Julia Extra Band 399

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ZURÜCK IN DIE ARME DES GRIECHISCHEN MILLIONÄRS?
von GRAHAM, LYNNE

Wie Smaragde schimmern Nik Christakis’ Augen - und wecken eine Begierde in Betsy, gegen die sie machtlos ist. Dabei wollte sie eigentlich nur noch eins von dem griechischen Millionär: die Scheidung! Doch ein letztes Mal gibt sie seiner Anziehung nach. Mit ungeahnten Folgen …

SPIEL NICHT MIT DER LIEBE!
von PHILLIPS, CHARLOTTE

Schon viel zu lange hat Emma gehofft, dass sich ihre Scheinbeziehung mit dem faszinierenden Unternehmer Dan Morgan in echte Liebe verwandelt - vergeblich! Aber ausgerechnet als sie ihre platonische Abmachung beenden will, küsst Dan sie heiß. Empfindet er etwa doch mehr für sie?

VERFÜHRT VON EINEM ITALIENISCHEN PLAYBOY
von KENNY, JANETTE

"Ich kann dir alles geben, was du möchtest." Luciano Duchelinis Angebot ist so verlockend wie gefährlich für Caprice. Zwar könnte sie mit der Hilfe des unwiderstehlichen Playboys ihr Familienanwesen in den Bergen retten. Doch wenn sie ihm dabei zu nahekommt, ist sie verloren …

EINE FILMREIFE AFFÄRE
von ASHTON, LEAH

Ruby hat eine Regel: Keine Affären bei der Arbeit! Dumm nur, dass der sexy Hollywood-Star Devlin Cooper sich daran nicht im Geringsten stört. Als Ruby bei seinem neuesten Filmdreh als Produktionsassistentin arbeitet, versucht er sie vom ersten Augenblick an zu verführen …

  • Erscheinungstag 02.06.2015
  • Bandnummer 0399
  • ISBN / Artikelnummer 9783733704520
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lynne Graham, Charlotte Phillips, Janette Kenny, Leah Ashton

JULIA EXTRA BAND 399

LYNNE GRAHAM

Zurück in die Arme des griechischen Millionärs?

Als Nik Christakis sich ein letztes Mal mit seiner Nochfrau Betsy trifft, um die Scheidung zu regeln, überwältigt ihn gegen jede Vernunft wilde Erregung. „Ich will dich“, hört er sich selbst sagen …

CHARLOTTE PHILLIPS

Spiel nicht mit der Liebe!

Wie kann Emma ihm den Laufpass geben? Das kann sich Dan Morgan nicht bieten lassen! Obwohl ihre Beziehung bisher nur gespielt war, um seine Geschäftspartner zu täuschen, erwacht jetzt sein Jagdinstinkt …

JANETTE KENNY

Verführt von einem italienischen Playboy

Als der Playboy Luciano Duchelini die betörende Caprice wiedertrifft, kann er der Versuchung nicht widerstehen. Diesmal wird er sein hungriges Verlangen nach ihr stillen … koste es, was es wolle!

LEAH ASHTON

Eine filmreife Affäre

Große samtbraune Augen und ein sinnlicher Mund: Ruby ist wirklich auffallend schön – und die erste Frau seit Langem, die Devlin Coopers Interesse weckt. Doch kann er ihr auch bieten, was sie verdient?

1. KAPITEL

„Eine Scheidung kann auch zivilisiert ablaufen“, bemerkte Cristo Ravelli vorsichtig.

Nik Christakis wäre fast in höhnisches Gelächter ausgebrochen, als er diese Worte aus dem Munde seines kaum zwei Monate älteren Halbbruders hörte. Nur sein aufrichtiger Respekt für Cristo hielt ihn von einer schneidenden Antwort zurück. Sein Bruder wusste ja nicht, wie es sich anfühlte, mitten in einem erbitterten Scheidungskrieg zu stecken.

Cristo war frisch und sehr glücklich verheiratet und hatte noch keine negativen Erfahrungen auf diesem Gebiet… oder auf sonst einem. Er war so geradlinig und solide wie ein Lineal. In ihm gab es keine verborgenen Winkel, keine dunklen Geheimnisse. Sein Bruder ahnte nichts von den schrecklichen Dingen, die Nik in seinem Leben bereits hatte erleben müssen. Und auf keinen Fall würde Nik ihn ausgerechnet jetzt damit konfrontieren!

„Du fragst dich vermutlich, warum ich so dreist bin, dir einen Rat zu erteilen“, fügte Cristo diplomatisch hinzu. „Aber du und Betsy hattet mal eine gute Beziehung, und etwas weniger verkrampft und aggressiv an die Sache ranzugehen, wäre bestimmt besser für euch bei…“

„Dann wird es dich bestimmt freuen zu hören, dass Betsy und ich uns morgen mit unseren Anwälten treffen, um die Aufteilung des Vermögens zu regeln“, erklärte Nik, die schmalen dunklen Gesichtszüge grimmig und hart.

„Es geht doch nur um Geld, Nik, und … Dio mio.“ Cristo seufzte tief, als er an das Imperium dachte, das sein Workaholic-Tycoon-Bruder aus dem Nichts aufgebaut hatte. „Davon hast du doch jede Menge.“

Nik biss die makellosen weißen Zähne zusammen. Kaum gezügelte Wut blitzte in seinen hellgrünen Augen auf. „Darum geht es nicht!“, sagte er schroff. „Betsy will mich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Sie will mir die Hälfte meines Vermögens abknöpfen!“

„Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, warum sie auf einmal so viel fordert“, räumte Cristo ein. „Sie kam mir bisher überhaupt nicht geldgierig vor. Hast du versucht, mit ihr zu reden?“

Nik runzelte gereizt die Stirn. „Warum sollte ich mit ihr reden wollen?“ Sein entgeisterter Tonfall suggerierte, dass ihm schon die bloße Idee völlig vorrückt vorkam. „Sie hat mich rausgeworfen, die Scheidung eingereicht und will mir jetzt Milliarden abknöpfen!“

„Sie hatte ihre Gründe dafür, dich aus dem Haus zu werfen“, rief Cristo seinem Bruder vorsichtig ins Gedächtnis.

Statt einer Antwort presste Nik nur stur die Lippen zusammen. Er hatte seine eigene Erklärung dafür, warum seine Ehe gescheitert war: weil er eine Frau geheiratet hatte, die keine Kinder wollte und die dann ihre Meinung geändert hatte! Klar hatte er ihr etwas sehr Wichtiges verschwiegen, aber er war verständlicherweise davon ausgegangen, dass ihr plötzlicher Meinungswechsel nur eine Laune war und ihr Wunsch hoffentlich genauso schnell wieder verschwinden würde wie er aufgetaucht war.

„Es war mein Haus“, entgegnete er flach.

„Dann willst du ihr Lavender Hall jetzt also genauso wegnehmen wie den Hund?“

„Gizmo gehörte ebenfalls mir.“ Nik warf einen Blick in die Richtung des besagten Hundes, der vor zwei Monaten in seine Obhut zurückgeholt worden war und noch immer den jämmerlichen Anblick einer tiefen Hundedepression bot. Gizmo lag inmitten von nicht angerührtem Gummispielzeug vor einem Fenster, die Schnauze trübsinnig auf die zottigen Pfoten gelegt. Das Tier hatte alles, was man nur für Geld kaufen konnte, doch trotz Niks größter Bemühungen trauerte die dämliche Töle seiner Ex immer noch hinterher.

„Weißt du überhaupt, dass sie völlig am Boden zerstört gewesen ist, als du ihr den Hund weggenommen hast?“, fragte Cristo.

„Die drei Seiten tränenbefleckter Anweisungen ließen darauf schließen, ja“, erwiderte Nik sardonisch. „Sie macht sich mehr Sorgen um den Hund als um mich.“

„Vor noch nicht mal einem Jahr hat sie dich noch angebetet“, widersprach Cristo.

Nik musste zugeben, dass er das sehr genossen hatte. Weniger gefallen hatte ihm allerdings, dass diese Bewunderung sich nun in Hass verwandelt hatte. Und in Fragen, die er nicht beantworten konnte. Okay, das stimmte nicht ganz. Unter Zwang hätte er ihr seine Gründe vielleicht erklären können, aber er wollte sich weder ihrem Mitleid noch ihrem Entsetzen aussetzen. Es gab Dinge, die ein Mann einfach für sich behalten musste. Weil sie zu schrecklich waren, um sie jemandem anzuvertrauen …

Cristo zögerte einen Moment. „Als du mich dazu aufgefordert hast, nach eurer Trennung mit Betsy zu reden und mich ein bisschen um sie zu kümmern, dachte ich, dass ich den Vermittler spielen soll, weil du sie noch liebst und sie zurückwillst.“

Niks attraktives Gesicht verzerrte sich zu einer höhnischen Grimasse. „Ich habe sie nicht geliebt“, erklärte er kalt. „Ich habe noch nie jemanden geliebt. Ich mochte sie und vertraute ihr. Sie war eine gute Hausfrau.“

„Eine gute Hausfrau?“

„Ja, sie war eine gute Hausfrau“, wiederholte Nik stur. Cristo konnte natürlich nicht nachvollziehen, warum Nik eine solche Eigenschaft bei einer Frau so anziehend fand. „Aber mein Vertrauen in sie war nicht gerechtfertigt. Natürlich will ich sie nicht zurück.“

„Bist du dir da absolut sicher?“

„Klar“, bestätigte Nik, ohne zu zögern. Die Scheidung war zwar noch nicht durch, aber er hatte Betsy längst abgehakt. Für einen griechischen Milliardär war sie ohnehin eine etwas unpassendere Partnerin gewesen. Als er ihr begegnet war, hatte er noch große Probleme gehabt, aber inzwischen war das vorbei. In den sechs Monaten seit dem Scheitern seiner Ehe hatte er sich sehr verändert und war stolz darauf.

Endlich hatte er seine schreckliche Kindheit überwunden und konnte neu durchstarten. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, seine alten Fehler zu wiederholen – und Betsy war ein gewaltiger Fehler gewesen.

Betsy versuchte, ihre innere Anspannung zu verdrängen, aber das Warten in dem eleganten Konferenzraum machte sie so nervös, dass sie schon bei dem kleinsten Geräusch zusammenzuckte.

Kein Wunder, schließlich war es jetzt schon ein halbes Jahr her, dass sie Nik zuletzt gesehen hatte – sechs Monate, in denen auch noch der letzte Rest ihres gebrochenen Herzens in den Staub getreten worden war. Er hatte sich geweigert, sie zu sehen und ihr keinerlei Erklärung für sein völlig unverständliches Verhalten gegeben.

In einem einzigen Augenblick war damals aus einer glücklich verheirateten Frau, die gerade ihr erstes Baby plante, eine bitter hintergangene und verletzte Ehefrau geworden. Es mochte Betsy gewesen sein, die Nik rauswarf, aber im Grunde hatte er sie verlassen. Ohne einen Blick zurück war er gegangen, so, als ob ihm drei Jahre Ehe absolut nichts bedeuteten.

Erst später – viel zu spät – war Betsy bewusst geworden, dass sie einen Mann geheiratet hatte, der ihr nie eine Liebeserklärung gemacht hatte. Einen Mann, in dessen Leben nur eines von Bedeutung war – seine Arbeit.

War es ein Wunder, dass sie da hatte zurückschlagen wollen, auch auf die Gefahr hin, dass sie sich damit seinen Hass zuzog? Inzwischen war es ihr nämlich egal, völlig egal, was Nikolos Christakis von ihr hielt! Ihre Liebe zu ihm war erloschen, als ihr bewusst geworden war, wie wenig sie oder ihre Ehe ihm bedeutet hatten. Ihr jetziges Verhalten war nur die Rache für ihr gebrochenes Herz.

Rache …

Das klang weder hübsch noch weiblich und war bestimmt das Letzte, was ein so manipulativer und gerissener Geschäftshai wie Nik Christakis von seiner einst so gefügigen künftigen Ex-Frau erwartet hatte. Indem sie die Hälfte seines Vermögens verlangte, traf sie ihn an seiner empfindlichsten Stelle. Sie mochte ihm gleichgültig sein, aber sein kostbares Geld war es nicht. Dafür sprach schon allein, dass er erst jetzt bereit war, sich wieder mit ihr zu treffen …

Als Betsy Schritte vor der Tür hörte, versteifte sie sich unwillkürlich. Die Türklinke bewegte sich, doch niemand trat ein. Betsy saß da wie zur Salzsäule erstarrt. Das Herz schlug ihr vor Nervosität bis zum Hals.

„Überlassen Sie lieber uns das Reden“, sagte ihr Anwalt Stewart Annersley nicht zum ersten Mal zu ihr. Was er in Wirklichkeit meinte, war, dass Betsy den gegnerischen Anwälten nicht gewachsen sein würde. Für Betsy war das nichts Neues. Auch nach drei Jahren Ehe mit einem Mann wie Nik war sie noch immer viel zu gutgläubig. Zumindest konnte sie sich nicht auf ihre Menschenkenntnis verlassen.

Nie hätte sie zum Beispiel damit gerechnet, dass Nik ihr Gizmo wegnehmen würde. Der kleine Hund war nach der Trennung ihr einziger Trost gewesen, und Nik mochte Hunde noch nicht mal. Ihre einzige Erklärung dafür war inzwischen, dass Nik ein absoluter Kontrollfreak war. Was ihm gehörte, hatte gefälligst auch in seinem Besitz zu bleiben … es sei denn natürlich, es handelte sich um eine abgelegte Ehefrau.

Sein neuester Coup war, sich den Landsitz unter den Nagel reißen zu wollen, der ihm nie gefallen hatte und den sie liebte. Natürlich war er der Besitzer und hatte die Restaurierung bezahlt, aber er hatte das Haus mit sämtlichen Nebengebäuden nur ihr zuliebe gekauft. Oder irrte sie sich auch da? War Lavender Hall doch nur eine vielversprechende Investition für ihn gewesen? Betsy konnte ihren Mann einfach nicht mehr einschätzen.

Ohne Vorwarnung ging die Tür plötzlich doch auf, und Nik stand vor ihr. Betsys Herz machte bei seinem Anblick einen Satz. Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Sie konnte sich weder rühren noch atmen, sprechen oder blinzeln, so intensiv war die Wirkung der rohen sexuellen Energie, die Nik ausstrahlte.

Seine außergewöhnlich hellen grünen Augen glitzerten wie Smaragde in seinem schmalen schönen Gesicht. Erinnerungen überwältigten Betsy – von ihrem katastrophalen ersten Date mit Nik über ihre idyllischen Flitterwochen bis hin zu ihrer Einsamkeit, nachdem die Realität sie schließlich doch eingeholt hatte. Resolut verdrängte sie die Bilder in ihrem Kopf. Nicht schon wieder! schwor sie sich innerlich. Diesmal würde es ihm nicht gelingen, sie zu verunsichern.

Entschlossen hob sie das Kinn, straffte die verkrampften Schultern und richtete den Blick auf ihn, wobei sie jedoch direkten Blickkontakt vermied. Seine Gegenwart verstörte sie tiefer als ihr lieb war. Wie hatte es nur so weit kommen können? Wie hatte es passieren können, dass aus dem Mann, den sie mal so geliebt hatte, ihr schlimmster Feind geworden war? Was hatte sie falsch gemacht? Was hatte sie getan, dass er sie so feindselig behandelte?

Nik konnte den Blick kaum von Betsy losreißen. Sie wirkte so klein! Betsy war nie besonders groß oder kräftig gewesen – kaum dass sie fünfzig Kilo auf die Waage brachte! Aber jetzt …Oder wirkte sie nur neben ihren Anwälten so zierlich?.

Unwillkürlich fragte Nik sich, ob sie genug aß, verdrängte seinen aufwallenden Beschützerinstinkt jedoch rasch, weil er total unangemessen war. Ob sie genug aß, ging ihn genauso wenig etwas an wie die Tatsache, dass ihr Anwalt Annersley sich etwas zu dicht zu ihr herüberbeugte, als er etwas zu ihr sagte. Sie würde für jeden raffgierigen Mann eine echte Trophäe sein, wenn sie auch nur einen Bruchteil von Niks Vermögen bekam.

Ist mir doch egal, sagte Nik zu sich selbst, während er sich mit unnötiger Heftigkeit auf den Stuhl setzte, den einer seiner Anwälte ihm hinschob. Selbstverständlich würde es in Betsys Leben noch andere Männer geben; sie war eine echte Schönheit.

Verstohlen musterte er ihr blasses Profil. Sie hatte ihn immer an eine zerbrechliche Glasfigur erinnert. Sie war genau die Art Frau, die in einem Mann den Instinkt weckte, sie beschützen zu wollen.

Und wohin hat mich das gebracht? fragte er sich zynisch. Vor den Scheidungsrichter!

Er wusste noch genau, wie sie ihn damals angesehen hatte, mit Tränen in den blauen Augen. „Ich will ein Baby!“ Seiner Meinung nach hatte sie mit diesem Satz selbstsüchtig ihre voreheliche Vereinbarung gebrochen – und ihm damit ohne ihr Wissen total den Boden unter den Füßen weggezogen.

Als Nik bewusst wurde, dass sie das so sehnlich erwünschte Baby früher oder später mit einem anderen Mann bekommen würde, krampfte sein Magen sich schmerzlich zusammen. Er stürzte seinen schwarzen Kaffee so hastig hinunter, dass er sich dabei den Mund verbrannte.

Auf keinen Fall würde er zulassen, dass Betsy ihn ausnahm wie eine Weihnachtsgans, so wie sein Gigolo-Vater Gaetano Ravelli das früher bei Niks Mutter Helena versucht hatte. Doch wenn Helena Christakis schlau genug gewesen war, sich nicht von Gaetano übers Ohr hauen zu lassen, dann würde Nik sich so etwas erst recht nicht gefallen lassen.

Gut, dass Betsy ihm völlig gleichgültig war. Er hatte die Genugtuung kaum erwarten können, sie wiederzusehen und nichts dabei zu empfinden. Und da saß sie: zierlich, blond, mit blasser Porzellanhaut und rosa Schmollmund.

Nik biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich auf ihre Mängel, die er in seiner Fantasie sogar noch übertrieb: den kleinen Höcker auf ihrer Nase, die Sommersprossen und die flache Figur. Körperlich war sie alles andere als perfekt … Was zum Teufel hatte er je nur an ihr gefunden?

Ohne Vorwarnung hob Betsy den Blick und sah ihn aus Augen an, deren Farbe ihn immer an das tiefste Meer erinnerte. Auf der Stelle überkam Nik ein überwältigendes Gefühl der Begierde. Er fühlte sein Blut durch die Adern rauschen, fühlte, wie seine Muskeln sich anspannten. Seine maßgeschneiderte Hose saß plötzlich viel zu eng … Diese Reaktion war ein echter Schock für ihn, und er war sonst nicht so leicht zu schockieren. Ihm brach der kalte Schweiß aus. Er musste seine ganze Willenskraft aufbieten, um sich wieder zusammenzureißen.

Bestimmt reagierte er nur deshalb so intensiv auf sie, weil sie ihm doch noch vertraut war. Klar, es konnte gar nicht anders sein!

Betsy senkte den Blick zur Tischplatte, als die Verhandlungen begannen. Nik saß weit genug von ihr entfernt, um ihn zu ignorieren, doch es fiel ihr verdammt schwer, ihn nicht anzusehen. Es war so lange, so unendlich qualvoll lange her, dass sie ihn zuletzt gesehen hatte. Aus irgendeinem Instinkt heraus, den sie nicht unterdrücken konnte, hob sie den Kopf und begegnete für den explosiven Bruchteil einer Sekunde lang Niks Blick. Seine hellgrünen Augen leuchteten faszinierend in seinem dunklen attraktiven Gesicht.

Ihr stockte der Atem, und sie erstarrte, als sie spürte, wie heftig ihr Körper auf ihn reagierte. Ihr wurde heiß, und sie konnte buchstäblich spüren, wie ihre Brustknospen in ihrem BH prickelten und hart wurden. Erotische Fantasien schossen ihr durch den Kopf und trieben ihr die Röte in die blassen Wangen. Es kränkte sie daher noch nicht mal, dass Nik den Blick zuerst von ihr abwandte. Sie war einfach nur froh, erlöst zu werden.

Wie konnte es sein, dass er immer noch eine solche Wirkung auf sie hatte? Wie konnte sie ihn körperlich noch so anziehend finden?

Schließlich war sie seinetwegen durch die Hölle gegangen! „Du wirst das noch bitter bereuen“, hatte Nik ihr gedroht, als sie ihn rausgeschmissen hatte, doch damals hatte sie nur bereut, nicht eher von seinem Geheimnis erfahren zu haben. Sie hatte die Wahrheit erst aus dem Munde einer seiner Brüder erfahren, was schrecklich demütigend für sie gewesen war.

Rückwirkend wusste sie, dass sie sich wie eine Furie aufgeführt hatte. Doch der Zusammenbruch ihrer Illusionen hatte sie so blind vor Wut gemacht. Sie hatte gebrüllt und geflucht, Nik hingegen war so reglos wie ein Fels in der Brandung dagestanden – völlig ungerührt von ihrer Wut, ihren Tränen und ihren Bitten nach Erklärungen. Er hatte ihr keine Antworten gegeben, sondern nur emotionslos bestätigt, was sie von seinem jüngeren Bruder Zarif erfahren hatte: dass Nik sich im Alter von zweiundzwanzig Jahren hatte sterilisieren lassen und sie daher niemals ein Kind von ihm bekommen würde.

Leider hatte Nik nicht nur vor ihrer Hochzeit versäumt, ihr das zu erzählen, sondern auch noch zugelassen, dass sie monatelang vergeblich versucht hatte, von ihm schwanger zu werden. Warum hatte er ihr nicht spätestens da die Wahrheit gesagt? Warum nur? Wieder und wieder hatte sie ihm diese Frage gestellt, doch er hatte sie nur schweigend angesehen.

Marisa Glover, Niks berühmte Scheidungsanwältin, musterte Betsy kühl und fragte sie beiläufig, wie sie eigentlich darauf kam, dass eine ehemals mittellose und unter Legasthenie leidende Kellnerin, die seit ihrer Heirat nicht gearbeitet hatte, Anspruch auf das Vermögen ihres Mannes erheben wollte. „Sehen wir den Tatsachen doch ins Auge: Sie haben noch nicht mal Kinder, die Unterhalt brauchen“, rief die kühle blonde Schönheit der Tischrunde ins Gedächtnis.

Betsy wurde blass. Noch nie hatte sie sich so gedemütigt gefühlt. Nik hatte seinen Anwälten also von ihrer Legasthenie erzählt! Und ihr vorzuhalten, dass sie keine Kinder hatte, war einfach nur zynisch und grausam. Schließlich hatte sie sich verzweifelt nach welchen gesehnt und Nik hatte sie ihr unter Vorspiegelung falscher Tatsachen vorenthalten!

Nik musterte Betsys angespanntes Profil. Sie blinzelte nervös und hatte die Lippen fest zusammengepresst. Er sah ihr an, dass sie verletzt und gedemütigt war, aber schließlich hatte er sich nicht umsonst für Marisa entschieden; sie war die beste Scheidungsanwältin Londons und bekannt für ihre Erbarmungslosigkeit. Hatte Betsy etwa damit gerechnet, dass er Rücksicht auf sie nehmen würde? Hatte sie denn nicht gewusst, dass bei einer Scheidung alles an schmutziger Wäsche gewaschen wurde, was man nur hervorzerren konnte? War sie wirklich so naiv?

Nicht mehr lange, und ihre Anwälte würden den Gegenangriff starten. Genug Munition hatten sie jedenfalls. Sie würden genau wissen, dass er nicht wollte, dass etwas von seiner Sterilisation an die Öffentlichkeit kam. Schließlich handelte es sich dabei um eine Privatsache. Und zwar um eine weitaus schützenswertere Privatsache als Betsys Legasthenie, für die sie sich immer so geschämt hatte.

Aber plötzlich machte Betsys offensichtlicher Schmerz Nik schwer zu schaffen. Er hielt es kaum noch aus, die Anwältin so über sie reden zu hören.

Als Betsys Anwalt das Wort ergriff, erinnerte er Marisa daran, dass Nik seiner Frau während ihrer Ehe verboten hatte zu arbeiten – und ließ ihn damit wie einen rückschrittlichen Chauvinisten dastehen. Marisa wiederum wies darauf hin, dass Betsy nicht die nötige Bildung hatte, um etwas anderes als Hilfsarbeiten anzunehmen und dass man von einem Mann mit Niks gesellschaftlicher Stellung kaum erwarten konnte, so etwas zu tolerieren.

Irgendwann fand Nik das Ganze so unerträglich, dass sein ohnehin schon explosives Temperament mit ihm durchging. Er schlug mit den Händen auf den Konferenztisch und sprang so abrupt auf, dass die anderen erschrocken zurückprallten. „Es reicht!“, sagte er schroff. „Marisa, Ihnen ist sehr wohl bewusst, dass Betsy in Lavender Hall ein eigenes Geschäft hat.“

„Ja, aber …“

„Dieses Meeting ist hiermit beendet“, unterbrach er die Anwältin grob. „Ich wünsche keine weiteren Diskussionen.“

„Aber wir haben uns doch noch gar nicht geeinigt“, protestierte Annersley.

Betsy sah Nik verwirrt an. Hatte er dieses demütigende Meeting wirklich gerade beendet? Ihr zuliebe etwa? Nein, das konnte nicht sein! Sie weigerte sich einfach, das zu glauben. Es musste ein anderes Motiv dahinterstecken.

Es hatte sie tief getroffen, mit ihrer Legasthenie konfrontiert zu werden, ganz zu schweigen von dem Seitenhieb auf ihre mangelnde Bildung, zumal Nik sich immer bitter beschwert hatte, wenn sie die Abendschule besuchte. Für sich selbst hatte er selbstverständlich das Recht herausgenommen, beruflich jederzeit durch die Gegend zu reisen, aber wenn er zu Hause war, hatte er von ihr erwartet, für ihn da zu sein. Sie hatte seinem ständigen Genörgel schließlich nur deshalb nachgegeben, weil sie naiv genug gewesen war zu glauben, dass er sie brauchte.

„Es wird kein weiteres Meeting geben“, erklärte Nik und ging zur Tür hinaus, ohne Betsy auch nur eines Blickes zu würdigen.

2. KAPITEL

Als Betsy aus dem Zug stieg und zu ihrem Wagen ging, war sie außer sich vor Wut, und zwar vor allem auf sich selbst. Sie war wütend und beschämt, weil sie auf Nik so instinktiv reagiert hatte wie ein dummes unreifes Mädchen, das es einfach nicht besser wusste. Es wäre viel beruhigender gewesen, wenn seine Gegenwart sie kaltgelassen hätte. Schließlich hatte er es nicht anders verdient!

Cristos Frau Belle hatte Betsy erst neulich geraten, wieder mit anderen Männern auszugehen, weil sie sonst nie über Nik hinwegkommen würde, aber Betsy hatte keine Lust auf die Probleme, die Männer mit sich brachten …

Unwillkürlich musste sie daran denken, wie sie Nik kennengelernt hatte. Sie waren sich zum ersten Mal in einem kleinen Bistro gegenüber von seinem Büro begegnet, in dem sie als Kellnerin gearbeitet hatte – ein Job, der ihr trotz der schlechten Bezahlung Spaß gemacht hatte. Sie hatte sich damit die Abendschule finanziert, um ihren Schulabschluss nachzuholen. Oh ja, damals hatte sie noch große Zukunftspläne gehabt!

Sie wäre noch nicht mal auf die Idee gekommen, dass sie sich je von einem Mann an der Erfüllung ihrer Träume hindern lassen würde. Mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie schon ein paar Beziehungen gehabt, allerdings war sie nie mit einem Mann zusammen gewesen, für den sie wirklich etwas empfunden hatte.

Nik hatte an einem der Tische auf dem Bürgersteig gesessen, ein umwerfend schöner Mann in schwarzem Kaschmirmantel, mit von langen Wimpern umrahmten hellgrünen Augen. Schon als er eine Tasse Kaffee bei ihr bestellt hatte, war ihr ein Schauer der Erregung über den Rücken gelaufen. Ihr war noch nicht mal aufgefallen, dass er seinen Bruder Cristo dabeigehabt hatte, genauso wenig die unauffällig gekleideten Männer, die sich später als seine Bodyguards entpuppten. Schon damals hatte sie nur Augen für ihn gehabt. Ihr Herz hatte so heftig geklopft, dass sie kaum noch Luft bekam.

Als er einen zweiten Kaffee bestellte, gab er ihr den Keks zurück, der bei dem ersten Kaffee dabei gelegen hatte. „Zucker rühre ich nicht an … grundsätzlich nicht“, sagte er mit einem unglaublich erotischen ausländischen Akzent.

„Ich wünschte, ich könnte das Gleiche von mir behaupten“, erwiderte Betsy trocken und steckte sich den Keks für später in die Tasche. Sie war immer hungrig, da freie Mahlzeiten oder Snacks nicht in ihrem Arbeitsvertrag standen. „Aber ich muss Ihnen trotzdem einen Keks zum Kaffee servieren. Anordnung der Geschäftsleitung.“

„Bei mir reine Verschwendung“, antwortete er und lächelte sardonisch. „Aber Sie sehen so aus, als könnten Sie die Kalorien gebrauchen.“

„Ich bin von Natur aus dünn. War ich immer schon“, erwiderte Betsy, sich des Stirnrunzelns seines Begleiters nur halb bewusst.

„Ich finde das niedlich“, erwiderte Nik und ließ den Blick über ihren schlanken Körper gleiten. „Sehr, sehr niedlich.“

Errötend ging sie davon, um den zweiten Kaffee zu holen. Was zum Teufel war bloß los mit ihr? Er war schließlich nicht der erste Gast, der versuchte, mit ihr zu flirten. Normalerweise nahm sie so etwas gar nicht ernst. Warum brachte er sie dann so außer Fassung? Vielleicht, weil er nicht ihre Liga war. Man konnte schon an seinem schicken Mantel und seinem Anzug erkennen, dass er irgendein hochrangiger Geschäftsmann sein musste.

Als sie ihm den nächsten Kaffee brachte, gab er ihr den Keks sofort zurück. Errötend lehnte sie ab. „Nein danke. Mein Chef hat gerade gesagt, dass wir die Kekse nicht einstecken dürfen.“

„Wirklich?“ Nik hob eine Augenbraue. „Vielleicht sollte ich mal mit ihm reden.“

„Nein, bitte nicht.“ Betsy wich mit ihrem Tablett zurück.

„Wenn Sie sich deswegen solche Sorgen machen, dann natürlich nicht. Ich heiße übrigens Nik“, fügte er beiläufig hinzu.

An diesem Nachmittag ließ er ihr eine Dose mit unglaublich teuren Keksen ins Bistro schicken. Betsy war deswegen eher verlegen als erfreut, vor allem, als ihr Chef Mark sie fragte, ob das Geschenk von einem Gast stammte, und missbilligend die Stirn runzelte, als sie die Frage bejahte.

Von da an kam Nik jeden Dienstag vorbei und unterhielt sich in einer fremden Sprache mit Cristo, während er Telefonate auf seinem Handy erledigte. Schon allein sein bloßer Anblick war erregend, und seinen Blicken zu begegnen, jagte Betsy jedes Mal unkontrollierbare Schauer durch den Körper. Es entging ihr nicht, dass er sie ebenfalls beobachtete und ihr immer ein lächerlich hohes Trinkgeld gab.

„Pass bloß auf“, ermahnte Mark sie eines Vormittags. „Ich habe gerade erfahren, wer er ist. Er heißt Nik Christakis. Ihm gehört das Bürogebäude auf der anderen Straßenseite – NCI, Nik Christakis Industries. Er hat bereits eine Coffeeshop-Kette in seinem zweifellos riesigen Portfolio. Ich will es mir nicht mit ihm verscherzen.“

Betsy keuchte erschrocken auf. „Ihm gehört das Gebäude da drüben?“

„Sind dir seine Bodyguards noch gar nicht aufgefallen?“ Mark verdrehte die Augen ob ihrer Ignoranz. „Er muss ein außergewöhnlich reicher Mann sein. Fragt sich nur, warum er so oft hier ist.“

Als Betsy am Abend nach Hause kam, gab sie seinen Namen in die Suchmaschine auf ihrem Computer ein und fand heraus, dass er Grieche war. Und dass Cristo sein Halbbruder war. Und dass er in einer ganz anderen Welt aufgewachsen war als sie … Von da an hielt sie sich ihm gegenüber etwas mehr zurück, weil sie sich ihrer bisherigen pubertären Tagträume von ihm schämte.

„Na? Kein Lächeln mehr für mich?“, fragte Nik sie bei seinem nächsten Besuch und hielt sie zu ihrem Schreck an einer Hand fest. „Stimmt etwas nicht?“

Betsy errötete. „Nein, alles in Ordnung. Das Bistro ist nur gerade ziemlich gut besucht, deshalb habe ich keine Zeit.“

„Gehen Sie morgen Abend mit mir essen?“, fragte Nik ohne Vorwarnung.

Betsy riss ihre Hand los und nahm ihr Tablett. „Tut mir leid, aber das geht nicht. Ich habe Abendschule.“

Er blieb hartnäckig. „Dann eben an Ihrem nächsten freien Abend.“

„Aber wir haben nichts gemeinsam“, protestierte sie.

„Genau das gefällt mir ja so“, erwiderte Nik heiser und sah sie so intensiv an, dass Betsy erschauernd den Blick senkte.

„Es würde nicht funktionieren.“

Nik gab sich nicht so leicht geschlagen. „Wenn ich sage, dass es funktioniert, dann tut es das auch. Wann?“

„Also … Freitag“, stammelte Betsy, sich des fassungslosen Blicks seines Bruders nur allzu bewusst. „Ich habe Freitagabend frei.“

„Dann hole ich Sie um halb acht ab“, antwortete Nik und bat sie um ihre Adresse.

Als sie davongegangen war, um einen anderen Gast zu bedienen, hatte sie gehört, wie Cristo anfing, mit seinem Bruder zu diskutieren. Bestimmt hatte er Nik Vorhaltungen gemacht, weil er sich mit einer Kellnerin einließ.

Wie lange das alles schon zurücklag! Mit Mühe löste Betsy sich von ihren Erinnerungen. Doch auch in der Gegenwart drehten sich ihre Gedanken um Nik. Hatte er sich nach der Besprechung gleich wieder in die Arbeit gestürzt?

Nik hatte sich mit der attraktiven Jenna verabredet, weil sie ihm nach dem schwierigen Vormittag wie das perfekte Gegenmittel vorgekommen war. Aber als die hübsche Blondine sich auf dem Weg zu ihr in der Limousine an ihn presste und eine Hand auf einen seiner Oberschenkel legte, versteifte er sich unwillkürlich und unterdrückte nur mit Mühe den Impuls, ihre Hand abzuschütteln.

Ich bin demnächst geschieden, rief er sich genervt ins Gedächtnis. Ich bin ein freier Mann, also wird es höchste Zeit, sich auch wie einer zu benehmen.

Als Jenna sich auf seinen Schoß setzte, um ihn zu küssen, warf er instinktiv den Kopf in den Nacken, sodass ihre Lippen statt auf seinem Mund auf seinem Kinn landeten. Ihr Duft stieg ihm in die Nase. Sie roch irgendwie verkehrt. Nicht schlecht, nur auf irgendeine unerklärlicherweise Weise … falsch. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und streifte dabei ihr Haar, das sich seltsam trocken unter seinen Fingern anfühlte. Er verspürte nicht die geringste Lust, mit seiner Hand durch Jennas Haar zu streifen.

Zu seiner Frustration wurde ihm bewusst, dass er mal wieder völlig ungerechtfertigte Vergleiche mit Betsy anstellte. War das der Grund, dass sein Körper ihm einen Strich durch die Rechnung machte? Irgendetwas brachte ihn und seine Libido völlig durcheinander. Er hatte zwar keine Ahnung, was es war, aber er hatte auch nicht vor, das Problem mit seiner Therapeutin zu besprechen. Mit der guten Frau hatte er schon genug unangenehme Themen aufgearbeitet, und obwohl er großen Respekt vor dem scharfen Verstand und der Diskretion der Dame hatte, gab es gewisse Grenzen.

Klar ging es ihm viel besser, seitdem er seine schlimme Kindheit bewältigt hatte, aber er war auch heilfroh, dass die Zeit der Offenbarungen endlich vorbei war. Sich jemandem anzuvertrauen, war für einen so reservierten Mann wie ihn nicht einfach. Außerdem wollte er gar nicht hören, dass Betsy noch immer einen negativen Einfluss auf ihn haben könnte und womöglich seine Energie, seinen Hunger nach Sex und seine Zielstrebigkeit unterminierte.

Sein Handy summte. Sich entschuldigend zog er es aus seiner Jacketttasche. Er wusste schon jetzt, dass er nicht mit zu Jenna fahren würde. Sie war ganz offensichtlich nicht sein Typ, und die Vorstellung, bei ihr zum ersten Mal in seinem Leben im Bett zu versagen, war unerträglich. Nein, wenn er sich selbst beweisen wollte, dass er Betsy überwunden hatte, musste er sich eine zivilisiertere Lösung einfallen lassen. Die Situation zwischen ihm und Betsy etwas zu entschärfen, wäre ein guter strategischer Schachzug.

Natürlich bedeutete das noch lange nicht, dass er ihr einen Haufen Geld überlassen oder, schlimmer noch, mit ihr reden würde, wie Cristo lächerlicherweise vorgeschlagen hatte. Nik wollte nicht mit ihr reden, schon allein deshalb nicht, weil er seine Wut dann bestimmt nicht im Zaum halten konnte und sie sich doch nur wieder streiten würden. Nein, reden kam nicht infrage. Das konnten seine Anwälte übernehmen.

Am Tag nach der Verhandlung arrangierte Betsy ihre frisch gelieferten Verkaufsartikel auf den neuen Ladenregalen und trat einen Schritt zurück, um die Wirkung zu überprüfen.

Sie war nach dem Scheitern ihrer Ehe durch die Hölle gegangen, aber ihr Bedürfnis, sich mit Arbeit abzulenken, hatte ironischerweise dafür gesorgt, dass sie geschäftlich erstaunlich produktiv und kreativ geworden war. Der kleine Hofladen, den Nik ihr widerwillig in einem der verlassenen Hofgebäude einzurichten erlaubt hatte und in dem sie ursprünglich nur frisches Obst, Gemüse und Eier verkaufte, hatte inzwischen gewaltig expandiert.

Betsy bot inzwischen auch Backwaren und selbst gekochte Fertiggerichte an. Außerdem hatte sie eine neue Geschenkartikelabteilung eingerichtet, und auf der anderen Seite des Hofes wurde ein ehemals verfallenes Cottage gerade zu einem kleinen Coffeeshop umgebaut.

Hinterm Tresen unterhielt ihre Geschäftsleiterin Alice sich freundlich mit einer Stammkundin. Betsy hatte Alice ursprünglich eingestellt, um immer kurzfristig für Nik zur Verfügung stehen zu können, wenn er nach Hause kam, doch obwohl sie inzwischen viel öfter da war als früher, funktionierte das Arrangement wegen der Expandierung des Ladens immer noch gut. Alices Stärke war ohnehin eher die Buchhaltung, während Betsy sich lieber um den Kontakt zu den Lieferanten und um die Erweiterung des Warenangebots kümmerte.

Alice war klug genug, keine neugierigen Fragen zu stellen. Die dreifache Mutter hatte sich von ihrem Mann scheiden lassen, weil er sie ständig betrogen hatte, und kannte daher schlaflose Nächte und Liebeskummer. Sie hatte daher kein Wort darüber verloren, als sie den Laden eines Morgens komplett umgeräumt und so blankgeputzt vorgefunden hatte, dass man sich in den Schachbrettfliesen hatte spiegeln können. Betsy hatte offensichtlich die Angewohnheit, sich in die Arbeit zu flüchten, wenn sie nicht schlafen konnte.

Es gab jedoch auch einen ganz pragmatischen Grund für Betsys Geschäftigkeit. Ihr Ziel war, Lavender Hall in einen eigenständigen, sich selbst finanzierenden Betrieb zu verwandeln. Die Vorstellung, für den Rest ihres Lebens finanziell von Nik abhängig sein zu müssen, war einfach zu demütigend. Ihre Hoffnung war daher, das Geschäft so weit auszubauen, dass sie aus den Erträgen bald sich und sämtliche Angestellte bezahlen sowie das Haus und den Garten unterhalten konnte.

Als das Telefon auf dem Tresen klingelte, ging Alice ran. „Das ist für dich“, sagte sie zu Betsy.

Die Haushälterin Edna war am Apparat. „Sie haben Besuch, Mrs Christakis. Ist es trotzdem in Ordnung für Sie, wenn ich den Nachmittag frei nehme?“, fragte die ältere Frau.

Edna und ihr Mann Stan, der sich um den Garten kümmerte, waren Betsy im Haupthaus eine Riesenunterstützung, seitdem sie das andere Personal entlassen hatte. Im Gegensatz zu Nik hielt sie einen Privatkoch, einen Chauffeur und Zimmermädchen für völlig überflüssig.

„Natürlich“, beruhigte Betsy ihrer Haushälterin, während sie sich wunderte, warum Edna ihr gar nicht den Namen des Besuchers nannte. Vielleicht ist es ja Cristo oder seine Frau Belle, dachte sie hoffnungsvoll. Sie konnte etwas aufmunternde Gesellschaft gut gebrauchen.

Betsy mochte Belle, eine langbeinige rothaarige Irin, die vor Vitalität und Temperament strotzte. Belle war ihr im Laufe der letzten Monate eine gute Freundin geworden. Betsy bewunderte sie und Cristo dafür, die Verantwortung für die fünf Kinder übernommen zu haben, die Belles Mutter während ihrer Langzeitaffäre mit Cristos und Niks verstorbenem Vater Gaetano bekommen hatte.

Nik würde seine Freiheit niemals in einem solchen Maße opfern. Betsy fragte sich oft, wie sie nur so blind hatte sein können, nicht zu erkennen, dass der Mann, von dem sie sich so sehnlich ein Kind gewünscht hatte, gar keine Kinder mochte!

Sie glättete ihren schwarzen Stretchrock und krempelte sich die Ärmel ihres rosa Pullovers herunter, bevor sie den Laden verließ und durch den ummauerten Garten zu der Seitentür ging, die direkt zum Vorhof des Herrenhauses führte. Als Nik Einwände dagegen erhoben hatte, einen Laden einzurichten, hatte Betsy die Höhe dieser Mauer als Argument für die Wahrung ihrer Privatsphäre angeführt, doch das hatte ihn nicht beeindruckt. Er hatte nur deshalb irgendwann nachgegeben, weil er eingesehen hatte, dass sie eine Beschäftigung brauchte, wenn er so viel im Ausland unterwegs war.

Inzwischen betrieb sie den Laden nicht mehr nur als Hobby, sondern hatte ein florierendes Geschäft daraus gemacht. Wer hätte es je für möglich gehalten, dass sie zu so etwas fähig war? Ganz bestimmt nicht Betsys Eltern, die nie viel Vertrauen in ihre Fähigkeiten gehabt hatten. Zum Glück hatte ihre Großmutter, eine pensionierte Lehrerin, damals dafür gesorgt, dass Betsy wegen ihrer Legasthenie die nötige Hilfe bekam. Betsys Eltern hatten sich deswegen nur geschämt.

Betsy vermutete, dass sie kein Wunschkind gewesen war, denn ihre Eltern hatten sich kaum um sie gekümmert. Sie waren bei einem Zugunglück ums Leben gekommen, als Betsy erst elf gewesen war. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Großmutter ebenfalls schon tot gewesen, sodass Betsy bei wechselnden Pflegefamilien untergebracht werden musste – eine Erfahrung, die dazu geführt hatte, dass sie sich zunächst keine eigenen Kinder hatte vorstellen können.

Betsy durchquerte die Küche und betrat die Eingangshalle. Als sie den großgewachsenen breitschultrigen Mann mit dem pechschwarzen Haar sah, der mit dem Rücken zu ihr in der offenen Eingangstür stand, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Nik hatte sich aufmerksam umgesehen und die Veränderungen der letzten sechs Monate waren ihm nicht entgangen. Im Gegensatz zu früher standen keine frischen Blumen auf dem Dielentisch und das Feuer im großen Kamin war geradezu winzig.

Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie Betsy damals vor der Restaurierung in derselben Eingangshalle herumgewirbelt war. „Ist es nicht unglaublich?“, hatte sie aufgeregt gerufen und dabei gestrahlt wie ein Weihnachtsbaum.

„Ich finde, man sollte es abreißen“, hatte Nik unbeeindruckt erwidert.

„Das lässt sich bestimmt noch retten“, widersprach Betsy. „Spürst du denn nicht die Atmosphäre und den Charakter dieses Hauses? Wenn man etwas Arbeit hineinsteckt, wird es wunderschön.“

Ein bisschen Arbeit mit der Abrissbirne, dachte Nik grimmig. Ihn inspirierten die zerbrochenen Ziegel und der wegen des undichten Dachs und der offenen Fenster mit Pfützen bedeckte Fußboden zu rein gar nichts, doch Betsy fand, dass das elisabethanische Gebäude historisch gesehen die reinste Schatztruhe war, während sie ihn von Zimmer zu Zimmer zerrte.

Für Nik war das Anwesen nur eine Bruchbude, aber als er merkte, dass Betsy sich offensichtlich darin verliebt hatte, stimmte er einem Kauf zu – ein sehr großzügiges Geschenk, das ihn eine Stange Geld kostete. Die Kosten für die Restaurierung wurden astronomisch hoch.

Ich war ein guter und fürsorglicher Ehemann, dachte Nik mit erneut aufkeimender Feindseligkeit. Er hatte versucht, seine Frau glücklich zu machen und ihr alles gegeben, was sie wollte – mit nur einer Ausnahme. Er kam noch immer nicht darüber hinweg, dass ihre Ehe ausgerechnet von ihrem Wunsch nach einem Baby zerstört worden war! Dabei hatte sie vor ihrer Ehe selbst keine Kinder gewollt.

Stirnrunzelnd drehte Nik sich um, als er ein Geräusch hinter sich hörte – und Betsy erblickte. Das blonde Haar fiel ihr ins zart gerötete Gesicht, in ihren blauen Augen lag eine violetter Schimmer und ihre ungeschminkten vollen Lippen schimmerten in einem zarten Rosa.

Ihr Anblick verschlug ihm den Atem und weckte sämtliche Reaktionen in ihm, die in der Limousine bei Jenna ausgeblieben waren. Entsetzt spürte Nik, wie seine Lenden zu pulsieren begannen. Vor lauter Frustration hätte er am liebsten etwas zerschlagen. „Hallo, Betsy“, begrüßte er sie kühl.

Betsy erstarrte bei Niks Anblick. Warum zum Teufel hatte Edna sie nicht vorgewarnt? Seine sündhaft sexy Stimme jagte ihr sofort einen Schauer der Erregung über den Rücken … Nie hätte sie damit gerechnet, ihn ausgerechnet hier wiederzusehen! Sein plötzliches Auftauchen war ein solcher Schock für sie, dass sie entsetzt aufkeuchte. Sein Besuch konnte nichts Gutes bedeuten. „Was machst du hier?“, fragte sie bestürzt.

„Ich wollte dich sehen.“

Betsy musterte Nik skeptisch. In all den Monaten, die sie getrennt gelebt hatten, hatte er keinerlei Anstalten gemacht, sie zu sehen. Warum also jetzt?

Ihr fiel auf, wie makellos sein grauer Nadelstreifenanzug an seinem schlanken durchtrainierten Körper saß. Wie immer spürte man deutlich, dass unter seiner kultivierten Fassade eine rohe männliche Naturgewalt steckte.

Bei seinem Anblick fiel es ihr mal wieder schwer, klar zu denken. Sein schönes dunkles Gesicht war so anziehend wie ein Feuer an einem kalten Tag. Seine hellgrünen Augen schimmerten wie Smaragde und weckten eine primitive Begierde in ihr, gegen die sie machtlos war. So sehr sie sich auch dagegen wehrte, sie konnte den Blick einfach nicht von ihm losreißen. Ein Schauer der Erregung lief ihr über den Rücken.

Gott sei Dank durchdrang in diesem Augenblick eine männliche Stimme von draußen die aufgeheizte Stille. „Komm sofort zurück!“

Als Betsy das Tapsen von Pfoten und ein vertrautes Bellen hörte, riss sie überrascht die Augen auf und rannte zur Tür. Ein ekstatisch winselndes Bündel Terrier sprang ihr in die Arme und bedeckte jeden Teil ihres Gesichts mit begeisterten Hundeküssen.

„Es tut mir schrecklich leid, Sir! Er ist durch das Fenster des Wagens gesprungen“, entschuldigte Niks Chauffeur sich atemlos.

Nik unterdrückte eine sarkastische Bemerkung. So lebhaft hatte er Gizmo schon seit zwei Monaten nicht mehr erlebt. Er nickte dem Chauffeur kühl zu, schloss die Haustür und musterte das Schauspiel vor sich. Betsy kniete lachend auf den Bodenfliesen, während der Terrier glücklich um sie herumsprang. Die überschwängliche Vereinigungsszene ließ sogar jemanden, der so hartgesotten war wie Nik, nicht ungerührt. Anscheinend hatte er die richtige Entscheidung getroffen.

Betsy hob den Blick zu ihm und sah ihn glücklich an. „Danke, dass du ihn mitgebracht hast.“

„Ich bringe ihn zurück“, korrigierte Nik sie sachlich. „Es geht ihm nicht gut ohne dich.“

„Aber er gehört dir“, wandte Betsy verwundert ein und nahm den Hund in die Arme, um ihn zu beruhigen.

„Er gehörte nur mir, bis er dir begegnet war“, widersprach Nik. Beim Anblick ihrer Brüste presste er irritiert die Lippen zusammen. Offensichtlich trug sie keinen BH unter ihrem Pulli, was ihn so erregte, dass es schmerzte.

Betsy konnte es nicht fassen. Ihr Gizmo zurückzugeben, war wirklich eine unglaublich großzügige Geste und passte überhaupt nicht zu jemandem, der so beherrscht und nachtragend war wie Nik. Auf der anderen Seite hatte sie noch nie gewusst, was in seinem Kopf vor sich ging. Er überraschte sie doch immer wieder.

Gizmo war ein herrenloser Terrier, den Niks Chauffeur einige Monate vor Niks erster Begegnung mit Betsy angefahren hatte. Nik hatte das Tier zum Tierarzt gebracht und behandeln lassen. Als sich kein Besitzer meldete, hatte Nik es nicht übers Herz gebracht, ihn ins Tierheim zu bringen, und ihn kurzerhand selbst aufgenommen.

Nik wünschte, er wäre in seinem sicheren Büro geblieben. Zu beobachten, wie Betsy den Hund mit Zuneigung überschüttete, erfüllte ihn mit verwirrenden und sehr widersprüchlichen Gefühlen. Er genoss ihren Anblick, und doch … Zu sehen, wie das durch das Fenster strömende Sonnenlicht ihr blondes Haar, ihre makellose Porzellanhaut und ihre blauen Augen zum Leuchten brachte, war eine echte Überforderung. Das Schlimmste war jedoch seine körperliche Reaktion auf sie. Die überforderte ihn erst recht.

„Vielen herzlichen Dank“, sagte Betsy, als Gizmo befriedigt davongetrottet war, um sein altes Terrain neu zu erkunden. Tränen schimmerten in ihren Augen. „Ich habe ihn so schrecklich vermisst.“ Nik sah sie so glühend an, dass ihr Herz einen Satz machte. Sie kannte diesen hungrigen Blick, der sie immer durchzuckte wie ein Blitzschlag und sie völlig bewegungsunfähig machte.

Sie presste die Oberschenkel zusammen, um das plötzliche schmerzhafte Pochen dazwischen zu unterdrücken. Als sie spürte, wie ihre Brustknospen unter ihrem Pullover hart wurden, wurde ihr nur allzu bewusst, dass sie keinen BH trug.

„Komm mit ins Wohnzimmer“, sagte sie und stand auf, um Nik voranzugehen wie einem Gast, der zum ersten Mal da war. „Warum hat Edna mir nicht gesagt, dass du der Besucher bist?“

„Weil ich sie darum gebeten habe, das nicht zu tun. Ich wollte dich überraschen.“

„Tja, das ist dir gelungen.“

Niks glühender Blick steckte ihr immer noch in den Knochen. Warum hatte er sie nur so angesehen? Er konnte sie doch unmöglich noch anziehend finden? Er war in den letzten Monaten ihrer Ehe alles andere als ein enthusiastischer Liebhaber gewesen, obwohl sie das inzwischen gut nachvollziehen konnte, jetzt, wo sie von seiner Sterilisation wusste. Damals war Sex für sie nur ein Mittel zum Zweck gewesen, um schwanger zu werden, etwas, das ihn zweifellos ziemlich abgetörnt hatte. Denk jetzt nicht an Sex, denk nicht an Sex, ermahnte sie sich fieberhaft.

Im Wohnzimmer drehte sie sich zu Nik um. „Möchtest du einen Kaffee?“, fragte sie, um einen Vorwand zu haben, zumindest für ein paar Minuten in die Küche entkommen zu können. Sie musste dringend wieder Herrin ihrer Empfindungen werden.

„Nein danke, aber ich hätte gern einen Drink“, sagte Nik und ging zur Bar, um sich selbst zu bedienen, als sei das das Selbstverständlichste der Welt.

Betsy holte irritiert Luft. „Ich nehme an, du willst reden?“

Nik drehte sich rasch zu ihr um und sah sie stirnrunzelnd an. „Nein, ich will nicht reden“, entgegnete er kalt, bevor er den Whisky herunterkippte, den er sich eingeschenkt hatte, und das leere Glas wegstellte.

„Dann … also … warum?“, stammelte Betsy verwirrt.

Der Blick aus seinen unglaublich grünen Augen war so durchdringend, dass ihr Herzschlag sich wieder beschleunigte.

„Ich bin nur gekommen, um dir Gizmo zurückzugeben.“

„Ach …“ Betsy fiel nichts ein. Vor ein paar Monaten hätte sie ihm Vorwürfe an den Kopf geschleudert und Antworten von ihm verlangt, doch diese Zeiten waren anscheinend vorbei.

Nik musterte ihr schönes Gesicht und versuchte, einen Makel darin zu entdecken, der seine Körperreaktionen wieder neutralisieren würde. Andererseits war er jedoch erleichtert, dass sexuell anscheinend doch noch alles mit ihm in Ordnung war.

Zu blöd nur, dass ihm nichts einfiel, womit er seine Erregung dämpfen konnte. Trotz Betsys mangelnden sexuellen Erfahrungen vor ihrer Ehe war sie im Bett nämlich absolut unglaublich. „Ich will dich“, hörte er sich selbst sagen, bevor er darüber nachdenken konnte.

Typisch Nik, etwas so völlig Unerwartetes zu sagen, dachte Betsy errötend, während ihre Begierde zu ihrem Leidwesen so heftig in ihr aufflackerte, dass sie ganz weiche Knie bekam. Sein Blick war so intensiv, dass sie ihn fast wie eine Berührung spürte.

„Und du willst mich“, hörte sie ihn mit belegter Stimme hinzufügen. Auch das war typisch Nik, ihre Empfindungen zu bemerken, bevor sie ihr selbst bewusst wurden.

Betsy wusste, dass sie ihm widersprechen musste. Auf keinen Fall durfte sie ihrer Begierde nachgeben. Er hatte sie belogen und ihr und ihrer Ehe einfach so den Rücken zugekehrt! Dafür hasste sie ihn genauso sehr, wie sie ihn früher mal geliebt hatte.

Doch unerklärlicherweise brachte sie keinen Ton hervor. Sie war so verwirrt, dass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Doch ihr Herz klopfte geradezu ohrenbetäubend laut.

3. KAPITEL

Mit raubtierhafter Anmut schlenderte Nik auf Betsy zu. Es steckte keine Überlegung hinter seinem Tun, er reagierte nur instinktiv auf das Verlangen, das ihn leitete. Ehrlich gesagt, konnte er keinen zusammenhängenden Gedanken mehr fassen. Er griff nach Betsy, schlang sich ihre Arme um den Hals und zog ihren schlanken Körper mit einem Gefühl der Erleichterung an seinen harten Körper, das ihn erschreckte.

Betsy spürte, wie er sie hochhob und gegen eine Wand presste, bevor er sie mit einer Leidenschaft und einem Hunger küsste, die ihr den Atem verschlugen. Sie trank seine nach Whisky und Gewürzen schmeckenden Küsse wie eine Süchtige, und auch er küsste sie, als hinge ihrer beider Leben davon ab. Seine wilde Leidenschaft war so aufregend, dass sie aufstöhnend den Kopf in den Nacken warf, um ihm besseren Zugang zu gewähren.

Doch dann versteifte sie sich, denn ein Teil von ihr wehrte sich noch immer. Der andere – größere – Teil in ihr war jedoch machtlos gegen ihn und ihre eigene Begierde. Nein, Betsy war kein wehrloses Opfer. Sie erwiderte seinen Kuss hungrig und griff mit ihren zarten Finger in seine starken Arme. Seine Kraft zu spüren, war himmlisch, doch jetzt sehnte sie sich nach seiner nackten Haut!

Nik ließ die Hände unter ihren Rock gleiten und umfasste ihren Po. Zu seiner Befriedigung trug sie wie immer nur einen Hauch von einem Spitzenslip. Als er ihn mit einem Ruck entzweiriss, keuchte Betsy erschrocken auf.

„Du willst mich auch“, murmelte Nik heiser an ihrem geschwollenen Mund, sein Atem heiß an ihrer nackten Haut.

Ach, wie sehr Betsy sich nach ihm gesehnt hatte, Tag und Nacht! Sie hatte sich nach dem verzehrt, was sie für unwiderruflich verloren geglaubt hatte, hatte die Leidenschaft und die Nähe vermisst, die früher einmal ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens gewesen waren. Sie hatte sich einfach nicht vorstellen können, sich je von jemand anderem anfassen zu lassen als von Nik.

Ihr ganzer Körper fieberte nach seiner Berührung an ihrer empfindlichsten, heiß pulsierenden Stelle. Sie verzehrte sich geradezu danach, seine Hand zu spüren.

Er presste sie gegen die Wand und schob ihr ungeduldig den Pullover hoch, um gierig an einer harten Brustwarze zu saugen. Stöhnend schloss Betsy die Augen, als ein neuer Ansturm prickelnder Hitze ihr Lustzentrum durchströmte. Das Pulsieren wurde heftiger, als Nik ihre sanfte geschwollene Knospe mit Zähnen und Zunge berührte. Sie hielt sich an seinen Schultern fest und schlang ihm die Beine um die Taille. Als er seine harte Erektion gegen sie presste, bäumte sie sich vor Ungeduld zitternd auf.

Wir benehmen uns ja wie zwei notgeile Teenager, dachte sie in einem plötzlichen Moment der Erkenntnis. Das bin nicht ich. Sie hatte jetzt die letzte Chance, Nik aufzuhalten, doch als sie protestierend den Mund öffnete, spürte sie, wie Nik einen Finger tief in sie hineingleiten ließ, und kam ihm instinktiv entgegen. Sie gierte nach seiner Berührung, nach allem, was ihre nicht mehr zu zügelnde Begierde stillen würde.

Nik hielt sie mühsam mit einem Arm fest, um sich die Hose aufzuknöpfen. Dann spürte Betsy schon seine harte heiße Erektion, mit der er jetzt langsam in sie eindrang. Sie hätte fast aufgeschluchzt, als sie ihn zum ersten Mal seit Monaten wieder in sich spürte, sich endlich wieder wie eine lebendige Frau fühlte. „Nik …“, stöhnte sie heiser.

„Sag nichts“, stieß er hervor, während er sich herrlich sinnlich und besitzergreifend in ihr zu bewegen begann. „Sag nicht, dass ich aufhören soll!“

Betsy wäre dazu gar nicht mehr fähig gewesen, so scharf war sie auf ihn, so willenlos vor Verlangen. Mit glühenden Augen sah er sie an, während er wieder und wieder in sie eindrang, bis ihre Lust so überwältigend wurde, dass sie laut schreiend kam.

„Das war unglaublich“, keuchte er und setzte sie vorsichtig ab, wobei er genauso heftig zitterte wie sie. Was hatte er getan? Verdammt, was hatte er getan?

Doch trotz der Stimme der Vernunft in seinem Hinterkopf streifte Nik bereits sein Jackett ab und löste seine Krawatte, während er Betsy vor das erlöschende Kaminfeuer zog und sich mit ihr davor hinkniete. Sanft fuhr er mit seinen Händen in ihr Haar, umfasste ihre Wangen und erforschte hungrig ihren Mund, bis sie sich zitternd an ihm festhielt.

Betsy konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie konnte kaum noch atmen. Unglaublich, dass ein einziger Kuss sie schon kurz nach einem Orgasmus so erregen konnte, dass sie sich vor Begierde kaum noch beherrschen konnte. Ihr ganzer Körper stand wieder in Flammen.

Nik legte sie hin und schlang sich ihre Beine um die Hüften, bevor er sie mit seinem Gewicht auf den Boden presste. „Ich bin noch nicht fertig“, sagte er heiser. Seine smaragdgrünen Augen glühten, seine Wangen waren gerötet.

Instinktiv ließ Betsy einen Finger über die Lippen gleiten, die er so oft zusammenpresste und die gerade so weich und sinnlich aussahen. Als ihr wieder einfiel, dass er Gizmo zu ihr zurückgebracht hatte, wurde sie von einem seltsamen Gefühl inneren Friedens erfüllt. Nik war schon immer unberechenbar gewesen. Er folgte seinen eigenen Gesetzen.

Jetzt bewegte er sich geschmeidig wie eine Dschungelkatze auf ihr und presste seine harte Erektion an ihren Bauch. „Zieh dein Hemd aus“, flüsterte sie, überrascht, wie richtig es sich anfühlte, in Niks Armen zu liegen, obwohl ein Teil von ihr wusste, dass sie das, was hier passierte, vermutlich später bereuen würde.

Er setzte sich auf und zog sich das Hemd so ungeduldig aus, dass ein paar Knöpfe abrissen. Beim Anblick seines gebräunten muskulösen Oberkörpers musste Betsy schlucken. Sie richtete sich auf und presste sich an ihn, das Gefühl nackter Haut auf nackter Haut genießend, das sie so lange vermisst hatte.

Hungrig aufstöhnend, küsste er sie erneut und legte sich zwischen ihre Schenkel. Ungeduldig zerrte er an ihrem Rock. „Diesmal lassen wir uns mehr Zeit“, sagte er heiser.

„Und wer ist der Igel und wer der Hase?“, scherzte sie.

„Irgendetwas an dir verwandelt mich jedes Mal in den Hasen.“

Betsy lachte. „Was geschieht nur mit uns?“, fragte sie verwundert.

„Das hier ist jetzt, nur jetzt“, sagte Nik und brachte Betsy mit einem erneuten Kuss zum Verstummen. Sie konnte ihn noch immer auf ihren Lippen schmecken und seufzte tief. Wieder drang er in sie ein, aber so langsam diesmal, wie er versprochen hatte. Betsy stöhnte.

„Zu heftig?“, fragte er und sah sie an.

„Nicht heftig genug. Ich bin nicht aus Glas … ich zerbreche schon nicht.“

Ihr Herz machte einen Satz, als er schneller und härter von ihr Besitz ergriff. Wieder spürte sie, wie die Lust in immer intensiver werdenden Wellen in ihr aufstieg, als Nik sein Tempo steigerte. Betsy begann immer lauter zu stöhnen und stieß einen lauten Schrei aus. Ihr ganzer Körper wurde von einem überwältigenden Orgasmus erschüttert, der sich bis in ihre Zehenspitzen ausbreitete, während Nik in ihr erzitterte und vor Lust aufkeuchte.

Nur zu bald zog Nik sich zurück, stand auf und hob sie hoch.

Erschrocken riss Betsy die Augen auf. „Was machst du da?“

„Ich bringe dich ins Bett, wo wir von Anfang an hätten hingehen sollen“, erklärte Nik und durchquerte mit ihr die Eingangshalle.

„Wo wir es getan haben, war es aber viel aufregender“, murmelte Betsy. Sie fragte sich, wann sie zuletzt etwas so Spontanes und Ungehemmtes gemacht hatten. Zum ersten Mal seit ihrer Trennung wurde ihr bewusst, wie sehr ihr Wunsch nach einem Kind sie solcher Gelegenheiten beraubt hatte. Nichts war mehr gewesen wie vorher.

Nik trug sie in das Zimmer, das sie früher mal miteinander geteilt hatten, und erstarrte beim Anblick des neuen Betts. Verunsichert sah er sich um, bevor er Betsy behutsam auf das breite flache Bett legte und sie auszog. „Ich gehe kurz duschen“, sagte er, nachdem er sie zugedeckt hatte. „Gibt es hier noch eine Dusche, oder hast du das Bad auch umgestaltet?“

Betty hätte fast gelacht. „Natürlich gibt es noch eine Dusche.“

Nik in ihrem Schlafzimmer – das war ein Anblick, mit dem sie schon gar nicht mehr gerechnet hätte. Es fühlte sich irgendwie irreal an, ihn nackt ins Bad gehen zu sehen.

Ihr war nicht entgangen, dass er beim Anblick des Schlafzimmers gestutzt hatte. Er mochte Veränderungen nicht, hatte sie noch nie gemocht. Aber hatte er tatsächlich erwartet, dass sie ihr altes Bett behalten würde, das sie immer wieder schmerzlich an ihre Zeit mit Nik und an ihren Verlust erinnerte? Nein, Belle hatte ihr dabei geholfen, zumindest in dieser Hinsicht neu anzufangen.

Kurz darauf kehrte Nik aus dem Bad zurück und frottierte sich das dunkle Haar. Zu ihrer Überraschung hatte er schon wieder eine Erektion.

Nik war davon ausgegangen, dass Betsy schlafen würde, aber sie war hellwach und sah ihn erwartungsvoll aus großen blauen Augen an. Ihr Haar, das so hell und weich wie das eines kleinen Kindes war, lag zerzaust auf dem Kissen. Hätte er sich einfach angezogen und sie schlafen lassen, wenn sie geschlafen hätte? Ehrlich gesagt, hatte Nik keine Ahnung. Er wusste nur, dass er jetzt noch nicht bereit war zu gehen. Ohne zu zögern schlug er die Decke zurück und kletterte neben sie ins Bett.

„Es ist mitten am Tag“, sagte sie errötend.

„Und das fällt dir erst jetzt auf?“, fragte Nik sardonisch.

Betsy hätte ihm vermutlich eine schnippische Antwort gegeben, wenn er sie nicht in die Arme genommen und sie an sich gezogen hätte.

„Was spielt es schon für eine Rolle, wie spät es ist?“, fragte er.

„Gar keine“, räumte sie ein und fügte in einem ganz anderen Tonfall hinzu: „Nik?“

„Pst“, flüsterte er. Er hatte Angst vor dem, was sie vielleicht sagen wollte. Voller Erregung zog er sie an sich.

„Du hast ja immer noch …“

„Genau.“ Er legte sie auf sich. „Glaubst du, du könntest etwas dagegen tun?“

„Das ist ein Witz, oder?“ Betsy wusste jedoch, dass er es ernst meinte. Er fühlte sich so hart wie eine Metallstange an.

„Tja, offensichtlich machst du mich unersättlich.“

Sie stützte die Hände auf seinen Schultern ab und sah ihn an. Nik konnte unglaublich charmant sein, wenn er wollte – eine Seite an ihm, die sie jedoch schon lange nicht mehr erlebt hatte. Sie war ganz gebannt von seinem charismatischen Lächeln. Er war absolut unwiderstehlich, wenn er lächelte.

Er hob den Kopf und küsste sie so intensiv, dass ihr Körper schlagartig wieder in Flammen stand. Er schmeckte so gut. Als er mit seinen schlanken Händen sinnlich über ihren Rücken strich, erschauerte sie vor lustvoller Begierde. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, während ein Teil von ihr sich fragte, was zum Teufel hier eigentlich passierte. Auf der anderen Seite war seine unstillbare Lust auf sie unglaublich schmeichelhaft.

„Einmal noch, und dann lass ich dich schlafen“, sagte Nik heiser, rollte sie auf den Rücken und beugte sich über sie. Seine Barstoppeln ließen seine männlichen Gesichtszüge noch markanter wirken.

„Dann gönnst du mir also wegen guten Betragens eine Pause?“

Statt einer Antwort küsste Nik sie wieder hungrig und rieb ihre empfindsame Lustknospe. Betty durchschoss es heiß, und ihr Innerstes begann zu pulsieren. „Es ist dir immer schon gelungen, mich rumzukriegen“, flüsterte sie hilflos.

„Es gab mal eine Zeit, da wolltest du mich nur, wenn es der richtige Tag auf deiner Temperaturkurve war“, rief Nik ihr trocken ins Gedächtnis.

Irgendetwas in Betsy erstarb. Sie hätte alles dafür gegeben, diese nüchterne Erinnerung zu vergessen. Sie presste sich an ihn, schmiegte die Brüste an seine breite behaarte Brust und biss ihm sanft in die Unterlippe. „Ich habe keine Kurve mehr …“

„Pst“, sagte er und küsste sie, bis sie nicht mehr wusste, worüber sie eigentlich geredet hatten. Mehr noch, es war ihr egal.

Er schmeckte so wundervoll. Er roch sogar wundervoll. Sein vertrauter Duft hatte die übliche erregende Wirkung auf sie und gab ihr zugleich ein lächerlich sicheres Gefühl. Nik ließ die Finger geschickt über ihre Brüste und die Innenseiten ihrer Oberschenkel gleiten, bis sie sich ungeduldig stöhnend wand. Sie wollte, brauchte mehr. Erst als sie fast vor Begierde verging, legte er sich auf sie und drang so perfekt in sie ein, dass sie sich aufschreiend aufbäumte.

Seine anfangs noch sanften Bewegungen wurden härter, kräftiger, schneller. Betsy spürte, wie ihr letztes Restchen Selbstbeherrschung sich in Luft auflöste und ihre Lust immer intensiver wurde, bis sie schließlich, laut Niks Namen rufend, kam.

Danach schlief sie sofort erschöpft ein.

Draußen war es schon dunkel, als Betsy von einem leisen Geräusch geweckt wurde und den Kopf hob. Im selben Moment kehrte die Erinnerung mit voller Wucht zurück. Abrupt setzte sie sich auf und sah, wie Nik sich vor dem Spiegel die Krawatte band. Errötend zog sie die Bettdecke hoch und knipste die Nachttischlampe an. „Du gehst?“

Nik drehte sich zu ihr um und sah sie aus glitzernden Augen an. „Ich hätte schon vor Stunden gehen sollen.“

„Wolltest du etwa einfach so verschwinden, ohne mit mir zu reden?“ Betsy hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Sie war so angespannt, dass ihr ganzer Körper schmerzte.

„Das wäre für uns bestimmt einfacher gewesen.“ Nik ging zum Fußende des Bettes und blickte auf sie hinunter.

„Inwiefern?“

„Ich habe gehört, dass das hier …“, er machte eine ausladende Geste, die sie und das Bett mit einschloss, „… ziemlich normal bei Paaren ist, die sich scheiden lassen.“

Seine Worte trafen Betsy wie ein Schlag in die Magengrube. Sie wurde blass. „Ach, wirklich?“

„Ja, wirklich“, bekräftigte Nik trocken. „Es passiert einfach, hat aber nichts zu bedeuten und ändert nichts.“

Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde Betsy von einem so intensiven Hass erfüllt, dass sie einem anderen Menschen den Tod wünschte. Aber noch nicht mal, wenn ich ihn eigenhändig umbringen würde, könnte ich ihm verzeihen, dachte sie. Und das Schlimmste dabei war, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie war selbst schuld daran, dass sie sich jetzt so unglücklich und gedemütigt fühlte.

„Offensichtlich lassen wir uns immer noch scheiden“, fügte Nik unnötigerweise hinzu, als sei sie zu dumm, das zu verstehen.

„Allerdings.“ Betsys Hass auf Nik war genauso stark wie vorhin noch ihre Leidenschaft.

„Wir müssen beide einen Neuanfang machen“, erklärte Nik.

„Ich wusste ja gar nicht, dass du so auf Plattitüden stehst“, erwiderte Betsy ätzend. „Du hast mich benutzt. Aber zumindest weiß ich jetzt, wie es ist, nur ein One-Night-Stand zu sein.“

Nik biss die Zähne zusammen. Seiner Meinung nach hatte er alles gesagt, was es zu sagen gab. Sie hatten beide einen Fehler gemacht, und es war seine Aufgabe, das auszusprechen. Er war nicht für eine echte Beziehung geschaffen – kein Wunder nach seiner schlimmen Kindheit. Ihm fehlte etwas Wesentliches, nicht Betsy. Er konnte ihr einfach nicht geben, was sie wollte und verdiente. „Ich überlasse dir übrigens auch das Haus.“

„Gut zu wissen, dass ich zumindest davon profitiere, mich prostituiert zu haben“, zischte sie. Die Tränen in ihren Augen brannten wie Säure. „Und jetzt geh endlich, um Himmels willen!“

Genau das tat Nik. Bevor er die Schlafzimmertür hinter sich schloss, schlüpfte Gizmo hinein und stürzte sich auf seine wiedergefundene Herrin.

„Ach, Gizmo!“ Betsy presste den zottigen kleinen Hund schluchzend an sich. Nik hatte sie also schon wieder verlassen. Sein Chauffeur hatte bestimmt die ganze Zeit auf ihn gewartet, was für Nik natürlich kein Grund war, sich zu entschuldigen. Als einziges Kind einer stinkreichen griechischen Erbin war er an Personal gewöhnt, das sich nie beschwerte.

Eine Frau, die aus seinen Kreisen stammte, würde vermutlich viel besser zu ihm passen als sie selbst. Sie hatte oft zu viel von ihm erwartet und auf ihrer Unabhängigkeit bestanden, was ihn oft wütend gemacht hatte. Dabei hatte sie spätestens seit ihrem ersten katastrophalen Date gewusst, worauf sie sich mit ihm einließ.

Bei der Erinnerung lächelte Betsy zynisch. Nik hatte sie auf eine schicke Party mitgenommen, bei der sie sich in ihrem kleinen Schwarzen ohne Schmuck, Designerhandtasche oder teure Schuhe völlig fehl am Platz gefühlt hatte. Zehn Minuten nach ihrer Ankunft hatte Nik sich entschuldigt und sie stehen lassen.

Nachdem sie anderthalb Stunden lang vergeblich nach ihm gesucht hatte, war sie schließlich wutentbrannt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zurückgefahren. Kurz nach Mitternacht war Nik dann vor ihrer Tür aufgetaucht und hatte sie ungeduldig gefragt, warum sie ihn sitzengelassen hatte. In jener Nacht hatten sie sich zum ersten Mal gestritten, weil er steif und fest behauptet hatte, sie nur für eine Viertelstunde allein gelassen zu haben.

„Du warst über eine Stunde weg, Nik! Du hast mich wie den letzten Dreck behandelt. Ich hätte gleich wissen müssen, worauf ich mich einließ, als du schon auf der Hinfahrt die ganze Zeit telefoniert hast!“

Betsy wusste, dass Nik völlig die Zeit vergessen haben musste und vielleicht sogar ihre Anwesenheit auf der Party. Wenn es um Geschäftliches ging, war alles andere Nebensache.

In der Woche danach hatte er ihr täglich Blumen geschickt, und in der darauffolgenden Woche war er täglich ins Bistro gekommen, um dort seinen Kaffee zu trinken.

„Du benimmst dich wie ein Stalker“, warnte sie ihn.

„Gib mir noch eine Chance. Ich werde dich wie eine Königin behandeln“, gelobte Nik.

„Normalerweise gibt Mr Christakis sich bei Frauen nicht solche Mühe“, hatte einer seinen Bodyguards ihr bereits anvertraut. „Sie müssen etwas ganz Besonderes für ihn sein.“

Als Betsy dann Nik seinen Kaffee brachte und feststellte, dass er den Blick nicht von ihr losreißen konnte, wurde ihr bewusst, dass er ihr tatsächlich das Gefühl gab, etwas Besonderes zu sein. Jeder machte Fehler. Sie würde ihm eine Chance geben, ihr zu beweisen, dass er auch anders konnte.

Für lange Zeit bereute sie diese Entscheidung nicht, denn Nik zeigte sich ihr gegenüber von seiner besten Seite. Eines Tages fragte er sie, was sie von Kindern hielt. Betsy hatte keine Ahnung, wie sie darauf gekommen waren, aber rückblickend nahm sie an, dass er das Gespräch bewusst in diese Richtung gelenkt hatte.

„Ich will keine Kinder!“, hatte sie entschieden erklärt. „Ich habe meine Jugend bei verschiedenen Pflegeeltern verbracht und oft auf deren jüngere Kinder aufpassen müssen. Das macht viel zu viel Arbeit. Kinder sind eine echte Belastung. Ich kann mir nicht vorstellen, je welche zu bekommen.“

Doch Betsy hatte die bittere Erfahrung machen müssen, dass Mutter Natur wundersame Wege fand, eine Frau davon zu überzeugen, dass sie sich mehr als alles andere auf der Welt ein Baby wünschte.

Bei ihrer Hochzeit war sie sich wie Aschenputtel vorgekommen, das sich den Prinzen geangelt hatte. Materiell hatte Nik ihr so viel geschenkt, dass sie sich kaum über seine häufige Abwesenheit zu beschweren gewagt hatte. Selbst zu Hause war er immer beschäftigt gewesen. Er hatte sogar ihren Geburtstag und ihren ersten Hochzeitstag vergessen. Langsam aber sicher hatte Betsy sich immer einsamer gefühlt und sich mehr und mehr nach etwas gesehnt, wonach zu sehnen sie sich nie hätte träumen lassen – einem Baby.

Dumm und optimistisch wie sie gewesen war, hatte sie gehofft, dass Nik öfter Zeit zu Hause verbringen würde, sobald sie ein Kind hatten. Dass ein Baby sie einander näherbringen und seine Schutzmauer durchdringen würde – etwas, das ihr selbst noch nicht gelungen war.

Ich habe so viel falsch gemacht, dachte sie frustriert, während sie sich die Tränen von den Wangen wischte und den winselnden Gizmo beruhigte. Aber Nik war auch nicht besser gewesen, auch er hatte Fehler gemacht. Es war jedoch der Gipfel der Dummheit gewesen, wieder mit ihm zu schlafen. Ihr Gesicht brannte vor Scham, wenn sie nur daran dachte.

Seine anschließende Kälte war noch demütigender gewesen. Ihre körperliche Nähe hatte also nichts zu bedeuten? Vermutlich sah er das so, weil es ihm nichts bedeutete und ihn die Idee abschreckte, dass sie das anders empfinden könnte.

Wieder einmal hatte er ihr eine bittere Lektion erteilt. Eine Frau, die es wert war, wie eine Königin behandelt zu werden, musste einen gewissen Standard wahren, um diese Macht über einen Mann zu halten. Denn sobald sie diesen Standard senkte, ging sie das Risiko ein, nur wie ein Betthäschen behandelt zu werden.

4. KAPITEL

„Betsy?“, fragte Cristos Frau Belle besorgt. „Warum bist du nicht ans Telefon gegangen? Wo hast du gesteckt?“

Betsys Freundin hätte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt anrufen können. Sie konnte sich überhaupt nicht konzentrieren. Schwach ließ Betsy sich auf einen Sessel sinken und betrachtete das vor ihr liegende Ergebnis ihres Einkaufstrips zur nächsten Apotheke: nicht weniger als fünf verschiedene Schwangerschaftstests. Und jeder dieser Tests hatte ihr dieselbe Antwort gegeben.

Ironischerweise war sie mit dem Prozedere gut vertraut. Als sie und Nik noch verheiratet gewesen waren, war sie oft hoffnungsvoll ins Dorf geeilt, um einen Test zu kaufen – und war jedes Mal bitter enttäuscht worden.

Anders als dieses Mal. Betsy hatte sich schon einige Wochen etwas seltsam gefühlt, bevor sie vorhin völlig ahnungslos zu ihrem Allgemeinarzt gegangen war. Ehrlich gesagt, wusste sie nicht, wie sie dessen Praxis je wieder betreten sollte, ohne vor Scham zu erröten. Ein einfacher Test hatte nämlich bewiesen, dass sie unerklärlicherweise schwanger war.

Sie hatte auf diese Neuigkeit mehr als nur ein bisschen hysterisch reagiert und erst dem Arzt und dann der Assistentin gesagt, dass ein Missverständnis vorliegen und ihr Ergebnis mit dem von jemand anderem verwechselt worden sein musste. Weil eine Schwangerschaft in ihrem Fall absolut ausgeschlossen war.

„Betsy?“, wiederholte Belle irritiert. „Bist du noch dran?“

„Ja. Tut mir leid, ich bin in Gedanken gerade ganz woanders.“

„Es ist noch immer die die Scheidung, die dir zu schaffen macht, oder?“, fragte ihre Freundin grimmig. „Deshalb hast du dich so lange nicht gemeldet. Was hat dieser schreckliche Kerl dir jetzt schon wieder angetan?“

Betsy presste die Lippen zusammen. Was er ihr angetan hatte? Anscheinend war ihm das Unmögliche gelungen: Trotz der Tatsache, dass er sterilisiert war und Betsy mehrere Monate vergeblich versucht hatte, von ihm schwanger zu werden, war jetzt das Wunder oder vielmehr die Katastrophe eingetroffen, dass sie ein Baby von ihm erwartete. Wie um alles in der Welt hatte das nur passieren können?

Betsy holte tief Luft. Sie stand so unter Schock, dass ihr sogar im Sitzen noch schwindlig war. „Nichts, was ich gerade jemandem anvertrauen kann“, antwortete sie und verzog innerlich das Gesicht, als ihr bewusst wurde, dass das den Sachverhalt noch nicht mal ansatzweise traf.

„Ist etwas vorgefallen, als Nik dir Gizmo zurückgebracht hat?“, erkundigte Belle sich beunruhigt. „Du bist seitdem nicht mehr du selbst.“

„Ja, es ist etwas passiert“, bestätigte Betsy widerstrebend. „Aber nichts, worüber ich gerade reden kann.“

Die Schwangerschaft, nach der sie sich früher immer so gesehnt hatte, war also tatsächlich eingetroffen. Doch jetzt hatte sie keinen Vater mehr für ihr ungeborenes Kind. Diese Tatsache warf ein völlig neues Licht auf die Situation.

„Ich wusste gleich, dass es zu schön ist, um wahr zu sein!“, rief Belle hitzig. „Und dann auch noch das Haus! Plötzlich fängt Nik Christakis an, den Weihnachtsmann zu spielen? Da stimmt doch etwas nicht!“

„Ich rufe dich in ein paar Tagen an, sobald ich etwas mehr Durchblick habe“, sagte Betsy zu ihrer Freundin. „Tut mir leid, aber ich will jetzt noch nicht darüber reden.“

Sie unterbrach die Verbindung und starrte nachdenklich ins Leere. Sie würde um den nächsten Schritt nicht herumkommen: Nik zur Rede zu stellen, wie es dazu hatte kommen können, dass sie von ihm schwanger geworden war, obwohl er sich hatte sterilisieren lassen. Sie würde ihren Zustand nicht ewig vor ihm verheimlichen können. Früher oder später musste er erfahren, dass er Vater wurde, ob es ihm gefiel oder nicht.

Sie würde ihn dazu zwingen, diese Tatsache zu akzeptieren, und wenn sie dafür das Kind nach der Geburt einem demütigenden DNA-Test unterziehen lassen musste. Nik würde nämlich bestimmt vorziehen zu glauben, dass sie von einem anderen Mann schwanger war, weil er sowohl die Verantwortung für ein Kind scheute als auch den fortgesetzten Kontakt zu einer Frau, von der er sich nicht schnell genug scheiden lassen konnte.

In den letzten zwei Monaten war Betsys Stimmung langsam, aber sicher bis zu einem absoluten Tiefpunkt gesunken. Es war ihr schwer genug gefallen zu akzeptieren, dass sie wieder mit ihrem von ihr getrennt lebenden Mann ins Bett gegangen war, obwohl sie ihm nicht verziehen hatte.

Doch noch niederschmetternder war, dass Nik es offensichtlich gar nicht erwarten konnte, endlich einen Schlussstrich unter ihre Ehe zu ziehen. Dafür sprach auch, dass er ihr vor zwei Wochen eine sehr großzügige Summe Geld durch seine Anwälte angeboten hatte. Kein Zweifel, er wollte die Scheidung.

Und jetzt die Schwangerschaft! Wie sollte sie das einem Mann mitteilen, der es nicht erwarten konnte, sie loszuwerden und sie zu vergessen?

Entschlossen straffte Betsy die Schultern. Tja, Pech für ihn! Er hatte sie schließlich geschwängert, oder? Er war derjenige, der sie nicht vor diesem Risiko gewarnt hatte. Und die Konsequenzen gingen Nik genauso viel an wie Betsy!

Bei der Vorstellung, dass sie ein Kind erwartete, wurde ihr trotz allem warm ums Herz. Auch wenn er dieses Baby nicht wollte, sie freute sich darauf. Gott sei Dank war es ihr inzwischen egal, was Nik wollte. Sich von einer Entwicklung niederdrücken zu lassen, für die sie beide gleichermaßen verantwortlich waren, wäre dumm und rückgratlos, und Betsy war weder das eine noch das andere.

„Es passt mir gerade nicht. Sagen Sie ihr, dass ich mich bei ihr melden werde.“ Nur mühsam zügelte Nik seine Wut, als er das Telefon weglegte und sich wieder seinen Geschäftspartnern zuwandte. Anscheinend war Betsy unangekündigt in seiner Firma aufgetaucht und wartete jetzt vor seinem Büro, um ihn zu sprechen.

Was zum Teufel war nur in sie gefahren? Sie musste doch wissen, dass er es hasste, bei der Arbeit gestört zu werden! Wenn sie ihm etwas zu sagen hatte, konnte sie ihm das genauso gut über ihren Anwalt mitteilen lassen. Er wollte keinen persönlichen Kontakt zu ihr. Er wollte nur ihre Scheidung zivilisiert über die Bühne bringen.

Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, tauchte eine Erinnerung in seinem Hinterkopf auf – die sehr erregende Vorstellung von Betsy in Lavender Hall, nackt auf dem Bett … Wütend über diese unwillkommene Erinnerung presste er die Lippen zusammen. Wieder mit Betsy zu schlafen, war ein schwerer Fehler gewesen. Es hatte ihn gezwungen, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, über die er lieber nicht nachgedacht hätte.

Seine Therapeutin hatte behauptet, dass er sich in einem tiefen inneren Konflikt befand, was seine Ehe anging. Tja, sie irrte sich! Nik zog es vor, die Dinge nicht unnötig zu verkomplizieren, und er wusste genau, warum er so gehandelt hatte. Er war in eine alte Gewohnheit zurückgefallen, das war alles! Schon bald würde seine Ehe genauso vorbei sein wie die schrecklichen Alpträume und Flashbacks, die ihn jahrelang gequält hatten.

Betsy hörte Niks Assistent Steve höflich lächelnd zu, als er ihr bedauernd Niks Nachricht ausrichtete. Früher mal war Betsy bei ihren seltenen Besuchen in Niks Firma mit fast schon irritierender Aufmerksamkeit und Unterwürfigkeit behandelt worden, weil man sie für einen bedeutenden Menschen in Niks Leben gehalten hatte. Inzwischen schien sie das Anrecht auf eine Sonderbehandlung jedoch verloren zu haben. Sie war hier ungefähr so wichtig wie die Zeitung von gestern.

„Danke, Steve“, sagte sie und griff nach ihrem Lederrucksack. Ihr war durchaus bewusst, dass sie mit ihrer Jeans und ihrem schwarzen Parka Missbilligung erregt hatte, aber das war ihr egal. Es war ein gutes Gefühl, in Niks kultiviertem Umfeld endlich sie selbst sein zu dürfen und sich nicht mehr künstlich aufstylen zu müssen, nur weil er das so viel attraktiver zu finden schien. Sie hatte sich extra leger angezogen. Schließlich war Nik derjenige, der sie hintergangen, verletzt und gedemütigt hatte. Sie hatte es nicht nötig, seine Zustimmung oder Bewunderung zu erregen!

Als der Assistent sich umdrehte, um sie zum Ausgang zu begleiten, machte sich Betsy schnurstracks auf zu Niks Büro. Er hatte schon genug ihrer Zeit verschwendet. Sie hatte nicht vor, Rücksicht auf ihn zu nehmen! Wozu auch?

Sie stieß Niks Bürotür auf und ließ den Blick flüchtig über die sechs um den kleinen Konferenztisch versammelten Männer schweifen, bevor sie ihn auf Niks schmales markantes Gesicht richtete. „Ich muss dich sprechen … jetzt“, sagte sie kalt.

Niks markante Wangenknochen liefen rot an, und seine smaragdgrünen Augen blitzten im hellen Sonnenlicht wütend auf. Mit einer raubtierhaft geschmeidigen Bewegung stand er auf und schickte Steve weg, der gerade atemlos durch die Tür eilte. „Gentlemen, wir legen eine Pause ein. Wir sehen uns in einer Stunde“, sagte Nik tonlos zu den anderen.

Die Männer verließen das Zimmer, und die Tür fiel hinter Betsy ins Schloss. Sie hatte den Blick nicht von Nik losreißen können. Sogar im Geschäftsanzug sah er durchtrainiert und athletisch aus. Unwillkürlich musste sie an die schrecklichen Alpträume denken, die er früher öfter gehabt hatte. Er war dann immer aufgestanden, um im Keller zu trainieren, bevor er schließlich wieder erschöpft und noch feucht vom Duschen ins Bett gefallen war.

Betsy rührte sich nicht vom Fleck. Sie konnte ihre eigenen schweren Atemzüge hören. Das Herz klopfte ihr so heftig in der Brust, dass sie am liebsten eine Hand darauf gepresst hätte, um es zu beruhigen, doch dann würde Nik ihr anmerken, wie aufgewühlt sie innerlich war, und sie wollte sich keine Blöße geben.

„Was zum Teufel fällt dir ein?“, fragte Nik wütend. Aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund war Betsy heute wie eine Studentin gekleidet. Sie wirkte unglaublich jung, wie sie ihn aus großen blauen Augen ansah. Sie war nur fünf Jahre jünger als er, und trotzdem kam ihm der Altersunterschied zwischen ihnen manchmal unüberwindlich vor, weil sie so unschuldig und vertrauensvoll war.

Doch wenn er ganz ehrlich mit sich selbst war, hatte genau das einen Großteil ihrer Anziehungskraft ausgemacht. Er hatte gewusst, dass sie ihn immer als Beschützer brauchen würde und dass sie umgekehrt loyal und vertrauensvoll genug war, um immer für ihn da zu sein, wenn er sie brauchte.

Trotzdem sie sich keine Mühe mit ihrem Erscheinungsbild gegeben hatte, erschütterte ihn ihre Schönheit wieder – eine Erkenntnis, die ihn tief verunsicherte. Zu seinem Schock spürte er, wie seine Libido sich bei ihrem Anblick wieder zu regen begann. Hungrig ließ er den Blick über ihre sinnlichen Lippen und ihren zarten Hals gleiten.

„Jetzt kommt der Moment der Wahrheit“, sagte Betsy herausfordernd. „Erklär mir doch bitte eins: Du hast dich sterilisieren lassen. Wie zum Teufel hast du es dann geschafft, mich zu schwängern?“

Nik erstarrte und sah sie verblüfft an.

Trotz allem fiel es Betsy noch immer schwer zu ignorieren, wie attraktiv er war. Sie musste wieder daran denken, wie sie vor zwei Monaten die Umrisse seiner sinnlichen Unterlippe nachgezogen hatte. Nur mühsam gelang es ihr, diese Erinnerung zu verdrängen.

„Zu schwängern?“, wiederholte Nik fassungslos. „Wovon um alles in der Welt redest du?“

Betsy spürte, dass sie die Oberhand hatte. Offensichtlich hatte sie ihn völlig überrumpelt. „Ich bin schwanger, und zwar von dir, da ich mit niemandem außer dir geschlafen habe“, erklärte sie mit brutaler Offenheit. „Also erklär mir mal bitte, wie das möglich ist.“

Nik war zum ersten Mal in seinem Leben sprachlos. Sie war schwanger? Er wurde ganz blass unter seiner dunklen Haut. Instinktiv wich er einen Schritt zurück und sah sie schockiert an. „Du bist … schwanger?“, fragte er heiser.

„Ich warte auf eine Erklärung!“, verlangte Betsy ungeduldig.

Nik fuhr sich mit einer Hand durch sein schwarzes Haar und sah sie benommen an. „Du bist schwanger? Ernsthaft?“

„Sehe ich so aus, als würde ich scherzen?“, fauchte Betsy.

Nik zog verwirrt die Augenbrauen zusammen. Es fiel ihm noch immer schwer, die Neuigkeit zu verdauen. „Ich … habe die Sterilisation rückgängig machen lassen“, erklärte er tonlos.

Unwillkürlich ging Betsy einen Schritt auf ihn zu. „Rückgängig?“, wiederholte sie fassungslos. „Wann?“

„Nachdem du mich rausgeworfen hast.“

„Aber … warum?“ Hatte er sie etwa zurückhaben wollen? Und falls ja, warum hatte er ihr dann nichts davon gesagt?

„Mir wurde bewusst, dass ich es mir mit meiner Sterilisation womöglich zu leicht gemacht habe. Ich wusste nicht, dass man eine Sterilisation rückgängig machen kann, als wir uns getrennt hatten. Ich dachte immer, so etwas sei endgültig. Als ich erfuhr, dass es innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Operation machbar ist, beschloss ich, es zu versuchen. Ich sollte hinterher eigentlich testen lassen, ob es funktioniert hat, aber ich fürchte, dafür war ich zu beschäftigt.“

Betsy blinzelte schockiert. Das Ganze ergab absolut keinen Sinn für sie. Warum zum Teufel hatte er die OP erst nach ihrer Trennung rückgängig gemacht – und es noch nicht mal für nötig gehalten, ihr davon zu erzählen?

Tja, die Antwort lag auf der Hand. Offensichtlich hatte seine Entscheidung, die Sterilisation rückgängig zu machen, nichts mit ihr oder ihrem Kinderwunsch zu tun und bedeutete auch nicht, dass er ihre Ehe hatte retten wollen. Für Betsy war diese Erkenntnis wie ein weiterer Schlag ins Gesicht. Ihr wurde mal wieder schmerzlich bewusst, dass sie Nik Christakis nie verstanden hatte und vermutlich auch nie verstehen würde.

„Du bist wirklich schwanger?“, wiederholte Nik, noch immer ganz benommen. Das Ganze kam ihm völlig irreal vor. Er hatte jetzt den Beweis dafür, dass die Operation funktioniert hatte. Erschreckend war nur die Tatsache, dass er ein solches Risiko eingegangen war. Er hatte überhaupt nicht über die Konsequenzen seiner offensichtlich wiederhergestellten Fruchtbarkeit nachgedacht. Das Ergebnis war jedoch allein seine Schuld. An Verhütung hatte er überhaupt nicht gedacht.

Verdammt, was wäre, wenn er mit einer anderen Frau geschlafen hätte? Dann würde er dieses Gespräch jetzt mit einer fast Fremden führen. Fragte sich nur, ob er bei einer anderen genauso unvorsichtig gewesen wäre wie bei Betsy. Wieder einmal hatte die Macht der Gewohnheit ihm einen Streich gespielt. Er hatte sich so verantwortungslos wie ein Teenager benommen, der zum ersten Mal die Chance hat, Sex zu haben.

„Ich bin hundertprozentig schwanger“, erwiderte Betsy kurz angebunden und riss den Blick von Niks schönem schmalen Gesicht los. Es war absolut verkehrt, ihn so anzusehen. Um ihrer Zukunft und der ihres ungeborenen Kindes willen musste sie sich auf die nüchternen Fakten konzentrieren. „Dann akzeptierst du also, dass du für diese Schwangerschaft verantwortlich bist und es sich um dein Kind handelt?“

Nik verengte die scharfen grünen Augen zu schmalen Schlitzen. „Hast du etwa irgendwelche Zweifel, was das angeht?“

Betsy hob trotzig das Kinn und sah ihn verächtlich an. „Absolut nicht!“

„Und? Freust du dich?“ Nik fiel einfach nichts Besseres ein, und er wollte nichts Falsches sagen. Ein Baby also. Betsy bekam ein Baby, sein Baby. Er stand immer noch unter Schock. Nie hätte er damit gerechnet, jemals Vater zu werden. Die Sterilisation rückgängig machen zu lassen, hatte er eher aus philosophischen Gründen beschlossen als aus einem Kinderwunsch heraus.

Betsy holte so tief Luft, dass ihr fast schwindlig wurde. „Ob ich mich freue?“, wiederholte sie fassungslos. „Soll das ein Witz sein? Ich wollte ein Baby, als wir noch verheiratet waren! Ich wollte eine Familie. Das hier …“, sie breitete die Arme aus, als wolle sie die Distanz zwischen ihnen veranschaulichen, „… ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe!“

„Dann willst du das Baby also nicht?“ Nik wusste nicht, was er davon halten sollte, aber er war noch immer viel zu schockiert, um klar zu denken. Ein Baby. Betsy würde ein Baby bekommen – den ersten Christakis seit seiner eigenen Geburt.

„Natürlich will ich es!“, schleuderte Betsy ihm mit einer Aggressivität ins Gesicht, die er gar nicht an ihr kannte. So hatte er sie noch nicht mal an dem Tag erlebt, an dem ihre Ehe wie ein Kartenhaus zusammengebrochen war und sie ihn rausgeworfen hatte. „Und eine Abtreibung kommt für mich sowieso nicht infrage.“

„Das würde ich auch nie von dir verlangen“, entgegnete Nik mit flacher Stimme.

„Ach nein?“ Betsy hatte sich vor Wut kaum noch im Griff, versuchte jedoch, sich zu beruhigen. In die Luft zu gehen half ihr jetzt auch nicht weiter. „Würde dir eine Abtreibung nicht viel besser in den Kram passen als die Geburt eines unerwünschten Kindes?“

„Leg mir bitte nicht Worte in den Mund, die ich nie gesagt habe!“

Betsy war nicht in der Stimmung, um darüber nachzudenken, was er damit meinte. Es frustrierte sie unendlich, dass er sich seine Gefühle nicht anmerken ließ. „Ich wollte nie alleinerziehende Mutter werden!“

Nik biss die Zähne zusammen. Betsy ist schwanger, dachte er. Die Neuigkeit kam zu spät, um ihre Ehe noch zu retten. Dabei hatte er ihr jetzt das Einzige gegeben, was sie wirklich wollte.

Er musste an den Stapel Babykleidung denken, den er zufällig in einem Schrank entdeckt hatte, und an das schreckliche Gefühl seiner Machtlosigkeit damals. Er hatte Betsy nie die Wahrheit über seine Vergangenheit sagen können und würde es auch nie. Schließlich war sein Stolz alles, was ihm noch blieb. Er hatte von Anfang an gewusst, dass er sich nur mit Schweigen schützen konnte, aber Betsys Neuigkeit machte diese Gewissheit plötzlich zunichte. Er wusste nicht mehr, was er fühlen oder denken sollte.

„Du bist schuld an dieser Situation!“, fuhr Betsy wütend fort. „Du hast mir gar keine Wahl gelassen. Du hast mir nicht gesagt, dass ich schwanger werden könnte!“

Nik seufzte ungeduldig. „Ich würde sagen, wir haben in dem Moment beide nicht an etwas so Prosaisches gedacht wie Verhütung.“

„Oh, das glaube ich dir aufs Wort!“, schoss Betsy verächtlich zurück. „Alles, woran du gedacht hast, war Sex!“

„Na klar, woran auch sonst?“, erwiderte Nik ungerührt. „Du hast dich übrigens auch nicht gerade zurückgehalten.“

Betsy hätte Nik am liebsten eine Ohrfeige verpasst, aber er hatte nicht ganz unrecht. Hätte sie damals ihre Selbstachtung gewahrt, wäre das hier nie passiert. Sie hätte einfach Nein sagen und sich wehren sollen. Aber leider hatte sie es noch nie fertiggebracht, Nik anzusehen und Nein zu sagen! Was eine Menge über ihre Beziehung aussagte …

Errötend senkte sie den Blick. „Ich verabscheue dich!“

„Lass uns doch vernünftig bleiben“, erwiderte Nik, völlig unbeeindruckt von ihren Worten. „Drama und Schuldzuweisungen helfen uns auch nicht weiter.“

„Du hast gut reden!“, entgegnete Betsy bitter. „Dein Leben wird ja nicht von einem Kind durcheinandergebracht!“

„Doch, genauso wie deins“, widersprach Nik sachlich. „Aber da Geld kein Problem ist, werden wir der Herausforderung schon gewachsen sein. Ich werde dafür sorgen, dass du von jetzt an jede Unterstützung bekommst.“

Er meint wahrscheinlich, dass er andere dafür bezahlen will, sich um das Kind zu kümmern, dachte Betsy angewidert. Seine persönliche Hilfe bot er ihr nicht an. Anscheinend war er nicht bereit, auch nur ein einziges Opfer zu bringen. Und warum auch, wo er doch sowieso nie hatte Vater werden wollen?

„Steck dir dein Geld sonst wohin!“, schleuderte sie ihm außer sich vor Wut ins Gesicht. Ihr Gesicht war gerötet, und ihre Augen blitzten. „Ich will einen Vater für mein Baby, keinen Zugang zu deiner Brieftasche!“

Nik sah sie verächtlich an. „Willst du mich mit diesen Worten etwa beeindrucken? Bis vor Kurzem hast du noch Anspruch auf die Hälfte meines Vermögens erhoben!“, rief er ihr mit schneidender Kälte ins Gedächtnis.

Betsy straffte würdevoll die Schultern und griff nach ihrem Rucksack. „Stattdessen ist mir etwas viel Besseres gelungen“, schoss sie zurück. „Ein Baby sichert mir schließlich lebenslangen Unterhalt!“

Nik musterte sie kühl. „Geh jetzt bitte nach Hause, Betsy, bevor ich meine Selbstbeherrschung verliere.“

5. KAPITEL

Betsy konnte Niks Büro gar nicht schnell genug verlassen. Als sie im Fahrstuhl war, atmete sie zum ersten Mal seit einer halben Stunde wieder richtig durch. Damit, sich Nik gegenüber als Goldgräberin darzustellen, hatte sie vielleicht auf gewisse Art ihr Gesicht gewahrt, aber langfristig war das keine gute Idee gewesen, zumal es ihre Beziehung noch mehr beeinträchtigte. Warum konnte sie in Niks Gegenwart einfach nicht sachlich und beherrscht bleiben?

Sie hasste ihn dafür, dass er einen solchen Einfluss auf ihre Stimmung hatte! Hasste ihn dafür, dass er einen Augenblick ruiniert hatte, der eigentlich etwas Kostbares und ein Grund zum Feiern hätte sein sollen! Aber warum erwartete sie von Nik immer noch Reaktionen, die nie von ihm kommen würden?

Es ist völlig überflüssig, jetzt enttäuscht zu sein, ermahnte sie sich wütend. Es wurde Zeit für sie, erwachsen zu werden und ihr Leben so zu akzeptieren wie es war, nicht wie sie es gerne hätte. Außerdem – hatte Nik nicht besser reagiert als erwartet? Immerhin hatte er keinen DNA-Test von ihr verlangt und ihr auch nicht unterstellt, mit einem anderen Mann geschlafen zu haben.

Als Betsy das Bürogebäude verließ, warf sie einen Blick auf die andere Straßenseite, wo sie damals im Bistro gearbeitet hatte. In den Räumen befand sich inzwischen ein Immobilienmakler. Ihre Wut verrauchte ein wenig, als sie daran dachte, dass Nik Christakis sie vor ihrer Ehe tatsächlich wie eine Königin behandelt hatte.

Leider hatte sie sich so schnell und so erschreckend intensiv in ihn verliebt, dass sie sich selbst fast aufgegeben hatte. Wenn er bei ihr gewesen war, hatte nichts anderes eine Rolle gespielt, und wenn er im Ausland gewesen war, hatte sie nur an ihn denken können und war schrecklich unglücklich gewesen. Bis zu ihrer Begegnung mit Nik hatte sie nicht gewusst, dass sie zu so tiefen Gefühlen überhaupt fähig war.

Sie hatte angefangen, die Abendschule zu schwänzen, sobald Nik sie sehen wollte, und schon bald hatte sie ganz damit aufgehört. Betsy schämte sich noch immer für ihre damalige Kurzsichtigkeit. Es war dumm von ihr gewesen, ihre Pläne zugunsten eines Mannes aufzugeben, und das auch noch für eine Beziehung, die vielleicht nicht halten würde. Sie hätte nie gedacht, dass sie sich je so verändern würde, aber Nik zu lieben, hatte sie schwach gemacht.

Als Nik sie dann bat, ihn zu heiraten, war sie überrascht gewesen. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass er es tatsächlich ernst mit ihr meinte. Sie hatte noch nicht mal mit ihm geschlafen, und seine Zurückhaltung auf diesem Gebiet hatte sie schon öfter verwundert.

Autor

Janette Kenny
Solange Janette sich erinnern kann, prägten fiktive Geschichten und Charaktere ihre Welt. Die Liebe zur Literatur entdeckte sie bereits als kleines Mädchen, da ihre Eltern ihr rund um die Uhr vorlasen. Ermutigt durch ihre Mutter, begann Janette schon früh zu schreiben. Anfänglich begnügte sie sich damit, ihren Lieblingssendungen neue, nach...
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