Julia Ärzte zum Verlieben Band 220

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ZWEITE CHANCE FÜR SCHWESTER VIVI von TINA BECKETT

Ausgerechnet Dr. Cristóbal Diaz! Als Schwester Vivi nach einer schmerzlichen Trennung nach Valparaíso zurückkehrt, trifft sie am ersten Arbeitstag unvermittelt ihre Jugendliebe. Obwohl sie nie mehr ihr Herz riskieren wollte, fühlt sie sich unwiderstehlich von Cris angezogen …


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  • Erscheinungstag 22.08.2026
  • Bandnummer 220
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540957
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Tina Beckett, Kristine Lynn, Sue MacKay

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 220

Tina Beckett

PROLOG

Cristóbal Diaz kam gerade noch rechtzeitig, um das vollgepackte Auto zu sehen, das am Bordstein parkte. Aber das war es nicht, was seine Aufmerksamkeit erregte. Er hatte nur Augen für das Mädchen auf dem Rücksitz: Vivi, seine große Liebe. Gestern Abend hatten sie sich ein letztes Mal im Park getroffen und waren sich einig gewesen, dass es ihr endgültiger Abschied sein würde. Doch Cris ertrug den Gedanken nicht, dass er Vivi niemals wiedersehen würde. Heute hatten ihn seine Gefühle überwältigt, und er hatte einfach herkommen müssen.

Aber wurde es dadurch besser?

Señor Araya warf ihm einen finsteren Blick zu, womit er Cris zu verstehen gab, dass er unerwünscht war, aber das war nichts Neues. Vivis Vater war schon immer der Meinung gewesen, dass Cris für seine Tochter nicht gut genug sei. Und leider stimmte Cris ihm zu.

Vivi hatte geweint, und es war ihr deutlich anzusehen. Ihre Augen waren gerötet, und sie wischte sich die Tränen von ihren Wangen. Cris wurde es eng in der Brust, als ihm bewusst wurde, dass er womöglich schuld an ihrem Kummer war. Vielleicht hätte er ihr an Weihnachten nicht diesen Ring mit den kleinen roten Kristallen schenken sollen. Er arbeitete als Aushilfe im örtlichen Lebensmittelgeschäft, und der Ring war das Einzige, was er sich von seinem mickrigen Gehalt hatte leisten können. Gestern Abend hatte Vivi versucht, ihm das Geschenk zurückzugeben, doch Cris hatte es ihr wieder in die Hand gelegt und ihre Finger um den schmalen Goldring geschlossen.

Niemals würde er über Vivi hinwegkommen. Niemals. Sie würden ihr Leben weiterleben, denn sie hatten keine andere Wahl, und die Zeit blieb nicht stehen, weder für ihn noch für Vivi. Niemand konnte wissen, was aus ihnen geworden wäre, wenn Vivis Vater nicht den neuen Posten in Santiago erhalten hätte. Vivi hatte erzählt, dass es seine Pflicht war, ihn anzunehmen. Vielleicht stimmte das sogar, aber die Versetzung nach Santiago kam ihm sicher sehr gelegen.

Vivis Mutter hingegen hatte Cris immer gemocht. Nun aber vermied sie es, ihn anzusehen. Cris hatte ohnehin nur Augen für Vivi. Und sie nur für ihn. Wieder spürte er einen Stich im Herzen. Am liebsten hätte er die Tür aufgerissen und sie angefleht, bei ihm zu bleiben. Aber selbst, wenn Vivi zugestimmt hätte, was sollten sie tun? Sie waren beide noch zu jung, und Cris verdiente nicht genug, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Außerdem war er sich sicher, dass seine Eltern etwas dagegen gehabt hätten.

Also unterdrückte er den Impuls und legte stattdessen seine Hand an die Fensterscheibe. Vivi zögerte, dann presste sie ihre Hand, an dem sie seinen Ring trug, von innen auf die gleiche Stelle, und ihre Lippen formten die Worte: Siempre te amaré.

Würde sie ihn wirklich immer lieben? Cris brachte es nicht übers Herz, etwas zu erwidern. Zwar hatte er ihr den Ring geschenkt, aber sie waren nicht offiziell verlobt. Arturo Araya startete den Motor, und erst, als er den Gang einlegte und losfuhr, ließ Cris seine Hand sinken und trat einen Schritt zurück. Er sah dem Auto nach, bis es in die nächste Straße einbog und verschwand. Es fühlte sich an, als hätte Vivi sein ganzes Leben mit sich genommen.

Nun hatte er Vivi zum allerletzten Mal gesehen – zumindest, wenn es nach ihrem Vater ging. Der Gedanke war unerträglich. Für eine Weile schloss Cris die Augen, dann ließ er seinen Blick über das unbewohnte Haus schweifen. Oft hatten sie abends auf der Veranda gestanden und leise gelacht, als er Vivi zum Abschied geküsst hatte. Nun jedoch war das Haus nur noch eine leere, seelenlose Hülle.

Er nickte dem Gebäude zu. „Ich kenne das Gefühl.“

Schließlich kehrte er zu seinem verbeulten alten Wagen zurück und legte seine Hand auf die noch warme Motorhaube. Ein letztes Mal sah er zu der Einfahrt und fragte sich, wer dort in Zukunft parken würde. Es spielte keine Rolle, denn es würde niemand von den Arayas sein. Endlich stieg er ins Auto und fuhr langsam davon.

1. KAPITEL

Der Raum war lichtdurchflutet. Das Operationsfeld wurde aus jedem Winkel beleuchtet, sodass kein einziger Schatten die Sicht beeinträchtigte. Eigentlich war Viviani Araya daran gewöhnt, in einem OP-Saal zu stehen, schließlich arbeitete sie schon seit fünfzehn Jahren als OP-Schwester.

Aber nicht in Valparaíso.

Es war nicht das erste Mal, dass sie in dieser Stadt unter Liebeskummer leiden musste. Erst kürzlich hatte sie eine schmerzliche Trennung hinter sich gebracht, und aus einem Instinkt heraus hatte sie hier Zuflucht gesucht. Die Stadt, die früher ihre Heimat gewesen war, würde ihr dabei helfen, ihr gebrochenes Herz zu heilen. Stattdessen lauerten an jeder Ecke Erinnerungen an eine andere Zeit – daran, wie sie vor vielen Jahren auf dem Rücksitz eines Autos gesessen und sich die Augen ausgeweint hatte.

Auch Estevan hatte sie zum Weinen gebracht. Aber inzwischen war sie älter und weiser. Zumindest redete sie es sich ein. Wenn es ihr gelungen war, den Kummer über ihre verlorene Jugendliebe zu überwinden, dann würde sie auch das hier überstehen. Es brauchte nur Zeit.

„Zange.“

Mit einem Mal erstarrte sie, und ihr Atem stockte. Dios. Nein! So grausam konnte das Schicksal nicht sein. Doch diese tiefe, raue Stimme, die sie einst im Dunkeln wohlig hatte erschaudern lassen, würde Vivi immer und überall wiedererkennen.

Die Zeit schien verlangsamt abzulaufen. In ihrer Heimatstadt gab es unzählige Krankenhäuser und Arztpraxen – wie war es möglich, dass Vivi ausgerechnet in der Einrichtung gelandet war, in der dieser Geist aus ihrer Vergangenheit arbeitete?

Sie sah in seine dunklen Augen, und als er die Stirn runzelte, musste sie schlucken. Sie hatte sich nicht geirrt. Es war Cris.

„Zange“, wiederholte er.

Rasch fand sie die richtige Zange und reichte sie ihm. Im selben Moment versteifte er sich und richtete seine Augen auf ihr Gesicht. Sekundenlang musterte er den Bereich, der nicht von ihrem Mundschutz bedeckt wurde. Dann murmelte er etwas, und ein kleiner Muskel an seiner Schläfe zuckte.

Er wusste es. Er hatte sie wiedererkannt. Er wusste, dass sie in die Stadt zurückgekehrt war, in der sie sich vor fast zwanzig Jahren kennengelernt hatten.

Aber anstatt etwas zu sagen, wandte er sich wieder seinem Patienten zu. Ohne zu zögern, setzte Cris den Eingriff fort und machte den nächsten Schnitt. Das Einsetzen einer Knieprothese war für ihn sicher ein Routineeingriff. Eigentlich war er das auch für Vivi, aber nicht dieses Mal. Nicht, wenn Cris in ihrer Nähe war.

Heute war ihr erster Arbeitstag in der neuen Klinik. Am Morgen war Vivi spät dran gewesen, war atemlos in die Orthopädische Abteilung gestürmt, und man hatte ihr gezeigt, wo sie sich umziehen konnte und in welchem Saal sie gebraucht wurde. Sie hatte nicht einmal nachgesehen, ob irgendwo ein Schwarzes Brett hing, auf dem die Patienten und die operierenden Ärzte aufgelistet waren.

Cris nahm diesen Eingriff vor, und vielleicht war es besser, dass sie es vorher nicht gewusst hatte. Vielleicht hätte Vivi den Saal gar nicht erst betreten, sondern wäre vor ihrer Vergangenheit und dem alten Liebeskummer davongelaufen.

Dabei war ihr Leben heutzutage nicht viel glücklicher.

Cris verlangte nach einem anderen Instrument, und dieses Mal zögerte Vivi nicht. Rasch legte sie es in seine ausgestreckte Hand und versuchte, das Prickeln zu ignorieren, das über ihre Finger und ihren Arm wanderte. Er war verheiratet. Zumindest hatte sie das von einer Freundin gehört. Ein Jahr, nachdem Vivi aus Valparaíso weggezogen war, waren seine Eltern bei einem Autounfall verunglückt. Danach hatte sich Vivi nicht mehr nach Cris erkundigt, denn es war einfach zu schmerzhaft gewesen.

Und jetzt stand plötzlich wieder ihre alte Jugendliebe vor ihr, und Vivi wurde von längst vergessen geglaubten Erinnerungen eingeholt. Warum nur? Schließlich hatte Vivi die vergangenen Jahre nicht in einem Kloster verbracht. Sie hatte mehrere Beziehungen gehabt, und um ein Haar hätte sie sogar Estevan geheiratet. Aber Cris …

Er. War. Verheiratet.

Hör endlich auf, Vivi!

„Ich nähe die Wunde jetzt zu“, verkündete Cris, und Vivi erschauderte wohlig beim Klang seiner tiefen Stimme.

Sie konnte jederzeit wieder wegziehen.

Aber wie oft wollte sie noch vor unangenehmen Dingen davonlaufen? Es war ihr fast schon zur Gewohnheit geworden. Wann immer ihr jemand zu nah kam, zog sie sich zurück. Alle ihre Beziehungen waren nur von kurzer Dauer gewesen. Bis auf die mit Estevan. Mit seiner sturen Entschlossenheit war es ihm gelungen, ihr Herz zu erobern. Vivi hatte darüber gelacht, und bevor sie es sich versah, hatten sie sich verlobt. Doch das entpuppte sich als Fehler, denn wie sich bald schon herausstellte, hatte Estevan mit derselben Beharrlichkeit auch das Herz einer anderen erobert.

Erst später begriff Vivi, dass Estevan es vor allem liebte, Frauen zu umgarnen – mehr noch, als er die Frauen an sich liebte. Wahrscheinlich hatte er es mehr als einmal gemacht. Aber nicht mit ihr. Kein zweites Mal. Sie hatte alle seine Nachrichten ignoriert und ihn schließlich ganz aus ihrem Leben verbannt.

Und so war sie wieder in Valparaíso gelandet.

Das Tal des Paradieses. Oder kurz Valpo, wie die Einheimischen sagten.

Vor langer Zeit war es wirklich ein Paradies gewesen. Aber diesen Gedanken musste Vivi verdrängen. Denn wenn Estevan sie eines gelehrt hatte, dann, dass es besser war, Männer nicht zu nah an sich heranzulassen. Denselben Fehler würde sie kein zweites Mal machen.

„Gute Arbeit, Leute“, meldete sich Cris zu Wort. „Unser Patient wird nach dieser Verletzung nie wieder Fußball spielen, aber ich hoffe, er kann Berater oder Trainer werden.“

Vivi hatte nicht gewusst, dass ihr Patient Sportler war, aber sie hatte sich gleich gedacht, dass er eigentlich noch viel zu jung für eine Knieprothese war. Es musste schrecklich sein, wenn sich das eigene Leben in einem Sekundenbruchteil änderte und plötzlich nichts mehr so war wie zuvor. Aber war es bei Vivi nicht genauso gewesen? Erst mit Cris, dann mit Estevan? Ihre Eltern hatten sie nach ihrer Trennung angefleht, in Santiago zu bleiben, doch Vivi hatte darauf beharrt, dass sie einen Tapetenwechsel brauchte. Und jetzt war sie hier. Ihr Leben hatte sich verändert, obwohl sie bis vor Kurzem nicht damit gerechnet hätte.

Vivi sortierte die Instrumente, während die Narkose des Patienten ausgeleitet wurde. Am liebsten hätte sie den Saal verlassen, um nicht erneut mit Cris reden zu müssen. Sie brauchte Zeit, um sich zu sammeln. Aber sobald er sich davon überzeugt hatte, dass sein Patient wach und ansprechbar war, verließ Cris den OP-Saal von sich aus. Ihre Muskeln entspannten sich, und Vivi verharrte reglos und atmete mehrmals tief durch. Dann konzentrierte sie sich wieder auf ihre Aufgabe.

Die Zeit verging rasch. Bald schon waren alle Instrumente sortiert, und der Patient wurde weggebracht. Ein weiteres Team traf ein und begann, den Saal für die nächste OP zu desinfizieren.

Vivi warf ihren Kittel in den Mülleimer und überprüfte rasch den Sitz ihres Dutts. Dann verließ sie den Saal und warf einen Blick zur Schwesternstation, in der Hoffnung, dass sich dort irgendwo der Pausenraum befand. Sie brauchte jetzt dringend einen Kaffee. Je stärker, desto besser. Eigentlich hatte sie schon letzte Woche nach Valpo kommen wollen, aber dann musste ihr Auto zur Reparatur und das Wetter verschlechterte sich. Gestern Abend war sie erst sehr spät eingetroffen. Der Verkehr war der reinste Albtraum gewesen, und die Fahrt, die normalerweise nur zwei Stunden dauerte, hatte ganze sieben Stunden in Anspruch genommen.

Vivi näherte sich dem Tresen und warf einen Blick auf die Liste der geplanten Operationen. Für eine Sekunde schloss sie die Augen und hoffte, dass sie nicht wieder zusammen mit Cris eingeteilt war.

„Vivi, warte.“

Santa María. Nicht jetzt. Nicht, wenn sie den Schreck darüber, dass er plötzlich neben ihr gestanden hatte, noch immer nicht ganz verkraftet hatte. Sie brauchte Zeit, um die Geschehnisse zu verarbeiten.

Langsam drehte sie sich um und stellte fest, dass der Junge, den sie einst gekannt hatte, inzwischen zu einem Mann gereift war. Vor ein paar Minuten war bis auf seine Augen alles durch Haube, Mundschutz und Kittel verdeckt gewesen, und was sie nun sah, raubte ihr den Atem. Cris war nicht mehr schlaksig und hatte Muskeln bekommen, aber sein widerspenstiges dunkles Haar war immer noch genauso sexy wie früher.

Sie setzte ein falsches Lächeln auf. „Hi! Ich wusste nicht, dass du im Valpo Memorial arbeitest. Zumindest nicht, bis ich dir im OP-Saal begegnet bin.“

Sekundenlang starrte er sie mit seinen dunklen Augen an. „Wirklich nicht?“

Seine Worte überraschten sie, und sie runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Mein Name stand bestimmt auf der Personalliste, als du hier warst, um nach einem Job zu suchen.“

Aus seinem Mund hörte es sich an, als wäre sie verzweifelt gewesen.

„Ich war nicht ‚hier, um nach einem Job zu suchen‘. Ich habe davor in einer anderen Klinik als OP-Schwester gearbeitet. Als ich die Stellenausschreibung sah, beschloss ich, mich hier zu bewerben. Aber ich habe bestimmt nicht die Website nach bekannten Namen abgesucht. Wahrscheinlich hätte ich deinen Namen ohnehin nicht wiedererkannt.“

Er lächelte schief. „Ach wirklich? Ich habe ein paar Briefe von dir erhalten, die sich ganz anders anhörten.“

Ja, sie hatte ihm zahlreiche lange Briefe geschrieben, die das bekräftigten, was sie bei ihrer letzten Begegnung zu ihm gesagt hatte: dass sie ihn immer lieben und ihn niemals vergessen würde.

Ihr Gesicht wurde heiß. „Ich war damals noch ein Kind.“ Sie erwähnte lieber nicht, dass er ihr nicht zurückgeschrieben hatte. Cris sollte nicht wissen, wie tief es sie verletzt hatte, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, ihr zu antworten.

Genauso, wie ich mir nicht die Mühe mache, auf Estevans Nachrichten zu antworten? Nein. Das war etwas anderes, denn Vivi war sich sicher, dass Estevan sie nie wirklich geliebt hatte – sonst hätte er es nicht geschafft, sich so schnell wieder in eine neue Beziehung zu stürzen. Anscheinend war sie dazu verdammt, sich in Männer zu verlieben, die ihre Gefühle nicht erwiderten. Aber das war jetzt vorbei.

„Wir waren beide noch Kinder.“ Sein Ausdruck wurde ernst. „Und jetzt sind wir erwachsen, also gehe ich davon aus, dass wir im selben Krankenhaus und im selben Quirófano arbeiten können, ohne dass es deshalb Probleme gibt. Richtig?“

Die Art, wie er das Wort Quirófano, OP-Saal, ausgesprochen hatte, ließ Vivi daran zweifeln, ob ihr die enge Zusammenarbeit mit ihm wirklich gelingen würde. Aber ihr blieb nichts anderes übrig. Am besten tat sie so, als würde es ihr nichts ausmachen. Zumindest so lange, bis sie sich daran gewöhnt hatte. Schließlich waren sie damals noch Kinder gewesen. Vivi wollte Cris nicht länger nachtrauern, und sie durfte es auch nicht. Inzwischen war er verheiratet, also hatte er seine Gefühle für sie bestimmt längst verdrängt. Sie freute sich für ihn, und im Grunde war sie sogar erleichtert. Cris war für sie unerreichbar, selbst wenn sie versucht gewesen wäre, ihren alten Gefühlen nachzugeben.

Absolutamente. Es wird keine Probleme geben.“ Und sie meinte es ernst.

„Das höre ich gern. Denn gerade habe ich unsere Dienstpläne überprüft. Wie es aussieht, werden wir einige Eingriffe zusammen durchführen, denn eine unserer OP-Schwestern ist erst kürzlich in den Ruhestand gegangen.“

Er hatte extra nachgesehen, ob man sie zusammen zu weiteren OPs eingeteilt hatte? Vielleicht war Vivi doch nicht die Einzige, der die Zusammenarbeit schwerfallen würde. Möglicherweise ging es ihm ähnlich.

Sie reckte ihr Kinn. „Ich bin zu allem bereit.“

Er warf ihr einen rätselhaften Blick zu, dann nickte er und wandte sich zum Gehen.

Vivi konnte nicht anders, als ihm nachzusehen. Zwar war er im Laufe der Jahre viel muskulöser geworden, doch sein Gang war noch immer der eines schlaksigen Läufers, und Vivi hatte ihn schon immer süß und sexy gefunden.

Sie seufzte. Es würde nicht leicht werden. Eigentlich war das etwas Gutes, denn es hieß, dass sie aufpassen musste. Wahrscheinlich war es Glück, dass ihre erste Begegnung in einem OP-Saal voller Menschen stattgefunden hatte. Ein plötzlicher Schock wie dieser war ihr lieber, denn hätte sie es vorher gewusst, hätte sie sich in den Wochen vor ihrem Umzug nur unnötig viele Gedanken gemacht, und das wäre viel schlimmer gewesen. Vielleicht hätte sie es sich noch einmal anders überlegt und die Stelle im Valpo Memorial abgelehnt.

Aber wenigstens wäre sie dann vorher darauf gefasst gewesen. Cris bog in einen Gang ein, und Vivi entspannte sich ein wenig.

Nun war sie wirklich auf alles vorbereitet.

Oder?

Cris schüttelte den Kopf. Er saß in seinem Bürosessel und starrte ins Nichts. Das Wiedersehen mit Vivi hatte ihn verunsichert, obwohl es dafür keinen Grund gab. Verglichen mit den Schicksalsschlägen, die ihn ereilt hatten, nachdem Vivi mit ihrer Familie weggezogen war, war ihre Beziehung nur ein kindisches Spiel gewesen. Kurz danach kamen seine Eltern ums Leben. Nur durch die Unterstützung seines Onkels schaffte Cris sein Medizinstudium. Mit dreißig fand er endlich eine neue Liebe, und drei Jahre lang versuchten sie verzweifelt, ein Kind zu bekommen. Bald nach der Geburt erhielt seine Frau eine Krebsdiagnose. Und inzwischen war Cris alleinerziehender Vater einer wunderschönen Tochter.

Ja, Vivi hatte ihm in den ersten sechs Monaten noch Briefe geschickt, doch Cris hatte es nicht übers Herz gebracht, ihr zurückzuschreiben. Es war ihm gnädiger erschienen, einen klaren Schnitt zu machen, damit sie beide rasch über die Trennung hinwegkamen und Vivi neue Beziehungen knüpfen konnte. Und da Vivi nach ihrem Schulabschluss nicht mehr nach Valparaíso zurückgekehrt war, hatte Cris geglaubt, seine Entscheidung wäre richtig gewesen. Außerdem hatte er damals gerade um seine Eltern getrauert.

Es hatte eine Weile gebraucht, bis Cris über ihre Trennung hinweggekommen war, doch irgendwann war es ihm gelungen, und er hoffte, dass auch Vivi es geschafft hatte.

Warum aber hatte ihr Wiedersehen eine solche Wirkung auf ihn? Während er Roni Saraia operiert hatte, hatte er sich minutenlang nicht konzentrieren können. So etwas sah ihm sonst überhaupt nicht ähnlich. Er fragte sich, ob Vivi nach all den Jahren zurückgekehrt war, weil sie ihn zurückhaben wollte. Ein lächerlicher Gedanke. Und trotzdem hatte er es ihr indirekt vorgeworfen. Er stöhnte, denn er war nicht stolz darauf.

Offenbar hatte Vivi bei ihrer Bewerbung nicht gewusst, dass Cris in diesem Krankenhaus arbeitete, und er war erleichtert. Sie konnten unmöglich dort weitermachen, wo sie aufgehört hatten. Er glaubte nicht, dass Vivi es wollte, und auch Cris hatte daran kein Interesse. Er musste in erster Linie an Gabi denken. Mit ihren fünf Jahren war sie leicht beeinflussbar und hing sehr an den Menschen in ihrem Umfeld, an ihren Freunden und Lehrern, deshalb achtete Cris stets darauf, dass sein Liebesleben diskret und unkompliziert blieb. Es war nicht ideal, aber es funktionierte. Und er hatte nicht vor, daran irgendetwas zu ändern.

Seine Tante und sein Onkel waren immer gern bereit, auf Gabi aufzupassen, wenn Cris ein Date hatte, was selten genug vorkam. Noch nie hatte er irgendeine Frau mit nach Hause gebracht, selbst dann nicht, wenn Gabi nicht da war. Und so würde er es weiterhin halten. In ein paar Jahren wäre seine Tochter alt genug, um zu verstehen, dass gewisse Menschen kein fester Bestandteil ihres Lebens sein würden. Aber diese Lektion sollte sie erst so spät wie möglich lernen. Seine verstorbene Frau hatte den Kontakt zu ihren eigenen Eltern abgebrochen, denn sie hatten sie misshandelt, darum hatte Gabi auch keine Großeltern.

Umso dankbarer war Cris für seine Tante und seinen Onkel, die immer für ihn und seine Tochter da waren. Sie hatten keine eigenen Kinder, darum hatten sie für Gabi die Rolle der Großeltern übernommen. Als seine Eltern ums Leben kamen, war Cris achtzehn gewesen, und die beiden hatten ihn bei sich aufgenommen. Zu Beginn seines Medizinstudiums hatte er bei ihnen gewohnt. Später war er in eine Eigentumswohnung eingezogen, die seiner Tante gehörte, und dort hatte er gelebt, bis er Lidia geheiratet hatte. Er war sich nicht sicher, was er ohne die Unterstützung seiner Tante und seines Onkels gemacht hätte. Ohne sie wäre er nie zu dem Mann geworden, der er heute war, und das würde er ihnen niemals vergessen.

Seufzend warf er einen Blick auf den unerledigten Papierkram, der sich vor ihm stapelte. Danach musste er einen Rundgang machen und nach Roni Saraia sehen, um sicherzugehen, dass es dem ehemaligen Fußballstar gut ging. Cris konnte es sich nicht leisten, jeden Tag eine halbe Stunde lang in Erinnerungen zu schwelgen. Er musste lernen, Vivis Rückkehr nach Valparaíso zu akzeptieren. Und zwar schnell, bevor es sich noch auf seine Arbeit oder sein Familienleben auswirkte.

Endlich machte er sich an die Arbeit und verbannte Vivi aus seinen Gedanken.

2. KAPITEL

„Wie geht es ihm?“, wandte sich Vivi am nächsten Tag an Cris. Sie war in die Reha-Abteilung gekommen, um nach Roni Saraia zu sehen, aber sie war sich nicht einmal sicher, warum sie es tat. Immerhin war Roni nicht ihr Patient. Sie war nur die Krankenschwester, die während seiner OP assistiert hatte. Trotzdem war er ihr nicht egal. In ihrem alten Krankenhaus hatte sie oft nach Patienten gesehen, und niemand hatte sich daran gestört. Vielleicht war es im Valpo Memorial anders. Aber sie hatte eine Idee, und sie wollte sie unbedingt mit Cris besprechen.

„Ich vermute, du sprichst von Roni?“, fragte Cris.

Vivi biss sich auf die Unterlippe. Würde er sie nun zusammenstauchen? „Ja, das tue ich. Ist das ein Problem?“

„Für mich nicht. Du bist Krankenschwester und warst an seiner OP beteiligt. Er ist bestimmt froh, wenn er hört, dass sich die Mitglieder seines OP-Teams um ihn sorgen. Vielleicht motiviert es ihn sogar dazu, seine Physiotherapie zu machen.“

Den letzten Satz überhörte Vivi. Cris betrachtete sie als ein Mitglied seines Teams? Bei diesem Gedanken wurde es ihr warm ums Herz. Es kam ihr nicht so vor, als hätte sie sich bereits einen Platz in seinem Team verdient, aber offenbar trug er ihr die Vergangenheit nicht nach. Warum sollte er auch? Schließlich hatte damals nicht Vivi beschlossen, Valparaíso zu verlassen, sondern ihre Eltern. Ihr Vater hatte geglaubt, sie wäre noch zu jung für eine Beziehung, und deshalb hatte er einen neuen Posten in Santiago angenommen. Und es hatte funktioniert. Vivi hatte unzählige Briefe an Cris geschrieben, doch von ihm war keine einzige Antwort gekommen.

Wenn Vivi jetzt daran dachte, wäre sie am liebsten vor Scham im Boden versunken. Sie malte sich aus, wie er seiner Frau von dem liebeskranken Mädchen erzählte, das ihm lange Briefe geschickt und ihm darin unmögliche Dinge versprochen hatte. Vivi wünschte, sie hätte damals wie Cris sein und sich mit dem abfinden können, was nicht zu ändern war. Aber jetzt war sie stark genug. Jetzt gab es kein Zurück mehr, und sie wünschte es sich auch nicht.

„Wehrt sich Roni etwa gegen seine Therapie?“, fragte sie.

Cris warf einen Blick zu der Physiotherapeutin, die eine Gehhilfe bereithielt. Roni saß neben ihr im Rollstuhl. „Vermutlich gehört es zu seinem Trauerprozess dazu. Seine Karriere als Fußballprofi war ein wichtiger Teil seiner Identität. Es fällt ihm nicht leicht, sich umzugewöhnen, aber es geht nicht anders.“

„Ich werde zu ihm hingehen und Hallo sagen“, erwiderte Vivi.

„Lass es mich wissen, wenn er mit der Therapie beginnt.“

„Mache ich.“ Sie lächelte Cris zu, und ihr fiel auf, dass er keinen Ehering trug. Allerdings verzichteten die meisten Chirurgen auf ihren Ring, da sie ihn vor jeder OP ausziehen müssten, was viel zu umständlich wäre. Aus irgendeinem Grund musste sie an den schlichten kleinen Ring denken, den er ihr einmal geschenkt hatte. Sofort verdrängte sie die Erinnerung wieder.

Dass er keinen Ring trug, musste nichts bedeuten. Und sofern er mittlerweile nicht geschieden war, war er noch immer unerreichbar für Vivi. Davon abgesehen wäre es ohnehin klüger, wenn sie sich von jeder Art von Beziehung fernhielt. Das hatte sie aus ihrer Erfahrung mit Estevan gelernt.

Sie näherte sich Roni, der noch immer in seinem Rollstuhl saß. Vivi lächelte der Physiotherapeutin zu, dann wandte sie sich an den Patienten.

„Hallo Señor Saraia. Ich weiß, dass Dr. Diaz eben erst hier war, aber ich wollte ebenfalls nach Ihnen sehen, und Sie waren nicht in Ihrem Zimmer. Darum dachte ich mir, dass ich Sie bestimmt hier unten finde.“

Roni wirkte etwas verärgert. Vielleicht, weil ihn eine weitere medizinische Fachkraft behelligte.

Vivi reichte der Physiotherapeutin die Hand. „Hallo, ich bin neu hier. Viviani Araya. Ich bin OP-Schwester in der Chirurgie.“

„Bella Trasseti. Freut mich, Sie kennenzulernen. Roni und ich wollten gerade das Gehen mit seinem neuen Knie üben. Nicht wahr, Roni? Haben Sie das nicht Dr. Diaz versprochen?“

Roni stöhnte genervt. Offenbar fühlte er sich ertappt, aber dann nickte er. „Ich habe es ihm versprochen, also muss ich mich auch daran halten.“

Bella schob ihm die Gehhilfe hin und hielt sie fest, während Roni sich an den Griffen festhielt, sich aus dem Rollstuhl hievte und sein Gewicht auf sein gesundes Bein verlagerte.

„Sie dürfen Ihr verletztes Bein belasten“, versicherte Bella. „Ich passe auf, dass Sie nichts tun, womit Sie die harte Arbeit von Dr. Diaz zunichtemachen würden, okay?“

Roni nickte, doch sein Kiefer mahlte, und ein Muskel in seiner Wange zuckte. Vivi war sich nicht sicher, ob es an seinen Schmerzen, an seiner Konzentration oder an beidem lag. Angestrengt folgte er den Anweisungen der Physiotherapeutin, und der Frust war ihm deutlich anzusehen.

Vivi begriff, dass er sich der Situation hilflos ausgeliefert fühlte. Ein berühmter Profisportler, der von jetzt auf gleich zu nichts anderem mehr fähig war, als am Spielfeldrand zu sitzen und dabei zuzusehen, wie sein geliebter Sport von anderen betrieben wurde.

Nach dem Ende der Therapiestunde ließ Roni sich erschöpft in seinen Rollstuhl sinken. Vivi verabschiedete sich von Bella und brachte Roni zurück in sein Zimmer.

Cris sah vom Bildschirm auf, als es an seiner Bürotür klopfte. Er lehnte sich zurück und überlegte, ob er irgendeinen Termin vergessen hatte. „Herein.“

Die Tür ging auf, und Vivi steckte ihren Kopf herein. „Bist du beschäftigt?“

„Das kann warten. Komm rein. Geht es um Roni?“

Sie betrat sein Büro und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Ja und nein. Ja, er hat seine erste Therapiestunde beendet, und danach schien sich seine Einstellung gebessert zu haben.“

„Das freut mich. Und der andere Teil?“

„Na ja, im weitesten Sinne hat er auch etwas mit Roni zu tun, aber es geht vor allem um die Klinik. Ich nehme an, dass hier viele Sportler behandelt werden, und einigen geht es vermutlich genauso wie Roni: Sie sehen einer ungewissen Zukunft entgegen.“

„Das hast du richtig erkannt.“

Sie zögerte. „Ich weiß, ich bin neu hier, und es steht mir noch nicht zu, Verbesserungsvorschläge zu machen, aber ich halte es trotzdem für nötig. Wie wäre es, wenn es in der Klinik jemanden wie Roni gäbe? Er ist ein berühmter Sportler und könnte Patienten beraten, deren Karrieren ebenfalls durch Verletzungen beendet wurden. Er könnte über das sprechen, was ihm in dieser schwierigen Situation geholfen hat.“

„Momentan steckt er selbst noch mittendrin.“

„Richtig, aber wenn er begreifen würde, dass er anderen helfen kann, könnte ihm das eine neue Perspektive geben. Es wäre für ihn ein Ansporn, die nötige Arbeit in seine Therapie zu investieren.“

Cris lehnte sich zurück. Er hatte bereits eine ähnliche Idee gehabt, aber Vivi ging noch einen Schritt weiter, und ihr Vorschlag gefiel ihm. Doch es gab ein Problem. „Was, wenn Roni denkt, dass die Klinik seinen Namen nur benutzen will, um Kapital daraus zu schlagen?“

„Wenn wir seinen Namen nicht in den sozialen Medien herausposaunen und auch keine Werbung mit ihm machen, wird er das sicher nicht denken. Er könnte sogar Vorträge für Trainer und Sportmediziner halten und ihnen erklären, wie sie verletzte Sportler zur Therapie motivieren können. Gerade eben hast du gesagt, dass es viele davon gibt.“

Cris sah auf seine Uhr. „Wann machst du Feierabend?“

„Eigentlich habe ich längst Feierabend.“

„Ich muss noch ein paar E-Mails schreiben und einen Anruf machen. Wenn du Zeit hast, könnten wir danach in die Cafeteria gehen und deine Idee beim Essen besprechen. Ich hatte nichts zu Mittag, und langsam kriege ich Hunger.“

„Oh … äh, gern. Ich habe nichts vor.“

Sie klang nicht gerade begeistert, und er war es auch nicht, aber sie saß in seinem Büro und die Tür war zu. Langsam begann ihre Nähe, sich auf ihn auszuwirken. Dabei wollte er es gar nicht.

„Wenn es dir heute Abend nicht passt, oder wenn du es lieber während der Arbeitszeit besprechen möchtest, verstehe ich es natürlich.“ Hoffentlich begriff Vivi, dass ihre Beziehung auf eine rein berufliche Ebene beschränkt bleiben musste. Er würde seine Tante anrufen und fragen, ob sie heute Abend noch etwas länger auf Gabi aufpassen konnte, doch er wollte es nicht in Vivis Gegenwart tun. Je weniger sie privat voneinander wussten, umso besser. Sie konnten keine Freunde sein, ohne ihre alten Gefühle wiederzubeleben. Zumindest konnte er es nicht. Sie waren nicht mehr zusammen, und dabei musste es bleiben. Und nun war es an ihm, sich daran zu halten.

„Nein, das ist es nicht. Ich habe nichts vor. Ich möchte dich nur nicht von deinen privaten Verpflichtungen abhalten.“

Private Verpflichtungen. Wusste sie etwa von seiner Tochter?

„Nicht doch. Also, treffen wir uns in der Cafeteria? In, sagen wir, fünfzehn Minuten?“

„In Ordnung. Bis gleich.“

Sie stand auf und ging. Cris schrieb rasch seine E-Mails, dann verließ er sein Büro, schloss die Tür ab und stieg in den Aufzug. Während er nach unten fuhr, wählte er die Nummer seiner Tante.

Sie nahm sofort nach dem ersten Klingeln ab. Die Türen des Aufzugs öffneten sich im ersten Stock. Am Ende des Flurs befand sich die Cafeteria, und Cris sah Vivi schon von Weitem vor dem Eingang stehen. Er näherte sich ihr und sprach mit leiser Stimme.

„Tante Pat, ich muss heute länger arbeiten und wollte dich fragen, ob du eine oder zwei Stunden länger auf Gabi aufpassen könntest.“

„Oh, hast du noch eine OP?“

„Nein, aber ich muss noch etwas erledigen.“ Er runzelte die Stirn. Streng genommen stimmte es, aber warum hatte er es so formuliert?

„Oh, gut“, sagte seine Tante. „In Ordnung. Wir wollten gerade einkaufen und kamen unterwegs am Krankenhaus vorbei, darum hat Gabi darauf bestanden, dass wir dich besuchen. Wir sind jetzt da. Bist du in deinem Büro?“

Er blieb neben Vivi stehen. „Nein, ich bin unten in der …“

Plötzlich schien alles in Zeitlupe zu passieren. Cris hörte hinter sich ein vertrautes Quietschen und fuhr reflexartig herum. Gerade noch rechtzeitig, um die kleine Gestalt zu sehen, die durch den Flur auf ihn zu stürmte. Dahinter stand Pat und rief etwas. Er sah zu Vivi und stellte fest, dass auch sie die beiden anderen entdeckt hatte. Wie es aussah, hatte sie längst begriffen, wer das kleine Mädchen war.

Cris ging in die Knie, um seine Tochter zu begrüßen. Sie stieß an seine Brust, und Cris schloss Gabi in die Arme. „Hallo Querida. Hast du mich vermisst?“

„Ja.“ Sie berührte sein Gesicht mit ihren kleinen Händen, und pure Liebe durchströmte ihn. Nach dem Tod seiner Frau war es die Liebe zu Gabi gewesen, die ihm die nötige Kraft zum Weitermachen verliehen hatte. Seine Tochter war ein richtiges Energiebündel und hatte immer Lust auf neue Abenteuer.

Endlich gesellte sich auch Pat zu ihnen. „Gabi, du kannst nicht einfach davonlaufen. Entschuldige, Cris. Normalerweise weicht sie nicht von meiner Seite.“

„Ich weiß.“ Er lächelte seiner Tante zu, um ihr zu zeigen, dass er ihr vollkommen vertraute. „Sie hat mich einfach nur gesehen und wollte mich begrüßen. Wo wollt ihr hin?“

„Ins Einkaufszentrum am anderen Ende der Straße.“

Er griff nach seiner Geldbörse. „Ich gebe euch Geld, dann könnt ihr euch etwas zu essen holen.“

„Nicht nötig. Ich habe genug Geld dabei. Gabi hat in der Schule eine Auszeichnung erhalten, und das wollen wir feiern.“

Cris sah zu der Stelle, an der eben noch Vivi gestanden hatte. Er wollte sie den beiden vorstellen, doch sie war verschwunden. War sie etwa gegangen? Oder hatte sie bereits die Cafeteria betreten, um nicht weiter zu stören?

„Eine Auszeichnung, was? Das ist ja prima!“ Lächelnd wandte er sich wieder seiner Tochter zu, und sie wand sich aus seiner Umarmung.

„Ja! Schule macht Spaß! Bis auf Matías Cabral. Er ist gemein. Findet auch María.“

Cris nahm an, dass Matías und María in ihrer Klasse waren. „Hast du mal versucht, nett zu Matías zu sein?“

„Nein. Weil er gemein ist!“

Cris musste lächeln. Ihre Logik war unbestechlich. „Nun, dann versuch doch mal, nett zu ihm zu sein, und schau, was passiert.“

„Okay.“ Gabi ließ ihre Schultern hängen, doch er bezweifelte nicht, dass sie es versuchen würde. Sie gesellte sich wieder zu Pat. „Können wir gehen, Tía? Ich hab Hunger.“

Pat lachte. „Du hast ständig Hunger. Ich weiß nicht, wo du das ganze Essen hinsteckst.“

„In meinen Bauch natürlich“, erwiderte Gabi.

Cris erhob sich. „Na, dann solltest du lieber etwas für deinen Bauch besorgen. Und ich muss zu einer Besprechung. Wir sehen uns ungefähr in einer Stunde.“

„Gib uns lieber drei“, sagte Pat. „Falls wir irgendetwas Interessantes entdecken.“

Cris verabschiedete sich und sah ihnen nach, bis sie fort waren. Seufzend betrat er die Cafeteria. Er hoffte, dass Vivi ihm nicht zu viele Fragen über Gabi stellen würde, und schon gar nicht über Lidia und ihr Schicksal.

Drinnen runzelte er die Stirn, als er Vivi an einem leeren Tisch entdeckte. Normalerweise herrschte hier immer viel Betrieb, aber nirgends war Personal zu sehen, bis auf einen einzigen Mitarbeiter, der die Serviettenhalter auf den Tischen auffüllte. Cris sah auf die Uhr und stellte fest, dass es schon nach sechs war. Er erinnerte sich nicht an die genauen Öffnungszeiten, aber anscheinend hatte die Cafeteria gerade eben zugemacht.

Er näherte sich Vivi. „Entschuldige. Ich wusste nicht, dass sie um die Uhrzeit schon schließt.“

„Schon gut. Es sah aus, als wärst du beschäftigt gewesen. Wenn du zu deiner Familie musst, verstehe ich es.“ Es klang angespannt.

„Meine Tante passt auf meine Tochter auf. Die beiden wollten nur kurz Hallo sagen, bevor sie einkaufen gehen.“

„Deine Tante?“

Er runzelte die Stirn. „Ja.“ Ah, jetzt verstand er. Seine Tante war einundsechzig, sah aber deutlich jünger aus, und Vivi hatte sie offenbar für Gabis Mutter gehalten. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr die Wahrheit zu sagen. „Gabis Mutter … Meine Frau … Sie starb ungefähr ein Jahr nach der Geburt unserer Tochter.“

Ihre Augen weiteten sich. „Oh, Cris, es tut mir leid. Das wusste ich nicht. Vor ein paar Jahren hat mir eine Freundin erzählt, dass du geheiratet hast, aber mir war nicht bewusst, dass deine Frau verstorben ist.“

Lidia hatte sich mehreren Hormonbehandlungen unterziehen müssen, bevor sie mit Gabi schwanger geworden war. Die Ärzte hatten Cris zwar versichert, dass ihr Eierstockkrebs nicht daher rührte, doch es fiel ihm schwer, es zu glauben, und noch immer plagten ihn Schuldgefühle.

„Es ist schon lange her. Gabi erinnert sich nicht einmal an sie.“ Warum sagte er das überhaupt? Es stimmte zwar, aber es tat weh. Wie jedes Mal, wenn seine Tochter ihn bat, Fotos von ihrer Mutter sehen zu dürfen. Zum Glück hatte Lidia daran gedacht, Videos für Gabi aufzunehmen, damit ihre Tochter sie kennenlernen konnte. Sie hatte Grußbotschaften für ihre ersten zehn Geburtstage aufgenommen. Danach war sie zu schwach gewesen, um weitere Videos zu filmen. Inzwischen hatten sie schon die Hälfte der Aufnahmen gesehen, und Cris ahnte bereits, wie schwer es sein würde, sobald sie mit allen durch wären. Es würde sich anfühlen, als würde er Lidia ein zweites Mal verlieren.

„Ich kann mir kaum vorstellen, wie schlimm es gewesen sein muss.“ Vivi berührte seine Hand.

Er runzelte die Stirn. „Manchmal kann ich es mir auch nicht vorstellen. Es war nicht einfach. Aber Pat und Guilherme waren immer für mich und Gabi da.“

„Wie schön.“ Sie neigte den Kopf und musterte sein Gesicht. „Wollen wir uns lieber ein andermal treffen? Ich würde es vollkommen verstehen.“

„Nicht nötig. Ich möchte deine Idee gern heute Abend besprechen, falls du Zeit hast. Wir müssen uns nur ein anderes Lokal suchen. Hast du irgendein Lieblingsrestaurant?“

„Hier in Valparaíso? Ich war schon so lange nicht mehr hier, dass ich keine Ahnung habe. Im Grunde esse ich alles. Mir würde auch ein Pastel de Choclo reichen.“

Das traditionelle chilenische Gericht bestand aus Maispüree, Basilikum, Hackfleisch und weiteren Zutaten. Es war einfach und sättigend, und es gab nur wenige Chilenen, die es nicht wenigstens ab und zu aßen.

„Ich kenne ein Lokal, in dem einfache Hausmannskost serviert wird. Es ist gleich um die Ecke, wir müssen nicht mal fahren.“

„Klingt perfekt. Lass uns gehen.“ Sie nahm ihre Handtasche und folgte Cris.

3. KAPITEL

Er war nicht verheiratet. Jedenfalls nicht mit einer lebenden Frau. Aber er war immer noch mit seiner Erinnerung verheiratet.

Dieser Gedanke ging Vivi nicht mehr aus dem Kopf. Dios! Sie hatte sich in Sicherheit gewähnt, weil Cris verheiratet war, aber nun war ihr diese Sicherheit genommen worden. Dabei sollte es keine Rolle spielen. Und das tat es auch nicht. Cris war nicht geschieden, und im Gegensatz zu Estevan hatte er auch nicht beschlossen, seine Beziehung zu beenden, sondern seine Frau war gestorben. Und sie hatten einander wirklich geliebt. Vivi merkte es ihm jedes Mal an, wenn er über Lidia sprach – obwohl er im Grunde nicht viel erzählt hatte, außer, wie schwer ihr Verlust für ihn gewesen war.

Dennoch spielte es keine Rolle. Vivi würde nie wieder etwas mit einem Kollegen anfangen, erst recht nicht mit einem Mann aus ihrer Vergangenheit. Beides würde ihr nur unnötig Kummer bereiten, das wusste sie aus Erfahrung. Sie wollte nicht wieder den gleichen Fehler machen. Immerhin war sie jetzt älter und weiser. Und sie musste höllisch auf ihr Herz achtgeben. Sie würde es an der kurzen Leine halten, wie einen Hund, der auf die erstbeste Gelegenheit zum Ausreißen wartete.

Nach einer Weile bogen sie in eine Straße ein. Gracias a Dios, Cris hatte recht. Das Restaurant war ganz in der Nähe. Es war ein Bistro und befand sich in einer der leuchtend bunten Häuserreihen, für die Valpo bekannt war. Sie betraten einen gepflasterten Außenbereich mit weißen Bistrotischen, und gleich darauf kam eine Kellnerin und führte sie zu einem freien Tisch am Rand. Dankbar ließ sich Vivi auf den Stuhl sinken, und erst jetzt merkte sie, wie müde sie nach dem langen Tag in der Klinik war. Wie schade, dass sie nicht einfach nur hier sitzen und ein paar Tapas und Getränke genießen konnten, während sie den Sonnenuntergang über der Stadt beobachteten. Aber sie wären gar nicht erst hergekommen, wenn es nicht um ihre Idee gegangen wäre. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie wirklich ins Detail gehen wollte. Was, wenn Cris ihre Idee albern fand?

Als ein Kellner an den Tisch kam, warf Vivi ihre guten Vorsätze über Bord und beschloss, sich einen Wein zu bestellen. Vielleicht würde er sie etwas mutiger machen.

„Einen Melvin, bitte.“ Es war die Abkürzung für „Melón con Vino“, die chilenische Version der spanischen Sangría. Statt Rotwein trank man hier Weißwein, der in einer ausgehöhlten Honigmelone serviert wurde. Das Getränk war köstlich und erfrischend, besonders in der chilenischen Sommerhitze.

„Für eine Person, oder möchten Sie sich das Getränk teilen?“ Der Kellner sah abwechselnd Vivi und Cris an.

Dios! Daran hatte Vivi nicht gedacht. Melvin war ein Getränk, das man sich üblicherweise mit anderen teilte. Es wurde mit mehreren Strohhalmen serviert und am Tisch herumgereicht, damit alle davon probieren konnten. „Nur für eine Person, bitte. Mit einem Strohhalm“, ergänzte sie überflüssigerweise.

Ihr Gesicht fühlte sich so heiß an, dass es bestimmt feuerrot angelaufen war. Noch immer neigte sie in Cris’ Gegenwart dazu, zu vergessen, wo sie war. Vielleicht war es der Schock über ihr plötzliches Wiedersehen nach so vielen Jahren, der ihr noch immer in den Knochen saß. Es würde noch ein paar Tage dauern, bis sie sich davon erholt hatte.

„Könnten Sie uns einen Krug bringen?“, fragte Cris. „Ich habe schon ewig keinen Melvin mehr getrunken.“

Und wieder einmal hatte er die Situation gerettet. Wie damals, als Vivi einmal zu spät nach Hause gekommen war, weil sie nach der Schule noch stundenlang mit Cris an einem Bach gesessen hatte. Ihr Vater war stinksauer gewesen, doch Cris hatte behauptet, sie hätten zusammen an einem Schulprojekt gearbeitet, und schon war die Lage entschärft. Es stimmte natürlich nicht, denn in Wahrheit hatten sie geknutscht, aber Cris hatte dafür gesorgt, dass Vivi keinen Ärger bekam.

Der Kellner verschwand, und Vivi versuchte, die peinliche Situation zu überspielen. „Ich hätte gedacht, dass du dunkles Bier bevorzugst.“

„Ich? Nein, ich kann Bier nicht ausstehen. Ich trinke ohnehin nur selten.“

Aus irgendeinem Grund überraschte es sie. Aber sollte es das? Sie waren noch so jung gewesen und hatten nie die Chance gehabt, einander aufwachsen zu sehen. Im Grunde wussten sie so gut wie nichts voneinander. Sie hatten sich entfremdet.

Der Kellner brachte einen Krug Weißwein mit Melonenstücken und zwei Gläser mit Strohhalmen. Vivi lächelte. Zum Glück hatte er noch einmal nachgefragt, sonst wäre es peinlich geworden.

Vivi bestellte nur eine Kleinigkeit, Brot mit zerdrückter Avocado. Sie hatte noch nie verstanden, warum diese Kombination so köstlich war, aber das war sie, und deshalb aß man sie überall in Chile.

Cris bestellte sich einen Hamburger. Vivi musterte ihn mit hochgezogener Augenbraue, und als er lächelte, sah sie das Grübchen an seiner Wange. Es war eines der ersten Dinge, die ihr an ihm aufgefallen waren, als sie ihm damals zum ersten Mal begegnet war.

„Was ist?“, fragte er. „Deinetwegen habe ich Lust darauf bekommen.“

Früher hatte sie seinetwegen Lust auf alles Mögliche bekommen, aber trotzdem auf alles verzichten müssen. Cris hatte warten wollen. Vivi nicht.

Vielleicht bereute sie das am meisten, wenn sie an ihre gemeinsame Zeit zurückdachte. In späteren Jahren hatte sie sich ausgemalt, wie es gewesen wäre, mit ihm zu schlafen. Andererseits war ihr die Trennung dadurch etwas leichter gefallen, denn sie hatten niemals Sex gehabt.

„Übernachtet deine Tochter bei deiner Tante?“ Sie begriff erst zu spät, wie es sich angehört haben musste, und ergänzte rasch: „Ich weiß nicht, ob deine Tochter so etwas mag. Ich weiß noch, dass ich früher gern bei Freunden übernachtet habe.“

„Es gefällt ihr, aber es kommt seltener vor, als es ihr lieb wäre. Ich mag es, wenn meine Tochter abends bei mir ist.“

Vivi konnte es gut verstehen. Seine Frau war gestorben, darum war es ihm umso wichtiger, viel Zeit mit seiner Tochter zu verbringen.

Sie trank einen Schluck und seufzte, als sie das süße Getränk auf der Zunge schmeckte. „Ich glaube, ich kriege nie genug davon. Es ist die perfekte Erfrischung im Sommer.“

Der Kellner servierte das Essen und ging weiter zum nächsten Tisch.

Cris nahm seinen Burger und sah Vivi an. „Also, erzähl mir mehr von deiner Idee.“

Richtig. Es war kein gewöhnlicher Ausflug. Sie hatte ihn um ein Gespräch gebeten. „Du hast erwähnt, dass ihr in der Orthopädie viele Sportler behandelt. Kennst du die genauen Statistiken?“

Er schien kurz zu überlegen. „Es dürften um die fünfzig Prozent sein. Wir sind auf Sportverletzungen spezialisiert.“

„Und wie viele dieser Verletzungen führen dazu, dass Sportler ihre Karrieren beenden müssen?“

Nun machte er eine längere Pause. „Ich weiß es nicht. Von manchen Patienten erhalten wir Rückmeldungen, aber nicht von allen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Vivi biss in ihr Avocadobrot. „Roni wirkte verzweifelt, als er erfuhr, dass er nie wieder auf gewohntem Niveau Fußball spielen wird. Wie ich vorhin bereits sagte: Wie wäre es, wenn es in der Klinik jemanden wie ihn gäbe, der Patienten dabei unterstützt, mit einer solchen Diagnose fertigzuwerden?“

„Wie ein Therapeut?“

„Nein, kein approbierter Therapeut. So jemanden gibt es in der Klinik bestimmt schon. Ich meine jemanden, der bereits alle schweren Entscheidungen treffen musste, mit denen sich die Patienten konfrontiert sehen. Jemanden, der über eine Liste mit hilfreichen Adressen verfügt oder einfach nur für die Patienten da ist, ihnen zuhört und als Ratgeber fungieren kann.“

„Verstehe.“ Ein paar Minuten lang schien er über ihre Worte nachzudenken. „Ich halte das für eine gute Idee. Du glaubst also, Roni wäre der Richtige dafür?“

„Davon bin ich überzeugt. Ich weiß nicht, ob er das Angebot annehmen würde. Aber bestimmt hätte es ihm geholfen, einen verletzten Sportler an seiner Seite zu haben, mit dem er reden kann. Stattdessen hat er Ärzte, Pfleger und Physiotherapeuten, die nicht nachvollziehen können, wie es sich anfühlt, wenn man seine Karriere wegen einer Verletzung beenden muss.“

„Stimmt.“ Er aß noch einen Bissen und machte eine Pause. „Aber bisher hat er seine eigenen Gefühle noch nicht verarbeitet. Wie können wir da von ihm erwarten, dass er andere Patienten unterstützt?“

„Ich verstehe, was du meinst. Aber in ein paar Monaten wird er so weit sein. Sobald es ihm besser geht, werden andere Dinge für ihn wichtig werden. Er muss sich einen Ersatz für den Fußball suchen. Vielleicht wird er Trainer oder sogar Sportjournalist. Wahrscheinlich ist der Gedanke daran momentan noch zu schmerzhaft. Nicht jeder verletzte Sportler möchte täglich an das erinnert werden, was er verloren hat.“

Cris nickte. „Das gefällt mir. Kannst du recherchieren, ob es Kliniken gibt, die so etwas bereits praktizieren?“

„Sollte ich es vorher mit der Klinikleitung absprechen?“

„Ich glaube nicht. Noch nicht. Nicht, bevor wir etwas Konkretes haben.“ Er lächelte. „Am besten besprichst du die Sache mit Roni, damit wir wissen, ob er überhaupt interessiert wäre.“

„Vermutlich sollte ich erst einmal abwarten, ob er mit der Physiotherapie zurechtkommt. Aber auch ohne ihn würde es sich lohnen, die Idee umzusetzen. Vielleicht findet sich irgendein ehemaliger Patient, der gern etwas zurückgeben würde.“

„Ich stimme dir zu. Es wundert mich, dass bisher noch niemand aus unserem Team darauf gekommen ist.“ Sekundenlang sah Cris sie an. „Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten soll, dass du in der Klinik arbeitest. Aber wie es aussieht, könntest du für uns alle – einschließlich Roni – viel Gutes bewirken. Danke, dass du deine Idee geäußert hast.“

Sie lachte. „Hättest du nicht auf mich gehört, hätte ich mich stattdessen an deinen Vorgesetzten gewendet.“

Sein Lächeln verblasste.

Rasch legte sie ihre Hand auf seine. „Nur ein Witz.“

Er schürzte seine Lippen. „Ich hoffe, dir ist bewusst, dass du dich jederzeit auch an jemand anderen wenden darfst. Ich bin kein großer Freund von Veränderungen, weil ich ein Gewohnheitstier bin. Oft brauche ich Zeit, um mich an etwas Neues zu gewöhnen.“

Sie konnte sich kaum vorstellen, wie es für ihn gewesen sein musste, erst seine Eltern und später auch seine Frau zu verlieren. Wenn es ihm schwerfiel, Veränderungen zu akzeptieren, war es womöglich eine Reaktion auf das, was er durchgemacht hatte.

Vivi leerte ihr Glas und schenkte sich erneut ein. Fragend hielt sie ihm den Krug hin, doch Cris schüttelte den Kopf.

„Ich muss nachher fahren. Und wie ich bereits sagte, trinke ich nur selten.“

Ja, das hatte er gesagt. Hoffentlich glaubte er jetzt nicht, dass Vivi öfter einen über den Durst trank, denn normalerweise tat sie das nicht.

Sie aß den Rest ihres Avocadobrots und tupfte sich den Mund mit ihrer Serviette ab.

Als Cris mit seinem Stuhl nach hinten rückte, dachte sie kurz, dass er aufstehen würde, aber er stützte nur seinen Unterschenkel auf sein Knie. „Und wo übernachtest du momentan?“

„In einem Bed and Breakfast, weil ich gerade erst angekommen bin. Ich suche noch nach einer Wohnung und wollte heute eigentlich einen Makler anrufen.“

„Meine Tante Pat ist Immobilienmaklerin. Ich kann sie bitten, sich für dich nach einer Wohnung umzusehen, wenn du möchtest. Schwebt dir eine bestimmte Gegend vor?“

Sein Angebot überraschte sie. Aber dann konnte sie zumindest einen weiteren Punkt auf ihrer To-do-Liste abhaken. „Etwas in der Nähe der Klinik wäre schön. Es wäre prima, wenn ich zu Fuß zur Arbeit gehen könnte. Macht es deiner Tante denn wirklich nichts aus?“

Wieder lächelte er, und Vivi versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Wie konnte es sein, dass Cris tausendmal besser aussah als früher?

„Sie verwaltet einige Immobilien und vermietet auch selbst ein paar Wohnungen. Sie liebt ihren Beruf und mag es, Menschen zu helfen. Meine Tante und mein Onkel haben mich sehr unterstützt, als meine Eltern starben.“

Vivi spürte einen schmerzhaften Stich. Sie hatte großes Glück, dass ihre Eltern noch lebten und gesund waren.

„Vielen Dank für das Angebot. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung wäre toll, falls mich meine Eltern irgendwann einmal besuchen möchten.“

Sein Kiefer mahlte, als Vivi diese Worte aussprach, doch dieses Mal verblasste sein Lächeln nicht. „Ich sage ihr, dass sie sich bei dir melden soll. Kann ich deine Nummer haben?“

Vivi gab sie ihm. „Sie kann mich anrufen oder mir eine Textnachricht schicken. Beides ist mir recht.“

Der Kellner brachte die Rechnung. Vivi wollte gerade fragen, ob sie getrennt zahlen konnten, als Cris bereits seine Kreditkarte zückte und sie dem Kellner reichte. „Ich setze es auf meine Spesenabrechnung. Immerhin haben wir über eine berufliche Angelegenheit gesprochen.“

Also hatte er bereits damit gerechnet, dass er zahlen würde. Dieses Bistro war jedoch deutlich teurer als die Krankenhauscafeteria.

„Lass mich wenigstens den Melvin bezahlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Klinik für alkoholische Getränke aufkommen will.“

„Das tut sie ständig, da bin ich mir ziemlich sicher. Zum Beispiel, wenn ich mich mit anderen Chirurgen zum Brainstormen treffe.“

Und das, obwohl er nur selten trank? Nun, sie wollte ihm nicht widersprechen. „Na schön, wenn du meinst. Aber lass es mich bitte wissen, falls es ein Problem gibt.“

„Mache ich. Aber das wird schon nicht passieren. Sprichst du bald mit Roni?“

„Wärst du einverstanden? Du sagtest doch, dass ich zuerst Recherchen anstellen soll.“

Er nickte. „Richtig, aber wenn es in der Umgebung nichts Vergleichbares gibt, sind wir vielleicht die erste Klinik, die eine Beratungsstelle für verletzte Sportler einführt. Lass mich wissen, was Roni dazu sagt.“

„Möchtest du nicht lieber persönlich dabei sein?“

Er sah auf seine Uhr und stand auf. „Nein. Ich vertraue dir.“

Inzwischen war es dunkel geworden. Wie lange hatten sie im Bistro gesessen? Vivi hatte nicht vorgehabt, Cris den ganzen Abend lang für sich zu beanspruchen. Die Zeit war wie im Flug vergangen, und ihr war nicht wohl dabei. Außerdem hatten sie noch den Rückweg zur Klinik vor sich.

Doch als sie das Restaurant verließen, sah sie die schönen Lichter, und eine warme Brise streifte ihre Haut. Mit einem Mal empfand sie wieder die alte Vertrautheit mit dieser Stadt, in der sie aufgewachsen war. Das Gefühl überkam sie wie eine Welle, und sie musste kurz innehalten. Santiago war auch schön, aber das hier fühlte sich … nach Heimat an.

„Alles in Ordnung?“

Vivi nickte und blinzelte ihre plötzlich aufkommenden Tränen fort. „Diese Stadt ist einfach wunderschön. Ich hatte es völlig vergessen.“

Cris wandte sich ihr zu und sah ihr in die Augen. Er hob seine Hand, als wollte er Vivi berühren, ließ sie aber sogleich wieder sinken. „Ja. Das ist sie.“ Ein langer Moment verstrich, und Vivi verspürte ein zartes Prickeln. Als Cris sie zuletzt so angesehen hatte, hatte er …

Er wich einen Schritt zurück, und der intime Augenblick war so schnell wieder verflogen, dass es Vivi beinahe schwindlig wurde. Vielleicht lag es auch am Wein. Was auch immer es war, Vivi straffte sich und zwang sich, zu lächeln. „Entschuldige, dass ich sentimental werde. Es ist nur so lange her, seit ich zuletzt hier war.“

„Ich verstehe. Ich weiß nicht, ob ich diese Stadt jemals verlassen könnte.“

Sie konnte es gut nachvollziehen. Wahrscheinlich verband er die Stadt mit den Menschen, die er verloren hatte. Hier fühlte er sich ihnen besonders nah.

Und dieser Blick, den er ihr eben zugeworfen hatte? Er konnte unmöglich kurz davor gewesen sein, sie zu küssen. Der Gedanke war lächerlich. Ihre Beziehung damals war kindisch und flüchtig gewesen. Nichts im Vergleich zu einer ernsthaften Beziehung, wenn man jemanden heiratete, sein Leben miteinander verbrachte und Kinder bekam. Bei dieser Vorstellung fühlte sich Vivi einsamer als je zuvor in ihrem Leben. Sogar noch einsamer als in dem Moment, als Estevan sie wegen einer anderen Frau verlassen hatte.

„Wollen wir gehen?“

Schweigend setzten sie i...

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