Ich träum von seinen Küssen

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Der heißblütige Graf Giulio Falcone hat Lucy als Nanny engagiert. Von leidenschaftlichen Gefühlen stand gewiss nichts im Vertrag. Dennoch hat der Aristokrat ihr Herz im Sturm erobert! Nur warum küsst Giulio sie erst verlangend, um ihr danach die kalte Schulter zu zeigen?


  • Erscheinungstag 05.04.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783733787295
  • Seitenanzahl 128
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Lucy, hast du den Typen dort drüben gesehen? Meine Güte, sieht der gut aus!“

Lucy Winters errötete vor Scham, da ihre Freundin Nina so laut gesprochen hatte, dass sicher jeder auf der Terrasse des Straßencafés es mitbekommen hatte. Die junge Engländerin starrte auf den Reiseführer der Toskana, der vor ihr lag, und wünschte, sie würde in die Erde versinken …

Sie hoffte, dass der Adonis entweder stocktaub sei oder kein Wort Englisch spreche. Doch ein schneller Blick in seine Richtung zeigte, dass diese Hoffnung leider unbegründet war …

Michelangelo hätte ein solches Profil entwerfen können, überlegte Lucy. Eine lange, aristokratisch gebogene Nase betonte den eleganten Schwung der feinen Lippen, um die sich ein arroganter Zug gelegt hatte, als er dem Kellner ein Zeichen gab, die Rechnung zu bringen. Einen Augenblick lang hob er den Kopf, als er vom Nachbarstuhl eine lederne Tasche aufnahm, und sein berechnender Blick streifte Lucy.

„Nina, er hat alles mitbekommen!“

„Na und?“, gab diese ungerührt zurück. „Davon leben doch diese italienischen Studenten. Herumsitzen, gut aussehen und bewundert werden. Da geht er schon.“ Nina lehnte sich ein wenig zurück, um ihm einen letzten Blick der Bewunderung nachzuwerfen.

„Schau nur, wie er sich in den Hüften wiegt! Ich wette, der ist Spitze im Bett.“

Lucy zuckte bei dieser drastischen Beschreibung ihrer Freundin zusammen, schaute jedoch ebenfalls dem Italiener nach.

Nach klassischem Geschmack sah er wirklich gut aus, auch wenn er die dichten dunklen Haare zu lang trug. Doch sein Gang war außergewöhnlich elegant, und da er den Kommentar der jungen Frau nur zu deutlich gehört hatte, betonte er noch die leichten Schwingungen der Hüften.

Trocken bemerkte Lucy: „Er trägt ein Designerhemd …“

Nina kicherte. „Mich interessiert mehr, was sich darunter verbirgt. Ich fange an, Italien richtig gern zu mögen.“ Sie bestellte zwei weitere Tassen Kaffee, und Lucy las in dem Reiseführer.

Es war nicht das erste Mal seit ihrer Ankunft vor achtundvierzig Stunden, dass sie sich fragte, ob diese Reise wirklich eine gute Idee gewesen war. Wie ein Sprung ins kalte Wasser, dachte sie. War es nicht zu gewagt gewesen, ein Haus in der Toskana mit drei anderen Mädchen zu mieten, die sie nur wenig kannte? Doch sie hatte einen Tapetenwechsel unbedingt nötig gehabt …

Drei Wochen Faulenzen in der Toskana, solch ein Urlaub wäre unmöglich gewesen, solange sie mit Philip zusammen gewesen war. Er war in den Ferien immer aktiv und liebte Abenteuer wie Wildwasserfahren, Orientierungsmärsche in den Hochebenen Schottlands oder Felsenklettern in Wales. Lucy hatte ihren Widerwillen dagegen meist unterdrückt.

Seine Ungeduld bei der letzten gemeinsamen Reise hätte ihr vielleicht schon zeigen sollen, dass es nicht zum Besten um ihre Beziehung stand. Liebe macht blind, dachte sie und bemühte sich, nicht zu oft den hellen Streifen auf ihrem Finger zu betrachten, wo vor Kurzem noch sein Ring gesessen hatte.

Als er ihr schließlich eröffnet hatte, dass es eine andere Frau in seinem Leben gäbe, wusste Lucy zunächst gar nicht, was sie machen sollte, so überraschend war es gekommen. Auch wenn es vorher schon Anzeichen gegeben hatte. Doch das ist jetzt nicht mehr wichtig, dachte die junge Frau, erst einmal brauche ich Abstand. Aber wohin konnte sie nur gehen?

„Natürlich kannst du einige Tage hier verbringen“, hatte ihre Schwester Jane sofort vorgeschlagen. „Aber eine dauerhafte Lösung ist das natürlich nicht.“

„Das ist einer der Gründe dafür, dass ich jetzt erst einmal Ferien mache“, hatte Lucy traurig gelächelt. „Dann kann ich über alles in Ruhe nachdenken.“

„Bist du dir da auch wirklich sicher?“, hatte Jane gefragt. „Du mietest ein Haus mit einer Frau, die du kaum kennst, und mit zwei ihrer Freundinnen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht glauben, dass das gut geht …“

„Ich habe ein Foto der Villa Dante gesehen. Es ist ein fantastisches Gebäude, auch wenn die Miete sündhaft teuer ist. Der Chef eines italienischen Restaurants, in das Sandie und Fee oft nach dem Sprachkurs gehen, hat sie uns empfohlen.“

„Eine merkwürdige Urlaubsgesellschaft.“ Jane schüttelte den Kopf.

„Hör endlich auf, dir um alles Sorgen zu machen! Es wird wunderbar werden, und vielleicht finde ich ja sogar die Gelegenheit zu malen.“

„Wenn du meinst. Ach, dieser verdammte Philip! Ich hätte niemals geglaubt, dass er dir das antun würde. Weißt du, wie seine Neue ist?“

„Du erinnerst dich doch noch daran, dass er vor einigen Monaten die Firma gewechselt hat und zu einer Bank in der City gegangen ist. Seine neue Freundin ist die Tochter von seinem jetzigen Chef.“ Lucy verzog das Gesicht. „Er war immer schon sehr ehrgeizig!“

„Ich hätte es anders ausgedrückt“, erwiderte Jane scharf. „Also, ich wünsche dir, dass du das bald hinter dich bringst und wundervolle Ferien erlebst!“

Genau das hatte Lucy vorgehabt. Doch schon auf dem Flug nach Pisa wurde ihr klar, dass sie sich in ihren Begleiterinnen getäuscht hatte. Die anderen Mädchen sprachen reichlich den Getränken zu und hatten schon mehrere junge Männer zum Flirten gefunden. Lucy trank keinen Alkohol, da sie daran dachte, dass schließlich eine von ihnen den Mietwagen fahren musste, der in Pisa bereitstand. Außerdem waren die Männer in Begleitung ihrer Frauen gekommen, und die Lage wurde recht ungemütlich. Doch alle Versuche, die Situation ein wenig zu entspannen, schlugen fehl.

„Die ist aber langweilig“, flüsterte Sandie Fee zu. „Kein Wunder, dass ihr Freund sie sitzen gelassen hat!“

Am Flughafen wurden sie von Tommaso, ihrem Vermieter, in Empfang genommen. Er zeigte ihnen den Wagen, einen kleinen Fiat, und gab ihnen die Schlüssel der Villa. Lucy hatte ein ungutes Gefühl, als sie den Mann das erste Mal sah, hätte jedoch nicht zu sagen gewusst, warum. Und auch er schien nicht sehr viel für ihre hochgesteckten Haare übrig zu haben, und ihr weites Kleid zog ihn viel weniger an als die eng anliegenden Hosenanzüge oder kurzen Röcke ihrer Freundinnen. Tommaso musterte die jungen Frauen schamlos, während er die notwendigen Verhandlungen führte.

Lucy hatte nicht damit gerechnet, den Mietwagen gleich an Ort und Stelle in bar bezahlen zu müssen, doch die anderen meinten, dass das ganz normal sei und sie sich keine unnötigen Sorgen machen solle.

„Sollten wir nicht besser den Wagen erst einmal kontrollieren?“, fragte sie, doch Tommaso antwortete nur mit einem breiten Lächeln.

„Wenn’s ein Problem gibt, brauchen Sie mich nur anzurufen“, erklärte er.

„Und wenn es sich am Telefon nicht regeln lässt?“, fragte Lucy unbeeindruckt. Sie war zwar nach Italien gekommen, um sich zu erholen, aber sie wollte sich trotzdem nicht über den Tisch ziehen lassen.

Tommaso zuckte mit den Schultern. „Dann kommen Sie einfach bei mir vorbei. Ich lebe in Montiverno.“ Er gab Lucy seine Karte.

Es war ein wundervoller Tag. Die Sonne strahlte am dunkelblauen Himmel, und Pinien und Rosmarin strömten einen angenehmen Duft aus. Lucy fuhr durch leuchtende Sonnenblumenfelder, kleine, pittoreske Dörfer, in denen große Platanen Schatten spendeten, und am Horizont sah sie die roten Felsen einer Hügelkette aufragen. Die anderen waren nach der Zecherei im Flugzeug eingeschlafen, und Lucy fühlte sich endlich einmal zufrieden.

Sie folgte dem von Tommaso beschriebenen Weg, der schnell Montiverno verließ und dann in ein weites Tal führte, das von mit Weinreben bepflanzten Terrassen und Feldern mit silbrig glänzenden Olivenbäumen beherrscht wurde.

Als Lucy um eine lang gestreckte Kurve herumgefahren war, sah sie plötzlich die Einfahrt zur Villa Dante vor sich. Der Name war in einen der steinernen Torpfosten gemeißelt. Reichlich luxuriös für ein Ferienhaus, stellte die junge Frau fest, als sie mit dem kleinen Fiat vorsichtig durch das eiserne Tor und dann den gewundenen Weg hinauf bis zu dem Gebäude fuhr, das von dunklen Zypressen umstanden war. Welch ein verwunschenes Haus! dachte Lucy begeistert.

Sie hielt an und betrachtete die pastellfarbenen Wände, das schiefergedeckte Dach und die Steintreppe, die zu der schweren Eingangstür hinaufführte. Die Fotos, die sie in London gesehen hatte, hatten nichts von dieser Stimmung vermitteln können.

„Nicht schlecht“, bemerkte Fee, als sie aus dem Fiat kletterte. „Hoffentlich gibt es warmes Wasser.“

Maddalena, die Haushälterin, erwartete sie schon. Sie war klein, schien nervös und ängstlich zu sein, und in ihrem schwarzen Haar zeichneten sich schon graue Strähnen ab.

Die Villa war u-förmig um einen Hof herum angelegt. Es gab den üblichen Balkon und im ersten Stock eine große Veranda. Eine steinerne Treppe führte zum Swimmingpool und weiter in eine Gartenanlage hinein, in der es von wilden Rosen süß duftete.

Die Räume der Villa waren großzügig bemessen. Die Möblierung war eher karg, was jedoch jedem einzelnen Stück einen ganz besonderen Charakter verlieh. Viel Luxus für viel Geld, dachte Lucy, doch die anderen drei schienen das viel einfacher zu sehen.

„Für jeden ein großes Schlafzimmer mit einem Doppelbett“, rief Nina begeistert aus. „Hoffentlich wird es sich bald füllen.“

Lucy war mit diesem Plan keinesfalls einverstanden. Nach der Trennung von Philip fühlte sie sich noch viel zu verletzt, um auch nur an eine flüchtige Liebesaffäre denken zu können.

Die ersten Urlaubstage verliefen ruhig. Sie lagen viel in der Sonne, badeten im Schwimmbecken und genossen das ausgezeichnete Essen, das Maddalena zubereitete.

Doch eines Morgens kam Maddalena nicht zur Arbeit in die Villa Dante.

„Vielleicht ist es ihr freier Tag“, meinte Nina, die gerade zu verstehen versuchte, wie die Kaffeemaschine funktionierte. „Hat sie dir irgendetwas davon gesagt, Lucy?“

„Sie sagt ja kaum etwas“, erwiderte diese. „Als ob sie Angst vor uns hätte.“ Lucy blickte zu Sandie. „Am besten, du gehst mal zu dem Bauernhaus hinüber, wo sie lebt, und siehst nach, ob alles in Ordnung ist.“

„Warum gerade ich?“

„Weil du und Fee Italienisch könnt.“

„Gut, ich gehe hinüber“, sagte sie in einem Ton, als würde es sich um ein ungeheures Opfer handeln. Wenige Augenblicke später war sie schon wieder zurück. „Da ist niemand zu Hause“, erklärte sie. „Ich habe durch ein Fenster geschaut, und innen sieht alles so aufgeräumt aus, als seien sie für immer verschwunden.“

„Du meine Güte!“, rief Nina aus. „Unser Geld, unsere Reiseschecks …“

Doch ihre persönlichen Wertsachen lagen sicher im Safe.

„Wahrscheinlich hat sie einfach genug von dem Job gehabt“, fügte Fee hinzu. „Aber wir haben schließlich für eine Haushälterin bezahlt, und Tommaso muss uns eine andere schicken. Am besten, wir rufen ihn gleich nach dem Frühstück an.“

Lucy und Nina setzten sich auf die große Terrasse, während die beiden anderen einkaufen gingen.

„Ihr könnt euch ja gar nicht vorstellen, wen wir in dem Supermarkt getroffen haben!“, riefen sie fröhlich aus, als sie zurückkamen. „Die Typen, die wir im Flugzeug gesehen haben! Ben und Dave. Bens Eltern besitzen ein Haus nicht weit von hier in Lussione. Das ist doch eine Neuigkeit, oder?“

Lucy verstand sofort, was die beiden sagen wollten, und auch Nina schien schon ganz aufgeregt zu sein.

„Wir haben ihnen vorgeschlagen, heute Abend eine kleine Party hier zu veranstalten, als Begrüßung in der Toskana. Sie fanden das eine tolle Idee!“, warf Fee ein und schob ihre Sonnenbrille verführerisch ins Haar.

Lucy starrte die beiden sprachlos an. „Ihr wollt die Party hier in der Villa feiern?“

„Warum nicht?“, forderte Sandie sie heraus.

Die anderen drei Frauen starrten Lucy an. „Ich denke, das ist nicht der richtige Ort dafür. Viele der Möbel sind alt und wertvoll, und Tommaso ist vielleicht nicht einverstanden.“

„Wenn du dir so viele Sorgen darum machst“, spottete Nina, „dann brauchst du ihn ja nur zu fragen. Du kannst ihm auch gleich sagen, dass Maddalena verschwunden ist. Ach und übrigens, lade ihn doch auch zu der Party ein!“ Sie schaute auf die Uhr. „Ich gehe zu dem kleinen Geschäft im Dorf und bin in ungefähr einer Stunde zurück.“

Jetzt bin ich wirklich die Spielverderberin, dachte Lucy, als sie sich auf den Weg zu Tommaso machte. Nach einigem Suchen hielt sie schließlich vor einem kleinen, schäbigen Haus an. Der Putz bröckelte von der Fassade, und auch das Dach hätte erneuert werden müssen. Sie runzelte die Stirn, da es ihr seltsam erschien, dass der Mann, der die Villa Dante besaß, in so einer heruntergekommenen Behausung lebte.

Vor dem Haus lag ein Hund schläfrig in der Sonne und knurrte leise, als Lucy die Hausnummer betrachtete. Da die Klingel nicht funktionierte, klopfte die junge Frau kräftig an die Holztür, die auch mal wieder einen Anstrich gebraucht hätte. Als niemand antwortete, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und schaute durch eines der Fenster. Der Raum war vollständig leer: keine Möbel, kein Lebenszeichen …

Als Lucy zum Wagen zurückkehrte, biss sie sich nachdenklich auf die Lippen. Erst Maddalena, jetzt Tommaso, was sollte das nur bedeuten?

Unschlüssig lief sie die Straße auf und ab und fragte sich, was jetzt am besten zu tun wäre. Während sie so nachdachte, hatte sie das Gefühl, dass man sie beobachtete. Und die heimlichen Blicke schienen keinesfalls freundlich zu sein …

Besser, ich spreche mit den anderen darüber, sagte sie sich und war froh, diese verlassene Straße, in der sie hinter jeder Hausecke Beobachter vermutete, endlich zu verlassen.

Doch musste sie schon nach wenigen Metern feststellen, dass sie sich verlaufen hatte, da es keine Bars mehr gab, in denen sie nach dem Weg hätte fragen können, und sie sich auf einem kleinen Platz wieder fand, der von einer gotischen Kirche beherrscht wurde.

Lucy hörte ihre eigenen Schritte auf dem Pflaster widerhallen. Sie fragte sich, welcher der vielen Wege, die von dem Platz abgingen, sie wohl wieder zu ihrem Wagen führen würde. Es herrschte eine vollkommene Stille, nur einige Tauben gurrten auf dem Denkmal in der Mitte des Platzes. Die junge Frau fühlte, wie geladen die Atmosphäre war, als sie auf einmal hinter sich das Geknatter eines nahenden Motorrades hörte.

Erschrocken stoben die Tauben auf. Lucy machte auf dem Absatz kehrt, sah jedoch schon zwei Gestalten in Leder auf sich zurasen. Als das Motorrad neben ihr war, streckte einer der beiden Männer den Arm aus und versuchte, ihr die Handtasche von der Schulter zu reißen.

Lucy schrie auf und sprang zurück. Fest umklammerte sie die Handtasche, doch das Motorrad beschleunigte, und sie fiel der Länge nach auf das Pflaster.

„Nein“, schrie sie auf. Und dann rief sie um Hilfe und hörte, wie ihr eine männliche Stimme wütend antwortete. Wenn sie jetzt nicht die Handtasche losließe, würde das Motorrad sie hinter sich herschleifen, doch in diesem Augenblick riss der Bügel. Sie sah, wie ein Schatten auf sie zulief, doch hielt sie es für klüger, unbeweglich liegen zu bleiben und die Handtasche fest an sich zu klammern. Sie hatte sie damit für sich gerettet, während die Diebe ohne Beute auf dem Motorrad davonbrausen mussten.

Lucy schlug das Herz wild in der Brust, und sie zitterte am ganzen Körper. Als der Fremde auf sie zutrat und etwas auf Italienisch zu ihr sagte, bekam sie panische Angst. Sie wollte ihn mit dem Fuß treten und rief aus: „Nein, lassen Sie mich!“

Doch der Fremde sprach leise auf sie ein, jetzt auf Englisch: „Seien Sie nicht verrückt, Signorina! Sie haben um Hilfe gerufen, deshalb bin ich da. Sind Sie verletzt? Können Sie sich aufsetzen?“

Lucy stöhnte leicht, als er ihr aufhalf, sie in die Arme nahm und musterte. Vor Erstaunen brachte sie kein Wort heraus. Es war der Student, dem Nina so bewundernd im Café nachgeschaut hatte.

Von so dicht betrachtet, war die Eleganz seiner Gesichtszüge überwältigend. Die junge Frau sah ihn dankbar an.

„So trifft man sich wieder!“, bemerkte er. „Aber was machen Sie hier so allein in dieser Gegend? Das ist nicht sehr vernünftig.“

„Das wusste ich nicht“, erwiderte Lucy zerknirscht. „Ich habe jemanden gesucht und dachte, so etwas würde nur in großen Städten passieren.“

„Unglücklicherweise kommen immer mehr Diebe in so kleine Orte wie Montiverno“, sagte er trocken. „Versuchen Sie mal, allein zu stehen!“

Nur zu gern hätte Lucy seine Hand weggeschoben, bemerkte jedoch, dass sie nach dem Sturz einfach noch zu schwach war. Sie war von oben bis unten beschmutzt und fühlte sich so elend, dass sie fast in Tränen ausgebrochen wäre.

Doch stattdessen sagte sie mit schwacher Stimme: „Die wollten mir meine Handtasche klauen, aber das haben sie nicht geschafft.“

„Stupida!“, erwiderte er scharf. „Sie hätten besser Ihre Tasche herausgeben sollen, statt getötet zu werden.“

Zitternd strich sie sich einige Strähnen aus der Stirn. „Ich habe gerade eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens gemacht, und Sie kritisieren mich auch noch. Ist das alles?“

„Mein Wagen ist in der Nähe geparkt. Ich werde Sie ins Krankenhaus fahren.“

„Nein.“ Lucy verstand nicht genau, warum ihre spontane Ablehnung so deutlich ausfiel, spürte jedoch, dass die eigentliche Gefahr nicht mehr von den Dieben ausging …

Er stand unbeweglich vor ihr und musterte sie. „Wie bitte?“

Nicht genug damit, dass sich Lucy schon so schlecht fühlte, jetzt wurde sie auch noch rot. „Ich meine, es geht schon wieder. Ich bin nur ein wenig durcheinander.“

„Ist schon gut“, gab er zurück. „Ich will Ihnen nur helfen, Signorina. Und damit wir uns richtig verstehen, ich erwarte keine Gegenleistung dafür. Jedenfalls nicht, dass Sie mit mir ins Bett gehen, wie Sie oder Ihre Freundin sich das vielleicht vorstellen.“

Warum fühle ich mich nur gleich so angegriffen? fragte sich Lucy. Er ist einfach ein Fremder für mich, den ich niemals wiedersehen werde, und er hat mir geholfen. Sollen doch die anderen denken, was sie wollen. Und doch war sie sich ganz und gar nicht sicher, ob er ihr so gleichgültig war, wie sie es sich einreden wollte.

„Denken Sie, was Sie wollen, Signore!“, gab sie trocken zurück. „Sie haben mir geholfen, und ich bin Ihnen sehr dankbar dafür. Aber das ist alles.“

„Dann nehmen Sie doch einfach meine Hilfe an!“, sagte er. „Ich kann nicht einfach weggehen und Sie hier allein lassen!“ Als sie zögerte, fügte er hinzu. „Andererseits habe ich nicht unendlich viel Zeit, mich um Sie zu kümmern. Also entscheiden Sie sich bitte!“

Lucy biss sich auf die Lippen. „Ich sollte zum Hauptplatz zurückkehren. Meine Freunde warten bestimmt schon auf mich.“

„Natürlich. Dort gibt es sicher Männer, die sich besser um Sie kümmern. Aber passen Sie auf sich auf, Signorina!“

Sie warf ihm einen düsteren Blick zu. „Machen Sie sich darüber keine Sorgen, ich habe es ja überstanden!“

Doch sie fühlte sich gar nicht so selbstsicher. Wie sie sich selber eingestehen musste, hatte sie eher den Eindruck, gerade von einem Bus überfahren worden zu sein, als sie sich mit zitternden Knien auf dem Weg zu seinem Auto machte.

Es war ein lang gestreckter, schwarzer Sportwagen, der genauso kraftvoll aussah wie sein Besitzer. Lucy versuchte, sich über die Situation lustig zu machen, und akzeptierte, dass er ihr in den Wagen half. Doch hielt sie dabei so großen Abstand wie möglich, während er geschwind den Weg durch die schmalen Gassen zum Hauptplatz fand. Dort hielt er an und sagte mit kühler Höflichkeit: „Sind Sie sich ganz sicher, dass ich Sie nicht doch besser ins Krankenhaus bringen sollte?“

„Nicht nötig. Es sind ja nur ein paar Schrammen, und ich bin vor Kurzem gegen Tetanus geimpft worden. Sie waren sehr …“ Verlegen unterbrach sich die junge Frau. Das einzige Wort, das ihr in den Sinn kam, war „nett“, und sie sprach es aus, auch wenn es gar nicht ihren wahren Gefühlen entsprach.

Er lehnte sich zu ihr hinüber, um die Tür zu öffnen, und wieder spürte Lucy seine Anziehungskraft. Die Wärme seiner Haut …

Der junge Mann fragte ironisch: „Glauben Sie wirklich, dass Sie es hinter sich haben?“

Dann umfasste er Lucy bei den Schultern, hob ihr Kinn leicht an und küsste sie unvergleichlich zärtlich auf die Lippen, bevor er plötzlich von ihr abließ und mit einer Handbewegung verdeutlichte, dass sie nun tun könne, was sie wolle.

Sie stieg etwas benommen aus dem Wagen, und Lucy blieb allein auf dem Platz zurück. Sie presste eine Hand auf die zitternden Lippen.

2. KAPITEL

Nun stell dich nicht so an! sagte sich Lucy zum wiederholten Mal. Du bist schon in einen Mann verliebt gewesen und hast sogar mit ihm zusammengelebt. Da wird dich doch ein Kuss nicht so aus der Bahn werfen, auch wenn der Mann dir vollkommen unbekannt ist. Also reiß dich ein wenig zusammen!

Sie lag auf dem Bett ihres Zimmers in der Villa, starrte die Decke an und versuchte, sich klar zu werden, was eigentlich passiert war.

Ihre Freundinnen waren reichlich aufgeregt gewesen, als Lucy von dem Ausflug zurückgekommen war und ihnen erzählt hatte, was geschehen war. Zuerst hatten sie die Polizei rufen wollen, doch Lucy war dagegen gewesen. Sie erinnerte sich weder an das Kennzeichen des Motorrades noch an das Aussehen der Gangster. Und außer einer zerrissenen Handtasche und beschmutzten Kleidern fehlte ihr ja auch nichts. Nur der einzige Zeuge des Geschehens, der war verschwunden.

Es erschien Lucy klüger, nicht zu erwähnen, dass es der gleiche Mann gewesen wäre, den sie und Nina einige Tage zuvor gesehen hätten, und beschrieb ihn nur flüchtig. Sonst würde man ihr ja doch nur neugierige Fragen stellen.

Über Tommasos Verschwinden schienen sich die anderen keine allzu großen Sorgen zu machen. Sie meinten, dass Lucy sich wahrscheinlich in der Adresse getäuscht habe.

„Glaubst du wirklich, dass ein Mann, der eine Villa wie diese besitzt, in so einer heruntergekommenen Gegend wohnt?“, fragte Nina, und Lucy musste zugeben, dass das wirklich ziemlich unwahrscheinlich sei.

Morgen werde ich die Sache näher untersuchen, nahm sie sich vor. Aber auch Maddalena war nicht wieder aufgetaucht, und so mussten sie selber alle Vorbereitungen für die abendliche Party treffen.

Lucy war glücklicherweise davon befreit und konnte sich in ihr Zimmer zurückziehen, wo sie ein heißes Bad einlaufen ließ. Das würde ihr jetzt gut tun: untertauchen und möglichst alles um sich herum vergessen.

Die Haut an den Knien und Ellenbogen war aufgeschürft, und es würde wohl einige Tage lang schmerzen, doch war das nichts gegen dieses Ungerechtigkeitsgefühl, das sie einfach nicht losließ. Aber da sie niemals mehr den jungen Mann treffen würde, der sie so leidenschaftlich geküsst hatte, war es wohl das Beste, den Vorfall zu vergessen und die Ferien so gut zu genießen, wie es eben ging.

Die junge Frau stieg aus der Wanne, trocknete sich ab und streifte dann ein leichtes zitronengelbes Seidenkleid über. Es ist wirklich widerlich, dachte sie, dass man mich für genauso mannstoll gehalten hat wie Nina, doch wahrscheinlich liegt das an den Umständen …

Ihr Zimmer war nicht das größte der Villa, doch genoss sie einen herrlichen Blick über die hügelige Ebene der Toskana. Olivenbäume funkelten silbern in der Sonne und warfen lange Schatten auf die rötliche Erde. Lucy drehte sich um und betrachtete den Raum. Wahrscheinlich Tommasos Zimmer, dachte sie, da die Einrichtung eher einem männlichen Geschmack entsprach.

Jemand hatte eine Karaffe mit Orangensaft hereingebracht, während sie im Bad gelegen hatte. Eine nette Geste, sagte sie sich. Vielleicht wird es unsere Beziehung verbessern. Denn die ist bisher alles andere als herzlich gewesen.

Die anderen drei Frauen waren etwas jünger als Lucy. Sie sahen gut aus und waren sehr selbstbewusst. Und sie waren nach Italien gekommen, um sich zu amüsieren. Was konnte daran so falsch sein?

Lucy schlief eine Zeit lang. Doch in ihren unruhigen Träumen tauchte immer wieder eine Gestalt auf: ein hinreißend gut aussehender Italiener mit einem schwarzen Sportwagen. Als sie aufwachte, drehte sie sich zu der anderen Seite, doch der Platz neben ihr in dem breiten Bett war leer.

Philip, dachte sie. Bestimmt fehlt er mir.

Obwohl sie sich nicht sehr ausgeruht fühlte, stand die junge Frau auf, da der Lärm, der von unten heraufdrang, ihr zeigte, dass die Vorbereitungen bereits in vollem Gange waren. Was würde es schon nützen, nicht zu dem Fest zu gehen? fragte sich Lucy. Hier oben würde ich mich noch mehr langweilen. Nachdenklich betrachtete sie ihre Garderobe.

Sie hatte fast nur Freizeitkleidung mitgebracht, doch im letzten Augenblick noch ein oder zwei Abendkleider eingepackt. Ihr Blick fiel auf ein dunkelrotes, tief ausgeschnittenes Kleid. Es gefiel ihr eigentlich nicht besonders gut. Philip hatte damals unbedingt gewollt, dass sie es kaufte. Es war das letzte Wochenende gewesen, an dem sie noch zusammen gewesen waren, und Lucy hatte es ihm nicht abschlagen wollen, auch wenn sie gespürt hatte, dass die dunkle Farbe und der provozierende Schnitt des Kleides ihr nicht standen.

Es schien wie für eine andere Frau gemacht. Und als Lucy einige Tage später Philip mit einer hinreißenden, dunkelhaarigen Frau aus einem schicken Restaurant kommen sah, hatte sie gleich verstanden, an wen er eigentlich bei dem Kauf gedacht hatte.

Nächtelang nach der Trennung hatte sie sich die größten Vorwürfe gemacht. Wie kann ich nur so blind gewesen sein? hatte sie sich immer und immer wieder gefragt. Es hat doch genug Anzeichen gegeben.

Sie musste sich selber eingestehen, dass es damals in ihrer Beziehung gekriselt hatte und die Begeisterung der ersten Liebe schon lange verflogen gewesen war. Im Bett hatten sie sich auch nicht sehr gut verstanden. Philip hatte nur auf seine eigene Befriedigung geachtet, und so hatte Lucy viele Nächte damit verbracht, sich zu fragen, wie es wohl wäre, die höchste Erfüllung in der Liebe zu erfahren. Doch mit Philip würde sie das sicher nicht erleben.

Wie kommt es, dass ich das jetzt alles so klar sehe? fragte sich Lucy. Liegt es daran, dass mich der Unbekannte so leidenschaftlich geküsst hat? Er war so besitzergreifend und gleichzeitig so zärtlich, wie ich es noch niemals zuvor erlebt habe.

In ihren Träumen hatte sie sich nicht nach Philip gesehnt, sondern nach diesem anderen Mann, den sie niemals wiedersehen würde. Seine warme Haut, die kräftigen Muskeln, das strahlende Lächeln. Und ein Kuss, der nur zu deutlich machte, dass er nach mehr verlangte.

Was geschieht nur mit mir? fragte sich Lucy zitternd, doch sie fand keine Antwort.

Trotz aller guten Vorsätze gelang es Lucy nicht, sich auf der Party zu vergnügen.

Die Gäste waren schon vor einiger Zeit angekommen, hatten sich überall breitgemacht, Wein ausgeschüttet und fürchterliche Musik auf Discolautstärke gestellt.

Fee hatte eine große Schüssel mit Spaghetti gemacht, und sie ließen sich im Speisesaal nieder. Mit Schrecken sah Lucy, wie Dave, einer der jungen Männer, eine Zigarette direkt auf der Tischplatte ausdrückte.

„Ist echt Spitze, die Hütte“, kommentierte Ben und wippte mit dem Stuhl. „Unglaublich, dass ihr hier etwas gefunden habt, denn eigentlich gehört die ganze Gegend den Falcones, einer alten, reichen Bankiersfamilie aus Florenz.“

„Falcone?“, fragte Lucy. „Das ist komisch. Ich habe einen Falken über der Eingangstür gesehen und frage mich, ob es einen Zusammenhang gibt.“

Autor

Sara Craven

Sara Craven war bis zu ihrem Tod im November 2017 als Autorin für Harlequin / Mills & Boon tätig. In über 40 Jahren hat sie knapp hundert Romane verfasst. Mit mehr als 30 Millionen verkauften Büchern rund um den Globus hinterlässt sie ein fantastisches Vermächtnis.

In ihren Romanen entführt sie...

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