Julia Collection Band 150

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PARIS - STADT DER SEHNSUCHT von SARAH MORGAN

Als Damon Doukakis’ Blick sie trifft, fühlt Polly sich wie vom Blitz getroffen. Was hat der skrupellose Milliardär vor? Wieso hat er die Werbeagentur ihres Vaters gekauft? Polly fürchtet schon um ihren Job - und soll stattdessen mit ihrem neuen sexy Boss nach Paris reisen …

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  • Erscheinungstag 18.09.2020
  • Bandnummer 150
  • ISBN / Artikelnummer 9783733715403
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sarah Morgan, Kim Lawrence, Trish Morey

JULIA COLLECTION BAND 150

1. KAPITEL

„Er ist hier! Er ist angekommen, Polly! Damon Doukakis hat gerade das Gebäude betreten!“

Die aufgeregte Frauenstimme riss Polly Prince unsanft aus dem Tiefschlaf. Langsam hob sie den Kopf von ihren Armen. Grelles Sonnenlicht blendete sie, als sie die Augen öffnete. „Was? Wer?“, murmelte sie verschlafen. Sie stöhnte leise auf und rieb sich die Schläfen, um die bohrenden Kopfschmerzen zu vertreiben, die sie seit Tagen peinigten. „Ich muss eingeschlafen sein. Wieso hat mich denn keiner geweckt?“

„Weil du seit einer Woche nicht mehr geschlafen hast. Eine übermüdete Polly Prince ist ausgesprochen Furcht einflößend.“ Ihre Arbeitskollegin Debbie betrachtete sie mitfühlend. „Aber keine Panik, du hast nichts verpasst. Hier – zum Wachwerden!“ Sie stellte einen dampfenden Becher Kaffee und einen Teller mit einem Muffin neben Pollys Notebook auf den Tisch.

Polly rieb sich die brennenden Augen. „Wie spät ist es?“

„Acht Uhr.“

„Acht?“ Polly sprang so hastig auf, dass ihr Stuhl über den Boden rutschte. „In fünfzehn Minuten beginnt das Meeting! Hast du etwa gedacht, ich würde zu dem Treffen schlafwandeln?“ Mit zitternden Fingern speicherte sie das Dokument, an dem sie die ganze Nacht gearbeitet hatte.

Ihr Herz klopfte heftig, und die Angst, die in den letzten Tagen zu ihrem ständigen Begleiter geworden war, schnürte ihr die Kehle zu.

„Bleib ganz ruhig!“ Debbie rückte ihre Hornbrille zurecht und musterte sie besorgt. „Du darfst auf keinen Fall zeigen, dass du Angst hast, sonst hast du keine Chance. Sobald Männer wie Damon Doukakis bei ihrem Gegner Schwäche wittern, schlagen sie erbarmungslos zu.“

„Ich habe keine Angst!“ Die verzweifelte Lüge blieb Polly fast im Halse stecken.

Sie hatte Angst. Entsetzliche Angst sogar! Vor der Verantwortung und vor den Folgen, wenn sie versagen würde. Und ja, auch vor Damon Doukakis.

Nur ein absoluter Dummkopf würde sich nicht vor ihm fürchten. Dieser Mann hatte die Werbeagentur ihres Vaters aufgekauft, als würde es sich um ein neues Paar Schuhe handeln. Heute würde er verkünden, wie die Zukunft der Firma und der Belegschaft aussah.

„Alles wird gut, Polly. Du schaffst das schon“, murmelte Debbie beruhigend. „Ich meine, wir alle hängen natürlich von dir ab. Aber lass dich bloß nicht davon nervös machen, dass du das Schicksal von mehr als hundert Leuten in der Hand hast.“

„Danke! Jetzt geht es mir sofort viel besser.“ Polly lächelte schief. Sie zog ihr Mobiltelefon aus der Tasche, scrollte durch ihre E-Mails und seufzte. „Ich habe kaum zwei Stunden geschlafen, aber in der Zeit sind über hundert Mails angekommen. Kannst du mir einen späteren Flug nach Paris buchen? Gérard Bonnel möchte unser Meeting morgen auf den Abend verschieben.“

„Du fliegst nicht. Die Bahn ist billiger. Ich habe dir eine Fahrkarte für den Morgenzug von St. Pancras gekauft. Wenn das Meeting erst am Abend stattfindet, hast du ein paar Stunden Zeit, dir Paris anzuschauen.“ Debbie beugte sich über den Tisch und brach sich ein großes Stück von Pollys Muffin ab. „Sieh dir den Eiffelturm an! Oder verführe einen aufregenden Franzosen am Ufer der Seine! Oh là, là!“ Sie schnalzte mit der Zunge und sah Polly vielsagend an.

Polly schaute nicht von der E-Mail auf, die sie gerade schrieb. „Öffentlicher Sex ist eine Straftat, selbst in Frankreich.“

„Nicht annähernd so ein Verbrechen wie dein nicht existierendes Liebesleben“, entgegnete Debbie. „Wann warst du das letzte Mal mit einem Mann verabredet?“

„Ich brauche keinen Mann in meinem Leben. Auch ohne habe ich schon genug Probleme!“ Polly schickte die Mail ab.

„Im Leben geht es nicht nur um Arbeit!“, widersprach Debbie. „Selbst wenn du dir das offenbar nicht vorstellen kannst!“

„So! Die restlichen Mails müssen bis nach dem Meeting warten.“ Polly schaltete ihr Handy aus und schaute nervös auf die Uhr. „Verflixt! Was soll ich zuerst tun? Ich wollte die Präsentation noch einmal durchgehen. Aber meine Haare sehen bestimmt furchtbar aus.“

Debbie holte ein Glätteisen aus Pollys Schreibtisch und stöpselte es in die Steckdose. „Halt still. Ich kümmere mich um deine Haare.“

„Ich muss mich auch noch schminken.“

„Dazu ist keine Zeit mehr! Aber bei deinen blonden Locken und den blauen Augen brauchst du auch kein Make-up. Keine Sorge, du siehst großartig aus!“ Debbie zog das Glätteisen durch Pollys Haare. „Mit deiner Figur kannst du diese pinkfarbene Strumpfhose wirklich tragen!“ Etwas wehmütig betrachtete sie im Fenster ihre eigenen üppigen Rundungen.

Polly hielt den Kopf still, doch ihre Hände drehten ruhelos das Mobiltelefon. „Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Vater immer noch nicht angerufen hat. Es geht um das Überleben seiner Firma, aber er lässt sich nicht blicken. Dabei habe ich ihm mindestens hundert Nachrichten auf Band gesprochen.“

„Du weißt doch, dass er sein Handy nie einschaltet. So …“ Debbie zog den Stecker des Glätteisens heraus. „Fertig!“

Polly drehte ihre langen Haare zusammen und steckte sie achtlos im Nacken zu einem lockeren Knoten auf. „Ich weiß.“ Sie seufzte. „Darum habe ich gestern Abend sogar ein paar Londoner Hotels angerufen und nach einem Mann mittleren Alters in Begleitung einer jungen Frau gefragt.“

Debbie räusperte sich. „Das muss wirklich peinlich gewesen sein.“

„Mit Peinlichkeiten bin ich aufgewachsen.“ Polly zog ihre Schuhe unter dem Schreibtisch hervor. „Damon Doukakis wird uns in der Luft zerreißen, wenn Dad nicht auftaucht.“

„Dafür sind alle anderen hier. Doukakis wird ausnahmslos fleißige Angestellte bei der Arbeit vorfinden. Jeder bemüht sich heute besonders, einen guten Eindruck zu machen.“

Polly schüttelte langsam den Kopf. „Dazu ist es zu spät. Damon Doukakis hat mit Sicherheit schon entschieden, was er mit uns vorhat.“ Sie versuchte, ihre Panik in den Griff zu bekommen, als sie daran dachte, dass er mit ihrer Werbeagentur tun und lassen konnte, was er wollte. Wie hatte ihr Vater es nur so weit kommen lassen können?

Für Damon Doukakis ging es einzig und allein um Rache, davon war Polly fest überzeugt. Seine heutige Entscheidung über die Zukunft der Firma war seine Art, ihrem Vater eine Nachricht zu senden. Doch leider würde sein Zorn nicht nur ihren Vater ruinieren, sondern auch all seine Angestellten, die keinerlei Schuld an der Situation trugen.

Sie war der einzige Mensch, der vielleicht noch etwas retten konnte. Der Gedanke an die Last ihrer Verantwortung schnürte ihr die Kehle zu. Im tiefsten Inneren wusste sie, dass sie machtlos war. Dennoch konnte sie nicht einfach tatenlos zusehen. Sie musste für die Belegschaft kämpfen.

Debbie stopfte sich den Rest des Muffins in den Mund. „Du kannst nur versuchen, dich mit Damon Doukakis zu verständigen“, erklärte sie kauend. „Ich habe irgendwo gelesen, dass er einen Zwanzigstundentag hat. Damit habt ihr wenigstens etwas gemeinsam.“

Nach drei schlaflosen Nächten schaffte Polly es nur mit Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen. „Also, ich habe alle Zahlen beisammen. Sind die Vorstandsmitglieder schon da?“

„Sie sind gemeinsam mit Damon Doukakis angekommen. Seit sie Doukakis ihre Anteile verkauft haben, gehen sie uns aus dem Weg.“ Debbie verzog missbilligend die Mundwinkel. „Ich kann einfach nicht begreifen, was jemand wie Damon Doukakis mit unserer kleinen Werbeagentur will! Dieser Mann ist nicht nur Milliardär, sondern einer der mächtigsten Großindustriellen dieser Zeit. Wieso hat er es ausgerechnet auf unsere unbedeutende Firma abgesehen?“

Sie warf Polly einen raschen Blick zu. „Versteh mich nicht falsch! Ich liebe es, hier zu arbeiten, aber wir entsprechen doch nicht dem Stil eines Damon Doukakis, oder?“

Bei dem Gedanken, wie hart sie für diesen Betrieb gearbeitet hatte, schloss Polly für einen Moment die Augen. „Nein, Debbie, du hast recht, wir entsprechen nicht seinem Stil“, erwiderte sie heiser.

„Also was soll das Ganze dann?“, rief Debbie aufgebracht. „Doukakis hat den Direktoren ein Vermögen für ihre Geschäftsanteile gezahlt. Weit mehr, als sie wert waren. Ist das hier ein Spaß für ihn? Will er sich mit unserer Agentur seine Langeweile vertreiben?“

Polly biss sich auf die Lippen. Sie wusste genau, warum Damon Doukakis ausgerechnet ihre Firma gekauft hatte. Diese Wahrheit konnte sie allerdings niemandem anvertrauen.

Sie dachte an das Telefonat vor einigen Tagen zurück, in dem sie Doukakis Stillschweigen geschworen hatte. Doch sie bewahrte das Geheimnis nicht nur seinetwegen – auch sie selbst könnte es nicht ertragen, wenn die Wahrheit bekannt würde.

„Nicht einer aus dem Vorstand hat sich geweigert zu verkaufen! Sonst sähe heute vielleicht alles ganz anders aus.“ Polly atmete einige Male tief ein und aus, bis ihr Herzschlag sich wieder beruhigt hatte. „Ich weiß nicht, wie oft ich Erster-Klasse-Tickets für sie gebucht oder wie viele sündhaft teure Geschäftsessen ich bezahlt habe, nur um dann von ihnen zu hören, unser Betrieb würde nicht genug abwerfen. Sie sind wie Moskitos, die unser Blut in ihre fetten Körper saugen …“

„Polly!“, rief Debbie aus und schüttelte sich. „Diese Vorstellung ist absolut ekelhaft!“

Sie sind ekelhaft.“ Polly zwang ihre Gedanken zurück zu dem bevorstehenden Meeting. Hatte sie irgendetwas vergessen? „Wenn ich die Präsentation selbst halten würde, wäre ich nicht halb so aufgeregt.“

„Du solltest sie auch halten!“

„Keine Chance. Michael Anderson fühlt sich von mir zu sehr bedroht. Er will auch unter der neuen Leitung seine Position als stellvertretender Firmenchef behalten. Am liebsten würde er verhindern, dass ich den Mund aufmache. Er hat wohl Angst, ich könnte erwähnen, wer hier die ganze Arbeit erledigt. Außerdem bin ich offiziell nur Dads Assistentin. Mein Job ist es, im Hintergrund dafür zu sorgen, dass alles reibungslos läuft.“

Hätte ich wenigstens formale Qualifikationen! dachte sie bitter. Alles, was sie wusste, hatte sie durch Zusehen und Zuhören gelernt, zudem besaß sie ein ausgezeichnetes Gespür für die Werbebranche. Doch Polly war sich bewusst, dass dies den meisten Arbeitgebern nicht reichen würde. Wie sehr sie sich wünschte, sie könnte einen Universitätsabschluss vorweisen!

„Doukakis besitzt bereits eine überaus erfolgreiche Werbeagentur. Er braucht nicht noch eine, und vor allem braucht er unsere Leute nicht“, murmelte sie resigniert.

Debbie steckte eine Haarsträhne fest, die aus Pollys Knoten gerutscht war. „Es ist zu früh, um aufzugeben. Nimm es einfach als Kompliment, dass Doukakis unbedingt die Agentur deines Vaters haben will. Wer weiß, was er mit uns vorhat? Vielleicht machen wir uns ganz umsonst Sorgen. Wieso sollte er einen Betrieb aufkaufen, nur um ihn dann zu ruinieren?“

Damit er die Kontrolle hat, dachte Polly, aber sie sprach es nicht aus. Während ihr Vater sich amüsierte und das Leben eines jugendlichen Playboys führte, wurde seine Firma von einem gnadenlosen Feind vernichtet. Wieso konnte er jetzt nicht an ihrer Seite sein, anstatt ihr diesen aussichtslosen Kampf ganz allein zu überlassen?

Debbie schien ihr die Gedanken vom Gesicht abzulesen. Tröstend klopfte sie Polly auf die Schulter. „Du bist Damon Doukakis noch nie begegnet. Vielleicht ist er ja sogar ganz nett!“

Polly spürte, wie sich ihre Wangen röteten. Sie hatte Doukakis bereits einmal getroffen, und zwar im Büro des Schuldirektors, an dem Tag, an dem sie zusammen mit einer Mitschülerin von ihrer exklusiven Privatschule gewiesen worden war. Unglücklicherweise war das andere Mädchen Doukakis’ Schwester gewesen. Doch Polly hatte seinen ganzen Zorn zu spüren bekommen.

Allein der Gedanke an jenen Tag ließ sie noch heute zittern. Nein, sie hatte nicht den geringsten Zweifel daran, was Doukakis ihr gleich mitteilen würde.

„Mit wem ist dein Vater eigentlich zurzeit zusammen?“, fragte Debbie und riss Polly aus ihren Grübeleien. „Immer noch mit der schönen Spanierin, die er in seinem Salsakurs kennenge-lernt hat?“

„Nein, das heißt … ich weiß es nicht.“ Polly wandte sich bei der Lüge ab. „Was denkt er sich nur dabei, ausgerechnet jetzt unterzutauchen? In ein paar Minuten ist alles ruiniert, wofür Dad sein ganzes Leben gearbeitet hat, und er …“

„… ist in irgendeinem Hotel und hat wilden Sex mit einer Frau, die vermutlich nicht einmal halb so alt ist wie er.“

Polly hob die Hand, um Debbie am Weiterreden zu hindern. „Nicht, bitte! Darüber möchte ich nun wirklich nicht nachdenken!“ Erst recht nicht, wenn es dabei ausgerechnet um diese Frau geht, ergänzte sie im Stillen.

„Daran solltest du dich inzwischen nun wirklich gewöhnt haben. Ist deinem Vater eigentlich klar, dass er dir mit seinem ausschweifenden Liebesleben vermutlich für alle Zukunft die Lust auf eine Beziehung verdorben hat?“

„Für dieses Thema habe ich jetzt keine Zeit!“ Polly verdrängte die Gedanken an ihren Vater. Sie schlüpfte in ihre hochhackigen Stiefel und zog den Reißverschluss zu. „Hast du Kaffee und Gebäck für das Meeting vorbereitet?“

„Selbstverständlich! Steht alles schon auf dem Tisch.“

Polly sah auf die Uhr. Sofort klopfte ihr Herz wieder schneller. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich vor etwas so sehr gefürchtet wie vor diesem Meeting. Sie machte sich keine Illusionen über ihre eigene Zukunft in der Agentur, aber die Angestellten waren wie ihre eigene Familie, und sie würde mit aller Kraft für ihre Jobs kämpfen.

Sie atmete noch einmal tief durch, um sich Mut zu machen, dann wandte sie sich zur Tür. In diesem Moment klingelte das Telefon auf ihrem Schreibtisch, und sie hob ab. „Polly Prince!“

„Hier ist Michael Anderson. Würden Sie bitte in den Besprechungsraum kommen?“

An seinem schleppenden Tonfall erkannte Polly, dass der Stellvertreter ihres Vaters trotz der frühen Stunde bereits getrunken hatte. Wut stieg in ihr auf. Seit mindestens zehn Jahren hatte Michael keine kreative Idee mehr beigesteuert, sondern nur mit vollen Händen das Geld der Agentur ausgegeben.

„Ich bin schon unterwegs.“ Wütend knallte sie den Hörer auf die Gabel und griff nach ihrem Notebook.

„Viel Glück!“

Polly stand auf. Debbie zog beeindruckt die Luft ein und sah zu ihr auf. „Mit diesen Stiefeln bist du wirklich imponierend groß.“

„Darum habe ich sie angezogen.“ Bei ihrer letzten Begegnung mit Damon Doukakis hatte sie sich winzig klein neben ihm gefühlt. In jeder Beziehung. Doch heute würde sie ihm auf Augenhöhe gegenüberstehen!

2. KAPITEL

Jedes Gespräch verstummte abrupt, als Polly eintrat. Männer in dunklen Anzügen saßen vor Kaffeetassen und Aktenordnern an dem großen Tisch. Keiner von ihnen sah ihr in die Augen.

Sie zwang sich, ruhig weiterzugehen. Jeder dieser Männer war nach dem Verkauf seiner Firmenanteile ein Multimillionär. Polly verabscheute sie alle von ganzem Herzen. Ohne zu zögern, hatten sie nicht nur ihren Vater, sondern auch die gesamte Belegschaft verraten.

Vor Aufregung hatte sie im ersten Augenblick nicht auf den Mann geachtet, der am Kopfende des Tisches thronte. Wie ein siegreicher Feldherr hatte er den Platz ihres Vaters eingenommen. Obwohl er Polly schweigend und vollkommen reglos entgegensah, konnte sie seine männliche Aggression fast körperlich spüren.

Zu ihrem großen Ärger musste sie zugeben, dass Doukakis nicht nur über einen herausragenden Intellekt und außergewöhnlichen Geschäftssinn verfügte – er war auch noch umwerfend attraktiv.

Sein Gesicht war stolz und markant, der Mund wirkte zugleich spöttisch und sinnlich. Doch auch wenn er unglaublich gut aussah, bemerkte Polly ein kaltes, hartes Glitzern in den ebenholzschwarzen Augen. Sein maßgeschneiderter Anzug betonte die breiten Schultern und den muskulösen Oberkörper, und das blütenweiße Hemd ließ seine gebräunte Haut noch dunkler erscheinen. Selbst der Knoten der Seidenkrawatte saß perfekt.

Alles an ihm war makellos, ganz im Gegensatz zu den fülligen Vorstandsmitgliedern. Polly zweifelte nicht daran, dass er seinen Körper mit derselben eisernen Disziplin und Gnadenlosigkeit trainierte, die er auch bei seinen Geschäften zeigte.

Andere Frauen fanden Damon Doukakis offenbar unwiderstehlich, das wusste Polly aus den Artikeln, die ständig in Zeitungen und Magazinen über ihn auftauchten. Schon auf den ersten Blick strahlte er männliche Kraft, Macht und Reichtum aus. Neben ihm wirkten die übrigen Männer im Raum wie Lämmer neben einem Löwen.

Kein Wunder, dachte sie, immerhin war er der Chef der Doukakis Mediengruppe, eines der erfolgreichsten Unternehmen Europas, das selbst in Zeiten der wirtschaftlichen Depression immer mächtiger wurde.

Sieh ihm in die Augen, Polly! ermahnte sie sich. Unter keinen Umständen durfte sie ihm zeigen, dass sie Angst vor ihm hatte!

Langsam hob sie den Kopf. Als ihre Blicke sich trafen, fühlte sie sich, als würde sie von einem Stromstoß erfasst. Hastig wandte sie die Augen ab. Ihre Beine zitterten, ihr Herz raste wild.

Polly hatte erwartet, dass sie Angst spüren würde, vielleicht auch Wut, aber niemals hätte sie mit dieser jähen wilden Begierde gerechnet. Hoffentlich hatte Damon Doukakis nicht bemerkt, was in ihr vorgegangen war! Während sie sich bemühte, ihren schnellen Atem unter Kontrolle zu bekommen, schaltete sie ihr Notebook ein.

„Meine Herren“, begann sie. Für einen Moment zögerte sie. „Und Mr. Doukakis.“ Sie wunderte sich, wie ruhig und gelassen ihre Stimme klang.

Damon Doukakis’ Lächeln erreichte seine Augen nicht. Polly ertappte sich dabei, wie ihr Blick unwiderstehlich von seinen Lippen angezogen wurde. Für einen Moment dachte sie an die Geschichten über seine zahlreichen Affären. Anscheinend war er in seinen Beziehungen genauso kalt und skrupellos wie im Geschäft.

Wahrscheinlich tut er deshalb alles, um seine Schwester zu beschützen, dachte Polly. Er wusste, wie die Männer waren! Doch auch Polly kannte die Männer nur allzu gut. Damons starke sexuelle Anziehungskraft würde ihre Meinung über ihn ganz bestimmt nicht ändern.

Wieder trafen sich ihre Blicke, und Polly vergaß, was sie gerade hatte sagen wollen. Als sie das Funkeln in seinen Augen sah, wurde ihr klar, dass er ganz genau wusste, welche Wirkung er auf sie hatte.

„Miss Prince?“

Seine kühle, ironische Stimme riss sie aus ihrer Erstarrung.

„Wie Sie ja bereits wissen, ist Miss Prince die Tochter des Geschäftsführers“, erklärte Michael Anderson. Offenbar bemerkte er die Spannung zwischen Polly und Damon Doukakis nicht. „Ihr Vater hat ihr den Job in der Agentur gegeben.“

Polly zuckte bei seiner abfälligen Bemerkung zusammen und versuchte, ihren Ärger zu verbergen. Sie spürte, wie ihr Kampfgeist zurückkam. So leicht würde sie nicht aufgeben!

„Ich habe eine Präsentation über unsere Geschäftsstrategien vorbereitet“, erklärte sie mit neuer Entschlossenheit. „Sie werden sehen, dass wir in diesem Jahr bereits sechs neue Kunden und …“

„Danke, Polly, das ist nicht nötig“, fiel Michael Anderson ihr ins Wort. „Wir alle hier verstehen Sie, aber Ihr Vater ist nicht mehr der Firmenchef. Nicht einmal heute beehrt er uns mit seiner Anwesenheit.“ Anderson warf einen raschen Blick zu Damon Doukakis, der ruhig in seinem Stuhl saß. Seine ungerührte Miene verriet nicht, was er dachte.

Michael Anderson räusperte sich und strich nervös über sein schütteres blondes Haar. „Wir werden den Angestellten nachher mitteilen, dass wir uns von ihnen trennen müssen.“

Der Boden unter Pollys Füßen schien plötzlich zu schwanken. „Was? Heißt das, alle sollen entlassen werden?“ Ihre eigene Stimme hörte sich rau und fremd an. „Ohne jede Diskussion? Aber … es ist Ihr Job, die Leute zu schützen. Sie müssen Mr. Doukakis klarmachen, warum wir sie brauchen!“

„Tatsache ist, dass wir sie nicht brauchen, Polly.“

„Das stimmt nicht! Die neuen Kunden haben wir als Team gewonnen. Wir sind ein gutes Team!“, rief sie verzweifelt aus.

Michael Anderson klopfte nervös mit seinem Stift auf den Tisch. „Lassen Sie einfach das Notebook hier, Polly. Dann kann jemand von Mr. Doukakis’ Leuten sich die Präsentation später anschauen.“

Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Jeder wartete nur darauf, dass sie den Raum verließ.

Polly beugte sich vor und stützte sich auf den Tisch. Sie sah Michael Anderson fest an. „Nein, es ist noch nicht vorbei! Sie müssen diese Präsentation halten!“

„Polly …“

„Nein! Sie haben eine Verantwortung für die Angestellten! Diese Menschen haben viele Jahre hart für Sie gearbeitet und Ihnen damit Ihr Luxusleben finanziert. Sie können sie jetzt nicht einfach im Stich lassen! Wenn Sie schon sonst nichts für sie tun, halten Sie wenigstens meine Präsentation!“

Einer der anderen Männer schob seinen Stuhl zurück. „Polly, es hat keinen Sinn mehr.“

„Da draußen sitzen hundert Angestellte und bangen um ihre Existenz! Sie wissen nicht, ob sie in Zukunft noch ihre Familie ernähren und ihre Miete zahlen können. Ist wirklich niemand hier am Tisch bereit, auch nur ein Wort für sie einzulegen?“, rief Polly aus. Sie sah die Männer der Reihe nach an. Die meisten wandten die Augen ab. „Erst scheffeln Sie mit Ihrem Verrat Millionen, und dann lassen Sie unsere Leute im Stich! Was für erbärmliche Feiglinge Sie alle sind!“

„Das reicht!“ Michael Anderson sprang auf. Sein teigiges Gesicht war wutverzerrt. „Wenn Sie nicht die Tochter vom Chef wären, hätte ich Sie schon lange gefeuert! Schon allein für Ihren Kleidungsstil!“

„Wie jemand sich kleidet, hat nichts mit der Arbeitsleistung zu tun, Mr. Anderson“, fiel Polly ihm ins Wort. „Ich brauche keinen maßgeschneiderten Anzug, der verbirgt, wie üppig mein Bauch von all den teuren Geschäftsessen geworden ist.“

Michael Anderson lief so rot an, als würde ihn jeden Moment der Schlag treffen. „Ich weiß, dass Sie eine harte Zeit hinter sich haben, Polly.“ Mit offensichtlicher Anstrengung rang er sich ein schiefes Lächeln ab. „Darum bin ich bereit, über Ihr Verhalten heute hinwegzusehen. Ich gebe Ihnen einen väterlichen Rat: Nehmen Sie Ihre Abfindung, machen Sie einen schönen langen Urlaub und denken Sie über Ihre Zukunft nach. Sie sind doch ein hübsches Mädchen, Polly“, setzte er mit einem anzüglichen Blick auf ihre zierliche und doch wohlgerundete Figur hinzu.

„Wenn Sie sich ein bisschen Mühe geben, können Sie bestimmt in einer anderen Firma einen Job als Sekretärin bekommen. Ich wünsche Ihnen jedenfalls für die Zukunft alles Gute.“

Die übrigen Männer am Tisch nickten beifällig, offensichtlich zufrieden damit, wie Michael Anderson die Situation gerettet hatte.

Nur Damon Doukakis stimmte nicht in das allgemeine Lächeln ein.

Doch Polly dachte nicht einmal daran, friedlich den Raum zu verlassen. „Behalten Sie Ihre sexistischen Ratschläge für sich!“, fauchte sie. „Wie können Sie es wagen, so mit mir zu reden! Sie wissen genau, wer hier die ganze Arbeit geleistet hat. Jedenfalls niemand aus Ihrer Runde.“

„Was glauben Sie, wer Sie sind?“ Michael Anderson trat drohend einen Schritt auf sie zu.

Polly wich nicht zurück. „Jemand, dem die Zukunft der Agentur und der Menschen, die hier arbeiten, am Herzen liegt. Wenn Sie auch nur einen einzigen Angestellten entlassen, ohne über eine andere Lösung zumindest nachzudenken, dann werde ich …“

Polly brach ab. Was werde ich? dachte sie zitternd. Was konnte sie schon tun? Wie hatte sie nur so die Beherrschung verlieren können? Sie hatte alle, die an sie geglaubt hatten, im Stich gelassen. Anstatt etwas zu retten, hatte sie alles nur noch schlimmer gemacht.

„Gut“, sagte sie leise. „Ich gehe. Ich verlasse auf der Stelle die Firma und verzichte auf jede Abfindung. Aber bitte lassen Sie Ihren Ärger über mich nicht an der Belegschaft aus. Bitte überdenken Sie die Kündigungen noch einmal in Ruhe.“ Sie klappte das Notebook zu und wandte sich zur Tür.

„Ich möchte die Präsentation sehen. Schicken Sie mir die Datei auf mein Handy.“ Damon Doukakis’ Stimme war hart, seine Miene ungerührt. „Ich will alles sehen, was Sie vorbereitet haben.“

Unter seinem durchdringenden Blick erstarrte Polly. Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ohne etwas zu sagen.

„Sie ist nur eine überschätzte Sekretärin, Damon“, schaltete sich Michael Anderson ein. „Wirklich, Sie sollten nicht …“

Damon Doukakis sah ihn nicht einmal an, seine dunklen Augen ruhten noch immer auf Polly. „Sie können der gesamten Belegschaft mitteilen, dass sie drei Monate Zeit haben, ihr Können zu zeigen. Wer mich beeindruckt, behält seinen Job. Gute Leute lasse ich niemals gehen. Mittelmäßigkeit reicht allerdings nicht aus. Ich leite schließlich kein Wohltätigkeitsinstitut. Dennoch gibt es heute einige fristlose Kündigungen. Der gesamte Vorstand ist hiermit entlassen.“

Aufgeregtes Gemurmel erfüllte den Raum. Als Polly begriff, was Damon Doukakis gerade gesagt hatte, wurde ihr vor Erleichterung schwindlig. Rasch griff sie nach der Tischkante, um sich festzuhalten.

„Das können Sie nicht tun!“ Michael Anderson zerrte an seinem Krawattenknoten, als würde er ersticken. „Wir sind der Motor der Agentur!“

„Hätte mein Wagen so einen Motor, würde ich ihn verschrotten“, erklärte Damon Doukakis ungerührt. „Sie alle haben mir gezeigt, wie Sie zu der Firma stehen, als Sie mir ohne zu zögern Ihre Anteile verkauft haben. Ich arbeite nicht mit Leuten, die ich kaufen kann.“

Polly hätte am liebsten getanzt und gejubelt, aber Damon Doukakis war noch nicht fertig.

„Die gesamte Agentur wird in mein Bürohaus hier in London verlegt. Ich habe dort bereits eine Etage vorbereiten lassen.“

Polly verging die Freude. „Aber … wir arbeiten hier schon ewig und …“

„‚Ewig‘ interessiert mich nicht, Miss Prince“, entgegnete Damon Doukakis kühl. „Alles, worauf Sie im Geschäftsleben hoffen können, ist ‚jetzt‘. Mein Stellvertreter Carlos wird sich um alles Weitere kümmern.“

„Damon …“ Michael Anderson streckte eine zitternde Hand nach Damon Doukakis aus, doch nach einem Blick in dessen Gesicht ließ er sie wieder sinken. „Damon, Sie brauchen jemanden, der Ihnen erklärt, wie die Agentur geführt wird.“

Damon Doukakis hob die dunklen Brauen. „Mir hat ein Blick auf die Jahresbilanz gereicht, um zu sehen, wie die Firma geführt wird. Miserabel. Allerdings werde ich in der Tat jemanden behalten, der sich hier ganz genau auskennt.“

Michael Anderson atmete auf. „Wunderbar. Für einen Moment dachte ich schon …“

„Miss Prince“, fuhr Damon Doukakis fort. „In den kommenden drei Monaten werden Sie eng mit mir zusammenarbeiten.“

Polly schnappte nach Luft. Mit ihm zusammenarbeiten? Eng? Unmöglich! „Ich … ich bin bereit, zurückzutreten, Mr. Doukakis“, stammelte sie.

„Sie treten nirgendwohin, Miss Prince. Sie und Ihr Notebook werden im nächsten Vierteljahr an meiner Seite bleiben. Wir werden gemeinsam daran arbeiten, aus diesem Schlamassel herauszukommen.“

Redet er von der Firma? fragte Polly sich. Oder von der Beziehung ihres Vaters mit seiner Schwester? „Aber …“

„Teilen Sie den Leuten mit, was wir hier besprochen haben. Innerhalb der nächsten Stunde werden wir mit dem Umzug beginnen. Jedem, der nicht dazu bereit ist, steht es natürlich frei, die Agentur zu verlassen.“ Er wandte ihr den Rücken zu.

„Warten Sie!“ In Pollys Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Das Einzige, was sie im Moment wusste, war, dass sie umgehend möglichst weit von Damon Doukakis fortkommen musste. „Ich kündige.“

Langsam drehte er sich wieder zu ihr um. Er betrachtete sie einen Moment, bevor er antwortete: „Gehen Sie, und ich kündige auf der Stelle der gesamten Belegschaft.“

„Aber sie haben nichts getan.“

Damon Doukakis lächelte humorlos. „Nach meiner Einschätzung der Jahresbilanz ist das absolut zutreffend. Ich frage mich, was irgendjemand in dieser Firma im letzten Jahr getan hat. Auf einem Friedhof geht es lebhafter zu als hier. Ehrlich gesagt bezweifle ich sehr, dass ich in drei Monaten auch nur einen Mitarbeiter weiterbeschäftigen werde.“

Polly biss sich auf die Lippen. Sie dachte an Doris Cooper, die seit vierzig Jahren in der Poststelle arbeitete. Seit dem Tod ihres Mannes ordnete sie die Post regelmäßig falsch zu, doch niemand wollte sie verletzen und darauf aufmerksam machen. Also sortierten alle stillschweigend die Post neu, wenn sie es nicht bemerkte. Oder Derek Wills, der kaum seinen eigenen Namen buchstabieren konnte, aber alle unermüdlich mit ausgezeichnetem Tee versorgte.

„Also gut“, brachte sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor. „Ich arbeite für Sie. Aber ich finde Ihr Verhalten ausgesprochen mies.“

„Damit haben Sie immer noch eine höhere Meinung von mir als ich von Ihnen.“

Polly zuckte zusammen, als sie sich wieder an den Tag im Büro des Rektors erinnerte. Ihre Angst vor Damon Doukakis kam mit einem Schlag zurück. Trotz ihrer hohen Absätze fühlte sie sich in diesem Moment wieder ganz klein neben ihm. „Sie sind nicht fair!“

„Das Leben ist nicht fair“, erwiderte er kalt. „Ob es Ihnen gefällt oder nicht – Sie gehören jetzt zu meiner Firma, Miss Prince. Willkommen in meiner Welt.“

3. KAPITEL

Das war das chaotischste Meeting meines Lebens! dachte Damon Doukakis, als er sich im Besprechungsraum umschaute. Er wusste nicht, auf wen er wütender sein sollte, auf die Vorstandsmitglieder, die ihre komplette Belegschaft im Stich gelassen hatten, ohne mit der Wimper zu zucken, oder auf sich selbst, weil er diese heruntergewirtschaftete Firma aufgekauft hatte, obwohl er doch eigentlich nur seine Schwester beschützen wollte.

Was hatte Arianna nur dazu getrieben, sich auf eine Affäre mit Peter Prince einzulassen? Der Mann war alt genug, um ihr Vater zu sein.

Damon liebte seine Schwester von ganzem Herzen, aber die Verantwortung für sie war keine leichte Aufgabe. Inzwischen hatte er aufgehört zu zählen, wie oft sie versucht hatte, ihn herauszufordern. War auch ihr Verhältnis mit Peter Prince nur eine ihrer Trotzhandlungen?

Er erinnerte sich noch genau an die kalte Februarnacht, als die Polizei an die Tür geklopft und die schreckliche Nachricht vom Tod der Eltern überbracht hatte. Damals war er sechzehn gewesen, zehn Jahre älter als Arianna. Nur das Wissen, dass er der einzige Mensch war, der seiner kleinen Schwester geblieben war, hatte ihm die Kraft gegeben, einen Tag nach dem anderen durchzustehen.

Damon riss seine Gedanken von seinen persönlichen Problemen los. Mit einer ungeduldigen Handbewegung entließ er alle Anwesenden.

„Miss Prince!“, hielt er Polly zurück, als sie gerade den Raum verlassen wollte.

Widerwillig drehte sie sich zu ihm um.

„Schließen Sie die Tür!“

Polly folgte seiner Aufforderung etwas zu laut und sah ihn abwartend an.

Mit einem kurzen Blick musterte er sie von Kopf bis Fuß. Was hatte sie sich dabei gedacht, in diesem Aufzug zu einem Geschäftsmeeting zu erscheinen? Ihr kurzes Kleid verhüllte kaum etwas von der grell pinkfarbenen Strumpfhose und ihren endlos langen Beinen. Sie kam ihm noch größer vor als vor zehn Jahren, doch das konnte auch an ihren hochhackigen Stiefeln liegen.

Als er ganz unerwartet Lust verspürte, wandte er hastig den Blick zu ihrem Gesicht. Wäre er nicht so entsetzt über seine körperliche Reaktion gewesen, hätte er über sich lachen können. Dieses Mädchen war nun wirklich nicht sein Typ! Die Frauen, mit denen er sich normalerweise umgab, waren gebildet und zurückhaltend und kleideten sich mit dezenter Eleganz, das genaue Gegenteil von Polly Prince.

„Wo zum Teufel ist er?“, fuhr er Polly an, um sich von seinen unwillkommenen Gefühlen abzulenken.

„Ich weiß es nicht.“

„Erzählen Sie mir, was Sie wissen!“

Ihr fein geschnittenes Gesicht blieb ungerührt, als sie seinen Blick erwiderte. „Nach dem, was Sie mit unserer Firma gemacht haben, weiß ich, dass Sie größenwahnsinnig sind.“

Bei ihrer Antwort stieg Wut in Damon auf. „Antworten Sie nur auf das, was Sie gefragt werden! Wo ist Ihr Vater?“

„Ich weiß es nicht!“

In ihren Augen konnte Damon lesen, dass sie die Wahrheit sagte, doch er gab noch nicht auf. „Wie erreichen Sie Ihren Vater in einem Notfall?“

„Gar nicht.“ Polly wirkte über seine Frage ehrlich überrascht. „Mein Vater hat mich dazu erzogen, allein zurechtzukommen. Wenn es einen Notfall gibt, bewältige ich ihn eben.“

„Ich habe heute die Firma Ihres Vaters übernommen, Miss Prince. Das ist eindeutig ein Notfall, aber ich sehe nicht, dass Sie irgendetwas bewältigt haben“, erwiderte Damon scharf. „Als Firmenchef trägt Ihr Vater Verantwortung! Ich kann nicht glauben, dass er nichts damit zu tun haben will.“

Das ist nicht wahr! dachte er plötzlich bitter. Er erlebte nicht zum ersten Mal, dass ein Mann vor seinen Verpflichtungen weglief. Mittlerweile war er mächtig und erfolgreich, doch noch immer ließ ihn die Erinnerung daran nicht los.

In diesem Moment löste sich der Knoten in Pollys Nacken. Ihr blassblondes Haar fiel wie ein heller Wasserfall über ihre Schultern und lenkte Damon von seinen düsteren Grübeleien ab.

Dieses Mädchen bedeutete nichts als Ärger! Das war schon vor zehn Jahren so gewesen. Damals war seine Schwester Pollys Disziplinlosigkeit zum Opfer gefallen. Rasch verdrängte Damon den Gedanken, dass er Polly nicht für die Fehler ihres Vaters verantwortlich machen konnte.

„Wie können Sie es wagen, mir vorzuwerfen, dass ich heute nichts für die Firma getan habe!“ Pollys unglaublich blaue Augen sprühten Funken. „Sie haben einen völlig überhöhten Preis für die Firmenanteile geboten. Was sollte ich denn dagegen unternehmen? Aber ich tue alles, um unsere treuen Angestellten vor einem skrupellosen Chef wie Ihnen zu beschützen!“

Mit einer Handbewegung schnitt Damon ihr das Wort ab. „Sparen Sie sich das Theater! Wir wissen beide ganz genau, dass Sie nicht das geringste Interesse am Wohlergehen Ihrer Belegschaft haben“, erklärte er verächtlich. „Es geht Ihnen doch nur darum, so viel Geld wie möglich aus der Agentur zu ziehen. Aber damit ist ab heute Schluss! Sie werden für Ihr Geld arbeiten, anstatt sich fürs Nichtstun fürstlich bezahlen zu lassen. Und wenn Ihr Können nur dazu ausreicht, die Toiletten zu putzen, werden Sie eben die Toiletten putzen!“

Polly starrte ihn für einen Moment mit ihren saphirblauen Augen an, dann schüttelte sie den Kopf. „Sie wissen wirklich nicht das Geringste über die Firma, die Sie so teuer gekauft haben.“ Sie lachte verächtlich auf. „Ich hätte nicht gedacht, dass Mr. Allmächtiger-Medienmogul dermaßen blind sein kann.“

Bisher war Damon stolz auf seine Gelassenheit gewesen, doch in diesem Moment hätte er am liebsten seine Hände um Pollys schlanken Hals gelegt und zugedrückt. „Ich habe die Agentur Ihres Vaters nur übernommen, um seine Kooperationsbereitschaft sicherzustellen“, erwiderte er steif.

„Ein ziemlich ungeschickter Versuch, das Liebesleben Ihrer Schwester unter Kontrolle zu bekommen, würde ich sagen“, gab Polly kühl zurück. „Nun, warum auch immer – jetzt gehört Ihnen die Firma jedenfalls, und Sie sollten anfangen, sich dafür zu interessieren.“

„Arianna ist Ihre Freundin. Kümmert es Sie wirklich nicht, dass sie mit Ihrem Vater ins Bett geht?“ Zufrieden sah Damon, wie Polly bei seinen brutalen Worten blass wurde. „Hat sie Ihnen nicht anvertraut, wo sie sich aufhält?“

„Sie ist Ihre Schwester. Warum sollte sie mir mehr vertrauen als Ihnen?“

„Sie erzählt mir nichts über ihr Leben“, erwiderte Damon bitter. „Jetzt verstehe ich auch, warum. Offenbar hat sie eine Menge zu verbergen.“

„Arianna ist vierundzwanzig, Mr. Doukakis. Sie ist eine erwachsene Frau. Warum versuchen Sie nicht, ihr zu vertrauen?“

„Meine Schwester ist unglaublich naiv!“

„Vielleicht liegt das daran, dass Sie viel zu fürsorglich waren und Arianna nie die Chance hatte, ihre eigenen Erfahrungen zu machen.“

War es wirklich überfürsorglich, wenn man jemanden, den man liebte, vor Verletzungen bewahren wollte? Damon erinnerte sich an die Nacht, als ihre Eltern gestorben waren. Er hatte geglaubt, Arianna wäre zu klein, um zu begreifen, was geschehen war. Doch dann war sie auf seinen Schoß geklettert und hatte geweint, als könnte sie niemals wieder aufhören. Damals hatte er sich geschworen, sie vor jedem Kummer zu beschützen.

Damon dachte daran, wie er seiner Schwester vor zehn Jahren den Kontakt mit Polly verboten hatte. Wegen Polly Prince und ihrer Unfähigkeit, sich Regeln unterzuordnen, war Arianna damals von einer der besten Schulen des Landes gewiesen worden. Mit Schaudern erinnerte er sich an die lautstarken Streitereien, die seiner Entscheidung gefolgt waren.

„Arianna ist eine sehr reiche Frau. Leider fehlt ihr jede Menschenkenntnis, und das macht sie zur idealen Beute für skrupellose Männer.“

Polly hob ihre fein gezeichneten Brauen. „Ich kann nicht behaupten, viel über Beziehungen zu wissen, Mr. Doukakis, aber ich kann Ihnen versichern, dass mein Vater nicht wegen ihres Geldes mit Arianna zusammen ist.“

Hastig verdrängte Damon das Bild seiner Schwester in den Armen des alternden Playboys. „Ach ja? Dann wissen Sie offenbar nicht, wie schlecht es um die Agentur steht!“

„Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, dass Arianna ein warmherziger, humorvoller Mensch ist und mein Vater sie vielleicht unterhaltsam findet?“

„Ich werde dafür sorgen, dass sie ihn nicht mehr lange unterhalten wird!“, presste Damon hervor. „Wie zum Teufel können Sie so ruhig bleiben? Wie alt ist Ihr Vater? Fünfzig?“

„Vierundfünfzig.“

„Schämen Sie sich nicht für ihn und seine zahllosen Affären mit jungen Mädchen? Arianna ist dreißig Jahre jünger als er. Er hat vier Scheidungen hinter sich! Was für ein Mensch muss das sein?“

„Vielleicht einfach ein ewiger Optimist, Mr. Doukakis.“

Wenn es hier nicht um seine Schwester gehen würde, hätte Damon aufgelacht. „Glauben Sie das wirklich, Miss Prince?“ Falls möglich, war seine Meinung von Polly noch weiter gesunken. „Innerhalb der nächsten Stunde wird meine Übernahme im Internet bekannt gemacht. Sobald Ihr Vater davon erfährt, wird er sich mit Ihnen in Verbindung setzen. Wenn das geschieht, will ich umgehend unterrichtet werden.“

Polly zuckte anmutig mit den Schultern. „Mein Vater mag das Internet nicht. Er ist überzeugt, dass es zwischenmenschliche Beziehungen verhindert.“

Bei der Erwähnung zwischenmenschlicher Beziehungen brach Damon der Schweiß aus, doch er ließ sich nichts anmerken. „So oder so wird er bald davon erfahren, und er wird bestimmt nicht erfreut sein.“

„Da stimme ich Ihnen zu. Er hält Sie für einen Menschen, der nur an Geld interessiert ist. Schon vor zehn Jahren war es ihm nicht recht, dass ich über Arianna mit Ihnen zu tun hatte.“

Damon schnappte verblüfft nach Luft. „Er hat mich für einen schlechten Einfluss gehalten?“

„Mein Vater kann Menschen nicht leiden, die sich nur für ihren Profit interessieren. Für ihn hängt Erfolg genauso vom Wohlergehen der Menschen wie vom Gewinn ab.“

Damon schnaubte spöttisch. „Um das zu erkennen, hat mir ein Blick auf Ihre Bilanzen gereicht. Es ist ein Wunder, dass diese Firma überhaupt noch Gewinn abwirft, bei all dem Ballast, der hier Monat für Monat ein Gehalt erhält.“

„Wagen Sie es nicht, unsere Leute als Ballast zu bezeichnen, Mr. Doukakis! Jeder hier ist auf seine Art wichtig. Sie sind wirklich genauso kalt und unbarmherzig, wie man sagt!“ Polly presste die zitternden Lippen fest aufeinander und senkte den Kopf.

Ohne darüber nachzudenken, fasste Damon nach ihrem Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Unter seinen Fingern spürte er ihre zarte Haut. „Sie haben recht, ich bin erbarmungslos, Miss Prince. Das sollten Sie nie vergessen. Und Tränen erweichen mich nicht, sondern ärgern mich nur.“

„Ich weine gar nicht!“ Polly hoffte, dass er nicht spürte, wie ihr Kinn zitterte. Seine warme Berührung fühlte sich so intim an, dass ihr das Blut in die Wangen stieg. Während sie versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu ignorieren, hielt sie seinem Blick stand.

Wie jung sie aussieht! ging Damon durch den Kopf. Für einen Moment versuchte er, sich vorzustellen, wie ihre Kindheit ausgesehen hatte, allein mit einem notorischen Playboy zum Vater. Plötzlich verspürte er den Impuls, sich zu verteidigen. „Ich habe nichts genommen, was man mir nicht freiwillig gegeben hat.“

„Sie haben ein Angebot gemacht, dass man nicht ausschlagen konnte.“

Fast hätte er gelächelt. „Ich bin Grieche, kein Sizilianer. Und die Leute, die für mich arbeiten, würden mich nicht verraten, egal, wie gut das Angebot sein sollte.“

Mit einem Ruck befreite Polly ihr Kinn aus seinem Griff. „Jeder hat seinen Preis, Mr. Doukakis.“

Damon spürte mit einem Mal, wie all seine Sinne erwachten. Er konnte sich nicht erinnern, wann er eine Frau zum letzten Mal so heftig begehrt hatte. Ahnte sie etwa, was in ihm vorging?

„Falls das ein Angebot sein soll, nein danke, Miss Prince“, antwortete er kühl. „In Bezug auf meine Bettgefährtinnen bin ich extrem wählerisch.“

Polly sah ihn mit großen Augen an, als wäre sie ehrlich entsetzt. „Ich habe vom Geschäft geredet!“

„Selbstverständlich“, erwiderte er ironisch.

„Sind wir jetzt fertig?“

„Fertig? Ich habe noch nicht einmal angefangen.“ Damon wandte den Blick ab. Er konnte die heftige erotische Anziehungskraft zwischen ihnen nicht leugnen, aber es kümmerte ihn nicht. Schon seit langer Zeit wählte er seine Partnerinnen mit dem Verstand aus, nicht mit seiner Libido. „Ich erwarte Sie heute Nachmittag Punkt zwei Uhr in meinem Büro, Miss Prince. Und versuchen Sie nicht länger, an meine Gefühle zu appellieren, Miss Prince. Ich lasse meine Entscheidungen niemals durch Gefühle beeinflussen.“

„Ach, wirklich?“ Polly sah ihn spöttisch an. „Dann haben Sie uns also aufgekauft, weil Sie unsere Agentur so schätzen, und nicht, um ihre Schwester zu beschützen?“ Sie hob herausfordernd den Kopf. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden. Ich muss mich mit all meiner Unfähigkeit und Faulheit darum kümmern, dass der ganze ‚Ballast‘ für den Umzug fertig wird.“ Ohne Damons Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und ging mit klappernden Absätzen zur Tür.

Damons Blick folgte ihr. „Und gewöhnen Sie sich einen anderen Kleidungsstil an!“, rief er ihr nach. „In diesen Strumpfhosen sehen Sie aus wie ein Flamingo. Ich erwarte von meinen Angestellten, dass sie einen professionellen Eindruck machen.“

Polly blieb stehen, doch sie drehte sich nicht zu ihm um. „Sie mögen also weder meine Arbeit noch meine Kleidung. Sonst noch etwas?“

Damon fragte sich, ob sie ihm den Rücken als Zeichen ihrer Respektlosigkeit zuwandte, oder ob sie den Tränen nah war. Als er ihre schmale Gestalt betrachtete, spürte er eine seltsame Regung. Würde er sich nicht besser kennen, hätte er es für Mitleid gehalten. Schnell verdrängte er das Gefühl.

Die Agentur stand kurz vor dem Bankrott, ein sicheres Zeichen dafür, dass sie weder Vater noch Tochter am Herzen lag. Polly redete von hundert Angestellten, die um ihre Zukunft bangten. Dabei musste sie doch ganz genau wissen, wie schlecht es um die Firma stand. Damon war ihre letzte Chance.

Für einen Moment überlegte er, ob er ihr sagen sollte, dass er es für persönliches Versagen hielt, wenn Leute entlassen werden mussten. Er könnte ihr auch sagen, dass er ihre Verantwortung als Arbeitgeber besser als jeder andere verstand.

Aber warum sollte er das tun? Sie hatte dazu beigetragen, dass es mit der Firma so weit gekommen war. „Sie können gehen, Miss Prince.“

„Ich bringe ihn um! Ich lege meine Hände um seinen Hals und drücke zu, bis er endlich aufhört, mich zu beleidigen. Und dann werde ich eine Schere nehmen und Löcher in seinen makellosen Anzug schneiden. Danach schütte ich Ketchup auf sein blütenweißes, faltenfreies Hemd!“ Polly ließ ihre Stirn auf den Schreibtisch fallen. „Ich kann nicht begreifen, warum er so einen Erfolg bei den Frauen hat! Was sehen sie in ihm? Freiwillig würde ich keine Sekunde in seiner Gegenwart verbringen!“ Sie war viel zu aufgebracht, um sitzen zu bleiben, und sprang auf. „Er ist ein herzloses, sexistisches Monster.“

Das hatte sie allerdings nicht daran gehindert, sich während ihrer gesamten Auseinandersetzung seiner Nähe bewusst zu sein. Wie war es möglich, dass sie diesen schrecklichen Menschen so anziehend fand?

„Ich weiß nicht, ob er ein Monster ist. Auf jeden Fall ist er atemberaubend attraktiv und sexy.“ Debbie packte einige Aktenordner in einen Karton und stapelte ihn auf andere, die bereits fertig gepackt waren. „Wenigstens haben wir alle noch unsere Jobs. Wenn du ehrlich bist, musst du zugeben, dass ihm niemand einen Vorwurf machen könnte, wenn er uns alle rausgeworfen hätte. Die Agentur erwirtschaftet nicht mal mehr unsere Gehälter.“

Insgeheim gab Polly ihr recht. „Ich kann jedenfalls nicht für diesen Mann arbeiten.“ Sie versuchte, nicht an sein attraktives, kaltes Gesicht zu denken. Er ist eiskalt! rief sie sich zur Ordnung. Kalt, ohne einen Funken von Humor.

„Du kannst nicht gehen. Dann schmeißt er uns alle raus.“

„Woher weißt du das?“

„Wir haben an der Tür gelauscht.“

Polly ließ sich wieder in ihren Schreibtischstuhl fallen. „Habt ihr kein bisschen Schamgefühl?“

„Das war ein Notfall“, erwiderte Debbie ungerührt.

„Ich brauche eine andere Strumpfhose. Pink ist offensichtlich nicht seine Lieblingsfarbe.“ Polly zog ihre Schreibtischschublade auf und betrachtete kritisch das Durcheinander. „Nicht zu fassen, dass ich mich seinetwegen umziehe! Wie tief kann ein Mädchen noch sinken?“

„Er mag deine Strümpfe nicht? Hast du ihm nicht gesagt, dass du sie trägst, weil …“

„Niemand sagt Damon Doukakis irgendetwas.“ Polly durchwühlte die Schublade. „Man hört nur zu, während er Befehle gibt. Das ist eine Diktatur! Wie zum Teufel schafft es der Mann, dass überhaupt jemand für ihn arbeitet?“

„Er zahlt Spitzengehälter und sieht umwerfend gut aus“, antwortete Debbie, ohne zu zögern.

„Sein Aussehen interessiert mich nicht.“

„Das sollte es aber. Du bist jung und Single.“ Sie hob die Hand, um Polly das Wort abzuschneiden. „Ich weiß, ich weiß, wegen deines Vaters hältst du nichts von der Ehe, aber Damon Doukakis …“

„Debbie!“, schrie Polly auf. „Kein Wort mehr! Ich würde ihn nicht mit der Kneifzange anfassen. Außerdem könnte ich mich nie für einen Mann interessieren, der nicht einmal weiß, wie man lächelt.“

Debbie stellte einen weiteren Karton auf den Stapel. „Reg dich ab, Polly! Aufregung ist schlecht für den Blutdruck.“

Polly konzentrierte sich wieder auf ihre Schublade. „Ich weiß genau, dass hier noch irgendwo eine schwarze Strumpfhose sein muss.“

„Nimm meine.“ Debbie warf eine Tüte auf Pollys Schreibtisch, dann hob sie behutsam eine Pflanze von der Fensterbank und stellte sie zu den Kartons. „Ich wollte schon immer sehen, wie der Doukakis Tower von innen aussieht. In der Eingangshalle soll es sogar einen riesigen Springbrunnen geben.“

„Wahrscheinlich, damit sich seine verzweifelten Angestellten darin ertränken können.“ Polly begann, Fotos von der Wand abzunehmen.

„Jetzt bist du unfair. Du musst zugeben, dass dein Vater eine recht … unkonventionelle Art hat, die Agentur zu leiten. Ich wette, falls er irgendwann wieder von dort auftaucht, wo immer er sich gerade amüsiert, wird er sich freuen, wenn Dämon Damon die Firma wieder zum Laufen gebracht hat.“

Polly starrte Debbie aus schmalen Augen an. „Auf wessen Seite stehst du eigentlich?“

Debbie zuckte die Schultern. „Ehrlich gesagt, auf der Seite von dem, der mir mein Gehalt zahlt. Prinzipien sind gut und schön, aber die kann ich weder essen noch meine Miete damit zahlen.“

„Du hast leicht reden.“ Polly betrachtete ein Bild von der letzten Weihnachtsfeier. Ihr Vater hielt eine vollbusige, blonde Frau im Arm und lachte in die Kamera. Neben ihm stand ein älterer Mann, dessen Krawatte verrutscht war. „Aber was ist mit jemandem wie Frank Foster?“ Sie hielt Debbie das Foto hin. „Ich könnte mir die Agentur nicht ohne ihn vorstellen, aber er würde hier keine Sekunde überleben, wenn Damon Doukakis jemals erfahren sollte, dass er noch mit Bleistift und Taschenrechner arbeitet. Frank würde zugrunde gehen, wenn er seinen Job verliert.“

„Oder auch nicht“, erwiderte Debbie unbeeindruckt. „Weißt du, wie oft du versucht hast, ihm beizubringen, wie er einen Computer bedient? Vielleicht wird es Zeit, dass er umdenkt.“

„Und was ist, wenn er es nicht schafft? Wir müssen bereit sein, für Leute wie Mr. Foster mitzuarbeiten. Wir können nicht zulassen, dass Doukakis sie rauswirft.“

„Vermutlich ist jetzt kein guter Zeitpunkt, dir zu sagen, dass Kims Tagesmutter krank ist. Sie hat ihren kleinen Sohn mit ins Büro gebracht. Bisher war das in so einem Fall immer in Ordnung, aber ich weiß nicht, ob Mr. Doukakis ein Freund von Babys ist.“

„Sag Kim, sie soll den Rest des Tages unauffällig freinehmen. Aber für morgen muss sie jemanden finden, der auf das Baby aufpasst.“

„Und falls das nicht klappt?“

„Dann müssen wir ihr einen Büroraum suchen, in dem sie sich mit dem Kind verstecken kann.“ Polly schüttete den Inhalt der Schublade in einen Karton. „Mein Vater hat wohl nicht zufällig angerufen?“

„Kein Lebenszeichen bisher. Aber die Übernahme wurde bereits in den Nachrichten gesendet. Seine aktuelle Begleitung muss wirklich besonders aufregend sein, wenn sie ihn alles andere vergessen lässt.“

Polly schloss gequält die Augen. Wieso musste es ausgerechnet Arianna sein?

Debbie nahm einen Stapel Bewerbungsunterlagen verschiedener Universitäten aus Pollys Schreibtisch und zögerte. „Was soll ich damit tun?“

Polly spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. Damon Doukakis würde sich köstlich amüsieren, wenn er diese Prospekte bei ihr finden würde. „Steck sie in den Schredder. Ich weiß gar nicht, wieso ich sie überhaupt angefordert habe.“

„Bist du sicher?“

Polly unterdrückte den Impuls, die Unterlagen zu nehmen und sorgfältig zu verstauen. „Ja. Es war nur ein dummer Traum.“

Unwillkürlich hielt Polly die Luft an, als sie fünf Stunden später den Doukakis Tower betrat. Mitten in der Eingangshalle stand der berühmte Springbrunnen und bildete einen aufregenden Kontrast zu all dem glänzenden Glas und Marmor. Kein Wunder, dass dieses Gebäude die Titelblätter aller Architekturzeitschriften geziert hat, musste sie zugeben.

„Vierzigster Stock“, teilte ihr die atemberaubende Blondine am Informationsschalter mit und deutete zu dem verglasten Aufzug. Polly trat ein, aber sie konnte sich nicht durchringen, auf den Knopf zum vierzigsten Stock zu drücken.

Widerwillig bewunderte sie durch die Glaswände den Ausblick. Sie konnte das House of Parliament sehen, davor prangte das London Eye, das gigantische Riesenrad am Ufer der Themse. Sie dachte an ihr winziges Bürofenster zurück, von dem aus sie auf die Wand des Nachbarhauses geschaut hatte. Zweifellos war Damon Doukakis ein skrupelloser Geschäftsmann, aber er hatte Geschmack.

Sie erinnerte sich an die Freude der Angestellten, als sie erfahren hatten, dass sie nicht nur ihre Jobs behalten, sondern auch in dieses aufregende Gebäude umziehen würden. Nur Polly hatte nicht in den Jubel mit eingestimmt.

Ihr wurde bewusst, dass sie jetzt für einen der anspruchsvollsten Arbeitgeber in ganz London arbeitete. Zu ihrer eigenen Überraschung wünschte sie sich, Damon Doukakis zu beweisen, dass sie gut in ihrem Job war.

Warum hatte er sie nicht zusammen mit dem Direktorium entlassen? Weil sie seine einzige Verbindung zu ihrem Vater war, oder einfach nur, um sie zu quälen?

Polly wandte den Blick von der Aussicht ab und betrachtete sich in dem Spiegel, der eine Wand der Kabine bedeckte. Plötzlich fühlte sie sich in ihrem kurzen Rock unpassend gekleidet. Vielleicht hätte sie sich lieber einen Hosenanzug anziehen sollen, statt einfach nur die Strumpfhose zu wechseln.

Sie dachte an ihren ersten Tag in der exklusiven Schule zurück, in der sie Arianna kennengelernt hatte. Damals hatte sie sich genauso unsicher und fehl am Platze gefühlt.

Noch heute konnte sie das Kichern der anderen Mädchen hören, das Getuschel hinter ihrem Rücken, als sie aus dem protzigen Kabriolett ihres Vaters geklettert war. Sie wusste längst nicht mehr, welche seiner vollbusigen Freundinnen neben ihm gesessen hatte.

Doch das war erst der Anfang der Demütigungen gewesen. Polly erinnerte sich an die „zufälligen“ Rempeleien auf dem Flur, als wäre es gestern gewesen. Niemand hatte mit ihr geredet. Setzte sie sich an einen Tisch, standen die anderen wie auf ein Stichwort auf, während sie trotzig versuchte, so zu wirken, als wäre es ihre freie Entscheidung, allein zu essen.

Wenn auch sonst nicht viel, hatte sie in jener Zeit zu überleben gelernt. Auch jetzt würde sie nicht kampflos aufgeben. Sie holte tief Luft und drückte den Knopf. Gerade als sich die Türen geräuschlos schlossen, schob sich blitzschnell eine Hand in einem schwarzen Handschuh durch den Spalt. Die Türen öffneten sich wieder, und ein großer Mann in Motorradmontur trat ein.

Polly sah breite Schultern unter schwarzem Leder und drückte sich tiefer in ihre Ecke. Jetzt waren die letzten zwei Minuten Ruhe auch dahin. Erst bei einem zweiten Blick erkannte sie Damon Doukakis. Plötzlich kam es Polly vor, als wäre die Temperatur in der Kabine um einige Grad gestiegen.

Angriff ist die beste Verteidigung, beschloss sie. „Ich dachte, hier muss jeder einen Anzug tragen!“

„Ich hatte ein Meeting am anderen Ende der Stadt und bin mit dem Motorrad gefahren.“

Das schwarze Leder betonte seine männliche Ausstrahlung. Als Polly spürte, wie ihre Hände feucht wurden, wandte sie hastig den Blick ab. „Und ich dachte schon, Sie hätten sich in Leder gekleidet, um Ihr Personal zu züchtigen.“

„Sollte ich das tun, wären Sie die Erste auf meiner Liste“, erklärte er freundlich. „Vielleicht wäre ja etwas aus Ihnen geworden, wenn Ihr Vater Ihnen früher ein bisschen Disziplin beigebracht hätte.“

Polly verriet ihm nicht, dass ihr Vater seine Verantwortung bereits bei ihrer Geburt niedergelegt hatte.

„Aber das werden wir jetzt nachholen. Heute bekommen Sie Pluspunkte für Pünktlichkeit und eine neue Strumpfhose.“

Zu ihrem Entsetzen traten Polly bei seinem Spott Tränen in die Augen. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass ihre Hände vom Tragen der schweren Kartons mit Blasen übersät waren. Ihre Füße und ihr Rücken taten weh, und bis auf die zwei Stunden am Morgen hatte sie seit Tagen kaum geschlafen.

Doch Damon Doukakis würde ihr sowieso kein Wort glauben. Seine Meinung über sie hatte er sich bereits vor zehn Jahren gebildet.

Insgeheim wusste sie, dass sie seine Verachtung verdiente. Schließlich war Arianna ihretwegen von der Schule gewiesen worden. Polly war allerdings überrascht, wie tief seine Abneigung sie verletzte. „Die Medien nennen Sie den ‚Killer‘“, murmelte sie. „Nicht unpassend, finde ich.“

Damon lächelte grimmig und drückte auf den Fahrstuhlknopf. Sanft glitt die Kabine aufwärts. „Vielleicht treibt das ja Ihren Vater aus seinem Versteck.“

Polly konnte den Blick nicht von seinem Gesicht abwenden. An seinem kräftigen Kinn zeigten sich dunkle Bartschatten. Dieser Mann verströmte aus jeder Pore aggressive Männlichkeit. „Mein Vater versteckt sich nicht. Er ist kein Feigling. Sie sollten nicht über jemanden urteilen, den Sie gar nicht kennen.“ Sie konnte spüren, wie bei ihren Worten die Spannung in der Kabine anstieg.

„Mein Erfolg beruht darauf, dass ich Menschen einschätzen kann, Miss Prince.“

„Sie brauchen Macht über Menschen, um sich gut zu fühlen, richtig?“

Damon bewegte sich blitzschnell. Bevor sie ihm ausweichen konnte, stand er dicht vor ihr. Er stützte seine Hände rechts und links von ihrem Kopf an die Wand. Ihr Herz raste, und sie presste sich so tief wie möglich in ihre Ecke.

„Ich habe noch nie den Drang gehabt, eine Frau zu schlagen, Miss Prince!“, stieß er aus. Seine breite Brust unter dem Leder hob und senkte sich schnell. „Aber Sie würden selbst einen Heiligen in Versuchung bringen.“

Polly starrte Damon an. Wieso behauptete jeder, dieser Mann wäre kalt und beherrscht? Er war der launischste und unberechenbarste Mensch, der ihr jemals begegnet war!

„Ich … ich wollte damit nur sagen, dass ich noch nie einen Chef wie Sie erlebt habe“, stammelte sie. „Für Sie existiert nur Ihre eigene Meinung, und ich weiß nicht, wie gut unsere Leute unter Angst und Druck arbeiten können. Mehr wollte ich nicht sagen.“

Hoffentlich tritt er endlich einen Schritt zurück, flehte sie innerlich und atmete dabei seinen Duft ein. Sie wusste nicht, wie lange sie sich noch beherrschen konnte, bevor sie die Hände nach Damon ausstrecken und ihn berühren würde.

Er presste etwas in Griechisch zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor, dann ließ er die Arme sinken. „Irgendwie hat die Presse erfahren, dass Ihr Vater und meine Schwester zusammen sind. Ich werde eine Stellungnahme herausgeben, in der ich erkläre, dass dies nichts mit meiner Geschäftsübernahme zu tun hat, sondern Ihre Agentur sich in unser Firmenprofil einfügt.“

„Es soll wohl nicht öffentlich bekannt werden, dass Sie uns nur aufgekauft haben, um die Beziehung zwischen Arianna und meinem Vater zu zerstören“, entgegnete Polly mit zuckersüßer Stimme.

„Nehmen Sie einen guten Rat von mir an, Miss Prince.“ Damon senkte seine langen Wimpern, bis sie seine Augen nicht mehr erkennen konnte. „Auch in Zeiten der Gleichberechtigung sind Männerhasserinnen ausgesprochen unattraktiv. Aber wer weiß – wenn Sie ein bisschen an Ihrer weichen, weiblichen Seite arbeiten, finden vielleicht auch Sie noch einmal einen Partner.“

Polly blieb eine Antwort im Halse stecken. Sie wusste nicht, ob es sie mehr entsetzte, wie sehr Doukakis sie verabscheute, dass er sich über ihr Privatleben erkundigt hatte, oder dass sie insgeheim darüber nachdachte, wie es sich anfühlen mochte, von ihm geküsst zu werden. „Ich könnte mich nie für einen Mann interessieren, der nicht in der Lage ist, mit einer starken Frau zurechtzukommen.“

„Bei Ihrer Selbstüberschätzung ist es kein Wunder, dass Sie immer noch Single sind.“

Das ist gut! versicherte Polly sich im Stillen, während sie versuchte, ihren rasenden Herzschlag in den Griff zu bekommen. Selbst diese glühende Wut war besser als das Verlangen nach ihm. „Schade, dass sich die Türen während der Fahrt nicht öffnen lassen!“, gab sie zurück. „Sonst würde ich Sie rausschmeißen.“

Damon lächelte kalt. „Würde ich davon ausgehen, dass wir länger zusammenarbeiten müssen, würde ich springen.“

Bevor Polly eine Antwort einfiel, hielt der Aufzug, und die Türen öffneten sich mit einem leisen Klingeln. Sie erstarrte mitten in der Bewegung. Für einen Augenblick vergaß sie ihren Streit. Damon schob sie aus der Kabine und folgte ihr.

Eine Schar Angestellter war offensichtlich eifrig bei der Arbeit. Jeder Schreibtisch war mit Videotelefon, Notebook und Drucker ausgerüstet. Kaum jemand sah auf, als sie eintraten.

„Oh“, murmelte Polly beeindruckt. „Alles auf dem neuesten Stand der Technik. Aber … die Schreibtische sehen alle so leer aus.“

„Wir haben hier keine festen Arbeitsplätze“, erklärte Damon. „Jeder setzt sich dorthin, wo gerade Platz ist. Heutzutage geht es um Mobilität und Flexibilität, Miss Prince. Normale Büros nutzen kaum fünfzig Prozent ihrer Arbeitsfläche, wir dagegen schöpfen den Raum perfekt aus. Ein sehr gewinnbringendes System.“

„Die Leute haben keinen eigenen Schreibtisch? Wie furchtbar!“ Polly versuchte, sich ihre Freunde und Kollegen in dieser Umgebung vorzustellen. „Aber was ist, wenn jemand ein Bild von seiner Frau oder seinem Baby aufstellen will?“

„Die Leute sind hier, um ihren Job zu erledigen. Sie können ihr Baby zu Hause in ihrer Freizeit anschauen.“

Damon Doukakis steuerte Polly durch den Raum. Immer wieder hielt er an, um ein paar Sätze mit jemandem zu wechseln. Währenddessen versuchte sie in den Gesichtern der Leute zu lesen, wie sie sich in dieser unpersönlichen Umgebung fühlen mochten. Alles hier war Chrom und Glas und konzentrierte Stille. Polly dachte an die gurgelnde Kaffeemaschine in ihrem alten Büro, an die Wände voller Fotos und den gemütlichen, abgeschabten Armsessel vor dem kleinen Fenster.

„Hier werden wir also auch arbeiten?“, fragte sie Damon.

„Nein. Ich wollte Ihnen nur zeigen, wie Leistungsfähigkeit aussieht. Schauen Sie sich gründlich um, Miss Prince. So sieht ein erfolgreicher Betrieb aus. Im Moment fühlen Sie sich vermutlich, als wären Sie auf einem anderen Planeten gelandet.“ Sein markanter Mund verzog sich zu einem boshaften Lächeln.

„Um die Störungen so gering wie möglich zu halten, habe ich Ihre Agentur auf einer eigenen Etage einquartiert.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, stieß er eine Tür auf und lief die Treppe hinunter.

Polly streckte seinem Rücken die Zunge heraus und folgte ihm.

„Dies ist Ihre Etage!“ Damon öffnete eine Glastür.

Lautes Stimmengewirr schlug ihnen entgegen. Die Angestellten der Prince-Werbeagentur waren dabei, alles auszupacken. Über die Kisten und Kartons hinweg unterhielten sie sich dabei angeregt mit ihren Kollegen. Sobald sie Polly sahen, winkten sie ihr fröhlich zu.

Polly traten Tränen in die Augen. Hastig blinzelte sie und rang sich ein Lächeln ab. Alle waren so heiter und aufgeregt. Sie ahnten nicht, dass ihre Jobs nur an einem seidenen Faden hingen.

In diesem Moment öffnete sich die Fahrstuhltür. Debbie und Jen traten mit Kartons in den Armen heraus. Offensichtlich beeindruckt blieben sie stehen und schauten sich um. Als sie Damon und Polly erblickten, stellten sie die Kartons ab und kamen zu ihnen herüber.

„Wir werden uns hier bestimmt bald zu Hause fühlen.“ Debbie kicherte. „Nicht, dass es bei mir zu Hause so aussehen würde. Wo ist der Kessel für den Tee?“

Polly konnte in Damons Augen lesen, wie entsetzt er war. Sie hatte nur eine Chance, ihre Leute zu beschützen – sie musste dafür sorgen, dass er so selten wie möglich in ihre Nähe kam.

„Mr. Doukakis, ich hatte noch keine Gelegenheit, Ihnen meine Präsentation zu senden, aber ich habe sie auf einem USB-Stick bei mir. Was halten Sie davon, wenn ich sie Ihnen auf Ihrem Computer zeige? Debbie, würdest du das Auspacken betreuen?“

„Sicher! Als Erstes muss ich herausfinden, welche der Pflanzen direktes Sonnenlicht vertragen. Davon gibt es hier ja jede Menge.“ Sie warf Damon ein anerkennendes Lächeln zu. „Dieser Platz ist wirklich großartig, Mr. Doukakis.“ Sie streifte ihre Schuhe ab.

Mit einem „Kling“ öffnete sich die Aufzugtür, und zwei Männer mit einem Glaskasten traten heraus.

„Ah, das Aquarium!“, rief Debbie aus. „Die Fische sind bestimmt froh, wenn sie endlich aus ihren Plastiktüten herauskommen.“

„Aquarium?“ Damon sah Polly mit versteinerter Miene an.

„Sie haben doch gesagt, die gesamte Firma sollte umziehen“, entgegnete sie schwach. „Die Fische gehören dazu. Betrachten Sie es einfach so: Sie bekommen eine kostenlose Motivation Ihrer Angestellten. Fischen zuzuschauen regt die Kreativität an. Sie sollten es einmal versuchen.“

Damon erwiderte ihr Lächeln nicht. Endlich schien jeder im Raum gemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmte. Es wurde ganz still, alle Blicke waren auf sie gerichtet.

„In mein Büro, Miss Prince. Sofort!“

4. KAPITEL

„Nehmen Sie meine Anrufe entgegen, Janey.“ Damon ließ sein Handy auf den Schreibtisch seiner Sekretärin fallen und ging mit langen Schritten in sein Büro.

Polly folgte ihm schweigend.

Als er hörte, wie sie die Tür hinter sich schloss, drehte er sich zu ihr um. Auf dem Weg in sein Büro hatte er in seinem Kopf bereits die Standpauke formuliert. Er würde ihr sehr deutlich klarmachen, wie schlampig und unprofessionell ihre Leute waren. Doch als er Polly anschaute, blieben ihm die Worte im Hals stecken.

Leicht schwankend stand sie in dem großen Raum. Ihre Haare fielen in wirren Locken um ihr schmales Gesicht, dunkle Schatten ließen ihre Augen riesig wirken, und ihre Haut war fast so weiß wie sein Hemd.

Er musste an eine verirrte Gazelle denken, die den Rest ihrer Herde verloren hatte. Noch nie hatte er jemanden gesehen, der so erschöpft und jämmerlich wirkte.

Plötzlich begriff er, dass Polly in der letzten Woche durch die Hölle gegangen war. Es konnte nicht leicht für sie sein, hilflos mit anzusehen, wie ihr bequemes Luxusleben zerbrach.

„Was?“, fragte Polly müde. „Müssen Sie eigentlich immer jeden so grimmig anstarren? Es ist nicht leicht, in einer Atmosphäre der Angst zu arbeiten.“

„Hier gibt es keine Atmosphäre der Angst.“

„Woher wollen Sie das wissen? Sie sind derjenige, der die Angst verbreitet.“

„So etwas Albernes habe ich noch nie gehört.“

„Wahrscheinlich wagt niemand, es auszusprechen.“ Polly war so müde, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Plötzlich fehlte ihr die Kraft, weiterzukämpfen. „Ich weiß, dass Sie denken, ich wäre faul und nutzlos.“ Sie zögerte und strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Dabei kann ich Ihnen nicht einmal einen Vorwurf machen. Ich weiß selbst, wie das Ganze auf Sie wirken muss. Aber manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie auf den ersten Blick aussehen.“

„Ihre Firma ist ein Zirkus. Was genau ist daran nicht so, wie es auf den ersten Blick aussieht?“

„Auf Sie wirken wir vielleicht chaotisch. Aber eine entspannte Atmosphäre hilft uns, kreativ zu arbeiten.“

„Falls das eine Frage sein sollte, ob Sie Ihre Fische behalten können, ist die Antwort ein klares Nein. Ich dulde keine Haustiere in meinen Büros.“

„Streng genommen sind Romeo und Julia keine Haustiere. Können Sie nicht einmal für fünf Minuten ihre starren Prinzipien beiseitelassen? Sie wären überrascht, wie gut ihren Angestellten ein bisschen Freude tun würde.“

„Ich halte Ihre Art, die Agentur zu leiten, für schlampig und unprofessionell“, erwiderte Damon langsam.

„Ich weiß. Aber bitte geben Sie mir wenigstens eine Chance!“ Polly merkte selbst, wie verzweifelt sie sich anhörte. „Nachdem Sie den Vorstand gefeuert haben, kann ich unsere Firma retten.“

„Sie?“

„Ja, ich. Lassen Sie es mich wenigstens versuchen!“

Zum ersten Mal, seit er die Prince-Werbeagentur betreten hatte, war Damon zum Lachen zumute. „Sie bitten mich, Ihnen freie Hand zu lassen?“

„Ich weiß, dass Sie mir nicht glauben, aber ich kann es schaffen, unsere Firma wieder nach oben zu bringen.“

„So oder so, die Fische müssen weg. Ich führe hier kein Aquarium. Um Ihren Job zu machen, brauchen Sie nur ein Notebook und eine Internetverbindung. Davon haben Sie doch schon gehört, nicht wahr?“

Gegen seinen Willen war Damon von Pollys Beharrlichkeit beeindruckt. Konnte es sein, dass ihr die Zukunft der Angestellten ernsthaft am Herzen lag?

Er schüttelte den Kopf. Vermutlich hatte sie nur endlich begriffen, dass sie bei einem Bankrott nicht nur ihr bequemes Einkommen, sondern auch ihr Erbe verlieren würde.

Wenn möglich, war Polly in den letzten Minuten noch blasser geworden. Sie kam mit unsicheren Schritten zu seinem Schreibtisch und legte einen kleinen USB-Stick vor ihn. „Hier ist die Präsentation. Sehen Sie sich die Zahlen an. Neunzig Prozent unserer Ausgaben sind in die Taschen von einem Prozent der Beschäftigten gewandert. Dieses eine Prozent sind Sie heute mit dem Vorstand losgeworden. Damit haben wir bereits gewaltige Betriebsausgaben eingespart.“

Damon ertappte sich dabei, wie er fasziniert die weiche Kurve ihrer Unterlippe betrachtete. „Ich bin erstaunt, dass Sie einen Begriff wie ‚Betriebsausgaben‘ kennen, Miss Prince.“

„Bitte sehen Sie sich die Datei an.“

Damon versprach sich nicht viel von Pollys Präsentation, aber sie würde ihn wenigstens von seinen Gedanken an ihren aufregenden Körper ablenken. Er steckte den USB-Stick in seinen Computer und öffnete die Datei.

„Sehen Sie!“ Polly beugte sich vor und deutete auf den Bildschirm. Für einen Moment nahm Damon ihren zarten Duft wahr, und sein Herz klopfte schneller. „Wir haben alle Aufträge bekommen, um die wir uns beworben haben. Nicht einer ist an unsere Mitbewerber gegangen. Sechs große Neukunden bereits in diesem Jahr! Ein Kunde hat gesagt, unser Entwurf wäre der kreativste und aufregendste seit Jahren!“

Ehrlich überrascht sah Damon, dass Pollys Müdigkeit verschwunden war. Sie vibrierte vor Energie und Begeisterung. „Aufregende und kreative Konzepte treiben eine Werbeagentur nicht in den Bankrott.“

„Nein, aber zu hohe Betriebskosten und schlechtes Management. Wir hatten beides.“

„Ich verstehe nicht ganz, wem Sie daran die Schuld geben. Schließlich war Ihr Vater der Firmenchef.“

„Schuldzuweisungen sind Zeitverschwendung. Ich bitte Sie nur, sich die Fakten anzuschauen und uns eine Chance zu geben.“ Sie zögerte einen Moment. „Ich weiß, dass Sie gut in Ihrem Job sind, doch das sind wir auch. Zusammen könnten wir herausragend sein.“

Mit einer geschmeidigen Bewegung beugte Polly sich noch weiter vor, schloss die Datei und zog den USB-Stick aus dem Computer. Dabei löste sich eine seidige Haarsträhne aus ihrem Knoten und fiel leicht wie eine Feder auf Damons Wange.

Gleichzeitig mit Polly hob er eine Hand, um ihr Haar fortzustreichen, und ihre Finger berührten sich. Mit knallrotem Gesicht zog Polly ihre Hand fort und sprang zurück. Sie wirkte genauso entsetzt über den kurzen Körperkontakt wie Damon.

„Ich … behalten Sie die Datei, dann … dann können Sie sich in Ruhe alles noch einmal anschauen“, stotterte sie und steckte die rebellische Haarsträhne mit zitternden Fingern hinter das Ohr. „Falls Sie mich brauchen: Ich bin unten und helfe beim Auspacken.“

Damon konnte seinen Blick kaum von ihren schlanken Händen lösen. Plötzlich blinzelte er und starrte auf ihre Fingernägel. „Ist das etwa …?“

Polly versteckte ihre Hände blitzschnell hinter dem Rücken.

„Zeigen Sie mir Ihre Nägel.“

Pollys Augen funkelten aufbegehrend, und für einen Moment erwartete Damon, dass sie sich einfach umdrehen und gehen würde. Doch dann streckte sie langsam ihre Hände aus. „Hier!“

„Sie haben einen Totenschädel mit gekreuzten Knochen auf Ihren Nägeln!“

„Ich weiß. Das ist Kunst.“ Sie zuckte die Achseln. „Und vor allem Spaß.“

„Ein Totenkopf?“

„Das erschien mir für heute angemessen. Außerdem besitzt einer unserer größten Kunden eine Kosmetikfirma, die sich auf Nagellack spezialisiert hat. Das finden Sie alles in der Präsentation. Wir … was tun Sie da?“ Ihr nervöses Geplapper brach ab, als Damon nach ihrer Hand fasste. Sie versuchte, sich zu befreien, aber er hielt sie mit eisernem Griff.

Wie weich und zart ihre Finger sind! dachte Damon. Er versuchte, die Vorstellung zu verdrängen, wie diese Hände über seine nackte Haut glitten. Plötzlich konnte er kaum noch atmen. Mit seiner freien Hand lockerte er die Krawatte. War vielleicht die Klimaanlage ausgefallen?

Polly nutzte den Augenblick und zog ihre Hand mit einem Ruck zurück. „Ich lasse Sie jetzt allein, damit Sie sich die Präsentation anschauen können.“

„Ja, gehen Sie!“, sagte er heiser, ohne sie anzusehen.

Wäre sie nicht freiwillig gegangen, hätte er sie rausgeworfen. Wie war es möglich, dass dieses unmögliche Mädchen ihn so verwirren konnte? Noch dazu war sie die Tochter des Mannes, der seine Schwester verführt hatte!

Damon zog den Computer näher. Er musste sich auf die Arbeit konzentrieren. Doch statt Zahlen und Kurven sah er nur goldenes Haar und lange Nägel vor seinen Augen. Er biss die Zähne zusammen und verdrängte jeden Gedanken an Polly Prince. Von so einer albernen Angelegenheit würde er sich nicht vom Geschäft ablenken lassen!

Schon der erste Blick verriet ihm, dass hier ein Fachmann am Werk gewesen war, jemand, der eine Menge von Computern und Buchhaltung verstand. Dies war das erste Anzeichen von professioneller Arbeit, das er bisher in der Prince-Werbeagentur gesehen hatte.

„Warten Sie!“, rief er aus und stoppte Polly gerade noch, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

Sie steckte den Kopf zurück ins Büro. „Was?“

„Wer hat diese Präsentation erstellt?“

„Ich.“

Damon runzelte die Stirn. „Sie meinen, Mr. Anderson hat die Fakten für Sie zusammengestellt, und Sie haben die Präsentation angefertigt.“

„Nein. Ich meine, ich habe die Fakten zusammengestellt, die Sie brauchen, um eine Entscheidung über unsere Zukunft zu treffen.“

„Ich halte es für schweren Betrug, die Lorbeeren für eine Arbeit zu ernten, die andere geleistet haben.“

„Ach, wirklich? Dann können wir vielleicht besser zusammenarbeiten, als ich dachte“, erwiderte Polly trocken.

Damon starrte noch immer auf den Bildschirm und versuchte, Sinn in die ganze Sache zu bringen. „Was genau war Ihre Aufgabe in der Agentur?“

Autor

Trish Morey
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