Ich kann dich nicht vergessen

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Auf den ersten Blick hat sich Joanne vor vier Jahren in Franco verliebt. Doch der charmante Italiener heiratete ihre Cousine Rosemary. Um dem Glück der beiden nicht im Wege zu stehen, verheimlichte Joanne ihre Gefühle und kehrte nach England zurück. Aber jetzt ist Rosemary tot und Joanne hat beruflich in Italien zu tun. Sie kann nicht umhin, dem Witwer und seinem Sohn Nico einen Besuch abzustatten. Dabei stellt sie fest, dass Franco nichts von seinem Charme verloren hat. Und als er sie bittet, bei ihm zu bleiben, steigt Hoffnung in Joanne auf: Sucht er nur jemanden, der sich um den kleinen Nico kümmert - oder empfindet er mehr für sie?
  • Erscheinungstag 15.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735913
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Der Grabstein aus weißem Marmor stand im Schatten der Bäume. Davor wuchsen Blumen, und in der Nähe floss ein Bach. Die Inschrift war schlicht und besagte, dass hier Rosemary Farelli ruhte, die geliebte Ehefrau von Franco und Mutter von Nico Farelli. Rosemary Farelli war genau ein Jahr zuvor mit zweiunddreißig gestorben und mit ihr ihr ungeborenes Kind.

Es gab noch mehr Gräber auf dem Friedhof der Familie Farelli, doch nur zu diesem führte ein Pfad, als würde es jemanden immer wieder dorthin ziehen, jemanden, der sich nicht mit dem Tod Rosemarys abgefunden hatte.

Drei Personen erschienen in dem Wäldchen, in dem der Friedhof lag – eine Frau mittleren Alters mit grimmiger Miene und aufrechter Haltung, hinter ihr ein schwarzhaariger Mann in den Dreißigern, in dessen dunklen Augen ein trauriger Ausdruck lag, und neben ihm ein kleiner blonder Junge, der einen Strauß Wiesenblumen trug.

Als die Frau zum Grab kam, blieb sie stehen und betrachtete es einen Moment lang ausdruckslos, so dass ein Unbeteiligter sich vielleicht gefragt hätte, ob sie überhaupt etwas für die Tote empfunden hatte. Schließlich trat sie beiseite und machte dem Mann Platz.

„Ich bringe Nico nach Hause“, sagte sie. „Dies ist nicht der richtige Ort für ein Kind.“

Die Miene des Mannes verfinsterte sich. „Er ist Rosemarys Sohn. Es ist sein gutes Recht, hier zu sein – und das seiner Mutter.“

„Sie ist tot, Franco.“

„Aber nicht hier“, entgegnete er leise und legte die Hand aufs Herz. Dann wandte er sich an den Jungen. „Bist du bereit, piccino?“

Dieser blickte zu ihm auf und nickte. Anschließend legte er die Blumen aufs Grab. „Die sind für dich, Mama.“

Als er zurücktrat, legte sein Vater ihm wieder die Hand auf die Schulter.

„Gut gemacht“, lobte er ihn leise. „Ich bin stolz auf dich. Und nun geh mit deiner Großmutter nach Hause.“

„Kann ich bei dir bleiben, Papa?“

Franco Farellis Miene wurde sanft. „Jetzt nicht. Ich muss mit deiner Mutter allein sein.“

Franco blieb regungslos stehen, bis die beiden gegangen waren. Schließlich ging er zum Grabstein und kniete davor nieder.

„Ich habe unseren Sohn mitgebracht, mi amor“, flüsterte er. „Jetzt hast du gesehen, wie groß er geworden ist und wie hübsch er ist. Er wird bald sieben. Er hat dich nicht vergessen. Jeden Tag reden wir von seiner Mama. Ich ziehe ihn so auf, wie du es dir gewünscht hast. Er spricht die Sprache seiner Mutter und die seines Vaters.“

Seine Augen wurden dunkler vor Schmerz. „Er wird dir mit jedem Tag ähnlicher. Wie soll ich das ertragen? Heute Morgen hat er mich angelächelt, so wie du immer gelächelt hast, und es schien mir, als wärst du bei mir. Aber im nächsten Moment bist du wieder gestorben, und es hat mir das Herz gebrochen.

Heute ist dein erster Todestag, und ich habe meine Lebensfreude immer noch nicht wieder gefunden. Ich versuche, unserem Kind ein guter Vater zu sein, aber mein Herz ist bei dir, und mein Leben ist öd und leer.“

Er streckte die Hand aus und berührte den kühlen Marmor. „Bist du da, meine Geliebte? Wo bist du? Warum kann ich dich nicht finden?“

Plötzlich verlor er die Fassung. Er schloss die Augen und schrie gequält auf.

„Komm zurück zu mir! Ich ertrage es nicht mehr. Um Himmels willen, komm zurück zu mir!“

1. KAPITEL

Wenn sie sich sehr konzentrierte, schaffte sie es, den Pinsel genau bis zur richtigen Stelle zu führen und im letzten Moment wieder umzudrehen. Es war richtige Präzisionsarbeit, doch Joanne hatte diese Bewegung schon so oft durchgeführt, dass es mittlerweile Routine für sie war.

Das Ergebnis war perfekt, genauso wie das ganze Bild – eine perfekte Kopie. Das Original war ein kleines Meisterwerk, und ihre Version unterschied sich von ihm lediglich darin, dass sie jeden Pinselstrich mühsam hatte nachahmen müssen.

Im gleißenden Licht der Nachmittagssonne, das durch die Fenster der Villa Antonini fiel, sah Joanne, wie gut sie ihre Aufgabe erfüllt hatte und wie mittelmäßig diese Tätigkeit im Grunde war.

„Ist es fertig?“ Signor Vito Antonini hatte unbemerkt den Raum betreten und stand nun neben Joanne. Er war ein rundlicher Mann mittleren Alters, der ein Vermögen in der Maschinenbaubranche gemacht hatte und es nun genoss, sein Geld auszugeben. So überhäufte er seine unscheinbare Frau, die er über alles liebte, mit Geschenken und hatte ihr unter anderem diese luxuriöse Villa am Stadtrand von Turin gekauft.

Dann hatte er einige wertvolle Gemälde erstanden, um das Haus damit zu dekorieren. Die Versicherungen hatten jedoch bestimmte Konditionen gestellt, und da es ihm widerstrebte, die Bilder im Tresorraum einer Bank zu lagern, hatte er sie, Joanne Merton, damit beauftragt, diese zu kopieren. Sie hatte sich auf italienische Malerei spezialisiert und sich bereits einen ausgezeichneten Ruf als Kopistin erworben, obwohl sie erst siebenundzwanzig war.

„Ihre Kopien sind so perfekt, dass niemand den Unterschied bemerken wird, Signorina“, verkündete Vito fröhlich.

„Es freut mich, dass Sie mit meiner Arbeit zufrieden sind“, erwiderte Joanne lächelnd. Sie mochte Maria und Vito Antonini, die sie sehr herzlich bei sich aufgenommen hatten und sie wie einen Ehrengast behandelten.

„Meinen Sie, wir könnten Ihre Bilder in der Bank lagern und meine an den Wänden hängen lassen?“

„Nein“, erwiderte Joanne schnell. „Ich bin Kopistin und keine Kunstfälscherin, Vito. Wie Sie wissen, arbeite ich nur unter der Bedingung, dass meine Bilder nicht als Originale ausgegeben werden.“

Vito seufzte, doch in dem Moment kam seine Frau herein, und Joanne beschwerte sich scherzhaft bei ihr.

„Cretino“, ermahnte Maria ihren Mann. „Willst du diese nette junge Frau ins Gefängnis bringen? Vergiss es. Das Essen ist übrigens fertig.“

„Schon?“, meinte Joanne lachend. „Wollen Sie mich etwa mästen, Maria?“

„Ich versuche nur, zu verhindern, dass Sie vom Fleisch fallen“, sagte Maria. „Sie sind viel zu dünn.“

Sie, Joanne, fand sich nicht dünn, sondern schlank. Allerdings fiel es ihr bei Marias Kochkünsten schwer, ihr Gewicht zu halten.

Beim Anblick der leckeren Gerichte, die Maria aufgetischt hatte – Knoblauchbrot und Tomaten, Olivenpastete, Fischsuppe und Reis mit Erbsen – lief ihr jedoch das Wasser im Mund zusammen. Sie liebte die piemontesische Küche, seit sie mit achtzehn zum ersten Mal in Italien gewesen war. Damals hatte sie mit dem Kunststudium begonnen und ein einjähriges Stipendium für Turin bekommen. Sie war überglücklich gewesen, hatte sich die Stadt angesehen, die Kunstwerke bewundert und davon geträumt, eines Tages auch einmal so zu malen. Und sie hatte sich leidenschaftlich in Franco Farelli verliebt.

Durch seine Schwester Renata, eine Kommilitonin, mit der sie sich angefreundet hatte, lernte sie ihn kennen. Renata nahm sie mit zu sich nach Hause, um sie ihrer Familie vorzustellen, wohlhabenden Winzern, die ein Gut nördlich der kleinen Stadt Asti besaßen. Joanne fühlte sich auf Isola Magia und im Kreis der Familie auf Anhieb wohl. Giorgio, Renatas Vater, war ein polteriger Mann, der viel lachte, viel trank und viel brüllte, seine Frau Sofia hingegen jähzornig und reserviert. Trotzdem nahm sie Joanne freundlich auf.

Als sie Franco kennen lernte, hatte Joanne das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein, allerdings auf eine ganz andere Art. Er war vierundzwanzig und wie sein Vater, der gebürtiger Norditaliener war, sehr groß. Von seiner Mutter, die aus Neapel stammte, hatte er den dunklen Teint, die dunkelbraunen Augen und das blauschwarze Haar.

Ebenso wie sein Äußeres vereinte auch sein Charakter die typischen Eigenschaften der Nord- und Süditaliener, denn Franco hatte nicht nur den Charme seines Vaters, sondern auch das aufbrausende Temperament seiner Mutter geerbt.

Einmal wurde Joanne Zeugin seines unbändigen Zorns. Als Franco einen jungen Mann, der einen Hund quälte, mit einem Kinnhaken niederstreckte, verriet der Ausdruck in seinen Augen Mordlust. Franco nahm den Hund mit nach Hause und kümmerte sich liebevoll um ihn. Als der Besitzer am Abend betrunken und in Begleitung seiner beiden Brüder in der Villa auftauchte, spießte Franco einige Banknoten auf ein Stilett und bot es ihnen als Bezahlung für den Hund.

Die drei Brüder ergriffen jedoch in Panik die Flucht und ließen sich nie wieder blicken. Franco taufte den Hund auf den Namen Ruffo, und dieser wich ihm von da an kaum noch von der Seite.

Ansonsten genoss Franco das Leben jedoch in vollen Zügen, lachte, flirtete und ging unter Umständen auch noch weiter, wenn ein Mädchen Bereitschaft signalisierte.

Obwohl sie bis zu dem Zeitpunkt nicht an Liebe auf den ersten Blick geglaubt hatte, hatte sie, Joanne, vom ersten Moment an gewusst, dass sie ihm gehörte. Sein Lächeln hatte sie zum Schmelzen gebracht, und sie hätte alles getan, nur um ein Teil von ihm werden zu können.

Sein Lächeln. Joanne sah es förmlich vor sich. Es vermittelte den Eindruck, als würde ihm die ganze Welt gehören und als würde er überlegen, mit wem er die Freuden des Lebens teilen sollte. Dass er ein lebenslustiger, sinnenfroher Mensch war, hatte sie gleich bei ihrer ersten Begegnung mit ihm gewusst.

Dem Klang seiner sinnlichen Stimme hatte sie ebenso wenig widerstehen können. Ihr, die im Gegensatz zu ihm aus einem kühlen, regnerischen Land kam, war sofort klar, dass er ihr Schicksal war.

Allerdings machte sie sich keine Illusionen, denn allein auf dem Weingut gab es genug junge Mädchen und Frauen, die sich nach ihm verzehrten. Renata gestand ihr einmal kichernd, dass er sich nahm, was er brauchte, und sich damit den Missfallen seiner Mutter zuzog und sich der heimlichen Bewunderung seines Vaters erfreute.

Mit ihr, Joanne, hatte er jedoch nie geflirtet, sondern sie stets wie eine Schwester behandelt. So war sie stets hin- und hergerissen gewesen zwischen Freude über seine Nähe und Verzweiflung über seine Gleichgültigkeit ihr gegenüber.

„Ich bringe keinen Bissen mehr runter“, verkündete Joanne, während sie ihren leeren Teller betrachtete.

„Aber Sie müssen doch noch Nachtisch essen“, sagte Maria. „Sie arbeitet zu hart“, fügte sie an ihren Mann gewandt hinzu.

„Das ist nicht meine Schuld“, protestierte er. „Ich lasse ihr völlig freie Hand.“

Ungerührt füllte sie Joanne Frischkäse auf. „Wie viele Bilder sind noch übrig?“

„Vier“, erwiderte Joanne. „Noch zwei von Carracci, eins von Giotto und eins von Veronese.“

„Erstaunlich, dass eine junge Engländerin so viel von italienischer Malerei versteht“, meinte Vito nachdenklich. „Ich hatte auch die Namen einiger Landsleute, aber alle haben gesagt, ich sollte mich an Sie wenden, weil Sie im Herzen Italienerin sind.“

„Ich habe ein Jahr in Italien studiert“, erinnerte sie ihn.

„Man sollte meinen, Sie hätten Ihr ganzes Leben hier verbracht. Es muss ein wundervolles Jahr für Sie gewesen sein, denn Italien scheint Ihnen sehr ans Herz gewachsen zu sein …“

„Ja“, bestätigte sie, „das ist es …“

Schon bald hatte Renata sie jedes Wochenende zu sich nach Hause eingeladen, und Joanne hatte nur noch darauf hingelebt. Franco war immer da gewesen, weil das Weingut sein Lebensinhalt war und sein Vater ihm früh die Leitung übertragen hatte.

Einmal erwischte Joanne ihn allein auf dem Weinberg, als er die Trauben auf ihre Qualität prüfte. Lächelnd sah sie zu ihm auf. Da sie einen Meter fünfundsiebzig maß, gab es nicht viele Italiener, die sie überragten.

„Ich wollte frische Luft schnappen“, sagte sie betont beiläufig.

„Da hast du dir die beste Tageszeit ausgesucht“, erwiderte Franco lächelnd auf Italienisch. „Abends ist die Luft besonders mild hier draußen. Das liebe ich.“

„Aber auf das Land trifft die Beschreibung nicht zu, oder?“

„Manchmal schon.“

Wie tief und wohlklingend seine Stimme war! Joanne verspürte ein sinnliches Prickeln. Schnell suchte sie nach einer lässigen Bemerkung.

„Der Sonnenuntergang ist sehr schön“, brachte sie schließlich hervor. „Ich würde ihn gern malen.“

„Wirst du mal eine große Künstlerin, piccina?“, neckte er sie.

Sie wünschte, er würde sie nicht „piccina“ nennen. Es bedeutete „Kleine“, und normalerweise sagte man es zu kleinen Mädchen. Doch es war auch ein Kosewort und daher besser als gar nichts.

„Ich glaube schon“, erwiderte sie, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken. „Aber ich versuche immer noch, meinen eigenen Stil zu finden.“

Ohne zu antworten, zog Franco eine Traube herab und zerdrückte sie an den Lippen, so dass ihm der dunkelviolette Saft übers Kinn lief. Als Joanne die Hände ausstreckte, zupfte er einige Weintrauben ab und reichte sie ihr. Genau wie er presste sie sie an die Lippen.

„Die sind ja sauer!“, rief sie entrüstet.

„Herb“, verbesserte er sie. „Die Sonne hat sie noch nicht reifen lassen. Es braucht seine Zeit, wie alles andere auch.“

„Aber wie kannst du sie essen, wenn sie so schmecken?“

„Ob herb oder süß – es sind immer noch die besten Trauben in ganz Italien“, erklärte er überheblich.

„Es gibt auch andere Gegenden, in denen gute Trauben wachsen“, entgegnete sie, weil sie sich über seine Selbstgefälligkeit ärgerte. „Was ist zum Beispiel mit der Poebene oder der Emilia Romagna?“

Franco zuckte nur die Schultern, als wären andere Weinberge nicht einmal einer Überlegung wert.

„Schade, dass du nicht mehr hier bist und sie probieren kannst, wenn sie reif sind“, sagte er schließlich. „Im August bist du schon wieder in England.“

Seine Worte führten ihr vor Augen, dass der Abschied von ihm kurz bevorstand. Dann würde sie Franco niemals wieder sehen. Er war ihre große Liebe, aber er wusste es nicht und würde es auch niemals erfahren.

Noch während Joanne sich den Kopf darüber zerbrach, wie sie seine Aufmerksamkeit erregen konnte, bemerkte sie, wie sich zwischen den Weinstöcken etwas bewegte. Kurz darauf erschien Virginia, eine üppige junge Frau, die ihn in letzter Zeit oft mit Beschlag belegt hatte.

Nicht im Mindesten verlegen, wandte er sich an Joanne. Seine Augen funkelten amüsiert. „Und jetzt musst du leider gehen, piccina, denn ich habe zu tun.“

Sie war so enttäuscht, dass sie ganz bewusst einen überheblichen Ton anschlug. „Tut mir Leid, wenn ich störe.“

„Das tust du“, bestätigte er ungerührt. „Sehr sogar. Sei brav und geh jetzt.“

Joanne biss sich auf die Lippe und wandte sich hocherhobenen Hauptes ab. Sie drehte sich nicht noch einmal um, hörte jedoch Virginias aufreizendes Lachen.

In der Nacht lag Joanne lange wach und lauschte. Erst gegen drei Uhr morgens kam Franco zurück, und sie hörte ihn leise vor sich hin summen, als er an ihrer Tür vorbeiging. Verzweifelt vergrub sie den Kopf unter dem Kissen und weinte.

Die Zeit verging wie im Flug, und ihr zweites Semester neigte sich dem Ende zu. Dann erhielt sie einen Brief von ihrer Cousine Rosemary, die gerade in Italien Urlaub machte. Rosemary schrieb: Ich dachte, ich besuche Dich in Turin, bevor dein Stipendium ausläuft, und wir fliegen anschließend zusammen nach England.

Rosemary und sie waren zusammen aufgewachsen, und die meisten Leute hatten sie für Schwestern gehalten. Eine Zeit lang hatten sie sogar zusammen gewohnt, denn nach dem Tod ihrer, Joannes, Eltern hatte Rosemary ihre verwitwete Mutter überredet, sie bei sich aufzunehmen.

Rosemary war damals zwölf gewesen und sie sechs. Als ihre Mutter sechs Jahre später ebenfalls gestorben war, hatte Rosemary ihre Rolle übernommen und ihr, Joanne, Liebe und Geborgenheit vermittelt.

Später waren sie sich immer ähnlicher geworden. Sie waren beide ungewöhnlich groß, hellblond und hatten beide einen zarten Teint und tiefblaue Augen. Doch während sie, Joanne, noch etwas pummelig war, wirkte ihre Cousine schon richtig fraulich.

Der größte Unterschied, der ihr auch stets am meisten zu schaffen gemacht hatte, lag allerdings in ihrem Wesen, denn Rosemary war sehr selbstbewusst und hatte eine gewinnende Art.

Sie, Joanne, wollte so sein wie Rosemary, und daher war es umso frustrierender für sie, in ihrem eigenen Ich gefangen zu sein. Manchmal aber sehnte sie sich auch danach, nicht mehr in Rosemarys Schatten zu stehen, sondern sie selbst zu sein. Dann hatte sie es nicht hören können, wenn die Leute zu ihr gesagt hatten, sie würde eines Tages genauso hübsch sein wie Rosemary.

Joanne erinnerte sich an jene Party, die eine Kommilitonin von ihr veranstaltet hatte, als wäre es gestern gewesen. Franco hatte Renata und sie dorthin begleiten wollen, doch Renata verstauchte sich kurz vorher den Fuß, und sie, Joanne, war ganz aus dem Häuschen, weil sie Franco endlich für sich haben würde.

Sie hatte sich ein neues Kleid gekauft und Stunden damit verbracht, das Haar kunstvoll hoch zu stecken und sich perfekt zu schminken. An diesem Abend musste er einfach Notiz von ihr nehmen. Vielleicht würde er sie sogar bitten, in Italien zu bleiben. Als sie schließlich nach draußen auf die Terrasse ging, wo er auf sie wartete, war sie überglücklich.

Es war das erste Mal, dass sie ihn nicht in Freizeitkleidung sah. Er trug ein weißes Hemd, das einen reizvollen Kontrast zu seiner gebräunten Haut bildete, und wieder einmal wurde ihr bewusst, wie attraktiv er war. Bei ihrem Anblick zog er anerkennend die Augenbrauen hoch.

„Du hast also beschlossen, die Welt heute Abend im Sturm zu erobern, piccina?“, erkundigte Franco sich neckend.

„Ich habe mich nur ein bisschen schick gemacht“, erwiderte Joanne betont lässig, fürchtete aber, dass sie genauso unbeholfen klang, wie sie sich fühlte.

„Du wirst alle Herzen brechen“, versprach er.

„Alle will ich gar nicht brechen.“

„Ach, nur ein bestimmtes?“

Aufgeregt fragte sie sich, ob er ihr damit zu verstehen geben wollte, dass er endlich Notiz von ihr nahm.

„Vielleicht bin ich mir noch nicht sicher, welches ich brechen will.“ Sie blickte zu ihm auf.

Franco lachte leise. „Vielleicht sollte ich dir dabei behilflich sein.“ Sanft umfasste er ihr Kinn.

Endlich passierte es! Er würde sie küssen. Als er den Kopf neigte, fühlte sie sich wie im siebten Himmel. Sie hob die Hände und berührte zaghaft seine Arme.

Doch der Zauber verflog wieder, denn im Gang erklangen Schritte, und eine Frau rief: „Tut mir Leid, dass ich unangemeldet komme …“

Franco hielt mitten in der Bewegung inne und blickte auf. Er hatte nur Rosemarys Stimme gehört, schien aber zu ahnen, was gleich passieren würde. Er wich zurück und wandte sich zur Tür.

Im nächsten Moment tauchte Rosemary auf. Joanne, der keine Einzelheit entging, stellte fest, dass es ihm den Atem verschlug und er sich an einem Wendepunkt zu befinden schien. Erst später sollte ihr klar werden, dass es tatsächlich stimmte. Franco hatte sein Schicksal in Gestalt von Rosemary auf sich zukommen sehen, und es war ihm in dem Moment bewusst geworden. Er war nicht mehr derselbe wie vorher.

Fassungslos ließ Joanne den Blick zu Rosemary schweifen, die Franco mit demselben Ausdruck in den Augen ansah wie er sie. Es geschah alles innerhalb von Sekunden, und sie konnte nichts dagegen tun.

Schnell stellte Joanne die beiden einander vor, und Rosemary umarmte sie, jedoch ohne den Blick von Franco abzuwenden. Als er Rosemary vorschlug, mit auf die Party zu kommen, hätte Joanne weinen mögen.

Auf der Party nahm er Rosemary in Beschlag, tanzte fast jeden Tanz mit ihr und brachte ihr zu essen und zu trinken. Wohlerzogen, wie er war, kümmerte er sich auch um Joanne, die wiederum fest entschlossen war, sich nicht anmerken zu lassen, dass es ihr das Herz brach, und keinen Tanz ausließ.

Unzählige Male fragte sie sich, was passiert wäre, wenn Rosemary sie in seinen Armen gesehen hätte. Ob sie sich trotzdem mit ihm eingelassen hätte? Doch derartige Überlegungen führten zu nichts. Franco hatte Rosemary an diesem Abend und auch an den darauf folgenden Tagen hartnäckig den Hof gemacht, bis sie schließlich ihm gehört hatte.

Noch immer tat es Joanne weh, wenn sie sich ins Gedächtnis rief, wie sie sich davongestohlen hatte und den beiden zufällig im Dunkeln begegnet war. Sie wollte weglaufen, doch sie hörte, wie Franco leise zu Rosemary sagte: „Mi amor – ich werde dich bis an mein Lebensende lieben“, und sah dann, wie er sie leidenschaftlich küsste.

Außer ihr war Sophia die Einzige, die sich nicht über die Hochzeit freute. Joanne hörte zufällig eine Auseinandersetzung mit, in der Sophia Franco bat, lieber eine junge Einheimische zu heiraten und keine Fremde. Er wollte sich nicht mit seiner Mutter streiten, bestand jedoch darauf, die Frau seiner Wahl zu ehelichen, und verlangte außerdem, dass man sie mit Respekt behandelte. Joanne war verblüfft darüber, wie sehr er sich bereits verändert hatte. Der sorglose Bursche, der die Schimpfkanonaden seiner Mutter ruhig über sich ergehen lassen hatte, verwandelte sich in einen ernsten, entschlossenen Mann. Sophia spürte es offenbar auch, denn vor Wut brach sie in Tränen aus.

„Arme Mama“, bemerkte Renata. „Franco ist immer ihr Liebling gewesen, und jetzt ist sie eifersüchtig, weil er Rosemary mehr liebt.“

Die ganze Nachbarschaft war zur Hochzeit eingeladen. Joanne wäre am liebsten nicht hingegangen, aber Rosemary bat sie und Renata, als Brautjungfern zu fungieren. Außerdem befürchtete Joanne, dass man sie durchschaute, wenn sie nicht erschien.

Am Tag der Hochzeit zog sie ihr pinkfarbenes Kleid an, setzte ein Lächeln auf und folgte Rosemary den Gang entlang. Als sie dabei Francos Gesichtsausdruck sah, der bedingungslose Liebe zu seiner Braut verriet, zerriss es ihr fast das Herz.

Als Francos und Rosemarys Sohn Nico ein Jahr später getauft werden sollte, schob Joanne Arbeit vor, um nicht daran teilnehmen zu müssen. Rosemary drückte in einem Brief ihr Bedauern darüber aus, sie nicht wieder sehen zu können, und schickte ihr Fotos von der Taufe mit. Joanne betrachtete diese eifersüchtig und stellte dabei fest, dass Franco Rosemary genauso verliebt und glücklich ansah wie bei der Hochzeit. Schnell legte sie die Fotos weg.

Rosemary hielt den Kontakt zu ihr aufrecht, indem sie sie gelegentlich anrief und lange Briefe schickte, denen sie oft Fotos beifügte. So war Joanne immer über die Geschehnisse auf dem Weingut informiert. Renata heiratete einen Kunsthändler und zog nach Mailand. Danach starb Francos Vater. Zwei Jahre später besuchte seine Mutter ihre Schwester in Neapel, wo sie einen Witwer mit zwei Kindern kennen lernte, den sie dann heiratete. Von da an lebten Franco, Rosemary und Nico allein auf dem Gut, unterstützt von einer Haushälterin und den anderen Angestellten.

Rosemary lud sie oft ein, doch Joanne entschuldigte sich immer damit, dass sie viel um die Ohren habe, denn mittlerweile hatte sie großen beruflichen Erfolg als Kopistin. Den wahren Grund verriet sie ihr natürlich nicht, weil Franco sich ohnehin nichts aus ihr machte und sie Rosemary nach wie vor liebte. Außerdem stand sie tief in ihrer Schuld.

Da sie einsam war, spielte sie allerdings oft mit dem Gedanken, die drei doch zu besuchen. Wenn dann aber wieder ein Brief von Rosemary kam, in dem stand, dass Franco sie herzlich grüßen lasse, schmerzten die Worte noch so sehr, dass Joanne es sich wieder anders überlegte.

Sie war achtzehn gewesen, als sie sich in ihn verliebt hatte, und leider war es nicht die Schwärmerei eines Teenagers gewesen, die sich, wie sie gehofft hatte, irgendwann legte. Daher durfte sie ihn auf keinen Fall je wieder sehen.

Nach außen hin war sie eine erfolgreiche Frau mit einer Schar von Bewunderern, denn nun war sie nicht mehr pummelig, sondern schlank und anmutig und besaß das gewisse Etwas. Sie ließ sich von ihren Verehrern ausführen, und einige, die ihre unmissverständlichen Signale ignorierten, gaben sich sogar der Illusion hin, dass sie Fortschritte machten. Wenn sie es dann irgendwann merkten, bezeichneten sie sie als herzlos, womit sie nicht ganz falsch lagen, wie Joanne sich eingestehen musste. Ein Mann, der ihr Herz gar nicht wollte, hatte es ihr vor langer Zeit gestohlen.

Als Nico fünf Jahre alt war, besuchte Rosemary sie zusammen mit ihm in England. Sie blieben eine Woche bei ihr, und in gewisser Weise waren Rosemary und sie sich wieder so nahe wie früher. Sie blieben abends lange auf und redeten miteinander. Joanne war begeistert von Nico, der sofort Zutrauen zu ihr fasste und oft auf ihrem Schoß saß. Er sah typisch englisch aus, besaß aber die für die Italiener so typische offene Art seines Vaters.

Begeistert erzählte Rosemary von ihrem Leben in Italien an der Seite des Mannes, den sie über alles liebte. Allerdings, so räumte sie ein, sei Sophia ihr gegenüber noch immer ausgesprochen feindselig.

„Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn sie nicht wieder geheiratet hätte“, gestand sie. „Sie hasst mich.“

„Sie hat Franco doch immer damit in den Ohren gelegen, dass er heiraten soll“, erinnerte sich Joanne.

„Stimmt, aber sie wollte eine Frau für ihn aussuchen. Ihr wäre eine Einheimische lieber gewesen, die ihm viele Kinder geschenkt hätte. In ihr hätte sie keine Rivalin gesehen. Franco wünscht sich noch mehr Kinder, und sie hält mir ständig vor Augen, dass ich ihm nur eins geschenkt habe.

Ich habe alles versucht, um ein gutes Verhältnis zu ihr aufzubauen, aber es hat keinen Sinn. Sie hasst mich, weil Franco mich über alles liebt, und daran kann ich nun mal nichts ändern – selbst wenn ich es wollte.“

Ihre Worte riefen Joanne ins Gedächtnis, wie Sophias Verhalten sich auch ihr gegenüber verändert hatte. Sophia war auf ihre Art immer freundlich zu ihr gewesen, doch nachdem sie eines Tages beobachtet hatte, wie sie, Joanne, Franco sehnsüchtig ansah, war sie ausgesprochen kühl und reserviert gewesen, als dürfte keine Frau außer ihr ihn lieben.

Rosemary strahlte übers ganze Gesicht, wenn sie von ihrem Mann erzählte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so glücklich werden könnte“, sagte sie. „Ich wünschte, du würdest so etwas auch erleben.“

„Ich bin eine Karrierefrau“, wehrte Joanne ab. „Wahrscheinlich werde ich niemals heiraten.“

Sie war die Erste, die von Rosemarys Geheimnis erfuhr.

Autor

Lucy Gordon

Die populäre Schriftstellerin Lucy Gordon stammt aus Großbritannien, bekannt ist sie für ihre romantischen Liebesromane, von denen bisher über 75 veröffentlicht wurden. In den letzten Jahren gewann die Schriftstellerin zwei RITA Awards unter anderem für ihren Roman “Das Kind des Bruders”, der in Rom spielt.

Mit dem Schreiben...

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