Julia Ärzte zum Verlieben Band 106

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NUR EINE NACHT MIT DR. MACBRIDE? von MARINELLI, CAROL
Feuer in einer Grundschule! Bis zum Rand ihrer Kräfte versorgt die hübsche Sanitäterin Victoria mit Dr. Dominic MacBride die Kinder. Doch für sie selbst kommt jede Rettung zu spät. Denn zwischen ihr und dem sexy Arzt ist etwas geschehen, das ihr Leben für immer ändern wird …

EIN ARZT, EIN KUSS, EIN HEIRATSANTRAG von CLAYDON, ANNIE
Dem wunderbarsten Mädchen der Welt begegnet Medizinstudent Leo auf einer Party, aber am nächsten Tag verschwindet Alex spurlos. Erst zehn Jahre später sieht Leo sie wieder. Noch immer wunderbar - doch inzwischen hat er als Arzt in Abgründe geblickt, die ihre Liebe verbieten …

GEHEILT VON EINEM KLEINEN WUNDER von HARDY, KATE
Mit gebrochenem Herzen hat Bailey sich von ihrem Kinderwunsch verabschiedet. Sie darf nie wieder schwanger werden! Trotzdem verbringt sie mit Sportarzt Jared Fraser, eine unwiderstehliche Mischung aus attraktiv und arrogant, eine zärtliche Nacht. Mit gefährlichen Folgen …


  • Erscheinungstag 17.11.2017
  • Bandnummer 0106
  • ISBN / Artikelnummer 9783733709563
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Carol Marinelli, Annie Claydon, Kate Hardy

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 106

CAROL MARINELLI

Nur eine Nacht mit Dr. MacBride?

Die heiße Liebesnacht mit der hübschen Sanitäterin Victoria darf sich nicht wiederholen. Denn an dauerhafte Beziehungen glaubt Kinderarzt Dominic MacBride schon lange nicht mehr, lieber geht er Victoria aus dem Weg. Doch ausgerechnet eine schreckliche Katastrophe bringt sie zusammen – und der gemeinsame Wunsch, ihr Kinderkrankenhaus zu erhalten …

ANNIE CLAYDON

Ein Arzt, ein Kuss, ein Heiratsantrag

Bis in die frühen Morgenstunden haben sie damals geredet – einfach unvergesslich! Doch erst zehn Jahre später sieht Alexandra Dr. Leo Cross wieder: Die Physiotherapeutin muss mit dem renommierten Promiarzt zusammenarbeiten. Die Anziehungskraft zwischen ihnen ist so magisch wie damals … aber wie wird Leo reagieren, wenn Alex ihm ihr größtes Geheimnis gesteht?

KATE HARDY

Geheilt von einem kleinen Wunder

Diese Frau ist eine Bedrohung für sein Team! Mit ihrer Attraktivität lenkt Bailey Randall alle vom Training ab, fürchtet Sportarzt Jared Fraser. Dass er selbst ihrem Charme verfällt, hält Jared nach seinen schlimmen Erfahrungen mit schönen Frauen für ausgeschlossen. Doch das ist nicht sein einziger Irrtum, was diese unwiderstehliche Ärztin angeht …

1. KAPITEL

„Hallo, meine Hübsche!“

Victoria lächelte freundlich, als sie mit ihrem Kollegen Glen das Wohnzimmer betrat. Dort lag die sechsjährige Penny Craig auf dem Sofa. Im Flur hatte Victoria bereits mit ihrer Mutter Julia gesprochen. Normalerweise würden zwei Sanitäter in ihren grünen Uniformen eine Sechsjährige wohl erschrecken, aber Penny war leider daran gewöhnt.

„Victoria!“

Obwohl es Penny nicht gut ging, richtete sie sich ein Stück auf, und ihre großen grauen Augen leuchteten. Sie freute sich ganz offensichtlich, dass ihre Lieblingssanitäterin gekommen war, um sie in das Paddington Children’s Hospital zu fahren.

„Sie hat gehofft, dass Sie heute Dienst haben.“

Victoria lächelte Julia zu und setzte sich auf die Sofakante zu ihrer Patientin. „Gestern habe ich noch gedacht, dass ich dich lange nicht mehr gesehen habe.“

„Ihr ging es in letzter Zeit wirklich gut“, sagte Julia.

Penny Craig war mit einer seltenen angeborenen Herzkrankheit zur Welt gekommen und hatte bereits einen Großteil ihres Lebens im Paddington verbracht. Ihr dunkles Haar war zu Zöpfen geflochten, und sie steckte in einem Pyjama. Darüber hatte sie sich das kleine rosa Tanzröckchen gezogen, das sie Tag und Nacht trug. Penny wollte Balletttänzerin werden. Das erzählte sie jedem.

„Aber deine Mum sagt, dass es dir heute nicht gut geht?“, fragte Victoria und fühlte Pennys Puls.

„Mir ist übel, und ich bin febril.“

Die meisten Kinder würden wohl sagen, dass ihnen schlecht sei und sie Fieber hätten, aber Penny hatte so viel Zeit mit Ärzten verbracht, dass sie sich an ihre Sprache angepasst hatte – und das mit sechs Jahren. Sie hatte tatsächlich Fieber. Als Victoria ihre Vitalwerte überprüfte, schlug das kleine Herz viel zu schnell.

„Ich habe schon mit dem Krankenhaus gesprochen. Sie kommt direkt auf die Herzstation“, sagte Julia, während Victoria ihre Tochter gründlich untersuchte. Es war kein Notfall, aber bei Pennys Geschichte war es so besser.

„Allerdings“, fügte Julia hinzu, „wollen sie ihr zuerst in der Notaufnahme die Brust röntgen.“

Was schwierig werden könnte. In der Notaufnahme mochten sie es wirklich nicht, als Durchgangsstation für das ganze Krankenhaus betrachtet zu werden. Damit musste Victoria sich öfter herumschlagen. Erst vor drei Tagen hatte sie eine hitzige Diskussion mit Dominic MacBride darüber gehabt, einem pädiatrischen Unfallchirurgen. Victoria hoffte, dass er heute Abend nicht wieder Dienst haben würde, denn sie bekamen sich oft in die Haare, wenn sie ihre Patienten auf die Station brachte.

Ganz allgemein war es im Paddington allerdings immer noch besser als in den meisten Krankenhäusern. Die Mitarbeiter waren freundlich, und die Stationen tauschten sich untereinander aus.

Außerdem war Penny ein kleiner Star.

Sie würden es einfach auf sich zukommen lassen müssen.

„Du hast hübsche Ohrringe“, sagte Penny, als Victoria ihr den Blutdruck maß.

„Danke.“

Eigentlich trug Victoria bei der Arbeit keinen Schmuck. Das war zu unpraktisch, denn sie wusste schließlich nie, was sie erwartete. Ihre langen dunkelbraunen Haare hatte sie wie immer in einem unordentlichen Knoten zusammengefasst, und natürlich trug sie bei der Arbeit auch kein Make-up.

Deswegen fielen ihre Diamantstecker auch sofort ins Auge. Sie waren ein Geschenk ihres Vaters gewesen, und Victoria trug sie nur zu besonderen Anlässen. Gestern Abend war sie auf einer Veranstaltung gewesen und hatte vergessen, sie abzunehmen.

Penny war für die Fahrt ins Krankenhaus bereit. Um sie nicht unnötig zu beunruhigen, trugen Victoria oder Glen sie meist in das Ambulanzfahrzeug, doch seit Victoria die Krankentrage einmal als Thron bezeichnet hatte, hatte Penny, die sich für Märchen begeisterte, keine Angst mehr davor. Nun wollte sie sogar selbst draufklettern. Julia überprüfte, ob sie alles dabeihatte. Ein kurzer Ausflug ins Paddington, der sich zu einem längeren Aufenthalt entwickelte, war für sie nichts Neues mehr.

„Bereit zum Abflug?“, fragte Victoria, und Penny streckte beide Daumen in die Luft. Der Frühling ließ noch immer auf sich warten, sodass draußen Dunkelheit herrschte, obwohl erst früher Abend war.

„Hat Ihre Schicht gerade erst angefangen, oder sind Sie nach uns fertig?“, fragte Julia, als Victoria sich hinten im Krankenwagen zu ihnen setzte.

„Ich bin gleich fertig“, antwortete Victoria.

„Haben Sie heute Abend etwas Schönes vor?“

„Nicht wirklich“, erwiderte Victoria und drehte sich zu Penny.

Das stimmte nicht. Denn Victoria hatte ein Date.

Ein zweites Date. Und sie fragte sich, warum sie sich darauf eingelassen hatte, obwohl das erste Date nicht besonders gut gewesen war. Ach richtig, weil sie mit Glen gesprochen und er gemeint hatte, dass man von einem ersten Date nicht zu viel erwarten sollte.

Das würde sie Julia natürlich nicht verraten. Victoria erzählte nicht vielen Menschen etwas, insbesondere nicht den Patienten. Sie war zurückhaltend, aber nicht unzugänglich, freundlich, aber nicht zu freundlich. Ihre Patienten schätzten sie für ihr professionelles Verhalten.

Im Privatleben hatte sie Freunde, aber auch die ließ sie lieber reden, statt von sich selbst etwas preiszugeben. Victoria war von niemandem abhängig.

Sie und Glen arbeiteten seit zwei Jahren zusammen, und so lange hatte Victoria auch gebraucht, um ihm überhaupt etwas Persönliches zu erzählen. Glen war ein Familienmann mit einem Mondgesicht. Er ließ sich von Victorias Verhalten nicht einschüchtern, sondern lächelte über ihren manchmal recht schroffen Umgangston. Er war glücklich mit seiner Frau Hayley verheiratet, und sie hatten vierhundert Kinder.

Na gut, vier Kinder. Glen quasselte gern über seine Familie und all die Kleinigkeiten, die seinen Alltag ausmachten. Victoria schwieg. Nicht einmal ihm gegenüber würde sie sich groß über ihr Liebesleben auslassen.

Ihr nicht vorhandenes Liebesleben.

Wie so häufig, begann Julia nun, Penny eine Geschichte zu erzählen, während sich der Krankenwagen durch den freitäglichen Berufsverkehr schob. Blaulicht und Sirene blieben ausgeschaltet. Es war nicht nötig, und Penny war an diese Fahrten schon so gewöhnt, dass sie keine Freude mehr an dem Drama hatte.

„Ich finde, es sieht aus wie ein Zauberschloss“, sagte Penny, als sie das Paddington Children’s Hospital erblickte.

Das viktorianische Gebäude aus roten Ziegelsteinen hatte mehrere Türmchen, und Victoria musste über Pennys Bemerkung lächeln. Als sie ein Kind war, hatte sie das Gleiche gedacht. Sie wusste noch, wie sie immer auf dem Rücksitz gesessen hatte, während ihr Vater auf das Krankenhaus zuraste, wo mal wieder ein wichtiger Fall auf ihn wartete.

„Es ist ja auch ein Zauberschloss“, sagte sie, und Penny grinste.

„Und Pennys zweites Zuhause“, ergänzte Julia.

So wie es auch Victorias zweites Zuhause war. Sie kannte jeden Korridor, jeden Winkel und jede Ecke. Das Türmchen, das Penny sich gerade ansah, war über eine Tür hinter den Patientenakten am Empfang zugänglich.

Lange Zeit war es Victorias Lieblingsort gewesen. Sie hatte sich hineingeschlichen, wenn niemand hinsah, und war die Spiraltreppe hinaufgeklettert. Dort oben hatte sie getanzt, geträumt oder sich Geschichten ausgedacht.

Das machte sie noch immer. Na gut, Geschichten dachte sie sich nicht mehr aus, aber ab und zu schlich sie sich noch immer davon und genoss den Ausblick über London, der ihr ganz allein gehörte.

„Wie schade, dass es geschlossen wird“, seufzte Julia.

„Das steht ja noch gar nicht fest“, erwiderte Victoria, auch wenn sie nicht überzeugt war. Der Plan, das Paddington mit dem Riverside, einem großen, modernen Krankenhaus am Stadtrand, zusammenzulegen, schien tatsächlich konkrete Formen anzunehmen.

Deswegen demonstrierten seit einigen Tagen immer wieder einige Menschen vor dem Gebäude. Still hielten sie ihre Plakate hoch, um das Krankenhaus zu retten.

Victorias Vater arbeitete mittlerweile ebenfalls im Riverside. Wenn sie sich unterhielten, ging es bei ihnen um die Arbeit. Auch die Veranstaltung gestern Abend war für ihn gewesen: Er hatte eine Auszeichnung erhalten, und in ihrem Gespräch nach der Zeremonie hatte es sich angehört, als ob der Zusammenschluss beschlossene Sache war.

Natürlich war das Grundstück, auf dem das wunderschöne alte Gebäude stand, viel wert. Letztendlich ging es doch immer ums Geld.

„Ich will nicht, dass es geschlossen wird“, sagte Penny, während sie auf die hell erleuchtete Einfahrt vor der Notaufnahme einbogen. „Hier fühle ich mich immer so sicher.“

Bei Pennys Worten spürte Victoria, wie sich in ihrem Inneren ein Knoten bildete. Auch wenn ihr Vater damals immer nur kurz bei der Arbeit vorbeischauen wollte, blieb er meist mehrere Stunden, und Victoria musste ganz allein im Paddington auf ihn warten. Doch auch sie hatte sich immer sicher gefühlt.

„Ich weiß.“ Victoria nickte Penny zu. „Aber Riverside ist ein ganz tolles Krankenhaus, und die Mitarbeiter dort sind auch sehr nett.“

„Aber es ist nicht das Gleiche.“ Penny schüttelte den Kopf, Tränen in den grauen Augen.

„Darüber musst du dir aber jetzt keine Gedanken machen.“ Victoria versuchte, sie zu beruhigen. „Und vielleicht passiert es ja auch gar nicht.“

Nur sich selbst konnte sie leider nicht beruhigen.

„Penny!“ Karen, eine Stationsschwester, erkannte das Mädchen sofort. „Du bist doch hoffentlich nicht den weiten Weg gefahren, nur um mich zu besuchen?“

„Nein.“ Penny lachte kurz auf, aber als Victoria gerade die Übergabe beginnen wollte, erhielt Karen eine Nachricht auf dem Pager. „Schon gut.“ Victoria nickte ihr zu. „Wir können warten.“

Sie standen im Flur und passten auf Penny auf. Glen sprach mit ihrer Mutter, während Victoria die erforderlichen Formulare ausfüllte.

Er war hier.

Das wusste sie.

Und obwohl sie letztes Mal so ein unangenehmes Gespräch gehabt hatten, obwohl Victoria sich gesagt hatte, dass sie hoffte, er würde nicht da sein …

Sie hatte gelogen.

Sie wollte ihn sehen.

Dominic MacBride arbeitete seit einigen Monaten im Paddington. Er kam aus Edinburgh, und dieser niederschottische Akzent ließ ihr regelmäßig einen heißen Schauer über den Rücken fahren. Oder waren es seine blauen Augen und das wirre, schwarze Haar?

Sie wusste nicht genau, warum sie Dominic so mochte. Er war unfreundlich zu den Sanitätern, und Victoria und er bekamen sich immer wieder in die Wolle.

Ständig!

Und nun kam er zu ihr herüber.

„Jetzt geht’s wieder los“, murmelte Glen. Er erinnerte sich wohl auch nur zu gut an das letzte Wortgefecht.

Victoria war sehr selbstbewusst in allem, was sie tat, und das schien Dominic ordentlich gegen den Strich zu gehen. „Werdet ihr versorgt?“, fragte er.

„Ja, danke“, antwortete Victoria. „Karen kümmert sich um uns. Sie ist gleich zurück.“

Victoria wendete sich wieder ihrem Formular zu, als Julia zu Dominic sagte: „Penny wird direkt in der Herzstation aufgenommen, aber ihre Brust soll geröntgt werden, bevor wir hochgehen.“

„Verstehe.“ Dominic nickte und stellte sich neben Victoria. Sie spürte seine Nähe und wusste, dass er ihre Aufmerksamkeit erlangen wollte, aber sie schrieb einfach weiter und ignorierte ihn.

Er hatte einen ganz unaufdringlichen Duft, Seife, Moschus und Mann, dazu Spuren der üblichen Krankenhausgerüche.

„Kann ich dich kurz sprechen?“, fragte er.

Nun sah sie auf – weit hinauf, denn er war ziemlich groß.

Er trug die dunkelblaue Krankenhauskleidung und einen Dreitagebart. Er sah aus, als hätte er sich gerade aus dem Bett gehievt oder als ob er sich unbedingt hinlegen sollte. Aber diesen Gedanken versuchte sie nicht weiterzuverfolgen.

„Klar“, sagte Victoria. Sie wollte schon patzig „Einen Moment noch“ hinzufügen, um ihren Bericht fertigzuschreiben, aber dann folgte sie ihm doch in ein kleines Nebenzimmer.

Er lehnte sich gegen ein Waschbecken, und sie stellte sich vor ihn. Nicht gerade fluchtbereit, aber doch war es so möglich, jederzeit wieder zu gehen.

„Siehst du nicht, wie viel hier los ist?“, fragte Dominic. „Wir haben keine Zeit, auch noch die Arbeit der Stationen zu übernehmen.“

„Sind nicht meine Regeln.“

„Aber du kennst die Regeln. Wenn deine Patientin direkt aufgenommen wird, kann sie auch gleich auf die Station und dort in einem gemütlichen Bett warten.“

Victoria antwortete nicht. Sie wussten beide, dass Penny ganz inoffiziell in der Reihe derjenigen, die auf das Röntgen warteten, nach vorne geschoben werden würde, damit sie so schnell wie möglich auf die Station käme.

Dieses Zimmerchen war sehr klein.

Im Gegensatz zu Dominic.

Victoria musste seinen intensiven Blick erwidern. Sie stellte sich der Herausforderung.

Er sah sie wütend an. „Ich musste gerade einem Vater erklären, dass sein Sohn drei Stunden aufs Röntgen warten muss. Deine Patientin macht das nicht besser.“

„Was soll ich deiner Meinung nach tun?“, fragte Victoria.

Sie schob ihm die Verantwortung für das Problem zu, denn auch wenn Penny auf der Herzstation ein gemütliches Bett haben würde, würde sie dort noch viel länger auf das Röntgen warten müssen. Vielleicht würde sie erst gegen Mitternacht in die Radiologie gebracht werden.

„Es reicht nicht, einfach einen Antrag auszufüllen“, sagte Dominic. „Sie sollte vorher untersucht werden. Wenn ihr etwas passiert, ohne dass vorher jemand …“

Victoria unterbrach ihn mit ruhiger Stimme. „Was soll ich also tun?“

Sie hasste Small Talk. Sie weigerte sich, Zeit zu vergeuden oder sich zu streiten.

„Da bist du ja.“ Karen kam ins Zimmer. „Die Nummer vier ist jetzt frei. Bringst du Penny hin?“

Victoria und Dominic starrten sich an.

Er musste entscheiden.

„Na gut“, sagte er schließlich. Karen nickte und ging zu Penny.

„Aber nächstes Mal …“, sagte Dominic warnend. Victoria zuckte nur mit den Schultern und drehte ihm den Rücken zu.

„Victoria!“

Sie hielt inne.

Seine Stimme klang wütend, aber nicht deswegen war sie stehen geblieben. Sie war überrascht, dass er überhaupt ihren Namen kannte.

„Zuck nicht einfach mit den Schultern, wenn wir eine Unterhaltung führen.“

„Eine sinnlose Unterhaltung“, sagte Victoria und drehte sich wieder zu ihm. „Die gleiche Unterhaltung haben wir doch schon vor drei Tagen geführt.“

Damals war er genauso übel gelaunt gewesen wie jetzt. Sie sah die Wut in seinen Augen.

„Wie ich vor drei Tagen bereits sagte“, fuhr sie fort, „mache ich das, was mir aufgetragen wird. Und mit den Konsequenzen muss ich zurechtkommen. Ich bekomme deine Wut ab, wenn ich die Patienten hierherbringe, und ich bekomme die Wut der Stationsmitarbeiter ab, wenn die Patienten ohne Röntgenbilder dort ankommen.“

Sie wollte sich gerade wieder umdrehen, aber entschied sich noch einmal anders. „Manchmal ist es nicht so schlimm, weil die Leute verstehen, dass ich nur meine Arbeit mache. Im Paddington ist das üblicherweise der Fall, aber das hängt wohl auch davon ab, wer gerade Dienst hat. Dann muss ich eben wieder andere Anweisungen befolgen …“ Und dann übertrat sie eine Grenze. Sie wurde persönlich. „Dein Elend ist echt ansteckend.“

Dominic sah ihr nach. Als sie das Zimmer verließ, seufzte er tief.

Sie hatten beide recht. Es gab zu viel zu tun. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin kämpfte für die Patienten, die man ihnen anvertraut hatte. Aber sie hatte ihn erwischt. Nicht nur mit ihrem letzten Kommentar, sondern auch mit dem Hinweis, dass sie die gleiche Unterhaltung erst kürzlich geführt hatten. Es war eine schwierige Zeit für Dominic, und er wusste, dass er auch vor drei Tagen nicht besonders fröhlich gewirkt haben konnte.

Natürlich wusste er, woran das lag.

Dominic war immer ernst und auch ein bisschen reserviert, aber er fand es selbst schrecklich, dass er sich in letzter Zeit richtiggehend elend fühlte. Victoria hatte recht.

Allerdings achtete er darauf, dass seine Patienten davon nichts mitbekamen. Wenn er mit ihnen zu tun hatte, schob er seinen eigenen Kummer immer so weit weg wie möglich.

Von draußen hörte er ein Lachen.

Victorias Lachen.

Er trat in den Flur und sah, wie sie mit ihrem Kollegen die Trage zusammenklappte.

„Victoria.“

Sie drehte sich zu ihm. „Ja?“

„Auf ein Wort?“

Sie verdrehte die Augen, aber kam zu ihm. „Willst du das wirklich noch einmal durchkauen?“

„Nein, ich möchte mich entschuldigen.“

„Schon gut.“

Sie brauchte keine Entschuldigung. In Victorias Beruf war ein kleines Wortgefecht mit einem Arzt keinen weiteren Gedanken wert, und das sollte auch so bleiben. Aber er meinte es offensichtlich ernst und bot ihr sogar eine Erklärung. „Heute ist ein schlimmer Tag.“

Mehr kam nicht, aber sie wusste, dass er die Wahrheit sagte.

„Hoffentlich wird er noch besser“, entgegnete sie.

„Wohl kaum.“

Sie lächelte ihn an. Und einfach so war der schlimme Tag doch noch ein kleines bisschen besser geworden.

Victoria war faszinierend.

Sie trug eine grüne Uniform und schwere, schwarze Stiefel. Niemand sollte in solchen Klamotten gut aussehen, aber sie tat es. Sie trug ihre Haare zusammengebunden. Nur einige Locken fielen ihr ins Gesicht. Sie sah ihn mit haselnussbraunen Augen an.

Ja, sie war faszinierend.

Das ärgerte ihn. Dominic wollte sich nicht faszinieren lassen.

Sein Privatleben war ein einziges Chaos, und außerdem war Victoria gar nicht sein Typ.

Sie war sehr direkt, und er mochte es eher subtil. Er mochte Frauen, die … nun ja, die ein wenig im Hintergrund blieben und nicht so viel Platz benötigten.

Victoria hatte in letzter Zeit zu viele seiner Gedanken beansprucht.

„Mir tut’s auch leid“, sagte sie. „Dass ich gesagt hab, du siehst elend aus. Ich meinte …“ Sie konnte es sich nicht verkneifen, einen Scherz mit ihm zu treiben. „Ich meinte, du siehst griesgrämig aus.“

Er lächelte über ihren Witz. Es war nicht das Lächeln, das seine Patienten zu sehen bekamen, denn die liefen nicht plötzlich rot an. Dieses Lächeln schien speziell für sie gemacht, und er beobachtete sie weiter, als sie ihre ehrliche Entschuldigung zu Ende brachte. „Ich bin zu weit gegangen.“

„Schon in Ordnung.“

Und plötzlich hätte es ihm nicht weit genug gehen können.

Doch er würde garantiert nichts unternehmen. Er hatte noch viel zu viel zu erledigen, bevor er an so etwas überhaupt denken konnte. Allerdings …

„Ich würde ja vorschlagen, dass ich mich mit einem Drink richtig bei dir entschuldige, aber mit meiner derzeitigen Laune möchte ich mich wirklich niemandem aufzwingen.“

Sie musste lächeln. Sein Akzent war ganz leicht, aber sehr ansprechend. Außerdem würde er sich wirklich nicht aufzwingen müssen. Er war sexy, männlich und umwerfend. Sie fühlte sich wahnsinnig von ihm angezogen, obwohl er so anders war als die Männer, die ihr üblicherweise gefielen. Nicht dass ihr viele Männer gefielen …

Victoria schätzte, dass er Ende dreißig war. Sie war neunundzwanzig, aber wenn sie neben ihm stand, fühlte sie sich wie ein Teenager. Immer noch hatte sie das Gefühl, erröten zu müssen, aber sie weigerte sich. Das würde nicht geschehen.

Sie blickten sich in die Augen.

„Schon gut“, wiederholte sie. Das Funkgerät an ihrer Schulter fing an zu krächzen. „Victoria!“, rief Glen, doch er hielt inne. Er musste wohl die Spannung im Raum spüren. Dass es sexuelle Spannung war, schien er zum Glück nicht zu merken. „Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Alles gut“, erwiderte Dominic und verschwand.

Und nun war auch alles wieder gut – sobald er sie nicht mehr in seinem Blickfeld hatte. Fast hatte Dominic sie gefragt, ob sie mit ihm ausgehen würde. Jetzt wollte er einfach nur noch wegrennen.

So einfach war das.

Er wollte keine Nähe.

Aber das bedeutete nicht, dass er kein Verlangen nach ihr hatte.

2. KAPITEL

Dominic nahm sich die Akte, um seine neue Patientin kennenzulernen, bevor er sie zum Röntgen schickte. Er war Unfallchirurg und deshalb häufig in der Notaufnahme, auch um Kollegen zu vertreten.

„Hallo, Penelope“, sagte er, als er die Kabine betrat, in der das kleine Mädchen lag. „Ich bin Dominic.“

„Penny“, korrigierte sie ihn selbstbewusst. „Bist du neu?“

„Ich bin schon seit fast sechs Monaten hier.“

„Penny war schon seit Ewigkeiten nicht mehr in der Notaufnahme“, sagte Julia. „In letzter Zeit ging es ihr gut.“

„Das freut mich zu hören.“

Die Patientenakte war so dick, dass er bis Mitternacht darin lesen könnte, aber er hatte sich die aktuellen Vitalwerte angesehen, und Julia brachte ihn auf den neuesten Stand, was die Krankheit ihrer Tochter anging.

Penny hatte das hypoplastische Linksherz-Syndrom oder HLHS, eine seltene, angeborene Krankheit. Schon als Baby war sie operiert worden, und ihr restliches Leben war sie entweder ambulant oder stationär immer wieder ins Paddington zurückgekehrt. Einige Male hatte sie Infektionen gehabt, und das war auch jetzt die Befürchtung. Es fiel ihr schwer, sich vorzubeugen, und die geringe Anstrengung raubte ihr bereits den Atem. Außerdem waren ihre Lippen bläulich.

Natürlich war, wie Victoria gewusst haben musste, nicht nur ein Röntgenbild des Brustraums notwendig. Dominic nahm Penny Blut ab, um später Vergleichswerte zu haben. Wenn Penny in die Radiologie musste, würde sie von einer Krankenschwester begleitet werden müssen, aber es ging Dominic nicht darum, Personal zu sparen, als er sich für eines der mobilen Röntgengeräte entschied. Penny sah wirklich nicht gut aus.

Also piepte er den diensthabenden Kardiologen an, damit er sich Penny hier unten anschauen würde. Er sprach mit einem Vertretungsarzt.

Schon wieder.

Seitdem die Gerüchte umgingen, dass das Paddington geschlossen werden würde, hatten sich viele der regulären Mitarbeiter nach einem anderen Job umgesehen, und es war schwierig, neue Leute zu finden, wenn niemand wusste, ob es das Krankenhaus nächstes Jahr überhaupt noch geben wurde.

Dominic ging zurück zu Penny, um die Patientin und ihre Mutter über seinen neuen Plan zu informieren.

„Sehen Sie mal, was Penny gerade gefunden hat“, sagte Julia. Penny hielt einen Ohrring hoch.

Dominic wusste genau, wem er gehörte. Ihm war sofort aufgefallen, dass Victoria ganz anders als sonst Ohrringe getragen hatte.

Ihm war schon viel zu viel an Victoria aufgefallen.

Selbst ihre Ohrringe gefielen ihm. Es waren große Diamanten, und während ihrer Unterhaltung hatte er sich davon abhalten müssen, sich Victoria in Abendgarderobe vorzustellen.

„Das ist Victorias Ohrring“, sagte Penny zu Karen, als sie zu ihnen trat.

„Da ist er ja.“ Sie lächelte. „Victoria hat gerade angerufen. Da hast du mir ja Arbeit erspart, Penny. Gut gemacht. Ich lege ihn gleich in den Safe. Ach, Dominic, ein Anruf für dich.“

„Sie sollen eine Nachricht hinterlassen.“

„Es ist dein Vater“, erwiderte Karen. „Und er sagt, es ist wichtig.“

„Danke.“

Dominic ließ sein Handy mit Absicht zu Dienstbeginn im Spind zurück. Er wollte Privat- und Berufsleben keinesfalls vermischen. Aber das musste nun wohl sein. Diesen Anruf hatte er schon vor drei Tagen erwartet. Er war der Grund dafür, dass er so schlechte Laune hatte.

Der Telefonhörer lag auf dem Tisch, und Dominic zögerte. Er atmete aus, um sich zu beruhigen. Er hatte Monate gehabt, um sich auf diesen Moment vorzubereiten, und versucht, die Situation aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Doch nun, da er den Hörer anhob, wusste er immer noch nicht, was er sagen würde.

„Hallo?“ Er klang so kurz angebunden, wie er es auch Victoria gegenüber versucht hatte.

„Dominic …“ William MacBride räusperte sich. „Ich rufe an, um dir zu sagen, dass du vor einer Stunde Onkel geworden bist.“

Und obwohl das Baby sogar drei Tage zu spät gekommen war, wusste Dominic keine Antwort.

„Dominic?“

„Geht es ihnen gut?“

„Ja, es geht beiden gut.“

Nun sollte Dominic wohl fragen, ob Lorna und Jamie ein Mädchen oder einen Jungen bekommen hatten – und er eine Nichte oder einen Neffen.

Er sah sich um. In der geschäftigen Notaufnahme des Kinderkrankenhauses war er von Kindern umgeben. Da war Penny, die gerade zu dem mobilen Röntgengerät gerollt wurde, und im Hintergrund hörte er ein Baby weinen. Jeden Tag versuchte Dominic, das Leben all dieser kleinen Menschen zu retten, sodass er selbstverständlich erleichtert sein sollte, dass es Mutter und Kind gut ging.

Und natürlich war er das auch. Aber tief in ihm gab es diesen ganzen großen Steinbruch aus Wut und Trauer.

Denn eine Weile lang hatte er gedacht, dass das Baby, das heute geboren worden war, seines sein würde.

Dominic versuchte, den Augenblick, in dem er mit der Wahrheit konfrontiert worden war, zu verdrängen. Den Augenblick, in dem er erfahren hatte, dass seine langjährige Freundin keinesfalls sein Baby unter dem Herzen trug.

Aber da sprach sein Vater auch schon von Dominics Bruder, der für diesen brutalen Augenblick der Wahrheit verantwortlich gewesen war. „Jamie ist ganz stolz und glücklich.“

Dominic schluckte ein abfälliges Schnaufen herunter.

Schließlich hatte sein Vater an dem, was geschehen war, keine Schuld. Seine Eltern wussten einfach nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten. Wer würde so etwas schon wissen?

„Willst du mit deinem Bruder sprechen?“

„Ich habe ihm nichts zu sagen.“

Noch vor einem Jahr wäre es vollkommen undenkbar gewesen, dass Dominic seinem kleinen Bruder an dem Tag, an dem er Vater wurde, nichts zu sagen hatte. Sie hatten sich immer gut verstanden. Dominic war fünf gewesen, als sein kleiner Bruder zur Welt gekommen war. Seine Eltern hatten sich seit Jahren ein zweites Kind gewünscht, und so war Jamie rundum verwöhnt worden. Er war frech und geriet immer wieder in Schwierigkeiten, aber der ernstere Dominic hatte immer auf ihn aufgepasst.

Zumindest hatte er das versucht. Denn als Jamie zehn und Dominic fünfzehn war, geriet Jamie in einen Autounfall. Den Fahrer traf keine Schuld, denn Jamie hatte einfach nicht aufgepasst und war auf die Straße gelaufen.

Dominic hatte ihn nicht rechtzeitig zurückziehen können. Es war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis endlich der Krankenwagen da war, und Dominic sah zu, wie die Sanitäter um das Leben seines kleinen Bruders kämpften. Später im Krankenhaus wollte Dominic, während seine Eltern im Flur auf und ab liefen und weinten, mehr herausfinden. Die Türen zur Wiederbelebungsstation öffneten sich, als jemand ein Gerät hindurchschob, und er sah, wie die Ärzte versuchten, Jamie zu helfen. Plötzlich wurde er entdeckt und zurück in den Wartebereich begleitet, aber an diesem schrecklichen Tag war Dominic klar geworden, wie sein weiteres Leben aussehen würde.

Jamie hatte überlebt, und Dominic hatte sich in der Schule angestrengt, um gute Noten zu bekommen und Medizin studieren zu können.

Familie war für Dominic alles gewesen. Bis zu dem Tag, an dem er herausgefunden hatte, dass seine Freundin ihn mit seinem Bruder betrogen hatte. Und dass das Baby, von dem Dominic geglaubt hatte, es sei seines, tatsächlich Jamie als Vater hatte.

Vor einigen Monaten hatten Jamie und Lorna geheiratet.

Dominic war nicht zur Feier gegangen.

Glaubten sie etwa wirklich, dass er sich dort in seinem Kilt hinstellen und in die Kamera lächeln würde? Dass er so tun würde, als wäre alles in Ordnung?

Auf keinen Fall.

Zumindest noch nicht.

„Wir müssen darüber hinwegkommen“, sagte William.

„Deshalb bin ich ja in London“, erwiderte Dominic. „Ich bin darüber hinweg.“ Er wollte auflegen, aber eine Sache musste er doch noch wissen.

„Junge oder Mädchen?“

„Ein kleiner Junge. Er heißt …“

„Das musst du mir nicht sagen“, unterbrach Dominic ihn.

„Willst du es nicht wissen?“

„Ich weiß es schon.“

Dominic war nach seinem Großvater väterlicherseits benannt, wie es in Schottland Tradition für den erstgeborenen Sohn war, und so hatte das neue Baby immer William heißen sollen – unabhängig davon, mit welchem Bruder Lorna in diesem Monat auch immer geschlafen hatte.

Verdammt, war er verbittert.

„Dominic …“ William drängte ihn, aber heute würde er keine Versöhnung in seiner Familie herbeiführen.

„Ich muss weiterarbeiten.“

Was nicht stimmte. Sein Arbeitstag war vorbei, aber er drehte noch eine Runde durch die Notaufnahme und ging dann auf die Intensivstation, um nach einer Patientin zu sehen. Alles war in Ordnung.

Allerdings wollte er einfach nicht nach Hause gehen.

Dafür müsste er erst sein Telefon aus dem Spind holen und all die verpassten Glückwunschnachrichten sehen. Außerdem würde er den ganzen Abend vermeiden wollen, Facebook zu öffnen. Jamie und Lorna hatte er zwar schon längst blockiert, und seine Eltern waren nicht in den sozialen Netzwerken, aber es gab Cousins und Cousinen sowie gemeinsame Freunde, die sich alle über das Baby freuen würden.

„Du bist so still“, sagte Glen, während sie zur Ambulanzstation zurückfuhren. „Hat MacBride dich geärgert?“

„Ach, bitte!“ Victoria verzog das Gesicht, und Glen grinste. Er wusste aus erster Hand, wie tough Victoria war. In ihrem Beruf war das anders gar nicht möglich. Sie arbeitete nicht nur mit Männern zusammen, sondern musste sich auch um all die Männer kümmern, die abends aus den Pubs und Clubs gestolpert kamen und ihr schlimmstes Verhalten an den Tag legten.

Victoria hatte eine Menge gesehen, doch sie war immer schon tough gewesen, auch bevor ihre Wahl auf den Beruf der Sanitäterin gefallen war. Sie hatte gar keine andere Wahl gehabt, denn schon als Kind hatte sich niemand sonderlich für ihre Ängste und Träume interessiert.

Äußerlich war sie gelassen und ließ sich von Dingen, die andere nerven, nicht aus der Ruhe bringen. Selbst wenn sie bemerkte, dass sie einen teuren Ohrring verloren hatte. Sie hatte einfach gründlich den Krankenwagen durchsucht und dann im Paddington angerufen, um Karen zu bitten, das Schmuckstück zu suchen.

„Du regst dich gar nicht auf“, sagte Glen. „Hayley würde hysterisch werden.“

„Tja, ich bin nicht Hayley.“ Victoria zuckte mit den Schultern.

Manchmal hätte sie es sich leichter machen können, wenn sie freundlicher gewesen wäre. Das Ego der Männer gestreichelt hätte.

Und manchmal tat sie das auch.

So wie jetzt, als sie sich in der Umkleidekabine der Ambulanzstation für ihre Verabredung zurechtmachte. Sie duschte, öffnete ihre Haare und bürstete sie, bis sie glänzten. Noch in ein Handtuch gewickelt, trug sie Mascara und Lipgloss auf. Dann zog sie ein hinreißendes schwarzes Kleid und hohe Schuhe an.

Manchmal hatte sie Freude daran, sich chic zu machen, schließlich trug sie sonst immer nur Uniform. Aber heute wusste Victoria, noch während sie sich umzog, dass aus diesem Abend nichts werden würde.

Der Mann interessierte sich nicht für ihre Arbeit – und das war kein gutes Zeichen, denn Victoria arbeitete wirklich viel. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn anziehend fand – und das war erst recht kein gutes Zeichen.

Das Kondom in ihrer Tasche würde sie heute Abend unbenutzt wieder mit nach Hause nehmen. Es ist wirklich Ewigkeiten her, dachte Victoria. Sie sehnte sich danach, jemandem nahe zu sein, wenn vielleicht auch nur kurz. Aber ihr heutiges Date löste ihn ihr einfach nicht dieses Prickeln aus, das ein gewisser Dominic ganz genau wachzurufen wusste.

Sie entschied sich abzusagen, zog sofort das Handy aus der Tasche und rief ihr Date an. Sie sagte, sie habe es sich anders überlegt.

„Vielleicht demnächst?“, fragte er, aber Victoria spielte keine Spielchen.

„Nein.“

Nun stand sie dort. Chic angezogen und ohne Ziel.

Vor einigen Monaten hatte sie mit einem Mann Schluss gemacht, als er anfing, laut über ein Zusammenziehen nachzudenken. Vergiss es! Nie im Leben würde Victoria ihre Wohnung mit jemandem teilen. Also hatte sie Schluss gemacht. Ganz ohne Drama, wie auch heute Abend. Sie zog sich den Mantel an und ging.

„Gute Nacht“, rief sie den Kollegen zu. Aber Glen holte sie zurück. „Paddington hat gerade angerufen. Dein Ohrring ist im Safe in der Notaufnahme.“

„Oh.“

„Soll ich dich dort absetzen?“, bot er an, aber Victoria lehnte ab. Die Ambulanzstation war zu Fuß nur zehn Minuten vom Paddington entfernt. Es war zwar kalt, aber trocken, und sie konnte etwas Bewegung ganz gut gebrauchen.

Ihre High Heels klackerten auf dem Asphalt, und schon bald sah sie das Paddington vor sich.

Es standen immer noch einige Demonstranten davor, die gegen die Schließung protestierten. Sie können genauso gut nach Hause gehen, dachte Victoria traurig. So, wie ihr Vater sich ausgedrückt hatte, würde es wohl bald eine offizielle Ankündigung geben.

Sie dachte daran, dass Penny gesagt hatte, sie fühle sich so sicher dort, und genau das verspürte Victoria jetzt auch wieder, als sie das Gebäude betrat. Das Paddington war wie eine warme, weiche Decke.

Als sie in die Notaufnahme kam, erblickte sie gleich Karen, die auf sie zukam. „Da hast du wirklich Schwein gehabt. Penny hat deinen Ohrring auf ihrer Krankentrage gefunden. Ich habe ihn am Empfang in den Safe einschließen lassen.“

„Vielen Dank.“ Victoria lächelte.

Dominic war nicht da, das merkte sie gleich.

Und sie war enttäuscht, das musste sie zugeben. Sie wusste, dass sie heute Abend gut aussah, und tief im Innern hatte sie wohl gehofft, dass Dominic doch noch vorschlagen würde, mit ihr etwas trinken zu gehen.

Und dann?

Sie wollte keine Beziehung. So einfach war die Sache. Und deswegen sagte sie auch immer allen ab oder machte schnell Schluss. Victoria vertraute niemandem und wollte sich bestimmt nicht auf einen Kollegen einlassen, den sie jeden Tag bei der Arbeit sehen müsste.

Am Empfang zog Karen einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete den Safe und gab Victoria den Ohrring. Victoria steckte ihn sich gleich ans Ohr, während Karen sich mit einer Kollegin unterhielt.

„Tschüs“, rief Victoria und wollte gehen. Dann prüfte sie jedoch schnell, ob die beiden Frauen in ihr Gespräch vertieft waren, und verschwand unbemerkt hinter der Abtrennung.

So hatte sie es als Kind auch immer gemacht, und ganz hatte sie diese alte Gewohnheit nie hinter sich gelassen, auch wenn sie immer dafür sorgte, dass niemand sie sah.

Sie stieg die Treppe hoch.

Damals war sie so klein gewesen und hatte so viele Stunden allein verbringen müssen, dass das Paddington viel eher ihr Zuhause gewesen war als die Wohnung, in der sie lebten. Victoria konnte sich einfach nicht vorstellen, dass das Krankenhaus verkauft werden würde.

Sie blickte hinaus in den Abend. Der Mond war riesig, und in der Entfernung sah sie die dunklen Schatten des Regent’s Park. Auf der Straße fuhren Busse und Taxis, und auch die Demonstranten standen immer noch dort, obwohl es mittlerweile regnete.

Auch sie wollten ihr Krankenhaus nicht aufgeben. Denn das war es – ihr Krankenhaus. Es gehörte all diesen Menschen, und nun sollte es verkauft und womöglich dem Erdboden gleichgemacht werden.

Victoria war tough. Sie entwickelte keine engen Beziehungen zu ihren Patienten und hatte schon während der Ausbildung entschieden, dass sie immer freundlich, aber professionell bleiben wollte. Nur dieser Ort, dieses Gebäude, ging ihr nahe. Die Wände hatten so viel Geschichte aufgesogen, und die Luft selbst roch nach Hoffnung. Es war falsch, so falsch, dass all das verschwinden sollte.

Hier gab es so viel Trost und Linderung. „Dauert nicht lange“, hatte ihr Vater immer gesagt.

Ihre Mutter war gegangen, als Victoria noch nicht einmal ein Jahr alt war, und ihr Vater konnte nichts anderes tun, als die kleine Tochter mit zur Arbeit zu nehmen. Er ließ sie in einem der Pausenräume zurück, und es gab immer jemanden vom Personal, der sich Zeit nahm, ihr etwas zu trinken oder ein Butterbrot vorbeizubringen.

Doch letztendlich mussten sie immer weiterarbeiten, und Victoria war wieder allein.

Oft durchstreifte sie dann die Gänge. Manchmal setzte sie sich in eine alte Sitzgruppe und las. Oder sie spielte auf der Treppe. Aber hier oben gefiel es ihr am besten, und die meiste Zeit hatte sie in diesem unbenutzten Raum verbracht, hatte gesungen, getanzt oder vor sich hingeträumt.

Und nun war sie wohl auch in Gedanken versunken, denn plötzlich quietschte die Tür, und sie hörte eine tiefe Stimme. „Verzeihung.“

3. KAPITEL

Nachdem Dominic verschiedene Patienten auf den Stationen besucht hatte, wollte er immer noch nicht nach Hause gehen. Stattdessen entschied er sich für einen Ort, der ihm langsam vertraut wurde.

Doch er hätte nicht damit gerechnet, hier auf Victoria zu treffen. Trotz der hohen Schuhe und des Mantels und obwohl sie ihre Haare offen trug und er sie im Dunkeln nur von hinten sah, wusste er, dass sie es war. An der Art, wie sie sich gegen das Fenster lehnte und nachdenklich hinausschaute, erkannte er, dass sie allein sein wollte. Sonst wäre sie wohl kaum hierhergekommen.

„Entschuldigung“, sagte Dominic, und sie drehte sich in Richtung seiner Stimme. „Ich wusste nicht, dass jemand hier ist.“

„Schon in Ordnung.“ Sie lächelte knapp.

„Ich lass dich wieder allein“, bot er an, aber Victoria schüttelte den Kopf. „Musst du nicht.“

Er ging über den Holzfußboden auf sie zu und stellte sich neben sie.

Er hatte noch seine Arbeitskleidung an, und sie sah, wie müde er war.

„Ich dachte, ich wäre die Einzige, die weiß, dass es diesen Raum hier gibt“, sagte Victoria.

„Viele wissen wohl nicht davon“, entgegnete er. „Zumindest habe ich sonst noch niemanden hier gesehen.“

„Wie hast du ihn entdeckt?“

Dominic antwortete nicht.

Sie blickten schweigend aus dem Fenster, auch wenn sie London bei Nacht kaum wahrnahmen. Anders als im Hauptteil des Krankenhauses mit seinen modernen, dicken Glasscheiben, waren die Fenster hier dünn, einige wiesen sogar Risse auf. Aus dem Schauer war stetiger Regen geworden. Es war kalt, aber unglaublich friedlich.

„Wo hast du vorher gearbeitet?“, fragte Victoria.

„Edinburgh.“

„Da bist du schöne Aussichten ja gewöhnt.“

Er dachte an seine geliebte Stadt, die um ein Schloss herum gebaut war, und an den Arthur’s Seat, der sich als Hausberg vor der Stadt erhob. Er nickte, drehte den Kopf und sah etwas, das mindestens genauso schön war. Auch wenn er erkannte, dass sie traurig war.

„Geht es dir gut?“, fragte er und sah, dass sie nicken wollte. Dann zuckte sie jedoch nur kurz mit den Schultern. „Nur ein bisschen müde.“

Mehr sagte sie nicht.

„Hast du dich über einen Patienten geärgert?“

Bei dem Gedanken runzelte sie die Stirn und blickte ihn an.

„Penny?“, fragte er, denn es war ihm heute aufgefallen, dass viele Mitarbeiter im Paddington das kleine Mädchen ins Herz geschlossen hatten. Aber Victoria schüttelte den Kopf.

„Ich ärgere mich nicht über Patienten, und ganz bestimmt nicht über eine Routinefahrt. Sonst hätte ich wirklich den falschen Job.“

„Ich zweifle aber stark, dass du dich über mich geärgert hast“, sagte er trocken.

Sie lachte. „Nein, mit dir werde ich gut fertig.“

Victoria war froh, dass es dunkel war, denn sie spürte, wie sie rot wurde. Um ihn abzulenken, sprach sie nun doch über sich selbst. „Wenn du es wirklich wissen musst – das Paddington macht mich traurig. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es abgerissen oder in Eigentumswohnungen umgewandelt wird. Ich bin hier praktisch aufgewachsen.“

„Warst du als Kind oft krank?“

„Nein. Mein Vater hat in der Notaufnahme gearbeitet und mich oft mitgenommen. Manchmal habe ich mich hier hochgeschlichen.“ Sie sagte nicht, wie häufig das passiert war. Wie sie ihre ganze Kindheit über immer mit einem Auge von einer Krankenschwester oder einem Pfleger, einer Sekretärin, einer Empfangsmitarbeiterin oder irgendjemandem, der gerade Zeit hatte, beaufsichtigt wurde.

Und von ihrer Mutter würde sie ihm garantiert nicht erzählen. Victoria tat alles, um nicht an diese Frau zu denken, die einfach ihre Sachen gepackt hatte und verschwunden war.

„Mittlerweile arbeitet mein Vater im Riverside. Professor Christie.“

Sie blickte Dominic an, der eine Augenbraue hob.

Das war eine Überraschung. Dominic musste sich gelegentlich mit Professor Christie unterhalten und hatte ihn nicht als angenehmen Menschen in Erinnerung.

„Er ist auch ein Griesgram“, sagte Victoria.

Dominic musste etwas klarstellen. „Versteh mich nicht falsch, Victoria. Ich mag zwar griesgrämig sein, aber ich bin nicht eiskalt.“

Sie verstand ihn nicht falsch. Eher war sie erleichtert. Weil ihr Vater so weit oben in der Hackordnung stand, neigten die Leute dazu, ihn zu loben, statt ihn zu kritisieren, und das hatte Victoria früher immer irritiert.

Es irritierte sie noch heute.

Gestern bei der Preisverleihung hatte sie all den Reden gelauscht, in denen er gewürdigt wurde, und auf dem Empfang danach ging es so weiter. Der Kaiser trug tatsächlich seine neuen Kleider, aber es war niemand da, der ihn darauf ansprach.

Bis jetzt.

„Tja“, sagte Victoria. „Ich habe gestern mit ihm gesprochen, und er scheint zu denken, dass der Zusammenschluss so gut wie sicher ist.“

Dominic nickte. Das hatte er auch gehört. „Das ist wirklich eine Schande.“

„Das ist mehr als eine Schande“, erwiderte Victoria. Sie war wütend, und das zum ersten Mal. Selbst als sie wegen ihrer Patienten diskutiert hatten, war sie ruhig geblieben.

„Das Paddington ist doch viel mehr als ein Krankenhaus“, sagte sie. „Familien wissen, dass ihre Kinder sicher sind, wenn sie hierbleiben müssen. Es kann nicht einfach geschlossen werden!“

„Dann tu etwas dagegen.“

„Ich?“ Sie sah zu den Demonstranten hinunter. Ob sie sich ihnen anschließen sollte? Aber eigentlich wusste sie, dass das nicht genug war. Es brauchte mehr.

„Wenn es dir so wichtig ist“, sagte Dominic, „dann kämpfe dafür.“

Es war ihr wichtig. Und es war schön, mit ihren Gedanken nicht allein hier oben zu sein, sondern mit jemandem darüber zu sprechen.

„Wie hast du diesen Raum denn nun eigentlich gefunden?“, fragte sie erneut. Seine Antwort überraschte sie.

„Vor ein paar Monaten habe ich gesehen, wie du hinter die Abtrennung geschlichen bist, und ich habe mich gefragt, wo du hinwolltest. Und bin selbst hergekommen.“

„Du kannst mich nicht gesehen haben.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich achte immer darauf, dass mich niemand sieht. Außerdem hätte ich es gewusst, wenn du in der Nähe gewesen wärst …“ Sie hielt inne, denn sie wollte nicht zugeben, dass sie es immer spürte, wenn er im Krankenhaus war.

„Ich war im Wartezimmer und habe mit einem Vater gesprochen“, sagte er. „Ich habe dich durch das Glas gesehen …“

„Die grüne Uniform ist vermutlich zu auffällig.“

„Ich glaube nicht, dass das an der Uniform liegt, Victoria.“

Sie lachte leise. Momentan war sie schließlich ganz in Schwarz gekleidet.

Trotzdem – er hatte zugegeben, dass auch er sie beachtete.

„Hast du mich heute Abend auch gesehen, als ich hier hochgegangen bin?“

„Nein, ich brauchte nur ein bisschen Ruhe. Ich dachte, du hättest Feierabend.“

„Habe ich auch. Ich wollte ausgehen“, sagte Victoria, um ihren Aufzug zu erklären. „Aber ich habe abgesagt.“

Das war also der wahre Grund dafür, dass sie traurig war. „Hast du dich von jemandem getrennt?“

„Ich glaube nicht, dass man es als Trennung bezeichnen kann, wenn ich das zweite Date abgesagt habe.“

Nein, das war wohl doch nicht der Grund. Ihr wegwerfendes Schulterzucken machte das deutlich. Lag es wirklich am Gebäude?

„Er ist bestimmt ziemlich enttäuscht“, sagte Dominic und wollte es am liebsten gleich wieder zurücknehmen, denn es klang, als ob er darauf anspielte, wie gut sie aussah. „Also, ich meine …“ Er stockte. Alles, was er sagen konnte, würde nach Flirten klingen. Und das vermied er. Immer.

„Ich glaube, ich habe uns beiden einen Gefallen getan“, antwortete Victoria. „Er hat wohl das Konzept der Schichtarbeit nicht verstanden. Aber wenn nicht ich der Grund bin, weshalb du heute hier hochgestiegen bist, was dann?“

Sie wollte mehr über die schlimmen Tage erfahren, auf die er angespielt hatte.

„Ich stecke da nur gerade in etwas drin …“, sagte Dominic. „Na ja, ich stecke nicht mehr drin. Ich habe mich daraus zurückgezogen. Ich habe keine Lust mehr, mich auf irgendetwas einzulassen.“

„Gut“, erwiderte Victoria. „Ich mag es nämlich nicht, Beruf und Privatleben zu vermischen.“

Und doch standen sie hier, und die Anspannung, die sie schon in der Notaufnahme gespürt hatte, war deutlich zu spüren.

„Bist du verheiratet?“, fragte sie.

Das war eine sehr direkte Frage, aber Victoria wollte die Antwort wissen, denn ihr war plötzlich ziemlich heiß.

„Nein.“

„Freundin?“

„Natürlich nicht.“

Sonst hätte er wohl kaum seine Hand an ihre Wange gelegt. „Du hast deinen Ohrring wieder.“

„Ein Geschenk meines Vaters.“

„Wie nett“, sagte Dominic.

„Nicht wirklich. Es war nur ein Pflichtgeschenk, als ich achtzehn wurde. Wenn er mich besser gekannt hätte, hätte er gewusst, dass ich keine Diamanten mag.“

„Warum nicht?“

„Ich glaube nicht an Märchen und glücklich bis an ihr Lebensende.“

So etwas gab es einfach nicht.

Sie hielt die Luft an, als seine Finger ihre Wange berührten und ihr Ohrläppchen streiften, als er den Ohrring ansah. Jeden anderen Mann hätte sie weggestoßen. Jeden.

Und doch konnte sie es nicht. „Es war der andere Ohrring.“

Er drehte ihren Kopf und berührte das andere Ohr.

Es war dumm, das wussten sie beide. Sie wollten beide nichts mit jemandem von der Arbeit anfangen, aber die Anziehungskraft zwischen ihnen war stärker. Beide hatten ihre Gründe für ihr brüskes Verhalten.

Doch es war unwiderstehliche körperliche Anziehung.

„Victoria, ich kann mich momentan wirklich auf niemanden einlassen.“

Sie blickten sich an, er hatte noch immer seine Hände an ihren Wangen, und seine Finger lagen warm an ihren Ohren. Etwas pulsierte zwischen ihnen, aber sie wusste, dass er keine Hoffnung aufkommen lassen wollte.

„Das ist okay.“

Und es war okay.

„Wenn du keine Diamanten magst – was magst du dann?“, fragte er. Sein Mund war ihrem so nah, und obwohl es kalt war, knisterte die Hitze zwischen ihnen.

„Das hier.“

Ihre Münder trafen sich, sie spürte den warmen, leichten Druck. Seinen Duft nach Seife und Moschus würde sie mittlerweile überall wiedererkennen. Ihr wurde fast schwindelig vor Sehnsucht. Dann spürte sie seine Zunge. Er zog Victoria noch enger an sich. Mit einer Hand griff er ihr ins Haar, mit der anderen umfasste er ihre Taille. Es war, als ob sie sich zum Tanzen bereit machten, als ob die Tanzlehrerin hereingekommen wäre und gesagt hätte: Die Hände hier und hier hin.

Und dann auch wieder nicht. Denn beim Tanzen hätte Victoria trotz der warmen Hand nicht so gezittert.

Zuerst küssten sie sich ganz sanft, und er hielt ihren Kopf umfasst. Er erforschte sie mit der Zunge und traf auf ihre. Ihre Leidenschaft war endgültig geweckt, und sie pressten sich aneinander.

Der tiefe, lange Kuss erweckte in ihnen beiden die Ungeduld. Dominic hielt sie fest und küsste sie hart. Das Kratzen seines Bartes am Kinn und seine Zunge in ihrem Mund waren unglaublich. Aber dann bemerkte sie ein Zögern.

Denn Dominic wusste ganz genau, wo es hinführte. „Ich habe nichts dabei“, sagte er.

„Ich aber.“

Während ein anderer Mann sie nun nur noch härter geküsst hätte, blieb Dominic abwartend und spielte mit ihr. Er trat einen Schritt zurück und zog ihr den Mantel von den Schultern. Statt ihn auf den schmutzigen Boden fallen zu lassen, legte er ihn auf die Fensterbank, und sie griff nach ihrer Handtasche.

Während sie die Tasche durchsuchte, in der Hoffnung, dass das Kondom noch da war, stellte er sich hinter sie. Er legte ihr einen Arm um die Taille und ließ die Hand auf ihrem Bauch ruhen. Seine andere Hand glitt an ihren Oberschenkeln hoch bis zu der Feuchtigkeit dazwischen. Er streichelte sie, und sie schloss genüsslich die Augen.

„Hier.“ Sie hatte sich noch nie so gefreut, ein Kondom zu finden. Er zog ihr das Höschen herunter, und sie hob nacheinander die Beine, um sich davon zu befreien.

Noch immer stand er hinter ihr. Er hob ihr Haar an und küsste sie auf den Nacken. Seine Hand drückte auf ihren Bauch, und sie spürte seine Härte an ihrem Po. Victoria zitterte leicht und wollte sich zu ihm umdrehen.

„Komm weg vom Fenster“, sagte er und führte sie zu einer Wand im Schatten. Er drückte sie dagegen und küsste sie heftig. Dabei hielt er sie an den Hüften fest, und nun spürte Victoria seine köstliche Härte am Bauch. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, und er presste sich an sie, um ihrer Hitze entgegenzukommen.

Es war schön, so schön, mit ihm so offen und direkt sein zu können.

Durch den Stoff liebkoste er ihre Brust, und da er keinen Reißverschluss an ihrem Kleid fand, schob er seine Hand mit einem verlangenden Stöhnen tief in ihren Ausschnitt. Victoria versuchte währenddessen, das Kondom festzuhalten und Dominic gleichzeitig von seiner Kleidung und Unterwäsche zu befreien. Schließlich hielt sie ihn in der Hand, und er war gleichzeitig so weich und so hart.

„Zieh das Kleid aus“, stöhnte Dominic, aber das ging nicht, weil sie ihre Münder nicht länger als eine Sekunde voneinander trennen konnten. Sie wollten sich nackt sehen und fühlen und stundenlang erforschen, aber ihre Körper gaben ihnen nicht mehr als eine Minute.

Er nahm das Kondom und streifte es über, während sie ihr Kleid hochzog. Dann hob er ihr Bein an und legte es sich um die rechte Hüfte. Nein, das war kein Tanzen!

Sie balancierte auf einem Stiletto, aber sein Griff war fest, und die Wand hinter ihr hielt sie. Sie suchten den richtigen Winkel, und Dominic fand ihn und nahm sie.

Victoria hatte noch nie so viel Kraft verspürt. Er war hart und köstlich, und zum ersten Mal im Leben hatte sie einen ebenbürtigen Partner gefunden, denn er hielt nichts zurück.

Er gab ihr alles.

Dominic spürte, wie seine Hand an ihrem Rücken von der rauen Wand aufgerissen wurde, aber das war ihm ganz egal.

„Jetzt …“, sagte sie gleichzeitig drängend und bittend.

Er erfüllte ihre Bitte und verstärkte ihr Drängen. Sie fühlte sich unglaublich an. Dominic war daran gewöhnt, sich zurückzuhalten, aber Victoria lud ihn zu dieser Intensität geradezu ein. Es war Ewigkeiten her, und er hatte sie schon so lange gewollt.

Fast machte ihn das wütend, und er stieß hart und fest und dann noch härter zu, als sie genießerisch stöhnte. Er hob sie hoch.

Victoria hatte noch nie den Boden unter beiden Füßen verloren. Sie hatte sich noch nie so gehen lassen. Seine Finger gruben sich in ihren Hintern, während er sie gegen die Wand drückte.

Seine Wange war an ihrer, und sie wollte nach seinem Mund suchen, aber die Zeit reichte nicht, denn sie kam bereits. Noch nie hatte sie einen so intensiven Orgasmus gehabt, und wenn er sie nicht gehalten hätte, wäre sie zusammengeklappt.

Ihr tiefes Erschauern ließ auch ihn kommen, und gemeinsam erlebten sie ihren Höhepunkt. Endlich fand sie seinen Mund, spürte seine kühle Zunge und trank seine Küsse. Sie lehnten sich mit der Stirn aneinander, genossen das letzte Beben und atmeten die gleiche Luft ein, bis er sie schließlich sanft absetzte.

Mit langen, langsamen Küssen drückte sie ihn von der Wand weg und zog ihr Kleid hinunter. Dann trat sie aus dem Schatten und griff nach ihrem Höschen. Sie musste sich an der Fensterbank festhalten, weil ihre Beine zitterten und sie noch immer außer Atem war.

Sie hatte sich noch nie so gehen lassen, war noch nie so intensiv gekommen und hatte garantiert noch nie so eindringlichen Sex gehabt.

Als Dominic aus dem Schatten trat, hatte er sich auch wieder angezogen. Nur seine Haare waren durcheinander. Nun hätte es richtig peinlich zwischen ihn sein können, aber das war es nicht.

„Ich sehe aus, als hätte ich mich geprügelt“, sagte er und betrachtete im Mondlicht seine Knöchel. Victoria nahm beide Hände und sah sie sich an.

„Da müssen Sie sich aber eine gute Ausrede einfallen lassen, Herr Doktor, um diese Verletzungen zu erklären.“

Er musste lachen. Nein, es war wirklich nichts Unangenehmes zwischen ihnen. Er setzte sich neben sie auf die Fensterbank.

„Victoria …“, begann er, aber wusste nicht, was er sagen sollte. Er war wirklich nicht in der Lage, irgendetwas mit ihr anzufangen. Und was gerade passiert war, hatte so überhaupt nichts damit gemein, wie er sich sonst verhielt. Auch wenn er sich großartig fühlte, als hätte er gerade einen hohen Berg bestiegen und stünde auf dem Gipfel.

„Du musst nichts erklären“, sagte Victoria.

Damit meinte sie nicht seine Knöchel, aber sie lächelte trotzdem.

„Bist du sicher?“, hakte er nach.

„Ja.“

Nie hätte sie gedacht, dass so etwas passieren könnte. Sonst war sie so anders, immer so vorsichtig, wenn es um Nähe und Intimität ging. Aber das musste sie ihm nicht gestehen.

Sie fühlte sich regelrecht befreit.

Und weiblich.

Gemeinsam mit ihm hatte sie sich selbst gefunden.

Statt also einen peinlichen Abschied zu zelebrieren, küssten sie sich lang, tief und genüsslich, bis Victoria sich zurückzog.

„Ich gehe jetzt.“

Selbst auf dem Weg zur Tür wartete sie noch auf ein unangenehmes Gefühl.

Genauso wie Dominic. Doch solche Gefühle schien es in diesem Raum nicht zu geben.

„Wenn du also keine Diamanten magst“, rief er ihr hinterher, „was magst du dann?“

Sie öffnete die Tür und lachte, weil er noch einmal auf dieses Thema zurückkam. „Perlen.“

Er saß noch immer auf der Fensterbank und blickte sich um. Der Mond schien durch das Fenster, und die Luft schien noch immer zu flirren. Seine Knöchel brannten, und ihm war schwindelig.

Perlen. War das nicht etwas, was seine Mutter oder Großmutter zu Hochzeiten oder anderen Festen trug? Er hatte Perlen noch nie sexy gefunden.

Doch das hatte sich gerade geändert.

4. KAPITEL

„Schwanger?“

Victoria sah zu, wie ihr Vater seine Brille abnahm und putzte. Sie erinnerte sich daran, wie sie zum ersten Mal ihre Tage bekommen und ihr Vater fast genauso reagiert hatte – leicht amüsiert, ein wenig irritiert, vor allem deshalb, weil sie überhaupt mit ihm hatte sprechen wollen.

Victoria saß im Sprechzimmer ihres Vaters im Riverside Hospital und wartete. Auch wenn sie nicht wusste, worauf. Irgendwo hatte sie gelesen, dass schlimme Eltern manchmal die besten Großeltern waren. Dass sie ganz ohne die Verantwortung, die das Elternsein mit sich brachte, die Erfahrung genossen. Und sie hatte wirklich gehofft, dass es auch bei ihrem Vater so sein würde und sich dadurch ihre Beziehung verbessern würde.

Wenn sie jedoch nach seiner kühlen Reaktion ging, hatte sie umsonst gehofft.

Victoria wusste, dass sie im Grunde gar keine Beziehung zu ihrem Vater hatte, so sehr sie es sich auch wünschte. Seit der Veranstaltung hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen, obwohl Victoria versucht hatte, ihn anzurufen.

Ihr Vater war brillant, aber vollkommen mit sich selbst beschäftigt.

Immer.

„Wie weit bist du?“, fragte er nun.

Seit dem Erlebnis mit Dominic waren sechs Wochen vergangen, und wenn sie die obligatorischen zwei Wochen dazurechnete …

„Acht Wochen“, sagte sie.

„Willst du es behalten?“, fragte Professor Christie.

Victoria erkannte plötzlich, dass er glaubte, sie wäre hier, um über eine Abtreibung zu sprechen. Dann hätte er ihr nämlich eine Überweisung geschrieben.

„Ja“, entgegnete sie. „Ich will es unbedingt behalten.“

Sie starrte ihn an, aber er las die Notizen auf seinem Schreibtisch.

„Was ist mit dem Vater?“ Nun blickte er hoch.

„Ihm habe ich es noch nicht gesagt. Wir sind nicht zusammen oder so. Er ist in Schottland.“ Das hatte Victoria aufgeschnappt. „Jahresurlaub.“

Wie Dominic reagieren würde, wusste sie, auch ohne dass ihr Vater sie warnte: „Das wird ja eine schöne Überraschung für ihn sein, wenn er zurückkommt.“

Er versuchte gar nicht erst, den Sarkasmus in seiner Stimme zu unterdrücken, sodass er Victoria nicht deutlicher hätte zeigen können, was er vom Thema Elternschaft hielt.

„Victoria, du solltest wirklich darüber nachdenken. Ein Kind allein aufzuziehen, das ist harte Arbeit. Ich spreche aus Erfahrung. Es wirkt sich auf dein ganzes Leben aus. Du redest doch selbst dauernd von deiner Karriere. Stell dir nur mal vor …“

Sie hatte ihn seit der Veranstaltung nicht mehr gesehen, auf der er für seine Karriere ausgezeichnet worden war. Und sie redete nicht „dauernd“ von ihrer Karriere. Einige Male hatte sie versucht, die Ähnlichkeit zwischen ihren Berufen zu einem Gesprächsthema zu machen.

Was aber nie funktioniert hatte. In seiner Welt voller Selbstliebe war kein Platz für andere.

„Ich kann dich finanziell nicht unterstützen“, sagte Professor Christie, denn er musste bereits eine kleine Sammlung von Exfrauen aushalten.

„Das habe ich noch nie verlangt.“

Nach der Schule war sie sofort ausgezogen, und sie hatte ihren Vater niemals um etwas gebeten. Das sollte sich jetzt allerdings ändern.

Sie sah ihren Vater an und wusste, dass es vollkommen sinnlos war. Er wollte mit ihr nichts zu tun haben, und öffentlich zeigte er sie nur vor, wenn er gerade noch keine nächste Frau gefunden hatte.

„Aber um etwas anderes möchte ich dich bitten …“, begann Victoria und hörte ihn irritiert ausatmen, wie er es immer tat, wenn sie einen Moment seiner kostbaren Zeit beanspruchte. „Ich möchte das Baby gern im Paddington zur Welt bringen.“

Als Victoria durch die Flure des Riverside spaziert war, hatte sie entschieden, dass sie das Kind nicht hier bekommen wollte. Am Riverside war nichts falsch, sie brachte auch oft Patienten her, aber es hatte keine Atmosphäre, und außerdem arbeitete ihr Vater hier.

Traurig, aber wahr: Sie fühlte sich dem Paddington enger verbunden als ihrem eigenen Vater. „Sie nehmen nur komplizierte Fälle“, sagte Professor Christie.

„Nicht nur“, widersprach Victoria. Sie wies ihn allerdings nicht darauf hin, dass sie dort geboren worden war und alle Mitarbeiterinnen ebenfalls versuchten, dort einen Termin für die Geburt ihrer eigenen Kinder zu bekommen. Sie würde sich nicht abwimmeln lassen.

„Es wird geschlossen“, beharrte er.

„Aber das steht doch noch nicht fest. Und wenn es wirklich geschlossen wird, bevor mein Baby kommt, kann ich mich ja immer noch überweisen lassen. Aber zumindest die Schwangerschaftsuntersuchungen würde ich gern dort durchführen lassen.“

Nun also bat sie ihren Vater zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben um etwas: „Kannst du mich da reinkriegen?“

„Ich werde es versuchen.“

„Jetzt?“ Sie wusste, dass er die Unterhaltung vergessen würde, sobald sie den Raum verließ. „Ich würde mich gern untersuchen lassen, bevor ich es bei der Arbeit bekannt gebe.“

Ihr Vater griff zum Telefonhörer, vermutlich, um sie möglichst schnell loszuwerden. Und dann war sie in der Entbindungsabteilung des Paddington angemeldet.

„Du brauchst vorher noch einen Ultraschall“, sagte Professor Christie und berichtete ihr, dass sie morgen einen Termin habe und die Überweisung am Empfang liege. „Allerdings“, fügte er an und konnte es nicht lassen, ihr noch einen Ratschlag zu geben, „würde ich an deiner Stelle wirklich noch einmal darüber nachdenken, Victoria.“

Das schmerzte. Victoria wusste, dass er sie nie gewollt hatte. Wenn ihre Mutter nicht zuerst gegangen wäre, da war Victoria sich sicher, wäre bestimmt ihr Vater verschwunden.

An der Tür drehte sie sich noch einmal um und sah, dass er sie längst vergessen hatte. Er arbeitete schon wieder, obwohl sie den Raum noch nicht mal verlassen hatte.

Dominic hatte recht: Ihr Vater war wirklich eiskalt.

„Ich verstehe, warum sie dich verlassen hat“, sagte sie plötzlich. „Meine Mutter.“

Professor Christie sah auf und starrte seine Tochter lange an. Bevor er sich wieder auf seine Notizen konzentrierte, hatte er wie immer das letzte Wort: „Dich hat sie auch verlassen.“

Am nächsten Tag hallte sein Satz immer noch in ihr nach.

„Du bist so still“, sagte Glen, während sie gemeinsam zum Paddington fuhren – zum ersten Mal nicht im Ambulanzwagen. Glen hatte ihr angeboten, mit ihr zum Ultraschall zu kommen. Victoria hatte zwar abgelehnt, aber für die Mitfahrgelegenheit war sie ihm sehr dankbar. In der U-Bahn war ihr ziemlich übel gewesen. Jetzt wurde es besser.

Glen wusste, dass sie schwanger war.

Natürlich.

Sie arbeiteten schließlich zusammen, und als Victoria zum ersten Mal so grün wurde wie ihre Uniform, hatte er sie gefragt, ob alles in Ordnung war. Victoria hatte nur genickt. Aber vor ein paar Tagen hatte er sie noch einmal und ganz direkt darauf angesprochen: „Hayley hatte diese furchtbare Morgenübelkeit, als sie mit Ryan schwanger war.“

Wenn man über einer Brechschale hinten in einem Krankenwagen saß, war es schwierig, eine Schwangerschaft zu verbergen.

„Du musst bei der Arbeit Bescheid geben“, sagte Glen.

„Ich weiß.“ Victoria schloss die Augen.

Es geschah also wirklich. Die letzten Wochen hatte sie versucht, es zu ignorieren, aber das war nicht mehr möglich. Diese Woche musste sie noch überstehen und dann ein Wochenende mit Nachtschichten. Danach hatte sie ihren Jahresurlaub, und sie hatte sich entschieden, ihrer Chefin nach dem Wochenende Bescheid zu sagen.

Glen gab ihr weitere Ratschläge, die sie wirklich nicht brauchte. Und obwohl er nicht wusste, wer der Vater war, sagte er. „Du musst dem Typen sagen, dass er ein Kind kriegt.“

„Danke, Glen“, antwortete sie bissig.

„Hör mal, Victoria …“

„Nein.“ Sie drehte sich zu ihm. „Auf deine Gardinenpredigt kann ich gut verzichten.“

Doch ihr war ja selbst klar, dass Dominic es wissen musste. Wenn er zurückkam, würde sie es ihm sagen.

Falls er zurückkam. Vielleicht gefiel es ihm zu Hause so sehr, dass er blieb. Victoria kannte ihn ja kaum. Denn nach ihrem gemeinsamen Abend hatten sie sich wieder wie Fremde verhalten. Sie flirteten nicht und sprachen definitiv nicht über das, was geschehen war. Er war immer noch grantig, und sie verhielt sich selbstbewusst wie immer. Wenn sie nicht schwanger gewesen wäre, hätte sie sich wohl gefragt, ob sie es geträumt hatte.

Es fühlte sich jedenfalls wie ein Traum an. Ein wunderschöner Traum.

„Soll ich wirklich nicht mitkommen?“, fragte Glen, aber Victoria lachte über seinen Vorschlag. Als ob sie jemanden brauchte, der ihr die Hand hielt.

„Für einen Ultraschall?“

„Hayley ist immer nervös …“ Glen sprach ständig von seiner Frau.

„Ich bin aber nicht Hayley“, antwortete Victoria wie immer. „Ich komme schon allein zurecht.“

Es würde ihr allein sogar viel besser gehen. Daran war sie schließlich gewöhnt.

Victoria lief durch die vertrauten Flure des Paddington und betrat die Radiologie. Dort gab sie ihre Überweisung der Empfangsmitarbeiterin.

„Wir sind leider etwas im Verzug“, sagte sie.

„Kein Problem“, erwiderte Victoria, obwohl sie unbedingt zur Toilette musste. Man hatte ihr gesagt, sie solle vor dem Ultraschall viel trinken, damit das Baby gut zu sehen sein würde. Aber sie hatte schon damit gerechnet, dass sie warten musste.

Neben dem Baby war in dieser Nacht noch etwas anderes in ihr entstanden. Ein Entschluss. Victoria war mittlerweile in ein Komitee eingetreten und hatte eine Kampagne gestartet, um das Paddington vor dem Zusammenschluss zu retten. Sie trafen sich jede Woche drüben im Frog and Peach – heute Abend auch wieder.

Allerdings war es schwerer als gedacht, die Dinge ins Rollen zu bringen. Die meisten Leute dachten, es stünde schon längst fest, dass das Paddington schließen müsste. Hier und da wurde in der Presse in wenigen Zeilen über die Kampagne berichtet, aber das war alles. Victoria wusste nicht, was sie als Nächstes vorschlagen sollte.

Rosie, eine Kinderkrankenschwester, und Robin, der die Chirurgie leitete, waren ihr eine große Hilfe. Victoria hoffte, vor dem Treffen noch mit ihnen sprechen zu können. Sie schickte eine Gruppennachricht, um an den Termin zu erinnern, und beantwortete einige E-Mails. Doch obwohl ihr das Krankenhaus unendlich wichtig war, konnte sie sich momentan nicht voll darauf konzentrieren.

Sie war nervös.

Das hätte sie Glen natürlich niemals gestanden, aber ihr war richtig flau im Magen. Sie saß neben einer hochschwangeren Frau und lauschte der Unterhaltung, die sie mit ihrer Mutter führte.

Victoria hatte ihre Mutter nie mehr gesehen, seit sie damals verschwunden war. Kein einziges Mal. Als Kind hatte sie natürlich nach ihr gefragt, aber nie viel erfahren. Ihr Vater weigerte sich, über seine erste Frau zu sprechen, und außer einigen Fotos, die Victoria bis heute in einer Schublade ihres Nachttischs aufbewahrte, wusste sie kaum etwas über ihre Mutter. Nur dass sie im Paddington gearbeitet hatte.

Als Victoria älter geworden war und ihr die schwierige Persönlichkeit ihres Vaters verständlicher wurde, hatte sie erst geglaubt, ihre Mutter wäre bestimmt verschwunden, weil sie unglücklich war. Später gab es eine Phase, in der sie dachte, ihre Mutter wäre tot, weil niemand einfach so ein Kind zurücklassen würde.

So war es ein Schock und eine Riesenenttäuschung, als Victoria schließlich herausfand, dass sie doch noch lebte und es ihr gut ging. Mehr als gut, wie Victoria den sozialen Netzwerken entnahm. Sie lebte in Italien. Mit ihrem zweiten Ehemann. Und war glückliche Mutter zweier erwachsener Söhne. Victoria wurde nicht erwähnt.

Sie hatte sie kontaktiert, aber keine Antwort bekommen.

Das hatte noch einmal wehgetan, und Victoria hatte sich entschieden, sich von ihrer Mutter nie mehr verletzen zu lassen. Aber hier und heute vor dem Ultraschall ließ der Schmerz sich nicht abstellen. Sie war neidisch auf die fremde Frau, die neben ihr saß. Mit ihrer Mutter.

Sie versuchte, sich auf eine E-Mail zu konzentrieren. Als sie hörte, dass die Türen geöffnet wurden, zog sie die Beine an, damit die Krankenschwester einen kleinen Patienten auf einer Rollliege vorbeischieben konnte. Das Kind weinte, und Victoria sah ihm nach. Sie fragte sich, was es wohl hatte, und in diesem Augenblick blickte sie direkt in Dominics Augen – er ging neben der Trage her.

Üblicherweise ignorierten sie sich oder sprachen nur über Patienten. Augenkontakt vermieden sie, wann immer möglich, aber nun blickten sie sich an. Er hatte die Stirn gerunzelt.

Kein Wunder. Sie saß schließlich vor der Ultraschallabteilung in einem Kinderkrankenhaus.

Victoria hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass sie ihn heute hier treffen könnte. Außerdem hatte sie gedacht, er wäre noch im Urlaub.

Er konnte nicht stehen bleiben – das Kind auf der Trage schien wirklich sehr krank zu sein –, aber er sah sie fragend an, während er an ihr vorbeiging. Victoria wusste nicht, was sie machen sollte.

Dominic sprach mit der Krankenschwester, und sie verschwanden in einem der Räume.

Victoria überlegte, ob sie nach dem Ultraschall in die Notaufnahme gehen und mit ihm reden sollte. Bevor er die Tür schloss, sah er noch einmal in ihre Richtung, aber zum Glück summte ihr Telefon, sodass sie den Blick senken konnte. Alle Gedanken an Babys, Väter und Ultraschall waren verschwunden, als sie die Nachricht las:

Warnung: Großschadensereignis

Alle Mitarbeiter zur Ambulanzstation.

Manchmal gab es Simulationen solcher Großschadensereignisse, aber man musste diese Warnungen unbedingt ernst nehmen, weil so die Reaktionszeit der Mitarbeiter gemessen werden konnte. Die Telefonleitungen und Zentralen sollten nicht von zweifelnden Anrufern belästigt werden, die nachfragten, ob der Vorfall wirklich echt war.

Victoria hatte das Gefühl, dass es dieses Mal nicht um eine Simulation ging. Sie sah auf den Fernseher an der Wand, aber dort gab es noch keine Nachrichten. Ihr Telefon piepte noch einmal mit einer dringenden Warnung. Der Ultraschall würde wohl warten müssen.

Victoria war durch und durch praktisch veranlagt, sodass sie zuallererst die Toilette aufsuchte. Damit war ein Problem gelöst. Als sie wieder auf den Flur hinaustrat, hörte sie es überall pingen und piepen. Das Warnsystem im Paddington war ebenfalls aktiv.

„Victoria Christie“, sagte sie der Empfangsmitarbeiterin. „Ich bin Sanitäterin. Ich muss los.“

Die Frau nickte. Sie war auch schon aufgestanden. Wenn es sich tatsächlich um ein Großschadensereignis handelte, mussten alle nicht dringenden Fälle verschoben werden, damit die Station für die Notfälle gerüstet war.

„Ich rufe an, um einen neuen Termin zu machen“, sagte Victoria. Als sie loslief, klingelte ihr Handy. Es war Glen, der ihr sagte, er würde sie vor dem Eingang treffen.

Es war wirklich keine Simulation. Das wurde Victoria noch einmal klar, als sie Dominic aus dem Ultraschallraum eilen sah. Jemand musste ihn dort abgelöst haben.

„Weißt du, was los ist?“, fragte sie ihn, als er sie erreicht hatte.

„Nein.“

Er war schneller als sie und lief davon. Als sie die Notaufnahme erreichte, trug Dominic einen Schutzhelm. Er wurde vor Ort geschickt. Mitarbeiter luden Koffer in den Wagen, mit dem er losfahren sollte, und Karen brachte wertvolles O-Negativ-Blut, das für Tage wie diesen in der Notaufnahme aufbewahrt wurde.

Die Ambulanzstation war nicht weit vom Krankenhaus entfernt, aber Glen, der die gleiche Nachricht erhalten hatte, wartete trotzdem auf sie.

„In der Westbourne Grove brennt es“, sagte er und fuhr, nachdem Victoria die Tür geschlossen hatte, sofort Richtung Ambulanzstation. Sie legte den Sicherheitsgurt an. „Klingt schlimm.“

Victoria antwortete nicht. Doch ihr Herz klopfte immer schneller.

Westbourne Grove war eine Grundschule. Heute war ein Wochentag …

„Es sind wohl Kinder im Gebäude gefangen“, sagte Glen mit zusammengebissenen Zähnen.

5. KAPITEL

Jede Sekunde zählte.

Victoria war für Großschadensereignisse geschult. Sie sprangen aus dem Auto, um sich umzuziehen. Viele Fahrzeuge verließen die Station bereits, um zum Brand zu fahren. Mitarbeiter, die keinen Dienst gehabt hatten, kamen an, um als Verstärkung und Ablösung bereitzustehen.

Sie ging in den Umkleideraum und tauschte Jeans und seidiges Top gegen Uniform und Stiefel. Im Zentralbereich der Station schnappte sie sich ihr Funkgerät und lief auf Glen zu, der bereits in einen Ambulanzwagen stieg.

Sofort standen sie in zähem Verkehr. Einige Notfallwagen kamen bereits mit heulenden Sirenen zurück und rasten weiter zum Paddington. Sie waren wohl in der Nähe des Feuers gewesen.

Es dauerte Ewigkeiten.

Sie hatten Sirene und Blaulicht eingeschaltet, aber die Londoner Straßen waren verstopft. Die Autofahrer versuchten, ihre Wagen auf den Bürgersteig zu lenken, um ihnen Platz zu machen. Neben den Sanitätsfahrzeugen sah Victoria Feuerwehrwagen, Polizei in Autos und auf Motorrädern. Der Lärm der Sirenen schwoll an, als sie sich der Schule näherten.

Aus den Funkgeräten drangen zahlreiche Stimmen. Kinder wurden aus den Flammen gezogen, und es wurde berichtet, dass die Feuerwehrleute immer wieder in das Gebäude vordrangen, um gefangene Kinder zu retten. Die meisten waren evakuiert worden und standen, wie es das Protokoll verlangte, auf dem Spielplatz, weit genug entfernt vom brennenden Gebäude. Sie mussten gezählt und ständig wieder gezählt werden, und als die ersten panischen Eltern ankamen, hatte die Polizei Schwierigkeiten, sie zurückzuhalten. Sie wollten mit eigenen Augen sehen, dass es ihren Sprösslingen gut ging.

„Deine Kinder gehen nicht auf die Westbourne Grove?“, vergewisserte Victoria sich.

„Nein“, antwortete Glen. „Gott sei Dank.“

Die kurze Stille zwischen seinen Worten klang viel lauter als das, was er gesagt hatte. Victoria wusste, dass Glen sich nun vorstellte, wie seine Kinder in einer brennenden Schule gefangen waren.

Als sie vor einigen Monaten zu einem außergewöhnlich schlimmen Autounfall gerufen worden waren, hatte Glen die Geschehnisse auch gleich mit seiner Familie in Zusammenhang gebracht. Er nahm immer alles sehr persönlich, und es wurde mit jedem Mal schlimmer.

Victoria hatte ihn schon mehrmals gewarnt, dass er Probleme bekäme, wenn er so weitermachte. Sie hatte ihm vorgeschlagen, mit jemandem darüber zu sprechen. Glen sagte jedoch, alles sei in Ordnung und jeder habe seine Achillesferse. „Außer dir, Victoria“, hatte er gespottet.

Das hatte sie tatsächlich zum Schweigen gebracht. Denn auch wenn Glens offensichtlicher Stress ihr Sorgen machte, wusste sie, dass sie das genaue Gegenteil tat und alles in sich hineinfraß, sodass nicht einmal ihr Kollege, dem sie vertraute, wusste, was in ihrem Kopf vorging.

Vielleicht hatte Glen recht. Vielleicht waren seine Reaktionen normaler als ihre. Und vielleicht war sie ein wenig neidisch. Nicht nur auf Glen und seine Fähigkeiten, Gefühle zu zeigen, sondern auch darauf, dass er Teil einer liebevollen Familie war und ständig an sie dachte. So wie seine Familie auch an ihn dachte. Hayley rief tagsüber an, und wenn es Bettzeit für die Kinder war, versuchte Glen immer, ihnen telefonisch eine gute Nacht zu wünschen.

„Hoffentlich sind jetzt alle draußen“, sagte Victoria mit einem Blick auf die Schule.

Dicker Rauch stieg in die Luft, schwarz und schwer, während ihnen jemand die Absperrung öffnete. Einige Eltern mussten wirklich mit Gewalt zurückgehalten werden, weil sie einfach nicht verstanden, welches Chaos sie verursachen würden.

Victoria und Glen parkten neben den Feuerwehrautos, hoben die Krankentrage und ihre Ausrüstung aus dem Wagen. Auf dem Schulhof standen Feuerwehrmänner und atmeten Sauerstoff aus Flaschen ein. In ordentlichen Reihen standen die Kinder auf dem angrenzenden Spielplatz. Sie weinten und hatten ganz offensichtlich Angst.

Aber sie lebten und waren in Sicherheit. Zwei Kinder sollten noch im Gebäude sein, erfuhren Victoria und Glen.

Sie erblickte Dominic, der sich um ein schwer verletztes Kind kümmerte und gemeinsam mit zwei Sanitätern die Verbrennungen versorgte. Als sie es auf eine Trage hoben, mussten Victoria und Glen zur Seite springen.

„Zurückbleiben!“ Ein Feuerwehrmann drängte sie zurück. „Eine der Binnenstrukturen fällt gleich zusammen.“

Autor

Carol Marinelli
Carol Marinelli wurde in England geboren. Gemeinsam mit ihren schottischen Eltern und den beiden Schwestern verbrachte sie viele glückliche Sommermonate in den Highlands. Nach der Schule besuchte Carol einen Sekretärinnenkurs und lernte dabei vor allem eines: Dass sie nie im Leben Sekretärin werden wollte! Also machte sie eine Ausbildung zur...
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