Julia Extra Band 439

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KALTER SCHNEE, HEIßE LEIDENSCHAFT
von GRAHAM, LYNNE

Schneesturm an Heiligabend: Als die unschuldige, junge Holly mit dem Auto liegen bleibt, rettet sie sich zu einem nahen Cottage. Aber ist sie bei dem so attraktiven wie geheimnisvollen Vito aus Florenz wirklich in Sicherheit? Nicht nur das Feuer im Kamin brennt bald immer heißer …

ZARA UND DER PLAYBOY-PRINZ
von YATES, MAISEY

Playboy-Prinz Andres muss bis Weihnachten Prinzessin Zara heiraten. Natürlich bloß, um die Pflicht gegenüber seinem Land zu erfüllen! Beim Versuch, seine widerspenstigste Braut zu bändigen und zu verführen, erwacht allerdings eine nie gekannte, leidenschaftliche Sehnsucht in ihm …

VERLOBUNG - BLOß ZUM SCHEIN?
von MILBURNE, MELANIE

Die Scheinverlobung mit Stararchitekt Cameron ist für Violet ein rein geschäftlicher Deal. Wenn er sie zur Weihnachtsfeier begleitet, wird sie den Ruf als Dauersingle los, ohne ihr Herz zu riskieren. Aber was hat das rätselhafte Prickeln zu bedeuten, als er sie probehalber küsst?

WENN DU MICH SO ZÄRTLICH ANSIEHST
von LOGAN, NIKKI

Reporterin Kitty fühlt sich magisch von Will angezogen, als sie ihn in der Wildnis Kanadas wiedertrifft. Trotzdem sollte sie ihre Gefühle für den attraktiven Abenteurer unterdrücken! Er behauptet, nichts von ihr zu wollen. Obwohl sein hungriger Blick eine andere Sprache spricht …

  • Erscheinungstag 17.10.2017
  • Bandnummer 0439
  • ISBN / Artikelnummer 9783733709099
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Lynne Graham, Maisey Yates, Melanie Milburne, Nikki Logan

JULIA EXTRA BAND 439

LYNNE GRAHAM

Kalter Schnee, heiße Leidenschaft

Holly sieht so verführerisch aus in ihrem sexy Santa-Kostüm! Als sie Heiligabend vor seiner Tür steht, wird selbst ein Weihnachtshasser wie der italienische Tycoon Vito Zaffari schwach. Ein Fehler?

MAISEY YATES

Zara und der Playboy-Prinz

Verzweifelt sträubt Zara sich gegen die Pflichtehe mit Prinz Andres. Bis seine Küsse ungeahnt verzehrendes Verlangen wecken. Doch wird der notorische Playboy aus Petras ihr jemals seine Liebe schenken?

MELANIE MILBURNE

Verlobung – bloß zum Schein?

Um die lästigen Avancen seiner Kundin abzuwehren, braucht Cameron dringend Violet an seiner Seite. Selbstverständlich nur als Scheinverlobte! Dass es trotzdem erregend prickelt, muss er ignorieren!

NIKKI LOGAN

Wenn du mich so zärtlich ansiehst

Will darf sich nicht von seinem Verlangen hinreißen lassen, als er Kitty wiedersieht. Denn er liebt das Leben in der Wildnis, sie ihren Job in Los Angeles. Da ist eine Beziehung unmöglich, oder?

1. KAPITEL

Die karge Hügellandschaft des Dartmoor war von eisigem Frost überzogen. Als der Geländewagen von der Landstraße in einen schmalen Schotterweg einbog, entdeckte Vito schon das malerische Cottage hinter ein paar winterlichen Baumgerippen. Während sich sein Fahrer um das Gepäck kümmerte, stieg Vito mit grimmigem Gesicht aus dem Wagen und ging auf das Haus zu. Als erneut eine SMS auf seinem Handy einging, war ihm die Anspannung der letzten Tage noch deutlicher anzusehen als zuvor. Er ignorierte die Nachricht und betrat das Haus.

Wärme empfing ihn. In dem offenen Kamin des Cottages brannte ein gemütliches Feuer. Müde fuhr sich Vito durch das dichte blauschwarze Haar. Er war kein Feigling. Er war auch nicht geflüchtet, wie ihm seine Exverlobte vorgeworfen hatte. Viel lieber wäre er in Florenz geblieben und hätte die Stellung gehalten! Doch die Paparazzi ließen ihm dort keine Ruhe, und eine sensationslüsterne Schlagzeile jagte die nächste.

Nun war Vito doch dem Rat seines besten Freundes Apollo gefolgt und hatte sich aus Italien abgesetzt – in der Hoffnung, dass sich der Presserummel so schneller legen würde. Er musste schließlich seine Mutter schützen! Gerade war Vitos Vater mit einem schweren Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden, da wollte Vito seiner Mutter jede zusätzliche Aufregung ersparen!

Zweifellos besaß sein Freund Apollo wesentlich mehr Erfahrung darin, mit Skandalen und schlechter Presse fertigzuwerden. Der griechische Playboy führte ein deutlich zwangloseres Leben als Vito, dem man bereits von Kindesbeinen an eingebläut hatte, dass er einmal der nächste Direktor der berühmten Zaffari-Bank werden würde. Sein Großvater hatte ihn in der Tradition einer Familie erzogen, die ihre Wurzeln bis ins Mittelalter zurückverfolgen konnte. Damals war der Name Zaffari gleichbedeutend gewesen mit Begriffen wie Ehre und Prinzipien. Jetzt nicht mehr, dachte Vito reumütig. Für immer und ewig würde er nun als der Banker in Erinnerung bleiben, der sich mit Drogen und Stripperinnen abgab …

Sein Fahrer hatte inzwischen das letzte Gepäckstück hereingeholt. Vito bedankte sich mit einem großzügigen Trinkgeld und verabschiedete den Mann. Nun war er völlig allein.

Gedankenverloren schüttelte Vito den Kopf. Drogen und Stripperinnen waren wirklich nicht sein Stil! Einer seiner engsten Schulfreunde war während einer Party an einer Überdosis gestorben. Illegale Substanzen hatten für Vito nie einen Reiz dargestellt. Und die Prostituierten? Mein Gott, er konnte sich ja nicht mal erinnern, wann er das letzte Mal Sex gehabt hatte. Zwar war er noch bis vor einer Woche verlobt gewesen, doch Marzia hatte sich in dieser Hinsicht als sehr zugeknöpft erwiesen.

„Sie ist durch und durch eine Lady“, hatte sein Großvater noch kurz vor seinem Tod voller Zufriedenheit geäußert. „Eine Ravello mit dem richtigen Hintergrund und der richtigen Erziehung. Sie wird eine hervorragende Gastgeberin abgeben und später eine gute Mutter für deine Kinder sein.“

Jetzt nicht mehr, dachte Vito und las die neueste SMS seiner Ex.

Was ist mit dem Abriano-Gemälde? hatte sie geschrieben.

Er schrieb Marzia knapp zurück, dass sie das Verlobungsgeschenk seines Großvaters zurückgeben musste. Es war Millionen wert – wie viel Entschädigung wollte sie denn noch verlangen? Er hatte ihr bereits das Haus angeboten, das sie ursprünglich gemeinsam hatten bewohnen wollen, doch das lehnte sie ab.

Trotz seiner Großzügigkeit fühlte Vito sich schuldig. Er hatte Marzias Leben auf den Kopf gestellt, hatte sie in Verlegenheit gebracht. Aber er konnte seiner ehemaligen Verlobten nicht die Wahrheit sagen. Weil er ihr nicht zutraute, dass sie das Ganze für sich behalten würde. Sollte die Wahrheit jedoch herauskommen, dann wäre sein Opfer umsonst gewesen, und die einzige Frau, die er je geliebt hatte, würde eine öffentliche Demütigung erfahren.

Vito hatte eine schwere Wahl getroffen. Doch er hatte genau gewusst, auf was er sich einließ und war bereit, den Preis dafür zu zahlen.

Trotzdem kam es ihn hart an, sich über Weihnachten hinweg mehrere Wochen zu verkriechen. Sein Instinkt sagte ihm nämlich, dass Angriff immer noch die beste Verteidigung war.

„Ritchie ist ein widerlicher, verlogener Mistkerl!“, wetterte Hollys Mitbewohnerin und beste Freundin Pixie am Telefon.

Holly zog eine Grimasse, während sie sich mit einer Hand durch die dichte Mähne schwarzer Locken strich. Mit rot geweinten Augen blickte sie auf die Uhr und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass ihre Mittagspause noch lange nicht vorbei war. „Da kann ich dir nur zustimmen“, erwiderte sie kläglich.

„Er ist mindestens ebenso schlimm wie der letzte Typ, der sich all das Geld von dir geliehen und nie zurückgegeben hat“, erinnerte Pixie sie mit ihrer üblichen Taktlosigkeit. „Oder der davor, der dich nur heiraten wollte, damit du seine bettlägerige Mutter pflegst!“

Holly zuckte zusammen und dachte, dass ihre Männergeschichten tatsächlich wenig Anlass zum Stolz gaben. „Lass uns nicht zurückschauen“, bat sie, denn sie wollte sich lieber positiveren Dingen zuwenden.

Pixie weigerte sich jedoch zu kooperieren. „Was in aller Welt willst du jetzt über die Feiertage tun, wo ich in London festsitze und Ritchie kein Thema mehr ist?“

Ein Lächeln stahl sich auf Hollys Gesicht, die plötzlich voller Enthusiasmus war. „Ich werde stattdessen Weihnachten mit Sylvia feiern!“

„Aber sie ist doch bei ihrer Tochter in Yorkshire … oder nicht?“

„Nein, Alice musste in letzter Minute absagen. Sie hatte einen Wasserrohrbruch im Haus. Sylvia war schrecklich enttäuscht. Als ich dann Ritchie heute mit seinem Büroflittchen erwischt habe, wurde mir klar, dass ich es in der Hand habe, aus unser beider Pech wenigstens etwas Gutes zu machen …“

„Ich hasse es, wenn du nach jeder Niederlage sofort wieder aufstehst und ganz optimistisch bist“, seufzte Pixie dramatisch ins Telefon. „Bitte sag mir, dass du Ritchie wenigstens eine ordentliche Ohrfeige verpasst hast …“

„Ich habe ihm gesagt, was ich von ihm halte. Ich hab es zumindest versucht …“, gab Holly mit der für sie typischen Ehrlichkeit zu. Es war ihr zu peinlich gewesen, sich länger in der Gegenwart ihres halbnackten Freunds und der Frau aufzuhalten, mit der er sie betrogen hatte. „Ist es in Ordnung, wenn ich mir dein Auto ausleihe?“

„Natürlich. Wie willst du denn sonst dorthin kommen? Aber pass auf: Sie haben Schnee angesagt …“

„An Weihnachten reden sie immer von Schnee“, versetzte Holly wegwerfend. „Weißt du was? Ich nehme unseren Tannenbaum und den Weihnachtsschmuck zu Sylvia mit! Und auch das ganze Essen, das ich schon vorbereitet habe! Ich werde das Santa-Outfit anziehen, das du letztes Jahr bei der Weihnachtsfeier im Salon getragen hast. Sylvia lacht doch gern. Sie wird es zu schätzen wissen.“

„Sylvia wird begeistert sein, wenn du plötzlich vor der Tür stehst“, erwiderte ihre Freundin voller Wärme. „Erst der Tod ihres Mannes, und dann musste sie auch noch das Farmhaus verlassen, weil sie es allein nicht mehr halten konnte. Sie hatte wirklich ein schreckliches Jahr.“

Der Gedanke, wie sehr sich ihre Pflegemutter über ihren Überraschungsbesuch freuen würde, verlieh Holly genug Kraft, um ihre Nachmittagsschicht im Café trotz allem noch gut über die Runden zu bringen. Außerdem war Heiligabend, und Holly liebte Weihnachten. Das lag wahrscheinlich daran, dass sie hauptsächlich in Pflegefamilien aufgewachsen war und sich immer danach gesehnt hatte, diese besondere Zeit des Jahres mit einer eigenen Familie zu verbringen. Wäre es nicht traumhaft, Weihnachten irgendwann mit einem Ehemann und eigenen Kindern zu feiern?

Sowohl sie als auch Pixie waren mit zwölf Jahren zu Sylvia Ware gekommen. Die Wärme und Zuneigung, mit der sie die beiden Mädchen aufgenommen hatte, machten die Herzlosigkeit wett, die die beiden als kleinere Kinder in anderen Pflegefamilien erlebt hatten. Heute bereute Holly es, dass sie nicht früher auf Sylvia gehört und sich in der Schule mehr Mühe gegeben hatte. Im Laufe der Jahre hatte Holly so viele verschiedene Schulen besucht, dass sie irgendwann ihre Lücken einfach akzeptierte. Jetzt war sie vierundzwanzig und versuchte, diesen Fehler wiedergutzumachen. Es war anstrengend, sich neben der Arbeit als Kellnerin noch weiterzubilden. Aber der Onlinekurs für Innendesign, zu dem Holly sich vor einiger Zeit angemeldet hatte, schien ihr die Mühe wert zu sein.

„Und was soll dir der Kurs bringen?“, hatte Pixie, die als Friseurin arbeitete, unumwunden gefragt.

„Ich interessiere mich wirklich dafür. Es macht mir wahnsinnigen Spaß, einen Raum zu betrachten und zu überlegen, wie ich ihn verbessern könnte.“

„Aber Leute wie wir werden nicht als Designer engagiert“, hatte Pixie eingewandt. „Ich meine, wir sind ganz gewöhnliche Arbeiterinnen, die versuchen, ihre Rechnungen zu zahlen, keine glamourösen Karrierefrauen.“

Als Holly jetzt das Santa-Outfit anzog, musste sie zugeben, dass an ihr tatsächlich nichts Glamouröses war. Gott sei Dank war das kurze Kleid für ihre deutlich schlankere Freundin viel zu groß gewesen. Es mochte ja sein, dass Pixie sie um ihre üppigen Kurven beneidete, doch dafür konnte Pixie alles essen, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen, während Holly ständig darum kämpfte, dass ihre Kurven nicht zu voluminös wurden. Ihr goldener Hautton musste von dem unbekannten Vater stammen. Er war vielleicht jemand, den ihre sprunghafte Mutter im Ausland kennengelernt hatte. Holly würde es wohl nie erfahren. Ihr einziger Elternteil hatte ihr so viele Lügen aufgetischt, dass sie die Hoffnung aufgegeben hatte, ihren leiblichen Vater je kennenzulernen.

Mit einem Meter sechzig war Holly nicht besonders groß. Zu dem Corsagekleid aus leuchtend rotem Samt trug sie schwarze Thermostrumpfhosen, und statt High Heels anzuziehen, schlüpfte Holly in ein Paar Cowboystiefel. Als sie ihr Spiegelbild sah, musste sie lachen. Dennoch setzte sie auch noch die rote Santa-Mütze auf. Also schön, sie sah komisch aus, aber Sylvia würde ihr Aufzug sicher ein Lächeln entlocken und ihr darüber hinweghelfen, dass ihre Töchter an Weihnachten nicht bei ihr sein konnten. Das war alles, was zählte.

Rasch packte Holly ihren Rucksack und stellte Essen und Weihnachtsschmuck in einen Karton, der so schwer war, dass sie auf dem Weg zum Auto beinahe strauchelte. Zumindest das Essen wird nicht verkommen, dachte sie voller Zweckoptimismus, doch genau in diesem Moment sah sie das Bild von Ritchie und der Sekretärin in seinem Versicherungsbüro wieder vor sich.

Ihr Magen verkrampfte sich und ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie haben es sogar am helllichten Tag getrieben, dachte sie schaudernd. Holly konnte es sich ja nicht mal vorstellen, überhaupt Sex zu haben, geschweige denn auf einem Schreibtisch im grellen Tageslicht. Wahrscheinlich war sie keine besonders abenteuerlustige Person. Genau genommen, waren sie und Pixie ziemlich puritanisch. Sie hatten gesehen, wohin die zahlreichen gescheiterten Beziehungen ihrer Mütter geführt hatten, und sich mit zwölf Jahren geschworen, von Männern die Finger zu lassen. Als sie in die Pubertät kamen, geriet diese Entscheidung ins Wanken. Also sagten sie sich mit vierzehn, dass Sex die eigentliche Gefahr war und deshalb außerhalb einer ernsthaften Beziehung auf jeden Fall vermieden werden musste. Holly verdrehte die Augen, wenn sie daran dachte, wie unschuldig und naiv sie doch gewesen waren.

Noch immer hatte keine von ihnen beiden es geschafft, eine ernsthafte Beziehung mit einem Mann zu führen. Aber es war nicht gerade so, dass ihre sexuelle Enthaltsamkeit Holly irgendwelche Vorteile verschafft hätte.

„Hast du gedacht, dass ich ewig auf dich warte?“, hatte Ritchie ihr nachgeschrien. „Glaubst du, du bist etwas Besonderes?“

Bei der Erinnerung an diese hässliche Bemerkung verzog Holly das Gesicht. Es war ihr schon immer bewusst gewesen, dass sie keinesfalls etwas Besonderes war …

Als sie in dem heruntergekommenen alten Kleinwagen losfuhr, den Pixie irgendwann Clementine getauft hatte, begann es plötzlich zu schneien. Holly stöhnte. An sich liebte sie Schnee, aber sie fand es alles andere als angenehm, in dichtem Schneegestöber zu fahren, und sie fror auch nicht gern. Gott sei Dank sitze ich ja im Auto, dachte sie, während sie das kleine Städtchen in Devon verließ, in dem sie lebte und arbeitete.

Als sie endlich an Sylvias Haus ankam, das verdächtig dunkel dalag, hatte der Schneefall sogar noch zugenommen. Vielleicht war ihre Pflegemutter ja in die Kirche gegangen, oder sie besuchte Nachbarn. Entschlossen drückte Holly die Weihnachtsmütze auf ihre widerspenstigen Locken, klopfte an die Tür und wartete, wobei sie von einem Fuß auf den anderen trat, um warm zu bleiben. Nach ein paar Minuten klopfte sie noch einmal, dann folgte sie dem Gehweg zu dem kleinen Nachbarhaus, das hell erleuchtet war, und klopfte dort.

„Es tut mir leid, dass ich Sie störe, aber vielleicht können Sie mir ja sagen, wo Mrs. Ware ist und ob sie bald nach Hause kommt?“, fragte Holly mit freundlichem Lächeln.

„Sylvia ist heute Nachmittag abgereist. Ich habe ihr beim Packen geholfen – sie war ganz aus dem Häuschen. Soweit ich weiß, hat sie niemanden erwartet“, entgegnete die kleine ältere Dame an der Tür.

Hollys Herz sank. „Dann ist sie also doch zu ihrer Tochter gefahren?“

„Oh nein, das war nicht die Tochter, die kam, sondern der Sohn. Er nimmt sie mit nach Brügge, glaube ich“, versetzte die Nachbarin.

„Brüssel. Dort lebt Stephen. Wissen Sie, wie lange sie fort sein wird?“

„Ich glaube, mehrere Wochen …“

Völlig niedergeschlagen kehrte Holly zu ihrem Wagen zurück.

„Seien Sie bloß vorsichtig, wenn Sie nach Hause fahren“, rief die ältere Dame ihr nach. „Es soll noch die ganze Nacht durch schneien.“

„Danke, das werde ich“, versprach Holly, die sich zu einem Lächeln zwang. „Frohe Weihnachten!“

Und was für frohe Weihnachten das werden, so ganz allein, dachte sie traurig, während sie gegen die Tränen kämpfte. Dann schalt sie sich für ihren Egoismus. Immerhin konnte Sylvia Weihnachten mit ihrem Sohn und den Enkelkindern verbringen, die sie so selten sah. Holly war wirklich froh, dass Stephen gekommen war, um das Fest zu retten.

Vielleicht vermisse ich einfach Pixie, dachte sie und lenkte den Wagen zurück auf die steile, eisige Straße, die das Moor hinaufkroch. Der kleine Bruder ihrer besten Freundin hatte sich mal wieder in Schwierigkeiten gebracht, weshalb Pixie sich freigenommen hatte und nach London gereist war, um das Problem zu lösen. Vermutlich handelte es sich um finanzielle Schwierigkeiten, doch Holly würde keine unangenehmen Fragen stellen oder unaufgefordert Rat erteilen. Sie wollte ihre Freundin nicht verletzen, die ihrem schrecklich egoistischen Bruder sehr zugetan war …

Die einsame Straße durchs Moor schien kein Ende zu nehmen. Als der Wagen auf der eisigen Fläche plötzlich ins Rutschen geriet, verspannte Holly sich und verlangsamte ihr Tempo noch mehr. Sie selbst hatte viel weniger Probleme als die meisten Menschen und von daher keinen Grund, sich selbst zu bemitleiden.

Mit zusammengekniffenen Augen spähte sie durch die Windschutzscheibe – die Sicht wurde immer schlechter, und die Scheibenwischer kamen kaum noch gegen die Schneemassen an. Holly schrie, als der Wagen ohne Vorwarnung plötzlich wie in Zeitlupe von der Straße schlitterte und in einem Graben landete. Das Geräusch von berstendem Metall war ohrenbetäubend. Nachdem sie den Motor abgeschaltet hatte, holte sie mehrmals tief Luft, um sich selbst zu beruhigen. Sie lebte, kein anderes Auto war an dem Unfall beteiligt, niemand verletzt worden. Dafür musste sie dankbar sein.

Mühsam kletterte sie aus dem halb auf der Seite liegenden Wagen, um den Schaden zu begutachten. Die rechte Seite von Pixies altem Gefährt war mit einem großen Felsbrocken zusammengeprallt, der vermutlich dort platziert worden war, um den Eingang zu einer Auffahrt zu markieren. Mein Gott, was wird die Reparatur kosten? war das Erste, was Holly in den Kopf schoss. Schließlich war der Unfall ihre Schuld, nicht Pixies.

Nachdem sie kurz ihre Umgebung inspiziert hatte, bekam sie Angst. Die Straße lag dunkel und verlassen unter einer dichten Schneedecke. Es war eine schlimme Nacht, noch dazu Heiligabend. Vermutlich würde sich heute kein einziger Autofahrer hierher verirren.

Rasch griff sie nach ihrem Handy, nur um konsterniert festzustellen, dass sie kein Netz hatte. Erst in diesem Moment schaute sie sich den Eingang der Auffahrt genauer an und entdeckte in einiger Ferne wie ein Zeichen der Hoffnung helle Lichter. Es musste sich um ein Haus handeln. Holly wurde von Erleichterung überflutet. Hoffentlich war es bewohnt, und hoffentlich verfügte der Besitzer über ein Festnetztelefon, das sie benutzen konnte, um einen Abschleppdienst zu rufen.

Vito genoss gerade ein Glas eines preisgekrönten Weins und fragte sich, was er mit dem Abend anstellen sollte, als es an der Tür klopfte. Überrascht blickte er auf, denn er hatte weder ein Auto gehört, noch sah er draußen Lichter. Vorsichtig spähte er durch das Guckloch an der Tür und sah nichts als eine rote Weihnachtsmütze. Da irrte sich definitiv jemand im Haus, denn Vito hasste Weihnachten. Als er die Tür aufriss, schaute er in ein Paar großer veilchenblauer Augen. Zuerst hielt er seinen Besucher für ein Kind, doch dann ließ er den Blick tiefer gleiten, und er entdeckte den verführerischen Brustansatz, der zwischen dem Mantelaufschlag hervorlugte. Auch wenn sie zweifellos klein war, so handelte es sich doch ganz eindeutig um eine Frau.

Holly starrte den Mann im Türrahmen überrascht an. Er sah wie die personifizierte männliche Sünde aus: schwarzes Haar, dunkle, mysteriöse Augen, markante Züge, ein attraktiver Dreitagebart und ein höllisch sinnlicher Mund. Leider wirkte er weder besonders zugänglich noch hilfsbereit. Dass er überdies noch einen eleganten Anzug mit weißem Hemd und makelloser Krawatte trug, machte ihn in Hollys Augen noch unnahbarer.

„Falls Sie auf der Suche nach einer Party sind, haben Sie das falsche Haus erwischt“, sagte Vito brüsk, der sich an die Warnungen seines Freundes erinnerte, wie aufdringlich die Paparazzi sein konnten. Hätte er gleich an dieses Risiko gedacht, dann hätte er die Tür gar nicht erst aufgemacht.

„Ich brauche dringend ein Telefon. Mit meinem Handy habe ich hier keinen Empfang, und ich bin mit meinem Wagen am Ende der Auffahrt im Graben gelandet“, erklärte Holly rasch. „Haben Sie hier ein Festnetztelefon?“

Vito stöhnte innerlich. Auf seinem Handy befanden sich viel zu viele heikle Informationen, als dass er es aus der Hand gegeben hätte. „Das ist nicht mein Haus. Ich muss nachschauen“, versetzte er genauso unfreundlich wie zuvor.

Als er sich umdrehte, ohne sie hineinzubitten, zog Holly eine Grimasse. Sie zitterte wie Espenlaub, weil sie nicht warm genug angezogen war. Über das Weihnachtskleid hatte sie lediglich ihren dünnen Regenmantel gestreift. Sie war auf eine Fahrt im geheizten Auto vorbereitet gewesen, nicht auf eine Autopanne im Schneetreiben. Da bin ich ja auf Mr. Nett und Zuvorkommend gestoßen, dachte sie ironisch. Er mochte zwar der attraktivste Mann sein, der ihr je über den Weg gelaufen war, aber er schien auch frostiger als Eis.

„Es gibt ein Telefon … Sie können reinkommen und es benutzen“, lud er sie widerwillig ein. Lediglich sein ausländischer Akzent klang nett.

Holly errötete vor Verlegenheit. Sie hatte schon bemerkt, dass sie keine willkommene Besucherin war. Rasch kramte sie ihr Handy aus der Manteltasche und suchte nach der Nummer von Pixies Automechaniker Bill, der in der Gegend einen Abschleppdienst betrieb. Während sie das tat, achtete sie nicht auf die Stufe, die ins Haus führte. Sie strauchelte und wäre wohl schlimm gestürzt, wenn nicht in diesem Moment zwei Arme nach ihr gegriffen und sie aufgefangen hätten.

„Passen Sie auf …“ Vito hob sie regelrecht ins Haus hinein. Als ihr Haar dabei kurz sein Gesicht streifte, atmete er den Duft von Orangen ein. Doch erst als er ihr Gesicht im hellen Licht sah, erkannte er, dass ihre Lippen bereits blau vor Kälte waren. „Maledizione, Sie erfrieren ja! Warum haben Sie mir nichts gesagt?“

„Es ist schon Zumutung genug, dass ich einfach so an Ihre Tür klopfe …“

„Ja, mir wäre es wirklich lieber, am Morgen über Ihre erfrorene Leiche auf meiner Türschwelle zu stolpern!“, versetzte er sarkastisch. „Sie hätten mir sagen sollen, dass …“

„Sie haben doch selbst Augen im Kopf! Und ihr Auftreten ist so abweisend … Ich störe nicht gern andere Leute“, unterbrach sie ihn, während sie hektisch ihre Hände rieb, um wieder ein Gefühl in die Finger zu bekommen, ehe sie sich erneut ihrem Handy widmete.

Vito blickte auf sie herab. Ihre Kritik überraschte ihn. Abweisend? Stimmte das? Sein Großvater hatte ihn gelehrt, Abstand zu halten zu anderen Menschen. Bei der Mitarbeiterführung kam ihm das oft zugute …

Doch Vito war es nicht gewohnt, sein eigenes Handeln in Frage zu stellen. Ungeduldig nahm er seinem Überraschungsbesuch das Telefon aus den zitternden Händen und sagte streng: „Gehen Sie erst rüber zum Feuer und wärmen Sie sich auf. Danach können Sie den Anruf tätigen.“

„Und das macht Ihnen auch wirklich nichts aus?“

„Ich werde es schon ertragen.“

Auf halbem Weg hin zu dem Kamin mit dem gemütlich lodernden Feuer drehte Holly sich lachend um. Ihre Augen funkelten. „Sie sind gern sarkastisch, nicht wahr?“

Im Schein des Kaminfeuers glichen ihre Augen schimmernden Saphiren, und ihr zauberhaftes Lächeln verlieh ihr eine solche Anziehungskraft, dass ihm der Atem stockte. Vito war kein Mann, der sich leicht von den Reizen einer Frau beeindrucken ließ. Und selbst wenn es einmal vorkam, unterdrückte er den Impuls sofort. Doch für den Bruchteil einer Sekunde hauten ihn ihr koketter Ton und das umwerfende Lächeln regelrecht aus den Socken.

Er starrte sie an. Als sie die Weihnachtsmütze abnahm, ergossen sich die dunklen Locken wie ein Wasserfall über ihren Rücken. Wie von selbst senkte sich sein Blick auf ihre vollen Brüste, die schmale Taille und die wohlgeformten Beine, die unter dem Rock ihres glänzenden Kleids hervorschauten. Die Schultern straffend, kämpfte er gegen die Erregung an, die sich in seinen Lenden ausbreitete.

„Könnte ich jetzt mein Handy wiederhaben?“, bat sie.

Er drückte ihr das Smartphone in die Hand, woraufhin sie durch die Kontakte scrollte. Dann reichte er ihr das Festnetztelefon des Hauses, in das sie Bills Nummer eingab.

Vito war immer noch damit beschäftigt, seine Libido in den Griff zu bekommen. Dass das überhaupt nötig war, schockierte ihn. Was war nur los mit ihm? Sie war doch gar nicht sein Typ … wenn er überhaupt einen Typ hatte. Die Frauen in seinem Leben waren alle große, elegante Blondinen gewesen und nicht klein, äußerst kurvig und sehr, sehr sexy. Gebannt beobachtete er, wie ihr üppiges Haar über ihre Schultern floss, während sie telefonierte und im Zimmer auf und ab ging. Sie entschuldigte sich am Telefon erst sehr ausgiebig dafür, an Heiligabend zu stören, ehe sie zum Punkt kam.

Wie groß waren die Chancen, dass sie zu den Paparazzi gehörte, die ihn verfolgten? Vito war mit einem Privatflugzeug nach Großbritannien geflogen und auf einem Privatflughafen gelandet. Er hatte sich extra in einem unauffälligen Geländewagen zum Cottage fahren lassen. Nur Apollo und seine Mutter Concetta wussten, dass er hier war. Aber Apollo hatte ihn gewarnt, dass die Paparazzi alles Mögliche anstellten, um an Fotos zu kommen. Er biss die Zähne zusammen. Zumindest sollte er prüfen, ob am Ende der Auffahrt tatsächlich ein Auto im Graben lag.

„Morgen?“, wisperte Holly voller Entsetzen.

„Und auch nur dann, wenn der Schneeräumdienst vor mir da war“, erwiderte Bill entschuldigend. „Ich arbeite heute schon auf Hochtouren. Wo genau liegt der Wagen?“

Da der Mechaniker ein Einheimischer war, wusste er, wo die Stelle lag. „Oh ja, ich kenne das Haus – ein Feriencottage, das irgendeinem Ausländer gehört. Und Sie können dort bleiben?“

„Ja“, entgegnete Holly so zuversichtlich wie möglich, während sie sich bereits fragte, ob sie in Pixies Auto würde übernachten müssen. „Kennen Sie irgendjemand, den ich sonst noch anrufen könnte?“

Als sie die zweite Nummer probierte, ging dort niemand ran. Sie schluckte schwer. „Ich gehe dann jetzt zurück zum Auto“, teilte sie Vito mit.

„Ich komme mit Ihnen … schaue mal, ob ich irgendetwas tun kann …“

„Solange Sie keinen Traktor haben, mit dem Sie den Wagen aus dem Graben rausziehen können, wird da nichts zu machen sein.“ Holly knöpfte den Mantel zu, schlang den Gürtel fest um die Taille und wappnete sich gegen die eisige Kälte, die ihr draußen wieder entgegenschlagen würde.

Während sie die Schultern straffte, nahm sie zum ersten Mal ihre Umgebung richtig wahr. Der Raum war in einer geschmackvollen Mischung aus Tradition und Moderne eingerichtet, doch sie bemerkte sofort, dass etwas Entscheidendes fehlte: Es gab keinerlei Weihnachtsschmuck.

Vito zog seinen Kaschmirmantel an und band sich einen Schal um den Hals.

„Wenn Sie keine Stiefel haben, kann ich Sie nicht mitnehmen … Da draußen werden Ihre Schuhe sofort nass“, mahnte Holly mit einem Blick auf die eleganten Lederslipper, die perfekt zu seinem Maßanzug passten.

Vito ging in den kleinen Vorraum hinüber, in dem etliche Schuhe und Stiefel herumstanden. Er zog ein besonders rustikales Paar hervor und schlüpfte hinein. Ihr Pragmatismus beeindruckte ihn. Wie so viele intelligente Menschen war er nicht besonders praktisch veranlagt und den Herausforderungen des Landlebens bei schlechtem Wetter nicht wirklich gewachsen.

„Mein Name ist Holly“, verkündete sie fröhlich an der Tür.

„Vito … äh … Vito Sorrentino“, log er, indem er den Geburtsnamen seines Vaters benutzte.

Seine Mutter war Einzelkind – ausgerechnet eine Tochter, wo sich ihr Vater doch einen Sohn gewünscht hatte. Auf Bitten von Vitos Großvater hatte sein Vater den Namen Zaffari nach der Hochzeit angenommen, damit der altehrwürdige Name nicht ausstarb. Ciccio Sorrentino war damit zufrieden gewesen, im Gegenzug das Geld einer millionenschweren Erbin zu bekommen. Vito sah jedoch keinen Grund, einer Fremden seine wahre Identität zu enthüllen. Im Moment war der Name Zaffari Kanonenfutter für sämtliche Boulevardmagazine kreuz und quer in Europa.

Sein Großvater würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass sein Enkel den Familiennamen derart in Misskredit brachte.

2. KAPITEL

„Sie erwähnten, dass das hier nicht Ihr Haus ist“, begann Holly ein Gespräch mit klappernden Zähnen, während sie mitten in einen heftigen Schneesturm hinausmarschierten.

„Ein Freund hat es mir für einen Urlaub geliehen.“

„Und Sie sind hier ganz allein?“

… ja.“

„Freiwillig … allein … an Weihnachten?“, fragte sie ungläubig.

„Warum nicht?“ Vito hasste Weihnachten, aber er sah keinen Grund, ihr das auf die Nase zu binden. Er hatte nicht die besten Erinnerungen an das Fest. Seine Eltern, die stets nur wenig Zeit miteinander verbrachten, hatten jedes Mal die ganzen Feiertage über gestritten. Seine Mutter hatte immer versucht, es zu überspielen und für ein fröhliches Fest zu sorgen, aber schon als Kind war Vito viel zu intelligent gewesen, um nicht zu durchschauen, was um ihn herum vor sich ging. Er wusste ganz genau, dass seine Mutter seinen Vater liebte, doch diese Liebe wurde nicht erwidert. Oft genug erniedrigte sie sich, um Ciccios schlechte Laune zu glätten.

Als sie an dem Auto ankamen, begutachtete Vito das Gefährt mit großer Genugtuung. Es handelte sich um eine alte Schrottmühle, was nur bedeuten konnte, dass Holly keine Skandalreporterin war, sondern tatsächlich eine gestrandete Reisende. Nicht, dass das seine Irritation darüber gemildert hätte, dass er sie jetzt mindestens eine Nacht an der Backe hatte. Er hatte ihr Telefonat mit angehört. Wenn es nicht gerade um Leben und Tod ging, würde niemand, der bei klarem Verstand war, in einer solchen Nacht hierher herauskommen.

„Wie Sie sehen … steckt der Wagen fest“, sagte Holly und tätschelte die Motorhaube, so als wäre sie ein Mensch, der Trost brauchte. „Das Auto gehört meiner Freundin. Sie wird ganz schön niedergeschlagen sein, wenn sie davon erfährt.“

„Unfälle passieren … Vor allem, wenn Sie keine Vorsichtsmaßnahmen ergreifen auf einer solchen Straße und bei dieser Art von Wetter.“

Wütend drehte sich Holly zu ihm um. Auf ihrer Wange zeichneten sich zwei rote Flecken ab, so zornig war sie. „Als ich losgefahren bin, hat es noch nicht so geschneit! Es gab keinen Grund für Vorsichtsmaßnahmen!“

„Lassen Sie uns Ihre Sachen holen und zurück ins Haus gehen.“

Nur mühsam unterdrückte sie den Zorn, den er mit seiner taktlosen Bemerkung hervorgerufen hatte, und musterte ihn überrascht. „Sie laden mich zurück ins Haus ein? Das müssen Sie nicht. Ich kann …“

„Ich mag zwar für meine Unfreundlichkeit berüchtigt sein, aber nicht mal ich kann Sie während eines Schneesturms an Weihnachten im Auto schlafen lassen!“, versetzte Vito ungeduldig. „Könnten wir jetzt das Gespräch beenden und in die Wärme zurückkehren? Oder wollen Sie zuerst das Auto noch mal tätscheln?“

Rot vor Verlegenheit öffnete Holly den Kofferraum, holte ihren Rucksack heraus und schwang ihn auf den Rücken.

Konsterniert bemerkte Vito, dass der Rucksack beinahe so groß war wie sie selbst. „Lassen Sie mich den nehmen.“

„Nein … ich hatte gehofft, dass Sie die Kiste tragen könnten. Die ist nämlich schwerer.“

Er verdrehte die Augen, griff aber nach der großen Kiste und hob ihn hoch. „Brauchen Sie die wirklich?“

„Ja, sie enthält all meine Sachen … bitte“, drängte Holly.

Sie schaute ihn mit ihren großen blauen Augen flehentlich an, was ihn merkwürdig verwirrte. Schließlich gab Vito nach. Sie gingen zum Haus zurück, wobei er sich in grimmiges Schweigen hüllte.

Porca miseria! Was haben Sie in dieser Kiste nur drin?“, entfuhr es ihm schließlich.

„Meinen Weihnachtsschmuck und Essen.“

„Und warum fahren Sie mit Weihnachtsschmuck und Essen durch die Gegend? Oh, wahrscheinlich waren Sie auf dem Weg zu einer Party.“

„Nein. Ich wollte den Abend bei meiner Pflegemutter verbringen, weil ich dachte, dass sie an Weihnachten allein sein würde. Aber wie sich herausstellte, ist ihr Sohn gekommen und hat sie mit nach Brüssel genommen. Sie wusste ja nicht, dass ich sie überraschen wollte. Als ich in den Graben geschlittert bin, war ich auf dem Weg nach Hause.“

„Und wo ist das?“

Sie nannte ihm eine Stadt, von der er noch nie gehört hatte.

„Woher kommen Sie?“

„Aus Florenz … in Italien“, setzte er erklärend hinzu.

„Ich weiß, wo Florenz liegt … schließlich ist es berühmt“, entgegnete Holly, während sie zu ihm aufblickte. Schnee fiel beständig herab und hüllte sie langsam in einen weißen Kokon. „Sie sind also Italiener.“

„Sie konstatieren gern das Offensichtliche, oder?“, bemerkte Vito trocken und betrat hinter ihr das Haus.

„Ich hasse Ihren Sarkasmus!“, schoss sie wütend zurück, was sie mindestens genauso sehr überraschte wie ihn, denn normalerweise ging sie Konflikten aus dem Weg.

Er hob eine Augenbraue, hängte Mantel und Schal auf, zog die Stiefel aus und nahm ihr den Rucksack von den Schultern. „Was haben Sie denn da drin? Felsbrocken?“

„Essen.“

„Die Küche hier ist vollgestopft mit Essen.“

„Wissen Sie immer alles besser als alle anderen?“ Holly, die nicht besonders ordentlich war, hing ihren nassen Mantel aus Höflichkeit an die Garderobe.

„Ich weiß es tatsächlich oft besser als andere“, erwiderte er ohne zu zögern.

Offensichtlich meinte er das vollkommen ernst. Leise stöhnte sie. „Und keinerlei Sinn für Humor.“

„Es ist kein Fehler, seine eigenen Stärken zu kennen“, konterte er.

„Doch, ist es, wenn man sich seiner Schwächen nicht auch bewusst ist …“

„Und was sind Ihre Schwächen?“, fragte er amüsiert, während sie schnurstracks auf das Feuer zumarschierte und die Hände über die Flammen hielt.

Holly dachte angestrengt nach. „Ich bin unordentlich. Eine hoffnungslose Optimistin. Ich will es immer allen Leuten recht machen … Das kommt von den vielen Jahren in Pflegefamilien und dem Versuch, sich unterschiedlichen Menschen und Schulen anzupassen.“ Sie legte den Kopf leicht schräg, woraufhin sich ihr schwarzes Haar wie eine seidige Masse über ihre Schultern ergoss. „Ich verzeihe zu viel, weil ich immer das Beste von den Menschen denke und ihnen stets eine zweite Chance gebe. Es ärgert mich, wenn ich keinen Kaffee mehr habe. Ich erledige Dinge gern schnell, bin aber nicht immer sorgfältig genug. Ich hadere mit meinem Gewicht, mache aber trotzdem immer noch keinen Sport …“

Während Vito ihrer sehr offenen Auflistung zuhörte, hätte er beinahe laut gelacht. Ihre Ehrlichkeit hatte etwas Entwaffnendes an sich. „Stärken?“, hakte er nach, weil er der Versuchung einfach nicht widerstehen konnte.

„Ich bin aufrichtig, loyal, pünktlich und arbeite hart … die Menschen, die mir am Herzen liegen, versuche ich glücklich zu machen“, gestand sie. „Deshalb bin ich ja heute Abend auch auf dieser Straße gelandet.“

„Möchten Sie einen Drink?“, fragte er.

„Rotwein, wenn Sie haben …“ Sie ging zu ihrem Rucksack herüber. „Ist es okay, wenn ich das Essen in die Küche bringe?“

Holly ging in die Richtung, die er ihr wies und stellte fest, dass sich das Cottage hinter der Tür wieder veränderte. Ein großer Anbau beherbergte eine ultramoderne Küche mit glänzenden Arbeitsflächen aus Granit und einem Kühlschrank von solchen Ausmaßen, dass er in einer Restaurantküche hätte stehen können. Sie öffnete ihn. Er war bereits zu großen Teilen gefüllt – hauptsächlich mit der Luxusvariante von Fertiggerichten. Rasch stellte sie ihre Vorräte in ein noch freies Regal, dann kehrte sie in das Wohnzimmer zurück, wo sie den Karton öffnete und das restliche Essen herausnahm.

Für diese Nacht war sie in einem fremden Haus mit einem fremden Mann gestrandet. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen.

„Sie haben viel Essen mitgebracht“, bemerkte Vito von hinten.

Holly zuckte zusammen, weil sie ihn nicht gehört hatte. „Ich bin davon ausgegangen, dass ich für zwei Personen ein Weihnachtsessen zubereiten würde.“

Rasch verstaute sie auch das restliche Essen in der Küche. Als sie zurückkam, stand er vor ihrem Karton und blickte mit gerunzelter Stirn auf den Weihnachtsschmuck darin.

„Was ist das alles?“, fragte er erstaunt.

Sie erklärte es ihm. „Wäre es in Ordnung, wenn ich den Baum hier aufstelle? Ich meine, es ist Heiligabend, und ich werde erst in einem Jahr wieder die Gelegenheit haben“, sagte sie. „Weihnachten ist mir heilig.“

Vito runzelte immer noch die Stirn. „Mir nicht“, versetzte er knapp, denn er hatte nur Erinnerungen an enttäuschende Weihnachten als Kind.

Holly errötete, schloss jedoch den Karton und schob ihn an die Wand hinüber. „Kein Problem. Es ist schon wirklich großzügig von Ihnen, dass Sie mich hier übernachten lassen.“

Dio mio, er war froh, dass sie nur eine flüchtige Bekanntschaft war, denn ihre Vorliebe für die sentimentalen Klischees der Jahreszeit ging ihm gehörig auf die Nerven. Natürlich hätte sie am liebsten auch noch einen Weihnachtsbaum aufgestellt! Aber das hätte er sich denken können, schließlich lief sie in Weihnachtsmütze und Weihnachtskleid durch die Gegend! Er reichte ihr ein Glas Wein und versuchte, kein schlechtes Gewissen zu empfinden, weil er ihr fröhliches Geplauder zum Verstummen gebracht hatte.

„Ich gehe rauf, duschen“, erklärte Vito, denn obwohl er Stiefel getragen hatte, war seine Hose am Saum klatschnass geworden. „Ist es in Ordnung, wenn Sie so lange allein hier unten bleiben?“

„Natürlich … Das ist viel besser als draußen in der Kälte in einem verunglückten Wagen zu sitzen“, versicherte Holly, ehe sie noch etwas verlegen hinzufügte: „Haben Sie vielleicht einen Pullover, den ich mir leihen könnte? Ich habe nur einen Pyjama und ein Kleid dabei, weil das Haus meiner Pflegemutter immer sehr warm ist.“

Er hatte keine Ahnung, was sich in seinem Gepäck befand, weil er seit seiner Zeit im Internat keinen Koffer mehr selbst gepackt hatte. „Ich schaue, was ich habe.“

In der Dusche dachte Vito über Holly nach. Das war ein großer Fehler. Wenn er sich ihre verführerischen, sexy Kurven vorstellte, wurde er sofort hart. Ja, sein Körper reagierte mit einem Enthusiasmus, der ihn erstaunte.

Sie war eine ungewöhnliche Frau, entsprach ganz und gar nicht dem Typ, den Vito normalerweise traf. Dass sie so authentisch war, machte einen Großteil ihrer Anziehungskraft aus. Er wusste nie, was sie als Nächstes tun oder sagen würde. Sie trug keinerlei Make-up. Machte kein großes Aufheben um ihr Aussehen. Sie sagte genau das, was sie dachte und fühlte – ohne Filter. Während er sich abtrocknete, versuchte er, damit aufzuhören, über Holly nachzudenken. Es war offensichtlich, dass sie ihn antörnte. Genauso offensichtlich war, dass er sie nicht anbaggern würde.

Warum zur Hölle eigentlich nicht? Der Gedanke kam ganz unvermittelt. Alles an ihr schrie danach, dass sie aus einer völlig anderen Welt kam als er. Wenn er einen Annäherungsversuch startete, hieße das, dass er die Situation ausnutzen würde. Dennoch hatte er Holly von der ersten Sekunde an begehrt. Er begehrte sie auf eine Art und Weise, wie er es seit seiner Jugend nicht mehr erlebt hatte. Es lag an der Situation, redete er sich ein. In Gegenwart einer Frau, die keinen Schimmer hatte, wer er war oder welcher Skandal ihn verfolgte, fiel es ihm viel leichter, sich zu entspannen. Und warum sollte er sie nicht begehren? Immerhin war er sexuell ziemlich ausgehungert! Missmutig ging er den Inhalt einer seiner Koffer durch. Nichts! Im Nächsten fand er jedoch einen Pullover, den er für halbwegs geeignet hielt.

Holly sah zu, wie Vito mit der Eleganz eines Panthers die Treppe hinunterkam. Schon in seinem schicken Maßanzug hatte er fantastisch ausgesehen, doch in schwarzer Designerjeans und langärmligem rotem T-Shirt war er einfach umwerfend. Mit seinen hohen Wangenknochen und dem sinnlich-maskulinen Mund sah er aus wie ein männliches Supermodel. Sich so urplötzlich in Gegenwart eines absoluten Traummanns wiederzufinden, war mehr als ein bisschen verstörend.

„Hier … Sie können die Ärmel aufrollen.“ Er warf ihr den Pullover in den Schoß. „Falls Sie sich frisch machen wollen, finden Sie neben der Küche ein Gästebad.“

Holly rappelte sich von dem Teppich vor dem Kamin auf, schnappte sich ihren Rucksack und folgte seinem Hinweis. Es war nicht verkehrt, eine Weile allein zu sein, um sich wieder in den Griff zu bekommen. Als sie ihr Spiegelbild betrachtete, war sie entsetzt, wie zerzaust ihr Haar war und wie viel Dekolleté das Kleid zeigte. Rasch zog sie sich aus, stieg unter die Dusche und genoss das heiße Wasser auf ihrer Haut und das teure Duschgel, mit dem sie sich einseifte. Wem auch immer dieses Cottage gehörte, er musste verdammt wohlhabend sein. Was vermutlich bedeutete, dass Vito es auch war. Holly zog eine Grimasse.

Nachdem sie das Wasser abgestellt und sich abgetrocknet hatte, schlüpfte sie in den blauen Pullover. Er war so groß und so weit ausgeschnitten, dass er ihren BH enthüllte. Sie würde daran denken müssen, den Pullover immer ein gutes Stück über die Schultern nach hinten zu schieben. Dann rollte sie die Ärmel auf. Weil ihr der Pullover bis über die Knie ging, zog sie die Strumpfhose nicht wieder an. Ihr Haar kämmte sie so lang, bis es in schönen Wellen über ihren Rücken fiel. Was Kosmetik anging, hatte sie nicht allzu viel mitgenommen. Seufzend trug sie ein wenig Feuchtigkeitscreme auf, zog einen hauchdünnen Lidstrich und tupfte etwas Gloss auf ihre Lippen. Das musste reichen. Es war ohnehin nur ihr Stolz, der sie dazu bewog, diese Anstrengung zu unternehmen. Ein derart attraktiver und kultivierter Mann wie Vito Sorrentino würde sich sowieso nichts aus ihr machen, dachte sie mit einer Enttäuschung, die sie selbst nicht verstand. Wieso verschwendete sie überhaupt einen solchen Gedanken an ihn?

Auf jeden Fall erinnerte es sie an Ritchie, und das führte dazu, dass sie sich auch daran erinnerte, dass sie die Pille an diesem Tag noch gar nicht genommen hatte. Rasch kramte sie in ihrer Kulturtasche, um es nachzuholen, doch sie musste feststellen, dass sie die Tabletten zu Hause vergessen hatte. Dass sie als Jungfrau überhaupt verhütete, lag daran, dass sie und Pixie beschlossen hatten, es wäre besser, stets auf der sicheren Seite zu sein. Ihre Mütter hatten ihr Leben ruiniert, indem sie ganz früh ungewollt schwanger geworden waren. Das sollte ihr und Pixie nicht passieren …

Aus irgendeinem Grund hatte Vito erwartet, dass Holly mit vollem Make-up zurückkehren würde. Stattdessen wirkte ihr Gesicht rosig frisch und nahezu unberührt. Sein Pullover fiel sackig an ihr herab. Die Füße waren nackt. Beinahe hätte er vor Erleichterung gelacht. Es gab wohl kaum eine Frau, die sich weniger Mühe gab, ihm zu gefallen. Vor seiner Verlobung und auch währenddessen war er von so vielen Frauen angebaggert worden, dass er gelernt hatte, in ihrer Gegenwart vorsichtig zu sein.

Holly begegnete ungewollt seinem Blick und dem umwerfenden Lächeln. Ihr Herz schlug einen Purzelbaum. Sie blieb abrupt stehen, und ihr Rucksack entglitt ihren Fingern. „Möchten Sie, dass ich etwas zu essen mache?“, fragte sie leicht zitternd, weil sie plötzlich nicht genug Luft bekam.

„Nein, danke. Ich habe schon gegessen, bevor Sie kamen“, entgegnete er gedehnt und beobachtete, wie sie den Pullover nach hinten zog, damit er nicht zu viel Dekolleté preisgab. Nein, sie versuchte wirklich nicht, ihn anzumachen, und das verzauberte ihn ganz ungemein.

„Dann macht es Ihnen hoffentlich nichts aus, wenn ich etwas esse? Ich habe Dinner mitgebracht“, erklärte sie und wandte sich dabei in Richtung Küche.

Sie versucht noch nicht mal, mich zu unterhalten, dachte Vito, den diese Gleichgültigkeit immer mehr faszinierte.

Er schenkte Holly Wein nach und brachte ihr das Glas in die Küche. Sie schloss gerade den Backofen, wobei sich die Wolle seines Pullovers verführerisch um ihre herzförmige Rückseite spannte.

„Haben Sie einen Freund?“, hörte er sich fragen, noch ehe sein Gehirn den Gedanken ganz ausformuliert hatte. Sein Blick lag wie gebannt auf seinem Pullover, der ihre sinnlichen Kurven gleichermaßen bedeckte wie enthüllte.

„Nein. Seit heute habe ich einen Ex“, entgegnete sie. „Und Sie?“

„Ich bin Single.“ Vito lehnte sich gegen die Kochinsel. Dabei wurde ihr Blick auf seine muskulösen Oberschenkel gelenkt und … auf die deutliche Ausbuchtung in seiner Designerjeans. Hitze strömte in Hollys Wangen, sie schaute rasch auf ihr Weinglas hinunter. Seit wann guckte sie bei einem Mann dorthin?

„Was ist denn heute passiert?“, wagte er sich vor.

„Ich habe Ritchie dabei erwischt, wie er in der Mittagspause Sex mit seiner Sekretärin hatte“, platzte sie heraus, ehe ihr aufging, wie demütigend dieses Geständnis war. Offenbar hatte der Blick auf Vito ihre Sinne benebelt …

3. KAPITEL

Ihr überraschendes Geständnis entlockte Vito beinahe ein Lachen, doch er wollte Hollys Gefühle nicht verletzen. Sie war schon wieder rot geworden. Wahrscheinlich war ihr das Ganze unbeabsichtigt herausgerutscht. Vito holte tief Luft. „Das ist übel. Was haben Sie gemacht?“

„Ich habe ihm gesagt, was ich von ihm halte, und dann bin ich gegangen.“ Trotzig hob sie das Kinn. „Ich hasse Lügner und Betrüger.“

„In dieser Hinsicht bin ich schrecklich wohlerzogen. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt zu arbeiten“, entgegnete er. Dass sie offensichtlich weder wusste, wer er war, noch welcher Skandal ihn gezwungen hatte, Florenz zu verlassen, war eine Erleichterung. In den letzten Tagen hatte er viel zu viel Zeit in der Gegenwart von Leuten verbringen müssen, die zwar zu höflich waren, ihre Meinung laut kundzutun, die aber kein Problem damit hatten, ihn offen anzustarren und hinter seinem Rücken zu tuscheln. Anonymität besaß gerade einen verdammt großen Reiz.

„Und warum sind Sie ganz allein hier?“, erkundigte sich Holly, die froh war, dass er die Geschichte mit Ritchie nicht weiter kommentierte.

„Ein Burnout. Ich brauchte Abstand von der Arbeit.“ Für diese Lüge hatte sich Vito bereits unter der Dusche entschieden. „Allerdings hatte ich nicht mit solchem Wetter gerechnet.“

Ihr Anblick lenkte ihn ab. Die Art, wie das Blau seines Pullovers die Farbe ihrer Augen hervorhob, faszinierte ihn. Sie hatte wirklich umwerfende Augen, dazu einen wunderbar weiblichen Körper und herrliches Haar, das in langen Locken über ihre Schultern fiel. Doch das vielleicht Reizvollste an Holly war ihr völlig ungekünsteltes Wesen. Sie spielte kein Theater, sagte nichts nur um des bloßen Effekts willen. Ja, ihre Offenheit grenzte schon ans Schmerzhafte.

„Warum starren Sie mich so an?“, fragte sie plötzlich und streckte dabei den Rücken durch. Ganz so, als müsse sie sich gegen Kritik wappnen.

„Tu ich das?“ Vitos Augen funkelten amüsiert. „Tut mir leid … ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen“, sagte er und ging wieder ins Wohnzimmer hinüber.

Als Holly ihm mit einem Teller voller köstlich aussehender Snacks folgte, baute er gerade eine Spielekonsole auf. „Ich hatte daran gedacht, ein Spiel zu spielen“, erklärte er, „aber vielleicht möchten Sie lieber fernsehen …“

„Nein, welches Spiel ist es?“

Es handelte sich um ein Militärspiel, das Holly gut kannte. „Ich spiele gegen Sie.“

Überrascht schaute er sie an. „Sie spielen?“

„Natürlich. Jede Pflegefamilie hatte eine Spielkonsole. Ich habe schnell gelernt, mit den anderen Kindern zu zocken, um mich anzupassen“, versetzte sie trocken.

Dio mio … in wie vielen verschiedenen Familien haben Sie denn gelebt?“

„Ich habe sie nie gezählt, aber es waren einige. Kaum hatte ich mich gerade irgendwo eingelebt, kam beim Jugendamt wieder jemand auf die Idee, ich solle noch einmal versuchen, bei meiner Mutter zu leben, und schon war ich wieder einige Monate bei ihr.“

Vito runzelte die Stirn, während er das Spiel vorbereitete. „Ihre Mutter lebt noch?“

„Ja, sie hatte nur einfach kein Talent im Muttersein. Mit ihr hat es nie geklappt.“ Holly war bemüht, so wenig Details wie möglich preiszugeben, während sie beobachtete, wie Vito sich hinkniete. All seine Bewegungen wirkten unheimlich geschmeidig. Als sie zu ihm aufblickte, bemerkte sie, wie dicht und lang seine Wimpern waren. Plötzlich richteten sich ihre Brustspitzen auf, und ihr wurde heiß.

„Und Ihr Vater?“, erkundigte er sich.

„Ich habe keine Ahnung, wer er ist. Meine Mutter hat es nie verraten. Leider hat sie sich auch geweigert, mich zur Adoption freizugeben. Jedes Mal, wenn ich zu meiner Mutter zurückging und es dann wieder scheiterte, kam ich in eine neue Pflegefamilie.“ Sie zog eine Grimasse und zuckte mit den Schultern. „Es war keine schöne Art aufzuwachsen.“

Vito hatte immer geglaubt, dass er es schwer gehabt hatte mit seinem tyrannischen Großvater, den sich bekriegenden Eltern und als Einzelkind, auf dem eine Menge Erwartungen lagen. Doch wenn er jetzt hörte, was Holly durchgemacht hatte, sah er einiges in anderem Licht.

Als er sich auf das Sofa zurückfallen ließ, zeichnete sich sein Sixpack unter dem Shirt ab. Holly bekam einen ganz trockenen Mund. Er war unglaublich gut gebaut – eine Erkenntnis, die ihr schon wieder die Röte in die Wangen trieb, denn bislang hatte sie den Körper eines Mannes nie auf solch eine Weise beachtet.

„Wir stellen den Timer auf zehn Minuten“, verkündete er, wobei er insgeheim nicht davon ausging, dass sie das Spiel so lang überdauern würde.

Glücklicherweise musste sie beim Spielen nicht einmal nachdenken. In den besonders düsteren Zeiten hatte es ihr geholfen, der harschen Realität zu entkommen. Und so landete sie einen Treffer nach dem anderen. Als das Spiel vorbei war, hatte sie gewonnen.

„Sie sind richtig schnell“, gab Vito mit einem anerkennenden Grinsen zu.

„Über die Jahre hinweg hatte ich verdammt viel Übung“, spielte sie ihre Fähigkeiten herunter. Sie musste sich immer noch von diesem Lächeln erholen, das ihr bis unter die Haut ging.

„Und der Preis ist …“ Sein Blick richtete sich messerscharf auf ihre rosigen Lippen. Sofort wurden ihre Brustspitzen wieder hart. „Sie dürfen den Weihnachtsbaum aufstellen.“

Holly sprang auf. „Wirklich?“, rief sie überrascht aus.

„Wirklich.“ Vito konzentrierte sich auf ihr schimmerndes Lächeln, während er mit zusammengebissenen Zähnen versuchte, seine Erregung in den Griff zu kriegen. Er wusste auch nicht, was sie an sich hatte, aber ein Blick in ihre großen blauen Augen, und er war verloren. „Machen Sie nur …“ Er griff nach einem der Snacks auf ihrem Teller. „Gibt es davon noch mehr?“

Sie lachte. „Ich hole Ihnen etwas, ehe ich den Baum aufstelle.“

Vito sah zu, wie sie in die Küche stürmte, und unterdrückte ein leises Seufzen. Es brauchte nicht viel, um diese Frau glücklich zu machen. „Warum ist Ihnen Weihnachten so wichtig?“, rief er ihr hinterher.

„Als ich klein war, hatte ich es nicht“, antwortete sie, als sie mit vollem Teller in den Raum zurückkehrte.

„Wie können Sie kein Weihnachten gehabt haben?“

„Mum hat es nicht gefeiert. Zumindest nicht im traditionellen Familiensinn. Es gab keinen Baum, kein Geschenk, nichts. Stattdessen ist sie auf Partys gegangen. Ich wusste erst, wie Weihnachten sein kann, als ich in meine erste Pflegefamilie kam.“

Er runzelte die Stirn. „Was ist passiert?“

Holly zögerte. „Das ist alles ganz schön persönlich, wissen Sie …“

„Ich bin neugierig … Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der in einer Pflegefamilie aufgewachsen ist“, entgegnete er aufrichtig und beobachtete die unzähligen Emotionen, die sich auf ihrem ausdrucksstarken Gesicht abzeichneten. Sie zeigte ihre Gefühle so viel deutlicher als er.

Holly presste die Lippen aufeinander. „Als ich sechs war, ließ meine Mum mich drei Tage lang über Weihnachten allein. Ich bin zu einer Nachbarin gegangen, weil ich Hunger hatte. Die hat dann die Polizei verständigt.“

Ihre Aussage schockierte ihn so sehr, dass er sich aufrichtete. „Ihre Mutter hat sie im Stich gelassen?“

„Ja, aber wahrscheinlich wäre sie irgendwann zurückgekommen. Das hatte sie schon vorher so gemacht. Ich wurde übergangsweise zu einer Pflegefamilie gebracht, und die hat mit mir Weihnachten gefeiert, obwohl das Fest ja schon vorüber war“, erzählte sie ihm mit einem Lächeln. Es war eine der besseren Erinnerungen aus ihrer Kindheit.

„Und seitdem holen Sie alles nach“, schloss Vito trocken. Es fiel ihm gar nicht so leicht, das Mitgefühl abzustellen und seinen üblichen Zynismus zu bemühen. Er hielt nichts von ungehemmten Emotionen. Die Erinnerung an den unverhüllten Schmerz seiner Mutter, wann immer sie von seinem Vater zurückgewiesen wurde, verstörte ihn noch heute. Für ihn war die Sache klar: Wenn man seine Gefühle zu deutlich offenbarte, schrie man förmlich danach, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen. Dieses Risiko würde er für niemanden eingehen. Dennoch sagte ihm ein einziger Blick auf Holly, dass sie dieses Risiko immer wieder gewagt hatte.

„Kann sein. Aber das ist eine ziemlich harmlose Obsession“, entgegnete sie und holte den kleinen Tannenbaum aus der Kiste. Dann begann sie, das Bäumchen zu schmücken.

Er beobachtete, wie sie die glitzernde Lichterkette um das Grün legte. Ein heller Schein fiel auf ihre Wange … auf einen verführerischen Schenkel, der unter seinem Pullover hervorblitzte … und auf den Ansatz ihrer Brust. „Wie alt sind Sie, Holly?“

Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu, während sie eine Kugel anbrachte. „Ich werde vierundzwanzig … morgen.“

Vito blinzelte. „Es ist Weihnachten und Ihr Geburtstag?“

„Ja, aber jetzt sind Sie an der Reihe. Erzählen Sie mir von sich“, forderte sie ihn auf. Am liebsten wollte sie alles über Vito Sorrentino erfahren.

Nach allem, was sie ihm über sich verraten hatte, konnte er ihre Bitte kaum abschlagen. Dennoch behagte es ihm ganz und gar nicht. Er holte tief Luft. „Ich bin das einzige Kind von Eltern, die nicht zusammenpassen. Die Ferien, wenn von meinem Vater erwartet wurde, dass er seine Rolle als Familienmensch spielte, waren immer besonders stressig. Er hasste es, Zeit mit uns verbringen zu müssen. Weihnachten fiel in genau diese Kategorie.“

„Warum haben sie sich nicht getrennt?“ Holly hing wie gebannt an seinen Lippen. Er war ein so schöner Mann, so kultiviert und kühl im Vergleich zu ihr, und dennoch litt auch er unter einer schwierigen Kindheit.

„In der Familie meiner Mutter lässt man sich nicht scheiden … außerdem liebt sie meinen Vater. Zu den Menschen, die sie liebt, verhält sie sich ungeheuer loyal.“ Vito klang sehr steif, denn er hatte noch nie zuvor in seinem Leben über diese Dinge gesprochen.

„Das muss eine Menge Druck auf Sie ausgeübt haben“, bemerkte sie und schaute ihn dabei unnötig mitfühlend an, wie er fand.

Dennoch tat ihm ihre Empathie aus irgendeinem unerklärlichen Grund gut. Es war, als würde sie ihn an einem Seil zu sich heranziehen, jedenfalls stand er vom Sofa auf, ging auf sie zu und zog sie in seine Arme. Eine Sekunde später küsste er sie.

Holly war im ersten Moment wie geschockt. Sie stand einfach nur da, während widerstreitende Gefühle in ihr tobten. Stoß ihn weg, jetzt sofort! drängte eine Stimme. Die andere flüsterte jedoch: Er findet dich attraktiv! Schau, was als Nächstes passiert.

Als er sie sanft und sinnlich zugleich küsste, konnte sie kaum atmen. Ihr Herz schlug wie wild. Ganz vorsichtig zwang er sie, ihre Lippen zu öffnen. Glühend heiße Erregung durchfuhr sie. Vito stöhnte und verstärkte noch den Druck seiner Arme.

Nichts hatte je so gut geschmeckt wie seine Küsse. Holly zitterte, während ihr ganzer Körper zu Leben erwachte. Sie verschränkte die Arme in seinem Nacken und presste sich verlangend an ihn. Zum ersten Mal im Leben fühlte sie sich ganz sicher. Hitze durchströmte sie.

Als er schließlich den Kopf hob, traf sie der intensive Blick aus seinen goldbraunen Augen. „Ich will dich“, raunte er.

„Ich will dich auch“, hauchte sie leise. Zum ersten Mal im Leben begriff sie, was es hieß, das zu jemandem zu sagen. Endlich verspürte sie echtes Begehren nach mehr. Es war ein berauschendes Gefühl, das sie schwindlig machte.

Wie von selbst stellte sie sich auf die Zehenspitzen, weil sie unbedingt wieder seine Lippen auf ihren spüren wollte. Das war es also, worum alle Welt ein solches Aufheben machte! Sie sehnte sich danach, seinem muskulösen Körper noch viel näher zu kommen. Ein Kuss führte zum nächsten, und schließlich drängte er sie auf den Teppich vor dem Kamin und zog sie zu sich hinunter. Geschickt befreite Vito sie von Pullover und BH. Mit unverhülltem Hunger blickte er auf ihre vollen, rosigen Brüste. „Du hast einen absolut fantastischen Körper, gioia mia.“

Holly errötete tief, denn es behagte ihr nicht, so nackt zu sein. Im sanften Schein des Feuers sah es aber so aus, als würde Vito ein Kunstwerk bewundern. Plötzlich schämte sie sich nicht mehr. Als er eine Brustspitze in den Mund nahm und gierig daran saugte, stöhnte sie ihre Erregung laut hinaus.

„Küss mich“, drängte sie atemlos, woraufhin er ihre Lippen unter seinem Mund begrub. Für einen kurzen Moment befriedigte es das Verlangen, das in ihr tobte, doch dann war auch das nicht mehr genug. Ruhelos hob sie die Hüften an. Instinktiv öffnete sie die Beine, sodass er sich zwischen ihre Schenkel schieben konnte. Sie wollte … sie wollte …

Gott sei Dank schien er genau zu wissen, wonach sie sich sehnte, denn seine Hand wanderte sanft von der Innenseite ihres Schenkels hinauf zu ihrem Höschen, das er ihr blitzschnell auszog. Dann begann er, ihre empfindsamste, bedürftigste Stelle zu streicheln, was unglaubliche Empfindungen in ihr wachrief.

Plötzlich war für nichts anderes mehr Raum als für die Leidenschaft, die sie sich immer erträumt hatte und nun zum ersten Mal erlebte. Doch ihr Traum hatte nichts mit der Realität zu tun, die noch viel wilder, kühner und stürmischer war als alles, was sie sich je ausgemalt hatte.

Vito rückte kurz von ihr ab, um seine Kleidung abzulegen. Darunter kamen harte, schwellende Muskeln zum Vorschein. Gierig streckte Holly die Hand aus und berührte seine bronzefarbene Haut.

„Ich habe keine Kondome“, stieß er frustriert aus. „Aber vor ein paar Wochen hatte ich einen Check-up. Ich bin gesund.“

„Ich nehme die Pille“, gab sie zitternd zurück. Mit einiger Verspätung fiel ihr auf, dass sie ihm offensichtlich keinen Einhalt gebieten würde. Und warum nicht? Weil sie sich noch nie etwas so sehr gewünscht hatte wie mit diesem Mann zusammen zu sein. Es fühlte sich richtig an. Er fühlte sich richtig an.

Vito seufzte erleichtert, dann küsste er sie erneut voller Leidenschaft. Sie legte ihre Hände auf seinen wunderbaren Körper, streichelte jeden Zentimeter, den sie erreichen konnte. Das Verlangen war jetzt wie ein Rausch.

Holly erbebte. Ihr Körper reagierte mit wilder Lust auf jede seiner Berührungen. Das flüssige Feuer in ihrem Innern wuchs und wuchs.

Und dann spürte sie, dass Vito sie nach unten drückte, um sie für sein Eindringen bereit zu machen. Sie war unglaublich ungeduldig, konnte es gar nicht abwarten, alles zu empfangen, was er ihr geben konnte. Als er sich schließlich in ihr versenkte, rang sie keuchend nach Luft. Der Schmerz kam überraschend. Wie vollkommen er sie ausfüllte! Wie tief er in sie eingedrungen war! Sie blinzelte die Tränen fort und biss sich auf die Unterlippe. Gott sei Dank barg sie ihr Gesicht an seiner Schulter, sodass er ihre Reaktion nicht sehen konnte.

„Du bist unglaublich feucht und eng“, stöhnte Vito rau. „Mein Gott, fühlt sich das fantastisch an, gioia mia.“

Als er begann, sich rhythmisch in ihr zu bewegen, verging der Schmerz so schnell wie er gekommen war. Holly kam Vito mit solchem Verlangen entgegen, dass er begierig aufstöhnte. Plötzlich war dieser alles verzehrende Hunger wieder da, angefacht von seinen unaufhörlichen, geschmeidigen Stößen.

Sein wilder, süßer Rhythmus entfesselte ein weiß glühendes Feuer der Lust in Holly. Mehr und mehr steigerte sich ihre Erregung, bis es nichts mehr gab als ihre Leidenschaft. Verschmolzen mit Vito erlebte Holly einen alles verändernden Höhepunkt, der sie mit himmlischen Empfindungen überflutete …

Als sich Vito aus ihr zurückzog, entdeckte er das Blut auf ihren Schenkeln. „Maledizione … du blutest? Habe ich dir wehgetan? Warum hast du mich nicht aufgehalten?“, rief er entsetzt.

Das holte Holly ohne Vorwarnung ins Hier und Jetzt zurück. Abrupt setzte sie sich auf und schlang schützend die Arme um ihre Knie. Plötzlich war ihr das alles furchtbar peinlich. „Ist schon in Ordnung …“

„Nein, dass ich dir wehgetan habe, ist nicht in Ordnung“, schoss Vito grimmig zurück.

Sie spürte, wie sich die Röte von ihren Wangen über ihren ganzen Körper ausbreitete. Langsam hob sie den Kopf und erkannte in seinem Blick wütende Besorgnis. „Du hast mir nicht wehgetan … zumindest nicht so, wie du meinst“, erklärte sie widerwillig. „Ich war noch Jungfrau … und das ist wohl der sichtbare Beweis dafür. Womit ich übrigens nicht gerechnet hatte …“

„Jungfrau?“, fragte er fassungslos. „Du warst noch Jungfrau?“

Rasch griff sie nach seinem Pullover und zog ihn über den Kopf. „Mach daraus bitte nicht so eine große Sache“, bat Holly verlegen.

„Aber es ist eine große Sache!“, widersprach er, sprang auf und stieg in seine Hose, ehe er nach dem Shirt griff.

Peinlich berührt, schaute sie zu ihm herüber. „Für mich vielleicht, aber ich wüsste nicht, was es dich angeht!“

„Ach nein?“, versetzte er.

„Nein!“, konterte sie. Allmählich wurde sie immer wütender, denn diese Reaktion hatte sie nicht erwartet, und das Thema war ihr unangenehm.

Seine dunklen Augen blitzten. „Du hättest mich vorwarnen sollen. Warum hast du es nicht getan?“

„Weil es eine Privatangelegenheit ist!“, verteidigte sie sich vehement.

„So etwas bleibt aber nicht privat, wenn man mit jemandem schläft!“

Holly entschied, einen strategischen Rückzug anzutreten und ging in Richtung Gästebad. „Nun, das muss ich dir wohl glauben, denn es war meine erste Erfahrung dieser Art.“

Vito regte es furchtbar auf, dass sie einfach nicht verstehen wollte. Deshalb beschloss er, völlig offen zu sein. „Ich habe das Gefühl, dich ausgenutzt zu haben!“, gestand er harsch.

Sie war schon an der Tür, wirbelte jedoch noch einmal herum. „Das ist Unsinn. Ich bin doch kein Kind. Mein Körper, meine Entscheidung.“

Er holte tief Luft. Dass sie noch Jungfrau gewesen war, brachte ihn immer noch aus dem Konzept. Als er jedoch in ihr verstörtes Gesicht blickte und mit reichlicher Verspätung den Schmerz und die Traurigkeit darin sah, hätte er sich am liebsten geohrfeigt.

„Es tut mir leid …“, sagte er abrupt. „Ich war so überrascht, dass ich überreagiert habe, Holly. Natürlich ist es deine Entscheidung …“

Ein Teil der Anspannung schien von ihr abzufallen, doch ihr Blick wirkte immer noch wachsam.

„Ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dich zu warnen, Vito. Und selbst wenn, hätte ich es wahrscheinlich nicht erwähnt, weil es mir zu peinlich war.“

„Ich habe den Moment ruiniert“, stöhnte er. Rasch überwand er die Kluft zwischen ihnen und zog sie in seine Arme. Nach dieser unangenehmen Unterredung war Holly bloß froh, sich an seine starke Schulter sinken lassen zu können. „Außerdem habe ich völlig vergessen, dir zu sagen, dass das, was wir geteilt haben … absolut atemberaubend war.“

„Das sagst du jetzt einfach nur so“, murmelte sie.

„Nein. Es war atemberaubend, cara mia. Jetzt lass uns nach oben gehen und duschen“, drängte er, wobei er sie in die andere Richtung schob als die, die sie eingeschlagen hatte. Aus irgendeinem Grund wollte er sie unbedingt nah bei sich behalten, auch wenn ihm sein Verstand sagte, dass er sich zurückziehen sollte.

Oben angelangt, stellte Holly fest, dass das Schlafzimmer viel größer war als erwartet. Sanftes Licht erhellte einen luftigen Raum, der in schicken Grautönen gehalten war.

Vito öffnete die Tür zu einem sehr großzügigen Bad. „Du zuerst … es sei denn, du magst Gesellschaft in der Dusche?“

Überrascht schaute sie ihn an. „Ich glaube, dafür bin ich noch nicht bereit.“

Da lachte er leise und senkte den Kopf, um ihr einen glühenden Kuss zu geben, der ihre Sinne sofort aufs Neue weckte. „Ich frage dich morgen früh noch mal“, versprach er.

Hollys Blick wanderte zu dem großen Bett hinüber. „Wollen wir dort gemeinsam schlafen?“

„Es gibt nur ein Schlafzimmer. Ich hatte vorgehabt, das Sofa zu nehmen.“

„Nein, ich werde dich nicht aufs Sofa verbannen“, entgegnete sie mit einem plötzlichen Grinsen, dann ging sie an ihm vorbei und schlüpfte ins Bad. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie empfand, aber sie wollte auf keinen Fall, dass er allein unten auf dem Sofa schlief. Das fühlte sich falsch an.

Als sie unter der Dusche stand, stellte sie fest, dass sie erstaunlich unbekümmert war für eine Frau, die gerade all ihre Prinzipien über Bord geworfen hatte. Doch mit Vito zu schlafen, erschien ihr einfach richtig. Es war genau wie in ihren geheimsten Fantasien gewesen: Er hatte ein Feuerwerk an Leidenschaft in ihr entfacht, das sie sich immer erträumt hatte. Natürlich würde es nirgendwohin führen, ermahnte sie sich rasch. Das musste Vito gar nicht erst aussprechen. Das, was sie teilten, hatte nichts mit ihrem normalen Leben, ihrem Alltag zu tun. Die Anziehung war nur deshalb so groß, weil sie hier in einem verschneiten Cottage festsaßen. Sie würde ganz sicher nicht so dumm sein, da mehr hineinzuinterpretieren, oder?

Nachdem sie das Wasser abgestellt hatte, trocknete sie sich ab und hüllte sich danach in ein großes Handtuch. Dann verließ sie das Bad. Vito rubbelte gerade sein Haar trocken. Er warf das Handtuch weg und strich sich die dunklen Strähnen aus der Stirn. „Ich habe schnell unten geduscht.“

Plötzlich war Holly wieder befangen. „Das hätte ich doch tun können. Immerhin ist das hier dein Zimmer.“

Er erkannte die Unsicherheit in ihren blauen Augen und wusste, dass er dafür verantwortlich war. Holly war ganz anders als die Frauen, die er sonst traf. Mit schlechtem Gewissen durchquerte er den Raum und schloss sie in seine Arme. Er wollte die Kluft zwischen ihnen überbrücken. „Heute Nacht ist es unser Zimmer. Lass uns ins Bett gehen …“, drängte er.

Zuerst dachte sie daran, Nein zu sagen und nach unten aufs Sofa zu gehen. Zwar hatte sie ihre eigenen Regeln gebrochen, doch nur weil sie das einmal getan hatte, hieß das ja nicht, dass es sich ständig wiederholen musste, oder?

Aber allein zu schlafen, war nicht das, was Holly wollte und im Moment brauchte. Sie wollte mit Vito zusammen sein. Sie wollte alles herausholen aus der Zeit, die sie hatten.

Also blickte sie ihn an, obwohl sie wusste, dass sie es nicht tun sollte. Himmel, er war so schön, und in dieser Nacht … In dieser Nacht gehörte er ganz ihr …

4. KAPITEL

Im Morgengrauen schlüpfte Holly aus dem Bett und tappte ins Bad hinüber, um sich frisch zu machen. Als sie ihr Spiegelbild sah, zog sie eine Grimasse. Ihr Haar stand nach allen Seiten ab. Das Gesicht war von Vitos Bartstoppeln gerötet, der Mund geschwollen und rot. Und als sie in die Dusche stieg, unterdrückte sie nur mühsam ein Stöhnen, weil jeder einzelne Muskel protestierte.

Vito war absolut unersättlich gewesen und hatte dafür gesorgt, dass es ihr nicht anders erging. Jetzt schmerzte ihr Körper an den intimsten Stellen, die man sich nur vorstellen konnte. Dennoch spielte ein verträumtes Lächeln um ihre Lippen, als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte.

Vito lag quer auf dem Bett, ganz bronzefarbene Perfektion. Seine Lider flatterten, und der Blick seiner wunderschönen, dunklen Augen richtete sich sofort auf sie. „Ich habe mich schon gefragt, wo du steckst“, murmelte er.

„Ich war im Bad“, wisperte Holly. Als sie wieder unter die Decke kroch, wagte sie es kaum zu atmen.

Noch ein bisschen schläfrig griff er nach ihr und zog sie an sich. Als sie die Hitze seiner Haut spürte, zitterte sie. „Schlaf noch ein wenig“, raunte er schwer.

Er begehrte sie schon wieder. Was zur Hölle war nur los mit ihm? Wie konnte es ihn schon wieder nach ihr verlangen, wo er sie in der Nacht doch bereits unzählige Male besessen hatte? Ganz bestimmt ist sie wund, ermahnte er sich. Ich bin ein selbstsüchtiger Bastard. Sobald er hörte, wie sich ihre Atmung vertiefte, glitt er aus dem Bett, nahm eine kalte Dusche und zog sich an.

Vito hatte keine Ahnung, wie er mit dem umgehen sollte, was in der Nacht passiert war. Seit Jahren schon hatte er keine One-Night-Stands mehr gehabt, und außergewöhnlich waren sie sowieso nie gewesen. Er ging stets völlig pragmatisch, ja fast schon kühl an Sex heran. Nie ließ er zu, dass sein Verlangen die Kontrolle übernahm. Aber er war auch noch nie mit einer Frau zusammen gewesen, die er immer und immer wieder begehrte. Sein unersättlicher Hunger nach Holly beunruhigte ihn. Er hielt ihn für eine gefährliche, ungesunde Obsession. Gott sei Dank hatte ihre Begegnung ein eingebautes Verfallsdatum.

Doch auch wenn dem so war, ließ sich die Tatsache nicht leugnen, dass heute Weihnachten und noch dazu Hollys Geburtstag war. Es bekümmerte ihn, dass er kein Geschenk für sie hatte. Unter den gegebenen Umständen entschied er, dass er ihr als kleine Aufmerksamkeit lediglich ein Frühstück im Bett servieren konnte. Er konnte zwar nicht kochen, aber Toast und Orangensaft dürfte er doch wohl hinkriegen, oder?

Holly blinzelte überrascht und noch ein wenig verschlafen, als Vito ein Tablett mit Essen auf ihrem Schoß abstellte. Erstaunt blickte sie auf den verkohlten Toast hinunter. „Du hast mir Frühstück gemacht?“

„Es ist dein Geburtstag. Das war das Beste, was mir auf die Schnelle eingefallen ist.“

Sie bemühte sich sehr, ihn nicht wie das achte Weltwunder anzustarren. Noch nie hatte sich jemand die Mühe gemacht, ihr ein Frühstück im Bett zu servieren, nicht mal, wenn sie krank war. Dass Vito sie derart verwöhnte, freute sie ungemein. Deshalb sagte sie auch nichts, als sie nach dem ersten Schluck Tee den halben Inhalt des Teebeutels, der an einer Stelle aufgegangen war, im Mund hatte. Sie kaute auch auf dem verbrannten Toast herum, ohne sich zu beklagen. Es war die Geste, die zählte.

„Danke“, sagte sie.

„Ich bin nicht besonders gut im Kochen. Wenn es nur um mich gegangen wäre, hätte ich eins der Fertiggerichte zubereitet“, gestand er.

„Das war sehr rücksichtsvoll von dir.“ Holly ging auf, wie viel Glück sie gehabt hatte, keine Pizza zum Frühstück zu bekommen. Dankbar trank sie den Orangensaft, der aber so eiskalt war, dass es an den Zähnen schmerzte. Trotzdem leerte sie das Glas und schob das Tablett weg, das er ihr abnahm und auf dem Boden abstellte.

Dann kehrte er zum Bett zurück. Er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze, was Hollys Puls sofort beschleunigte. „Ich wollte gerade aufstehen und mich um den Lunch kümmern“, brachte sie hastig hervor.

„Dafür ist es noch viel zu früh, bellezza mia“, hauchte Vito. Er war ihr bereits so nah, dass sein Atem ihre Wange streifte. Im nächsten Moment senkte er den Kopf, um seine Lippen auf die verführerische Stelle unterhalb ihres Ohrs zu pressen.

Es war, als führe ein Blitzschlag durch ihren Körper. „Vito …“

Er begrub ihren Mund unter seinen Lippen. „Nicht reden“, wisperte er zwischen den Küssen. „Wir wissen bereits alles, was wir über den anderen wissen müssen.“

„Ich weiß nicht mal, was du beruflich machst“, widersprach sie.

„Ich arbeite in der Geschäftswelt … und du?“

„Ich bin Kellnerin …, nun ja, Kellnerin mit Ambitionen“, fügte sie schnell hinzu, als er sich verspannte. „Ich möchte Innendesignerin werden, aber im Moment ist das noch mehr ein Traum als Realität.“

„Es braucht viel Arbeit, um einen Traum in die Realität zu verwandeln.“

Holly lächelte ihn an. „Vito … ich habe für alles in meinem Leben hart arbeiten müssen!“

„Das Thema ist viel zu ernst“, klagte er, als er feststellte, dass er bereits kurz davor stand, ihr Ratschläge zu erteilen.

Holly strich ihm sanft das Haar aus der Stirn. „Ich stimme dir zu. Lass uns die Realität ausblenden.“

Sie spürte deutlich, wie er sich entspannte, was ihr Tränen in die Augen trieb. Die Nachricht, dass sie nur eine Kellnerin war, schien ihn aus dem Konzept gebracht zu haben. Der Unterschied in ihrem Status hätte nicht größer ausfallen können. Hier im Cottage, ohne andere Menschen um sie herum, spielte dieser Unterschied keine Rolle. Doch außerhalb dieser Mauern sähe das schnell ganz anders aus.

„Ich will dich immer noch“, gestand Vito mit rauer Stimme und bedeckte die zarte Haut über ihrem Schlüsselbein mit heißen Küssen.

Ihr Magen zog sich zusammen, und ihr Herz machte einen Sprung. Doch die Realität brach mit aller Macht über sie herein … Oder lag es daran, dass sie noch zu wund war, um sich von Neuem ihrem wilden Liebesspiel zu widmen? „Ich kann nicht“, wisperte sie gepresst und strich mit ihrer kleinen Hand über seinen Oberschenkel. Seine Muskeln zogen sich deutlich spürbar zusammen.

„Vielleicht später“, entgegnete Vito leise und schob seine Finger in ihr Haar, um ihre Lippen an seinen Mund zu führen. „In der Zwischenzeit gibt es andere Dinge, die wir tun können, gioia mia.

Holly lachte. „Du bist schamlos“, rügte sie ihn, während sie ihr Gesicht an seinem Hals barg.

„Und warum nicht? Du warst fantastisch. Ich verstehe absolut nicht, warum du noch unberührt warst.“

„Es war ein Versprechen, das ich mir selbst abgenommen habe, als ich noch klein war … ich wollte warten. Es schien vernünftig, zu warten, bis ich erwachsen bin … und dann …“ Sie seufzte. „Irgendwann wurde es zu einer Last. Eine Falle, die mich davon abhielt, diejenige zu sein, die ich wirklich bin.“

Vito blickte stirnrunzelnd auf sie herab. „Aber warum ausgerechnet ich? Wieso hast du mich ausgewählt?“

„Vielleicht weil du mir erlaubt hast, meinen Tannenbaum aufzustellen“, neckte sie, denn es gab viel zu viele Gründe, die sie ihm lieber nicht verraten würde.

Scheinbar achtlos ließ sie ihre Hand über die Ausbuchtung in seiner Hose gleiten und übte dabei sanften Druck aus. Vito stöhnte. Er ließ den Kopf zurückfallen und schloss die Augen. Holly flüsterte ihm ins Ohr: „Vielleicht liegt es daran, dass du so tust, als wäre ich die verführerischste Frau, der du je begegnet bist, dabei bin ich ganz gewöhnlich. Das könnte sogar dein wahres Talent sein. Vielleicht behandelst du alle Frauen so.“

„Nein. Ich war noch nie so mit einer Frau zusammen wie mit dir …“ Er betrachtete sie, als bereite ihm dieses Geständnis Unbehagen. Noch nie hatte er sich in der Gegenwart einer Frau so wohl und entspannt gefühlt. Nicht ein einziges Mal hatte er an die Arbeit gedacht oder an den großen Skandal, den er in Italien ausgelöst hatte.

Holly öffnete mit einiger Abenteuerlust den Reißverschluss seiner Hose. Sie empfand ein tiefes Bedürfnis, ihm Lust zu verschaffen. Das Bedürfnis war so groß, dass sie es selbst nicht verstand. Sollte sie nicht egoistischer sein?

Vito stockte der Atem. Schließlich stöhnte er voller Inbrunst.

Mutig geworden durch seine Reaktion, schloss sie erst die Finger um sein hart geschwollenes Glied, dann die Lippen. Er vergrub die Hände in ihrem Haar und begann, am ganzen Körper zu beben. Rau stieß er eine Warnung aus, doch Holly zog sich nicht zurück. Sie trank seine Erfüllung, kostete jedes Zucken aus, genoss jeden Schrei der Lust, der sich seinen Lippen auf dem Höhepunkt der Ekstase entrang.

Danach beobachtete sie mit zufriedenem Grinsen, wie er einschlief. Rasch duschte sie noch einmal, dann zog sie das Kleid an, das sie eingepackt hatte, und föhnte sich die Haare. Unten schaltete sie den Fernseher ein und wählte einen Kanal, der Weihnachtslieder brachte, ehe sie in die Küche ging, um den Lunch zu erwärmen, den sie mit so viel Sorgfalt zubereitet hatte. In diesem Moment kam ihr der Gedanke, dass sie noch am Vortag nicht mal eine Ahnung gehabt hatte, dass Vito Sorrentino existierte.

Die Scham, die sie im Morgengrauen noch so erfolgreich bekämpft hatte, kehrte zurück. Sie hatte all ihre Regeln gebrochen und wofür? Für einen One-Night-Stand mit einem Mann, den sie vermutlich nie wiedersehen würde! Wie konnte sie darauf stolz sein?

Lass das! ermahnte sie sich. Denk nicht mehr daran!

Vito kam die Treppe herunter, als sie gerade den Tisch deckte. „Du hättest mich wecken sollen.“

„Du bist viel früher aufgestanden als ich“, entgegnete sie, während sie die Vorspeise aus der Küche holte. „Hast du Hunger?“

Vito zog sie an sich. „Nur nach dir.“

In ihren strahlend blauen Augen tanzte der Schalk. „Wo hast du denn den Spruch her?“, neckte sie.

Anstatt zu antworten, senkte er den Kopf und küsste sie. Wieder war es so, als träfe sie ein brennend heißer Pfeil mitten ins Herz. Sie brauchte all ihre Willenskraft, um einen Schritt zurückzutreten. Es war zu gefährlich, wenn sie die Kontrolle verlor. Vor allem dann, wenn es dafür sorgte, dass sie sich völlig untypisch verhielt. Und ob ihr das nun gefiel oder nicht – alles, was sie mit Vito getan hatte, war völlig untypisch für sie.

„Wir sollten essen, bevor alles kalt wird“, erklärte sie prosaisch.

„Ich mache eine Flasche Wein auf.“

„Das hier ist ein wahnsinnig gut ausgestattetes Haus“, bemerkte Holly, nachdem er dem eigens eingebauten Weinkühlschrank eine Flasche entnommen und ausgeschenkt hatte.

„Der Besitzer mag Komfort.“

„Und er ist dein Freund?“

„Wir sind zusammen zur Schule gegangen.“ Die Erinnerung entlockte ihm ein Lächeln. „Er war ein richtiger Rebell. Obwohl er mir oft genug Schwierigkeiten eingebrockt hat, hat er mir doch auch beigebracht, lockerer zu werden und mehr zu entspannen.“

„Pixie ist genauso. Wir stehen uns wirklich nah.“ Holly räumte die Teller weg und brachte das Hauptgericht.

„Du bist eine fantastische Köchin“, lobte Vito gleich nach dem ersten Bissen.

„Meine Pflegemutter Sylvia war eine hervorragende Lehrerin. Beim Kochen kann ich wunderbar entspannen.“

„Ich esse meistens auswärts. Das spart Zeit.“

„Es gibt noch mehr als Zeit zu sparen. Man sollte das Leben auch genießen“, entgegnete Holly.

„Ich genieße es eben bei maximaler Geschwindigkeit.“

Als sie das Mahl beendet hatten und Holly den Tisch abräumte, stand Vito auf. „Ich brauche ein wenig frische Luft“, sagte er. „Ich mache einen kleinen Spaziergang.“

Vom Fenster aus beobachtete Holly, wie er die Einfahrt hinab in den Schnee hinaus stapfte. In ihrer Kehle saß ein dicker Kloß. Er hatte sie nicht gefragt, ob sie mitkommen wolle. Vielleicht rede ich ja zu viel, und er ist meiner Gesellschaft schon überdrüssig, dachte sie beklommen. Es war kein sehr ermutigender Gedanke.

Vito marschierte den steilen Hang hinauf. Sein Atem formte eine weiße Dampfwolke. Er musste eine Weile für sich allein sein und war froh, dass Holly ihn nicht gefragt hatte, ob sie ihn begleiten könne. Er war ein Einzelgänger, seit er denken konnte. Die feierliche Weihnachtsstimmung, die sie kreiert hatte, empfand er zunehmend als beklemmend.

Dabei war das gar nicht Hollys Schuld. Aber nicht mal ihr fröhlicher Optimismus kam gegen die zahllosen schlechten Weihnachtserinnerungen an, die er seit seiner frühesten Kindheit hegte.

Sie waren nie eine echte Familie gewesen. Sein Vater hatte ihn nie geliebt, hatte nie auch nur das leiseste Interesse an ihm gezeigt. Wenn er ganz ehrlich war, dann musste er sich eingestehen, dass sein Vater ihn sogar ganz offen verabscheute.

„Er ist ein verdammter Taschenrechner!“, tobte Ciccio, als sich das außergewöhnliche Mathe-Talent des damals Fünfjährigen bemerkbar machte. „Er wird genauso effizient sein wie ein Bankautomat – genauso wie sein Großvater.“

Erst vor wenigen Tagen war Vitos Beziehung zu seinem Vater auf einen absoluten Tiefstand abgerutscht. Er hatte Ciccio im Krankenhaus besucht, wo dieser sich nach seiner Herzattacke erholte. „Bist du hier, um dich an meinem Absturz zu weiden?“, fragte sein Vater wütend, während seine Mutter noch versuchte, das Schlimmste abzuwenden. „Ich werde gerechterweise von meinen Sünden eingeholt? Ist es das, was du denkst?“

Da war Vito endgültig klar geworden, dass es keine Beziehung zu seinem Vater mehr gab, die es zu retten galt.

Zum ersten Mal im Leben fragte er sich, wie seine Beziehung zu seinem Sohn wohl aussehen würde, sollte er jemals einen haben. Im Moment empfand er allein die Vorstellung als beängstigend, denn seine Familiengeschichte sprach eindeutig dagegen, jemals Nachwuchs in die Welt zu setzen …

Holly hatte gerade alles gespült und weggeräumt, als es laut an der Tür klopfte. Zu ihrer Überraschung stand Bill, der Automechaniker, mit einem breiten Lächeln auf der Türschwelle.

„Ich brauche die Schlüssel von Clementine, um sie aufzuladen.“

„Aber es ist Weihnachten … ich meine, ich hatte nicht damit gerechnet, dass …“

„Ich wollte Ihnen gestern Abend nicht zu viel Hoffnung machen, aber ich ahnte da schon, dass ich irgendwann heute Nachmittag hier vorbeikommen würde. Mein Onkel war zum Lunch da. Ihm gehört eine kleine Farm nicht weit von hier. Er musste zurück, um nach seinen Tieren zu sehen. Da habe ich den Truck mitgebracht, nachdem ich ihn abgesetzt hatte.“

„Vielen Dank, das ist toll!“, erwiderte Holly, die insgeheim gegen ihre Überraschung ankämpfte. Sie griff in ihre Manteltasche, holte die Schlüssel heraus und reichte sie dem Mechaniker. „Brauchen Sie Hilfe?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich komme zurück, wenn ich fertig bin.“

„Dann packe ich schnell meine Sachen zusammen.“ Mit einem schwachen Lächeln schloss Holly die Tür. Dann rannte sie nach oben und suchte ihre Kleidung und Kosmetika zusammen. Nachdem sie alles in den Rucksack gestopft hatte, zog sie ihre Cowboystiefel an.

Hartnäckig verdrängte sie die Tatsache, dass sie eigentlich noch gar nicht weg wollte. Doch ganz offensichtlich war es an der Zeit, zu gehen! Also gut, sie hatte angenommen, dass ihr noch eine weitere Nacht mit Vito vergönnt seine würde, doch das Schicksal hatte anders entschieden. Wahrscheinlich war ein rascher Schnitt das Beste nach einer solchen Nacht, dachte sie unglücklich. Ein letztes Mal ließ sie ihren Blick durch den Raum gleiten. Da sie aber noch den Tannenbaum abbauen musste, eilte sie rasch nach unten. Ob Vito wohl zurückkommen würde, bevor sie ging?

Mit geübten Handgriffen nahm sie den Weihnachtsschmuck ab und verpackte alles in dem großen Karton. Sie zwang sich, rein praktisch zu denken. In der Küche warf sie die Alubehälter fort, in denen sie das Essen transportiert hatte. Danach war auch das letzte Anzeichen ihrer Anwesenheit in diesem Cottage verschwunden.

Plötzlich wurde sie von Panik befallen. Sie wollte nicht nach Hause. Sie wollte Vito nicht verlassen! Doch wahrscheinlich würde er froh sein, wenn er bei seiner Rückkehr feststellte, dass sie fort war. Ihre Tränen hätten ihn nur in Verlegenheit gebracht. Ein One-Night-Stand, mehr war es nicht, ermahnte Holly sich wütend. Sie würde erhobenen Hauptes von hier verschwinden und nicht zurückblicken.

Aber wenn Vito nicht rechtzeitig vor ihrer Abreise zurückkam, dachte sie zögerlich, wäre es dann nicht vernünftig, einen Abschiedsbrief zu hinterlassen? Rasch holte sie ihr Notizbuch aus dem Rucksack und riss ein Blatt heraus. Sie dankte ihm für seine Gastfreundschaft, danach wusste sie nicht weiter.

Schließlich notierte sie noch ihre Handy-Nummer. Warum nicht? Es war ja nicht so, dass sie ihn aufforderte, sie anzurufen. Sie gab ihm lediglich die Möglichkeit, falls er Lust dazu hatte. Das war doch nicht verwerflich, oder? Rasch lehnte sie das Blatt gegen die Uhr auf dem Kaminsims im Wohnzimmer, denn sie hörte bereits Bills Truck in der Einfahrt.

Zwar kletterte sie mit Bedauern zu ihm ins Fahrerhaus, doch je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie, dass es besser war, sich von Vito zu trennen, ohne ein unangenehmes letztes Gespräch führen zu müssen. Auf diese Weise musste keiner von ihnen etwas vorgeben, was er oder sie nicht meinte.

Als Vito das Cottage betrat, schlug ihm nichts als Schweigen entgegen. Er ging nach oben und rief dabei Hollys Namen. Vielleicht badete sie ja. Mit einem Stirnrunzeln betrachtete er das leere Badezimmer, aus dem all ihre Kosmetikartikel verschwunden waren. Erst als er wieder unten war, bemerkte er, dass auch der Tannenbaum fort war. Der Tisch war leer, die Küche blitzte makellos.

Vito konnte es nicht fassen. Holly war abgehauen, und er hatte keine Ahnung, wie sie das angestellt hatte. Er ging nach draußen und stellte mit einiger Verspätung fest, dass der alte Wagen nicht mehr im Graben am Ende der Einfahrt lag. So viel zu seiner Beobachtungsgabe! Holly hatte die Kurve gekratzt. Sein Ego musste das erst mal verdauen.

Aber hätte er sich denn gewünscht, dass sie sich an ihn klammerte? Allein bei dem Gedanken zuckte Vito zusammen. Vielleicht war es unter den gegebenen Umständen tatsächlich besser so. Was hätte er denn beim Abschied zu ihr sagen sollen? Holly hatte seine Selbstbeherrschung untergraben. Jetzt hatte er die Gelegenheit, seinen Kopf wieder freizubekommen. Und das war genau das, was er auch tun sollte …

„Wenn du endlich alles ausgekotzt hast, kannst du den Test machen“, sagte Pixie trocken von der Badezimmertür aus.

„Ich mache diesen Test nicht!“, protestierte Holly. „Ich nehme die Pille. Ich kann nicht schwanger sein …“

„Du hast ein paar Mal vergessen, die Pille zu nehmen und du musstest Antibiotika schlucken, als du deine Mandelentzündung hattest“, erinnerte ihre Freundin und Mitbewohnerin sie. „Du weißt, dass Antibiotika die Wirkung der Pille beeinträchtigen können …“

„Nein, wenn ich ganz ehrlich bin, wusste ich das nicht“, stöhnte Holly, während sie sich über dem Waschbecken frisch machte. Der Spiegel bestätigte ihr, dass sie schrecklich blass war und dunkle Ringe unter den Augen hatte. Sie sah furchtbar aus, und genau so fühlte sie sich auch.

„Und selbst die Pille ist nicht hundertprozentig sicher. Himmel, da lass ich dich einmal ein paar Wochen allein, und schon tickst du völlig aus“, klagte die zierliche Blondine und betrachtete Holly mit sorgenvollem Blick.

„Ich kann nicht schwanger sein“, wiederholte Holly stur, während sie den Schwangerschaftstest hochhielt und die Anleitung herausholte.

„Ach ja? Du hattest zwei Monate lang keine Periode, du kotzt dir die Seele aus dem Leib, und deine Brüste tun bei jeder Berührung weh“, versetzte Pixie schonungslos. „Aber vielleicht hast du dir ja auch nur die Windpocken eingefangen!“

„Also gut, ich mach es!“, rief Holly frustriert aus. „Aber es ist völlig unmöglich, dass ich schwanger bin!“

Ein paar Minuten später sackte sie an der Badezimmerwand in sich zusammen. Pixie hatte recht gehabt. Der Test war positiv. Als sich die Tür langsam öffnete, starrte sie stumm zu ihrer Freundin hinauf, dann brach sie in Tränen aus.

„Erinnerst du dich noch, wie wir uns geschworen haben, dass die Babys, die wir bekommen, kostbare Geschenke sind?“ Pixie holte tief Luft, während sie ihre schluchzende Freundin im Arm hielt. „Nun, dieses Baby ist ein Geschenk, und wir werden klarkommen. Wir brauchen keinen Mann, um zu überleben.“

„Ich kann nicht mal stricken!“, jammerte Holly, die sich nicht konzentrieren konnte, geschweige denn über die riesigen Herausforderungen nachdenken, die sich ihr jetzt stellen würden.

„Das ist schon in Ordnung. Du wirst gar keine Zeit haben, um zu stricken“, versetzte ihre Freundin trocken.

Holly erinnerte sich noch gut daran, wie sie und Pixie sich über das Mutterdasein unterhalten hatten. Beide waren sie von ihren Müttern nicht gewollt und hatten darunter während ihrer ganzen Kindheit zu leiden gehabt. Damals schworen sie sich, dass sie ihre Kinder lieben und beschützen würden, komme was da wolle.

„Wenn Vito doch nur angerufen hätte …“, klagte Holly, ehe sie sich auf die Zunge beißen konnte. Sofort wurde sie rot.

„Er ist lange weg. Je länger ich über ihn nachdenke“, versetzte Pixie, „desto misstrauischer werde ich, was den Vater deines Kindes angeht. Du weißt doch gar nichts von ihm. Er könnte sogar ein verheirateter Mann sein!“

„Nein!“, protestierte Holly sofort voller Entsetzen.

„Nun, warum hat Vito Weihnachten ganz allein mitten im Nirgendwo verbracht?“, schoss Pixie zurück. „Vielleicht hat ihn seine Frau oder seine Geliebte rausgeworfen, und er wusste nicht, wo er sonst hin sollte?“

„Bitte mach nicht, dass ich mich noch schlechter fühle“, flehte Holly. „Du bist eine solche Pessimistin, Pixie. Nur weil er mich nicht wiedersehen wollte, heißt das nicht, dass er ein schlechter Mensch ist.“

Autor

Nikki Logan
Nikki Logan lebt mit ihrem Partner in einem Naturschutzgebiet an der Westküste Australiens. Sie ist eine große Tierfreundin. In ihrer Menagerie tummeln sich zahlreiche gefiederte und pelzige Freunde. Nach ihrem Studium der Film- und Theaterwissenschaften war Nikki zunächst in der Werbung tätig. Doch dann widmete sie sich ihrem Hauptinteresse: dem...
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Schon von klein auf wusste Maisey Yates ganz genau, was sie einmal werden wollte: Autorin.
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