fuhr, die über die Wange bis zum Mundwinkel verliefen.

„Oh“, sagte sie nur und seufzte.

In ihrer Stimme schwang kein Mitleid, sondern eher eine Spur von Schmerz, Verwirrung, Interesse und Neugier.

2. KAPITEL

Isabella hatte das Gefühl, sich in einer anderen Wirklichkeit zu befinden. Sie sah die Narben, die sein Gesicht auf tragische Weise entstellten, und ihr floss das Herz geradezu über vor Mitgefühl. Beeindruckend waren jedoch die Kraft und Stärke, die dieser Mann ausstrahlte, und seine attraktive Erscheinung. Unter dem geöffneten Hemd sah sie seine gebräunte Haut, die muskulöse Brust, und plötzlich überkam sie eine Sehnsucht, die sie zutiefst beunruhigte.

Er legte ihr die Hände auf die Schultern, wie um sie zu beruhigen, und sie konnte kaum der Versuchung widerstehen, sich an ihn zu lehnen und sich seinen Berührungen hinzugeben. In einem Anflug wilden Verlangens hätte sie am liebsten die Lippen auf die Stelle unterhalb von seinem Hals gepresst, wo sie seinen Puls heftig pochen sah.

Glücklicherweise kam sie rechtzeitig zur Besinnung und war schockiert über ihre Emotionen. Eigentlich müsste ich mich zurückziehen, überlegte sie, konnte sich jedoch aus irgendeinem Grund nicht dazu überwinden.

Max wäre nicht überrascht gewesen, wenn sie ihn geküsst hätte. Fasziniert beobachtete er, wie sie sich ihm entgegenbog, während sie die Finger über seine Wange gleiten ließ. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als sie sich unverwandt in die Augen sahen. Er hielt den Atem an, etwas regte sich in ihm, etwas Neues und Unbekanntes, was ihm ganz und gar nicht gefiel. Aber sie hatte ihn angefasst, und das hatte seit dem Unfall keine andere Frau getan und auch nicht tun wollen. Ein Feuer wurde in seinem Innern entfacht, wie er es noch nie erlebt hatte. Wer auch immer diese junge Frau war, sie war einmalig und einzigartig. Er genoss es, dass sie ihm das Gefühl gab, ein völlig normaler und auch begehrenswerter Mann zu sein.

In dem Moment sah er Renzo hereinkommen. Der Bedienstete durchquerte so entschlossen den Raum, als wollte er die Fremde wegzerren.

Um Renzos Eingreifen abzublocken, zog er die junge Frau fest an sich. Als er auf sie herabblickte, glaubte er, in ihren wunderschönen Augen zu ertrinken. Sie schienen Welten zu versprechen, die er nicht kannte und die er unbedingt kennenlernen wollte. Es fiel ihm schwer, den Blick abzuwenden.

Wer war sie, und woher kam sie? Sollte er sie so schnell wie möglich wegschicken oder überreden, bei ihm zu bleiben? Sein Instinkt sagte ihm, was er tun sollte, aber er wusste aus Erfahrung, dass er sich darauf nicht immer verlassen konnte.

„Hoheit …?“, begann Renzo neben ihm.

Sekundenlang zögerte Max mit der Antwort. „Hatte ich Sie nicht gebeten, Marcello zu holen?“, fragte er dann, ohne sich umzudrehen.

„Aber Hoheit …“ Offenbar war der ältere Mann beunruhigt über das ungewöhnliche Benehmen des Prinzen.

„Holen Sie ihn bitte.“

„Wie Sie wollen, Hoheit.“ Renzo verbeugte sich, ehe er den Raum verließ.

Zu allem Überfluss kam im selben Moment Max’ Schwester Angela herein und zog beim Anblick der seltsamen Szene die Augenbrauen hoch.

„Wer ist die Frau, Max?“ Sie kam näher.

Beim Klang ihrer Stimme zuckten beide zusammen, und der Zauber löste sich auf. Sie drehten sich zu ihr um.

„Wo, um alles in der Welt, hast du die denn aufgegabelt?“

Max atmete tief durch, ließ Isabella los und trat einige Schritte zurück. Prompt wurde ihr schwindlig, und sie hielt sich rasch an der Rücklehne des Sofas fest. War es die Reaktion auf diesen Mann oder auf die ganze Situation? Sie war immer noch durcheinander, zumal ihr mittlerweile völlig klar war, mit wem sie es zu tun hatte. Wenn man sich unbefugt auf den Besitz des Prinzen begab, musste man damit rechnen, ihm irgendwann persönlich zu begegnen.

„Sie fiel mir auf, als sie in der Nähe des Flusses herumwanderte“, erklärte der Prinz. „Da die Hunde nicht angekettet waren, befürchtete ich, sie würden sie anfallen. Offenbar habe ich sie zu Tode erschreckt, denn sie ist den Abhang hinuntergefallen.“

Angela betrachtete Isabella eingehend und nickte dann. „Und ins Wasser gestürzt, wie ich sehe.“

„Richtig.“

„Und du hast sie gerettet, oder was?“

„So ist es, Angela“, bestätigte er und sah sie feindselig an.

„Ich verstehe.“ Sie erwiderte seinen Blick genauso feindselig, ehe sie sich abwandte und Isabella noch einmal musterte. „Aber das sagt nichts darüber aus, wer sie ist.“

„Das stimmt“, gab er zu und warf Isabella einen gleichgültigen Blick zu. Von der ganz besonderen Atmosphäre, die zwischen ihnen geherrscht hatte, war nichts mehr zu spüren. „Und auch nichts darüber, was sie auf unserem Grundstück im Flusstal zu suchen hatte.“

Isabella war es leid, wie ein kleines Kind behandelt zu werden, über das die beiden Geschwister sich unterhalten konnten, als wäre es gar nicht da. Einen wunderbaren Augenblick lang hatte sie geglaubt, mit diesem Mann würde sie etwas ganz Besonderes verbinden, was ihr Leben verändern könnte. Sie hatte sich jedoch wieder einmal getäuscht.

Zuerst hatte er sie erschreckt, dann mit seinen Zärtlichkeiten verzaubert. Doch jetzt behandelte er sie, als wäre sie eine streunende Katze, die er besser nicht mit ins Haus gebracht hätte. Grenzenlos enttäuscht sah sie ihn an. Und wieder wich er ihrem Blick aus und drehte den Kopf zur Seite, sodass die Narben nicht zu erkennen waren.

Energisch hob sie das Kinn. „Ich bin Isabella Casali und helfe meinem Vater, das Restaurant ‚Rosa‘ am Marktplatz zu führen. Vielleicht haben Sie schon einmal bei uns gegessen.“

Angela zuckte gleichgültig die Schultern. Offenbar hatte sie gerade ins Bett gehen wollen, denn sie trug einen seidig fließenden Morgenmantel. Die Mittdreißigerin war eine schöne, kühle Blondine, wirkte allerdings etwas zu arrogant.

„Ich kenne es, war aber noch nie dort.“ Sie lächelte höflich. „Vielleicht werde ich es einmal nachholen.“

Isabella blickte zwischen der attraktiven Frau und dem faszinierenden Mann hin und her. Obwohl sie sich über ihn ärgerte, musste sie sich eingestehen, dass sie beeindruckt war. Mit der großen, schlanken Gestalt und den geschmeidigen Bewegungen war er ein Mann, den man nicht ignorieren konnte.

„Vielleicht entspricht das ‚Sorella‘ gleich neben dem ‚Rosa‘ eher Ihrem Geschmack“, meinte sie. „Es gehört meiner Tante und bietet internationale Küche.“

„Wir haben unsere eigenen Köche und gehen auswärts nicht zum Essen“, mischte der Prinz sich ein.

„Klar, das hätte ich mir denken können.“ Sie fühlte sich zurechtgewiesen.

„Wir können bestimmt einmal eine Ausnahme machen.“ Angela warf ihrem Bruder einen vorwurfsvollen Blick zu, als wollte sie ihn daran erinnern, auch kleinen Leuten gegenüber höflich zu sein. „Da Sie sich vorgestellt haben, sollten Sie auch erfahren, mit wem Sie es zu tun haben: Das ist Prinz Maximilliano Di Rossi, der Besitzer des Palazzos, und ich bin seine Schwester Angela. Da Sie in Monta Correnti leben, haben Sie sicher schon von uns gehört.“

Isabella schwieg. Natürlich hatte sie gewusst, dass der Prinz sich zumindest von Zeit zu Zeit im Palazzo aufhielt. Doch er ließ sich im Ort und der näheren Umgebung nie sehen.

Sie erinnerte sich, einmal gehört zu haben, dass hier ein Prinz Bartolomeo gelebt hatte. Er war mit einer schönen Filmschauspielerin verheiratet gewesen, und das Paar hatte zwei oder drei Kinder. Man hatte nicht viel über die Familie erfahren, sie hatten mit niemandem Kontakt gehabt. Das Schloss auf dem Hügel hatte schon immer seltsam finster und abweisend gewirkt.

Prinz Bartolomeo war vermutlich der Vater dieses Prinzen, mit dem sie sich jetzt auseinandersetzen musste.

„Es bleibt noch die Frage zu klären, was Sie nachts auf meinem Land zu suchen haben“, stellte Max kühl fest. „Als Einheimische muss Ihnen bewusst gewesen sein, dass das Betreten nicht erlaubt ist.“

Sie sah ihn kämpferisch an. „Das ist mir bekannt.“

„Und?“, fragte er.

Jetzt bleibt mir keine andere Wahl, ich muss Farbe bekennen, schoss es ihr durch den Kopf. Sie wollte jedoch nicht über das einzigartige Basilikum reden, das auf seinem Grund und Boden wuchs.

„Wenn ich das Monta-Rosa-Basilikum patentrechtlich schützen lassen könnte, würde ich es tun“, sagte ihr Vater immer wieder. „Rede niemals mit Leuten darüber. Niemand soll wissen, woher wir es bekommen. Wenn andere es auch für ihre Gerichte verwenden, verlieren wir zu viele Gäste.“

„Keiner würzt die Saucen so pikant wie du, auch ohne das Basilikum“, versicherte Isabella ihm regelmäßig.

„Trotzdem, es ist unser Geheimnis, ohne diese Zutat sind wir ruiniert“, wandte er dann ein.

Sie beschloss, eine ausweichende Antwort zu geben.

„Ich habe Ihr Grundstück betreten, weil es unbedingt nötig war“, begann sie. „Es gibt da ein bestimmtes Gewürzkraut, das offenbar nur am südlichen Abhang des Hügels am Fluss wächst.“ Betont unschuldig zuckte sie die Schultern. „Ich brauche es für eine unserer Spezialitäten.“

„Ah ja, Sie brauchen es“, wiederholte Angela spöttisch. „Es handelt sich um Diebstahl. Ist Ihnen das nicht klar?“

„So würde ich es nicht nennen“, erwiderte Isabella vorsichtig.

Max lachte laut auf. „Wie denn?“

Wieder zuckte sie die Schultern. „Vielleicht … Beteiligung?“ Sie sah ihn hoffnungsvoll an.

Er erwiderte ihren Blick, und plötzlich spürte sie, dass genau wie vorhin ein winziger Funke übersprang.

„Beteiligung?“, wiederholte er sanft.

„Ja.“ Sie nickte.

„Benötigt man für eine Beteiligung nicht das Einverständnis beider Seiten?“

„Sie … könnten sich ja einverstanden erklären“, schlug sie vor. „Wenn Sie wollten“, fügte sie leise hinzu, während er sie mit seinen dunklen Augen unverwandt ansah. Ihr schlug das Herz so zum Zerspringen, als erwartete sie, dass jeden Augenblick irgendetwas Entscheidendes passierte. Es geschah jedoch rein gar nichts.

„Nein, das kommt nicht infrage“, lehnte er noch sanfter ab. „Der Fluss ist viel zu gefährlich.“

Sie hatte das Gefühl, in ihm stecke irgendeine ungeheure Kraft, die nur darauf wartete, befreit zu werden. Kann ich es wagen, ihm dabei zu helfen?, überlegte sie.

In dem Moment sagte Angela Gute Nacht, und Isabella schreckte aus den Gedanken auf. Aus einem unerfindlichen Grund kam es ihr so vor, als hätte sie diesen Mann schon immer gekannt – aber nicht als Freund. Vielleicht waren sie irgendwann einmal ein Liebespaar gewesen? Dieser Gedanke raubte ihr fast den Atem.

„Setzen Sie sich doch“, forderte Max sie jetzt so ungeduldig auf, als wollte er es endlich hinter sich bringen.

Daraufhin drehte sich Angela an der Tür noch einmal um. „Sie ist doch völlig durchnässt!“, protestierte sie entsetzt.

Das gab Isabella einen Stich, obwohl sie zuvor auch schon darauf hingewiesen hatte. Sie biss sich auf die Lippe. Warum ließ sie sich von diesen Leuten so herablassend behandeln? Sie war hier fehl am Platz, es war nicht ihre Welt, und sie musste so schnell wie möglich von hier weg. Sie wirbelte herum.

„Keine Angst, ich verschwinde ja schon“, fuhr sie Angela an und versuchte, an dem Prinzen vorbeizueilen. „Ich will sowieso endlich nach Hause …“

Doch er packte sie am Arm und hielt sie fest. „Erst soll Marcello Sie untersuchen“, erklärte er.

Sie rang nach Luft. Dann schüttelte sie den Kopf und wollte etwas entgegnen.

Seine Schwester kam ihr jedoch zuvor. „Du siehst doch selbst, in was für einem unmöglichen Zustand sie sich befindet.“ Sie verzog das Gesicht. „Sie muss sich waschen, ehe Marcello sich um sie kümmert. Überlass das mir.“ An Isabella gewandt, fügte sie grob hinzu: „Kommen Sie mit.“

Isabella fühlte sich an das Blumenmädchen Eliza Doolittle aus dem Musical My Fair Lady erinnert, das auf feine Dame getrimmt wurde, um der feinen Gesellschaft präsentiert zu werden. Nein, das lasse ich nicht mit mir machen, nahm sie sich vor. Diese Rolle passte ihr nicht.

Langsam wurde sie wieder sie selbst und kam sich ziemlich dumm und töricht vor. Man hatte sie sozusagen auf frischer Tat ertappt, und dafür hatte sie einen Rüffel verdient. Was allerdings jetzt geschah, ging entschieden zu weit. Der Prinz wollte sie nicht auf seinem Anwesen dulden, also konnte er sie auch gehen lassen. Warum hatte er sie überhaupt gezwungen, ihn in den Palazzo zu begleiten?

„Warum lassen Sie mich nicht einfach fort?“, fragte sie.

„Sie haben doch gar keine Wahl“, erwiderte er ruhig. „Es ist nur zu Ihrem eigenen Besten, wenn Sie wieder sauber und trocken sind.“

„Aber …“

„Nun gehen Sie schon mit meiner Schwester“, schnitt er ihr das Wort ruhig und beherrscht ab. Sie war überrascht, wie kühl er Befehle erteilte und einen dazu brachte, sie auch zu befolgen. „Sie sind auf meinem Besitz in den Fluss gestürzt, und somit bin ich für Ihren Zustand verantwortlich und muss die Sache in Ordnung bringen.“

Das machte doch überhaupt keinen Sinn. Sie war keine Besucherin, sondern hatte sich unbefugt auf dem Gelände aufgehalten. Doch schließlich tat sie, was man von ihr erwartete. Als sie sich in der Eingangshalle umdrehte und bemerkte, dass der Prinz hinter ihr hersah, bekam sie schon wieder Herzklopfen und erbebte. Rasch wandte sie sich ab und folgte Angela.

Max lauschte den sich entfernenden Schritten, während er hinausblickte in die Dunkelheit. Zweifellos fühlte er sich zu Isabella hingezogen, und so etwas war ihm schon lange nicht mehr passiert. Das Bild seiner schönen Frau Laura stieg vor ihm auf, und er schloss die Augen, wie um es festzuhalten. Es löste sich jedoch auf, und eine andere Vision drängte sich ihm auf.

Leise fluchend öffnete er die Lider wieder. Isabella ließ sich nicht mit Laura vergleichen. Es wäre lächerlich, es überhaupt zu versuchen. Sie war nur eine junge Frau aus dem Ort und bedeutete ihm nichts.

Langsam hob er die Hand und berührte die Narben auf seiner Wange, um nachzuempfinden, was sie gefühlt hatte. Was war sie doch für eine seltsame junge Frau, seltsam und unwiderstehlich. Ihre Reaktion, die so verschieden war von der aller anderen Menschen, verwirrte ihn und machte ihn ratlos. Hatte sie etwas gesehen, was kein anderer bemerkte? Oder hatte er sich plötzlich verändert?

Nein, er hatte immer noch dasselbe Gesicht mit denselben Narben. Ärgerlich ließ er die Hand sinken und drehte sich zum Kamin um. Sekundenlang empfand er sogar so etwas wie Hass auf sie.

Sie verkörperte für ihn das Leben, von dem er sich vor zehn Jahren verabschiedet hatte. Bisher war es ihm gut gelungen, niemanden an sich heranzulassen. Und so musste es bleiben. Dieser düstere Palazzo mit der bedrückenden Atmosphäre war seine Welt, alles andere musste er vergessen.

Nachdem Isabella geduscht hatte, sah sie sich in dem Badezimmer mit der hohen Decke und der riesigen Wanne mit den Klauenfüßen um, die mitten im Raum stand. Es war auf eine altmodische Art luxuriös ausgestattet. Rasch trocknete sie sich ab, ehe sie sich vor den hohen Wandspiegel stellte.

Bei ihrem Anblick musste sie unwillkürlich lachen. Unter ihrem rechten Auge hatte sie einen Bluterguss, auf der Hüfte auch, und unterhalb des rechten Knies entdeckte sie eine tiefe Schnittwunde, die immer noch etwas blutete. Außerdem schmerzte ihr der ganze Körper, aber das war zu ertragen.

Dann betrachtete sie die Sachen, die Angela ihr hingelegt hatte: einen hellen Pullover und eine braune Jeans. Sie hat sogar meinen Geschmack getroffen, dachte sie und zog sich an, nachdem sie die Wunde mit einem Papiertaschentuch bedeckt hatte.

„Kann ich hereinkommen?“, hörte sie Angela rufen, während sie sich die Haare bürstete.

„Ja.“

„Hier.“ Nachdem Angela den Raum betreten hatte, reichte sie Isabella eine Tragetasche für ihre nassen Sachen. „Marcello und Max erwarten Sie im Salon.“ Sie gähnte und verkündete: „Ich gehe jetzt aber wirklich ins Bett. Gute Nacht, meine Liebe.“

„Warten Sie.“ Isabella zögerte sekundenlang, ehe sie fragte: „Was ist mit seinem Gesicht passiert?“

Angela sah sie nachdenklich an, ehe sie sich entschloss zu antworten. „Vor fast zehn Jahren hatte er einen schrecklichen Unfall.“ Sie schüttelte den Kopf. „Er war in einem kritischen Zustand, tagelang schwebte er in Lebensgefahr.“

Isabella hatte das Gefühl, dass noch mehr dahintersteckte. Hier hatte alles, was geschah, einen unheimlichen Beigeschmack. Eigentlich hätte sie gern mehr erfahren, wagte jedoch nicht, noch mehr Fragen zu stellen.

„Glücklicherweise hat er überlebt. Doch sein …“ Angela hob leicht verzweifelt die Hände. „Er war früher sehr attraktiv“, fügte sie wehmütig hinzu.

Isabella zuckte die Schultern. „Das ist er immer noch.“

„Finden Sie?“

„Oh ja.“

„Na, dann …“ Angela zog bedeutsam die Augenbrauen hoch. „Ich nehme an, er wird Sie nach Hause fahren, sobald Marcello sein Okay gegeben hat. Gute Nacht, Isabella.“

„Gute Nacht. Und vielen Dank“, sagte sie höflich, ehe Angela die Tür hinter sich zumachte.

Während Isabella vor dem Spiegel stand und ihr Aussehen überprüfte, überlegte sie, wie sie dieses alte Gemäuer verlassen konnte, ohne jemandem über den Weg zu laufen. Es ging ihr gut, sie benötigte keinen Arzt. Und sie hatte auch keine Lust, dem Prinzen noch einmal zu begegnen.

Das Einzige, was sie brauchte, war das Basilikum. Heute Nacht ging natürlich gar nichts mehr. Sie musste ein anderes Mal wiederkommen, falls das nicht zu gefährlich war wegen der Hunde.

Doch darüber würde sie später nachdenken. Erst einmal musste sie unbemerkt hier herauskommen. Sie warf einen letzten Blick in den Spiegel und stöhnte auf. Mit dem Bluterguss unter dem Auge und der Schwellung im Gesicht sah sie aus, als wäre sie in eine Schlägerei geraten. Jedenfalls würden das die Gäste im Restaurant denken. Jetzt konnte sie nachempfinden, wie sehr der Prinz unter den Narben litt.

Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, ihn zu berühren? Und warum hatte er es zugelassen? Wahrscheinlich war sie nach dem Sturz und dem Ritt durch die Nacht noch zu benommen gewesen, denn normalerweise fuhr sie fremden Menschen nicht mit den Fingern durch das Gesicht.

Wie Susa ihr erzählt hatte, lebte er seit dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren sehr zurückgezogen. Vielleicht erklärte das sein kühles, abweisendes Verhalten. Sie schüttelte den Kopf und drehte sich um. Was für eine seltsame Nacht. Sie tat Dinge, die sie nie zuvor gemacht hatte. Es war höchste Zeit, von hier zu verschwinden.

Mit der Tragetasche in der Hand verließ sie das Badezimmer und gelangte schließlich in die Eingangshalle. Dort bog sie um die Ecke, öffnete die Tür am Ende des Flurs und fand sich in der riesigen Küche wieder. Da die Nachtbeleuchtung eingeschaltet war, blieb sie kurz stehen, um die vielen Töpfe und Pfannen zu bewundern, die an den Wänden hingen. Allein die Größe des Raums war beeindruckend, denn er war drei- oder viermal so groß wie die Küche ihres Restaurants.

Sie hatte jedoch keine Zeit, hier herumzustehen und zu träumen. Die gegenüberliegende Tür schien nach draußen zu führen. Also öffnete sie diese, ging hindurch und lief dem Prinzen direkt in die Arme.

3. KAPITEL

Isabella schrie auf, während der Prinz sie festhielt, damit sie das Gleichgewicht nicht verlor. Hastig löste sie sich aus seinem Griff und wich zurück, obwohl sie sich insgeheim eingestand, dass sie sich am liebsten in seine Arme geschmiegt und seinem Herzschlag gelauscht hätte.

Das war natürlich romantischer Unsinn, solchen Fantasien hatte sie sich nicht mehr hingegeben, seit sie sich als Teenager in den fast gleichaltrigen Romano Puccini verliebt und sich geradezu nach ihm verzehrt hatte.

Die Folgen waren unabsehbar, wenn man seinen Emotionen freien Lauf ließ, wie sie in dem Sommer vor vielen Jahren gelernt hatte.

„Das ist schon das zweite Mal heute Nacht, dass Sie mich zu Tode erschrecken“, erklärte sie vorwurfsvoll.

„Und Sie schleichen schon zum zweiten Mal unbefugt auf meinem Besitz herum“, antwortete er.

Sie warf das lange Haar zurück und strich es hinter die Ohren. „Das ist Ansichtssache. Wenn Sie der Meinung sind, dass nur Sie hier die Regeln aufstellen und mir vorschreiben dürfen, wohin ich gehen kann und wohin nicht, haben Sie natürlich recht.“

Er kam näher. Im fahlen Licht des Mondes, der sich zwischen den Wolken zeigte, konnte sie die Narben auf seiner Wange deutlich erkennen.

„Warum sollte ich das nicht dürfen?“, fragte er. „Immerhin ist es mein Palazzo, schon vergessen?“

Sie sah ihm in die Augen, in denen es rätselhaft aufleuchtete. „Und Sie scheinen zu vergessen, dass ich hier nur durchgehen wollte.“

„Unbefugterweise, meinen Sie, oder?“

Plötzlich spürte sie ihre Müdigkeit und war es leid, sich mit ihm auseinanderzusetzen. „Wissen Sie was? Ich möchte unbedingt nach Hause, sonst nichts.“ Sie konnte das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht verbergen.

Er nahm ihre Hand. „Wir alle haben Wünsche, die nicht erfüllt werden.“

Es klang so verzweifelt, dass sie überlegte, wie sie ihn trösten könnte. Doch das würde er wahrscheinlich gar nicht zulassen.

„Kommen Sie mit zurück in den Salon, und lassen Sie sich von Marcello untersuchen“, forderte er sie auf. „Anschließend wird man Sie nach Hause fahren.“

Isabella seufzte. Nur ungern gestand sie sich ein, wie verführerisch es war, sich seiner Führung zu überlassen. Sie musste unbedingt daran arbeiten, sich mehr Charakterstärke anzueignen und selbstbewusster aufzutreten.

„Mein Auto steht an der Südseite der Mauer“, gab sie schuldbewusst zu.

„Ah ja, Sie haben sich also mit einem Wagen auf den Weg gemacht, ihn an besagtem Ort abgestellt – und dann? Sind Sie etwa hinübergeklettert?“, fragte er spöttisch.

„Nein, das nicht gerade“, erwiderte sie zögernd. Sie wollte ihm nicht verraten, dass sie an derselben Stelle auf seinen Besitz gelangt war wie ihr Vater schon seit vielen Jahren. Allerdings war der so vernünftig gewesen, bei Tageslicht herzukommen und sich nie dabei erwischen zu lassen.

„Sie wollen es mir nicht sagen, stimmt’s?“ Ein Hauch von Spott lag in seiner Stimme. „Es soll Ihr Geheimnis bleiben, damit Sie bei nächster Gelegenheit Ihren Ausflug auf mein Land wiederholen können. Davon rate ich Ihnen allerdings dringend ab, Isabella Casali. Ab sofort werde ich die Hunde vierundzwanzig Stunden am Tag frei herumlaufen lassen. Außerdem möchte ich nicht, dass Sie sich noch einmal in die Nähe des Flusses begeben.“

Das überraschte sie. Ging es ihm etwa um ihre Sicherheit? Oder wollte er vermeiden, sich um sie kümmern zu müssen, wenn ihr etwas zustieß? Als er den Fluss erwähnte, schwang irgendetwas in seiner Stimme, was sie stutzig machte.

Mitten im Salon blieb er stehen und sah sie an.

„Du liebe Zeit!“ Er umfasste ihr Gesicht und betrachtete es aufmerksam. „So schlimm habe ich mir die Verletzungen nicht vorgestellt.“

„Ach, das geht vorüber.“ Seine Nähe löste alle möglichen Emotionen in ihr aus, und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Der Wunsch, ihn zu küssen, war so heftig, dass sie sich kaum noch beherrschen konnte.

Plötzlich kam sie zur Besinnung. Was mache ich da?, überlegte sie und wollte sich abwenden, damit er nicht merkte, was mit ihr los war. Es war jedoch unmöglich, seinem durchdringenden Blick auszuweichen.

„Es ist wirklich nicht schlimm“, bekräftigte sie.

„Es tut weh, ein schönes Gesicht so verunstaltet zu sehen.“ Seine Stimme klang derartig kühl, dass Isabella es für eine allgemeine Feststellung hielt, die nicht persönlich gemeint war. Doch zugleich betrachtete er ihr Gesicht mit einer Aufmerksamkeit, als wollte er sich jede Einzelheit einprägen. „Sie sind so … so …“

Zu ihrer Verblüffung ließ er die Lippen über ihre Stirn, das blaue Auge und ihre Wange gleiten, als wollte er die Schwellung und den Bluterguss zum Verschwinden bringen. Er schien davon besessen zu sein, sie ja nicht zu Schaden kommen zu lassen, eine andere Erklärung fiel ihr nicht ein. Sie durfte es jedenfalls nicht zu persönlich nehmen.

Dennoch küsste er sie.

„Dauert das noch lange?“, ertönte in dem Moment eine tiefe männliche Stimme hinter ihnen. „Dann gehe ich zurück in mein Zimmer und mache ein Nickerchen, bis ihr fertig seid.“

Isabella drehte sich bestürzt um und erblickte einen jungen, attraktiven Mann, der auf der Türschwelle stand. Der Prinz warf ihm einen gespielt empörten und würdevollen Blick zu. Offenbar standen die beiden sich sehr nahe und waren es gewöhnt, sich zu necken.

„Isabella, das ist mein Cousin Marcello Martelli.“

„Es freut mich, Sie kennenzulernen.“ Marcello schüttelte ihr die Hand. „Wir bringen es am besten gleich hinter uns, es geht ganz schnell.“

Zum Dank für die freundliche Begrüßung schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln. Wie er so dastand in Jeans und T-Shirt, barfuß, etwas verschlafen und mit zerzaustem Haar, sah er nicht anders aus als jeder andere junge Mann aus dem Ort, den man in der Nachtruhe störte.

„Sie sind in den Fluss gefallen, habe ich gehört“, stellte er fest und führte sie zu dem antiken Sofa. Dann sah er sie und Max fragend an.

„Ja, das stimmt“, bestätigte sie mit ernster Miene.

„Und dann kam zufällig Max vorbei und hat Sie gerettet?“

Sie drehte sich zu dem Prinzen um, der sich im Hintergrund hielt und sich offensichtlich über die Bemerkung seines Cousins ärgerte. Vielleicht sollte sie ihn daran erinnern, welche Rolle er bei dem Unfall gespielt hatte.

„Ist das seine Version der Geschichte?“

„Wie lautet denn Ihre?“, erkundigte sich Marcello lächelnd.

„Also, ich wanderte am Hügel entlang, als plötzlich eine dunkle Gestalt, die wie ein Racheengel wirkte, auf einem Pferd angaloppiert kam. Ich war so erschrocken, dass ich die Flucht ergriff. Dabei bin ich ausgerutscht und ins Wasser gestürzt.“ Sie zuckte die Schultern.

„Demnach ist es die Schuld meines Cousins.“ Marcello sah sie vielsagend an.

Betont unschuldig blickte sie ihn an. „Klar.“ Wieder drehte sie sich zu dem Prinzen um, der hinter ihr im Raum hin und her lief. Sie konnte jedoch seine Miene nicht erkennen.

„Eins verstehe ich nicht“, sagte Marcello, während er in seiner schwarzen Arzttasche etwas suchte. „Weshalb sind Sie davongelaufen? Sie hätten doch stehen bleiben und ihm alles erklären können. Auf mich wirkt er überhaupt nicht furchterregend“, fügte er belustigt hinzu.

Der Einwand war berechtigt. Sollte sie verraten, was ihr in dem Moment durch den Kopf gegangen war?

„Wahrscheinlich kennen Sie die Legenden, die sich um den Palazzo ranken“, begann sie.

Der Prinz blieb stehen. „Welche denn?“, wollte er wissen.

Sie zögerte. Er würde sie sicher auslachen oder verspotten. „Na, das Übliche“, erwiderte sie ausweichend und wünschte, sie hätte gar nicht erst davon angefangen.

„Ich weiß, was sie meint“, kam Marcello ihr zu Hilfe. „Die Leute hier in der Umgebung stellen sich den Prinzen gern als modernen Casanova vor, der die Frauen verführt. Du musst zugeben, Max, solche Männer hat es in unserer Familie früher öfter gegeben.“

Der Prinz zuckte die Schultern und wandte sich ab, während Isabella sich auf die Lippe biss.

„Vampire“, flüsterte sie schließlich.

Die beiden schauten sie erstaunt an. „Wie bitte?“

Sie hob das Kinn. „Vampire“, wiederholte sie lauter. Ehe sie sie auslachen konnten, fuhr sie fort: „Es geht das Gerücht um, in Ihrer Familie hätte es welche gegeben. Ich weiß, es klingt verrückt, ich wollte es auch nur erwähnen.“

Der Prinz schüttelte nur den Kopf.

„Als Sie in dem Gewitter auf mich zustürmten, habe ich mich daran erinnert“, fügte sie an ihn gewandt hinzu. „Sie sahen aus, als wären Sie aus einer Gewitterwolke herab auf ein Pferd gestiegen. Ich dachte …“ Sie schüttelte den Kopf und überlegte, ob es nicht besser wäre zu schweigen.

„Was haben Sie gedacht?“ Interessiert beugte sich Marcello zu ihr hinüber.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und antwortete: „Ich habe den Prinzen für einen Vampir gehalten, aber nur für zwei oder drei Sekunden.“ So, jetzt hatte sie es ausgesprochen. Sie schaute ihn an und wünschte, sie wüsste, was in ihm vorging. Er stand jedoch mit undefinierbarer Miene da.

„Meinen Sie das ernst?“ Marcello machte aus seiner Verblüffung keinen Hehl. „Für einen Blutsauger?“

„Was hätte ich denn sonst denken sollen?“ Sie warf das Haar zurück und wandte sich direkt an den Prinzen. „Immerhin kamen Sie in Ihrem schwarzen Umhang aus dem Wald angaloppiert. Der Mond hatte sich hinter den Wolken versteckt, es war also die perfekte Kulisse für solche Schauermärchen, wie man sie in Filmen sieht.“

Der Prinz rührte sich immer noch nicht, während Marcello versuchte, sich das Lachen zu verbeißen.

„Isabella, ich glaube, Sie verwechseln da etwas“, meinte er dann betont nachsichtig. „Wir befinden uns hier in Italien. Vampire gibt es nur in Transsilvanien, oder?“

„Heißt das, Sie glauben, es könne hier keine geben?“

Er verdrehte die Augen. „Genau das. Was meinst du, Max?“

Der Prinz antwortete jedoch nicht.

Isabella schüttelte den Kopf. „Angeblich kann es sie überall geben.“

„Ich verstehe.“ Marcello musste lachen. „Wie viele haben Sie denn schon gesehen?“

Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Na ja, eigentlich … noch nicht viele.“

Er nickte verständnisvoll. „Sehr interessant.“

Langsam fing sie an, sich über ihn zu ärgern und auch über den Prinzen. Warum schwieg er so beharrlich?

„Demnach haben Sie mit Blutsaugern noch nicht viel Erfahrung“, stellte Marcello gespielt ernst fest.

„Ihr Cousin ist der erste, dem ich jemals begegnet bin.“

Jetzt bekam sie die Reaktion, die sie sich gewünscht hatte: Der Prinz baute sich drohend vor ihr auf und blickte sie zornig an.

„Signorina Casali“, erklärte er kühl, „man kann mir alles Mögliche nachsagen, aber ein Vampir bin ich nun wirklich nicht. Falls ich plötzlich Lust auf Menschenblut verspüren sollte, werden Sie es als Erste erfahren. Doch bis dahin sollten Sie nicht solchen Unsinn reden.“

Sie erwiderte seinen Blick, „Okay“, antwortete sie sanft. Sein Blick hatte eine erstaunliche Wirkung auf sie. Ihr Innenleben glich einer Achterbahn, und sie war zutiefst aufgewühlt.

„Marcello?“, sagte er dann streng, ehe er sich wieder in den Hintergrund zurückzog und das ruhelose Umherlaufen fortsetzte.

Sein Cousin wusste, was von ihm erwartet wurde, und untersuchte ihr Gesicht. „Die Schwellung geht zurück, wenn Sie einen Eisbeutel darauf legen, doch der Bluterguss bleibt Ihnen noch etwas länger erhalten, da kann man nichts machen“, meinte er dann.

Auch für die Hüftprellung empfahl er kühlende Umschläge. Die Schnittwunde unterhalb des rechten Knies war jedoch so tief, dass er beschloss, sie zu nähen.

Isabella erhob keine Einwände und ließ es über sich ergehen. Dabei kreisten ihre Gedanken um den Prinzen und dessen Leben im Palazzo. Sie war froh über die Chance, einen kleinen Einblick in diese ihr völlig fremde Welt zu bekommen.

Max beendete das ruhelose Umherlaufen und ließ sich in einen Sessel sinken. Er fühlte sich hin- und hergerissen. Einerseits wollte er Isabella so rasch wie möglich loswerden. Sie störte ihn und brachte sein Leben durcheinander. Doch zugleich konnte er den Blick nicht von ihr abwenden. Ihre Anwesenheit erinnerte ihn an alte Zeiten, als Laura noch lebte, an die gemeinsamen Reisen, die Partys auf der Terrasse. Sie hatten zur internationalen Prominenz gehört, viele berühmte und bekannte Leute kennengelernt, an Segelregatten, Galaabenden und -diners an exotischen Orten teilgenommen. Zwar waren ihnen nur eineinhalb gemeinsame Jahre vergönnt gewesen, eine herrliche Zeit voller Freude, Vergnügen und Luxus, von dem andere nur träumen konnten.

Vielleicht hatten sie zu maßlos und zu verschwenderisch gelebt und alles für selbstverständlich gehalten, und vielleicht waren sie zu glücklich gewesen. Manchmal schien das Schicksal zu viel Glück nicht zuzulassen.

In dem Moment lachte Isabella über irgendeine Bemerkung seines Cousins, und Max verbiss sich den Kommentar, der ihm auf der Zunge lag. Früher einmal hatte er auch so leicht und unbefangen plaudern können wie Marcello, doch das war Vergangenheit. Dennoch beobachtete er interessiert, wie locker die beiden jungen Leute miteinander umgingen. Es kam nur noch selten vor, dass sich Fremde zu ihnen in den Palazzo verirrten.

Wie aus dem Nichts war Isabella in sein Leben getreten, und bald würde sie wieder verschwinden. Sie war etwas Besonderes, und mit dem geschwollenen Gesicht mit dem blauen Auge hätte er fast glauben können, sie hätten etwas gemeinsam. Das war natürlich lächerlich, wie er genau wusste. Er war ganz allein in seiner privaten Hölle, und kein Außenstehender würde jemals verstehen, was das bedeutete. Am besten würde er die junge Frau so schnell wie möglich nach Hause schicken.

Isabella spürte, dass der Prinz sie beobachtete. Sein Interesse entfachte in ihr ein Feuer, das sich immer weiter auszubreiten schien und ihr Angst machte. Sie war eine schöne Frau und daran gewöhnt, dass sie die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zog. Viele hielten sie sogar für ausgesprochen sexy, was sie allerdings nicht nachvollziehen konnte. Meist hatte sie viel zu viel Arbeit und zu wenig Zeit für sich selbst, sodass sie ihre Verehrer eher störend oder lästig fand.

Sie hatte zuweilen eine scharfe Zunge und mit Dummköpfen keine Geduld. Es gab ihrer Meinung nach nur wenige Männer, die es wert waren, sich näher mit ihnen zu befassen.

Nachdem sie es abgelehnt hatte, mit ihrem Freund Gino ein Wochenende in Rom zu verbringen, hatte er ihr vorgeworfen, sie sei kalt und herzlos.

„Du bist zufrieden damit, das Restaurant zu führen, deinen Vater glücklich zu machen, keine Kinder zu haben und deine nichtsnutzigen Brüder und deinen alten, kranken Vater zu umsorgen“, hatte er ihr in seiner Enttäuschung vorgehalten.

Über Gino hinwegzukommen fiel ihr nicht schwer. Seine Worte wirkten jedoch nach und ließen sich nicht verdrängen. Hatte er vielleicht recht? War sie wirklich so sehr mit ihrer Familie beschäftigt, dass sie darüber völlig vergaß, sich wie eine begehrenswerte Frau zu fühlen? Gab es in ihrem Leben keinen Platz für einen Mann? Sie hatte darüber nachgedacht, ob etwas mit ihr nicht stimmte.

Die Ereignisse von heute Nacht bewiesen jedoch, dass mit ihr alles in Ordnung war. Es fiel ihr nicht schwer, zumindest freundschaftliche Gefühle für das andere Geschlecht zu entwickeln. Marcello hatte sie offenbar gern, und sie verstand sich gut mit ihm.

Und der Prinz? Immerhin hatte er sie geküsst, auch wenn es nur als freundliche Geste gemeint war, dennoch, ein Kuss war ein Kuss. Trotz ihres durch die Schwellung und den Bluterguss entstellten Gesichts hatte er sich zu ihr hingezogen gefühlt – und sie sich zu ihm. Es war schon viele Jahre her, dass sie auf die Berührung eines Mannes so heftig reagiert hatte. Aber er hatte ihr natürlich nichts versprochen. Sie konnte nicht damit rechnen, dass mehr daraus wurde.

Ich muss mich zusammennehmen und realistisch bleiben, mahnte sie sich. Er war schließlich ein Prinz. Zwischen ihnen lagen Welten. Dass ein Funke übersprang, wenn sie sich in die Augen sahen, musste nichts bedeuten. Vielleicht fand er sie für den Augenblick ganz unterhaltsam, obwohl auch das noch längst nicht bewiesen war. Jedenfalls konnte sie nicht erwarten, dass sich zwischen ihnen so etwas wie eine Beziehung entwickelte. Am besten würde sie ihn und den ganzen Vorfall so rasch wie möglich vergessen.

Nachdem Marcello die Wunde genäht hatte, packte er die Instrumente samt Zubehör wieder in seine Arzttasche und unterhielt sich noch kurz mit seinem Cousin.

„Wir müssen die Sicherheitsvorkehrungen verstärken“, erklärte der Prinz plötzlich, und Isabella schreckte aus den Gedanken auf. „Wir müssen verhindern, dass noch einmal jemand in die Nähe des Flusses gerät.“

Nachdenklich sah sie ihn an. Beim Erwähnen des Flusses schwang in seiner Stimme schon wieder ein seltsamer Unterton, den sie nicht einordnen konnte. Der Fluss schien jedenfalls in seinem Leben irgendeine negative Rolle zu spielen.

„Reicht es nicht, die Hunde frei herumlaufen zu lassen?“, fragte Marcello.

Der Prinz zuckte die Schultern. „Sie können nicht überall gleichzeitig sein. Und sie schlafen auch manchmal.“

„Willst du etwa Wachpersonal einstellen?“

„Nein.“ Er warf seinem Cousin einen warnenden Blick zu. „Du weißt doch, dass das nicht infrage kommt.“

Resigniert zuckte Marcello die Schultern. „Stimmt.“

„Ich werde Überwachungskameras und Alarmanlagen installieren lassen, dann kann niemand mehr durch irgendwelche Schlupflöcher in der Mauer kriechen. Das hätte ich schon längst machen sollen.“

Und das bedeutete für Isabella, dass sie nicht noch einmal wiederkommen konnte, um das Basilikum zu pflücken. Und nun?, überlegte sie und seufzte.

Nachdem Marcello sich verabschiedet und den Raum verlassen hatte, waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. Der Prinz behandelte sie höflich und distanziert und forderte sie kühl auf, sich näher an den Kamin zu setzen, damit ihr Haar trocknete. Dann rief er Renzo und schickte ihn hinaus in die Nacht – mit dem Auftrag, ihr Auto zu holen. Und schließlich fing er wieder an, am anderen Ende des Raumes ruhelos hin und her zu laufen.

„Ihr Cousin gefällt mir“, brach sie schließlich das immer unerträglicher werdende Schweigen und warf ihm einen kurzen Blick zu. „Ich weiß es zu schätzen, dass er sich um meine Verletzungen gekümmert hat. Sie behandeln Leute, die unbefugt auf Ihrem Land herumlaufen, ausgesprochen gut“, fügte sie scherzhaft hinzu.

Sekundenlang sah er sie durchdringend an, ehe er sich wieder abwandte. Ihr fiel auf, dass er die rechte Gesichtshälfte jetzt kaum noch zu verbergen versuchte. War es ihm egal, was sie dachte? Oder verlor er in ihrer Gegenwart seine Hemmungen?

„Ja“, antwortete er langsam. „Marcello ist nicht nur mein Cousin, sondern auch mein Freund. Früher sahen wir uns so ähnlich, dass man uns für Brüder gehalten hat.“

„Er ist sehr attraktiv“, stellte sie fest und errötete, als ihr bewusst wurde, wie er das auffassen musste.

Doch er blickte sie nur schweigend an und zog eine Augenbraue hoch. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass sie sein Gesicht viel interessanter und markanter fand als das seines Cousins, dass es einen starken Charakter und eine menschliche Tragödie verriet. Was er erlebt hatte, schien etwas mit Liebe, Leidenschaft und gebrochenem Herzen zu tun zu haben.

Der Gedanke gefiel ihr, denn er hatte etwas Faszinierendes. Aber sie konnte ihn natürlich nicht aussprechen, dann würde der Prinz glauben, sie wolle ihm schmeicheln, um irgendetwas zu erreichen.

„Ich finde Sie beide sehr attraktiv“, erklärte sie mutig.

Er wandte den Blick ab. „Mein Gesicht ist so, wie es ist. Es ist meine eigene Schuld, ich kann es nicht ändern und muss damit zurechtkommen.“

Sie biss sich auf die Lippe. Wusste er nicht, wie unglaublich gut er aussah? Oder war das nur ihre ganz persönliche Meinung? Darüber wollte sie jetzt lieber nicht nachdenken.

„Wissen Sie, was ich glaube?“, begann sie, nur um etwas zu sagen. „Sie sollten einmal zu uns ins Restaurant zum Essen kommen. Sie müssen ausgehen, sich unter Menschen …“

„Sie haben ja keine Ahnung, wovon Sie reden“, unterbrach er sie scharf. „Nicht die allergeringste Ahnung.“

Das wusste sie selbst. Doch deshalb brauchte er sie nicht so grob anzufahren, sie wollte ihm ja nur helfen.

Aus irgendeinem Grund, den sie selbst nicht verstand, war sie immer sogleich bereit, sich ihm unterzuordnen. Das hatte sie noch nie zuvor bei einem Menschen getan und brauchte auch jetzt nicht damit anzufangen. Hielt er sie etwa für ein kleines Dummchen? Entschlossen stand sie auf, stützte die Hände energisch in die Hüften und neigte den Kopf leicht zur Seite, während sie ihn ansah.

„Ich glaube, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Ich habe Sie nie wirklich für einen Vampir gehalten.“

Er nickte und warf ihr einen kühlen Blick zu. „Das ist mir klar.“

„Aber Sie verhalten sich wie einer“, konnte sie sich nicht verbeißen, betont ernst zu erklären. „Also, passen Sie auf, das Gewürzkraut, das ich unbedingt brauche und das nur an dem Hügel …“

„Meine Antwort lautet: nein“, fiel er ihr ins Wort. Es klang endgültig.

Sie war bestürzt über die strikte Ablehnung. „Aber …“

Mit einer Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. „Wenn Sie es für brutal halten, dass ich Ihnen den Zutritt zu dem Flusstal und dem gefährlichen Abhang verbiete, ist das Ihre Sache. Es tut mir leid, aber es lässt sich nicht ändern. Sie halten sich davon fern, und das ist mein letztes Wort.“

Sie betrachtete seine harte, unnachgiebige Miene, die breiten Schultern, seine stattliche Gestalt. Sein harter Blick raubte ihr fast den Atem, und sie bekam Herzklopfen. Sie fühlte sich zurückversetzt in die Rolle einer schüchternen oder ängstlichen Bittstellerin, und er war wieder der strenge Prinz, der ihr nur in die Augen zu schauen brauchte, und schon brachte sie kein Wort mehr heraus.

In dem Moment kam Renzo herein, und der seltsame Zauber löste sich auf.

„Das Auto der jungen Dame steht jetzt vor dem Eingang, Hoheit“, verkündete er.

Der Prinz drehte sich zu ihm um. „Vielen Dank, Renzo.“

Es war schon spät, die Standuhr in der Eingangshalle schlug die volle Stunde. Am liebsten hätte er Isabella selbst nach Hause gefahren, das erforderte eigentlich die Höflichkeit. Doch dagegen sprachen praktische Gründe. Außerdem wäre es unvernünftig. Nein, es war keine gute Idee. Deshalb nickte er ihr nur zu und zog sich zurück, um nicht wieder eine Dummheit zu begehen und sie zu küssen.

„Renzo begleitet Sie zu Ihrem Wagen“, erklärte er kurz angebunden. „Gute Nacht.“ Dann drehte er sich um, eilte aus dem Raum und ließ sie einfach stehen.

Isabella seufzte. Ihr war plötzlich kalt, sie fühlte sich sehr allein und verlassen. Kurz darauf brachte Renzo sie zu ihrem Auto, und sie fuhr frustriert nach Hause. Ihr Leben hatte sich in dieser Nacht für immer verändert, selbst wenn sie den Prinzen nie wiedersehen würde, dessen war sie sich sicher.

4. KAPITEL

„Nun, wie ist der Prinz?“, fragte Susa am nächsten Morgen, während sie die Zutaten für den Teig mischte.

Isabella errötete. Um ihre Verlegenheit zu verbergen, tat sie so, als suchte sie etwas im Kühlschrank.

„Welcher Prinz?“, erwiderte sie, um Zeit zu gewinnen.

„Der dir ein blaues Auge verpasst hat“, antwortete Susa lachend. „Ich hatte dich gewarnt.“

Isabella wirbelte herum und blickte die ältere Frau an. Warum fällt mir erst jetzt auf, wie rechthaberisch sie sein kann?, überlegte sie. „Niemand hat mich angegriffen! Ich bin gestürzt.“

„Ah ja.“ In Susas Augen blitzte es belustigt auf. „Dann hat er dich wohl gestoßen, oder?“

„Nein!“

Verzweifelt stöhnte sie auf und verzog sich in die Vorratskammer, um die Zutaten für die Tomatensauce zu holen, die die Gerichte der Familie Casali so bekannt und berühmt gemacht hatte. Sollte Susa doch reden, was sie wollte. Isabella würde ihr jedenfalls nicht erzählen, was wirklich vorgefallen war. Entschlossen presste sie die Lippen zusammen und fing mit der Zubereitung der Sauce an.

Da sie selbst nicht genau wusste, was eigentlich geschehen war, konnte sie auch mit niemandem darüber sprechen. Rückblickend kam es ihr vor wie ein Traum, und wenn sie sich zu erinnern versuchte, was sie gesagt oder getan hatte, erschien ihr alles sehr unwirklich. Am besten würde sie es einfach vergessen.

Außerdem stand sie momentan vor viel größeren Problemen. Sie hatte sie bisher verdrängt, weil sie geglaubt hatte, alles sei wieder in Ordnung, sobald sie über genug Basilikum verfügten. Aber ohne diese besondere Zutat befanden sie sich in Schwierigkeiten, und damit musste sie sich jetzt auseinandersetzen.

Ihr Vater Luca, der Gründer des Restaurants Rosa, war in Panik geraten, als sie ihm in groben Zügen berichtet hatte, was geschehen war. Er hatte sich sogleich Gedanken darüber gemacht, wie es ohne das Basilikum weitergehen sollte.

„Was soll der ganze Unsinn überhaupt?“, fragte er aufgebracht. Er war ein großer, elegant wirkender Mann, und Isabella hielt ihn für absolut integer. Obwohl er ihr viel abverlangte, liebte sie ihn sehr. „Der alte Prinz hat mir zu seinen Lebzeiten erlaubt, sein Land jederzeit zu betreten und mir zu holen, was ich brauche.“

Das war ihr neu. Oder half ihr Vater da etwas nach und schmückte die Sache aus?

„Der jetzige Besitzer will es nicht mehr.“

„Hast du etwa mit ihm geredet?“ Ihr Vater blickte sie erstaunt an.

„Ja, aber nur kurz.“

Er runzelte die Stirn. „Nein, Isabella, halte dich von diesen Leuten fern, sie sind kein Umgang für uns.“

„Aber papà, wenn ich versuche, die Erlaubnis zu bekommen …“

„Die brauchst du nicht.“

Sie seufzte. Ihr Vater wollte nicht begreifen, dass sich einiges geändert hatte.

„Ich gehe selbst“, erklärte er und versuchte, aus seinem Sessel aufzustehen.

„Nein, papà, das kommt nicht infrage“, entgegnete sie ärgerlich.

„Weißt du denn nicht, wie wichtig es für uns ist? Das Basilikum ist so etwas wie unser Markenzeichen. Dadurch unterscheiden sich unsere Gerichte von denen anderer Restaurants. Wir können mit Fug und Recht behaupten, das Monta-Rosa-Basilikum sei die allerwichtigste Zutat für unsere Küche. Wir brauchen es und können darauf nicht verzichten.“

Sie fühlte sich ganz elend. „Aber papà, wenn ich es nicht pflücken darf?“

Er schüttelte den Kopf, als würde er nicht verstehen, wo das Problem lag. „Ich habe nie Schwierigkeiten gehabt. Ich gehe gleich bei Sonnenaufgang los und zwänge mich wie immer durch das Loch in der Mauer. Dann laufe ich am Fluss entlang und schließlich den Hügel hinauf. Ich sehe das Basilikum vor mir mit den grünen Blättern, die sich in der leichten Brise bewegen und sich der Sonne entgegenstrecken, als wollten sie sie begrüßen.“ Er küsste die Fingerspitzen aus Begeisterung über das wunderbare Kraut, dem er seinen Ruf verdankte.

Plötzlich runzelte er die Stirn und blickte Isabella streng an. „Wenn es dir zu kompliziert ist, mache ich es wirklich selbst, auch wenn ich den Hügel hinaufkriechen muss. Ich habe noch nie versagt.“

Das ist es also, ich bin eine Versagerin, überlegte sie und seufzte insgeheim. „Haben dich die Hunde denn nie verfolgt?“, fragte sie.

„Die laufen doch nur nachts frei herum.“

„Nein, ab sofort auch tagsüber“, entgegnete sie wehmütig und ließ ihn allein. Sie durfte ihn nicht den Hügel hinaufklettern lassen, das würde ihn umbringen. Also musste sie selbst eine Lösung finden.

Alle wussten Bescheid, wie verzweifelt die Situation war. Ihr Vater hatte die Dinge zu lange schleifen lassen. Sie hatten Stammgäste verloren und steckten auch ohne das Basilikum in finanziellen Schwierigkeiten. Um das Maß voll zu machen, sollte ihr Vater irgendeine Genehmigung beantragen, um die er sich nie gekümmert hatte. Sein frührer Freund Fredo Cavelli, der jetzt im Planungsausschuss saß, drängte ihn immer wieder, endlich den Antrag auszufüllen. Dummerweise wusste sie nicht, was genau Fredo meinte. Ihr Vater war nicht bereit, mit ihr darüber zu reden, sondern beschuldigte den Freund, eifersüchtig zu sein und ihn hereinlegen zu wollen, statt die Angelegenheit so professionell zu lösen, wie es sich gehörte.

Isabella hatte das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Ohne das Basilikum, das ihren Saucen den besonderen Geschmack verlieh, gab es für die Leute kaum noch einen Grund, in dem Restaurant Rosa einzukehren. Sie musste die Probleme unbedingt in den Griff bekommen und die Schwierigkeiten überwinden. Die einzige Lösung war, sie versuchte noch einmal, an das Basilikum zu kommen.

Bei dem Gedanken lief ihr ein Schauder über den Rücken. Nein, sie konnte es nicht wagen. Der Prinz hatte sie ausdrücklich aufgefordert, sein Land nicht mehr zu betreten, und zum ersten Mal in ihrem Leben war sie bereit, einen Befehl zu beherzigen.

Er war so anders als sie und lebte in einer ihr fremden Welt. Dennoch brachte er sie so sehr aus dem seelischen Gleichgewicht wie kein anderer Mann zuvor. Von Natur aus war sie mutig und beherzt. Sie ließ sich vom anderen Geschlecht nichts gefallen, sie konnte sich wehren und austeilen. Ein attraktives Gesicht beeindruckte sie nicht, und charmante Männer machten sie misstrauisch. Und Machos konnte sie nicht ausstehen.

Sie war in jeder Hinsicht schwierig, wie sie sich eingestand, und dafür waren ihre Lebensumstände verantwortlich. Auf alle, die sie nur flüchtig kannten, wirkte sie glücklich und sorglos, doch sie hatte auch mit tief sitzenden Ängsten und Unsicherheit zu kämpfen.

Ihre Mutter war gestorben, als Isabella sechs Jahre alt gewesen war. Seitdem war sie das einzige weibliche Wesen in der Familie. Ihr Vater und ihre beiden Brüder hatten sich immer an sie gewandt. Schon als kleines Mädchen hatte sie angefangen, sich zu Hause, im Kindergarten und sogar im Restaurant um vieles zu kümmern. Sie war immer so sehr damit beschäftigt, ihren jüngeren Brüdern alles recht zu machen, dass sie kaum Zeit gehabt hatte, selbst Kind zu sein.

Aber ihre Unsicherheit und eine gewisse Schwermut hatten noch einen anderen Grund. Es gab in der Geschichte ihrer Familie einige dunkle Punkte. Undeutlich erinnerte sie sich an Szenen aus der Kindheit, an Heimlichtuerei und Lügen, an den Tod ihrer Mutter, an ihren kleinen Bruder Valentino, der übertrieben draufgängerisch war, ihren Bruder Cristiano, der glaubte, er müsse von Klippen springen, um Leben zu retten – das alles waren keine guten Voraussetzungen für ein ruhiges, friedliches Leben.

Immer wieder wurde Isabella von ein und demselben Albtraum geplagt: Das Haus, in dem sich das Restaurant der Familie befand, fing erst auf der einen, dann auf der anderen Seite an abzusinken. Wenn sie nach draußen ging, stellte sie fest, dass es auf einer Düne gebaut war und der Sand einfach wegrieselte. Verzweifelt bemühte sie sich, ihn mit den Händen aufzuhalten, was ihr nie gelang. Das Gebäude verschwand schließlich im Sand, und sie musste hilflos mit ansehen, wie ihr Vater und ihre Brüder verzweifelt versuchten, sich noch in Sicherheit zu bringen. Jedes Mal wurde sie genau in dem Moment wach.

„Du hast offenbar ein Helfersyndrom“, meinte Susa, als sie sich ihr anvertraute. „Das solltest du überwinden. Du kannst nicht allen Menschen helfen. Wir selbst sind oft unsere schlimmsten Feinde.“

Das brachte Isabella nicht weiter. Sie fand die Bemerkungen der älteren Frau sogar ziemlich unpassend. Danach hatte sie nie wieder jemandem ihre Träume erzählt.

Jetzt fielen sie ihr wieder ein. Doch die Erinnerungen an die Nacht im Palazzo verunsicherten sie noch mehr. Hatte der Prinz sie wirklich auf die Stirn geküsst, oder wünschte sie es sich so sehr, dass sie es sich nur einbildete? Hatte sie wirklich gesagt, dass sie ihn sekundenlang für einen Vampir gehalten hatte? Und hatte sie die Finger über seine Narben gleiten lassen, als hätte sie das Recht, ihn zu berühren? Sie konnte es kaum glauben.

Sie war damals nicht sie selbst gewesen und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, wenn sie ihm wieder begegnete. Und das war mit ein Grund, warum sie zögerte, noch einmal sein Land zu betreten.

Einstweilen musste sie sich damit auseinandersetzen, dass sie immer mehr Stammgäste verloren und ihre finanzielle Situation sich ständig verschlechterte. Auch drohte Fredo Cavelli damit, er würde das Restaurant schließen lassen, wenn ihr Vater nicht spurte.

„Er bildet sich ein, er könne mich herumkommandieren. Dabei hat er den Bürgermeister bestochen, um überhaupt Mitglied im Planungsausschuss zu werden“, spottete ihr Vater, als sie ihn darauf ansprach. „Ich habe mich korrekt verhalten. Er kann mich nicht vertreiben. Er ist nur eifersüchtig, weil er sein Eiscafé schon nach wenigen Monaten wieder schließen musste. Jedenfalls mache ich diesen Unsinn nicht mit.“

Wie dringend die Sache wirklich war, konnte sie nicht beurteilen. Sie beschloss jedoch, sich vorerst nicht darum zu kümmern, da sie genug andere Probleme hatte.

Immer wieder blickte sie zu den Hügeln hinüber und suchte den nebelverhangenen Turm des Palazzos. Dabei überlegte sie, was der Prinz wohl machte. Dachte er überhaupt noch an sie? Oder hatte er sie einfach aus seinem Gedächtnis gestrichen und war froh darüber, dass er sie los war?

In der Abenddämmerung ritt Max am Fluss entlang. Es hatte etwas Magisches, wenn das Land in dem sanften Licht kurz nach Sonnenuntergang wie verzaubert vor ihm lag. Seine Schwester war wieder abgereist, und sein Cousin wollte nach Mailand fahren, sodass sein Leben wieder in normalen Bahnen verlief, langweilig und eintönig. Dennoch war er erleichtert.

Er kam jeden Tag hierher, das war er Laura schuldig.

„Es tut mir so leid“, hatte er in den ersten Jahren nach ihrem Tod im Freien gequält ausgerufen. „Es tut mir unendlich leid.“

Laura hatte ihn gehört, dessen war er sich sicher. Später hatte er oft stundenlang mit ihr geredet, und wenn er die leichte Brise verspürte oder ein Blatt über seinen Kopf hinweggeweht wurde, verstand er es als ihre Antwort. Er glaubte immer noch, am Fluss, wo das Wasser über die Felsen sprudelte, ihr Lachen zu hören. Sie war irgendwo in seiner Nähe, das hatte er deutlich gespürt.

Im Lauf der Jahre sprach er seltener mit ihr, kam jedoch immer noch regelmäßig hierher. Sie schien ihm nicht mehr zuzuhören, vielleicht hatte sie das Interesse verloren oder ihn vergessen. Oder seine Gefühle für sie waren nicht mehr stark genug, sodass er nicht mehr zu ihr durchzudringen vermochte. Ihre Gespräche waren verstummt, und er wusste nicht, warum.

An diesem Abend hatte er ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen. Den ganzen Tag hatte er an Isabella Casali denken müssen und wollte sich jetzt wieder ganz seiner Frau zuwenden.

„Laura, ich vermisse dich unendlich“, sagte er laut und betonte jedes einzelne Wort.

Dann lauschte er und versuchte, die Atmosphäre um sich her zu erspüren.

Vergebens. Laura war nicht da. Schließlich ritt er tieftraurig nach Hause zurück.

Isabella bemühte sich unterdessen, sich darüber klar zu werden, wie sie das Problem mit dem Basilikum lösen sollte. Ihre Vorräte gingen zur Neige, und sie musste sich bald etwas einfallen lassen. Nur was?

Ihre stundenlange Recherche im Internet nach einem Hinweis, ob es noch andere Gegenden gab, wo es wuchs, verlief ergebnislos. Schließlich entschloss sie sich, es mit einem ähnlichen Basilikum zu versuchen, und servierte die Gerichte einigen ausgewählten Gästen.

„Das Frutti di Mare ist nicht so gut wie sonst“, beschwerte sich prompt ein alter Freund der Familie. „Habt Ihr das Rezept geändert?“

„Was habt Ihr gemacht? Es schmeckt anders“, beklagte sich ein weiterer Gast verdrießlich.

Wenig später hörte sie zufällig, dass sich zwei Stammgäste zuflüsterten: „Es war einmal das beste Restaurant weit und breit, aber die Qualität des Essens ist nicht mehr dieselbe.“

Isabella war klar, dass sie handeln musste. Ob es ihr gefiel oder nicht, sie musste das Basilikum irgendwie beschaffen.

Am nächsten Tag bekam sie überraschend Besuch. Im goldenen Schein der Nachmittagssonne hielt sie den Mann im ersten Moment für den Prinzen und bekam Herzklopfen. Ihr wurde ganz schwindlig, und sie befürchtete, vor lauter Freude ohnmächtig zu werden. Doch dann merkte sie, dass es nicht der Prinz, sondern sein Cousin Marcello war, und ihr Herzschlag normalisierte sich langsam wieder.

„Herzlich willkommen“, begrüßte sie ihn lächelnd. „Es freut mich, Sie als Gast begrüßen zu dürfen. Setzen Sie sich, ich bringe Ihnen eine Flasche Wein.“ Sie dirigierte ihn zum besten Tisch mit Blick auf den Marktplatz und die Hügel im Hintergrund, ehe sie ihm die Speisekarte reichte. „Suchen Sie sich etwas aus. Es ist uns eine Ehre, Sie …“

„Langsam, langsam.“ Er hob lachend die Hände. „Ich bin auf dem Weg nach Mailand und wollte nur hereinschauen, um zu fragen, wie es meiner Patientin geht.“

„Ihrer Patientin?“, wiederholte sie verblüfft. Doch dann begriff sie, wen er meinte. „Ach so, mir geht es gut. Wie Sie sehen, habe ich immer noch den Bluterguss, aber man hat mir versichert, es würde jeden Tag besser. Es ist also kein Problem.“

„Und die Wunde, die ich genäht habe?“

„Oh.“

„Ich würde mich gern vergewissern, dass sie gut verheilt.“

Sie sah sich im Restaurant um. Die Hälfte der Tische war mit Gästen besetzt, die sie schon jahrelang kannte. Und alle beobachteten sie und Marcello mit wachsendem Interesse.

„Zu viel Publikum?“, fragte er, als hätte er ihre Gedanken erraten.

Sie warf den Kopf zurück und erwiderte betont munter: „Lassen wir sie doch reden. Dann haben sie wenigstens ein neues Gesprächsthema. Kommen Sie mit.“

Lachend folgte er ihr in den Abstellraum, wo er sich die Verletzung rasch anschaute und mit dem Heilungsprozess zufrieden war. Dann unterhielten sie sich noch eine Zeit lang in der Küche. Isabella gestand sich ein, dass es ihr Spaß machte. Er war ein attraktiver Mann, wenngleich ihm die charismatische Ausstrahlung des Prinzen und dessen inneres Feuer fehlten. Kein Zweifel, sie fühlte sich zu ihm hingezogen wie zu keinem anderen Mann zuvor.

„Ich würde Sie gern etwas fragen“, begann sie zögernd. Sie wusste, dass es ein heikles Thema war.

„Nur los“, forderte er sie unbekümmert auf, während er das Glas mit dem goldfarbenen Wein, den sie ihm eingeschenkt hatte, in den Fingern drehte.

„Es geht um die Narben Ihres Cousins. Man erzählt sich, er sei bei einem Autounfall schwer verletzt worden. Stimmt das?“

Marcello nickte.

„Warum weiß denn hier niemand etwas Genaues?“

Er zuckte die Schultern. „Die Di Rossis hängen ihre Privatangelegenheiten nicht an die große Glocke. Außerdem gab es bestimmte Dinge im Zusammenhang mit dem Unglück, die niemand erfahren sollte.“

Sie hielt den Atem an. „Was war das?“

„Es tut mir leid, Isabella“, antwortete er lächelnd, „darüber möchte ich nicht reden.“

Enttäuscht lehnte sie sich zurück. Aber es gab Wichtigeres für sie.

„Können Sie mir vielleicht einen Tipp geben, wie ich Ihren Cousin überreden kann, mir zu erlauben, das Basilikum auf seinem Land zu pflücken? Wenn ich wenigstens mit ihm reden könnte, würde ich ihm erklären, wie wichtig es für mich ist.“

Er trank den letzten Schluck Wein. „Gehen Sie doch einfach zu ihm, wagen Sie sich in die Höhle des Löwen“, schlug er vor.

Skeptisch sah sie ihn an. „Das ist keine gute Idee. Außerdem weiß ich nicht, wie ich in seine Nähe gelangen könnte.“

„Es liegt bei Ihnen.“ Er zuckte wieder die Schultern.

Sie seufzte und warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. „Wenn ich seine Handynummer hätte, wäre mir schon sehr geholfen.“

„Ah ja.“ Er verbiss sich ein Lächeln, doch in seinen Augen blitzte es belustigt auf.

Sie beugte sich zu ihm hinüber und bemühte sich, eine eindringliche Miene aufzusetzen. „Sie haben sie doch, oder?“

Er nickte und blickte sie unverhohlen mitleidig an. „Ja, aber ich darf sie nicht weitergeben, wie Sie sich sicher schon gedacht haben.“

„Schade.“ Ihr sank der Mut.

„Ich darf sie wirklich nicht herausrücken“, bekräftigte er.

„Das habe ich natürlich befürchtet“, gab sie hoffnungslos und mit trostloser Miene zu.

„Es tut mir leid, es wäre ein Vertrauensbruch, wenn ich sie Ihnen nennen würde.“

Isabella lehnte sich an die Küchentheke und stützte das Kinn in die Hand. „Ich verstehe“, erwiderte sie traurig.

Er nahm einen Kugelschreiber aus dem Bleistiftständer. „Man kann sich die Nummer leicht merken“, erklärte er, während er einen Zettel von einem Block abriss. „Ich glaube, ich bekomme sie zusammen.“ Dann fing er an, auf dem Blatt herumzukritzeln. „Aber ich würde sie Ihnen niemals verraten.“

Mit großen Augen schaute sie ihm zu. Das tut er doch gerade, oder etwa nicht?, überlegte sie. „Das ist mir klar“, antwortete sie leise und schöpfte neue Hoffnung.

Sie unterhielten sich noch eine Weile, wobei sie darauf bedacht war, das Stück Papier nicht zu beachten. Als er sich umdrehte, um zu gehen, knüllte er es zusammen und warf es betont auffällig in den Abfalleimer.

„Passen Sie auf sich auf, Isabella“, verabschiedete er sich und zwinkerte ihr zu, ehe er zur Tür ging.

Als er verschwunden war, holte sie den Zettel aus dem Müll, glättete ihn und konnte die Nummer trotz des Gekritzels deutlich erkennen. Allein bei dem Gedanken, mit dem Prinzen zu reden, fing ihr Puls an zu rasen. Sie konnte den ersten Schritt tun, und das hatte sie Marcello zu verdanken.

Max schreckte auf, als sein Handy läutete, und wusste im ersten Moment nicht, was los war. Nur sehr wenige Leute kannten die Nummer, und selbst die riefen ihn normalerweise auf dem Festnetztelefon an oder schickten ihm eine E-Mail. Ärgerlich über die Störung an diesem sonnigen Nachmittag, durchwühlte er auf der Suche nach dem Apparat den Stapel Bücher und Zeitungen.

Schließlich fand er ihn und runzelte die Stirn. Die Nummer auf dem Display kannte er nicht. Wahrscheinlich hatte sich jemand verwählt. Er legte das Handy wieder weg und ließ es läuten. Als es nicht aufhörte, nahm er es wieder in die Hand, um es abzustellen. Plötzlich zögerte er und meldete sich.

Er hörte jemanden atmen, und dann fragte eine weibliche Stimme zaghaft: „Spreche ich mit Max?“

Isabella musste all ihren Mut zusammennehmen, ihn einfach mit dem Vornamen anzureden.

„Ja. Mit wem habe ich es zu tun?“ Er wusste jedoch, wer es war.

„Isabella Casali. Wir … haben uns kennengelernt, als ich …“

Er senkte den Kopf und schloss die Augen. Das brauchte er jetzt wirklich nicht. Sein Leben war zwar etwas langweilig, verlief aber friedlich und ohne große Höhen und Tiefen, abgesehen von den Höllenqualen, die ihm nachts sein schlechtes Gewissen bescherte. Doch auf einmal sorgte diese junge Frau für Unruhe in seinem Tagesablauf. Allein beim Klang ihrer Stimme fühlte er sich wie verzaubert.

„Ich erinnere mich“, antwortete er schroff. „Woher haben Sie meine Nummer?“

„Es war nicht leicht, sie zu bekommen“, erwiderte sie ausweichend. „Ich möchte Sie nicht stören, aber ich muss unbedingt mit Ihnen reden.“

„Es geht um Ihr verdammtes Gewürzkraut, nicht wahr?“, fuhr er sie an.

Sekundenlang war sie sprachlos vor Verblüffung, hatte sich jedoch rasch wieder unter Kontrolle. „Ja, das ist richtig. Es ist für mich so wichtig, dass …“ Sie verstummte, als er leise fluchte.

Er war wütend auf sich und sie. Seit sie sich in jener Nacht einfach in sein Leben gedrängt hatte, war er nicht mehr derselbe. Er versuchte sich einzureden, jede andere einigermaßen attraktive junge Frau hätte ihn genauso aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht wie Isabella, denn trotz allen Kummers und Schmerzes vermisste er eine Gefährtin in seinem Leben. Er vermisste das lange, glänzende Haar, das über weibliche Schultern fiel, verführerische rote Lippen und eine sanfte Stimme, die ihn wie Sonnenstrahlen zu streicheln schien. Die Gegenwart einer Frau machte den Alltag farbiger und dramatischer. Und genau das fehlte ihm.

Doch dieses Kapitel seines Lebens war abgeschlossen. Dass er Isabella auf seinem Anwesen entdeckt hatte, machte ihm nur noch einmal schmerzlich bewusst, was er verloren hatte. Es war Zeit, sie zu vergessen.

In den letzten Tagen war es ihm ganz gut gelungen, jeden Gedanken an sie zu verdrängen, indem er sich mit allen möglichen Routinearbeiten und Fitnessübungen ablenkte, bis er abends erschöpft ins Bett sank und sogleich einschlief. Er hatte alles getan, um zu verhindern, dass seine Gedanken in eine Richtung wanderten, die ihm nicht passte.

Und jetzt ertönte ihre verführerische Stimme am anderen Ende der Leitung und weckte eine unliebsame Sehnsucht in ihm.

„Noch einmal: Woher haben Sie die Nummer?“

„Ich habe sie im Abfalleimer gefunden.“

Er schüttelte den Kopf. Glaubte sie wirklich, er würde ihr das abnehmen?

„Isabella, bitte. Versuchen Sie nicht, mir Sand in die Augen zu streuen mit so lächerlichen Sprüchen“, warnte er sie ärgerlich. „Es geht hier um ein grundlegendes Problem, auf das ich keine ausweichende Antwort erwarte. Ich will wissen, woher Sie sie haben, damit ich dafür sorgen kann, dass sie nicht noch einmal weitergegeben wird.“

„Es ist die Wahrheit, ich habe sie auf einem Zettel im Abfalleimer gefunden“, bekräftigte sie.

Also gut, sie will es mir nicht verraten, dachte er und fühlte sich in seiner Überzeugung bestätigt. Wenn sie diese einfache Frage nicht wahrheitsgemäß beantwortete, konnte er den Kontakt mit ihr abbrechen. Dann würde wieder Ruhe in sein Leben einkehren.

„Wie Sie sie herausgefunden haben, ist mir letztlich egal“, erklärte er gereizt. „Ich lasse sie sofort ändern.“

Isabella war bestürzt. „Warum hassen Sie mich eigentlich?“

„Das tue ich nicht.“ Er schloss die Augen und fügte leise hinzu: „Das ist ja gerade das Schreckliche.“

„Wie bitte?“

Er biss die Zähne zusammen und fluchte leise vor sich hin. Er verstand sich selbst nicht mehr, aber sie trieb ihn noch in den Wahnsinn. Offenbar konnte er mit Frauen nicht mehr so ungezwungen umgehen wie früher.

Natürlich hatte er sich nach Lauras Tod und dem Unfall verändert. Er hatte sogar ein ganzes Jahr lang mit niemandem geredet, auch nicht mit seinen Angehörigen. Lange hatte er sich gewünscht zu sterben. Doch irgendwann hatte er begriffen, dass er ohne seine Frau und mit seinem entstellten Gesicht weiterleben musste, egal, wie schwer es ihm fiel.

Zögernd hatte er sich wieder seiner Familie und den engsten Freunden geöffnet. Alle anderen hatte er deutlich spüren lassen, dass er mit ihnen nichts mehr zu tun haben wollte. Fremde ließ er erst recht nicht mehr an sich heran.

Eines Tages hatte er eingesehen, dass es noch viel für ihn zu tun gab, auch wenn er den persönlichen Kontakt mit den Menschen scheute. Dank der modernen Kommunikationstechnik nahm er aktiv am Geschäftsleben teil. Über das Internet konnte er Transaktionen abwickeln, ohne den involvierten Leuten jemals persönlich zu begegnen.

„Du bist ein Feigling“, hatte ihm seine Schwester während ihrer zahlreichen Diskussionen einmal vorgeworfen.

Wahrscheinlich hatte sie recht. Er wollte anderen seinen Anblick nicht zumuten. Außerdem fand er die Reaktion Fremder auf seine Narben, ihre mitleidigen oder entsetzten Blicke, ziemlich unerträglich. Das musste er sich nicht antun. Man wollte ihn so sehen, wie er früher gewesen war, aber nicht mit diesem entstellten Gesicht.

Seine Mutter war das beste Beispiel dafür, wie unberechenbar und grausam die Öffentlichkeit reagierte. Sie war ein berühmter Filmstar gewesen, und das Publikum hatte sie verehrt. Doch sie war relativ früh gealtert, und die Medienleute und Kritiker fingen an, sich negativ über ihr Aussehen zu äußern. Man hätte fast glauben können, sie nähmen es ihr übel, dass sie nicht mehr die Schönheit von einst war. Sie hatte das alles nicht mehr ertragen und sich das Leben genommen, als er zehn gewesen war.

Er kannte sich aus mit der öffentlichen Meinung und legte keinen Wert darauf, von anderen akzeptiert zu werden. Mit Isabella Casali war das eine andere Sache. Er konnte die Gedanken an sie einfach nicht verdrängen.

„Ich hasse es, zu telefonieren“, behauptete er schließlich. „Es ist nicht persönlich gemeint“, fügte er hinzu, denn er wollte sie nicht verletzen, das hatte sie nicht verdient.

„Oh.“

Es klang so niedergeschlagen, dass er insgeheim zusammenzuckte. Doch er hatte keine Wahl, er durfte nicht schwach werden.

„Ich will Sie nicht lange aufhalten“, versprach sie. „Nur eins möchte ich noch mit Ihnen besprechen …“

Er wusste, was sie meinte. „Meine Antwort lautet: nein“, unterbrach er sie ruhig.

„Sie wissen doch gar nicht …“

„Ich soll Ihnen erlauben, das Flusstal auf der Suche nach Ihrem speziellen Küchenkraut zu durchstreifen. Und das kommt nicht infrage. Das ist mein letztes Wort.“

Er sah sie geradezu vor sich, wie sie ihn mit ihren großen blauen Augen leicht verzweifelt ansah, und es tat ihm in der Seele weh. Dennoch durfte er nicht nachgeben.

„Bitte, hören Sie mir wenigstens zu.“

„Nein, ich kann es nicht gestatten, es ist zu gefährlich.“

„Was ist denn?“, fragte sie.

„Haben Sie vergessen, dass Sie in den Fluss gestürzt sind?“

„Nein. Aber es war ja auch mitten in der Nacht, und Sie haben mich erschreckt.“

Er nickte. „Ja, so etwas ist immer ein … dummer Zufall.“ Eigentlich sollte er das Gespräch jetzt beenden, was allerdings zu hart und herzlos wäre.

„Warum sind Sie so sicher, dass mir dabei etwas zustößt?“, erkundigte sie sich skeptisch, als spürte sie, dass sein Argument nicht ganz stichhaltig war. „Ist vielleicht schon einmal jemand dort … zu Schaden gekommen?“

Es schnürte ihm die Kehle zu. Darüber konnte und wollte er nicht reden. Es tat immer noch zu weh. Sekundenlang schloss er die Augen und atmete tief durch.

Manchmal glaubte er sogar, das Gewässer sei von bösen Geistern bevölkert, die nur darauf warteten, die Frauen, die er gernhatte, ins Wasser zu ziehen und ertrinken zu lassen. Sein Verstand sagte ihm jedoch, dass allein seine Schuldgefühle ihm so etwas vorgaukelten.

„Isabella, ich verbiete Ihnen, zu dem Hügel am Fluss zu gehen.“

„Aber …“

„Sie müssen es mir versprechen“, forderte er sie streng auf. Er wollte sich darauf verlassen können, dass sie nicht noch einmal auf eigene Faust das Gelände durchstreifte.

„Okay“, gab sie leise und widerstrebend nach. „Ich bleibe vorerst weg, bis ich Sie irgendwie überzeugt habe …“

„Das werden Sie nie“, unterbrach er sie. „Ich lasse mir eine neue Handynummer geben, vergessen Sie das nicht.“

„Max, ich …“

Als er hörte, wie sanft sie seinen Namen aussprach, gab es ihm einen Stich ins Herz. Wenn sie so weitermachte, würde sie ihn noch dazu bringen nachzugeben.

„Auf Wiedersehen, Isabella“, verabschiedete er sich deshalb rasch.

Sie seufzte. „Auf Wiedersehen“, erwiderte sie so traurig, dass er sich zwingen musste, das Gespräch zu beenden.

Am besten würde er den Kontakt mit ihr abbrechen. Er konnte es sich nicht erlauben, sich auf irgendeine Beziehung mit ihr einzulassen, und sei es nur eine telefonische. Er wollte in jeder Hinsicht unabhängig bleiben und sich in seine Arbeit vertiefen.

Doch dann versuchte er vergebens, sich auf seine Internetrecherchen zu konzentrieren. Schließlich stand er auf, holte sich ein Handtuch und ging in den Fitnessraum im Erdgeschoss des Palazzos. Offenbar fiel es ihm schwerer, als er geglaubt hatte, Isabella Casali endgültig aus seinen Gedanken zu verdrängen.

5. KAPITEL

Nach dem Gespräch mit dem Prinzen hätte Isabella am liebsten geweint vor Enttäuschung.

„Dabei habe ich gehofft, ich hätte wenigstens Verhandlungsgeschick, wenn ich schon zu blöd bin, heimlich Kräuter auf fremdem Grund und Boden zu sammeln“, sagte sie leise vor sich hin.

Und nun? Natürlich würde sie nicht aufgeben, das konnte sie sich gar nicht erlauben, wie das halb leere Restaurant bewies. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Ihr Versprechen dem Prinzen gegenüber würde sie allerdings halten, das war ihr wichtig.

Es ließ sich bestimmt eine Möglichkeit finden, in den Palazzo zu gelangen. Im Ort gab es sicher den einen oder anderen, der Waren dorthin brachte, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass Max alles aus Rom kommen ließ. Also fing sie an, sich vorsichtig umzuhören.

Schließlich hatte sie Erfolg. Zu ihrer Überraschung erfuhr sie, dass derselbe Lieferant, der ihr jeden Morgen die Meeresfrüchte für das Restaurant brachte, auch ein- oder zweimal in der Woche den Palazzo ansteuerte.

„Immer nur dienstags und freitags“, erzählte er ihr leutselig. „Mittwochs geht gar nichts, da hat das Personal offenbar frei.“

„Meinst du?“

„Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Einmal wollte ich an solch einem Tag etwas vorbeibringen, aber da wurde mir noch nicht einmal das Tor in der Mauer geöffnet. Dadurch ist mir leider ein Kilo Seebarsch verdorben.“

„Begegnest du auch manchmal dem Prinzen?“, fragte sie.

„Nein.“ Er zuckte die Schultern. „Den habe ich noch nie gesehen. Da ist immer nur ein älterer Mann. Der Palazzo kommt mir vor wie ein Mausoleum. Man könnte fast glauben, es wimmele dort von den Seelen verstorbener Vorfahren. Aber die würden ja keinen Fisch essen.“ Er lachte in sich hinein.

Sie hatte genug gehört und wusste auch schon, wie sie vorgehen wollte.

Am folgenden Mittwoch schlüpfte sie wieder durch das Loch in der Mauer, die den Besitz der Di Rossis umgab, und blieb nach wenigen Metern in der warmen Mittagssonne stehen, um zu lauschen. Es war windstill, und in der Ferne hörte sie das Rauschen des Wassers. Nachdem sich ihr Herzschlag wieder etwas beruhigt und sie lange genug verharrt hatte, war sie sich sicher, dass die Hunde nicht frei herumliefen.

Sie biss sich auf die Lippe. Die Versuchung, den Hügel hinaufzuklettern und rasch so viel Basilikum wie möglich zu pflücken, war groß, doch das war keine Lösung. Außerdem wäre es ziemlich würdelos. Egal, wie sehr der Prinz sie einschüchterte, sie musste mit ihm reden. Vielleicht konnte sie ihn dazu bringen, dass er ihr erlaubte, sein Land zu betreten. Sie atmete tief durch und machte sich auf den Weg zum Palazzo oben auf dem Hügel.

Es ging ziemlich steil bergauf, und sie hatte schwer zu tragen an allem, was sie mitgebracht hatte: den speziellen Stieltopf, das Olivenöl, das sie am liebsten benutzte, die Tomaten und das restliche Basilikum in einer Frischhaltedose. Sie wollte alles auf eine Karte setzen und für den Prinzen kochen. Mehr konnte sie nicht tun, um ihn umzustimmen.

Obwohl sie ein mulmiges Gefühl bei der Sache hatte, gelangte sie unbemerkt bis auf den riesigen Vorhof, wo sie im Schatten der Bäume eine Pause machte und nachdenklich die Fenster des großen Gebäudes betrachtete. Wo mochten wohl die Räume des Prinzen sein? Sie würde jedenfalls versuchen, durch die Hintertür in die Küche zu gelangen.

Und dann hatte sie Glück. Der Zugang war nicht verschlossen, sodass sie die Küche betreten konnte. Sie war wunderbar ordentlich und aufgeräumt, und es war völlig still um sie her. Der Prinz ist auch nicht völlig gefühllos, vielleicht siegt am Ende seine Menschlichkeit, überlegte sie hoffnungsvoll und machte sich an die Arbeit.

Max stand, die Augen geschlossen, unter der Dusche. Nachdem er sich im Fitnessraum völlig verausgabt hatte, versetzte es ihn fast in Ekstase, das Wasser über seinen nackten Körper rinnen zu lassen.

Es war purer Luxus und Verschwendung, dennoch fühlte es sich viel zu gut an und war wunderbar entspannend. Heute befand er sich in der richtigen Stimmung, sich selbst zu verwöhnen, denn es war sein Geburtstag, an den sich offenbar sonst niemand erinnerte. Das war ihm recht, denn er verabscheute es, wenn die Leute einen Wirbel darum machten. Die ganze Feierei ging ihm auf die Nerven. Es kam ihm vor wie viel Lärm um nichts.

Erinnerungen kehrten zurück an die Zeit mit Laura. An seinem Geburtstag war sie früh aufgestanden und hatte kleine Geschenke überall im Palazzo versteckt. Er hatte den ganzen Tag dazu gebraucht, alle zu finden. Wie wunderschön hatte ihr silberhelles Lachen geklungen, wenn er an den falschen Orten suchte. Manchmal glaubte er immer noch, ihre klare, melodische Stimme zu hören.

Rasch verdrängte er die schmerzlichen Gedanken. Würde er jemals an Laura denken können, ohne von den schrecklichen Schuldgefühlen gequält zu werden?

Schließlich stellte er das Wasser ab und war statt von der Wärme auf einmal von einer angenehmen Kühle umgeben. Er hörte die Vögel singen, spürte die leichte Brise und genoss die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster hereinfielen, das er geöffnet hatte. Offenbar waren seine Sinne heute besonders geschärft, denn er nahm Dinge wahr, die ihm normalerweise nicht auffielen. Während er sich mit einem weichen Badetuch abtrocknete, warf er keinen einzigen Blick in den Spiegel, sondern schaute hinaus und freute sich über den schönen Tag.

„Es gibt kein schöneres Land als Italien“, sagte er leise vor sich hin. „Und keinen besseren Ort als Monta Correnti.“

Auf einmal runzelte er die Stirn und steckte die Nase zum Fenster hinaus. Kein Zweifel, es duftete nach Essen, was eigentlich unmöglich war, denn heute war außer ihm niemand im Palazzo. Sogar Renzo hatte frei. Er war zu seiner Tochter gefahren.

Oder spielte ihm seine Fantasie einen Streich? Nein, es duftete nach Knoblauch, Tomaten, Olivenöl und noch etwas anderem, was er nicht kannte.

Was für ein verführerischer Duft! Ein Lächeln erhellte sein Gesicht. Irgendjemand hatte sich doch noch an seinen Geburtstag erinnert und wollte ihn überraschen. Das konnte nur Renzo sein.

Dieser alte Miesepeter hatte auch seine guten Seiten. Max zog eine Jeans an und hatte es plötzlich eilig herauszufinden, was los war. Dann lief er so glücklich wie schon lange nicht mehr barfuß und mit nacktem Oberkörper die Treppe hinunter. Dass jemand an seinen Geburtstag gedacht hatte, heiterte ihn auf. Geradezu beschwingt stieß er die Küchentür auf.

„Sie haben ja doch an meinen Geburtstag gedacht“, rief er fröhlich aus – und stand plötzlich wie vom Donner gerührt da.

„Ich glaube es nicht!“ Voller Entsetzen blickte er Isabella an. „Wie sind Sie denn hereingekommen?“

Vor Verblüffung brachte sie kein Wort heraus. Das war zu viel auf einmal für sie, wie er hereinstürmte, und dann auch noch halb nackt. Fasziniert betrachtete sie seine breiten Schultern, die muskulöse Brust, die kräftigen Arme und die Jeans, die so tief auf seinen Hüften saßen, dass sie seinen flachen Bauch sehen konnte. Sein Anblick raubte ihr fast den Atem.

„Oh! Ich …“, begann sie.

In seinen Augen blitzte es ärgerlich auf. „Was, zum Teufel, machen Sie hier?“

„Also … ich koche.“ Sie wies auf den Herd.

Das sehe ich selbst, dachte er und warf den Kopf zurück. Am liebsten hätte er sie eigenhändig zur Tür hinausbefördert. „Das meine ich nicht“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Ich weiß.“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf. Warum war sie bei seinem Anblick wie ein Teenager sprachlos vor Verzückung? So ging es nicht weiter. Sie musste sich unbedingt besser unter Kontrolle haben.

Aber offenbar konnte sie nichts dagegen tun, dass er sie aus dem seelischen Gleichgewicht brachte. Eigentlich hatte sie ihn freundlich begrüßen wollen, doch der Anblick seines gebräunten muskulösen Körpers hatte ihr die Sprache verschlagen. Er sah einfach zu gut aus in dem goldenen Licht, das durch die hohen Fenster hereinfiel.

Sie wandte sich ab, lehnte sich an die Theke und blickte auf die Tomatensauce, die in einem Topf auf der Herdplatte köchelte. Irgendwie musste sie sich in den Griff bekommen, statt sich von seiner Ausstrahlung und seinem Anblick wie hypnotisiert zu fühlen. Sie war hier, um ihn von ihrer Sache zu überzeugen. Deshalb musste sie einen klaren Kopf bewahren, auch wenn es ihr in seiner Gegenwart schwerfiel.

Ehe sie sich wieder zu ihm umdrehte, atmete sie tief durch. Dann hob sie energisch das Kinn und blickte ihn entschlossen an.

„Okay, lassen Sie uns Klartext reden.“ Irgendwie schaffte sie es, die Stimme sicher klingen zu lassen. „Sie haben mir verboten, mir auf Ihrem Besitz das zu pflücken, was für unser Restaurant überlebenswichtig ist und was sich meine Familie jahrzehntelang holen durfte. Ich schlage vor, dass wir uns auf einen Kompromiss einigen.“

Er sah ihr in die Augen, und ihm wurde bewusst, dass er gar nicht daran gedacht hatte, sein Gesicht vor ihr zu verbergen. Dennoch hatte er nicht das Gefühl, sich unbedingt abwenden zu müssen, das ihn sonst in Gegenwart Fremder unweigerlich überkam. Isabellas Blick wirkte offen und natürlich. Wenn sie etwas erschreckte, war es bestimmt nicht sein Aussehen.

Ihr Gesicht hingegen fesselte seine Aufmerksamkeit. Er ging auf sie zu, legte ihr die Finger unter das Kinn und betrachtete sie forschend.

„Isabella, Sie haben immer noch den Bluterguss“, stellte er seltsam gereizt fest.

„Ja.“ Sie blinzelte. „Es dauert angeblich eine Weile, bis er verschwindet.“

Er ließ sie los, schüttelte den Kopf und sah sich die Zutaten an, die sie überall ausgebreitet hatte.

„Sie werden das alles wieder zusammenpacken und gehen“, erklärte er angespannt.

„Warum?“ Sie trat einige Schritte zur Seite, leicht irritiert darüber, dass er sich offenbar über den Bluterguss ärgerte oder aufregte.

„Weil Sie schon wieder ohne meine Erlaubnis hier eingedrungen sind. Ich fordere Sie noch einmal auf zu verschwinden.“

Sie schüttelte den Kopf. So leicht ließ sie sich nicht wegschicken. „Erst müssen Sie die Sauce probieren.“

Überrascht warf er einen Blick auf den Herd. „Ist das die Spezialität, von der Sie geredet haben?“

„Ja.“

„Ich bin sicher, sie schmeckt ausgezeichnet, aber ich möchte es nicht, Isabella. Es würde sowieso nichts ändern. Ich bin sicher, dass sie köstlich ist, doch das ändert nichts daran, dass ich Ihnen unter keinen Umständen erlaube, auf dem Hügel in der Nähe des Flusses Kräuter zu sammeln.“

Er ist unerbittlich, ich komme mir vor, als redete ich gegen eine Wand, überlegte sie frustriert.

„Bitte, Max. Warum wollen Sie mich nicht verstehen?“ Sie bemühte sich, ruhig und sachlich zu bleiben. „Ich brauche die Gewürzpflanze unbedingt.“

Gleichgültig zuckte er die Schultern. „Ich muss mich fertig anziehen“, erklärte er ungerührt. „Wenn ich zurückkomme, sind Sie hoffentlich weg.“ Er drehte sich um.

„Nein!“, rief sie aus.

Er zögerte und wandte sich ihr wieder zu. In dem Moment stürzte sie zornig zur Tür und versperrte ihm den Weg.

„Sie hören mir jetzt zu“, verlangte sie energisch und stieß ihm mit dem Zeigefinger gegen die nackte Brust. „Es hat mich viel Überwindung gekostet, herzukommen und voll bepackt den steilen Weg zu Ihrem Palazzo zu Fuß zurückzulegen. Genauso schwierig war es, den richtigen Zeitpunkt herauszufinden, wann ich unbemerkt hier eindringen und Ihnen mein Anliegen vortragen konnte, um Sie vielleicht doch noch umzustimmen. Deshalb schulden Sie mir zumindest so viel Respekt, sich anzuhören, worum es geht.“

Er hielt ihre Hand fest. „Warum sollte ich das? Ihre Probleme gehen mich nichts an.“

„Oh doch“, beharrte sie und versuchte, ihm die Finger zu entziehen. „Ihnen gehört der Hügel, auf dem das Basilikum wächst. Die Existenz meiner Familie hängt davon ab, denn ohne es müssen wir das Restaurant schließen, und das Leben meines Vaters ist zerstört.“ Endlich gelang es ihr, ihm die Hand zu entziehen. „Das müssen Sie endlich begreifen!“, forderte sie ihn hitzig auf.

Obwohl Max jeden Kontakt scheute, verstand er viel von der menschlichen Psyche. Wenn jemand so aufgewühlt und leidenschaftlich argumentierte wie Isabella, sollte man unter keinen Umständen anfangen zu lachen. Das machte die ganze Sache noch schlimmer. Sie sah ganz reizend aus mit dem langen, gelockten Haar, das ihr ins Gesicht fiel, den erhitzten Wangen und den verführerischen Lippen. Und sie nahm das alles so fürchterlich ernst.

Er wollte ihr antworten, doch plötzlich war es vorbei mit seiner Beherrschung. Er begann zu lachen und konnte nicht mehr aufhören. Schon lange hatte er nicht mehr so herzlich gelacht. Später sagte er sich, es sei so etwas wie eine Befreiung gewesen. Eine halbe Ewigkeit, wie es schien, hatte er sich mit den Schuldgefühlen herumgequält. Er hatte das Gefühl, Isabella hätte einen Vorhang weggeschoben und den Sonnenschein in sein Leben hereingelassen. Und das führte dazu, dass er Emotionen zuließ, die er viel zu lange unterdrückt und zurückgehalten hatte. Ein Prozess wurde in Gang gesetzt, der nur schwer aufzuhalten war.

Ihm war klar, er musste aufhören zu lachen, um sie nicht zu verletzen, und ihr alles erklären. Aber er bekam sich nicht in den Griff und konnte nichts anderes tun, als sie an sich zu ziehen und in den Armen zu halten.

„Was fällt Ihnen ein?“, fuhr sie ihn ärgerlich an, während sie sich nach Kräften gegen seine Umarmung wehrte.

„Sch, sch.“ Er küsste sie sanft aufs Haar und die Stirn, um sie zu beruhigen. Sie sollte wissen, dass er sich nicht über sie lustig machte.

„Es tut mir leid, Isabella“, entschuldigte er sich schließlich. „Ich amüsiere mich nicht über Sie, wirklich nicht …“

„Ich hasse Sie!“, rief sie aus. „Sie sind gemein, arrogant, uneinsichtig und …“

„Nein“, unterbrach er sie und hatte sich endlich wieder unter Kontrolle. „Hören Sie zu …“

Sie schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr das lange Haar um das Gesicht flog. Ihm gab es einen Stich, als er die Tränen in ihren Augen sah.

„Oh Isabella“, sagte er rau und voller Bedauern. „Ich wollte doch gar nicht lachen.“

Er umfasste ihr Gesicht. Sie war wunderschön, hatte ein hitziges Temperament, das beruhigt werden musste, und Lippen, die zum Küssen einluden. Es gab für ihn kein Halten mehr, irgendetwas in ihm war stärker als jede Vernunft.

6. KAPITEL

Normalerweise verabscheute Max unbeherrschte Gefühlsausbrüche, doch an diesem Tag war alles anders. Er küsste Isabella auf die Lippen, zuerst federleicht und behutsam, dann immer leidenschaftlicher und ungestümer. Sie war einfach unwiderstehlich, und er verlor sich in dem herrlichen Augenblick.

Als er schließlich wieder zur Besinnung kam und atemlos den Kopf hob, versuchte sie, ihn von sich zu stoßen, und flüsterte: „Deswegen bin ich nicht hier.“

Beinah traurig schüttelte er den Kopf. „Ich weiß.“ Er ließ den Blick über ihr schönes Gesicht gleiten und musste sich sehr zusammennehmen, um sie nicht noch einmal zu küssen. „Aber ich bereue es nicht“, fügte er rau hinzu.

Er begegnete ihrem fragenden und verwunderten Blick. Sie verdiente mehr, als er zu geben bereit war, wie er sich eingestand.

„Okay, Isabella“, er zuckte resigniert die Schultern. „Ich probiere deine Sauce und höre mir an, was dein Problem ist.“

Plötzlich strahlte sie über das ganze Gesicht. „Das ist alles, was ich wollte. In einer halben Stunde ist das Essen fertig.“

Er nickte und sah sie lächelnd an. „Gut. Du solltest dein Bestes geben. Und dann werde ich dir sagen, dass es bei meinem Nein bleibt, und dich nach Hause schicken.“

Sie nickte glücklich. „Ich werde dich überzeugen, du wirst schon sehen.“

Widerstrebend ließ er sie los und ging in sein Zimmer, um sich anzuziehen. Unterdessen bereitete Isabella die Pasta zu. Sie konnte kaum glauben, dass sie ihn wirklich dazu gebracht hatte, sich ihr Anliegen anzuhören.

Seine Küsse hatten natürlich nichts zu bedeuten. Sie durfte sie nicht überbewerten. Trotzdem hatte sie immer noch Herzklopfen und fühlte sich herrlich beschwingt. Es hätte nicht passieren dürfen, das war ihr klar, und jetzt musste sie sehen, wie sie damit zurechtkam.

Niemals würde sie vergessen, was für ein wunderbares Gefühl es gewesen war, den Kopf an seiner nackten Brust zu bergen, seinen Herzschlag zu spüren und sich in seine starken Arme zu schmiegen. Doch darüber wollte sie später nachdenken, denn momentan musste sie sich auf das konzentrieren, was für die Existenz ihrer Familie am wichtigsten war.

Der Prinz war attraktiver, aufregender und männlicher als alle anderen Männer aus ihrem Bekanntenkreis, dennoch hatte sie einen kühlen Kopf bewahrt und versucht, ihn wegzustoßen, wenn auch reichlich spät. Darauf war sie stolz. Jedenfalls war sie nicht hergekommen, um ihn mit weiblicher List und Tücke zum Nachgeben zu bewegen. Keineswegs hatte sie geplant, ihn zu küssen. Es war einfach passiert und bedeutete nichts, wie sie hoffte. Eine Wiederholung durfte es jedoch nicht geben. Das wäre der Weg ins sichere Verderben, und den wollte sie nicht gehen, dazu war sie viel zu vorsichtig. Sie war hier, um ihn von ihrem Anliegen zu überzeugen, das war alles.

Max saß am Kopfende des langen Mahagonitisches, der sich seit über zweihundert Jahren im Familienbesitz befand. Auf dem Set aus elfenbeinfarbener Spitze lag das Besteck aus Sterlingsilber mit dem außergewöhnlich hübschen Barockmuster. Daneben standen zwei Kristallkelche, der eine war mit Weiß-, der andere mit Rotwein gefüllt. Auch die silberne Fingerschale mit der eingravierten ländlichen Szene fehlte genauso wenig wie die weiße Leinenserviette.

Wie hat sie das alles so schnell gefunden?, überlegte er verblüfft. Seit mehr als dreißig Jahren hatte er das alles nicht mehr gesehen. Damals hatte seine Mutter noch gelebt.

Er fand es schade, dass diese schönen Sachen nicht öfter benutzt wurden. Sie gaben ihm ein Gefühl der Verbundenheit mit seinen Vorfahren, mit seiner Familie und deren Vergangenheit, an die er viel zu selten dachte. Es brachte etwas in ihm zum Klingen, was ihm wie ein Bindeglied zur Ewigkeit vorkam. Über diesen Gedanken musste er lächeln.

Als Isabella hereinkam, verschwand sein Lächeln. Ihr wunderschönes dunkles Haar schimmerte golden in dem Sonnenlicht, das durch die hohen Fenster hereinfiel, und ihre Wangen waren vom Kochen gerötet. Sie trug zwei Töpfe auf einer Warmhalteplatte herein, und als sie näher kam, erfüllte ein verlockender Duft das große Esszimmer.

Während er sie beobachtete, fühlte er sich plötzlich ganz überwältigt von ihrer Schönheit. Am liebsten hätte er sie wieder in die Arme genommen, doch das war unmöglich. Warum hatte er es überhaupt so weit kommen lassen? Nachdem er viele Jahre lang völlig isoliert gelebt hatte, war es Isabella irgendwie gelungen, seine innere Abwehr zu überwinden und sich in sein Herz zu stehlen. Doch dagegen musste er sich wehren.

Sie stellte die Töpfe samt Warmhalteplatte auf den Tisch und lächelte ihn vielsagend an. „Ich hoffe, du schließt dich meiner Meinung an, dass es eine geradezu königliche Sauce ist.“ Sie gab die frisch zubereitete Pasta auf seinen Teller und schöpfte die Sauce darüber. „Oder dass sie zumindest eines Prinzen würdig ist“, fügte sie scherzhaft hinzu.

Interessiert betrachtete er das Gericht. Die Farbe der Sauce erinnerte ihn an einen Sommersonnenuntergang. „Sie duftet himmlisch.“

„Genauso schmeckt sie auch“, stellte sie ohne falsche Bescheidenheit fest.

Schon allein aus Prinzip setzte er eine skeptische Miene auf. „Wir werden ja sehen“, antwortete er. „Willst du nichts?“

„Nein, das habe ich nur für dich gekocht“, erwiderte sie.

„Schade“, sagte er und fing an zu essen.

Sie hat recht, diese Sauce ist ein Gedicht, sie ist unvergleichlich, dachte er, nachdem er sie probiert hatte.

„Nun?“, fragte Isabella gespannt.

Er sah sie an und war fasziniert von ihrer Lebendigkeit, der Lebensfreude, die sie ausstrahlte, und von ihrer starken Persönlichkeit. Sie hatte etwas Elementares und durch und durch Ehrliches an sich, und das alles war neu für ihn. Kein Zweifel, er fühlte sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen, obwohl sie so anders war als seine Frau, die er grenzenlos geliebt hatte und immer noch vermisste.

Laura war eine schlanke, zierliche Blondine gewesen, man hätte sie fast mit einem Engel vergleichen können. Isabella hingegen mit ihren verführerischen Rundungen, ihrem dunklen vollen Haar und ihrem Temperament strahlte Erdverbundenheit aus. Und zu seinem Leidwesen sehnte er sich so sehr nach ihr wie nach kaum einer anderen Frau jemals zuvor.

Schließlich wandte er sich ab. Es war der reine Wahnsinn, hier mit ihr am Tisch zu sitzen. Er musste sie wegschicken, ehe er die Kontrolle über sich verlor und etwas tat, was er später bereute.

Am unbegreiflichsten fand er, dass sie ganz offensichtlich nicht die Absicht hatte, ihn zu verführen. Zu Jeans trug sie eine sportliche Bluse, die sie beinah bis zum Hals zugeknöpft hatte. Sie zeigte also keine nackte Haut, sondern war ganz natürlich, geradlinig und direkt, irgendwelche Spielchen spielte sie nicht. Und auch deswegen hatte er sie gern, denn es bewies einen gewissen Respekt vor ihm und der ganzen Situation. Dass er am liebsten ihren nackten Körper erforscht hätte, war ganz allein sein Problem. Sie spielte ihren herrlichen Körper nicht als Trumpf aus, auch wenn sie sich vielleicht ihrer Wirkung bewusst war.

„Ganz ausgezeichnet, Isabella“, erklärte er. „Jetzt ist mir klar, warum die Leute von weither kommen, um bei euch zu essen.“

Sie strahlte vor Glück. „Hast du das auch schon gehört?“

„Natürlich“, antwortete er.

„Ich wusste, dass du dich meiner Meinung anschließen würdest, sobald du …“

„Wie wichtig die ganze Sache für dich ist, kann ich durchaus verstehen“, unterbrach er sie, damit sie keine falschen Schlüsse aus seinen Worten zog. „Das ändert jedoch nichts daran, dass es viel zu gefährlich für dich ist, das Basilikum in der Nähe des Wassers zu sammeln. Wenn ich das Haus voller Angestellter hätte, würde ich selbstverständlich jemanden beauftragen, es für dich zu pflücken. Doch außer Renzo und mir lebt niemand mehr in dem Palazzo.“

Sie biss sich auf die Lippe und beherrschte sich eisern. Seine ständige Überbetonung der Gefährlichkeit des Flusses war nicht nachvollziehbar und musste einen bestimmten Grund haben. Vermutlich hatte es etwas mit dem Tod seiner Frau zu tun. Obwohl sie gern mehr erfahren hätte, wollte sie ihn nicht drängen, sich ihr anzuvertrauen, sonst würde er sie wahrscheinlich sogleich nach Hause schicken.

„Okay, darüber sollten wir später reden“, entgegnete sie. „Genieß erst einmal das Essen.“

In seinen Augen leuchtete es auf, und er lächelte. „Das tue ich, Isabella, sogar mehr, als du ahnst.“

Sie bedankte sich für das Kompliment und wunderte sich etwas darüber, dass er zuweilen immer noch versuchte, seine eine Gesichtshälfte zu verbergen, damit sie die Narben nicht sah. Egal, was er machte, sie fand ihn einfach umwerfend attraktiv mit den großen, ausdrucksvollen dunklen Augen und den sinnlichen Lippen.

Er wirkt auf mich wie ein Poet, überlegte sie. Unter seiner rauen Schale steckte ein weicher Kern, den er absichtlich verbarg, um die Menschen von sich fernzuhalten. Warum hatte er sich so völlig zurückgezogen? Gern hätte sie das Geheimnis gelüftet, das er so sorgsam hütete.

„Bist du eigentlich hier im Palazzo aufgewachsen?“, fragte sie schließlich.

„Mehr oder weniger.“ Langsam und genüsslich ließ er sich einen Bissen nach dem anderen auf der Zunge zergehen. „Ich erinnere mich, dass mein Vater uns von einem Ort zum anderen geschleppt hat, als ich noch ein kleines Kind war. Er war ein Spieler und brauchte die Abwechslung. Als ich etwas älter war, habe ich viel Zeit hier verbracht und bin auf meinem Pony über das Land geritten.“

„Bist du dabei nie in den Fluss gestürzt?“

Seine Miene verfinsterte sich. „Die Sache ist zu ernst, um darüber zu scherzen“, entgegnete er kurz angebunden. „Ob du es glaubst oder nicht, er ist gefährlich, nur leider wussten wir es lange nicht.“ Mit einem gequälten Blick auf ihr noch leicht verletztes Gesicht fügte er hinzu: „Ich hätte dich festhalten müssen.“

Bewundernd blickte sie ihn an. Offenbar war er der Meinung, es sei seine Aufgabe, die Welt zu retten – oder zumindest die Frauen in seiner Umgebung. Aber so viel Verantwortung konnte kein Mensch tragen. Sie wusste jedoch nicht, wie sie ihm das klarmachen sollte. Deshalb zuckte sie nur die Schultern und erwiderte: „Die Wunden, die ich mir bei dem Sturz zugezogen habe, sind bald verheilt, und dann ist alles vergessen.“

Das konnte ihn nicht beruhigen, denn er wurde das Gefühl, der Fluss hätte in jener Nacht beinah ein zweites Opfer gefordert, immer noch nicht wieder los.

„Und später, als du älter warst? Wo hast du dann gelebt?“, fragte sie weiter.

Er verdrängte die quälenden Gedanken. „Meine Mutter ist früh gestorben, meine Tante, Marcellos Mutter, hat mich dann bei sich aufgenommen.“

„Das mit deiner Mutter tut mir leid.“ Sollte sie ihm sagen, dass sie da etwas gemeinsam hatten? Oder wäre das unpassend? „Ich habe meine auch als kleines Kind verloren“, setzte sie sich über ihre Bedenken hinweg. „Ich kann mich kaum daran erinnern, wie sie ausgesehen hat.“

„Bei wem bist du aufgewachsen?“

„Ich bin dort geblieben, wo ich war. Es musste sich ja jemand um meinen Vater und meine Brüder kümmern.“ Sie zuckte die Schultern.

Er blickte sie erstaunt an. „Warst du dafür nicht viel zu jung?“

„Eigentlich schon“, gab sie lächelnd zu. „Wir hatten keine andere Wahl. Mein Vater hatte weder Grundbesitz noch Geld. Irgendwie haben wir es trotzdem geschafft.“

Max verzog das Gesicht. „Das heißt, du hast es geschafft, nicht wahr? Immerhin hattest du deine restliche Familie noch.“

„Du nicht?“ Jetzt war sie überrascht. „Wo war denn dein Vater?“

„Er kam mit dem Tod meiner Mutter nicht zurecht, er war mutlos und verzweifelt“, antwortete er: „Wir haben ihn danach nicht mehr allzu oft gesehen.“

„Aber du hattest noch deine Schwester, oder?“

Er schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Sie musste bei einer anderen Tante leben. Dich hat man wenigstens nicht aus deiner Familie herausgerissen, auch wenn es letztlich darauf hinauslief, dass du für deinen Vater und deine Brüder sorgen musstest. So war es doch, nicht wahr?“ Er lächelte sie an.

Es stimmt, was er sagt, ich hatte meinen Vater, der mich geliebt und mir immer wieder gute Ratschläge erteilt hat, dachte sie und nickte. Ob sie ohne ihn zurechtgekommen wäre, wusste sie nicht.

„Ich wurde dann sowieso in die Schweiz aufs Internat geschickt“, fuhr er fort. „Später habe ich in England studiert und schließlich geheiratet.“

Isabella zögerte. Sie wusste nicht, ob sie auf dieses Thema eingehen sollte oder nicht. Vielleicht will er nicht über seine viel zu früh verstorbene Frau reden, überlegte sie und schwieg.

„Doch was soll’s.“ Er sah sie über den Rand seines Weinglases hinweg an. „Erzähl mir etwas über dich, Isabella, über deine Hoffnungen, deine Träume und die jungen Männer, in die du verliebt warst.“

„Okay.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Über irgendwelche Freunde rede ich allerdings nicht mit dir, die vergessen wir einfach. Während du zu Ende isst, erzähle ich dir etwas über meine Familie und unser Restaurant – wenn du erlaubst“, fügte sie scherzhaft hinzu.

Mit einer Handbewegung forderte er sie freundlich auf: „Nur zu.“

„Okay, ich fange mit meinem Vater an. Er heißt Luca Casali, und seine Mutter Rosa hatte hier in Monta Correnti ein Lokal eröffnet, nachdem ihr Mann gestorben war und sie die Kinder allein großziehen musste. Da sie ein ganz besonderes Rezept benutzte, sprach es sich schnell herum, wie gut das Essen schmeckte, das sie ihren Gästen servierte.“

„Dann kommst du also aus einer Restaurantbesitzerfamilie“, stellte er lächelnd fest. Er fand sie ganz bezaubernd. Es war einfach herzerfrischend, wie begeistert und lebhaft sie das alles schilderte.

„So kann man es nennen. Nach dem Tod meiner Großmutter haben mein Vater und seine Schwester Lisa das Ganze übernommen. Sie haben sich jedoch nicht gut verstanden und sich schließlich getrennt. Mein Vater hat dann jahrelang einen Imbissstand betrieben, ehe er unser jetziges Restaurant eröffnete. Meine Tante Lisa besitzt immer noch das Sorella, das frühere Restaurant meiner Großmutter, das sie modernisiert hat.“

Sie zog ein kleines Fotoalbum aus der Tasche, das sie zusammengestellt hatte, damit er sich bildlich vorstellen konnte, worauf es ihr ankam. Sie öffnete es und schob es ihm hin.

„Das ist mein Vater als junger Mann mit seinem Imbissstand an der Via Roma. Auf dem nächsten Foto hat er gerade unser Lokal eröffnet, das wir im Andenken an meine Großmutter ‚Rosa‘ genannt haben. Er hat hart dafür gearbeitet.“

Max betrachtete ihren Vater aufmerksam. „Ja, ich erinnere mich an ihn“, erklärte er dann. „Er war manchmal hier, als ich noch ein Kind war.“

Das war ihr neu, und sie sah ihn verblüfft an. „Hier im Palazzo?“, vergewisserte sie sich.

„Ja. Ich glaube, er hat für uns was gekocht.“

Plötzlich kam sie sich ziemlich klein und unbedeutend vor. Er hatte sie daran erinnert, dass sie aus völlig verschiedenen Welten kamen.

„Ah ja“, erwiderte sie nur. Dann beugte sie sich zu ihm hinüber und schlug die nächste Seite auf. „Das hier ist meine Tante Lisa. Kennst du sie etwa auch?“

„Nein.“

Sie wusste selbst nicht, warum sie erleichtert war, und zeigte ihm die Fotos ihrer Brüder Cristiano und Valentino.

„Gut aussehende junge Männer“, stellte Max fest, ehe er sich den Rest seiner Pasta schmecken ließ.

„Sie sehen sogar sehr gut aus“, korrigierte sie ihn, denn sie hing sehr an ihren Brüdern. „Sie leben nicht mehr in Monta Correnti. Cristiano ist Feuerwehrmann und löscht bestimmt wieder irgendwo ein Feuer. Valentino ist Rennfahrer und riskiert immer irgendwo in irgendeinem Land sein Leben auf einer Piste.“

Es klang so verbittert, dass er sie überrascht anschaute. „Demnach hilft keiner der beiden im Restaurant mit.“

Sie lächelte. „Nein, mein Vater überlässt vieles mir. Ich wäre jedoch froh, wenn sie öfter nach Hause kämen.“

„Das ist verständlich.“

„Hier, das ist unser Betrieb vor zwei Monaten, als wir noch einen großen Vorrat an Basilikum hatten.“ Sie wies auf das Foto. „Siehst du, wie voll es ist? Die Gäste wirken sehr zufrieden, als hätten sie gerade gut gespeist, oder?“

„Ja“, stimmte er ihr lachend zu. „Ich verstehe, was du meinst.“

„Der letzten Aufnahme kannst du entnehmen, wie verwaist die Räume jetzt sind. Ohne das Basilikum können wir die Leute nicht mehr zu uns locken.“ Sie gestikulierte mit beiden Händen, als wollte sie betonen, wie verzweifelt die Situation war. „Ich wünsche mir, dass du begreifst, wie wichtig es für uns ist. Meinem Vater bedeutet das Restaurant alles.“

„Und dir auch.“

„Mir?“ Sie dachte über seine Worte nach und musste sich zu ihrer eigenen Überraschung eingestehen, dass er recht hatte.

Jahrelang hatte sie sich darüber geärgert, dass alles an ihr hängen blieb und sie diejenige war, die zu Hause bleiben und helfen musste, während ihre Brüder auf der Suche nach Abenteuern in die Welt hinausziehen konnten. Auch ihre Cousinen lebten im Ausland. Nur sie selbst hielt hier die Stellung. Manchmal kam ihr das alles ziemlich unfair vor, und sie träumte davon, sich eines Nachts aus dem Haus zu stehlen, sich in den Zug nach Rom zu setzen und nach Brasilien oder New York zu fliegen. Im Hotel würde sie einen attraktiven dunkelhaarigen Mann kennenlernen, sich mit ihm an der Hotelbar unterhalten und mit ihm im Regen unter einem großen Regenschirm durch die Straßen laufen, wie sie es einmal in einem Film gesehen hatte. Doch von all ihren Illusionen war nur eine gewisse Melancholie zurückgeblieben.

„Ja, wahrscheinlich“, gab sie schließlich zu. Sie sah ihn und versuchte herauszufinden, ob er bereit war, nachzugeben, aber sein Blick wirkte so skeptisch wie zuvor.

Jetzt gab es nur noch eine einzige Möglichkeit, wie sie ihn umstimmen konnte. Sie eilte in die Küche und nahm die große Portion Tiramisu aus dem Kühlschrank, fand eine Kerze in einer Schublade und zündete sie an. Dann ging sie zurück in das Esszimmer, stellte alles vor ihn auf den Tisch und sagte: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“

„Woher weißt du es?“, fragte er lachend, und sie spürte, dass er zumindest für diesen kurzen Augenblick glücklich war.

„Du hast es selbst verraten.“

Er runzelte die Stirn. „Wann?“

„Als du in die Küche gekommen bist und mich im ersten Moment für Renzo gehalten hast.“

„Stimmt.“ Er betrachtete die brennende Kerze, als wäre er davon fasziniert.

„Wünsch dir etwas, und blas die Flamme aus“, forderte Isabella ihn auf.

„Was soll ich mir denn wünschen?“, fragte er und deutete ein Lächeln an.

Sie schüttelte den Kopf. „Das musst du selbst wissen. Du darfst nicht darüber reden, sonst geht es nicht in Erfüllung.“

„Okay, ich weiß, was ich mir wünsche.“ Er warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu.

Zu ihrem Entsetzen errötete sie und wandte sich ab.

„Nun mach schon, lösche sie aus. Ich schaue dir auch nicht zu.“

„Warum nicht?“ Er pustete die Kerze aus und nahm die Kuchengabel in die Hand. „Es ist doch keine große Sache, jeder kann dabei zusehen.“

Statt das erste Stück selbst zu essen, schob er ihr die volle Gabel in den Mund.

Lachend schluckte sie den Bissen hinunter. „Das war für dich! Ich habe schon genug davon probiert, als ich es gemacht habe.“

Sekundenlang schwieg er verblüfft. Das Tiramisu sah verlockend aus. Es war ihm rätselhaft, wie jemand diese Köstlichkeit zubereiten konnte. Kaum zu glauben, dass Isabella sie selbst kreiert hatte. Offenbar war sie ein Multitalent.

„Du hast es wirklich selbst gemacht?“, vergewisserte er sich.

Sie nickte. Die ganze Zeit hatte sie dabei an ihn gedacht und Susa weggeschickt, als sie ihr helfen wollte.

Max schüttelte den Kopf. „Du hast die feine Pasta mit der köstlichen Sauce für mich gekocht und das Geburtstagsdessert für mich selbst zubereitet.“ In seinen Augen leuchtete es rätselhaft auf, und er sprach so leise, dass sie ihn kaum verstehen konnte. „Wie kann ich mich dafür erkenntlich zeigen, Isabella?“

„Du weißt, was ich mir wünsche“, erwiderte sie und sah ihm in die Augen.

Ein Anflug von Bedauern huschte über sein Gesicht. Er senkte den Blick und fing an zu essen.

„Danke“, sagte er, als er fertig war. „Ich weiß es zu schätzen.“

Sie wartete. Würde er nachgeben? Nachdem sie lange genug geschwiegen hatte, ohne dass von ihm eine Stellungnahme erfolgte, seufzte sie resigniert, stand auf und fing an, den Tisch abzuräumen.

„Ich wasche rasch das Geschirr ab“, erklärte sie. Hatte die ganze Aktion überhaupt irgendeinen Eindruck hinterlassen? „Du bekommst wahrscheinlich heute Abend viel Besuch.“

Stirnrunzelnd blickte er sie an. „Ich habe nie Gäste und war der Meinung, das hätte ich dir klargemacht.“

„Es kommt wirklich keiner?“, fragte sie leicht schockiert.

„Nein, niemand.“

„Und warum nicht?“ Sie konnte ihr Erstaunen nicht verbergen.

Seufzend legte er die Serviette hin und antwortete angespannt: „Ich denke, das ist offensichtlich.“

Sie setzte sich wieder und sah ihn fassungslos an. „Du meinst wegen der Narben?“

Dass er sie nur schweigend ansah, war für sie die Bestätigung ihrer Vermutung.

„Warum lässt du dir dadurch das Leben zerstören? Du brauchst doch Menschen um dich her und …“ Sie verstummte, ehe sie etwas Unüberlegtes sagte. Wie jeder andere Mann brauchte auch er die Liebe einer Frau, die ihn glücklich machte, das war ihr völlig klar.

Doch es wäre sicher unpassend, diesen Gedanken auszusprechen. Außerdem ging es ihr genauso wie ihm. Sie brauchte ebenfalls einen Partner an ihrer Seite und hatte es bisher nicht geschafft, das Problem zu lösen. Dabei hatte sie dafür keine so offensichtlichen Gründe wie er. Sie konnte sich demzufolge kluge Ratschläge sparen. Dennoch ließ ihr die Sache keine Ruhe.

„Wenn ich so reagieren würde, hätte ich mich nach dem Sturz in den Fluss versteckt, das Restaurant geschlossen und es erst wieder geöffnet, nachdem die Verletzungen geheilt sind.“ Sie wies auf ihr Gesicht.

Er deutete ein Lächeln an und betrachtete ihr blaues Auge beinah liebevoll. „Haben die Gäste dich darauf angesprochen?“

„Natürlich.“ Es war ihr unbegreiflich, wie dieser reiche und sicher auch mächtige Mann wie ein Einsiedler lebte. „Die Leute schauen zweimal hin und tuscheln. Es gibt aber auch welche, die rasch wegsehen. Möglicherweise nehmen sie an, ich sei in eine Schlägerei geraten und es sei mir peinlich, darauf angesprochen zu werden.“

„Ja, das kenne ich.“ Er nickte.

„Kleine Kinder, die mir auf der Straße begegneten, haben sich sogar über mein blaues Auge lustig gemacht.“ Mit einer trotzigen Kopfbewegung warf sie das lange Haar zurück. „Doch was soll’s? Das ist nicht mein Problem.“

Er blickte sie bewundernd an. Sie war wirklich mutig und unerschrocken und schien mit allem, was auf sie zukam, besser fertig zu werden als er. Allerdings kannte sie nicht die ganze Wahrheit. „Deine Situation lässt sich mit meiner nicht vergleichen“, stellte er fest.

„Das ist mir völlig klar. Trotzdem sind die Grundvoraussetzungen mehr oder weniger dieselben“, meinte sie.

Er fing an, sich über ihre Beharrlichkeit zu ärgern, und runzelte die Stirn. „Du hast mich offenbar nicht verstanden und außerdem keine Ahnung, was passiert ist und warum.“

Sie stützte den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hand. „Dann erzähl es mir, damit ich es nachvollziehen kann.“

Sekundenlang sah er alles wieder vor sich, die Bäume, an denen er vorbeiraste, dann den Stamm direkt vor ihm, den Blitz beim Aufprall, die Flammen und das schreckliche Geräusch von berstendem Blech. Später erklärten ihm alle, die an die Unfallstelle geeilt waren, es sei ein Wunder, dass er das Unglück überhaupt überlebt habe. Und oft genug hatte er sich gewünscht, er hätte es nicht getan.

„Nein“, erwiderte er schließlich.

„Warum nicht?“ Sie sah ihn mit großen Augen an.

„Weil es dich nichts angeht“, gab er kühl zurück.

Natürlich hatte er recht, dennoch war es wie ein Schlag ins Gesicht.

„Ah ja.“ Sie stand auf und ging zur Tür. Seine Worte und sein ganzes Verhalten verletzten sie zutiefst. Sie hatte geglaubt, sie hätten sich angenähert und seien auf dem besten Weg, Freunde zu werden, doch offenbar hatte sie sich getäuscht. Er lehnte es ab, sich ihr zu öffnen, und damit hätte sie rechnen müssen.

„Dann gehe ich dir eben aus dem Weg“, erklärte sie steif und verließ den Raum. Insgeheim hoffte sie, er würde sie zurückrufen, er tat es jedoch nicht.

Zornig wusch sie das Geschirr ab und machte dabei mehr Lärm als nötig. All ihre Bemühungen waren umsonst gewesen. Er wollte sie nicht verstehen.

Während sie ihre Sachen zusammenpackte, kam er in die Küche, und sie schöpfte neue Hoffnung.

„Wo hast du deinen Wagen abgestellt?“, fragte er kühl.

„Mach dir meinetwegen keine Gedanken, ich komme allein zurecht“, erwiderte sie.

Mit wenigen Schritten kam er auf sie zu, baute sich vor ihr auf, umfasste ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Muss ich dich daran erinnern, dass du nicht allein auf meinem Grundbesitz herumlaufen sollst? Ich fahre dich zu deinem Auto.“ Es klang streng und unerbittlich.

Sie kam sich vor wie eine Gefangene und blickte ihn schweigend an. Er konnte sie nicht täuschen. Er wollte nur wissen, durch welches Loch in der Mauer sie geschlüpft war. Glücklicherweise hatte sie weit weg von dieser Stelle geparkt.

„Ich gehe lieber zu Fuß“, entgegnete sie.

„Nein. Ich habe mein Auto schon aus der Garage gefahren.“

Betont langsam schob sie seine Hand weg. „Okay, wenn du darauf bestehst.“ Ihre Stimme klang genauso kühl wie seine.

Max musste sich ein Lachen verbeißen beim Anblick ihrer grimmigen Miene. „Ja, das tue ich. Bist du so weit?“

Er half ihr, die Sachen hinauszutragen und in sein schnittiges Sportcabrio zu packen.

„Netter Schlitten“, stellte sie beiläufig fest.

„Ja, finde ich auch“, stimmte er ihr zu, während er ihr die Tür aufhielt. „Nur schade, dass ich ihn so selten benutze.“

„Warum fährst du nicht öfter damit?“

Er zuckte die Schultern. „Im Allgemeinen nehme ich lieber die Limousine.“

„Mit den getönten Scheiben, ich weiß.“ Susa hatte es ihr erzählt. „Damit niemand dein Gesicht sehen kann?“, fragte sie und ließ sich auf den Beifahrersitz sinken. Sie hatte Mitleid mit ihm, weil er sich so völlig abschottete.

„Nicht nur deshalb“, antwortete er, während er sich ans Steuer setzte und losfuhr.

„Klar, und es geht mich ja auch nichts an.“ Demonstrativ blickte sie zum Seitenfenster hinaus.

„Warum bist du eigentlich der Meinung, ich müsste dich in alles einweihen, was mich betrifft? Glaub mir, so interessant ist das gar nicht.“

Sie drehte sich zu ihm um. „Ich habe dich nicht aus Neugier gefragt“, fuhr sie ihn empört an, „sondern weil ich mir Sorgen mache und dich …“ Sie verstummte und zögerte sekundenlang. „Und dich gernhabe“, beendete sie dann den Satz leise, ehe sie sich rasch wieder abwandte.

Schweigend fuhr er weiter. Ihr Geständnis berührte ihn zutiefst.

Nachdem sie die lange Einfahrt verlassen hatten und auf die zweispurige Landstraße einbogen, entdeckte er den metallicblauen Kleinwagen am Straßenrand. „Ist das dein Auto da drüben?“

„Ja.“

Er bremste und hielt direkt dahinter an. Dann betrachtete er die Mauer um seinen Besitz herum mit gerunzelter Stirn. „Bist du hier irgendwo hindurchgeschlüpft?“

„Nein, ganz bestimmt nicht“, erwiderte sie mit einem triumphierenden Lächeln und stieg rasch aus. Ehe er ihr helfen konnte, hatte sie schon die beiden Taschen vom Rücksitz gehoben.

„Ciao“, rief sie ihm zu und ging zu ihrem Wagen.

„Moment.“ Er war ihr gefolgt. „Warte bitte.“

Sie verstaute ihre Sachen in aller Ruhe, ehe sie sich zu ihm umdrehte. „Was ist?“

Breitbeinig stand er vor ihr, die Daumen unter den Gürtel seiner Jeans geschoben. Sekundenlang sah er ihr in die Augen, dann zuckte er die Schultern und wirkte fast gelangweilt.

„Ich habe eine Idee, wie du an dein Basilikum kommen kannst“, erklärte er beiläufig.

Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Wie das?“

„Es geht ganz einfach.“

„Heißt das, ich darf dein Land doch betreten?“

„Natürlich erlaube ich dir nicht, allein dort umherzulaufen.“

„Nicht allein?“, wiederholte sie frustriert und hatte das Gefühl, sich im Kreis zu drehen. „Wer sollte mich denn begleiten?“

„Ich. Wer denn sonst?“, verkündete er zu ihrer Überraschung.

„Was hast du da gesagt?“ Seine Miene verriet ihr, dass sie sich nicht verhört hatte, und sie konnte ihr Glück kaum fassen. Spontan warf sie sich ihm an die Brust.

„Danke, Max! Danke!“, rief sie aus und legte ihm die Arme um den Nacken, ehe sie ihn immer wieder auf die Wangen küsste. „Ich bin ja so glücklich.“

Er lachte leise auf. Es kostete ihn Überwindung, sie nicht an sich zu pressen und ihre Begeisterung auszunutzen.

„Können wir uns sogleich auf den Weg machen?“

„Heute ist es schon zu spät“, entgegnete er. „Komm doch morgen wieder.“

„Das mache ich gern.“

Sanft strich er ihr das gelockte Haar aus der Stirn. „Du kannst dann durch das Haupttor bis zum Palazzo fahren.“

Sie sah ihn fragend an. „Wie denn?“

„Ich verrate dir den Code.“

Das raubte ihr fast den Atem. „Warum machst du das?“

Sein Blick wirkte kühl und seltsam innig zugleich. „Weil ich dir vertraue.“ Und das stimmte auch. „Wenn es mir nicht mehr passt, kann ich ihn jederzeit ändern.“

Vor lauter Glück traten ihr Tränen in die Augen. „Warum bist du so nett zu mir?“, fragte sie ganz gerührt.

Er blickte ihr tief in die Augen. „Weil ich dich auch gernhabe“, erwiderte er wahrheitsgemäß.

7. KAPITEL

„Du warst schon wieder beim Prinzen“, stellte Susa so frohlockend fest, als hätte sie eine Wette gewonnen.

Isabella warf ihr einen Blick von der Seite zu. „Wie kommst du darauf?“

Während Susa ihr berühmtes Dessert für den Abend vorbereitete, zuckte sie die Schultern. „Ich weiß doch fast alles.“

Die ältere Frau gehörte praktisch zur Familie. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sich Isabella immer an sie gewandt, wenn sie Ratschläge brauchte. Susa hatte ihr beigebracht, wie man mit den Gästen umging und diese bediente. Als ihr Vater sie wie einen Jungen in Jeans und karierte Hemden steckte, griff Susa ein und kleidete sie mädchenhafter. Isabella hatte ihr viel zu verdanken, dennoch ärgerte sie sich zuweilen über sie – genauso wie über jedes andere Familienmitglied.

Mit dem silbergrauen gelockten Haar, das sie hochgesteckt trug, wirkte sie alterslos, und sie war sehr tüchtig. Liebevoll und dankbar blickte Isabella sie an. Ohne sie könnten sie das Restaurant gar nicht mehr betreiben. Susa war absolut loyal, und sie zauberte die besten Desserts und Torten.

„Es hat dir jemand erzählt, stimmt’s?“, stellte Isabella schließlich fest. „Jemand hat gesehen, dass ich zum Palazzo gefahren bin.“

„Vielleicht war ich es ja.“ Susa blickte sie bedeutungsvoll an. „Du weißt doch, ich kann hellsehen.“

Isabella verdrehte die Augen.

„Ich wollte dich nur warnen, vorsichtig zu sein“, fügte Susa nach einer längeren Pause hinzu.

„Jeder scheint mich warnen zu wollen.“

„Klar, du bist ja auch so sorglos und leichtsinnig. Du vertraust jedem und wirst am Ende nur verletzt.“

Isabella hatte Mühe, sich zu beherrschen. „Ich esse auch zu viele Süßigkeiten und sitze abends zu lange vorm Fernseher, um mir alte Filme anzuschauen.“

Jetzt sah die ältere Frau demonstrativ zur Decke, und Isabella bereute ihre scharfen Worte.

Susa gab jedoch noch nicht auf. „Auch wenn du alles zu wissen glaubst, rate ich dir trotzdem, dich von dem Prinzen fernzuhalten. Wenn du ihn unbedingt sehen willst, dann halte dich wenigstens von dem Fluss fern.“ Sie stand auf und verließ die Küche.

Verblüfft folgte Isabella ihr. „Was wolltest du damit sagen?“

„Ach, vergiss es.“ Susa verschwand im Waschraum.

Auch der Prinz hielt den Fluss für gefährlich. Isabella wollte unbedingt herausfinden, was Susa wusste oder zu wissen glaubte, um so vielleicht der Wahrheit näher zu kommen.

Als Susa zurückkam, lächelte sie, zufrieden darüber, dass sie offensichtlich Isabellas Welt auf den Kopf gestellt hatte.

„Weshalb hast du mich vor dem Fluss gewarnt, Susa?“

Die ältere Frau zuckte die Schultern. „Weil seine junge Frau vor seinen Augen darin ertrunken ist.“

„Wie bitte?“ Isabella war fassungslos. „Warum erfahre ich das erst jetzt?“

„Es wurde darüber seitens seiner Familie Stillschweigen bewahrt. Natürlich gab es Gerüchte, trotzdem weiß niemand etwas Genaues.“ Susa schüttelte den Kopf.

„Und woher willst du es dann wissen?“, erkundigte sich Isabella misstrauisch.

„Ich habe es dir doch gesagt.“ Susa wies mit dem Finger auf ihre Stirn. „Ich habe diese spezielle Gabe.“

„Susa!“

„Also, ehrlich gesagt, ich habe es von meinem Cousin erfahren. Er hat damals im Palazzo gearbeitet.“

Das machte die Sache etwas glaubwürdiger. „Dann erzähl mir doch, was du gehört hast.“

„Sie ist im Fluss ertrunken. Sie und der Prinz waren ganz allein unterwegs auf dem riesigen Besitz. Es wurden Stimmen laut, die …“ Susa zog bedeutungsvoll eine Augenbraue hoch.

„Nein!“, protestierte Isabella ärgerlich und empört, hatte jedoch plötzlich ein ungutes Gefühl. „Das glaube ich nicht.“

Wieder zuckte Susa die Schultern. „Man wird es nie erfahren.“

Isabella war sich jedoch sicher, dass der Prinz niemals jemandem etwas antun würde, das war völlig ausgeschlossen.

Ihr ganzes Denken kreiste jedoch nur noch um dieses Thema. Am liebsten wäre sie sogleich zu ihm gefahren, um ihn zu fragen, ob das Gerücht bis zu ihm gedrungen sei. Doch es war völlig ausgeschlossen, ihn darauf anzusprechen. Außerdem war sie sich sicher, dass er davon nichts hören wollte.

Dennoch ärgerte sie sich über die Verdächtigungen und wollte ihn verteidigen. Oder war alles reine Fantasie, was Susa da erzählte? Langsam beruhigte Isabella sich wieder. Vielleicht stellte sich ja heraus, dass kein wahres Wort daran war, sodass sie sich wegen nichts aufregte.

Sie sah auf die Uhr. In achtzehn Stunden sehe ich ihn wieder, dachte sie voller Vorfreude. Eine kleine innere Stimme mahnte sie jedoch, die Sache nüchterner zu betrachten und in die Wirklichkeit zurückzukehren.

Es war ein Fehler, sagte sich Max. Er saß in seinem Arbeitszimmer und trank einen Schluck Portwein, während er überlegte, was er machen sollte. In dem Kamin brannte ein Feuer, und das Ächzen und Knarren in dem riesigen alten Gemäuer hallte in der Stille wie ein Echo wider. Er war allein, und so wollte er es auch.

Was hatte er sich dabei gedacht, als er Isabella anbot, sie könne wiederkommen? Er wusste doch, dass er einsam bleiben musste. Etwas anderes hatte er nicht verdient. Niemals würde er sich verzeihen, dass seine Frau und das Baby, das in ihr heranwuchs, in dem Fluss ertrunken waren. Er hatte eine schwere Schuld auf sich geladen und musste sehen, wie er damit zurechtkam.

Er schloss die Augen und verdrängte die Zweifel, die ihn in letzter Zeit befielen. Sein entstelltes Gesicht hatte er jahrelang als so etwas wie eine Strafe betrachtet, und dass es ihn dazu verurteilte, sich in seinem Palazzo zu verbergen, hatte er für angemessen und gerecht erachtet.

Und plötzlich war Isabella in seinem Leben aufgetaucht. Und jetzt begehrte er sie und wünschte sich, mit ihr zusammen zu sein. War es wirklich falsch, dass er wieder glücklich sein wollte? Oder musste er ihr und allem, was sie zu versprechen schien, widerstehen?

„Laura“, flüsterte er und schüttelte den Kopf. „Oh Laura.“

Wenn er noch das Gefühl gehabt hätte, sie sei nicht ganz weg, sondern immer noch irgendwo um ihn her, würde er der Versuchung besser aus dem Weg gehen können. Doch so musste er sich ganz allein auf sein Ehrgefühl verlassen.

Max fluchte leise vor sich hin. Er war so wütend wie schon lange nicht mehr und warf das Glas in den Kamin. Während er beobachtete, wie es in viele kleine Stücke zerbrach, verschwand seine Wut.

Er würde sich nicht untreu werden. Er hatte sich einmal entschlossen, allein und zurückgezogen zu leben, und dabei würde es auch bleiben.

Als Isabella die Auffahrt zum Palazzo hinauffuhr, erwartete Max sie schon. Wahrscheinlich hatte irgendein Signal ihn gewarnt, als sie das Tor mit der Zahlenkombination öffnete, die er ihr genannt hatte. Das offene blaue Hemd betonte seine breiten Schultern, und die perfekt sitzenden Jeans betonten seine langen Beine und die schmalen Hüften. Bei seinem Anblick durchflutete sie sekundenlang ein seltsames Glücksgefühl. Allerdings ließen seine ganze Haltung und die vor der Brust gekreuzten Arme nichts Gutes ahnen.

Oh, oh, hat er etwa seine Meinung geändert?, dachte sie, als sie mit wild klopfendem Herzen ausstieg. Sie warf ihm einen forschenden Blick zu, ehe sie den Korb mit den Sandwichs vom Rücksitz hob.

„Ich hatte mir fast schon gedacht, dass du etwas zum Picknicken mitbringen würdest“, erklärte er leicht spöttisch. „Das ist keine gute Idee. Lass es im Auto.“

Sie sah ihn verständnislos an.

„Wir machen keinen Ausflug, Isabella“, fügte er kühl hinzu. „Wir haben etwas Bestimmtes vor, also lass uns damit anfangen.“

„Aber ich kann die Brote nicht im Wagen in der Sonne lassen.“

„Dann gib Renzo den Korb“, forderte er sie auf.

Sie drehte sich um und bemerkte zu ihrer Überraschung, dass Renzo schon dastand und die Hand ausstreckte. Zögernd reichte sie ihm den Korb und deutete ein höfliches Lächeln an. Der ältere Mann erwiderte das Lächeln, und das machte ihr etwas Mut.

Dann folgte sie Max, der mit großen Schritten auf die gesattelten Pferde zuging.

„Du kannst doch reiten, oder?“, fragte er über die Schulter.

Skeptisch betrachtete sie die beiden Tiere. „Ich bin etwas aus der Übung“, gab sie zögernd zu, war jedoch zuversichtlich, dass sie es schaffen würde. Er schien es heute sehr eilig zu haben. Trotz ihrer Enttäuschung war sie froh, dass er überhaupt noch bereit war, sie das Basilikum pflücken zu lassen.

„Das macht nichts, Mimi ist absolut friedlich und die Ruhe selbst.“ Er streichelte die weichen Nüstern der grauen Stute mit der schwarzen Mähne. „Sie wird dich gut behandeln. Nicht wahr, Mimi?“, fügte er an das Pferd gewandt hinzu, das den Kopf an seine Schulter legte.

Überrascht beobachtete Isabella, wie sanft seine Miene wurde. War es ihm vielleicht vor dem Unfall leichtgefallen, auf andere zuzugehen und Gefühle zu zeigen? Denkbar war es. Wie gern würde sie ihm dabei helfen, wieder so zu leben wie früher.

Doch sie hatte nicht das Recht, darüber zu spekulieren, denn sein Leben ging sie nichts an. Das hatte er ihr doch klar und deutlich zu verstehen gegeben. Er streichelte das edle Pferd so zärtlich … Plötzlich dämmerte es ihr: Es hatte seiner Frau gehört! Auf einmal war Isabella schrecklich nervös.

Doch mit Max auf dem schwarzen Hengst neben ihr fühlte sie sich schon bald so entspannt und sicher, als hätte sie nie aufgehört zu reiten. Mit Mimi kam sie jedenfalls bestens zurecht.

Es war ein wunderschöner sonniger und alles Mögliche verheißender Tag. In der leichten Brise ritten sie über Hügel und grüne Wiesen, und Isabella machte schließlich auf einer Anhöhe Halt und blickte mit einem Ausruf der Überraschung auf die endlosen Reihen kümmerlicher Rebstöcke.

„Was ist das denn?“, fragte sie.

Max beschattete die Augen mit der Hand. „Das waren unsere Weinberge“, antwortete er ruhig und emotionslos. „Sie lieferten uns die Trauben für unser über zweihundert Jahre altes Weingut.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er nüchtern fort: „Vor beinah zehn Jahren wurde alles aufgegeben.“

„Hatte das einen besonderen Grund?“

Sie sah ihn an und spürte, wie es in ihm arbeitete. Alle möglichen Gefühlsregungen huschten über sein Gesicht. Er schien sich mit schmerzlichen Erinnerungen herumzuquälen.

„Du weißt sicher, dass ich verheiratet war und meine Frau gestorben ist“, begann er leise. „Seit ihrem Tod ist für mich die Zeit stehen geblieben. Ich habe irgendwie aufgehört zu leben.“

Er drehte sich zu ihr um. „Ich meine es wörtlich. Ich habe fast das gesamte Personal entlassen und nur einige wenige Leute behalten, die dafür sorgen, dass der Palazzo nicht gänzlich verkommt. Bis jetzt gab es für mich keinen Grund, irgendetwas zu ändern.“ Sekundenlang blickte er sie eindringlich an, dann wandte er sich wieder ab. „Es ist auch besser so.“

Isabella schüttelte den Kopf. Besser für wen?, überlegte sie, sprach jedoch den Gedanken nicht aus. Sie hatte kein Recht, sich in sein Leben einzumischen.

„Es sieht alles so verlassen aus“, sagte sie nur. „Was für eine Verschwendung.“

„In Italien gibt es genug Rebstöcke“, entgegnete er. „Auf einen mehr oder weniger kommt es wirklich nicht an.“

Sie hatte nicht nur die Weinberge, sondern alles, was mit ihm und seinem Dasein zusammenhing, gemeint, aber er hatte es anders aufgefasst. Sie seufzte. Schließlich ritten sie weiter über den nächsten Hügel bis zum Wald.

„Darf ich mir das aus der Nähe anschauen?“, rief sie plötzlich aus und wies auf die eingezäunten Gebäude aus Naturstein.

„Klar. Das ist unser privater Friedhof“, antwortete er lächelnd. „Komm mit.“

Sie brachten die Pferde zum Halten, und er half ihr beim Absteigen, ehe er die Tiere anband. Dann schlenderten sie zu der kleinen Anlage, die in einem ordentlichen Zustand war. In einem kleinen Teich schwammen Zierfische umher, und um die Kapelle aus Marmor blühten wunderschöne Rosen. Dahinter lag ein etwas größeres und finster wirkendes Gebäude, das frühere Mausoleum der Familie Di Rossi.

Isabella war begeistert von dem abgelegenen Ort der Ruhe und Stille. Als sie um die Kapelle herumging, entdeckte sie die lebensgroße Marmorstatue eines halb nackten Mannes, der ein gezücktes Schwert in der Hand hielt, als bewachte er diesen Ort. Auf dem Sockel war der Name Adonis Salviato Di Rossi eingraviert, darunter die Jahreszahlen 1732 – 1801.

Sekundenlang betrachtete sie das Standbild und drehte sich dann zu Max um, der hinter ihr stand.

„Der sieht fast genauso aus wie du“, stellte sie fest.

Er versuchte, eine feierliche Miene aufzusetzen, und zog spöttisch eine Braue hoch. Doch in seinen dunklen Augen blitzte es belustigt auf. In jungen Jahren war ihm diese Statue ein Dorn im Auge gewesen, denn seine Freunde und seine Cousins hatten ihn scherzhaft Adonis genannt und über Reinkarnation und dergleichen geredet. Sie hatten ihn außerdem immer wieder als Vampir bezeichnet. Isabella war also nicht die Erste, die auf diese Idee gekommen war. Damals hatte er sich darüber geärgert, doch jetzt konnte er nur noch darüber lachen.

„Du kannst eigentlich gar nicht beurteilen, wie ich aussehe“, wandte er ein.

„Oh doch“, widersprach sie.

Nachdenklich schaute er sie an. In ihrer Gegenwart fühlte er sich ausgesprochen wohl, und in ihrem offenen Blick spiegelte sich nichts als Lebensfreude. Zuerst hatte er ihr nicht geglaubt, dass sie sich von den Narben nicht abgestoßen fühlte. Doch er hatte kein einziges Mal irgendeine negative Reaktion gespürt, obwohl er sie aufmerksam beobachtet hatte.

Dennoch durfte er nicht vergessen, dass sie für ihn eine Gefahr darstellte. Sowohl gefühlsmäßig als auch körperlich zog sie ihn an. Er wollte mit ihr zusammen sein, ihr Lachen hören und sie in den Armen halten. Sie machte ihn so glücklich, wie er schon lange nicht mehr gewesen war.

Er hatte jedoch kein Recht, glücklich zu sein und sie in sein Leben, in sein selbst gewähltes Gefängnis, hereinzulassen. Er würde ihr bei ihrer Suche helfen, das war aber auch alles. Sobald sie gefunden hatte, was sie haben wollte, würde er sie nicht mehr wiedersehen.

So hatte er es zumindest geplant. Jetzt fand er es allerdings fast unmöglich, sich vorzustellen, sie wieder zu verlieren. Sie stillte ein Verlangen, eine Sehnsucht in ihm, die er jahrelang tief in seinem Innern verborgen hatte. Und deshalb war sie für ihn gefährlich.

Er folgte ihr, während sie das Mausoleum erforschte, sich alles anschaute, munter plauderte und alles hochinteressant und ganz wunderbar fand. Er wünschte …

Ach, verdammt, welchen Sinn hat es, sich etwas zu wünschen?, fragte er sich ärgerlich. Je mehr man nach etwas verlangte, desto weniger bekam man es. Seine Wünsche hatte er längst begraben. Es galt, etwas zu erledigen, und dann wäre die Sache ausgestanden.

Ich rede zu viel, dachte Isabella. Aber sie konnte nicht anders. Es war so ein wunderschöner Tag und der Mann neben ihr so faszinierend, dass ihr die Worte vor lauter Freude über die Lippen sprudelten.

Ihn schien jedoch irgendetwas zu beunruhigen oder zu quälen. Das verrieten sein häufiges Schweigen und sein nachdenklicher Blick. Als sie zu den Pferden zurückgingen und weiterritten, überlegte sie, wie sie ihm helfen konnte.

Weshalb beschäftigte sie sich überhaupt damit? Er hatte alles, was er sich nur wünschen konnte, und was ihm fehlte, konnte er sich kaufen oder bestellen. Was hatte sie ihm schon zu bieten?

Seine Vorfahren, die auf dem Friedhof bestattet waren, bewiesen, was für eine wichtige Rolle seine Familie in der Geschichte des Landes gespielt hatte. Sie hatte das Land mitgestaltet, während sie sich selbst wie eine unbedeutende Statistin vorkam.

„Was ist es eigentlich für ein Gefühl, ein italienischer Prinz zu sein?“, fragte sie unvermittelt.

Er warf ihr einen erstaunten Blick zu. „Du weißt doch, dass es heutzutage nur noch ein Ehrentitel ist. Die Monarchie wurde neunzehnhundertsechsundvierzig abgeschafft.“

„Trotzdem bist du ein Prinz und somit etwas Besonderes.“

„Vergiss es“, antwortete er jedoch nur.

Sie lächelte und freute sich darüber, dass ihr Vater für die Familie des Prinzen auch eine Rolle gespielt hatte, wenn auch nur eine unbedeutende. Sie hatte mit ihm nicht über ihren Besuch bei dem Prinzen geredet, weil sie das Gefühl hatte, es würde ihm nicht gefallen. Doch eines Abends hatte sie die Gelegenheit wahrgenommen und ihren Vater vorsichtig ausgefragt, um zu erfahren, was sie wissen wollte.

Da sein früherer Freund Fredo ihn schon wieder besucht hatte, war er gereizt und ungeduldig.

„Jetzt droht er mir sogar damit, mich wegen Verstoßes gegen die Hygienevorschriften zu belangen“, beschwerte er sich. „Dabei war meine Küche immer die sauberste im ganzen Ort.“

Isabella beruhigte ihn und drückte ihn in seinen bequemen Sessel. Dann brachte sie ihm eine gekühlte Limonade und setzte sich neben ihn.

Papà, wie hast du eigentlich zum ersten Mal von dem Monta-Rosa-Basilikum erfahren? Wann hast du es gefunden?“

Er lehnte sich zurück und entspannte sich, während er den Erinnerungen nachhing.

„Ich habe damals dem alten Prinzen Bartolomeo und seiner Familie das Essen für eine Feier unter freiem Himmel oben auf dem Hügel geliefert, an dessen Abhang das Basilikum wächst. Neben dem Imbissstand hatte ich zu der Zeit noch einen Partyservice, weil ich eine zusätzliche Einkommensquelle brauchte, um überleben zu können.“

Sie nickte ihm aufmunternd zu, fragte sich allerdings, ob er nicht merkte, dass sie sich momentan in einer ähnlich schwierigen Situation befanden.

„Eine junge Hausangestellte der Familie des Prinzen zeigte mir das Basilikum. Ich habe es probiert und wusste sogleich, dass es etwas ganz Besonderes war. Zuerst fand ich den Geschmack etwas ungewöhnlich, aber dann hat er mich nicht mehr losgelassen. Als ich das nächste Mal in den Palazzo gerufen wurde, habe ich an dem Hügel das Basilikum gepflückt und noch am selben Tag einige Gerichte damit verfeinert. Der Erfolg war verblüffend, alle waren restlos begeistert.“

Das musste für ihn sehr aufregend gewesen sein. Isabella sah ihn liebevoll lächelnd an. Da sie ohne ihre Mutter aufgewachsen war, standen sie und ihr Vater sich sehr nah. Wenn er glücklich war, war sie es auch.

„Wurden damals viele Partys im Palazzo veranstaltet?“, erkundigte sie sich neugierig.

„Ja. Zahllose Gäste kamen aus Rom und Neapel und blieben oft eine ganze Woche.“

Sie schüttelte den Kopf. „Seltsam, dass ich mich daran nicht mehr erinnere.“

„Das alles hörte auf, als du noch ein sehr kleines Kind warst.“ Luca Casali seufzte. „Nachdem Prinz Bartolomeos schöne Frau sich das Leben genommen hatte, war alles zu Ende. Er verbrachte danach die meiste Zeit in Rom.“

„Sie hat sich umgebracht?“, wiederholte Isabella schockiert und hatte das Gefühl, eine eisige Hand würde sich ihr ums Herz legen. Es musste sich um Max’ Mutter handeln. „Was ist denn passiert?“

„Die Einzelheiten kenne ich nicht. Es wurde behauptet, die arme Frau sei vom Balkon gesprungen. Sie war ein bekannter und beliebter Filmstar und hat Kinohits mit Fellini und Antonioni gedreht. Jedenfalls war es eine Tragödie.“

Wenn das alles stimmt, hat es in Max’ Familie mehrere Tragödien gegeben, sagte sie sich. Zuerst hatte seine Mutter Selbstmord begangen, dann war seine junge Frau ertrunken. Und was es mit dem Unfall auf sich hatte, bei dem sein Gesicht so entstellt worden war, war auch sehr mysteriös.

Alle diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie neben ihm über seinen riesigen Grundbesitz ritt. Eigentlich war es nicht verwunderlich, dass er oft einen so traurigen oder gequälten Blick hatte. Sie drehte sich zu ihm um und merkte, dass er sie ansah.

„Es ist nicht mehr weit“, verkündete er.

Sie nickte. „Dein Land ist wunderschön. Du könntest viel damit machen.“

Er blickte über die Hügel in die Ferne. „Was denn? Was schlägst du vor?“

„Du könntest ein Hotel bauen oder eine Ferienanlage.“

„Isabella, das ist typisches Mittelstandsdenken. Muss man denn unbedingt Geld aus allem machen?“

„Nein, aber …“ Plötzlich sah sie es in seinen Augen belustigt aufblitzen, und ihr wurde bewusst, dass er sie neckte. „Es ist doch gerade diese Schicht, die mit ihrer Arbeitsleistung die Wirtschaft am Brummen hält“, erinnerte sie ihn. „Die oberen Zehntausend mit ihrer Arroganz tragen nicht viel dazu bei.“

„Die nutzlosen Reichen“, stellte er abfällig fest.

„Genau“, stimmte sie ihm lachend zu.

„Du hältst mich für faul, nicht wahr?“ Es klang, als wäre es für ihn so etwas wie eine Offenbarung.

„Nein, keineswegs. Ich bin jedoch der Meinung, dass du nicht gewinnorientiert arbeitest.“

In seinem Blick lag jetzt Wärme. „Isabella, du hast gesagt, ihr hättet Schwierigkeiten mit eurem Restaurant, weil euch das Basilikum fehlt. Macht es wirklich einen derartig großen Unterschied? Ist wieder alles in Ordnung, sobald du es hast?“

Sie zögerte. Sollte sie die Wahrheit etwas zurechtbiegen? Sie sah ihn an und konnte und wollte ihn nicht belügen.

„Nein“, gab sie ehrlich zu. „Das ist es nicht. Mein Vater ist ein wunderbarer Mensch und ein guter Koch, aber ein schlechter Geschäftsmann. Wir haben nicht nur finanzielle Probleme, sondern auch noch andere. Ich weiß nicht, ob wir das Restaurant noch lange weiterführen können, egal, wie gut den Gästen unser Essen schmeckt.“

Das stimmte mit dem überein, was er von Renzo gehört hatte.

„Vielleicht wäre es besser, dein Vater würde dir die Leitung ganz allein überlassen“, meinte er. „Ich habe den Eindruck gewonnen, dass du eine gute Geschäftsfrau bist.“

Ja, da könnte er recht haben, überlegte sie. Zwar fehlte ihr die praktische Erfahrung, doch wenn ihr Vater ihr eine Chance geben würde …

„Also, was kann ich sonst noch machen, um gewinnbringend zu arbeiten?“, fragte er. „Ich meine, außer das Land meiner Vorfahren in ein Urlaubsressort zu verwandeln.“ Er warf ihr einen spöttischen Blick zu. „Was ich übrigens niemals tun würde.“

„Als Erstes könntest du die Rebstöcke instand setzen. Was hältst du davon? Guter Wein wird immer gern gekauft.“

Er lachte aus vollem Hals. „Du hast offenbar wirklich große Pläne für mich. Wie stellst du dir das vor?“

„Beim Anblick der vernachlässigten Pflanzen kam mir der Einfall …“ Sie verstummte und zögerte kurz. Aber warum sollte sie ihre Gedanken nicht aussprechen? „Also, ich hatte die Idee, mein Freund Giancarlo könnte deine Weinberge wieder auf Vordermann bringen. Er ist Fachmann auf diesem Gebiet, und du könntest dann sicher innerhalb kürzester Zeit die ersten Trauben ernten und Wein herstellen.“

Er sah sie so forschend an, als wollte er herausfinden, ob sie es ernst meinte. „Den ich dann verkaufen soll?“

„Ja, warum nicht? Du kannst auch eine Probierstube einrichten und vom Ort aus geführte Touren anbieten. Du weißt doch, die Touristen haben unseren malerischen Ort Monta Correnti längst entdeckt, vor allem solche, die die Abgeschiedenheit lieben. Die Leute mögen so etwas. Auch ein Bistro auf deinem Anwesen …“

Dass er schon wieder lachte, war ihr egal. „Du könntest es führen“, schlug er scherzhaft vor.

„Warum nicht“, erwiderte sie ruhig. „Es würde mir jedenfalls Spaß machen.“

Was für eine wunderbare Vorstellung, für Max ein Restaurant zu eröffnen und die besondere Sauce für die Gäste zuzubereiten, die aus allen Richtungen herbeigeströmt kommen, dachte sie ganz aufgeregt.

Doch sie kehrte rasch in die Wirklichkeit zurück, denn sie wusste natürlich, dass es nur ein Wunschtraum war. Max war nicht bereit, sich Fremden zu zeigen, und er würde auch keine Arbeiter auf seinem Grund und Boden dulden.

Nachdem sie auch noch den nächsten Hügel überquert hatten, lag der Ort, an dem das Basilikum wuchs, unter ihnen. Isabella beugte sich im Sattel vor und seufzte erleichtert. In der Nacht hatte sie geträumt, sie würden hier ankommen und kein einziges Blatt finden. Glücklicherweise sah die Wirklichkeit anders aus, aber der Traum hatte ihr den Vormittag verdorben. Während sie das Picknick vorbereitete, hatte sie sich gefragt, ob sie es als schlechtes Omen verstehen und sich auf den schlimmsten Fall vorbereiten sollte.

Mit hochgezogenen Augenbrauen hatte Susa sie schweigend beobachtet. Isabella hatte es einfach ignoriert, die Sandwichs eingepackt und den Korb in ihrem kleinen Auto verstaut.

„Wohin fährst du?“, rief ihr Vater plötzlich von der Tür hinter ihr her.

Kurz entschlossen lief sie zurück, umarmte ihn und flüsterte ihm ins Ohr: „Wahrscheinlich bringe ich das Basilikum mit, wenn ich zurückkomme. Drück mir die Daumen.“ Sie küsste ihn auf die Wange, drehte sich um und eilte zu ihrem Wagen, ehe er weitere Fragen stellen konnte.

Die ganze Zeit war sie jedoch von Unruhe erfüllt gewesen und hatte überlegt, ob sie das Basilikum überhaupt finden würde. Jetzt war ihre Welt wieder in Ordnung. Sie würde davon so viel mitnehmen, wie sie konnte.

8. KAPITEL

Isabella glitt vom Pferd und fing an, die Basilikumblätter mit der kleinen Schere, die sie mitgebracht hatte, abzuknipsen. Max saß auch von seinem Hengst ab, blieb jedoch neben den Tieren stehen und schaute ihr zu. Als sie aufsah, fiel ihr seine beunruhigte Miene auf.

Sie konnte immer noch nicht nachvollziehen, weshalb er so besorgt war. Der Abhang zum Fluss hinunter sah eher harmlos und sanft aus. Selbst wenn sie aus irgendeinem Grund ausrutschte und hinunterrollte, wäre es kein Drama. Sie würde sich irgendwo festhalten. Auf sie wirkte der Ort völlig ungefährlich.

Das einzige Problem war, dass viele der Pflanzen noch nicht so weit waren, um abgeerntet zu werden. Sie musste also Max fragen, ob sie in ungefähr einer Woche noch einmal herkommen dürfe, und hoffte, dass er einverstanden war.

Er schien nur darauf zu warten, dass sie endlich fertig war und sie zurückreiten konnten, und sie beschloss, ihn später darauf anzusprechen.

„Okay“, sagte sie schließlich und band die beiden großen Leinentaschen am Sattel fest. „Für heute habe ich genug.“

Max nickte und half ihr beim Aufsitzen, ehe er sich selbst in den Sattel schwang.

Doch als Isabella sich nach ihm umdrehte, glitten ihr die Zügel aus der Hand.

„Oh“, stieß sie hervor und beugte sich hinunter, um sie zu fassen zu bekommen. Dadurch löste sie jedoch eine Kettenreaktion aus und konnte später gar nicht mehr genau sagen, was wirklich geschehen war. Jedenfalls scheute die sanfte Stute plötzlich und war nicht wiederzuerkennen.

„Max!“, schrie Isabella. „Halt sie auf!“

Doch Mimi stürmte los, geradewegs auf den Fluss zu.

„Max!“ Isabella klammerte sich verzweifelt an die Mähne des Tieres, während das Wasser immer näher kam. „Nein, Mimi!“, schrie sie und sah sich schon wieder im Fluss landen. Doch auf einmal änderte die Stute die Richtung und galoppierte am Ufer entlang in den kleinen Wald.

Auf einer Lichtung vor einem atemberaubend schönen Wasserfall blieb Mimi so unvermittelt stehen, dass Isabella in hohem Bogen über den Kopf des Pferdes flog und im Gebüsch landete, während das Tier das Weite suchte.

Stöhnend erhob sich Isabella, und dann erschien auch schon Max. „Wenigstens bin ich dieses Mal nicht nass geworden“, stellte sie mit zittriger Stimme fest, schwieg jedoch, als sie merkte, wie blass er war.

Er sprang vom Pferd und packte sie an den Armen, ehe er sie von oben bis unten musterte. „Bist du verletzt, Isabella?“, fragte er rau.

„Nein, es ist alles in Ordnung, glaube ich. Aber die arme Mimi …“

Er fluchte leise vor sich hin.

„Vergiss das verdammte Pferd“, sagte er dann. „Das hätte schlimmer ausgehen können.“

„Ist es aber nicht.“

„Nein …“ Er umfasste ihre Schultern, betrachtete ihr Gesicht und warf dann einen so wilden Blick auf den Wasserfall, dass sie zutiefst betroffen war.

„Was ist los, Max?“ Sie legte ihm die Hände auf die Brust und sah ihn eindringlich an. Und dann dämmerte es ihr. „Ist hier deine …?“

Er schaute sie an, als hätte er sie noch nie gesehen. „Wir müssen gehen“, erklärte er kurz angebunden. „Wir müssen hier weg.“

„Oh Max.“

Er schwang sich in den Sattel und hob Isabella vor sich aufs Pferd. Er wirkte angespannt, und in seinem Gesicht spiegelten sich so viel Schmerz und Kummer, dass es ihr fast das Herz brach. Offenbar war seine junge Frau hier an diesem Ort gestorben.

Auf dem Rückweg änderte Max plötzlich die Richtung und dirigierte den Hengst zu dem Familienfriedhof. Vorsichtig ließ er Isabella dort vom Pferd gleiten, ehe er selbst absaß. Dann drehte er sich schweigend um und betrat die Anlage. Unschlüssig biss sie sich auf die Lippe und beschloss schließlich, ihm zu folgen.

Statt in die Kapelle zu gehen, wie sie geglaubt hatte, umrundete er sie und ging zu dem wunderschönen Garten dahinter. Dort blieb er stehen und blickte Isabella entgegen. Mit wild klopfendem Herzen kam sie näher, und die Verzweiflung, die in seinem Blick lag, erschütterte sie.

„Isabella, es tut mir leid. Wahrscheinlich kannst du dir denken, warum ich an dem Wasserfall so aufgeregt und nervös war. Ich brauche etwas Zeit für mich allein, um mich zu beruhigen. Würdest du bitte dahinten warten?“

„Möchtest du wirklich, dass ich dich allein lasse?“

„Ja. Bitte.“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das tue ich nicht.“

Er sah sie so verständnislos an, als hätte er sich verhört. „Isabella …“

„Max, ich bin der Meinung, du solltest endlich darüber reden“, unterbrach sie ihn eindringlich. „Du solltest mir erzählen, was …“

„Nein“, widersprach er heftig. „Ich bin nicht bereit, darüber mit irgendjemandem zu sprechen.“

„Aber das solltest du wirklich endlich tun“, beharrte sie nachdrücklich. „Max, begreifst du es denn nicht? Du musst dich jemandem anvertrauen. Ich nehme an, du quälst dich seit zehn Jahren ganz allein damit herum. Deshalb musst du endlich anfangen, darüber zu sprechen.“ Plötzlich traten ihr Tränen in die Augen. Sie packte ihn am Arm und schüttelte ihn. „Erzähl mir etwas über sie. Wie war sie?“

Lange sah er sie nachdenklich an. „Du meinst Laura, oder?“, fragte er sanft.

„Ja, erzähl mir etwas über sie.“

Als er sich auf die Holzbank sinken ließ, setzte sie sich neben ihn und nahm seine Hand.

„Wie hat sie ausgesehen?“

„Wie ein Engel“, antwortete er rau und räusperte sich. „Sie hatte blondes Haar, war sehr zierlich und wirkte so zerbrechlich …“ Ihm versagte die Stimme.

Isabella drückte ihm die Hand. „Du hast sie sehr geliebt, oder?“

„Ja, vom ersten Augenblick an, als ich sie gesehen habe.“ Seine Stimme klang wieder etwas kräftiger. „Sie war ein guter, freundlicher und liebevoller Mensch, und unsere Zweisamkeit war geradezu traumhaft schön. Wir waren sehr glücklich.“

Sie hörte ihm aufmerksam zu und war froh, dass er sich öffnete.

„Als uns klar wurde, dass wir ein Kind bekommen würden, glaubten wir, unser Leben sei absolut perfekt“, erklärte er.

Isabella hatte nicht gewusst, dass seine Frau schwanger gewesen war. Das machte für ihn alles noch viel schlimmer. Er tat ihr unendlich leid.

„Wir haben den Wasserfall geliebt und uns dort oft zum Picknick hingesetzt“, fuhr er fort. „Doch an dem besagten Tag hätten wir zu Hause bleiben müssen. Ich hatte in der Nacht nur wenig geschlafen, weil ich mit einem Buchhaltungsproblem beschäftigt war. Deshalb war ich sehr müde, wollte jedoch Laura nicht enttäuschen, denn sie hatte sich auf den Ausflug gefreut. Wir stießen auf das Kind an, das sie erwartete. Dann legten wir uns auf die Wolldecke, um uns auszuruhen. Als ich die Augen wieder öffnete, war Laura weg.

Ich schaute mich um, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Auf einmal sah ich ein Stück ihres Kleides im Wasser aufblitzen.“ Er erbebte und entzog Isabella die Hand. Dann beugte er sich vor und bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Wie von Sinnen sprang ich auf und zog sie aus dem Wasser. Ihr Fuß hatte sich in einem Felsspalt verfangen. Ich war mir so sicher, sie durch Mund-zu-Mund-Beatmung zurückholen zu können, und wollte nicht aufgeben. Es war jedoch zu spät. Sie war tot und hatte mich für immer verlassen.“

Als seine Schultern heftig zu zucken begannen, wusste Isabella, dass er endlich seinen Schmerz losließ.

Er gab sich die Schuld am Tod seiner Frau, obwohl er damit nichts zu tun hatte. Wie sollte sie ihm das begreiflich machen?

Schweigend blieb sie neben ihm sitzen. Erst als sie spürte, dass er sich etwas beruhigt hatte, legte sie ihm behutsam die Hand auf den Rücken und streichelte ihn sanft. „Es tut mir so leid, Max.“

Langsam richtete er sich auf und sah sie verzweifelt an. „Du brauchst kein Mitleid mit mir zu haben, das habe ich nicht verdient“, erklärte er kühl. „Ich habe sie sterben lassen und unser Kind auch.“

„Wie kannst du so etwas behaupten? Du bist doch eingeschlafen.“

„Das ist es ja, ich hätte nicht …“ Er verstummte.

„Es war wirklich nicht deine Schuld, sondern ein Unfall, den niemand vorhersehen konnte.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich hätte besser auf sie aufpassen und sie retten müssen.“

„Hätte dein Vater etwa auch besser auf deine Mutter aufpassen und sie davor bewahren müssen, vom Balkon zu springen?“, fragte sie, um ihm zu helfen, die Sache anders zu sehen. Zu spät wurde ihr bewusst, dass sie zu wenig über diesen Vorfall und die Hintergründe wusste, um darüber zu reden.

Das schien ihm jedoch nicht aufzufallen. „Er konnte es nicht ändern. Sie war allein zu Hause, als es geschah. Wie hätte er sie vor diesem Schritt bewahren können?“, antwortete er.

„Laura war genau genommen auch allein, als sie in das Wasser gegangen ist, denn du hast ja geschlafen. Max, du konntest es nicht ändern. Es ist nicht deine Schuld.“

Skeptisch blickte er sie an. Sie spürte jedoch, dass er anfing, darüber nachzudenken.

„Jedenfalls ist es gut, dass du einmal alles ausgesprochen hast“, stellte sie fest.

„Du betätigst dich wohl gern als Hobbypsychologin, oder?“ Zu seiner eigenen Überraschung fühlte er sich etwas besser.

Jetzt war sie froh, dass sie alles riskiert und ihn gedrängt hatte, über den Tod seiner Frau zu sprechen. Viel zu lange hatte er sich mit Schuldgefühlen und Selbstzweifeln herumgequält. Und sie selbst hatte mehr über ihn erfahren, mit der Folge, dass sie ihn immer mehr schätzen lernte.

Aber es gab da noch etwas, was sie gern von ihm gehört hätte, denn niemand schien etwas Genaues über den Autounfall zu wissen, bei dem sein Gesicht entstellt worden war.

„Die Mittagszeit ist längst vorbei“, stellte sie wenig später fest. „Hoffentlich bereust du, dass wir den Picknickkorb nicht mitgenommen haben.“

Er nickte bedauernd. Während er sie ansah, gestand er sich ein, wie dumm es gewesen war, zu glauben, er könnte sich von ihr fernhalten. Das war völlig unmöglich. Auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, dass sie eine dauerhafte Beziehung aufbauen konnten, beschloss er, sich nicht mehr selbst zu belügen, sondern das Zusammensein mit ihr zu genießen und sich auf ihre Besuche zu freuen.

„Ich habe einen Bärenhunger“, gab er zu.

„Das Problem lässt sich lösen“, erwiderte sie lächelnd. „Ich weiß, wo wir hier in der Nähe etwas zu essen bekommen.“

„So? Wo denn?“, fragte er argwöhnisch.

„Kennst du den Tapasstand des spanischen Ehepaars an dem großen Parkplatz mit Blick auf den Fluss?“

Seine Miene hellte sich auf. „Ja, ich bin schon daran vorbeigefahren.“

„Wolltest du dort nie anhalten?“

Ihr lebhaftes Interesse an allem war geradezu ansteckend. Er lächelte sie an. „Doch, aber …“

Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Okay, heute essen wir dort.“

„Wie bitte?“ Hatte sie immer noch nicht begriffen, dass so etwas für ihn nicht infrage kam?

„Du hast richtig gehört. Wir werden jetzt die köstlichsten Tapas zu uns nehmen, die du jemals probiert hast. Glaub mir, du wirst es nicht bereuen.“

Er schüttelte energisch den Kopf. „Isabella, ich werde nicht …“

„Max, bitte.“ Sie hakte sich bei ihm unter. „Es ist nicht weit. Wir reiten hin, und du kannst dich an einen der Tische unter den Bäumen setzen, während ich uns die Tapas bestelle. Um diese Zeit sind wir dort sicher die einzigen Gäste, falls dich das beruhigt.“

Mit gerunzelter Stirn blickte er sie skeptisch an. „Ich weiß nicht …“

„Doch, wir machen es.“ Sie schenkte ihm ihr verführerischstes Lächeln. „Du willst es doch auch. Nun komm schon.“ Sie zog ihn am Arm.

Endlich gab er nach und half ihr wieder aufs Pferd. Da er in den letzten Jahren nur noch auf seinem eigenen Besitz ausgeritten war, fand er es irgendwie befreiend, sich nach außerhalb vorzuwagen.

Glücklicherweise waren alle Tische, die zu dem Stand gehörten, leer. Nachdem Max sich hingesetzt hatte, verschwand Isabella kurz, um wenig später mit einer riesigen Auswahl köstlich aussehender Tapas zurückzukommen. Der Besitzer des Imbisses, Señor Ortega, folgte ihr mit zwei Flaschen gekühltem Bier. Angespannt wartete Max auf die Reaktion des Mannes beim Anblick seiner Narben. Aber er ließ sich nichts anmerken und plauderte mit seinem spanischen Akzent munter drauflos.

Lächelnd nickte Max ihm zu, und schließlich ließ er sie allein.

„Señor Ortega ist ein Freund meines Vaters“, erklärte Isabella. „Er beabsichtigt, eines Tages ein eigenes Restaurant zu eröffnen.“

Während sie sich die Tapas schmecken ließen, unterhielten sie sich so locker und ungezwungen, als kennten sie sich schon jahrelang. Später gingen sie zu Fuß zu Max’ Anwesen zurück und führten dabei das Pferd am Zügel.

„Das war doch gar nicht schlimm, oder?“, fragte sie. „Du solltest öfter ausgehen und dich unter die Leute mischen. Immerhin haben deine Vorfahren seinerzeit den Ort gegründet. Deshalb solltest du nicht so tun, als ginge dich das, was hier passiert, nichts an.“

Er verdrehte die Augen und machte eine Handbewegung, wie um zu sagen, sie rede zu viel. Sie musste lachen.

„Es ist kaum zu glauben, dass dein ganzer Grundbesitz von einer Mauer umgeben ist. Sie muss ja viele Kilometer lang sein“, meinte sie, als sie vor dem Tor stehen blieben, während er den Code zum Öffnen eintippte.

„Ja, und es hat viele Jahre gedauert, bis sie fertig war.“ Er half ihr beim Aufsitzen, ehe er sich hinter ihr in den Sattel schwang.

Dann legte er ihr die Arme um die Taille, und Isabella lehnte sich entspannt an ihn. „Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, die Mauer niederzureißen.“

„Wieso habe ich mir gedacht, dass du so etwas vorschlagen würdest?“

„Weil du weißt, dass es nötig ist.“

„Ich brauche deine Belehrungen nicht“, warnte er sie. Die Schärfe in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Isabella wollte ihn natürlich nicht verärgern, aber er musste endlich wieder am Leben teilnehmen. Und dazu gehörte, dass er sich auch nach außen nicht mehr so sichtbar abgrenzte, wie sie fand. Sie wäre eine schlechte Freundin, wenn sie ihm nicht half umzudenken.

„Meinst du?“ Sie ließ die Stimme absichtlich etwas humorvoll klingen. „Wer soll dich denn sonst belehren?“

„Niemand“, antwortete er bestimmt.

„Das ist genau dein Problem. Du brauchst Menschen in deinem Leben, mit denen du reden kannst. Du musst auch die Meinung anderer hören und neue Erfahrungen machen. Immer nur allein zu sein ist nicht gut.“

Er zuckte die Schultern. „Ich habe das Internet.“

„Das ist so, als würdest du mit Robotern kommunizieren“, wandte sie ein.

„An den PCs sitzen keine Roboter, sondern Menschen“, protestierte er leicht beleidigt. „Ich lebe nicht ganz so isoliert, wie die glaubst.“

Sie schüttelte den Kopf. „Aber du siehst die Leute nicht, mit denen du zu tun hast, spürst keine Emotionen und kennst die Wahrheit nicht.“

„Ah ja, die Wahrheit“, wiederholte er spöttisch.

„Besser gesagt, das wirkliche Leben“, entgegnete sie hartnäckig.

„Das kann sehr schmerzlich sein“, antwortete er leise.

„Ja“, stimmte sie zu und wünschte, sie könnte ihn umarmen. Er hielt sie immer noch fest, allerdings auf eine eher unpersönliche Art. Es ist seltsam, dass wir uns so nah und doch so weit voneinander entfernt sind, dachte sie. „Mit dem Schmerz ist es wie mit dem Regen, man braucht ihn, um zu wachsen.“

Er stieß einen leicht verächtlichen, zugleich aber auch belustigt klingenden Laut aus, woraus sie schloss, dass er ihr die Bemerkungen nicht übel nahm.

„Zu viel Regen spült alles hinweg“, stellte er fest. „Und was dann?“

„Dann lernen wir, im Wasser zu waten.“

Er lachte auf. „Mach dir um mich keine Sorgen, bella. Ich kann mein Schicksal tragen.“

Es gefiel ihr, dass er sie mit ihrem Kosenamen ansprach, doch sie wusste nicht genau, was er meinte. Nahm er sein Schicksal fatalistisch hin, oder wollte er sagen, dass er darüber hinauswachsen könnte, wenn er wollte? Sie wagte jedoch nicht, ihn zu fragen, und so ritten sie schweigend zum Palazzo zurück.

Die Stute fanden sie friedlich grasend im Hof vor der Küche vor mit nur noch der Hälfte des Basilikums. Eine der beiden Taschen, die Isabella am Sattel befestigt hatte, war jedenfalls nicht mehr da.

„Wie schade!“ In Max’ Augen leuchtete es rätselhaft auf. „Es sieht ganz so aus, als müsstest du morgen noch einmal kommen.“ Er streichelte Isabella die Wange, und sie hielt seine Hand fest, während sie ihm in die Augen blickte.

„Möchtest du das denn?“, vergewisserte sie sich.

„Ja.“

Lächelnd sah sie ihn an. Für das, was sie an diesem Tag erlebt hatten, gab es keine Worte. Deshalb tat sie das Einzige, was ihr in dem Moment einfiel: Sie umfasste sein Gesicht und küsste ihn auf die Lippen. Als er sich zurückziehen wollte, ließ sie ihn jedoch nicht los, sondern schmiegte sich an ihn und sagte ihm auf diese Art, was sie empfand. Und dann legte er die Arme um sie und erwiderte ihre Zärtlichkeiten.

Als sie sich schließlich von ihm löste, hatte sie Tränen in den Augen.

„Isabella“, sagte er sanft, während er ihr die Finger unter das Kinn legte und ihr liebevoll in die Augen sah. „Wie hast du es geschafft, der Sonnenschein in meinem Leben zu werden? Ohne dich habe ich in völliger Dunkelheit gelebt. Ich wünsche …“ Unvermittelt verstummte er.

Sie ahnte jedoch, was er hatte sagen wollen: Er wünschte, sie wäre ein wenig anders und er freier, das zu tun, was er wollte. Das wünschte sie sich auch, und es brach ihr fast das Herz, dass die Wirklichkeit so grausam war. Für den Moment war sie jedoch glücklich, bei ihm zu sein.

Als sie nach Hause zurückkam, verging Isabella die gute Stimmung. Ihr Vater erwartete sie mit sorgenvoll gerunzelter Stirn vor dem Restaurant.

„Wo warst du?“, fragte er scharf.

„Ich … habe das Basilikum mitgebracht.“ Sie hob die Tasche hoch. „Wir können es wieder für unsere Sauce verwenden.“

„Du warst bei dem Prinzen“, stellte er fest. Es hörte sich so an, als hätte sie damit ihren und den Ruf der ganzen Familie zerstört.

„Na und?“ Sie versuchte, lachend darüber hinwegzugehen. Seine Reaktion war völlig überzogen. So kannte sie ihn gar nicht. Doch er meinte es offenbar bitterernst. „Papà, das ist in Ordnung. Er hat mir erlaubt, es zu pflücken, und mir geholfen …“

Mit einer Handbewegung unterbrach ihr Vater sie. „Ich weiß, dass du ihn besucht hast, und ich weiß auch, was das bedeutet.“

Das hatte sie nicht verdient. Ärger breitete sich in ihr aus. Sie hatte alles Menschenmögliche getan, um das Basilikum zu beschaffen, das sie so dringend benötigten, und das war der Dank dafür.

„Ja, ich habe ihn besucht, wenn man es so nennen will“, entgegnete sie. „Aber das bedeutet keineswegs irgendetwas Negatives oder Schlechtes.“

Leise fluchend wandte er sich ab, und sie blickte zornig hinter ihm her. Nach allem, was sie für die Familie getan hatte, nach all den Opfern, die sie gebracht, und den Träumen, die sie aufgegeben hatte, hätte sie sich wirklich mehr Anerkennung und Entgegenkommen gewünscht. Immerhin war sie im Begriff, sich in einen Mann zu verlieben, den sie nie würde heiraten können. Und das alles nur, um das Restaurant weiterführen und ihre Angehörigen vor dem Ruin retten zu können. Etwas mehr Unterstützung hätte sie auf jeden Fall erwartet.

„Warum hast du es mir verheimlicht?“ Mit vorwurfsvoller Miene drehte er sich wieder zu ihr um.

„Weil …“ Warum habe ich es ihm nicht erzählt?, überlegte sie. Eigentlich hatte sie keine Geheimnisse vor ihm. Dass sie es ihm verschwiegen hatte, konnte er so auslegen, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. Doch dafür gab es gar keinen Grund.

„Wahrscheinlich wollte ich keine falschen Hoffnungen wecken“, improvisierte sie.

„Oh Isabella, meine schöne Tochter.“ In seiner Stimme schwang Verzweiflung, und er schwankte, als würde er jeden Augenblick zusammenbrechen. Sogleich kam sie ihm zu Hilfe und hielt ihn fest, ehe sie ihn am Arm packte und mit ihm zurück in das Haus ging. Durch die Küche, wo Susa gerade Schokolade raspelte, führte sie ihn in den kleinen Raum dahinter, damit er sich ausruhen konnte.

Nachdem er sich bequem hingesetzt hatte, gesellte sie sich zu Susa. „Was geht hier vor? Warum regt er sich so auf?“

Susa zuckte die Schultern. „Er hat nicht ganz unrecht. Beziehungen mit Prinzen bringen nichts Gutes.“

„Da bin ich anderer Meinung. Etwas Gutes hatte es schon.“ Isabella wies auf die Tasche mit dem Basilikum. „Außerdem mag ich diesen Mann, und er mag mich. Wir haben Spaß miteinander. Das ist alles.“

Die ältere Frau schüttelte den Kopf. „Das behaupten alle am Anfang. Das böse Erwachen kommt später.“

„Mein Vater und du vertraut mir nicht. Vielleicht wäre es besser, ich würde mir in Rom eine Stelle suchen.“

„Darüber kannst du ja nachdenken. Momentan hat dein Vater allerdings noch ganz andere Sorgen. Fredo Cavelli hat bei der Gemeindeverwaltung eine Beschwerde eingereicht.“

Das waren schlechte Nachrichten. „Wenn der Beschwerde nachgegangen wird, müssen wir einen Rechtsanwalt einschalten. Doch woher soll das Geld dafür kommen?“

„Dein Vater ist der Meinung, er könne sich selbst verteidigen.“ Susa schüttelte den Kopf.

Isabella seufzte. Kaum hatte sie ein Problem gelöst, musste sie sich mit dem nächsten auseinandersetzen.

„Ich werde Cristiano und Valentino schreiben und sie bitten, nach Hause zu kommen, um mitzuhelfen, diesen Angriff auf unsere Existenz abzuwehren.“ Warum sind meine Brüder nie da, wenn man sie braucht?, dachte sie ärgerlich. „Ich hoffe, sie kommen sowieso zu papàs Geburtstag.“

„Willst du eine Party geben?“

Isabella entspannte sich etwas. „Natürlich wird es eine Feier geben, allerdings nur im Familienkreis. Papà braucht moralische Unterstützung.“

„Gut, dann bekommt er von mir die schönste Torte seines Lebens“, verkündete Susa und wirkte schon wieder etwas glücklicher.

Isabella lachte und umarmte die ältere Frau liebevoll.

Am nächsten Tag fuhr Isabella trotz aller Probleme wieder zum Palazzo. Und genauso wie am Vortag ritt Max mit ihr zum Abhang. Dieses Mal nahmen sie allerdings das Picknick mit, das sie vorbereitet hatte, und setzten sich mittags bei strahlendem Sonnenschein oben auf den Hügel.

Sie erzählte Max von dem unfreundlichen Empfang nach ihrer Rückkehr am Tag zuvor. Er spürte, dass sie sich immer noch etwas ärgerte.

„Deine Leute lieben dich“, meinte er. „Deshalb haben sie das Gefühl, dich beschützen zu müssen.“

„Du meinst, sie glauben, sie müssten mich kontrollieren“, korrigierte sie ihn.

„Ja, das auch. Ich bin überzeugt, ihre Hauptsorge gilt dem Restaurant, und das trübt ihr Urteilsvermögen. Hast du schon einmal daran gedacht, dir Geld zu leihen, um die schwierige Zeit durchzustehen?“, fragte er.

Sie hatte das Gefühl, dass er ihrer Familie ein Darlehen anbieten wollte, und bekam Herzklopfen. Das war unglaublich großzügig, wie sie fand. Sie schüttelte jedoch den Kopf.

„Das ist unmöglich. Mein Vater steckt schon bis über den Kopf in Schulden“, erwiderte sie.

„Hm.“

Lächelnd sah sie ihn an. Diesen Mann zu lieben würde ihr nicht schwerfallen. Eine gewisse Traurigkeit strahlte er zwar immer noch aus, er wirkte jedoch nicht mehr so schwermütig. Sein Lachen kam jedenfalls von Herzen, dessen war sie sich sicher. Dass er sich ihr immer mehr öffnete, hätte sie noch vor wenigen Tagen für unmöglich gehalten.

Sie war froh über die Entwicklung, denn sie hatte viele Ideen und Pläne. Am liebsten hätte sie jetzt schon mit ihm darüber geredet, ihr war aber bewusst, dass sie behutsam vorgehen musste, um ihn nicht in die Flucht zu schlagen.

Max hingegen hatte keine Pläne. Er genoss den schönen Tag und das Zusammensein mit ihr. Ihre Begeisterungsfähigkeit fand er ganz bezaubernd. Er hatte ihr nur nicht den Spaß verderben und ihr nicht sagen wollen, dass er ihre Vorstellungen bezüglich der Weinberge für ziemlich unrealistisch hielt.

Schließlich hatten sie sich darauf verständigt, dass Isabellas Freund sie sich ansehen und ihm einen Kostenvoranschlag unterbreiten sollte. Danach würde er darüber nachdenken, ob er sie pflegen lassen wollte oder nicht. Unterdessen würde sie ihm hoffentlich wieder eine Pasta mit dieser köstlichen Sauce zubereiten.

Isabella hatte ein gutes Gefühl bei der Sache. Max war offensichtlich bereit, etwas in seinem Leben zu ändern und aus seinem Schneckenhaus herauszukommen.

9. KAPITEL

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Unter irgendeinem Vorwand fuhr Isabella fast täglich zum Palazzo, und auch Max fand immer wieder einen Grund, weshalb sie zu ihm kommen sollte. Sie verstanden sich gut und entdeckten viele gemeinsame Interessen. Er erzählte ihr alles über seine Kindheit, und sie stellte tausend Fragen. Er wollte alles über den Ort, Isabellas Brüder, ihren Vater, ihre Kindheit und Jungmädchenträume wissen.

„Ich habe eine Zeit lang die Bibliotheksschule besucht“, erzählte sie mit leuchtenden Augen. „Es war mein Traum, Bibliothekarin zu werden und in Rom mit all dem Trubel und dem geschäftigen Treiben zu arbeiten.“

„Weshalb hast du das Vorhaben aufgegeben?“

„Mein Vater wurde krank, und meine Brüder waren weg. Also bin ich nach Hause zurückgekommen, um ihm zu helfen.“

Genauso hatte er es sich vorgestellt. Sie war diejenige in der Familie, der man alles aufbürdete. Und jetzt wollte sie sich auch noch mit seinen Problemen belasten.

Sie erzählte ihm alles über das Restaurant, was er wissen wollte, und noch viel mehr. Dass sie sich große Sorgen um ihren Vater und die finanzielle Situation der Familie machte und es sie beunruhigte, wie unüberlegt und wenig durchdacht ihr Vater die Dinge erledigte. Am Ende vertraute sie Max sogar an, wie sehr Fredo Cavelli ihnen zusetzte.

Er runzelte die Stirn. „Kann er euch wirklich schaden?“

„Bis vor Kurzem hätte ich gesagt, es sei unmöglich. Ich habe ihn für einen Nörgler gehalten, der gegen meinen Vater einen Groll hegte. Neuerdings ist er allerdings mit dem Bürgermeister befreundet und sitzt jetzt sogar im Planungsausschuss. Seitdem fängt er an, uns zu nerven.“ Max ist der einzige Mensch, mit dem ich so offen über alles reden kann, überlegte sie.

„Wenn dein Vater einen Kredit benötigt …“, begann er.

„Nein, nein, Max“, wehrte sie sogleich energisch ab. „Lieb von dir, dass du das ansprichst, aber mein Vater braucht jetzt vor allem seine Angehörigen, die ihm helfen.“

Max nickte. „Du wirst es schaffen“, meinte er. „Auf dich hören sicher alle.“

„Wie kommst du denn darauf? Das tut niemand!“

„Doch, du musst ihnen nur klarmachen, wie wichtig für euch alle die Familie ist. Versuch es einfach. Du wirst überrascht sein über den Erfolg.“ Er drückte ihr die Hand. „Wenn dein Vater wirklich ernsthafte Schwierigkeiten mit dem Planungsausschuss oder anderen Behörden bekommt, schalte ich mich gern ein und lasse meine Beziehungen spielen.“

Sie freute sich über das Angebot, bedankte sich und beschloss, seinen Rat zu befolgen.

Es war kaum zu glauben, wie sehr sich ihr Leben in so kurzer Zeit verändert hatte. Dass sie einmal im Palazzo ein und aus gehen würde, hätte sie nie für möglich gehalten. Und auch nicht, dass sie sich dort wohlfühlte.

Zu ihrer Überraschung hatte sie inzwischen in Renzo einen Verbündeten gefunden.

„Sie wissen, was ich vorhabe, oder?“, fragte sie ihn eines Tages, als Max mit einem Geschäftspartner telefonierte.

„Nein, Signorina Isabella. Vielleicht können Sie es mir erklären.“

Sie atmete tief durch. „Ich versuche, den Prinzen aus seinem Schneckenhaus zu locken, damit er wieder mehr am Leben teilnimmt.“

„Ah ja“, antwortete er mit undefinierbarer Miene.

„Seit fast zehn Jahren lebt er hier völlig isoliert und hat nur Kontakt mit Ihnen und seiner Familie.“

„Ja, Signorina Isabella.“

„Glauben Sie, es sei gut für ihn?“

„Na ja, ich habe das Gefühl, dass es ihm besser geht, seit er Sie kennt“, antwortete Renzo nach kurzem Zögern.

Erleichtert lächelte sie. Ihre Befürchtung, er würde ihr übel nehmen, dass sie sich einmischte, erwies sich glücklicherweise als unbegründet. „Ich bin froh, dass Sie das sagen. Dann stimmen Sie mir also zu? Es ist höchste Zeit für eine Veränderung, oder?“ Mit angehaltenem Atem wartete sie auf seine Entscheidung.

„Oh ja, ich bin ganz Ihrer Meinung.“

„Wunderbar. Ich hatte schon befürchtet …“

„Nein, Signorina Isabella“, unterbrach er sie entschieden, „Sie können sich auf meine Unterstützung verlassen.“

Spontan drückte sie ihm die Hand. „Vielen Dank, Renzo. Ganz herzlichen Dank.“

„Ich kenne ihn schon seit seiner Kindheit“, fuhr der ältere Mann mit ernster Miene fort. „Er ist ein ganz besonderer Mensch, aber er hat sich zu sehr in seinen Schmerz vergraben und zu sehr gelitten. Er hat etwas Besseres verdient als dieses einsame Leben.“

„Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu.“

Er nickte und schien so etwas wie ein Lächeln anzudeuten. „Von Anfang habe ich gespürt, dass Sie eine großherzige junge Dame sind. Wie gesagt, ich helfe Ihnen, wo und wann immer ich kann.“

Was für eine Erleichterung, Max’ treuesten und engsten Mitarbeiter auf ihrer Seite zu wissen. Das machte ihr Mut.

Am nächsten Tag brachte sie ihren Freund mit, der sich die Weinberge ansehen wollte. Sie hatte Giancarlo natürlich darauf vorbereitet, was ihn erwartete, und ihm Tipps gegeben, wie er sich Max gegenüber verhalten sollte. Er machte seine Sache recht gut und zeigte beim Anblick von Max’ Gesicht höchstens ein leichtes Erstaunen. Jedenfalls hatte er sich rasch wieder unter Kontrolle und redete mit ihm wie mit jedem anderen.

Dann galt es, Max davon zu überzeugen, dass es sich lohnte, einen größeren Betrag zur Instandsetzung der Weinberge zu investieren. Giancarlo führte gute Argumente an, und Max versprach, darüber nachzudenken. Und als Isabellas Freund am nächsten Tag mit einem anderen Experten zurückkam, verlief auch dieses Gespräch in entspannter und angenehmer Atmosphäre.

Isabella merkte, dass Max sich immer mehr öffnete und Fremde um sich her akzeptierte.

„Da du so lange allein und zurückgezogen gelebt hast, hast du so etwas wie eine Paranoia entwickelt“, stellte sie eines Tages fest, als sie zum Mittagessen auf der Veranda saßen. „Die meisten Menschen akzeptieren das Anderssein, sobald sie sich daran gewöhnt haben. Nur im ersten Moment sind sie etwas überrascht, das ist alles.“

„Du hast dich mit diesem Thema intensiv beschäftigt, nehme ich an“, neckte er sie.

„Klar. Leben und leben lassen ist die Devise“, entgegnete sie.

Er schüttelte den Kopf und verzog spöttisch die Lippen. „Du bist eine Träumerin.“

„Wenn das stimmt, ist es zumindest ein schöner Traum.“ Sie warf ihm einen belustigten Blick zu. „Warum träumst du ihn nicht mit mir zusammen?“

Natürlich wusste er, was sie meinte, und zuckte die Schultern. „Wozu brauchen wir hier in der Gegend noch ein Weingut? Kannst du mir das verraten, bella?“

Sie beugte sich zu ihm hinüber. „Darum geht es nicht, sondern darum, dass du wieder dazugehörst. Stell dir doch vor, wie viele Arbeitsplätze du schaffen könntest. Zahlreiche Menschen wären dadurch in der Lage, ihre Existenzgrundlage zu verbessern, und das hätten sie nur dir zu verdanken.“

„Und wenn es mir nun egal ist, ob Leute, die mir unbekannt sind, angenehmer leben können oder nicht?“, fragte er und musste sich ein Lächeln verbeißen.

„Es sollte dir aber nicht gleich sein“, erklärte sie mit Nachdruck. „Und deshalb musst du endlich aus deiner Isolation heraus und am Geschehen um dich her teilnehmen. Dann lernst du die Menschen kennen, und sie werden dir nicht mehr egal sein.“

Obwohl er insgeheim aufstöhnte, ließ er sie gewähren.

Eines Tages brachte Isabella Pflanzen mit für die Beete um das Mausoleum herum. Sie liebte diesen Ort, und Max begleitete sie. Er half ihr beim Umgraben und erzählte, dass seine schöne Mutter dieses Fleckchen Erde geliebt habe. Und dann erfuhr Isabella auch noch, wie sehr seine Mutter gelitten hatte, als die Leute sich von ihr abwandten, nachdem ihre Schönheit verblasst war.

„Bei einer schönen Frau steht das Äußere leider im Mittelpunkt“, meinte Isabella. „Alles andere, was sie macht und darstellt, wird nicht zur Kenntnis genommen oder höchstens am Rande erwähnt.“

„Ja“, stimmte er ihr zu und nickte. „Der Starkult fordert seine Opfer, meine Mutter war eins davon.“

Sie sah ihm in die Augen und war sich ziemlich sicher, dass das, was mit seiner Mutter geschehen war, sein Denken stark prägte und es ihm besonders schwer machte, mit seinem Schicksal, das ähnliche Züge trug, zurechtzukommen.

„Es ist eine traurige Geschichte, aber du solltest dich davon nicht zu sehr beeinflussen lassen.“

Ja, sie hat recht, gestand er sich ein.

Später am Abend nahm Isabella all ihren Mut zusammen und stellte Renzo eine heikle Frage. Sie hatte gerade in der Küche das Abendessen zubereitet und packte alles zusammen, was sie mitgebracht hatte. Max saß in seinem Arbeitszimmer am Computer.

„Renzo“, begann sie und drehte sich zu ihm um, „ich weiß, dass sich der Prinz die Gesichtsverletzungen bei einem Autounfall zugezogen hat, aber ich kenne keine Einzelheiten. Würden Sie mir erzählen, was genau passiert ist?“

„Haben Sie ihn denn noch nicht selbst gefragt?“, antwortete er mit regloser Miene.

„Nein, ich möchte nicht daran rühren. Es könnte für ihn zu schmerzlich sein. Wenn Sie jedoch lieber nicht darüber reden möchten …“

Langsam schüttelte er den Kopf. „Es ist besser, Sie fragen ihn selbst, Signorina Isabella.“

„Ja, wahrscheinlich wäre es das.“ Sie seufzte, ging hinaus auf die Terrasse und betrachtete den Sternenhimmel. Sollte sie Max wirklich fragen und alte Wunden aufreißen? Wenn sie die Wahrheit herausfinden wollte, blieb ihr vermutlich keine andere Wahl.

Wenig später gesellte er sich zu ihr.

„Max, ich möchte gern wissen, was geschehen ist.“ Sie ließ die Finger sanft über seine Wange gleiten. „Erzählst du es mir?“

Er hielt ihre Hand fest. „Willst du die offizielle Version hören oder die Wahrheit?“ Es klang verbittert.

„Heißt es nicht, die Wahrheit sei wie eine Befreiung?“

„Man sagt vieles, was gut klingt, sich letztlich aber nur als hohle Phrase erweist.“ Er schob die Hände tief in die Taschen. „Okay, bella, du sollst es erfahren. Es ist an dem Abend passiert, als Laura ertrunken ist.“

Es gab ihr einen Stich ins Herz. Genau das habe ich befürchtet, dachte Isabella.

„Obwohl mir klar war, dass keine Hoffnung mehr bestand, bin ich mit ihr wie ein Wahnsinniger zum Krankenhaus gerast und habe um ein Wunder gebeten. Sie haben alles Menschenmögliche getan, aber sie …“ Ihm versagte die Stimme, und er rang nach Fassung.

Isabella wünschte, sie könnte ihm die Bürde tragen helfen. Doch das war natürlich unmöglich.

„Die Ärzte konnten keine Wunder wirken, Laura war wirklich tot“, fuhr er schließlich rau fort. „Alles war hoffnungslos. Meine Frau und das ungeborene Kind sind ertrunken, während ich ganz in der Nähe ein Nickerchen machte. Ich war völlig verzweifelt, und in den tiefen Schmerz mischten sich fürchterliche Schuldgefühle. Es war einfach mehr, als ich ertragen konnte. Auf der Rückfahrt fuhr ich immer schneller und sah keinen Grund, das Tempo zu drosseln. Das Leben hatte keinen Sinn mehr für mich, es würde nur noch die Hölle auf Erden sein.“

„Oh Max, du bist doch nicht etwa absichtlich …?“

„Doch“, gab er widerstrebend zu. „Ich bin direkt auf den Baum zugefahren und hatte nur noch den einen Wunsch: bei Laura zu sein.“

Was für eine tragische Geschichte. Er hatte sein Leiden beenden wollen, es aber nur noch schlimmer gemacht. Jetzt wusste er nicht, wie er aus dem Gefängnis, das er sich geschaffen hatte, ausbrechen sollte. Isabella begriff, dass er sich absichtlich quälte, weil er glaubte, er hätte es verdient. Er scheute nicht nur die Reaktion der Menschen auf seine Narben, sondern hielt es für eine angemessene Strafe und war der Meinung, er hätte kein Recht, die einmal getroffene Entscheidung, sein Schicksal anzunehmen, umstoßen zu dürfen.

Plötzlich brach sie in Tränen aus. Sie wollte sich abwenden, aber Max ließ es nicht zu. Sanft und behutsam nahm er sie in die Arme und hielt sie fest, während sie um Laura und das Kind und um Max und seinen unermesslichen Schmerz weinte. Und sie weinte auch um sich selbst.

„Beruhige dich, bella“, bat er sie leise. „Ich habe nur bekommen, was ich verdiene.“

Das machte alles noch viel schlimmer, und sie schluchzte immer heftiger. Als sie sich endlich wieder unter Kontrolle hatte, löste sie sich von ihm und sah ihn an, während sie die Tränen wegwischte.

„Ich habe dein Hemd ruiniert.“ Sie legte die Hand auf die feuchte Stelle und spürte sein Herz so wild klopfen, als hätte er gerade einen Dauerlauf hinter sich.

Prompt fing auch ihr Herz an zu rasen, und sie sah ihn erwartungsvoll an.

Autor

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