Julia Extra Band 517

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

DIESES KOCHENDE VERLANGEN von JOSS WOOD
Zwischen Aisha und dem Starkoch Pasco kochte es vor Leidenschaft. Aber sein Job in einem Pariser Feinschmeckertempel ließ ihm zu wenig Zeit für die Liebe – Scheidung! Jetzt trifft Aisha ihren Ex in Südafrika wieder. Ihr Leben hat sich geändert. Doch ihre heißen Gefühle nicht …

TAUSEND LIEBESBRIEFE FÜR DEN PRINZEN von LUCY MONROE
Konstantin ist so sexy, männlich und beeindruckend wie damals! Doch Emma hat dem Prinzen von Mirrus nicht verziehen, dass er vor fünf Jahren auf keinen ihrer Briefe reagiert hat. Warum tut er bei ihrem zufälligen Treffen in Santa Fe so, als wisse er nichts von seinem Sohn?

EINE NACHT VOLLER LÜGEN UND LEIDENSCHAFT von DANI COLLINS
Für die schöne Oriel war es eine unvergessliche Liebesnacht. Aber sie ist ein millionenschweres Supermodel, Vijay nur ein einfacher Hotelangestellter. Ihre Welten sind zu unterschiedlich, findet sie. Bis sie Vijay unerwartet auf einer Luxusjacht vor Cannes wiedersieht …

VERLIEBT IN DEN KÖNIG UNDERCOVER von MAISEY YATES
Die Zeit ist gekommen: Lazarus will den Thron von Liri besteigen. Doch dafür braucht er eine Frau an seiner Seite. Er bittet seine Vertraute Agnes, sich mit ihm zu verloben. Nur zum Schein und auf Zeit! Aber für das falsche Spiel zahlt er einen hohen Preis: sein Herz …


  • Erscheinungstag 26.04.2022
  • Bandnummer 517
  • ISBN / Artikelnummer 9783751512091
  • Seitenanzahl 450
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Joss Wood, Lucy Monroe, Dani Collins, Maisey Yates

JULIA EXTRA BAND 517

JOSS WOOD

Dieses kochende Verlangen

Seine Ex ist seine neue Geschäftspartnerin! Soll Pasco das Schicksal verfluchen – oder ihm danken? Denn seit ihrer Scheidung vergeht kein Tag, an dem er nicht sehnsüchtig an Aisha gedacht hat …

LUCY MONROE

Tausend Liebesbriefe für den Prinzen

Kein Zweifel: Der kleine Junge neben Emma sieht aus wie er! Sofort muss Konstantin, der Prinz von Mirrus, an ihre leidenschaftliche Affäre denken. Hat Emma ihm seinen Thronerben verheimlicht?

DANI COLLINS

Eine Nacht voller Lügen und Leidenschaft

Security-Spezialist Vijay soll herausfinden, ob die schöne Oriel die Tochter eines Bollywoodstars ist. Aber er begeht einen Fehler: Er lässt sich auf eine Affäre voller Lügen und Leidenschaft ein …

MAISEY YATES

Verliebt in den König undercover

Agnes weiß: In dem Moment, wenn Lazarus zum König von Liri gekrönt wird, endet ihre Scheinverlobung. Dabei sind ihre sinnlichen Gefühle für ihren royalen Verlobten alles andere als gespielt …

1. KAPITEL

Aisha Shetty warf einen besorgten Blick auf den Bauch von Ro Miya-Matthews, als sie neben ihr den gepflasterten Weg zwischen den Rasenflächen entlangging. Gerade hatten sie das Gutshaus St. Urban verlassen, aus dem unter Aishas Leitung ein exklusives kleines Fünfsternehotel entstehen sollte.

Dieses fantastische, zweihundert Jahre alte Gebäude würde für die kommenden sechs Monate ihr Arbeitsplatz sein. Vielleicht auch länger. Sie konnte es kaum erwarten, die alte Weinkellerei zu sehen – die nächste Station auf dem Rundgang.

Hoffentlich setzten bei ihrer neuen Chefin nicht vorher die Wehen ein. Ro war hochschwanger. „Wann ist der Geburtstermin?“

„In acht Wochen. Ich erwarte Zwillinge. Jungen. Offenbar sind sie riesig.“ Sie stützte die Hände auf die Hüften und drückte das Kreuz durch. Dann strahlte sie Aisha freudig an. „Ich habe Muzi versprochen, es ruhiger angehen zu lassen, und bin froh, dass Sie hier sind und wir den Vertrag abgeschlossen haben.“

Beim Gedanken an den Vertrag musste Aisha an sich halten, um keinen Freudentanz aufzuführen. Als eine von zehn Beraterinnen bei Lintel & Lily durfte sie Ros ehrgeizige Vision für St. Urban umsetzen. Das internationale Unternehmen konzipierte, gestaltete, renovierte und etablierte exklusive und persönlich geführte Fünfsternehotels auf der ganzen Welt.

Das Gutshaus war inzwischen sorgfältig renoviert worden. Jetzt bestand ihre Aufgabe darin, die Inneneinrichtung für das leerstehende Gebäude zu konzipieren und eine luxuriöse Herberge daraus zu machen. Danach winkte ihr die Beförderung zur Einsatzleiterin für den operativen Bereich, wenn ihre direkte Chefin Miles Lintel zur CEO aufstieg. Denn Miles’ renommierter und reicher Vater ging Ende des Jahres in den Ruhestand.

Diese Beförderung würde mit einer riesigen Gehaltserhöhung, aber auch mehr Stress und Druck einhergehen. Aber sie könnte sich endlich ein kleines Haus kaufen und ein Nest schaffen. Seit fast zehn Jahren lebte sie nun schon in Hotelzimmern und gemieteten Unterkünften und wollte endlich in ihrem eigenen Bett schlafen.

Sie war es leid, immer unterwegs zu sein. Zwar müsste sie immer noch ab und zu auf Reisen gehen, aber sie hätte ihr eigenes Zuhause, ein Heim, wo sie Wurzeln schlagen konnte. Lintel & Lily hatte jeweils einen Hauptsitz in Johannesburg und London. Diese beiden Städte standen zur Wahl.

Da ihre Eltern und vier Schwestern in Kapstadt wohnten, würde sie sich wahrscheinlich für London entscheiden. Sie und ihre Familie kamen weitaus besser miteinander aus, wenn ein Kontinent zwischen ihnen lag.

„Gefällt Ihnen Ihre Unterkunft?“, fragte Ro.

„Sie ist reizend. Danke.“ Das Gästehaus mit zwei Zimmern, das am anderen Ende des Grundstücks lag, bot einen tollen Blick auf den Simonsberg, verfügte über ein behagliches Wohnzimmer, ein großes Bett, einen Kamin und war geschmackvoll eingerichtet. Anfang Herbst herrschte noch schönes Wetter. Aber die Winter in der Provinz Westkap waren nasskalt.

Ros Handy summte. „Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment.“ Sie drehte sich weg.

Neugierig sah Aisha sich um. Ähnlich wie das Gutshaus war die Weinkellerei ein weiß gekalktes Gebäude. Der temperierte Raum im Erdgeschoss war riesig. Die Weinkellerei befand sich auf der anderen Seite des weitläufigen Grundstücks. Ein kleiner Fluss verlief zwischen den Weinbergen und den Gebäuden. Alles war romantisch und wunderschön.

Sie konnte nicht glauben, dass elf Jahre vergangen waren, seit sie in Westkap gewohnt hatte und Pasco begegnet war. Vor fünf Jahren hatte sie zum letzten Mal mit ihren Eltern geredet. Daran, wann sie das letzte Mal ein Wort mit drei ihrer vier Schwestern gewechselt hatte, konnte sie sich nicht erinnern.

Wie ihre Eltern waren ihre Schwestern brillante Akademikerinnen und unglaublich perfekt. Aber Aisha stand nur mit Priya in Kontakt, die sich als einziges Familienmitglied vor all den Jahren für sie eingesetzt hatte.

Priya, die immer Frieden stiften wollte, war ganz aus dem Häuschen, dass Aisha zurück in Westkap war. Ihre Schwester machte immer Andeutungen, dass die Familie wieder zusammenfinden sollte. Darauf erwiderte Aisha stets, dass Priya sich raushalten sollte.

Als jüngste Schwester war sie die Außenseiterin der Familie, weil sie deren Erwartungen nicht erfüllt hatte. In der Schule hatte sie nur durchschnittliche Leistungen abgeliefert. Bei ihren Lehrern war immer nur die Rede von ihren Schwestern Hema, Isha, Priya oder Reyka gewesen, in deren Schatten sie gestanden hatte.

Sie war die Schwester von Hema, Isha, Priya und Reyka, die Tochter ihrer Eltern und dann Pascos Ehefrau gewesen. Es hatte einer Rebellion als Teenager, einer gescheiterten Ehe und einer herzzerreißenden Scheidung sowie vieler, vieler Überstunden bedurft, dass sie letztendlich doch Karriere gemacht hatte. Also würde sie sich keinesfalls einer Situation aussetzen, die sie erneut an ihrem Selbstwert zweifeln ließe.

„Ich hatte ja schon erwähnt, dass wir verschiedene Landschaftsarchitekten gebeten haben, uns ihre Vorstellungen und Ideen vorzulegen“, sagte Ro, die das Telefongespräch beendet hatte. „Darüber möchte ich mit Ihnen reden. Die Pflanzen müssen in die Erde, damit sie bis zu Eröffnung gedeihen und blühen.“

Bis zum Eröffnungstermin des St. Urban Hotels im November blieben noch knapp fünfeinhalb Monate, in denen noch das Personal eingestellt, eingearbeitet oder ausgebildet, Zimmer eingerichtet und ein Marketingplan umgesetzt werden mussten. Aisha war dafür zuständig, dass am Eröffnungstag alles absolut perfekt war und der Hotelbetrieb anschließend reibungslos lief.

Sie hatte bereits Hotels am Rand des Virunga Nationalparks, in Ruanda, auf den Bahamas, in Ghoa und Bhutan gestaltet, ausgestattet und etabliert. Obwohl sie in ihrer Familie als Dummkopf galt, war sie ihrer Ansicht nach sehr weit gekommen. „Sehr gern. Sind alle Renovierungsarbeiten am Gebäude abgeschlossen?“

„Ende der Woche sind alle Handwerker verschwunden.“

Gut, denn ihr Einrichtungsteam würde in Kürze eintreffen. In den nächsten Wochen und Monaten würden ständig Möbel geliefert werden. Sie ging mit Ro zur Hinterseite der Weinkellerei und bemerkte sofort, dass dort deckenhohe Fenster eingebaut worden waren. „Ro?“

„Mm?“

„Die Fenster sind neu.“ Sie schaute durch eines der Fenster. Drinnen schliffen Handwerker den wunderschönen hellen Holzboden ab. „Was hat es damit auf sich?“

„Ah, das ist ein Last-Minute-Projekt.“

„Was für ein Projekt?“ Sie hoffte, dass sie dadurch nicht noch zahlreiche weitere Punkte auf ihrer riesigen To-do-Liste abarbeiten musste.

„Ich möchte ein luxuriöses Gourmetrestaurant in der Weinkellerei eröffnen und aufregende und interessante Köche einladen, das Lokal für eine begrenzte Zeit zu leiten.“

Ein Gourmetrestaurant? War Ro klar, wie viel Arbeit damit verbunden war? Außerdem waren die Kosten dafür nicht im Budget vorgesehen – was allerdings kein Problem war. Denn Ro hatte das gewaltige Vermögen ihrer Eltern geerbt und konnte das Budget leicht um eine weitere oder mehrere Millionen aufstocken.

„Das Restaurant wird nur Platz für bis zu fünfzehn Gäste bieten und so innovativ und exklusiv sein, dass es Monate, vielleicht sogar Jahre dauert, einen Tisch reservieren zu können.“

Um Himmels willen. Eins ihrer ersten Projekte war ein Gourmetrestaurant in Hongkong gewesen – ein Höllenjob und wahrer Albtraum. Daraufhin hatten Miles und sie vereinbart, dass sie sehr hart für Lintel & Lily arbeiten und dafür nie wieder mit Restaurants und anstrengenden Köchen zu tun haben würde.

Der Koch in Hongkong hatte sie an Pasco erinnert. Auch er war ein arroganter, sehr ehrgeiziger und selbstbewusster Mann gewesen. Schmerz und Groll stiegen in ihr auf. Sie dachte nicht gern an ihre kurze Ehe zurück. Vom Kennenlernen bis zur Trennung hatte es nur neun Monate gedauert. Drei Monate später waren Pasco und sie geschieden worden. Aber vermutlich war es normal, dass sie hier immer wieder an ihn dachte. Schließlich lag das St. Urban in seiner Heimatstadt Franschhoek.

Sie hatte keine Ahnung, was er mittlerweile so trieb. Tatsächlich hatte sie es vermieden, Artikel über ihn zu lesen. Doch sie wusste, dass er ein Restaurant in Franschhoek besaß und die meiste Zeit in New York verbrachte, um seine Sternerestaurants in Manhattan zu beaufsichtigen.

Der junge Souschef, den sie ein Jahr nach ihrem Schulabschluss in Johannesburg kennengelernt hatte, war dank seiner Restaurants, Lebensmittelprodukte, dem Küchenzubehör und seiner sehr erfolgreichen kulinarischen Reisesendungen im Fernsehen zum Multimillionär avanciert. Inzwischen kannte fast jeder seinen Namen. Er war einer der jüngeren, besser aussehenden Starköche und wurde in der kulinarischen Welt wie ein Rockstar gehypt.

Er hatte sich das Leben aufgebaut, das er sich immer gewünscht hatte, und mehr erreicht, als er je zu träumen gewagt hätte. Wenn er doch nur einen Teil seiner beträchtlichen Energie und Tatkraft in unsere Beziehung gesteckt hätte, schoss es ihr durch den Kopf. Hätte er ihr ein wenig von der Aufmerksamkeit geschenkt, die er seiner Karriere gewidmet hatte, hätte sie ihn nicht mit gebrochenem Herzen verlassen, um sich selbst zu finden.

Ro legte ihr die Hand auf den Arm. „Miles hat gesagt, dass das Projekt für Sie in Ordnung geht. Denn ich habe jemanden, der Ihnen bei der Planung und Ausstattung zur Seite steht. Er ist ein alter Freund meines Mannes. Wir vertrauen ihm bedingungslos.“

Aisha schaffte es gerade noch, nicht zusammenzuzucken. Wer war der Mann? Wie viel wusste er über Luxusrestaurants? Konzeptionell war ein solches Restaurant vor Ort eine ausgezeichnete Idee. „Das Design und Konzept sollte sich aber am Hotel orientieren.“

„Das verstehe ich. Doch dieser Mann hat eine Unmenge Erfahrung und weiß, was er tut“, beharrte Ro.

Aisha seufzte. „Gibt es irgendwelche Baupläne? Haben Sie sich bereits von einem Innenarchitekten beraten lassen?“

„Nein und nein.“

Verdammt. Sie bevorzugte es, wenn sie sich an detaillierte Pläne und Vorgaben halten konnte. Außerdem waren Köche besonders in puncto Zusammenarbeit ein Albtraum. Sie nahmen keine Anweisungen entgegen und gingen nicht einmal auf Vorschläge ein.

Als Männerstimmen zu hören waren, drehte sich Ro zur Seite des Gebäudes und lächelte glücklich. Aisha kannte diesen Gesichtsausdruck gut, mit der eine Frau den Mann ansah, den sie liebte. So hatte sie vor sehr langer Zeit Pasco angeschaut. Sie hatte geglaubt, wenn sie ihn zum Mittelpunkt ihres Lebens machte, würde er ihr all die Liebe und Aufmerksamkeit schenken, die sie ihr ganzes Leben lang vermisst hatte.

Aber Pascos Job war seine einzige Liebe und sein einziger Lebensinhalt. Auf seiner Prioritätenliste hatte sie erst an vierter, fünfter oder vielleicht auch zehnter Stelle rangiert.

Ein großer, dunkelhäutiger Mann kam auf Ro zu, legte die Hand auf ihren Bauch und küsste sie auf den Mund. „Schatz, du warst den ganzen Tag auf den Beinen. Du musst dich ausruhen.“

„Keine Sorge, Muzi. Mir geht’s gut. Das ist Aisha, die das Hotel an den Start bringt.“ Sie wandte sich an Aisha. „Entschuldigen Sie. Ich habe Ihren offiziellen Titel vergessen.“

Sie grinste. „Offiziell bin ich Hotelmanagement Consultant. Aber was Sie sagen, trifft es auch.“ Sie schüttelte Muzis Hand. „Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Ich freue mich auch.“ Er warf einen Blick über die Schulter. „Ah, er hat seinen Anruf erledigt.“

Als ein weiterer Mann um die Ecke des Gebäudes kam, erstarrte sie. Das kann doch nicht wahr sein.

„Aisha Shetty, darf ich Ihnen Pasco Kildare vorstellen?“

Da ist sie, war Pascos erster Gedanke. Der zweite Gedanke war: Sie sieht toll aus, und ich will sie immer noch. Aber er hatte mehr Übung darin, sich seinen Schock nicht anmerken zu lassen. Aisha war die Frau mit dem ausdrucksvollsten Gesicht, die er kannte. Jetzt starrte er sie – wie er hoffte – mit undurchdringlicher Miene an.

Aber meine Güte, seine Ex-Frau sah einfach umwerfend aus. Sie war groß und hatte ellenlange Beine, die ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Das orangerot-weiße Kleid setzte ihre schlanke Linie und goldbraune Haut sehr vorteilhaft in Szene und endete ein paar Zentimeter über ihren hübschen Knien. Er wusste, dass ihre Kniekehlen kitzlig waren. Die schmale Taille betonte ein Ledergürtel.

Sie trug die Haare länger als früher und hatte sie aus dem Gesicht frisiert. Die pechschwarzen Locken fielen ihr auf den Rücken. Fasziniert betrachtete er ihr herzförmiges Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen und den großen dunklen, von langen Wimpern umrahmten Augen.

Im Alter von neunzehn Jahren war sie schön gewesen. Jetzt war sie eine Sensation. Diese tolle Frau war einmal seine Ehefrau gewesen. Sie hatten die Versprechungen nicht halten können, die sie sich gegenseitig gegeben hatten, und waren gescheitert. Er war gescheitert – und wenn er versagte, redete er nicht groß darüber.

Pasco erinnerte sich an die impulsive Entscheidung, schon drei Wochen nach ihrem Kennenlernen zu heiraten. Er hatte nach Johannesburg zurückkehren müssen, um als Souschef bei einem der besten Köche des Landes zu arbeiten, und nicht gewusst, wie sie in Anbetracht seiner Überstunden eine Fernbeziehung führen konnten.

Sie hatte gesagt, ihre Eltern würden nie erlauben, dass sie zusammenlebten. Oder dass sie Kapstadt verließ. Da er sie nicht verlieren wollte, hatte er kurzerhand vorgeschlagen zu heiraten. Überraschenderweise hatte sie eingewilligt. Ein paar Tage später hatten sie sich auf einem schäbigen Standesamt das Jawort gegeben.

In emotionaler und sexueller Hochstimmung waren sie nach Johannesburg in eine kleine Wohnung gezogen. Nach knapp einer Woche war ihm klar geworden, dass er jetzt nicht mehr nur für sich, sondern auch für sie verantwortlich war. Ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen lagen in seiner Hand. Als ihr Ehemann musste er ihr ein Heim, stabile Verhältnisse und einen ordentlichen Lebensstil bieten.

Bei der Erinnerung an die Höhen und Tiefen – den Mangel und die Verschwendung während seiner Kindheit – war Panik in ihm aufgestiegen. Aisha nicht so zu verletzen, wie sein Dad seine Mutter verletzt hatte, war alles gewesen, was ihn umgetrieben hatte.

Er hatte gewusst, wie ein Leben aussah, wenn man Angst davor hatte, was der nächste Tag bringen könnte. Also hatte er sich geschworen, der Ehemann zu werden, der sein Vater nie gewesen war. Um erfolgreich und ein Mann zu sein, auf den sie stolz sein konnte, hatte er hart gearbeitet. Er hatte sich geschworen, ihr nie eine Ausrede zu liefern, fortzugehen und ihn am Boden zerstört zurückzulassen.

Aber ironischerweise hatte sie genau das getan. „Hallo, Aisha.“ Als sie ihm in die Augen sah, war er überwältigt. „Ist schon eine Weile her.“ Zum letzten Mal hatte er sie gesehen, als er an einem Herbstmorgen zur Arbeit gegangen war. Er hatte geglaubt, sie spätestens nach Feierabend wiederzusehen.

An den Abend vorher erinnerte er sich noch sehr genau. Er hatte eine Flasche Champagner mitgebracht und ihr erzählt, dass er eine sehr gut bezahlte Stelle als Chefkoch in einem neuen, exklusiven Restaurant in London angenommen hatte. Eine aufregende Zukunft lag vor ihnen. Endlich ging es aufwärts.

Er hatte gesagt, dass er diese neue Position nutzen würde, um sich nach Investoren für sein eigenes Restaurant umzusehen. Sie hätte noch ein paar Wochen, vielleicht ein, zwei Monate, in Südafrika bleiben müssen, um auf ihr Visum zu warten, während er in London ein Heim für sie suchte. Damit alles bereit war, wenn sie eintraf.

Sie hatte ihm gratuliert. Dann hatten sie Sex gehabt. Schließlich war er eingeschlafen. Am Abend darauf war er in eine leere Wohnung zurückgekehrt. Als sie um zwei Uhr nachts immer noch nicht nach Hause gekommen war, hatte er sich große Sorgen um sie gemacht. Doch dann hatte er den Zettel mit der kurzen Notiz auf seinem Kopfkissen gefunden, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatte.

Ich gratuliere dir zu dem Job. Aber das wird nicht funktionieren. Das wissen wir beide. Ich kann das nicht länger mitmachen. Zeig London, was du kannst, Pasco.

Aisha.

„Hallo, Pasco“, erwiderte sie.

„Ihr kennt euch?“ Erstaunt sah Muzi zwischen ihnen beiden hin und her.

Pasco konnte sich ein zynisches Lächeln nicht verkneifen. „Wir waren vor langer Zeit etwa zehn Minuten lang verheiratet.“

„Ihr wart verheiratet? Im Ernst? Warum weiß ich davon nichts, zur Hölle?“

Pasco blickte Aisha an, die von einem Fuß auf den anderen trat. Sie hatte darauf bestanden, dass er im Auto wartete, während sie ihrer Familie mitteilte, dass sie heiratete. Ihre Eltern hatten die Neuigkeit nicht gut aufgenommen. Aisha hatte nicht gewusst, ob sie jemals wieder in ihrem Elternhaus willkommen sein würde.

Sie hatten geplant, am selben Tag zu seinen Eltern zu fahren. Aber Aisha war emotional aufgewühlt und sehr aufgebracht gewesen. Also hatten sie Kapstadt verlassen, ohne sonst noch jemandem mitzuteilen, dass sie geheiratet hatten.

Pasco hatte vorgehabt, es seiner Familie und seinen Freunden zu sagen, wenn er und Aisha an Weihnachten nach Kapstadt zurückkehren würden. Vielleicht hätten sie dann auch noch die kirchliche Trauung und einen Hochzeitsempfang nachgeholt. Er hätte nie geglaubt, dass sie im September getrennt und Weihnachten bereits geschieden sein würden.

Ro ging zu Aisha und legte ihr die Hand auf die Schulter „Verzeihen Sie. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie und Pasco verheiratet waren. Das muss ein Schock für Sie sein. Wie wäre es, wenn wir uns in ein, zwei Tagen treffen, um über das Restaurant und die Zusammenarbeit zu reden?“

„Entschuldigung. Wie bitte?“

„Sie werden mit Pasco zusammenarbeiten, um das Restaurant auf Weltniveau zu bringen“, wiederholte Ro. „Er ist mein Berater.“

Als Aisha kurz die Augen schloss, wartete Pasco darauf, dass sie die Fassung verlieren würde. Sie war nicht in der Lage, eine Situation distanziert und objektiv zu betrachten.

„Ob Pasco und ich verheiratet waren oder nicht, spielt keine Rolle. Ich bin eine der besten und erfahrensten Beraterinnen unseres Unternehmens. Unsere kurze Beziehung wird unsere Zusammenarbeit nicht belasten.“

Muzi und Ro seufzten erleichtert. Pasco war überrascht über ihre rationale Erwiderung und konnte nicht anders, als ihre Haltung zu bewundern. Sie ist erwachsen und widerstandsfähiger geworden. Aber eine „kurze Beziehung“? Ihre Worte verärgerten ihn.

„Ich komme damit zurecht“, fügte sie hinzu. „Ist ja schließlich keine Katastrophe.“

Gut für sie. Aber er konnte nicht mit jemandem zusammenarbeiten, in dessen Nähe er einen trockenen Mund und Herzrasen bekam. Vor harter Arbeit schreckte er nicht zurück. Eine Herausforderung kostete er aus. Aber mit seiner Ex-Frau zusammenzuarbeiten war mehr, als man von ihm erwarten konnte.

Sie hatte ihn verlassen und sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Nie wieder würde er jemandem die Macht geben, so etwas zu tun. In den vergangenen Jahren war sie zu einer sehr sexy, unnahbaren und unglaublich schönen Frau herangereift – und er wollte sie immer noch so verzweifelt, dass es ihm fürchterliche Angst machte. Noch ein guter Grund, nicht mit ihr zusammenzuarbeiten.

Ro lächelte. „Ich bin so froh, das zu hören. Danke.“

Muzi schlang den Arm um Ros Taille. „Wenn Ro jetzt nicht mehr gebraucht wird, bringe ich sie nach Hause.“

Als Ro sich nicht beschwerte, wusste Pasco, dass sie müde war. Oder versuchten die beiden vielleicht, Aisha und ihm ein bisschen Zeit zu zweit zu lassen? Er war nicht dazu bereit, mit ihr allein zu sein. Also zeigte er auf den Weg, der zurück zum Hotel führte. „Hier geht’s lang“, sagte er in eisigem Ton.

Zaghaft lächelte Ro ihn an. „Mir wäre es lieb, wenn du Aisha die Weinkellerei zeigst und ihr erklärst, wie wir uns das Restaurant vorstellen. Das wäre eine große Hilfe.“

Er war nicht daran interessiert, einen Ausflug in die Vergangenheit zu machen, alte Erinnerungen heraufzubeschwören und zu hinterfragen. Doch Ro kam zu ihm und küsste ihn auf die Wange.

„Danke dir.“ Sie wandte sich an Aisha. „Ich melde mich später bei Ihnen.“

Sobald das Ehepaar außer Hörweite war, sagte er: „Das ist meine Heimatstadt, mein Teil der Welt. Ich bin nicht daran interessiert, mit dir zusammenzuarbeiten. Bestimmt kann dich dein Unternehmen ohne große Probleme durch einen Kollegen ersetzen.“

„Das ist mein Job, meine Karriere. Ich bleibe hier“, erwiderte sie frustriert und verärgert. „Du verschwindest. Ich finde einen anderen Berater für das Restaurant. Ich kenne mehr als ein paar Leute, die sich dafür eignen, und brauche dich nicht.“

Ja, das hatte sie ihm unmissverständlich klargemacht, als sie ihn verlassen hatte. „Ro ist meine Freundin und hat mich gebeten, sie zu beraten. Aber ich kann nicht mit dir zusammenarbeiten. Wenn du willst, rede ich mit deinem Chef. Gib mir seine Nummer.“

Wütend funkelte sie ihn an. „Du arroganter Mistkerl! Für wen hältst du dich eigentlich? Ich bleibe hier – und mein Chef ist eine Chefin, du herablassender Vollidiot!“

„Ich meinte nur …“ Warum wollte er es ihr erklären, verdammt? „Du musst gehen, Aisha. Bitte.“

„Nein. Du verschwindest! Ich würde lieber in der Hölle schmoren, als mit dir zusammenzuarbeiten. Du bist der internationale Starkoch, der überall mitmischt. Also lass die Finger von St. Urban! Das ist mein Projekt. Ich habe einen Vertrag unterschrieben. Dieser Job ist entscheidend für meine Karriere.“ Sie bohrte ihm den Finger in die Brust.

Sie ist mir so nah. Er konnte die verschiedenen Schattierungen ihrer dunkelbraunen Augen und die winzige Narbe oberhalb ihrer Oberlippe sehen. Und sie hatte ihr Parfüm gewechselt. Der Duft war jetzt provozierend, sexy und schwindelerregend.

Erinnerungen an ihren schönen und schlanken Körper blitzten auf. Er musste sich mit aller Kraft zusammenreißen, um sie nicht an sich zu ziehen und zu küssen. Denn wenn er das täte, würde sie ihm einen rechten Haken verpassen. Sie war erwachsen geworden – robuster, härter – und erinnerte ihn fast an eine Amazone. Er wusste nicht, ob er aufgebracht oder fasziniert sein sollte.

„Ich bleibe hier und mache meinen Job. Wenn du daran teilhaben willst, gehst du höflich und respektvoll mit mir um, verstanden?“ Als er nur die Augenbrauen hochzog, warf sie die Hände in die Luft und wandte sich ab.

Nach ein paar Schritten warf sie einen zornigen Blick über die Schulter. „Ich muss arbeiten, Kildare, und du verschwendest meine Zeit.“

2. KAPITEL

Als Aisha wieder in ihrem Büro war, ging sie zu einem der Fenster und sah auf die ausgedehnten Weinberge hinaus. Sie wusste, dass Muzis Unternehmen Clos du Cadieux die Weinberge von Ro gepachtet hatte.

Wenn ihr Job erledigt war, würde das Hotel mit luxuriösen Möbeln, fantastischen Kunstwerken und klassischer Musik in den Gemeinschaftsbereichen zum Leben erwachen und das diskrete Personal umgehend jeden Wunsch der Gäste erfüllen.

Die tolle Aussicht auf die Weinberge und das Gebirge würde die Gäste verlocken, abzuschalten und sich zu entspannen. Sie konnte aus diesem Ort eine Oase der Ruhe für die Reichen, Berühmten und Gestressten machen – dabei musste sie nur Pasco Kildare ignorieren.

Sie konnte einfach nicht aufhören, an ihn zu denken. Er war reifer geworden und sah toll aus. Sexy und stark. Sie erinnerte sich daran, wie gut er geküsst hatte. Wie sich seine Lippen auf ihrem Mund und seine geschickten Hände auf ihrer Haut angefühlt hatten. Mit nur einem heißen Blick hatte er sie zum Erschauern bringen können. Es war so lange her. Dennoch kam es ihr wie gestern vor.

Erinnerungen an die kurze Ehe stiegen in ihr auf: an das kleine Apartment und das Doppelbett, das sie geteilt hatten. An das zusammengewürfelte Geschirr und die kleine, ramponierte Ledercouch, die er auf einem Garagenflohmarkt erstanden hatte. An den Duft seiner Haut.

Er hatte sie immer fest in den Armen gehalten, wenn sie miteinander geschlafen hatten, und geseufzt, wenn er in sie eingedrungen war. Egal, ob sie zehn Minuten oder zehn Stunden getrennt gewesen waren, hatte er ihr zur Begrüßung immer die Hand auf den Rücken gelegt, sie an sich gezogen und so leidenschaftlich geküsst, als würde er sie niemals wiedersehen.

Hatte er geahnt, dass ihre Beziehung nicht lange halten würde? Er war besessen von seiner Karriere gewesen und sie von der Vorstellung, verheiratet und seine Ehefrau zu sein. Als einsame, unsichere Neunzehnjährige hatte sie sich verzweifelt danach gesehnt, der Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Familie zu sein und mit ihm als Partner durchs Leben zu gehen. Danach, dass er hinter ihr stand und sie zum Dreh- und Angelpunkt seiner Welt machte.

Sie war ihm in einer Kneipe begegnet und sofort hingerissen von seinem Selbstvertrauen gewesen. Er war ein Mann, mit dem alle Frauen zusammen sein wollten und den alle anderen Männer beneideten. Dass er sie überhaupt bemerkte und sich dann den ganzen Abend über mit ihr unterhielt, hatte sie überrascht.

Er hatte ihr erzählt, dass er als Koch arbeitete, aber sein eigenes Restaurant und später mehrere Lokale haben wollte. Ihr hatte gefallen, dass er sich Ziele gesetzt hatte und sie verfolgte. Einen Monat hatte es gedauert, bis ihr klar geworden war, dass er dafür vierzehn bis sechzehn Stunden am Tag arbeiten musste. Nach sechs Monaten hatte sie gewusst, dass er ein Workaholic war und nicht die Absicht hatte, sein Arbeitspensum zu verringern – nicht einmal für sie.

Wenn der Zeitmangel das einzige Problem gewesen wäre, hätten sie sich vielleicht zusammengerauft. Aber sie war ihm nie eine Partnerin auf Augenhöhe gewesen. Von den Finanzen bis zu ihrer Zukunft hatte Pasco alles allein geplant und unter Kontrolle gehabt.

Ihre Meinung dazu hatte er ignoriert oder abgetan. Und wenn sie Einwände erheben wollte, hatte er sie mit Sex abgelenkt oder gesagt, dass er müde wäre und nicht streiten wolle. Seine Versprechen, sich später Zeit zu nehmen, um mit ihr darüber zu reden, hatte er höchst selten gehalten.

Unterbrochen von atemberaubendem Sex vergingen einige trostlose Monate der Isolation und des Alleinseins. Schließlich war ihr klar geworden, dass sie einen goldenen Käfig durch einen anderen ersetzt hatte. Sie war von einem bedürftigen und vernachlässigten Teenager zu einer bedürftigen und vernachlässigten Ehefrau geworden.

Doch sie konnte es sich nicht leisten, sich in der Vergangenheit und ihren Wünschen zu verlieren. Sie musste die Realität akzeptieren und mit Pasco zusammenarbeiten. Ro war ihre Kundin – und ihre Kundin glücklich zu machen war der einzige Weg, ihren Chef zu beeindrucken und befördert zu werden.

Empört dachte sie an Pascos Forderung, dass sie St. Urban verlassen solle. Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, was er wollte. Seine Bedürfnisse und Wünsche waren für ihn vorrangig. Aber sie würde sich seinen Wünschen nicht länger beugen, nur weil er es verlangte.

In ihrer Familie waren Konflikte nie offen ausgetragen, sondern nur durch abfällige und spitze Bemerkungen offenbar geworden. Diese subtilen Wortgefechte waren jedoch genauso brutal gewesen.

Sie hatte gelernt, Nein zu sagen, sich zu behaupten und zur Wehr zu setzen, seitdem sie auf Abstand zu ihrer Familie und dann auch zu Pasco gegangen war. Zwar mochte sie Auseinandersetzungen immer noch nicht, vermied sie jedoch nicht mehr um jeden Preis. Pasco würde sie nicht mehr manipulieren und ablenken können.

Es war so verdammt unfair, dass er jetzt noch attraktiver war. Offensichtlich ging er regelmäßig ins Fitnessstudio. In den letzten zehn Jahren hatte er breitere Schultern bekommen, war deutlich muskulöser und noch attraktiver geworden. Die Sonne hatte seine hellbraunen Haare ausgeblichen, und er trug einen Dreitagebart. Eigentlich war sie kein Fan von Bartstoppeln, aber Pasco standen sie ausgesprochen gut und verliehen ihm einen verwegenen Touch.

Wenn er sie mit seinen dunkelgrünen Augen ansah, war sein Blick so durchdringend wie immer. Er war eine härtere, heißere Version des früheren Pasco, und sie hätte sich am liebsten die Kleider vom Leib gerissen und wäre mit ihm ins Bett gegangen.

So dumm werde ich nicht sein. Für einen Mann würde sie ihre Karriere, ihre Beförderung, ihren Traum nicht gefährden. Sie hatte Jahre gebraucht, um unabhängig und selbstbewusst zu werden, und würde sich nie wieder erlauben, ein bedürftiges, unsicheres oder unbemerktes Anhängsel zu sein.

Also müssten sie und Pasco ein paar Regeln aufstellen, wenn es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit kam. Ihre erste Regel lautete, sich nicht erneut in ihn zu verlieben. Zudem musste sie als gleichberechtigte Partnerin in jeden Entscheidungsprozess einbezogen werden. Regeln würden ihnen Grenzen setzen und der Zusammenarbeit eine Struktur verleihen.

Da Pasco jedoch kein Fan von Regeln war, würde sie ihn erst überzeugen müssen.

La Fontaine war Pascos zweites Zuhause, und er liebte Mimi, die Frau, die Muzi im Kindesalter adoptiert hatte. Trotzdem wollte er nicht zu einer ihrer berühmten Cocktailpartys gehen. Andererseits hatte er es ihr versprochen.

Acht Stunden nachdem er seiner Ex-Frau begegnet war, parkte er seinen McLaren Artura und kämpfte gegen den Drang an, wieder nach Hause zu fahren. Oder nach St. Urban zurückzukehren, Aisha bis zur Besinnungslosigkeit zu küssen und dann mit ihr ins Bett zu gehen. Er musste aufhören, an sie zu denken. Sonst würde er noch verrückt werden.

Seufzend blieb er in dem Sportwagen sitzen, den er sich gegönnt hatte. Er war nicht in der Stimmung, um mit seinen Freunden zu reden. Vor allem wollte er jetzt nicht der charmante, erfolgreiche, milliardenschwere Sternekoch und Gastronom sein, der für seine innovative Kochkunst und das Streben nach Perfektion bekannt war.

Die Leute glaubten, er würde ein wundervolles Leben führen. Sie wussten nicht, was er geopfert hatte, um so erfolgreich und reich zu werden – und dass er sich manchmal fragte, ob der Erfolg all das wert war.

Vor ein paar Jahren war sein erster Mentor Luka gestorben. Pasco erinnerte sich an die Grabrede seiner Tochter. Ihn hatte überrascht, dass Luka sich gefragt hatte, ob er um seiner Karriere willen noch einmal dieselben Opfer bringen würde.

Seitdem hatte er immer wieder darüber nachgedacht, was ihm in seinem Leben fehlte. Nach der Rückkehr nach Manhattan war er in der schnelllebigen Metropole New York nicht mehr zufrieden gewesen. Seine Kreativität hatte nachgelassen. Er hatte seinen Job mechanisch erledigt und geglaubt, ausgebrannt zu sein.

Also hatte er sein extrem erfolgreiches und berühmtes Restaurant in Manhattan verkauft, um es langsamer angehen zu lassen und etwas anderes auszuprobieren. Doch er hatte sich trotzdem nicht besser gefühlt. In einer einmonatigen Auszeit hatte er sich total gelangweilt und sich zunehmend gesorgt, weil er von seinen Ersparnissen lebte. Er hatte bereut, das Pascos in Manhattan verkauft zu haben.

Deshalb hatte er ein neues Gourmetrestaurant eröffnet. Weil er weiterhin unzufrieden gewesen war, hatte er eine Produktlinie mit Küchenzubehör auf den Markt gebracht und zugestimmt, eine sechsteilige Serie zu drehen, in der er Esskulturen auf der ganzen Welt vorstellte.

Doch auch neue Orte wie die Mongolei oder Marokko kennenzulernen hatte ihm nicht das Gefühl vermittelt, ein erfülltes Leben zu führen. Er besaß alles, was er wollte. Dennoch schien ihm etwas zu fehlen, das für ihn unerreichbar war.

Vielleicht gehörte er zu dem Typ Mann, der nie zufrieden war und ständig neue Herausforderungen suchte. Um das genaue Gegenteil seines nichtsnutzigen Vaters zu sein, hatte er sich schon als Jugendlicher Ziele gesetzt und darauf hingearbeitet.

Optisch war er fast das Ebenbild seines Vaters, was er hasste. Gerald war der Grund dafür, dass er so zielstrebig war und sich unbedingt beweisen wollte. Warum er sicherstellen wollte, dass die Menschen, die er liebte, nie in eine ähnliche Situation kommen würden wie er und seine Mutter.

Seine Mutter, eine Ärztin, hatte gearbeitet, und sein Vater war zu Hause beim Sohn geblieben. Sie waren eine stabile Familie des gehobenen Mittelstands gewesen. Doch irgendwann hatte sein Vater entschieden, wieder zu arbeiten. Allerdings hatte er jeden Job bald wieder gekündigt. Er hatte immer nur den schnellen Erfolg und einen Haufen Geld im Sinn gehabt.

Deshalb hatte er das Gehalt seiner Ehefrau benutzt, um in fadenscheinige, angeblich sehr gewinnbringende Projekte zu investieren. Zudem hatte er sich in ihrem Namen verschiedene Kreditkarten zugelegt, deren Limit ausgereizt und dann eine neue Hypothek auf das Haus aufgenommen.

Krise auf Krise war gefolgt. Und als Pasco in die Pubertät gekommen war, hatte sich Gerald zunehmend irrationaler verhalten. Dann war alles in die Binsen gegangen.

Schnell verdrängte Pasco die unliebsamen Erinnerungen. Er hatte sich geschworen, nie arm zu sein, und hart für jeden Cent gearbeitet. Privat hatte er keine Schulden gemacht, und die geschäftlichen Kredite hatte er unter Kontrolle.

Alles unter Kontrolle zu haben war äußerst wichtig für ihn. Persönliche oder geschäftliche Entscheidungen traf er ausschließlich selbst. Er hatte aus seinen eigenen Fehlern und den Fehlern seines Vaters gelernt und würde sie niemals wiederholen. Scheitern war keine Option.

Mit seiner Ehe war er trotzdem gescheitert. Er hatte sich in Aisha verliebt und geschworen, sie zu beschützen, nachdem ihre Eltern wegen der Heirat ausgeflippt waren. Alles, was er getan und entschieden hatte, hatte ihr Stabilität und finanzielle Sicherheit bieten sollen. Sie hatte stolz auf ihren Ehemann sein sollen.

Aber nachdem sie von seiner fantastischen Beförderung gehört hatte, war sie verschwunden. Er hatte geglaubt, dass sie ihr ganzes Leben zusammen verbringen würden. Doch sein Instinkt und sein Urteilsvermögen hatten ihn getäuscht.

Was die Liebe anging, würde er nie wieder jemandem vertrauen. Er würde keinesfalls mit Aisha zusammenarbeiten. Muzi und Ro hatten eine Unmenge Geld und konnten – wie Aisha vorgeschlagen hatte – einen neuen Berater für das Restaurant anheuern.

Als jemand an das Autofenster klopfte, schreckte er zusammen. Muzi starrte ihn durch die Glasscheibe an. Seufzend drückte er auf den Knopf, um das Fenster herunterzulassen. „Was gibt’s?“, fragte er finster.

„Wie ist es mit Aisha gelaufen? Alles geregelt?“

Nein. „Noch nicht.“

„Das ist ja ein Ding, dass du deiner Ex-Frau über den Weg läufst. Einer Ex-Frau, die du deinen engsten Freunden und vermutlich sogar deiner Familie verheimlicht hast“, sagte Muzi.

Pasco wusste, dass er sich bei Muzi und seinen restlichen Freunden entschuldigen musste. „Ihre Eltern haben einen Aufstand wegen der Heirat gemacht. Deshalb wollten wir es eine Weile für uns behalten. Uns war klar, dass wir heftige Kritik einstecken würden, weil wir impulsiv waren und so jung geheiratet haben. Ich wollte so eine Neuigkeit nicht am Telefon erzählen, und es war ein hektisches Jahr. Weihnachten waren wir schon wieder geschieden, und vorher haben wir es nicht mehr geschafft, hierher zurückzukommen. Anschließend wollte ich das Ganze einfach hinter mir lassen.“

„Und hast du das getan?“

Zumindest hatte Pasco das geglaubt. Aber er fühlte sich jetzt wieder genauso magisch zu ihr hingezogen wie früher. Aisha hatte immer noch eine Wirkung auf ihn wie keine andere – und das ging ihm gehörig gegen den Strich.

„Du und ich haben keine Geheimnisse voreinander“, fuhr Muzi noch immer irritiert fort. „Allerdings verstehe ich, dass eine Zusammenarbeit mit Aisha nicht gerade ideal ist. Aber Ro braucht euch beide, um das Restaurant zu etablieren. Sie ist gestresst und überarbeitet. Ihr Blutdruck ist zu hoch. Deshalb versuchen die Ärzte und ich, sie dazu zu bringen, sich öfter auszuruhen und zu entspannen.“

Er hielt inne, bevor er besorgt hinzufügte: „Doch das wird sie nicht, wenn sie glaubt, dass du und Aisha zerstritten seid. Wenn sie einen neuen Berater für das Restaurant oder einen neuen Hotelmanagement Consultant finden muss. Es hat sich so angehört, als würde Aisha hierbleiben und den Job machen. Dasselbe erwarte ich von dir.“

Mist. „Ich kenne mindestens drei Köche, die diese Gelegenheit sofort beim Schopf ergreifen würden.“

„Du hast meiner Frau versprochen, ihr zu helfen, Kildare, und sie zählt auf dich. Genau wie ich. Ich bin schon sauer, weil du mir nicht gesagt hast, dass du verheiratet warst. Mach es nicht noch schlimmer, indem du meine gestresste, hochschwangere Frau enttäuschst.“

Verdammt. Gerald hatte ihn auf hundert verschiedene Arten enttäuscht – und Muzi wusste genau, dass er den Menschen, die er liebte, nie dasselbe antun würde. Nur deshalb würde er zurück nach St. Urban fahren, um mit Aisha zu reden und einen Weg zu finden, wie sie zusammenarbeiten konnten. Nicht weil er sie wiedersehen, mit Blicken verschlingen, ihren Duft einatmen und spüren wollte, wie ihm das Blut in den Adern pulsierte.

Er startete den Motor. „Entschuldige mich bei Mimi, und sag ihr, dass mir etwas dazwischengekommen ist.“

Muzi grinste und klopfte aufs Autodach. „Wird gemacht. Richte Aisha aus, dass es schön war, sie kennenzulernen.“

3. KAPITEL

Am Abend war Aisha emotional und körperlich erschöpft und entschied, nach Kapstadt zu Priya zu fahren. Mich mit ihr zu treffen, mit den Kindern zu spielen und ihren Ehemann Oscar ein bisschen besser kennenzulernen wird mir guttun.

Nachdem sie sich umgezogen hatte, stieg sie ins Auto und fuhr los. Obwohl sie oft mit ihrer drittältesten Schwester in Kontakt war, hatten sie sich seit über fünf Jahren nicht getroffen. Denn sie reiste ständig durch die Welt, und Priya hatte zwei kleine Kinder, einen Ehemann und als eine der besten Kinderärztinnen der Stadt sehr viel zu tun.

Priya und sie waren sich immer sehr verbunden gewesen. Priya war diejenige, die sie vor den Sticheleien ihrer anderen Schwestern beschützt oder ihr Geld geliehen hatte, wenn ihre Eltern ihr zur Strafe das Taschengeld gestrichen hatten. Im Grunde war sie ihre einzige Familie.

Als Aisha die Brücke erreichte, die über den schmalen Fluss führte, sah sie die Lichter eines näher kommenden Autos und runzelte die Stirn. St. Urban war ein Privatgrundstück. Wer war das, und was wollte er?

Ein wenig nervös hielt sie an und wartete, bis das Auto auf der anderen Seite der Brücke anhielt. Die Autotür klappte nach oben. Schick! Als sie den Mann erkannte, der ausstieg, seufzte sie. Kildare.

Genau die Person, der sie nicht begegnen wollte. Sie wusste, dass sie Pasco nicht für immer meiden konnte, hatte aber gehofft, mehr Zeit zu haben, um ihre aufgewühlten Emotionen unter Kontrolle zu bekommen. Keine andere Person in ihrem Leben hatte bisher eine solche Wirkung auf sie gehabt. Er frustrierte sie, machte sie unglaublich wütend und zugleich traurig. Gleichzeitig törnte er sie ungeheuer an.

In der Mitte der Brücke blieb Pasco stehen und starrte sie mit undurchdringlicher Miene an. Er trug eine schwarze Hose und einen cremeweißen Pulli. Die Ärmel hatte er zurückgeschoben, was seine muskulösen Unterarme betonte. Er war stark, sexy und schien absolut nicht begeistert darüber zu sein, sie zu sehen.

Früher hatte so viel Wärme in seinem Blick gelegen, wenn er sie zur Begrüßung leidenschaftlich geküsst hatte. Dann hatte er sie glücklich angelächelt.

Offenbar erwartete er, dass sie ihm die Hälfte des Wegs entgegenkam. Doch alles, was sie wollte, war, zu ihrer Schwester zu fahren und sich zu entspannen. Aber sein Auto blockierte die Straße, und zurückfahren konnte sie nicht. Sonst glaubte er noch, sie liefe vor ihm davon.

Seufzend stieg sie aus und ging zu ihm. „Du blockierst die Straße, um eine Frau dazu zu bringen, mit dir zu reden? Du musst es echt nötig haben, Kildare.“

„Bilde dir nur nichts ein. Ich komme her. Du fährst weg, und wir können genauso gut hier reden.“

Typisch Pasco. Ort und Zeitpunkt passten ihm ins Konzept, ihr aber nicht. „Tatsächlich bin ich auf dem Weg zu einem Treffen. Können wir ein andermal reden?“ Sie drehte sich um, um zu ihrem Auto zu gehen. Er musste begreifen, dass er nicht länger das Sagen hatte.

„Ein Date?“

Sie konnte den leisen Anflug von Eifersucht in seiner Stimme hören. Vor Aufregung begann ihr ganzer Körper zu kribbeln. Sie kämpfte gegen den Drang an, zu ihm herumzuwirbeln. Nachdem sie lautlos bis zwanzig gezählt hatte, drehte sie sich langsam zu ihm um. „Ja“, log sie, ohne auch nur den Anflug eines schlechten Gewissens zu haben.

„Schade.“ Er presste die Lippen zusammen. „Ich habe entschieden, Ro bei dem Restaurant zu helfen, und ziehe ihr Angebot in Betracht, nach der Eröffnung drei Monate lang als erster Koch dort zu Gast zu sein. Sobald wie möglich schicke ich dir eine E-Mail, in der steht, wie ich mir die genaue Küchenausstattung, die Gestaltung und das Ambiente des Restaurants vorstelle.“

Wie früher traf er Entscheidungen über ihren Kopf hinweg. „So geht das nicht.“ Sie reckte das Kinn.

„Warum nicht?“

„Ich bin nicht dein Lakai und nehme keine Anordnungen entgegen. Außerdem will ich nicht mit dir zusammenarbeiten. Ich werde Ro davon überzeugen, sich einen anderen Koch zu suchen, der sie berät.“

Frustriert starrte er sie an. „Das tust du nicht.“

„Du bist nicht mein Boss.“ Für wen hielt er sie? Für eine seiner Kellnerinnen? Arroganter Mistkerl!

„Ro ist gestresst. Das ist nicht gut für die Zwillinge. Wenn sie hört, dass wir nicht zusammenarbeiten können, macht sie sich Sorgen. Dann reißt Muzi mir den Kopf ab.“

„Was mit deinem Kopf passiert, ist mir herzlich egal.“

„Aber dir ist nicht egal, was mit Ro passiert.“

Verdammt, da hatte er recht. Auch wenn sie Ro gerade erst kennengelernt hatte, mochte sie die Frau und wollte nicht, dass ihre Babys irgendeinen Schaden nahmen.

„Hör mir zu“, fuhr er fort. „Ich will noch weniger mit dir zusammenarbeiten als du mit mir. Aber Muzi ist mein bester Freund, und Ro bedeutet mir viel. Ich versuche Menschen, die ich liebe, nicht zu enttäuschen.“

Seine Worte trafen sie mitten ins Herz. „Du hattest kein Problem damit, mir wehzutun.“ Sofort wünschte sie, die Worte zurücknehmen zu können. Sie klang wie eine verbitterte Ehefrau, der Unrecht getan worden war. Verdammt, sie sollte nach all der Zeit nichts mehr für ihn empfinden!

„Du hast mich verlassen.“ Pasco hob die Stimme.

„Und es war so einfach für dich, mich gehen zu lassen!“ Was hatte dieser Mann nur an sich? Warum verlor sie die Beherrschung und sagte Dinge, die sie nicht sagen wollte? In ihrem Job ging sonst nie das Temperament mit ihr durch. Wie sollte sie mit ihm zusammenarbeiten, wenn sie sich immer nur anschrien oder sich boshafte Bemerkungen an den Kopf warfen?

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah hinauf zum Sternenhimmel. Es war ein schöner Abend, und sie war in Gesellschaft eines höchst attraktiven Mannes, der sie ablehnte.

Das konnte sie ihm nicht verübeln. Sie war ohne Vorwarnung fortgegangen und hatte nur eine Notiz hinterlassen, die nichts erklärte. Wenn er dasselbe mit ihr gemacht hätte, wäre sie auch immer noch wütend.

Aber sie hatte gewusst, dass er sie entweder küssen, verführen oder zum Bleiben überreden würde, wenn sie ihm ihre Gedanken und Gefühle darlegte. Sie hatte oft versucht, mit ihm zu reden. Doch er hatte sie stets abgelenkt, das Thema gewechselt oder ihr einfach nicht genug Zeit gelassen, sich zu erklären.

Die Vergangenheit war nicht zu ändern. Aber sie konnte versuchen, die Gegenwart in den Griff zu bekommen. Denn es stand so viel für sie auf dem Spiel. Eine andere Chance auf eine Beförderung gäbe es nicht.

Sie entschied, Pasco wie jeden anderen Berater auch zu behandeln. „Wir müssen ein paar Regeln aufstellen.“

„Regeln?“, wiederholte er spöttisch.

„Ja, ich weiß, du bist ein sehr erfolgreicher Starkoch, der glaubt, sich an keine Regeln halten zu müssen. Aber angesichts unserer Vergangenheit und der Tatsache, dass wir zusammenarbeiten werden, brauchen wir welche.“

Er stützte die Hände auf die Hüften. „Es gibt nur eine Regel: Ich mache, was ich will und wann ich es will. Dann kommen wir gut miteinander aus.“

Hatte er sich überhaupt nicht verändert? Sie ballte die Hände zu Fäusten und hoffte, dass er sie bloß necken wollte. Aber falls dem nicht so war, konnte sie nicht einfach klein beigeben. Sonst würde Pasco mit ihr Schlitten fahren. „Du solltest wirklich mit einem Therapeuten über deinen Größenwahn reden, Kildare.“

„Du bist viel scharfzüngiger geworden, Aisha Kildare.“

„Aisha Shetty“, berichtigte sie ihn. „Ich habe deinen Namen abgelegt, so schnell es ging.“

Er lächelte höhnisch. „Warum bist du hierher zurückgekommen?“

Der abrupte Themenwechsel irritierte sie. „Was meinst du?“

„Hast du rausgefunden, dass ich gut mit den Miya-Matthews befreundet bin? Hast du dich für den Job beworben, um dich in mein Leben zurückzudrängen?“

Sie prustete amüsiert los. Doch dann wurde ihr klar, dass er es ernst meinte. „Echt jetzt? Warum, um alles in der Welt, sollte ich daran interessiert sein?“

„Vor zehn Jahren hast du mich verlassen, weil ich ein armer Souschef war und dir nicht das Leben bieten konnte, das du wolltest. Das Leben, das ich dir versprochen hatte. Aber jetzt bin ich nicht mehr arm. Ich habe Kontakte zu Hoteliers auf der ganzen Welt, die wertvoll für dich sein könnten. Wieder mit mir zusammenzukommen wäre ein äußerst geschickter Schachzug.“

Glaubte er wirklich, sie hätte ihn verlassen, weil sie wenig Geld zur Verfügung gehabt hatten? Wie kam er darauf? Sie hätte überall auf der Welt in einer Blechhütte mit ihm gelebt, wenn er ihr nur ein wenig mehr Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt hätte. Sie öffnete den Mund, verkniff sich aber eine Erwiderung. Die Zeit der Erklärungen war lange vorbei.

„Ich bin also wegen deines Geldes und deiner Kontakte hier. Interessant.“ Konnte er wirklich so arrogant sein? Ärger und Wut stiegen in ihr auf. Aber sie wusste, dass Verachtung wirkungsvoller war. Eisig und – wie sie hoffte – mitleidig lächelte sie ihn an.

„Ja, natürlich bin ich deinetwegen hier. Nur deinetwegen. Es hat nichts damit zu tun, dass ich Lintel & Lilys beste Beraterin bin und demnächst voraussichtlich zur jüngsten Einsatzleiterin ernannt werde. Offenbar bin ich Diplom-Betriebswirtin geworden und habe jahrelang weltweit Hotels etabliert, weil ich seit zehn Jahren den Masterplan verfolge, hierher und in dein Leben zurückzukehren!“

Sie tätschelte seinen Arm und genoss seine offensichtliche Überraschung. „Und du hast es rausgefunden! Du bist ja so clever. Wie konnte ich nur so lange ohne dich und deine idiotischen Ansichten auskommen?“

Wenn er jetzt eine sarkastische Bemerkung machte, würde sie ihm mit der Spitze ihrer sexy Schuhe einen Tritt gegen das Schienbein versetzen. Sie hielt den Atem an, während sie auf seine Reaktion wartete. Vielleicht würde er sich auch kleinlaut entschuldigen. Aber das wäre ein Wunder.

Völlig unerwartet machte er zwei schnelle Schritte auf sie zu. Er stand jetzt so nah vor ihr, dass sie die Hitze seines Körpers spüren, die verblasste Narbe in der Mitte der rechten Augenbraue und das kleine Muttermal an seiner Schläfe sehen konnte. Das Scheinwerferlicht seines Autos fiel auf sein Gesicht. Seine Augen waren so geheimnisvoll grün wie der Seetang an der Küste des Atlantiks.

Sie konnte die Leidenschaft in seinen Augen aufflackern sehen und spürte, wie ihr heiß wurde. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre weggerannt, aber sie war wie gelähmt. Denn sie musste ihn wieder schmecken, ihm durch die Haare streichen und sich an seinen breiten Schultern festklammern. Sie sollte nicht so fasziniert von ihm sein, sich nicht so heftig zu ihm hingezogen fühlen. Aber es war eine Tatsache, verdammt.

Er öffnete den Mund, aber anstatt etwas zu sagen, küsste er sie. Es war ein heißer, frustrierter Kuss. Sie versuchte, unbeteiligt und reglos zu bleiben. Aber nach zehn oder vielleicht zwanzig Sekunden sank sie in seine Arme. Ihre Abwehrmechanismen versagten völlig.

Er schmeckte nach Whiskey, und es fühlte sich an, als wenn sie nach Hause käme. Als er ihre Zunge zu einem erotischen Tanz aufforderte, glaubte sie, wieder neunzehn Jahre alt und verliebt zu sein und sich sehnlichst zu wünschen, dass er ihren Körper erforschte und ihre Haut liebkoste.

Mit den Händen fuhr sie durch seine Haare und über seinen Rücken. Sie seufzte, als sie spürte, wie weich seine Haare und wie hart seine Muskeln waren.

Dieser Mann küsste wie ein Weltmeister – eine Kombination aus Selbstsicherheit, Kompetenz, Verlangen und einem Anflug der Verzweiflung, die ihr zu Kopf stieg. Kein anderer hatte jemals diese Empfindungen in ihr hervorgerufen, dieses Feuer in ihr entfacht. Sie liebte, was er tat, und hasste, wie sie sich dabei fühlte.

Entschlossen schob sie ihn weg. Sie brauchte dringend Abstand zu ihm. Er sah zu gut aus, war zu anziehend, und sie wollte ihn. Obwohl er sich vor ein paar Minuten wie ein totaler Mistkerl aufgeführt hatte. In mehr als zehn Jahren hatte sich also nichts geändert. Verdammt. Sie sah den Triumph und die Genugtuung in seinen Augen aufblitzen.

„Du willst mich immer noch“, stellte er großspurig fest.

Dieser arrogante, anmaßende, von sich eingenommene Blödmann! Sie öffnete den Mund, um ihm Kontra zu geben, und bemerkte, dass er überheblich eine Augenbraue hochzog. Er erwartete, dass sie die Beherrschung verlor, stachelte sie dazu an, sich völlig zum Narren zu machen. Aber den Gefallen würde sie ihm nicht tun.

Stattdessen verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Du warst schon immer sehr entschlossen und zielstrebig, wolltest immer deinen Willen durchsetzen. Aber heute Abend hast du dich von deiner absolut schlechtesten Seite gezeigt. Ich hoffe, dass es ein einmaliger Fehltritt war, der sich nicht wiederholt. Aber damit das klar ist, Pasco: Du hast vorhin Unsinn geredet, und das weißt du!“ Sie wartete einen Moment, bis sie sicher war, dass er ihr seine volle Aufmerksamkeit schenkte.

„Nimm zur Kenntnis, dass mich nichts, was du sagst oder tust, davon abhält, für Ro zu arbeiten und St. Urban zu einem der besten Hotels auf der Welt zu machen. Und wenn Ro hier ein Gourmetrestaurant etablieren will, bekommt sie es – mit dir oder ohne dich. Ich bin nicht mehr das schüchterne, leicht zu beeindruckende Mädchen von früher. Wenn du Krieg willst, kannst du ihn bekommen.“

Am Ende ihres Monologs zitterte sie und hoffte, dass Pasco zu wütend war, um es zu bemerken. Sie straffte sich, ging zu ihrem Auto und stieg ein. Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, wendete sie und fuhr zurück nach St. Urban. Was für ein höllischer Tag!

Pasco wusste, dass er sich bei Aisha in aller Form entschuldigen musste. Er war gestern Abend definitiv zu weit gegangen und kam sich wie ein totaler Mistkerl vor. Anzudeuten, dass sie nach Westkap zurückgekehrt war, um mit ihm zusammen zu sein, war der Gipfel der Idiotie gewesen. Sein Wunsch, es wäre wirklich so, verärgerte ihn noch mehr. Sie hatte recht daran getan, ihm Paroli zu bieten und ihm die Leviten zu lesen.

Sein Haus grenzte östlich an Ros Besitz und war nicht weit entfernt vom Gästehaus, in dem Aisha einquartiert war. Die kleine Parzelle hatte früher einmal zu St. Urban gehört. Er hatte sie erworben, nachdem er das Restaurant in New York verkauft hatte.

Anstatt auf der Straße zu ihr zu gehen, könnte er über ein paar Zäune springen, eine Pferdekoppel überqueren und sich einen Weg durch den Weinberg suchen. Dann würde er das Gästehaus, in dem sie einquartiert war, in zehn Minuten erreichen.

Aber er machte lieber einen langen Spaziergang, um über alles nachzudenken und sich zu überlegen, wie er sich am besten entschuldigen konnte, ohne einen kompletten Trottel aus sich zu machen.

Nach seiner Rückkehr gestern Abend hatte er sofort seinen Laptop hochgefahren. In all den Jahren nach der Scheidung hatte er nie im Internet über Aisha recherchiert. Da er nichts davon hielt, sich zu quälen, hatte er seine Neugier im Zaum gehalten.

Zuerst hatte er „Aisha Kildare“ in die Suchmaschine eingegeben und nicht verstanden, warum keine Ergebnisse angezeigt wurden. Dann hatte er seinen Fehler bemerkt, ihren Geburtsnamen eingetippt und verschiedene, sehr gute Referenzen über ihre Arbeit als Hotelmanagement Consultant gefunden. Ein Bericht bescheinigte ihr, eine der innovativsten und besten Beraterinnen im Hotelgewerbe zu sein.

Er hatte auch eine Artikelserie entdeckt, die sie für ein Handelsmagazin geschrieben hatte. Auf der Homepage von Lintel & Lily fand er schließlich auch ihre Vita. Seine Ex-Frau hatte als eine der besten Studentinnen ihren Abschluss als graduierte Betriebswirtin gemacht, Hotels in entlegenen Orten etabliert und wurde für ihren kühlen Kopf und ihre pragmatische Art geschätzt. Sie war effizient, klug und eine hoch angesehene Mitarbeiterin. Ihre Arbeitgeber und Kunden schwärmten geradezu von ihr.

Pasco schob sich die Sonnenbrille auf den Kopf und rieb sich die Augen. Er hatte letzte Nacht kaum ein Auge zugemacht. Der glühend heiße Kuss war ihm nicht aus dem Kopf gegangen. Bei ihm und Aisha hatte die Chemie schon immer gestimmt. Aber der Kuss gestern Abend war weit darüber hinausgegangen. Sie hatten förmlich in Flammen gestanden.

Ihre Körper hatten perfekt harmoniert. Der aufreizende Duft ihres Parfüms hatte ihm den Kopf verdreht. Sie zu schmecken hatte die Sehnsucht in ihm entfacht, sie erneut kennenzulernen und in Erfahrung zu bringen, in welcher Hinsicht sie sich verändert hatte und in welcher nicht.

Aber wieder mit Aisha ins Bett zu gehen war eine katastrophale Idee. Sie hatten es einmal miteinander probiert, waren gescheitert, und er machte nicht gern zweimal denselben Fehler. Trotzdem wollte er sie immer noch. Verdammt.

Er schlug den Weg zur Weinkellerei ein und überprüfte den Stand der Renovierung. Ein Restaurant wie dieses zu besitzen war sein heimlicher Traum. Mit einer kleinen Küche, in der er die meiste Arbeit selbst erledigte.

Im Garten könnte er sein eigenes Gemüse und Obst anbauen, es morgens ernten und mittags exklusive Gerichte damit zubereiten. In einer Umgebung, in der er nicht unter Druck stand und in der Bewertungen und Auszeichnungen keine Rolle spielten.

In einer perfekten Welt würde er seine Sternerestaurants verkaufen und seine Rolle als bester internationaler Starkoch des Landes ablegen. Er würde lesen und ein Kochbuch schreiben. Er träumte davon, sich ein Gewächshaus zuzulegen, Hühner und Ziegen zu halten und Käse herzustellen, statt von Restaurant zu Restaurant und von Projekt zu Projekt zu hetzen. Damit er sicherstellen konnte, dass der hohe Standard, den er gesetzt hatte, ständig von ihm und seinem Personal übertroffen wurde.

Verdammt, er war müde. Aber wann immer er in Betracht zog, seinen Traum zu verwirklichen, bekam er Beklemmungen. Er wusste, wie niederschmetternd es war, alles zu verlieren: Häuser, Autos, Geld. Ein einfaches Leben ohne Druck und ehrgeizige Ziele zu führen war eine schöne Vorstellung, aber ein Luftschloss. Diese Sehnsucht erfüllte er sich, indem er Ro half, ihr Restaurant auf die Beine zu stellen, und es für kurze Zeit führte.

Falls eine seiner Unternehmungen scheiterte, musste er mehrere Eisen im Feuer haben. Er brauchte den Stress und Druck, die Auszeichnungen, die Fünfsternebewertungen und die Aufmerksamkeit, weil all das ihn daran erinnerte, dass er ganz anders als sein Vater war.

Obwohl er sehr viel Geld besaß, konnte und wollte er sich keine größeren finanziellen Fehltritte leisten.

Wenn etwas mit Pasco’s at The Vane schiefging, setzte er einfach auf das Einkommen von Pasco’s Franschhoek und seine Beteiligung am Binta. Und wenn alle Restaurants in Konkurs gingen, konnte er immer noch seine kulinarischen Reisesendungen ausweiten.

Als er weiter zum Gästehaus ging, spürte er ein Kribbeln im Bauch und gestand sich ein, dass er große Lust darauf hatte, mehr Zeit mit seiner Ex-Frau zu verbringen. Sie war jetzt temperamentvoll, kämpferisch, noch attraktiver als früher und küsste, als würde sie in Flammen stehen.

Pasco seufzte. Er begab sich auf gefährliches Terrain.

4. KAPITEL

Nachdem Aisha durch die Weinberge und Birnenplantagen gejoggt war, duschte sie und zog eine schwarze Yogahose, flauschige Socken und einen bequemen, schulterfreien Baumwollpulli an.

Heute würde sie am Esstisch im Haus arbeiten. Sie war gestern bei einem Feinkostgeschäft vorbeigefahren und hatte genug Lebensmittel eingekauft, um sich ein paar Tage versorgen zu können.

Aber vor der Arbeit wollte sie sich fünf Minuten entspannen. Sie nahm ihre Tasse Kaffee, ging von der Küche in den winzigen Innenhof und setzte sich auf die weiße Mauer, die den Hof begrenzte. Es war ein perfekter Tag. Hier schien ihr die Sonne ins Gesicht, der Duft von Lavendel und Thymian hüllte sie ein, und sie genoss den Blick auf den riesigen, zerklüfteten Simonsberg.

„Überwältigend, nicht wahr?“

Sie war nicht überrascht, Pasco zu sehen. Sie hatte sogar erwartet, dass er nach der Auseinandersetzung gestern Abend bei ihr auftauchen würde. Aber sein Outfit war eine Überraschung: verblichene Jeans, die ihm tief auf den Hüften saßen, alte Stiefel und ein langärmeliges blaues T-Shirt, das seine breite Brust betonte.

Allerdings trug er auch eine edle Luxusuhr und eine Designersonnenbrille. Seine Haare waren perfekt geschnitten, und sein Eau de Cologne roch sehr exquisit und unwiderstehlich. Durch eine leichte Brise konnte sie den Duft wahrnehmen, der sie an das Meer und Sonnenschein erinnerte.

Er sah fit, heiß und sehr sexy aus. Doch sie beabsichtigte nicht, ihn ungeschoren davonkommen zu lassen. Zuerst musste er vor ihr auf den Knien kriechen. „Was willst du, Kildare?“ Sie bemerkte das Verlangen, das kurz in seinen Augen aufblitzte. Ja, nach dem Kuss gestern Abend war ihr klar, dass er sie wollte. Aber wenn das seine ersten Worte wären, würde sie ihm die Kaffeetasse an den Kopf werfen.

„Mich entschuldigen. Gestern Abend war ich frustriert und sauer. Ich hätte dir all das nicht sagen sollen. Offenbar bist du sehr gut in deinem Job, und ich bin zu weit gegangen. Tut mir leid.“

Sie war perplex und brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Da sie wusste, wie schwer er sich damit tat, sich zu entschuldigen, hatte sie erwartet, dass sie sich erneut streiten würden. Er hasste es zu verlieren. „Danke.“ Sie sah, dass er ihre Kaffeetasse betrachtete, und seufzte. „Willst du auch einen?“

„Sehr gern.“

Sie ging in die Küche. Er folgte ihr. „Wie bist du hergekommen?“ Sie füllte Wasser und Kaffee in die Kaffeemaschine. „Ich habe kein Motorengeräusch gehört.“

„Ich bin gelaufen.“ Er setzte sich an den Esstisch, warf einen Blick auf den Stapel bunter Ordner und las die Kartenreiter. „Mir gehört die Parzelle direkt nebenan. Um von meinem Haus herzulaufen, dauert es nur zehn Minuten. Aber ich bin den langen Weg und St. Urbans Einfahrt entlanggegangen.“

Sie drehte sich zu ihm um und war nicht sicher, ob sie sich damit wohlfühlte, dass er in ihrer unmittelbaren Nähe wohnte.

„Franschhoek ist meine Heimatstadt. Also habe ich mir hier ein Haus zugelegt“, fuhr er fort.

„Dann musst du jeden Tag einen langen Weg zu Pasco’s at the Vane zurücklegen.“ Sie stellte die Kaffeetasse vor ihn auf den Tisch.

Er trank einen Schluck, schloss die Augen und lächelte genüsslich. „Du trinkst immer noch ‚Ethiopian Yirgacheffe‘ .“

Lächelnd zuckte sie die Schultern. Obwohl während ihrer Ehe das Geld knapp gewesen war, hatte Pasco erklärt, dass man bei einigen Dingen keine Zugeständnisse machen sollte. Etwa bei der Kaffeesorte, ausgezeichnetem südafrikanischen Wein und ganz besonderem Olivenöl.

„Ein berühmter Koch hat mich damit bekannt und süchtig danach gemacht“, erklärte sie. „Ich hatte Entzugserscheinungen, als ich mir die Kaffeesorte während meiner Studienzeit nicht leisten konnte. Aber sobald ich richtig Geld verdient habe, stand sie wieder auf meiner Einkaufsliste.“

„Dieser Koch hat dich glänzend unterrichtet.“

Ja, in puncto Essen, Wein und Sex hatte sie eine Menge von Pasco gelernt. Ihr stieg die Hitze ins Gesicht. Sie erinnerte sich an seinen Kommentar gestern Abend und wagte den Sprung ins kalte Wasser. „Apropos Geld. Gestern Abend hast du etwas gesagt, das mich schockiert hat.“

Er zuckte zusammen. „Was denn?“

Sie lächelte kurz. „Ich will heute Morgen nicht mit dir streiten. Und wir müssen uns wirklich auf einige Regeln einigen, wenn wir zusammenarbeiten.“

Pasco winkte ab. „Später. Was hat dich schockiert?“

„Du hast gesagt, dass ich dich verlassen habe, weil du nicht genug Geld verdient hast und mir nicht das Leben bieten konntest, das ich wollte.“

„Stimmt.“

Sie sah ihm in die Augen, damit er ihr glaubte. „Das war nicht der Grund und nie ein Problem. Es lag nicht am Geld, sondern hatte andere Gründe.“

„Nämlich?“

„Nein, das reicht für den Moment.“ Sie deutete mit dem Kopf zum Fenster, durch das die Sonne schien. „Es ist ein schöner Tag. Ich bin für einen Waffenstillstand. Bitte!“ Um ihm keine Chance zu geben zu widersprechen, wechselte sie schnell das Thema. „Wir hatten darüber geredet, dass du einen langen Arbeitsweg hast.“

Sie bemerkte seine Ungeduld. Er wollte den wahren Grund dafür erfahren, warum sie ihn damals verlassen hatte. Hoffentlich würde er nicht darauf bestehen. Denn sie war wirklich nicht auf eine weitere Auseinandersetzung aus.

Er gab nach. „Okay. Aber darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“

Daran hatte Aisha keinen Zweifel.

„Ich wohne nicht ständig hier, sondern benutze das Haus nur als vorübergehende Bleibe“, fuhr er fort. „Ich habe eine Wohnung in Fresnaye. Aber mein Küchenchef leitet das Alltagsgeschäft im Restaurant.“

„Ein schöner Job, wenn man es sich leisten kann.“ Sie setzte sich ihm gegenüber.

„He, ich habe sehr viele Überstunden gemacht, um diese Art Freiheit zu genießen“, erwiderte er gereizt.

Wow, seine Arbeitsmoral ist ein heikles Thema für ihn. Sie wusste genau, wie hart er gearbeitet hatte. Denn sie hatte zu Hause auf ihn gewartet.

Er tippte auf einen Ordner und streckte die Beine aus. „Erzähl mir von dem Hotel.“

„Ich bin sicher, Ro hat dir alles über ihre Pläne berichtet.“ Als er mit dem Knie ihrs streifte, spürte sie das vertraute Prickeln.

„Ich habe nicht oft mit ihr darüber geredet. Wir alle – Muzi, Ro und ich – waren mit unseren eigenen Projekten beschäftigt. Wenn wir uns getroffen haben, war die Arbeit das Letzte, worüber wir gesprochen haben.“ Er verzog das Gesicht. „Zuletzt ging es nur um ihre Schwangerschaft. Ich weiß jetzt mehr über Mehrlingsgeburten, als nötig ist. Vielen Dank auch.“

Sie lächelte. „Es ist ziemlich aufregend, dass sie Zwillinge bekommen.“

„Eher beängstigend, weil sie zwei Jungs bekommen werden. Ich habe Muzi als Kind und Jugendlichen gekannt und weiß, dass er sehr wild war!“

„Und du nicht? Warst du nicht derjenige, der mit seinem Auto durch das Fenster einer Kunstgalerie gefahren ist?“

„Erinnerst du dich daran, dass ich dir das erzählt habe?“

Sie erinnerte sich an alles, was er ihr von seiner Zeit als Teenager, auf dem Internat und seinen Abenteuern mit seinen Freunden erzählt hatte. Aber er hatte nie über seine Kindheit geredet. Hier im Tal hatte er erst gelebt, als er ins Teenageralter gekommen war. Andererseits hatte sie auch nie über ihre Familie geredet.

„Das Hotel?“, forderte er sie auf.

„Richtig. Fangen wir mit dem Gutshaus an. Für Ro war es wichtig, dass die einstige Pracht und Eleganz des Hauses erhalten bleiben. Nach der umfassenden Renovierung können jetzt sechzehn Personen darin übernachten. Es gibt sechs luxuriöse Zimmer mit Bad und eine äußerst exquisite Familiensuite. Sie hat auch das kleinere Gästehaus umbauen lassen, in dem acht Personen Platz haben.“

„Aha.“

Aisha hatte vergessen, wie es sich anfühlte, wenn er all seine Energie und Aufmerksamkeit auf sie richtete, und rutschte nervös auf dem Sitz hin und her. Er hörte immer konzentriert zu. Sie wusste, dass er noch in einem Monat oder Jahr in der Lage sein würde, die Unterhaltung wortwörtlich wiederzugeben.

In ihrer Ehe hatte er ihr leider nur seine Aufmerksamkeit geschenkt, wenn ihn das Thema genug interessierte, und ihre Traurigkeit war auf wenig Interesse gestoßen.

Das war vielleicht unfair. Im Rückblick glaubte sie, dass er es gehasst hatte, über ihre Probleme zu reden. Denn dann wäre er gezwungen gewesen, zuzugeben, dass es etwas gab, das er nicht umgehend in Ordnung bringen konnte.

„Ich möchte, dass sich die Gäste sofort wie zu Hause fühlen. Das Ambiente soll erlesen und einladend sein. Ro und meine Chefin Miles, die derzeit Einsatzleiterin bei Lintel & Lily ist, sehen das genauso. Glücklicherweise war das Haus voller antiker Möbel. Sie werden behutsam aufgearbeitet und die Zimmer damit eingerichtet.“

Sie trank einen Schluck Kaffee und fuhr fort: „Ich plane luxuriöse Picknicks am Strand, Bergwandern und Mountainbiking und eine kleine Bar mit dem besten Alkohol, den es gibt. Die Gäste werden Cocktails auf der Veranda oder unter dem gewaltigen Eichenbaum zu sich nehmen können. Verdammt, ich brauche einen Barmixer.“ Sie nahm ihr Handy und tippte eine Notiz ein.

„Komm zur Sache, Aisha“, murmelte er.

„Was?“ Sie wurde rot. Als er grinste, war sie hingerissen.

„Red über das Essen, Köche, Menüs, Produktlieferanten.“

„Für die Küche im Gutshaus plane ich eine nachhaltige, regionale Küche mit Produkten lokaler Erzeuger. Der Rest hängt davon ab, wen wir als Küchenchef des Hotels einstellen.“

„Hast du jemand Bestimmten im Sinn?“

„Nein, noch nicht. Ich schreibe die Stelle in ein, zwei Monaten aus. Wenn ich niemanden finde, der geeignet ist, arbeite ich mit einer Recruiting-Agentur zusammen.“

„Ich kenne zwei höchst talentierte Leute, die der Herausforderung gewachsen sind und sofort die Chance ergreifen würden, ihre eigene Küche zu leiten. Ich kann dafür sorgen, dass du ihren Lebenslauf bekommst.“

„Danke. Muzi restauriert die Weinkeller und will dort einen Winzer einsetzen. Er soll sich auch um das Personal für die Weinproben und die Besichtungstouren durch die Weinkeller kümmern. Sie sind so alt und eindrucksvoll, dass ich einen Historiker ausfindig machen möchte, der mir eine Geschichtsstunde in Sachen Weinherstellung im Tal und möglichst auch auf St. Urban erteilt.“

„Mein Bruder Cam ist Winzer und kennt sich bestens in der hiesigen Lokalgeschichte aus. Ich bin sicher, er kann dir helfen.“

Sie nahm ihr Handy und machte sich noch eine Notiz. „Heute Morgen bist du überraschend hilfsbereit, Kildare.“

„Ich freue mich, eine Hilfe sein zu können“, erwiderte er amüsiert. „Und wie weit bist du mit Ros Restaurant?“

„Ich habe gestern erst davon erfahren und habe noch nicht einmal damit angefangen.“

Er lehnte sich im Stuhl zurück. „Das Gourmetrestaurant war eine Idee, über die wir uns unterhalten hatten, kurz nachdem Muzi und Ro ein Paar geworden waren. Wir haben sie dann nie weiterverfolgt. Aber vor ein paar Monaten habe ich ihr gesagt, dass ich daran interessiert wäre, das Restaurant für ein paar Monate zu übernehmen. Ihr gefiel die Vorstellung, dort abwechselnd verschiedene Weltklasseköche zu engagieren.“

Also so war die Idee geboren. Gut zu wissen. „Und warum wurdest du auch als Berater für die Gestaltung und Ausstattung des Restaurants engagiert?“

„Weil ich gut darin bin und den Ruf genieße, für sehr hohe Standards in puncto Ambiente, Service und natürlich Essen zu stehen. Ich möchte zumindest in die Gestaltung des Restaurants involviert sein und die völlige Kontrolle über das Essen, die Menüs und das Personal haben.“

„Und das alles, ohne dass du einen Cent in das Projekt investieren musst.“ Sie war beeindruckt von seinem Selbstvertrauen und ein wenig frustriert über seine Arroganz.

Er sah ihr in die Augen. „Schließlich bin ich einer der besten Köche weltweit. Viele Leute werden das Restaurant nur besuchen, um mein Essen zu genießen.“

Sie warf ihm einen Blick unter gesenkten Lidern zu. „Du musst wirklich an deinem Selbstbewusstsein arbeiten.“

Pasco nahm einen Stift vom Tisch und warf ihn nach ihr. „Freche Göre.“

„Ich werde diejenige sein, die Ro das Projekt präsentiert. Werden wir zusammenarbeiten können?“

Er machte ein gleichmütiges Gesicht. „Warum nicht?“

Oh, lass mich die Gründe aufzählen. „Weil du anspruchsvoll, herrisch und entschlossen bist, deinen Willen durchzusetzen. Und ich bin nicht mehr die Frau, die ich einmal war.“

„Dann wäre ich auch enttäuscht, Aisha. Menschen sollten sich weiterentwickeln.“

Offenbar verstand er nicht, was sie ihm zu sagen versuchte. „Ich werde nicht einfach allem zustimmen, was du willst. Ich werde mich mit dir auseinandersetzen, dir widersprechen und gelegentlich auch unverblümt Nein sagen.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Wow, jetzt bekomme ich es glatt mit der Angst zu tun.“

Er nahm sie nicht ernst. Sie beugte sich nach vorn und stieß den Zeigefinger in seinen Bizeps. „Du hörst mir nicht zu, Kildare! Meine Loyalität gilt Ro und ihrer Vision für St. Urban. Wenn du etwas willst oder tust, das dem zuwiderläuft, stelle ich mich quer.“

„Du wirst es versuchen.“ Noch immer lächelte er. „Entspann dich, wir finden einen Weg.“

Garantiert meinte er, dass sie sich letztendlich doch seinen Wünschen und Vorstellungen fügen würde. Er war unerträglich. Erneut bohrte sie den Finger in seinen Bizeps. „Sag nicht, dass ich dich nicht gewarnt habe.“

Er warf einen Blick auf ihren Finger. „Soll das Eindruck auf mich machen?“

Als sie ihn finster anfunkelte, stand er auf und sah auf die Uhr. „Wo gehst du hin?“, fragte sie. „Wir haben noch einige Dinge zu besprechen.“

„Ich mache mir nur noch eine Tasse Kaffee.“

„Oh. Du hättest mich zuerst fragen können!“

„Süße, wir waren verheiratet, und ich habe dich süchtig nach dieser Kaffeesorte gemacht. Ich dachte, darüber wären wir hinaus. Willst du auch noch einen Kaffee?“

„Nein. Ja. In Ordnung.“ Sie holte tief Luft. Nach zwanzig Minuten war sie bereits erschöpft. Sie hatte vergessen, wie anstrengend es war, mit Kildare umzugehen. Und, nebenbei gesagt: Die Art, wie die Jeans seinen Po in Szene setzte, brachte wohl jede Frau auf dumme Gedanken.

Als er sich umdrehte, bemerkte er, dass sie ihn angaffte, und hob eine Augenbraue. Sie errötete. Sein Grinsen und die Genugtuung in seinen Augen ärgerte sie. Ja, er sah gut aus. Sie war nicht unempfänglich für seine Reize, würde allerdings die Finger von ihm lassen. Trotzdem konnte sie den Anblick genießen – ein bisschen zumindest. „Verhaltensregeln …“, murmelte sie.

Pasco setzte sich wieder. „Wie bitte?“

Sie wies mit dem Zeigefinger zwischen ihnen hin und her. „Wir brauchen Regeln. Gestern Abend wollte ich mit dir darüber reden. Aber wir wurden abgelenkt.“

„So kann man es auch sagen.“

Sie ignorierte seinen Kommentar, nahm einen Stift, einen Notizblock und schrieb ein paar Stichpunkte auf.

Er reckte den Kopf, um zu lesen, was sie schrieb. „Deine Schrift ist nicht zu entziffern.“

„Deine auch nicht, wenn ich mich richtig erinnere. Ich notiere, was wir besprechen müssen. Zum Beispiel das Budget, Gestaltungsideen, die Ausstattung, das Personal. Oh, und wir brauchen einen Namen.“

„Pasco’s at St. Urban.“

„Uh, ich …“

„Mir gehören Pasco’s at The Vane, Pasco’s Franschhoek und Pasco at Home – das ist der Markenname des Küchenzubehörs und der Lebensmittel. Mein Vorname ist Bestandteil meiner Marke und hat einen hohen Bekanntheitsgrad. Also wird das Restaurant so heißen, wenn ich den Vertrag unterschreibe“, erklärte er bestimmt.

Sie wusste, dass sie diesen Kampf bereits verloren hatte. Zum Glück leuchtete ihr die Begründung ein. „In Ordnung, wann können wir uns treffen?“ Sie öffnete den Kalender auf dem Tablet und drehte ihm den Bildschirm zu. „Wie du siehst, habe ich noch sehr viele freie Termine. Aber das wird sich sehr schnell ändern. Also suche dir ein Datum aus. Meiner Meinung nach sollten wir uns zweimal die Woche zusammensetzen.“

Er schüttelte den Kopf. „Das geht so nicht. Mein Terminplan ändert sich von Tag zu Tag. Ich gehe dorthin, wo ich gebraucht werde, und mache im Lauf des Tages das, was nötig ist. Bestenfalls kann ich dir ein paar Stunden vorher Bescheid geben, wann ich Zeit habe.“

Ihr fiel die Kinnlade hinunter. Schlug er ernsthaft vor, dass sie ihre Termine nach ihm richtete? War ihm nicht klar, wie viel sie zu tun hatte? Sie hatte schon unter Zeitdruck gestanden, als sie noch nichts von dem Restaurant gewusst hatte.

Aber heute wie damals ging Pascos Arbeit vor. Groll stieg in ihr auf. Sie sah weg, damit er nicht bemerkte, wie sehr seine Worte ihr zusetzten. Es hatte sich also nichts geändert. Nicht wirklich. Wie traurig war das?

Sie konnte – sollte – etwas sagen. Aber sie war müde und brachte nicht die Energie auf, mit ihm zu streiten. Doch sie wollte auch nicht in alte Muster zurückfallen und zulassen, dass er ihre Bedürfnisse überging.

„Ich sehe, dass sich einige Dinge nicht geändert haben.“

Er runzelte die Stirn und versuchte offenbar herauszufinden, was sie meinte. Verdammt, sie hasste es, wenn sie solch latent aggressive Bemerkungen machte.

Das konnte sie besser. „Nein, das funktioniert so nicht. Du musst mir definitiv sagen, wann wir uns treffen können. Ich sitze hier nicht herum und warte auf deinen Anruf.“ Bildete sie sich nur ein, dass Respekt in seinen Augen aufblitzte? Wahrscheinlich.

Er räumte die leeren Kaffeetassen in die Spüle, stellte sich vor Aisha und nickte. „Also schön. Ich sehe, was ich tun kann. Aber ich bin bis obenhin mit Arbeit eingedeckt.“

„Nimm dir die Zeit. Das ist wichtig.“

„Ja, schon klar.“ Erneut sah er auf die Uhr und seufzte. „Ich muss ins The Vane. Dort habe ich ein Meeting, und den Nachmittag über probieren wir neue Gerichte aus.“

Natürlich ruhte sich der Workaholic auch an Sonntagen nicht aus. Sie betrachtete die Ordner auf ihrem Tisch. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Auf dem Weg zur Tür drehte er sich zu ihr um und beugte den Kopf zu ihr hinunter, als wenn er sie auf den Mund küssen oder mit den Lippen über ihre Wange oder Schläfe streichen wollte. Doch er zögerte. Offenbar war ihm klar, dass diese Verabschiedung nicht mehr angebracht war.

Sie mussten die Regeln umschreiben, neue Regeln finden und andere verwerfen. Fass dich kurz, und sei professionell. Möglichst distanziert lächelte sie ihn an. Zumindest hoffte sie das. „Wir sehen uns, Kildare.“

„Mach es nicht wie ich und arbeite den ganzen Tag lang, Aisha.“

Sie fühlte sich ein wenig an seine herrische Art von früher erinnert. „Genau wie du habe ich alle Hände voll zu tun und sehr wenig Zeit, Pasco. Deshalb brauche ich deine Kooperation.“

„Ich versuche mein Bestes.“ Er sah sie reuevoll an. „Mir ist klar, dass ich mich manchmal selbstherrlich klinge. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, ausgebrannt zu sein, und will nicht, dass dir das passiert. Also mach es besser als ich, und nimm dir Zeit, um dich auszuruhen.“ Er drückte ihre Schulter. „Ich gebe dir Bescheid, wann wir uns wieder treffen können.“

Sie ärgerte sich darüber, wie angetörnt sie war, als er durch die Hintertür verschwand.

5. KAPITEL

Am Freitagmorgen ging Pasco zur alten Remise, die Ro in Büros für das Verwaltungspersonal und die Hotelmanagement Consultant umgebaut hatte. Als er das Gebäude betrat, hörte er eine Stimme. Er lief den Gang entlang, lehnte sich mit der Schulter an den Türrahmen und betrachtete Aisha, die auf und ab ging.

„Ja, mir ist klar, dass der Auftrag heute bei Ihnen eingehen muss, damit er noch zum alten Preis in Rechnung gestellt wird. Aber mein Berater muss den Auftrag unterschreiben, und ich kann den Mann nicht erreichen!“

Er zuckte zusammen. Das war seine Schuld. Im Lauf der letzten zwei Wochen hatte er ein Dutzend E-Mails und fast so viele Anrufe von Aisha erhalten, sie aber alle ignoriert. Nicht weil er nicht mit ihr reden wollte, sondern weil er befürchtet hatte, dass er sich dann auf zu gefährliches Terrain begab. Er verbrachte bereits viel zu viel Zeit damit, an seine umwerfende, sexy Ex-Frau zu denken.

Meistens ging dann die Fantasie mit ihm durch. Er stellte sich vor, wie sie nackt aussehen und was er dann mit ihr anstellen würde. Auch fragte er sich immer wieder, was sie gemeint hatte, als sie sagte, es hätte nicht am fehlenden Geld, sondern an anderen Gründen gelegen, dass sie ihn verlassen hatte.

Welche Gründe waren das? Und wollte er die wirklich wissen? Ihre gemeinsame Zeit war vorbei. Zurückzusehen hatte keinen Sinn. Dennoch ging ihm die Vorstellung, dass er ihre Beweggründe so falsch eingeschätzt hatte, gehörig gegen den Strich.

Er erinnerte sich daran, dass er nach einer langen Schicht nach Hause gekommen war. Sie hatte ebenso beklommen wie entschlossen auf dem Sofa gesessen und mit ihm reden wollen. Das war ihm klar gewesen. Aber nach einem sehr anstrengenden Tag war es das Letzte gewesen, was er hatte tun wollen.

Vielleicht war das eins ihrer Probleme gewesen. Er war darauf bedacht gewesen, die Probleme unter den Teppich zu kehren und so zu tun, als wenn alles gut wäre. Aber die Trennung hatte bewiesen, dass dem ganz offensichtlich nicht so gewesen war.

Er hasste es, über Gefühle zu reden. Dann wurde er gereizt, unsicher und verletzbar. Damals hatte er dummerweise angenommen, sie würde sich darüber beklagen, dass sie nie Spaß hatten. Dafür brauchte man Geld, und sie hatten sich finanziell kaum über Wasser halten können.

Schließlich war es eine Art Spiel für ihn geworden, herauszufinden, wie lange er brauchte, um sie von einem unangenehmen Thema abzulenken. Glücklicherweise war sie Wachs in seinen Händen gewesen. Ein inniger Kuss hatte meistens schon gereicht, sie auf andere Gedanken zu bringen. Er war jung, arrogant, von sich eingenommen und ein Mistkerl gewesen.

Jetzt bezahlte er den Preis dafür. Denn er konnte nicht aufhören, daran zu denken, warum sie wirklich unglücklich gewesen war. Ihn ärgerte, dass er vor Neugier brannte. Schließlich waren er und Aisha lange fertig miteinander.

Aber sein Verlangen, wieder mit ihr zu schlafen, wurde immer drängender, je mehr Zeit er mit ihr verbrachte. Verdammt. Er hatte nicht die Zeit, sich einer Lebensgefährtin zu widmen.

Gott! Sie war seine Ex-Frau, eine Kollegin, mit der er zusammenarbeitete. Warum brachte er das Wort Lebensgefährtin mit ihr in Zusammenhang? Er würde keine Beziehung mehr mit ihr anfangen. Denn er konnte es sich nicht leisten, ihr eine derart große Bedeutung in seinem Leben einzuräumen. Es ist aus und vorbei.

Er war nur auf einen kurzen Abstecher auf seinem Weg zu Pasco’s Franschhoek hier – und weil ihre Nachrichten auf seiner Mailbox und die E-Mails zunehmend wütend geklungen hatten. Wahrscheinlich raubte er ihr den letzten Nerv. Aber er konnte nicht in ihrer Nähe sein, ohne sie bis zur Besinnungslosigkeit küssen zu wollen. Er wollte sie aber auch nicht vor den Kopf stoßen.

Aisha war immer noch in der Lage, seine Welt auf den Kopf zu stellen. Also würde er ihr fünfzehn Minuten lang Zeit geben und dann verschwinden. So lange konnte er doch bestimmt die Finger von ihr lassen, oder?

Als sie das Gespräch beendet hatte, stieß sie einen Schrei aus. „Gibt es ein Problem?“, fragte er. Aufgebracht wirbelte sie herum. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie hatte noch nie so schön ausgesehen.

„Was, zum Teufel, machst du hier, Kildare?“

Sein Blick fiel auf ihren sinnlichen Mund, und er erinnerte sich, wie sich ihre sexy Lippen anfühlten. „Ich habe etwa zwei Dutzend Nachrichten von dir erhalten, in denen du verlangt hast, dass ich vorbeikomme. Und hier bin ich.“

Aisha zählte lautlos bis zwanzig. „Ich habe dich die letzten zwei Wochen zu erreichen versucht“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Ich hatte viel zu tun.“ Er betrat das Zimmer. Meine Güte, es stand ihr, wenn sie in Rage war. Ihre Augen blitzten, und ihre Haut war rosig. Er steckte die Hände in die Hosentaschen, um sich davon abzuhalten, sie an sich zu ziehen und ihr langsam die Kleider vom Leib zu streifen.

„Du nervst unglaublich, Kildare.“

„Das höre ich nicht zum ersten Mal“, erwiderte er leichthin, setzte sich auf das Sofa und streckte die Beine aus. „Ich habe eine Viertelstunde Zeit. Rede.“

„Das kann unmöglich dein Ernst sein. Um alles Wichtige zu besprechen, bräuchten wir Stunden.“

„Eine Viertelstunde.“ Er sah auf die Uhr und verzog spöttisch das Gesicht. „Jetzt noch dreizehn Minuten.“ Er sah, dass sie nach dem Tacker griff, und hoffte, sie würde ihn ihm nicht an den Kopf werfen. Aber sie wandte sich ihrem Tablet zu.

„Das war der Lieferant der Kühlschränke. Die Preise werden erhöht. Wenn wir noch eine Lieferung zum alten Preis wollen, müssen wir umgehend eine Bestellung aufgeben.“

Er hatte einen neuen Lieferanten entdeckt, der modernere Kühlschränke anbot. „Ich sehe mich immer noch nach anderen Optionen um.“

Sie setzte sich auf die Schreibtischkante und funkelte ihn an. „Diese Information hattest du schon vor zehn Tagen, Kildare!“

„Und ich arbeite daran. Nächster Punkt.“

„Ich habe ein Portfolio mit Entwürfen für die Gestaltung der Innenräume bekommen. Wir müssen uns für ein Design entscheiden. Vor allem dann, wenn du eine maßgefertigte Theke und individuell gestaltete Möbel willst.“

Er nickte. „Ich nehme das Portfolio mit und gebe dir Ende der Woche ein Feedback. Versprochen.“

Sie war nicht überzeugt. „Du weißt, dass heute Freitag ist, richtig?“

„Die Woche ist erst am Sonntag zu Ende.“ Er hatte sich nicht vorgenommen, sie zu ärgern. Doch er genoss, wie aufgebracht sie war. Als seine Ehefrau war sie erheblich entgegenkommender und – wenn er ehrlich war – ein leichter Gegner gewesen. Jetzt war sie resolut, unerschrocken, und er fühlte sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen. Keine gute Neuigkeit.

Er stand auf, ging zu ihr und blieb vor ihr stehen. Als er ihr reizvolles Parfüm wahrnahm, schloss er kurz die Augen. Er wollte seine Nase an ihrem Hals und zwischen ihren Brüsten reiben, um völlig in ihren Duft einzutauchen. Lügner. Du willst viel mehr, als nur in ihrem Duft zu schwelgen.

Schnell griff er nach ihrem Tablet und warf einen Blick auf die Liste mit den Stichpunkten. Es gab immer noch etwa fünfzehn Themen, über die sie reden mussten. In ein paar Minuten würde er der Liste nie gerecht werden können.

Sie hatte recht. Dazu wären viele Stunden nötig. Doch wie sollte er das bewerkstelligen, wenn er sich schon jetzt kaum unter Kontrolle hatte? „Schick mir die Liste per E-Mail“, forderte er rau.

„Das habe ich! Mehrmals!“, erwiderte sie hitzig. „Du machst alles hundertmal schwieriger, als es sein müsste. Ich habe bereits ein Feinschmeckerrestaurant auf den Weg gebracht – überlass das Ganze einfach mir. Dir fehlt die Zeit dafür. Außerdem scheinst du nicht daran interessiert zu …“

„Du bist so unglaublich schön.“

Sie blinzelte. „Was?“

Er hatte die impulsiven Worte nicht zurückhalten können, denn sie war wunderschön. Ihre Augen blitzten verärgert. Sie machte einen Schmollmund und stellte den Inbegriff einer Kriegerprinzessin dar. „Deine Haut ist makellos, und dein Duft macht mich verrückt“, murmelte er.

Völlig überrascht freute sie sich einen Moment lang über das Kompliment. „Danke. Aber wir haben über …“

Pasco hörte ihre Worte kaum mehr und konnte nur noch daran denken, dass er sie küssen und berühren musste. Er sah das Verlangen in ihren Augen aufblitzen, beobachtete, wie sie die Lippen öffnete und mit der Zunge befeuchtete.

Offensichtlich hatte sie den roten Faden verloren. Er war froh, dass er nicht der Einzige war, der nicht mehr klar denken konnte. Sie seufzte, ging einen Schritt auf ihn zu, und mehr Ermutigung brauchte er nicht. Um ihr genug Zeit zu geben, sich abzuwenden, senkte er langsam den Kopf und küsste sie dann auf den Mund.

Er hatte geglaubt, auf einen schnellen, heißen, drängenden und sexy Kuss aus zu sein. Daher war er selbst überrascht, dass er stattdessen sehr zart mit den Lippen über ihre strich. Er spürte, wie sie sich verspannte, und befürchtete, dass sie ihn wegschieben würde.

Doch wider Erwarten schlang sie ihm seufzend die Arme um den Nacken, stellte sich auf die Zehenspitzen und vertiefte den Kuss. Erleichtert streichelte er ihren Rücken, den Po und umfasste ihre Taille. Dieser Kuss war süß, zärtlich und absolut umwerfend. Ein Mann und eine Frau, die einander wollten, sich küssten, streichelten … es war elementar und überwältigend.

Zwischen uns haben schon immer die Funken gesprüht. Das bedeutet überhaupt nichts. Es konnte nichts bedeuten. Aber nur für den Fall, dass es so wäre, beendete er den Kuss und lehnte die Stirn an ihre Stirn. Obwohl er ungeheuer in Versuchung war, sie zum Sofa zu ziehen und noch viel weiter zu gehen. „Wo ist das Portfolio, Aisha?“

Verwirrt trat sie einen Schritt zurück, strich sich die Haare aus dem Gesicht und atmete tief ein. „Wie bitte?“

„Das Portfolio mit den Zeichnungen, die ich mir ansehen soll.“ Er musste sich zusammenreißen, um geschäftsmäßig und professionell zu klingen.

„Ah …“ Sie warf einen Blick auf ihren Schreibtisch und versuchte noch immer, sich zu konzentrieren.

Da entdeckte er eine große Ledermappe auf der Anrichte. Nur mit Mühe legte er Abstand zu ihr ein und griff nach dem Portfolio. „Ist es das?“

„Ja.“ Sie verschränkte die Arme, sah auf seinen Mund, schüttelte den Kopf und straffte die Schultern.

Autor

Joss Wood
Schon mit acht Jahren schrieb Joss Wood ihr erstes Buch und hat danach eigentlich nie mehr damit aufgehört. Der Leidenschaft, die sie verspürt, wenn sie ihre Geschichten schwarz auf weiß entstehen lässt, kommt nur ihre Liebe zum Lesen gleich. Und ihre Freude an Reisen, auf denen sie, mit dem Rucksack...
Mehr erfahren
Lucy Monroe

Die preisgekrönte Bestsellerautorin Lucy Monroe lebt mit unzähligen Haustieren und Kindern (ihren eigenen, denen der Nachbarn und denen ihrer Schwester) an der wundervollen Pazifikküste Nordamerikas. Inspiration für ihre Geschichten bekommt sie von überall, da sie gerne Menschen beobachtet. Das führte sogar so weit, dass sie ihren späteren Ehemann bei ihrem...

Mehr erfahren
Dani Collins

Dani Collins verliebte sich in der High School nicht nur in ihren späteren Ehemann Doug, sondern auch in ihren ersten Liebesroman! Sie erinnert sich heute immer noch an den atemberaubend schönen Kuss der Helden. Damals wurde ihr klar, dass sie selbst diese Art von Büchern schreiben möchte. Mit 21 verfasste...

Mehr erfahren
Maisey Yates
Schon von klein auf wusste Maisey Yates ganz genau, was sie einmal werden wollte: Autorin.
Sobald sie mit einem Stift umgehen und ihre erste Worte zu Papier bringen konnte, wurde sie von der Leidenschaft fürs Schreiben gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen.

Von da an konnte nichts und niemand...
Mehr erfahren