Hochzeitsglocken für Schwester Jill

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"Willst du mich heiraten?" Als Dr. Charles Wetherby ihr spontan einen Antrag macht, sagt Jill sofort Ja. Offiziell natürlich zu einer reinen Zweckehe, um ihr gemeinsames Pflegekind adoptieren zu können. Insgeheim findet sie ihren Chef allerdings unwiderstehlich sexy …
  • Erscheinungstag 17.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733734688
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Ihr müsst verheiratet sein, sonst kommt sie woandershin.“

Toms Worte schlugen in Charles Wetherbys Büro wie eine Bombe ein. Jill und Charles starrten Lilys Onkel ungläubig an.

Wendy brach die lastende Stille. Wendy war Lilys Sozialarbeiterin. Sie hatte sich um die Formalien gekümmert, nachdem die Eltern des kleinen Mädchens vor einem Jahr tödlich verunglückt waren, und sich dafür eingesetzt, dass Charles und Jill für Lily sorgen konnten.

„Fassen wir noch einmal zusammen“, sagte sie und gewann damit Zeit in einer Situation, die außer Kontrolle zu geraten drohte. „Bisher ist doch alles gut verlaufen, Tom.“

Damit hatte sie recht. Lilys Mutter war eine entfernte Cousine und ihr Mann ein guter Freund von Dr. Charles Wetherby gewesen, dem Medizinischen Direktor des Crocodile Creek Base Hospital. Und Jill Shaw war die Pflegedienstleiterin der Klinik.

„Wir haben sie so gern bei uns“, flüsterte Jill.

Weder sie noch Charles mochten sich das sechsjährige Mädchen in einer fremden Familie vorstellen. Sie kümmerten sich gemeinsam um Lily, hatten sogar eine Verbindungstür in die Wand zwischen ihren Wohnungen einsetzen lassen, um dem Kind ein richtiges Zuhause zu geben. Sie waren in fast jeder Beziehung Partner. Aber Tom schien das nicht zu genügen. Er war Lilys gesetzlicher Vormund, hatte selbst sechs Kinder aus zwei Ehen und wollte seine Nichte nicht bei sich aufnehmen. Dennoch störte er sich an Lilys Lebensumständen.

„Bei Charles und Jill ist sie wirklich sehr gut aufgehoben“, betonte Wendy. „Für Lily wäre es das Beste, wenn sie in Crocodile Creek bleiben könnte. Sie wurde hier geboren, hat hier ihre Freunde. Hier war von Anfang an ihr Zuhause, und das ist für ihr Wohl und ihre Entwicklung sehr wichtig.“

„Die Leute stellen Fragen. Warum wir sie nicht nehmen und so weiter. Das macht meiner Frau ein schlechtes Gewissen. Zu uns kann sie nicht, aber ich will nicht immer wieder antworten müssen, dass sie in Pflege ist. Ich will, dass sie adoptiert wird, und meine Frau meint, dass die Leute, die sie nehmen, verheiratet sein müssen. Wir möchten sagen können, dass sie anständig untergekommen ist.“

Anständig untergekommen … wie ein streunender Hund, dachte Charles. Aber Lily war kein Streuner, sondern eine muntere Sechsjährige, die die Herzen aller im Sturm eroberte. Doch es waren Narben geblieben, für die meisten anderen unsichtbar. Er sah den Wagen vor sich, schrottreif nach dem furchtbaren Unfall. Man hatte die Fahrerkabine aufschneiden müssen, um die beiden Toten zu bergen, und erst da das kleine Mädchen entdeckt, das starr vor Schreck hinter den Sitzen kauerte.

„Sie braucht uns, Tom“, sagte er barsch. „Nach außen hin wirkt sie fröhlich, ein lebhaftes Mädchen, das für jedes Abenteuer zu haben ist. Doch für ein Kind ihres Alters ist sie zu selbstständig, zu unabhängig. Und sie hat fast jede Nacht Albträume.“

„Sie fängt gerade an, sich uns zu öffnen“, fügte Jill eindringlich hinzu.

Charles blickte zu ihr hinüber. Das Vertrauen ins Leben wiederfinden … das galt nicht nur für Lily, sondern auch für Jill. Um einer brutalen Ehe zu entrinnen, war sie nach Crocodile Creek geflüchtet und begann erst jetzt allmählich, sich zu entspannen. Jill hatte das kleine Mädchen tief in ihr Herz geschlossen. Und er selbst?

Er war zwanzig Jahre allein gewesen, ein Einzelgänger. Dass er ein Loch in seine Esszimmerwand reißen ließ, um sein Leben mit Jill und Lily zu teilen, war längst nicht selbstverständlich. Und nun drohte man ihm Lily wegzunehmen!

„Wir möchten, dass sie bei uns bleibt“, sagte er.

„Dann heiratet!“, fuhr Tom ihn an.

„Das geht nicht“, flüsterte Jill.

„Doch.“ Charles drehte seinen Rollstuhl so, dass er ihr direkt in die Augen sehen konnte. „Warum nicht? Wir tun es für Lily.“

Einen Moment lang herrschte Stille. Dann lächelte Wendy erleichtert. Sie musste ein Kind, um das sie sich immer noch Sorgen machte, nicht weiterreichen.

Tom war auch zufrieden. „Aber bringt das schnell über die Bühne. Wie lange braucht man für das Aufgebot und den anderen Kram? Ich gebe euch vier Wochen. Danach lasse ich sie von jemand anders adoptieren.“

Er verabschiedete sich mit grimmiger Miene und verließ das Haus. Nein, er hatte Lily nicht noch einmal sehen wollen. Tom mochte ihr Onkel sein, aber sie interessierte ihn nicht.

„Das ist großartig“, sagte Wendy, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Das Krankenhaus war ein lang gestreckter, flacher Bau, eingebettet in tropische Gärten und mit Blick auf den Ozean. Wendy sah durchs Fenster nach draußen, wo Lily auf einer Reifenschaukel saß, die von einem mächtigen Feigenbaum herabhing. „Einfach fantastisch!“

„Es bedeutet, dass sie bleiben kann“, meinte Charles mit einem unsicheren Blick zu Jill.

„Mehr als das“, antwortete Wendy sanft. „Lily braucht Zuwendung, Menschen, die bereit sind, für sie da zu sein.“

„Das sind wir.“ Endlich brach Jill ihr Schweigen.

„Nein, ihr tut das, was ihr für richtig haltet. Keiner von euch lässt sich wirklich auf sie ein.“

„Was zum Teufel meinst du damit?“, wollte Charles wissen.

„Ihr seid beide auf eure Unabhängigkeit bedacht und lebt für euren Beruf. In der Vergangenheit hat euch das Schicksal übel mitgespielt, sodass es nur natürlich ist, dass jeder von euch sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen hat, um nicht wieder verletzt zu werden. Dennoch seid ihr liebenswert und sehr sympathisch.“ Wendy schob ihre Unterlagen zusammen, bereit, aufzubrechen. „Sonst hätte ich Lily niemals in eure Obhut gegeben. Aber ihr müsst lernen zu lieben. Mehr als alles andere braucht dieses kleine Mädchen Liebe.“

„Wir lieben sie!“, unterbrach Jill sie heftig.

„So sehr, dass ihr bereit seid zu heiraten. Das hat mich überrascht – und unglaublich gefreut.“ Lächelnd stand sie auf. „Ihr schafft das. Du und Charles und Lily. Heiratet und lernt, euch auf all das einzulassen, was Liebe ausmacht. Danach kann ich Lilys Akte endgültig schließen. Ach ja, und ich möchte eine Einladung zu eurer Hochzeit! Tom hat euch nicht viel Zeit gelassen. Am besten fangt ihr gleich damit an, Blumen und die Hochzeitstorte zu bestellen.“

Damit verließ sie sie, beugte sich draußen zu Lily hinab, verabschiedete sich und verschwand dann. Für eine sechzigjährige grauhaarige Sozialarbeiterin hatte sie einen erstaunlich jugendlichen, schwungvollen Gang.

Jill und Charles starrten ihr nach. Vermieden es, einander anzusehen.

„Was hast du getan?“, sagte sie schließlich in die Stille hinein.

„Ich habe dich wohl gebeten, mich zu heiraten.“

„Ich … Das können wir nicht.“

„Warum nicht?“

„In einem Monat?“ Ihre Stimme klang erstickt.

„Stimmt, das könnte schwierig werden. Wir haben einiges vor uns.“

Vor sechs Monaten hatte ein tropischer Wirbelsturm entlang der nördlichen Küstenlinie von Queensland eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Der Schaden war katastrophal gewesen – weniger hier auf dem Festland als vielmehr draußen auf Wallaby Island. Dort hatte der Sturm die Krankenstation und vor allem Charles’ Lieblingsprojekt getroffen, eine Einrichtung für schwer kranke und behinderte Kinder. Mithilfe öffentlicher und privater Mittel und der tatkräftigen Unterstützung vieler Helferinnen und Helfer hatten sie das Camp wieder aufbauen können, und allmählich kehrte so etwas wie Normalität ein. In dieser Woche wurden die ersten Kinder erwartet. Am Samstag sollte es offiziell eröffnet werden.

„Ich glaube, Heiraten geht recht schnell.“ Charles rollte auf die Veranda hinaus.

Unschlüssig, wie sie sich verhalten sollte, folgte Jill ihm. Schweigend sahen sie aufs Meer hinaus.

„Ich hätte dich erst fragen müssen“, meinte Charles.

„Nein, das ist schon in Ordnung.“

„Geschieden bist du doch, oder?“

Ein kühles Lächeln umspielte ihren Mund. „Glaubst du ernsthaft, dass ich an dieser Ehe festgehalten hätte?“

„Jill, falls du irgendwann jemand anders heiraten möchtest …“ Charles drehte geschickt den Rollstuhl zu ihr herum. Mit seinem Gefährt war er genauso beweglich wie ein Mann auf seinen zwei Beinen. Als kleiner Junge war er Opfer eines Unfalls geworden, bei dem sein Bruder versehentlich auf ihn geschossen hatte. Mit eisernem Willen trainierte Charles auch heute noch täglich, sodass sein Körper athletisch war wie der eines Leistungssportlers. Die Lähmung betraf den unteren Lendenwirbelbereich. Charles konnte die Muskeln darüber voll kontrollieren, und seine Beine waren eingeschränkt funktionsfähig. An Unterarmgehstützen konnte er sich, wenn auch unter Mühen, fortbewegen. Und obwohl ihm Füße und Knie kaum gehorchten, absolvierte er tagtäglich ein hartes Trainingsprogramm, wofür Jill ihn nur bewunderte.

Insgeheim musste sie sich eingestehen, dass sie Charles überhaupt bewunderte. Ein kluger, hochintelligenter Mann, der eine natürliche Autorität ausstrahlte. Er war groß, schlank und vorzeitig ergraut, was seiner Attraktivität keinen Abbruch tat. Im Gegenteil, seine blitzenden grauen Augen und seine einzigartige Persönlichkeit hatten etwas magnetisch Anziehendes. Er mochte im Rollstuhl sitzen, er mochte über vierzig sein, aber Jill fand ihn einfach sexy.

Und er hatte sie gebeten, seine Frau zu werden.

Nein, er hatte gesagt, dass sie heiraten würden. Das war ein großer Unterschied.

„Willst du mich nicht heiraten?“, fragte sie, als er nicht weitersprach.

„Warum sollte ich das nicht wollen? Du bist eine sehr attraktive Frau.“

„Na klar.“

„Doch, das meine ich ernst.“

Sie blickte an sich hinunter. Lily und sie hatten sich heute Morgen die Fußnägel lackiert. Scharlachrot. Jill trug eine verwaschene Jeans und ein T-Shirt, bei dem die Ärmel herausgerissen waren. Ihr volles kastanienbraunes Haar trug sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, und ihr sommersprossiges Gesicht war ungeschminkt.

Jill war siebenunddreißig Jahre alt. Die jungen Krankenschwestern und Ärztinnen, die im Crocodile Creek Hospital arbeiteten, sahen blendend aus, jung, frisch, voller Leben. Verglichen mit ihnen fühlte sie sich alt. Angenagt vom Zahn der Zeit.

„Du kannst mir vertrauen“, sagte Charles sanft. „Unsere Ehe braucht nur auf dem Papier zu bestehen, wenn du die Vorstellung nicht erträgst, dass …“

Sie hob den Kopf, sah ihn an. Charles, der so klug, so intelligent war, so streng. Aber auch humorvoll, traurig und verschlossen. Wie komme ich bloß auf die Idee, ihn zu heiraten?

„Na… Natürlich besteht sie nur auf dem Papier“, brachte sie heraus.

„Selbstverständlich“, sagte er und klang plötzlich sehr müde.

„Tom lässt Lily nicht bei uns, wenn wir nicht heiraten.“ Jill wandte sich ab, kämpfte um Haltung. „Du willst Lily doch?“

„Du willst sie auch. Oder etwa nicht?“

Jill blickte in den Garten hinaus, wo sich Lily auf ihrer Schaukel höher und höher schwang. Will ich eine Tochter?

Mehr als alles auf der Welt, dachte sie. Ihr Leben war leer gewesen, bevor Lilys Eltern verunglückten. Leer, seit sie sich von ihrem Mann getrennt hatte. Vielleicht auch schon seit ihrer Hochzeit.

„Was zum Teufel hat er getan, dass du so ängstlich bist?“, wollte Charles wissen.

„Ich bin nicht ängstlich.“

„Nicht bei deiner Arbeit, das meinte ich nicht. Offen gesagt bist du die beste Krankenschwester, mit der ich jemals zusammengearbeitet habe. In deinem Privatleben allerdings …“

„Es ist alles in Ordnung.“

„Du lässt nicht viel heraus.“

„Du auch nicht.“

„Vielleicht habe ich allen Grund dazu“, murmelte er. „Verdammt, Jill, glaubst du, wir schaffen es, eine gute Ehe zu führen?“

„Ich … Wäre es so viel anders als das, was wir jetzt haben?“

„Wohl nicht. Aber ich muss dir einen Ring kaufen.“

„Musst du nicht.“

„Und ob! Lass es uns gleich offiziell machen.“ Er blickte auf seine Uhr. „Könnte allerdings etwas knapp werden. In einer halben Stunde steht die OP bei Muriel Mooronwa an, und ich habe Cal versprochen, ihm zu assistieren. Wenn wir Glück haben, sind die Geschäfte danach noch geöffnet. Und morgen muss ich zur Insel.“ Charles schwieg nachdenklich. „Ich hatte Lily versprochen, sie mitzunehmen. Was hältst du davon, den Dienstplan zu ändern, damit du mitfahren kannst? Dann könnten wir dort alle Einzelheiten besprechen.“

„Das geht nicht. Eine leitende Kraft sollte im Krankenhaus bleiben.“

„Ich bitte Cal und Gina hierzubleiben. Cal macht so oft Vertretung, dass er praktisch die Verantwortung trägt.“

„Er ist keine Krankenschwester. Ärzte glauben zwar, dass sie alles wissen, doch wenn es um Praktisches geht, sind sie meistens überfordert.“

„Willst du nicht mitkommen?“

„Nein“, erwiderte sie matt.

„Jill, wir müssen das nicht tun. Ich werde dich nicht gegen deinen Willen heiraten.“

„Natürlich nicht.“

Ärger blitzte in seinen grauen Augen auf. „Das ist mir zu wenig! Ich will keine unterwürfige Frau.“

„Was soll das heißen?“

„Das werde ich dir sagen: Ich habe dich als Pflegedienstleiterin eingestellt und erlebe dich in deiner Position als kompetent, durchsetzungsfähig, manchmal humorvoll und gelegentlich gefühlsmäßig stark engagiert. Eine Frau, die meinem Pflegepersonal guttut. Und diese Frau bitte ich, mich zu heiraten – und nicht einen Schatten dessen, was du bei Kelvin warst.“

„Über Kelvin bin ich hinweg.“

„Bist du nicht“, widersprach er sanft. „Ich könnte diesen miesen Kerl erwürgen. Aber viel mehr noch wünsche ich mir, dass du neu anfangen kannst. Mit einem tollen Mann, der dir ein unbeschwertes Leben bietet, mit Kindern, mit Tanzen gehen, mit allem, was dein Herz begehrt. Das kann ich leider nicht. Wir hängen fest mit dem, was das Schicksal uns in den Schoß gelegt hat. Doch wir wollen Lily ein schönes Zuhause schaffen. Ein Kind glücklich zu machen, ist ein wunderbares Ziel. Meinst du, es wäre eine gute Basis für eine Ehe?“

Jill holte tief Luft, drehte sich um und lehnte sich an die Verandabrüstung, um Charles anzusehen. „Ich höre mich undankbar an, ich weiß.“

„Nein, eher unsicher und verwirrt. So, wie ich mich fühle.“

„Du begräbst deine Träume.“

„Ich gestatte mir keine Träume. Wir wissen beide, wie es ist, wenn das Leben einem übel mitspielt. Dass man untergehen kann, wenn man seinen Verstand nicht benutzt. Und wir haben nicht wenig: unsere Freundschaft, gegenseitige Achtung und Lily. Genügt das nicht, um eine gute Ehe zu führen?“

„Für Lily?“

„Nicht nur.“ Charles beobachtete das Mädchen, das immer noch vergnügt schaukelte. „Auch ein bisschen für uns selbst.“

„Weil wir Lily lieben“, flüsterte Jill.

„Und weil es die beste Lösung ist. Was meinst du, Jill? Willst du mich heiraten?“

„Solange du keine … echte Ehe erwartest.“

„Nach außen hin muss sie echt wirken. Für Lily und alle anderen sollte klar sein, dass wir verheiratet und ihre Adoptiveltern sind.“

„Sie nennt uns Jill und Charles.“

„Wendy sagt, das macht nichts.“

„Ja, schon, aber ich fände es schön, wenn sie zu mir …“ Sie unterbrach sich. „Okay, damit kann ich leben. Charles, meinst du es wirklich ernst?“

„Sehr ernst.“

„Dann heirate ich dich“, flüsterte sie.

Es war eine ungewöhnliche, eine folgenschwere Entscheidung, doch Charles lächelte. „Eigentlich müsste ich jetzt vor dir auf die Knie sinken.“

„Und ich erröten und verlegen lächeln.“

„Es ist gut so, wie es ist.“ Er griff nach ihrer Hand, und bevor sie ahnte, was er vorhatte, küsste er sie zart auf den Handrücken. „Das Beste, was wir tun können. Und es gibt niemanden, den ich lieber heiraten würde als dich.“

Helles Gelächter drang zu ihnen herauf. Am anderen Ende des Rasens lag das Ärztehaus, wo junge Mediziner aus aller Welt wohnten. Sie kamen für ein oder zwei Jahre, um in dieser abgeschiedenen Gegend freiwillig Dienst zu leisten. Zwei Frauen eilten den Weg entlang, beide in weißen Kitteln, das Stethoskop um den Hals. Sie waren herrlich jung und unbeschwert, eine hübscher als die andere.

Er möchte niemanden lieber als mich heiraten? Das wagte Jill zu bezweifeln. Charles war ein wunderbarer, ein atemberaubender Mann. Dass er körperlich eingeschränkt war, spielte für sie keine Rolle.

Für ihn hingegen schon. Ein Grund, warum er nie sein Herz verschenken würde.

Dann kann ich ihn auch heiraten, dachte sie. Außerdem … Fast versteckt, ganz tief in ihr regte sich der Gedanke, dass es … nun ja, interessant werden könnte, mit Charles Wetherby verheiratet zu sein. Charles, den einstimmig alle weiblichen Wesen, die hier gearbeitet hatten oder noch arbeiteten, als den aufregendsten Mann im Rollstuhl bezeichneten, den sie je gesehen hatten.

„Okay.“ Jill brachte sogar ein Lächeln zustande. Ein echtes Lächeln, das sich gut anfühlte.

„Was ist okay?“

„Ich heirate dich.“

„Sehr schön.“ Lächelnd gab er ihre Hand frei. „Lass uns diese OP über die Bühne bringen, und dann fahren wir in die Stadt und kaufen dir einen Ring.“

„Einen Ring?“

„Und zwar einen verdammt großen Diamanten. Wenn schon, denn schon.“

„Nein, Charles.“

„Doch, Jill.“ Er schwang den Rollstuhl herum und rollte zu der Rampe, die auf den Weg führte. Die Entscheidung war gefallen, jetzt ging es weiter. „Wir sollten es Lily sagen.“

„Noch nicht“, bat sie. Es kam alles so plötzlich, sie brauchte ein bisschen Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen.

„Dann heute Abend, wenn wir sie ins Bett bringen. Je eher sie Bescheid weiß, umso besser. Uns bleibt nicht viel Zeit, um die Hochzeit zu organisieren. Wir sollten keine Minute davon verschwenden.“

2. KAPITEL

Nicht dass Charles jemals Zeit verschwenden würde. Stillstand kannte der Mann gar nicht.

Jill reichte Cal die gewünschten Instrumente, während er bei Muriel Mooronwa den Leistenbruch operierte. Der Eingriff war längst überfällig, und es grenzte an ein Wunder, dass Muriel ihm endlich zugestimmt hatte.

Das verdankte sie Charles. Vor zehn Jahren wären Frauen wie sie immer schwächer geworden, bis sie an den Folgen der Hernie starben. Muriel gehörte, neben vielen anderen in dieser Gegend, zu den indigenen Australiern, die bei ihrem Stamm aufgewachsen waren. Sie scheute Großstädte und alles, wofür sie standen. Sie misstraute weißen Ärzten. Doch Charles hatte für diese Menschen eine medizinische Grundversorgung aufgebaut, die ihresgleichen suchte.

Nachdem Charles angeschossen worden war, galt er bei seiner Familie, einer Dynastie wohlhabender, einflussreicher Farmer, als nutzlos. Was sie verloren, bedeutete für die Region jedoch einen Riesengewinn. Charles studierte Medizin, um hinterher in seiner Heimat eine Klinik aufzubauen, von der andere abgeschiedene Siedlungen im Outback nur träumen konnten. Er hatte eine Vision: Er wollte Bedingungen schaffen, um Ärzte aus aller Welt hierherzuholen. Manche überzeugte er sogar, für immer zu bleiben. Wie den hochbegabten Chirurgen Cal oder Gina, eine amerikanische Kardiologin. Jill war immer wieder verblüfft, wie Charles es schaffte, andere für seine Pläne zu begeistern.

Und es blieb nicht bei der Klinik. Sobald sie und die angeschlossene Flugrettung auf festen Füßen standen, kam das Kindercamp auf Wallaby Island dazu. Hier sollten behinderte und kranke Kinder aus ganz Australien die schönsten Ferien ihres Lebens verbringen können, ohne auf erstklassige Reha-Maßnahmen verzichten zu müssen.

„Tagträumerchen“, sagte Charles sanft, dem nichts entging. Die OP war nahezu beendet, Cal schloss die Wunde. „Wovon träumst du, von Diamanten?“, fügte er neckend hinzu.

Jill schnappte nach Luft. „Nein!“

„Habe ich richtig gehört?“ Cal machte große Augen. „Diamanten?“

„Vielleicht nur einer“, entgegnete Charles. „Jill, da Gina und Cal unsere Chefbabysitter sind, sollten sie es zuerst erfahren, oder? Was meinst du?“

„Wollt ihr beiden heiraten?“

„Nur wegen Lily“, antwortete Jill hastig.

Die Freude in Cals Blick verlor an Glanz. „Warum?“

„Wenn wir nicht heiraten, wird Lily von jemand anders adoptiert“, erklärte Charles. „Und wir haben uns daran gewöhnt, sie bei uns zu haben.“

„Du meinst, ihr liebt sie“, erwiderte Cal lächelnd. „Was ist passiert?“

„Ihr Onkel will sie adoptieren lassen. Er ist ihr Vormund und möchte, dass sie bei einem Ehepaar aufwächst.“

„Wir können sie nicht weggeben“, sagte Jill. „Alle hier lieben Lily.“

„Oh, ja.“ Cal dachte sicher daran, wie oft Lily mit seinem und Ginas Sohn spielte. Der kleine CJ und Lily waren die besten Freunde. „Wann ist der große Tag?“

„Ich … Wir haben vier Wochen Zeit.“

„Hey, das ist der beste Anlass, um eine Party zu feiern!“, begeisterte sich Cal.

„Wir heiraten im kleinen Kreis.“ Die Worte waren heraus, ehe Charles darüber nachdenken konnte. „Kein Brimborium.“

„Kein Brimborium“, wiederholte Jill.

Charles warf ihr einen Blick zu. Er hätte sich treten können, dass er schon wieder entschieden hatte, ohne sie zu fragen.

„Und keine Fotos“, setzte sie mit ausdrucksloser Stimme hinzu.

Von Freude keine Spur.

Natürlich nicht. Ihre erste Ehe war die Hölle gewesen. Was für andere das höchste Glück bedeutete, barg für Jill die schlimmsten Erfahrungen ihres Lebens. Kein Wunder, dass sie ihrem Hochzeitstag nicht jubelnd entgegensah.

Charles wusste nur wenig aus ihrer Vergangenheit, und diese Einzelheiten hatte er nicht von Jill, sondern von seinem Freund Harry, dem Polizisten von Crocodile Creek. Sie war noch sehr jung gewesen, als sie heiratete, und ohne jede familiäre Unterstützung. Ihr Mann misshandelte und demütigte sie auf das Schlimmste. Mehrmals hatte sie vergeblich versucht, ihm zu entkommen. Der letzte Versuch wäre für sie beinahe tödlich ausgegangen. Hätte ein Urlauberpaar nicht zufällig vom Anlegesteg aus beobachtet, wie Jill vom Fischerboot ihres Mannes ins Wasser stürzte, und sie gerettet, hätte sie nicht überlebt.

Zum Glück hatten die traumatischen Ereignisse diese kluge, mutige Frau nicht brechen können. Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, begann sie mithilfe von Mitarbeiterinnen des Frauenhauses weitab vom Wohnort ihres Mannes ein neues Leben. Mit einem neuen Namen und einer Ausbildung zur Krankenschwester.

Jill bestand ihr Examen mit Auszeichnung. Als sie sich bei ihm auf die Stelle der Pflegedienstleitung bewarb – in einer der entlegensten Regionen Australiens –, da hatte Charles sein Glück nicht fassen können.

Doch Jill war nicht glücklich. Sie wirkte mitgenommen, als hätten die Ereignisse des Nachmittags sie jeglicher Kraft beraubt. Hatte sie Angst? Nicht nur davor, dass ihr Exmann sie finden könnte, sondern auch vor ihm? Verdammt, sie sollte wissen, dass ich ihr niemals wehtun würde, dachte Charles. Außerdem war sie einverstanden gewesen. Sie liebt Lily, sie will, dass wir heiraten.

„Cal, wir sind fertig“, sagte er unbeabsichtigt barsch. „Könntet Gina und du noch ein paar Stunden auf Lily aufpassen?“

„Klar. Wir müssen für den Trip nach Wallaby Island packen. Das geht schneller, wenn Lily uns CJ vom Hals hält.“

„Gut.“ Er musste auch packen, doch das konnte warten. „Sagt Lily noch nichts, sie soll es erst heute Abend von uns erfahren. Jill und ich wollen essen gehen und müssen jetzt los.“

„Es ist gerade mal vier Uhr“, meinte Jill verwundert. „Wozu die Eile?“

„Wir müssen uns umziehen und in der Stadt sein, bevor der Juwelier schließt. Ich war noch nie verlobt, und wenn wir schon heiraten, dann lass es uns wenigstens stilvoll tun, Jill.“

Ich brauche keinen Ring. Ich muss nicht heiraten. Doch sie sprach die Worte nicht aus. Oh, worauf habe ich mich bloß eingelassen?

Jill stand in ihrem kleinen Schlafzimmer und spähte ratlos in den Kleiderschrank. Du gehst mit Charles aus. Jeans und weiße Bluse?

„Zieh ein Kleid an!“, rief Charles von seinem Schlafzimmer herüber.

Jill besaß nur eins. Sie hatte es gekauft, als die erste Hochzeit in Crocodile Creek stattfand. Und es im letzten Jahr nicht weniger als acht Mal getragen! Die vielen Mediziner, die hierherkamen, schienen für Romantik besonders empfänglich zu sein. Alle Einheimischen amüsierten sich inzwischen darüber und hatten das Ärztehaus schon in „Hochzeitskapelle“ umbenannt.

Jill selbst hatte nie im Ärztehaus gewohnt. Ihre Unabhängigkeit bedeutete ihr viel.

Was mache ich hier nur?

Klar, sie wollte Lily behalten. Als sie sie das erste Mal in den Armen hielt, hatte sie sie sofort ins Herz geschlossen. In jener Nacht, in der Lilys Eltern gestorben waren.

„Ein Kleid, ja?“, ertönte Charles’ tiefe Stimme.

Er ist genauso bestimmend wie ich, dachte Jill lächelnd. Aber nie herrschsüchtig. Nie aggressiv. Obwohl sie ihn schon einige Male in angespannten Situationen erlebt hatte. Sie dachte an die Familienfehde, unter der er gelitten haben musste. Zwar war sein Bruder schuld an Charles’ Verletzung, doch der Vater hatte seinen Zorn darüber an Charles ausgelassen. Warum sonst sollte er ihn als nutzlos bezeichnen?

Charles hatte sich nie gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals aufgelehnt.

Stattdessen nahm er seinen Pflichtteil aus dem riesigen Vermögen der Wetherbys, den sein Vater ihm nicht vorenthalten konnte, und baute diese medizinische Einrichtung auf. Anscheinend hatte es ihm geholfen, seinen Ärger und seinen Frust zu bezwingen.

Charles verdient es, dass ich ein Kleid anziehe.

Jill holte es aus dem Schrank, ein cremeweißes Seidenkleid, ärmellos und mit Wasserfall-Dekolleté. Sie schlüpfte hinein und löste das Haarband.

Ihre schimmernden kastanienbraunen Locken waren einst ihr ganzer Stolz gewesen. Rasch bürstete sie sie durch, bis sie ihr in sanften Wellen auf die Schultern fielen, zog Sandalen an, schnappte sich ihre Handtasche und eilte zur Tür.

Doch dann blieb sie stehen und ging zum Spiegel zurück. Eine Weile sah sie sich an, seufzte, nahm die Puderdose und puderte ihre Sommersprossen ab. Sie drehte den Lippenstift auf, den sie … wie oft benutzt hatte? Acht Mal bei acht Hochzeiten.

Ihre würde die neunte sein.

„Mach nicht mehr daraus, als es ist“, flüsterte sie, hielt jedoch inne, als sie die Lippenstifthülse wieder zusammengesteckt hatte und ihr Blick auf ihr Spiegelbild fiel. „Nicht schlecht für siebenunddreißig. Und du wirst Charles heiraten.“

Eine Zweckheirat, zugegeben. Aber mit Charles … Jill verspürte ein erwartungsvolles Prickeln. „Es ist nur Charles“, sagte sie sich bestimmt. „Medizinischer Direktor von Crocodile Creek. Dein Chef.“

Autor

Marion Lennox
Marion wuchs in einer ländlichen Gemeinde in einer Gegend Australiens auf, wo es das ganze Jahr über keine Dürre gibt. Da es auf der abgelegenen Farm kaum Abwechslung gab, war es kein Wunder, dass sie sich die Zeit mit lesen und schreiben vertrieb. Statt ihren Wunschberuf Liebesromanautorin zu ergreifen, entschied...
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