Ich schenk dir meine Träume

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Eigentlich wollte Imogen auf der herrlichen Mittelmeerinsel Isola dei Fiori nur ihren Liebeskummer vergessen. Nirgendwo heilt ihre Seele schneller als in der romantischen Villa Rosa! Aber dann lernt sie den charmanten Matthew kennen. Ein Selfmade-Millionär, der trotz allem das Träumen nicht verlernt hat, der ihr die Sterne am italienischen Nachthimmel erklärt und ihr seine Reisesehnsucht gesteht: Immi verliebt sich neu! Als Matt sie küsst, müsste sie ihm dringend etwas gestehen. Doch sie schweigt - bis es zu spät ist …


  • Erscheinungstag 22.05.2018
  • Bandnummer 112018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733710170
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Eifersüchtig auf die eigene Zwillingsschwester zu sein, war einfach erbärmlich.

Besonders, wenn man wusste, dass sie eine harte Zeit durchgemacht hatte und jedes bisschen Glück verdiente. Ganz besonders an ihrem Hochzeitstag!

Immi hatte sich so sehr darauf verlassen, dass Andie sich von Cleve geliebt fühlte, dass ihre gewohnte Zwillings-Empathie sie vorübergehend verließ, weshalb ihr entging, dass eine der Brautjungfern ziemlich durch den Wind war.

Wenn sie jetzt darüber nachdachte, hatten alle drei Brautjungfern mit unterschiedlichsten Problemen zu kämpfen. Posy, die jüngste ihrer drei Schwestern, bemühte sich so krampfhaft um ein zuversichtliches Lächeln, dass ihr hübsches Gesicht wie eine starre Maske wirkte. Dasselbe galt für Portia, die Älteste von ihnen, die sich so steif und geziert gab, dass man ihr die Rolle der souveränen Familienrebellin auf den zweiten Blick unmöglich abnahm.

Immi seufzte. Vielleicht sollte sie ein Mitternachtstreffen unten am Strand vorschlagen, wo sie drei sich mal in Ruhe ausquatschen konnten. So, wie sie es als Kinder getan hatten, eingekuschelt in eine Decke, kichernd und schwatzend bis nach Mitternacht. Vielleicht konnten sie einander ja bei ihren Problemen helfen?

Aber Posy schottete sich zunehmend ab, seit sie in London beim Ballett war, und Portia hatte noch nie gern über persönliche Dinge gesprochen. Und was wollte sie, Immi, ihren Schwestern vorwerfen? Sie hatte eine Arbeit, die sie liebte, und unterstützte ihre Eltern dabei, das familieneigene Unternehmen Marlowe Aviation zu führen. Außerdem stand sie kurz vor ihrer eigenen Hochzeit mit Stephen Walters, der alles daransetzte, von ihrem Vater auf den Posten seines Stellvertreters befördert zu werden.

Aber Stephen sah sie nicht so an, wie Cleve Andie ansah. Und wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie ihrem Verlobten auch nicht die Blicke zuwarf wie Andie dem Mann, den sie heute heiratete. Als gäbe es keinen wichtigeren Menschen auf der ganzen Welt für sie.

Immi fröstelte. Wahrscheinlich lag es an der stressigen Vorbereitung ihrer eigenen Hochzeit, dass sie so dünnhäutig war und überreagierte. Nur noch zwei Monate bis zu einem Event, das seine eigene Dynamik entwickelt hatte und viel größer zu geraten drohte als ursprünglich geplant.

Selbstverständlich hatte sie alles unter Kontrolle! Organisation war schließlich von jeher ihre Stärke gewesen.

Doch jetzt, wo sie miterlebte, wie unbeschwert sich die Hochzeit ihrer Schwester gestaltete, beschlichen Immi Zweifel. Obwohl, wenn sie ehrlich war, verspürte sie dieses unangenehme Kribbeln und den wachsenden inneren Widerstand schon viel länger. Besonders nachdem sie Stephens Trauzeugen Jamie in einem unbeobachteten Moment hatte sagen hören, dass er sich unbedingt zurückhalten und sauber bleiben müsse, bis Immi ihm vor dem Altar ihr Ja-Wort gegeben hätte. Zunächst hatte sie es als albernen Witz oder geschmacklosen Scherz abgetan, doch inzwischen fragte Immi sich, ob mehr dahintersteckte.

Stephen hatte behauptet, er würde es nicht schaffen, sich für die Hochzeit auf der Isola dei Fiori freizumachen, und dass sicher jeder Verständnis dafür aufbringe, da es ja nur eine kleine Angelegenheit sei. Aber konnte ein ehrgeiziger Mann wie er tatsächlich zu beschäftigt sein, um der Hochzeit der Tochter des Chefs beizuwohnen? Der Zwillingsschwester seiner eigenen Braut?

Oder steckte etwas anderes dahinter, wie Immi zunehmend mutmaßte?

Um Himmels willen! Ich muss aufhören, überall Gespenster zu sehen! Die Sache von vor acht Jahren würde sich nicht wiederholen … nur wegen des anrüchigen Klischees: Heirate die Tochter deines Chefs und du bist saniert.

Stephen liebte sie, das versicherte er ihr immer wieder. Oder hatte es zumindest anfangs getan. Sich all das andere romantische Geschnörkel zu wünschen, wie man es aus Liebesfilmen oder Märchen kannte, war kindisch. Und egoistisch …

Aber diese Zeiten waren vorbei. Sie hatte ihrer Familie in der Vergangenheit reichlich Sorgen bereitet und allen eine Menge zugemutet. Das durfte nicht noch einmal geschehen.

Matt war wie paralysiert. Imogen Marlowe sah einfach hinreißend aus.

Als sie das erste Mal aufeinandertrafen, trug sie ein dunkles Businesskostüm und wirkte auf ihn ausgesprochen geschäftstüchtig und ziemlich einschüchternd. Und wild entschlossen herauszufinden, was mit ihrem Zwilling los war. Beim zweiten Mal, am frühen Morgen, war sie barfuß, trug einen übergroßen Pulli über knöchellangen, verblichenen Jeans. Ihr lebhaftes Gesicht zierte ein Schmutzfleck, und sie durchforstete die wuchernden Beete im verwilderten Garten auf der Suche nach weißen Margeriten. Aus ihnen zauberte sie später Blumenbuketts und Blütenkränze für Braut und Brautjungfern und kleine Sträuße, die sie in leeren Konservendosen auf den Tischen im Garten verteilte, wo gleich die Trauungszeremonie stattfinden sollte.

Zu diesem Anlass trug die Zwillingsschwester der Braut ein meerfarbenes Haute-Couture-Kleid im angesagten Vintage-Look, das den Inbegriff kühler Eleganz vermittelte. Das Kleid im Empirestil war ärmellos und das herzförmige Dekolleté tief genug, um den Ansatz wohlgeformter Brüste zu erahnen. Auf den ersten Blick sah es so aus, als würde der Ausschnitt, abgesehen von einer kleinen Schleife, hauptsächlich durch eine runde Brosche aus vielen kleinen weißen Zuchtperlen und vier großen schwarzen Perlen zusammengehalten. Eine passende Perlenkette rundete das Outfit ab, das dunkle Haar war zu einem perfekten Bob getrimmt, das Make-up ein dezentes Unterstatement.

Matt konnte an nichts anderes denken, als daran, diese verflixte Brosche zu lösen und herauszufinden, was sich unter der schillernden türkisblauen Stofffülle verbarg.

Innerlich schüttelte er über sich selbst den Kopf. Es musste an dieser verdammten Hochzeitsatmosphäre liegen, dass seine Fantasie mit ihm durchging und ihn ungewohnt sentimental und rührselig werden ließ. Der Trauzeuge und die Brautjungfer!

Einen Vorteil bot diese Konstellation in jedem Fall: In seiner Funktion als Cleves Trauzeuge würde er auf jeden Fall mit der Brautjungfer tanzen müssen.

Momentan beschäftigte ihn aber noch etwas ganz anderes. Normalerweise hatte er kein Problem, sich zu artikulieren, aber in Gegenwart dieser Frau schien seine Zunge gelähmt zu sein.

„Das ist ein wundervolles Kleid, Imogen“, brachte er schließlich mit Mühe hervor. Er wusste, dass es lahm klang.

„Besten Dank“, kam es locker zurück. „Es ist eines von Sofias alten Kleidern. Du weißt, dass sie die Patin meiner Schwester Posy war? Der Schmuck gehörte übrigens auch ihr.“

„Habe ich mir schon gedacht.“ Matt lächelte. „Ich finde es schön, dass ihr vier Sofias Kleider tragt. Es würde sie ganz sicher freuen.“

Immi nickte. „Ja, es fühlt sich fast so an, als wäre sie bei uns. Als wir Kinder waren, durften wir immer Modenschauen mit ihren kostbaren Designerroben veranstalten. Ich glaube, sie erlaubte es uns, weil sie wusste, dass wir ihre Sachen mit Respekt behandelten. Wir haben sie weder mit Schokoladenfingern angefasst noch sonst wie beschädigt.“

Sie lächelte Matt zu, was ihm einen wohligen Schock versetzte.

„An dieses spezielle Kleid kann ich mich nicht erinnern, aber es ist wirklich atemberaubend: ein typisches Mantua-Kleid aus dem achtzehnten Jahrhundert, aber im Design aktualisiert.“

„Mantua?“

Immi deutete mit dem Finger auf die Brosche. „Unterhalb des Mieders, das von Brusthöhe bis zur Taille reichen kann, springt der Oberstoff auf und gibt den Blick auf ein farblich passendes Unterkleid frei.“

Matt schluckte trocken und nickte. „Mantua … das werde ich mir merken.“

„Ich weiß das nur, weil ich eine geheime Schwäche für historische Schmachtfetzen habe“, gestand sie mit einem kläglichen Lächeln, das sein Herz zusammenzog. „Portia ist die eigentliche Expertin, was derartige Themen betrifft.“

Ihre älteste Schwester Portia war Hollywoodreporterin.

„Und Posy war so nett zu gestatten, dass wir uns aus dem reichhaltigen Fundus bedienen, der nach Sofias Tod jetzt ihr gehört. Genau wie die Villa Rosa.“

„Schwestern teilen doch immer alles. Zumindest meine tun es.“

„Du hast Schwestern?“, fragte Immi überrascht.

Matt schnitt eine kleine Grimasse. „Vier, und alle sind jünger als ich.“

„Na, dann sind dir ja derartige Themen vertraut.“

„Könnte man so sagen. Hmm … als Brautjungfer und Trauzeuge, glaubst du nicht, da wird von uns erwartet, dass wir …“ Er hob Brauen und Arme zugleich und brachte Immi damit zum Lachen.

„Ist mir eine Ehre“, versicherte sie und ließ sich von Matt auf die Tanzfläche führen.

Das ist nicht gut! dachte Immi. Gar nicht gut … genau genommen sogar desaströs.

Matt Stark war Cleves Trauzeuge und eine Art Nachbar. Er lebte in einem Cottage die Straße runter, in der Nähe des Dorfes, und hielt nach Sofias Tod ein Auge auf die Villa Rosa. Laut Andie war er eine Art IT-Genie, der ein Vermögen mit Computerprogrammen gemacht hatte, die es Hausbesitzern ermöglichten, sämtliche Funktionen ihre Besitztümer betreffend via Voice-Control zu dirigieren – angefangen von Alarmanlagen und elektronischen Türschlössern bis zum An- und Ausschalten sämtlicher Elektrogeräte, dem Öffnen von Vorhängen und Dimmen der Beleuchtung.

Nachdem Immi seiner Mutter vorgestellt worden war, begriff sie auch, was ihn angetrieben hatte, sich ausgerechnet diesem Thema zu widmen. Schwerst beeinträchtigt und teilweise durch Arthritis verkrüppelt saß Gloria Stark im Rollstuhl. Dank Matts Erfindung hatte sie einen Teil ihrer früheren Unabhängigkeit zurückerlangt.

Bis zu ihrem Tod hatte er sich auch um Sofia gekümmert, wobei es ihm nicht gelungen war, die ebenso kapriziöse wie störrische Diva zu einem Satellitentelefon für Notfälle zu überreden. Wenigstens hatte sie ihm schließlich erlaubt, eine Glocke zu installieren, die sie läuten konnte, wenn sie Hilfe brauchte.

Und jüngst hatte er ihre an einer Spinnenphobie leidende Zwillingsschwester gerettet, als diese mit dem Kopf in einem Küchenunterschrank voller Spinnweben festgesteckt hatte!

Matt war ein netter Typ … sogar ein schrecklich netter Kerl. Darum war es kein Wunder, dass sie ihn auf Anhieb mochte. Außerdem sah er auch noch umwerfend aus – groß, breitschultrig, eindringliche dunkle Augen, widerspenstiges braunes Haar, das er immer wieder ungeduldig aus der hohen Stirn strich, und kleine Fältchen in den Mundwinkeln, die ihr verrieten, dass er oft lächelte.

Weniger gut war die Tatsache, dass Immis Haut dort, wo Matt sie berührte, augenblicklich wie Feuer brannte, während sich gleichzeitig all ihre Nackenhärchen aufrichteten. Noch schlimmer die Tatsache, dass kein Mann vor ihm je derartig absurde Reaktionen in ihr wachgerufen hatte. Schon gar nicht ihr Verlobter …

Sie musste diese Schwäche unbedingt bekämpfen und in den Griff bekommen.

Also suchte sie Entschuldigungen, um Matts verstörende Nähe zu meiden, und widmete sich der ihr übertragenen Aufgabe, im verwilderten Garten Blumen für den Tischschmuck und die Blütenkränze zu suchen, die sie und ihre Schwestern tragen wollten.

Doch vor ihren Emotionen und sehnsüchtigen Fantasien konnte sie nicht fliehen. Immi fühlte sich gefangen in einer Art Zauber, für den kein Gegenmittel zu existieren schien. Jegliche Souveränität, mit der sie sonst ihren Berufsalltag und anstehende gesellschaftliche Verpflichtungen meisterte, schien sie verlassen zu haben.

Schlimmer noch! Während sie in seinen Armen über die Tanzfläche schwebte, gab sie sich der romantischen Fantasie hin, den ganzen Abend auf diese Weise verbringen zu können. Sich im Garten einer Villa am Meer unterm Sternenzelt zum Takt der Musik zu wiegen und anschließend …

Immi blinzelte, schaute auf und hielt den Atem an, als sie sah, dass Matt wie hypnotisiert auf ihren Mund starrte. Ganz so, als würde er gerade dasselbe denken wie sie.

Lieber Himmel! Was passiert hier mit mir?

Eine Frau, die in acht Wochen heiratete, durfte nicht darüber nachdenken, wie es wäre, einen anderen Mann als ihren Bräutigam zu küssen! Schon gar nicht Matt Stark vor den Augen ihrer gesamten Familie am Hochzeitstag ihrer Zwillingsschwester! Trotzdem spürte Immi, wie sich ihre Lippen unter seinem heißen Blick teilten.

Lust-Flash! So nennen meine Schwestern dieses Gefühl, erinnerte sich Matt. Eine ebenso unerklärliche wie unerhörte Anziehung, die einen überfiel, ohne dass man etwas dagegen tun konnte.

Es hatte nichts mit dem aufregenden Kleid oder den scharfen High Heels zu tun, sondern nur mit der Frau, die er in den Armen hielt. Sie war so … weich und anschmiegsam und schien sich seinen Körperformen perfekt anzupassen. Und sie fühlte es auch, dessen war Matt sich ganz sicher. In den haselnussbraunen Augen tanzten goldene Fünkchen. Die Pupillen waren riesig, und ihr anbetungswürdiger Mund öffnete sich langsam wie eine Rosenblüte im Morgentau, wenn die Sonne sie küsst.

Alles, was er jetzt tun musste, war den Kopf zu neigen und …

Es traf ihn wie ein Fausthieb auf den Solarplexus. Wie, zur Hölle, hatte er den Ring an ihrer linken Hand übersehen können? Das untrügliche Zeichen dafür, dass Imogen Marlowe einem anderen gehörte.

Damit war die Sache geklärt. Über den traditionellen Tanz des Trauzeugen mit der ersten Brautjungfer durfte dies nicht hinausgehen. Keine heißen Blicke, keine Küsse, so sehr es ihn auch danach verlangte, ihren Rosenknospenmund zu erobern.

Nicht, dass er Immi hier mit jemandem gesehen hätte, zu dem sie zu gehören schien, doch der funkelnde Diamantring an ihrem Finger sprach für sich.

„Dein Verlobter ist nicht hier?“, zwang er sich zu fragen und stutzte, als er sah, wie ihr Gesicht alle Farbe verlor und in den goldbraunen Augen so etwas wie Panik aufflackerte.

„Ich … er, nein“, stammelte Immi und senkte den Blick. „Geschäfte.“

Matts Stirnrunzeln vertiefte sich. Geschäfte, die wichtiger waren als die Hochzeit der Zwillingsschwester seiner Verlobten? Wenn das einer seiner Schwestern passieren würde, hätte dieser Verlobte ihm einige ernsthafte und eindringliche Fragen zu beantworten! Was ihn unweigerlich zu der Frage führte, ob Immis Verlobter wirklich der Richtige für sie war. Der eine Mann, der sie glücklich machen konnte …

Aber das ging ihn nichts an.

Und ganz sicher würde er sich mit niemandem einlassen, der nicht frei war.

„Schade“, bemerkte er so ausdruckslos wie möglich. Sobald der Tanz endete, entschuldigte er sich mit einem höflichen Lächeln bei Immi. „Sorry, aber ich muss meinen Pflichten nachkommen und auch mit den anderen Brautjungfern tanzen.“

„Natürlich … der perfekte Trauzeuge“, entließ Immi ihn mit gezwungenem Lächeln.

„Wir sehen uns später“, versprach Matt, nahm sich aber fest vor, ihr für den Rest des Abends aus dem Weg zu gehen. Imogen Marlowe war verbotenes Terrain, das musste er sich fortan vor Augen halten.

1. KAPITEL

Einen Monat später.

„Honey, Ich bin zu H…“ Immi stutzte, brach mitten im Wort ab und wäre fast über die Schuhe gestolpert, die in der Diele ihrer Wohnung lagen, als hätte jemand sie hastig im Laufen von den Füßen gestreift. Frauenschuhe, die nicht ihr gehörten.

Wenige Schritte weiter ein Rock … auch nicht ihrer … ebenso wenig wie das knappe Top oder der schwarze Spitzen-BH, direkt vor der Tür zu ihrem Schlafzimmer.

Es gab nur eine logische Erklärung für dieses Szenario.

Stephen erwartete sie nicht vor morgen von ihrer Geschäftsreise zurück. Vielleicht hat er den Schlüssel zur Wohnung einem seiner Freunde geliehen. Alles andere war unvorstellbar. Er würde sie doch nicht einen Monat vor ihrer Hochzeit im eigenen Bett betrügen.

Aus dem Schlafzimmer kamen eindeutige Geräusche. Immi schluckte trocken. Ihre Hoffnung, sie mache sich Sorgen um nichts, starb, als eine erstickte Frauenstimme keuchte: „Oh … Stephen!“

Immi erstarrte und schloss gequält die Augen. Es war wieder passiert.

Wie vor acht Jahren, als sie sich auf einer Party nicht wohlgefühlt hatte, ihren Mantel holen wollte und im Schlafzimmer der Gastgeber ihren Freund überraschte, der unter einem Berg von Mänteln mit einem anderen Mädchen Sex hatte.

Nur war es dieses Mal unendlich viel schlimmer. Hier ging es nicht um einen Teenager, dem sie ihre Jungfräulichkeit geopfert hatte und der nur wegen einer Wette mit ihr geschlafen hatte, weil niemand freiwillig mit Immi dem Elefanten ins Bett steigen wollte.

Diesmal war es ihr Verlobter. Der Mann, den sie heiraten wollte …

„Ja, Stephen, ja!“

Also hatte sie sich nicht verhört.

Sie könnte so tun, als wäre nichts geschehen, leise das Haus verlassen, Stephen vom nächsten Café aus anrufen und ihm mitteilen, dass sie in einer Stunde zu Hause sei. Das würde ihm genügend Zeit geben, seine … Gespielin vor die Tür zu setzen und alle verräterischen Spuren zu beseitigen.

Aber will ich wirklich für den Rest meines Lebens mit einer Lüge leben? Will ich einen Mann heiraten, der mich offenkundig nicht liebt, trotz vollmundiger Liebesschwüre? Denn warum würde er sonst hinter ihrem Rücken mit einer anderen Frau schlafen?

Immi der Elefant …

Nie wieder! Sie war nicht mehr der verunsicherte unglückliche Teenager von damals. Und sie würde sich kein zweites Mal fast zu Tode hungern, um dem herrschenden Schönheitsideal zu entsprechen. Dafür hatte sie zu hart gearbeitet, um die Frau zu werden, die sie heute war: Imogen Marlowe, eine starke erfolgreiche Geschäftsfrau. Und als solche würde sie diese Herausforderung auch in Angriff nehmen.

Entschlossen hob sie das Kinn und klopfte zwei Mal hart an die Schlafzimmertür, um Stephens Bettgenossin Gelegenheit zu geben, ihre Blöße zu bedecken. Der komplett nackten Wahrheit ins Gesicht zu schauen, wollte sie sich nicht antun. Dann öffnete sie die Tür.

„Was …“ Mehr brachte Stephen nicht hervor, ehe er verstummte.

„Wer zur Hölle sind Sie“, kreischte seine Gespielin und raffte die Bettdecke bis zum Kinn hoch. „Stevie? Was geht hier vor?“

Immi starrte das Mädchen an. Sie war sehr jung und offenbar leicht zu beeindrucken. Keine Frage, dass sie Stephens jungenhaftem Charme erlegen war, den er, wie sie inzwischen wusste, wie seine Designer-Outfits nach Belieben an- und ablegen konnte.

„Anders, als er es Ihnen wahrscheinlich weisgemacht hat, bin ich die Person, der diese Wohnung gehört“, informierte Immi sie ausdruckslos. „Und ganz nebenbei Stephens Verlobte. Zumindest war ich das bis zu dem Moment, als ich über die Kleidungsstücke gestolpert bin, die in meiner Diele herumfliegen, und eine fremde Frau seinen Namen in meinem Schlafzimmer habe rufen hören“, endete sie mit einem gezwungenen Lächeln.

„Immi, hör mir zu …“, haspelte Stephen los. „Es ist nicht so, wie du vielleicht …“

„Oh doch“, unterbrach sie ihn kalt. „Es ist exakt so, wie ich denke. Jetzt weiß ich, was Jamie meinte, als er sagte, du solltest lieber sauber bleiben, bis dein Ring an meinem Finger steckt. Aber ich bin froh, dass du nicht auf ihn gehört hast. Denn wenn ich dich nach unserer Hochzeit mit einer anderen im Bett erwischt hätte, wäre es noch unangenehmer gewesen. Und so erspare ich mir wenigstens eine hässliche Scheidung.“

Ich muss nur noch überlegen, wie ich dieses Mammut-Event wieder auflöse, zu dem sich unsere gerade geplatzte Hochzeit mit der Zeit verselbstständigt hat! fügte sie für sich im Kopf hinzu.

Stephen war offensichtlich zu geschockt, um auch nur ein Wort hervorzubringen.

Gut so! Denn sonst hätte sie wahrscheinlich doch noch ihre mühsam aufrechterhaltene Fassung verloren.

Immi zog den Verlobungsring von ihrem Finger und ließ ihn zu Boden fallen. „In einer Stunde bin ich wieder da.“ Jetzt klirrte ihre Stimme wie Eis. „Und wenn ich zurückkomme, erwarte ich, dass deine … Freundin und du selbst, inklusive deiner sämtlichen Sachen, von hier verschwunden seid.“

„Aber Immi …“

„Und erspar dir die Mühe, meine Wohnungsschlüssel von wie vielen Frauen auch immer zurückzufordern. Ich lasse ohnehin das Türschloss auswechseln.“

„Bitte, Immi, tu das nicht. Ich liebe dich doch.“

Vor einem Monat hätte sie ihm das vielleicht noch abgenommen, aber nicht nach Andies Hochzeit. Dort hatte sie in die Augen eines Mannes geschaut, der wirklich liebte, als Cleve vor dem Altar auf Andie gewartet hatte, um den Bund fürs Leben zu schließen.

„Nein“, sagte sie ruhig. „Du liebst nur den Gedanken, mit der Tochter deines Chefs verheiratet zu sein, um hoffentlich irgendwann sein Nachfolger zu werden.“

Wie weh es tat, sich das einzugestehen und auch noch laut auszusprechen. Was hatte sie sich alles antun lassen? Sie war Immi der Elefant gewesen und für Shaun damit nicht mehr als Gegenstand einer widerwärtigen Wette. Zehn Jahre lang hatte sie verbissen gegen das Gefühl der Wertlosigkeit angekämpft, um dann auf Stephen hereinzufallen, für den sie auch nur Mittel zum Zweck war.

Und doch war sie fest davon überzeugt, dass sie etwas Besseres verdiente.

„Ich glaube kaum, dass Dad diese Möglichkeit noch länger in Betracht ziehen wird, nachdem ich mit ihm gesprochen habe …“

Stephen war leichenblass. „Immi …“

Hätte er wenigstens den Versuch unternommen, sich zu entschuldigen, hätte sie ihm vielleicht noch zugehört. Aber selbst in dieser Situation dachte er nur an sich, sah seine Felle davonschwimmen und versuchte, sich irgendwie aus der für ihn unangenehmen Situation herauszuwinden. Glaubt er wirklich, dass ich bedürftig und verzweifelt genug bin, um einen Mann zu heiraten, der offensichtlich null Respekt vor mit hat?

„Nein.“ Damit wandte sie sich um und ging.

Nur Minuten später saß Immi im Coffee-Shop in einer ruhigen Ecke, ohne sich erinnern zu können, wie sie überhaupt hierhergekommen war. Aber da sie vor sich auf dem Tisch einen Espresso und ihr iPhone sah, wahrscheinlich auf ihren eigenen Beinen.

Ihr Handy hatte sie gleich nach Verlassen ihrer Wohnung auf stumm geschaltet, doch jedes Mal, wenn Stephens Name auf dem Display leuchtete, drückte sie mechanisch die Ignorieren-Taste. Genauso verfuhr sie mit seinen Textnachrichten, die zunehmend dringlicher und verzweifelter ausfielen, da er offensichtlich nicht akzeptieren wollte, dass ihm die begehrte Trophäe in Form von Marlowe Aviation durch seine eigene Dummheit entgangen war.

Immi, bitte …

Vergib mir!

Ich weiß nicht, warum ich das getan habe …

Ich liebe dich!

Nein! Er liebte sie kein bisschen. Er dachte nur an sich und hatte sie wissentlich und willentlich betrogen. Das würde sie ihm nicht verzeihen. Zumal er nicht einmal den Versuch unternommen hatte, sich zu entschuldigen. Ihm tat nicht sein Betrug leid, sondern nur, dass sie ihn dabei erwischt hatte.

Immi nippte an ihrem Espresso. Sie schmeckte zwar nichts, zwang sich aber, ihn zu trinken, weil sie jetzt jeden Funken Energie brauchte.

Sie würde nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen wie als unglücklicher Teenager, als sie haarscharf an einem stationären Klinikaufenthalt vorbeigeschrammt war, nachdem sie sich fast zu Tode gehungert und ihrer Familie damit unendlichen Kummer bereitet hatte.

Immer noch glaubte sie die besorgten Blicke auf sich zu spüren, die zuallererst auf ihren Schlüsselbeinen geruht hatten, um zu kontrollieren, ob sie womöglich wieder an Gewicht verloren hatte. Oder wie sie während der Umarmung unauffällig ihre Knochen abgetastet hatten. Nicht, dass sie ihnen daraus einen Vorwurf gemacht hätte. Sie taten es ja nur aus Liebe. Sie hätte genauso reagiert, wenn es eine ihrer Schwestern oder ein Elternteil betroffen hätte.

Okay … genug gelitten! Sie würde das Problem auf ihre eigene Weise angehen, also straff durchorganisiert.

1. Schlüsseldienst ordern

2. Die Familie informieren, dass die Hochzeit geplatzt war

3. Punkt für Punkt auf der umfangreichen Wedding-List durchgehen und rückgängig machen, was rückgängig zu machen war …

Und nicht vergessen … das Wichtigste zuallererst.

Nachdem sie Stephens Nummer aus ihrem Handy eliminiert hatte, rief Immi den Schlüsseldienst an. Das war der leichte Teil.

Aber wie sollte sie ihrer Familie mitteilen, dass ihre bestens durchorganisierte Hochzeit nicht stattfand? Sie würden wissen wollen, warum.

Eben noch voller Energie und Tatendrang, sank Immi wieder in sich zusammen. Nicht nur, dass sich das widerliche Klischee von dem Glücksritter, der die Tochter seines Chefs nur aus Karrieregründen heiratete, wieder einmal bestätigte … sie war auch noch die Betrogene. Und das gleich in zweifacher Hinsicht!

Sie fühlte sich besudelt und haderte mit sich selbst, weil sie überzeugt gewesen war, dass Stephen sie nie so schäbig behandeln würde, wie Shaun es getan hatte.

Und jetzt das.

Vielleicht sollte sie nichts überstürzen und sich selbst ein paar Stunden Zeit geben, um die richtigen Worte zu finden. Denn was sie keinesfalls provozieren wollte, war, dass ihre Lieben aus allen Ecken der Welt herbeieilten, um ihr zur Seite zu stehen: Portia aus L. A., Posy aus … wo auch immer sie gerade mit dem Londoner Ballett tanzte und ihre Eltern von ihrem Indien-Hippie-Trip.

Sie suchte immer noch nach den richtigen Worten, nachdem sie sich endlich aufgerafft hatte, in ihre Wohnung zurückzukehren. Wie sie insgeheim befürchtet hatte, war Stephen immer noch dort.

„Immi … dem Himmel sei Dank! Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.“

Glaubt er wirklich, ich würde ihm das abnehmen?

„Du hast keinen meiner Anrufe und keine einzige SMS beantwortet.“

Natürlich nicht! Aber verstanden hatte er den Wink offensichtlich nicht. Ebenso wenig wie ihre Aufforderung, von hier verschwunden zu sein, wenn sie zurückkam. „Du solltest nicht mehr hier sein, schon vergessen?“

„Nicht, ohne mit dir geredet zu haben. Immi, ich habe einen Fehler gemacht …“

Sie wich zurück, ehe sich seine Arme um sie schließen konnten. Er hatte seine Wahl getroffen, jetzt wollte sie nur noch, dass er verschwand.

„Es muss nicht vorbei sein“, murmelte Stephen mit Welpenblick.

Wie einfach wäre es, jetzt einzuknicken und alles beim Alten zu lassen. Damit würde sie sich einen Haufen Arbeit und Geld sparen, die mit einer geplatzten Hochzeit einhergingen. Sie müsste sich ihrer Familie gegenüber nicht als betrogene Braut outen und alle enttäuschen, weil sie annehmen mussten, sie wäre immer noch so naiv und gutgläubig wie in ihren Teenagerzeiten.

Autor

Kate Hardy
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