Im Inselreich der Liebe

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Wer wird der nächste Herrscher von Argyros, dem malerischen kleinen Inselreich im Mittelmeer? Der Prinz der Herzen ist eindeutig Nikos, doch offiziell gehört die Krone Prinzessin Athena. Deshalb ist es Nikos’ wichtigste Aufgabe, die widerspenstige Angehörige der königlichen Familie aus New York zurück nach Europa zu holen. Keine leichte Pflicht! Denn als er der schönen Athena gegenübersteht, wird sofort die Erinnerung wach an ihre verbotene Affäre. Doch noch aufwühlender als Nikos’ jäh wiedererweckte Gefühle ist das, was Athena so lange vor ihm verborgen hielt …
  • Erscheinungstag 28.08.2010
  • Bandnummer 1860
  • ISBN / Artikelnummer 9783862950751
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

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IMPRESSUM

ROMANA erscheint 14-täglich im CORA Verlag GmbH & Co. KG,

20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1

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Geschäftsführung:

Thomas Beckmann

Redaktionsleitung:

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Lektorat/Textredaktion:

Ilse Bröhl

Produktion:

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Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,

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Telefon 040/347-29277

Anzeigen:

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Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

© 2009 by Marion Lennox

Originaltitel: „Betrothed: To The People’s Prince“

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

in der Reihe: ROMANCE

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: ROMANA

Band 1860 (20/2) 2010 by CORA Verlag GmbH & Co KG, Hamburg

Übersetzung: Andrea Zapf

Fotos: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format im 09/2010 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

ISBN-13: 978-3-86295-075-1

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

ROMANA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Satz und Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

Aus Liebe zur Umwelt: Für CORA-Romanhefte wird ausschließlich 100% umweltfreundliches Papier mit einem hohen Anteil Altpapier verwendet.

Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

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Marion Lennox

Im Inselreich der Liebe

1. KAPITEL

Athena ließ ihren Blick über die versammelten Schönen und Reichen schweifen und formulierte im Geiste die ersten Sätze für ihre Modekolumne. Und dann sah sie ihn – Nikos.

Er stach heraus wie kein anderer. Die übrigen Männer trugen schwarze T-Shirts, schwarze Jeans und Dreitagebart. Die Frauen machten auf Audrey Hepburn mit Wespentaille, weitem Rock und Perlenkette. Der Fifties-Look war gerade angesagt.

Gegessen wurde kaum etwas. Wespentaillen vertrugen keine Snacks, und es wirkte nicht cool, auf Häppchenjagd zu gehen.

Nikos hingegen hatte ein Bier in der Hand, und als einer der wenigen Kellner mit einem Tablett voller Kaviarblini vorbeikam, nahm er sich gleich vier davon. Eines steckte er sich sofort in den Mund, dann ließ er seinen Blick wieder durch den Raum wandern.

Er suchte nach ihr.

Zehn Jahre, und ihr blieb bei seinem Anblick noch immer das Herz stehen.

Rasch nahm sie einen zu großen Schluck von ihrem zu trockenen Martini und bekam ihn prompt in den falschen Hals.

Oh weh! Sich zu verschlucken war eindeutig noch peinlicher, als beim Naschen erwischt zu werden.

Einige schnelle Schritte, und Nikos stand neben ihr. Er nahm ihr das Glas ab, klopfte ihr nicht zu fest auf den Rücken und wartete ab, bis sie sich wieder gefangen hatte.

Ich könnte eine Ohnmacht vortäuschen, dachte sie einen verzweifelten Augenblick lang. Dann würde man sie in einen sicheren Erste-Hilfe-Raum bringen, wo sie sich von dem Schrecken erholen könnte. Denn ihr Herz hatte zu rasen begonnen, als sie so unerwartet den Mann vor sich sah, den sie vor zehn Jahren verlassen hatte.

Leider war es mit ihren schauspielerischen Fähigkeiten nicht weit her, und niemand schien ihre Atemnot besonders ernst zu nehmen.

Außer Nikos.

Sie hatte ihn gar nicht so groß in Erinnerung. Und so … attraktiv. Seine verblichenen Jeans standen in starkem Kontrast zu dem allgegenwärtigen Designer-Schwarz. Dazu trug er ein abgetragenes weißes Baumwollhemd, bei dem die obersten beiden Knöpfe fehlten. Über seinem Arm baumelte eine ältere Lederjacke.

Der Moderedakteurin in ihr entging nichts – stylish.

Mehr als das. Ganz und gar Nikos.

Sie hustete länger als nötig, um Zeit zu gewinnen. Sein dunkles, lockiges und ein wenig zu langes Haar widersetzte sich jedem Versuch, es zu bändigen. Die Fältchen um seine schwarzbraunen Augen legten ebenso wie seine Bräune Zeugnis ab von einem Leben am Meer.

Nikos, der Fischer.

Ihre Kindheitsliebe.

Aus dem attraktiven Jugendlichen war ein … Sie konnte es nicht beschreiben. Der Moderedakteurin eines weltbekannten Hochglanzmagazins fehlten die Worte.

So ging es nicht weiter. Sie musste etwas sagen. Irgendwas. Die Blicke sämtlicher Partygäste waren inzwischen auf sie gerichtet. Sie konnte nicht einfach wieder zu husten anfangen.

„Möchtest du deinen Drink wiederhaben?“ Seine Stimme hatte einen leicht amüsierten Unterton. Sie war tiefer geworden, ein wenig rau, und er hatte einen verdammt erotischen griechischen Akzent.

Alles an ihm wirkte erotisch.

Seit ihr Hustenanfall vorüber war, konzentrierten sich die Models, Designer, Presseleute und Einkäufer auf ihn. Logisch. Seine Ausstrahlung weckte viele Begehrlichkeiten.

„Wirst du’s überleben?“, erkundigte er sich sanft. Sie dachte kurz nach. Vielleicht, wenn er wegging.

„Was willst du hier?“, fragte sie unfreundlich zurück.

„Ich habe dich gesucht.“

„Bei dieser Veranstaltung kommt man nur mit einer Einladung herein.“

„Stimmt.“ Es klang, als hätte er keinen Gedanken daran verschwendet. Wie hatte er das zuwege gebracht? Die Gäste waren handverlesen. Und er schien einfach hereingeschlendert zu sein.

„Du siehst entzückend aus.“ Er maß sie von Kopf bis Fuß.

Gut beobachtet. Sie hatte sich sehr sorgfältig zurechtgemacht. Ihr kurzes rotes Kleid betonte ihre Figur an den richtigen Stellen, und es war ihr gelungen, ihr störrisches schwarzes Haar zu einer für ihre Verhältnisse eleganten Frisur hochzustecken. Allerdings wusste sie auch, dass sie in diesem Kreis von Modebesessenen nicht weiter auffiel.

„Geh wieder“, sagte sie, doch er schüttelte nur den Kopf.

„Unmöglich, Prinzessin.“

„Nenn mich nicht so!“

„Es ist dein Titel.“

„Bitte, Nikos, nicht hier.“

„Wie du willst“, gab er nach. „Aber wir müssen miteinander reden. Am Telefon geht es nicht, weil du immer den Hörer auflegst.“

„Heutzutage legt man keinen Hörer mehr auf.“

„Auf Argyros schon. Aber erst wenn das Gespräch beendet ist.“

„Ich lebe aber nicht auf Argyros.“

„Genau darüber möchte ich mich mit dir unterhalten. Es wird Zeit, dass du nach Hause kommst.“ Er reichte ihr den Martini, trank sein Bier aus und aß alle drei Blini. Dann sah er sich nach Nachschub um. Unverzüglich standen zwei Kellner neben ihm.

Er hat noch immer diese elektrisierende Ausstrahlung, dachte sie. Die Menschen fühlten sich magisch von ihm angezogen.

So wie sie selbst vor langer Zeit.

„Also, was hältst du davon?“ Er lächelte die Kellner an und bedankte sich.

Oh, dieses Lächeln.

„Warum sollte ich nach Hause kommen?“

„Es geht nur um eine Kleinigkeit – den Fürstentitel. Du hast doch sicher Zeitung gelesen. Dein Cousin Demos behauptet, er habe mit dir geredet. Und ich bin sicher, Alexandros hat sich auch bei dir gemeldet. Oder hast du bei ihm auch aufgelegt?“

„Natürlich nicht.“

„Dann weißt du also, dass dir der Fürstentitel von Argyros zusteht.“

„Mir liegt nichts daran. Demos kann den Titel haben“, sagte sie hitzig. „Er ist sowieso scharf drauf.“

„Demos ist Zweiter in der Erbfolge. Du bist die Erste.“

„Aber ich habe das Recht, den Titel abzulehnen. Und das werde ich. Dieses ganze Getue ist völlig lächerlich und überkommen. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst …“

„Thena, du hast keine Wahl. Du musst nach Hause kommen.“

Thena. Er war der Einzige, der ihren Namen je abgekürzt hatte. Plötzlich spürte sie wieder … Es durfte nicht sein.

Fass dich kurz und sieh zu, dass du ihn loswirst.

„Du hast recht“, stieß sie hervor. „Ich habe keine Wahl. Mein Zuhause ist hier.“

Und jetzt nichts wie weg. Der Raum kam ihr plötzlich viel zu eng vor. Ihre Vergangenheit hatte sie eingeholt, und sie fühlte sich, als habe man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.

Mit Nikos im selben Gebäude? Unmöglich. In derselben Stadt? Undenkbar. Sie und Nikos und ihr gemeinsamer Sohn?

Nein!

Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.

„Nikos, gib auf!“, stieß sie hervor. „Ich gehe nicht fort von hier. Und ich habe heute Abend noch etwas vor. Wenn du mich also entschuldigst …“ Sie drückte ihm ihr Martiniglas in die Hand, und bevor er antworten konnte, war sie in der Menge verschwunden.

Ohne ihren Mantel an der Garderobe abzuholen, stürmte sie in die Dunkelheit hinaus. Es war kalt, doch sie spürte nichts.

Vielleicht würde er sie entkommen lassen.

Sie konnte es sich nicht vorstellen, nachdem er die weite Reise auf sich genommen hatte.

Es regnete. Ihre hochhackigen Schuhe waren nicht für Fußmärsche gedacht. Sie erwog kurz, sie auszuziehen, um schneller voranzukommen. Bestimmt würde er ihr folgen.

Natürlich folgte er ihr.

Als er neben ihr auftauchte, war es für sie trotzdem wie ein Schlag in die Magengrube. So sehr bedrohte er ihre ganze Existenz.

„Wohin gehen wir?“, fragte er sanft und passte sich ihrem Schritt an.

„Da, wo ich hin will, bist du nicht willkommen.“

„Springt man so mit einem Familienmitglied um?“

„Wir gehören nicht zur selben Familie.“

„Sag das mal meiner Mutter.“

Seine Mutter … Bedauern flackerte in ihr auf, als sie an Annia dachte. Sie sah Nikos von der Seite an und blickte dann schnell wieder nach vorn. Annia … Argyros …

Nikos.

Vor zehn Jahren war sie davongelaufen, und es hatte ihr das Herz gebrochen.

„Es geht um dein Erbe“, setzte er ihr Gespräch von eben unbekümmert fort.

„So etwas hatte ich nie. Giorgos hat alles an sich gerissen.“

„Der König ist tot, Athena. Er ist ohne Nachfolger gestorben. Das weißt du.“

„Was ändert das schon?“

„Das ändert alles. Die Diamanteninseln sind nun wieder drei unabhängige Fürstentümer. Die ursprünglichen Herrscherfamilien gelangen zurück an die Macht. Aber das ist dir ja bekannt. Weißt du übrigens auch, wie schön du bist?“ Er griff nach ihrem Arm und zwang sie, stehen zu bleiben.

Ihre Angst und ihre Verwirrung hatten sie immer schneller vorangetrieben, und nun begann der Regen sich in einen Graupelschauer zu verwandeln, Gift für ihre hohen Absätze, das dünne Kleid und den empfindlichen Paschminaschal, den sie um die Schultern trug.

Ihr wurde klar, dass sie keine Chance hatte, Nikos abzuhängen. Dennoch wollte sie ihn keinesfalls zu ihrem Apartment und damit zu ihrem Sohn führen. Also wandte sie sich ihm zu, entschlossen, die Sache ein für alle Mal hinter sich zu bringen. Eine eisige Böe ließ sie erschauern.

Unvermittelt spürte sie seine Jacke um sich. Sie war noch warm von seinem Körper und roch nach Leder, Nikos und … Heimat. Argyros. Fischerboote im alten Hafen. Weiße, in die Klippen gebaute Häuser. Leuchtend blaues Meer und gleißende Sonne. Die Diamanteninseln.

Urplötzlich überkam sie das Bedürfnis, zu weinen.

„Wir müssen aus dem Regen heraus“, sagte Nikos und lenkte sie in den hellerleuchteten Eingangsbereich eines Restaurants, so als wäre er in dieser Stadt zu Hause und nicht auf einer Insel am anderen Ende der Welt.

Ihr Nikos.

„Das nennst du Kleider?“, murmelte er mit einem Blick auf ihr Outfit, und sie erinnerte sich daran, wie bestimmend er auch früher schon gewesen war.

Rechthaberisch und arrogant und … unglaublich amüsant. Stets hatte er sie herausgefordert, bis sie über sich selbst hinausgewachsen war.

Oft hatten ihre Kindheitsabenteuer mit zerschundenen Knien und blauen Flecken geendet, wenn er sie so lange provoziert hatte, bis sie mit ihm zusammen in den gefährlichen Klippen herumgeklettert war. Nie hatte sie nur zugesehen. Auch später nicht, als sie älter waren, und die jungen Männer von den anderen Inseln sich ihrer Clique angeschlossen hatten. Sie war immer mit dabei gewesen. Bis …

Denk nicht daran, ermahnte sie sich. Sie hatte das alles hinter sich gelassen, arbeitete als Moderedakteurin eines weltbekannten Magazins, lebte in New York, und es ging ihr gut.

Und was dachte sich Nikos nun schon wieder dabei, sie in ein stadtbekanntes Restaurant zu schieben, für das man mindestens einen Monat im Voraus reservieren musste? Alle Köpfe drehten sich nach ihm um, doch der Kellner zögerte keine Sekunde. Auch wenn er Nikos nicht einordnen konnte, so spürte er doch instinktiv: Diese Persönlichkeit wies man nicht ab.

Sprachlos ließ Athena sich zu einem ein wenig abseits stehenden Tisch für zwei führen – einem der besten des Hauses. Der Ober wollte ihr die Jacke abnehmen, doch sie zog sie enger um sich. Töricht, doch sie brauchte die Wärme und den Trost, den sie spendete.

„Was empfehlen Sie?“, fragte Nikos den Ober und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, dass er die Speisekarte nicht brauche.

„Wünschen Sie etwas Herzhaftes oder etwas Süßes?“

„Auf alle Fälle etwas Süßes.“ Nikos lächelte Athena über den Tisch hinweg an. „Die Dame ist einer Unterzuckerung nahe.“

Sie erwiderte sein Lächeln nicht, entschlossen, sich nicht von ihm einwickeln zu lassen.

„Wie wäre es mit Crêpes?“, schlug der Kellner vor. „Oder, wenn Sie genügend Zeit haben, kann ich das Himbeersoufflé empfehlen. Eine Spezialität unseres Hauses.“

„Dann nehmen wir zuerst die Crêpes und danach das Soufflé“, entschied Nikos, und der Ober strahlte. Dann entfernte er sich mit einer Verbeugung.

Schon immer waren die Menschen Nikos mit Respekt begegnet. Bereits damals …

„Du kannst mich nicht zwingen zurückzukommen“, sagte sie abrupt.

Er schenkte ihr ein atemberaubendes Lächeln, und ihr Herz setzte einen Schlag aus.

„Du hast recht. Ich kann dich nicht zwingen. Du musst es selbst entscheiden. Und ich bin gekommen, um dir bei der Entscheidung zu helfen.“

„Mein Zuhause ist hier.“

„Du hast in dieser Stadt Karriere gemacht, und zwar eine sehr steile.“

„Was weißt du schon von meiner Karriere?“

In gespieltem Erstaunen hob er die Brauen. „Es gab sieben Bewerberinnen. Jede von ihnen war älter und hatte mehr Berufserfahrung. Dennoch hast du die Stelle bekommen, und deine Chefin ist überzeugt davon, das große Los gezogen zu haben.“

„Woher weißt du …?“

„Ich habe Erkundigungen eingezogen.“

„Halt dich raus aus meinem Leben. Du hast keinen Grund …“

„Doch, ich habe einen Grund. Du bist die künftige Fürstin von Argyros.“

„Ich habe nicht vor, den Titel anzunehmen. Demos ist scharf darauf. Er kann Fürst werden. Oder du. Du bist doch der Neffe des Königs.“

„Du weißt, dass es so nicht läuft“, erklärte er ruhig. „Du bist die Erste in der Erbfolge, Prinzessin Athena.“ Lächelnd griff er über den Tisch nach ihrer Hand. Sie entriss sie ihm, als habe sie sich verbrannt.

„Das ist doch verrückt. Ich habe schon einmal gesagt, dass ich nicht zurückkomme. Ich gehöre dort nicht mehr hin.“

„Aber natürlich gehörst du zu uns. Meine Familie hat dich doch immer mit offenen Armen …“

„Deine Familie“, unterbrach sie ihn ausdruckslos. „Wie geht es übrigens deiner Frau?“

Nikos antwortete nicht sofort. Diesmal machte er keinen Versuch, nach ihrer Hand zu greifen. Ein kurzer Blick verriet ihr, dass er keinen Ehering trug.

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, bis sie glaubte, er würde nicht auf ihre Frage eingehen. Schließlich gab er dem Kellner ein Zeichen, bestellte ein Bier und wandte sich zu ihr.

„Marika und ich sind geschieden. Sie hat wieder geheiratet und ist von der Insel weggezogen.“ Seine Miene gab nichts preis.

Vor zehn Jahren, kurz nach Athenas Fortgang, hatte sie von ihrer Tante einen Brief erhalten.

Nikos hat übrigens Marika geheiratet. Man erzählt sich, dass sie ein Kind bekommt. Aber heutzutage stört das niemanden mehr besonders. Dabei habe ich immer gedacht, dass aus Nikos und dir einmal ein Paar werden würde. Allerdings weiß ich, wie sehr König Giorgos dagegen gewesen wäre. So ist es sicher besser für dich.

Bis zu jenem Moment hatte sie verzweifelt gehofft, dass Nikos ihr folgen würde. Als sie jedoch den Brief gelesen hatte …

Marika war eine entfernte Verwandte von Nikos – albern, kokett und ambitioniert. Athena hatte geglaubt, die junge Frau sei in ihren Cousin Demos verliebt. Doch anscheinend hatte sie es von Anfang an auf Nikos abgesehen.

Beim Lesen der Nachricht war Athena elend geworden.

Dann, vier Monate später, ein weiterer kurzer Brief ihrer Tante. „Das Baby ist da. Nikos und Marika haben ein kleines Mädchen …“ Mehr nicht. Die Schrift war kaum zu entziffern gewesen.

Kein Wunder. Der Brief war zwei Tage nach dem Tod der Tante zugestellt worden.

Athena hatte geweint, weil sie nicht mehr rechtzeitig nach Hause reisen konnte, weil sie nichts von der Krankheit gewusst hatte und weil nun die letzte Verbindung zu ihrer Heimat abgerissen war. Und sie hatte geweint, weil Nikos ein Kind mit Marika hatte. Die ganze Welt war ihr grau in grau erschienen.

„Das tut mir leid“, sagte sie und fühlte sich hilflos. „Seit wann?“

„Seit wann wir getrennt sind? Seit neun Jahren. Unsere Ehe hat nicht lange gehalten.“ Er klang bitter.

Oh, Nikos. Du auch? Selbst wenn Wunden heilen, so bleiben doch immer Narben zurück.

„Es tut mir leid“, sagte sie erneut. Dann wurde ihr Ton wieder sachlich. „Aber das alles hat nichts mit mir zu tun. Meine letzte Verwandte auf der Insel ist schon vor Jahren gestorben. Ich habe dort niemanden mehr.“

„Die ganze Insel ist deine Familie. Du wirst die nächste Fürstin“, brach es heftig aus Nikos heraus.

Athena zuckte zusammen. Sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte.

Die Crêpes wurden gebracht. Luftig und heiß, köstlich nach Zitronenlikör duftend und mit Schlagsahne garniert, vereinten sie alles, was Athena sich nie gönnte. Nikos begann zu essen. Kurz darauf blickte er sie fragend an.

„Warum isst du nichts?“

„Ich bin nicht besonders hungrig.“

„Fühlst du dich nicht gut?“

„Doch.“

„Dann iss“, forderte er sie auf. „Du bist viel zu dünn.“

„Bin ich nicht!“

„Bist du doch“, sagte er grinsend, und plötzlich stand die Vergangenheit wieder vor ihr. Seine rechthaberische Art, die Wortgefechte, die sie sich geliefert hatten, der Spaß, den sie miteinander gehabt hatten.

„Du kannst mich nicht zwingen“, erwiderte sie reflexartig, so wie sie ihm in ihrer Kindheit stets Paroli geboten hatte.

Seine dunklen Augen funkelten vor Vergnügen. „Willst du’s drauf ankommen lassen?“

„Nein.“

„Dann iss deine Crêpes!“

Sie musste lächeln, nahm die Gabel und begann zu essen.

Wann hatte sie sich zum letzten Mal eine solche Kalorienbombe gegönnt? Es schmeckte fantastisch.

„Du bist doch kein Model“, sagte er nach einer Weile. „Warum versagst du dir alles, was gut schmeckt?“

„Das wird in dieser Stadt von einem erwartet“, antwortete sie. „Man kann nie zu reich oder zu dünn sein.“

„Diesen Blödsinn habe ich auch schon mal gehört.“ Er sah sie beschwörend an. „Du wirst doch nicht gleich gefeuert, nur weil du ein paar Kilo zunimmst.“

Autor

Marion Lennox
Marion wuchs in einer ländlichen Gemeinde in einer Gegend Australiens auf, wo es das ganze Jahr über keine Dürre gibt. Da es auf der abgelegenen Farm kaum Abwechslung gab, war es kein Wunder, dass sie sich die Zeit mit lesen und schreiben vertrieb. Statt ihren Wunschberuf Liebesromanautorin zu ergreifen, entschied...
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