Julia Herzensbrecher Band 24

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SCHNEESTURM DER HERZEN von MAGGIE COX
Ein Kurzbesuch vor Weihnachten – mehr hat Jake nicht vor, als er bei seiner Exfrau Ailsa vorbeifährt. Doch dann zwingt ein Schneesturm ihn überraschend zum Bleiben. Allein mit Ailsa, am Kamin ihres romantischen Cottages, kommt er ihr so nah wie seit Jahren nicht mehr …

WILDER STURM ÜBER SCHOTTLAND von LEE WILKINSON
Ein Schneesturm tobt über Schottland. Cathys Rettung ist ein kleines Hotel. Sie muss sich das letzte Zimmer mit einem attraktiven Fremden teilen. In dieser einen Nacht erwärmt er mit seiner glühenden Leidenschaft Cathys einsames Herz. Doch am nächsten Morgen erwacht sie allein …

ENDSTATION SEHNSUCHT – ENDSTATION GLÜCK? von CATHY WILLIAMS
Wie konnte Jennifer sich bloß Hoffnung auf den Millionärssohn James machen! Abgewiesen hat er sie. Doch vier Jahre später sehen sie sich wieder: Jennifer verbringt Weihnachten in ihrem Cottage. Da erhält sie einen Anruf: James hatte im Schnee einen Unfall. Und er braucht sie …


  • Erscheinungstag 04.11.2022
  • Bandnummer 24
  • ISBN / Artikelnummer 9783751512688
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Maggie Cox, Lee Wilkinson, Cathy Williams

JULIA HERZENSBRECHER BAND 24

1. KAPITEL

Sie rannte sofort zum Fenster, als sie den Motor eines Autos hörte, das die Einfahrt hochfuhr. Als der silbergraue Geländewagen ihres Exmannes vor dem Cottage zum Stehen kam, sah er aus wie ein Schneemobil, das mit mehreren Schichten weißen Zuckergusses überzogen war. Und immer noch tanzten die Schneeflocken ununterbrochen vor dem Fenster.

Es hatte schon den ganzen Tag geschneit. Ailsa hätte sich gern diesem Winterzauber hingegeben, hatte sich aber Sorgen gemacht, ob Jake wohl ihre Tochter sicher nach Hause bringen würde. Das Leben auf dem Land hatte viele Vorteile, aber im Winter wurden die schmalen Straßen, die sich durch die Hügel schlängelten, richtig heimtückisch.

Sie öffnete die Haustür, gerade als der Fahrer aus dem Fahrzeug ausstieg und auf dem schneebedeckten Weg auf sie zukam.

Es war nicht Alain – der schlanke, gut angezogene Chauffeur, den sie eigentlich erwartet hatte. Normalerweise war es immer Jakes französischer Chauffeur, der Saskia nach einem vierzehntägigen Aufenthalt bei ihrem Vater in London oder vom Flughafen zurückbrachte, wenn Jake in Kopenhagen arbeitete und Saskia mit ihm dort gewesen war.

Als Ailsa die einst so vertrauten blauen Augen sah, die sie durch das Schneegestöber anblickten, schien ihr Herz stehen zu bleiben.

„Hallo“, sagte er.

Sie hatte ihren Exmann schon lange nicht mehr gesehen, nicht, seit sein Chauffeur so ein zuverlässiger Mittelsmann geworden war. Als sie seine ausgeprägten unvergesslichen Gesichtszüge sah, spürte sie die starke Wirkung, die er immer noch auf sie ausübte.

Jake hatte schon früher sehr gut ausgesehen und überall die Blicke der Frauen auf sich gezogen. Selbst die schreckliche Narbe, die über seine Wange lief, konnte daran nichts ändern. Durch sie wurde sein bereits unwiderstehliches Gesicht sogar noch unvergesslicher.

Ailsas Herz begann zu hämmern, als sie die Narbe sah, und ihr Magen verkrampfte sich, als sie daran dachte, wie das passiert war. Einen Moment lang fühlte sie sich gefangen in dieser düsteren Erinnerung, merkte dann aber, dass Jake sie anstarrte und darauf wartete, dass sie ihn begrüßte. „Hallo, Jake. Es ist schon ziemlich lange her, dass wir uns zuletzt gesehen haben.“ Warum hat er mich nicht vorgewarnt, dass sich etwas geändert hat? „Wo ist Saskia?“, fragte sie beunruhigt.

„Ich habe schon den ganzen Tag versucht, dich zu erreichen, aber es gibt keine Verbindung. Warum musst du auch hier draußen, so weit ab vom Schuss, wohnen?“

Der Ärger in seiner Stimme verlieh ihrem Herzen einen Stich, doch sie versuchte es zu ignorieren, strich sich das Haar aus dem Gesicht und verschränkte die Arme über ihrem dicken Wollpulli. Der eiskalte Wind, der ihr entgegengeschlagen war, als sie die Haustür geöffnet hatte, ging ihr durch Mark und Bein.

„Ist irgendetwas passiert?“, fragte sie besorgt. „Warum ist Saskia nicht bei dir?“ Sie blickte über seine Schulter zum Wagen und versuchte das hübsche Gesicht ihrer Tochter hinter einem der Autofenster auszumachen. Als sie merkte, dass das Auto leer war, schienen ihre Beine unter ihr nachzugeben.

„Das wollte ich dir ja am Telefon sagen. Saskia wollte noch etwas länger bei ihrer Großmutter in Kopenhagen bleiben. Sie hat gebettelt, ob sie bis Heiligabend bleiben darf. Ich habe Ja gesagt. Und weil sie sich Sorgen machte, dass du sauer sein könntest, habe ich gesagt, ich würde selbst herfahren und es dir sagen. Ich hatte schon gehört, dass das Wetter schlecht sein soll, aber ich hatte keine Ahnung, dass es so schlimm ist.“ Er strich sich ungeduldig den Schnee aus dem blonden Haar.

Ailsa wusste zunächst gar nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie hatte so viele Pläne gehabt, was sie mit Saskia bis Weihnachten noch alles unternehmen wollte, und die würden jetzt alle ins Wasser fallen. Tiefe Enttäuschung breitete sich in ihr aus.

Sie hatte mit Saskia zum Shoppen nach London fahren und dort in einem schicken Hotel übernachten wollen, damit sie zusammen ins Theater und essen gehen konnten. Der Weihnachtsbaum, den sie bestellt hatte, war gestern geliefert worden. Er stand einsam und ungeschmückt im Wohnzimmer und wartete nur darauf, mit all dem glitzernden Weihnachtsschmuck behängt zu werden.

Sie hatte sich ausgemalt, ihn mit Saskia gemeinsam zu schmücken und dabei Weihnachtslieder zu hören. Dass ihre geliebte Tochter erst Heiligabend zurückkommen würde, war für sie unvorstellbar.

Die Tage bis Weihnachten erinnerten sie immer wieder daran, wie einsam sie sich fühlte, ohne die Familie, von der sie einmal umgeben gewesen war … Jake und Saskia. Die vergangene Woche ohne Saskia war ihr schon schwer genug gefallen.

„Wie konntest du mir das antun?“, brach es aus ihr heraus. „Sie ist schon seit einer Woche bei euch! Ich habe mich fest darauf verlassen, dass du sie heute wieder zurückbringst.“

Jake zuckte nur lakonisch mit den breiten Schultern. Sein eleganter schwarzer Mantel war mit Schnee bedeckt. „Willst du denn nicht, dass unsere Tochter Zeit mit ihrer Großmutter verbringt, besonders jetzt, wo mein Vater vor Kurzem gestorben ist? Saskia schafft es wie sonst niemand, sie aufzuheitern.“

Ailsa zweifelte nicht daran, denn sie kannte die fröhliche und quirlige Art ihrer Tochter. Aber das machte es für sie auch nicht leichter. Obwohl sie verärgert war, wurde ihr schwer ums Herz, als sie daran dachte, dass Jakes Vater gestorben war.

Jacob Larsen war ein imposanter Mann gewesen, der manchmal zwar etwas einschüchternd gewirkt hatte, aber er hatte Ailsa immer sehr respektvoll behandelt. Als Saskia auf die Welt gekommen war, hatte er mit ihr angegeben und überall lauthals verkündet, dass seine Enkelin das allerschönste Baby auf der ganzen Welt sei.

Wie traurig es wohl für Jake sein musste, dass Jacob nicht mehr lebte. Ihre Beziehung war zwar nicht immer einfach gewesen, doch sie hatte nie daran gezweifelt, dass Jake seinen Vater geliebt hatte.

Das Schneegestöber war dichter geworden, und Ailsa fühlte sich elend. „Es tut mir leid, dass du deinen Vater verloren hast. Ich habe ihn sehr gemocht. Aber Saskia ist schon lange genug weg. Verstehst du denn nicht, dass ich sie jetzt so kurz vor Weihnachten gern bei mir hätte? Ich hatte so viele Pläne mit ihr …“

„Leider muss man manchmal seine Pläne ändern. Deine Tochter ist bei meiner Mutter in Kopenhagen gut aufgehoben, und du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“ Jake wies mit dem Daumen auf die mit Schnee bedeckten Zedern, die die Straße am Ende der Auffahrt hinter ihm säumten.

„Die Polizei hat die Straße hierher gesperrt und die Autofahrer gewarnt, nur weiterzufahren, wenn sie unbedingt müssten. Sie haben mich auch bloß durchgelassen, weil ich gesagt habe, dass du dich aufregen würdest, wenn ich dir nicht persönlich erkläre, wo Saskia ist. Selbst mit dem Geländewagen bin ich kaum durchgekommen. Es wäre verrückt, heute Abend noch zu versuchen, zum Flughafen zurückzufahren.“

Ailsa hatte das Gefühl, als würde sie aus einem Traum erwachen. Erst jetzt bemerkte sie, dass Jake halb erfroren aussah. In ein paar Minuten würden seine wohlgeformten Lippen sicher blau werden. Die Vorstellung, Zeit mit ihrem Exmann verbringen zu müssen, war für sie zwar schwierig, aber in diesem Fall musste sie ihn wohl oder übel hereinbitten und ihm etwas Heißes und ein Bett für die Nacht anbieten. „Na, dann komm mal rein.“

„Danke für den warmherzigen Empfang“, antwortete er süffisant, als er näher trat.

Seine kühle Antwort ärgerte sie. Sie hatten sich zwar nicht im Bösen getrennt, doch ihre Scheidung knapp ein Jahr nach dem schrecklichen Unfall, bei dem sie ihr lang ersehntes zweites Kind verloren hatten, war auch nicht gerade freundschaftlich verlaufen. Es hatte Streit gegeben. Verletzende, schmerzliche Worte waren gefallen, die sich tief in ihre Seelen eingegraben hatten.

Aber selbst jetzt, wenn sie an diese entsetzliche Zeit dachte, als ihre Ehe auseinandergegangen war, war das für sie alles verschwommen. Sie war damals vor Schmerz und Traurigkeit wie gelähmt gewesen, unfähig, irgendetwas gegen den tiefen Kummer zu tun, der nicht aufhören wollte.

Vier lange und schwierige Jahre hatte sie ohne Jake gelebt. Saskia war bei ihrer Trennung erst fünf gewesen. Und noch heute hörte Ailsa oft in Gedanken und in ihren Träumen nachts immer wieder Saskias Frage: „Warum hat Dad uns verlassen, Mummy?“

Entschuldigend verzog sie das Gesicht. „Ich wollte nicht unhöflich sein, ich bin nur etwas verärgert, das ist alles. Komm ins Haus, ich mache dir etwas zu trinken.“

Er ging an ihr vorbei in den Flur, und als sie die vertraute holzige Note seines teuren Rasierwassers roch, zog sich alles in ihr zusammen. Sie atmete tief durch und schloss schnell die Tür vor der arktischen Kälte draußen.

Jake hatte ihr Landhaus, das aus dem 16. Jahrhundert stammte, noch nie von innen gesehen. Neugierig blickte er sich um. Er musste zugeben, dass es urgemütlich war. Die Wände des schmalen Flurs waren mit einem bunten Muster aus zarten Blumen bedruckt, dazwischen hingen wunderschöne gerahmte Fotos von Saskia als Baby und als Kleinkind und ein paar neuere Aufnahmen von ihr als Neunjährige. Man konnte bereits jetzt erkennen, wie außergewöhnlich schön sie einmal werden würde.

An der Wand bei der geschliffenen Eichentreppe stand eine französische Standuhr, deren gleichmäßiges Ticken die friedliche Stille unterstrich. Eine friedliche Stille, die Jake bisher im Leben immer versagt zu sein schien.

Das kleine Haus fühlte sich für ihn viel mehr wie ein Zuhause an als das luxuriöse Penthouse, in dem er sich aufhielt und rastlos umherwanderte, wenn er in London war, oder das elegante Stadthaus in Kopenhagen. Nur in dem weiß getünchten Haus seiner Mutter, das aus der Jahrhundertwende stammte und am Stadtrand lag, fühlte er sich so wohl wie hier bei Ailsa.

Sie hatte das Landhaus kurz nach ihrer Trennung gekauft, und Jake war sehr verärgert gewesen, weil sie es hartnäckig abgelehnt hatte, als er ihr und Saskia ein größeres und vornehmeres kaufen wollte.

„Ich möchte nichts Vornehmes“, hatte sie geantwortet und ihn mit ihren bernsteinfarbenen Augen angesehen, als würde sie noch daran verzweifeln, weil er sie nie verstand. „Ich möchte etwas, das sich wie ein Zuhause anfühlt.“

Jake erinnerte sich schweren Herzens, dass sie in dem Haus in Primrose, das sie kurz nach ihrer Heirat gekauft hatten, beide nicht mehr glücklich gewesen waren, nachdem ihnen durch diesen grausamen Unfall ihre leidenschaftliche Liebe entrissen worden war.

„Gib mir deinen Mantel.“

Mit eiskalten Fingern reichte Jake ihr seinen feuchten Mantel. Er konnte nicht anders, aber das goldene Strahlen ihrer außergewöhnlich schönen Augen hielt seinen Blick einen Moment lang gefangen. Ihre Augen hatten ihn immer schon fasziniert, und das war heute noch genauso. Er bemerkte, wie sie schnell wieder wegblickte.

Er zog die Schuhe aus und ließ sie an der Tür stehen. Ailsas zierliche Füße steckten in schwarzen Samthausschuhen.

„Komm, wir gehen ins Wohnzimmer. Da steht ein Holzofen, und dir wird schnell warm werden.“

Während er ihr wortlos folgte, versuchte Jake seine Gefühle in den Griff zu kriegen. Er hätte so gern eine Hand ausgestreckt und Ailsas dunkle Locken berührt, die über ihren schmalen Rücken fielen. Sofort vergrub er die Hände tief in den Taschen, um diesem Drang besser widerstehen zu können.

Im Wohnzimmer war es warm und gemütlich. Ein großer Holzofen stand in der Mitte. Es gab zwei große rote Sofas, auf denen Wolldecken und Kissen ausgebreitet waren, und auf dem Holzboden lag ein Teppich in warmen Rot- und Goldtönen. Ein viktorianischer Sessel am Feuer lud zum Verweilen ein.

Zwei Bücherregale, vollgestellt mit Büchern, säumten die Wände auf beiden Seiten des Zimmers, und in einer Ecke stand ein Weihnachtsbaum, der nur noch geschmückt werden musste.

Jake bekam ein schlechtes Gewissen.

„Setz dich. Ich mache uns etwas Warmes zu trinken, es sei denn, du möchtest lieber einen Brandy.“

„Seit damals trinke ich keinen Alkohol mehr. Aber ein Kaffee wäre toll. Danke.“ Jetzt war er es, der schnell wegblickte. Ihm war jedoch nicht entgangen, dass Ailsa überrascht die Augenbrauen hochgezogen hatte.

„Gut, dann einen Kaffee“, sagte sie und ging aus dem Zimmer.

Jake seufzte tief, als er sich auf eines der Sofas setzte. Eine Weile lang beobachtete er die immer dichter werdenden Schneeflocken, die vor dem Fenster herumwirbelten. Wenn seine Tochter hier gewesen wäre, hätte sie ununterbrochen mit ihnen geredet.

Er stellte sich vor, wie sie auf dem Teppich sitzen und mit ihren Puppen spielen würde. Sie hatte eine lebhafte Fantasie und malte sich gern ihre eigene kleine Welt aus. Bis zu ihrem fünften Lebensjahr war ihr Alltag immer wohlbehütet und sicher gewesen. Dann hatte sich alles auf einmal für sie verändert, als er und Ailsa auseinandergegangen waren.

Er hatte nicht gemerkt, dass Ailsa wieder ins Zimmer gekommen war. Sie stand mit einer Tasse Kaffee direkt vor ihm. Jake nahm sie dankbar entgegen. „Genau das Richtige.“ Sein Lächeln misslang.

„Wie kommt deine Mutter mit dem Tod deines Vaters zurecht?“

Er beobachtete, wie seine hübsche Exfrau das Zimmer durchquerte. Ihr anmutiger Gang faszinierte ihn. Wie eine Balletttänzerin glitt sie durch den Raum. Ihre schlanken Oberschenkel und die schmalen Hüften kamen in den engen Jeans wundervoll zur Geltung.

Während sie sich auf der anderen Couch niederließ, versuchte er seine absurde Enttäuschung darüber zu verbergen, dass Ailsa sich nicht neben ihn gesetzt hatte. In den schmalen Fingern hielt sie eine Tasse Tee. Jake wusste, dass sie nur selten Kaffee trank. Ihm fiel auf, dass sie keine Ringe trug, und es traf ihn völlig unerwartet, dass sie sogar den Ehering abgelegt hatte – was ihn wieder schmerzhaft daran erinnerte, dass ihre Ehe endgültig Vergangenheit war.

Er räusperte sich und versuchte, sich wieder hinter die Schutzmauer zurückzuziehen, die er in den letzten vier Jahren, in denen er ohne sie gewesen war, um sich herum aufgebaut hatte. „Nach außen hin scheint es ihr ganz gut zu gehen“, antwortete er. „Aber wie es wirklich in ihr aussieht, ist eine andere Sache.“ Ich könnte genauso gut über mich selbst sprechen, dachte er.

„Dann ist es ja vielleicht ganz gut, wenn Saskia ein bisschen länger bei ihr bleibt. Wie lange ist es her, dass dein Vater gestorben ist? Sechs Monate? Oder noch länger?“

„Er starb ungefähr vor einem halben Jahr.“ Der Kaffee war sehr heiß, und Jake verzog das Gesicht, als er sich daran die Zunge verbrannte.

Ailsa schien ihm ein Friedensangebot machen zu wollen, indem sie sich nicht darüber aufregte, dass ihre Tochter länger bei ihrer Großmutter blieb und ihre Pläne für die Vorweihnachtszeit durchkreuzt worden waren.

Aber Jake hatte keinesfalls die Absicht, es anzunehmen. Er ärgerte sich, dass Ailsa offenbar gut ohne ihn zurechtkam. Besser als er ohne sie.

„Und was ist mit dir?“, fragte sie ihn mit leiser Stimme und lehnte sich besorgt nach vorn.

„Was soll mit mir sein?“

„Wie kommst du mit dem Tod deines Vaters zurecht?“

„Ich bin ein viel beschäftigter Mann und mache mittlerweile weltweit Geschäfte mit der Vermögensverwaltung. Da habe ich keine Zeit, mir länger über etwas Gedanken zu machen. Alles, was für mich zählt, sind meine Arbeit und meine Tochter.“

„Soll das heißen, dass du dir nicht mal die Zeit genommen hast, um deinen Vater zu trauern? Das ist bestimmt nicht gut für dich.“

„Manchmal müssen wir alle pragmatisch sein.“ Jake stellte seine Tasse auf dem Beistelltisch neben der Couch ab. Seine Miene verhärtete sich. Ailsa hatte schon immer alles ganz genau wissen wollen. Aber er wollte ihr nicht mehr sein Herz ausschütten; das hatte er lange genug getan. Die Trennung hatte tiefe Narben in seiner Seele hinterlassen.

„Ich weiß, dass ihr euch nicht gut verstanden habt“, sagte Ailsa sanft. „Aber ich dachte, dass sein Tod dich vielleicht dazu gebracht hätte, über die positiven Dinge in eurer Beziehung nachzudenken.“

„Wie ich schon sagte, ich bin sehr beschäftigt. Er ist tot, und das ist traurig, aber er hat mir beigebracht, über meinen Gefühlen zu stehen und mit dem fertigzuwerden, was als Nächstes ansteht. Das hat mir immer mehr geholfen, über die Höhen und Tiefen im Leben hinwegzukommen, als mich in meinem Schmerz zu suhlen. Wenn du da anderer Meinung bist, dann tut mir das leid, aber so ist das nun mal bei mir.“

Er spürte, wie Ärger und Unverständnis über sich selbst in ihm hochkamen. Insgeheim hatte er für diese Haltung nach außen hin nur Verachtung übrig. Sein Vater war tot, und Jake bereute, dass sie nicht besser miteinander ausgekommen waren und sich nicht mehr Zeit für die Dinge genommen hatten, die wirklich im Leben zählten. Das konnte er jedoch nicht zugeben, ohne eine Schwäche zu zeigen.

Aber auch Ailsa schien in den letzten Jahren einiges mitgemacht zu haben. Seit der Scheidung vor vier Jahren war sie schlanker geworden, und um ihren niedlichen Mund herum zeichneten sich feine Linien ab, die vorher noch nicht da gewesen waren. Vielleicht ging es ihr doch nicht so gut.

Er hätte zu gern gewusst, wie ihr wirklich zumute war. Saskia hatte ihm erzählt, dass ihre Mutter viel in ihrem Geschäft für Bastelbedarf arbeitete. Selbst an den Wochenenden war sie meistens dort. Eigentlich hätte sie überhaupt nicht arbeiten müssen. Der Unterhalt, den er ihr laut Scheidungsvereinbarung zahlte, war großzügig, das hatte er so gewollt. „Warum arbeitest du so viel?“, rutschte es ihm unbeabsichtigt heraus.

„Was?“

„Saskia hat mir erzählt, dass du Tag und Nacht in deinem Bastelladen stehst.“

„Bastelladen?“, wiederholte Ailsa beleidigt. „Ich führe ein florierendes Geschäft, das mich auf Trab hält, wenn ich Saskia nicht gerade von der Schule abhole oder mich sonst um sie kümmere, und das gefällt mir auch sehr gut.“ Sie sah ihn vorwurfsvoll an.

„Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen, nachdem wir uns getrennt haben, Jake? Depressiv herumsitzen und Däumchen drehen? Oder hast du vielleicht gedacht, dass ich mir von deinen Unterhaltszahlungen ständig neue Klamotten kaufe? Oder mir einen schnellen Flitzer zulege? Oder regelmäßig Innenausstatter kommen lasse, die das Haus umgestalten?“

Erschöpft rieb er sich übers Gesicht. Gleichzeitig erschreckten ihre Worte ihn irgendwie. Als er Ailsa damals kennengelernt und geheiratet hatte, hätte er nie gedacht, dass sie mal eine Geschäftsfrau sein würde. „Schön, dass dein Geschäft floriert. Und was du mit dem Geld machst, ist deine Sache, solange du dich gut um Saskia kümmerst, während sie bei dir ist. Mir ist nur aufgefallen, dass du müde aussiehst und ziemlich abgenommen hast, deshalb habe ich gefragt. Ich möchte nicht, dass du dich so abarbeitest, wenn es nicht sein muss.“

Ihr Blick verdunkelte sich, und sie umfasste ihre Teetasse fester. „Ich arbeite mich nicht ab. Vielleicht sehe ich müde aus, weil ich manchmal einfach nicht so gut schlafen kann, das ist alles. Das kommt teilweise noch von dem Unfall. Aber ich will mich nicht beklagen. Ich versuche Schlaf nachzuholen, wann immer ich kann – und wenn es mitten am Tag ist.“

Jake schien plötzlich keine Luft mehr zu bekommen. Er hatte das Gefühl, als hätte ein Schwergewichtsboxer ihm die Faust in den Magen gerammt. Die Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum, und es dauerte etwas, bis er sich gesammelt hatte. „Schon vor Jahren habe ich dir gesagt, dass du zum Arzt gehen und dir ein wirksames Schlafmittel verschreiben lassen sollst. Warum hast du das nicht getan?“

Sie schüttelte den Kopf, und ihr langes kastanienbraunes Haar verlieh ihrem Gesicht einen warmen Glanz. „Ich war bei so vielen Ärzten, dass ich ein für alle Mal von ihnen genug habe. Und solange die Forschung noch keine Methode entwickelt hat, die mir hilft, schmerzhafte Erinnerungen zu vergessen – die sind es nämlich, warum ich nachts nicht schlafen kann –, muss ich einfach so weitermachen wie bisher. Ist das nicht genau das, wofür auch du plädierst?“

„Mein Gott!“ Jake stand auf. Wie sollte er bloß den Schmerz ertragen, den er in ihrer Stimme hörte? Den Schmerz, für den er sich verantwortlich fühlte.

Es war ein Betrunkener gewesen, der an jenem dunklen regnerischen Abend in ihr Auto gefahren war und ihre Welt so abrupt zum Stillstand gebracht hatte. Aber er, Jake, hätte irgendetwas tun sollen, um den Unfall zu vermeiden. Manchmal hörte er nachts, wenn er sich im Halbschlaf herumwälzte, immer noch seine Frau im Auto neben ihm vor Schmerzen und vor Schock stöhnen.

In seinem Ehegelöbnis hatte er ihr versprochen, sie immer zu lieben und zu beschützen, und an diesem schrecklichen Dezemberabend hatte er das nicht getan. Nein. Er war nur heilfroh, dass Saskia an dem Abend bei seinen Eltern und nicht mit ihnen im Auto gewesen war. Den Gedanken, dass seine Tochter unter Umständen genauso schwer verletzt worden wäre wie ihre Mutter, konnte er nicht ertragen.

Was bin ich bloß für ein Masochist, dachte er. Warum war er überhaupt selbst hergekommen? Etwa, um Ailsa zu sagen, dass Saskia länger bei seiner Mutter bleiben würde? Dafür hätte er auch seinen Chauffeur Alain herschicken können.

Das hatte er doch in den vergangenen vier Jahren auch immer so gemacht, um nicht der Frau, die einmal seine große Liebe gewesen war, persönlich gegenübertreten zu müssen. Hatte er das nicht absichtlich immer so arrangiert, damit er mit ihr nicht über die eigentlichen Gründe reden musste, die sie auseinandergerissen hatten, vielleicht sogar noch mehr als der Unfall selbst?

Seufzend fuhr er sich durchs Haar. Er würde nur die eine Nacht hierbleiben. Sobald die Straßen wieder passierbar waren, würde er zum Flughafen fahren und nach Kopenhagen zurückfliegen. Dort wollte er ein oder zwei schöne Tage mit seiner Tochter und seiner Mutter verbringen und anschließend wieder zum luxuriösen Hauptsitz von „Larsen and Son“, einer internationalen Vermögensverwaltung, zu seiner Arbeit zurückkehren.

„Im Auto ist eine Reisetasche. Ich habe sie für alle Fälle mitgebracht. Bin gleich wieder da.“ Als er an der Tür angelangt war, drehte er sich noch mal um und betrachtete die schlanke, stille Frau, die da auf der Couch saß. Achselzuckend sagte er: „Keine Sorge. Ich verspreche dir, dass ich nicht lange bleiben werde. Sobald die Straßen geräumt sind, bin ich wieder weg.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Jake auf den Flur hinaus.

Ailsa biss sich auf die Unterlippe, konnte die Tränen aber trotzdem nicht unterdrücken. „Warum nur?“, murmelte sie verlassen. „Warum kommst du jetzt hierher und bringst alles durcheinander? Es geht mir gut ohne dich. Wirklich!“

Die unendliche Trauer, die sie jedes Mal überfiel, wenn von Jake oder dem Unfall die Rede war, entmutigte sie. Und seine Anwesenheit machte es nur noch schwerer. Entschlossen verwarf sie diese traurigen Gedanken und stieg die Treppe zum ersten Stock hoch, um das Bett im Gästezimmer für ihren Exmann frisch zu beziehen.

Im Vorbeigehen stieß sie die Tür des Zimmers ihrer Tochter auf und warf einen kurzen Blick hinein. Die rosa Wände waren voller Poster mit Figuren aus irgendwelchen Kindersendungen. Dazwischen hingen aber auch zwei Poster eines Teenageridols.

Ailsa schüttelte den Kopf. Sie konnte gar nicht glauben, dass ihre Tochter schon so groß war. Wie schnell doch die Zeit verging. Viel zu schnell. Wäre es für Saskia vielleicht besser, wenn Jake und ich uns beide gemeinsam um sie kümmerten? fragte sie sich.

Wie so oft stiegen Zweifel in ihr hoch, ob sie wirklich eine gute Mutter war. Aber dachten so nicht alle Eltern, die sich um das Wohlergehen ihrer Kinder sorgten? War es falsch, eine Karriere anzustreben? Auf eigenen Füßen stehen zu wollen, statt abhängig von ihrem Mann zu sein?

Was Jake betraf, zweifelte sie daran, ob es vielleicht einfach nur total egoistisch von ihr gewesen war, ihn von sich gestoßen und so dazu gebracht zu haben, die Scheidung einzureichen. Vielleicht hätte sie mehr mit ihm reden müssen. Sie erinnerte sich traurig daran, dass das Verhältnis zwischen ihnen zum Schluss so schlecht gewesen war, dass sie sich kaum in die Augen sehen konnten.

Sie hörte, wie unten die Haustür aufging und dann zugeschlagen wurde, und ging schnell ins Gästezimmer. Auf dem altmodischen Gästebett lagen alle möglichen Handarbeits- und Bastelsachen aus ihrem Laden verstreut, die sie schnell zusammenraffte und auf den hübschen kleinen Schreibtisch in der Ecke legte.

Morgen würde sie die bunten Utensilien in ihr beheiztes Atelier im Garten bringen, wo sie auch alle Designs entwarf und die Materialien aufbewahrte. Jetzt wollte sie nur schnell das Bett machen, damit Jake seine Sachen auspacken konnte.

Als sie das blütenweiße Laken auseinanderfaltete, merkte sie, dass ihre Hände zitterten. Es war schon sehr lange her, dass sie mit ihrem Exmann unter einem Dach geschlafen hatte. Sie waren einander mal so vertraut gewesen – nichts hätte sie auseinanderbringen können.

Am Abend war sie oft in seinen Armen eingeschlafen, nachdem sie sich geliebt hatten, und am Morgen in derselben Stellung wieder aufgewacht. Alles in ihr krampfte sich zusammen vor Schmerz und Reue, als sie daran dachte, was sie beide verloren hatten. Sie hatte das Gefühl, an den Erinnerungen zu ersticken, die Jakes Auftauchen in ihr geweckt hatte.

„Das wird schon“, beruhigte sie sich selbst. „Es ist ja nur für eine Nacht. Morgen ist er wieder weg.“ Aber als sie aus dem Fenster blickte und die dichten Schneeflocken sah, die noch immer ununterbrochen vom Himmel herabwirbelten, krampfte sich ihr Magen zusammen. Vielleicht irrte sie sich auch.

Jake war nach oben gegangen, um zu duschen und sich umzuziehen. Ailsa stand in der Küche und überlegte, was sie zum Abendessen kochen sollte. Sie hatte für Saskia und sich selbst ein einfaches Nudelgericht machen wollen, aber würde das auch Jakes Ansprüchen genügen? Er liebte gutes Essen und die schönen Dinge des Lebens und war selbst ein überraschend guter Koch. Auch aus diesem Grund war sie etwas nervös, wieder für ihn zu kochen.

Sie war keine besonders gute Hausfrau, und während ihrer Ehe war Jake ihren Kochkünsten gegenüber immer geduldig und mit viel Humor begegnet. Meistens hatte das dazu geführt, dass er vorschlug, stattdessen in einem seiner Lieblingsrestaurants essen zu gehen.

Er hatte auch mehrmals angeregt, einen Koch einzustellen, aber Ailsa hatte immer erwidert, dass sie gern für ihren Mann und ihre Tochter kochen würde. Tief im Innersten war sie sehr traditionsbewusst, und wenn sie nicht für sie gekocht hätte, hätte sie das Gefühl gehabt, als Mutter und Ehefrau versagt zu haben.

Sie war in einem Kinderheim aufgewachsen, daher war ihr größter Wunsch immer gewesen, eine eigene Familie zu haben.

Eine Dachlawine stürzte krachend vor dem Fenster hinunter. Ailsa schreckte aus ihren Tagträumen hoch und griff zum Telefonhörer. Nichts. Keine Verbindung. Sie sehnte sich danach, Saskias helle Kinderstimme zu hören und von ihr direkt zu erfahren, ob sie bei ihrer Großmutter in Kopenhagen auch wirklich glücklich war.

Ailsa griff nach ihrer Küchenschürze und schaltete den Herd ein. Dann putzte sie vier große Kartoffeln, stach Löcher in deren Schalen und legte sie auf ein Backblech. Sie hatte noch Hackfleisch im Kühlschrank und wollte Chili con Carne kochen. Sie musste Zwiebeln und etwas Knoblauch klein schneiden und in der Pfanne andünsten. Danach würde sie die Soße, die sie eigentlich für die Nudeln vorbereitet hatte, und eine Dose Kidneybohnen hinzufügen, und schon wäre das Chili fertig. Sie hatte das Rezept schon oft gemacht, und da würde sicher nichts schiefgehen.

„Du bist ja schwer beschäftigt.“

Die heisere Männerstimme hinter ihr hätte Ailsa fast zu Tode erschreckt. Als sie sich umdrehte, blickte sie direkt in die tiefblau glitzernden Augen von Jake, und sie fühlte sich auf einmal ganz schwach. „Ich bereite uns nur schnell etwas zum Abendessen.“

„Mach dir meinetwegen keine große Mühe.“

„Das ist keine große Mühe. Und wir müssen ja schließlich beide etwas essen, oder?“

Er ließ seinen Blick über die Zutaten schweifen und zuckte mit den Achseln. „Kann ich dir helfen?“

„Geht schon, danke.“ Sie drehte sich um und griff nach dem scharfen Messer, um die Zwiebeln zu schneiden.

Jake trug einen burgunderroten Pullover und eine schwarze Hose. Sein Haar war noch feucht vom Duschen und schimmerte golden.

Ailsa hatte Mühe, die Hand beim Schneiden der Zwiebeln ruhig zu halten, und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. „Als wir noch zusammen waren, konnte ich nicht besonders gut kochen, aber inzwischen habe ich viel dazugelernt. Du wirst überrascht sein.“

Jake antwortete nicht gleich. Als Ailsa hörte, wie er tief seufzte, verspannte sie sich.

„Wie kommst du darauf, dass du nicht besonders gut kochen konntest?“

„Na ja, du hast früher meistens vorgeschlagen, dass wir ins Restaurant gehen, wenn ich gekocht hatte. Das war ja wohl eindeutig.“

Ohne zu antworten, stellte Jake sich nun neben sie, nahm ihr vorsichtig das Messer aus der Hand, legte es auf das Schneidebrett und drehte Ailsa zu sich um. „Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals den Vorschlag gemacht zu haben, ins Restaurant zu gehen, wenn du schon stundenlang gekocht hattest. Und wenn doch, dann nur, um dir mal eine Pause zu gönnen. Du hast damals tolle Sachen gekocht, Ailsa.“ Er grinste. „Immerhin habe ich deine Kochkünste überlebt.“

Was haben sein schiefes Lächeln und seine durchdringenden Augen nur an sich, das mich so dahinschmelzen lässt? Ihr Atem geriet ins Stocken, und ihr Herz schlug bis zum Hals.

2. KAPITEL

Es tat Jake weh, dass Ailsa all die Jahre lang gedacht hatte, er hätte sie für eine schlechte Köchin gehalten und ihre Bemühungen nicht anerkannt. Während er sie beobachtete, spürte er ganz deutlich eine Spannung zwischen ihnen.

„Ja, du bist immer noch da.“

„Zwar vom Kampf gezeichnet, aber ich lebe“, fügte er scherzend hinzu.

Ailsas Lächeln verflog. „Mach bloß keine Witze darüber.“ Ihr Ton wurde weicher, als sie ihn fragte: „Stört dich die Narbe immer noch?“

Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, wie immer, wenn seine Narbe erwähnt wurde. Sofort nahm er wieder eine Abwehrhaltung an und spottete: „Du meinst, ob ich mir Sorgen mache, dass sie meinem guten Aussehen schadet? Ich habe die Narbe seit vier Jahren und mich daran gewöhnt. Die Damenwelt behauptet, sie verleihe mir etwas Piratenhaftes.“

„Die Damenwelt?“

„Wir sind seit vier Jahren geschieden, Ailsa. Hast du ernsthaft gedacht, ich würde ewig allein bleiben?“

„Hör auf damit! Das habe ich nicht verdient. Ich wollte lediglich wissen, ob dir die Narbe noch etwas ausmacht.“

„Nur, wenn ich daran denke, was sie verursacht hat, und daran, was wir an diesem Tag verloren haben.“

Ailsa antwortete nicht, aber Jake sah die tiefe Qual in ihren Augen.

Seine Worte hatten sie verwirrt. „Ich koche uns jetzt lieber etwas, sonst gibt’s heute gar nichts mehr zu essen. Warum gehst du nicht ins Wohnzimmer und machst es dir gemütlich?“

„Gute Idee“, murmelte er und verließ die Küche. Er war froh, dass er Gelegenheit haben würde, seine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen, damit ihm nicht noch etwas herausrutschte, das Ailsa verletzen könnte.

In der Mitte des rustikalen Esszimmers stand ein massiver Esstisch aus Eiche, auf dem mehrere weiße Kerzen in verschiedenen Größen angezündet waren, die dem Raum, besonders jetzt, da es draußen schon dunkel war, eine warme und einladende Atmosphäre verliehen.

Vor dem Fenster wirbelten immer noch Schneeflocken herum. Früher, als sie noch verheiratet gewesen waren, hätte Jake diese Stimmung sicher als intim und kuschelig empfunden. Aber seine Exfrau wollte ganz sicher keine peinliche Situation schaffen. Sie hatte schon immer beim Abendessen Kerzen angezündet, egal zu welchem Anlass.

In dem Kinderheim, in dem sie aufgewachsen war, hatte es kein Kerzenlicht gegeben, und sie hatte sich jahrelang danach gesehnt. Jake musste sich eingestehen, dass sie während ihrer Ehe leider nicht oft über ihre Kindheitserlebnisse gesprochen hatten.

Er setzte sich an den Tisch, während sie noch mal kurz hinausging, um das Essen zu holen. Erst als sie den Teller mit dem herrlich duftenden Chili vor ihm hinstellte, bemerkte er, wie hungrig er war. Mit großem Genuss fing er an zu essen.

„Woran denkst du?“

Sofort krampfte sich sein Magen zusammen, als er den leicht besorgten Ton in ihrer Stimme vernahm. Er versuchte zu lächeln. Ailsa saß ihm gegenüber, und ihr langes Haar schimmerte kupferfarben im flackernden Licht der Kerzen. Sie hatte eine betörende Wirkung auf ihn, und er spürte, wie sich langsam eine lustvolle Wärme in ihm ausbreitete. Mit heiserer Stimme antwortete er: „Es schmeckt vorzüglich. Das tut gut nach so einer langen Reise.“

„Möchtest du Wasser oder Saft dazu?“

Jake nickte. „Wasser wäre schön. Danke.“

Irgendwie schienen sie eine stillschweigende Vereinbarung getroffen zu haben, während des Essens nicht zu reden. Erst als er seinen Teller bis zum letzten Rest leer gegessen hatte, unterbrach Ailsa das Schweigen.

„Hat es in Kopenhagen geschneit?“

„In den letzten paar Tagen ein bisschen, aber nicht so wie hier.“

„Da freut sich Saskia sicher, sie liebt den Schnee. Sie wünscht sich weiße Weihnachten.“

„Tut mir leid, dass ich sie heute nicht mit zu dir nach Hause gebracht habe.“

Ailsa antwortete nicht sofort. In ihren bernsteinfarbenen Augen sah er eine tiefe Enttäuschung, vielleicht auch etwas Wut. Er seufzte, um die Spannung loszuwerden, die sich in ihm breitgemacht hatte.

Ailsa kämpfte gegen die aufkommenden Tränen an. „Ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber ich hatte sehr viele Pläne für Weihnachten. Ich habe sogar meinen Kunden gesagt, sie sollen ihre Bestellungen früher machen, weil ich mir die Woche vor Weihnachten freinehmen wollte, um mit meiner Tochter zusammen zu sein. Es tut mir wirklich leid für deine Mutter, dass dein Vater gestorben ist, aber sie ist nicht die Einzige, die trauert.“

„Trauert?“, fragte er verständnislos.

„Hast du denn vergessen, was heute für ein Tag ist?“ Sie blickte ihn unnachgiebig an, und ihre Finger gruben sich tief in die weiße Serviette neben ihrem Teller. „Es ist der Todestag unseres Babys, der Tag des Unfalls. Deshalb wollte ich, dass Saskia heute hier ist. Dann könnte ich ihr meine ganze Aufmerksamkeit widmen und würde nicht so viel darüber nachdenken.“

Jake fühlte sich jetzt, seit er Ailsa nach so langer Zeit wiedergesehen hatte, zum zweiten Mal völlig erschöpft. Dann wurde er plötzlich von einer Fülle unverarbeiteter Emotionen gepackt. Er hatte das Gefühl, jemand habe ihn in eine dunkle fensterlose Zelle gesperrt und den Schlüssel weggeworfen.

„Ich habe mir das Datum nie aufgeschrieben“, gestand er, und seine trockene Kehle brannte. „Vermutlich, weil ich keinen verdammten Jahrestag brauche, der mich daran erinnert, was wir an dem Tag verloren haben!“ Er sprang auf, ging zum Fenster und starrte auf das dichte Schneetreiben. Nur ganz flüchtig nahm er wahr, wie Ailsa ihren Stuhl verrückte.

„Wir haben seit Jahren nicht mehr über das geredet, was passiert ist. Seit der Scheidung schon nicht mehr“, sagte sie leise.

„Und du denkst, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist?“ Er wirbelte heftig herum. Ailsa stand mit verschränkten Armen und resolutem Gesichtsausdruck vor ihm. Er bemerkte aber, wie ihre Unterlippe verräterisch bebte.

„Nur weil heute der Todestag von Thomas ist, will ich …“

Jake hatte das Gefühl, seine Knie würden unter ihm nachgeben, als sie ihn daran erinnerte, dass sie ihrem Baby einen Namen gegeben hatten. Dadurch wurde alles viel erschreckender und wirklicher. „Nenn ihn nicht so. Unser Sohn war noch nicht einmal geboren, als er starb!“ Ohne Namen war er lediglich ein ungeborener Fötus. Nur auf diese Weise hatte Jake über all die Jahre hinweg mit der Tragödie fertigwerden können.

Ailsa sah ihn entsetzt an. „Aber wir haben ihm einen Namen gegeben, Jake. Einen Namen und einen Grabstein, weißt du das nicht mehr? Ich habe gestern einen Blumenstrauß auf sein Grab gelegt. Das mache ich jedes Jahr.“

Der Friedhof, auf dem sein Sohn begraben war, lag neben einer malerischen normannischen Kirche, versteckt hinter einer schmalen Straße, nicht weit von den Büros der Firma „Larsen and Son“ entfernt. Aber Jake war seit der Beerdigung nicht mehr dort gewesen. An dem Tag war es bitterkalt gewesen, und ein eisiger Wind hatte geweht. Er würde diesen Tag am liebsten für immer aus seiner Erinnerung streichen. „Und das hilft dir tatsächlich?“

„Ja. Ich war erst im siebten Monat schwanger, als Thomas starb, aber er hat es verdient, dass wir uns an ihn erinnern, findest du nicht? Warum bist du jetzt so sauer, dass ich darüber rede? Hast du wirklich erwartet, dass du hier übernachten kannst und ich das überhaupt nicht erwähne?“

Jake war vom Schmerz überwältigt, als er an den sehnlichst erwarteten Sohn dachte, den sie auf so grausame Weise verloren hatten. Er ging zur Esszimmertür. „Ich glaube wirklich nicht, dass es etwas bringt, darüber zu reden. Du musst endlich loslassen, Ailsa. Die Vergangenheit ist vorbei – ENDE. Wir sind geschieden. Wir leben jetzt jeder unser eigenes Leben. Wer hätte gedacht, dass das schüchterne junge Mädchen, das ich mal geheiratet habe, jetzt ihr eigenes Geschäft führt? Das ist eine große Leistung, nach all dem, was passiert ist. Wir haben eine wunderschöne Tochter, für die wir dankbar sein müssen. Lassen wir das Vergangene doch einfach ruhen, ja?“

„Ja, wir haben Saskia – und ich danke Gott jeden Tag dafür, dass wir sie haben. Und ich habe ein eigenes Geschäft, und ich bin stolz darauf. Aber glaubst du wirklich, dass dieser dunkle Schatten aus der Vergangenheit einfach verschwindet, wenn wir nicht darüber reden? Wenn es so einfach wäre, darüber hinwegzukommen, meinst du dann nicht, dass ich das bereits getan hätte?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Ich hatte gedacht, dass wir mit der Scheidung einen Schlussstrich ziehen könnten und dadurch über den Tod des Babys hinwegkommen würden. Aber dem ist nicht so. Wie auch, wenn ich ein Kind verloren habe und mir nach dem Unfall keine Hoffnungen mehr auf weitere Kinder machen kann? Vielleicht kannst du so tun, als ob es nie passiert wäre, weil wir nicht mehr zusammen sind?“

Ailsa lag damit so nah an der Wahrheit, dass Jake sie nur anstarren konnte. Er hatte überhaupt keine Scheidung gewollt, hatte sie aber schließlich in die Wege geleitet, als ihn das unerträgliche Leiden und der Vorwurf, die er in den Augen seiner Frau täglich zu sehen geglaubt hatte, verrückt gemacht hatten. „Wie kann ich denn so tun, als sei es nie passiert? Jeden Tag, wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich diese verdammte Narbe und werde daran erinnert. Ist ja auch egal …“

Langsam beruhigte er sich. Endlich konnte er darüber nachdenken, was er als Nächstes tun sollte, um die quälende Erinnerung zu vertreiben, wie schwer Ailsa bei dem Unfall verletzt worden war. Sie war bewusstlos geworden, und erst viel später hatten die Ärzte mit einem Kaiserschnitt versucht, das Baby zu retten. Der Chirurg hatte Jake später erzählt, dass die Gebärmutter so verletzt gewesen war, dass das Baby nicht überlebt habe. Es sei nahezu ausgeschlossen, dass sie jemals wieder Kinder haben würde.

„Ich muss noch arbeiten, bevor ich schlafen gehe. Durch den Tod meines Vaters bin ich Vorstandsmitglied geworden, und ich habe einen Haufen Dinge zu erledigen. Danke für das Abendessen und dass ich hier übernachten kann. Das Essen war lecker. Bis morgen früh.“

Obwohl diese Entschuldigung berechtigt war, wurde er doch das Gefühl nicht los, ein jämmerlicher Feigling zu sein.

„Wenn du eine zweite Decke brauchst, in der Kommode am Fußende des Bettes liegen noch mehr.“ Ailsa versuchte die Enttäuschung darüber zu verbergen, dass Jake der Vergangenheit noch immer nicht ins Auge blicken wollte.

Insgeheim bewunderte er diese neue Stärke an ihr, und das Mitgefühl in ihrer Stimme, das er sicherlich nicht verdient hatte, rührte ihn.

„Schlaf gut, und arbeite nicht zu lang. Du bist heute viel Auto gefahren und musst müde sein.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie zum Tisch zurück und begann das Geschirr vom Abendessen abzuräumen.

Jake wusste, dass sein überraschender Besuch sie gestört und aufgeregt hatte, und er wünschte, er wäre nie hergekommen. Dann hätte er diese qualvolle Situation vermeiden können. Er spürte, wie Schuldgefühle und Reue in ihm aufkamen, und ging schnell aus dem Zimmer. Als er in dem hübsch möblierten Raum stand, in dem er die Nacht verbringen sollte, blickte er auf den Stapel Papiere, den er auf die gesteppte Überdecke des Bettes gelegt hatte. Gereizt schlug er sich auf die Brust.

Ailsa saß am Kamin und strickte, wie sie es jeden Abend tat, ehe sie zu Bett ging. Das rhythmische Klicken ihrer Stricknadeln und das Knistern des Feuers hatten eine beruhigende Wirkung auf sie. Nach der Auseinandersetzung mit Jake wusste sie, dass auch dies eine schlaflose Nacht werden würde. Manchmal saß sie bis in die frühen Morgenstunden in dem Sessel.

Wozu sollte sie ins Bett gehen, wenn sie sich sowieso nur hin und her wälzte? Sie konnte immer noch nicht richtig schlafen, und normalerweise fiel sie erst gegen fünf Uhr morgens erschöpft in den Schlaf und wachte dann zwei Stunden später völlig betäubt wieder auf.

Sie fragte sich oft, wie sie mit so wenig Schlaf auskommen und sich trotzdem um Saskia kümmern und zur Arbeit gehen konnte.

Aber heute Abend fühlte sie sich noch unruhiger, weil Jack im Gästezimmer übernachtete. Es war wunderbar, aber gleichzeitig auch schrecklich gewesen, ihn wiederzusehen. Sein Anblick hatte schon immer eine starke Wirkung auf sie gehabt.

Auch die tiefe Narbe in seinem Gesicht änderte nichts an seinem Charme und seinem guten Aussehen. Es tat ihr weh, dass er so sehr unter der Narbe litt. Insgeheim fand sie auch, dass er durch die Narbe wie ein Pirat aussah, es hatte sie aber gestört, dass andere Frauen das genauso empfanden.

Wie hatte er die leidenschaftliche Liebe, die sie mal füreinander empfunden hatten, vergessen und einfach sein Leben weiterleben können? Unvorstellbar. In ihrem Leben gab es nichts Normales. Wie hätte sie nach ihm überhaupt einen anderen Mann ansehen können?

Als sie sich kennenlernten, machte sie gerade eine Ausbildung bei der Firma Larsen. Sie war erst neunzehn, aber fest entschlossen gewesen, diese Chance, die ihr das Leben bot, zu nutzen. Sie hatte hart daran gearbeitet, den Ausbildungsplatz zu bekommen.

Jake war eines Tages durch die Drehtür eingetreten, und mit seiner leicht gebräunten Haut und seinen blonden Haaren kam er ihr wie ein Held aus einer volkstümlichen Sage vor. Einfach atemberaubend.

Ailsa hatte damals neben einer Kollegin gestanden, und als Jake auf sie zukam, hatte diese ihr zugeflüstert: „Das ist der Sohn des Chefs, Jake Larsen. Er ist aus Kopenhagen hergekommen.“ Aber selbst bevor ihre Kollegin ihr das gesagt hatte, war ihr Herz bei dem Anblick dieses attraktiven und charmanten Mannes stehen geblieben.

Kein Mann hatte sie jemals so fasziniert. Er strahlte eine natürliche Autorität aus. Er hatte sich ihr ganz herzlich vorgestellt, und obwohl sie nur eine Auszubildende war, hatte sie das Gefühl gehabt, dass sie genauso wichtig für ihn zu sein schien wie einer der Direktoren der Firma. Er hatte sie dann noch kurz angelächelt, und sie war völlig in seinen Bann geraten.

Die Holzscheite im Kamin zischten, und Ailsa blickte traurig zu dem Weihnachtsbaum in der Ecke hinüber. Er erinnerte sie irgendwie an ein schüchternes junges Mädchen auf einer Party, das darauf wartete, dass ein Junge sie zum Tanzen aufforderte. Früher hätte Jake ihr nur allzu gern beim Schmücken des Baumes geholfen und dabei laut und fröhlich zu den Weihnachtsliedern im Hintergrund mitgesungen.

Es tat ihr in der Seele weh, dass er mit ihr nicht über den Tod des Babys sprechen wollte. Ailsa hatte gehofft, dass ein solches Gespräch den Umgang miteinander erleichtern würde. Nach dem Unfall und vor ihrer Scheidung damals hatten sie nicht darüber reden können, weil sie beide zu verletzt und verärgert gewesen waren und sich gegenseitig die Schuld an allem gegeben hatten. Sie hatte gehofft, dass eine Aussprache vielleicht auch dazu beitragen könnte, nachts wieder besser schlafen zu können.

Sie seufzte. Wenn er morgen abfährt, mache ich einfach so weiter wie immer. Ist nicht so schlimm. Ich habe ja noch Saskia. Und das Geschäft läuft gut, sogar besser als je zuvor.

Sie biss sich auf die Lippen und versuchte mit aller Kraft, die Tränen zu unterdrücken. Kurz entschlossen wischte sie sich die Augen trocken und blickte nochmals zum Baum hinüber. Ihre Tochter würde vielleicht nicht da sein, um den Weihnachtsbaum mit ihr zu schmücken, aber das würde Ailsa nicht davon abhalten, es allein zu tun. Sie konnte das schließlich sehr gut.

In ihrem Geschäft entwarf und machte sie alle möglichen schönen Dinge, von Weihnachtsbaumschmuck zu selbst gestrickten Pullis und Patchworkdecken. Außerdem hatten sie und Saskia schon Sachen für die Weihnachtszeit gebastelt.

Sie spürte, wie sich ihre Laune etwas besserte, und beschloss zum ersten Mal seit Monaten, jetzt gleich nach oben ins Bett zu gehen, um zu schlafen.

Jake tastete im Dunkeln nach dem Wecker. Er stöhnte, als er sah, wie spät es war. Zu seinem großen Erstaunen hatte er ungewöhnlich tief geschlafen. Genau wie Ailsa litt auch er seit dem Unfall unter Schlafstörungen. Es war eiskalt im Zimmer, und er konnte hören, wie die Heizung ansprang.

War es hier immer so kalt am Morgen? Er wurde wütend, denn Ailsa hätte viel luxuriöser wohnen können, mit Fußbodenheizung und allem erdenklichen Komfort. Stattdessen hatte sie sich für dieses einfache einsame Landhaus entschieden. Jake hätte sich etwas Besseres für seine Tochter gewünscht.

Fröstelnd rieb er sich die kalten Hände und fragte sich, wann er wohl heute einen Flug zurück nach Kopenhagen bekommen würde. In Gedanken versunken ging er ans Fenster und hob eine Ecke vom schweren Vorhang an. Der Anblick frustrierte und enttäuschte ihn.

Soweit das Auge reichte, lag alles unter einer dicken weißen glitzernden Schneedecke. Es schneite noch immer, und ein starker Wind wirbelte den Schnee umher. Auf keinen Fall würden heute irgendwelche Flüge gehen.

„Verdammt!“

Er dachte krampfhaft nach, was er tun könnte. Es gab sicher keine Verbindung nach draußen per Telefon oder Handy, sonst hätte er seinen Hubschrauberpiloten angerufen. Das ging also auch nicht. Als er so dastand, mit nacktem Oberkörper und nur mit seiner schwarzen Schlafanzughose bekleidet, und noch überlegte, was er sonst tun könnte, klopfte es zaghaft an der Tür, und Jakes Herz begann plötzlich zu rasen.

„Jake, bist du schon wach? Möchtest du vielleicht eine Tasse Tee?“

Ohne zu antworten, riss er die Tür weit auf. Ailsa sah unglaublich jung aus, wie sie da in ihrem Morgenmantel aus roter Seide vor ihm stand. Ihr dunkles zerzaustes Haar ließ darauf schließen, dass sie unruhig geschlafen hatte. Ein altbekanntes Gefühl, sie beschützen zu müssen, kam wieder in ihm hoch. „Lass gut sein. Aber du siehst aus, als könntest du etwas Warmes vertragen“, antwortete er schroff. „Warum geht deine Heizung erst so spät an? Es ist eiskalt hier.“

„Der Heizkessel hängt an einer Zeitschaltuhr. Aber es ist ja auch kein Wunder, dass dir kalt ist, du hast ja kaum etwas an.“

Jake musste unwillkürlich lächeln. „Du weißt genau, dass ich im Bett nie viel anhabe. Oder hast du das etwa vergessen?“

„Möchtest du jetzt eine Tasse Tee, oder nicht?“, fragte sie, während sie ihren Morgenmantel enger um sich schloss. Obwohl sie das Gesicht hinter ihren Haaren verbarg, war Jake nicht entgangen, dass sie rot geworden war, und das erfüllte ihn mit Genugtuung. Es war schön, zu wissen, dass er noch immer solche Reaktionen in ihr hervorrufen konnte, trotz allem, was zwischen ihnen passiert war.

„Irgendetwas Warmes wäre sicher nicht schlecht. Ich gehe nur schnell duschen und komme dann gleich runter.“

Ailsa wandte sich zum Gehen, aber als Jake gerade die Tür hinter sich schließen wollte, drehte sie sich nochmals um. „Möchtest du auch ein großes Frühstück?“

Er zögerte, denn er hatte gerade die dunklen Ringe unter Ailsas Augen gesehen. „Bitte mach dir meinetwegen keine Umstände“, antwortete er mit belegter Stimme.

Ein Lächeln huschte über ihre hübschen Lippen, die er so gern geküsst hätte – Jake träumte immer noch ab und zu davon, wenn er daran dachte, was sie einmal verbunden hatte. „Das tue ich aber gern.“ Mit schwingenden Hüften ging sie die Treppe hinunter, und das versetzte Jake einen leichten Stich.

3. KAPITEL

Ailsa hatte im Wohnzimmer wieder Feuer gemacht und wischte sich nun die Hände an ihren Jeans ab. Als sie in den Flur trat, kam Jake gerade die Treppe herunter. Egal wie oft sie ihn schon gesehen hatte, mit ihm zusammengelebt hatte, ihn geliebt hatte, ihr Herz tat noch immer einen Sprung, jedes Mal, wenn sie ihn sah.

Er war heute Morgen viel legerer gekleidet als gestern Abend und trug hellblaue Jeans und einen schwarzen Pullover. Als er sie anlächelte, wirkten seine Augen wie ein Magnet auf sie.

„Der Tee kommt gleich. Tut mir leid, wenn das alles etwas länger dauert, aber ich musste noch Feuer machen. Hast du gut geschlafen?“

„Bestens. Das Bett ist sehr gemütlich.“

„Wenn man bedenkt, dass man sein halbes Leben im Bett verbringt, sollte es doch auch bequem sein, oder?“ Was redete sie denn da? Sie war plötzlich sehr nervös. Und das Thema Bett war sicherlich das Allerletzte, worüber sie mit ihrem Exmann reden wollte.

Als Jake nicht antwortete, sondern nur grinste, als wisse er genau, wie unangenehm ihr das sei, ging sie schnell in die Küche. Er folgte ihr, setzte sich an den Frühstückstisch und beobachtete sie, was sie noch mehr verwirrte. Wenn sie sich jetzt zu ihrem Exmann umdrehte, würde dieser ganz gelassen aussehen, denn wenn er sich mal entspannen konnte, war er die Ruhe selbst.

Ailsa unterdrückte einen Seufzer und beschloss, das Thema, das sie schon den ganzen Morgen beschäftigt hatte, direkt anzusprechen. „Ich glaube nicht, dass du heute zum Flughafen fahren kannst.“

„Ich auch nicht“, stimmte er ihr zu und runzelte die Stirn. „Hast du schon nachgesehen, ob die Telefonleitung wieder geht?“

„Ja. Die Leitung ist immer noch tot, tut mir leid.“

„Verdammt!“

Sein barscher Ton ließ sie zusammenzucken. War es ihm denn inzwischen so zuwider, etwas Zeit mit ihr zu verbringen? „Ich ärgere mich auch, dass ich nicht mit Saskia reden kann“, murmelte sie verletzt. Sie stellte eine Teetasse vor ihn auf den Tisch und drehte sich zum Herd, um sein Frühstück vorzubereiten.

„Frühstückst du denn nicht?“, fragte er.

„Manchmal esse ich eine Scheibe Toast.“

„Dann ist es kein Wunder, dass du so abgenommen hast.“

„Hast du sonst noch etwas an mir auszusetzen?“, fragte sie beleidigt. Der Gedanke, dass Jake sie zu dünn und unattraktiv fand, verunsicherte sie. Sie war zwar immer schon sehr schlank gewesen, aber vor dem Unfall hatte sie immerhin noch schöne weibliche Kurven gehabt. Jake hatte diese Kurven geliebt. Und als sie damals mit Saskia und dann mit ihrem Sohn schwanger gewesen war und entsprechend zugenommen hatte, fand er das noch schöner.

Gab es in seinem Leben jetzt eine andere Frau, deren Kurven er bewunderte?

Jake dachte lange über ihre Frage nach und antwortet schließlich: „Ja, du bist sogar noch schöner, als ich es in Erinnerung hatte.“

„Nein, bin ich nicht.“ Schützend schlang sie die Arme um ihre Taille. „Ich weiß genau, dass ich etwas zu dünn bin und müde aussehe. Ich bin achtundzwanzig, aber manchmal fühle ich mich wie hundert.“

„Das ist doch blödes Gerede.“

„Es stört mich eigentlich auch nicht.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Solange ich die Energie habe, zu arbeiten und mich um Saskia zu kümmern, kann ich damit leben.“

Jake war aufgestanden und stand vor ihr. Er hob ihr Kinn, sodass sie ihm direkt in die Augen sehen musste. Seine Augen waren so tiefblau, und sie hatte Angst, sich in ihnen zu verlieren. Er war so nah, dass er ihr laut schlagendes Herz einfach hören musste.

„Du bist vielleicht müde, aber du bist nicht zu dünn, und du siehst auch nicht alt aus. Im Gegenteil, auf mich wirkst du unglaublich jung. Vielleicht warst du noch zu jung, als wir geheiratet haben.“

Sanft strich er ihr das Haar aus der Stirn. Seine Hand fühlte sich gleichzeitig rau und doch samtweich an. Seine tiefe beruhigende Stimme erweckte in ihr beinahe den Eindruck, dass das, was zwischen ihnen kaputtgegangen war, wieder repariert werden könne.

Wie komme ich nur auf solche verrückten gefährlichen Gedanken? Das ist doch absurd!

Wie aus einer tiefen Trance erwachend löste sie sich von Jake und verschränkte die Arme vor sich, als wollte sie ihr Herz schützen. „Soll das heißen, du bereust unsere Ehe?“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Das behaupte ich doch gar nicht. Wieso gehst du immer gleich in die Defensive und nimmst das Schlimmste an?“

Mit unverwandtem Blick sah sie ihn an. „Weil es manchmal schwer ist, noch an das Gute zu glauben“, sagte sie ehrlich.

„Ich finde es traurig, dass du so fühlst. Wir hatten schöne Zeiten miteinander, weißt du das nicht mehr?“

„Schon, aber dann haben wir den Fehler gemacht, uns eine schöne Zukunft auszumalen. Und dieser Traum wurde jäh zerstört.“

Warum tat sie das? Immer dieser Frontalangriff? Jake hörte die Verzweiflung in ihrer Stimme, und er hatte das Gefühl, sein Herz würde erneut brechen. Er hatte schon einmal etwas so Unerträgliches aushalten müssen. Wie lange würde er noch darunter leiden?

Vor Schmerz und Trauer kniff er einen Moment lang die Augen zu. Als er sie wieder öffnete, stand Ailsa schon wieder am Herd. Er wäre am liebsten zu ihr hinübergegangen, hätte sie ganz fest in die Arme geschlossen und nie wieder losgelassen. Stattdessen sah er aus dem Fenster auf den Schnee, der immer noch vom trüben Himmel fiel. „Wird denn dieses gottverdammte Wetter heute nie besser?“

Er ließ seinem Ärger und seiner Niedergeschlagenheit freien Lauf, und Ailsa drehte sich zu ihm um. „Ich weiß, du kannst kaum erwarten, von hier wegzukommen und wieder in Kopenhagen zu sein, aber es wird nur noch schlimmer für dich, wenn du nicht akzeptierst, dass du hier eine Weile lang festsitzen wirst. Genau wie ich akzeptieren muss, dass Saskia erst in einer Woche zu mir zurückkommen wird.“

„Ja, rede mir ruhig ein schlechtes Gewissen ein. Ich fühle mich schon mies genug, weil ich ohne sie hierhergekommen bin. Meine Mutter und sie wollten noch einige Tage zusammen verbringen, und ich dachte, dass du es wenigstens dieses eine Mal verstehen würdest, aber stattdessen behandelst du mich, als hätte ich ein Verbrechen begangen.“

„Jake, ich …“

Plötzlich hämmerte jemand laut gegen die Haustür und ließ sie beide zusammenzucken.

„Wer, zum Teufel, ist das?“

Es gibt nur einen Menschen, der bei diesem schrecklichen Wetter herkommen würde, dachte Ailsa. Und sie wusste, dass sein Auftauchen bei der Glättung der Wogen zwischen ihr und Jake sicher nicht gerade hilfreich sein würde. Sie wischte die Hände an ihrer Schürze ab und rannte in den Flur.

Vor der Tür, und von oben bis unten eingeschneit, stand der gut aussehende, dunkelhaarige Sohn des Bauern, der in der Nähe seinen Hof hatte. „Guten Morgen, Ailsa.“

„Hallo, Linus. Was machen Sie denn hier?“

„Ich habe Ihnen zur Überbrückung, bis Sie wieder zum Supermarkt fahren können, ein paar Eier, Milch und Brot mitgebracht. Ist bei Ihnen alles in Ordnung? Ich habe mir schon Sorgen um Sie und Saskia gemacht.“

„Mir geht es gut, danke, und Saskia ist noch bei ihrer Großmutter in Kopenhagen. Vielen Dank, dass Sie nach uns sehen.“

„Dafür sind Nachbarn doch da.“ Ein freundliches Grinsen breitete sich über seine Lippen aus. „Ich hole die Vorräte nur schnell vom Traktor her.“

Sie stand frierend da und wartete, bis er zurückkehrte.

„Soll ich die Sachen in die Küche bringen?“, fragte Linus, als er mit einem mittelgroßen Karton zurückkehrte.

„Ja, bitte.“ Ailsa zwang sich zu einem Lächeln, obwohl sie bei dem Gedanken, dass Linus jetzt ihrem Exmann begegnen würde, eine düstere Vorahnung hatte.

Sie war mit dem Sohn des Bauern nur befreundet – und ihr war noch nie der Gedanke gekommen, dass das mehr werden könnte –, aber irgendwie wusste sie, dass Jake, obwohl sie schon lange getrennt lebten, sich sofort etwas zusammenreimen würde. Er war schon immer eifersüchtig gewesen.

Aber im Gegensatz zu ihm hatte sie noch nie daran gedacht, wieder eine neue Beziehung einzugehen. Warum also sollte sie einen liebenswürdigen Nachbarn, der an sie gedacht hatte, nicht hereinbitten? Das wäre sehr unhöflich gewesen. Sie wollte Linus wenigstens eine Tasse Tee anbieten, bevor er sich wieder auf den Heimweg machte.

„Jake, das ist mein Nachbar Linus. Er war so nett und hat ein paar Vorräte von seinem Bauernhof rübergebracht. Linus, das ist Jake Larsen, Saskias Vater. Er ist hergekommen, um mir zu sagen, dass Saskia noch länger bei ihrer Großmutter bleiben wird, und jetzt sitzt er hier fest.“

„Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“ Linus hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen, und stellte den Karton mit den Vorräten auf den Tisch. Er blickte kurz zu Ailsa und streckte dem anderen Mann dann höflich die Hand entgegen. „Saskia erzählt viel von Ihnen.“

„Ach ja?“

Jake schüttelte etwas zögerlich die Hand des anderen Mannes. Einen Moment lang hörte Ailsa nur das Klopfen ihres Herzens im gleichmäßigen Takt mit dem schwerfälligen Ticken der alten Uhr auf dem Kaminsims. Sie zwang sich zu einem Lächeln und versuchte, den abweisenden Blick ihres Exmannes zu ignorieren.

Ihr Besucher lächelte unbeholfen.

„Setzen Sie sich doch, Linus, ich mache Ihnen eine Tasse Tee.“

Verwirrt über Jakes frostige Begrüßung zuckte er die Achseln. „Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich muss gleich wieder gehen. Ich habe auf dem Hof noch viel zu tun, ehe es dunkel wird. Aber danke. Vielleicht komme ich in ein oder zwei Tagen nochmals vorbei.“

„Sind Sie sicher, dass Sie nicht noch etwas Warmes trinken möchten? Es ist eiskalt da draußen?“

„Schon gut, ich bin es gewohnt, bei jedem Wetter draußen zu sein.“

„Wie Sie meinen. Vielen Dank für die Vorräte. Ich stehe in Ihrer Schuld“, sagte Ailsa und blickte kurz zu Jake.

„Ach was. Das habe ich doch gern gemacht. Endlich hatte ich mal eine Ausrede, um Sie besuchen zu können. Meistens habe ich so viel zu tun, dass mir leider gar keine Zeit für solche Dinge bleibt.“ Linus’ Unsicherheit war wie weggeblasen, und er strahlte übers ganze Gesicht.

Ailsa war überrascht, aber insgeheim freute sie sich über die freundlichen Worte.

Er warf einen kurzen Blick zu ihrem Exmann. „Ich habe mich gefreut, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits“, murmelte Jake ausdruckslos, und Ailsa war froh, dass Linus nicht länger bleiben wollte, denn sie spürte, dass Jake etwas dagegen haben würde.

„Ich wünsche Ihnen eine gute Heimfahrt und ein schönes Weihnachtsfest, falls wir uns nicht mehr sehen sollten.“

Dieses Mal antwortete Jake überhaupt nicht.

Linus lächelte Ailsa zaghaft zu.

Ailsa begleitete ihn bis zur Tür, und als sie allein in die Küche zurückkam, ballte sie wütend die Fäuste. Jake schien überhaupt kein schlechtes Gewissen zu haben, dass er sich dem anderen Mann gegenüber so kühl verhalten hatte. Sie kochte innerlich vor Wut. „Musstest du so unfreundlich sein? Linus ist ein netter Kerl, der sich um mich und Saskia Sorgen gemacht und uns etwas zu essen gebracht hat.“

„Du brauchst jetzt also anscheinend einen anderen Mann, der sich um dich und meine Tochter kümmert?“

Ailsa war völlig fassungslos. „Er ist kein ‚anderer Mann‘, so wie du das andeutest. Außerdem brauche ich keinen anderen Mann! Ich kann mich gut selbst um alles kümmern. Linus ist ein Freund und Nachbar.“

Jake rieb sich die Stirn. Als er sie wieder ansah, lag ein gefährliches Funkeln in seinem Blick. „Du willst mir doch nicht etwa weismachen, dass du nicht merkst, dass er dir viel mehr sein will als nur ein Freund und Nachbar?“

„Was meinst du damit?“

„Vielleicht haben Freundschaft und Nachbarschaft ja heutzutage eine andere Bedeutung.“

„Wir haben uns ab und zu mal bei einer Tasse Tee unterhalten, das ist alles. Da war noch nie etwas zwischen uns. Und selbst wenn da mal etwas gewesen wäre, geht dich das überhaupt nichts an. Nicht mehr. Hast du vergessen, dass wir geschieden sind?“

„Nein“, sagte er mit gequältem Gesichtsausdruck. „Das habe ich nicht.“

Ailsas Ärger war plötzlich verflogen. Auf einmal überkam sie tiefes Mitgefühl. Sie waren beide bei dem Unfall schwer verletzt worden, und ihre Ehe war nach dem Tod ihres ungeborenen Sohnes auf tragische Weise zu Ende gegangen. Zudem war Jakes Vater vor Kurzem gestorben. Das musste ihm alles sehr wehtun.

Wollte er mit seinem Ärger darüber, dass es vielleicht einen neuen Mann in ihrem Leben geben könnte, seinen Schmerz verbergen? Sie mussten unbedingt miteinander reden und einen Weg finden, den gemeinsam erlittenen Schmerz von damals zu überwinden.

Ailsa stand auf und ging zum Herd. „Jetzt mache ich endlich dein Frühstück. Möchtest du noch eine Tasse Tee?“

„Nein, danke“, murmelte er.

„Dein Tee ist doch sicher kalt jetzt. Ich koche dir gern einen frischen.“

„Warum bist du jetzt so nett zu mir, nachdem ich deinen Bekannten so unfreundlich behandelt habe?“ Jake blickte sie unnachgiebig an.

„Würde es uns etwas bringen, wenn ich weniger nett wäre?“

Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. „Vermutlich nicht.“

Ailsa holte eine Packung Eier aus dem Karton, den Linus mitgebracht hatte. „Die Eier vom Bauernhof sind sehr lecker. Solche kriegt man im Supermarkt nicht.“

„Schön für dich, dass du sie von Linus bekommst.“

Die Bemerkung war sarkastisch. „Er ist nur ein Freund, das kannst du mir glauben. Ich würde dich nicht anlügen. Saskias Glück ist mir wichtiger, und solange sie noch so jung ist, bin ich nicht an einer Beziehung interessiert.“ Mit gerunzelter Stirn blickte sie ihm direkt in die Augen. „Und was ist mit dir? Gibt es bei dir irgendwelche wichtigen Beziehungen im Leben, über die ich Bescheid wissen sollte?“ Noch während sie die Frage stellte, zog sich ihr Magen krampfhaft zusammen. Was, wenn er Ja sagen würde?

Sie war erleichtert, als er den Kopf schüttelte. „Genau wie du möchte ich mit einer ernsthaften Beziehung warten, bis Saskia etwas älter ist. Aber ich lebe deshalb nicht wie ein Mönch. Ich bin auch nur ein Mensch mit gewissen Grundbedürfnissen.“

Ailsa hatte Mühe, die Welle von Schmerz, die über sie hinwegspülte, zu verbergen. Der Gedanke, dass Jake mit einer anderen Frau, vielleicht sogar mehr als einer Frau … Sie hatte in den vier Jahren seit ihrer Scheidung zwar schon öfter darüber nachgedacht, es aber immer wieder verdrängt. Sie kannte seine intimsten Bedürfnisse. Er war ein unglaublich guter Liebhaber, und der Sex mit ihm war immer sehr erfüllend gewesen.

„Und was ist mit meinen Bedürfnissen?“, fragte sie, bemüht, ihre Stimme fest klingen zu lassen. „Oder denkst du, ich hätte seit dem Unfall keine solchen Bedürfnisse mehr, jetzt wo ich keine Kinder mehr gebären kann? Bin ich deshalb weniger fraulich?“

„Sag so etwas nicht!“ Seine Augen funkelten vor Schreck und Empörung, und Ailsa wich überrascht zurück. „So etwas darfst du nicht mal denken. Du bist fraulicher als jede andere Frau, die ich kenne. Und obwohl wir nicht mehr zusammen sind, wird das für mich immer so bleiben.“ Verärgert schob er seinen Stuhl zurück und stand auf. Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und hob ihr Kinn an, sodass sie ihm direkt in die Augen blicken musste. „Saskia sagt oft, dass sie die schönste Mum auf der Welt hat, und sie hat absolut recht.“

„Natürlich sagt sie das. Schließlich bin ich ihre Mutter.“

„Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?“ Seine Hände zitterten leicht. „Ich habe gesagt, sie hat recht.“

Ailsa wollte, dass er mehr sagte, nur um den warmen Hauch seiner Stimme nochmals an ihrer Wange zu spüren. Eine Stimme, die gleichzeitig beruhigend und verführerisch für sie war. Ihr wurde ganz heiß bei dem Gedanken, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn er sie mit seinen fordernden Lippen küsste.

Doch sie wusste, dass sie diesem Wunsch jetzt nicht nachgeben durfte. Nicht, nachdem sie so sehr daran gearbeitet hatte, den Schmerz zu überwinden, an dem sie fast zerbrochen wäre. Zuerst hatte sie ihr Baby und dann Jake verloren.

Vielleicht war es in einem Moment der tiefsten Verzweiflung gewesen, als er die Scheidung eingereicht hatte, weil er endlich aus diesem Tal der Niedergeschlagenheit herauskommen wollte, in das sie beide gefallen waren.

Und Ailsa hatte damals gleich eingewilligt. Die Situation für sie beide war unerträglich geworden, und sie brauchten Platz zum Atmen. Es hatte ihr zwar das Herz gebrochen, aber sie hatte sich eingeredet, dass Jake wieder das Recht haben sollte, einen Menschen zu lieben und mit einer anderen Frau einen Sohn zu zeugen. Warum hatte er das nicht getan?

Sie kämpfte gegen die aufkommenden Tränen an und drehte sich von ihm weg. „Möchtest du ein Ei oder zwei zu deinem Speck?“ Ailsa blickte ihn nochmals kurz an.

„Danke, ich habe keinen Appetit mehr.“ Die Kälte, die jetzt in seinem Blick lag, durchbohrte sie wie ein Messer.

„Jake, ich stoße dich nicht fort. Ich …“ Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und versuchte, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. „Ich will nur nicht wieder verletzt werden, und ich will auch dich nicht verletzen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als im Moment zusammen zu sein. Lass uns einfach das Beste daraus machen, ja? Wir können gern über alles reden. Vielleicht gelingt es uns ja, einige unserer Probleme zu lösen, damit wir mit uns ins Reine kommen. Was hältst du davon?“

„Hast du eine Schaufel?“

„Was?“ Ailsa hatte keine Ahnung, worauf er hinauswollte.

Jake ging zum Fenster und blickte hinaus. „Ich werde den Weg freischaufeln. Vielleicht kriege ich ja dann Hunger.“

Der Ton in seiner Stimme hatte etwas Beschwingtes an sich. Ailsa blickte ihn hoffnungsfroh an. Würde es ihnen doch gelingen, offen miteinander zu reden, ohne sich gegenseitig die Schuld an allem in die Schuhe zu schieben? „Lohnt sich das denn überhaupt? Wenn es weiterhin so schneit, wirst du noch öfter rausmüssen.“

„Das mache ich gern. Wo ist die Schaufel?“

„Im Werkzeugschuppen im Garten.“

„Und ich hätte gern zwei Eier zu meinem Speck“, erwiderte er ironisch und ging hinaus.

4. KAPITEL

Jake war froh, dass er sich etwas bewegen konnte. Der eisige Wind, der ihm ins Gesicht blies, schien auch die Gedanken an Ailsa fortzublasen. Dem Nachbarn Linus zu begegnen und dessen hoffnungsvollen Blick zu verfolgen, mit dem er seine Exfrau angesehen hatte, hatte Jake erschreckt. Nicht, dass Linus an Ailsa interessiert war – denn welcher Mann wäre das nicht? –, sondern dass seine hübsche Exfrau keine Ahnung davon hatte, dass Linus sie begehrte. Sie konnte manchmal so naiv sein.

Komisch, dass Saskia Linus noch nie erwähnt hatte. Jake hatte sie ja sogar gefragt, ob ihre Mutter irgendwelche neuen Freunde habe. Anscheinend war er für Saskia nicht erwähnenswert. Trotzdem. Der Mann hatte kein Recht, einfach so vorbeizukommen und Ailsa Geschenke zu machen – auch wenn es nur praktische Dinge waren.

Mit grimmiger Miene blickte er hinüber zum Haus.

Ich hätte damals bei dem Unfall das beschützen müssen, was mir am meisten bedeutete – auch wenn es mich das Leben gekostet hätte.

Eine tiefe Verzweiflung schien seine Seele schmerzhaft zu durchbohren. Warum hatte Ailsa ihm erzählt, dass sie zum Grab ging? Um ihn daran zu erinnern, dass sein ungeborener Sohn nicht überlebt hatte? Sie hatte ihrer Trauer immer freien Lauf lassen können, sie hatte weinen und fluchen können, wenn sie das Bedürfnis danach gehabt hatte.

Im Gegensatz zu ihr hatte Jake im Stillen trauern und „wie ein Mann“ mit seinem Schmerz fertigwerden müssen. Jakes Vater war ein gewiefter Geschäftsmann, ein verantwortungsvoller Versorger und ein treuer Ehemann gewesen. Aber er hatte nie Gefühle und Wärme gezeigt, und Jake hatte keine Nähe zu ihm aufbauen können. Jake hatte auch nie das Gefühl gehabt, dass sein Vater ihn liebte.

Unbewusst hatte Jake dieses Verhalten übernommen und verfluchte das manchmal. Seine Gefühle behielt er immer für sich. Er würde anderen Menschen nie zeigen, wenn ihn etwas verletzte, sondern immer so tun, als sei alles in bester Ordnung.

Ailsa und er hatten unendlich viel verloren. Glaubte sie denn wirklich, dass sie beide über diese Tragödie hinwegkommen würden, indem sie lediglich darüber redeten? Jake war so sehr daran gewöhnt, alles in sich hineinzufressen, dass es vermutlich zu spät war, das zu ändern.

Auf einmal spürte er einen salzigen Geschmack auf der Zunge. Er hatte nicht gemerkt, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. Wütend wischte er sie weg und begann, den Weg freizuschaufeln.

„Möchtest du noch Speck?“

„Soll das ein Witz sein? Ich platze gleich. Warum setzt du dich nicht kurz zu mir?“

Jakes Angebot klang verlockend. Ailsa fühlte sich hin und her gerissen. „Aber nur ganz kurz.“ Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.

Autor

Shirley Jump
Shirley Jump wuchs in einer idyllischen Kleinstadt in Massachusetts auf, wo ihr besonders das starke Gemeinschaftsgefühl imponierte, das sie in fast jeden ihrer Romane einfließen lässt. Lange Zeit arbeitete sie als Journalistin und TV-Moderatorin, doch um mehr Zeit bei ihren Kindern verbringen zu können, beschloss sie, Liebesgeschichten zu schreiben. Schon...
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