Julia Collection Band 227

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Schicksal, Stolz und Leidenschaft

Drei Schwestern, drei Schicksale: schillernder und bunter als jede Fantasie! Ihre aufregenden Berufe führen Sheela, Brenda und Aislyn Kavanagh um die Welt. Abenteuer sind die unerschrockenen Frauen gewöhnt, doch das größte – die Liebe – müssen sie erst noch bestehen …

Miniserie von ALLY EVANS

HEISSE KÜSSE AUF DEM SCHIFF DER TRÄUME

Sheela kommt sich wie eine Piratenbraut vor. Mit dem Charmeur Nikos Stephanidis segelt die Fotografin auf der Jagd nach dem besten Motiv auf dessen antikem Dreimaster nach Thessaloniki. Aus dem Flirt wird schnell Leidenschaft. Doch etwas stimmt nicht …

VERBOTENE SEHNSUCHT IN VENEDIG

Brenda glaubt zu träumen: Die Hochzeitsplanerin fährt mit Modedesigner Lorenzo Rinaldi nach Venedig, um kostbare Stoffe für das Brautkleid ihrer Schwester zu besorgen. In einer Gondel auf dem Canal Grande bringt sein sexy Lächeln sie völlig um den Verstand …

STÜRMISCHE GEFÜHLE IM WÜSTENPALAST

Endlich hat Aislyn Scheich Amar ganz für sich. Wie ein Traum aus 1001 Nacht wirkt die von Fackeln beleuchtete Oase. Seine Blicke sind wie zärtliche Versprechen. Doch zurück im Palast von Maghrabesh wendet der Wüstenprinz sich von ihr ab. Aislyn bricht das Herz …


  • Erscheinungstag 15.08.2026
  • Bandnummer 227
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541213
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

ALLY EVANS

JULIA COLLECTION BAND 227

ALLY EVANS

1. KAPITEL

Jetzt war alles verloren!

Heftig atmend vom schnellen Lauf stand Sheela im Hafen von Rhodos, am äußersten Rand des Anlegers, und starrte der Fähre nach, die inzwischen gute zwanzig Meter zwischen sich und den Kai gebracht hatte. Das riesige Schiff verdeckte fast die gesamte Sicht auf die Hafenausfahrt. Der Anblick stand in krassem Kontrast zu dem, was Sheela in den letzten drei Tagen auf der zauberhaften Mittelmeerinsel gesehen hatte: Abertausende von filigranen Schmetterlingen, die jedes Jahr wie auf Verabredung plötzlich in einem bestimmten Tal auf Rhodos auftauchten.

Warum nur hatte sie sich für ein paar Fotos des interessanten Schauspiels auf den allerletzten Bus verlassen? Sie kalkulierte doch auch sonst immer eine größere Sicherheitsspanne ein! Schließlich hatte sie auf ihren zahlreichen beruflichen Reisen bereits öfter erlebt, dass bei Busfahrten mal etwas schiefging. Und ausgerechnet dieses Mal hatte sie gehofft, dass schon alles klappen würde?

Aber die Fotos waren einfach zu wichtig. Sheela hatte sie unbedingt noch in aller Frühe machen wollen, um sie für einen Wettbewerb einzureichen, den das griechische Tourismusbüro vor einigen Wochen ausgeschrieben hatte. Ganze dreißigtausend Euro bekam derjenige, der das beste Bild einsandte – ein Foto, das die Schönheit von Griechenlands Inseln auf einzigartige Weise mit einem ausdrucksvollen Motiv verband. Es war Geld, das Sheela dringend brauchte.

Seit vor ein paar Monaten ihr Vater verstorben war, dessen Behandlung seiner schweren Krankheit fast das gesamte Vermögen der Familie aufgezehrt hatte, überlegte sie zusammen mit ihren Schwestern fieberhaft, wie sich die familieneigene Pension in Galway und die angeschlossene Connemara-Pferdezucht doch noch retten ließen. Alle drei Schwestern wollten um jeden Preis verhindern, dass ihr Zuhause unter den Hammer geriet.

Brenda, die mittlere, schickte deshalb jeden Monat einen Scheck aus London, obwohl ihre vor drei Jahren gegründete Hochzeitsagentur erst seit Kurzem Gewinn abwarf und sie das Geld selbst dringend benötigt hätte. Aislyn, die jüngste, kümmerte sich zu Hause um die Pferde. Sie hatte neulich sogar verzweifelt vorgeschlagen, den letzten Zuchthengst zu verkaufen, um damit zumindest die Pension zu retten, die sie mit der Mutter seither allein führte.

Und sie, Sheela, die älteste Schwester, verfügte leider aufgrund eines schlimmen Vorfalls in ihrer Vergangenheit über keinerlei Geldreserven. Vor wenigen Wochen jedoch hatte sie von dem Fotowettbewerb erfahren und sich eine reelle Chance auf den Sieg ausgerechnet, denn sie war selbstständige Reisefotografin. Als solche besaß sie auch eine professionelle Fotoausrüstung, anders als Hobbyfotografen, die sich meistens mit weniger gutem Gerät begnügten. Außerdem hatte sie schon für die Tourismusbranche gearbeitet.

Also hatten die Mutter und die Schwestern zusammengelegt, um ihr die Reise zu ermöglichen – ein Inselhopping, bei dem Sheela möglichst viele kleine Eilande besuchen wollte, da Inseln für das Motiv vorgeschrieben waren. Sämtliche Tickets waren bereits gekauft. Aber die würden nun unweigerlich verfallen, denn leider bauten alle weiteren Anschlüsse auf dieser einen verpassten Fährverbindung auf.

Und das nur für ein paar Schmetterlingsfotos!

Sheela seufzte und schulterte den schweren Rucksack wieder. Auf ihrem Rücken wirkte er wie ein Ungetüm, bedrohlich schwankte er hin und her. Sie hatte ihn heute Morgen viel zu eilig gepackt. Jetzt riss sein Gewicht sie bei jedem Schritt nach hinten und sorgte dafür, dass sie sich nach vorn stemmen musste, um das Gleichgewicht einigermaßen zu halten. Bestimmt sah ihr Gang von fern aus wie der einer Hundertjährigen. Dabei war sie gerade mal neunundzwanzig, eigentlich kein Alter, bei dem man sich wankend fortbewegte.

Aber das war nun auch schon egal.

Wütend und verzweifelt lief Sheela zur befestigten Uferpromenade zurück. Nun musste sie mit diesem Ungetüm die Pensionen von Rhodos Stadt abklappern und hoffen, dass sich in dem von Touristen überlaufenen Ort noch eine bezahlbare Unterkunft fand. Bezahlbar war hierbei das Stichwort.

Aber auf jeden Fall müsste sie dafür auf ihr Budget für unvorhergesehene Ausgaben zurückgreifen, das sie sich bei Beginn ihrer Rundreise eingerichtet hatte. Das Geld war genau für solche Situationen gedacht, und viel war davon auch nicht mehr übrig, aber: Weißt du was, Sheela Kavanagh? Nach dieser Pleite wirst du sowieso keins mehr brauchen, denn hier auf Rhodos endet deine Reise. Weitere Tickets kannst du dir leider nicht leisten!

Das Einzige, was neben der Unterkunft jetzt noch zu bezahlen war, waren die Gebühren für die Umbuchung des Heimflugs nach Galway. Und eventuell ein oder zwei weitere Nächte, wenn es keinen sofortigen Rückflug gab. Müde und frustriert zog Sheela die Augenbrauen zusammen. Die Enttäuschung und der vorherige Sprint über den Anleger machten ihr zu schaffen, sie fühlte, wie ihre Beine zu zittern begannen.

Sie brauchte jetzt dringend Koffein! Auf der Promenade angekommen, hielt sie kurz inne und orientierte sich. Schräg gegenüber lag ein kleines Café mit einem wunderbar romantischen Blick auf den Hafen. Wenigstens etwas. Mit schweren Schritten steuerte Sheela auf die Terrasse zu.

Nikos hatte es sich an einem Einzeltisch auf der vollbesetzten Terrasse im Schatten eines Schirms bequem gemacht und beobachtete die vorbeiflanierenden Touristen. Seiner braungebrannten Haut machte die gleißende Sonne allerdings nichts aus. Da er in den letzten Tagen ohnehin viel auf dem Meer unterwegs gewesen war, hatte sich sein Körper wieder an das Spiel der Elemente gewöhnt – genau wie früher, als er sich als Kind fast den ganzen Tag am Wasser aufgehalten hatte.

Vor sich hatte er ein Glas Wein sowie die neueste Ausgabe von Kathimerini, eine der großen griechischen Tageszeitungen, die man hier auf Rhodos wie auf allen anderen größeren Inseln bekam.

Nicht dass er sich großartig für Politik begeistert hätte. Ihn interessierte vor allem der Businessteil und dort wiederum die Aktienkurse der verschiedenen griechischen Unternehmen. Eins davon nämlich, die Reederei Stephanidis, gehörte seinem Vater und war – bei aller Bescheidenheit – die größte und bekannteste Reederei in der griechischen Geschäftswelt.

Allerdings gab es im Unternehmen in letzter Zeit einige Probleme: Nikos’ Vater Konstantinos hatte sich bei einem größeren Geschäft verspekuliert. Der Verlust war empfindlich und hatte das Potenzial, die Reederei von ihrem Spitzenplatz zu verbannen. Zum Glück war davon aber noch nichts in die Geschäftswelt durchgedrungen, wie Nikos der Blick in die Wirtschaftsseiten erneut bestätigte.

Damit das so blieb, hatte sein Vater einen Plan gefasst: Er wollte mit dem zweitgrößten Reeder Griechenlands fusionieren und diese Fusion gleichzeitig noch durch die gewitzteste aller Geschäftsverbindungen besiegeln – durch eine Hochzeit. Nikos sollte Georgina Papadakis heiraten, die achtundzwanzigjährige Tochter des anderen Reeders.

Eine Liebesheirat war es nicht, das wussten sowohl Nikos als auch Georgina. Aber zumindest mochten sie sich. Vor Jahren hatten sie sogar einmal eine Affäre gehabt, sich dann aber einvernehmlich wieder getrennt. Seither jedoch waren sie in lockerer Verbindung geblieben – bis vor wenigen Monaten ihre Väter auf die Idee mit der Hochzeit gekommen waren. Wobei keiner der Geschäftspartner wusste, dass der andere auf die Verbindung genauso stark angewiesen war wie er selbst. Denn auch der alte Papadakis steckte in geschäftlichen Schwierigkeiten, wie Nikos von Georgina erfahren hatte.

Die Geschäftswelt wiederum wusste nur von der geplanten Heirat. Und so sollte es auch bleiben. Genau deshalb saß Nikos jetzt hier auf Rhodos, denn seine letzten freien Tage wollte er möglichst ohne nervende Paparazzi verbringen, die ihn zu Hause in Thessaloniki ständig belagerten.

Natürlich versuchte er, die Zeit, die ihm bis zur Hochzeit blieb, zu genießen, aber so ganz gelang es ihm nicht. Denn in wenigen Wochen war sein unbeschwertes Leben unwiderruflich vorbei. Dann würde er eine Frau heiraten, die er nicht liebte.

Sicherlich war unter den gegebenen Umständen Georgina die beste Option, das sah Nikos genauso wie sein Vater. Aber betrog er sich damit nicht trotzdem um den wichtigsten Aspekt, den das Leben einem Mann zu bieten hatte? Ratlos strich Nikos sich durchs Haar. Himmel, worauf hatte er sich da nur eingelassen?

Er griff nach dem Weinglas und ließ seinen Blick wieder über die Touristen schweifen, die auf der Promenade vorüberflanierten. Eine Menge junger Leute aus nördlichen Ländern war dabei, das verrieten ihm die blonden Haarschöpfe. Anscheinend genossen hier alle ihren Urlaub und hatten nicht den Anflug einer Ahnung, mit welchem Problem er sich herumschlug.

Wenigstens schmeckte der Wein. Ein kräftiger Retsina, der in Nikos unvermittelt Gedanken an frühere, unbeschwerte Tage aufkommen ließ. Er nahm einen zweiten Schluck und gab sich den angenehmen Bildern hin, die jetzt vor seinem geistigen Auge dahinflimmerten. Es waren Erinnerungen an ein Gefühl von Leichtigkeit, Übermut und jugendlichem Heldentum. Nikos seufzte leise auf. Vielleicht gelang es ihm ja, zumindest noch ein letztes Mal so unbeschwert zu flirten wie in jenen Tagen, als das Leben noch heiter und sorgenfrei gewesen war.

Puh, das war geschafft. Erleichtert ließ Sheela den Rucksack von ihrem Rücken auf einen Stuhl gleiten, wo er leider etwas wackelig stand, und sank auf den nebenstehenden Stuhl. Endlich hatte sie einen Tisch auf der heillos überfüllten Terrasse ergattert. Zweimal schon hatten andere Touristen ihr einen bereits sicher geglaubten Platz weggeschnappt, weil sie sich mit dem Ungetüm auf dem Rücken nicht so schnell bewegen konnte.

Durstig griff sie nach der Speisekarte. Nach dem Sprint auf dem Anleger und dem Warten in der heißen Sonne hatte sie sich definitiv ein Kaltgetränk verdient. Außerdem brauchte sie jetzt Koffein. Ein Frappé – ein kalter Mocca mit Eiswürfeln – war genau das Richtige.

Als der Kellner kam, bestellte Sheela, und zwar auf Griechisch, denn inzwischen beherrschte sie ein paar Vokabeln. Das machte sie auf ihren Reisen immer so. Nicht erst einmal hatten sich ihr dadurch Türen geöffnet, die sonst verschlossen geblieben wären, was für eine Reisefotografin natürlich eine gute Sache war.

Anschließend scannte sie mit fotografischem Blick die Umgebung. Die Aussicht auf den malerischen Hafen, in dem eine Menge Jachten festgemacht hatten, war fantastisch. Ganz hinten ankerte sogar ein antikes Segelschiff und hob sich eindrucksvoll gegen den Himmel ab. In der lichten Atmosphäre lag bereits jener leicht goldene Ton, der hier im Süden den oft spektakulären Sonnenuntergängen vorausging. Die Farben, die in der Mittagshitze noch silbern geflirrt hatten, waren intensiver geworden, und das Meer bekam langsam einen dunkleren, beinahe aquamarinblauen Ton. In einigen Stunden würde die ganze Szene in eine Orgie aus flammenden Orange- und Rottönen getaucht sein – genau der richtige Hintergrund für den Dreimaster, der wirkte, als stamme er aus einer vergangenen Zeit.

Die Aussicht war wirklich wunderschön. Aber sie tröstete leider überhaupt nicht über den Fakt hinweg, dass für Sheela und ihre Familie nun alles verloren war.

Der Kellner, ein blutjunger hübscher Bursche, kam und stellte den Frappé vor ihr ab, wobei er ihr unverschämt flirtend direkt in die Augen sah. Sheela erwiderte den Blick leicht amüsiert. Sie wusste, dass sie eine anziehende Ausstrahlung besaß, das hatten ihr schon viele Menschen gesagt. Auch wenn sie hinsichtlich ihrer Körpergröße keine Modelmaße hatte, war ihr Gesicht auffallend schön, mit hohen Wangenknochen und umrahmt von rotblondem Haar, das durch die Einwirkung von Salzwasser und südlicher Sonne in letzter Zeit einen sandgoldenen Ton angenommen hatte. Dazu hatte sie faszinierend meergrüne Augen und eine Haut, die auf Nase und Wangen einige Sommersprossen zeigte.

Brenda und Aislyn, ihre Schwestern, bezeichneten Sheela oft als Laufstegschönheit, irisch, wild und ungebändigt, nur leider etwas zu klein geraten, als dass sie eine Modelkarriere hätte anstreben können. Brenda hätte da schon eher Chancen gehabt.

Der junge Keller schien aber über alle Maßen beeindruckt und stieß beim Servieren, weil er sich mehr auf Sheela konzentrierte, versehentlich gegen den Stuhl, auf dem der Rucksack stand. Der Rucksack schwankte bedrohlich, fiel gegen den Tisch und drohte ihn umzukippen. Im letzten Moment sprang vom Nachbartisch ein Mann auf und verhinderte das Chaos. Er packte den Rucksack und zog ihn auf den Stuhl zurück.

„Um Himmels willen!“, rief Sheela, die ebenfalls aufgesprungen war und dabei blitzschnell nach dem Eiskaffee gegriffen hatte, während der junge Kellner sich entschuldigend Richtung Tresen eilte.

„Es ist ja nichts passiert“, erwiderte der Mann und sah sie an. Seine Augen waren dunkel, fast schwarz. Sein Kinn war markant, die Haut zeigte ein sattes tiefes Bronzebraun. Sein weißes T-Shirt spannte leicht über seiner Brust, die muskulösen Oberarme deuteten an, dass er auch sonst kräftig zuzupacken verstand.

„Obwohl der Himmel da auch nicht viel ausrichten könnte“, fügte er hinzu.

„Ist mir schon klar“, erwiderte Sheela. „Was sagt man denn hier auf Rhodos in so einer Situation? Ruft man einen dieser griechischen Götter an?“

„Das können Sie gern tun“, meinte der Mann amüsiert. „Aber eigentlich bin ich ja schon da.“

„Wie jetzt? Als Gott?“, fragte Sheela zurück, die sich die Bemerkung nicht hatte verkneifen können. Sein Lächeln hatte sie herausgefordert. Der Typ wirkte gar zu selbstsicher.

„Warum nicht? Wenn Sie mich unbedingt so bezeichnen wollen“, konterte er sofort und grinste noch breiter. Das Funkeln seiner Augen wurde dabei beunruhigend intensiv und trug nicht dazu bei, Sheelas Herzschlag wieder zu verlangsamen. Aber das Verrückte war, dass der Kerl tatsächlich wie eine dieser perfekten griechischen Götterstatuen aussah, die hier in jedem Museum herumstanden.

Mit dem Unterschied, dass weder Götter noch Statuen sich in Jeans und T-Shirt dermaßen cool bewegten.

Solche Typen wussten meistens sehr genau, wie man eine Frau aus dem Konzept brachte. Aber nicht mit ihr! Kampfeslustig sah Sheela ihm direkt in die Augen.

„Echt jetzt?“, fragte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Solche Anmachen funktionieren hier auf Rhodos?“

„Manchmal schon.“ Immer noch stand das Lächeln in seinen Augen. „Wieso? Sind Sie von der Sorte, die es lieber subtiler mag? Ich kann auch das.“

Gegen ihren Willen musste Sheela nun doch lachen. „Von subtil sind Sie noch meilenweit entfernt. Tut mir leid“, entgegnete sie ironisch, „im Moment fühlt es sich eher an wie mit dem Vorschlaghammer.“

„‚Vorschlaghammer‘? Das ist hart. Geben Sie mir eine zweite Chance?“

„Nur zu“, erwiderte Sheela amüsiert. Die Sache begann, ihr Spaß zu machen.

„Das heißt, ich darf mich zu Ihnen setzen“, sagte der Mann.

„Ähm …“, machte Sheela überrumpelt.

„Das nehme ich mal als ein Ja“, nutzte er ihre Verwirrung sofort aus und hatte sein Glas auf ihrem Tisch abgestellt, bevor sie etwas sagen konnte. Dann zog er seinen Stuhl an ihren Tisch heran, setzte sich und grinste sie breit an. „Was ist?“, fragte er mit einem Gesicht, als könne er kein Wässerchen trüben. „Setzen Sie sich doch wieder. Sie müssen mir jetzt nicht huldigen.“

Unglaublich! Der Kerl war ziemlich unverschämt. Aber leider auch verdammt gutaussehend. Sheela musste aufpassen, dass er sie mit seinem Holzhammercharme nicht doch beeindruckte. Zögernd setzte sie sich und stellte den Eiskaffee vor sich ab. Das Glas war nur noch zu drei Vierteln gefüllt, der Rest war verschüttet. Eben kam der Kellner mit einem Lappen zurück, wischte über den Tisch und wandte sich wieder zum Gehen.

„Einen Moment!“ Nikos nahm Sheela den Kaffee aus den Fingern und drückte dem Jungen das Glas in die Hand. „Dasselbe noch einmal für die Dame“, sagte er in einem Ton, der zeigte, dass er keinen Widerspruch duldete. „Und natürlich geht das aufs Haus.“

Der Kellner nickte eingeschüchtert und zog wieder ab.

„Sie sind es anscheinend gewohnt, dass andere nach Ihrer Pfeife tanzen“, stellte Sheela fest und gab sich größte Mühe, weiterhin völlig unbeeindruckt zu wirken.

„Weil ich dafür sorge, dass Sie hier anständig behandelt werden? Das Bürschchen hätte Ihnen ganz von selbst einen neuen Frappé anbieten müssen. Was macht das denn für einen Eindruck!“

„Wieso?“, fragte Sheela. „Sind Sie der Besitzer des Cafés?“

„Wie kommen Sie denn darauf?“ Nikos lachte belustigt auf. „Nur weil ich finde, dass man Touristen nicht zu sehr übers Ohr hauen sollte? Die Preise an der Küste sind ohnehin völlig überteuert, und bei Locations wie dieser, mit so einem Ausblick, wird noch einmal kräftig was draufgeschlagen. Im Landesinneren sieht das anders aus, da bekommen Sie noch echte griechische Gastfreundschaft. Und zwar ganz umsonst.“

Ich weiß, hätte Sheela beinahe geantwortet, schließlich kam sie gerade aus dem Landesinneren, wo sie für ein paar Schmetterlingsbilder alles aufs Spiel gesetzt – und verloren hatte. Gut, mit den zuletzt geschossenen Fotos bestand vielleicht wirklich die Aussicht, den Wettbewerb zu gewinnen, aber ihre Rundreise durch die griechische Inselwelt war hier definitiv zu Ende. Dabei hätte es sicher auch andernorts noch gute Chancen auf das Siegerfoto gegeben.

„Es geht Ihnen also nur um Gastfreundschaft?“, hakte sie nach.

Nikos lächelte, zuckte mit den Schultern und schaute sie treuherzig an. Dabei wirkte er plötzlich so attraktiv, dass sie kurz wegsehen musste.

„Sicher“, ruinierte er den angenehmen Eindruck aber sofort wieder. „Bei so hübschen Touristinnen wie Ihnen ist mir natürlich dran gelegen, mein Land nicht in schlechtem Licht dastehen zu lassen.“

„Schade“, meinte Sheela und stand auf. „Das war jetzt leider wieder der Vorschlaghammer. Sie sollten wirklich noch ein wenig üben.“

„Gern. Helfen Sie mir dabei?“, konterte er sofort wieder und sah ihr erneut tief in die Augen.

„Ich bin sicher, es gibt genug Frauen, die auf sowas abfahren“, entgegnete Sheela. „Ich gehöre leider nicht dazu.“

Wirklich nicht, Sheela Kavanagh? Gestehe dir doch wenigstens ein, dass du jetzt nur die Flucht ergreifst, weil du Angst hast, er könnte dich mit seinem Charme doch noch einwickeln.

Genau wie ihr Ex-Freund Robert das geschafft hatte. Nur dass die Sache damals denkbar schlecht für Sheela ausgegangen war. Nein, noch einmal fiel sie auf ein paar coole Sprüche und diesen treuherzigen Blick bestimmt nicht herein!

„Hey, wo wollen Sie denn so plötzlich hin?“, fragte Nikos unerwartet ernst und legte seine Hand auf ihre. Die Berührung ließ unvermutet eine Gänsehaut auf ihren Armen entstehen. „Bleiben Sie doch noch. Dass wir uns hier getroffen haben, hat bestimmt etwas zu bedeuten. Außerdem kommt dort gerade Ihr neuer Frappé. Den müssen Sie jetzt schon noch mit mir trinken. Sonst hätte ich den ganzen Aufruhr ja völlig umsonst veranstaltet.“

Appellierte er jetzt auch noch an ihr schlechtes Gewissen? Dann hatte er leider die falscheste aller Strategien gewählt, denn mit emotionaler Manipulation erreichte er bei ihr gar nichts. Dafür hatte Robert gesorgt, und Sheela würde die Lektion ihr Leben lang nicht vergessen. Erst hatte er sie mit angeblichen Gefühlen umschmeichelt, dann ihr Vertrauen ausgenutzt und sie am Ende auf allerschlimmste Art betrogen.

Energisch zog sie ihre Hand unter Nikos’ weg, wobei sie ein ganz kleines bisschen Bedauern fühlte – nur so viel, um kurz zu zögern.

„Dass wir uns hier treffen, war vom Schicksal garantiert nicht vorgesehen“, erwiderte sie, „denn eigentlich wäre ich gar nicht mehr auf der Insel. Und jetzt muss ich auch los, tut mir leid. Ich muss mir noch eine Unterkunft besorgen.“

Nikos sah ihr prüfend in die Augen. „Verstehe“, sagte er dann. „Aber zwei Dinge würde ich Ihnen gern noch sagen.“

„Ich höre“, sagte Sheela, verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn herausfordernd an.

„Erstens: Trinken Sie bitte Ihren Frappé noch aus. Ich habe vorhin gesehen, wie lange Sie auf diesen Platz gewartet haben. Sie müssen jetzt nicht die Märtyrerin spielen, nur um zwei oder drei Minuten früher von mir wegzukommen. So furchtbar bin ich nun auch wieder nicht.“

Womit er leider nur allzu recht hatte. Wenn er gewusst hätte, wie verräterisch schnell ihr Herz jetzt schon klopfte, hätte er den Satz auch gar nicht gesagt. Hastig griff Sheela nach dem Glas und begann, es auszutrinken. Eigentlich hätte dies ein Moment der Ruhe werden sollen, eine kleine Entschädigung für die verpasste Fähre. Stattdessen kippte sie den Frappé hinunter, als wäre der Teufel hinter ihr her.

Dabei saß der genau genommen schon vor ihr, schrieb gerade etwas auf einen Zettel und hatte dabei ein diabolisches Lächeln in seinem attraktiven Gesicht.

„So“, sagte sie und stellte das Glas mit Nachdruck auf den Tisch zurück. „Und zweitens?“

„Zweitens“, sagte Nikos, „gibt es hier außerhalb der Stadtmauer eine kleine Pension, die ein bisschen versteckt liegt und deshalb ein Geheimtipp ist. Wenn überhaupt, dann kriegen Sie dort noch ein Zimmer. Ich habe Ihnen die Adresse mal aufgeschrieben.“

Zögernd schaute Sheela auf den Zettel, den er ihr entgegenhielt.

„Nun nehmen Sie schon“, sagte Nikos, „er ist nicht vergiftet. Die Pension wird privat geführt, sie ist klein, sauber und gemütlich. Und vor allem preiswert.“

„Danke“, sagte Sheela.

„Kein Problem“, erwiderte Nikos, stand ebenfalls auf und griff nach ihrem Rucksack.

„Und was wird das jetzt wieder?“, erkundigte sich Sheela misstrauisch.

Nikos zuckte mit den Schultern. „Nichts. Ich helfe Ihnen, den Rucksack aufzusetzen.“

„Vielen Dank, aber das kann ich auch allein“, entgegnete Sheela kratzbürstig. Glaubte er wirklich, sie brauchte Unterstützung?

Nikos sah sie an. „Jetzt enttäuschen Sie mich aber. Nach dem Gespräch hätte ich vermutet, dass Sie zu den Frauen gehören, die eine plumpe Anmache von Höflichkeit zu unterscheiden wissen. Oder würden Sie es besser finden, wenn ich zusehe, wie Sie sich mit diesem Ungetüm abmühen?“

Sheela fühlte, wie sie rot wurde. Leider hatte er schon wieder recht. Sie würde beim Aufsetzen des riesigen Rucksacks wahrscheinlich sogar in die Knie gehen müssen, und das Aufstehen mit vollem Gewicht danach würde garantiert nicht elegant aussehen. Im Grunde bewahrte er sie gerade vor einer Peinlichkeit.

„Also gut“, sagte sie widerstrebend.

Nikos hob den Rucksack so an, dass sie bequem in die Gurte schlüpfen konnte. Dann ließ er ihn vorsichtig auf ihre Schultern gleiten, wobei er unmerklich die Position der Träger zurechtruckte. Kurz fühlte sie dabei die Wärme seiner Hände auf ihren Schultern, und der angenehm herbe Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase. Die körperliche Nähe wirkte plötzlich elektrisierend. Sheela räusperte sich und trat hastig einen Schritt zurück.

„Ich muss jetzt wirklich los“, erklärte sie mit heißen Wangen.

„Das habe ich verstanden“, erwiderte Nikos. „Also, viel Glück!“

Sheela biss sich auf die Lippen und sah ihn an. Glück konnte sie jetzt wirklich brauchen.

2. KAPITEL

Klein und versteckt lag die Pension in einer engen Gasse, kein Schild wies auf sie hin. Man ging durch eine unscheinbare Tür und stand plötzlich in einem Innenhof, der wildromantisch von Pflanzen überwuchert war. Grüne Farbtupfer wechselten sich mit gelben und orangefarbenen ab, dazwischen rankten die flammendroten Blüten einer Bougainvillea die Wände entlang.

In mehreren Kübeln an der Seite standen zusätzlich große Hibisken, die ebenfalls überaus farbenprächtig waren, den Boden verzierte ein Blumenmosaik aus schwarzen und weißen Kieseln. Wenn man barfuß darauf lief, musste es sich anfühlen, als bekäme man geradewegs eine Fußmassage. Interessanterweise setzte sich dieser Boden bis in den ersten Raum des Hauses fort, wo in der Ecke ein Tresen aus Holz stand.

Sheela war begeistert. Dass ihr Abenteuer, zumindest heute, noch so angenehm werden würde, hätte sie nicht gedacht. Hier konnte sie sich vom Schock der verpassten Fähre ein bisschen erholen und die nächsten Schritte planen. Obwohl sie die dumpfe Ahnung hatte, dass nun nicht mehr viel zu planen war.

„Guten Tag“, grüßte Sheela die ältere Frau, die wie aus dem Nichts hinter dem Empfangstresen aufgetaucht war, und fragte auf Griechisch weiter, ob noch ein Zimmer frei war. Die Vokabeln, die man für die Frage brauchte, gehörten ebenfalls zu ihrem Reisegrundwortschatz. Solche Wörter lernte sie immer als Erstes.

Sie hatte Glück, es gab noch ein Zimmer – das letzte, wie die Frau betonte. Als Sheela es sah, konnte sie ihre Überraschung kaum verbergen. Es war wunderschön. Auch hier bestand der Boden aus einem großen Kieselmosaik, aber diesmal zeigte er eine Meeresszene mit Delfinen.

Die weiß gekalkten Wände waren mit kunstvoll aufgemalten Blüten versehen, und die vor dem Fenster rankende Bougainvillea ließ die Sonnenstrahlen rötlich verfärbt ins Zimmer fallen. Neben dem Bett stand ein riesiger Spiegel mit Goldrahmen, daneben ein alter Holztisch mit weißem Spitzendeckchen. Die Tür zum angeschlossenen Badezimmer stand offen. Die freistehende Badewanne darin befand sich direkt vor dem Fenster, das ebenfalls romantisch zugewuchert war. Man konnte im warmen Wasser liegen und draußen das Straßengeschehen beobachten, ohne selbst gesehen zu werden.

Und das alles für diesen Preis? Ihr Tischnachbar hatte ihr da tatsächlich einen guten Tipp gegeben. Hatte sie ihn eventuell falsch eingeschätzt?

Lächelnd drehte Sheela die beiden Wasserhähne auf und ließ kaltes und heißes Wasser zugleich in die Wanne laufen, denn eine Mischbatterie gab es hier nicht. Als die Wanne voll war, stieg Sheela aus ihren Sachen und legte sich ins Wasser. Es umschmeichelte ihren Körper sanft und ließ sie schnell in Tagträume abgleiten.

An sich war Sheela kein Mensch, der verpassten Möglichkeiten lange nachtrauerte und darüber womöglich die nächste Chance vertat. Aber das hier war etwas anderes. Wenn sie nicht schnell eine Lösung für ihr Problem fand, verstrich die letzte Möglichkeit, kurzfristig an Geld für die Pension und die Pferdezucht zu kommen. Und was das für sie alle, besonders aber für ihre Mutter und für Aislyn bedeutete, wagte sie sich kaum auszumalen.

In drei Wochen mussten die Fotos bereits eingesandt werden. Als Erstes musste sie jetzt also herausfinden, wie viele Tage ihr noch auf Rhodos blieben. Das wiederum hing davon ab, wann das nächste Flugzeug nach Galway ging. Sie würde nachher im Handy nach Flügen suchen und morgen früh gleich in ein Reisebüro gehen.

Unvermittelt keimte eine leise Hoffnung in ihr auf. Vielleicht ließ sich ja hier auf Rhodos doch noch das Siegerfoto finden? Das Segelschiff am Anleger zum Beispiel gab bestimmt ein gutes Motiv ab. Sie hatte es im Eifer des Gesprächs mit diesem Typen völlig vergessen.

Überhaupt war sie vorhin viel zu überhastet aus dem Café aufgebrochen. Eigentlich war der Schlagabtausch mit dem Kerl doch ganz witzig gewesen. Bestimmt hätte sie ihm auch noch länger Paroli bieten können.

Es war schon einige Zeit her, dass Sheela so unbeschwert mit einem Mann geredet und, ja, fast ein bisschen geflirtet hatte. Leider war es das letzte Mal äußerst schlecht ausgegangen. Dieses Mal hingegen fühlte sich die Erinnerung an den Nachmittag angenehm an. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie den attraktiven Griechen immer noch vor sich sehen, die breiten Schultern, das herausfordernde Lächeln, die dunklen, funkelnden Augen …

Am nächsten Morgen erwachte sie zeitiger als sonst. Das Zimmer lag noch vollständig im Schatten. Spät am Abend hatte sie das Fenster schließen müssen, weil es draußen ziemlich laut geworden war. Scharen von Touristen waren auf dem Rückweg von Kneipen oder Restaurants durch die nächtliche Altstadt gezogen und hatten die engen Gassen mit ihren Rufen erfüllt.

Sheela stand auf, öffnete das Fenster wieder und ließ die frische klare Morgenluft herein. Sie fühlte sich eigenartig beschwingt. Dabei hatte sie in der Nacht ziemlich unruhig geträumt. Seltsame Bilder waren hinter ihren Lidern vorbeigeglitten, undeutlich und rätselhaft. Sie hatte ein Paar dunkle Augen gesehen und Hände auf ihren Schultern gespürt, die sich langsam zu ihren Brüsten vortasteten. Selbst jetzt konnte sie das feine Prickeln ihrer Haut noch spüren und ebenso das aufgeregte Klopfen ihres Herzens. Ein hastiges Atmen aus dem Nichts hatte die Szene begleitet und ein herber Geruch nach Zedernholz und Wind …

Was für ein Unsinn! Sheela schüttelte die Erinnerung ab, lief ins Bad und duschte kalt. Während sie sich fertigmachte, dachte sie mit Wehmut an all die Orte, die sie nun nicht mehr besuchen konnte. Sie hatte vor ihrer Abreise zusammen mit ihren Schwestern Bilder von verschiedenen Inseln gegoogelt, von romantischen Buchten, endlos langen weißen Stränden, tiefen Schluchten mit kristallklaren Wasserfällen und kleinen Ortschaften mit den typischen weiß-blauen Häusern.

Auf ihrer Reise hatte sie auch wirklich tolle Orte gesehen und jede Menge Fotografien gemacht. Das eine Foto allerdings, das aus allen anderen herausstach, war bisher wohl nicht dabei gewesen …

Als sie wieder aus dem Bad trat, zog ein Duft von frischem Kaffee in ihr Zimmer. Neugierig folgte Sheela ihm durch das Haus und gelangte nach unten in einen hübschen kleinen Raum, wo das Frühstück serviert wurde. Auch hier war der Boden mit einem kunstvollen Mosaik ausgelegt, diesmal waren es Szenen aus der griechischen Götterwelt.

Götter … Unmittelbar musste sie an die gestrige Begegnung denken. Sie müssen mir jetzt nicht huldigen … Das hatte der dreiste Grieche gesagt und sie dabei mit einem Blick angesehen, der ihr direkt eine Gänsehaut verursacht hatte. Wer er wohl war? Eigentlich war es schade, dass sie gestern so schnell das Weite gesucht hatte. Bestimmt hatte es mit ihrer Verwirrung wegen der verpassten Fähre zu tun, denn normalerweise genoss Sheela herausfordernde Ereignisse. Aber diesmal war es doch zu viel auf einmal gewesen. Egal, die Begegnung war Geschichte, und Sheela konnte ihr Handeln nicht mehr ändern.

Sie ließ sich von der netten Madam Angelopoulos einen starken Mocca und ein Croissant mit süßer Füllung bringen. Es war wichtig, den Tag angenehm zu beginnen. Außerdem war das leckere Frühstück im Preis inbegriffen, und Madam Angelopoulos brachte ihr unaufgefordert sogar noch einen zweiten Mocca und ein großes Stück reifer Melone. Die freundliche Wirtin war definitiv auch ein Pluspunkt dieser hübschen kleinen Pension.

Während Sheela aß, begann sie, den Tag zu planen. Gestern in der Badewanne war ihr der Gedanke gekommen, statt einen Flug nach Hause lieber einen auf eine der anderen Inseln zu buchen und ihre Reise von dort ganz regulär fortzusetzen. Auf diese Weise wären zumindest nicht alle Tickets verloren gewesen. Aber leider hatten ihre Recherchen ergeben, dass die meisten der Inseln, die sie sich aus gutem Grund ausgesucht hatte, gar nicht angeflogen wurden. Sie waren so klein, dass nur Postschiffe zwischen ihnen verkehrten, die zudem lediglich eine gewisse Anzahl von Passagieren mitnahmen.

Es blieb tatsächlich nur die Option, den Flug auf die Strecke Rhodos – Galway umzubuchen. Sheela atmete tief durch und schob entschlossen den Stuhl zurück. Als Erstes musste sie ein Reisebüro aufsuchen …

Eine Stunde später war klar: In drei Tagen würde sie zurückfliegen. Tief in Gedanken stand sie neben dem Reisebüro, das neue Flugticket in der Hand. Die Situation fühlte sich traurig an. Spätestens heute Abend musste sie auch Brenda und Aislyn benachrichtigen, denn es ging nicht an, dass sich die Schwestern noch tagelang umsonst Hoffnungen auf Geld machten, das nun auf keinen Fall mehr kommen würde. Es war zum Verzweifeln.

„Was für ein Zufall“, erklang da plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihr.

Überrascht fuhr Sheela herum. Hinter ihr stand ihre Zufallsbekanntschaft aus dem Café. Lächelnd sah er sie an, die Sonnenbrille lässig in das schwarze Haar geschoben. Seine dunklen Augen funkelten in der Sonne.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte sie, von der Situation völlig überrascht.

„Mal überlegen“, sagte der sexy Grieche, während ihm schon wieder der Schalk aus den Augen blitzte. „Was macht man an Orten wie diesem? Schönen Frauen nachstellen wahrscheinlich.“

„Verstehe“, meinte Sheela. Die Antwort hörte sich schon wieder verdächtig nach Holzhammer an. Unerklärlicherweise schlug ihr Herz trotzdem schneller, was überhaupt nicht zur Situation passen wollte. Oder nein, der kleine Schreck, den er ihr verursacht hatte, war natürlich eine gute Erklärung.

„Ihr Tipp mit der Pension war übrigens wirklich gut“, sagte sie hastig.

„Das heißt, Sie haben noch ein Zimmer bekommen?“

„Ja.“ Sheela nickte. „Und sogar ein sehr schönes. Dabei war es das letzte.“

„Ach, tatsächlich? Das freut mich.“

Freute es ihn wirklich, oder was das nur eine Floskel? Vermutlich Letzteres, aber immerhin klang die Antwort diesmal nicht nach Vorschlaghammer. Das Ergebnis war allerdings, dass sich Sheelas Herzschlag nun noch einmal beschleunigte.

„Haben Sie denn vor, noch länger auf Rhodos zu bleiben?“, fragte Nikos.

„Nein“, antwortete Sheela und fühlte ein Bedauern. „In drei Tagen fliege ich nach Hause.“

„Oh, so schnell? Hm. In dem Fall sollten Sie keine Zeit verlieren und die schönsten Sehenswürdigkeiten von Rhodos besichtigen. Was halten Sie davon, wenn ich mich Ihnen als Stadtführer anbiete? Ich heiße übrigens Nikos.“

„Ähm …“, meinte Sheela überrumpelt.

„Das nehme ich mal als ein Ja“, sagte er und grinste selbstbewusst. Wie er dabei vor ihr stand, in seinem weißen T-Shirt, das seinen muskulösen Oberkörper betonte, der engen Jeans und mit der Sonnenbrille in den schwarzen glänzenden Haaren, sorgte er dafür, dass sich ihr Herzschlag schon wieder beschleunigte. Himmel, was war denn los mit ihr?

Aber heute war sie in besserer Kondition als gestern. Kampfeslustig kniff sie die Augen zusammen.

„Den Spruch haben Sie gestern schon gebracht“, sagte sie forsch und hoffte, dass er ihr die Aufregung nicht ansah. „Aber schon gestern war er nicht sonderlich originell. Haben Sie denn gar keine neuen auf Lager?“

„Der Tag ist ja noch lang“, meinte Nikos gelassen. „Oder verschießen Sie Ihr Pulver immer schon in den ersten fünf Minuten?“

Hatte er wirklich auf alles eine Antwort? Das wollte sie doch mal sehen.

„Kommt drauf an“, erwiderte sie und sah ihm provozierend in die Augen.

„Worauf, wenn ich fragen darf?“

Er machte es ihr wirklich nicht leicht.

„Darauf“, erwiderte sie und machte eine effektvolle Pause, „ob es über die ersten fünf Minuten hinausgehen soll.“

„Aha. Und? Soll es das in unserem Fall?“

„Sagen Sie es mir“, entgegnete sie und fühlte ein plötzliches heftiges Kribbeln in der Magengegend, weil sie bemerkte, dass im selben Augenblick ein unternehmungslustiges Glänzen in seine Augen trat.

Was für ein verrückter Zufall! Völlig unerwartet hatte Nikos die junge Frau von gestern in der Altstadt wiedergetroffen. Eigentlich hatte er nur schnell ein kleines Geschenk kaufen wollen, denn in wenigen Tagen wurde er zum ersten Mal Onkel. Und obwohl ihn mit seinem Halbbruder Damianos nicht viel verband, wenn man einmal von einem Teil der Gene absah, war Nikos der Meinung, dass das schlechte Verhältnis zwischen ihm und Damianos nicht automatisch für seine Schwägerin und das Baby gelten musste. Schließlich konnten die beiden nichts dafür, dass er und sein Halbbruder nicht besonders gut miteinander klarkamen.

Anscheinend hatte das Universum diese Einstellung gleich belohnen wollen, denn wie war es anders zu erklären, dass er auf seinem Weg in die Stadt die schöne Unbekannte aus dem Hafencafé wiedergetroffen hatte?

Eben erreichten sie eine kleine Taverne, die ziemlich versteckt in einer Seitenstraße lag. Nikos hatte sie vorgeschlagen, denn hier bekam man, soweit er wusste, den allerbesten Kaffee von ganz Rhodos: einen süßen, vollmundigen Mocca, den die Einheimischen dreimal hochkochen ließen, bis er die sämige Konsistenz hatte, die ihn weich die Kehle hinunterrinnen ließ.

Als Nikos ein paar Minuten später mit zwei Tassen an ihren Tisch zurückkehrte, schaute sie ihm schon entgegen. Nikos fühlte, wie ihm ein angenehmer Schauer den Rücken hinunterrann. Noch nie, so schien ihm, hatte er ein dermaßen interessantes, ausdrucksstarkes Gesicht gesehen. Auch ihre hellen, flachsblonden Haare, die einen ganz leichten Rotton aufwiesen, die süßen Sommersprossen auf ihren hohen Wangenknochen und vor allem ihre meergrünen Augen faszinierten ihn über alle Maßen.

Unvermittelt kam ihm sein gestriger Gedanke in den Sinn, sich noch einen allerletzten unschuldigen Flirt zu leisten, bevor er mit Georgina den arrangierten Bund der Ehe einging.

„Bitte schön“, sagte er, stellte den Mocca lächelnd vor sie auf den Tisch und setzte sich.

„Danke“, antwortete sie.

Auch ihre Stimme klang faszinierend, samtig und geheimnisvoll. Sie hatte überhaupt nichts Affektiertes, wie er es von manchen Frauen aus seinen Kreisen kannte. Interessiert beobachtete er, wie sie einen Schluck nahm und dabei genießerisch die Augen schloss.

„Und?“, fragte er. „Hatte ich recht?“

„Absolut“, sagte sie, schlug die Augen wieder auf und sah ihn an. „Das ist der beste Mocca, den ich bis jetzt getrunken habe. Der Punkt geht an Sie.“

„Ich wusste gar nicht, dass wir eine Liste führen“, erwiderte er belustigt. „Aber anscheinend liege ich grade vorn.“

Statt einer Antwort lächelte sie ihn an. Gern hätte er dabei mit einem Finger über ihre Lippen gestrichen, die ihm auf einmal sinnlich und verführerisch erschienen. Eine erste Ahnung meldete sich, dass ein Flirt mit ihr nicht lange unschuldig bleiben würde, wenn er nicht sehr aufpasste.

„Also“, versuchte er, den unverfänglichen Faden wieder aufzunehmen. „Dann nutze ich meinen Vorsprung gleich mal für eine Frage. Sie haben mir Ihren Namen noch nicht verraten, ich Ihnen meinen aber schon.“

„Das ist allerdings keine Frage.“

„Stimmt. Aber verraten Sie ihn mir trotzdem?“

„Ihren vollen Namen haben Sie mir auch noch nicht verraten“, wich sie abermals aus.

„Stimmt ebenfalls“, parierte er. „Aber ich finde dennoch, dass jetzt erst mal Sie dran wären.“ Im Moment mochte er an nichts erinnert werden, was mit seinem Nachnamen verbunden war. Hier war er nur Nikos, ein Tourist unter vielen.

„Also gut.“ Sie nickte. „Ich heiße Sheela.“

„Sheela“, wiederholte er. Der Name klang geheimnisvoll, rätselhaft und verführerisch. „Ist das Englisch?“

„Nein, Irisch. Er bedeutet so viel wie ‚die Beschützende‘.“

„Wirklich? Was beschützen Sie denn so?“

Sheela zuckte mit den Schultern. „Nun ja. Zuallererst mal mich selbst. Und natürlich meine Freiheit.“

Nikos nickte. „Das kann ich gut verstehen. Freiheit ist das Allerwichtigste.“

Das war sie wirklich, nur hatte er bisher noch nie großartig darüber nachgedacht. Hatte seine sofortige Zustimmung damit zu tun, dass er seine eigene Freiheit in wenigen Wochen verlieren würde?

Noch vor Kurzem war ihm das gar nicht weiter schlimm erschienen, schließlich würde er damit dem Wohl seiner Familie dienen, der er sich natürlich verpflichtet fühlte. Aber nun, da diese aufregende Irin ihm gegenübersaß, kam es ihm plötzlich vor, als habe er mit der Heirat seiner eigenen Beerdigung zugestimmt. Denn der Preis des Deals, den die Väter da geschlossen hatten, war nicht nur ein simples Ja, sondern es war die Aufgabe seines Lebens als freier, unabhängiger, autonomer Mann. Die Aufgabe seiner Lebendigkeit und die Kapitulation vor übermächtigen geschäftlichen und familiären Verpflichtungen, die er damit als wichtiger anerkannte.

Er bemerkte, wie Sheela ihn musterte. „Sie haben recht“, antwortete sie. „Für mich gibt es tatsächlich nichts Wichtigeres als meine Freiheit. Und wissen Sie, was für mich das stärkste Sinnbild dafür ist? Das Meer. Ich könnte niemals ohne das Meer leben.“

Da ging es ihr genauso wie ihm. Auch er wurde unglücklich, sobald er das Meer für längere Zeit nicht sah. Eigenartig, wie sehr sie beide dasselbe fühlten.

„Sind Sie deshalb so gern auf Fähren unterwegs?“, fragte er.

„Wieso glauben Sie das?“

„Nun, wir haben uns gestern in der Nähe des Anlegers getroffen“, erklärte Nikos. „Und nur zum Vergnügen schleppt dort niemand einen so großen Rucksack spazieren, wie Sie ihn bei sich hatten. Also denke ich mir, dass Sie gestern mit der Fähre gekommen sind.“

„Gut kombiniert, Sherlock“, antwortete sie. „Aber trotzdem falsch.“

„Aha. Und wie lautet dann die richtige Variante?“

„Die kann ich Ihnen leider nicht erzählen, denn sie ist ziemlich peinlich.“

„Wirklich? Erzählen Sie sie mir trotzdem!“

Überrascht stellte Nikos fest, dass es ihn wirklich interessierte, warum sie ausgerechnet auf Rhodos Urlaub machte. Am Ende war es Vorsehung, dass sie sich hier getroffen hatten. Vielleicht wollte ihm das Schicksal, indem es ihm diese faszinierende Frau vor die Nase setzte, ein letztes Mal zu verstehen geben, dass er tatsächlich einen riesigen Fehler beging, wenn er Georgina heiratete?

„Na gut“, gab sie nach. „Es ist aber wirklich peinlich. Ich bin gestern nämlich nicht hier angekommen, sondern ich wollte abreisen. Aber leider habe ich die Fähre verpasst. Weil ausgerechnet der Bus, den ich genommen habe, unterwegs eine Panne hatte. Und es war leider der letzte, mit dem ich die Fähre noch hätte erreichen können. Das war schon ziemlich unprofessionell von mir.“

„Ach so? Dann waren Sie also eine von den Touristen, die gestern wie geölte Blitze über den Anleger gerannt sind, obwohl die Fähre längst abgelegt hatte?“, fragte Nikos mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Leider trat er damit sofort wieder ins Fettnäpfchen.

„Sehr witzig“, fauchte sie ihn unvermittelt an. „Erstens kann man das vom Ufer aus nicht genau erkennen und zweitens: Wissen Sie eigentlich, was das für mich bedeutet?“

„Nein“, antwortete Nikos arglos. „Vermutlich, dass Sie nun eine der nächsten Fähren nehmen müssen.“

„Viel schlimmer! Es bedeutet, dass meine Reise an dieser Stelle zu Ende ist. Eigentlich wollte ich noch einige weitere Inseln besuchen, aber das ist jetzt nicht mehr möglich, weil die Fahrpläne sehr eng aufeinander abgestimmt waren und die Tickets nicht für andere Tage gültig sind.“

„Verstehe. Aber wenigstens könnten Sie ja die Busgesellschaft auf Schadensersatz verklagen.“

„Was erstens ziemlich lange dauern würde und ich zweitens nur diese eine Überfahrt ersetzt bekäme. Das würde mir auch nicht weiterhelfen.“

„Warum denn nicht?“, fragte er neugierig.

„Ach“, antwortete sie mit einem tiefen Seufzer und schaute dabei an ihm vorbei ins Leere. „Sie haben doch überhaupt keine Ahnung.“

Der Blick ihrer schönen Augen hatte sich mit einem Mal verschattet, ihre Haltung wirkte, als läge unvermittelt ein zentnerschwerer Druck auf ihren Schultern. Eine seltsame Verletzlichkeit ging plötzlich von ihr aus.

Nikos fühlte, wie völlig überraschend Zärtlichkeit in ihm aufstieg.

Aber das war eindeutig das falsche Gefühl für einen Flirt. Wollte er jetzt tatsächlich von irgendwelchen Schwierigkeiten hören? Eine leise Stimme in seinem Hinterkopf warnte ihn, an dieser Stelle nicht weiter nachzufragen. Aber er ignorierte sie …

3. KAPITEL

„Okay“, sagte er, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Dann erzählen Sie mir die ganze Geschichte.“

„Wozu?“, fragte Sheela nur und wandte den Kopf ab.

Nikos zuckte mit den Schultern. „Weil Sie mich interessieren. Was machen Sie eigentlich hier? Woher kommen Sie? Und warum haben Sie ausgerechnet Griechenland für Ihren Urlaub gewählt?“

Sheela verzog das Gesicht. „Wie kommen Sie darauf, dass ich hier Urlaub mache?“

Erstaunt sah Nikos sie an. „Was denn sonst?“

„Ich arbeite“, entgegnete Sheela knapp.

„Ah ja?“ Unwillkürlich musste Nikos grinsen. „Komisch, irgendwie sieht man das gar nicht.“

Aber das war wohl wieder die falsche Antwort gewesen. Mit einem Schlag war die leicht vertraute Stimmung zwischen ihnen erneut dahin. So einfach war das mit dem Verständnis wohl doch nicht. Zerknirscht deutete Nikos ein entschuldigendes Lächeln an.

„Tut mir leid. Das sollte keine Beleidigung sein. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich mich in Ihrer Gegenwart tatsächlich wie im Urlaub fühle.“

Das war schon besser, denn jetzt lächelte sie wieder. „Ich bin Reisefotografin“, begann sie zu erklären. „Im Moment bin ich für das griechische Tourismusbüro unterwegs, denn die haben einen Wettbewerb auf das schönste Inselfoto ausgeschrieben. In drei Wochen ist Einsendeschluss. Deshalb ist die verpasste Fähre auch so eine Katastrophe für mich. Einen Urlaub hätte ich überall weiterführen können, aber gute Motive gibt es leider nicht an jedem Ort. Vor allem nicht solche, die nicht schon Hunderte Male fotografiert worden wären.“

„Verstehe“, meinte Nikos. „Und wo liegt das Problem? Kaufen Sie sich doch einfach ein neues Ticket. Fähren fahren von hier jeden Tag.“

„Das geht leider nicht“, antwortete sie und senkte den Kopf.

„Wieso nicht?“ Fragend sah er sie an.

„Es ist nicht nur dieses eine Ticket“, erwiderte sie zögernd. „Die gesamte Reise war genau durchgeplant.“

„Ja und?“

„Es sollte ein Inselhopping werden, aber abseits der großen Hauptinseln. Und die kleineren Inseln werden leider nicht angeflogen.“

„Okay. Aber ich verstehe immer noch nicht.“

Sie zögerte erneut. „Die Tickets waren alle schon bezahlt“, sagte sie dann kaum hörbar.

Jetzt endlich fiel bei ihm der Groschen. Sie war knapp bei Kasse. Ihr fehlte das Geld, um sich neue Tickets zu kaufen. Nun, da konnte er aushelfen. Wenn er ihr ein paar große Scheine über den Tisch schob …

Stopp! Schlimmer ging es ja wohl kaum! Mit großer Wahrscheinlichkeit würde sie kein Geld von ihm annehmen. Die Art, wie sie seine Sprüche gestern pariert hatte und wie sie sich jetzt trotzig auf die Unterlippe biss, um nicht noch mehr von sich preiszugeben, zeigte ihm, dass sie zwar verletzlich, aber in gleichem Maße auch stolz war.

Da musste er wohl ein bisschen subtiler vorgehen. Aber ein Inselhopping konnte er ihr notfalls auch bieten.

„Wie lange hatten Sie denn vor zu reisen?“, erkundigte er sich und bemühte sich dabei um einen lockeren Ton, um sie wieder zum Reden zu bewegen.

„Zwei Wochen. Wieso?“

Zwei Wochen? Das war ja interessant! Zwei Wochen war genau die Zeitspanne, die er noch hatte, bis er wieder zu Hause sein musste.

„Und danach wollte ich eigentlich von Thessaloniki aus zurückfliegen“, ergänzte sie.

Von Thessaloniki? Das konnte nun wirklich kein Zufall mehr sein!

In diesem Moment klingelte Nikos’ Handy. Ein Blick auf das Display zeigte: Sein Vater war dran.

„Entschuldigung, das muss ich annehmen“, sagte er, stand auf und ging auf die gegenüberliegende Straßenseite.

„Ja?“

„Na endlich“, rief sein Vater. „Ich habe es in den letzten Tagen schon ein paar Mal versucht.“

Das stimmte, aber Nikos hatte keine Lust auf Gespräche mit seinem Vater gehabt. Dass er jetzt überhaupt abgenommen hatte, lag daran, dass der Anruf genau im rechten Augenblick eingegangen war. Er gab ihm eine kurze Pause, denn eben war ihm eine Idee gekommen. Aber für deren gekonnte Umsetzung brauchte es noch ein paar Überlegungen. Er musste es klug anstellen, damit Sheela sich nicht wie eine Bittstellerin vorkam und seinen Vorschlag entrüstet von sich wies.

„Okay. Was ist los?“

„Papadakis macht Schwierigkeiten“, klang es ihm vom anderen Ende der Leitung entgegen. „Aus irgendeinem Grund scheint er zu glauben, du würdest doch noch abspringen. Ich habe ihm zwar gesagt, dass das Unsinn ist, aber er weiß ja nicht, dass wir auf ihn genauso angewiesen sind wie er auf uns. Und irgendwie traut er meinem Wort wohl nicht.“ Nikos hörte, wie sein Vater auflachte, aber er nahm auch den Ärger in seiner Stimme wahr.

„Verstehe“, antwortete er knapp.

„Das Beste wäre also“, sprach sein Vater weiter, „wenn du sofort nach Hause kämst. Dann könnten wir Papadakis gemeinsam beruhigen. Um Georgina scheint er sich keine Sorgen zu machen, dabei wurde sie auf Ibiza gesichtet, wo sie ziemlich ausgelassen in einem Club getanzt hat. Sag mal, ist das ein vorgezogener Junggesellinnenabschied oder was?“

„Sieht ganz danach aus“, entgegnete Nikos einsilbig. Was Georgina vor der Hochzeit machte, ging ihn nichts an. Sie hatten verabredet, dass sie beide diese Zeit verbringen konnten, wie sie wollten, kleine unschuldige Flirts eingeschlossen. Sie waren übereingekommen, dass sie sich später niemals für diese Wochen rechtfertigen müssten. Dass er jetzt vorzeitig nach Hause fuhr, nur weil der alte Papadakis dem Wort der Stephanidis’ nicht traute, während er seine Tochter nach Ibiza fliegen ließ, kam überhaupt nicht infrage. Es reichte, dass Nikos sich zu dieser unseligen Hochzeit hatte überreden lassen.

„Tut mir leid, Vater“, sagte Nikos, während er kurz zu Sheela hinübersah, die entspannt am Tisch saß und genießerisch an ihrem Mocca nippte, „aber abgesprochen war, dass ich erst in zwei Wochen wieder in Thessaloniki aufschlage. Meine letzten freien Tage lasse ich mir nicht nehmen, weder von dir noch von Papadakis.“ Damit legte er auf und ging zurück zum Tisch.

Sheela schaute ihm aufmerksam entgegen. „Ärger?“

Nikos zuckte mit den Schultern. „Könnte man so sagen. Aber davon will ich mir die Stimmung jetzt nicht verderben lassen. Lassen Sie uns lieber den Tag genießen.“

„Ich wollte gleich noch einmal hinunter zum Hafen, um ein paar Fotos zu machen. Da liegt nämlich ein Schiff am hintersten Anleger, das ich mir gern genauer anschauen würde. Es ist ein antiker Segler, sehr spektakulär, und sicher ein gutes Motiv. Jetzt im Mittagslicht sind die Schatten zwar kurz, aber trotzdem könnte das ein paar schöne Bilder geben, vor allem mit dem silbernen Meer im Hintergrund.“

„Aber am Abend, wenn der Rotanteil im Licht höher ist, ist die Stimmung noch viel romantischer. Das gibt bestimmt noch bessere Bilder.“

„Stimmt. Nur weiß ich nicht, ob das Schiff dann noch da ist“, entgegnete Sheela.

Nikos sah sie an. „Interessieren Sie sich für Segelschiffe?“

„Ich interessiere mich für alles, was mit dem Meer zusammenhängt“, erklärte sie und stand auf. „Kommen Sie, lassen Sie uns hingehen. Ich habe gehört, dass die Liegekosten in den Mittelmeerhäfen sehr hoch sind. Nicht, dass das Schiff uns vor der Nase wegfährt.“

„Sie meinen, so wie Ihre Fähre?“, fragte Nikos, während er ganz entspannt sitzen blieb. „Das tut es bestimmt nicht.“

Er sah, wie sie die Stirn krauste.

„Und woher wollen Sie das wissen?“, fragte sie.

„Das habe ich so im Gefühl“, antwortete Nikos.

Jetzt wirkte sie verärgert. „Ihr ‚Gefühl‘ in allen Ehren, aber darauf möchte ich mich besser nicht verlassen“, entgegnete sie ungehalten. „Ich will jetzt zum Hafen. Wenn der Segler nachher nämlich weg sein sollte, wäre das wirklich schade.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Schiff heute nicht mehr ausläuft“, entgegnete Nikos, während er weiterhin in aller Seelenruhe sitzen blieb.

„Ich aber nicht. Und um ehrlich zu sein, auf Ihr Gefühl gebe ich gar nichts. Woher wollen Sie das denn so genau wissen?“

„Weil die Liegegebühren tageweise berechnet werden. Wenn es heute auslaufen würde, hätte es das schon am Morgen getan.“

Er sah, wie sie einen Moment überlegte.

„Mag sein“, sagte sie dann ungeduldig. „Interessiert Sie das Schiff denn gar nicht? So etwas sieht man doch nicht alle Tage. Solche alten Vollschiffe gibt es nicht mehr viele.“

Nikos sah sie erstaunt an. „Sie kennen sich damit aus?“

„Na ja.“ Sie zuckte leicht genervt mit den Schultern. „Ich komme schließlich von der Küste. Wie ich schon sagte. Mit so einem Schiff sind früher vielleicht sogar Piraten über die Meere gesegelt. Das ist doch spannend. Ich möchte jedenfalls unbedingt ein paar Fotos machen. Kommen Sie, lassen Sie uns hingehen. Vielleicht dürfen wir sogar mal kurz an Bord.“

Nikos musste grinsen. Ihre Hartnäckigkeit beeindruckte ihn. „Also gut“, sagte er und stand auf. „Sie lassen ja doch nicht locker.“

Das Schiff war noch da, Gott sei Dank! Erleichtert verlangsamte Sheela ihren Schritt. Stolz und majestätisch lag der Dreimaster hinten am Kai, allerdings waren im Moment alle Segel eingeholt.

„Schade. Daran hatte ich natürlich nicht gedacht“, sagte sie enttäuscht.

„Woran?“

„Dass das Schiff nicht aufgetakelt ist, solange es im Hafen liegt. Sehen Sie, es hat drei Masten, die beiden vorderen führen Quer- und Längssegel, und der hintere, der Besanmast, führt nur Schratsegel. Das sind die, die parallel zur Kiellinie laufen. Das hier ist eine sogenannte Dreimastbark.“ Sheela seufzte. „Aber mit voller Takelage würde sie natürlich noch um einiges mehr hermachen.“ Für ein richtig gutes Foto reichte der Anblick leider nicht. Wahrscheinlich musste man den Moment erwischen, wo das Schiff aus dem Hafen ausfuhr.

„Interessant“, meinte Nikos und sah sie an. „Wissen Sie noch mehr darüber?“

„Nicht viel. Nur, dass solche Schiffe ziemlich wendig und schnell sind. Das war für Piraten damals wichtig, damit sie ihren Verfolgern rasch entkommen konnten. Vielleicht erfahren wir ja, wann es ausläuft, und können dabei zusehen.“

„Zusehen ist eigentlich nicht so mein Fall“, murmelte Nikos, während Sheela bereits ihre Kamera hervorholte und die ersten Aufnahmen von der Uferpromenade aus machte. Dann betrat sie d...

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