Julia Ärzte zum Verlieben Band 219

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RETTUNGSLOS VERLIEBT AUF HAWAII von SCARLET WILSON

Mit ihrem sonnigen Gemüt ist Assistenzärztin Piper genau das Gegenteil von Dr. Jamie Robertson, ihrem neuen Boss in der Klinik auf Hawaii. Trotzdem fühlt sie sich von dem ernsten Doc magisch angezogen. Was muss sie tun, damit er sie das erste Mal anlächelt – ihn küssen?

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  • Erscheinungstag 25.07.2026
  • Bandnummer 219
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540940
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Scarlet Wilson, Louisa Heaton, JC Harroway

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 219

Scarlet Wilson

1. KAPITEL

Eine warme Brise umwehte Jamie Robertson, als er aus dem Flieger stieg. Genießerisch atmete er die feuchte, aromatische Luft ein. Wonach duftete sie? Nach den bewaldeten Bergen? Nach dem Ozean? Noch konnte er es nicht sagen, doch das würde sich bald ändern. Er konnte es kaum erwarten, die Antwort herauszufinden.

Zunächst bemerkte er von der Gangway aus, wie das Gepäck bereits entladen wurde. Hoffentlich hatten seine Surfbretter den Transport unversehrt überstanden!

Der Flug hatte sich um einige Stunden verspätet. Nun blieben Jamie nur noch zwei Stunden, bevor er sich im Honolulu General Medical Center als neuer Oberarzt für Infektiologie vorstellte.

Sein Vorgänger hatte aus familiären Gründen überstürzt aufhören müssen und hatte keine Gelegenheit gehabt, Jamie gründlich zu briefen. Der wesentliche Grund, der ihn bewogen hatte, nach Hawaii zu kommen, war seine beste Freundin Joanne. Seit dem gemeinsamen Medizinstudium hatten sie einander nie aus den Augen verloren. Joanne war Kardiologin und hatte ein Jobangebot am Honolulu General für sich entdeckt. Dabei war ihr Blick auf eine weitere Stellenanzeige gefallen. Das Krankenhaus suchte auch dringend nach einem Facharzt für Tropenmedizin. Also hatte sie Jamie überredet, sich ebenfalls zu bewerben. Schon lange hatten sie sich gewünscht, mal wieder an derselben Klinik zu arbeiten.

Das per Video geführte Bewerbungsgespräch war von Erfolg gekrönt gewesen. Nun würde er in Hawaii arbeiten. Das hätte er sich niemals träumen lassen.

Das kalte, regnerische Schottland war angesichts der sonnigen Sandstrände Hawaiis nur noch eine blasse Erinnerung. Natürlich regnete es hier auch mal und es gab auch Unwetter, doch die Vorstellung, in diesen Breiten zu arbeiten, war überwältigend.

Per Handy hatte er sich bereits mehrmals mit einem Surflehrer hier vor Ort ausgetauscht und sich an einem der nächsten Tage mit ihm verabredet, um sich eingehend über das Surfrevier am nächstgelegenen Strand zu informieren, denn überall konnten Gefahren lauern. Jamie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich immer zuerst von einem einheimischen Surflehrer das Revier vor Ort erklären zu lassen. Schon bald wollte er hier regelmäßig surfen.

Das Gepäckband war bereits in Betrieb, als er die Ankunftshalle betrat. Schnell griff er nach seinen Gepäckstücken und verließ das Gebäude. Draußen wartete bereits ein Wagen auf ihn.

Joanne würde mit einer späteren Maschine eintreffen. Also besorgte Jamie schon mal das Nötigste für sie und verstaute die Sachen in ihrer Wohnung, schrieb noch eine Willkommenszeile und kehrte zum wartenden Taxi zurück.

Der Fahrer war sehr freundlich, machte Jamie während der Fahrt auf einige Sehenswürdigkeiten aufmerksam und wartete dann geduldig, bis Jamie seine Sachen in seinem eigenen Apartment abgestellt, sich kurz frisch gemacht und umgezogen hatte. Dann setzte er ihn vor dem Honolulu General Medical Center ab.

Die Klinik war so modern wie alle städtischen Krankenhäuser, in denen Jamie bisher gearbeitet hatte. Trotzdem kam ihm die neue Umgebung surreal vor.

In der Personalabteilung mussten viele Formalitäten erledigt werden. Er musste seine Bankverbindung angeben, erhielt einen Hausausweis, Ärztekittel, ein Büro und lernte dann seine Sekretärin Merry kennen, die ihn mit ihrer überbordenden Fröhlichkeit eher an die Frau eines Weihnachtsmanns erinnerte. Verstohlen warf Jamie einen Blick über die Schulter. War er bei Versteckte Kamera gelandet? Waren er und Joanne einem Riesenschwindel aufgesessen? Es gab gar keine Jobs. Hier wurde eine Episode für eine Reality-Fernsehshow gedreht. Es war alles vollkommen verrückt! Er konnte nur hoffen, dass es sich um einen Thriller handelte und, Gott bewahre, um keinen Liebesfilm. Mit Liebe und Romantik hatte Jamie Robertson nichts im Sinn – nicht nach zwei gescheiterten Beziehungen und dem hysterischen Wutausbruch seiner letzten Freundin, die ihm vorgeworfen hatte, der mürrischste Mann der Welt zu sein, bevor sie mit ihren Siebensachen ausgezogen war.

Er war Schotte. Waren nicht alle Schotten mürrisch? Es lag gar nicht in seiner Absicht. Andererseits konnte er sich aber auch nicht dazu überwinden, den ganzen Tag mit einem falschen Lächeln im Gesicht durch die Gegend zu laufen. Wozu?

Auf die Idee würde er gar nicht kommen. Er war viel zu beschäftigt, hatte viel zu viel zu bedenken. Wieso sollte er in seinem eigenen Zuhause rund um die Uhr ein Lächeln aufsetzen?

Aus Zeitmangel hatte er sich in seinem neuen Zuhause noch gar nicht richtig umgesehen. Von seinem Vorgänger hatte er nicht nur den Job, sondern auch den Mietvertrag übernommen. Die Nähe zum Strand hatte den Ausschlag gegeben. Nun wohnte er in Honolulu an einem Strand, der noch nicht so bekannt war. Er freute sich darauf, seine Umgebung bald zu erkunden.

Nun reichte Indira, eine Mitarbeiterin der Personalabteilung ihm einen dicken Umschlag. „Hier ist Ihre Kopie des Arbeitsvertrags sowie Informationen, wo Sie Ihren Laptop erhalten, sämtliche Log-in-Instruktionen und Passwörter. Morgen bekommen Sie eine Anleitung, damit Sie elektronische Rezepte ausstellen dürfen. Diese Onlineschulung ist Pflicht. Außerdem würde ich Ihnen empfehlen, heute Abend die Willkommensparty für die Neuen zu besuchen. Sie findet in einer der nahegelegenen Bars statt. So, und hier ist noch ein Plan des Klinikgebäudes sowie alle wichtigen Ansprechpartner.

Wenn Sie jetzt zu Ihrem Büro gehen, wird Merry Sie anschließend allen Mitarbeitenden der Station vorstellen. Wenden Sie sich gern an mich, falls Sie Fragen haben.“ Die junge Frau schenkte ihm ein sonniges Lächeln, ließ ihn stehen und verschwand wieder in der Personalabteilung. Bevor Jamie fragen konnte, ob seine Sekretärin wirklich auf den Namen Merry hörte, hatten sich die Flügeltüren bereits wieder geschlossen. Und Zugang erhielt man nur mit einer Schlüsselkarte, wie Jamie gleich darauf feststellte.

Wie in allen Krankenhäusern der Welt blieb die Personalabteilung fein säuberlich abgeschottet.

Frustriert fuhr Jamie sich durchs dunkle Haar. Die Klimaanlage war in Betrieb. Trotzdem musste sich sein Körper erst akklimatisieren. In Honolulu war es deutlich wärmer als in seiner schottischen Heimat. Er sollte die Haare wohl etwas kürzer tragen.

Per SMS informierte er Joanne über Ort und Zeit der Willkommensparty, dann machte er sich auf den Weg zu seinem Büro. Zwar verfügte er nicht über einen Ausblick auf den Ozean, aber der Raum war gut ausgestattet: Schreibtisch, bequemer Chefsessel, Telefon, Bücherregal und abschließbarer Aktenschrank.

In Großbritannien hatte er sich das Büro meist mit anderen Kollegen teilen müssen. Eine eigene Sekretärin hatte er dort auch nicht gehabt. Er war auch so ganz gut zurechtgekommen.

Merry tauchte vor der Bürotür auf, um ihn abzuholen. Sie war eine kräftige Frau in den Fünfzigern, bekleidet mit einem bunten bodenlangen Sarong, glänzender Haut und lockigem Haar.

„Lenny hat mir versichert, Sie wären umgänglich“, erklärte sie mit dem typisch hawaiianischen Akzent und musterte ihn mit ihren dunklen Augen von oben bis unten.

Lenny? Ach ja, das war sein Vorgänger.

Gelassen erwiderte er ihren Blick. Es war wichtig, sich mit allen gut zu stellen, besonders, wenn man der Neue war. Merry könnte ihn bestimmt dabei helfen, sich einzuarbeiten, ohne in Fettnäpfchen zu treten. Also musste er sie sich warmhalten.

Freundlich hielt er ihr die Hand zur Begrüßung hin. „Hi. Ich bin Jamie Robertson und freue mich, hier zu arbeiten. Indira meinte, Sie würden mich herumführen und mir alles zeigen.“

Sie zog die Brauen zusammen und musterte ihn scharf. Dann lachte sie und machte eine lapidare Handbewegung. „Fünfzig Prozent.“

Jamie kniff die Augen zusammen. „Wie bitte?“

Lachend wiederholte sie: „Fünfzig Prozent. Mehr habe ich nicht verstanden.“

Er stand auf der langen Leitung, denn er hatte Mühe, ihren Akzent zu verstehen. Die Mühe machte sie sich offensichtlich nicht mit seinem. „Dann strengen Sie sich mehr an.“

Sie ging zu ihrem Schreibtisch und fuchtelte mit einer Hand herum. „Entweder temperamentvoll oder abfällig. Ich habe mich noch nicht entschieden“, warf sie ihm über die Schulter hinweg zu.

Jamie war ihr gefolgt. „Ich mich auch nicht“, konterte er wie aus der Pistole geschossen.

Merry ließ einen Stapel Akten auf ihren Schreibtisch fallen und wollte sich kaputtlachen. Ihr ganzer Körper wogte vor Lachen. Das lenkte die Aufmerksamkeit ihrer Kolleginnen auf sich, die ihre Hälse reckten, um zu sehen, was so komisch war.

Jamie atmete auf. Merry hatte Sinn für Humor. Damit konnte er umgehen.

„Kommen Sie!“ Er machte eine Kopfbewegung. „Führen Sie mich herum, und stellen Sie mich vor. Mal sehen, ob jemand anders meinen Akzent versteht.“

Das Krankenhaus verfügte über fast 800 Betten auf mehreren Stationen, OP-Suiten und Intensivstation, ein eigenes Labor, eine Notaufnahme und das einzige Level-1-Traumazentrum in Hawaii.

Merry kannte sich überall ausgezeichnet aus, wie es schien. Ununterbrochen erklärte sie ihm während des Rundgangs, wie die Dinge hier abliefen. Das war natürlich gut, und er versuchte auch, sich zu konzentrieren. An ihren Akzent hatte er sich inzwischen gewöhnt. Wie detailliert sie alles beschrieb …

Als sie sich der Kardiologiestation näherten, bat Jamie hineingehen zu dürfen.

Merry zog die Augenbrauen hoch. „Wir gehen da nicht rein.“

„Wollen Sie damit sagen, wer hier mit Herzbeschwerden eingeliefert wird, kann nicht gleichzeitig unter einer Tropenkrankheit leiden?“ Gespannt wartete er auf ihre Reaktion.

Nach kurzem Zögern seufzte sie ergeben und stieß die Türen auf.

„Ich suche meine Freundin“, gestand Jamie.

„Spricht sie auch wie Sie?“, wollte Merry sofort wissen.

Lachend schüttelte Jamie den Kopf. „Nein, sie ist Engländerin. Wir haben zusammen Medizin studiert. Sie heißt Joanne Meadows und hat auch heute hier angefangen.“

Wortlos warf Merry einen Blick auf das Whiteboard hinter dem Schwesterntresen. „Ihr Name ist noch nicht aufgeführt. Normalerweise ist der erste Arbeitstag ein Montag“, erklärte sie.

Verwundert musterte er sie. „Und wieso fange ich dann an einem Freitag an?“

Erneut fuchtelte Merry mit der Hand. „Weil unsere Station nicht besetzt ist. Erinnern Sie mich daran, Ihnen einen Pager zu besorgen.“

„Hat Lenny denn keine Vertretung?“

„Eine Praktikantin. Sie ist wirklich gut.“ Merry drohte ihm mit dem Finger. „Wehe, wenn Sie das Mädchen vergraulen! Auf einer der Nachbarinseln gibt es noch einen Tropenarzt, der uns im Notfall aushilft – per Videoanruf.“ Amüsiert zuckte sie die Schultern. „Tropenkrankheiten können still sein.“

Abrupt blieb Jamie stehen, musterte sie, kniff dann die Augen zusammen. „Das haben Sie nicht gesagt, oder?“

„Was denn?“

Jetzt war es an ihm herumzufuchteln. „Wie lange arbeiten Sie im Krankenhaus?“

„Seit vierzig Jahren. Mit siebzehn habe ich angefangen.“

„Und Sie wissen nicht, dass man niemals das S-Wort ausspricht?“ Entsetzt kehrte er auf den Korridor zurück.

„Sagen Sie, läuft da was mit Ihrer Freundin Joanne?“

Die Frage überraschte ihn nicht. Sie wurde ihm immer wieder gestellt.

„Nein, absolut nicht. Sie ist seit dem Studium mein bester Kumpel. Wir haben uns vom ersten Moment an blendend verstanden. Sie ist für mich wie eine Schwester, die ich nie hatte. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Manchmal amüsiert sie sich über meine Klamotten, kann aber auch richtig böse werden.“ Er lächelte nachsichtig. „Joanne würde alles für mich tun. Und ich für sie.“

Misstrauisch zog Merry eine Augenbraue hoch. Glaubte sie ihm nicht? Sie wäre nicht die erste Kollegin, die bezweifelte, dass es zwischen Mann und Frau echte Freundschaft geben konnte.

Ihr Problem …

Nun ging es zur Notaufnahme. „Wenn bei uns nicht viel los ist, können Sie in der Notaufnahme aushelfen. Die meisten Patienten, die auf unserer Station landen, werden sowieso in der Notaufnahme eingeliefert. Wenn Sie sich hier unten aufhalten, können Sie vermutlich die eine oder andere Fehldiagnose vermeiden.“

Ungläubig wiegte Jamie den Kopf. „Hat Lenny das gemacht?“

Merry nickte.

Darüber musste er erst einmal nachdenken. Zuletzt hatte er als Assistenzarzt sechs Monate lang in der Notaufnahme gearbeitet, weil es zur medizinischen Ausbildung gehörte. Auf die Dauer wäre das nichts für ihn gewesen.

„Soll ich etwa Traumapatienten eines Verkehrsunfalls versorgen? Oder einen Herzinfarkt behandeln? Darauf bin ich nicht spezialisiert.“

„Dann rufen Sie eine Freundin an“, schlug Merry trocken vor.

„Wie bitte?“

„Sie haben doch gerade erzählt, dass Ihre beste Freundin Kardiologin ist. Wenn es um einen Herzpatienten geht, rufen Sie sie mit dem Pager.“

Erneut zuckte Merry die Schultern, als wäre das keine große Sache. Für sie scheint das alles selbstverständlich zu sein, dachte Jamie und folgte ihr, als sie ihm freundlich die Tür aufhielt.

Merry blieb vor dem Whiteboard stehen. „So, mal sehen. Lenny hat zuerst einen Blick aufs Whiteboard geworfen und nach Fällen von Ausschlag, Magenproblemen und unspezifischen Symptomen Ausschau gehalten, die auf eine Tropen- oder Infektionskrankheit hindeuten können. Die Fälle hat er dann in der Regel übernommen.“

Sie musterte Jamie von der Seite. „Einmal hat er allerdings auch einem Baby auf die Welt geholfen.“

„Nein!“ Energisch schüttelte er den Kopf. „Keine Chance!“

Merry grinste.

Entschlossen wandte er sich ab, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die Atmosphäre erschien ihm ruhig und gelassen. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Patienten schrien hier auch nicht aufgebracht herum, so wie er es regelmäßig in der Notaufnahme im Glasgower Krankenhaus erlebt hatte.

Merry führte ihn herum, er stellte einige Fragen und war sehr erleichtert, als sie schließlich auf der Station ankamen, wo er ab sofort eingesetzt war.

Sechzehn Betten, genug Personal, eine höchst effizient wirkende Stationsschwester, gutes elektronisches Patientenaktensystem, ein großer Aufgabenbereich und eine sehr angenehme Atmosphäre.

Versonnen lächelte er vor sich hin. Ja, hier könnte er sich wohlfühlen.

Lautes Gelächter ertönte vom anderen Ende des Korridors. Eine blondgelockte Frau in weißer Bluse und rosa Rock hatte gerade ein Patientenzimmer verlassen und drückte einen Deckel auf eine Dose. Singend und tänzelnd kam sie näher, nachdem sie dem Patienten noch einmal fröhlich zugewinkt hatte.

Ob sie eine Angehörige war? Jamie blickte suchend aufs Board. Der Patient hieß Charles Eroka und war zweiundachtzig Jahre alt. Bevor er die Patientenakte aufrufen konnte, übernahm Merry.

„Hi, Piper. Das ist Jamie Robertson, unser neuer Facharzt für Tropenmedizin.“

„Hallo.“ Piper lächelte freundlich. Ihr englischer Akzent überraschte ihn. Sie öffnete die Dose und hielt sie ihm einladend hin.

Die mit Schokolade überzogenen Blechkuchenstücke dufteten verführerisch. Wäre eine Diätassistentin hier, würde sie vermutlich entsetzt aufschreien.

„Möchten Sie ein Stück?“, fragte Piper. „Ich habe sie für Charlie gebacken. Es sind seine Lieblingskekse.“

Jamie blinzelte irritiert. „Sind Sie die behandelnde Ärztin?“

Sie befeuchtete sich die Lippen, drückte das Kreuz durch und richtete sich auf, sodass er ihren Schwanenhals und den kurvenreichen Körper bemerkte.

„Piper Bronte. Freut mich.“

Sie hatte grüne Augen! Klare, ausdrucksvolle grüne Augen. Wow …

Unwillkürlich musste er lächeln. „Ein guter englischer Name“, kommentierte er.

„Und Sie sind Schotte. Ich hatte auf einen William Wallace oder Robert Burns gehofft“, verriet sie ihm neckend.

Einladend schüttelte sie die Dose. „Nein, vielen Dank. Ich muss mich erst akklimatisieren. Hoffentlich kann ich heute Nacht schlafen.“ Er zeigte auf die Keksdose. „Mein Körper hält sich für ein Kleinkind. Wenn ich jetzt etwas Süßes esse, liege ich unter Garantie die ganze Nacht wach.“

Unverwandt fixierte sie ihn mit diesen magischen grünen Augen.

„Das merke ich mir. Es ist immer gut, Erpressungsmaterial über seine Kollegen zu sammeln.“

Einen Sekundenbruchteil lang stellte Jamie sich vor, ihre seidige Haut zu streicheln, die rosa Lippen zu küssen, tief in diese grünen Augen zu blicken, die aufregenden Kurven nachzuziehen … dann holte die Realität ihn wieder ein.

„Wir sollten uns über Ihre Lernziele unterhalten.“ Oje, das klang schroffer als beabsichtigt.

Einen Moment lang war ihr Blick noch auf ihn gerichtet. Dann nickte sie. „Okay.“ Wortlos reichte sie die Keksdose über den Schwesterntresen, wo sie begeistert angenommen wurde.

Nach einem Blick auf die große Uhr hinterm Tresen fragte Piper: „Jetzt gleich?“

Jamie folgte ihrem Blick. Es war kurz vor sechs Uhr abends. Ein langer Tag lag hinter ihm, und er war noch nicht zu Ende. Er hatte Rufbereitschaft. Das hieß aber nicht, dass alle anderen auf Station auch arbeiten mussten. Am Freitag hatten die meisten Krankenhausmitarbeiter um achtzehn Uhr Dienstschluss.

„Nein, das kann bis Montagmorgen warten. Wir gehen sämtliche Patientenakten durch, die vorgesehenen Tests und Behandlungen, und dann sehen wir, welche Erfahrungen Ihnen noch fehlen.“

Als jemand hinterm Tresen verstohlen lachte, wurde Jamie bewusst, wie seine Worte aufgefasst werden konnten. Sofort wehrte er ab. „Nein, nein“, rief er verlegen. Merry half ihm aus der Klemme. Sie entfernte eine Notiz vom Board und legte sie zwischen Piper und ihn auf den Tresen. „Heute Abend um acht findet im Pirate and Spear die Willkommensparty für die neuen Krankenhausmitarbeiter statt“, verkündete sie und sah Jamie an. „Wenn Sie Joanne bis dahin nicht gefunden haben, werden Sie sie bestimmt dort antreffen.“

„Ich habe Rufbereitschaft.“ Jamie war froh, eine Entschuldigung zu haben.

„Genau wie etwa ein Drittel der anderen Kollegen dort“, kommentierte Piper lässig. „Die Willkommensgetränke müssen nicht zwingend alkoholisch sein.“

Damit war sein Grund, nicht an dem Umtrunk teilzunehmen, hinfällig. Wäre er nicht so müde nach dem langen Flug und hätte der Jetlag ihn nicht fest im Griff, wäre ihm sicher eine andere Ausrede eingefallen. Leider ließ sein Hirn ihn im Stich. Jamie gab sich geschlagen, rang sich ein Lächeln ab und nickte. Gleichzeitig schwor er sich, dass ihm das kein zweites Mal passieren würde.

Sich nach Dienstschluss mit Kollegen zu treffen, war nicht gerade sein Lieblingszeitvertreib. Das durfte er nicht vergessen, wenn Piper in der Nähe war.

Merry stieß ihn aufmunternd mit der Hüfte an. „Keine Panik, Sie werden sich bald bei uns eingewöhnt haben.“

Jamie warf einen Blick in die Runde. War es ein großer Fehler gewesen, seine vertraute Umgebung zu verlassen, um im gleichen Krankenhaus wie Joanne zu arbeiten, damit sie sich öfter sehen konnten? Er sollte es wohl bald herausfinden.

Piper gehörte nicht zu den Neuen. Sie hatte bereits vor sechs Monaten hier angefangen. Doch es wurde praktisch von allen Mitarbeitern erwartet, an der Willkommensparty für die neuen Kollegen und Kolleginnen teilzunehmen. Den neuen Kollegen auf ihrer Station hatte sie ja nun bereits kennengelernt. Er schien ungewöhnlich mürrisch zu sein. War das normal bei einem Schotten?

Für sie war Hawaii ein absoluter Traum. Sie liebte das Klima. Sie liebte die Menschen. Sie liebte das Inselparadies. Von einer Ärztin aus Großbritannien erwartete man nicht, dass sie sich auf Tropen- und Infektionsmedizin spezialisierte. Sie hoffte, eine Stelle beim CDC in Atlanta, Georgia, zu ergattern. Zunächst musste sie jedoch voll qualifiziert sein und praktische Erfahrungen nachweisen können.

Sie hatte an der London School of Hygiene and Tropical Medicine studiert und dort auch ein Praktikum am Institut absolviert. Ihr war empfohlen worden, ein weiteres Praktikum in den Tropen zu machen. Deshalb war sie nach Hawaii gekommen.

Das jedenfalls behauptete sie, wenn sie nach ihrem Werdegang gefragt wurde. Piper mochte einen sehr englischen Nachnamen haben, doch tatsächlich hatte sie in England keine Wurzeln mehr. Piper hatte schon als Kind ihre Eltern verloren, war dann bei einer älteren Tante untergekommen und anschließend bei einer entfernten Cousine. Sie war immer gut behandelt worden, doch zugehörig hatte sie sich nie gefühlt.

Eine Erinnerung tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Jemand teilte ihr mit, dass ihre Mummy und ihr Daddy nicht zurückkommen würden, um sie abzuholen. Die Erwachsenen berieten sich. Es wurde beschlossen, dass sie bei der Freundin übernachten sollte, zu der sie zum Spielen gekommen war. Dann wurden ihre Sachen in einen Koffer gepackt, und sie wurde zu ihrer Tante gebracht. Noch immer hatte sie den Geruch in Tante Matildas Haus in der Nase. Das Haus war nicht schmutzig gewesen. Es roch auch nicht unangenehm. Aber für ein kleines Kind roch es … alt.

Dann hatte sie Tante Matilda eines Tages reglos auf dem Boden liegend gefunden und musste den Rettungswagen rufen. Die nächsten Tage kümmerte sich eine Nachbarin um sie. Dann wurde sie zu der entfernten Cousine geschickt, die sie bei der Beerdigung ihrer Eltern kennengelernt hatte.

Lynne war freundlich, aber auch irgendwie seltsam gewesen. Als könnte sie es kaum erwarten, dass Piper endlich achtzehn wurde. Ihre Freude über Pipers gute Schulnoten, die es ihr erlaubten, Medizin zu studieren, war riesengroß gewesen. Wie ein tiefes Aufatmen …

Zwar hatte Lynne ihr angeboten, gelegentlich zu Besuch zu kommen, doch Piper hatte davon keinen Gebrauch gemacht, weil sie immer gespürt hatte, dass sie nur geduldet gewesen war.

Durch das Erbe ihrer Eltern war sie unabhängig. Sowie sie das Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen hatte, zog sie von Ort zu Ort, von Job zu Job.

Piper gab sich stets gutgelaunt und fröhlich, weil sie niemanden hatte, der für sie da war. Also schloss sie an jedem Ort, an dem sie arbeitete, Freundschaften. Ihr sonniges Lächeln war dabei sehr hilfreich. Außerdem tat sie meistens, was von ihr verlangt wurde.

Sie war überall beliebt. Genau darauf kam es ihr an. Für sie gab es nichts Schlimmeres, als sich einsam zu fühlen. Das Studium war super gewesen. Sechs Jahre lang verbrachte sie mit denselben Leuten, und sie hatte einen festen Freundeskreis. Nach dem Studium bildeten sie sich alle zu Fachärzten weiter. Jeder spezialisierte sich auf eine andere Fachrichtung und zog fort. Schon bald brachen die Kontakte ab. Piper fühlte sich isoliert. Ihre Facharztausbildung verlangte quasi häufige Ortswechsel. Dadurch konnte sie nirgends Wurzeln schlagen. Aber Piper hatte gelernt, resilient zu sein.

Jamies Vorgänger Lenny war ein guter Lehrer gewesen. Die Zusammenarbeit mit ihm hatte Spaß gebracht. Nun erwartete seine Frau Zwillinge. Bei einem von ihnen war eine Fetal-OP notwendig. In Hawaii war so ein Eingriff nicht möglich, aber an einem Lehrkrankenhaus in Boston. Deshalb hatte Lenny so kurzfristig gekündigt.

War Jamie Robertson auch ein guter Lehrer? Schwer zu sagen. Er sah gut aus und trug keinen Ring am Finger. War er vielleicht mit dieser Joanne zusammen, die Merry erwähnt hatte? Immerhin kannten sie sich wohl schon lange und wollten hier zusammen arbeiten. Merry wird es mir schon erzählen, dachte Piper. Sie hat mich ja unter ihre Fittiche genommen.

Hoffentlich war Jamie Single. Er war seit langer Zeit der erste Mann, der bei ihr ein sinnliches Prickeln ausgelöst hatte. Ihren selbstgebackenen Kuchen, der sonst überall gut angekommen war, hatte er verschmäht. Aber sie würde Jamie Robertson schon knacken. Das könnte sehr interessant werden …

Piper hatte ein rotes Kleid und eine kurze rote Strickjacke angezogen.

Das Pirate and Spear lag direkt am Strand. Der Boden war mit Sand bedeckt. Die Sonne ging bereits unter, und die Temperatur war leicht gesunken. Trotzdem war es noch angenehm warm.

Unterwegs traf Piper mehrere Kollegen, mit denen sie sich kurz unterhielt. Am Eingang fand sie ein Tablett mit roten, nicht näher bezeichneten Getränken. Sie nahm sich ein Glas und schnupperte vorsichtig. Wassermelone? Sie probierte einen Schluck. Schmeckte gut. Mit dem Glas in der Hand ging sie hinein. Hier herrschte schon reger Betrieb. Kleine Gruppen hatten sich um die Stehtische versammelt. Im Hintergrund erklang leise Musik. Hier befanden sich weitere Tabletts mit bunten Cocktails. Sie blieb lieber bei ihrem roten Getränk. Die Cocktails konnten ziemlich hochprozentig sein. Das merkte man aber erst, wenn es zu spät war.

In der Menge entdeckte sie Jamie Robertson. Auch er nippte an einem roten Getränk. Im nächsten Moment rief eine Frau seinen Namen und warf sich in Jamies Arme. Die Blondine war sehr attraktiv und schien Jamie schon länger zu kennen.

„Sind Dick und Dom heil gelandet?“, erkundigte sie sich lachend.

Jamies Anspannung war verflogen. Er grinste übers ganze Gesicht. Die beiden stützten sich auf einen freien Stehtisch und fingen an, sich zu unterhalten – beide gleichzeitig.

Piper beobachtete die Szene und empfand einen Anflug von Eifersucht, weil die beiden so vertraut miteinander umgingen. Es war nicht zu übersehen, dass ihnen viel aneinander lag. Leider hatte Piper niemanden, der ihr so vertraut war. Sie hätte die beiden gern begrüßt, wollte aber nicht stören.

Daher wandte sie sich ab und wollte in die andere Richtung gehen, als jemand so heftig mit ihr zusammenstieß, dass sie zurückgeschleudert wurde, das Cocktailglas verlor, hilflos mit den Armen ruderte und unsanft auf dem Boden landete.

Piper war durchschnittlich groß und schwer, da sie aber aus halber Drehung heraus auf den Boden geprallt war, hatte sie sich wehgetan und schrie auf vor Schmerz.

Sie wusste nicht, was ihr am meisten wehtat – die Hüfte, das Handgelenk, das Fußgelenk oder ob nur ihr Stolz verletzt war.

Sie holte tief Luft, als sie ein vertrautes Gesicht neben sich bemerkte. Jamie Robertson.

Jamie, dessen weißes Oberhemd nun mit roter Flüssigkeit getränkt war, die ihm auch von der Nase tropfte.

„Alles in Ordnung mit Ihnen, Piper?“

Sie blinzelte. Bildete sie sich das alles nur ein? Nein, leider nicht. Sie hatte tatsächlich gerade ihren roten Cocktail über ihren neuen Chef geschüttet. Na, super …

Der wollte ihr jetzt aufhelfen und fragte leise: „Sind Sie betrunken?“

Sein Tonfall klang angewidert. Sofort riss Piper sich zusammen und stritt seine Unterstellung ab. „Selbstverständlich nicht! Dieser rote Cocktail auf Ihrem Hemd war mein erster und einziger.“

Wortlos stützte Jamie ihren Rücken, während er Piper mit der anderen Hand hochzog. Sie zuckte zusammen, als sie ihren Fuß belastete. Das Gelenk schmerzte zwar, schien aber weder gebrochen noch verstaucht zu sein.

Suchend sah sie sich um. „Wo ist der Typ, der mich über den Haufen gerannt hat?“

Jamie zeigte zum Bartresen. „Oha, er ist praktisch direkt zum Tresen gerollt.“

Piper war sich sehr bewusst, dass Jamie ihr einen Arm um die Schultern gelegt hatte und sie praktisch an sein durchnässtes Hemd drückte, das nie wieder blütenweiß sein würde. Sie spürte seinen muskulösen Oberkörper. Offensichtlich trieb Jamie Sport. Ihr wurde ganz heiß.

Seine Freundin lachte über ihn und redete mit dem Mann, der neben ihr stand, Piper kannte ihn. Er war Kardiologe.

Piper ließ den Blick über Jamie gleiten. „Jetzt habe ich Ihnen den Abend verdorben. Es tut mir schrecklich leid.“

„Haben Sie nicht.“ Doch sein Blick suchte seine Freundin. Piper spürte, dass ihn etwas beschäftigte. Dann wandte er sich wieder ihr zu und bemerkte, dass sie ihren Arm schützend an sich presste.

„Lassen Sie mich mal sehen, Piper.“

„Da ist nichts“, behauptete sie, stöhnte aber, als er ihr Handgelenk umfasste.

„Soso.“ Behutsam tastete er die Knochen ab. Sie zuckte zurück.

„Wahrscheinlich ist es verstaucht“, vermutete Piper. „Ich besorge mir eine elastische Binde.“

Jamie zog die Augenbrauen hoch. „Wir sollten in die Klinik gehen und eine Röntgenaufnahme machen lassen, um auszuschließen, dass keine distale Radiusfraktur vorliegt.“ Ein Bruch der Speiche war die häufigste Fraktur des Handgelenks und passierte, wenn man einen Sturz mit der Hand abfangen wollte.

„Ich bin keine alte Frau“, protestierte Piper. Häufig trat diese Fraktur nach den Wechseljahren auf.

„Das habe ich auch nicht behauptet. Trotzdem sollten wir das Gelenk vorsichtshalber röntgen lassen.“ Bevor sie sich weigern konnte, ging er die paar Schritte zum Stehtisch, legte der Blondine eine Hand aufs Kreuz und raunte ihr etwas zu. Die Frau nickte verständnisvoll und warf Piper einen mitfühlenden Blick zu.

„Auf geht’s.“ Fürsorglich führte er Piper durch die Menschenmenge nach draußen.

„Das war ja eine tolle Willkommensparty“, schimpfte Piper.

Jamie lachte und sah an sich hinunter. „Ich kann nur hoffen, dass mein Pager nicht losgeht, während wir auf die Röntgenaufnahme warten.“ Angewidert zog er das klitschnasse Hemd aus.

„Wahrscheinlich riskiere ich eine Abmahnung an meinem ersten Arbeitstag, wenn ich unangemessene Kleidung trage und nach Alkohol stinke.“

Piper blieb abrupt stehen und sagte entsetzt: „So werde ich Sie die Klinik nicht betreten lassen. Das Getuschel müssen wir uns nicht antun. Sie würden Ihren guten Ruf aufs Spiel setzen, bevor Sie Ihren ersten Patienten behandelt haben.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Keine Sorge, meinen Ruf ruiniere ich ganz allein. Einfach nur, weil ich so bin, wie ich bin.“

Was meinte er damit? Die unterschiedlichsten Bilder zuckten durch Pipers Hirn. Ach, so genau wollte sie das gar nicht wissen. Dieser Mann war ihr neuer Chef. Er würde ihre beruflichen Kenntnisse und Erfahrungen beurteilen. Auf gar keinen Fall durfte sie sich von seinem attraktiven Äußeren beeinflussen lassen. Er roch zwar nach ihrem Wassermelonencocktail, aber auch der holzige Duft seines Aftershaves war noch präsent. Der Duft war ihr schon vorhin angenehm aufgefallen, als sie Jamie auf Station kennengelernt hatte. Ihr Körper hatte sofort zu prickeln begonnen, so wie jetzt. Piper war entschlossen, diese Anziehungskraft zu ignorieren. Mit dem Boss auszugehen, war definitiv tabu – insbesondere, wenn er schon in festen Händen war.

„Wie bin ich nur auf die Idee gekommen, ein weißes Hemd zu tragen“, fragte er sich frustriert. „Es zieht den Schmutz ja förmlich an.“ Er verzog das Gesicht. „Ich würde auch zu gern wissen, wer entschieden hat, dass Ärzte weiße Kittel tragen sollen. Absolut lächerlich. Die schreien geradezu danach, versifft zu werden.“

Piper brach in schallendes Gelächter aus. „Was haben Sie gerade gesagt?“

„Versifft.“ Verwundert musterte er sie, schüttelte dann missbilligend den Kopf, weil sie den Begriff nicht kannte. „Das ist ein anderes Wort für schmutzig.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Na ja, mehr als schmutzig, um genau zu sein. Aber Sie wissen schon, was ich meine.“

Starr sah sie ihn an. „Wo waren Sie denn gerade?“

Jetzt war es an ihm, sich zu wundern. „Was meinen Sie?“

„Ihr schottischer Akzent ist immer stärker geworden.“

„Keine Ahnung, wovon Sie sprechen“, behauptete er.

Sie näherten sich der Notaufnahme. Mit einer Kopfbewegung bedeutete Piper ihm, einen Flur entlangzugehen. Auf halbem Weg befand sich ein Wagen mit hellblauen OP-Anzügen. „Vielleicht möchten Sie ja einen davon anziehen“, schlug sie vor. „Die Umkleideräume befinden sich links.“

In der Zwischenzeit schlenderte sie zum Aufnahmetresen der Notaufnahme. Die diensthabende Schwester erkannte sie, bemerkte, dass Piper sich den Arm hielt, und sagte: „Ich rufe einen der zuständigen Pfleger. Der soll sich das ansehen.“

Fünf Minuten später war der zur Stelle und lächelte aufmunternd.

„Das passiert, wenn ich den ganzen Spaß verpasse, weil ich Dienst habe.“ Geschickt untersuchte er das Handgelenk, ordnete dann eine Röntgenuntersuchung an. „Wahrscheinlich ist es nur verstaucht, aber wir röntgen lieber, falls es sich doch um eine Fraktur handelt.“

Nach der Aufnahme setzte Piper sich brav ins Wartezimmer, obwohl sie sich das Röntgenbild viel lieber gleich selbst angesehen hätte.

Dort tauchte nun auch Jamie im hellblauen OP-Anzug auf, der seine Augenfarbe noch intensivierte und seine athletische Figur perfekt zur Geltung brachte.

„Kommen Sie mit!“, forderte er sie auf und führte sie zu einer der Untersuchungskabinen. Dort hatte er Pipers Röntgenbild aufgerufen.

„Arbeiten Sie jetzt in der Notaufnahme?“, fragte Piper amüsiert.

Jamie verdrehte die Augen. „Sie haben Merrys Einführungstour verpasst. Wenn ich eine freie Minute habe, soll ich die in der Notaufnahme verbringen, hat sie mir streng mitgeteilt.“

Piper verzog das Gesicht. „Ich muss zugeben, hier unten einige interessante Fälle gefunden zu haben.“

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen“, meinte Jamie. „Jetzt zu Ihrem Röntgenbild. Was sehen Sie?“

Wollte er sie etwa auf die Probe stellen?

„Die Knochen sind okay“, sagte sie und hoffte, dass es so war. „Sie tun nur weh.“

Als Jamie die Arme verschränkte, seufzte sie und sah genauer hin. Mehrere Sekunden lang, bevor sie sich wieder abwandte. „Ich kann keinen Haarriss entdecken.“ War sie jetzt durch die Prüfung gefallen?

„Sie haben Glück gehabt. Ich verordne Schmerzmittel und einige Tage Ruhe. Lagern Sie den Arm hoch. Wir werden eine Schiene anlegen. Sollte das Gelenk anschwellen, müssen Sie es kühlen.“

Sie sah zu ihm auf. „Ich habe einen neuen Chef und kann es mir nicht leisten, eine Auszeit zu nehmen.“

Jamie zog die Augenbrauen hoch. „Ihr Boss wird sicher Verständnis für Ihre Situation haben.“

Piper rang sich ein Lächeln ab. „Da bin ich mir nicht so sicher. Der erste Eindruck zählt. Wahrscheinlich habe ich ihn vermasselt.“

„Indem Sie Ihr Cocktailglas über ihm geleert haben? Ihm die Willkommensparty verdorben haben? Versucht haben, ihn mit einer Überdosis Zucker außer Gefecht zu setzen? Dafür zu sorgen, dass er gleich an seinem ersten Tag in der Notaufnahme arbeiten muss? Oder einfach nur, indem Sie versuchen, seinen Akzent zu verunglimpfen?“

„Stopp!“ Sie hielt ihre unverletzte Hand hoch. „Ein, zwei, drei, vier, fünf Fauxpas? Wow! Da habe ich ja ganze Arbeit geleistet.“

Jamie tippte sich an den Kopf. „Ich habe das Gedächtnis eines Elefanten.“

Sie krauste die Nase. Es war spät. Sie war todmüde und hatte keine Ahnung, wie sie ihren neuen Chef einschätzen sollte. Er war sehr attraktiv, aber darauf kam es nicht an.

„Ist das auch wieder so eine schottische Bezeichnung?“

„Nein, die ist auf der ganzen Welt bekannt.“

„Muss ich verpasst haben.“

Pfleger Kel kam zurück und zeigte auf Pipers Handgelenk. „Soll ich es verbinden? Kann ja wohl nicht sein, dass meine Lieblingsbäckerin Schmerzen im Handgelenk hat.“

Piper strahlte vor Genugtuung und wandte sich Jamie zu. „Da hören Sie es. Meine harte Arbeit wird durchaus geschätzt.“

Er gab sich geschlagen. Im Hinausgehen warf er Kel noch zu: „Sie gehört Ihnen, Kel. Viel Glück.“

Mit einem komischen Gefühl im Bauch sah Piper ihm nach. Puh … ihr Vertrag lief noch sechs Monate.

Die Zusammenarbeit mit Lenny war so unkompliziert gewesen. Jamie Robertson war ein ganz anderes Kaliber. Sie hatte keine Ahnung, ob sie ihm gewachsen war.

2. KAPITEL

„Womit habe ich diese Strafe verdient, Merry?“, fragte Jamie mit Blick auf seinen vollkommen zugepackten Schreibtisch. Patientenakten, Papiere, Briefe und Laborergebnisse türmten sich dort.

Unerbittlich platzierte Merry einen weiteren Stapel auf seinem Schreibtisch. „Ich habe sie geordnet.“

Tatsächlich entdeckte Jamie einige Haftzettel in unterschiedlichen Farben auf den Stapeln.

„Die mit den rosa Stickern müssen durchgearbeitet werden. Blau bedeutet Patienten, die bei uns auf Station sind. Gelbe Sticker markieren Unterrichtsmaterial für Studenten. Der grüne Stapel muss darauf geprüft werden, ob die Patienten in Ihre Zuständigkeit fallen.“

Dann tippte sie mit dem Finger auf den höchsten Stapel. „Mit orangefarbenen Stickern gekennzeichnete Dokumente sind vor dem Versand zu prüfen. Es handelt sich um Lennys Fälle. Er ist nicht mehr dazu gekommen, sie selbst zu prüfen.“

Jamie schluckte schwer. Das war die Gefahr, wenn man kurzfristig eine Jobzusage machte. Es war wie ein Sprung ins unbekannte Gewässer.

Er war zwar kein Kontrollfreak, aber in dieser Situation konnte leicht etwas übersehen werden. Ein Jamie Robertson übersah aber nichts. Ein anderer Kollege hätte vielleicht seine Assistenzärztin mit dieser Aufgabe betraut. Leider hatte Jamie sich noch kein Bild von Pipers Fähigkeiten machen können. Sie mochte der Sonnenschein der Station sein, und er hoffte, seine manchmal schroffe Art würde sie nicht beirren. Jedenfalls musste er sich dieser Angelegenheit methodisch nähern.

Nachdenklich ließ er den Blick über die Stapel gleiten, warf dann einen Blick auf seine Armbanduhr und beschloss, zunächst Visite zu machen. Er wollte alle seine Kollegen und Kolleginnen auf Station kennenlernen. Das war sehr wichtig für die Teamarbeit. Die war ihm sehr wichtig.

Mit einem verstohlenen Lächeln streifte er den weißen Arztkittel, der neben der Tür von einem Haken hing und ihn daran erinnerte, was am Freitagabend mit seinem blütenweißen Oberhemd passiert war. Er beschloss, den Kittel zu lassen, wo er war. Dann checkte er sein Handy. Sein schlechtes Gewissen plagte ihn, weil er Joanne beim Willkommensumtrunk am Freitagabend im Stich gelassen hatte. Erst am folgenden Morgen hatte sie auf seine SMS reagiert und ihm versichert, alles wäre in Ordnung. Beruhigen tat ihn das jedoch nicht. Sie waren beide neu hier und machten einen ersten Eindruck. Jamie war sicher, dass er hier erfolgreich arbeiten konnte. Das wünschte er natürlich auch seiner besten Freundin. Joanne war eine fantastische Kardiologin und hatte es verdient, erfolgreich zu sein. Er wusste, dass sie kaum Alkohol trank. Sie hatte sich in der Gesellschaft des Mannes an ihrem Stehtisch wohl auch wohlgefühlt. Wahrscheinlich ging es ihr also tatsächlich gut. Jedenfalls ging er mal davon aus.

Er stieß die Flügeltüren zur Station auf und blieb abrupt stehen. Da war es. Das gewisse Summen wie im Bienenstock. Jeder wusste, was er zu tun hatte, und erledigte gewissenhaft seine Aufgaben. Das vermittelte Jamie Vertrauen in sein Arbeitsumfeld.

Zunächst machte er sich auf den Weg zum Schwesterntresen. Stationsschwester Kiana merkte amüsiert auf, als ihr Blick auf den Papierstapel in Jamies Händen fiel.

„Um Merrys Fängen zu entwischen, hat Lenny sich schon mal in das Büro hinterm Schwesterntresen verzogen, um in Ruhe zu arbeiten“, erzählte sie. „Übrigens sind wir dabei, zu elektronischen Patientenakten überzugehen.“ Sie blätterte durch die Akten. „Die mit den blauen Stickern wurden bereits digitalisiert.“

Jamie runzelte die Stirn. „Wieso hat Merry sie mir dann vorgelegt?“

„Weil sie sicher ist, dass die Digitalisierung fehlschlägt. Deshalb sorgt sie dafür, dass beide Akten immer auf dem neuesten Stand sind.“

Kiana griff nach einem Klemmbrett. „Hier finden Sie die aktuelle Belegung mit Informationen zu durchgeführten Untersuchungen, Laborergebnissen, weiteren Tests und allem, was Piper Sorgen macht.“

„Dann hat sie diese Patienten bereits untersucht? Ich dachte, wir machen das gemeinsam.“

„Dazu hätten Sie früher aufstehen müssen. Ich schwöre Ihnen, diese Frau schläft nie. Sie wurde in die Notaufnahme gerufen. Wahrscheinlich ist sie noch dort.“

Einen kurzen Moment lang befürchtete Jamie, dies wäre eine Riesenintrige, ihn zur Notaufnahme zu locken, damit er dort für jemanden einsprang. Er warf einen genaueren Blick auf das Klemmbrett und zeigte auf die Aufzeichnungen. „Piper möchte, dass ich diese Patienten untersuche. Wann passt es?“

Kiana betrachtete die Liste. „Mr. Burns hat gerade Physio, Ms. Kerr ist beim Röntgen. Ich würde sagen in etwa einer Stunde.“

Also fügte Jamie sich widerstrebend in sein Schicksal. „Ich bin dann mal in der Notaufnahme.“

Wenigstens im Job wollte Piper einen guten Eindruck machen, wenn ihr das schon im wahren Leben nicht gelang.

Sie war früh auf Station gewesen, um alle Patienten zu untersuchen. Dann wurde sie in die Notaufnahme gerufen. Zu ihrer Enttäuschung war Jamie noch nicht auf Station aufgetaucht.

Was Lenny ihm wohl von ihr und ihrer Vergangenheit erzählt hatte? Hoffentlich hatte er gar keine Zeit gehabt, viele Worte über sie zu verlieren. Es war ihr sowieso lieber, ihre Geschichte selbst zu erzählen.

Sie meldete sich am Aufnahmetresen der Notaufnahme und nahm die Akte des Patienten entgegen. Nachdem sie die Aufzeichnungen überflogen hatte, schrieb sie Fragen auf, die sie stellen wollte. Im nächsten Moment sah Jamie ihr über die Schulter.

„Was macht die Hand?“, fragte er sofort.

Piper hielt den verbundenen Arm hoch. „Der Schmerz hat nachgelassen. Übers Wochenende habe ich das Gelenk gekühlt und den Arm hoch gelagert. Das scheint geholfen zu haben.“

„Was können Sie mit dem verletzten Gelenk nicht tun?“

„Einen Handstand“, witzelte sie.

Außer einem Blinzeln zeigte er keine Reaktion. Piper wurde leicht panisch. Sie kannte ihren neuen Boss kaum. Vielleicht hatte er keinen Sinn für Humor. Sollte sie die ganze Zeit ernst bleiben? Nein, das widersprach ihrem Naturell. Sie war ein durch und durch positiver Mensch. Für sie war das Glas immer halb voll, nicht halb leer.

„Was haben wir denn da?“

Ein Flattern machte sich in ihrem Magen bemerkbar. Zum einen, weil Piper den Patienten selbst untersuchen wollte. Zum anderen, weil Jamie abrupt das Thema gewechselt hatte. Machte er sich nichts aus Small Talk?

Wieder sah er ihr über die Schulter, um herauszufinden, welche Notizen Piper sich machte. Dann nickte er langsam. Sie sah auf. Las sie da Panik in seinen blauen Augen?

„Möchten Sie die Untersuchung übernehmen?“, fragte sie sofort. „Oder darf ich das übernehmen, und Sie sehen zu?“

Es war ihr wirklich wichtig, den Patienten zu untersuchen, statt nur dabeizustehen. Aber Jamie war ihr Boss, der traf die Entscheidungen. Natürlich wollte sie auch von ihm lernen, konnte jedoch bisher noch nicht einschätzen, ob er ein guter Lehrer war.

„Fangen Sie schon mal an. Wenn ich merke, dass Sie was übersehen, greife ich ein.“

„Okay.“ Sie gab sich lässig, obwohl sie furchtbar nervös war und sich wie unter einem Mikroskop fühlte. Ich darf nichts übersehen, schärfte sie sich ein.

Schweigend gingen sie zu der Untersuchungskabine und zogen den Vorhang zurück. „Arlo Quinn?“

Der junge Mann nickte. Er lag auf der Untersuchungsliege und sah gar nicht gut aus. Bei ihm saß eine ältere Frau. Vermutlich seine Mutter.

„Mrs. Quinn?“ Fragend wandte Piper sich an sie.

„Ja. Wir waren schon einmal in der Notaufnahme. Da haben sie meinen Sohn wieder weggeschickt. Jetzt geht es ihm noch schlechter“, erklärte sie besorgt und vorwurfsvoll zugleich.

„Mein Name ist Piper Bronte. Ich bin Fachärztin. Das ist mein Kollege Dr. Robertson. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen, Arlo?“

Der hatte die Augen geschlossen, nickte aber.

„Sie kommen aus New York und machen seit vierzehn Tagen hier Urlaub?“

Arlo nickte.

„Vor zwei Tagen waren Sie hier, weil Sie Fieber, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen hatten. Jetzt geht es Ihnen schlechter?“

Seine Mutter antwortete. „Er hat sich übergeben, kommt kaum aus dem Bett und hat so gut wie nichts gegessen und getrunken.“

„Dann untersuche ich Sie jetzt, Arlo. Ist das okay“, fragte Piper.

Als er erneut nickte, tastete sie seine Arme ab, horchte Herz und Lungen ab, untersuchte seinen Rücken und machte Jamie auf einen Ausschlag aufmerksam. Als er sich den genau angesehen hatte, untersuchte sie Arlos Beine. Um die Fußgelenke befanden sich weitere Flecken.

„Sie haben die Stiche bemerkt?“, fragte Piper Mutter und Sohn.

„Diese verdammten Moskitos“, schimpfte Mrs. Quinn. „Mich haben sie verschont, aber Arlos Blut lieben sie.“

Jamie schaltete sich ein. „Haben Sie vor Ihrer Ankunft in Hawaii Mückenschutz verwendet? Oder haben Sie hier damit begonnen?“

Das war hier eine Routinefrage. Die in Hawaii vorherrschende Aedes-Mücke war Überträgerin verschiedener Erreger. Vorbeugender Mückenschutz wurde nicht sehr ernst genommen. Insbesondere Urlauber tendierten dazu, keine Vorkehrungen zu treffen oder Mückenschutzmittel zu verwenden. Ihnen war nicht bewusst, wie wichtig solche Vorsichtsmaßnahmen waren.

Mutter und Sohn schüttelten den Kopf.

„Haben Sie gar nichts getan, um sich vor Mückenstichen zu schützen?“, fragte Piper entsetzt.

„Wir wollen hier Urlaub machen und nicht den ganzen Tag in langen Klamotten herumlaufen“, beschied sie Mrs. Quinn verärgert.

„Deine Haut fühlt sich kühl an, Arlo. Ich werde mal Fieber messen.“ Gesagt, getan. „Was ist denn in den letzten beiden Tagen schlimmer geworden?“, fragte Piper dann.

„Bauchschmerzen.“

Piper wandte sich Jamie zu. „Ich konnte Flüssigkeitsgeräusche im Brustraum hören“, raunte sie ihm zu, bevor sie Arlo eine Hand auf die Rippen presste und wieder losließ. Ein heller Abdruck blieb, der erst einige Sekunden später wieder verschwand.

„Dengue“, wisperte sie und wartete auf Jamies Reaktion.

Piper atmete erleichtert auf, als er nickte. Die Symptome waren zwar eindeutig, aber trotzdem … Es wäre furchtbar gewesen, in Gegenwart ihres neuen Vorgesetzten eine falsche Diagnose zu stellen.

„Wir müssen Arlo einige Tage lang stationär aufnehmen, Mrs. Quinn. Offensichtlich haben die Mückenstiche Ihren Sohn mit Denguefieber infiziert. Die meisten Patienten zeigen nur leichte Symptome, so wie Arlo vor zwei Tagen. Leider kommt es bei etwa fünf Prozent der Fälle zu einem schwereren Verlauf.“

Nun schaltete Jamie sich wieder ein. „Es ist sehr wichtig, Arlo in den nächsten Tagen engmaschig zu beobachten. Es ist bei Denguefieber schon zum Organversagen gekommen. Wir werden noch mal Blut abnehmen und auf innere Blutungen achten. Auf Station kommt Arlo an einen Tropf, erhält schmerzstillende Mittel, und wir überwachen seine Atmung und seinen Blutdruck.“

Schockiert und wütend sah Mrs. Quinn ihn an. „Hätten Sie das nicht schon vor zwei Tagen feststellen können? Es ist Ihre Schuld, dass es so schlimm geworden ist.“

Jamie erklärte ihr die Situation ruhig und sachlich. „Wäre bei ihm vor zwei Tagen Denguefieber diagnostiziert worden, hätten wir ihn wieder nach Hause geschickt und Sie aufgefordert, ihn zu beobachten und bei weiteren Symptomen wieder herzukommen. Das haben Sie getan. Diese Erkrankung nimmt nur bei einem sehr geringen Prozentsatz einen schwereren Verlauf.“ Er stellte sich zu Mrs. Quinn. „Dengue wird durch Mückenstiche übertragen. Dagegen hilft nur, sich davor zu schützen, Mrs. Quinn.“

Piper bekam eine Gänsehaut. Wie klug Jamie reagiert hatte! Er hatte den Patienten vor zwei Tagen ja gar nicht gesehen. Das war ein Kollege gewesen. Doch er hatte unbeirrt auf das Prozedere hingewiesen und dafür gesorgt, dass die Frau den Medizinern der Klinik keine Schuld am Verlauf der Infektionskrankheit geben konnte.

Mrs. Quinn wirkte verunsichert. „Soll das heißen, meinem Sohn wäre nichts passiert, wenn er Malariatabletten genommen hätte?“

Nun zog Jamie einen Stuhl heran, setzte sich zu der Mutter des Patienten und erklärte geduldig: „Malariatabletten hätten ihn vor Malaria schützen können, aber nicht vor Dengue, Zika, und Chikungunya. Das sind die anderen Krankheiten, die durch Mückenstiche übertragen werden können. Mücken sind gefährlich. Ein Stich führt nicht nur zu einer Rötung und Juckreiz, sondern kann auch zu all diesen Krankheiten führen, wenn die Mücke infiziert war. Die Gefahr von Mückenstichen sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

Er schwieg einen Augenblick, damit die Frau diese Informationen verarbeiten konnte. Die Menschen waren von der Vorstellung eines sonnigen Urlaubs am Meer so geblendet, dass sie die Augen vor lauernden Tropenkrankheiten verschlossen.

In England hatte Piper mal eine zehnköpfige Familie behandelt, die eine wunderschöne Safari in Südafrika erlebt hatte. Alle kamen mit Malaria zurück, weil sie die Reisewarnungen bezüglich Malaria ignoriert hatten. Weder hatten sie vor Reiseantritt prophylaktisch Tabletten gegen Malaria eingenommen noch hatten sie in Südafrika lange Hosen und langärmelige Tops getragen oder unter Moskitonetzen geschlafen.

Jamie sprach weiter. „Es gibt einen neuen Impfstoff. Darüber sollten Sie und Ihre Angehörigen sich vor weiteren Reisen in die Tropen informieren.“

Piper bemerkte, dass die Frau sichtlich ruhiger geworden war und über Jamies Ratschläge nachdachte.

Routiniert arbeitete Piper weiter. Sie informierte Arlo über die nächsten Schritte, legte einen Zugang und traf Anweisungen für die nächsten Stunden.

„Was passiert jetzt?“, fragte Arlo schläfrig.

„Wir verlegen dich auf die Station für Tropeninfektionen. Dr. Robertson und ich werden dich regelmäßig untersuchen. Sollte sich dein Zustand verschlechtern, kommst du auf die Intensivstation.“

Arlo blinzelte. „Warum muss ich vielleicht auf die Intensivstation?“

Vor dieser Frage fürchteten sich alle Ärzte. Es fiel ihnen schwer, ihren Patienten zu erklären, dass der Verlauf ihrer Erkrankung tödlich sein konnte. Manche Patienten reagierten panisch auf diese Information. Piper wollte bei der Wahrheit bleiben, den Jungen aber auch nicht unnötig aufregen.

„Wir würden dich nur dorthin verlegen, wenn dein Zustand sich verschlechtert und du zusätzliche Unterstützung benötigst. Mach dir keine Sorgen, Arlo. Dr. Robertson und ich passen gut auf dich auf.“

Arlo schloss die Augen, und Piper hoffte, ihm die Angst genommen zu haben.

Jamie bemerkte, dass Mrs. Quinn sich auf die Unterlippe biss. Offensichtlich war der Frau erst jetzt klar geworden, dass ihre Familie ein großes Risiko eingegangen war. „Haben Sie noch Fragen?“, erkundigte sich Jamie.

Sie schüttelte den Kopf.

„Sind noch andere Familienmitglieder hier?“, fragte Piper.

Mrs. Quinn nickte. „Mein Mann, sein Bruder, mein anderer Sohn und meine Schwiegereltern.“

Piper reichte ihr einen Fragebogen. „Es wäre eine große Hilfe, wenn Sie den für Arlo ausfüllen könnten. Sollen wir Ihre Familie informieren, oder möchten Sie das selbst übernehmen?“

Mrs. Quinn griff nach dem Fragebogen und begann, ihn auszufüllen. Dann ließ sie den Blick zu Arlo gleiten. „Ich komme mit auf Station. Wenn Arlo versorgt ist, werde ich meiner Familie Bescheid sagen. Wie sind die Besuchszeiten? Einer von uns wird bei ihm bleiben wollen.“

Da Piper nicht sicher war, ob Jamie bereits mit den Gegebenheiten auf Station vertraut war, beantwortete sie die Frage. „Sie können Arlo zwischen acht Uhr morgens und neun Uhr abends jederzeit besuchen.“

Jamie war an ihre Seite gekommen. Sie erhaschte einen Hauch seines Aftershaves. Er streckte die Hand nach dem Tablet aus, und sie sah zu, wie er weitere Tests in Auftrag gab. Sie wollte ihn später dazu befragen.

Inzwischen telefonierte Piper mit Kiana, um Arlos Aufnahme auf Station zu regeln. Dann wartete sie mit Jamie, bis die Pfleger Arlo und seine Mutter zur Station für Tropenkrankheiten brachten.

„Kommen Sie, wir unterhalten uns in meinem Büro“, schlug Jamie dann vor.

Was hatte das zu bedeuten? Hatte sie etwas übersehen oder falsch gemacht? Piper schluckte beunruhigt.

„Klar“, brachte sie dann heiser heraus. So nervös war sie bei Lenny nie gewesen. Allerdings hatte sie sich auch nicht zu ihm hingezogen gefühlt. Lenny war glücklich verheiratet. Jamie Robertson sah toll aus, hatte so eine gewisse Ausstrahlung und den Akzent eines gerade sehr angesagten Hollywoodstars. War er Single? Wenn er sie unverwandt anschaute, war sie verloren.

Auf dem Weg nach oben machte er einen Abstecher in die Cafeteria im ersten Stock und besorgte Kaffee für sie.

Piper wollte ihm schon selbstgebackenen Pfefferminzschokoladenkuchen anbieten, doch gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, dass Jamie nichts Süßes aß.

Als sie schließlich sein Büro betraten, flatterten ihre Nerven. Merry warf ihr einen wissenden Blick aus ihren braunen Augen zu und drückte Piper eine Packung Kekse in die Hand. „Für euch beide“, sagte sie, ohne Jamie eines Blickes zu würdigen.

Piper musste sich das Lachen verkneifen. War Jamie eigentlich klar, dass er hier das Sagen hatte? Lenny hatte offensichtlich nie verinnerlicht, Merrys Vorgesetzter zu sein.

„Zuerst gehen wir die Fälle von heute Morgen durch, dann untersuchen wir die beiden Patienten, zu denen Sie bereits Aufzeichnungen gemacht haben. Schließlich erstellen wir dann einen Behandlungsplan für Arlo.“

Oha, dachte Piper. Sie fühlte sich wieder wie eine Medizinstudentin unter einem noch schärferen Mikroskopokular.

Ihr frustrierter Blick war ihm nicht entgangen. „Ich muss mir einen Überblick über Ihr Hintergrundwissen verschaffen“, erklärte er. „Erst dann kann ich entscheiden, wie viel Supervision Sie benötigen. Es ist eine reine Formalität.“

„Hat Lenny Ihnen denn keine Aufzeichnungen hinterlassen?“

„Nein, er hatte ja kaum Zeit, sich bei mir für die schnelle Ablösung zu bedanken. Wahrscheinlich hat er gehofft, es würde sich schon alles finden.“ Forschend sah er sie mit seinen magischen blauen Augen an. „Ich bin aber sicher, dass Lenny mir gesagt hätte, wenn er irgendwelche Bedenken gehabt hätte.“

...

Autor

Louisa Heaton
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Jc Harroway

JC Harroway beschreibt sich selbst als "liebesromansüchtig". Für ihre Autorinnenkarriere gab sie sogar ihren Job im medizinischen Bereich auf. Und sie hat es nie bereut. Sie ist geradezu besessen von Happy Ends und dem Endorphinrausch, den sie verursachen. Die Autorin lebt und schreibt in Neuseeland.

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